Czytaj książkę: «Der Verleger»

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NANNI BALESTRINI

Nanni Balestrini (1935–2019) war zusammen mit Umberto Eco, Edoardo Sanguineti u.a. einer der bedeutendsten Vertreter der italienischen Neoavanguardia und Mitbegründer der »Gruppo 63«. Er betätigte sich als Schriftsteller wie bildender Künstler, als Zeitschriftengründer wie Verlagslektor. Politisch in der undogmatischen Linken beheimatet, stellt sein Schaffen von Beginn an den Versuch dar, den Impuls einer tiefgreifenden Veränderung der Gesellschaft mit experimenteller Praxis und Radikalität der ästhetischen Form zu verbinden.

Sein Werk reflektiert wie kaum ein anderes die jüngere Sozialgeschichte Italiens. Sein Roman »Wir wollen alles« wurde zum Parolengeber einer anderen Arbeiterbewegung. Bei Assoziation A erschienen von ihm die Romantrilogie »Die große Revolte«, die Camorra-Geschichte »Sandokan« sowie die Anthologie »Landschaften des Wortes«.

Nanni Balestrini

Der Verleger

Roman

Aus dem Italienischen

von Christel Fröhlich und Andreas Löhrer


Titel der italienischen Originalausgabe: L’editore

© Nanni Balestrini

This edition published in agreement with MalaTesta Literary Agency, Milan

Die von Nanni Balestrini zitierten Passagen aus dem Roman

»Unter dem Vulkan« von Malcolm Lowry wurden der von

Susanne Rademacher übersetzten und von Karin Graf durchgesehenen

deutschen Ausgabe entnommen, die 1989 im Rowohlt Verlag erschienen ist.

© der deutschsprachigen Ausgabe: Berlin/Hamburg 1992, Neuausgabe 2020 Assoziation A,Gneisenaustraße 2a, 10961 Berlin

www.assoziation-a.de, hamburg@assoziation-a.de, berlin@assoziation-a.de

Gestaltung: Andreas Homann

eISBN 978-3-86241-635-6

Dich, höre ich da

Haben sie verjagt mit

Gutem Grund

Bertolt Brecht

Inhalt

Vorwort

Erste Szene

Zweite Szene

Dritte Szene

Vierte Szene

Fünfte Szene

Sechste Szene

Siebte Szene

Achte Szene

Neunte Szene

Zehnte Szene

Elfte Szene

Zwölfte Szene

Anmerkungen

Theo Bruns
Verleger der Revolte
Ein Vorwort

»Die Methoden seiner Prosa sind so experimentell wie die sozialen Bewegungen, von denen sie handelt«, schrieb Peter O. Chotjewitz über das Schaffen des italienischen Schriftstellers Nanni Balestrini. Dies gilt auch und in besonderem Maße für den Roman »Der Verleger«, sein in Form und Inhalt vielleicht radikalstes und virtuosestes Werk.

Auch wenn der Name in dem Roman nicht ein einziges Mal genannt wird, so ist doch klar, um wen es sich bei dem Verleger handelt. Es geht um Giangiacomo Feltrinelli, die vielleicht einflussreichste und schillerndste Verlegerpersönlichkeit der europäischen Nachkriegsgeschichte. Am 19. Juni 1926 in Mailand geboren, nahm er als junger Mann am Befreiungskampf gegen die deutsche Besatzung und das Mussolini-Regime in den Reihen der US Army teil. In diesem Kontext machte er die Bekanntschaft von Partisanen, deren Tradition für ihn zeitlebens die zentrale Achse seines politischen Denkens und Handelns bilden sollte. Im März 1945 trat er der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) bei, die er nach dem sowjetischen Einmarsch in Ungarn 1956 wieder verließ.

Nach dem Krieg gründete Feltrinelli eine Bibliothek sowie ein weltweit beachtetes Institut zum Studium der internationalen Arbeiterbewegung und des Sozialismus. 1954 eröffnete er den Feltrinelli-Verlag in Mailand, dem später eine Kette von Buchläden, die sich in Zentren der Bewegung verwandelten, angegliedert wurde. Binnen kurzem hatte der Verlag riesigen Erfolg. »Doktor Schiwago« von Boris Pasternak und »Der Leopard« von Giuseppe di Lampedusa wurden zu Weltbestsellern. Das weltoffene Projekt war international ausgerichtet, ein Leuchtturm freien Denkens, um den sich zahlreiche junge Schriftsteller und Intellektuelle scharten. Balestrini, der seit 1962 im Verlag arbeitete, erinnert sich rückblickend an die »prickelnde Atmosphäre von intellektueller Vitalität, von Freundschaft und Komplizenschaft«. Auch Inge Feltrinelli, eine deutsche Fotografin und dritte Ehefrau des Verlegers, hebt den Enthusiasmus, das Himmelstürmende der Anfangsjahre hervor. »Jeder von uns glaubte, der Verlag sei das Zentrum der Welt.«

Die kubanische Revolution war für Feltrinelli ein elektrisierendes Ereignis, das in seinem Denken mit der Erfahrung der Resistenza verschmolz. Mehrfach reiste er nach Kuba, wo er Fidel Castro und Che Guevara traf. Als der französische Philosoph und Revolutionstheoretiker Régis Debray in Bolivien als angeblicher Mitkämpfer Ches verhaftet wurde, reiste Feltrinelli nach La Paz, um sich für seine Freilassung einzusetzen. Er hatte zuvor dessen Buch »Revolution in der Revolution«, die klassische Formulierung der Fokustheorie, die die kubanische Erfahrung auf den Begriff brachte, in italienischer Übersetzung herausgebracht. In der Folge wurde Feltrinelli selbst verhaftet, zwei Tage lang verhört und schließlich des Landes verwiesen. Nach dem Tod Guevaras übersetzte und publizierte er dessen »Bolivianisches Tagebuch«, das sofort in zehntausendfacher Auflage Verbreitung fand. Auf dem Buchcover war das ikonische Foto abgebildet, das der kubanische Fotograf Alberto Korda von dem Guerillero gemacht hatte.

Feltrinelli, der gut Deutsch sprach, war der Studentenbewegung in der BRD eng verbunden und mit Rudi Dutschke befreundet. Er eröffnete den Internationalen Vietnamkongress im Februar 1968 in Berlin und ging wie Dutschke der strategischen Frage nach, ob und wie eine Übertragung der Guerillamethoden aus der Dritten Welt in die Metropolen möglich sei. Nach dem Attentat auf Dutschke lud ihn Feltrinelli nach Mailand ein, um ihm einen geschützten Raum für seine Rekonvaleszenz zu gewähren.

In Italien kam es im Heißen Herbst 1969 zu einem Ausbruch von Arbeiterkämpfen neuen Typs, zu spontanen, von räteähnlichen Komitees organisierten Massenstreiks, die sich der Kontrolle der Kommunistischen Partei und der Gewerkschaften entzogen. Gleichzeitig wurde das Land von einer Serie von Attentaten der extremen Rechten erschüttert, die ihren blutigen Höhepunkt in dem Bombenanschlag in der Nationalen Landwirtschaftsbank an der Piazza Fontana in Mailand am 12. Dezember 1969 fand. Obwohl – wie sich herausstellen sollte – Anhänger der faschistischen Organisation Ordine Nuovo für den Anschlag verantwortlich waren, wurde die Tat zunächst der Linken angelastet und die Anarchisten Pietro Valpreda und Giuseppe Pinelli wurden beschuldigt. Feltrinelli, der schon lange einen Staatsstreich von rechts befürchtet hatte und im Attentat der Piazza Fontana eine Parallele zum Reichstagsbrand sah, reagierte, indem er in die Illegalität ging. Anfang 1970 verkündete er in einem Brief an die Presse »das Ende der demokratischen Illusionen« und gründete eine klandestine Organisation, die GAP (Gruppo d’Azione Partigiana), die in seinen Augen den Befreiungskrieg der Resistenza zu Ende führen sollte. Nach verschiedenen kleineren Aktionen ereignete sich am 14. März 1972 der tragische Vorfall von Segrate. Bei einer Sabotageaktion gegen einen Hochspannungsmast in der Nähe von Mailand kam es vermutlich zu einer vorzeitigen Explosion der Sprengladung. Unter dem Mast wurde die Leiche eines Mannes gefunden. Schnell stellte sich heraus, dass es sich bei dem Toten um den berühmten Verleger handelte.

Sofort nach seinem Tod verbreiteten sich Gerüchte, dass Feltrinelli Opfer eines Geheimdienstkomplotts und ermordet worden sei, während die militante Linke darauf bestand, dass er kein Opfer, sondern ein Revolutionär sei, der kämpfend gefallen sei. Der Roman gibt in seiner Vielstimmigkeit der komplexen und kontroversen Figur des Verlegers ihre Würde zurück, indem er ihn in seinen Motiven und Handlungen ernst nimmt und sich gegen eine Entstellung wendet, die darauf abzielt, eine unbequeme Person unkenntlich zu machen. Der Verleger erscheint so als die Summe der Widersprüche seiner Zeit und als »ein leidenschaftlicher, aufrechter, zerrissener Zeuge, offen gegenüber der Welt, die sich verändert«.

Dennoch ist das Buch kein biografischer Roman. Der komplexe Text stellt vielmehr das Porträt einer Epoche dar, eingefangen im Moment des Todes des Verlegers, der einen unwiederbringlichen Bruch, einen Einschnitt in der Geschichte der radikalen italienischen Linken bedeutete. Danach war nichts mehr wie zuvor. Der Tod des Verlegers stellte alles in Frage und forderte Entscheidungen heraus. Er markierte den Übergang von einer Phase des Kampfes zu einer anderen, in deren Verlauf sich die Auseinandersetzungen zugleich radikalisierten und dezentralisierten. Der neue Zyklus beinhaltete das Ende der alten, an die Kommunistische Partei und die Gewerkschaften gebundenen Arbeiterbewegung und beruhte auf dem Aufbruch einer neuen rebellischen Generation, die sich frontal gegen das Regime der Arbeit selbst kehrte und die Kämpfe auf das gesamte gesellschaftliche Terrain ausweitete. Die Revolution wurde alltägliche Praxis, verband sich mit einer neuen Art zu denken und zu lieben. Getragen von einer stürmischen Jugend, die in ihren unmittelbaren Lebensverhältnissen, in ihren Verkehrsformen und Geschlechterverhältnissen so etwas wie eine anthropologische, nicht mehr rückgängig zu machende Veränderung durchmachte, die so tief reichte, dass für sie eine Rückkehr in die etablierten Verhältnisse unmöglich war. Diese existenzielle kulturelle Revolution wird einen kurzen, aber nachhaltigen Kampfzyklus prägen, der mit der Entführung Aldo Moros durch die Roten Brigaden, in denen das alte, monolithische Revolutionsmodell fortlebte, der fortschreitenden Militarisierung und der staatlichen Repression sein Ende finden wird.

Der Roman ist kunstvoll konstruiert und in zwölf Szenen gegliedert. Die ungeraden Kapitel geben im Zeitraum zwischen dem Auffinden der Leiche und der Beerdigung des Verlegers den Obduktionsbericht der Leiche, den jeweiligen Stand der polizeilichen Ermittlungen, die Reaktionen der Presse, Erklärungen der Politiker, Nachrichten über das Geschehen in aller Welt wieder. In den geraden Kapiteln treffen sich vier ehemalige Weggefährten des Verlegers, die 17 Jahre nach seinem Tod versuchen, einen Film über sein Leben zu drehen und die Schlüsselbedeutung, die dieses Ereignis für sie selbst und die Entwicklung der italienischen Linken beinhaltete, zu ergründen. Eingestreut sind Szenen aus dem Roman »Unter dem Vulkan« von Malcolm Lowry, der die Geschichte einer verzweifelten Liebe und des tragischen Todes eines britischen Konsuls in Mexiko erzählt, der dem Alkohol verfallen ist. Lowrys Roman spielt zur Zeit des Spanischen Bürgerkriegs, kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, eine Allegorie der nahenden Katastrophe. Das Filmprojekt über den Tod des Verlegers in Balestrinis Roman wird schließlich scheitern, doch aus den Erinnerungsfragmenten und zahllosen Zitaten entsteht eine Collage, die ein faszinierendes Bild jener Zeit ergibt. In dieser kunstvoll zusammengefügten Polyphonie offenbart sich die Meisterschaft Balestrinis, der sich jeder Wertung enthält und den Lesenden die Freiheit lässt und die Anstrengung zumutet, sich ihr eigenes Bild zu machen.

Auch wenn er selbst in dem Roman – wie in seinem gesamten Werk – unsichtbar bleibt, Nanni Balestrini weiß genau, wovon er redet. Er war neben Toni Negri, Oreste Scalzone und Franco Piperno Gründungsmitglied von Potere Operaio (Arbeitermacht), einer außerparlamentarischen Gruppierung, die aus den Erfahrungen der neuen, unabhängigen Arbeiterkämpfe des Heißen Herbstes 1969 entstand. Später galt seine tiefe Sympathie der Bewegung der Autonomia, die in alle gesellschaftlichen Bereiche diffundierte und die Lebensverhältnisse revolutionierte. Im Kontext des großen staatlichen Schlages gegen die autonome Bewegung am 7. April 1979, in dessen Folge Hunderte von Militanten verhaftet wurden, floh Balestrini auf Skiern über die Alpen nach Frankreich, nachdem er morgens in der Zeitung gelesen hatte, dass nach ihm gefahndet wurde. In der Folge lebte er mehrere Jahre im französischen Exil, bis der Haftbefehl gegen ihn 1984 aufgehoben wird. Im Mai 2019 ist Nanni Balestrini mit 83 Jahren in Rom gestorben. Er ist und bleibt der große, unübertroffene Romancier der italienischen Revolte.

Die Neuausgabe dieses Romans, dessen deutschsprachige Übersetzung wir erstmals 1992, dann 2008 erneut im Rahmen der Trilogie »Die große Revolte« veröffentlichten, ist eine Hommage an unseren Autor und Compagno Nanni. Und zugleich die Erinnerung an einen Verleger, der seine Existenz in die Waagschale warf, im Versuch, die Welt zu verändern und die Ideen umzusetzen, an die er glaubte.

Der Verleger

Erste Szene

vierzehn Uhr dreißig der Leichnam ruht auf einem Tisch aus weißen Majolikakacheln durchzogen von langen Rillen in denen das Blut abfließen kann der Körper ist nackt die Haut ist außergewöhnlich blass elfenbeinfarben gegen den gräulichen Hintergrund ist dies der erste äußere Hinweis darauf dass der Tod durch Verbluten eingetreten ist der Professor gibt ein Zeichen der Assistent der Abteilung also der Mann der tatsächlich schneidet setzt das Seziermesser an mit einer kreisförmigen Bewegung rund um den Nacken wird der Tote skalpiert und die Kopfhaut über das Gesicht gezogen dies ist der erste Akt der Obduktion die Stille wird durch das Kreischen der Kreissäge mit der die Schädeldecke geöffnet wird durchbrochen wenn er die Schädelplatte jetzt abnimmt liegt das Gehirn offen da

aber dort unten war nichts keine Gipfel kein Leben kein Aufstieg und dieser Gipfel war auch eigentlich kein Gipfel er hatte keine Substanz keine feste Grundlage was er auch sein mochte er zerbröckelte er brach zusammen während er selbst fiel in den Vulkan fiel er musste ihn also doch erklommen haben obwohl jetzt das Geräusch sich heranwälzender Lava in seinen Ohren war entsetzlich das war ein Ausbruch doch nein das war nicht der Vulkan die Welt selbst zerbarst zerbarst in schwarze Lavaspritzer von Dörfern die in den Weltraum geschleudert wurden während er selbst durch alles hindurchfiel durch die unbegreifliche Hölle von einer Million Panzern durch das Flammenmeer von zehn Millionen brennenden Leibern in einen Wald fiel und fiel

als um vierzehn Uhr dreißig das Messer in Aktion tritt sind die Voruntersuchungen der Autopsie in dem mittelgroßen Saal mit zwei Seziertischen schon seit zwei Stunden in Gang die Leiche war um zwölf Uhr dreißig gebracht worden das Leichentuch wurde entfernt und zahlreiche Aufnahmen wurden gemacht aus der Totalen und Großaufnahmen von jedem Detail dann wurde der Tote langsam entkleidet jedes Kleidungsstück wurde beschrieben und katalogisiert Hemd Weste Jacke mit Fischgrätenmuster grünliche Hosen darüber eine zweite grüne Militärjacke

darunter Unterhemd und Unterhose schweizerische Schuhe mit Gummisohlen der linke Schuh befindet sich noch am Fuß der rechte Schuh wurde ungefähr fünfzehn Meter vom Körper entfernt gefunden der rechte Fuß noch ungefähr zwanzig Meter weiter weg der knapp oberhalb des Knöchels abgerissene Fuß liegt jetzt auf dem Tisch der Stumpf des rechten Beins endet Mitte des Oberschenkels der andere Teil fehlt er wurde von der Explosion zerfetzt und in alle Winde verstreut der unbekleidete Körper wird nochmals fotografiert der Bart ist schon älter über Monate gewachsen sieht aus wie Pfeffer und Salz die weißen Sengspuren am Bart sind so stellt man fest auf die Hitze der Explosion zurückzuführen

der Richter hat die Fragen bereits formuliert die die Gerichtsmediziner beantworten sollen der Anwalt der Familie wiederholt seine Forderung Zeitpunkt und Ursache des Todes festzustellen und zu klären ob die durch die Explosion gerissenen klaffenden Wunden einem Lebenden zugefügt wurden oder nicht ob es ältere Spuren vorausgegangener äußerer Einwirkungen gibt die den Tod oder zumindest eine schwere Verletzung zur Folge gehabt haben könnten oder ob sich vielleicht Spuren finden lassen die darauf hindeuten dass die Person mit Drogen oder ähnlichen Substanzen behandelt wurde der Richter hat allen Anträgen des Anwalts stattgegeben

im Verlauf der Autopsie wird der Anwalt von Zeit zu Zeit selbst intervenieren oder die Gutachter werden es für ihn tun und fordern dass dieses oder jenes kontrolliert werden muss ein bestimmter Schnitt zu setzen oder irgendein Organ zu entfernen und zu den Beweisstücken zu nehmen sei die Vertreter der Familie wenden sich dabei nie direkt an den Sezierenden sondern an den Professor der dann der Aufforderung folgt und sie dem Ausführenden gegenüber wiederholt obwohl die Angelegenheit tragisch ist und die Umstände makaber sind ist die Atmosphäre geprägt von Würde und ausgesuchter Höflichkeit wäre da nicht der Untersuchungsgegenstand gewesen so der Kommentar eines Gutachters nach der Autopsie hätte es die Sitzung wegen der Korrektheit und des von allen Beteiligten gezeigten Respekts verdient im Fernsehen übertragen zu werden so vorbildlich war sie

dem ersten Schnitt ging die äußere Erkundung des Körpers voraus eine langwierige Untersuchung des zerfetzten Rumpfes Arterie und Vene des Oberschenkels sind schlaff und ohne Blut das Gewebe wird auseinandergezogen Gefäße und Adern werden auf mögliche Partikel untersucht die bei einer Bombenexplosion metallisch sein müssten es fanden sich aber keine solchen Spuren übereinstimmend mit der Tatsache dass es sich worauf übrigens schon die bisherigen Ermittlungen hindeuteten um die Explosion einer Dynamitstange gehandelt hatte deren Hülle nur aus Papier und Kunststoff bestand

entlang der rechten Körperhälfte finden sich bis hinauf zum Gesicht unterschiedlich starke Verletzungen die linke Körperhälfte ist bis auf die unteren Gliedmaßen die Anzeichen einer Verbrennung zeigen unversehrt eigenartigerweise sind Bauch und Unterleib wie auch die Hände einschließlich der Daumen völlig unverletzt für spätere Analysen werden der oberen Hautschicht Gewebeproben entnommen schon jetzt kann wegen der bleichen Haut und des Zustands der Oberschenkelarterie mit Sicherheit gesagt werden dass der Tod durch Verbluten eingetreten ist

die folgende Untersuchung mit der Begutachtung des verbliebenen Blutes und des anämischen Zustands aller inneren Organe die ebenfalls recht blass sind wird mit größerer Präzision die Menge des verlorenen Blutes ergeben sicher einige der fünf Liter die normalerweise im menschlichen Körper zirkulieren die Blutung muss einige Minuten angedauert haben vielleicht zehn aber es ist schwierig in dieser Materie Sicherheit zu erlangen es können mehr oder weniger gewesen sein abhängig davon ob das Herz noch schlug oder schon stillstand

der Tod durch Verbluten unter Mitwirkung der Dynamitexplosion schließt ein erstes Element des Zweifels aus es ist ausgeschlossen dass der Tod bereits Stunden oder gar Tage vor der Explosion eingetreten sein kann damit entbehren um uns recht zu verstehen so fantastische Versionen wie dass der Verleger in Österreich getötet und als Leiche nach Italien geschafft wurde jeder Grundlage die Fragen bezüglich der Blutergüsse und der blutunterlaufenen Stellen am Körper bleiben aber offen wenn sie zustande kamen als der Körper zu Boden stürzte der Mann also in den ersten Sekunden nach der Explosion noch lebte würde das die Hypothese stützen dass das Dynamit explodierte während sich der Verleger einige Meter über dem Boden auf dem Strommast befand

aber auch die andere Hypothese dass das Opfer vor der Explosion geschlagen wurde und es betäubt oder schon tot war ist noch zulässig wird die vitale Reaktion das heißt der Grad der Blutinfiltration in das Gewebe das die Stöße erhalten hat dies beweisen können? die notwendigen Proben wurden entnommen aber Ergebnisse kann nur die mikroskopische Untersuchung erbringen und sie werden daher erst zu einem späteren Zeitpunkt vorliegen

auch der Umfang der unverletzt gebliebenen Körperteile lässt zwei einander widersprechende Hypothesen zu hier scheinen erste Hinweise der Autopsie eher für die Mordhypothese zu sprechen in der Tat erscheint es höchst unwahrscheinlich dass Dynamit das in Kniehöhe eines Menschen explodiert der rittlings oder gebückt oder aufrecht auf einem Strommast balanciert einen derart großen Teil des Körpers angefangen beim Unterleib unverletzt lässt ein solches Bild erschiene zumindest auf der Grundlage der der Gerichtsmedizin bekannten Fälle wahrscheinlicher wenn die Explosion über einem flach auf der Erde liegenden Körper erfolgt wäre da eine Explosion stets dazu neigt sich stärker nach oben als seitlich auszubreiten

in diesem Fall aber hätten es zwei Explosionen sein müssen der Strommast ist in einer Höhe von drei Metern am Verbindungspunkt der horizontalen mit zwei diagonalen Streben stark verbogen worden das Gericht hat deshalb eine Untersuchung des Strommasts angeordnet um zu klären ob es nur eine Explosion gab oder ob nur einmal angenommen mit einem einzigen Auslöser eine Explosion über dem auf der Erde liegenden Mann und gleichzeitig eine weitere am Strommast in drei Meter Höhe ausgelöst wurde was das betrifft brachte der auf der Grundlage des Autopsieergebnisses vom Samstag angeordnete Lokaltermin am Sonntagvormittag eine unerfreuliche Überraschung die Elektrizitätsgesellschaft hatte die beschädigten Verstrebungen am Mast bereits reparieren und neu lackieren lassen der Erste der seine Missbilligung über diese seltene Eile ausdrückte war der Untersuchungsrichter

immer noch im Rahmen der äußeren Untersuchung des Körpers stellen die Gutachter ein anatomisches Merkmal des Verlegers fest das wenn dies noch nötig gewesen wäre die Richtigkeit der Identifizierung bestätigte ein ebenso signifikantes Merkmal wie ein Fingerabdruck ein besonderes Kennzeichen des Opfers seine zusammengewachsenen Zehen die Feststellung dieser Besonderheit dass das zweite und dritte Knochenglied der beiden Zehen eins sind schließt die äußere Untersuchung ab und die Gutachter können unter der Anleitung des Gerichts bereits den ersten Teil des Abschlussberichts aufsetzen der der Presse übermittelt werden wird für den Laien scheint die Aussage klar zu sein es steht noch aus das eventuelle Vorhandensein von Drogen sowie die exakte zeitliche Abfolge der Verletzungen an Kopf Hirn und Brustkorb festzustellen und ob sie dem Tod vorausgingen oder nicht dem Experten aber verraten diese Worte die alles andere als klare Art der Indizien

im Übrigen lässt sich festhalten dass dies der ganz normale Ablauf ist die Ärzte definieren den langsamen und geduldigen Prozess der Autopsie als eine beschreibende Kunst man untersucht den Körper und das bedeutet mehr als ihn von innen und außen zu fotografieren man protokolliert jeden Zustand jede Anomalie aber die Bewertung aller Daten die man in der Obduktion gewinnen wird findet erst in einer späteren Phase statt sie besteht in der Abfassung eines Berichts über die noch nicht vorgenommene Obduktion durch die Gerichtsgutachter nach Abschluss aller radiologischen Untersuchungen des Bluts und der toxikologischen Untersuchung des Gewebes diesem Bericht wird das Gegengutachten des Anwalts der Familie beigefügt

das Gehirn liegt jetzt offen der Gerichtsgutachter hat das Gehirn dem Schädel entnommen das Großhirn mit dem Kleinhirn also die ganze Gehirnmasse aufmerksam hat er die Schädelbasis untersucht um zu überprüfen in welchem Maß und bis zu welcher Tiefe sich die äußerlich festgestellten Prellungen und blutunterlaufenen Stellen im Schädelinnern ausgewirkt haben es ist erwiesen dass sie beträchtliche Auswirkungen hatten man spricht von einem schweren Schädeltrauma doch bleibt bislang noch offen ob diese Gehirnprellung den Tod allein verursacht oder nur dazu beigetragen hat sicher ist aber dass das Trauma nicht mit der Explosion im Zusammenhang steht sondern mit den Stoßeinwirkungen

auch diesbezüglich gibt es wieder zwei oder noch mehr Alternativen das Opfer könnte sich die Verletzungen beim Sturz vom Mast zugezogen haben oder falls das Opfer am Boden lag könnten sie auch die Folge von Schlägen mit einem stumpfen Gegenstand noch vor Eintritt des Todes gewesen sein und schließlich könnten sie aus dem Wiederaufprall des durch die Explosion in die Luft geschleuderten Körpers auf den Boden resultieren Erörterungen dieser Art werden mit den Resultaten der ballistischen Gutachten übereinstimmen müssen die die kinetische Energie der genauen Menge und Art des in der Dynamitstange enthaltenen Sprengstoffs bestimmen können nebenbei variiert die kinetische Energie entsprechend dem Feuchtigkeitsgrad des Pulvers ein Element das vermutlich nicht einfach festzustellen sein wird

ihr besonderes Augenmerk richten die beiden Ballistikgutachter auf zwei Erkenntnisse der Sprengstoff war von minderer Qualität und es handelte sich um Sicherheitssprengstoff das heißt er konnte nicht von selbst explodieren sondern nur indem man ihn zündete doch kein Mensch löst die Zündung aus wenn nicht vorher alle Sprengladungen an der vorgesehenen Stelle angebracht wurden die Ladungen die benutzt werden sollten lagen aber großenteils noch auf der Erde wie erklärt sich das?

fünfzehn Uhr vierzig Öffnung des Brustkorbs Schnitt und beidseitige Resektion der Rippen flüssiges Blut tritt aus teils hämolytisch ein Teil davon wird aufgefangen es wird für andere Untersuchungen speziell für toxikologische gebraucht Entnahme des Herzens es wird herausgetrennt und ausgedrückt dann werden die Lungenflügel mitsamt der Luftröhre entfernt die Bronchien werden mit einer Schere abgetrennt der Magen wird oben und unten verschnürt damit der Mageninhalt nicht austritt und so herausgeschnitten dann wird er geöffnet und der Inhalt begutachtet es findet sich Blut das im traumatischen Moment des Todes den Rachen hinuntergesickert ist im Magen finden sich keine Speisereste das Opfer war als es starb sicher seit vielen Stunden nüchtern zusammen mit dem Blut dem Urin und dem Mageninhalt werden alle herausgetrennten Eingeweide mit Nieren Leber und Milz dem toxikologischen Gutachter anvertraut das Ergebnis der Analyse wird erst zu einem späteren Zeitpunkt vorliegen

wird es alle Zweifel ausräumen? übereinstimmend sind die Gutachter der Ansicht dass sich eindeutige Aussagen treffen lassen falls sich offensichtliche Spuren einer Droge finden wenn aber die Spuren vage und unsicher sein sollten würden Zweifel bleiben ob das Opfer unter Rauschgift stand oder nicht? acht von neun Menschen nehmen heutzutage Beruhigungsmittel Schlaftabletten oder Angsthemmer natürlich ohne deshalb unter Rauschgift gesetzt worden zu sein stärker wäre die Unsicherheit noch falls dem Opfer dies nur als mögliche Hypothese anstatt irgendwelcher Medikamente Betäubungsmittel wie Chloroform oder Äther verabreicht worden wären leichtflüchtige Substanzen dieser Art könnten bei einer Autopsie die mehr als vier Tage nach Eintritt des Todes durchgeführt wird nicht mehr festgestellt werden

es ist jetzt bereits nach fünf Uhr am Nachmittag Untersuchung des Leibes nachdem man ihn mit einem Bauchschnitt unterhalb des Zwerchfells geöffnet hat der Professor wechselt sich jetzt freundlicherweise mit dem Pathologen ab der schon lange hart gearbeitet hat die Atmosphäre ist immer noch gelassen und sehr korrekt ohne Polemik und Befangenheit keine Unterstellungen weil es wie gesagt keinen Grund gibt wenn die Messer gewechselt werden oder ein Schnitt gesetzt wird der Dünndarm kommt zum Vorschein und der lange Strang des Darms wird Stück für Stück abgeschnitten und geöffnet auch der Darm ist überwiegend leer selbst im Dickdarm findet sich nur wenig kotiger Brei die Genitalien sind anatomisch vollständig

zur Untersuchung des Rückgrats das heißt der Wirbelsäule wird der Tote auf den Bauch gedreht zuvor wurde noch der Kehlkopf kontrolliert wenn das Opfer erwürgt worden wäre wäre der Kehlkopf gebrochen er ist es nicht schwieriger ist es in einer ersten Untersuchung die Möglichkeit des Erstickens beispielsweise mit einem Kissen zu überprüfen aber darüber werden vielleicht später die mikroskopischen Untersuchungen der Lungen Klarheit bringen Untersuchung des Rachenraums es wird kontrolliert ob der Kiefer gebrochen ist nein ob der Gaumen ein Loch hat nein die Untersuchung des Rückgrats bestätigt den Bruch einiger Wirbel was nicht überrascht es passt zu dem schon vorhandenen Bild der Wirkungen eines Sturzes oder Stoßes

um neunzehn Uhr endet die Untersuchung der Wirbelsäule der Körper wird gewaschen und gesäubert der Pathologe nimmt Nadel und Faden zur Hand und vernäht sorgfältig die langen Öffnungen die Kopfhaut wird an ihren Platz zurückgebracht und befestigt sodass das Gesicht wieder kenntlich wird der Richter diktiert die übliche Feststellung dass der Leichnam wieder anständig hergerichtet wurde der Schlussbericht wird vervollständigt und noch einmal verlesen gesichert ist also die hauptsächliche Todesursache nicht gesichert ist der Zeitpunkt des Todes und die Abfolge von Explosion und Prellungen die Fragen die sich bereits am Morgen gestellt haben sind auch am Abend noch unbeantwortet es bleibt zu hoffen dass sie nach Abschluss aller Untersuchungen ihr Fragezeichen verlieren

er gab in bedächtigem Abstand noch zwei Schüsse ab Donnerschläge krachten in den Bergen und dann unmittelbar neben ihnen freigelassen stieg das Pferd hoch den Kopf hin und her werfend drehte es sich um sich selbst und galoppierte dann wiehernd in den Wald zuerst empfand er eine wunderliche Erleichterung sie hatten ihn erschossen das wusste er jetzt er ging auf ein Knie nieder dann fiel er stöhnend flach aufs Gesicht ins Gras es regnete sacht Gestalten geisterten um ihn und hielten seine Hand vielleicht noch immer um ihn auszurauben oder um ihm zu helfen oder auch nur aus Neugier er fühlte sein Leben entgleiten wie ein Stück glitschige Leber und im zärtlichen Gras versickern er war allein wo waren sie alle? oder war nie jemand da gewesen?

neunzehn Uhr dreißig die Leichenträger treten ein sie heben den Körper vom Keramiktisch und legen ihn auf eine Bahre während die Gutachter ihrer Wege gehen verschwindet die Bahre in einem Korridor nimmt den Weg ins Leichenschauhaus der elfenbeinfarbene Leichnam hat aufgehört die Gutachter die Richter das breite Publikum zu interessieren er ist nun mit einem Tuch bedeckt weiß wie ein leeres Blatt auf das man jetzt schreiben kann was man will wie auf ein großes weißes Stück Papier das sich über das stumme elfenbeinfarbene Gesicht legt

Zweite Szene

das Gesicht mit den zurückgekämmten Haaren der großen Brille den schmalen Lippen das Gesicht auf den Zeitungsfotos an jenem Morgen das Bild auf der Titelseite der Zeitungen ein graues Passfoto ein Automatenbild er mit den zurückgekämmten Haaren der großen Brille und den schmalen Lippen ich wusste es sofort ich stand da und mir blieb die Luft weg aber das ist ja tatsächlich er wirklich er ist es und da beginnt die Geschichte ich las den Artikel tragisches Ende eines Saboteurs und ich erinnere mich noch gut wie ich damals gleich gedacht habe das ist doch nicht möglich da nimmt die ganze Geschichte ihren Anfang all das was dann geschehen ist was sie uns allen bedeutet hat und so weiter

alles beginnt mit diesen Zeitungen mit dem Bild auf den Titelseiten der Zeitungen nehmen wir an da ist er er geht aus dem Haus recht früh wie jeden Morgen um am Kiosk vor dem Haus Zeitungen zu kaufen sein Blick fällt auf das Bild unter der fetten Schlagzeile auf der Titelseite der Zeitung ihm bleibt die Luft weg einen Moment lang steht er völlig konsterniert da alle Muskeln seines Körpers verkrampfen sich er spürt ein Ohrensausen oder was weiß ich dort vor dem Kiosk mitten im Straßenlärm die Geräusche der Stadt dann schüttelt er sich kauft alle Zeitungen die es am Kiosk gibt er kauft drei vier fünf sechs Zeitungen und geht nach Hause betrachtet die Titelseiten der anderen Zeitungen die fast immer die gleiche Schlagzeile haben und darunter fast immer das Bild das gleiche Foto

wieder zu Hause weckt er sie sie schläft noch er weckt sie um ihr die Zeitungen zu zeigen er ist sehr aufgeregt sie versteht nicht gleich weil sie noch halb am Schlafen ist aber dann begreift sie schlagartig und sagt das ist nicht möglich ihr steigen die Tränen in die Augen er ist sehr aufgeregt glaubt sie trösten zu müssen er nimmt ihre Hand legt die Zeitungen aufs Bett blickt ihr in die Augen voller Tränen und so bleiben sie einen Moment lang bewegungslos und still aber man darf die Szene nicht zu traurig machen weil es keine sentimentale Geschichte ist es ist eine harte und gewalttätige Geschichte oder besser es ist die Geschichte einer großen Spannung hart und gewalttätig auch mit viel Gefühl aber nie sentimental

er hat sie geweckt um ihr Bescheid zu sagen um ihr die Zeitungen zu zeigen um mit ihr zu reden und sie schlief noch in dem dunklen Zimmer er hat das Licht der Nachttischlampe angeknipst hat die Zeitungen aufs Bett geworfen sie ist aufgewacht vielleicht war sie auch schon wach er hat ihr eine der Zeitungen die mit dem großen Bild auf der Titelseite vor die Augen gehalten einen Augenblick lang versteht sie nicht traut ihren Augen nicht dann sagt sie etwas oder sagt auch nichts und die ganze Spannung in ihm das Ohrensausen entlädt sich durch ihre Gegenwart dehnt sich aus und füllt das Halbdunkel des Zimmers es erfasst sie umschließt sie erstickt sie sie sind beinahe unfähig zu reden oder sich zu bewegen

dort also beginnt die ganze Geschichte wie wir sehen werden entschließen sie sich für eine Weile den Ort zu wechseln sie entschließen sich in die Wohnung eines Freundes zu gehen wo sie sich für kurze Zeit aufhalten werden während die Geschichte weitergeht dort in dieser Wohnung wird über die Ereignisse gesprochen werden und andere Dinge werden passieren bis zur letzten Szene der Begräbnisszene wo sich alle einfinden werden zusammen mit sehr vielen anderen denn dort geht diese Geschichte zu Ende und dort beginnt eine neue Geschichte die nicht mehr die alte sein wird das Begräbnis wird für alle anders sein aber doch für alle das Ende einer Geschichte und der Beginn einer neuen Geschichte und von da an wird es für alle eine unterschiedliche Geschichte sein

die Zeitungen sind über das Bett verstreut und eine Zeit lang nehmen sie die Zeitungen lesen sie und reichen sie weiter aber sie lesen immer nur den Artikel unter der fetten Schlagzeile auf der Titelseite unter dem sich fast immer das Foto findet das Gesicht des Mannes mit der Brille und den schmalen Lippen manchmal ist das Foto auch nicht auf der ersten Seite sondern im Innenteil der Zeitung wo der Artikel von der Titelseite fortgesetzt wird sie lesen nur diesen einen Artikel reichen ihn weiter mit kurzen Kommentaren da sich alle Artikel gleichen sie lesen nur diese Artikel sie sehen und lesen keinen der anderen Artikel in den Zeitungen die sie sich immer noch über das Bett zuschieben im schwachen Licht der Nachttischlampe auf den Decken die ihre Körper bedecken nicht einen Augenblick halten sie sich bei den anderen Meldungen auf wie

der Großteil der Einwohner Anconas ist in die Wohnungen zurückgekehrt nachdem sie die Nacht auf der Straße oder in Notunterkünften außerhalb der Stadt verbracht haben die Bevölkerung verbrachte eine weitere Nacht in Angst in Ancona lebt man bereits mit einem inneren Seismographen der auch die schwächsten Erdstöße wahrnimmt die Einwohner Anconas leiden darunter dass sich die Erdstöße Nacht für Nacht wiederholen was die physische und psychische Belastung der die Bevölkerung jetzt seit Ende Januar ausgesetzt ist als sich die ersten Anzeichen des Erdbebens zeigten noch verstärkt

der jordanische König Hussein hat ein vereintes arabisches Reich unter Einschluss der Gebiete westlich und östlich des Jordans vorgeschlagen der anlässlich eines Empfangs von Würdenträgern des von Israel besetzten Westjordanlands bekannt gegebene Vorschlag wurde von der israelischen Regierung umgehend zurückgewiesen auch bei den anderen arabischen Ländern stieß der Vorschlag auf Ablehnung in offiziellen Verlautbarungen wurde der jordanische Vorstoß scharf kritisiert das Thema stand auch im Mittelpunkt einer Begegnung des ägyptischen Präsidenten Sadat mit dem syrischen Führer Assad und dem libyschen Staatschef Gaddafi auch die palästinensischen Freischärler haben sich gegen den Vorschlag ausgesprochen und neue Vergeltungsaktionen gegen das Königreich Jordanien angekündigt

kaum dass Teile der DC der PCI zublinzeln träumt Berlinguer nach Ansicht von Senator Saragat schon davon den historischen Widerspruch zwischen Autorität und Freiheit oder besser zwischen Diktatur und Demokratie durch die sogenannte versöhnte Republik zu lösen also durch eine Machtübereinkunft zwischen Katholiken und Kommunisten es wundert nicht dass die PCI zwischen den wohlkalkulierten Annäherungsversuchen von Sozialisten und DC im Laufe der Geschichte zu einer merkwürdigen Partei wurde zu einer kommunistischen Giraffe wie Togliatti einmal schrieb einer Giraffe deren Hals immer länger wurde um mit dem Kopf die Schalthebel der Macht zu erreichen wobei sich der Körper immer weiter entfernte tatsächlich war die PCI ihren Zielen noch nie so nah und fern zugleich

für den Historiker ist Italien ein Schlachtfeld auf dem eher Machtbegierden als Ideologien miteinander ringen die Geschichte Italiens ist ein wunderbares Epos und ein blutiges Chaos zugleich das der Historiker eher mit der Rekonstruktion der Fakten als mit der rationalen Erforschung von Bewegungen erhellen kann sicher man stößt auf einige konsequente Kapitel auf starke Strukturen die aber Träger desselben Chaos sind doch sind sie nichts anderes als die Grundpfeiler eines riesigen unvollendeten Bauwerks in dessen Innern Grazien und Furien entfesselt sind der Stil ist schwankend oft untermauert von persönlichen Bemerkungen und faszinierenden Betrachtungen alternativer Möglichkeiten die die Geschichte trotz der Verbote durchscheinen lässt

die Welt des Fußballs steht nicht einen Moment still alles nur Denkbare ist möglich während alles darauf wartet dass die von Artemio Franchi angeordnete Untersuchung in Gang kommt hat sich unter den höchsten Verantwortlichen der Liga und des Verbandes bereits die Überzeugung durchgesetzt dass die Schiedsrichter künftig vom Computer bestimmt werden sollen wir können also die Einführung dieses Systems bereits für die kommende Saison als sicher annehmen es kann sein dass diese Entscheidung die von uns immer befürwortet wurde zu einem Riesengeschrei führt doch ist es nun dem Gewissen der Hauptverantwortlichen überantwortet die Serie der Verdächtigungen und Skandale zu beenden

schließlich wirft sie die Decke weg die Zeitungen fallen zu Boden sie steigt aus dem Bett zieht sich etwas über einen Morgenrock aus chinesischer Seide wie man ihn damals trug mit festem Schritt durchquert sie den Raum und öffnet das Fenster zusammen mit dem Tageslicht dringt der Lärm der Stadt ins Zimmer dann geht sie ins Bad sie hat nicht gesprochen hat kein Wort gesagt sie geht ins Bad während er noch immer auf dem Bett sitzt er schaltet das Radio ein das auf dem Schränkchen neben der Lampe steht die er jetzt ausknipst da nun das Tageslicht durch das Fenster dringt und er hört Radio um die neuesten Nachrichten mitzubekommen

aber das Radio bringt gerade keine Nachrichten er sucht alle Sender ab aber es gibt überall nur Musik ab und zu auch ein bisschen Werbung also schaltet er das Radio wieder aus er hört den Lärm der von der Straße heraufdringt und er hört sie duschen er hebt irgendeine Zeitung vom Boden auf oder nimmt sie vom Bett und betrachtet die Überschriften die er vorher nicht gesehen hatte er liest einen Artikel der ihn interessiert er legt eine Zeitung aufs Bett und blättert sie langsam durch er verweilt bei einem Artikel der ihn interessiert liest ein paar Zeilen am Anfang oder am Ende oder in der Mitte dann faltet er die Zeitung zusammen lässt sie auf den Boden fallen nimmt eine andere und beginnt sie durchzublättern und die Artikel die ihn mehr interessieren zu lesen

erneut kam es zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen der Polizei und Studenten die Demonstrationen schlossen mit einem Aufruf zum Streik von Studenten und Arbeitern um damit gegen die blutigen Vorfälle vom vergangenen Freitag zu protestieren in diesem Zusammenhang steht auch ein von den Arbeiterkommissionen von klandestinen Gewerkschaftsgruppen verteilter Aufruf in dem die Regierung beschuldigt wird zu gewalttätigen Mitteln gegriffen zu haben in den frühen Nachmittagsstunden haben heute Gruppen von Studenten und manchmal auch von Arbeitern im Universitätsviertel und im Industriegebiet Cuatros Caminos demonstriert die Jugendlichen führten dabei Transparente mit Parolen gegen Franco mit sich und versuchten Barrikaden zu errichten wodurch der Verkehr zeitweilig gestört wurde

Junio Valerio Borghese der berüchtigte Kommandant der X. MAS-Flotille Präsident der faschistischen Organisation Nationale Front wird bei einer eventuellen Rückkehr nach Italien sofort verhaftet werden laut Aussage des Untersuchungsrichters hat der Schwarze Prinz eine Vereinigung gegründet die das Ziel hatte einen bewaffneten Aufstand gegen den Staat durchzuführen laut richterlicher Verfügung war ein Putsch nicht nur geplant sondern bereits vorbereitet dass der Putschversuch in der Nacht vom 7. auf den 8. Dezember 1970 letztlich fehlschlug sei lediglich darauf zurückzuführen dass einer der Beteiligten redete und die Geheimdienste eingriffen

Nordirland erlebte eine weitere Nacht des Terrors ein junger Polizist wurde ermordet zwei Mitglieder der Ulster Volunteer Force wurden bei einem Hinterhalt in Belfast verletzt eine außergewöhnlich schwere Bombe hat zwei Sprengstoffexperten zerfetzt die sie entschärfen wollten die Bombe mit einer Sprengkraft von mindestens hundert Kilogramm explodierte im protestantischen Teil der Sandy Row der Sprengkörper war auf einem Lastwagen versteckt die gewaltige Explosion hat neben dem Tod der beiden Bombenentschärfer schwere Schäden an etwa fünfzig Wohnungen verursacht auch die Kunstakademie wurde stark beschädigt

er hat sie also geweckt um ihr Bescheid zu sagen um ihr die Zeitungen zu zeigen und mit ihr über die Sache zu diskutieren um herauszufinden was sie machen sollen welche Initiativen zu ergreifen sind mit wem sie sich in Verbindung setzen sollen wen sie sehen sprechen hören sollen bis jetzt ist es ihnen aber nicht gelungen auch nur ein Wort miteinander zu wechseln was geschehen ist ist zu unglaublich zu groß und erschreckend und immer noch bleiben Zweifel ob es wirklich wahr ist ob der auf dem Foto auch wirklich er ist er betrachtet es noch einmal ganz genau die Stirn mit den Geheimratsecken das Kinn ein bisschen angespannt wegen der zusammengepressten Lippen er möchte zweifeln aber es gelingt ihm nicht im ersten Moment hat auch sie so auf das Bild reagiert dann stiegen ihr die Tränen in die Augen er blättert um

das Faszinierende an diesem Text ist dass er von Anfang bis Ende eine Tragödie ist ganz Handlung konkrete Handlung bedrohlich schnell bis zum Absturz wo die Tragödie dann von Blut trieft das Blut ist bis zu einem bestimmten Punkt wichtig es ist gegenwärtig als unvermeidliche Konsequenz der Handlung unter den zahlreichen erklärenden Thesen die aus dem Baumstumpf der Tragödie sprießen ist die Gegenüberstellung von Gut und Böse von Harmonie und Ordnung und den dämonischen Kräften der Subversion eine akzeptable aber doch beschränkte These in gewissem Sinne ist sie banal weil der Antagonismus von Gut und Böse weniger dem Zusammenstoß zweier äußerlicher Ordnungen entspringt sondern bereits in der Figur des Macbeth angelegt ist in dem Bewusstsein das er von seiner Schlechtigkeit hat und damit verbunden die Unvermeidbarkeit des eingeschlagenen Wegs der ihn immer weiter in die Tiefe zieht

Staatspräsident Leone hat sich gestern zum Palazzo dei Marescialli begeben wo er zum ersten Mal dem Obersten Justizrat vorsaß er schloss mit den Worten ich glaube dass ich meine Pflicht vernachlässigen würde wenn ich in einer Zeit in der die gewöhnliche Kriminalität teilweise brutale und alarmierende Formen annimmt und einige von allen missbilligte extrem gewalttätige Demonstrationen ein Klima starker und begründeter Angst schaffen wenn ich in solch einer Zeit nicht darauf aufmerksam machen würde wie notwendig es ist dass einer entschiedenen Reaktion der Polizeiorgane eine ebensolche Entschiedenheit der Untersuchungsrichter und der Strafrichter folgt dies sage ich natürlich mit allergrößtem Respekt vor der Unabhängigkeit der Justiz

der amerikanische Milliardär Howard Hughes den nur wenige Menschen je zu Gesicht bekommen haben hat sein Versteck in Managua Nicaragua verlassen er landete mit seiner Privatmaschine in Los Angeles diese Meldung wurde von einem seiner Mitarbeiter übermittelt der sich jedoch weigerte weitere Fragen der Journalisten nach dem Aufenthaltsort des Milliardärs zu beantworten gewöhnlich gut unterrichtete Kreise bestätigten dass sich Hughes am Montagabend mit dem nicaraguanischen Präsidenten Anastasio Somoza getroffen hat und mit ihm eine mögliche Ausdehnung der Aktivitäten von Hughes Luftfahrtgesellschaft die bislang nur auf Linien innerhalb der USA fliegt auf Nicaragua diskutiert hat

heute Morgen ist im Peking-Hotel dem elegantesten Hotel der chinesischen Hauptstadt ein Feuer ausgebrochen die Flammen haben sich in einem seit einigen Wochen wegen Instandsetzungsarbeiten unbenutzten Flügel des Hotels ausgebreitet es wurde ein Krankenwagen gesehen der wie man später erfuhr zwei Arbeiter mit schweren Rauchvergiftungen ins Krankenhaus gebracht hat das Peking-Hotel befindet sich an einer großen Durchgangsstraße durch das Stadtzentrum Chang An Jie nicht weit vom Tiananmen-Platz es wird hauptsächlich von ausländischen Delegationen Gästen der chinesischen Regierung und Diplomaten besucht nur selten beherbergt es auch Touristen vor einigen Tagen sind hier die amerikanischen Black Panther während ihres Chinabesuchs abgestiegen

sie ist jetzt fertig mit dem Duschen sie kommt aus dem Bad eingehüllt in ein Handtuch vielleicht ein gelbes er ist noch da sitzt auf dem Bett auf dem Boden überall verstreut die Zeitungen sie ist reingekommen und trocknet sich mit dem Handtuch ab und jetzt ist es nötig zu reden sie beginnen zu reden um die Geschehnisse zu kommentieren um über die Sache zu diskutieren zu besprechen was zu tun ist welche Initiativen zu ergreifen sind mit wem sie Kontakt aufnehmen sollen vielleicht gibt es da auch noch Zweifel ob es sich wirklich um ihn handelt aber im Grunde haben sie keine Zweifel mehr sie verhalten sich zumindest so als ob sie keine hätten auch wenn sie die Möglichkeit noch offen lassen dass er es nicht ist doch das ist mehr Hoffnung als Zweifel

plötzlich läutet es an der Tür und beide verstummen ein Reflex der sie verstummen lässt alle Muskeln sind angespannt sie verharren regungslos sie lauschen und überlegen sofort wer das sein könnte möglicherweise eine Hausdurchsuchung vielleicht verhaften sie dich man kann nie wissen und wenn es wahr ist wenn der auf dem Foto wirklich er ist dann ist in diesem Moment alles möglich weil damals auch alles Mögliche passierte es war ihnen schon lange klar in jener Zeit war alles möglich und alles Mögliche passierte sie wussten es und hatten sich darauf vorbereitet aber eine Geschichte wie diese schien nicht möglich zu sein und man konnte sich nicht vorstellen was jetzt noch alles geschehen könnte

als es an der Tür läutete diskutierten sie gerade da war diese Diskussion eine schwierige Diskussion die fast zu einem Streit wurde da sie Entscheidungen treffen mussten und weil da diese starke Anspannung war vor allem aber weil gerade wegen dieser Anspannung und des Entscheidungsdrucks etwas aus ihr herausbrach was sie bisher zwar nicht versteckt hatte denn sie versteckte niemals etwas was sich vielmehr die ganze Zeit in ihr versteckt hatte und bis zu diesem Moment nur latent vorhanden gewesen war es war ein Groll ein Zorn eine Sache die sie jetzt in die Konfrontation mit ihm trieb allem was er sagte vorschlug oder auch nur fragte zu widersprechen weil er es war der sie fragte ihr etwas vorschlug und das in einer solchen Situation in der sie sich plötzlich fragte was sie eigentlich darin verloren hatte

nicht aus Angst denn sie hatte vor nichts Angst ihre Unbekümmertheit war groß auch weil es den anderen damals genauso ging dieser Widerspruch der in ihr keimte dass etwas in ihr vielleicht zum ersten Mal rebellierte sie fühlte sich was ihr erst einige Zeit später bewusst wurde wieder gezwungen Entscheidungen zu treffen die nicht ihre Entscheidungen waren nicht weil sie sich lieber anders entschieden hätte sondern weil diese Entscheidungen auf einem Terrain fielen das nicht das ihre war wo ihr die Spielregeln aufgezwungen wurden alles war nur Gewalt gegen die sie das spürte sie jetzt ganz deutlich in jedem Fall und unerbittlich rebellieren musste die Türklingel läutete wieder sie läutete noch einmal und da sagt er du bleibst hier und ich mache auf

Dritte Szene

ein fünfundvierzig Jahre alter Mann ist tot zerrissen von einer Sprengladung die er in der Hand hielt während er versuchte einen großen Gittermast der zentralen Hochspannungsleitung von Mailand zu sprengen es ist davon auszugehen dass der Bombenleger von einer subversiven Organisation gedungen wurde nach Meinung der Ermittlungsbehörden ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen dass dieser Anschlag der erste einer langen Kette sein sollte einer neuen Welle von Gewalt und Terror über den Toten ist noch nichts bekannt seinen Papieren zufolge hieß er Vicenzo Maggioni geboren am 19. August 1926 in Nuovi Ligure dem Führerschein nach hatte er seinen Wohnsitz in Mailand in der Via Savona 12

die Ermittlungen der Polizei ergaben aber bereits dass die Dokumente gefälscht sind in Nuovi Ligure gibt es keinen Vicenzo Maggioni er wurde dort nie geboren der Name auf den Ausweisen und die Autokennzeichen sind Teil eines präzisen Plans einer in jeder Einzelheit perfekt konstruierten Identität auch der VW-Bus mit dem der Bombenleger zum Tatort gelangte ist genauestens in den durchdachten Plan integriert um die Ermittler zu verwirren die Ermittlungen ergaben bisher dass der Bus zunächst auf eine Frau namens Luigia Guidice zugelassen war und später von Gianfranco Invernizzi erworben wurde die beide in Mailand wohnen

beide konnten aber ohne Schwierigkeiten nachweisen dass sie den Bus weder gesehen noch besessen haben sie mussten nur für ein paar Monate an sie gerichtete gebührenpflichtige Verwarnungen zurückweisen diese spärlichen Erkenntnisse sind praktisch alles was die Ermittler bisher über die Identität des Bombenlegers der Opfer seiner eigenen Tat wurde in Erfahrung bringen konnten bislang fehlt auch die für den Fortgang der Ermittlungen wichtigste Erkenntnis es ist noch nicht bekannt welcher politischen Gruppe der Bombenleger angehörte oder wer ihn mit dem Attentat beauftragt hat

man weiß auch nicht in welcher Richtung man nach den Hintermännern dieses sehr ernsten Zwischenfalls suchen soll es ist aber offensichtlich dass dieser versuchte Sabotageakt einen politischen Hintergrund hat es handelt sich um eine neue Stufe der Eskalation der Gewalt mit der Extremisten verschiedenster politischer Richtung und Couleur bereits zu lange agieren und Mailand in einen Schraubstock anhaltenden Terrors pressen die tragische Episode spielte sich etwa zehn Kilometer vor Mailand ab zwischen den Ortschaften Segrate und Pioltello in einem Landstrich der Cascina Nuova heißt

ein altes Bauernhaus in dem fünf Familien wohnen über die Felder zieht sich zwischen riesigen im Boden verankerten Stahlmasten die Hauptleitung der Elektrizitätswerke die Ringleitung Nord-Limito-Sud rings um Mailand herum die 220.000-Volt-Hochspannungsleitung versorgt die Straßenbahnen die Oberleitungen der Omnibusse die Straßenbeleuchtung fast der gesamten Stadt mit Strom wäre das Attentat gelungen wäre Mailand praktisch paralysiert gewesen wenn auch nur so lange wie es dauert bis auf Ersatzleitungen umgeschaltet wird

die Explosion erfolgte vermutlich gegen neun Uhr abends der genaue Zeitpunkt steht noch nicht fest denn niemand hat sie bemerkt noch nicht einmal in der Cascina Nuova die nicht weiter als vierhundert bis fünfhundert Meter vom Strommast entfernt ist wer die Detonation gehört hat glaubte wahrscheinlich es handle sich nur um den Lärm eines der Düsenjäger die diese Gegend häufig und in geringer Höhe überfliegen entdeckt wurde das Geschehen heute gegen sechzehn Uhr von einem Hund einer Promenadenmischung die auf den Namen Twist hört ein schwarzer Welpe der einer der Familien in der Cascina Nuova gehört

Segrate liegt vor den Toren Mailands nördlich des Industriegebiets und sechs Kilometer Luftlinie vom Flughafen Linate entfernt außer einer Reihe von Eisenbahngleisen verläuft hier auch die neue Straße nach Cassano zwischen der Eisenbahn und der Straße die östlich am Ort vorbeiführt liegt die Cascina Nuova und auf einem der Felder dieses Bauernhofs erhebt sich der Hochspannungsmast Nummer 71 Teil einer 220-kV-Leitung der Elektrizitätswerke es handelt sich dabei um einen besonders wichtigen Strommast nicht nur weil er die Stadt mit Strom versorgt sondern auch weil eine weitere 130-kV-Leitung mitbetroffen ist wenn seine Leitungen unterbrochen werden diese Leitung kommt aus dem Valtellina und versorgt die Industriebetriebe der Falck-Gruppe in Sesto San Giovanni und Tavazzano in der Nähe von Lodi mit Energie

ein neuralgischer Punkt also der einen Terroristen durchaus dazu bringen kann zu glauben dass ein Anschlag an dieser Stelle die halbe Stadt in Dunkelheit versetzen könnte in Wirklichkeit kann das aber nicht gelingen da die Leitungen der AEM und der ENEL untereinander verbunden sind und eine Unterbrechung in einem Abschnitt deshalb automatisch die Abschaltung der ganzen Leitung auslöst und andere unbeschädigte Leitungen dafür in Betrieb gehen jedenfalls macht man hier unter diesem Strommast die makabre Entdeckung gegen sechzehn Uhr fällt den Brüdern Lorenzo und Luigi Stringhetti 41 und 43 Jahre alt wohnhaft in der Cascina Nuova auf dass ihr kleiner Hund Twist sehr aufgeregt ist und ständig bellend auf demselben Weg zwischen Hof und Feld hin und her läuft

zwei Bauern zwei Brüder Bewohner eines nur wenige Hundert Meter entfernten Bauernhauses haben sich zum Ort des Geschehens begeben da ihnen das Verhalten ihres Hunds der den ganzen Vormittag über gejault und gewinselt hatte komisch vorkam die beiden sind dem Tier gefolgt und sind so schließlich bei dem Strommast genauer beim Mast Nummer 71 angekommen dort haben sie eine makabre Entdeckung gemacht ein Mann lag rücklings auf dem Boden der Körper schrecklich zerfetzt ein Bein vom Fuß bis zum Knie wurde einige Meter entfernt gefunden aber das Gesicht war unversehrt

im Fallen knickte ein Fuß mit stechendem Schmerz um im nächsten Augenblick als er aufzustehen versuchte sah er im Schein eines grellen Blitzes das Pferd ohne Reiter es sprengte an ihm vorüber nicht auf ihn zu und er sah es in allen Einzelheiten den verrutschten klirrenden Sattel sogar die in die Kruppe eingebrannte Nummer 71 noch einmal versuchte er aufzustehen und er hörte sich schreien als das Pferd kehrtmachte und auf ihn zukam der Himmel war ein weiß flammendes Tuch an das eine Sekunde lang die Bäume und das sich bäumende schwebende Pferd geheftet waren

die neugierig gewordenen Brüder schauen nach sie finden den Körper eines Mannes der auf dem Rücken liegt sie sehen ihn blutüberströmt und glauben dass er Kupferleitungen stehlen wollte und dabei von einem elektrischen Schlag getroffen wurde und vom Mast auf die Erde gefallen ist in der Nähe stehen drei Armeerucksäcke einer ist leer ein anderer enthält löslichen Kaffee Milchpulver und andere Stärkungsmittel im dritten finden sich dreizehn Stangen Dynamit jede etwa zweihundert Gramm schwer weitere dreißig Stangen sind bereits am Mast angebracht aufgeteilt auf zwei Sprengladungen zu jeweils fünfzehn Stangen davon eine an einem der Fundamente des Masts die Ladungen wurden mittels acht Zündkapseln scharf gemacht die mit Hilfe zweier Uhren elektrisch gezündet werden sollten

der Bombenleger wurde am Fuße des Strommasts auf dem Rücken liegend aufgefunden Brustkorb und Bauch waren eine einzige klaffende Wunde ein Bein war glatt abgerissen und ungefähr zwanzig Meter weit fortgeschleudert worden der Schauplatz der Tragödie eine Wiese nahe der Ortschaft Segrate war übersät von Hautfetzen und Blut viel Blut die schreckliche Szene wurde von zwei Bauern entdeckt ihr kleiner Hund hatte sie bis unter den Strommast geführt es gab keinen Zweifel der Mann der mit ausgebreiteten Armen auf der Erde lag das Gesicht dem Himmel zugewandt war in eine Falle gegangen die er sich selbst gestellt hatte

die Sprengstoffexperten haben vor Ort eine erste Rekonstruktion des Anschlags vorgenommen um herauszufinden was geplant war und was stattdessen geschah dabei kamen sie zu dem Schluss dass der Bombenleger ungeachtet des tödlichen Unfalls kein Laie sondern Experte im Umgang mit Sprengstoff war die Nitroglyzerinstangen insgesamt etwa sieben Kilogramm waren schon auf mehrere Ladungen aufgeteilt eine Ladung von bemerkenswerter Sprengkraft war bereits am Fundament eines Pfeilers angebracht und mit einem selbstgebauten Zeitzünder aus zwei Armbanduhren verbunden worden

der Hergang des Unfalls der den Tod des Bombenlegers zur Folge hatte wurde folgendermaßen rekonstruiert der Mann muss auf die unterste diagonale Verstrebung des Masts geklettert sein um die erste Dynamitladung anzubringen mit der dann die folgenden Ladungen vorbereitet und gezündet werden sollten während er rittlings auf der Strebe saß und vermutlich nachdem er bereits die ersten Dynamitstangen angebracht hatte drei Streben des riesigen Masts waren nämlich zerborsten muss der Mann den tragischen Fehler gemacht haben

mit dem Ende des langen Stromkabels einem normalen weißen Kabel in der Hand kletterte der Attentäter dann bis zur ersten Horizontalverstrebung des Masts in drei bis vier Meter Höhe offenbar wollte er dort eine zweite Ladung anbringen die das Zentrum der Metallkonstruktion zerrissen hätte und das Kabel von dort auf der gegenüberliegenden Seite wieder hinunterführen um die dritte Ladung anzubringen aber gerade während er mit der zweiten Dynamitladung in der Hand hochkletterte explodierte sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf Grund eines elektrischen Kontakts

von der Explosion wurde der Mann zu Boden geworfen in dem Augenblick in dem er den Boden berührte erfolgte die zweite Explosion diese Rekonstruktion des Vorgangs so die Befürworter der These wird durch einige Indizien gestützt die Pfeiler des Masts sind bis in vier Meter Höhe mit Blut und Hautfetzen übersät diese kläglichen Überreste scheinen in horizontaler Richtung von der Diagonalverstrebung aus weggeschleudert worden zu sein während die übrigen wahrscheinlich vom Boden aus nach oben geschleudert wurden

die Pfeiler des Masts sind bis auf eine Höhe von etwa vier Metern mit Blut und Fleischfetzen des Attentäters beschmiert das Weizenfeld auf dem sich der Strommast erhebt ist in einem Umkreis von ungefähr fünfzehn Metern mit Fleischfetzen und Knochenstücken übersät

die Spuren am Mast scheinen mit großer Wucht von der ersten Verstrebung des Masts aus in horizontaler Richtung geschleudert worden zu sein die anderen dürften vom Boden ausgehend leicht nach oben geschleudert worden sein diese sind viel zahlreicher und scheinen ihren Ausgangspunkt dort zu haben wo der Attentäter aller Wahrscheinlichkeit nach auf den Boden aufgeschlagen ist nachdem er von der Verstrebung gestürzt war an der er gerade eine Bombe anbringen wollte

der Mond war fort ein heißer Windstoß blies ihm ins Gesicht und im Nordosten flammte ein weißer Zickzackblitz ein sparsames Donnerrollen eine verhaltene Lawine der steiler werdende Pfad bog noch weiter nach rechts und begann sich zwischen einzelnen Wachtposten hindurchzuwinden einsamen hohen Bäumen und riesigen Kakteen die mit ihren unzähligen gekrümmten Stachelhänden nach allen Seiten des Pfads den Blick versperrten es wurde so dunkel dass man sich wunderte die Welt draußen nicht in schwärzester Nacht zu finden

Darmowy fragment się skończył.

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Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
151 str. 3 ilustracji
ISBN:
9783862416356
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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