Czytaj książkę: «Eine Spur von Glück»
Monika Hinterberger
Eine Spur von Glück
Lesende Frauen in der Geschichte

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
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© Wallstein Verlag, Göttingen 2020
www.wallstein-verlag.de
Umschlaggestaltung: Marion Wiebel, Wallstein Verlag
Umschlagbild: Asta Norregaard, Lesende Frau, 1889,
Quelle: PR Archive / Alamy Stock Foto.
ISBN (Print) 978-3-8353-3799-2
ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-4538-6
ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-4539-3
Inhalt
Vorwort
1. Eine lesende Frau
Eine Athenerin • Mütter und Töchter • Lesen und Schreiben • Eine Welt der Bücher • In Frauenräumen • Außerhalb des Hauses • Weibliche Lebenswelten • Literatur
2. Zwei Frauen im Gespräch über ihre Lektüre
Colloquio di donne • Geschichtliche Streifzüge • Frauen aus Pompeji • »Kennen sollst du auch Sappho …« • Weibliche Vorbilder • Bildungsbewusst und ambitioniert • Literatur
3. Disputierende Frauen mit Büchern
Religiosität und Gelehrsamkeit • Historische Spurensuche • Vita religiosa • Studium und Gebet • Bücher zum Lobe Gottes • Schreibende Frauen • »… aus dem Becher irdischer Weisheit« • Literatur
4. Die heilige Anna lehrt ihre Tochter Maria das Lesen
Ein beredtes Bild • Annen- und Marienverehrung • »Höre Tochter, und sieh …« • Weibliche Bildung – weibliche Selbstbestimmung • Klosterfrauen und weltliche Dichterinnen • Literatur
5. Die lesende Maria
Ave Maria • Ein weiblicher Kosmos • Sancta Colonia • Psalter lesen und anderes • Die Geburt des Buchdrucks • Maria – Königin der Stadt der Frauen • Literatur
6. Christine de Pizan in ihrer Studierstube
»Je, Christine …« • »Ganz allein bin ich …« • Dornige Rosen • »Hinaus aufs Feld der Literatur …« • In kommenden Zeiten • Le Livre de la Paix – Das Buch vom Frieden • Literatur
7. Lesestunde
Sieh mal, ich bringe ihr das Lesen bei … • Bildung, Gewandtheit und edle Gesinnung • Eine lebendige Malerei • Weibliche Traditionen • Licht und Schatten • Il merito delle donne – Das Verdienst der Frauen • Fraueneigene Räume • Literatur
8. Stille Lektüre
Aura des Geheimnisvollen • Ein Goldenes Zeitalter • Nicht Samt und Seide • Lesen für sich allein • Schönschreiben und mehr • Im Namen der Gleichheit • Ein Kaleidoskop weiblicher Lebensentwürfe • Und wieder: die lesende Frau • Literatur
9. Élisabeth Ferrand meditiert über Newton
Liebe zur Wissenschaft • Discours sur le bonheur – Rede vom Glück • Bildung und weibliches Selbstverständnis • Les Conversations d’Emilie – Aemiliens Unterredungen • Briefe • Romane • »… entworfen von einem Frauenzimmer« • Die Lust zu lernen – Therese Huber • Die Lust zu lesen • »Lesende Frauenzimmer« • Journale von Frauen für Frauen • Avantgarde des femmes • »Femme, réveille-toi!« – »Frau, erwache!« • Literatur
10. Die Lesende
Eine Spur von Glück • Das Morgenlied der Freiheit • »Jetzt, wo der Schnee hinwegthaut …« • Elementare Mädchenbildung • Höhere Mädchenbildung • Reifezeugnis – ein Meilenstein • Freien Geistes • Lebensentwürfe – ein Gespräch mit Marie Fantin-Latour • »Als eine Frau lesen lernte …« • Literatur
Dank
Bildnachweis
Vorwort
Dieses Buch ist ein sehr persönliches. Es erzählt von meiner Begegnung mit Bildern lesender Frauen.
Kunstvollen Darstellungen, die von der Antike bis zur Gegenwart reichen und mich bewogen, den Spuren lesender Frauen in der Geschichte zu folgen, ihre Lebenswelten und insbesondere ihre Bildungswege zu ergründen. Wo lernten Frauen in der Antike zu lesen? Im Mittelalter, in der Frühen Neuzeit und den Jahrhunderten danach? Welche Bücher lasen sie? Mit welchem Interesse? Welchen Erwartungen? Wie kamen sie in den Besitz von Büchern? Und vor allem: Was bedeutete es für sie, lesen zu können?
Fragen dieser Art begleiteten meine Annäherungen an lesende Frauen. Ich suchte den Dialog mit ihnen, suchte historische Zeiträume zu erschließen und vorhandene Quellen zu befragen, suchte auf diese Weise ein Bild von ihnen zu gewinnen. Nicht selten überwogen Fragen mögliche Antworten, besonders wenn es um lesende Frauen weit zurückliegender Zeiten ging, wenn weibliche Lebenswelten und -bedingungen heutigen Vorstellungen sehr fernstehend erschienen. Wer hat vor Augen, dass etwa das Lesen jahrhundertelang an Tageslicht gebunden war? Dass Kerzen vor allem in Kirchen und Adelshäusern brannten, aber ansonsten unerschwinglich waren? Wer ermisst, dass zwischen den ersten Darstellungen des lesenden Menschen in der griechischen Antike und der Erfindung des Buchdrucks ein Zeitraum von zweitausend Jahren liegt? Zweitausend Jahre lang lasen Frauen ausschließlich Handschriftliches – geschrieben auf Papyrus, Pergament und Papier –, bis der Buchdruck in der Mitte des 15. Jahrhunderts eine neue Periode der Lesekultur einleitete. Und auch da sind sie als Lesende präsent.
Wie konnte angesichts der Fülle an Bildern lesender Frauen der Eindruck entstehen, dass Frauen, von Angehörigen des Adels und des gebildeten Bürgertums abgesehen, über lange Zeiten hinweg großenteils des Lesens unkundig, von Bildung ausgeschlossen waren? Ein Vorurteil, wie sich zeigte. Eine Auffassung, der ich mit diesem Buch ein Bild lesender Frauen entgegensetze, das ich von ihnen gewann – wohl wissend, dass sich schwerlich von den Frauen sprechen lässt.
Zehn Bilder wählte ich aus. Sie markieren meine Spurensuche. Begleiteten meine geschichtlichen Streifzüge. Weckten meine Imaginationen. Bewegten mich, mit lesenden Frauen ins Gespräch zu kommen, ihnen Raum zu geben, sie zu Wort kommen zu lassen. Ich begegnete mutigen Frauen, erkenntnis- und urteilsfähigen. Ich nahm ihre gesellschaftliche Präsenz in den Blick, ihre Stärke, ihr Sosein, auch ihre Nöte. Es zeigte sich: Lesen war Teil weiblichen Lebens. Lesen zu können, schuf Frauen Voraussetzungen, selbstbestimmt zu handeln. Es gab ihnen die Freiheit zu lernen, sich Bildung anzueignen, ihr Leben zu gestalten, Wege neu abzustecken. Sie liebten Bücher und liebten das Lesen. Es barg die Möglichkeit, über die eigene Wirklichkeit hinauszudenken, sich schöpferisch zu erleben, auf Neues zu treffen, Unerwartetes zu erkunden. Und im Lesen Glück zu erfahren. Eine Spur von Glück.
Eine Frau liest in einer Buchrolle. Rotfigurige »Lekythos« aus Attika,
Höhe 22 cm, um 440-430 v. Chr..
Musée du Louvre, Paris.
1. Eine lesende Frau
Eine Athenerin
Eine Lesende. Dargestellt auf einer attischen Vase des 5. vorchristlichen Jahrhunderts. Das Haar zu einem Knoten hochgebunden. Bekleidet mit einem Chiton aus feiner Baumwolle oder feinem Leinen und einem darüber liegenden Tuchmantel, dem Himation. Ihre Haartracht und die Kleidung deuten auf eine vornehme Herkunft hin. Mit beiden Händen hält sie eine geöffnete Buchrolle vor sich. Sie ist in die Lektüre eines Textes vertieft. Vor ihr am Boden befindet sich eine Büchertruhe, der sie die Schriftrolle entnommen haben mag. Das Möbel und die Tänie, eine festliche Kopfbinde, lassen erkennen, dass sie sich im Innern eines Hauses aufhält. Allein. In einem Moment innerer Ruhe, so scheint es.
Sie ist kein junges Mädchen. Sonst trüge sie ihr Haar offen auf Schultern und Rücken herabfallend, vielleicht mit einer Binde geschmückt oder zu einem Zopf gebunden, und sie wäre eher mit einem für unverheiratete junge Frauen typischen gegürteten Peplos bekleidet.
Auch eine Muse ist sie nicht. Die der mythisch-imaginären Welt angehörenden Musen finden sich im Laufe des 5. Jahrhunderts v. Chr. mehrfach auf attischen Vasenbildern in der Gemeinschaft mit musizierenden jungen Frauen dargestellt. Als mythische Vorbilder sind sie den Musikerinnen zugesellt und heben gleichsam – ihrem Musensitz entstiegen – das scheinbar alltägliche Tun in eine göttliche Sphäre. Als Beschützerinnen der Dichtkunst und der Musik stellen sie so die Frauen unter ihre Gunst. Nichts in dieser Darstellung deutet jedoch auf eine solche Berührung der beiden Welten hin, der mythischen Sphäre der Musen und der menschlich-realen Welt sterblicher Frauen.
Da jegliche Hinweise fehlen, die auf einen kultischen Zusammenhang schließen ließen, kann mit der Lesenden auch keine Priesterin gemeint sein. Und nichts spricht dafür, in ihr eine gebildete Sklavin in einem athenischen Haushalt zu sehen. Ihr gegenüber der Herrin des Hauses unfreier Status wäre etwa durch ihr kurz geschnittenes Haar ins Bild gesetzt worden.
Wer aber ist sie dann?
Wen hatte der attische Künstler vor Augen, als er diese Lekythos bemalte? Gefäße dieser Art enthielten Parfums und duftende Öle. Sie gehörten zur Toilette der Frauen oder waren für den Gebrauch bei Begräbniszeremonien bestimmt. Heute kann das kleine, mehr als zweitausend Jahre alte Salbgefäß mit der Darstellung einer lesenden Frau in der Antikensammlung des Pariser Louvre in Augenschein genommen werden. Es misst gerade einmal zweiundzwanzig Zentimeter Höhe. Für wen wurde dieses Gefäß geschaffen? Wer hatte es in Gebrauch? Die auf die Zeit um 440-430 v. Chr. datierte Lekythos wird dem sogenannten Klügmann-Maler zugeschrieben, von dem überliefert ist, dass er mit Vorliebe Szenen aus dem Frauenleben malte und dabei Frauen stets allein darstellte. Etliche Vasenbilder des 5. vorchristlichen Jahrhunderts zeigen lesende Frauen zumeist in der Gesellschaft anderer Frauen. Hier jedoch ist die in ihre Lektüre vertiefte Frau ohne Begleitung abgebildet. Eine des Lesens und wohl auch des Schreibens kundige Frau? Eine gebildete Athenerin?
Mütter und Töchter
Schenkten wir in erster Linie der von männlichen Autoren dominierten antiken Literatur Beachtung, müssten wir annehmen, dass der griechischen Frau jedweder Zugang zur Bildung verwehrt wurde. Eingeschlossen, wie sie angeblich war, schien sie ohne Teilhabe am öffentlichen Leben zu sein und ausschließlich mit Dingen der Haushaltsführung befasst. Der Lebenswirklichkeit entsprach dies nicht. Weibliche Lebenswelten beinhalteten mehr und anderes, waren vielfältiger, reicher. Dank archäologischer Zeugnisse, insbesondere der attischen Vasenbilder, und neuerer, vor allem frauenhistorischer Forschungen gelingt heute ein differenzierteres Bild der Frau in der Antike. Wertvolle Anregungen für mein Nachsinnen über die Lesende auf der kleinen Lekythos verdanke ich den Untersuchungen etlicher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum Leben und zur Geschichte der Erziehung und Bildung von Frauen im Athen der klassischen Zeit.
Eine lesende Frau – das war für die antike griechische Gesellschaft weniger ungewöhnlich, als die Geschichtsschreibung vor allem seit dem 19. Jahrhundert lange Zeit glauben ließ. Als im Verlauf der Demokratisierung der athenischen Gesellschaft eine Lese- und Schreibfähigkeit, eine allgemeine Bildung überhaupt, an Bedeutung gewann, wurde auch der Erziehung der Mädchen besondere Beachtung geschenkt. Und seit attische Vasenmaler zu Anfang des 5. Jahrhunderts v. Chr. begannen, den lesenden Menschen darzustellen, sind auch weibliche Lesende auf den Bildern zu finden. Als frühestes Beispiel gilt eine weißgrundige Lekythos aus der Zeit um 460-450 v. Chr.: Eine auf einem Klismos sitzende junge Frau liest einer vor ihr stehenden Gefährtin aus einer offenen Schriftrolle vor.
Wo hatte sie zu lesen gelernt?
Wie mag ihre Erziehung ausgesehen haben? Vieles spricht dafür, dass in klassischer Zeit eine elementare Bildung im häuslichen Umfeld erfolgte. Die Kinder, Mädchen wie Jungen, wuchsen in der Obhut ihrer Mütter und den zum Haushalt gehörenden und keineswegs ungebildeten Ammen oder Dienerinnen auf, die ihre Schritte ins Leben begleiteten und ihre Entwicklung sorgsam förderten. In wohlhabenden Familien wurde zudem für die Jungen ein Paidagogos mit Erziehungsaufgaben betraut – ein Umstand, der nicht selten auch den Mädchen der Familie zugutekam. Literarischer Überlieferung nach war für die Mädchen, anders als für die Jungen, ein Unterricht außer Hauses nicht vorgesehen, aber auch nicht ausgeschlossen. Einige Vasenbilder wissen davon zu erzählen. Der Innenteil einer rotfigurigen Trinkschale aus der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. etwa zeigt ein Mädchen, das ein Schreibtäfelchen und einen Stylos mit sich trägt. Eine junge Frau an seiner Seite hält seine Hand fest umschlossen. Wurde das Mädchen auf seinem Weg zum Unterricht außerhalb des Hauses begleitet? Oder waren sie beide Schülerinnen, vielleicht Schwestern, die zur Schule eilten? Trafen sie dort mit anderen Mädchen zusammen, um gemeinsam zu lernen? Gab es so etwas wie einen Zusammenschluss der Frauen, von Müttern, denen der Unterricht für ihre Töchter so sehr am Herzen lag, dass sie einen solchen nachbarschaftlich organisierten? Diese Überlegungen rühren von einer Darstellung auf der Außenseite dieser Schale her: Sechs etwa gleichaltrige Frauen, alle stehend abgebildet, diskutieren angeregt miteinander. Die Szene spielt in einem Frauengemach, einem Ort, an dem auf vielfältige Weise Begegnungen, Austausch und soziales Miteinander von Frauen stattfanden. Wurde hier eine alltägliche Szene auf einer Schale festgehalten? Ein Ausschnitt einer weiblichen Lebenswelt im klassischen Athen? Gaben Zusammenkünfte dieser Art den Töchtern Gelegenheit, sich zu treffen, einen wie auch immer gestalteten, außerhäuslichen Unterricht zu besuchen?
Doch nicht nur Lesen und Schreiben gehörten zum Unterricht für Mädchen. Die Musik war für den antiken Menschen im Alltag wie im Kultus von überragender Bedeutung, weshalb viel Sinnen und Trachten auf die musische Bildung der Mädchen gerichtet war. Das Spielen eines Instrumentes, das Singen wie das Tanzen waren selbstverständlich Teil der weiblichen Lebenswelt. Und nicht selten war die musische Erziehung der Mädchen unter den Schutz unsterblicher Musen gestellt, wobei der Tanz einen herausragenden Platz einnahm. Tanzschulszenen gehörten deshalb von Beginn des 5. vorchristlichen Jahrhunderts an zu den beliebten Themen der attischen Vasenmalerei. In schöne Gewänder gekleidete Tanzlehrerinnen bereiteten die jungen Mädchen mit Hingabe auf ihre Auftritte bei kultischen Feiern und Prozessionen, manchmal auch auf Wettbewerbe vor. Andere Vasenbilder lassen vermuten, dass der Musikunterricht in einem eigens für die Mädchen bestimmten Schulraum stattfand. Manche legen die Vorstellung nahe, dass Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet wurden. Ein Vasenbild aus der Zeit um 460 v. Chr. jedenfalls zeigt eine Schülerin mit ihrer Doppelflöte inmitten von Knaben in den Räumen einer Musikschule.
Ich versuche, mir die lesende Frau auf der kleinen Lekythos in jungen Jahren vorzustellen: als ein Mädchen, das lesen und schreiben gelernt hatte, das das Instrumentenspiel beherrschte, das gerne sang und tanzte. Vielleicht hatte es als Reigentänzerin an den Kultfeiern zu Ehren der Stadtgöttin Athene am Vorabend der großen Panathenäen in Athen teilgenommen? Oder an den Feiern zu Ehren Artemis’ oder Aphrodites, Heras oder Demeters? Diese festlichen Reigentänze der Mädchen zu Ehren der Göttinnen und Götter waren in verschiedenen Regionen Griechenlands weit verbreitet. Die Teilnahme der Mädchen an kultischen Festen diente ihrer Aufnahme in die Gesellschaft und gehörte wie eine musisch-literarische Erziehung zur Vorbereitung auf ihr Leben als erwachsene Frau – und das bedeutete in aller Regel ein Leben als Ehefrau und Mutter. Zahlreiche Hochzeitsdarstellungen auf attischen Vasen veranschaulichen den Wert, den die antike Gesellschaft der Ehe beimaß, nicht zuletzt auch für das Gelingen einer demokratischen Ordnung.
Und so erweist sich mir die Dargestellte auf der Lekythos schließlich als eine verheiratete Frau, als eine belesene, selbstbewusste Athenerin.
Lesen und Schreiben
Aufrecht steht sie da.
Die empfindliche Schriftrolle aus Papyrus mit beiden Händen haltend.
In der Zeit, als die Lekythos entstand, gehörten literarische wie wissenschaftliche Texte vielfach zum Alltag des griechischen Menschen, insbesondere zur Lebenswelt der Bürgerinnen und Bürger Athens, des kulturellen und politischen Zentrums der griechischen Welt. In Athen, aber auch in anderen Regionen, konnten die Menschen seit dem frühen 5. Jahrhundert v. Chr. mehrheitlich lesen und schreiben. Lesen zu können, wurde zunehmend bedeutungsvoll, für jeden Einzelnen wie für das Leben innerhalb einer demokratischen Gesellschaft. Denn für wen, wenn nicht die Bürgerschaft, wurden Gesetzestexte – in Stein gehauen – auf der Agora oder vor Heiligtümern öffentlich gemacht? Die Volksbeschlüsse sollten möglichst von vielen Menschen gelesen und verstanden werden. Und seit Langem schon waren Tonscherben in Gebrauch, die für kleine Mitteilungen, Bescheinigungen oder auch Schulübungen verwendet wurden.
So rückte der lesende Mensch seit dem frühen 5. Jahrhundert v. Chr. mehr und mehr ins Zentrum des Interesses und fand sich auf attischen Vasen dargestellt. In Schulszenen etwa, im Umgang mit Schriftrollen, mit Schreibtäfelchen und Stylos. Auch Frauen und Mädchen, in Schriftrollen lesend, musizierend, mit Literatur befasst. Denn sie waren von jeher Teil eines Kultur- und Geisteslebens, das sie mitgestalteten. Als Dichtung nicht mehr nur mündlich tradiert wurde, als griechische Dichter wie Hesiod ( um 700 v. Chr.) begannen, ihre Werke selbst niederzuschreiben, und eine schriftliche Überlieferungskultur begründet wurde, war diese Entwicklung auch von Frauen getragen. Von Frauen wie der Lyrikerin Sappho ( um 600 v. Chr.), die nicht nur ihrer Dichtungen wegen, sondern auch als Erzieherin für Mädchen in ihrer Schule auf der Insel Lesbos gerühmt und verehrt wurde. Mädchen und Frauen blieb sie über ihre Zeit und die griechische Welt hinaus ein großes Vorbild. Ebenso Kleobouline aus Lindos auf der Insel Rhodos. Viele Jahrhunderte wurde sie als »Dichterin von Rätselversen in Hexametern«, wie der spätantike Diogenes Laertios ( wohl 3. Jh. n. Chr.) sie nannte, erinnert. Weisheit und Seelengröße sowie politischer Sachverstand wurden ihr zugeschrieben. Aristoteles ( 384-322 v. Chr.) kannte ihre Verse. Und noch Plutarch ( 46-120 n. Chr.) erzählt, wie sie an dem von ihm beschriebenen Gastmahl der Sieben Weisen teilgenommen habe.
Frauen wie Sappho oder Kleobouline waren keineswegs Ausnahmen.
Der Schule des Pythagoras aus Samos ( um 570-510 v. Chr.) haben zahlreiche Philosophinnen angehört, etwa die vielgerühmte Theano aus Kroton oder auch Periktyone, deren philosophische Abhandlungen fragmentarisch überliefert sind. In Briefform blieben Schriften der Pythagoreerinnen erhalten, die zu einem großen Teil an Frauen gerichtet waren. Und wiederum durch Diogenes Laertios ist die Nachricht überliefert, dass Pythagoras einen großen Teil seiner Arbeiten zur Ethik einer Frau, der Priesterin Themistokleia zu verdanken habe. So sind immerhin einige Namen gebildeter Frauen überliefert, die ihren Einfluss innerhalb der antiken Gesellschaft geltend machten und Anteil am kulturellen und politischen Geschehen ihrer Zeit hatten. Und als in klassischer Zeit die schriftliche Aufzeichnung literarischer sowie wissenschaftlicher Werke immer breiteren Raum einnahm, als wissenschaftliche Abhandlungen, epische Dichtungen und lyrische Werke auf Papyrus niedergeschrieben und schließlich, durch Abschriften vervielfältigt, einem lesenden Publikum zugänglich wurden, da gehörten selbstverständlich auch Frauen zum Adressatenkreis der entstehenden Literatur, Frauen wie die Lesende auf der kleinen Lekythos.
Eine Welt der Bücher
Wie kam sie in den Besitz der kostbaren Papyrusrolle?
Die Wertschätzung von Wissen und Bildung und der Wunsch, selbst zu lesen, hatten eine steigende Nachfrage nach Büchern zur Folge. Das Buch, gemeint sind in dieser Zeit stets Rollen aus Papyrus, war bald aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Und so entstand bereits im Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr. ein reger Buchhandel. Die vervielfältigten Dramen, Tragödien und Komödien, lyrische Texte sowie philosophische und geschichtliche Werke konnten auf dem Markt erworben werden, wo sie wie andere Waren angeboten wurden. Und wer in der athenischen Bürgerschaft es sich leisten konnte, legte sich eine mehr oder weniger umfangreiche private Sammlung von Texten zu. Diese Entwicklung einer Lesekultur blieb nicht auf die Grenzen Athens beschränkt. Die Herstellung und das Lesen von Büchern verbreiteten sich über Athen hinaus bis in entfernte Gebiete der hellenistischen Welt.
Jede Buchrolle war ein handschriftliches Unikat, zeitaufwendig in der Herstellung, kostspielig in der Anschaffung und durchaus eine Frage hohen sozialen Ansehens. Da es eine öffentliche Buchausleihe noch nicht gab, war, wer auf Bildung Wert legte, wer für seine wissenschaftliche Arbeit Bücher benötigte oder wer zum Vergnügen lesen wollte, auf die Einrichtung einer privaten Büchersammlung angewiesen. Der Kauf einer Schriftrolle stellte dabei eine Möglichkeit dar. Eine andere war, selbst für Abschriften vorhandener Texte zu sorgen. Nicht immer war ein gewünschtes Werk auf dem Buchmarkt vorhanden, manchmal war es einfach unerschwinglich. So war das Anfertigen einer Abschrift in Eigenregie eine willkommene Alternative. Und da es ein Urheberrecht in unserem Sinne nicht gab, waren der Vervielfältigung von Texten keine Grenzen gesetzt. Wer über genügend Papyrus und Schreibgeräte verfügte, lieh sich ein Buch etwa im Freundeskreis aus und kopierte den Text eigenhändig. Wer es wünschte und finanzieren konnte, mochte auch einen Schreiber – vielleicht eine Schreiberin – oder ein Skriptorium mit der Abschrift eines Werkes beauftragen. Diese Art der Vervielfältigung von Texten blieb bis zur Erfindung des Buchdruckes in der Mitte des 15. Jahrhunderts die einzige Möglichkeit zur Verbreitung von Literatur – zweitausend Jahre lang.
Ihren Platz fanden die empfindlichen Buchrollen in der Regel in eigens dafür vorgesehenen Büchertruhen innerhalb des Wohnraums der Familie. Ein schönes Beispiel einer solchen Truhe steht zu Füßen der lesenden Athenerin auf der kleinen Vase. Diese Vasenbilder des 5. vorchristlichen Jahrhunderts sind früheste Zeugnisse für das Vorhandensein und den Umgang mit Büchern im Alltag der Athenerinnen und Athener. Und es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass antike Dichterinnen und Dichter in großem Umfang Bücher sammelten. Von Euripides ( 480-406 v. Chr.) oder Aristophanes ( 450-380 v. Chr.) beispielsweise wird dies berichtet. Ohne ihre eigenen Büchersammlungen hätten auch die Philosophen und Philosophinnen, etwa die in Athen lehrende Philosophin und Verfasserin vieler Schriften Arete von Kyrene ( um 400-330 v. Chr.), ihre Arbeit schwerlich bewältigen können. Platon ( um 427-347 v. Chr.) nannte eine große Bibliothek sein eigen, und die legendäre Bibliothek seines Schülers Aristoteles galt später als eine der bedeutendsten ihrer Zeit. All dies hatte zu einer enormen Belebung des Buchmarktes beigetragen. Und Platons Akademie ( gegr. 388 v. Chr.) sollte zum Vorbild für spätere Forschungsstätten mit angrenzender wissenschaftlicher Bibliothek werden. Seinem Schülerkreis ( !) hatten auch Frauen angehört. Die Namen von zwei Teilnehmerinnen, Axiothea von Phleius und Lastheneia, finden sich in einem Bericht des Diogenes Laertios, ebenso der Hinweis, dass Axiothea als Mann gekleidet die Akademie besucht habe. Zwei zufällig überlieferte Namen? Namen jedenfalls, die der Frage Nahrung geben, wie groß die Zahl gelehrter Frauen, die Zahl der Teilnehmerinnen philosophischer Akademien tatsächlich gewesen sein mag.
Und die lesende Athenerin?
Hatte sie die Papyrusrolle auf dem Markt erworben? Hatte sie eigenhändig eine Abschrift angefertigt, vielleicht aber auch eine solche in Auftrag geben? Die geöffnete Büchertruhe vor ihr lässt darauf schließen, dass sie über eine eigene Sammlung von Texten verfügte. Der Besitz von Büchern war für athenische Frauen keineswegs ungewöhnlich. Literarische und bildliche Quellen bezeugen dies. Und da Papyrusrollen auf attischen Vasenbildern stets einen literarischen Text enthalten, sind die Büchertruhe wie die Schriftrolle in den Händen der Lesenden auch Ausdruck ihrer literarischen Bildung. Ruhig und konzentriert tritt sie in Erscheinung. Als eine an Literatur und Kultur ihrer Zeit interessierte, gebildete Frau im Athen der klassischen Zeit.
In Frauenräumen
Und was liest sie?
Einen lyrischen Text? Bereitet sie eine Rezitation möglicherweise im Kreise von Freundinnen vor? Unterschiedliche Frauengemachszenen, bei denen zwei oder mehrere Frauen miteinander musizieren und aus geöffneten Schriftrollen rezitieren, sind auf Vasen abgebildet: Frauen beim Spielen verschiedener Musikinstrumente, der Lyra, der Kithara, des Barbitons oder des Aulos. Sie singen oder verbinden gelegentlich die Musik mit dem Vortrag eines lyrischen Textes.
Gründe, sich zu treffen, gab es viele. Das Barbiton, ein mit der Liebeslyrik eng verbundenes Saiteninstrument – besonders wenn auf Darstellungen ein kleiner Eros mit im Spiel ist –, deutet auf ein Treffen von Freundinnen im heiratsfähigen Alter hin, die von der Liebe singen. Oder die anlässlich von Hochzeitsfeierlichkeiten Abschied nehmen von ihrer Gefährtin, die als junge Braut an der Schwelle zu ihrem Leben als Ehefrau, als Gyne steht. Trugen sie vielleicht bei dieser Gelegenheit sapphische Hochzeitslieder vor?
Aber nicht nur die Vorbereitung von Hochzeitsfeiern nahmen Frauen zum Anlass, gemeinsam Zeit zu verbringen. Vasenbilder zeigen Szenen, in denen das Musizieren in Frauenräumen und die Beschäftigung mit Literatur keine Seltenheit waren. Und es scheint, als seien diese Zusammenkünfte nicht allein den Mußestunden der Frauen vorbehalten gewesen, sondern konnten gelegentlich auch im Rahmen eines häuslichen Wettbewerbs unter Frauen stattfinden, bei dem neben der Musik auch Dichtung vorgetragen wurde.
War die Lesende auf der Lekythos eine Lehrerin?
War sie im Begriff, ihren Unterricht vorzubereiten? Auch ohne den Besuch einer öffentlichen Schule blieben Mädchen in klassischer Zeit nicht ohne geregelten Unterricht, der etwa im Frauengemach eines Hauses oder in einem besonderen Schulraum für Mädchen stattfinden konnte und von Lehrerinnen – wenn nicht gar von Müttern selbst – gegeben wurde. Suchte sie als Lehrerin jungen Mädchen Kenntnisse im Lesen, im Schreiben oder im Rechnen beizubringen? Machte sie sie mit der Literatur ihrer Zeit bekannt? Vermittelte sie ihnen die Freude am Lernen?
Vielleicht war die Lesende aber auch in das Studium einer philosophisch-wissenschaftlichen Abhandlung vertieft ? Vielleicht hatte sie einfach für sich lesen wollen und ein Alleinsein der Gesellschaft mit anderen Frauen vorgezogen? Wissenschaftliche Schriften waren seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. entstanden und seit jeher – anders als literarische Texte – für die stille Lektüre, das vertiefende Selbststudium bestimmt. Und nichts spricht dagegen, dass Frauen zu den Leserinnen dieser Schriften gehörten. Es ist bekannt, dass auch sie in klassischer Zeit den Philosophenschulen angehörten, dass ihnen der Zutritt zu philosophisch-wissenschaftlichen Kreisen nicht grundsätzlich verwehrt war und dass sie selbst philosophische Schriften hinterließen. Die Philosophie war keineswegs eine männliche Domäne.
Oder war die Lesende mit einem Theaterstück befasst, das ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm? Hatte sie das Theater besucht und die Aufführung eines Dramas erlebt ? Denkbar ist es, denn nirgends in der antiken Literatur wird den attischen Frauen der Besuch des Theaters ausdrücklich untersagt. Aufgrund der religiös-kultischen Bedeutung des Theaters zu Ehren des Dionysos werden auch Frauen die dramatischen Aufführungen besucht haben. Ob ein solcher Besuch eher den wohlhabenden Frauen vorbehalten war, ob Frauen wegen der politischen Bedeutung des Theaters vor allem mit Plätzen in den hinteren Sitzreihen vorliebnehmen mussten, ob gebildete, angesehene Frauen eher Tragödien als Komödien bevorzugten, ob sie nun allein, in Begleitung von Freundinnen oder einer Dienerin das Theater besuchten – alle diese Fragen bleiben noch ohne Antwort.
Außerhalb des Hauses
Stand die Lektüre der lesenden Athenerin vielleicht im Zusammenhang mit einem der zahlreichen, in archaische Zeiten zurückreichenden Frauenfeste, die das Wachsen und Gedeihen der Natur günstig beeinflussen sollten? Mit den bedeutenden Thesmophorien beispielsweise, die zur Zeit der Aussaat in der gesamten griechischen Welt zu Ehren der Demeter und der Kore von Frauen gemeinschaftlich gefeiert wurden? Oder den ebenfalls Demeter geweihten Haloen, die zur Zeit der Wintersonnenwende stattfanden? Diese von Frauen mehrmals jährlich veranstalteten und nur ihnen zugänglichen Feste spielten im Jahreslauf und für das soziale Miteinander der Frauen außerhalb des Hauses eine bedeutsame Rolle. Tanz, Musik, Rezitationen und feierliche Prozessionen begleiteten diese manchmal mehrere Tage dauernden kultisch-religiösen Festlichkeiten, bei denen einige Frauen mit besonderen rituellen Aufgaben betraut waren. Die das Jahr rhythmisierenden Feste nahmen im Leben der Frauen einen herausragenden Platz ein. Und in einer Gesellschaft, in der Religion und Politik nicht getrennt voneinander gedacht wurden, war die Ausübung dieser Kulte gleichsam für das Selbstverständnis und den politisch-sozialen Zusammenhalt der gesamten Polisgemeinschaft von großer, stabilisierender Wirkung.
Doch auch sonst, nicht nur bei den Frauenfesten, bei Hochzeiten, Geburtsfeiern oder Begräbnissen lebten Frauen in einem weit gefächerten Beziehungsnetz. Sie kannten sich. In der Nachbarschaft. Im Demos. Und aus diesem Kreis wählten sie ihre Leiterin für das Fest der Thesmophoria.
Als Nachbarinnen und Freundinnen, als Ratgeberinnen, als Vertraute tauschten sie nicht nur Neuigkeiten aus, sondern auch Dinge des täglichen Lebens. Sie halfen sich mit Haushaltsgegenständen aller Art aus, mit Salz, mit Kerzendochten, mit Opferkränzen. Und nicht nur das. Sie verliehen ihre Kleider, ihren Schmuck und selbst Geld, wenn es nötig war. Das setzte nicht nur gegenseitiges Vertrauen voraus, sondern auch die Möglichkeit, sich außerhalb des Hauses frei zu bewegen, soziale Kontakte wahrzunehmen und zu pflegen und freie Zeit mit Freundinnen zu verbringen. Es war keineswegs unüblich, dass Frauen zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten das Haus verließen, um zum Beispiel einer Nachbarin oder Freundin oder der eigenen Tochter im Kindbett beizustehen. Zwar gab es Hebammen und medizinisch gebildete Frauen, die Geburtshilfe leisteten, aber es war von alters her eine weibliche Tradition, dass Frauen gebärenden Frauen zur Seite standen.
Andere Momente der Begegnung ergaben sich schließlich beim Wasserholen am Brunnen – wenn auch eher für Frauen, die diese Arbeit nicht einer Dienerin übertragen konnten und also selbst Wasser holten, ihre Wäsche selbst wuschen, als Kleinhändlerinnen auf der Agora arbeiteten, ihre Gartenprodukte anboten oder Feldarbeit verrichteten. Gleichgültig welcher sozialen Schicht die Frauen angehörten, auf die eine oder andere Weise flochten sie alle ein soziales Beziehungsnetz, das eigenen Gesetzmäßigkeiten und Traditionen folgte. Es wird ein Handeln von Frauen sichtbar, das über persönliche Belange und den Familienzusammenhalt hinaus auch auf das Wohlergehen der Gesamtheit der Polis gerichtet war. Insofern war jedwede Arbeit der Frauen, sei es im Haus, im Kultus, in sozialen wie medizinischen Belangen oder im Handel und Handwerk, immer auch von politischer Bedeutung und für das soziale Zusammenleben von Frauen und Männern innerhalb der athenischen Gesellschaft von unverzichtbarem Wert – diese Gesellschaft hätte ohne die Arbeit von Frauen nicht gelingen können.
Weibliche Lebenswelten
So entfaltet sich vor meinen Augen auf einer kleinen attischen Vase mit einer lesenden Frau ein Kosmos weiblicher Lebenswelten.
Malerinnen und Maler schufen Bilder weiblicher Lebensräume: arbeitende, rezitierende, musizierende und eben auch lesende Frauen. Dass Frauen ein Handwerk ausübten, dass sie beispielsweise Vasenbilder schufen, zeigt die Darstellung auf einer rotfigurigen Hydria ( um 460 v. Chr.) aus einem Frauengrab in Ruvo ( Apulien): Eine mit einem Chiton und Mantel bekleidete und durch ihre Haartracht als Freie gekennzeichnete Frau ist dabei, die Volute eines Kraters zu bemalen. Und immerhin ist durch die Signatur auf zwei attischen Vasen der Name einer Malerin namens Timagora überliefert. Timagora und andere in Töpferwerkstätten arbeitende, namentlich nicht genannte Frauen lassen erahnen, dass »weibliche« und »männliche« Arbeitswelten auf vielfältige Weise einander berührten. Wie viele Arbeiten von Frauen möglicherweise mit der Signatur des Vaters, des Bruders oder des Ehemannes versehen in die Geschichte eingegangen sind, wird ein Geheimnis dieser Geschichte bleiben.
Diejenigen Menschen, die die kostbaren Gefäße schließlich in Gebrauch nahmen – Amphoren für das Aufbewahren von Ölen und Weinen, Alabastren und Lekythen als Behältnisse für Parfums, Hydrien für das Wasserholen am Brunnen, Lutrophoren für Hochzeits- und Begräbnisrituale –, hielten eine reiche Bilderwelt in ihren Händen. Sie werden ihre Freude daran gehabt und die Bilder und Botschaften als Teil ihres Lebensumfeldes wahrgenommen haben. Diese für den täglichen Gebrauch wie für den Ritus geschaffenen Gefäße mit ihren Bildschöpfungen waren so begehrt, dass sie sich über Athen und Griechenland hinaus im gesamten Mittelmeerraum verbreiteten.
Die Frage, inwiefern die Vasenbilder lesender oder musizierender Frauen der Lebenswirklichkeit attischer Frauen entsprachen oder eher Wunschbilder einer idealen Frauenwelt verkörperten, mag im Raum stehen bleiben. Ich lese die Vasenbilder indes als Wertschätzung weiblicher Lebenswelten. Ein Bild wie das der Lesenden auf der Lekythos spiegelt in meinen Augen eine große Bildungsoffenheit gegenüber Frauen und Mädchen und ihre Teilhabe am kulturellen Leben im Athen der klassischen Zeit. An diese weibliche Tradition mögen nachfolgende Generationen von Frauen angeknüpft haben. Das Bild einer in ihre Lektüre vertieften Frau auf einer attischen Vase mag die Helleninnen ermutigt und inspiriert haben, die erweiterten Bildungsmöglichkeiten durch staatliche Schulen und öffentliche Bibliotheken selbstbewusst zu nutzen und damit den Faden einer weiblichen Bildungsgeschichte weiterzuspinnen. Mich hat die Lesende inspiriert, den Anfang dieses Fadens zu suchen.
Literatur
Bérard, Claude / Vernant, Jean-Pierre u. a.: Die Bilderwelt der Griechen. Schlüssel zu einer »fremden« Kultur, übersetzt von Ursula Sturzenegger, Mainz 1985 ( Kulturgeschichte der Antiken Welt, Band 31).
Blanck, Horst: Das Buch in der Antike, München 1992.
Bruit Zaidmann, Louise: Die Töchter der Pandora. Die Frauen in den Kulten der Polis, in: Schmitt Pantel, Pauline ( Hrsg.), Geschichte der Frauen, Band 1: Antike, Berlin 2012 ( Sonderausgabe), S. 375-415.
Engels, David: Zwischen Philosophie und Religion. Weibliche Intellektuelle in Spätantike und Islam, in: Groß, Dominik ( Hrsg.), Gender schafft Wissen – Wissenschaft Gender? Geschlechtsspezifische Unterscheidungen und Rollenzuschreibungen im Wandel der Zeit, Kassel 2009 ( Studien des Aachener Kompetenzzentrums für Wissenschaftsgeschichte, Band 4 ), S. 97-124.
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Zwei Frauen im Gespräch über ihre Lektüre.
Fresko aus Pompeji, 1. Jahrhundert n. Chr. ( vor 79 ).
Museo Archeologico Nazionale, Neapel.
2. Zwei Frauen im Gespräch über ihre Lektüre
Colloquio di donne
Zwei Frauen im Gespräch über ihre Lektüre.
Diese Bildunterschrift wird einem Fresko des 1. nachchristlichen Jahrhunderts zugeschrieben, das Angaben des Bildarchivs Preußischer Kulturbesitz zufolge aus Pompeji stammt und dort den Raum einer Villa schmückte. Welche der pompejanischen Villen gemeint ist, bleibt offen. War es tatsächlich Pompeji, wo diese Wandmalerei entstand? Entstammt das Fresko möglicherweise einer Villa im nahe gelegenen Herculaneum? Oder einem römischen Wohnhaus in einer der anderen süditalienischen Städte ? Allen Nachforschungen zum Trotz lassen sich diese Fragen gegenwärtig nicht beantworten, auch nicht die, wo das Fresko aufbewahrt wird und ob es überhaupt noch existiert.
Das Berliner Bildarchiv gibt als Standort das Archäologische Nationalmuseum in Neapel an. Da das Fresko nach Auskunft des Museums dort weder im Literaturverzeichnis noch in graphischen Reproduktionen des 19. Jahrhunderts erscheint, wird angenommen, dass es Anfang des 20. Jahrhunderts in das Museum gelangte, ohne dass es inventarisiert worden wäre.
Wie gerne wüsste ich etwas über seine Herkunft und den heutigen Standort. Würde das Fresko selbst in Augenschein nehmen wollen. Seiner Wirkung nachspüren. Wer gab vor beinahe zweitausend Jahren den Impuls zu dieser Malerei ? Für wen war sie gedacht ? Wer erfreute sich daran ? Ich nähere mich dem Bild mit Staunen, mit Bewunderung, mit vielen Fragen.
Zwei Frauen im Gespräch. Ruhig und gelassen.
Eine der beiden hält eine geöffnete Papyrusrolle in ihren Händen. Sie steht vor ihrer Gefährtin, ihren rechten Fuß auf ein niedriges Podest gestützt. Sie scheint auf ihre Lektüre konzentriert. Trägt sie der vor ihr sitzenden Frau eine Textpassage vor? Diese ist in ihrer Haltung ganz der Gesprächspartnerin zugewandt. Mit dem linken Arm stützt sie sich auf ihren Sitz, die rechte Hand liegt entspannt in ihrem Schoß. Hinter ihr lehnt eine Lyra oder Kithara an einem Steinsockel. Der Sockel und die Andeutung einer Säule im Hintergrund legen die Vermutung nahe, dass die Frauen sich im hinteren Teil des Hauses, dem zu einem Peristyl gestalteten Gartenbereich aufhalten. Sie könnten Freundinnen sein.
Beide tragen die während der römischen Kaiserzeit traditionelle Frauenkleidung: ein langes, gegürtetes Untergewand, die Tunica, darüber eine für verheiratete Römerinnen standesgemäße und bis zu den Knöcheln reichende farbige Stola. Wohlhabende Frauen bevorzugten als Stoff eine leichte Baumwolle oder gar Seide. Und sie verzichteten ungern auf ihren reichhaltigen Schmuck: Spangen, Ohrringe, Armbänder und Ketten, Diademe oder mit Gold sowie Edelsteinen besetzte Bänder für ihr Haar. Auch das im Nacken zu einem kunstvollen Knoten gebundene Haar, das manchmal durch ein mit Goldfäden durchwirktes Haarnetz zusammengehalten wurde, gehörte zum typischen Erscheinungsbild einer verheirateten Frau. Nur die jungen, noch unverheirateten Mädchen trugen ihr Haar lang und ungebunden und konnten sich in der Öffentlichkeit auch ohne Kopfbedeckung frei bewegen.
Ein Colloquio di donne also.
So lautet die Auskunft des Archäologischen Nationalmuseums in Neapel. Dass tatsächlich zwei Frauen dargestellt sind, zeige ein Vergleich mit anderen ähnlichen Bildern gleicher Dimension und gleichen Stils.
Die Szene lässt mich an die Zeit griechischer Klassik denken, als das Lesen weitgehend ein Gemeinschaftserlebnis war, als literarische Texte aus Buchrollen vorgetragen wurden, sei es in einer größeren Öffentlichkeit, in kleinerer Gesellschaft oder auch zu zweit wie hier am Beispiel der beiden Frauen. Das Lesen für sich allein nahm im Leben des antiken Menschen erst allmählich größeren Raum ein, wobei das individuelle Lesen noch lange Zeit ein mehr oder weniger lautes Sichvorlesen bedeutete, zumindest literarischer Texte. Das Alleinsein mit der Lektüre, das stille Sichvertiefen in einen Text, wie wir es heute kennen, begann in hellenistischer Zeit gebräuchlicher zu werden, gleichwohl wurde das gemeinsame Hören und Lesen von Literatur noch über Jahrhunderte hinweg beibehalten.
Von einem solchen Moment erzählt das Wandbild aus Pompeji, von einem Moment der Begegnung zweier Frauen, im Gespräch über ihre Lektüre. Ich geselle mich zu ihnen, versuche ihnen zuzuhören, ihre Zusammenkunft zu ergründen, mich ihrer Lebenssituation im ersten nachchristlichen Jahrhundert zu nähern.
Geschichtliche Streifzüge
Zwischen den beiden Frauen aus Pompeji und der lesenden Athenerin auf der kleinen attischen Vase des 5. vorchristlichen Jahrhunderts liegt ein Zeitraum von fünfhundert Jahren. Eine Zeit, die der antiken Welt ein vollkommen neues Gesicht gab.
Griechische Kunst und Kultur, griechisches Denken, griechische Lebensweise und die griechische Sprache waren durch einen beispiellosen, mit dem großen Alexanderzug beginnenden Eroberungswillen bis in weit entfernte Gebiete getragen worden, im Osten bis nach Indien, im Süden bis nach Ägypten. Neue Herrschaftsgebiete entstanden. Städte wurden nach dem Vorbild griechischer Poleis gegründet. Sie gerieten zu Brennpunkten der Hellenisierung der Welt, in der griechische Kunst und Kultur im Aufeinandertreffen mit fremden Welten auch zu neuer Blüte und zu neuen Formen fand. Regionale und kulturelle Vielfalt kennzeichnen das Bild der hellenistischen Welt, in der das Griechische stets tonangebend blieb.
Als die Römer seit der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. in diese Welt vordrangen und auch den östlichen Mittelmeerraum zu dominieren begannen, verloren die hellenistischen Städte und Königreiche ihre politische Macht, nicht aber ihre kulturelle Ausstrahlung. Von Anfang an prägte die hellenistische Kultur den Gang der römischen Geschichte und durchdrang die Lebenswelt einer römischen Aristokratie und wohlhabenden Bürgerschaft, von Männern wie von Frauen. Sie adaptierten und transformierten griechisch-hellenistische Kunst und Architektur, griechische Lebensart, griechische Ideen, orientierten das Erscheinungsbild ihrer Städte sowie ihren Lebensstil an griechisch-hellenistischen Vorbildern. Von den Griechen übernahmen sie die Wertschätzung von Bildung und Wissen, übersetzten ihre Werke ins Lateinische, füllten ihre Bibliotheken und privaten Büchersammlungen mit lateinischer wie griechischer, zumeist gewaltsam erbeuteter Literatur. In der römischen Gesellschaft galt es bald als vorbildlich, in beiden Sprachen bewandert zu sein, Griechisch wie Lateinisch sprechen und schreiben zu können. Bildung im Sinne der griechischen paideia beförderte das soziale Ansehen römischer Familien und trug nicht unwesentlich dazu bei, ihnen politischen Einfluss und Geltung in der Welt zu verschaffen.
So überrascht es nicht, dass Bildung und Gelehrsamkeit auch in der römischen Welt zum Bildthema wurden, beispielsweise auf Wandbildern der zunehmend prachtvoller ausgestatteten römischen Stadthäuser und Villen auf dem Lande. Buchrollen und Behältnisse zu ihrer Aufbewahrung sowie diverse Schreibutensilien symbolisierten eine zum Lebensalltag gehörende Bildungsoffenheit. Auch wenn darin ein Repräsentationsbedürfnis bildungsbeflissener Familien zum Ausdruck kommt, spiegeln die Sammlung von Büchern und die sorgfältige Gestaltung der Bibliotheken und Leseräume innerhalb des Hauses zugleich die Bedeutung wider, die der Bildung und der Beschäftigung mit Literatur beigemessen wurde. Während der späten Republik und vor allem in der römischen Kaiserzeit war das Lesen und Schreiben in weiten Teilen der Bevölkerung, auch unter der einfachen Landbevölkerung sowie der großen Gruppe der Sklaven und Freigelassenen, verbreitet und eine für das tägliche Leben auch notwendige Fähigkeit, nicht zuletzt in den städtischen Zentren des römischen Reiches.
Lesen jedenfalls öffnete das Tor zu griechischer Kunst und Kultur, und das Bedürfnis nach Literatur war entsprechend groß. Römische Verlage, ein florierender Buchhandel und Schreibstuben zur Vervielfältigung der Werke trugen denn auch zu einer raschen Verbreitung von Literatur im gesamten Imperium bei. Und zu den Lesenden gehörten selbstverständlich auch Frauen.
Frauen aus Pompeji
Das veranschaulicht das Wandbild aus Pompeji auf schöne Weise.
Pompeji, anfangs eine kleine stadtähnliche Siedlung in Kampanien, zu Füßen des Vesuvs gelegen, war mit einem milden Klima, mit fruchtbaren Böden und aufgrund seiner Lage am Fluß Sarno mit günstigen Handelsbedingungen für seinen Wein, für Öl und Gemüse gesegnet. Durch eine Jahrhunderte andauernde wechselvolle Siedlungsgeschichte geprägt, erhielt Pompeji nach langen Perioden der Hellenisierung schließlich in der letzten Phase seiner Existenz als römische Veteranensiedlung seit 80 v. Chr. das Erscheinungsbild einer typisch römischen Stadt mit öffentlichen Bauten, einem Amphitheater, mit Thermen und Tempeln, Villen und Wohnhäusern für die Bevölkerung. Diese Stadt, die aufgrund des verheerenden Ausbruchs des Vesuvs im Jahre 79 n. Chr. von einer meterhohen Schicht vulkanischer Asche, von Bims- und Lavagestein gänzlich zugeschüttet wurde und gerade dadurch der Nachwelt in weiten Teilen erhalten blieb, haben wir heute – dank archäologischer Forschungen wieder ans Tageslicht gehoben – vor Augen, wenn wir den Namen Pompeji hören. Hier waren die beiden Frauen zu Hause.
Es sind vor allem die farbenprächtigen Wandmalereien, mit denen die Wohnhäuser nach hellenistisch-römischem Vorbild in unglaublicher Vielfalt ausgestattet wurden und die unsere Vorstellungen von der Lebenswelt in Pompeji und seinen benachbarten kampanischen Städten beflügeln. Szenen aus der griechischen Mythologie und der Alltagswelt sowie illusionistische Architekturelemente schmückten die Wände. Landschaften und Naturdarstellungen wurden ins Innere des pompejanischen Hauses geholt und machten es zu einem Zeugnis eines neuen gehobenen Lebensstils, der sich an der Welt einer römischen Aristokratie orientierte. Der Phantasie waren praktisch keine Grenzen gesetzt. Dabei werden individuelle Interessen und Vorlieben der Bewohnerinnen und Bewohner die Wahl der Bildmotive für die Gestaltung der Wände bestimmt haben.
Das Fresko mit den beiden lesenden Frauen trug zweifellos zur Verschönerung des Hauses bei, für das es einstmals geschaffen wurde. Es mag ein Bedürfnis nach Selbstdarstellung gestillt haben, wie es für die römische Bildkunst noch bis in die Spätantike hinein charakteristisch war. Und es mag auf seine Weise geeignet gewesen sein, eine besondere Bildungsoffenheit zur Geltung zu bringen, umso mehr, als hier zwei Frauen zur Darstellung kamen. Ein erstaunliches Motiv? Oder eine alltägliche Szene? Ein Blick auf die Lebenswelt pompejanischer Frauen? Auf ihre Gelehrsamkeit? Ihre Teilhabe am kulturellen Geschehen, ihre Auseinandersetzung mit Kunst und Literatur? Wurde hier für alle sichtbar ins Bild gesetzt, was zum Selbstverständnis der Frauen gehörte?
Stille und Besonnenheit kommen mir entgegen, wenn ich die beiden Frauen betrachte. Konzentriert und mit großem Ernst scheinen sie ihren Studien nachzugehen. Trafen sie regelmäßig zusammen, um gemeinsam zu lesen, sich auszutauschen und sich gegenseitig zu fördern? Oder einfach ihre Liebe zur Literatur miteinander zu teilen? Woher kannten sie sich? Wie kann ich mir von ihrer Lebenswelt ein Bild machen? Auch von ihrem Leben als heranwachsende junge Frauen?
Der Erziehung der Mädchen wurde in der römischen Welt nicht weniger Aufmerksamkeit zuteil als in der griechisch-hellenistischen Antike. Sie lag im Ermessen der Eltern, die über Art und Umfang der Bildung ihrer Töchter entschieden und damit die Weichen für deren Lebensgestaltung stellten. In wohlhabenden Familien erhielten Mädchen und Jungen vom sechsten oder siebten Lebensjahr an gemeinsam einen häuslichen Elementarunterricht, der, wenn nicht von privaten Lehrern oder Lehrerinnen gegeben, oftmals von den Müttern der Kinder selbst erteilt wurde. In Rom besuchten die Mädchen, auch die aus weniger begüterten Elternhäusern, gemeinsam mit den Jungen Elementarschulen. Ein solcher Schulbesuch war für die Mädchen lebensbestimmend, denn lesen und schreiben zu können war für viele Berufe von Frauen unerlässlich: für die Erzieherinnen und Vorleserinnen, für Schreiberinnen, für Buchhalterinnen wie Händlerinnen und besonders für Ärztinnen, Apothekerinnen und Hebammen. Anders als für die Jungen war es für Mädchen im Alter von vierzehn Jahren nicht üblich, auf weiterführende Schulen zu wechseln. Ihre Bildung, etwa die Vertiefung ihrer Kenntnisse in griechischer oder lateinischer Literatur, erfolgte unter günstigen Gegebenheiten durch privaten Unterricht. Viele Mädchen suchten davon Gebrauch zu machen, suchten nach Möglichkeiten, selbstbewusst ihr Leben zu gestalten, als Ehefrau, als Vorsteherin eines Haushaltes, als Erzieherin ihrer Kinder und durch die Ausübung eines Berufes. Für welchen Lebensweg mochten sich die beiden Frauen auf dem pompejanischen Fresko entschieden haben?
»Kennen sollst du auch Sappho …« ( Ovid)
Und was waren sie im Begriff zu lesen?
Welcher Text hatte ihr Interesse entfacht ? Ein Epos? Ein Lehrgedicht? Ein Drama? Sprachen sie über einen lyrischen Text? Setzten sie sich mit einer philosophischen Abhandlung auseinander? Was sie lasen, wird von ihren Interessen, ihrer Vorbildung, ihrem sozialen Umfeld und schließlich auch von ihrem Lebensalter bestimmt worden sein.
Den jungen Leserinnen beispielsweise empfahl der Dichter Ovid ( 43 v.-17 n. Chr.) im dritten, eigens an Frauen gerichteten Buch seiner Ars Amatoria, eines kurz vor der Zeitenwende erschienenen Lehrgedichtes über die Liebe, eine bestimmte Auswahl griechischer wie lateinischer Werke, unter denen seine eigenen nicht fehlten – aber auch nicht die der griechischen Dichterin Sappho ( um 600 v. Chr.). Ihre Lyrik hatte seit Jahrhunderten nichts von ihrer Anrührung verloren. »Nota sit et Sappho« – »Kennen sollst du auch Sappho«, hatte Ovid geschrieben. Seine Literaturempfehlung galt insbesondere der elegischen Dichtung, in der persönliche Belange, allen voran die das gesamte Lebensgefühl beherrschende Liebe, in erotisch gefärbte Verse gegossen waren. Dass die Elegiker ihre nonkonformen Dichtungen vorzugsweise an ein weibliches Publikum, an eine von ihnen imaginierte gebildete junge Frau, die puella docta, als Leserin richteten, wird ältere Frauen nicht vom Lesen der Liebeslyrik abgehalten haben. Und umgekehrt: Galten philosophische Schriften, Reden oder Werke der Geschichtsschreibung eher den verheirateten oder verwitweten gebildeten Frauen, den matronae doctae, als zuträglich, bedeutete dies keineswegs, dass nicht auch jüngere Frauen sich ernsthaft damit auseinandersetzten.
Ambitionierte Frauen wie die beiden auf dem pompejanischen Fresko, daran zweifle ich nicht, werden selbstbestimmt über Art und Umfang ihrer Lektüre entschieden haben, sei es aus beruflichen Gründen, aus wissenschaftlichem Interesse, sei es zur eigenen Erbauung oder der Geselligkeit wegen, vorausgesetzt, Bücher standen ihnen in dem gewünschten Umfang zur Verfügung. Weder in Pompeji noch in den anderen vom Vesuv verschütteten Städten Kampaniens sind für die späte Republik oder die frühe Kaiserzeit größere öffentliche Bibliotheken – ähnlich denen in Rom – nachgewiesen worden. Archäologische Ausgrabungen förderten jedoch private Büchersammlungen zutage: Räume innerhalb des pompejanischen Hauses, in denen Bücher und Bücherschränke vorhanden gewesen waren oder die aufgrund von Inschriften, Wandmalereien mit Lesenden oder aufgestellten kleinen Büsten antiker Schriftsteller als Bibliotheksräume angesehen werden. In unmittelbarer Nachbarschaft zu den Bibliotheksräumen, die wohl vorwiegend zur Aufbewahrung der Bücher dienten, gab es in der Regel kleinere Räumlichkeiten, cubicula, in denen ungestört gelesen oder auch rezitiert und diskutiert werden konnte. Die Bibliotheks- und angrenzenden Leseräume befanden sich sorgsam platziert im hinteren Bereich des Hauses, an Peristylen gelegen, dort, wo die ersehnte Ruhe und Konzentration auf die Lektüre am ehesten gegeben waren. Es scheint, als haben sich auch die beiden ins Gespräch vertieften Frauen dorthin zurückgezogen. Um unter sich zu sein, durch keinerlei Ablenkung gestört.
Das Vorhandensein einer privaten Bibliothek erleichterte natürlich den Zugang zur Literatur. Die familiäre Situation, das Interesse an Literatur und das Leseverhalten innerhalb der Familie, spielten für die Bildung der Mädchen und Frauen eine entscheidende Rolle. Und das gilt auch für die Frage, ob Frauen über eigene Bücher verfügten oder nicht. Vielleicht konnten die beiden Frauen auf eine gut ausgestattete häusliche Büchersammlung zurückgreifen, die auch Geschichtswerke, Reden, philosophische Schriften und Biographien enthielt und die ihnen für ihre Studien jederzeit zur Verfügung stand. Weshalb sollten sie diese nicht gelesen haben?
Weibliche Vorbilder
Erlebten sich die beiden Frauen auf dem Fresko in einer weiblichen Tradition stehend?
Mit welchen Frauen pflegten sie Umgang? Wer waren ihre Freundinnen? Gab es Nachbarinnen, mit denen sie sich austauschten? Wie nahmen sie Frauen in der eigenen Familie wahr ? Ihre Mütter? Großmütter? Schwestern? Töchter? Was wussten sie von Frauen der Vergangenheit?
Wenngleich die Namen von Frauen und Kenntnisse über deren Leben der geschichtlichen Erinnerung vielfach verloren gingen, sind einige Namen literarisch gebildeter Frauen überliefert – sie waren vor allem Angehörige einer römischen Führungsschicht oder der kaiserlichen Familien. Calpurnia etwa ( 77 v. Chr.-unbek.), die letzte Gattin Julius Caesars ( 100-44 v. Chr.), gehört dazu, die wie ihr Vater der epikureischen Schule nahegestanden hatte. Oder Octavia ( 70-11 v. Chr.), eine Schwester des Kaisers Augustus ( 63 v.-14 n. Chr.). Die unter Augustus und der umsichtigen Kaiserin Livia ( 58 v.-29 n. Chr.) errichtete Porticus Octaviae, zu der neben bedeutenden Kunstwerken auch eine öffentliche Bibliothek ghörte, trägt sicher nicht zufällig den Namen Octavias. Sie selbst nahm die Einweihung der Bibliothek im Gedenken an ihren verstorbenen Sohn Marcellus mit den in Rom üblichen beiden Abteilungen vor, einer bibliotheca graeca und einer bibliotheca latina. Als Stifterin einer Bibliothek sind später auch Matidia ( 64-119 n. Chr.), eine Verwandte des Kaisers Trajan ( 53-117 n. Chr.), oder Flavia Melitine überliefert, die eine Bibliothek im Asklepieion von Pergamon stiftete.
Klugheit besaßen sie als Ehefrauen, Bildung und Kenntnisreichtum zeigten sie als Brief- und Gesprächspartnerinnen, Weitsicht und Entschiedenheit bewiesen sie als Mütter und Erzieherinnen ihrer Kinder. Sie waren Vorbild für andere Frauen. So hat sich etwa die Römerin Cornelia ( 190-100 v. Chr.), genannt die Mutter der Gracchen, als überaus gebildete Frau in das historische Gedächtnis eingeschrieben. Oder auch Marcia ( 25 v.-41 n. Chr.), die Seneca zufolge das Lebenswerk ihres verfemten Vaters, des Historikers Cremutius Cordus, tradierte und damit vor dem Vergessen bewahrte. Manche Frauen wurden ihrer Redegewandtheit wegen gerühmt. Die Römerin Hortensia beispielsweise hielt 42 v. Chr. eine kraftvolle Rede auf dem Forum in Rom und protestierte öffentlich – und erfolgreich – gegen die Erhebung von Sonderabgaben für vermögende Frauen. Wohlhabende Frauen waren seit der späten Republik keine Seltenheit. Im letzten vorchristlichen Jahrhundert hatte sich die manus-freie Ehe durchzusetzen begonnen. Das Mädchen wurde nun nicht mehr aus der Hand des Vaters in die des Ehemannes gegeben, sondern die beiden Heiratswilligen verblieben unter der Vormundschaft, der potestas der jeweiligen Väter. Zudem wurde eine klare Gütertrennung vereinbart, so konnten Ehefrauen nach dem Tode ihres Vaters über ihr oftmals aus Erbschaften stammendes oder auch zur Mitgift gehörendes Vermögen sui iuris, eigenen Rechts also, verfügen, Geschäfte tätigen, ihren Besitz veräußern, vererben oder auch zum Wohle der Allgemeinheit und der eigenen Familie stiften. Als reiche Land- und Gutsbesitzerinnen und ebenso als Stifterinnen sind sie im gesamten römischen Reich anzutreffen. Und als solche waren sie nicht ohne politischen Einfluss.
Das gilt zum Beispiel für Eumachia aus Pompeji, Tochter eines Händlers und Besitzers einer Keramik- und Ziegelmanufaktur und Ehefrau eines hohen städtischen Beamten, dessen Handelsunternehmen für Wolle sie nach seinem Tod selbstständig weiterführte. Sie war Patronin der Gilde der Tuchwalker und zudem hohe städtische Priesterin. Der Tuchhändlergilde ließ sie im eigenen und im Namen ihres Sohnes im Jahre 22 n. Chr. ein großes, reich geschmücktes Gebäude am Forum in Pompeji errichten. Die Gilde ihrerseits ehrte Eumachia durch eine Statue in der idealtypischen Gestalt einer jugendlich schönen Frau.
Bildungs- und verantwortungsbewusst trugen Frauen in vielen Bereichen zum gesellschaftlichen Gelingen bei. Und sie griffen selbst zur Feder. Einige Namen schreibender Frauen und Titel ihrer Werke fanden verstreut Erwähnung, doch kaum eine ihrer Schriften hat sich erhalten. Wenigstens förderte der Zufall einiges zutage, beispielsweise die Elegien der römischen Dichterin Sulpicia. Ihre Lebensdaten sind nicht bekannt. Ihre in den Jahren 25-20 v. Chr. entstandenen Gedichte wurden zusammen mit dem Schriftencorpus des Dichters Tibull ( 55-19 v. Chr.) überliefert und lange, bis in die Neuzeit hinein, für seine Werke gehalten. Vielleicht haben sie deshalb überleben können? Sulpicia, die Tochter einer römischen Senatorenfamilie, hinterließ mit ihren Liebeselegien ein Zeugnis weiblichen Selbstverständnisses, in dem sie gesellschaftliche Normvorstellungen ihrer Zeit und insbesondere die Rollenerwartungen an eine Frau zurückweist und den Wunsch nach freier Selbstgestaltung ihres Lebens – und ihrer Liebe – formulierte. Ob und auf welche Weise diese Gedichte auch von anderen Frauen wahrgenommen wurden, ob sie für kontroversen Gesprächsstoff sorgten, ob sie Ermutigung bedeuteten oder auch als gegen die herrschenden Sitten verstoßend verworfen wurden, wer mag dies beantworten? Sulpicia jedenfalls gehörte einem literarischen Zirkel in Rom an, in dem auch die Dichter Ovid und Tibull aus- und eingingen. Hier wird sie, den Gepflogenheiten gemäß, ihre Gedichte einem Kreis von Freundinnen und Freunden vorgetragen haben.
Mir gefällt die Vorstellung, dass die beiden disputierenden Frauen auf dem Fresko aus Pompeji sich vielleicht mit den Gedichten Sulpicias befassten. Oder mit Texten der Dichterin Cornificia ( 85-40 v. Chr.) ? Der Chronik des Kirchenlehrers Hieronymus ( 347-420) aus dem 4. Jahrhundert jedenfalls ist zu entnehmen, dass ihre viel gepriesenen Epigramme noch mehrere Hundert Jahre später gelesen wurden. Aber auch diese Werke sind heute allesamt verschollen.
Bildungsbewusst und ambitioniert
Die Quellenlage mag dürftig sein. Erkennbar wird dennoch, dass sich Frauen innerhalb der römischen Gesellschaft selbstbewusst eigene Handlungsräume erschlossen, die ihnen eine mehr oder weniger frei gewählte Lebensgestaltung ermöglichten.
So imaginiere ich abschließend ein Bild der beiden ins Gespräch vertieften Frauen auf dem Fresko: offen, bildungsbewusst, ambitioniert Gedanken und Erfahrungen austauschend und weit davon entfernt, sich mit aufkeimenden männlichen Vorbehalten gegen eine vermeintlich unangemessene weibliche Gelehrsamkeit und Selbstbestimmung auseinanderzusetzen. Sie glaubten nicht, dass die Beschäftigung mit Literatur und philosophisch-wissenschaftlichen Schriften über das für den weiblichen Lebensalltag als hilfreich angesehene und eben deshalb geduldete Maß hinaus die Tugenden einer ehrbaren matrona gefährden könne. Sie glaubten nicht, dass allzu viel und vor allem dem jugendlichen Alter vermeintlich abträgliche Lektüre den Charakter eines noch jungfräulichen Mädchens verdürbe. Sie ignorierten satirische und tendenziell frauenfeindliche Schriften als von Männern verfasste und hauptsächlich an Männer adressierte Texte und entlarvten sie als Gegenbilder zur weiblichen Lebenswirklichkeit, zu der Selbstbestimmung und Eigenverantwortung der Frauen gehörten und in der Frauen mit eigener Stimme sprachen.
Ein ermutigendes Bild. Das Colloquio di donne.
Meine Fragen an die beiden Frauen auf dem pompejanischen Fresko lenkten meine geschichtlichen Streifzüge. Sie sind mir Zeuginnen einer antiken Lesekultur, an die die Frauen des frühen Christentums anknüpfen und eine weibliche Bildungstradition fortsetzen konnten. Als sich eine christliche Glaubensbewegung ihren Weg in die römische Welt zu bahnen begann, waren es Frauen, die sich rasch der neuen Botschaft öffneten, die Bewegung in besonderer Weise prägten und nicht wenig Einfluss auf die Ausbreitung der christlichen Glaubenslehre nahmen. Nicht zufällig wurde die lesende Frau zu einem Bildthema auch in der Kunst des Mittelalters. Und als das Buch sinnbildlich zum Träger der christlichen Botschaft, zum Symbol für den christlichen Glauben wurde, finden wir es nicht zufällig in den Händen von Frauen abgebildet. Dieser Gedanke führt in eine neue Zeit und zu einem neuen Thema.
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Vazaki, Anna: Mousike Gyne. Die musisch-literarische Erziehung und Bildung von Frauen im Athen der klassischen Zeit, Möhnesee 2003.
Wagner-Hasel, Beate: Wertschätzung für Jahre und Erfahrung, in: Damals. Das Magazin für Geschichte, 2 /2013: Für Freiheit und Brot. Die Anfänge der Arbeiterbewegung, S. 72-77.
Wiemer, Hans-Ulrich: Von Europa nach Asien. Der Alexanderzug als Epochenwende, in: Hellenismus. Eine Welt im Umbruch, hrsg. Damals. Das Magazin für Geschichte. Sonderband in Zusammenarbeit mit der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt 2012, S. 11-24.
Zanker, Paul: Pompeji. Stadtbild und Wohngeschmack, Mainz 1995.
Disputierende Frauen mit Büchern.
Steinfries aus der Benediktinerabtei Werden (Ausschnitt), 2. Hälfte 11. Jahrhundert, Baumberger Kalkstein, Höhe 32,5 cm, Breite 45 cm, Tiefe 8 cm.
Schatzkammer St. Ludgerus, Essen-Werden.
3. Disputierende Frauen mit Büchern
Religiosität und Gelehrsamkeit
Still, in äußerer Ruhe verharrend, aber innerlich bewegt.
Verhalten, aber konzentriert auf ihr Gegenüber, im Austausch über Gelesenes begriffen.
Vor Augen habe ich einen Steinfries mit drei Frauen. Drei von insgesamt zwölf als Ensemble gestaltete weise Frauen auf vier steinernen Fragmenten, aufgefunden in der Liudgeriden-Krypta der Benediktinerabtei Werden an der Ruhr, datiert auf die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts.
Zwölf Frauen, jede für sich unter einer Blendarkade sitzend, mit einer Hand ein geschlossenes Buch haltend. Jede in einem ihr eigenen Kosmos und doch in enger Gemeinschaft mit den anderen Frauen – ein in Stein gehauener geheimnisvoller Zusammenklang.
Jeweils zwei Frauen sind einander zugewandt. Die Neigung ihres Kopfes und die leichte Drehung der Oberkörper zueinander vertiefen den Eindruck inniger Zwiesprache. Die erhobenen Hände begleiten über die Wandpfeiler hinweg leise ihre Rede. Sorgsam in Falten gelegte Gewänder umhüllen in ruhigem Gleichmaß ihre Körper. Ähnlich fließend bedecken Schleier ihren Kopf und die Schulter. Die Frauen sitzen auf Bänken, ihre Füße auf kleine Schemel gestützt. Die Pilaster zwischen ihnen sind mit Blattwerk, die breiten Kapitelle und die Flächen oberhalb der Rundbögen mit reich ornamentierten Akanthus-Blättern verziert, die bereits in der Baukunst der griechischen Antike Verwendung fanden und dort die Hoffnung auf Leben, auf Unsterblichkeit versinnbildlichten.
Auf den ersten Blick ein Bild großer Einheitlichkeit. Bei näherem Hinsehen offenbart sich mir jedoch eine subtile Vielfalt, die jeder einzelnen Figur wie der Frauengemeinschaft insgesamt Bewegtheit und Lebendigkeit verleiht: im Sprachgestus der Hände, im Faltenwurf der Gewänder wie der Kopfbedeckung und nicht zuletzt in der Art, sich einander zuzuwenden.
Wer hatte dieses steinerne Ensemble, von dem auch ein Fries mit zwei sitzenden männlichen Personen erhalten blieb, einst in Auftrag gegeben? Und aus welchem Grund? Wem zu Ehren? Wem zum Gedächtnis? War es Teil einer Chorschranke in einem Kirchenraum gewesen? Oder Teil eines Tumbengrabes für den Werdener Klostergründer Liudger ( um 747-809) ? Auch wenn diese Fragen in der kunst- und frauengeschichtlichen Forschung vorerst unbeantwortet bleiben, so besteht kein Zweifel daran, hier das Bild einer Gemeinschaft religiös lebender Frauen vor Augen zu haben. Frauen, die als Zeichen ihrer Gelehrsamkeit ein Buch mit sich führen. Ein Attribut, das in der christlichen Kunst des Mittelalters stets auch eine religiöse Lebensweise versinnbildlichte.
Ein solches Buch wurde im 11. Jahrhundert immer noch von Hand geschrieben. Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern und die damit einhergehende rasante Entwicklung des Buchwesens lagen noch in weiter Ferne. Geschrieben wurde allerdings nicht mehr auf den in Ägypten seit dem 4. Jahrtausend v. Chr. bekannten und zu Textrollen zusammengefügten Papyrusblättern, sondern auf Pergament. Aus Tierhäuten hergestellt, begann es seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. den bis dahin gebräuchlichen Papyrus in einem lange währenden Prozess abzulösen. Pergamentblätter konnten nicht nur dichter und beidseitig beschrieben, sondern vor allem zu einem Buch, dem Codex, zusammengebunden werden. Diese Buchform erwies sich als haltbarer und war für die Sammlung umfangreicher Texte geeigneter als Papyrusrollen. Das Christentum bevorzugte für die Aufzeichnung seiner Schriften das Pergament und nahezu ausschließlich den Codex als neue Buchform. Aus diesem Grund stand der Codex von Anfang an in enger Verbindung mit den neuen christlichen Werken, während die Papyrusrolle mit der heidnischen Kultur und der antiken Literatur assoziiert blieb.
Und so halten die disputierenden Frauen auf dem Steinfries aus der Werdener Abteikirche nicht mehr wie die Lesende auf der attischen Vase oder auf dem Fresko aus Pompeji eine antike Schriftrolle aus Papyrus in Händen, sondern ein Buch. Dies macht den Wandel von der Antike zum christlichen Mittelalter augenscheinlich, einen historischen Prozess, dem Frauen von Beginn an durch ihr Wirken Bedeutung und Richtung verliehen.
Historische Spurensuche
Das Christentum ist ohne das geschriebene Wort nicht denkbar. Es bedurfte stets des lesenden wie des den neuen Glauben in die Welt tragenden Menschen.
Das Christentum ist aber auch ohne die Überzeugungskraft, ohne die Tatkraft und die Liebe der Frauen nicht denkbar. Sie prägten die von Palästina ausgehende frühe christliche Bewegung auf bemerkenswerte Weise. Eine Bewegung, die sich an alle Menschen wandte, an Arme wie Reiche, an Frauen wie Männer. In einer Zeit großer Sinnsuche, in der die Menschen angesichts des inneren Zerfalls der römischen Gesellschaft und der Bedrohung der äußeren Grenzen des Reiches neuen Halt und Orientierung ersehnten.
Meine Spurensuche führt mich zu den Frauen der römischen Aristokratie. Sie öffneten ihre Häuser und gründeten Gemeinschaften, in denen sie die Bibel und Schriften der Kirchenväter lasen. In denen sie von Frauen der biblischen Geschichte sowie den ersten Anhängerinnen Jesu und den Verkünderinnen des neuen Glaubens hörten, von Maria Magdalena, der ersten Apostelin, von der Purpurhändlerin Lydia, von Junia oder der Diakonin Phoebe. Gemeinschaften, in denen sie die neuen Glaubensinhalte mit Gleichgesinnten erörtern und festigen konnten. Sie führten einen regen Briefwechsel mit einflussreichen Kirchenlehrern, brachten theologische Fragen bis hin zu solchen einer asketisch-religiösen Lebensweise zur Sprache. Ihre Briefe wurden, anders als die der Kirchenväter, nicht aufgehoben, gleichwohl blieben Spuren ihres Lebens, ihr Denken und ihre Haltungen der Nachwelt erhalten: durch die Antwortschreiben ihrer Briefpartner. Frauen ließen der entstehenden Kirche jedwede Unterstützung zukommen, ideell wie materiell. Viele stifteten ihr Vermögen für Kirchen- und Klosterbauten und beschenkten Arme und Bedürftige. Die früh verwitwete, vornehme Römerin Marcella ( 325-410), die gleichaltrige Römerin Proba ( 325 bis um 370), die als erste Dichterin christlicher Verse bekannt wurde, oder die ebenfalls dem römischen Senatorenadel angehörende Paula ( 347-404) und ihre Tochter Eustochium ( 367-419 ) werden häufig als Beispiele angeführt, wenn es gilt, auf die Bedeutung von Frauen für die Verkündigung der christlichen Botschaft hinzuweisen.
Die wegen ihrer Belesenheit gerühmte Marcella verfügte über einen großen Bestand an Abschriften christlicher Werke, die sie an Interessierte weiterreichte. Sie unterrichtete junge Frauen in ihrem Haus auf dem Aventin, sie stand lange im Briefwechsel mit Hieronymus ( 347-420) in Jerusalem und setzte sich bis ins hohe Alter wach und kritisch mit Glaubensfragen auseinander.
Paula aus Rom machte sich als Pilgerin im Jahre 385 mit Eustochium und einer Gemeinschaft von Frauen auf den Weg nach Palästina. Sie war Hieronymus gefolgt, dem sie zeitlebens Förderin und treue Gefährtin gewesen war. Seine Übersetzung der Bibel aus dem Hebräischen ins Lateinische ist wesentlich auch ihr Werk, verdankt sich ihrer Bildung, insbesondere ihren griechischen und hebräischen Sprachkenntnissen. Von Jerusalem aus unternahm Paula mit der Schar ihrer Anhängerinnen und der Gruppe um Hieronymus eine Pilgerreise nach Ägypten zu den dort in der Abgeschiedenheit der Wüste lebenden frommen Männern und Frauen. In Bethlehem gründete sie schließlich neben der Geburtskirche eine Klosteranlage ( 386-389), zu der eine Frauengemeinschaft, ein durch Hieronymus geführtes Mönchskloster sowie eine Pilgerherberge für Arme und Schutzsuchende gehörten. Paula lebte den ihr anvertrauten Frauen, unter denen sich auch ehemalige Sklavinnen befanden, als Äbtissin ihres Konventes ein Leben in asketischer Bescheidenheit vor, ein Leben, das neben dem täglichen Lesen und Hören der heiligen Schriften, der Andacht und dem Singen der Psalmen auch das Studium der griechischen und lateinischen Literatur, vorchristlicher Werke also, beinhaltete. Sie verband Antikes mit dem Funken einer neuen christlichen Botschaft. Asketisch fromm, aber nicht weltabgewandt, hinterließ Paula, die stets ihre familiären Verbindungen nach Rom gepflegt hatte, bedeutende geschichtliche Spuren bis in den Osten des römischen Reiches, Spuren weiblicher Entschiedenheit und politischer Einflussnahme als Klostergründerin, als Äbtissin, als Lehrerin und nicht zuletzt als Wohltäterin.
Und Paula war nicht die Einzige, die sich ganz einem Leben in der Christusnachfolge verschrieben hatte. Die Christin Maria, eine Schwester des Gründers der ersten Mönchsgemeinschaft in der Nähe von Theben Pachomius ( um 292-348), leitete in Ägypten zwei Frauenkonvente. Perpetua, eine Schwester des Kirchenlehrers Augustinus ( 354-430 ), stand in der Nähe von Hippo in Nordafrika als Witwe einer Frauenkommunität vor. Makrina die Jüngere ( um 327-379 /80 ) gründete, früh verwitwet, gemeinsam mit ihrer Mutter und ehemaligen Sklavinnen eine religiöse Frauengemeinschaft auf ihrem Besitz in Annesis in Kappadokien. Sie war eine Schwester des Kirchenvaters Basilius ( 329-379) und des Bischofs Gregor von Nyssa ( um 335-394) und mit der griechischen Philosophie und den Naturwissenschaften ebenso vertraut wie mit den heiligen Schriften. Sie sei zeitlebens seine Lehrmeisterin gewesen, hatte ihr Bruder Gregor in einer Lebensgeschichte über sie offen bekundet.
Einige Namen stehen hier stellvertretend für viele anonym gebliebene Christinnen. Sie erhellen jedoch die große Arbeit der Frauen im frühen Christentum. In einer noch wenig hierarchisierten Kirche. In einer Zeit, in der für religiös lebende Frauen dieselben Regeln galten wie für Mönchsbrüder und in der Frauen in den frühchristlichen Gemeinden als Diakoninnen tätig waren. Von Priesterämtern oder anderen geistlichen Aufgaben sollten sie jedoch in einer sich ihnen gegenüber mehr und mehr verschließenden Kirche fortan ausgeschlossen bleiben. Von der Botschaft des Urchristentums, eine Kirche der Gleichen, eine Kirche aller Gläubigen zu sein, hatte sich die Kirche unter dem Einfluss von Theologen zu entfernen begonnen. In deren Auslegung der Schöpfungsgeschichte und gestützt auf Darstellungen der zweiten Genesis-Erzählung ( Gen 2,21), wonach die Erschaffung Evas auf die Adams erfolgte, betonten sie nicht allein eine Verschiedenheit von Frau und Mann, sondern leiteten daraus eine Wertigkeit ab. Eine weitgehend patriarchalisch organisierte, von Klerikern dominierte Kirche, eine wachsende Symbiose von kirchlicher und weltlicher Macht und die Festigung des christlichen Glaubens als einzig wahre und für alle verbindliche Religion machten es den Frauen zunehmend schwer, in dieser Kirche Fuß zu fassen.
Dennoch kam sie ohne die Stimmen der Frauen nicht aus. Die Geschichte des Christentums ist auch eine Geschichte der Frauen. Der Zeuginnen des Glaubens, der Heiligen und der Märtyrerinnen, der Religiosen und der weltlich lebenden Frauen in den Städten wie auf dem Lande, der Mütter und Töchter, der Schwestern, der Herrscherinnen. Sie suchten auf ihre Weise Antworten auf die Herausforderungen ihrer Zeit.
Vita religiosa
Eine davon war, ein religiöses Leben führen zu wollen. Der Gedanke einer gottgeweihten Lebensweise breitete sich über die Räume der spätantiken Welt nach Westen hin aus. Immer mehr Frauen, geweihte Jungfrauen, Ehefrauen und Witwen, legten ihre weltlichen Kleider ab. Als Sanktimoniale, wie sie seit der Spätantike genannt werden, trachteten sie nach einem heiligmäßigen Leben, anfangs zurückgezogen im Schutz ihrer Familien, späterhin in den entstehenden religiösen Frauengemeinschaften. Asketisch, einfach, gottnah, aber keineswegs gänzlich weltabgeschieden. Als die erste bekannte Frauengemeinschaft im lateinischen Westen gilt ein Kloster in Marseille, dessen Gründung um das Jahr 410 dem vom ägyptischen Mönchstum geprägten Abt Johannes Cassianus ( um 360-435) zugeschrieben wird.
Etwa ein Jahrhundert später gründeten Caesaria und ihr Bruder, der Bischof Caesarius von Arles ( um 470, amt. 503-542), die Frauengemeinschaft Saint-Jean in Arles, deren erste Äbtissin Caesaria wurde und für die beide zwischen 512 und 534 erstmals eine Regel eigens für eine Frauenkommunität schufen. Diese Regula sanctarum virginum suchte das Zusammenleben der Sanktimonialen zu ordnen: Sie setzte eine Äbtissin als Vorsteherin ein, der Gehorsam geschuldet war, gliederte den gemeinschaftlichen Alltag in einen Wechsel von Gebet, Arbeit und dem Lesen heiliger Schriften, bestimmte den Eintritt in einen Konvent als für ein ganzes Leben bindend und gebot den Frauen persönliche Armut und zur Bewahrung ihrer Keuschheit die vollkommene Loslösung von der Welt. Dieser Anspruch stand sowohl den Erfordernissen frühmittelalterlicher Frauengemeinschaften als auch der Lebenswirklichkeit vieler Sanktimonialen entgegen, und die sich gründenden Frauengemeinschaften begegneten ihm auf sehr freie Weise. So verantwortete die merowingische Königin Radegunde ( um 518-587) nach der Trennung von König Clothar I. ( 511-561) und ihrem Rückzug in ihren Konvent Sainte Croix in Poitiers auch als Religiose Belange ihrer königlichen Familie und unterhielt unvermindert enge Beziehungen zu Menschen außerhalb der Frauengemeinschaft. Radegunde ist ein Beispiel für die Wirkungsmacht adliger religiöser Frauen im frühen Mittelalter und zugleich dafür, dass für Frauen ein gottnahes, dem Gebet und der Fürbitte für das Seelenheil ihrer Mitmenschen geweihtes Leben durchaus nicht im Widerspruch stand zu einem Verbundensein mit der »Welt«.
Selbstbestimmt und ambitioniert trugen Frauen durch ihr spirituelles Leben zur Verkündigung der christlichen Botschaft bei. Im Frankenreich entstanden zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert, auch durch Berührungen mit dem irischen Mönchstum, mehr als einhundert religiöse, in ihrer Gestaltung und Lebensdauer sehr unterschiedliche Frauengemeinschaften – nicht mehr nur im Umfeld gallorömischer Städte, sondern auch in der Abgeschiedenheit ländlicher Regionen. Etliche Namen einflussreicher Stifterinnen und Äbtissinnen aus dem merowingischen Adel wie Burgundofara ( 595-657), Gertrud ( 626-659) oder Balthild ( † 680) sind überliefert, die die Geschicke ihrer Frauenkommunitäten lenkten – auch in ihrer politischen Wirksamkeit nach außen –, die bedeutende Bibliotheken anlegten und für die Ausbildung junger Mädchen Sorge trugen. Nicht wenige der fränkischen Gründungen wie die in Faremoutiers-en-Brie, in Nivelles und Chelles, in Jouarre, Laon oder Remiremont bestanden als Doppelkonvente, in denen Sanktimoniale und Mönche gemeinschaftlich ein gottgeweihtes Leben führten.
Im angelsächsischen England wurden von der Mitte des 7. Jahrhunderts an fünfundsechzig Frauenkonvente gegründet, viele davon als Doppelgemeinschaft, der in aller Regel eine Äbtissin vorstand. In Hartlepool etwa, in Barking oder Whitby. Die dem Adel angehörende Äbtissin Hilda ( um 614-680) prägte die von ihr 657 in Whitby gegründete Doppelabtei auf unverwechselbare Weise. Sie schuf ein umfassendes Bildungswesen als Herzstück ihres Konvents und begründete nicht zuletzt aufgrund einer im Jahre 664 in Whitby durchgeführten Reichssynode seine kulturelle Ausstrahlung.
Die christliche Glaubensbewegung trägt unverkennbar die Handschrift gelehrter, frommer Frauen. Äbtissinnen und Sanktimoniale standen in engem Briefaustausch mit angelsächsischen Missionaren wie Willibrord ( um 657-739) oder Bonifatius ( um 672-754), dem späteren Erzbischof von Mainz. Sie besorgten umsichtig die erbetenen Abschriften wichtiger Bücher aus ihren Konventen. Viele zogen der Glaubensbotschaft wegen selbst ins Frankenreich. Die in Angelsachsen ausgebildete Lioba ( um 700-um 782) und ihre Verwandte Thekla ( † um 790) gründeten im 8. Jahrhundert die ersten rechtsrheinischen Frauenkonvente: in Tauberbischofsheim, in Kitzingen und dem nahe gelegenen Ochsenfurt. Als Äbtissin von Tauberbischofsheim richtete Lioba ihr besonderes Augenmerk auch auf eine sorgfältige Ausbildung junger Frauen und Mädchen, sie waren die zukünftigen Glaubensbotinnen. All dies, ihr gesamtes Leben, eingedenk ihrer politischen Einflussnahme und der Pflege ihrer weiträumigen Verbindungen zu bedeutenden Adelsfamilien, betrachtete sie als einen Dienst an Gott. Liobas Wirken und das anderer Äbtissinnen offenbart letztlich eine der Zeit innewohnende wechselseitige Durchdringung von Kirche und Welt, von geistlicher und weltlicher Macht.
In dieser Hinsicht erlangten schließlich auch zahlreiche religiöse Frauengemeinschaften im östlichen Frankenreich große Strahlkraft, wo nach der gewaltsamen Christianisierung Sachsens durch Karl den Großen ( 747-814) vom 9. Jahrhundert an bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts im Raum zwischen Niederrhein und Elbe mehr als sechzig Frauenkommunitäten entstanden. Vielfach Stiftungen des sächsischen Adels, dienten sie diesem neben der Sicherung des Seelenheils der Stifterfamilie durch das Gebetsgedenken der Sanktimonialen durchaus auch dazu, gesellschaftlichen und politischen Einfluss innerhalb der fränkischen Aristokratie geltend zu machen, etwa durch die Bestimmung der Äbtissin aus einer Familie. Zweifellos sicherten Reichtum und Ansehen adliger und königlicher Familien, auch adliger Sanktimonialen, auf segensreiche Weise die materielle Existenz der Konvente. Dennoch wäre eine solche Gemeinschaft nicht denkbar gewesen ohne die Frauen und ihre ausdrückliche Entscheidung, ein heiligmäßiges Leben führen zu wollen. Dies bildete den innersten Zusammenhalt der Gemeinschaft, darin lag die Sinnstiftung einer jeden Frauenkommunität im frühen und hohen Mittelalter.
Viele, und vor allem sehr unterschiedliche Frauenkonvente waren entstanden.
Diese in den Augen der Kirchenoberen unübersichtliche Vielfalt hatte bereits seit der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts zu Unruhe und zu Diskussionen innerhalb der Kirche und im Frankenreich geführt. Als im Verlauf der karolingischen Reformen und der Neubestimmung von Kirche und Gesellschaft reichseinheitlich für alle klösterlichen Gemeinschaften die Benediktregel als verbindlich formuliert wurde, als die Aachener Synode des Jahres 816 unter Ludwig dem Frommen ( 778-840) mit der Institutio canonicorum die klerikalen Gemeinschaften vereinheitlichte und mit der Institutio sanctimonialium schließlich auch die Frauenkommunitäten zu reglementieren suchte, war dies zunächst für die Lebenswirklichkeit der weiblichen Religiosen nicht unmittelbar von Belang. Die Frauenkonvente bewahrten über das 9. und 10. Jahrhundert hinaus ihre individuellen, an den sozialen und regionalen Gegebenheiten ihrer Gemeinschaft orientierten Lebensformen. Unterschiedlichste, frei gewählte Formen und Regeln des Zusammenlebens blieben nebeneinander bestehen, obgleich die Institutio sanctimonialium von 816 dies einzugrenzen versucht hatte. Mehr als äußere Lebensordnungen blieb die Vita religiosa, die Verwirklichung eines gottgeweihten Lebens durch das gemeinsame Gebet, durch Arbeit und das Lesen heiliger Schriften der Identität stiftende Wesenskern der Kommunitäten.
Studium und Gebet
Nicht wenige der seit der Mitte des 9. Jahrhunderts gegründeten Frauenkonvente entwickelten sich zu Orten mit großer kultureller Ausstrahlung. Zu Orten der Bildung und der Kunst. Weiträumig wirksam und von langer Lebensdauer. Mit bedeutenden Bibliotheken, Skriptorien, Werkstätten für die Kunst- und Textilproduktion. Die seit etwa 852 bestehenden Konvente in Gandersheim und Essen oder die 936 gegründete Frauengemeinschaft in Quedlinburg – allesamt ausgezeichnet durch ihre enge Verbindung mit der ottonischen Königsfamilie – zählen zu den herausragenden und in ihrer Lebensordnung selbstbestimmten Frauengemeinschaften Sachsens.
Ich halte einen Moment inne.
Suche erneut den Dialog mit den disputierenden Frauen auf dem Steinfries der Abteikirche in Werden. Gibt es einen Zusammenhang zwischen ihnen und dem seit Mitte des 9. Jahrhunderts bestehenden Frauenkonvent in Essen? Ist die dargestellte Szene auf dem Fries eine Reminiszenz an die benachbarte Frauengemeinschaft?
Ich lasse meinen Gedanken freien Lauf.
Sind mit den Frauen auf dem Steinfries Essener Sanktimoniale gemeint? Hatte der Bildhauer oder die Bildhauerin eine Versammlung Essener Konventualinnen vor Augen, als dieses Kunstwerk Gestalt annahm? Beide Gemeinschaften, der Essener Frauenkonvent und die seit dem Jahre 799 bestehende Benediktinerabtei Werden ( bis 1803), der Fundort des Steinfrieses, blicken auf eine Jahrhunderte währende Geschichte zurück. Beide standen in vielfältigen Beziehungen zueinander. Werdener Mönchen oblag die Feier der heiligen Messe sowie die Seelsorge der Sanktimonialen, bis stiftseigene Kanoniker der Essener Frauengemeinschaft die liturgischen Dienste übernahmen; sie predigten und hörten die Beichte, waren also mit Aufgaben betraut, die die kirchliche Ordnung den Frauen verwehrte.
Die dem altsächsischen Adel angehörende Gerswid ( † 870) war die erste in einer langen Reihe von Äbtissinnen, die umsichtig und selbstbewusst über Jahrhunderte hinweg das Leben der Frauengemeinschaft Essen bestimmten ( um 850-1803). Ursprünglich eine Gründung des sächsischen Adels wohl um das Jahr 850, seit dem 12. Jahrhundert als Kanonissenstift belegt, durch Schenkungen und Privilegien begünstigt, im Besitz großer Ländereien, grundherrschaftlich organisiert und wirtschaftlich unabhängig, gehörte das Frauenstift Essen seit dem 13. Jahrhundert zu den großen Reichsabteien. Ihre Äbtissinnen besaßen als Reichsfürstinnen landesherrliche Rechte, vergaben Lehen, verfügten über die weltliche Gerichtsbarkeit, lenkten die Geschicke ihrer Grundherrschaften und der das Land bewirtschaftenden Menschen und hatten für alle Belange eines geistlichen Lebens innerhalb ihres Konvents Sorge zu tragen.
War der im benachbarten Benediktinerkloster Werden aufgefundene Steinfries von einer der Essener Äbtissinnen in Auftrag gegeben worden?
Entstand das auf die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts datierte Relief während der Amtszeit der Äbtissin Theophanu ( amt. 1039-1058)? Als Enkelin der gleichnamigen Kaiserin Theophanu ( um 960-991) und des Kaisers Otto II. ( amt. 973-983) war sie einflussreiche Vorsteherin ihres Konventes, für den sie von Kaiser Heinrich III. ( amt. 1039-1056) ein Marktrecht erwirkte ( 1041). Sie war kunstsinnige Bauherrin an der Essener Stiftskirche, dem heutigen Dom, und wohl auch an der der heiligen Gertrud von Nivelles ( 626-659) geweihten Gertrudiskirche, der heutigen Marktkirche in Essen. Durch den Bau einer im Jahre 1051 eingeweihten Krypta in der Essener Kirche und die Stiftung bedeutender Kunstwerke, etwa des nach ihr benannten und allem Anschein nach in der Frauengemeinschaft Essen entstandenen kostbaren Theophanu-Evangeliars, hatte sie bereits zu Lebzeiten Vorsorge für ihre Memoria und ihr Seelenheil getroffen.
Stiftete sie auch den in Werden aufgefundenen Steinfries, eine Darstellung disputierender Frauen, die ein Buch in Händen halten? Ein Sinnbild weiblicher Gelehrsamkeit innerhalb eines mittelalterlichen Frauenkonventes und gleichermaßen Sinnbild religiöser Lebensführung? Ein Vorbild rechter Lebensweise durch das Studium heiliger Schriften und durch das Gebet? Denkbar ist es. Christlichem Verständnis nach kam das Lesen frommer Werke einer religiösen Andacht gleich, war Zwiesprache mit Gott, war Gebet. Und diesem Gebet von Frauen, dem Gebet der Sanktimonialen und ihren Fürbitten für das Seelenheil der Menschen wurde seit jeher eine besondere Wirksamkeit und spirituelle Kraft zugeschrieben. Lesen und Beten kennzeichneten das Leben religiöser Frauengemeinschaften, bestimmten ihren liturgischen Alltag durch die Feier des Stundengebetes, das Sprechen und Singen von Psalmen, das Studium der Bibel wie die private Andacht.
Bücher zum Lobe Gottes
All das setzte Bildung voraus. Lesen- und Schreibenkönnen und Kenntnisse des Lateinischen gehörten zur Lebenswelt religiöser Frauen, waren unverzichtbar für die Liturgie wie für das Zusammenleben innerhalb eines Konventes. Das Erlernen der lateinischen Sprache, eine sorgfältige theologische Ausbildung der Sanktimonialen, die Erziehung auch der von außerhalb kommenden Mädchen und jungen Frauen – nicht nur aus adeligen Familien – gehörte zu den Obliegenheiten vieler Frauengemeinschaften. Auch in Essen. Bücher für den Unterricht aus den Beständen der Essener Bibliothek, etwa ein Anfang des 9. Jahrhunderts entstandener Codex mit Bibeltexten, mit Heiligenlegenden und Hymnen oder eine um dieselbe Zeit angefertigte Abschrift einer Grammatik zum Erlernen der lateinischen Sprache sind Ausdruck eines Bildungsimpulses frühmittelalterlicher Konventschulen.
Ebenso wie die Ausbildung junger Mädchen lag auch die Verwaltung der Buchbestände, das Herstellen von Büchern oder deren Beschaffung aus anderen Bibliotheken in der Verantwortung vieler Konvente. Eine Aufgabe, die nach dem großen Brand im Jahre 946 und der Vernichtung ihrer Bibliothek für die Essener Frauengemeinschaft besonders dringlich geworden war. Etliche Handschriften stammen aus der Feder Essener Sanktimonialen, im konventeigenen Skriptorium sorgfältig geschrieben und kunstvoll ausgemalt.
Bücher waren unverzichtbar.
Bücher für den Gottesdienst. Für die Psalmenrezitation. Bücher mit den Viten der Heiligen, Predigtsammlungen und theologische Abhandlungen. Memorialbücher für das Gebetsgedenken der Sanktimonialen. Für die Lesungen biblischer Texte während der gemeinsamen Mahlzeiten und während des Arbeitens. Evangeliare, Sakramentare, Antiphonare, Psalter begleiteten die Religiosen durch ihren Tag und ihre Nacht, sie spendeten geistige Nahrung.
Und sie genossen große Wertschätzung. Kostbar ausgestattete Handschriften, mit Goldlettern und Edelsteinen versehene Prachtexemplare zeugen davon. Ein Buch wie das Theophanu-Evangeliar aus dem Essener Konvent mit seinem Einband aus vergoldeten Kupfermedaillons, Edelsteinen, Goldreliefs und einer Elfenbeinschnitzerei hätte kunstvoller nicht gestaltet sein können. Ein auf dem Kirchenaltar aufgestelltes Messbuch oder ein bei liturgischen Prozessionen mitgeführtes Evangeliar ließen das Göttliche wie anwesend erscheinen.
Mein Blick fällt auf die Bücher in den Händen der Sanktimonialen auf dem Steinfries der Werdener Abtei. Klein, handlich, für die Lektüre jederzeit griffbereit. Welche Texte mochten sie enthalten haben? Welcher Art Lektüre hatten sich die Frauen zugewandt? Waren sie beim Studium der Bibel, beim liturgischen Gebet oder der Lesung einer Heiligenvita? Oder gar mit weltlicher Literatur befasst?
Die Lesekultur in religiösen Frauengemeinschaften des Mittelalters war vielschichtig. Der Bestimmung nach umfasste sie das Lesen vor allem christlicher Werke, biblischer und liturgischer Bücher, die Lebensgeschichten vorbildlicher heiliger Frauen und Männer, Schriften der Kirchenväter und Bibelkommentare, wissenschaftliche Abhandlungen sowie Geschichtswerke. Doch auch Werke der klassischen Antike, lateinische Schriften für den Unterricht der Frauen und Mädchen etwa, zählten zum Lesekanon – trotz erheblicher Vorbehalte, die die Kirche antiken Bildungsinhalten, einer »heidnischen« Literatur also, entgegenbrachte. Wurden auch Werke antiker Autorinnen gelesen? Oder waren diese mit vielen anderen Texten verloren gegangen, als in der Spätantike begonnen wurde, die Literaturbestände der Bibliotheken und privaten Sammlungen von Papyrusrollen auf Pergament zu übertragen und dabei eine folgenreiche, nach kirchlicher Maßgabe getroffene Auswahl stattfand?
Schreibende Frauen
So ungewiss das Schicksal der Werke antiker Autorinnen ist, so ungewiss bleibt auch das Schicksal vieler Schriften von Frauen des Mittelalters. Manches sei abhandengekommen, manches sei anonym überliefert worden, habe aber vielleicht eine weibliche Handschrift getragen, heißt es. Einige Namen schreibender Frauen des frühen Mittelalters – und Schreiben bedeutete zu dieser Zeit immer das Schreiben in lateinischer Sprache – überdauerten. Namen gebildeter Frauen, klug, weitsichtig. Und manchmal weit gereist wie die dem frühen Christentum angehörende Egeria. Sie hatte gegen Ende des 4. Jahrhunderts eine ausgedehnte Pilgerreise durch das Heilige Land bis nach Ägypten unternommen und in Briefform anschaulich über Landschaften und Ereignisse während ihrer mehrjährigen Reise berichtet. Immerhin blieben Teile davon in zwei Abschriften des frühen und hohen Mittelalters erhalten. Diese im 19. Jahrhundert aufgefundenen Teile der lateinisch verfassten Reiseerzählungen Egerias wurden mehrfach übersetzt und sind Leserinnen und Lesern heute in schön gestalteten Ausgaben zugänglich.
Eine bekannte Autorin des frühen Mittelalters war Baudonivia, eine Mitschwester und enge Vertraute der merowingischen Königin Radegunde im Konvent Sainte Croix in Poitiers. Auf Bitten der Frauengemeinschaft schrieb sie um 600 eine Lebensgeschichte Radegundes, De vita sanctae Radegundis: Hier kam – anders als in der zuvor vom Bischof von Poitiers, Venantius Fortunatus ( um 540-600), verfassten Darstellung – nicht nur das heiligmäßige Leben Radegundes zur Sprache. Vielmehr wurde Wert darauf gelegt, auch Radegundes Wohltätigkeit, ihr politisches Wirken nach außen und ihre dem Konvent zugutekommende Einflussnahme ausreichend zu würdigen und der Nachwelt, allen voran den Konventualinnen in Sainte Croix, als vorbildlich vor Augen zu führen. Baudonivia selbst erfuhr in einer Pergamenthandschrift aus Poitiers vom Ende des 11. Jahrhunderts als Autorin eine Würdigung auf einer Miniatur, die sie mit einer Wachstafel und Griffel in der Hand bei ihrer Schreibarbeit zeigt.
Zu den christlichen Autorinnen gehört auch die in Angelsachsen aufgewachsene Hugeburc. Sie kam in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts in den Doppelkonvent Heidenheim ( Diözese Eichstätt), der von angelsächsischen Missionaren, den mit ihr verwandten Brüdern Wynnebald ( † 761) und Willibald ( um 700-787) gegründet worden war und von deren Schwester, der heiligen Walburga ( um 710-779 /80), geleitet wurde. In Heidenheim hatte Hugeburc die Lebens- und Reisebeschreibungen der beiden Brüder verfasst, ihre Identität als Autorin jedoch durch eine kodierte Botschaft verschleiert. Ihr Name wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts entschlüsselt. Wie viele schreibende Frauen des frühen Mittelalters mögen als Autorinnen ihrer Werke unentdeckt geblieben sein, weil sie ihren Namen nicht nannten oder ihn wie Hugeburc verschlüsselten?
Aus dem Kreis der schreibenden religiösen Frauen ragt Hrotsvit von Gandersheim ( um 935-975) als besonders bedeutend hervor. Ihre umfassende Bildung hatte sie im Konvent in Gandersheim erhalten, wo zwei Frauen, die Äbtissin Gerberga ( amt. 940-1001), eine Nichte des Kaisers Otto I., und Rikkardis ihre verehrten Lehrerinnen gewesen waren und wo sie für ihre literarischen Arbeiten und Geschichtswerke auf eine reich ausgestattete Bibliothek als Wissens- und Inspirationsquelle hatte zurückgreifen können. Selbst zur Schulmeisterin geworden, schrieb sie in Gandersheim im 10. Jahrhundert Legenden in Hexametern, Epen und Dramen. Sie widmete sich in ihrer Gesta Ottonis der Geschichte Ottos I. und verfasste ein Werk zur frühen Geschichte von Gandersheim, ihre Primordia Coenobii Gandeshemensis.
Sich ihrer selbst als Frau und ihrer geistlichen Lebensbestimmung als Sanktimoniale bewusst, war ihr Schreiben vom Bild eines an christlichen Werten orientierten Frauenideals geleitet. In der Vorrede zu ihren Dramen beispielsweise wandte sie sich ausdrücklich gegen den viel gelesenen antiken Komödiendichter Terenz und hielt seinen in ihren Augen verwerflichen Frauenfiguren ein von Bildung und christlicher Gesinnung bestimmtes Frauenbild entgegen. Antike Vorlagen umdeutend, schuf sie Bilder weiblicher Selbstbestimmung in einer christlich geprägten mittelalterlichen Welt. Bilder, die ihren Gefährtinnen und anderen Frauen Orientierung geben und Vorbild sein mochten. Sie hinterließ ein Werk, das vom Selbstverständnis, dem Bildungs- und auch historischen Bewusstsein kulturell weithin ausstrahlender religiöser Frauengemeinschaften dieser Zeit zeugt. Sie war eine bedeutende weibliche Stimme, die noch fünfhundert Jahre später bis zu Caritas Pirckheimer ( 1467-1532), der Äbtissin des Nürnberger Klarissenklosters St. Klara, drang und bis heute vernehmbar ist. War sie auch den disputierenden Frauen auf dem Werdener Steinrelief vertraut? Waren sie dabei, ein Drama von Hrotsvit von Gandersheim zu lesen?
Die von Frauen geschriebenen Werke und Briefe, die der Nachwelt erhalten blieben, stammen überwiegend aus der Feder religiöser Frauen. Und mehrheitlich sind religiöse Frauen als Empfängerinnen von Briefen überliefert. Ihnen vor allem waren theologische Abhandlungen, Erziehungsschriften oder Gedichte gewidmet. Es wirft ein bezeichnendes Licht auf das Selbstverständnis dieser Frauen, auf die Bedeutung der Lese- und Schreibkultur in mittelalterlichen Frauenkonventen sowie die Bildungsmöglichkeiten in den Konventschulen. Und es mag erneut Fragen der Überlieferung berühren. Denn auch weltlich lebende Frauen – und sie waren die große Mehrheit der weiblichen Bevölkerung – hatten Zugang zu Bildung, konnten lesen und schreiben. Als eine schreibende Frau des frühen Mittelalters, deren Werk bewahrt wurde, ist die dem karolingischen Adel angehörende Dhuoda aus Uzès ( Südfrankreich) bekannt geworden. Trauer und Sorge um ihren abwesenden Sohn Wilhelm hatten sie während der Jahre 841 und 843 bewogen, für ihn ein Erziehungsbuch in lateinischer Sprache zu schreiben, in dem sie ihm Ratschläge erteilte, die sowohl seinen weltlichen Aufgaben als auch einem gottgefälligen Leben galten.
Aber nicht nur Mädchen und jungen Frauen des Adels, auch nichtadeligen Mädchen war es möglich, eine elementare Ausbildung zu erhalten, lesen und schreiben zu lernen, etwa durch den Besuch einer Konventschule – auch dann, wenn sie nicht für ein geistliches Leben bestimmt waren. Lesen, Schreiben und der Besitz von Büchern gehörten zur Lebenswelt weltlicher Frauen des Mittelalters. Dies wird auch durch den Sachsenspiegel, die große Rechtsaufzeichnung des Mittelalters vom Anfang des 13. Jahrhunderts, bezeugt. Lesen und schreiben zu können war Frauen bei der Bewältigung ihres Lebensalltags von Nutzen und gab ihnen gleichermaßen die Möglichkeit, ein selbstbestimmtes religiöses Leben zu führen: durch häusliche Andachten, durch das Lesen und Vorlesen der Bibel, von Psalmen und Heiligenlegenden. Und es ermöglichte ihnen nicht allein die Berührung mit religiösen Werken, es öffnete ihnen langfristig auch das Tor zur weltlichen Literatur.
»… aus dem Becher irdischer Weisheit«
(Hrotsvit von Gandersheim)
Ob als Ehefrau oder Witwe, ob als Sanktimoniale in einem Frauenkonvent oder als Religiose auf sich allein gestellt lebend, ob adeliger Herkunft oder nicht – neben ihrem jeweiligen Platz in der Gesellschaft bestimmte stets auch ein Maß an Bildung die unterschiedlichen Handlungsräume einer Frau des frühen und hohen Mittelalters. Dabei spielten die Frauenkonvente als künstlerische und kulturelle Mittelpunkte für die Bildung von Frauen und für Möglichkeiten ihrer Lebensgestaltung eine große Rolle, außerhalb wie innerhalb eines Konventes.
Diese Botschaft entnehme ich dem Steinfries aus Werden.
Er erzählt mir von Frauen, die namenlos blieben. Von Sanktimonialen, deren Herkunft und deren Beweggründe für ihr gottgeweihtes Leben mir ein Geheimnis bleiben. Von Frauen, die als äußeres Zeichen ihres heiligmäßigen Lebens ihre weltlichen Kleider abgelegt und den Schleier genommen hatten. Er erzählt von ihrem Gotteslob und ihrer Arbeit, ihrem Gebet, dem Umgang mit Büchern, dem Studium heiliger Schriften. Er weckt meine Vorstellungen von der Herstellung von Handschriften in ihren Schreibwerkstätten, von ihrer Arbeit in den Bibliotheken, dem Unterricht in ihren Schulen, der Fertigung von Textilien sowie ihrer Kunst und den kunsthandwerklichen Schöpfungen – alles zum Lobe Gottes. Die Szene lese ich als Exemplum für das vorbildliche Leben einer religiösen Frauengemeinschaft des Mittelalters. Ein tätiges Leben wie ein Leben großer Innerlichkeit und spiritueller Erfahrung. Das Buch in den Händen der Frauen ist sichtbarer Ausdruck dieses Kosmos, eines Lebens im Spannungsfeld von Religiosität und Gelehrsamkeit, von tiefer Frömmigkeit wie Teilhabe am Wissen der Welt.
Als der Steinfries entstand, begannen neue geistige Strömungen, die Kloster- und Kirchenreformen des 12. und 13. Jahrhunderts, gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen sich erst anzudeuten. Noch bestanden unterschiedlichste Frauenkommunitäten in ihren weitgehend selbst gewählten Lebensformen nebeneinander. Die ersten Gründungen der Frauenklöster unter der Observanz neu entstehender Orden sollten erst noch erfolgen. Zisterzienserinnen, Klarissinnen, Dominikanerinnen, die weltlichen Beginen gehörten dem 13. Jahrhundert an.
Die Visionärin und Äbtissin Hildegard von Bingen ( 1098-1179) war noch nicht geboren. Heloisa ( um 1095-1164), die Äbtissin von Le Paraclet, hatte ihre Briefe an den Theologen Petrus Abaelard ( 1079-1142) noch nicht geschrieben. Der weit verbreitete Speculum virginum, der Jungfrauenspiegel als Anleitungsbuch für Sanktimoniale, wurde erst Anfang des 12. Jahrhunderts von unbekannter Hand verfasst. Auch der einzigartige, mit Texten und Bildern reich ausgestattete lateinische Hortus deliciarum war noch nicht zu Papier gebracht. Diese durch die elsässische Äbtissin Herrad von Hohenburg ( amt. um 1176-1196) angelegte Sammlung enzyklopädischen und theologischen Wissens damaliger Zeit, von ihr als Lehrwerk zur Unterweisung ihrer Kanonissen gedacht, kam am Ende des 12. Jahrhunderts zur Vollendung. Etwa zu der Zeit, als die in England lebende Marie de France begann, ihre Fabeln und Verserzählungen in altfranzösischer Sprache zu verfassen.
Denn auch das stand als Neuerung bevor:
Seit dem ausgehenden 12. und frühen 13. Jahrhundert sollte neben dem Lateinischen als Sprache der Kirche, der Theologie und des Rechts das Volkssprachliche als neue literarische Sprache entstehen. Nicht nur weltliche Dichtung und Erzählungen, auch die geistliche Literatur, Schriften zur Andacht und spirituelle Erfahrungen sollten in der Volkssprache neuen Ausdruck finden – es war eine besonders von religiösen Frauen getragene Entwicklung. Das Lateinische sollte sich als Sprache der Wissenschaften, als Sprache neuen scholastisch-theologischen Denkens, als Sprache philosophischer Logik an den entstehenden Universitäten durchsetzen, den neuen Hochburgen der Bildung, an deren Pforten sich den Vorstellungen mancher Theologen und Philosophen nach die Wege von Frauen und Männern auf lange Zeit trennen sollten.
Doch standen die Frauen wirklich vor verschlossenen Türen?
Ich glaube das nicht. Sie betraten eigene Pfade.
Gelehrte religiöse Frauen pflegten eine lange lateinische Tradition – in ihren theologischen Schriften wie in ihren umfangreichen Korrespondenzen. Hildegard von Bingen oder Herrad von Hohenburg sind herausragende, aber nicht die einzigen Zeuginnen für die hohe Bildung von Frauen. Die legendäre heilige Katharina von Alexandrien, gelehrt und glaubensstark, hatte in einer öffentlichen Disputation fünfzig anwesende Philosophen mit ihrer Redekunst übertroffen und diese schließlich zum christlichen Glauben geführt. So die Legende. Diese bedeutende Heilige, die ihrer Glaubenstreue wegen als Märtyrerin starb, wurde als Schutzpatronin der mittelalterlichen Universitäten verehrt. Jahrhundertelang suchten Theologen und Philosophen den Schutz und Beistand dieser gelehrten Frau. Die Pariser Universität führte sie in ihrem alten Siegel des Jahres 1292. Etliche Darstellungen zeigen sie predigend oder mit Gelehrten debattierend. Sollte das, was in Bildern zum Ausdruck kam, nicht einen wahren Kern enthalten haben? Weibliche Gelehrsamkeit wird die mittelalterliche Legendenbildung beflügelt und diese dazu beigetragen haben, Erinnerungen an große gelehrte Frauen lebendig zu erhalten. So scheint das Martyrium der heidnischen Philosophin Hypatia von Alexandrien ( um 370-415) spätere Erzählungen über Katharina von Alexandrien nicht wenig beeinflusst zu haben. Hypatia war als angesehene Lehrende der Universität von Alexandrien von einer aufgebrachten Menge christlicher Gläubiger aus bis heute ungeklärten Gründen grausam hingerichtet worden. Auch sie gilt als eine herausragende Zeugin weiblicher hoher Bildung. Und bezeugten nicht viele Universitäten seit ihrer Gründung im Mittelalter gerade selbst eine überragende weibliche Gelehrsamkeit, wenn sie die Alma Mater, die nährende, gütige Mutter, sinnbildlich als Spenderin von Weisheit, Wissen und Bildung in ihrem Namen führten, gleichsam Wissen mit Weiblichkeit assoziierend?
Bemerkenswert bleibt eine Beobachtung Hrotsvits von Gandersheim, die bereits im 10. Jahrhundert schrieb, Frauen hätten sich zwar nicht an der Tafel der Wissenschaften fest niedergesetzt und in vollen Zügen mitgehalten, aber doch »einige Tropfen aus dem Becher irdischer Weisheit gekostet und Anderen davon mitgetheilt«. Sie hätte die Liebe der Frauen zur Wissenschaft und ihr Erkenntnisstreben kaum besser zur Sprache bringen können. Eine Liebe, die mit Gleichgesinnten geteilt wurde und der Andacht sowie Gottesliebe nicht fremd waren.
All dies habe ich beim Anblick der disputierenden Frauen auf dem Steinfries der Werdener Abtei vor Augen. Weisheitsvolle Frauen erkenne ich in ihnen. Jede ein Buch in Händen. Im Austausch über Gelesenes begriffen. Wurde hier ins Bild gesetzt, was Hrotsvit von Gandersheim hatte sagen wollen? Was sie in ihrer Umgebung wahrnahm? Lesende Frauen, der Wissenschaft wie der Kontemplation hingegeben? Der Suche nach Erkenntnis wie der Liebe zu Gott?
Die lesende Frau bleibt ein Thema in der Kunst. Sie wird sich, wandelbar und stets neu gedeutet, innerhalb fließender Grenzen zwischen Wunschbild und Wirklichkeit bewegen. Nicht anders als die disputierenden Frauen auf dem Werdener Relief. Die Geschichte dieser gelehrten wie frommen Frauen bleibt ein Geheimnis – auch eintausend Jahre nach ihrer Entstehung. Ihre Botschaft allerdings werden wir in zahlreichen kunstvollen Darstellungen der lesenden Jungfrau Maria und ihrer Mutter Anna wiederfinden können.
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Szenen aus dem Leben der Jungfrau Maria.
Detail eines Altarbildes, wohl aus dem Dominikanerkloster in Thetford (Norfolk), um 1335, Malerei auf Holz (Eiche), Höhe 75 cm, Breite 285 cm.
Musée National du Moyen Age / Musée de Cluny, Paris.
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