Czytaj książkę: «Empathie»

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Monika Hein

EMPATHIE

Ich weiß, was du fühlst

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN Buchausgabe: 978-3-86936-831-3

ISBN epub: 978-3-95623-699-0

Lektorat: Ulrike Hollmann, Hambergen

Umschlaggestaltung: Martin Zech Design, Bremen | www.martinzech.de

Autorinnenfoto: Ingo Fiß

Satz und Layout: Das Herstellungsbüro, Hamburg | www.buch-herstellungsbuero.de

© 2018 GABAL Verlag GmbH, Offenbach

Das E-Book basiert auf dem 2018 erschienenen Buchtitel "Empathie" von

Monika Hein, © 2018 GABAL Verlag GmbH, Offenbach

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Inhalt

Vorwort

1. Empathie – eine Kartierung des Mitfühlens

Die innere Landkarte

Eine Reise nach Sri Lanka

Was ist Empathie?

Empathie in der Forschung

Der empathische Blick auf die Welt

Selbstempathie

Empathie mit anderen – Herz oder Kopf?

Gefühle und ihre Konsequenzen

Können Gefühle denken?

Was weiß der Körper?

Risiken und Nebenwirkungen von Empathie

2. Die versperrte Sicht: zehn Empathie-Blocker

Das tägliche Kopfkino

Egoist oder Narzisst?

Die ständige Suche nach dem Glück

Der Fluch des ewigen Zweifels

Die Sekunde des Verurteilens

Die Lüge des Vergleichs

Der Wunsch nach Perfektion

Misstrauen und Eifersucht

Sprechen tilgt Empathie

Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht: ein Leben in der Komfortzone

3. Den Blick öffnen: zehn Empathie-Booster

Das Innehalten

Der magische Moment

Der Gedanke ändert die Richtung

Verzeihen

Verletzlich sein

Empathisch sehen

Empathisch hören

Empathisch sprechen

Empathisch schreiben

Empathisch lieben

Die empathische Revolution

Anhang

Dank

Literatur

Die Autorin

Für Marleen

Vorwort

Es war im Sommer 2016, als ich bei einem Meditationsprogramm, das ich jährlich in Darry, in der Nähe von Kiel, abhalte, einer ganz besonderen Dame begegnet bin. Mit einem wunderbaren Lächeln im Gesicht erkundigte sie sich nach meinem etwas angeschlagenen Hals, unter dem ich nun schon über einige Jahre gelitten hatte. Nach Abschluss des mehrtägigen Programms verabschiedete sie sich mit ihrem etwas älteren Hund von mir und vergaß nicht, meine Kontaktdaten über eine sehr enge Freundin einzuholen.

Das nächste Mal begegnete ich ihr beim Festival »Yoga. Wasser. Klang.« in Hamburg, wo sie mir eine ganz wunderbare Nachricht überbrachte. Sie hatte für mich einen Termin bei einer der besten europäischen Kliniken, der Hamburger Stimmklinik, vereinbart.

Diese Begegnungen haben mir einiges über diese Dame gezeigt. Sie verfügt über einen feinen Geist und kann sich sehr gut in die Menschen einfühlen. Sie ist eine Mutter und eine sehr intelligente, junge und kreative Dame, die ihre akademische Ausbildung mit einem Doktorat abgeschlossen hat. Ich spreche natürlich von Dr. Monika Hein, der Autorin dieses Buches.

Das Wort »Empathie« wird oft unterschiedlich interpretiert. Im Buddhismus verwenden wir die Pali-Begriffe »anukampa« und »sahanukampa«. Diese beiden Begriffe beschreiben den Wunsch, das Leiden und die Schmerzen anderer zu beseitigen.

Ich reise jedes Jahr um die Welt und begegne vielen Menschen mit verschiedenen gesellschaftlichen Hintergründen. Ich habe entdeckt, wie wichtig es ist, die Menschen zu verstehen, mit denen man in Kontakt steht. Die meisten Probleme in unserem Leben entstehen aus Fehlwahrnehmungen und Missverständnissen. Wir sollten keine voreiligen Schlüsse ziehen oder zu schnell entscheiden oder urteilen. Wir brauchen Zeit und Erfahrungen, um uns ein Bild von der Situation oder der Person zu machen.

Um Beziehungen zu erhalten, ist Kommunikation von höchster Wichtigkeit. Hierbei ist die Art der Kommunikation oft weniger wichtig als das Ziel und die Methodik der Kommunikation. Zuallererst sollten wir ein klares Verständnis dafür entwickeln, was wir eigentlich ausdrücken möchten, bevor wir beginnen zu kommunizieren. Dafür benötigen wir Empathie. Bevor ich etwas sage, muss ich den anderen fühlen können.

Empathie kann auf zwei Weisen gesehen werden. Grundlegend bezeichnet der Begriff einerseits die Fähigkeit, die Gefühle und Erfahrungen anderer zu verstehen. Andererseits ist auch die Selbstempathie von Bedeutung, die uns dazu auffordert, uns selbst gegenüber aufmerksam zu sein, bevor wir Schlussfolgerungen über andere treffen.

Jeder Mensch hat ein Ziel im Leben. Die Herangehensweise, um dieses Ziel zu erreichen, mag sich von der anderer Menschen unterscheiden. Allerdings streben alle Menschen im Leben nach Glück, das wir auf irgendeine Weise erlangen wollen. Dies ist allen Wesen gemein. Wir sollten zuerst achtsam und aufmerksam unserem eigenen Leben gegenüber sein, um unser Glück erreichen zu können. Daher sollten wir uns als Erstes selbst verstehen. Das hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern mit einem tieferen Verständnis unseres Lebenszwecks, nämlich glücklich zu leben. Wir sind dann motivierter, auch anderen zu helfen und ihnen ein Verständnis der Dinge zu ermöglichen. Auf diese Weise werden wir andere nicht verurteilen, sondern wir können uns in sie einfühlen.

Grundlegend für unser Lebensglück ist der Zustand unseres Geistes. Dieser verändert sich oft in wenigen Sekunden, genauso wie der Himmel, der sich plötzlich zuzieht. Die Ursache liegt einerseits in zuvor gefestigten Mustern, andererseits in unvorhergesehenen Begegnungen.

In der buddhistischen Lehre verändert sich unser Geist in drei Stufen vom Normalzustand ins Aggressive:

1. Anusaya: In diesem Zustand ist der Geist frei von Agitation. Alle Gedanken schlafen. Von außen ist keine Bewegung wahrzunehmen.

2. Pariyuttana: Dies ist der Zustand des Geistes, wenn er die Stille durchbricht, sobald ein Gedanke auftaucht. Dies ist eine sehr subtile aggressive Bewegung im Geist.

3. Veethikkama: Hier entstehen bekümmerte Gedanken, die sich durch Worte und Handlungen Ausdruck verschaffen. Gewaltsames Verhalten und grobe, verletzende Rede kennzeichnen diesen Zustand.

Es ist klar, dass wir in jedem Moment unseres Wachbewusstseins in einem dieser drei Zustände verweilen. Wenn wir uns darüber bewusst sind, in welchem der drei Zustände wir uns befinden, können wir darüber nachdenken, wie viel Zeit und Raum wir uns geben, um etwas zu verstehen.

In der Gesellschaft müssen wir uns mit unseren Mitbürgern auseinandersetzen. Das Leben eines Kindes mit seinen Eltern entwickelt sich graduell entsprechend der Teilnahme an der allgemeinen Gesellschaft. In all diesen Beziehungen haben wir eine Rolle zu erfüllen, die uns als eine Art Pflicht auferlegt ist. Solange wir dem nicht gerecht werden, werden wir den Lohn nicht ernten können.

Empathie bedeutet die feine Aufmerksamkeit unseres Geistes, die dazu fähig ist, diese menschlichen Beziehungen zu verstehen. Als nicht erleuchtete Wesen ist es uns unmöglich, jemanden völlig zu verstehen, da der Mensch ein dynamisches und kein statisches Phänomen ist. Das bedeutet, dass jeder Mensch in jedem Moment dem Wandel unterliegt. Allerdings bemerken wir nur die Veränderung der anderen, nicht jedoch unsere eigene. Dies resultiert darin, dass wir uns von der Veränderung des anderen verletzt fühlen und daher den Kontakt zu ihm vermeiden oder ganz abbrechen.

Solange wir nicht diese Natur des konstanten Wandels verstehen, wird es uns schwerfallen, gesunde menschliche Beziehungen aufrechtzuerhalten. Ein Verständnis für die unterschiedlichen Charaktere der Menschen zu entwickeln, hilft uns, wirklich zu verstehen. Jeder Mensch besitzt seinen höchsteigenen Charakter. Wenn wir dies etwas besser verstehen, können wir die Lösung zu vielen Problemen finden. Um zu erkennen, dass wir nicht von allen das Gleiche erwarten können, ist Empathie unerlässlich.

Durch die zunehmende Bewertung menschlicher Beziehungen nach monetären oder diversen gesellschaftlichen Maßstäben scheint die Intimität in verschiedenen sozialen Kontexten verschwunden zu sein. Enge Freundschaften jedoch bauen auf dem Miteinander auf, und eine Umarmung ist bedeutsamer als Geld, um die Beziehung zu stärken. Niemand auf diesem Planeten ist perfekt oder frei von Fehlern und Schwächen. Man kann niemanden für immer als Verbrecher verurteilen, nur weil er Fehler und Schwächen hat. Wir Menschen haben ein Bedürfnis, diese Fehler und Schwächen zu bestrafen. Strafen werden aus drei Gründen gegeben:

1. als Vergeltung,

2. um ein Exempel in der Gesellschaft zu setzen oder

3. um den Missetäter vor weiteren Fehlern zu bewahren und ihm den richtigen Weg zu weisen.

Hier ist die dritte Intention die richtige. Wenn jemand, den man liebt, einen Fehler macht, sollte man ihm Liebe und Mitgefühl entgegenbringen. Vergeltung zu üben, führt nur zu Hass und Zorn, und die zweite Variante führt zu Unfairness.

Dr. Monikas Ansatz schöpft aus einer anderen Herangehensweise, nämlich den Menschen Einsichten zu vermitteln, um geschwächte Beziehungen wieder zu stärken. In den Gesprächen mit ihr habe ich ihr meine Erfahrungen geschildert, und wir stimmten darin überein, dass Vorwürfe anstelle von Verhandlungen und Beschwerden anstelle von Erklärungen nur zu Missverständnissen und damit zur unnötigen Schwächung von Beziehungen führen.

Dr. Monika Hein verfügt über einen breiten sozialen Erfahrungsschatz. Ihr unermüdlicher Einsatz ist lobenswert und ich wünsche ihr jeden Erfolg für all ihre Vorhaben.

Venerable Dangala Kusalagnana thissa thero,

buddhistischer Mönch

Übersetzung: Martin Laschkolnig und Monika Hein

1. Empathie – eine Kartierung des Mitfühlens

Empathie ist zunächst einmal ein schönes Wort: Warmherzig und angenehm stellen wir uns empathische Menschen vor. Wir baden gerne in der Wanne der Empathie: Alle haben sich lieb und sind gut zueinander. Dazu ein Räucherstäbchen, Erdbeertee, eine Meditationsmusik und alles wird fein.

Es ist allerdings auch etwas vage, was genau wir mit diesem Begriff meinen: Freundlichkeit? Nett sein? Sensibel, spirituell, weich sein? Friedlich sein? Das alles mag zutreffen, doch Empathie ist darüber hinaus noch viel mehr. Sie ist mühsam, umständlich, manchmal anstrengend. Sie fordert uns emotional und intellektuell heraus und will mehr von uns, als wir manchmal zu geben bereit sind. Oftmals ist sie nicht die erste Idee, die uns in den Sinn kommt, und sie hinterfragt uns. Lässt uns Risiken eingehen, öffnet unser Herz und macht uns verletzlich. Sie kann unser Leben radikal verändern und die Welt zu einem besseren Ort machen. Und sie fordert uns heraus, Gefühle genauer anzuschauen, sie anzunehmen, mit ihnen umzugehen. Zur Empathie gibt es keine Alternative.

Warum sehnen wir uns so sehr nach Empathie und Mitgefühl? Warum ist die Frage nach der Empathie ein so populäres Thema geworden, und warum haben wir den Eindruck, dass sie besonders heutzutage so wichtig ist?

Wirft man einen Blick auf die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, dann scheint sie tatsächlich gerade Mangelware zu sein. Die Welt versinkt in einem Chaos, es werden innere und äußere Mauern gebaut, wir trennen uns voneinander, werden zu »wir« und »die anderen«. Kaum jemand scheint sich für die Gefühle des anderen zu interessieren.

Gefühle

Gefühle sind überall. Ganz egal, in welchem Umfeld wir arbeiten, leben, lieben und wirken, wir empfinden sie, sprechen sie aus, durchleben sie, genießen sie, erdulden sie. Manchmal sind sie nur schwer auszuhalten. Sie diktieren in der Regel unser Tun, beeinflussen unsere Stimmung und prägen die Beziehungen zu anderen. Und nicht selten sind sie auch schnell wieder verschwunden. Gefühle sind wie spontane Besucher. Wir können sie einladen, länger zu bleiben, oder wir können sie gehen lassen.

Wir sprechen in diesem Buch nicht nur über die eigenen Gefühle, sondern auch und gerade über die Gefühle anderer Menschen. Auch sie wirken auf uns, ob wir das wollen oder nicht. Leid und Freude, Trauer und Glück – sie sind sichtbar, spürbar, greifbar und prägen die Stimmung, die Atmosphäre. Überall, wo Menschen zusammenkommen, haben wir es mit vielen verschiedenen Gefühlen zu tun. Es liegt an uns, wie wir mit ihnen verfahren: Lassen wir uns auf sie ein, geben wir diesen Gefühlen der anderen Raum? Lassen wir uns beeinflussen, berühren, oder schauen wir einfach interessiert zu, aus einer sicheren Distanz? Wie nah kommen wir den Gefühlen anderer? Wie nah möchten wir ihnen überhaupt kommen?

Diese Fragen führen uns zwangsläufig zum Thema Mitgefühl. Dabei geht es um die Kunst, mit anderen Menschen zu fühlen, sich in sie hineinzuversetzen, in anderen Schuhen zu stehen oder sogar darin zu laufen. Gleichzeitig gilt es, unsere eigenen Gefühle wahrzunehmen und in gleichem Maß anzuerkennen.

Wenn alles gut ist, wenn wir uns verstehen, fühlen wir uns wohl miteinander. Dann wird im direkten Kontakt auch kein Ruf nach mehr Empathie laut, richtig? Denn wo die Beziehungsebene stabil steht, da, wo wir uns einig sind, da sind wir meistens empathisch, zumindest fühlt es sich so an. Wenn wir es mal nicht sind, können wir es einander leichter verzeihen. Oder entspringt dieses Verzeihen nicht unserer Empathie, sondern »nur« unserer Sympathie füreinander? Der Tatsache, dass wir uns gegenseitig spiegeln, uns ähnlich sind und einander in dem bestätigen, wie wir nun mal sind?

Wenn Menschen dagegen in größerer Distanz von uns leben, fällt es uns schwerer, uns in sie einzufühlen. Denn: Je fremder Menschen sind, desto weniger kümmert es uns, wie es ihnen geht. Jeannette Hagen beschreibt in ihrem Buch »Die leblose Gesellschaft«, wie uns Kriegsszenarien, Bilder von Flüchtlingen, schreckliche Zustände, hungernde Kinder auf der Flucht immer weniger betreffen. Wie wir einfach unserem Alltag nachgehen, den Fernseher ausschalten und gemütlich schlafen gehen, als ob es all diese Dramen auf der Welt, quasi vor unserer Haustür, nicht gäbe.

In der Tat: Würden wir uns in jedem Moment betreffen lassen von all dem Leid auf der Welt, würden wir unseres Lebens nicht mehr froh, könnten dem Alltag nicht mehr standhalten.

Bei der Fülle an Dramen, die wir täglich medial serviert bekommen, ist es klar, dass wir im Geiste immer mehr abstumpfen, völlig überfordert sind von so viel Leid. Dann sinkt die Bereitschaft oder sogar die Kapazität für Empathie: Wir machen uns keine Gedanken über diese Nachrichten, schieben sie weit weg, irgendwohin, wo sie uns möglichst nicht stören oder wehtun. Denn es scheinen so viele zu sein, dass sie uns zu erdrücken drohen.

Doch auch im Kleinen werden wir immer verschlossener für die Gefühle anderer. Es muss sich gar nicht um einen Krieg oder eine große Not handeln, es reicht schon, wenn zwei Menschen den gleichen Parkplatz ansteuern: Empathie fehlt an vielen Ecken und Enden, schon in scheinbar unspektakulären Momenten unseres Lebens können wir üben, empathischer zu leben.

Mitgefühl üben

Wie können wir uns in andere einfühlen und trotzdem weiter glücklich sein? Wie können wir Gleichgültigkeit gegenüber fremdem Leid vermeiden und gleichzeitig dankbar unser Leben leben? Es wiederholt sich zigmal am Tag, in den unterschiedlichsten Kontexten, im Privatleben, in Unternehmen, in der Erziehung, unter Freunden, in der Politik, im täglichen Umgang zwischen Menschen – überall blitzen Gefühle und Befindlichkeiten auf. Es geht gar nicht ohne. Das betrifft größere, öffentliche Situationen, emotionale und wichtige Vorgänge, aber auch ganz kleine, private, scheinbar unwichtige Momente, die in ihrer Gesamtheit viel wiegen und letztlich etwas auslösen, was das Leben schwerer oder leichter macht.

Schauen wir einmal auf diese kleinen Situationen, in denen wir üben können. Jeder scheinbar noch so unbedeutende Akt des Mitgefühls ist wertvoll, er zählt. Hier können wir starten: Wir können Mikro-Empathie leben. Sie werden sehen: Jedes Mal, wenn wir es in diesen kleinen Momenten schaffen, empathisch zu sein, zaubern wir uns selbst und anderen ein Lächeln auf die Lippen. Ich glaube fest daran, dass wir schon auf diese Weise die Welt verändern können.

Beispiel 1: Empathie in der Ausbildung

Mit 21 Jahren ging ich nach Hamburg, um Musical zu studieren. Es gab eine Schauspielstunde, die ich niemals vergessen werde, denn sie hat mich bis heute geprägt. Es ging um eine einfache Übung: »Erzählt den Verlauf eures Morgens, vom Aufwachen bis zu dieser Stunde hier«, so die Anweisung des Schauspiellehrers.

Ein Musicalschüler nach dem anderen betritt die Bühne und fängt an zu erzählen. Irgendwann bin ich an der Reihe. Nervös berichte ich von meinem Frühstück, meiner Busfahrt in die Innenstadt, meinem Fußweg zur Schule und meinem Ankommen. Als ich fertig bin, sagt der Lehrer, zur Klasse gewandt: »Seht ihr, so kann es gehen. Da ist ein Mensch mit einer gewissen Ausstrahlung, wir schauen ganz gerne hin. Und dann geht dieser Mensch auf die Bühne – und alles ist weg.«

In mir bricht in diesem Moment eine kleine Welt zusammen. Meine Ausstrahlung ist also weg, sobald ich eine Bühne betrete. Das wurde mein Glaubenssatz. Bis zu meinen beruflichen Anfängen als Rednerin plagte ich mich mit dieser Überzeugung herum. Heute weiß ich, dass an diesem Satz nichts stimmt. Dass an diesem Satz gar nichts stimmen kann, denn dieser Lehrer hatte bewertet, geurteilt, ohne auch nur einen Funken Gefühl dafür zu haben, was eine junge Frau dabei empfinden könnte, wenn sie so etwas über sich hört. Wusste er nicht, wie es sich anfühlt, vorgeführt und abgewertet zu werden?

Wie sollen junge Menschen wachsen, wenn man sie kleinmacht? Wie sollen Menschen sich öffnen, wenn ihnen dauernd der Mangel zugesprochen wird? Das ist mir bis heute ein großes Rätsel. Doch dieses Rätseln hat mich als Dozentin geprägt. Insofern könnte ich diesem Lehrer im Grunde auch dankbar sein, denn er hat mir unbewusst einen Wert vermittelt, der meine Lehre bereichert. Ich habe damals gelernt: Empathie hat auch mit Macht und Status zu tun. Je mehr Macht Menschen haben, desto weniger machen sie sich oft die Mühe, sich in Schutzbedürftige einzufühlen. Gerade die Bühne erfordert, dass Menschen sich öffnen, Vertrauen fassen, sich zeigen. Da kann so ein destruktiver Kommentar alle Türen mit einem Mal zuschlagen.

Rückblickend kann ich sagen: An dieser Ausbildungsstätte waren zu jener Zeit viele Lehrer tätig, die genau diesen Stil beim Unterrichten verfolgten: erst kleinmachen, dann wieder aufbauen, nach ihrem eigenen Bild. Das kann natürlich funktionieren – bei Menschen mit einem starken Selbstwert, einer großen Portion Ehrgeiz und dem starken Willen, gegen diese Angriffe anzukämpfen und mit ihrer Hilfe noch besser zu werden. Die fühlen sich ggf. noch angespornt, wenn sie niedergemacht werden. Bei Menschen, die auch nur den geringsten Zweifel an sich selbst in sich tragen, ist diese Art des Umgangs Gift für die Seele.

Die empathische Variante:

Der Lehrer weiß, wie es sich anfühlt, auf einer Bühne zu stehen, und weiß, wie verletzlich man dort oben ist. Nach meinem kleinen Auftritt würdigt er zunächst das, was ist. Er lobt den Mut, auf der Bühne frei zu sprechen, er löst damit die Aufregung in mir auf. Dann kommt er locker über das, was morgens alles passiert ist, mit mir ins Gespräch. Ich stehe auf der Bühne und erzähle ihm einfach, was ich gemacht habe, wie in einem Zweiergespräch. Ich fühle mich immer wohler. Anschließend gibt er Feedback. Er fragt mich, wie die erste Variante im Vergleich zum Gespräch war. Was sich für mich besser angefühlt hat. Damit macht er ein Grundprinzip des lebendigen und persönlichen Sprechens auf der Bühne deutlich. Ich gehe von der Bühne und habe etwas gelernt.

Beispiel 2: Joggen und Hunde

Eine Joggerin läuft an der Alster entlang. Ein Hundebesitzer kommt ihr entgegen, der Hund trabt fröhlich vorneweg, Joggerin und Hund laufen auf exakt der gleichen Linie und steuern direkt aufeinander zu. Die Frau stolpert um den Hund herum und flucht laut, motzt dem Hundebesitzer hinterher, was er für ein Blödmann sei, dass er seinen Hund nicht im Griff habe und so weiter.

Diejenigen von Ihnen, die regelmäßig joggen, kennen solche Momente mit Hunden. Natürlich hätte der Besitzer den Hund rechtzeitig rufen oder an die Leine nehmen können. Doch die Joggerin hätte genauso gut ausweichen können, der Weg war breit genug für alle. Der Hund hat gar nichts kapiert, von ihm können wir hier also kein bestimmtes Verhalten erwarten. Die Sicht der Joggerin: »Hier laufe ich.« Die Sicht des Hundebesitzers: »Es ist genug Platz für alle da.«

Ich habe selbst eine Hündin und die Erfahrung gemacht, dass sie spontan vor das Rad oder den Jogger läuft, wenn ich sie rufe. Deswegen mache ich oft nichts, wenn ich sehe, dass der Weg frei ist, denn das ist tatsächlich in der Regel effektiver.

Wer befand sich nun in der empathiefreien Zone? Der Hundebesitzer oder die Joggerin? Beide? Fakt ist, beide haben sich anschließend geärgert. Wofür war das gut? Beide wollten am Ende recht haben und hatten schlechtere Laune als vorher. Wenn es ein Gegenteil von Empathie gibt, dann ist es sicherlich das Rechthaben.

Die empathischen Varianten:

Die Joggerin versteht, dass der Hundebesitzer ihr nicht schaden wollte, und kann nachfühlen, dass Hunde manchmal ihren eigenen Kopf haben. Sie macht einen eleganten Schlenker um den Hund herum, lächelt den Hundebesitzer an und dieser entschuldigt sich charmant. Oder: Der Hundebesitzer pfeift den Hund zurück, weil er weiß, dass es sich nicht gut anfühlt, aus dem Lauftakt zu geraten, und wünscht der Joggerin einen schönen Tag – sie trabt fröhlich weiter. Keiner von beiden muss sich ärgern.

Beispiel 3: Die Führungskraft im Tunnel

Die Führungskraft hat ein schwieriges Telefonat mit einem Kollegen – die Abläufe eines Projektes klappen nicht wie geplant. Innerlich noch vollkommen mit diesem Thema beschäftigt, legt er auf. Schon steht die Assistentin vor ihm und möchte etwas völlig anderes klären. Er, noch ganz in seinem Problemtunnel, mault sie an und vertröstet sie barsch auf später. Sie ist beleidigt und trollt sich. Seine Haltung: »Sie hätte das doch sehen können, dass es jetzt nicht geht.« Ihre Haltung: »Er ist mein Chef, ich wollte ihm was Gutes tun, und nun werde ich für etwas angeblafft, wofür ich nichts kann.« Beide sehen sich im Recht mit ihren Gefühlen. Was ist denn nun richtig? Darf die Führungskraft blaffen, weil die Assistentin angeblich nicht einfühlsam genug war, oder schmollt sie zu Recht, weil sie eine gute Absicht hatte und sich ungerecht behandelt fühlt? Am Ende des Tages haben sicher beide recht mit ihren Gefühlen, doch die Frage ist immer: Wie gehe ich mit der Situation um? Wie weit kann ich mich von meinem Standpunkt wegbewegen, damit ein Konsens entstehen kann?

Die empathischen Varianten:

Die Führungskraft weiß, dass die Assistentin viele Themen auf dem Tisch hat und sich etwas gehetzt fühlt. Sie antwortet (möglichst in sanftem Ton), dass sie sich im Moment noch nicht auf das neue Thema konzentrieren kann, dass sie etwas Ruhe braucht, und bittet dann um eine zehnminütige Pause. Die Assistentin kommt später wieder, beide haben ein Ohr füreinander. Oder: Die Assistentin liest aus der Physiognomie des Chefs, dass er sich gerade in einem problematischen Zustand befindet. Sie sieht, dass er den Blick gesenkt hält, dass die Stirn kraus, die Miene düster ist. Sie kennt ihn und weiß, dass er in so einer Verfassung nichts aufnehmen kann, und beschließt, in zehn Minuten noch mal wiederzukommen und in der Zwischenzeit eine andere Aufgabe zu erledigen. Vor allem: Sie beschließt, sich nicht zu ärgern.

Die empathischen Varianten sind auf den ersten Blick gar nicht so schwer, oder? Man könnte sie auch freundlich und umsichtig nennen. Allerdings erfordert empathisches Handeln eine innere Bereitschaft, vom eigenen Plan abzuweichen, Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer zu nehmen, sich und seine eigenen Bedürfnisse einen kleinen Moment zurückzustellen und letztlich weich und gütig zu werden.

Und es erfordert einen gewissen Forscherdrang, eine Neugierde auf das, was im anderen gerade vor sich gehen mag. Es kostet oft nur ein Lächeln, und schon ist die Situation gerettet. Für den, der sich für die empathische Variante entscheidet, fühlt es sich warm und freundlich an. Für den, der »gelesen« wurde, fühlt es sich vertrauensvoll und geborgen an.

Genau dieser Moment, die Änderung der Richtung, diese Neuausrichtung von Gedanken und Stimmung, fällt vielen heute schwer. Wir wollen zu oft, dass es genau so läuft, wie wir uns das vorstellen.

Barack Obama sagte in seiner berühmten Rede an der Northwestern University in Illinois im Jahr 2006:

»Aber ich denke, wir sollten mehr über unser Defizit an Empathie sprechen – die Fähigkeit, uns in die Schuhe eines anderen zu stellen; die Welt durch die Augen derer sehen, die anders sind als wir – das Kind, das Hunger hat, der arbeitslose Stahlwerker, die eingewanderte Frau, die unser Schlafzimmer sauber macht. Wenn du weiter durchs Leben gehst, wird es immer schwerer, diese Qualität der Empathie zu kultivieren, nicht leichter. Es gibt keine Verpflichtung zum Dienst an der Gemeinschaft, keiner zwingt dich dazu, dich zu kümmern. Es wird dir überlassen bleiben, in einer Nachbarschaft mit Menschen zu leben, die genau so sind wie du, und du kannst deine Kids in die gleichen Schulen schicken und deine Fürsorge auf das beschränken, was in deinem kleinen Kreis vor sich geht. Schlimmer noch – wir leben in einer Gesellschaft, die uns nicht zu Empathie ermutigt. In einer Gesellschaft, die uns zu oft sagt, dass es unser Hauptziel im Leben sei, reich, dünn, jung, berühmt, sicher und gut unterhalten zu sein. In einer Kultur, die zu oft diese selbstsüchtigen Impulse stärkt.« (Übersetzung: M. H.; Original s. Literaturverzeichnis)

Selbstsüchtig. Das sind wir heutzutage. Immer mehr, immer öfter. Die Liste der Situationen, in denen ich mir für unsere Welt mehr Einfühlung, weniger Selbstbezogenheit wünsche, ist lang. Wir erleben es täglich, dass Egos aufeinanderprallen. Wenn wir uns jedoch nur auf den Mangel an Empathie in unserer Gesellschaft fokussieren, könnten wir schnell den Mut verlieren – schauen wir stattdessen doch lieber auf die ungeahnten Möglichkeiten, die sich hinter diesem kleinen Zauberwort verstecken.

»Empathie ist ein rares Gut. Es herrscht ein eklatanter Mangel daran. Wir sind wie Verdurstende in der Wüste. Die meisten brauchen sie dringend. Und: Die meisten kennen sie praktisch gar nicht. Nur das Wort kennen sie und finden es toll. Aber: Du musst Empathie mal erfahren! Sie wirkt wie eine Erleuchtung, eine Entdeckung.«

Jürgen Engel

Ist Empathie erlernbar?

Eine berechtigte Frage lautet immer wieder: Kann man Empathie eigentlich wirklich lernen? Ich weiß aus eigener Erfahrung mit meinem ersten Freund: Ja, das kann man. Und in welchem Maß man das kann, hat mich sehr berührt.

Nun, Jürgen Engel war mein erster Freund. Ich war 16 Jahre alt, er ein Jahr älter. Wir verliebten uns ineinander, kamen zusammen. Irgendwann häuften sich unsere Konflikte, oder sagen wir besser: Rangeleien. Nach etwa zwei Monaten trennte ich mich von ihm, weil der Kontakt zwischen uns etwas anstrengend geworden war: Jürgen ließ keine Gelegenheit aus, mich aufzuziehen, mich zu ärgern, sich über Dinge aufzuregen, die ich tat oder sagte. Das gefiel mir nicht. Nach der Trennung wurde in der gemeinsamen Clique auch noch ordentlich über mich hergezogen: Wertschätzung war damals Fehlanzeige.

Viele Jahre später sah ich auf der beruflichen Onlineplattform XING, dass Jürgen dort mit seinem Profil beigetreten war. Er lud mich zu einem Seminar »Kommunikation für Frauen« ein. Wenig später las ich eine weitere Einladung: »Gewaltfreie Kommunikation«. Ich war verblüfft: Mein damals etwas unfreundlicher, knurriger Exfreund gab nun Kommunikationskurse, noch dazu über wertschätzende Kommunikation? Und außer den Kursen in »Gewaltfreier Kommunikation« (GFK) gab er auch Trainings und Coachings für Einzelpersonen, Gruppen und Paare? Diese Information beschäftigte mich einige Tage lang, und als mich die Gedanken daran nicht losließen, beschloss ich, ihm zu schreiben. Ich fragte ihn, was in der Zwischenzeit mit ihm passiert sei.

Daraufhin schickte er mir eine sehr herzliche Mail zurück und schrieb, dass er sich schon lange bei mir entschuldigen wollte und dass er es sehr bedauerte, damals so mit mir umgegangen zu sein. Ich staunte nicht schlecht. Ein so altes Thema konnte in Ruhe besprochen und aufgelöst werden! Ich empfand auf der Stelle trotz unserer Querelen von früher eine neue, herzliche Offenheit zwischen uns.

Wir hielten Kontakt. Im April 2017 besuchte ich mein erstes Seminar bei ihm, einen Workshop zum Einstieg in die GFK. Wir verbrachten einen tollen Tag, mit einigem Augenzwinkern über das, was damals geschehen war. Ich sah, wie profund die Veränderung war, die er über die Jahre erlebt hatte: Ich stand einem anderen Menschen gegenüber, der ehrlich, herzlich und wertschätzend reagierte. Einem Menschen, der die Prinzipien der GFK auf eine sehr selbstverständliche und souveräne Art und Weise vermittelte: Die dazu erforderliche innere, empathische Haltung ist ihm in Leib und Seele übergegangen. Wir sprachen über diese Verwandlung. Ich fragte ihn:

»Kann man Empathie also lernen?«

»Sagen wir mal so: Ich habe noch keinen hoffnungslosen Fall erlebt. Ich war früher anders – es gab wenig Empathie, das weißt du ja. Genauer gesagt: Bis noch vor zwölf Jahren gab es bei mir sehr wenig Empathie. Dann traf ich auf Marshall B. Rosenberg.

Also: Ja, man kann es lernen. Es ist in jedem Menschen angelegt. Kleine Kinder sind empathisch; Kinder fühlen mit, sie sind da völlig unverbraucht. Empathie ist vollkommen normal für sie, wie ein Reflex. Empathie muss also erst mal nicht neu erlernt werden. Sie wird aber immer mehr zugedeckt im Laufe unseres Erwachsenwerdens, durch die Erziehung. Es werden viele Schichten auf unser unschuldiges Sein gelegt. Dann kommen Krusten und Schutzpanzer obendrüber. Ich selbst bekomme weniger und weniger Zugang zu meiner Empathie. Weil ich Erlebnisse hatte, in denen mir Leid angetan wurde. Situationen, in denen ich mich offen und verletzlich zeigte und dann eins draufbekommen habe. Da fange ich natürlich an, mich zu schützen, denn das sind kleine Traumata. Das muss noch nicht einmal etwas so Schwerwiegendes wie ein Missbrauch oder Ähnliches sein, es reicht oft schon, wenn ich dafür angeschrien werde, dass ich mich offen gezeigt habe. Das reicht schon, um zu merken: ›Oh, das ist gefährlich, das werde ich nicht mehr machen.‹ Dann werde ich hart in mir.«

»Wie können wir diese Schichten ablegen?«

»Es braucht viel Mitgefühl, um die erfahrenen Verletzungen zu heilen. Das dauert lange. Und es braucht eine neue Erfahrung, ich muss sozusagen die Festplatte überschreiben. Ich mache mich dabei auf einen langen Weg, einen manchmal schmerzhaften Weg.

Dafür muss ich viel Selbstempathie aufbringen, aber ich brauche auch Empathie von außen. Ich selbst brauche viel Empathie von anderen Menschen, das kann ich oft nicht alleine. Es allein zu können, ist ein hoher Anspruch, den möchte ich nicht haben. Wir brauchen einander. Vertrauen spielt eine immens große Rolle. Es ist ein ständiges ›Sichöffnen‹, von meinen Ängsten und Schmerzen zu erzählen und dabei immer wieder die Erfahrung zu machen, dass es okay ist, dass ich so fühle. Dass die Verletzlichkeit da sein darf.«

Kann man Empathie lernen? Ja, das Beispiel meines Freundes zeigt es. Empathie ist erlernbar. Die Hirnforscherin Tania Singer und ihr Team haben eine Langzeitstudie ins Leben gerufen, mit der sie die Wirkung von Empathie- und Mitgefühlstrainings untersuchen. Hier wird ebenfalls deutlich, dass wir diese Fähigkeiten aktiv trainieren können, wobei in der Studie Unterschiede zwischen »Empathie« und »Mitgefühl« gemacht werden. Mehr dazu lesen Sie bitte im Teil »Empathie in der Forschung«.

Mein Anliegen mit diesem Buch ist es, Anstöße zur Empathie zu geben, Empathie buchstäblich zu üben. Den Schutzpanzer langsam zu lösen. Die Idee mit Ihnen zusammen weiterzuentwickeln, offener dafür zu werden, wie es anderen gerade gehen mag. Herauszufinden, welche Gefühle wir in vielen Situationen beieinander auslösen, ohne es zu wissen. Ich möchte anregen, dass wir uns wieder mehr Mühe geben und uns fragen: Wo ist der andere gerade? Wie geht es ihm? Dass wir überhaupt in Betracht ziehen, dass andere auch ganz anders fühlen und leben können als wir. Das ist manches Mal gar nicht so einfach.

Zetteln wir gemeinsam eine Empathie-Revolution an!

• Es gibt derzeit offensichtlich einen Mangel an Empathie.

• Empathie ist eine Fähigkeit, die wir aktiv ausbauen können.

• Es gibt immer die »empathische Variante«.

• Als Kinder waren wir alle empathisch.

• Empathie ist unter gelernten Schutzschichten verborgen.

• Empathie erfordert die innere Bereitschaft, weich zu werden und sich selbst zurückzustellen.

• Empathie ist lernbar.

Die innere Landkarte

Menschen sind verschieden. Das ist uns theoretisch klar. Trotzdem vergessen wir im Alltag oft, dass wir aus ganz unterschiedlichen Leben und Situationen kommen, andere Überzeugungen haben und anders handeln. Im Privatleben und im täglichen beruflichen Tun begegnen uns Mikrokonflikte, die letztlich immer damit zu tun haben, dass Menschen hauptsächlich nach ihrer eigenen »inneren Landkarte«, aus ihren individuellen Erfahrungen und Glaubenssätzen heraus agieren. Das Modell der inneren Landkarte stammt aus dem Konstruktivismus: Auf ihr ist erst einmal alles abgebildet, was wir für wahr halten, was wir für die »richtige« Welt halten. Unsere eigene Wahr-Nehmung eben.

Dieses innere Bild setzt sich aus Erfahrungen zusammen, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben, mit all unseren Sinnen. So entsteht eine bestimmte Landschaft mit Bergen, Seen, Inseln und Wäldern. Wichtig zu wissen: Diese innere Landkarte repräsentiert nur eine einzige Welt – meine eigene. Es kann keine andere Erfahrung darauf abgebildet sein, niemand kennt diese Landkarte so gut wie ich, obwohl es auch für mich verborgene Täler und Hügel gibt.

Ein Kunde von mir verglich die innere Landkarte einmal mit dem PAX-Schrank von IKEA: Viele Menschen haben einen, doch kaum einer ist exakt so wie der andere – Menschen wählen verschiedene Funktionen und Teile aus. So ist es zwar immer noch bei jedem Besitzer ein PAX-Schrank, doch sein Inneres unterscheidet sich grundsätzlich von den anderen.

Die innere Landkarte kann sich situativ verändern, Teile verstärken sich, andere bauen sich neu auf. So setzt sie vor unser Erleben ständig Filter: Wenn sich eine Frau gerade ein Kind wünscht, sieht sie überall schwangere Frauen. Oder: Ich möchte mir ein neues Auto kaufen. Prompt fallen mir meine Lieblingsmodelle überall auf der Straße auf. So verändert sich die innere Landkarte zwar in verschiedenen Lebensphasen situativ, doch was längere Zeit erhalten bleibt, sind grundlegende Überzeugungen: unser Welt- und Menschenbild. Unser Wertesystem liegt auf der inneren Landkarte. Auch diese Systeme können sich über die Jahre verändern, so wie sich auch eine natürliche Landschaft verändert, denn Persönlichkeiten entwickeln sich im Laufe des Lebens immer weiter. Mit der Zeit verändern sich Berge und Seen, formen sich neue Inseln, manche gehen unter, um in der Metapher zu bleiben.

Eine dieser Inseln oder Berge ist unsere Fähigkeit zur Empathie. Es gibt sie auf allen Landkarten, beim einen ist sie größer, beim anderen kleiner. Und bei manchen ist sie schlicht verschüttet oder zugewachsen.

Wenn wir miteinander sprechen, finden wir oftmals unterschiedliche Dinge schlimm oder belastend, lustig oder unterhaltsam. Wir stellen fest: Die Landkarten unterscheiden sich in manchen Teilen sehr. Die Geschmäcker sind verschieden, so sagt man. Und das ist bereichernd: Würden mir meine Freunde, mein Partner, meine Familie nicht immer mal einen anderen Standpunkt vermitteln, würde ich in meiner Landkarte komplett versumpfen und diese für das Maß aller Dinge halten. Genau das tun wir alle mehr oder minder – je nachdem, inwieweit wir dazu bereit sind, uns zu hinterfragen und neue Ideen zuzulassen.

Ich finde dieses Konzept der inneren Landkarte sehr bereichernd, denn in meiner Ausbildung zum Business-Coach lernte ich die Herangehensweise kennen, diese Karte möglichst weit wegzuhängen (soweit das geht) und mich fragend auf die Landkarte des anderen zu begeben, die Landschaft dort zu erkunden, anstatt aus meiner eigenen Sicht heraus zu kommentieren, Ratschläge zu geben oder zu urteilen. Dieses innerliche »Leersein« ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was ich bis dato gemacht hatte: Als Stimm- und Sprechtrainerin reicherte ich die Landkarten der anderen an, sagte also aus meiner Expertensicht, was zu tun und zu lassen ist.

Die Tätigkeit des Coaches unterscheidet sich in dieser Hinsicht grundlegend von der des Trainers. Der Coach erfragt, was auf der Landkarte des Coachees los ist. Der Trainer pflanzt neue Wiesen an und verändert so im besten Fall das Verhalten desjenigen, den er trainiert – wenn das erwünscht ist.

Wir können davon ausgehen, dass Menschen vieles, was nicht auf der eigenen Landkarte vorkommt, erst einmal befremdlich finden. So formt sich unser Freundeskreis, unser Leben nach bestimmten Kriterien: Die inneren Landkarten dürfen und sollen zusammenpassen – Werte und Überzeugungen überschneiden sich in Freundschaften. Dennoch gibt es immer wieder kleine Inseln, Wälder und Seen, die wir beim anderen noch nicht erkannt haben – oder aber bei uns selbst. Erst da, wo wir Unbekanntem begegnen, können wir wirklich wachsen und zu empathischeren Wesen werden. Wir haben oft Schwierigkeiten, uns auf das einzulassen, was anders ist. Je größer die Unterschiede sind, desto schwieriger wird das Sicheinlassen. Deswegen ist der Aspekt der Ähnlichkeit zwischen Menschen eine der Grundvoraussetzungen für Verständnis, aber: Das ist Empathie für Anfänger. Verständnis für jemanden aufzubringen, der mir ähnelt, ist relativ leicht.

Und es stellt sich die Frage, ob es dann überhaupt Empathie ist oder ob es sich schlichtweg um Sympathie handelt.

Sympathie: stammt aus dem Griechischen und bedeutete einst Mit-leiden. Im Wort steckt »Pathos«, was so viel wie »Schmerz, Leid« heißt. Im Laufe der Zeit hat sich das Wort zu »Wohlgefallen« und »Zuneigung« entwickelt. Wir erkennen etwas in einem anderen, Schmerz oder Freude, das uns selbst ähnlich ist, und spiegeln uns in ihm. Es entsteht eine Einhelligkeit, weil man gleiche Empfindungen hat.

Ähnlichkeit wird in den sozialen Medien betont. Bei Facebook sorgen Algorithmen dafür, dass ich vermehrt das zu sehen bekomme, was mich interessiert. Meine virtuelle Landkarte besteht dann aus dem »erweiterten Selbst«, nicht aus dem, was anders, unbequem oder fordernd ist. Genau so erleben es die verschiedensten Gruppierungen – jede postet und kommentiert in ihrer eigenen Welt. So stärken sich Ausrichtungen und bekommen ein Eigenleben. Die Menschen bestätigen sich auf diese Weise selbst und nehmen schließlich an, dass ihre Version von der Welt die allgemeine Meinung darstellt.

Wann immer ich über irgendwelche Umwege doch einmal auf einer populistisch angehauchten Seite lande, bin ich erschrocken über das Gedankengut, das hier gefeiert wird. Die innere Landkarte dieser Menschen sieht ganz anders aus als meine – was mache ich nun damit? Wie kommen Menschen in den nötigen Dialog für mehr Verständnis, für weniger Härte? Online funktioniert dies meistens nicht, das können wir den vielen harten Kommentaren entnehmen, die sich gegenseitig hochschaukeln und mit einem menschlichen Umgang nicht mehr viel zu tun haben.

Ein weiteres Problem liegt darin, dass in so vielen Kontexten das eigene Selbst zur Schau getragen und optimiert wird, sodass das Selbst des anderen völlig untergeht. Selbst-Bewusstsein, Selbst-Verwirklichung, Selbst-Wahrnehmung, Selbst-Findung: Das ist alles sehr wertvoll und unabdingbar für die Selbst-Empathie. Doch überwiegend in diese Richtung zu denken, kann natürlich auch kippen, und das halte ich sogar für gefährlich:

Wenn ich nur noch über mich selbst nachdenke und mich um mich selbst kümmere, dann bleibt irgendwann zu wenig Raum für andere.

Dies gleicht einer Gratwanderung, denn an welchem Punkt kann es wieder gelingen, die eigene Landkarte zu verlassen und auch mit dem anderen zu fühlen?

Der Schritt hinaus aus dem Selbst ist extrem wichtig. Wo aber ist die Mitte zwischen dem Selbst und den anderen? Wie kommen wir dorthin, dass die eigene Landkarte zwar wichtig, aber nicht der Nabel der Welt ist? Wie kommen wir in einen Zustand, der zulässt, dass uns fremde Landkarten überhaupt interessieren, betreffen und berühren? Dass sie uns wichtig werden? Wie können wir wieder weicher werden und aufhören, unsere Rechte aufs »Eigene« verbissen bis aufs Messer zu verteidigen wie Kinder ihre Sandburgen? Wie kommen wir langfristig zu einem friedlicheren Miteinander, das zulässt, dass es diverse Landkarten gibt und alle eine sehr eigene Schönheit haben?

• Die innere Landkarte bildet das Erleben der Welt ab.

• Sie ist sehr individuell und kann unter anderem durch Fragen erkundet werden.

• Das »Selbst« überdeckt die Landkarten anderer Menschen.

• Empathie heißt, die Landkarten der anderen kennenzulernen und sie auch einmal spannender zu finden als die eigene.

Eine Reise nach Sri Lanka

Apropos Landkarte: Lassen Sie sich für einen kleinen Moment nach Sri Lanka entführen. Im Südwesten des Landes fließt der Madu Ganga River. Hier geht an einem sonnigen Nachmittag eine kleine Gruppe junger buddhistischer Mönche baden. Sie tummeln sich, haben Spaß, freuen sich an der Sonne und am Leben. Manche von ihnen sind gute Schwimmer, andere weniger gute. Sie reden, planschen, genießen die Leichtigkeit dieses schönen Tages. Einer der besseren Schwimmer kommt auf einmal auf die Idee, den Grund des Flusses mit dem Fuß berühren zu wollen. Gesagt, getan, so taucht er unter und berührt mit den Zehen den Boden. Doch als er auftauchen möchte, verfängt sich seine Robe in einer Pflanze, die Robe löst sich, der junge Mönch hat eine schlimme Ahnung: Ein Tier könnte ihm die Robe entrissen haben. Er schwimmt an die Oberfläche, doch er möchte nicht nackt zu den anderen Mönchen schwimmen, also taucht er wieder unter und sucht im trüben, aufgewühlten Wasser nach der Robe. Nun ergreift ihn endgültig die Panik, denn er findet sie nicht, schluckt Wasser und ruft schlussendlich nach Hilfe, als er zappelnd wieder auftaucht. Die meisten der anderen Mönche denken, er mache nur Spaß. Doch der Mönch Kusala Thero (kurz Thero genannt), der ein guter Freund des Schwimmers ist, erkennt seine Notlage, zögert nicht, schwimmt zu ihm hin, um ihm zu helfen.

Allerdings ist er selbst überhaupt kein guter Schwimmer. Nichtsdestotrotz versucht er, seinem Freund zu helfen, der sich voller Panik an ihn klammert und ihn mit sich in die Tiefe reißt. Seine Rettung ist, dass er als Mönch die Kunst der Gelassenheit gelernt hat. Er weiß zwar, dass sich die Situation hier alles andere als gut entwickelt, doch er bleibt ruhig in der Umklammerung des panischen Kollegen. Er weiß, dass sie beide ertrinken werden, wenn auch er nun panisch wird. Zu guter Letzt kommt einer der anderen Mönche und löst den panischen Mönch von Thero, beide können schließlich wieder auftauchen.

Während Thero mir diese Geschichte erzählte, lächelte er mich an und sagte: »Ich war sehr empathisch, aber das war falsch! Ich bin kein guter Schwimmer, ich habe die Empathie mir selbst gegenüber vergessen! Empathie taugt nichts, wenn man sie nicht klug einsetzt. Ich hätte mit meinem Freund ertrinken können und das hätte niemandem genützt!«

Auf meiner Suche nach dem Wesen der Empathie landete ich im Januar 2017 auf Sri Lanka. Ich hatte im Vorjahr an einem Meditationskurs bei einem buddhistischen Mönch teilgenommen – dieser Mönch war kein anderer als Thero. Mit ihm kam ich ins Gespräch über Empathie, und er lud mich in seinen Tempel in seinem Heimatland ein, um vor Ort mit ihm darüber zu sprechen – denn im Buddhismus spielt Empathie eine wichtige Rolle. Kaum angekommen, berichtete mir Thero davon, wie gefährlich Empathie werden kann. Er sagte: »So ist es immer mit der Empathie. Wir müssen klug entscheiden, wie wir sie einsetzen, sonst kann sie absolut sinnlos oder gefährlich sein.« Empathie kann auch sinnlos sein? Oder gar gefährlich?

»Jemand ist vor meinen Augen untergegangen, ich habe es gefühlt, jeder würde das fühlen. Ich habe aber nicht den passenden Weg gewählt. Ich hätte meine Freunde holen können, um zu helfen. Alle haben gedacht, er macht nur Spaß. Ich wollte ihm helfen, doch er sprang auf mich drauf. Wir gingen gemeinsam unter. Er schrie: ›Bitte rette mich, schütze mein Leben!‹ Ich konnte mich überhaupt nicht bewegen, wir sind noch zwei Mal zusammen untergegangen. Ich teilte mir meinen Atem ein, deswegen habe ich mich nicht gegen ihn gewehrt. Ich managte meine Emotionen, ich hatte keine Panik. Ich war nicht emotional und ich hatte keine Angst vorm Sterben. Ich benutzte in diesem Moment endlich Empathie für mich selbst – Panik hätte mich umgebracht. Einer meiner Freunde kickte ihn schließlich weg, dann waren wir alle in Sicherheit. Es ging gut aus, ich habe nur zwei- oder dreimal Wasser geschluckt, aber das war ganz und gar nicht angenehm.« Er lachte, als er sich daran erinnerte.

Empathie hat auch Schattenseiten

Empathie scheint also auch Schattenseiten zu haben. Vor diesen warnt Fritz Breithaupt in seinem 2017 erschienenen Buch »Die dunklen Seiten der Empathie«. Er meint, dass wir Empathie durchaus auch kritisch begegnen sollten. Er argumentiert, dass Empathie zu Selbstverlust führen kann – so wie Thero es beschrieben hat: Wir bringen uns dann selbst in Gefahr. Darüber hinaus führt Breithaupt an, dass Empathie Konflikte sogar fördern könne, weil wir als Menschen dazu tendieren, Partei zu ergreifen, wenn wir mit einer Seite mitfühlen. So könne Empathie dazu führen, dass wir uns als Retter aufspielen, statt echtes Mitgefühl zu entwickeln, wodurch der helfende Mensch sich selbst besser fühle, dem Leidenden jedoch im Grunde mehr Schaden zufüge. Diese Form der Empathie sei ausschließlich auf sich selbst bezogen.

Die Möglichkeit, Empathie sadistisch zu genießen, schreibt er nicht nur Psychopathen zu, sondern er hält sie auch im Alltag für relevant, nämlich dann, wenn Menschen herabgesetzt, öffentlich bloßgestellt oder gedemütigt werden. Leider geschieht das ja allzu oft, denken wir nur ans Mobbing oder Cyber-Mobbing unter Jugendlichen oder an Situationen am Arbeitsplatz, Unterdrückung von Frauen, unwürdige Arbeitsbedingungen. Jeder Mensch kann sich vorstellen, wie es sich anfühlt, so behandelt zu werden. Doch trotzdem genießen es offenbar manche Menschen, andere leiden zu sehen, so absurd es auch erscheinen mag.

Die grundlegende Fähigkeit zur Empathie birgt also auch Risiken und kann sogar missbräuchlich eingesetzt werden, entweder bewusst, um anderen zu schaden, oder unbewusst, um selbst besser dazustehen.

Auch Thero sah solche und ähnliche Gefahren der Empathie. In unserem Gespräch wunderte er sich:

»Interessant an der Empathie in der westlichen Welt ist, dass die Empfindung oft mit dem Wunsch zu bestrafen verbunden ist. Wenn du siehst, dass ein Reh von einem Tiger gefangen wird, fühlst du Empathie gegenüber dem Reh. Das ist klar. Im gleichen Moment fühlst du aber auch Ärger gegenüber dem Tiger. Diese beiden Gefühle sind miteinander verbunden. Vegetarier und Veganer hassen zum Beispiel die Menschen, die Tiere töten. Sie fühlen nicht nur mit den Tieren, sondern verurteilen gleichzeitig andere. Wie können wir damit umgehen?

Es geht hier um Weichheit. Bleibe immer in der Mitte, gehe nicht ins Extrem! Der Tiger ist auch ein Tier. Wo ist der Unterschied zwischen dem Tiger und dem Reh? Das Reh ist nur der schwache Part. Aber wir denken nicht daran, dass der Tiger ja auch etwas essen muss. Auch er muss überleben! Es ist falsch, jemanden verletzen zu wollen, das ist keine Empathie.«

Empathie heißt also in diesem Fall, dass wir einem Wesen gegenüber Mitgefühl empfinden, während wir denjenigen verurteilen, der »schuld« an der Verletzung ist. So sollte das nicht sein – Empathie ist frei von negativen Gefühlen gegenüber Mensch und Tier.

Ist das tatsächlich so? Ich beschütze zum Beispiel mein Kind vor dem schlagenden anderen Kind, tröste das eigene und schimpfe das andere Kind aus, anstatt vollständig für mein Kind da zu sein. Oder ich sehe einen Konflikt unter Kollegen und beziehe Stellung – meist automatisch für den einen und gegen den anderen Part. Wenn ich also beide Parteien kenne und sehe, schlage ich mich mithilfe der Empathie auf die eine oder andere Seite und fördere damit den Konflikt mehr, als dass ich ihn löse. Jemandes verletzte Gefühle zu spüren, bedeutet also auch oft, gegenteilige Gefühle für den Verursacher zu entwickeln.

Ich fragte Thero, wie wir empathisch bleiben können, wenn Menschen etwas tun, was den eigenen Werten absolut widerspricht. Seine Haltung dazu: »Wir lehnen diese Menschen nicht ab. Wir wollen nicht den Menschen entfernen, sondern seine falsche Überzeugung von ihm lösen. Wir möchten gerne Alternativen bieten. Empathie heißt nicht, dass du zustimmen musst. Bleib in der Mitte, hasse nie jemanden. Menschen machen Fehler. Wir können über Dinge diskutieren, Lösungen anbieten und friedlich miteinander umgehen.«

Starke Gefühle steuern die Empathie

Wir sprachen viele Stunden angeregt über Empathie. Was sie ist, was sie sein wollte, was sie nicht ist. Vor allem scheint Empathie etwas zu sein, was starke Gefühle auslöst, und genau das macht oft Probleme, so Thero: »Manchmal fühlen Menschen einfach nur etwas und wissen dann nicht, was sie damit tun sollen. Wie sie die Empathie managen, wie sie reagieren sollen: Sie sind einfach überwältigt. Sie gehen dann über ihre Grenzen. Dann macht Empathie viele Probleme in ihrem Leben. Wenn du jemandem helfen willst, musst du zuerst herausfinden, wie du helfen kannst. Wir sind Menschen, wir fühlen auf jeden Fall etwas – das ist die Empathie: Wir fühlen, jemand geht unter, es ist lebensgefährlich für ihn. Das gehört zum Menschsein.«

Wir sind also mit dieser Fähigkeit ausgestattet, zu spüren, dass jemand in Not ist, dass es jemandem schlecht oder gut geht: Wir gehen in Resonanz mit den Gefühlen anderer. So weit, so gut.

»Die andere Seite ist: Wenn du ihm helfen willst, musst du selbst als Erstes in Sicherheit sein. Das bedeutet nicht, dass du egoistisch bist. Du bist dein eigener Beschützer. Keiner sonst wird dich beschützen. Es bedeutet, wenn du jemandem helfen willst, musst du stark genug dafür sein. Wenn du Empathie empfindest, dann versuche gleichzeitig, dein Wissen zu benutzen. Deswegen brauchen wir unsere ganze Aufmerksamkeit. Wir sollten weder in Panik geraten, noch sollten wir zu emotional reagieren.

Du solltest dich daran gewöhnen, Entscheidungen aufgrund deines Wissens zu treffen, nicht nur aufgrund von Emotionen. Emotionen kommen und gehen. Sie sind nicht stabil. Wenn du emotional bist, ist es egal, ob du gebildet bist oder nicht, weil du dein Wissen sowieso nicht benutzt. Es sind nur Gefühle, die kommen und gehen.

Also, wenn du sehr empfindsam bist und die Empathie nicht handhaben kannst, dann bist du in großen Schwierigkeiten. Wenn jemand im Schlamm untergeht, kannst du nicht mit ihm schwimmen, denn dann stirbst du! Weil alle Mühe schnell vergebens ist, wenn du keine saubere Technik verwendest. Wenn du zum Beispiel weinst, sollte ich nicht mit dir weinen. Ich sollte dir dabei helfen, deine Traurigkeit oder dein Problem zu überwinden. Wenn ich nur weine und dich umarme, ergibt das keinen Sinn. Dann gehen wir beide unter.«

Empathie bedeutet: Ich weiß, was du fühlst, aber ich weiß auch genug, um zu verstehen, dass ich meine Reaktion klug auswählen muss, wenn ich helfen will.

• Empathie hat auch Schattenseiten.

• Starke Gefühle können in einer Notsituation hinderlich sein.

• Empathie erfordert, unser Wissen und unsere Erfahrungen zu nutzen.

• Empathie heißt nicht zwangsläufig, für jemanden Partei zu ergreifen und die andere Seite zu verurteilen.

• Wahre Empathie möchte helfen und nicht manipulieren oder sich am Unglück anderer erfreuen.

• Empathie erfordert klare Gedanken.

Was ist Empathie?

Also, womit haben wir es bei der Empathie zu tun? Der Begriff wird schon sehr lange sehr kontrovers diskutiert. In der Philosophie ging es los, hier wurde das Wort »Einfühlung« dem griechischen Wort »empatheia« gleichgesetzt – man bezog sich auf die Interpretation von ästhetischer Kunst, Musik und Natur. Theodor Lipps (1851 – 1914), ein deutscher Philosoph und Psychologe, war einer der Ersten, die sich mit dem Begriff auseinandersetzten.

Es folgten verschiedene Einflüsse, unter anderem von Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse. Er definierte Empathie als die Erkundung dessen, was dem Ich fremd ist. In den letzten Jahrzehnten kümmerten sich die Psychotherapie, die Sozialpsychologie, die Spiritualität und verschiedene Richtungen der Kommunikationsmethodiken um die Empathie. Ich möchte Sie hier nicht mit ihrer Geschichte und den verschiedenen Definitionen aufhalten. Schauen wir uns an, wie wir uns dem Begriff noch nähern können.

Wikipedia, das vielleicht populärste Lexikon unserer Zeit, bietet folgende Definition:

»Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen. Zur Empathie wird gemeinhin auch die Fähigkeit zu angemessenen Reaktionen auf Gefühle anderer Menschen gezählt, zum Beispiel Mitleid, Trauer, Schmerz und Hilfsbereitschaft aus Mitgefühl. Die neuere Hirnforschung legt allerdings eine deutliche Unterscheidbarkeit des empathischen Vermögens vom Mitgefühl nahe. Grundlage der Empathie ist die Selbstwahrnehmung – je offener eine Person für ihre eigenen Emotionen ist, desto besser kann sie auch die Gefühle anderer deuten.« (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Empathie; Hervorhebungen: M. H.)

Drei Phasen der Empathie

Empathie umfasst also offenbar drei Phasen, ohne dass wir diese verbal voneinander trennen: Zum einen umfasst Empathie, die Gedanken und Gefühle eines anderen Menschen zu erkennen und diese dann zu verstehen. Das sind die ersten beiden Schritte. Wir sehen, hören, bemerken einen Zustand, eine Eigenschaft, ein Gefühl eines Menschen. Dann folgt das Verstehen bzw. der Versuch einer Einordnung. Bis hierhin ist das ja oft schon kein leichter Weg – wir müssen aufmerksam genug sein, um die manchmal sehr feinen Anzeichen zu bemerken und zu verstehen. Sobald wir also etwas erahnen oder verstehen – was folgt danach?

Die nächste Stufe beschreibt das Handeln: Was machen wir mit dieser Information, die wir über einen anderen Menschen durch unsere Empathie, unsere Einfühlung erlangen?

– Tun wir etwas, um zu helfen? Ist unsere Handlung damit ein selbstbezogener Akt, also wollen wir uns durch das Helfen besser fühlen, oder handeln wir altruistisch, nur für den anderen? Oder ist sogar das eine immer mit dem anderen verbunden – fühlen wir uns nicht grundsätzlich besser, wenn wir anderen helfen?

– Tun wir nichts, um zu helfen? Kann auch Nichtstun eine Form der Empathie sein? Indem wir nichts tun, außer zunächst einmal nur für den anderen da zu sein?

– Sammeln wir dieses Wissen, um den anderen zu manipulieren und ihm zu schaden?

Diese drei Möglichkeiten haben wir. Nachdem wir also die ersten beiden Schritte gegangen sind (wir haben erkannt, mit dem anderen ist etwas los; wir verstehen es auch, können nachvollziehen, was ihn beschäftigt), sollten wir weise entscheiden, was wir tun werden. Und dafür brauchen wir unsere volle Präsenz, unsere Erfahrungen und unser Bewusstsein. In diesem Zusammenhang wird übrigens zwischen prosozialem und antisozialem Handeln unterschieden. Entweder handeln wir im Sinne der Gesellschaft, für jemand anderen (prosozial) oder gänzlich ohne Rücksicht auf das Wohl des / der anderen, sondern nur im Eigeninteresse (antisozial).

Interessant an der Definition von Wikipedia ist, dass nur eine angemessene Reaktion auf die Gefühle anderer als Ausdruck von Empathie gelten soll. Was ist angemessen und wer definiert Angemessenheit? Woran messen wir unsere Reaktion? Aus der Geschichte des Mönchs Thero können wir schließen, dass wir unsere Reaktion (die Handlung) an verschiedenen Parametern ausrichten können:

1. An unseren eigenen Fähigkeiten. Wenn wir nicht schwimmen können, ist es sinnlos, einen Ertrinkenden retten zu wollen. Wir müssen uns also unserer selbst bewusst sein, bevor wir »hirnlos« zu Hilfe springen.

2. Am Umfeld. Welche Ressourcen stehen uns zur Verfügung? Wenn wir selbst limitiert sind in unseren Möglichkeiten zu helfen, wer oder was könnte dann helfen? Welche Mittel stehen uns zur Verfügung?

3. An unserem Wertesystem. Ein Beispiel: Wir können vielleicht nachfühlen, dass es Menschen nahegeht, wenn sie für etwas demonstrieren, was ihnen wichtig ist. Wenn diese Inhalte aber nicht unserem Wertesystem entsprechen, können wir so empathisch sein, wie wir wollen, wir werden sie nicht bei etwas unterstützen, an das wir nicht glauben.

4. An Alternativen. Heißt Empathie immer, in der Art und Weise helfen zu müssen, wie der Hilfesuchende sich das wünscht? Ist es denkbar, dass sich Empathie auch darin ausdrücken kann, durch Gespräche zu einem neuen Standpunkt zu verhelfen? Sehen wir uns dazu in der Lage? Oder ist es sogar empathisch, gar nicht zu handeln, weil wir zu dem Ergebnis kommen, dass es besser ist, nicht einzugreifen?

Was umfasst die Empathie?

Eine weitere Frage habe ich an die Empathie – geht es hier eigentlich immer um das Leid eines anderen? Bezieht sich Empathie auf diejenigen, denen es irgendwie schlechter geht als mir, oder kann ich Empathie auch bei Freude und Erfolgen zeigen, indem ich mich mit anderen über ihre Erfolge, über tolle Dinge in ihrem Leben freue und auf diese Weise Anteil nehme?

Wenn wir genau hinsehen, müssen wir uns eingestehen, dass es uns oft auch daran fehlt: an der Fähigkeit, sich wirklich mit anderen zu freuen, statt neidisch, eifersüchtig oder missgünstig zu reagieren. Ein aufrichtiges Mit-Freuen setzt in gleichem Maße voraus, dass erkannt, verstanden und gehandelt wird, und ist somit empathisches Handeln im Sinne der oben genannten Definition. Empathie bezieht sich also auf alle Gefühle, die von Freude und die von Leid geprägten.

Beim Nachdenken über Empathie taucht eine weitere Frage auf: die Frage nach der Zeitachse. Wenn wir Leid oder Freude eines anderen sehen, hören oder spüren, dann geschieht dies nahezu gleichzeitig: Empathie entsteht im Hier und Jetzt. Doch wie ist das mit Situationen, über die wir im Vorhinein empathisch nachdenken? Wenn wir zum Beispiel überlegen, ob wir den Arbeitskollegen in eine Entscheidung mit einbeziehen oder nicht, wissend, dass er gerade genug andere Belastungen hat und wir ihm diese zusätzliche Information ersparen könnten. Oder was ist mit Situationen, die wir im Nachhinein reflektieren, mit dem Ergebnis, dass uns die Dinge dann anders berühren und wir vielleicht im Nachgang etwas klären wollen oder sogar verändern? Wenn wir zum Beispiel mit einer Freundin Klartext gesprochen haben und anschließend überlegen, ob wir vielleicht zu hart gewesen sind. Wir können sie noch einmal anrufen und die Sache klären oder andere Worte wählen.

Nach meinem Verständnis ist Empathie daher nicht an eine Zeitachse gebunden. Sie kann sich gleichzeitig, im Nachhinein oder in der Vorwegnahme zeigen – und wir können sie jederzeit aktiv in unser Bewusstsein holen.

Und noch eine dritte Frage: Zeigt sich Empathie in Bezug auf einen einzelnen Menschen, auf eine Gruppe von Menschen oder auf eine ganze Gesellschaft? Meiner Meinung nach beginnt empathisches Handeln beim Kontakt mit Einzelnen: mit dem Nachbarn, mit der Familie, mit den Kollegen auf der Arbeit und mit der Verkäuferin im Supermarkt. Sie wird dann zur inneren Haltung Menschen gegenüber und erstreckt sich mit zunehmender Übung auf ganze Gruppen von Menschen. Sie prägt unseren Umgang mit der Welt. Das tägliche Üben allerdings startet zwischen Mensch und Mensch.

Bevor ich im Folgenden den Versuch einer Definition wage, lassen Sie uns erst noch einmal darüber nachdenken, was Empathie ganz sicher nicht ist.

1. Empathie ist kein Dauerzustand, aber eine Grundhaltung anderen gegenüber.

2. Empathie ist nicht mit Helfersyndrom gleichzusetzen.

3. Empathie bedeutet nicht, sich selbst nicht wichtig zu nehmen.

4. Empathie bedeutet nicht, keine eigenen Entscheidungen zu treffen.

5. Empathie bedeutet nicht, alles so zu lassen, wie es ist, um keinen zu belästigen.

6. Empathie bedeutet nicht, niemals zu diskutieren.

7. Empathie heißt nicht, ständig mit allen mitzuleiden.

8. Empathie bedeutet nicht, hellseherisch zu wissen, was ein anderer will und fühlt.

9. Empathie heißt nicht, stets selig zu lächeln.

10. Empathie ist kein Luxusgut, das wir uns nur leisten können, wenn es uns gut geht.

11. Empathie ist niemals an Bedingungen gekoppelt.

12. Empathie ist nicht an Erwartungen geknüpft.

Gelebte Formen der Empathie
Empathiefreie Zone

Im täglichen Leben begegnet uns Empathie auf unterschiedlichste Weise – oder eben auch nicht. Daher können wir unterschiedliche Intensitäten von Empathie feststellen und beschreiben. Beginnen wir dort, wo man Empathie vergebens sucht. Es gibt immer wieder Situationen, in denen wir Menschen begegnen, die uns auf die Palme bringen, weil sie es nicht einmal versuchen, sich in andere hineinzufühlen.

Eine gute Freundin (45) will im Bettenladen eine Decke kaufen. Der Tipp der Verkäuferin: »Denken Sie daran, im Klimakterium sollte man eine leichte Decke benutzen.« Autsch!

Ein Freund macht Pause beim Motorradfahren, auf seinem Ledersitz prangt sein eingraviertes Geburtsjahr, 1972. Kommt ein anderer Biker vorbei und fragt: »Dein Geburtsjahr?« »Ja!« »Na, du hast aber auch nichts ausgelassen, so wie du aussiehst, was?« Autsch!

Das sind doch schöne kleine Beispiele für eine empathiefreie Zone, oder? Und die findet man jeden Tag, an so vielen Orten. Wir könnten uns doch eigentlich denken, dass solche Bemerkungen irritierend bis verletzend sind, oder? Und gerade im Verkauf sollten wir solche Patzer auslassen! Natürlich kauft meine Freundin nun keine Decke in diesem Bettenfachgeschäft mehr und natürlich hat der andere Biker nun seine Chance auf ein nettes Gespräch verwirkt. Vielleicht ging es ja auch nie darum, etwas zu verkaufen oder ein nettes Gespräch zu beginnen, sondern nur darum, jemanden zu provozieren oder seine schlechte Laune rauszulassen.

Hand aufs Herz: Es kann fürchterlich nervig sein, mit jemandem ins Gespräch zu kommen, dem es augenscheinlich völlig egal ist, wie andere Menschen auf ihn und sein Handeln reagieren. Das kann ein Elternteil sein, dem gleichgültig zu sein scheint, ob sich das Kind bei ihm wohlfühlt, und der über dessen Gefühlsäußerungen hinweggeht. Das kann ein Ehepartner sein, der sich in der Trennungsphase offenbar nicht dafür interessiert, dass der andere Partner sich sehr um eine Lösung bemüht, und der diese Bemühungen schlicht mit Schweigen quittiert. Oder eine Führungskraft, die so besessen davon ist, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, dass sie übersieht, wie die Mitarbeiter auf dem Weg dorthin verloren gehen. Solche und viele weitere Fälle nenne ich die empathiefreie Zone.

Mir ist bewusst, dass man jemanden auch zu Unrecht mit diesem Begriff belegen kann. Manches Mal bleiben uns die Motive des scheinbar empathielosen Menschen verborgen, und es gelingt uns nicht, das Verhalten dieses Menschen zu verstehen. Es kann zum Beispiel sein, dass Menschen tatsächlich nicht daran gewöhnt sind, sich in andere einzufühlen. Es gibt Menschen, denen das schwerfällt. Menschen, die sich schon auf ihrer eigenen Landkarte nicht besonders gut auskennen. Menschen, denen Gefühle anderer und vielleicht vor allem auch die eigenen Gefühle Angst machen. Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass wir uns täuschen und ein Urteil fällen, das ungerecht ausfällt, weil wir selbst es nicht geschafft haben, uns auf die Landkarte des anderen zu hangeln. Es ist eben nicht möglich, vollkommen ins Erleben eines anderen Menschen einzutauchen!

Es kann also sein, dass sich der lieblos erscheinende Vater durchaus darüber bewusst ist, dass die Tochter oder der Sohn Probleme mit der neuen Lebenspartnerin hat – er kann es aber einfach nicht bewältigen oder vernünftig darüber sprechen. Also spielt er den Fröhlichen, in der Hoffnung, dass es einfach so vorbeigeht. Dem zugrunde liegt hier vielleicht ein Ohnmachtsgefühl oder gar die Angst, einen lieben Menschen zu verlieren. Der schweigende Ehepartner ist vielleicht einfach überfordert von der Wucht der Scheidung, dass ihm im wahrsten Sinne des Wortes die Spucke wegbleibt, wenn der Expartner mit großen Schritten auf die Regelungen zusteuert. Die Führungskraft steht womöglich unter so hohem Druck von oben, dass sie den Blick nicht weiten kann, um auf alle zu achten.

Was haben wir gerade getan? Wir haben uns Gedanken darüber gemacht, was in den Beispielen dazu geführt haben könnte, dass die Betroffenen in einer Situation empathielos reagierten. »Vielleicht ist es ja so, dass …« ist sehr geeignet, wenn wir auf solche Menschen treffen. Durch diese neugierige Haltung, unterstützt durch unsere Fantasie, entdecken wir neue Möglichkeiten, die uns davon abhalten, den anderen einfach nur doof zu finden.

Bevor wir Menschen in den Bereich der empathiefreien Zone einsortieren, hinterfragen wir doch erst einmal selbst mit Empathie, was dazu führen könnte, dass derjenige so handelt, wie er handelt. Es könnte sein, dass uns dann ein kleines Licht aufgeht. Oder es bleibt dunkel, weil wir es einfach nicht nachvollziehen können, was da geschieht. Sollte uns also einmal jemand begegnen, der die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben scheint, der stets alles besser weiß und meint, sich nicht um die Ansichten und Gefühle anderer kümmern zu müssen, dann kann das viele Gründe haben, die wir uns im zweiten Teil des Buchs genauer ansehen werden. Denn es gibt so einige Mechanismen, die uns die Fähigkeit zur Empathie buchstäblich klauen.

Unbewusste Empathie

Für viele Menschen ist Empathie ein hoher Wert, obwohl es ihnen zunächst gar nicht bewusst ist. Lange erging es mir so, dass mir gar nicht klar war, wenn ich empathisch gehandelt hatte. Mir war nicht bewusst, dass es mir überhaupt wichtig ist, empathisch zu handeln. Irgendwann sagte einmal jemand zu mir: »Du bist aber empathisch.« Ach, wirklich? Hätte ich selbst das auch über mich gesagt? Ist Empathie nicht vielmehr etwas, was uns durch andere zugesprochen wird? Und wenn ja, warum erscheint es uns so seltsam, wenn wir das über uns selbst behaupten? Es klingt wie ein Eigenlob, und Eigenlob stinkt, sagt man ja.

Wir haben so unendlich viele blinde Flecken in unserer Selbstwahrnehmung, und dann sagt auf einmal jemand etwas über uns und wir denken: »Toll! Das klingt gut, ich bin empathisch!« Aber was genau meint der andere eigentlich damit? Der Begriff wird oft mit sympathisch, warmherzig, freundlich und vielem mehr gleichgesetzt. Und es ist ja richtig – vieles davon steckt auch in der Empathie.

Einmal veröffentlichte eine Seminarteilnehmerin einen Post mit einem Feedback über mein offenes Training für Frauen auf Facebook. Sie schrieb, ich sei sehr empathisch mit den Teilnehmerinnen umgegangen. Ich las, was da stand, und erlebte diesen Moment, den viele kennen: Das Fremdbild passte nicht ganz zum Selbstbild. Ich selbst war tatsächlich gar nicht so zufrieden gewesen mit dem Tagesseminar, und nun kam dieses Wort ins Spiel: empathisch.

Unbewusste Empathie zeichnet sich dadurch aus, dass wir Dinge tun, die wir für selbstverständlich halten.

Ich glaube, viele Menschen zeigen ein empathisches Verhalten, das für sie ein ganz selbstverständliches Handeln ist. Sie tun Gutes, sind empathisch und sind sich darüber nicht ausdrücklich im Klaren.

Sie lassen zum Beispiel andere an der Kasse vor, wenn diese nur einen Artikel in der Hand haben, sie selbst aber 27. Ein klarer Fall von Mikro-Empathie: Sie kennen das ungeduldige Gefühl, warten zu müssen, also ersparen sie es einem anderen. Oder sie helfen der alten Dame über die Straße oder aus dem Bus. Im Bus selbst bieten sie ihren Platz jemanden an, der ihn nötiger braucht als sie. Kleine, wunderschöne empathische Momente. Weil sie wissen, wie ungut sich manches anfühlt, ersparen sie es dem anderen.

Über diese Momente sollten wir uns freuen, wir sollten sie feiern, denn sie sind kleine Schätze in unserem schnellen Alltag. Die Realität aber ist: Wir schauen lieber aufs Smartphone und verpassen jede Chance auf Mikro-Empathie.

Ich erlebe oft beides: einerseits eine riesengroße Empathie und Herzlichkeit im Alltag, die mich beflügeln und froh machen, insbesondere von jungen Menschen! Andererseits eine genauso große Abgestumpftheit und geistige sowie emotionale Abwesenheit von Menschen – ich nehme mich da nicht aus –, die zeigt, dass es zunehmend schwerfällt, empathisch zu reagieren, sich in Situationen einzufühlen. Das macht traurig und müde. In unserer Gesellschaft ist beides stark spürbar, beide Pole sind vertreten und werfen uns emotional oft von einer Ecke in die andere. In welche Richtung werden wir uns entwickeln?

Erworbene Empathie

Manchmal ist es so, dass wir uns Empathie im Laufe der Zeit angeeignet haben, ohne das wirklich im Sinn gehabt zu haben. Wenn wir einander Schritt für Schritt kennenlernen, wenn wir verstehen, wie der andere tickt, und dementsprechend Verständnis und Einfühlung aufbringen, wo anderen, fremden Menschen längst der Geduldsfaden gerissen wäre, entsteht im Laufe dieses Prozesses Empathie. Der Umgang miteinander wird dann geprägt von erworbener Empathie.

Wenn wir uns auf Menschen einlassen, uns mit ihnen anfreunden, dann erscheinen uns vielleicht zunächst bestimmte Verhaltensmuster des anderen seltsam, nicht nachvollziehbar, fremd. In dem Maße, in dem wir bereit sind, uns für neue Ideen zu öffnen und unsere eigenen Werte und Muster zu hinterfragen, sind wir auch bereit, uns auf diesen Menschen einzulassen. Wenn unsere Werte und Ideen oder schlicht unsere Gewohnheiten sehr weit voneinander entfernt liegen, werden wir uns wahrscheinlich nicht anfreunden, das ist ein ganz natürlicher Prozess. Wenn sich schließlich genügend Facetten der Persönlichkeit und des Lebens überschneiden, bleiben trotzdem noch Verhaltensweisen, die uns unverständlich erscheinen, doch wir lernen, mit ihnen zu leben und umzugehen.

In diesen Verbindungen, seien es Freundschaften oder auch feste Beziehungen, können wir irgendwann mit einem Augenzwinkern sagen: »Ah, das kenne ich schon von ihm oder ihr – das geht vorüber.« Denn diese Erfahrung haben wir bereits gemacht. Ich weiß zum Beispiel, dass ein bestimmtes männliches Verhaltensmuster eine gute Freundin von mir wahnsinnig macht. Sie wird dann immer ein wenig grimmig und möchte sofort die Veranstaltung verlassen, auf der sie ein solches Verhalten erlebt. Da mir das aber schon vertraut ist und ich ihre Blicke kenne, reicht schon ein einziges Wort aus, um uns zu verständigen. Dann kann ich sie bremsen, aus der Situation befreien oder sie einfach zum Lachen bringen. Manchmal genügt dafür sogar schon ein Blick. Alle anderen um uns herum verstehen nur Bahnhof, aber wir beide wissen sofort, worüber wir uns gerade austauschen. So habe ich ihre unnachgiebige Facette kennengelernt und kann liebevoll damit umgehen – so ist sie eben.

Umgekehrt kennt sie meine Macke, ein Sprach-Nerd zu sein und alles Mögliche zu analysieren, was für andere anstrengend sein kann. Wenn ich dann mal wieder loslege, grinst sie mich an und ich fühle mich einen kleinen Moment lang veräppelt, aber mit einer lustigen Bemerkung entschärft sie die Situation. Und ich weiß: Ich bin trotz und mit meiner Macke verstanden worden.

Wenn wir mit dem, was wir in einer engen Freundschaft über den anderen lernen, in einer liebevollen Form umgehen, zeigen wir erworbene Empathie. In Familien findet so etwas über Jahre und Jahrzehnte statt. Wir kennen die Eigenschaften der Schwester, der Mutter, des Onkels.

Entscheidend ist: Begegnen wir den menschlichen Facetten, die wir vielleicht nicht auf Anhieb verstehen, mit einem Verdrehen der Augen, hat das wenig mit Einfühlung zu tun, sondern eher mit einer Verurteilung. Führen wir uns jedoch vor Augen, dass diese Facetten Ausdruck eines Bedürfnisses sind, das wir zwar nicht teilen, aber dem wir liebevoll begegnen, dann ist unser Umgang ein empathischer Umgang. Wir haben dann gelernt, die Eigenheiten des anderen liebevoll anzunehmen und zu integrieren.

Eine schöne Wahl fürs Zusammenleben und für die Zusammenarbeit, denn natürlich gibt es die erworbene Empathie auch im Job. Wenn wir hinterfragen, warum der Kollege so oder so reagiert, anstatt sein Verhalten gleich zu verurteilen, handeln wir empathisch. Fragen wir nach seinen Bedürfnissen, handeln wir empathisch. Wenn er dann das nächste Mal vor Wut rot anläuft und laut wird, wissen wir, dass es vorbeigehen wird und dass nur ein bestimmtes Bedürfnis nicht gestillt wurde. Dann fühlen wir mit ihm mit. Selbst wenn wir es nicht verstehen können.

Doch dafür nehmen sich viele nicht die Zeit.

Bewusste Empathie

Bewusste Empathie ist eine Entscheidung. Eine Entscheidung dafür, dass ich mich wenigstens bemühe, in die Köpfe und Herzen der anderen hineinzuhorchen. Das gelingt nicht immer, aber der Wille ist immerhin da. Diese Entscheidung kann ich jeden Tag neu treffen. Ich kann immer wieder überprüfen, ob ich mir das vollständigere Bild anschaue oder ob ich nur meinen eigenen Gefühlen nachgehe. Natürlich ist es gar nicht verkehrt, auf die eigenen Gefühle zu hören und auf sie zu vertrauen, doch häufig basieren diese auf voreiligen Schlüssen und nicht zuletzt auf Angst.

Thero, der Mönch aus Sri Lanka, sagte zu mir: »Traue nie deinen Gefühlen. Sie kommen und gehen.« Und so ist es auch: Mein eigenes Gefühl hat häufig gar nichts damit zu tun, wie es einem anderen Menschen geht. Wenn ich es schaffe, mir dies bewusst zu machen, dann kann ich auch den nächsten Schritt gehen und mich ebenso bewusst dafür entscheiden, ins Herz des anderen zu horchen. Wenn ich diese Entscheidung oft genug getroffen habe, wird die Empathie zu einer starken inneren Haltung.

Auch diese ist kein Garant dafür, dass wir es immer schaffen können, empathisch zu sein. Doch wir können unseren Empathiemuskel trainieren und uns darüber klar sein, dass das, was wir fühlen, nicht immer auch wahr ist. Dass das, was wir fühlen, auf einer alten, anderen Erfahrung basieren kann, die mit der Gegenwart gar nichts zu tun hat. Kommen wir auf diese Idee, dass wir gerade etwas Altes auf die Gegenwart projizieren, dann treffen wir die Entscheidung, dieses Gefühl zu prüfen. Je mehr wir uns mit unseren eigenen Gefühlen beschäftigen und damit auskennen (ein hehres Ziel!) und je mehr wir Mitgefühl für uns selbst entwickeln, desto mehr schaffen wir es auch, empathisch mit anderen umzugehen. Es gibt also diesen inneren Empathiemuskel, den wir trainieren können, den wir ausbauen können. Mit dem wir lernen können, unseren Radius zu erweitern. Mit dem es auf der sicheren Basis, uns selbst zu kennen, möglich wird, auch die Gefühle anderer zu verstehen. Oder sie zumindest zu achten, wenn wir sie nicht ganz nachvollziehen können.

Überzogene Empathie

Wenn wir bemerken, dass Menschen sich für andere aufgeben, hat das nicht mehr viel mit Empathie zu tun. Wenn uns die Sorgen der anderen auffressen, wenn wir vor lauter Anteilnahme und Mitgefühl unser eigenes Leben nicht mehr im Blick haben, dann wäre dies zu viel für unsere Seele. Wir würden uns selbst auflösen und nicht mehr wahrnehmen. Menschen verlieren sich selbst aus dem Fokus, spüren sich nicht mehr, geraten in Gedankenstrudel und verbiegen sich. Das ist dann eine Form der Empathie, die uns schadet und bei der wir sehr auf uns aufpassen müssen.

Wenn wir die ganze Nacht wach liegen, weil jemand aus der Familie krank ist und wir uns sorgen, helfen wir damit niemandem. Am nächsten Tag sind wir nur fix und fertig. Wenn wir uns nicht mehr auf unsere Arbeit konzentrieren können, weil uns der Bettler an der Ecke nicht aus dem Kopf geht, dann helfen wir auch damit niemandem. Wenn wir weinend vor dem Fernseher sitzen, weil die hungernden Menschen in Afrika uns so berühren, dann ist auch damit keinem geholfen. Auch dann nicht, wenn wir unser ganzes Erspartes hergeben und als Folge davon selbst arm sind.

Überzogene Empathie vergisst das Selbst und gibt es komplett auf. Die überzogene Empathie übernimmt damit die Steuerung über das eigene Leben. Die eigene Seele nimmt das Leid anderer auf und kann nichts anderes mehr sehen.

Ein mögliches Resultat davon ist eine emotionale Erschöpfung und eine Abkehr von allem, was uns betreffen könnte. Wir verschließen uns emotional und stehen nicht mehr zur Verfügung. Von außen betrachtet wirkt ein Mensch in diesem Zustand der Resignation kalt, erschöpft und unnahbar. Doch in Wirklichkeit ist es diese starke seelische Betroffenheit, die ihn regelrecht verschlossen hat. Er kann das Übermaß an Emotionen nicht mehr verarbeiten und schaltet sich selbst komplett aus.

Dieser gedämpfte Zustand ist schwer zu ertragen, denn der Mensch steht weder in Kontakt mit seinen eigenen Emotionen noch mit denen der anderen. Der Rückzug aus dem Leben ist ein Schutzmechanismus, der den Menschen davor bewahrt, unterzugehen. Eine Härte in der Kommunikation tritt ein, der Mensch wird zynisch und verschließt sich. Er kommuniziert möglicherweise nur noch auf der Sachebene, obwohl er sehr sensibel ist, weil er so viel auf der Beziehungsebene empfangen hat, dass er überwältigt ist.

Andere werden depressiv und traurig, sie nehmen nicht mehr richtig am Leben teil und weinen viel. Die emotionale Erschöpfung mündet nicht in Härte, sondern in völliger Hilflosigkeit.

Was würde Thero dazu sagen? Er würde sagen, dass die Empathie mit sich selbst wichtig ist, um aus diesem Strudel wieder aufzutauchen. Sich selbst zu hören, zu schützen, sich selbst wahrzunehmen, seine Grenzen zu kennen, das wäre wohl sein Rat. Er würde raten, klug mit der Fähigkeit zur Empathie umzugehen und dafür zu sorgen, dass es uns trotzdem gut geht. Denn nur dann können wir für andere wirklich da sein.

Empathie-Hopping

Wenn wir uns diese verschiedenen Erscheinungsformen von Empathie anschauen, dann können wir sagen: Wir alle hüpfen zwischen ihnen hin und her, versuchen, das Richtige zu tun, und landen je nach Situation bei einem der Punkte. Kein Mensch kann von sich behaupten, immer empathisch zu handeln; so etwas gibt es nicht, dann trügen wir einen Heiligenschein mit uns herum. Wenn jemand vorgibt, er oder sie könne das, dann schreckt uns das eher ab.

Was passiert, wenn wir auf die beiden am weitesten voneinander entfernten Punkte hüpfen, kann man zurzeit exemplarisch an der heftigen Diskussion beobachten zwischen denen, die eine Willkommenskultur für Flüchtende leben, sich dabei selbstlos aufopfern und ohne Rücksicht auf sich selbst für andere einsetzen, und denen, die diese Menschen als »Gutmenschen« beschimpfen, alles abwehren, was irgendwie fremd ist, und es möglichst umfassend aussperren wollen. Es herrscht großes Unverständnis füreinander, weil der eine sich mit seiner ganzen Kraft für etwas einsetzt, was der andere als Gefahr betrachtet. Das schafft Unfrieden. Wenn es nur diese beiden Pole gibt, geht die Mitte verloren, die darin bestünde, dass Menschen zum Beispiel an der Umsetzung der Willkommenskultur in den Alltag Kritik üben und damit den Prozess letztendlich stärken und den Vertretern beider Pole entgegenkommen könnten.

Wenn wir Menschen nur noch als »gut« oder »schlecht« qualifizieren, wenn wir Handlungen und Meinungen als »richtig« und »falsch« deklarieren, dann bekommen wir große Verständigungsprobleme.

Nun, genau das haben wir erreicht. So ist es heute. Dagegen hilft nur, täglich eine bewusste und kluge Entscheidung für die Empathie zu treffen.

Als ich Thero auf der Veranda seines Holzhauses auf Sri Lanka dazu befragte, wie es sich mit der Empathie verhält und wie man sie definieren kann, sagte er, dass Empathie im Buddhismus wie der Leerlauf einer Gangschaltung betrachtet wird. Sie ist die Grundeinstellung für jedes weitere Handeln. Sie gehört zum Menschen, ist angeboren, wir können demnach gar nicht anders, als zu fühlen, wenn es jemandem schlecht geht, er Schmerzen hat oder auch wenn sich jemand freut. Der nächste Schritt ist dann, nach diesem ersten Wahrnehmen, den richtigen Gang einzulegen, sprich zu handeln und bewusst mit der Empathie umzugehen.

Bedürfnisse erkennen: Empathie und gewaltfreie Kommunikation

Von dem bewussten Umgehen mit der Empathie und von der Verbindung mit den Bedürfnissen eines anderen Menschen spricht die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) nach Marshall B. Rosenberg. Ich finde diesen Namen manchmal etwas sperrig. Er löst auch des Öfteren Belustigung bei Seminarteilnehmern aus. Doch wenn man sich wirklich mit diesem Ansatz befasst, dann wird diese Haltung Menschen gegenüber sehr faszinierend. Wir kommen nicht um die GFK herum, wenn wir auf der Suche nach praktischer Empathie sind.

Die GFK geht weit über eine Methode hinaus, sie wird zu einer Haltung gegenüber Menschen und betrifft die Fragen, wie ich andere wirklich mit ihren Bedürfnissen wahrnehme, wie ich sie annehme, und nicht zuletzt auch, wie ich mich selbst annehme. Gefühle von Menschen entwickeln sich laut der GFK aus den Bedürfnissen. Ganz einfach gesagt: Bleiben meine Bedürfnisse unerfüllt, so entstehen unangenehme Gefühle. Sind sie erfüllt, dann steigen in mir wohlige Gefühle der Geborgenheit und Sicherheit hoch. Alle Menschen teilen ähnliche Bedürfnisse.

Es geht in der gewaltfreien Kommunikation also darum, viel mehr die Gefühle zu äußern, die aufgrund von Bedürfnissen entstehen. Diese zu erklären sowie dem anderen die seinen zuzugestehen, bewahrt uns vor verbalen Übergriffen und Schuldzuweisungen. Wenn Menschen sich wirklich um die Bedürfnisse des anderen Menschen kümmern, dann entsteht ein friedvolles Miteinander ohne Zorn und ohne Schuld. Das heißt, wir verbinden uns mit diesen Bedürfnissen und achten und schützen auch die eigenen.

Jeder ist zunächst für seine Bedürfnisse zuständig und kann versuchen, sich diese zu erfüllen, indem er sie äußert. Wenn das Gegenüber möchte, kann es die Bedürfnisse des anderen freiwillig erfüllen, sofern sie nicht mit den eigenen kollidieren. Das hört sich vielleicht kompliziert an, und in der Tat braucht es etwas Übung.

Dafür gibt es zahlreiche Trainerinnen und Trainer für GFK, mit denen Menschen genau das trainieren können. Da ich diese Arbeit wirklich bemerkenswert finde, habe ich den Kontakt zu eben jenem ersten Freund und einem weiteren Trainer hier in Hamburg gesucht. Die Gespräche verhalfen mir zu einem tieferen Eintauchen in diese respektvolle Art des Denkens und die immer wiederkehrenden Versuche, die Bedürfnisse des anderen zu erkennen und deswegen besser auf Gefühle eingehen zu können.

Jürgen Engel beschreibt Empathie folgendermaßen:

»Da existiert eine Schwingung: Wir betreten einen empathischen Raum wie eine andere Dimension, in der eine neue Tiefe im Kontakt möglich ist. Diese Tiefe ist weit weg von einem intellektuellen Treffen. Empathie bedeutet für mich: Ich interessiere mich tiefer für dich, will dich sehen: Wer bist du? Worum geht es dir?

Empathie kann ich bewusst steuern. Ich kann entscheiden: Ich möchte wirklich empathisch sein. Ich will dich verstehen, will dich sehen, will empathisch hören, will zwischen den Zeilen hören. Wenn du mich angreifst, versuche ich das zu hören, was du nicht sagst. Ich frage mich: Was hast du gerade für einen Schmerz? Was kannst du gerade nicht sagen?«

Matthias Albers, Empathietrainer und Psychotherapeut, definiert:

»Empathie ist für mich eine Art Sammelbegriff für vier Begriffe: Resonanz, Spiegelung, Gehörtwerden, Gesehenwerden. Zusammengefasst bedeutet das: Ich kriege dich mit und kriege auch mit, dass du mitkriegst, dass ich dich mitkriege.

Für mich ist Empathie der relationale Aspekt vom Mitgefühl, quasi ›Mitgefühl in Aktion‹. Empathie entsteht dann, wenn es ein ›Ich‹ und ein ›Du‹ gibt. Mitgefühl ist eine Herzensqualität, es ist der Empathie übergeordnet: Das Herz fühlt mit.

Für Empathie braucht man ein ›Du‹. Ich mag die Formulierung ›zu Gast in deiner Wirklichkeit‹. Wenn ich im empathischen Kontakt bin, bin ich in Verbindung mit dir und deiner Wirklichkeit. Ich sage zu dir: Geht es dir gerade so, weil du das oder jenes brauchst? Wenn deine Antwort lautet: ›Ja, genau!‹, dann bin ich in Kontakt, zu Gast in deiner Wirklichkeit. Es entsteht eine echte Verbindung zwischen uns. Dafür nutzen wir die Sprache, um in etwa zu zeigen, was in uns los ist.«

• Empathie ist ein Prozess der Persönlichkeitsentwicklung.

• Empathie klappt mal und klappt mal auch nicht.

• Empathisch zu handeln, ist nicht immer einfach.

• Empathie erfordert immer wieder eine bewusste Entscheidung.

• Empathie ist, sich mit den Bedürfnissen anderer ehrlich und ohne Urteil zu verbinden.

• Empathie ist ein Raum, in dem »du« und »ich« echten Kontakt herstellen.

• Empathie erfordert die Neugierde auf die Wirklichkeit des anderen.

Empathie in der Forschung

Der bewusste Umgang mit der Empathie erfordert, dass wir uns selbst aktiv in bestimmte Geisteshaltungen bringen. Dies kann man trainieren und die Folgen davon sind sogar im Gehirn nachweisbar. Die Hirnforschung beschäftigt sich seit einigen Jahren mit dem Phänomen der Empathie, und sie hat erstaunliche Ergebnisse hervorgebracht: Es gibt, was die Reaktionen des Gehirns betrifft, unterschiedliche, miteinander verwandte Formen von Empathie und damit verbundene innere Haltungen. Das Team der Direktorin am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaft in Leipzig, Tania Singer, untersucht unter anderem die Unterschiede zwischen Empathie und Mitgefühl. Danach kann man grundlegend erst einmal sagen, dass wir als Menschen mit der Fähigkeit ausgestattet sind, in Resonanz mit den Zuständen anderer Menschen zu gehen. Das ist uns angeboren und – das ist die gute Nachricht – wir können gar nicht anders.

Der buddhistische Mönch Matthieu Ricard war ein wichtiger Proband der Studien Tania Singers. Er konnte Tania Singer und ihre Forscherkollegen damit verblüffen, dass er bewusst zwischen den Geisteszuständen »Empathie« und »Mitgefühl« wechselte. (Er beschreibt diese Zustände in seinem Buch: »Allumfassende Nächstenliebe: Altruismus – die Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit«.) Aus diesem bewussten Wechsel in der Meditation entstand die Idee, ein Mitgefühlstraining zu entwickeln, das diese innere Haltung verstärkt.

Empathie

Sie fanden in ihren Studien heraus, dass reine Empathie, so wie sie sich im Gehirn zeigte, uns in einigen Stress versetzen kann. Wenn wir uns auf Gefühle von Menschen einlassen, dann kann dies zur Folge haben, dass wir selbst Schmerz, Stress, Unwohlsein empfinden, was sich im Gehirn eindeutig nachweisen lässt. Dabei sind die vordere Inselrinde und die mediale Gürtelwindung beteiligt. Diese Areale sind auch bei einer negativen affektiven Erfahrung von Schmerz aktiv. Menschen sehen das Leid eines anderen Menschen und empfinden ebenfalls Schmerz, leiden also mit. Dieses Gefühl laugt Menschen aus und nutzt sich mit der Zeit offenbar ab, was wir ja möglichst nicht wollen! Wenn es zu sehr schmerzt, werden wir also empathiemüde. Da muss es noch etwas anderes geben.

Zurück zum Unwohlsein: In der Forschung wird dieser Zustand auch »empathic distress« genannt. Ich weiß zwar, dass die Gefühle zum anderen Menschen gehören, aber ich empfinde sie derart mit, dass ich selbst Stress spüre. Das kann dazu führen, dass mich die Empathie gehörig anstrengt und überfordert. Medizinischem Personal ergeht es oft so; Pflegekräfte und Helfer jedweder Art zum Beispiel sind dauernd Leid und Schmerzen ausgesetzt, sodass sie oft in einen emotionalen Erschöpfungszustand geraten und im schlimmsten Falle arbeitsunfähig werden: Der Burn-out droht. Sie nehmen den Schmerz der Patienten dann mit nach Hause und können sich ihm nur schwer entziehen. Wenn sie nicht lernen, mit diesem inneren Stress umzugehen, wird sich das auf die Dauer auf ihre Gesundheit auswirken.

Auch aus weniger bedeutenden Situationen kennen wir das: Die schlechte Laune oder das Leid des Partners, der Tochter oder des Sohns kann sich übertragen. Es verursacht uns also Unbehagen, dass jemand anderes schlecht drauf ist. Wir geben uns in diese Stimmung hinein, gehen mit und vergessen, dass wir selbst eigentlich gut gelaunt waren. Oder wir sehen die Not unseres kranken Kindes und reagieren ungewollt patzig, weil uns das Gefühl, dass es unserem Kind schlecht geht, schlicht überfordert. So ergeht es manchen jungen Müttern, die nicht wissen, wie sie mit der Grippe, dem starken Husten des Kindes umgehen sollen. Das Spüren der Not des Kindes löst Stress und Überforderung aus, vielleicht gerade aus dem Grund, dass sie diese Not lindern wollen, aber nicht wissen, wie.

Ein überforderter Mensch, der grob reagiert, ist also keineswegs unempathisch, er setzt seine Empathie allerdings in eigenen Stress um. Vermutlich ist es ein innerer Kampf aus Hilflosigkeit, Helfenwollen und Berührungsangst. Dieser innere Kampf schnürt uns ein, macht uns eng und handlungsunfähig. Der innere Raum ist nicht weit, daher reagiert dieser Mensch mit starken Emotionen. Abwehr, Abwendung, Verurteilung – all diese Folgen kann der empathische Stress haben. Es ist für viele oft nicht nachvollziehbar, wenn jemand überfordert oder hart auf das Leid anderer reagiert. Beim nächsten Mal, wenn Ihnen das vielleicht selbst passiert (keiner ist perfekt!) oder wenn Sie jemanden sehen, der angesichts von Leid und Kummer grob oder ungehalten wird, haben Sie vielleicht eine genauere Vorstellung von dem, was da gerade im Inneren passiert. Was da hilft? Mitfühlend sein.

Mitgefühl

Beim Mitgefühl hingegen ist die innere Haltung eine ganz andere, nämlich die der liebevollen Zuwendung. Im Gehirn werden hier die Areale aktiv, die bei Freude und liebevoller mütterlicher Fürsorge nachweisbar sind. In diesem Falle stehen wir dem anderen in einer liebevollen Grundhaltung gegenüber, wir wünschen ihm nur das Beste und sorgen gleichzeitig für uns selbst, denn wir wünschen uns selbst auch nur das Beste. Der innere Raum ist groß und hat Platz für mich und andere, der Blick auf die Welt ist weit offen. Grundlegend für diese sehr gesunde Haltung ist eine Art Nächstenliebe, eine innere wohlwollende Haltung Menschen gegenüber, die uns stark werden lässt. Spürbar für den anderen werden Wärme, Güte und Fürsorge. Und auch wenn sich das viel näher und zugewandter anhört, weil sich derjenige nicht auf sich selbst bezieht, sondern auf den anderen, so ist es doch so, dass wir beim Mitgefühl mehr bei uns bleiben und aus dieser stabilen Position heraus liebevoll auf den anderen einwirken können.

Das wäre also zum Beispiel eine Führungskraft, die mitfühlt, wenn die Mitarbeiter überfordert sind, dann Hilfestellungen gibt und die Überforderung nicht zu ihrem eigenen Problem macht. Damit bleibt sie stark und kann darauf basierend auch die Mitarbeiter stärken. Verständnis und Wärme sind dann das, was beim Mitarbeiter ankommt – eine schöne Atmosphäre für Entwicklung.

Für die Forscher unter Ihnen folgt eine Auflistung der Hirnareale, die beim Mitgefühl aktiv sind:

– der mediale orbitofrontale Kortex

– das ventrale Striatum

– das ventrale tegmentale Areal

– der Kern des Hirnstamms

– der Nucleus accumbens

– die mediale Inselrinde

– das Pallidum

– das Putamen

Dies sind Hirnareale, die bei der Liebe (besonders der Mutterliebe), dem Gefühl von Verbundenheit und Zuwendung angesprochen werden. (Im Anhang finden Sie Hinweise auf die entsprechenden Studien, falls Sie tiefer in die Materie eintauchen möchten.)

Beim empathischen Stress werden wir also schwach, denn wir nehmen die Schwächung des anderen ganz in uns auf. Beim Mitgefühl dagegen empfinden wir Stärke. Diese geht uns nicht verloren, denn die positiven Gefühle stärken unser Immunsystem. Sie lassen uns mutig und froh durchs Leben gehen. Mitgefühl braucht sich nicht auf. Ein mitfühlender Mensch strahlt eine wunderbare Gelassenheit aus, ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Er entscheidet sich möglicherweise auch mal in liebevoller Art dagegen, zu helfen, wenn er das für richtig hält.

Im Buddhismus wird diese innere Haltung »liebende Güte« (Loving Kindness) genannt. Es ist eine Haltung, auf die ich später noch einmal zurückkomme, wenn wir über Selbstempathie reden. Loving Kindness ist eine Form des freundschaftlichen Umgangs mit sich selbst und anderen.

Training von Empathie und Mitgefühl

Tania Singer und Kollegen haben in einer Langzeitstudie herausgefunden, dass man sowohl Empathie als auch Mitgefühl trainieren kann. Bei den Versuchen stellte sich allerdings heraus, dass die Probanden, die Empathie trainierten, trauriger wurden: Überall sahen sie das Leid der Menschen um sie herum und fühlten sich hilflos. Beim Training des Mitgefühls, geprägt durch die Meditation der Loving Kindness, entstanden andere Gefühle: Menschen hatten ein großes Bedürfnis, zu helfen und Leid zu mindern. Sie fühlten sich dadurch aber gestärkt und glücklich.

Kognitive Empathie

Es gibt noch eine dritte Form und das ist die kognitive Empathie. Dabei stelle ich mir gedanklich vor, in der Lage eines anderen Menschen zu sein. Ich beachte alle Umstände, überlege, wo der andere steht und wie er wohl denken mag. Das ist also zum Beispiel der Vorgang, der mich vor einem Treffen mit einem Menschen nachdenken lässt: Wie geht es dem anderen eigentlich gerade? Ich überlege, male mir aus, denke. Diese Form ist erst einmal weitestgehend abgekoppelt von einer emotionalen Resonanz und stellt sich zunächst eher als kühl dar. Ich weiß, wie es im Kopf des anderen aussieht. »Kognitive Empathie wird daher häufig mit dem Konzept der ›Theory of Mind‹ in Verbindung gebracht (Batson 2009) und beinhaltet entsprechend die Fähigkeit, mentale Zustände bei sich selbst und beim Gegenüber zu erkennen und im Anschluss angemessen reflektieren und interpretieren zu können.« So beschreibt Lena Funk die kognitive Empathie in ihrem Artikel »Empathie«.

Es ist natürlich nichts daran auszusetzen, zu überlegen. Und es ist gut, dass wir das können: kognitiv erfassen, wie der andere denken mag. Es sollte jedoch noch Weiteres hinzukommen, damit unsere Fürsorge deutlich wird: die Zuwendung zum Inneren des Menschen, der wirkliche Kontakt und der Wunsch, uns mit seinen Bedürfnissen zu verbinden.

Neuronal gesehen scheint sich die kognitive Empathie grundlegend sowohl von der Empathie als auch vom Mitgefühl zu unterscheiden. Aktiv sind hier (vgl. Derntl, S. 85):

– der anteriore midcinguläre Kortex

– der Gyrus frontalis inferior

– die temporoparietale Übergangsregion

Ich bin keine Hirnspezialistin. Wenn Sie tiefer in die Einzelheiten der Hirnareale einsteigen möchten, finden Sie, wie bereits erwähnt, Hinweise auf die Studien dazu im Anhang des Buchs.

Emotionale Ansteckung

Die letzte Form der empathischen Resonanz ist die sogenannte emotionale Ansteckung. Wir übernehmen unbewusst die Symptome einer Reaktion eines anderen Menschen, ohne zu verstehen, dass das gar nicht unsere eigenen sind. Wir nehmen dann zwar wahr, dass es uns irgendwie komisch geht, wissen aber nicht, warum das so ist. Wir stellen fest, dass unser Herz schneller schlägt, können aber nicht gleich zuordnen, worin die Ursache dafür liegt. Am Ende war es dann zum Beispiel der hektische Besuch des Chefs im Büro, der schnell ein paar Anweisungen in den Raum gerufen hat und unter Druck wieder verschwunden ist. Sein Unwohlsein, sein Stress hat sich auf manche Kollegen übertragen, denen es zunächst nicht klar ist, dass er es war, der sie angesteckt hat.

Für dieses Buch möchte ich den Begriff der Empathie im Sinne des Mitgefühls benutzen. Die beiden Begriffe sind aus den Ergebnissen der Forschung heraus nicht gleichzusetzen, doch der allgemeine Sprachgebrauch des Wortes Empathie umfasst meist nicht die Risiken oder die Einschränkungen, sondern lediglich die Stärken der Empathie. In diesem Buch ist deshalb mit dem Begriff Empathie Folgendes gemeint:

Empathie bezeichnet die grundlegende Resonanz zwischen Menschen, die es uns erlaubt, miteinander zu fühlen. Dieses Grundgefühl kombinieren wir mit der eigenen Freude am Helfen und der Freude daran, für andere da zu sein. So können wir anderen Menschen ohne Erwartung einer Gegenleistung, also altruistisch, helfen und für sie da sein. Sie ähnelt in Grundzügen dem, was Eltern ihren Kindern entgegenbringen: Fürsorge und eigene Stabilität.

Der empathische Blick auf die Welt

Im täglichen Leben stellt sich die Frage, wem oder was gegenüber ich empathisch handle. Und da sind wir Menschen schon sehr verschieden. Wir erkunden auf sehr unterschiedliche Art und Weise die Landkarten anderer. Mal mehr, mal weniger. Mal mitfühlender, mal absolut blind.

Mir kommt es oft so vor, als könnten wir die Größe unseres Blickwinkels der Empathie steuern, fast schon je nach Laune und Befindlichkeit. Je sensibler und weicher wir sind, desto weiter öffnet sich dieser Blick auf die Welt: Wir lassen uns betreffen. Sich betreffen zu lassen, ist ein Wagnis, denn natürlich beeinflussen uns die Dinge, die auf dieser Welt geschehen. Gefühle anderer beeinflussen uns, wir können uns dem nur schwer entziehen, müssen das aber manchmal tun, um weiterhin unser Tagwerk erledigen zu können. Manches weckt bei uns sehr unbequeme Gefühle, sodass wir uns lieber dagegen entscheiden, hinzusehen. Wir entziehen uns, machen den sichtbaren Ausschnitt von der Welt wieder kleiner, wollen uns dem nicht aussetzen.

Ich möchte Ihnen ein klein wenig über meinen persönlichen Empathie-Blickwinkel erzählen. Seit ein paar Jahren versuche ich, einigermaßen bewusst durch die Welt zu gehen und entsprechend zu konsumieren. Wie man das macht? Tja, das muss jeder für sich selbst definieren; es ist schier unmöglich, über alle Konsequenzen unseres Konsums nachzudenken, dabei verliert man schnell den Überblick – oder den Verstand.

Überforderung in der Drogerie

Vor ein paar Jahren habe ich aufgehört, Fleisch zu essen, schränke tierische Produkte ein, achte auf tierversuchsfreie Produkte und darauf, dass der Umwelt und anderen Menschen nicht allzu sehr geschadet wird. Das betrifft in der Konsequenz dann zum Beispiel Kleidung (hier bin ich noch nicht sehr konsequent, muss ich gestehen!), Strom, Kosmetik und, und, und. Dabei den Überblick zu behalten, ist zuweilen recht kompliziert.

Eines Tages war es dann so weit, dass ich inmitten meines samstäglichen Einkaufs in der Drogerie stand und mich recht hilflos fühlte: Die Produkte, die frei von Tierversuchen hergestellt wurden, enthielten dafür zum Teil Mikroplastikpartikel, die unseren Meeren schaden. Die Produkte, die mir nicht gesundheitsschädlich erschienen, wurden aus fernen Ländern importiert, in denen Menschen von einem Mindestlohn und menschlichen Arbeitsbedingungen nur träumen können. Der Transport dieser Waren verschlechtert nebenbei noch die CO2-Bilanz.

Und so ging es an diesem Tag ununterbrochen weiter! In welche Ecke ich auch schaute, schrie es mich an: Immer ist Konsum heutzutage in irgendeiner Weise damit verbunden, einem Wesen zu schaden, Menschen und Tiere auszubeuten oder unsere Umwelt zu strapazieren. Wenn man sich das ernsthaft vor Augen führt, muss man erst einmal tief durchatmen. Natürlich kurbelt Konsum die Wirtschaft an, schafft Arbeitsplätze und sorgt für unser ständiges Wohlbefinden, keine Frage. Wir haben alles fast jederzeit verfügbar. Während es in meiner Jugend noch Tage gab, an denen man wirklich nirgends etwas kaufen konnte, ist das heute rund um die Uhr möglich.

Der negative Aspekt dieses Überflusses und der Konsequenzen lastete in diesem Moment, als ich dort stand, tonnenschwer auf meinen Schultern. Ich fühlte mich überwältigt von der großen Machtlosigkeit, die sich vor mir auftat. Natürlich gibt es viele gute Ratschläge, wie ich mich nachhaltig ernähren kann, wo ich Produkte ohne Verpackung bekomme, welche Biobauernhöfe das gute Gemüse produzieren, wie ich selbst Gemüse anbauen kann – nur um dann am Ende noch Ökospinner genannt zu werden …

Wie viel Empathie tut gut?

Ich habe immer wieder viele solcher Ideen und Impulse. Darüber denke ich so lange nach, bis mein Blickfeld so weit gezogen ist und so vieles freigibt, dass es mich überfordert. Bis ich mir bewusst machen muss, in welcher Welt ich lebe und dass es schier unmöglich ist, alles richtig zu machen und keinem zu schaden. Ich glaube, aus Angst vor dieser Überforderung legen sich viele Menschen Scheuklappen an und schauen nicht wirklich in die Welt. Denn würden sich mehr Menschen dem bewusst aussetzen, würden sie sich also freiwillig mit dem Unrecht, das in dieser Welt geschieht, beschäftigen, dann kämen sie vielleicht aus der Trauer gar nicht mehr heraus! Natürlich ist es dann einfacher, in der Komfortzone zu bleiben, nichts zu hinterfragen und nichts zu verändern. Das ist sehr menschlich und verständlich. Ich sehne mich manchmal nach der Zeit, als ich mir nicht halb so viele Gedanken um die Welt gemacht habe – das Leben war deutlich einfacher.

Wie also gehe ich mit dem empathischen Blick auf die Welt am besten um? Wie kann ich ihn steuern, sodass er mich nicht überwältigt?

Wenn wir Empathie in uns wecken und ausbauen möchten, ist es wichtig, erst einmal zu prüfen: Wie geht es mir gerade? Kann ich mich darauf einlassen, die Lebensumstände anderer auf mich wirken zu lassen? Es gibt zum Beispiel Tage, da kann ich mir kein Tierschutzvideo anschauen – es würde mich am Boden zerstört zurücklassen. Also ist es wichtig, seine eigene Sicherheit, seine Standfestigkeit zu prüfen und sich bereit zu fühlen für die Anliegen anderer.

Ein Arzt oder eine Krankenschwester muss den empathischen Blick gelegentlich bewusst eingrenzen, sonst wäre diese aufopferungsvolle Arbeit überhaupt nicht möglich. Das Leid und der Schmerz der anderen würden diese Menschen quasi auffressen. Burn-out ist ein verbreitetes Phänomen in diesen Berufsgruppen, also gilt es hier, sich zu schützen. Und es kann insgesamt sehr sinnvoll sein, dann, wenn ich gerade nicht helfen kann, den Blick so zu verengen, als ob ich einen Theatervorhang wieder zuziehen würde. Danach kann ich prüfen, ob ich etwas in die Wege leiten kann, und ansonsten einen guten Gedanken hinschicken und es gehen lassen. So schicke ich jedes Mal eine Art Segen los, wenn ich einen Tiertransporter sehe. Und ich hoffe, er kommt bei den armen Wesen an …

Aber zurück zur Erweiterung des Blickfelds: Dies geschieht Stück für Stück, und optimalerweise lassen wir uns zuerst von den Geschehnissen betreffen, die in unserem näheren Umfeld stattfinden. Wie geht es eigentlich meiner Familie? Weiß ich, ob die Grippe meiner Mutter vollständig auskuriert ist? Kann ich mich gerade darum kümmern? Die erste Stufe, die ich bei der Erweiterung des empathischen Blickfelds nehmen muss, ist, erst einmal verstärkt auf den engsten Kreis zu achten: Familie, enge Freunde. Geht es allen gut? Gab es in der Vergangenheit bei jemandem Probleme? Kann ich wohl etwas tun?

Als ich im Gespräch mit Thero von meinen Momenten der Überforderung erzählte, antwortete er mir: »Werde niemals extrem! Damit schadest du dir selbst. Und dann schau nicht als Erstes auf ein Unglück, das zu weit weg ist, als dass du direkt etwas tun könntest. Schau zuerst auf deine liebsten Menschen. Sorge für sie. Das ist der erste Schritt, wenn du empathisch nach außen schaust.« Wenn ich diesen Schritt also gemacht habe, kann ich es natürlich wagen, ein wenig weiter zu schauen, den Blickwinkel noch weiter zu vergrößern, die Scheuklappen weiter zu stellen: Wen sehe ich da? Bekannte, Arbeitskollegen, Nachbarn? Was kann ich für sie tun? Bin ich aufmerksam genug, um zu sehen, wo sie gerade stehen? Wenn der Blick noch weiter schweifen darf, dann sehe ich vielleicht den Kellner, der mich im Restaurant bedient, ganz anders. Oder ich sehe die alte Dame im Laden in der Schlange direkt hinter mir, die sich über ein Lächeln freut. Fremde, aus verschiedenen Ländern, mit verschiedenen Glaubensrichtungen. Und an irgendeinem Punkt ist der Blick dann so weit und offen, dass wir die Verbindung zwischen allen Menschen sehen können. Empathie ist dann eine Gewohnheit.

Wenn wir den Blick dann immer weiter schärfen, kommen Tiere ins Blickfeld: Nutztiere, Haustiere, wilde Tiere – Tiere, die wir ausnutzen, ausrotten oder ihres Lebensraums berauben und ganz nebenbei durch die Massentierhaltung noch die Zerstörung unseres Planeten unterstützen. Tiere, denen wir keine Gefühle zubilligen, denn das leckere Steak schmeckt nun mal besser als die bitteren Gedanken meines Gewissens. Ich will dies an dieser Stelle nicht weiter ausführen, diese Dinge sind ja sattsam bekannt.

Menschenrechtler könnten nun argumentieren: »Wir können uns nicht über Massentierhaltung Gedanken machen, solange Menschen hungern, leiden, flüchten, erfrieren, misshandelt und diskriminiert werden.« Und so hat jeder Mensch sein eigenes Empathie-Universum, jeder hat einen anderen Blickwinkel auf die Welt, die »Rangfolgen« sind oft unterschiedlich. So kommen wir mit anderen möglicherweise in Wertekonflikte, was gar nicht notwendig ist.

Hier kann jeder versuchen, weich zu werden und echtes Mitgefühl zu zeigen – dabei ist es egal, womit wir starten. Hauptsache, jeder Einzelne macht einen Anfang. Denn nur weil das eigene Wertesystem sich in den letzten Jahren verändert hat, muss diesen Prozess nicht jeder in gleicher Intensität mitmachen. Das kann niemand verlangen. Was ich sagen möchte: Wir können es wagen, täglich etwas weiter nach rechts und links zu schauen.

Nun haben wir den eigenen empathischen Blick auf die Welt unter die Lupe genommen: Was bewirkt mein Handeln in der Welt, mit wem empfinde ich Mitgefühl und wann kann mich die Empathie auch aus den Fugen heben? Das ist eine Art Empathie, die vorausschauend auf die Folgen meines Handelns abzielt. Genauso gibt es natürlich die Empathie, die auf den Moment gemünzt ist. Etwas geschieht unmittelbar in meinem Umfeld und ich frage mich: Was wäre jetzt der richtige Weg, damit umzugehen? Wie sehr lasse ich mich betreffen, wie weit kann ich von meinem Standpunkt abweichen, wie kann ich dem anderen entgegenkommen? Das entscheide ich also ad hoc, im gleichen Moment, und dabei brauche ich neben dem Zugang zu den Gefühlen anderer auch die Fähigkeit, gleichzeitig die eigenen Gefühle gut zu managen.

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