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Lebensläufe

Inhalt

HELGA HEMALA-FISCHER

GABRIELE WEISHÄUPL

HANNS MEILHAMER

FREDL FESL

MATTHIAS LISSE

SCHWESTER AVITA

YVONNE HOLTHAUS

GUDRUN ZOLLNER

Vorwort

Menschen über Menschen kreuzen unseren Lebensweg. Manche begleiten uns ewig, andere tauchen blitzartig auf und verschwinden wieder in der Masse des Alltäglichen. Und dann gibt es da plötzlich die, die eine Spur hinterlassen. Sie müssen weder mit einem verwandt, verschwägert, befreundet oder persönlich bekannt sein: Manchmal genügt es für mich, den Bruchteil einer Lebensgeschichte zu erfahren und mit einem Mal glüht Faszination in mir auf.

Faszination für Menschen, die sich in meinen Augen vom grauen Einheitsbrei abheben: Weil sie mutig und ohne Zögern auch unsichere Wege zum Ziel in Kauf nehmen, weil sie mit schier unglaublicher Widerstandskraft dem Schicksal trotzen, weil sie es wagen, ihr Glück nicht von den Gedanken anderer abhängig zu machen.

Spätestens wenn mich dieser Eindruck erfasst, dann möchte ich in eine Lebensgeschichte eintauchen. Bei den Menschen, über deren Leben ich in diesem Buch schreibe, war es so. Dabei stand für mich weniger das Handwerk des Porträtierens mit all seinen Regeln aus dem journalistischen Lehrbuch im Vordergrund, wie ich es als hauptberufliche Redakteurin kenne.

Die Geschichten in diesem Buch sind allesamt Lieblingsprojekte und mit viel Zeit, Gesprächen und Herzblut entstanden. Ohne starre Vorgaben oder Gesetze. Der einzige Rahmen, den ich mir gesteckt habe, war ein Bezug der Porträtierten zu meiner Heimat Niederbayern.

Die Geschichten sind ein Kondensat all dessen, was mich selbst ungemein bereichert: Allen voran die Erkenntnis, dass ohne Schattenseiten auch nicht das Licht mit Erfolg, Zufriedenheit und Glück möglich wäre. Die Aura der Unverwundbarkeit, die authentische Menschen ausstrahlen, inspiriert mich immer wieder von Neuem: Leben bedeutet seiner Intuition zu folgen.

Lassen auch Sie sich inspirieren.

Ihre Monika Bormeth

Aus dem Herzen muss es kommen

Der gelebte Mädchentraum von Helga Hemala-Fischer


„Der Besuch der alten Dame“: Die Claire Zachanassian war eine der Paraderollen, in denen Helga Hemala-Fischer in späteren Jahren am Theater an der Rott glänzte.

Es ist nur ein schmaler Papierstreifen, dennoch trägt er eine besondere Botschaft. Das Geschriebene stammt aus Tagebucheinträgen. Die Verfasserin wollte es in handlicher Form immer bei sich haben. In feiner Schreibschrift steht mit Tinte auf weißem Untergrund: „Heute ist der Tag, wo ich endlich den Vertrag in der Hand halte, nun darf ich tanzen, tanzen, TANZEN. Menschen Freude bereiten, das will ich!“ Helga Hemala-Fischer hat diese Sätze am 28. Juli 1956 geschrieben. Damals hat sie ihren ersten Bühnenvertrag bekommen und hatte noch keinen Doppelnamen. Der Mann, dessen Namen sie später dem ihrigen hinzufügte, war aber bereits in ihr Leben getreten. Helga Hemala war gerade einmal 15 Jahre alt und ahnte noch nicht, dass die Liebe zu ihm und zur Bühne jeden ihrer Lebensabschnitte begleiten würde.

„Wo fang ich an? Wo fang ich nur an?“ Helga Hemala-Fischer schüttelt gedankenversunken den Kopf. Soll sie das wirklich machen? Über ihr Leben erzählen? Ist es überhaupt möglich, ein halbwegs vollständiges Bild davon zu zeichnen? Allein auf dem Tisch liegen unzählige Fotos, kleine und große, bunte und schwarz-weiße. Dazu seitenweise Zeitungskritiken, Theaterplakate, Briefe, Aufzeichnungen. Und das ist nur ein Bruchteil. Helga Hemala-Fischer hat über 30 Ordner mit Dokumenten und Briefen aus über 60 Jahren Bühnenleben angelegt. Sie spricht nur wenige Sätze, dann kommt ihr wieder ein Erinnerungsstück in den Sinn, das sie aus einem anderen Zimmer holt. Ihre Schritte sind leichtfüßig. Es wirkt ein bisschen so, als würde sie jeden Moment eine Pirouette vollziehen und zu einem Tanz ansetzen. Helga Hemala-Fischer hat ein Leben für die Bühne gelebt und sie tut es noch.

Sie war Tänzerin, Tanzsoubrette, Schauspielerin, Sängerin, Choreographin, Regisseuse und vieles mehr. Noch heute gibt sie an sechs Tagen die Woche Unterricht an ihrer Ballettschule in Eggenfelden. Als Ehefrau des mittlerweile verstorbenen Adi Fischer, erster Intendant des einzigen landkreiseigenen Theaters in Deutschland, hat Helga Hemala-Fischer das Theater an der Rott wesentlich mitgeprägt. Es war eine Station von vielen in einer Vita, die man als gelebten Mädchentraum beschreiben könnte.

Kindheit: Liedertexte im Schulheft gesammelt

Was Helga Hemala-Fischer über ihre Kindheit erzählt, ist eine Mischung einerseits aus Zuständen, die man sich heute nicht mehr vorstellen könnte, und andererseits bilderbuchähnlichen Schilderungen. Als Helga Hemala kam sie am 29. Oktober 1940 im schlesischen Bielitz zur Welt. Ihre Eltern Eduard Hemala und Margarete Hemala, geborene Pientka, hatten bereits eine dreieinhalbjährige Tochter namens Irmgard. Helga Hemala wurde in den Zweiten Weltkrieg hineingeboren. Harte Zeiten, jedoch: „Ich habe von den widrigen Umständen kaum etwas zu spüren bekommen.“

Helga Hemala wuchs auf mit der musischen Ader der Mutter und deren Leidenschaft fürs Theater und mit einem Vater, der als Kaufmann Wert auf solide Existenzgrundlagen legte, aber seinen Kindern auch Liebe zur Natur vermittelte. Insbesondere Letzteres hatte bleibenden Einfluss. Helga Hemala-Fischer, gefragt nach ihren schönsten Kindheitserinnerungen, schwärmt noch heute als Erstes von den Streifzügen mit dem Vater durch den Wald. Seien es die unbeschwerten Ausflüge ins Grüne gewesen oder die Wanderungen, um das Nötigste für den täglichen Alltag heranzuschaffen: Beeren, Pilze und säckeweise Tannenzapfen, liebevoll „Pockerl“ genannt, zum Heizen im Winter. Das Werden der Natur zu beobachten, hat Helga Hemala-Fischer bereits damals als Geschenk begriffen. Noch heute sieht sie die Bäume in ihrem Garten wie Fabelwesen, lässt sich inspirieren von der Bewegung der Blätter – die in ihren Augen alle tanzen.

Kindheit bedeutete aber auch Flüchtlingstransporte, die Enge von Baracken, die Begrenztheit der Mittel. An Bielitz hat sie nur spärliche Erinnerungen, sieht allerdings noch heute den Lastwagen vor ihrem geistigen Auge, mit dem die Familie aus Schlesien abtransportiert wurde.

Der Vater im Kriegsdienst, die Mutter mitten im Winter mit ihren zwei Töchtern auf der Flucht in eine ungewisse Zukunft. Zwei Koffer als einziges Gepäck. Über Wien führte sie ihr Weg nach Brückl in Kärnten und letztlich Sekirn am Wörthersee, wo die Hemalas schließlich für einige Jahre Heimat fanden.

Für Eduard Hemala, der nach dem Kriegsdienst zurück zu seiner Familie kehrte, stand die berufliche Orientierung an erster Stelle. War er vor dem Krieg in Bielitz Eigentümer einer Kartonagenfabrik und Buchbinderei, wurde er danach als Vertreter für Farben und Lacke zu einem Handelsreisenden.

Die kleine Helga wurde in Sekirns Nachbarort Reifnitz eingeschult. Es begann eine Zeit, in der die vom Vater vermittelte Liebe zur Natur weiter aufblühen konnte. Die Schüler durften ein Beet anlegen und sich eine Pflanze aussuchen. Helga wählte Astern, um die sie sich liebevoll kümmerte. Für den sonntäglichen Besuch der berühmten Kirche Maria Wörth fertigte Mutter Margarete, eine geschickte Hobbynäherin, für ihre Töchter Kleidchen aus weißem Leinen, bestickt mit buntem Kreuzstich.

„Ich hatte immer einen Hang zum Schönen“, erinnert sich Helga Hemala-Fischer. Als Kind ist sie, ein Buch unter den Arm geklemmt, gerne in den gegenüberliegenden Wald gelaufen und zum Lesen auf den höchsten Baum geklettert. „Das habe ich unzählige Male getan.“ Auch war sie bereits im frühen Alter sehr tierlieb. Zeit ihres Lebens hat sie danach Hunde als Haustiere gehalten.

Dass sie einen künstlerischen Beruf ergreifen könnte, wäre ihr in diesem Alter nicht in den Sinn gekommen, obgleich Theater und Musik einen hohen Stellenwert bei der Mutter hatten. Viel hat sie mit ihren Kindern gesungen, ganze Schulhefte waren mit Liedtexten von Opern, Operetten und Schlagern beschrieben. Es huscht ein Lächeln über Helgas Gesicht und mitten im Gespräch fängt sie an zu singen.

Sah sie als Kind eine Bühnenaufführung – das muss noch in Bielitz gewesen sein – verblüffte Helga die Erwachsenen nicht selten mit der Gabe, im Nachhinein markante Passagen wiedergeben zu können. Bei einem ihrer Theaterbesuche, es war „Die gold’ne Meisterin“ von Edmund Eysler, verzückte sie die Zuschauer, als sie während der Pause das eben gehörte Lied „Portschunkula, Portschunkula, wie schön bist du bei Nacht…“ schmetterte. Scheu vor den Blicken anderer hatte die sonst ruhige Helga dabei nicht, im Gegenteil. Der „Sonnenschein“, wie sie damals von vielen Bekannten genannt wurde, empfand Freude daran, die Leute zu unterhalten.

Während die Schwester ein Instrument lernen durfte, blieb Helga dies verwehrt. Sie träumte von einem Akkordeon, musste aber zu jedem Weihnachtsfest den schuldbewussten Blick der Mutter ertragen, wenn diese der Tochter sagte: „Helgele, das Christkindl hatte wieder kein Geld gehabt.“

1950 übersiedelte die Familie von Sekirn nach Klagenfurt in die Getreidegasse 11. Arbeitsam hat Helga Hemala-Fischer ihre Eltern in Erinnerung. Sie sieht heute noch den Vater vor sich, wie er am Boden knieend mit Rasierklingen das Parkett abzog, um das Zimmer so schön wie möglich zu gestalten.

Helga Hemala-Fischer klappt eine Spieldose auf. Sie ist alt, aber der Klang rein: Der Kaiserwalzer. Dieses Stück sollte noch viel Bedeutung haben. Es war nach dem Umzug nach Klagenfurt, als zum 40. Geburtstag ihres Vaters ein Fest ausgerichtet wurde. Die Mutter lieh in einem Musikgeschäft Plattenspieler und Schallplatten aus und bastelte für Helga ein Tutu aus Krepppapier. Von Ballett hatte das Mädchen damals noch keine Ahnung, konnte lediglich das tun, was ihr ihr Gefühl zur Musik eingab. Als sich die Kleine zu den Takten des Kaiserwalzers zu bewegen begann, staunten die Gäste. Mehr noch. Eine Freundin der Mutter war fest überzeugt: „Die muss ins Ballett.“ Dieser Frau hat sie ihr ganzes Berufsleben zu verdanken, ist Helga Hemala-Fischer heute überzeugt.

Der steinige Weg zur Leichtigkeit

Der Anfang war hart. Als die Mutter mit ihrer bereits elfjährigen Tochter in der renommierten Klagenfurter Kunsttanzschule von Tanzmeisterin Trude Haslinger vorstellig wurde, war diese keineswegs so angetan wie die Gäste bei der Geburtstagsfeier. „Wie alt bist du? Elf? Viel zu alt“, lautete ihr Urteil, das Helga die Tränen in die Augen trieb. Als die Ballettmeisterin das sah, fragte sie: „Ja sag mal, was machst du mit den Armen, wenn du tanzt?“ Das war Helgas Chance. Mit ihren Armbewegungen wusste sie die gestrenge Ballettmeisterin zu überzeugen. Fortan stellte sich Helga jede Trainingsstunde an der Ballettstange hinter das beste Mädchen, um von diesem zu lernen, übte jede freie Minute und besah sich mit noch größerer Aufmerksamkeit alles, was sich ästhetisch zu bewegen vermochte. Denn das war das Credo von Tante Trude, wie die Mädchen ihre Ballettmeisterin liebevoll nannten: Sich die Natur ansehen und die Ästhetik der Bewegungen für sich adaptieren. Beispielsweise die von Schmetterlingen, Bienen und Blättern. „Alles tanzt“, sagt Helga Hemala-Fischer. Und in der Stimme schwingt Melodie mit.

Nach der Hauptschule besuchte die junge Helga eine Handelsschule, auf der sie sich das Rüstzeug für einen kaufmännischen Beruf aneignen sollte – das war der Wunsch des Vaters. Die Freizeit gehörte dem Ballett. Sie war 15 Jahre alt, als das Stadttheater Klagenfurt mit „Wiener Blut“ die erste Operette im Spielplan hatte. Ausgerechnet für den Kaiserwalzer suchte das Theater junge Tänzerinnen zur Verstärkung. Ballettmeisterin Liselotte Mracek, zuständige Choreographin, sah sich an der Kunsttanzschule Haslinger nach geeignetem Nachwuchs um. Nur sechs Mädchen wurden gebraucht. Helga Hemala war dabei. Was sie gemacht hätte, wenn die Wahl nicht auf sie gefallen wäre? Sie weiß es nicht. Heute wäre ihr Leben vielleicht ein völlig anderes.


Als 13-Jährige war Helga Hemala stolze Ballettschülerin der renommierten Klagenfurter Kunsttanzschule von Trude Haslinger.

Die Operette, die am 24. September 1955 Premiere feierte, war ein Erfolg. Und noch etwas anderes war bedeutend. Helga stand zum ersten Mal Adi Fischer gegenüber. Er war zehn Jahre älter, kam vom Grazer Opernhaus, war Schauspieler und wurde in Klagenfurt als Operettenbuffo verpflichtet. Sie sah in ihm den Mann ihres Lebens. Ein bildschöner, junger Mann – und ein verheirateter Familienvater mit einem kleinen Sohn, wie sie später erfuhr.


„Der 16. Geburtstag war mein schönster Geburtstag“: Adi Fischer war damals bereits in das Leben der jungen Helga getreten. Die beiden waren noch kein Paar, waren sich aber dennoch vertraut.

Obgleich Helga immer wieder ins Theater fuhr und instinktiv die Begegnung mit Adi Fischer suchte, hegte sie keinerlei weitere Absicht. Ihre Schwärmerei war die rührende Zuneigung eines unschuldigen Mädchens, das nicht im Traum daran dachte, sich in eine Ehe einmischen zu wollen. „Ich wollte immer alles, was gut für ihn und seine Familie war.“ Zwar erwiderte Adi Fischer nicht umgehend Helgas Zuneigung, jedoch hat er ihr „viel Herz“ entgegengebracht, wie sie heute sagt. „Der erste Händedruck – 14 Tage nicht Händewaschen, habe ich mir vorgenommen.“ Sie lacht.

Es war wie eine Belohnung in doppelter Hinsicht, dass Helga Hemala nach „Wiener Blut“ ein weiteres Mal als Elevin am Theater mitwirken durfte. Professor Fritz Klingenbeck, Intendant des Klagenfurter Theaters, engagierte sie für die Operette „Der Opernball“ von Richard Heuberger, deren zweiter Akt mit einem Can Can endete, bei dem die Tänzerinnen in die Arme eines Bühnenpartners fielen. Gespannt warteten die Mädchen darauf, wem es zukommen würde, sie aufzufangen. Für Helga Hemala, die wegen der Handelsschule nicht bei jeder Probe dabei sein konnte, war es eine besondere Überraschung. Sie glaubte, ihren Ohren nicht zu trauen, als sie Choreographin Lilo Mracek sagen hörte: „Bei dir kommt der Adi Fischer.“ Für Helga Hemala war das wie Weihnachten und Ostern zusammen.

Während die Bühne immer mehr zu ihrem Lebensmittelpunkt wurde, neigte sich die zweijährige Handelsschule dem Ende entgegen. Zeitgleich ergab sich die Möglichkeit, eine Reifeprüfung im Fach Ballett abzulegen. Trude Haslinger gab den Anstoß dazu und bereitete ihre Mädchen intensiv darauf vor, lehrte sie nicht nur die Praxis, sondern gab ihnen auch das nötige Rüstzeug in Sachen Tanzgeschichte. Helga Hemala war begeistert und reiste mit acht Mitstreiterinnen in die Universitätsstadt Graz zur Prüfung. Schon bei der Ankunft wurde Helga fast schwindelig, als sie eine Tänzerin beim Spitzentanz beobachtete und dabei merkte, wie viel es noch zu lernen galt.

„Wir hatten unter anderem einen Walzer einstudiert. Als die Musik erklang, habe ich alles um mich herum vergessen. Meine Arme sangen und meine Beine tanzten.“ Neun Mädchen aus Klagenfurt und neun aus Graz nahmen an der Reifeprüfung teil, nur fünf bestanden. Helga war dabei! Wieder waren es insbesondere ihre Armbewegungen, die überzeugten, wie sie später erfuhr.

Die Klagenfurter Choreographin Mracek fragte Helga daraufhin, ob sie nicht Tänzerin werden wolle. Eduard Hemala, der seine Tochter gerne in einem soliden, kaufmännischen Beruf gesehen hätte, war nicht begeistert. Erst die Tatsache, dass das Theater seinem Helgele sogar die volle Tänzerinnengage – nicht die Gage einer Elevin – anbot, überzeugte auch den Kaufmann in ihm. 1300 Schilling könnte seine Tochter in einem Büro nicht verdienen. Diese Monatsgage war mit einem Mal doch eine andere Hausnummer als die 15 Schilling, die es für eine Vorstellung von „Wiener Blut“ gegeben hatte. Am 28. Juli 1956 hielt Helga Hemala schließlich den Bühnendienstvertrag in Händen und verfasste den legendären Tagebucheintrag: „Nun darf ich tanzen, tanzen, TANZEN. Menschen Freude bereiten, das will ich.“

Einzig die Reaktion von Adi Fischer war eine große Enttäuschung. Er riet ihr von einer Bühnenkarriere ab – wohl im Wissen um die Herausforderungen, die einem solch ein Beruf abverlangt. Aber Helga vertraute ihrer Intuition: Am 1. September 1956 trat sie ihr Engagement als Tänzerin im Stadttheater Klagenfurt an. „Tanzen – sich zur Musik zu bewegen – das war einfach mein Traum.“

Die erste Operette, bei der sie unter Vertrag mitwirkte, war „Die lustige Witwe“ von Franz Lehár. Margarete Hemala hat ihrer Tochter damals einen kleinen Teddybären als Glücksbringer auf den Schminktisch gestellt. Helga hat diesen über Jahrzehnte zu jeder Vorstellung mitgenommen. Es gibt ihn noch heute.


Der „Opernball“ – eines von vielen prunkvoll inszenierten Stücken am Theater an der Rott. Helga Hemala-Fischer choreografierte zahlreiche Werke.

Es blieb nicht bei Klagenfurt. Intendant Professor Klingenbeck hatte mittlerweile das Angebot erhalten, das Salzburger Landestheater zu übernehmen. Er bot Helga Hemala an, mit ihm zu kommen. Trotz ihrer Zweifel, ob sie wohl mit anderen Profitänzerinnen Schritt halten könne, sagte sie zu. Nicht zuletzt weil auch Adi Fischer als Operettenbuffo für Salzburg engagiert wurde. Ab August 1957 war sie dann Tänzerin und Schauspielerin unter Vertrag.

Professor Klingenbeck sah großes Potenzial in Helga Hemala und förderte sie stetig. Adi Fischer nahm seine junge Kollegin weiterhin als sympathisches Mädchen wahr. Mehr vorerst nicht. Seine Ehe war zu diesem Zeitpunkt zwar schon ins Wanken geraten, allerdings nicht Helgas wegen. „Er hat das Leben genossen“, resümiert Helga Hemala-Fischer, die durchaus zugeben muss, dass ihr Liebster ein „Don Juan“ war. Verurteilt hat sie sein Verhalten, trotz vieler Tränen, nie. Weder damals als schwärmender Teenager noch heute als Witwe nach über 50 Jahren Ehe. „Man kann den Charakter eines Menschen nicht ändern“, sagt sie nachdenklich. Der Krieg habe ihrem Mann, Jahrgang 1930, die Jugend genommen. Er habe leben wollen, einfach nur leben: „Und er hat sich keine Gelegenheit dazu entgehen lassen.“

Das erste Balletttraining in Salzburg hat Helga Hemala-Fischer noch vor Augen, als wäre es gestern gewesen. Obwohl sie ihr Bestes gab, konnte sie mit den erfahrenen Profitänzerinnen, einige kamen von der Ballettakademie in Wien, tatsächlich nicht Schritt halten. Nach der Probe nahm die Ballettmeisterin Professor Dr. Hanna Kammer sie beiseite und fragte: „Mädele, willste nicht oder kannste nicht?“ Ein Urteil, das mitten ins Herz traf. Was tun? Als die Tränen getrocknet waren, suchte Helga sich Hilfe. Bereits am nächsten Tag stand sie bei dem jugoslawischen Solotänzer Boris Tonin zum Privatunterricht an der Ballettstange. Das war nicht immer leicht. Als sie einmal schwer erkältet den Privatunterricht absagen wollte, entgegnete Boris Tonin ungerührt: „Du müssen schwitzen, du werden gesund.“ Es dauerte ein Jahr, dann hatte sie es geschafft: Nicht nur, dass sie von nun an mit den anderen Tänzerinnen mithalten konnte, sie durfte sogar immer wieder als Solistin auftreten.

Von der Bühne zum Film

Helga war keine 19 Jahre alt, als der Direktor noch mehr als den Tanz in ihr sah. In Schauspiel und Märchen hatte er sie bereits eingesetzt. Helga durfte einige Rollen spielen und war dabei positiv aufgefallen. Ende September 1958 bat er sie um ein Vorsingen. Die junge Tänzerin sollte Soubrette werden. Das bedeutete, künftig nicht nur zu tanzen, sondern auch zu singen und zu spielen. Fritz Klingenbeck bezuschusste ihren Gesangsunterricht am Mozarteum. Am 18. Juni 1959 legte Helga die Prüfung für das neue Fach Soubrette ab. Von nun an war Adi Fischer ihr Spielpartner und Regisseur. Ihre erste Operette als Tanzsoubrette, „Die Csárdásfürstin“, ging 35 Mal vor begeistertem Publikum über die Bühne.

Nun erfüllte Helga sich auch ihren Kindheitswunsch, ein Musikinstrument zu lernen, und nahm Klavierunterricht.

Ihre Karriere entwickelte sich stetig weiter. Die erste Anfrage fürs Fernsehen kam noch im selben Jahr. Man suchte eine Besetzung für die Rolle der Ida in der Verfilmung der Strauss-Operette „Die Fledermaus“. Als Helga Hemala-Fischer bei dem bekannten Regisseur Kurt Wilhelm in München vorsprach, erfuhr sie zum ersten Mal, dass in der Branche manchmal Dinge gefordert wurden, die ihr fremd waren. Der Regisseur bat sie um Fotos – freizügige Fotos. Helga Hemala lehnte augenblicklich ab. „Wenn das nötig ist, um zu Film oder Fernsehen zu kommen, verzichte ich gerne darauf.“ Ihre strikte Entschlossenheit schien Kurt Wilhelm zu imponieren. Sie bekam die Rolle ohne Fotos – und ohne dass jemals wieder etwas dieser Art von ihr verlangt wurde. „Natürlich braucht man auch ein wenig Glück, um im rechten Moment an die richtigen Menschen zu geraten, aber in jedem Fall wollte ich mit meiner Kunst und meinem Können die Bühne erobern.“

Es zeichneten sich weitere Veränderungen ab. Helgas Förderer, Professor Klingenbeck, hatte vor, das Theater zu verlassen, und der nächste Intendant zeigte wenig Interesse an Operetten. Daher beschloss Helga, sich an eine Agentur zu wenden. Zum Vorsingen fuhr sie in einem vollbesetzten Zug nach Wien – die ganze Fahrt ohne Sitzplatz mit einem Gipsbein. Kurz zuvor hatte sie in der Operette „Der Opernball“ (Helga spielte die Hosenrolle des „Henri“) einen folgenschweren Unfall. Die Handlung sah ein Stolpern über eine Treppe vor. Helga stolperte wirklich, fiel die lange Freitreppe herunter und blieb für einige Augenblicke reglos liegen. Der Kapellmeister war verunsichert, begann dann aber dennoch mit der Musik. Helga Hemala-Fischer rappelte sich auf und spielte die restliche Vorstellung zu Ende – wie ihr das gelang, kann sie heute nicht mehr sagen. Diagnose: Bänderriss. Der Direktor war verzweifelt: So schnell gab es keinen Ersatz. Er bat Helga trotz ihrer Schmerzen, noch zwei weitere Vorstellungen zu spielen, und sie tat es. Im Anschluss erst bekam sie den Gips, mit dem sie dann nach Wien zum Vorsingen fuhr. Dieses meisterte sie trotz widriger Umstände bravourös. Die diversen Theaterdirektoren, die bei der renommierten Agentur Starker zugegen waren, amüsierten sich köstlich über ihre „gipsbeinige“ Darbietung der „Riquette“ aus der Operette „Victoria und ihr Husar“: „Wenn Sie so tanzen, dann glauben wir Ihnen gerne, dass Sie eine Tanz-Soubrette sind.“ Zurück in Salzburg wurde es Helga auch während ihrer Genesungszeit nicht langweilig. Die Chefsekretärin war erkrankt und Helga sprang kurzerhand ein. Die Maschinenschreibkenntnisse aus der Handelsschule kamen ihr nun zugute.


An der Seite von Friedrich Schoenfelder spielte Helga Hemala-Fischer die Rolle der Ida in der Verfilmung der Strauss-Operette „Die Fledermaus“.

Neben ihrer Verpflichtung als Tanzsoubrette war Helga Hemala mittlerweile auch als Choreographin tätig. Darüber hinaus wurden sie und Adi Fischer 1961 für die geplante Gründung der Operettenfestspiele nach Bad Ischl geholt, heute bekannt als Lehár Festival.

Weitaus bedeutender aber wurde ein anderer Ort. Nach vielen Angeboten, die sich aus ihrem Vorsingen bei der Agentur Starker ergaben, entschied sich Helga Hemala-Fischer schließlich 1962 für ein Engagement am Stadttheater in Luzern. In Bad Ischl war sie ganz nebenbei auch noch weitere drei Operettensommer tätig. Das Schweizer Publikum eroberte sie im Sturm. Sie erwies sich als begierig, zu lernen. Zu jeder Herausforderung sagte sie mit Begeisterung „Ja“, bei jedem neuen Regisseur ließen sich neue Erfahrungen sammeln. Obwohl als Soubrette engagiert, waren nun auch im Schauspiel ihre Leistungen gefragt. So lernte sie beispielsweise, von einem Tag auf den anderen, Stoffe wie die Elise, Tochter des Geizigen Harpagons von Molière. Helga Hemala-Fischer erinnert sich an einen Monat, in dem sie 27 Vorstellungen mit sechs verschiedenen Rollen aus Operette, Schauspiel und Märchen absolvierte. Noch heute schüttelt sie fragend den Kopf darüber: „Ich weiß nicht, wie ich das alles eigentlich geschafft habe.“


1962 stand Helga Hemala-Fischer in „Rose von Stambul“ mit Klaus Wildbolz auf der Bühne.

Autogrammanfragen kamen, Blumen wurden abgegeben, immer wieder Geschenke in die Garderobe gebracht. „Ich wurde vom Publikum verwöhnt. Ich habe alles, was ich an Einsatz gegeben habe, doppelt und dreifach zurückbekommen.“

Von der Schweiz ins Rottal

Adi Fischers Weg hatte mittlerweile in eine ganz andere Richtung geführt, ins niederbayerische Rottal. Eine Gruppe von Sängern der Liedertafel Massing war von der Vorstellung der Operette „Die Gold‘ne Meisterin“ in Salzburg so angetan, dass sie im Anschluss den Regisseur am Bühnentürl erwarteten und mit einem Sängerspruch empfingen. Weil die Massinger selbst in absehbarer Zeit eine Aufführung der „Gold‘nen Meisterin“ planten, baten sie Adi Fischer um Unterstützung. Er sagte sofort begeistert zu. „Für solche Projekte war er immer zu haben“, sagt Helga Hemala-Fischer rückblickend. Dirigent und Kapellmeister der Liedertafel Massing war damals Otto Hofmeister – zugleich Architekt des sich bereits im Rohbau befindlichen, ersten landkreiseigenen Theaters Deutschlands: das Theater an der Rott. Der damalige Landrat Ludwig Ostermeier erwies sich nicht nur federführend bei der Etablierung dieser Kulturstätte, er war es auch, der Adi Fischer die Intendanz anbot. Anfangs nur für zwei Spielzeiten – es sollten 33 weitere folgen.

Von der ersten Minute an war Luzern für Helga Hemala eine neue Heimat. Berge, Seen, Sonne und Begegnungen, die sie ein Leben lang prägen sollten. So zum Beispiel ihre erste Unterkunft bei einer älteren Dame, die wie eine Mutter für sie war. Es dauerte eine Weile, bis Helga das Schicksal von Frau Mühlemann erfuhr: Deren Tochter – auch sie wäre zu diesem Zeitpunkt 22 Jahre alt gewesen – lebte nicht mehr. Sie war gestorben, nachdem sie den Kampf gegen die Leukämie verloren hatte. Als Frau Mühlemann Helga eines Tages mit dem Namen der verstorbenen Tochter ansprach, offenbarte sich die ganze Geschichte. Das Schicksal dieser Mutter hat Helga Hemala-Fischer nie losgelassen. Seit langer Zeit unterstützt sie nun schon die José Carreras Leukämiestiftung, zugunsten derer sie seit ein paar Jahren auch Benefizauftritte mit ihren Ballettschülerinnen veranstaltet.

Adi Fischer, mittlerweile geschieden, hatte inzwischen längst erkannt, dass er nicht ohne Helga leben wollte und machte ihr einen Heiratsantrag. Die Hochzeit fand am 22. Dezember 1962 statt. Tags zuvor hatte Adi in Eggenfelden noch einen Auftritt der Wiener Sängerknaben zu betreuen und Helga spielte in Luzern im Stück „Einen Jux will er sich machen“ von Johann Nestroy passenderweise bereits die Rolle der „Frau von Fischer“. Ihr Liebster kam wegen des üppigen Schnees erst kurz vor der Trauung an, zudem waren die Eheringe nicht rechtzeitig geliefert worden, sodass die beiden kurzerhand ein paar Messingringe im nächstbesten Kaufhof erstanden. Die Hochzeit fand am Vormittag statt, mittags gab es ein feines Essen und bereits am Nachmittag stand Helga wieder auf der Bühne. Als „Aschenbrödel“, beseelt von dem Gedanken, ihren Prinzen im wahren Leben nun für immer an ihrer Seite zu wissen. Abends sang sie den Liebesgott Amor in der Premiere der Operette „Orpheus in der Unterwelt“ von Jaques Offenbach.

Künftig lebte das Paar eine Fernbeziehung über 500 Kilometer. Es zeichnete sich ab, dass eine Entscheidung im Raum stand. Helga wollte nicht, dass ihr Mann die Intendanz in Eggenfelden aufgab und beschloss, Luzern zu verlassen. Ihr Rückzug löste eine Welle des Bedauerns beim Publikum aus. Eine Gruppe Theaterbesucher kündigte gar an, man habe Beziehungen zur Polizei und wolle dafür sorgen, dass die beliebte Schauspielerin und Soubrette die Stadt nicht verlassen dürfe.

Jeder Abschied ist ein bisschen wie Sterben. Dass ihr Fortgang aus Luzern eine schwierige Entscheidung war, ist Helga Hemala-Fischer heute noch anzumerken. Dass sie das niemals aussprechen würde, ist klar für sie. Schließlich beinhaltete dieser Abschied auch einen Neubeginn. Sie war bei ihrem Adi. Nichtsdestotrotz fuhr sie zumindest einmal im Jahr auf Gastspiele in Luzern, Innsbruck oder Bern oder auf Tournee.

Das Ende ihrer Spielzeit in Luzern war überschattet von einem traurigen Ereignis. Am 16. Mai 1965 starb Eduard Hemala. „Helgele, eines Tages werd‘ ich dich auf der Bühne sehen“, hat ihr der Vater stets gesagt. Es kam nie dazu. Helga Hemala-Fischer stand trotz Todesnachricht an diesem Sonntagabend auf der Bühne. „Ist das nicht eine Ironie des Schicksals?“, hat sie damals in ihr Tagebuch geschrieben, angesichts der Tatsache, dass ausgerechnet die Operette „Das Land des Lächelns“ mit dem bezeichnenden Liedtext „… lächeln trotz Weh und tausend Schmerzen…“ aufgeführt wurde.

Familie und Kinder

Am 29. Oktober 1969, an ihrem 29. Geburtstag, erfuhr Helga Hemala-Fischer, dass sie Mutter werden sollte. Die Worte ihres Mannes klingen ihr noch heute in den Ohren: „Was wird aus My fair Lady?“ Es war das erste Mal, dass Adi Fischer ein Musical in das Programm des Theaters an der Rott aufgenommen hatte – und seine Frau sollte die Hauptrolle der Eliza Doolittle spielen. Mittlerweile war sie, wie damals in Luzern, fester Bestandteil der Aufführungen in Eggenfelden. Das Publikum verehrte sie. Also hat sie die Eliza gespielt, bis zum sechsten Monat ihrer Schwangerschaft. Bei der Premiere war sie so schwer erkältet, dass sie kaum das Orchester hören konnte. „Ich habe dennoch gespielt“, sagt sie. „Danach saß ich stundenlang auf der Bettkante und habe geweint.“ Das Kind zu bekommen, stellte sie niemals in Frage, hatte sie doch immer von sechs Kindern geträumt. Am 12. Juni 1970 kam ihre Tochter Claudia Christine Fischer zur Welt.


Adi Fischer als Bühnenpartner: Diese Rollen waren für Helga Hemala-Fischer immer mit besonderer Emotion verbunden.

1972 bekam die Familie erneut Zuwachs. Alexander Otto Fischer wurde am 29. März geboren. Bis zum Ende des siebten Monats ihrer Schwangerschaft stand Helga Hemala-Fischer auf der Bühne. Eine ihrer letzten Aufführungen war die Titelrolle im Schneewittchen. Während sie im gläsernen Sarg lag, die Hände auf dem Bauch gefaltet und bemüht, den Bauch beim Atmen kaum sichtbar zu heben oder zu senken, machte sich Alexander in ihrem Inneren gerne bemerkbar. „Der achte Zwerg“, sagt sie mit einem Lachen.

Als sie 1980 noch einmal schwanger wurde, behielt Helga Hemala-Fischer es vorerst für sich. Einzig die mittlerweile zehnjährige Tochter Claudia machte sie zu ihrer Vertrauten. Ließ sie den Kopf an ihren Bauch legen und das Baby spüren. Helga wollte die Schwangerschaft und das aufkeimende Muttergefühl einfach nur genießen, ohne stets an ihre Bühnenverpflichtungen, die sie sowieso wahrnahm, erinnert zu werden. Sie wartete lange. Erst als sie während einer Aufführung einen Kostümwechsel verneinte, in dem Bewusstsein, dass ihr das erforderliche Kleid nicht mehr passen würde, waren alle im Bilde. Am 11. August 1980 wurde Barbara Lucia Fischer geboren.

Helga Hemala-Fischer hat auf ihren Mann zählen können. „Wenn ich im Ballettsaal zu unterrichten oder zu choreographieren hatte, hat Adi in dieser Zeit die Kinder versorgt.“ Hatten beide Aufführungen, wurden die Kleinen einfach ins Theater mitgenommen, wo sie in der Kostümschachtel hinter der Bühne schliefen. Helga und Adi hatten immer versucht, den Spagat zwischen Bühne und Elternrolle zu meistern.

Anfangs in Eggenfelden zu Hause, zog die Familie schließlich nach Hebertsfelden, wo Helga Hemala-Fischer heute noch wohnt. Ihre drei Kinder leben in Wien und in München und sind mittlerweile alle in künstlerischen Berufen tätig. Claudia ist Sängerin und Regisseurin, Alexander arbeitet als Musik- und Tanzpädagoge sowie als Zauberer und Barbara hat sich der Kunst des Malens verschrieben.

Ein Ort, um die Sorgen hinter sich zu lassen

1965 begann für Helga Hemala-Fischer beruflich ein zusätzliches Kapitel. Es war die Geburtsstunde ihrer Ballettschule, in der sie heute noch jeden Werktag zugegen ist, unterrichtet und Aufführungen organisiert.

Auf dem Spielplan des Theaters an der Rott stand im September 1965 die Operette „Rose von Stambul“ von Leo Fall. Für die Choreographie brauchte Helga Hemala-Fischer junge Balletttänzerinnen. Woher nehmen? Helga sah sich in den örtlichen Gymnastikgruppen des Turnsportvereins um, wählte die Begabtesten aus und studierte mit ihnen die Tänze ein. Es war der Beginn eines Triumphzugs. Durch Helga Hemala-Fischer entstand ein Ensemble, das in den folgenden Jahren in Opern, Operetten, Musicals, Märchen und Ballettabenden eingesetzt werden konnte.


Helga Hemala-Fischer inmitten des Ensembles für die Operette „Rose von Stambul“, die für September 1965 auf dem Spielplan des Theaters stand. Für die Choreographie brauchte Helga Hemala-Fischer junge Balletttänzerinnen – der Beginn ihrer Ballettschule.

Gegenüber dem Theatergebäude wurde in einem ehemaligen Sitzungssaal des Landratsamtes ein großer Ballettsaal mit Spiegel errichtet. Hier begann Helga Hemala-Fischer, Unterricht zu geben. Es war der Grundstein dafür, dass Eggenfelden eine Anlaufstelle für Ballettbegeisterte wurde. Manche Schüler nahmen Fahrten von bis zu 50 Kilometern auf sich, um nach Eggenfelden ins Training zu kommen. „Ich kann vieles vermitteln, weil ich das Glück hatte, selber so viel lernen zu dürfen“, sagt Helga Hemala-Fischer. Das Besondere an ihrer Schule ist die Tatsache, dass Bühnenauftritte stets fester Bestandteil des Programms waren. Ob Groß oder Klein, alle wurden in Märchenaufführungen, Operetten und Ballettabenden eingesetzt. Klassisches und Modernes standen auf dem Spielplan. Ein „Nussknacker“ von Tschaikowsky ebenso wie Prokofjews „Peter und der Wolf“ oder Mozarts „Kleine Nachtmusik“. „Wir führten Werke wie ‚Die Puppenfee‘, ‚Coppélia‘ oder ‚Ein Amerikaner in Paris‘ auf“, erzählt Helga Hemala-Fischer. „All unsere Ballettabende – und das war das Außergewöhnliche – wurden von den Münchner Symphonikern in großer Orchesterbesetzung begleitet.“

Das Theater an der Rott und die Ballettschule profitierten wechselseitig voneinander. Zwischen Fotobüchern und alten Programmheften zieht Helga Hemala-Fischer ein besticktes Tuch heraus. Wer von Ballett nichts versteht, sieht eine kurios anmutende Anordnung von weißen Strichen und Kreuzchen auf blauem Untergrund. Es ist die Choreographie eines Tanzes, welche die Schüler der Lehrerin als Dankeschön auf eine Decke gestickt haben. Helga Hemala-Fischer hat immer Handlung in Tanz verwandelt. „Musik ist für mich Bewegung.“ Diese Gabe hat ihr viele Einsätze auch außerhalb von Eggenfelden beschert. Choreographieren zählt heute noch zu ihrer großen Leidenschaft. „Von da drin muss es kommen“, bekräftigt sie und legt ihre Hand auf die Brust. „Das Herz ist das Wichtigste.“

Ein Ort, an dem man einfach sein darf, und die Sorgen vor der Tür lässt – so sieht Helga Hemala-Fischer ihre Ballettschule. „Kommst du, weil du möchtest, oder weil du geschickt wirst?“ Diese Frage ist die erste, die sie Neuzugängen stellt. Dennoch sind in ihrem Spiegelsaal alle von Herzen willkommen. Sie würde kein Kind wegschicken. Helgas Gabe besteht darin, die Stärken des Einzelnen zu erkennen und entsprechend zu fördern.

Was Helga Hemala-Fischer zu vermitteln vermag, umfasst weit mehr als nur klassisches Ballett. Jazztanz, Modern Dance, Steppen, Charakter- und Nationaltänze, Formation. In allen Sparten ist sie zuhause. So wurde Helga Hemala-Fischer beispielsweise von der Rock’n’Roll-Formation „Dancing Baloos“ 2010 um Hilfe gebeten. Während dieser gemeinsamen Zeit stand die Gruppe ganze zehn Mal auf dem Treppchen. Die Erfolge dokumentierten die Tänzer in einem Album, das sie Helga Fischer zum Andenken überreichten.

Einige von Helga Hemala-Fischers Mädchen haben den Tanz zu ihrem Beruf gemacht. Ob sie nun regelmäßig auf der Bühne stehen oder selbst Schulen eröffnet haben – Helgas Arbeit als Pädagogin trägt Früchte. Das macht sie stolz. Als Tanzlehrer seine Kenntnisse weiterzugeben, hält sie noch immer für eine sehr schöne Art, sich professionell dem Tanz zu widmen. Von einer reinen Bühnenkarriere würde sie heutzutage abraten. „Es ist ein knallhartes Geschäft geworden. Menschen werden zu Maschinen gemacht, die Technik ist wichtiger als alles andere.“ Dabei komme es nicht immer auf Perfektion an. Herz und Seele müssten dabei sein.

Der große Wert der Freundschaften

Manchmal bedauert es Helga Hemala-Fischer, die zwar via Facebook und Instagram Kontakt mit ehemaligen Schülern in aller Welt hält, dass sich Kommunikation so sehr verändert hat. Handgeschriebene Briefe zählen zu ihren größten Schätzen. Es bedeutet ihr ungemein viel, mit alten Weggefährten auf diese Art im Austausch zu stehen. Ihre Freundschaften pflegt sie über Jahrzehnte hinweg: „61 Jahre Freundschaft, ja, das gibt es wirklich!“, erzählt sie.

Viele von ihr hochgeschätzte Kollegen leben mittlerweile nicht mehr. Etwa der Wiener Dirigent und Musikwissenschaftler Professor Kurt Pahlen. Mit ihm hat sie 16 Jahre beim österreichischen Musik- und Kulturfestival Carinthischer Sommer und sechs Jahre bei den Lenker Festwochen in der Schweiz zusammengearbeitet. Pahlen würdigt Helga Hemala-Fischer in seinen handgeschriebenen Widmungen als große Künstlerin. Sein Lexikon über die Opern der Welt und viele weitere seiner gut 60 Bücher bewahrt Helga auf. „Menschen hinterlassen Spuren in deinem Herzen.“

Über die Grenzen hinaus

Seit die Ballettschule gegründet wurde, ist Helga Hemala-Fischer nahezu täglich dort im Einsatz. Dass sie am 10. September 1991 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen bekommen hat, schreibt sie besonders ihrem Engagement für die Jugend zu. Der damalige Kultusminister Hans Zehetmair lobte Helga Hemala-Fischers Verdienste an Kunst und Kultur sowie ihr ausgeprägtes pädagogisches Geschick und ihre mitreißende Begeisterung.

„Wir haben den Namen Eggenfelden mit dem Ballett über die Grenzen Niederbayerns hinausgetragen“, ist Helga Hemala-Fischer überzeugt. Beispielsweise in das südfranzösische Carcassonne, mit dem Eggenfelden seit Jahrzehnten eine Städtepartnerschaft hat. 40 Tanzeinlagen hatte die Ballettschule seit 1973 für die gemeinsamen Festlichkeiten bereits erarbeitet.

Auch im polnischen Breslau hat man getanzt. Es war der Ballettabend „Aschenbrödel“, der mit einem über 50-köpfigen Ensemble dargeboten wurde. Die Begeisterung des Publikums zeigte sich von nicht enden wollendem Applaus bis hin zu stehenden Ovationen.

Im Theater an der Rott sind die legendären Märchenvorstellungen hervorzuheben, die nahezu immer ausverkauft waren, und das bei keineswegs wenigen Vorstellungen. 30 Mal wurde „Pippi Langstrumpf“ aufgeführt, ebenso häufig das „Dschungelbuch“. Die Inszenierungen waren auf die Bühne gebrachte Kinderträume. Unzählige Tänze, detailverliebte Kulissen, aufwendige Kostüme, die Handlungen zauberhaft. „Diese einfachen Dinge, die so zu Herzen gehen wie ein Märchen, können den Menschen, ob groß oder klein, immer noch Freude bereiten“, ist Helga Hemala-Fischer überzeugt. 2015 hatte sie mit „Dornröschen“ das 38. Märchen seit 1965 auf die Bühne gebracht und damit das letzte am Theater an der Rott.

Inzwischen organisiert Helga Hemala-Fischer mit ihrer Ballettschule eigene Veranstaltungen. Seit einigen Jahren finden beispielsweise Aufführungen im großen Kursaal von Bad Füssing sowie im Artrium im nahegelegenen Bad Birnbach statt. Doch ist es über die Jahre nicht einfacher geworden, mit Kindern und Jugendlichen solche Produktionen zu erarbeiten. Die Freizeitmöglichkeiten sind auch auf dem Land zahlreicher geworden, die schulischen Verpflichtungen intensiver. Um choreographieren zu können, braucht Helga ihre Schüler mehrmals die Woche für Proben. Ohne die gesamte Gruppe vor sich zu haben, wird es schwierig, etwas auf die Beine zu stellen. „Es ist, als würde man einen Kuchen backen. Alle Zutaten müssen vorhanden sein, sonst kommt nichts Ordentliches dabei heraus.“

Als ihr Mann noch lebte, war das Haus der Fischers stets für jeden offen. So manches Ensemblemitglied verbrachte beispielsweise Weihnachten bei der Familie. Die Generalprobe für die Operette hatte immer am 22. Dezember stattgefunden, am 24. Dezember wurde dann nachmittags noch ein Märchen gespielt. Da blieb für auswärtige Kollegen keine Zeit mehr, abends nach Hause zu fahren. Jeder, der alleine war, wurde herzlich aufgenommen. „Da war richtig Leben hier“, erinnert sich Helga Hemala-Fischer.

Heute sind die Begegnungen im Ballettsaal ihr Lebensmittelpunkt. Das Zuhause ist ein Rückzugsort geworden. Die Zimmerbrunnen plätschern leise. Helga Hemala-Fischer besitzt viele Bücher, sammelt leidenschaftlich Mineralien, Steine und Steinfiguren und genießt das Vogelgezwitscher, die Blumen und den Seerosenteich in ihrem Garten.

Das Lampenfieber spielte immer mit

Der kleine Teddybär sitzt auf dem Schminktisch, Chalcedon und Rhodonit, die Steine der Redner, stecken in einer Tasche ihres Kostüms. Dennoch: Frei von Lampenfieber und Selbstzweifeln war Helga Hemala-Fischer auch nach über tausend Vorstellungen nicht. Einen größeren Kritiker als sich selbst vermochte sie kaum zu finden – allenfalls ihren Mann. „Er hat in all den Jahren nur ganz selten gesagt, dass ich etwas gut mache. Aber er hat dennoch nie einen Zweifel daran gelassen, dass er mir jede Rolle, die ich annahm, zutraute. Dass er auf seine Familie stolz war, haben wir eher über andere erfahren, es direkt zu sagen, fiel ihm immer schwer.“ So ist Helga Hemala-Fischer auf der Bühne gewachsen und gereift, hat den Wandel von der Rolle des süßen Mädchens hin zur Charakterdarstellerin geschafft, spielte in Stücken wie Carl Zuckmayers „Katharina Knie“ oder Ephraim Kishons „Es war die Lerche“ die Hauptrollen. Mit derart großen Charakterdarstellungen wie beispielsweise der Claire Zachanassian in Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ befasste sie sich monatelang, bevor das Stück auf die Bühne kam. In Bezug auf die „Alte Dame“ meint sie: „Ich wollte das nicht einfach nur spielen. Ich wollte diese alte Dame sein.“

2013 stand Helga Hemala-Fischer als Maria Callas in Terrence McNallys „Meisterklasse“ auf der Bühne. Es war eine ihrer großen Produktionen am Theater an der Rott. Die Rolle der „Grande Dame“, wie Helga Hemala-Fischer in den Kritiken immer wieder genannt wurde, war ihr auf den Leib geschrieben. Die Handlung dieses Stücks hat der Autor dem Leben der berühmten Maria Callas nachempfunden, die nach dem Ende der eigenen Karriere an einer Eliteschule Gesangsunterricht gab. In den Textpassagen werden dabei sämtliche Höhen und Tiefen eines Berufs beschrieben, der wunderschön und schmerzhaft zugleich sein kann. Für Helga Hemala-Fischer eine Traumrolle.

„Niemand kann mir nehmen, was ich getanzt habe“

Mit zu den einschneidenden Momenten ihres Lebens zählt der 20. Februar 2014. An diesem Tag starb ihr Mann. Ein Jahr zuvor waren die beiden noch gemeinsam, bei einem Gastspiel in der Schweiz, im Märchen „König Drosselbart“ auf der Bühne gestanden. König und Königin waren Helga und Adi Fischer. Das Foto, welches damals entstand, zeigt das „gütige Herrscherpaar“ würdevoll nebeneinander sitzend. Anlässlich der traurigen Nachricht vom 20. Februar erschien es in der Zeitung, zum Abschied an den „Rottaler Theaterkönig“, wie das Feuilleton damals schrieb.

Zwei Monate nach dem Tod ihres Mannes ging es Helga Hemala-Fischer zunehmend schlechter. Beide Herzklappen waren in Mitleidenschaft gezogen. Sie musste in die Klinik nach München und wurde am 22. April 2014 operiert. Der von Komplikationen begleitete Eingriff dauerte viele Stunden, war aber letztlich erfolgreich. Trotz des guten Ausgangs hat Helga Hemala-Fischer noch im Krankenhaus begonnen, alles in Frage zu stellen. Sie wollte aufgeben, sah keinen Sinn mehr in ihrem Leben. Da wurde ihr ein kleines, hölzernes Kästchen gebracht. Auf dem Deckel der Truhe waren die Worte eingraviert „Niemand kann mir nehmen, was ich getanzt habe“. Im Inneren befanden sich Briefe ihrer Schüler. Auch von Ehemaligen. Jeder Brief beinhaltete ein ganz persönliches Erlebnis. Ein Erlebnis aus dem Ballettsaal. Als Helga Hemala-Fischer die Briefe las, hatte sie Tränen in den Augen. In diesem Augenblick wusste sie wieder, wofür sie lebte.

Helga Hemala-Fischer steht immer noch in ihrem Ballettsaal und blickt zugleich zurück auf ein erfülltes, buntes Leben, mit all seinen Höhen und Tiefen. Und sie ist dankbar: „Es war ein herrliches Leben. Ein Leben voller Begegnungen, voller wertvoller Freundschaften. Ein Leben für die Bühne und den Tanz und ein Leben für meine Familie. Ein Mädchentraum, der wahr wurde.“

Ein Leben für die Wiesn

Das ganz persönliche Volksfestglück der Dr. Gabriele Weishäupl


Wie viele Dirndlkleider sie hat? Diese Frage ist Gabi Weishäupl von Journalisten aus aller Welt immer wieder gestellt worden. Geantwortet hat sie einmal klipp und klar: Sie sei als Festleiterin im Einsatz, nicht als Dirndlkönigin.

Es gibt Orte und Ereignisse, da ist Bayern noch schöner, als es jede Tourismusbroschüre anzudeuten vermag. An einem sonnigen Sonntag, Ende September, am Fuße der Bavaria, vereint sich alles, was man typisch bayerisch nennen kann, zu einem großen Bild. Gut 400 Musikanten, traditionell gewandet, bringen sich in Stellung. Im glänzenden Blech ihrer Instrumente spiegeln sich Gamsbärte und Filzhüte. Über den Häuptern grüßt ein überdimensionales Plakat die Gäste im Namen der Wiesn-Wirte. Zahlreiche Menschen strömen zur vorgelagerten Bühne, multikulturell und doch – so glaubt man auf den ersten Blick – sind alle in Lederhosen und Dirndlkleidern gekommen. Als i-Tüpfelchen überdacht der weißblaue Himmel die Szenerie. Da kann einem nur das Herz aufgehen. Was für ein Gefühl muss es erst sein, mitten drin zu stehen.

Jetzt, genau jetzt, richten sich alle Blicke auf sie. Dr. Gabriele Weishäupl hat den Taktstock gehoben. Sind es auch die Musikanten, die in den nächsten Minuten den Kaiserjäger-Marsch gen Theresienwiese erschallen lassen – die Augen tausender Zuschauer, die Augen der Weltpresse liegen in diesem Moment auf der Frau, die inmitten der Bühne alle anderen überstrahlt. Sie trägt ein dunkelgrünes Dirndlkleid, das goldbraune Haar über der Stirn hoch auftoupiert, am Hinterkopf mit einer grünen Schleife zusammengefasst, eine vierreihige Perlenkette um den Hals und eine rote Rose im Mieder. Während die rechte Hand den Dirigentenstock schwingt, geht die linke rhythmisch mit. Federleicht vollzieht Gabriele Weishäupl nun eine Drehung auf hohen Sohlen gen Publikum, schenkt der bunten Masse wie bereits den Musikern ein sonniges Lächeln, begleitet von einer ermunternden Geste zu kollektiver Fröhlichkeit. Niemand ahnt, dass die glücklich Strahlende nur wenige Minuten später in gleicher Kulisse mit den Tränen kämpfen wird. Sie wird die Szene noch Jahre später als schmerzhaften Abschied einer langen, außergewöhnlichen Berufslaufbahn im Gedächtnis haben. Mehr noch: Als das symbolische Ende eines Weges, der ohne Herzblut nicht möglich gewesen wäre.

Es ist das Platzkonzert zum Oktoberfest 2011, bei dem Dr. Gabriele Weishäupl zum letzten Mal den Taktstock schwingt. 27 Jahre, seit der Jubiläumswiesn 1985, hat die gebürtige Passauerin als Fremdenverkehrs- und später Tourismusdirektorin der Landeshauptstadt München auch die Festleitung des Oktoberfests übernommen. Weder vor ihr noch nach ihr gab es jemals eine Frau in vergleichbarer Position. Dass sie bei ihrem Amtsantritt als Fremdenverkehrsdirektorin einst betonte, ihr Augenmerk auf ihre Kernkompetenzen, das internationale Marketing und Public Relations legen zu wollen, wurde von manchem Wiesn-Urgestein von Anfang an argwöhnisch belächelt. „Wart nur, bis du mit dabei bist“, schien es erfahrenen Zeitgenossen auf der Zunge zu liegen.

Wer einmal vom Wiesnfieber gepackt wurde, wird sein Leben lang das Kribbeln spüren, wenn die Landeshauptstadt zum größten Volksfest der Welt rüstet. Dass Gabriele Weishäupl München auf nahezu allen Kontinenten beworben hat, wird manchmal eher beiläufig erwähnt. Ihr Amt war facettenreich, keine Facette aber erlangte von außen so viel Aufmerksamkeit wie das Amt als Wiesn-Chefin.

Ganz erkannt fühlt sich Gabriele Weishäupl nicht, sieht man „nur“ die Wiesn-Chefin in ihr. War doch der Slogan „Munich is more“ (than Octoberfest) ein wesentlicher Ankerpunkt ihrer Werbestrategie. Jahrzehnte später weiß sie ganz genau, dass es die Rolle der Wiesn-Chefin, der Frau in dieser Position, war, die das öffentliche und vor allem das mediale Interesse an ihrer Person begründete. Es war die Rolle, die ihre Stimme so gefragt macht, auch noch Jahre nach dem Ausscheiden aus dem Amt. Als die legendäre Pralinenmanufaktur Elly Seidl Pralinen mit den Gesichtern bekannter Münchner herausbringt, ist auch Weishäupls Porträt auf einer kleinen Köstlichkeit aus Kakaobutter und Nougat abgebildet. Natürlich mit der obligatorischen Hochsteckfrisur und dem angedeuteten Dekolleté über einer Dirndlbluse. Dr. Gabriele Weishäupl, in den Medien meist kurzerhand Gabi Weishäupl genannt, gibt gerne zu: „Die Wiesn war ein Teil meines Lebens.“


Beim Platzkonzert zum Oktoberfest 2011 schwingt Dr. Gabriele Weishäupl zum letzten Mal den Taktstock.

Als Toni Roiderer, Sprecher der Wiesn-Wirte, der scheidenden Festleiterin nach dem letzten Dirigat den Ehrenpreis der Wiesn-Wirte überreicht, scheint die Welt am Fuße der Bavaria stillzustehen. Ein Musikant spielt „s’ist Feierabend“ auf der Trompete. Gabi Weishäupl hält den so eben an sie überreichten Preis, eine in Bronze gegossene Bavaria, tapfer aufrecht in der linken Hand. Mit der rechten drückt sie den großen Blumenstrauß fest an sich. Dass in ihrem Inneren tausend Gefühle arbeiten, eine Enge im Herzen ihr die Kehle zuschnürt – der Betrachter kann es angesichts ihrer um Fassung bemühten Mimik nur erahnen. Als sie die Tränen nicht mehr zurückhalten kann, schwenkt die Fernsehkamera taktvoll ab. Gabi Weishäupl spricht auch Jahre später noch von diesem Moment mit einem kleinen Beben in der Stimme.

Es ist die symbolische letzte Klappe, aber wahrlich nicht das Ende des Films.

Das „Blumen-Gaberl“ aus dem Bayerwald

Gabi Weishäupls Leben begann weder in Reichweite der Theresienwiese, noch hatte in irgendeiner Hinsicht einen Bezug zur Landeshauptstadt oder gar dem Oktoberfest. Sie wurde am 28. Februar 1947 in Passau geboren. Ihr Zuhause lag gut 20 Kilometer nordwestlich der Dreiflüssestadt. Der kleine Ort Aicha vorm Wald hat heute 2460 Einwohner, zu Weishäupls Kindheit war er noch kleiner. Sie selbst hat in einem Schulaufsatz einst ihrem Heimatdorf 500 Einwohner zugeschrieben. In dieser Umgebung wuchs das Mädchen als Tochter des Landarztes Dr. Engelmar Weishäupl und dessen Frau Josefa, geborene Vogl, auf.

Die Vogl-Villa fällt dem Betrachter noch heute direkt ins Auge. Das Gebäude im Jugendstil gehört zu den prominenten und geschichtsträchtigen Häusern des Orts, die rosafarbene Fassade leuchtet dem Besucher beim Passieren der Hofmarkstraße entgegen. Nicht nur da übrigens. Gabi Weishäupl erkennt ihr Elternhaus – das auch das Haus der Großeltern und Urgroßeltern war – bereits, wenn sie von München kommend ins Ohetal einbiegt. Die Vogl-Villa mit ihrem prägnanten Äußeren ragt zwischen den anderen Dächern hervor, als möchte sie die weit gereiste Tochter begrüßen. Gabi Weishäupl wird noch im fortgeschrittenen Alter auf dem Heimweg nach Aicha jedes Mal den Moment herbeisehnen, da sie das Licht im Fenster der Eltern erblickt.


Die geschichtsträchtige Villa Vogl in Aicha ist das Heimathaus von Gabriele Weishäupl.

„Mittlerweile sind beide verstorben. Beim Blick ins Ohetal ist das Haus dunkel.“ Der Abschied von den Eltern, die Endgültigkeit des Todes zu akzeptieren, fällt Gabi Weishäupl, zum Zeitpunkt dieses Gesprächs 71-jährig, nicht leicht. Wenn sie im Salon des Jugendstilhauses sitzt, bei Kerzenlicht Schwarztee trinkt und die Gedanken schweifen lässt, merkt man, dass hier die Erinnerungen kommen – und sei es nur beim Blick auf den Heizkörper, der unter der mit Fresken bemalten Wand fast exotisch wirkt. „Früher gab es hier keine Zentralheizung und es war bitterkalt. Die Leute haben mich immer das Blumen-Gaberl genannt – weil ich beim ersten Sonnenstrahl im Frühling herumgelaufen bin und Gänseblümchen und Buschwindröschen gepflückt habe.“

Man spürt, dass vor ihrem inneren Auge Kindheit und Jugend lebendig werden, die Gabi Weishäupl mit bunten Farben nachzeichnen kann. Die Vogl-Villa war Ort vieler Begegnungen.

Die kleine Gabi ist zwischen Erwachsenen mit unterschiedlichen Schicksalen und Lebensvorstellungen aufgewachsen. In der Nachkriegszeit waren stets einige Zimmer an Flüchtlinge vergeben. Liesl, genannt Li, die Tochter des benachbarten Gastwirts, und Lo (Lotte), die Tochter der Köchin, wurden zu Kindheitsfreundinnen von Gabi Weishäupl. Im Obergeschoss lebten zwei Großtanten, die das Kind häufig unter ihre Fittiche nahmen.

Von ihrem Vater schwärmt Gabi Weishäupl heute noch. Engelmar Weishäupl war ein Landarzt vom alten Schlag, zu jeder Tages- und Nachtzeit für die Sorgen der Menschen da. Dennoch legte er auch Wert darauf, seinem Kind Zeit zu widmen. Er zeigte dem Mädchen die Sterne, machte Ausflüge mit seiner einzigen Tochter in den Wald, brachte ihr in der eisig kalten Ohe das Schwimmen bei und übte im Winter bei Mondschein mit Gabi auf dem vor Kälte krachenden Eis Schlittschuhlaufen. Körperliche Betätigung schrieb er groß. Im Kinderzimmer montierte er für Gabi Turnringe, ein Reck und eine Schaukel. „Sei ned zimperlich“, verlangte er, wenn sie bei Streifzügen in der Natur Schlangen beobachteten und streichelten.

Dass er seine Tochter niemals in eine Richtung gedrängt hat, beschreibt sie später als Privileg. Ob Engelmar Weishäupl auf ihre Intuition für den richtigen Weg vertraute oder schlichtweg vor ihrem starken Willen kapitulierte? Gabi Weishäupl lacht heute noch über die lapidare Beschreibung, mit der ihr Vater sie einmal charakterisiert hat: „Die Gabi macht immer, was sie will.“ Der Satz beschrieb nicht nur das Wesen der Tochter, sondern in seiner Klarheit auch die Tatsache, dass der Vater Gabis Willen niemals zu brechen versucht hätte.

Das Verhältnis zur Mutter sollte hingegen stets ein ambivalentes bleiben. Gabi Weishäupl spricht mit wechselnder Emotion von ihr. „Manche Taktlosigkeit habe ich ihr erst nach ihrem Tod verziehen.“ Versöhnlicher und auch ein wenig nach Dankbarkeit klingt die Formulierung, dass die Beziehung ihr früh half, Resilienz zu entwickeln. Psychologen bezeichnen damit eine besondere Widerstandskraft, die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen zu überdauern, ohne daran zu Grunde zu gehen. Gabi Weishäupl hat einige davon erlebt.

Das Interesse von Josefa Weishäupl, die mit 27 Jahren Mutter wurde, schien an einem kleinen Kind zunächst nicht sonderlich ausgeprägt zu sein. „Sie hatte einfach andere Vorlieben“, meint Gabi Weishäupl heute: „Sie fuhr gern zum Einkaufen nach Passau und so was. Ist ins Kino gegangen oder zum Friseur. Im Bayerischen Wald versauern, ein Kind bekochen – das war nicht ihr Ding.“ Gabi Weishäupl macht eine wegwischende Handbewegung, lacht dazu – tempi passati. Viele Dinge erzählt sie jetzt, Jahrzehnte später, als wäre es das Normalste der Welt gewesen. Ihre Mutter sei stets von einem Kreis Bewunderer und etlichen Verehrern umschwärmt gewesen. Mit manchem habe die Mama Mokka trinkend im Salon gesessen.

Gabi Weishäupl erinnert sich offen daran, dass es manchmal schwierig war, als Tochter mit den Lebensvorstellungen der Mutter überfrachtet zu werden. Als Gabi den Kinderschuhen entwuchs, zeigte Josefa Weishäupl mehr Begeisterung an gemeinsamen Unternehmungen. Sie nahm ihre Tochter mit in die Dreiflüssestadt, ging mit ihr zum Friseur und in Boutiquen, staffierte Gabi aus. Legte Wert darauf, dass sie Ballett und Reiten lernte und Tennis spielte. „Es war ihr wichtig, mich für den Zugang zu höheren Gesellschaftsschichten vorzubereiten.“

Dem hat die Tochter letztlich alle Ehre gemacht. „Es kann sein, dass ich lebte, was sie erträumt hat“, sagt Gabi Weishäupl. In einem Film über ihre Lebensgeschichte erinnert sie sich daran, nach dem Tod der Mutter stapelweise Zeitungsausschnitte gefunden zu haben. Augenscheinlich hat sie akribisch gesammelt und aufbewahrt, was über ihre Tochter, die prominente Wiesn-Chefin, geschrieben wurde. „Das sagt mir was“, betont Gabriele Weishäupl. Mit einem bekräftigenden, ausgesöhnten Kopfnicken: „Das sagt mir was.“

Die Klosterschule – ein Ort zum Wachsen

Es mag außergewöhnlich klingen, dass Gabi Weishäupl – Inbegriff der starken, selbstbewussten Persönlichkeit, für das Rampenlicht geboren – sich rückblickend als schüchternes, zurückhaltendes Kind beschreibt. Noch erstaunlicher: Es war ausgerechnet die Gymnasialzeit an der Klosterschule, die sie als Phase der Wendung empfand. Sie besuchte das Internat der Englischen Fräulein im Kloster Niedernburg in Passau, machte dort 1966 Abitur. Entgegen jeglichen Klischees empfand sie das Leben unter der Aufsicht der Nonnen weder einengend noch konservativ, sondern hat einen liberalen Geist in Erinnerung. Dass Bildung, sowohl intellektuell als auch die Herzensbildung betreffend, wesentlich dazu beiträgt, als Frau selbstbewusst und eigenständig das Leben meistern zu können – mit dieser Philosophie haben ihr die Englischen Fräulein den Weg geebnet.

„Ich habe endlich meine Talente in voller Hinsicht erkannt und durfte sie ausleben. Ich wurde dazu ermuntert und gefördert.“ Das hat ihr Selbstvertrauen gegeben.

Bereits in der Grundschule in Aicha bekam die Schülerin für ihre Deutscharbeiten ausschließlich Note Eins. Dass sie in der Freizeit so ziemlich alles las, was die reiche Bibliothek der Vogl-Villa hergab, ließ früh einen großen Sprachschatz und die Liebe zum geschriebenen Wort in ihr heranreifen. Bereits als Leseanfängerin vertiefte sie sich mit Begeisterung in anspruchsvolle Lektüren wie beispielsweise die schönsten Sagen des klassischen Altertums von Gustav Schwab. Sie begann früh, Tagebuch zu schreiben.

In Niedernburg krönte sie ihre Schreibleidenschaft schließlich. Sie schrieb für die Schülerzeitung und war Chefredakteurin der Abi-Zeitschrift. Die Schulleiterin, die Druckerzeugnisse dieser Art sonst immer gegengelesen hat, war völlig ohne Argwohn: „Ich vertraue dir da, Gabi.“

Nicht minder haben die Auftritte vor Publikum dazu beigetragen, dass das Selbstbewusstsein der jungen Gabi erblühte. Noch heute schwärmt sie vom Szenenapplaus, den sie als Zehnjährige in der Rolle der Lilie Ahnungslos im Stück „Der Fischer und seine Frau“ bekommen hat. Oder davon, im Kirchenchor als Solistin mit Gounods Ave Maria geglänzt zu haben. Eine große Musikalität ist ihr immer erhalten geblieben, sie spielt Klavier, Akkordeon und Gitarre. Dass sie mit Darbietungen dieser Art vor allem ihre Eltern in Staunen und Anerkennung versetzt hat, scheint fast der schönste Erfolg gewesen zu sein: „Ich sehe ihre Blicke noch heute vor mir.“

Gabi Weishäupl entwickelte nach und nach die Fähigkeit, Räume beim Betreten zu erobern. Das junge Mädchen war hübsch, begabt und charismatisch. Kein Wunder, dass sich in der Passauer Internatszeit auch bald die Verehrer einstellten. Das erste Verliebtsein ordnet sie heute als Teil der Umstände ein, die zur Persönlichkeitsbildung beigetragen haben.

Größeres Interesse an Liebschaften hat die junge Frau aber in dieser Zeit nicht gezeigt. Eine Bindung mit dauerhafter Verpflichtung erschien ihr wenig verlockend, ließ sich nicht mit ihren Vorstellungen von Beruf und Karriere vereinbaren. Sie schickte jeden Verehrer weg: „Es gab einige davon. Aber ich war nicht auf Heirat aus.“

Noch eine andere Begegnung machte die im Bayerwald Aufgewachsene in Passau, allerdings bereits vor der Schulzeit. Es war eine zukunftsweisende Begegnung, auch wenn niemand davon ahnte. Auf der Maidult spendierten die Eltern dem vierjährigen Gaberl einst eine Fahrt auf dem Pemperlprater. Das legendäre Holzkarussell wurde 1830 vom Schuhmachermeister Engelbert Zirnkilton in Passau gebaut. Es kam auf der Dult zum Einsatz und hatte in der volksfestfreien Zeit lange Jahre an der Innpromenade seine Heimstatt. Heute gilt es als ältestes Karussell der Welt mit Ringelstechen. Als Vierjährige ahnte Gabi Weishäupl noch nicht, dass sie ausgerechnet diesem besonderen Fahrgeschäft Jahrzehnte später einen Platz auf der Theresienwiese geben würde. Mittlerweile hat sich sogar ein Pemperlprater-Verein gegründet, dessen Mitglied sie ist.

Als die Kleine auf eines der Holzpferde gehoben wurde, die Musik erklang, sich das Karussell zu drehen begann, erlebte sie Minuten der Seligkeit. Dass man auf dem Pemperlprater mit einer Ahle in der Hand auch Ringelstechen konnte, verstand sie zu dieser Zeit noch nicht. Sie hob den Arm wie einen Flügel in die Luft und empfand vielleicht bei der Fahrt ein Gefühl, als würde sie sanft schweben. Später nennt sie es ihr „erstes, persönliches Volksfestglück“.

Die frankophile Studentin der 68er

Ihre Premiere als Oktoberfestbesucherin hatte sie erst als Studentin. Nicht im Dirndlkleid, sondern ganz praktisch in Jeans. So wie es zu jener Zeit üblich war. Es begannen die wilden 68er, als Gabi Weishäupl vom Bayerwald in die Welt hinauszog – oder besser: in die Landeshauptstadt. München sollte von da an das Zentrum ihres Lebens werden und immer bleiben.

Frei nach des Vaters Ausspruch „Die Gabi macht immer, was sie will“ durfte sie ihre Studienrichtung entsprechend der persönlichen Neigungen und Lebensträume wählen. Im Herbst 1966 begann sie ein Studium der Kommunikationswissenschaft, der Bayerischen Geschichte und der Politischen Wissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität. Sie spielte mit dem Gedanken, später für das Feuilleton einer Zeitung zu schreiben. Ein wenig machte die Mutter ihren Einfluss auch hier geltend: Dr. Hans Kapfinger, Gründer der Passauer Neuen Presse, legte der jungen Gabi Weishäupl den Gang nach München ans Herz. Erst 1963 war der bekannte Publizist und Kommunikationswissenschaftler Professor Dr. Otto Bernhard Roegele auf den neugegründeten Lehrstuhl für Zeitungswissenschaften berufen worden, damit einher ging die Leitung des Instituts für Zeitungswissenschaften. Roegele, späterer Doktorvater von Gabi Weishäupl, war ein Freund Kapfingers und Kapfinger wiederum ein guter Bekannter von Josefa Weishäupl. Auf Geheiß der Mutter hatte die Tochter bereits als kleines Mädchen für „Onkel Hans“ Ballett vorgetanzt.

In München war der Einfluss der Mutter zum ersten Mal weit weg. Gabi Weishäupl entdeckte die Freiheit für sich. Gemeinsam mit einer Freundin bezog sie eine WG, eine „Wohlstands-WG“, sagt sie später darüber lachend. Ihre Kommilitonin stammte wie sie aus einem wohlhabenden Elternhaus, es mangelte daher nicht an Mitteln, sich das Leben in Schwabing so schön wie möglich zu gestalten. Allabendlich war die WG das Domizil debattierfreudiger Studenten. Stets herrschten Plauderei und fröhliches Feiern. Gabi Weishäupl, die sich rückblickend eine „frankophile Studentin der 68er“ nennt, frönte dabei gerne einem Gläschen Rotwein und einer Gauloise, genoss gute Gespräche und die bewundernde Zuneigung von so manchem Verehrer.

Das gesellschaftliche Klima jener Zeit wurde zunehmend aufgeheizter. Obwohl interessiert an Zeitgeschichte, empfand Gabi Weishäupl die linken Unruhen, die sich auf den Gängen der Universität zusammenbrauten, als belastend. Sie war Studentin einer ganz besonderen Zeit – fühlte sich aber nicht zugehörig zur 68er-Bewegung, grenzte sich ab von den Rufen nach Sit-ins und Teach-ins und damit auch von Kommilitonen wie Brigitte Mohnhaupt, späteres RAF-Mitglied, und anderen bekannten Figuren der linken Szene. Von ihr und vielen anderen berichtet sie heute noch mit spürbarer Abneigung. „Anfangs haben wir nicht begriffen, was da passiert. Wir fanden es amüsant, wenn die Leute mit Palästinenser-Tuch in den Hörsaal stürzten und Ho-Ho-Ho-Chi-Minh riefen. Wir waren aber irgendwann genervt, ständig über Habermas und andere Zeitgenossen zu diskutieren.“ Als indoktrinierend beschreibt Gabi Weishäupl das Verhalten eingefleischter 68er-Studenten: „Ständig kam die Forderung: Wir müssen endlich die Väter stellen. Wofür hätte ich meinen Vater denn stellen sollen?“ Angewidert zeigt sie sich noch heute von den Aktionen der Protestler, die vor Kriminalität und Gewalt nicht zurückscheuten. Einer habe sogar auf den Schreibtisch von Otto Roegele uriniert. Gabi Weishäupl kann damals wie heute nur den Kopf darüber schütteln.

Die Studentin suchte Kontakt zu anderen Kreisen. Das hatte auch mit ihrem beruflichen Ehrgeiz zu tun. Deswegen nahm sie neben der Theorie schon bald Tuchfühlung mit dem beruflichen Alltag einer Journalistin auf. Gabi Weishäupl absolvierte mit 23 Jahren ein Volontariat beim Bayerischen Rundfunk als Radioreporterin. Als jüngstes Redaktionsmitglied kam sie alsbald mit einem Thema in Berührung, das sie später regelmäßig begleitet hat: der Bierpreis auf dem Oktoberfest. Bei einer Pressekonferenz im Bayerischen Hof hielt sie anno 1970 dem damaligen Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel das Mikrofon entgegen und fragte, wie viel die Maß dieses Jahr kosten würde. Die Eltern daheim in Aicha lauschten gespannt dem ersten großen Interview ihrer Tochter, das in der Bayernchronik gesendet wurde.

Kennzeichnend für die junge Gabi Weishäupl: Sie sagte selten Nein. Brauchte jemand Unterstützung, bot jemand eine interessante Tätigkeit an – sie war dabei. „Fürchte dich nicht. Vor keiner Herausforderung“, hat sie sich immer wieder gesagt. Aus einem globalen Interesse heraus und der steten Überzeugung, etwas zu lernen.

So etwa als Hostess bei den Olympischen Spielen 1972. Hier machte sie nicht nur die erste Bekanntschaft mit einem Dirndlgewand als Dienstkleidung, sondern erfuhr auch hautnah ein Thema, das ihr später als Wiesn-Chefin schlaflose Nächte bereitet hat: Wie schafft man auf einer internationalen Großveranstaltung so viel Sicherheit wie nur irgendwie möglich, ohne das Gefühl der Freiheit einzuschränken? Was für die damals 25-Jährige als schönes, buntes Abenteuer begann, endete durch das Olympia-Attentat in einem Blutbad. Zu diesem Zeitpunkt ahnte sie noch nicht, wie sehr das Thema Sicherheit ihren beruflichen Alltag später noch bestimmen würde. Angesichts der Ereignisse um den 11. September 2001 denkt sie zurück an Olympia. 2001 ist das Jahr mit der weit abgeschlagenen geringsten Besucherzahl der Wiesn in Weishäupls Karriere. Dass das Oktoberfest trotz der lähmenden Angst vor einem Anschlag nicht abgesagt wird, empfindet sie als richtig. Genauso wie man damals die Olympischen Spiele nicht der Einschränkung durch den Terrorismus hingegeben hat.

Sie wird Reporterin – und Mutter

Nach dem Volontariat beim Bayerischen Rundfunk wurde die junge Journalistin Lokalreporterin bei der Bildzeitung. In der Redaktion traf sie auf einen Mann, der Einfluss auf ihr weiteres Leben haben sollte. Gabi Weishäupl verliebte sich in den Redaktionsleiter, begann eine Beziehung mit ihm. Einen Gedanken an Heirat verschwendete sie nicht, arbeitete hingegen fieberhaft an ihrer Karriere.

Auf einem Termin knüpfte sie einen Kontakt zur Münchner Messe- und Ausstellungsgesellschaft. Sie wurde angesprochen, ob sie sich vorstellen könne, dort die Pressearbeit zu übernehmen. Sie konnte. Bereits mit 25 Jahren arbeitete Gabriele Weishäupl in einer gehobenen Position, hatte eine eigene Sekretärin. Sie entdeckte ihre Vorliebe für internationales Parkett, reiste von Messe zu Messe und übernahm mit Begeisterung jede neue Aufgabe.

Bis sie merkte, dass sie schwanger war. Ein Kind war, zumindest zu diesem Zeitpunkt, nicht Bestandteil ihrer Planung. Dennoch beschloss Gabriele Weishäupl vom ersten Moment an, dieses Kind zu bekommen. „Die Schwangerschaft und ein Baby haben in meine Lebensphase nicht gepasst. Dennoch war ich mir bewusst, welchen Wert das Geschenk des Lebens hat“, sagt sie rückblickend. Zumal sie damals an ihre Eltern dachte, an deren Bestreben, dem Einzelkind Gabi noch ein Geschwisterchen zu schenken. Ein vergeblicher Wunsch.

Mit ihrem Entschluss, das Kind zu bekommen, ging einher, den Vater zu heiraten. 1974 wurde Verena geboren. Eine alleinerziehende Mutter zu sein, war für Gabi Weishäupl keine Option. Zum einen, weil die gesellschaftliche Akzeptanz zum damaligen Zeitpunkt kaum zu erwarten war, zum anderen, weil sie schlicht Unterstützung im Alltag brauchte. Gabriele Weishäupl erinnert sich daran, was sie damals in einem Erziehungsratgeber gelesen hat: „Es hieß zu der Zeit immer, dass der Vater besonders in den ersten drei Jahren wichtig für das Kind ist.“

Noch wichtiger wurden die Eltern des Mannes, bei denen Verena einen Großteil ihrer Kindheit verbrachte. Von ihrer Schwiegermutter Lilo spricht Gabi Weishäupl mit herzlicher Erinnerung. Sie war der berufstätigen Mutter eine große Stütze und für Verena eine wichtige Bezugsperson. Gabi Weishäupl engagierte auch französische Au-Pair-Mädchen. Letztlich schaffte sie es, ihrem Beruf weiterhin nachzugehen. Eine Entscheidung zwischen Kind und Karriere zu treffen, lehnte sie von Anfang an kategorisch ab. Sie war überzeugt davon, beides vereinen zu können. Vorwürfe, eine schlechte Mutter zu sein, ignorierte sie konsequent, ließ sich kein schlechtes Gewissen einreden.

„Manchmal ist es gelungen, manchmal nicht“, sagt sie über das Vereinbaren von Familie und Beruf im Nachhinein. Ein wenig scheint sich in der Ambivalenz der Gefühle zwischen Mutter und Tochter das Verhältnis zu Gabi Weishäupls eigener Mutter widerzuspiegeln. Heute ist Tochter Verena selbst alleinerziehende Mutter von zwei Mädchen. Gabi Weishäupl, die mit den Enkeltöchtern gerne Zeit verbringt, betont, letztlich nichts zu bereuen: „Ich bin mir sicher, meine Tochter weiß ganz genau, dass sie jederzeit zu mir kommen könnte, wenn sie mich braucht.“

Was sie an Wärme und Zeit Verena als junge Mutter nur eingeschränkt geben konnte, hat sie Jahre später als verhältnismäßig reife, alleinerziehende Mutter mit Sohn Emanuel nachgeholt.

Ihre erste Ehe hielt, wenig überraschend, nicht lange. Dass diese Liebe nichts mit der Dimension der Liebe gemeinsam hat, die sie im Anschluss erlebte, ist im Rückblick leicht zu erkennen. Als der BR mit Gabi Weishäupl 2018 die „Lebenslinien“ dreht, wird letztlich von drei wichtigen Männern die Rede sein. Einer ist der Vater ihrer Tochter, einer der Vater ihres Sohnes – beide wird sie nicht namentlich nennen. Die Liebe dazwischen aber wird als eine große Liebe charakterisiert und der Mann, auch aufgrund seiner Prominenz, benannt.

Dr. Karl-Dieter Demisch, Geschäftsführer der Messe München, vor allem bekannt als Chef der Mode-Woche München, erregte ihre Aufmerksamkeit, als sie um die 30 Jahre alt war. Er war elf Jahre älter, schlank, groß, gutaussehend, ein in sich ruhender Mann. Das gefiel Gabi Weishäupl, die stets betonte, keine Schwätzer zu mögen. Und sie gefiel ihm. Dass zu diesem Zeitpunkt beide noch verheiratet waren, änderte nichts daran, dass sich eine Leidenschaft und in der Folge ein heimliches Verhältnis zwischen den beiden entwickelte. Gabi Weishäupl war schnell entschlossen. „Ich habe ihn gesehen und mich für ihn entschieden.“ So einfach beschreibt sie das später.

Anfangs traf sich das Paar auf der Stemmer-Wiese, ging händchenhaltend dort spazieren. Der alte Bauernhof war günstig gelegen, vom Messegelände aus gut erreichbar, aber geschützt vor Blicken. Obgleich Gabi Weishäupl kein schlechtes Gewissen angesichts der geheimen Verbindung spürte, wollte sie die Liebschaft vor den Kollegen zunächst nicht offenbart wissen. Ein Jahr lang trafen sich die beiden, während die Ehen weiterliefen. Gabi Weishäupl zog als Erste einen Schlussstrich unter ihre Ehe. Ob angesichts der Liebe ihr Karrierebewusstsein in den Hintergrund getreten ist? Mitnichten.

Insgesamt drei akademische Titel hat sie sich erarbeitet. Nachdem sie ihr Studium bereits 1977 mit Diplom und Magister Artium abgeschlossen hatte, beendete sie 1980 ihre Doktorarbeit. Thema: „Die Messe als Kommunikationsmedium – Öffentlichkeitsarbeit und Werbung einer Messegesellschaft“. Sie arbeitete nach Dienstschluss daran, wurde gerne als „ewiges Licht“ bezeichnet – weil in ihrem Büro noch Licht brannte, wenn andere längst Feierabend hatten. Sämtliche Freiräume nutzte sie zum Schreiben. Einmal tourte sie zur Weihnachtszeit mit Schreibmaschine und Jeep durch Israel, ein anderes Mal setzte sie sich für einen Trip nach Havanna ab, als Karl-Dieter wieder einmal ein Ultimatum ihrerseits missachtet hatte.

In München blieb keine Zeit zum Verschnaufen. Gabi Weishäupl hatte nicht nur eine Führungsposition als Leiterin der Stabsabteilung Öffentlichkeitsarbeit und Protokoll bei der Messe-Gesellschaft, sondern nahm dazu auch einen Lehrauftrag an der LMU an.

Wieder einmal gab eins das andere. 1985 war das Jahr, das alles veränderte. Zwei Jahre vorher sorgte Dozentin Dr. Weishäupl für Aufsehen, als sie im Rahmen einer praxisbezogenen Veranstaltungsreihe über Public Relations den damaligen Wiesn-Chef Heinz Strobl als Redner in den Hörsaal holte. „Wirbt München nur mit Bier?“ lautete das Thema – damals so exotisch, dass kaum ein Platz frei blieb. Eigentlich trug sich Gabi Weishäupl zu diesem Zeitpunkt mit dem Gedanken, sich zu habilitieren – bis das Schicksal ihr einen Wink gab. Heinz Strobl vertraute ihr an, dass die Nachfolgersuche ihm Kopfzerbrechen bereite. Es sei schwierig, eine passende Persönlichkeit für sein Amt zu finden. Dass er damit einen Mann meinte, dürfte außer Frage stehen. Gabi Weishäupl hatte in diesem Moment einen Geistesblitz. Es wäre untypisch für sie gewesen, die Sache nicht weiter zu verfolgen. Als ihr Entschluss stand, verbrachte sie viel Zeit mit Recherchieren.

Mit dem roten Wecker beginnt eine neue Zeitrechnung

Im Münchner Rathaus regierte eine große Koalition. Als Parteilose würde der Kampf kein Leichtes werden, als Frau obendrein nicht. Exakt 40 Männer waren es, die sich neben Gabi Weishäupl auf die Leitung des Fremdenverkehrsamtes und damit auch auf die Festleitung von Oktoberfest, Christkindlmärkten und allen anderen Volksfesten der Stadt München bewarben. Von der Anzahl ihrer Konkurrenten hat Gabriele Weishäupl erst erfahren, als nach ihrem Sieg die Bildzeitung titelte: „Die kluge Gabi stellte 40 Männer kalt.“ Die Zahl war keine Rundung, es waren exakt 40 Konkurrenten.

Als sie an einem Sommertag 1984 zum Auswahlgespräch im großen Rathaussaal vor den Wirtschafts- und Personalausschuss der Landeshauptstadt trat, war sie nervös. Mag sein, dass sie ihr dennoch souveränes Auftreten auch dem zu verdanken hatte, was sie sich über die Jahre – mangels weiblicher Vorbilder – von männlichen Führungskräften abgeschaut hatte. Sich in die Brust werfen, mit lauter Stimme sprechen, sollte man auch nichts zu sagen haben. Sie hatte etwas zu sagen. Hatte sich akribisch vorbereitet und genau konzipiert, welche Ideen sie zur Förderung des Münchner Fremdenverkehrs und über die städtischen Feste vorbringen würde. Der rote Wecker, mit dem der Oberbürgermeister der Bewerberin genau zehn Minuten Redezeit einräumte, wirkte anfangs bedrohlich. Als Gabi Weishäupl zu sprechen begann, sich ihr Herzschlag verlangsamte, das Selbstbewusstsein Oberhand gewann, war der rote Teufel ganz schnell gebannt. Als sie sich dem magischen Limit näherte, legt Oberbürgermeister Georg Kronawitter die Hand auf den Wecker. Kommentarlos stellte er ihn aus. Für Gabriele Weishäupl, die so lange sprechen durfte, wie sie wollte, begann damit eine neue Zeitrechnung.

Ab 1985 wurde sie Fremdenverkehrsdirektorin und Chefin des weltgrößten Volksfests. Die erste und bis heute einzige Frau auf diesem Posten hat sich gegen 40 Männer durchgesetzt. Von nun an stand die gelernte Journalistin plötzlich auf der anderen Seite – bereits am Tag nach ihrer Bestellung, dem 26. Juli 1984, musste sie ihr erstes Interview geben. Am Fuße der Bavaria. Dass medial und hinter ihrem Rücken im Rathaus gehörig getratscht wurde, ihre Stelle bei der Messegesellschaft gleichzeitig neu ausgeschrieben wurde – künftig in zwei Positionen geteilt, für die man ganz gezielt zwei Männer suchte – hat sie ignoriert. Auch, dass sie zum Zeitpunkt ihrer Bewerbung noch nicht wieder verheiratet war, sondern quasi in wilder Ehe lebte, sorgte für Gemunkel. Gabi Weishäupl kümmerte sich nicht darum. „Ich war immer der festen Überzeugung, dass ich niemandem Rechenschaft schuldig bin.“

Zudem kamen bessere Zeiten, in denen das Happy End in Sachen Liebe endlich erreicht schien: Gabi Weishäupl und Karl-Dieter Demisch heirateten, nachdem die Scheidungen endlich vollzogen waren. Die Hochzeit feierten sie auf dem Quellenhof Passbrunn im Landkreis Dingolfing-Landau. Das Paar hatte sich dort für die Wochenenden einen Bauernhof gekauft, um fernab der beiden Karrieren Zweisamkeit und so etwas wie familiäre Nähe zu genießen. Auch Tochter Verena holte Gabi Weishäupl in dieser Zeit sehr oft zu sich. Es waren kurze Ausnahmezustände in einem sehr betriebsamen, von zwei Karrieren geprägten Eheleben.

Ihre erste Wiesn war die Jubiläumswiesn zum 175-jährigen Bestehen des Fests 1985. Vorgänger Heinz Strobl bestimmte die Geschicke via Ein-Jahres-Vertrag noch mit, weil er sich das ausdrücklich so gewünscht hatte. Für Gabi Weishäupl begann einmal mehr der Kampf, sich in einem sehr männlich dominierten Feld zu behaupten.

Das galt nicht nur für die eine Sparte ihrer neuen Tätigkeit als Festleiterin. Als Fremdenverkehrsdirektorin traf sie fast ausschließlich auf Männer. Das galt im Inland ebenso wie bei internationalen PR-Terminen. Meistens war Gabi Weishäupl nahezu ausschließlich von Männern umringt, besonders in den Anfangsjahren, sah schuldbewusste Blicke der Gastgeber, wenn als einzige Willkommensgeschenke Krawatten bereit lagen. Gelegentlich kam sie dem mit einer Prise Humor entgegen: „Manchmal trage ich auch Krawatte“, sagte sie dann.

Dirndlkleid ja, Rollenklischees nein

Genauso wie Gabi Weishäupl kategorisch ablehnte, einfach „nur“ die Wiesn-Chefin zu sein, wehrte sie sich gegen ein Denken in Geschlechterkategorien. Das Dirndlkleid machte sie zu ihrem Markenzeichen, weil sie auf Terminen in aller Welt in dem „traditional costume“ die Blicke auf sich zog. Wenn Gabi Weishäupl als Vertreterin für München vorgestellt wurde – sei es in Asien oder Amerika – brandete fröhlich-zustimmender Beifall auf. Selbst wenn es für andere Teilnehmer der Runde nur ein höflich-distanziertes Kopfnicken gab. Gabi Weishäupl lernte daraus und akzeptierte das Traditionsgewand als beste aller Dienstkleidungen. Die Frage, wie viele Dirndlkleider sie eigentlich besitzt, musste sie sich im Laufe der Jahre von Journalisten weltweit immer wieder stellen lassen. Nach einer Weile lehnte sie es ab, eine Antwort zu geben: „Einen Mann würde wohl auch niemand nach der Anzahl seiner Anzüge fragen.“ Einem Reporter antwortete sie auf die obligatorische Frage einmal klipp und klar, sie sei als Festleiterin im Einsatz, nicht als Dirndlkönigin. Dass sie heute als Mitbegründerin der Trachtenrenaissance gesehen wird, macht sie dennoch ein wenig stolz. Dass auf den Volksfesten mittlerweile wieder sämtliche Altersgruppen Dirndl tragen, schreibt man der berühmten Münchner Wiesn-Chefin zu.

Gabi Weishäupl erfüllte auch pflichtbewusst eine andere Erwartungshaltung: Auf Terminen in aller Welt wurde sie getreu ihrer Rolle natürlich gerne gebeten, das Anzapfen zu übernehmen. Um diese Königsdisziplin zu erlernen, begab sie sich in die Kaderschmiede, die bereits zahlreiche Münchner Oberbürgermeister vor ihr aufgesucht hatten: den Bierkeller des Nockherbergs. Das erste Fass war mit Luft gefüllt, das zweite mit Wasser, das dritte mit Bier. Gabi Weishäupl bestand nicht nur den Lehrgang, sondern auch ihre Premiere vor Publikum auf der Tourismusmesse ITB in Berlin 1985 mit Bravour.

Obgleich das Suchen oder Bestätigen weiblicher Klischees ihre Sache nicht war, setzte Gabi Weishäupl Akzente, die Außenstehende klar ihrer „weiblichen Hand“ zuordneten. Wiesn-Wirt Peter Schottenhamel sagt in einem Interview, Gabi Weishäupl habe einem sehr harten Geschäft eine „zarte weibliche“ Nuance gegeben. Zu ihrem Amtsantritt habe man eine sehr hübsche, sehr kompetente Frau erlebt – „die uns dann schon gelernt hat, wo’s lang ging“.

Als Gabi Weishäupl 1985 im alten Behördenhof – so nannte sich damals das Servicezentrum des Oktoberfests – ihr Arbeitsquartier bezog, zogen mit ihr einige Besonderheiten ein. So hat es in einer vor Blicken geschützten Ecke ihres Interimsbüros einen Schminktisch gegeben. Die Hausschuhe, die sie abseits der öffentlichen Bühne gerne statt der Pumps trug, standen allzeit bereit. Im Kühlschrank war stets eine Flasche Cola light. Es war über die Jahre hinweg zu einer typischen Schlagzeile geworden, dass die Wiesn-Chefin selbst während des Oktoberfests kaum einen Schluck Bier trinkt. Lediglich beim Anstich nippte sie an der Maß. Wenn der Höhepunkt des Berufsjahres sich dem Ende neigte, gönnte sie sich alljährlich gen Ende der Wiesnzeit ein Gläschen Wein. Während sich große Abordnungen, denen sie als Gastgeberin diente, Hendl und Brezen schmecken ließen, zog sich Gabi Weishäupl meist nach der ersten Begrüßung und wenigen Bissen an den Schreibtisch zurück. Für große Mahlzeiten stand sie in dem zwei Wochen andauernden Ausnahmezustand zu sehr unter Strom.

Ein Händchen für Ästhetik und Nostalgie zeigte Gabi Weishäupl in ihrer Tätigkeit als Festleiterin. Es mag ein Rückgriff auf die Kindheit in der Jugendstilvilla gewesen sein, die sie als erwachsene Frau auch als geschmacksprägend bezeichnet. Alljährlich ließ sie es sich nicht nehmen, den Ministerpräsidenten beim Anstich mit einem Rosenanstecker in den Stadtfarben zu schmücken.

Ihr Markenzeichen wurde eine alte Schaustellerorgel, die sie mit größter Leidenschaft drehte, um Gästen aus aller Welt damit ein Willkommensständchen zu spielen. Sie sorgte damit auch für die musikalische Unterhaltung beim alljährlichen Wiesn-Kehraus, den sie bereits zu Beginn ihrer Amtszeit initiierte und zur festen Einrichtung machte. Er war ein Dankeschön für all jene, die hinter den Kulissen wichtige Dienste tun, BRK, Polizei, Sicherheitspersonal. Sie wurden von der Wiesn-Chefin mit einer Feierstunde und einem üppigen Büfett belohnt, im Betreiber des legendären Käferzelts und später mit dessen Sohn fand Weishäupl dafür einen Geber. Schönste Ausprägung von Weishäupls nostalgischer Ader dürfte die Oide Wiesn gewesen sein, die 2010 zum ersten Mal stattfand. Historische Fahrgeschäfte zu familienfreundlichen Preisen machten sie zu einem solch großen Erfolg, dass via Unterschriftenaktion eine Wiederholung gefordert wurde. Die Festleiterin selbst liebte die Fahrt mit der Krinoline.

Sogar dem geliebten Pemperlprater verschaffte Gabi Weishäupl bereits 2008 einen Platz auf der Wiesn. Das Intermezzo währte nicht lange, da nicht alle Schausteller die Begeisterung für das nostalgische Fahrgeschäft teilten, das die Aufmerksamkeit sämtlicher Medienvertreter auf sich zog. Die Veränderungen bauten stetig aufeinander auf. In Gabriele Weishäupls Kopf begannen die Überlegungen bereits beim ersten dienstlichen Gang über die Theresienwiese. Sie ließ der Gedanke nicht mehr los, aus diesem Fest etwas zu machen, das ihrem Charakter entsprach, das sie mit Authentizität vermarkten konnte. Gabi Weishäupl fiel früh auf, dass die meisten Besucher – wie Wiesn-Wirte und Schausteller – männlich waren. Rauer Ton schlug ihr entgegen. Raufereien fielen ihr in den Blick. Die Musik in den Zelten erschien ihr zu laut, die Lichter zu grell. Allerorten irritierten sie Männer, die jeden beliebigen Winkel zwischen Fahrgeschäften und Bierzelten zum wilden Bieseln nutzten.

Wie gibt man solch einem Fest eine Handschrift, die es auch für sensiblere Zeitgenossen, für Frauen, Kinder, Familien, Senioren attraktiv macht? Wie gestaltet man ein Fest, damit es den Ur-Münchnern genauso ein Gefühl von Heimat gibt wie den Zuagroasten? Gegen den Strich ging Gabi Weishäupl außerdem von Anfang an der jährliche Hype um den Bierpreis. Eine ihrer ersten Amtshandlungen bestand darin, eine sozio-ökonomische Befragung zu starten. Dass solch ein groß angelegter Wirtschaftsbetrieb nicht der Markt- und Meinungsforschung unterworfen war, konnte Gabriele Weishäupl nicht verstehen. Die frischgebackene Chefin musste sich nicht nur an dieser Stelle gegen Zweifel und manche Anfeindung altgedienter Figuren aus dem Gewerbe durchsetzen. Als Rüstzeug dagegen diente ihr ein dickes Fell, kombiniert mit einem steten Lächeln bei innerer Wehrhaftigkeit. Sie hielt bewusst eine schützende Distanz ein, ließ sich auch von den Beschickern nicht von der ersten Sekunde an duzen.

Im Laufe der Zeit avancierte vieles zum Erfolg, was anfangs noch argwöhnisch belächelt wurde. So ist es Gabriele Weishäupl zu verdanken, dass das wilde Bieseln – förmlich genannt das Urinieren außerhalb der dafür vorgesehenen Anlagen – per Oktoberfestverordnung verboten wurde. Damit einher ging, dass mehr Toilettenanlagen eingerichtet und die bestehenden modernisiert wurden. Das Konzept einer sanften Wiesn beinhaltete Familienangebote oder das Wiesnbarometer, das anzeigt, wie groß die Besucherstärke gerade ist. Auch das alkoholfreie Bier lässt sich durchaus mit der Wiesntradition vereinen.

Dass beim Anzapfritual nicht mehr Hinz und Kunz in der Anzapfbox stehen können, ist nur ein weiteres Beispiel für die Weishäuplsche Hand. Nachdem sie im ersten Jahr entsetzt war über das Gedränge, das sich im großen Moment um das 200-Liter-Fassl entwickelte, legte Gabriele Weishäupl in den kommenden Jahren fest, wer den ohnehin sehr knappen Platz in der Anzapfbox einnehmen darf. Das Ergebnis war weniger Gedränge, bessere Fotos für die Medienvertreter aus aller Welt. Ein kleines Stückchen mehr Platz für den anzapfenden Oberbürgermeister – Weishäupl hat in ihrer Amtszeit zwei davon erlebt, Georg Kronawitter und später Christian Ude. Dafür waren es gleich fünf Ministerpräsidenten, die sich während Weishäupls Regentschaft die Ehre gaben: Franz Josef Strauß, Max Streibl, Edmund Stoiber, Günther Beckstein und Horst Seehofer.

Ein Sohn und das Ende einer Liebe

Während Gabi Weishäupl das Oktoberfest mehr und mehr zu ihrer Herzensangelegenheit machte, das restliche Jahr über für München in aller Welt Werbung machte, darüber hinaus weitere Volksfeste und Märkte begleitete, ging im Privaten Stück für Stück verloren, was so romantisch begonnen hatte. Karl-Dieter war eine große Liebe, aber das Paar ergänzte sich immer weniger. „Unsere Karrieren sind synchron gelaufen“, sagt Gabriele Weishäupl heute darüber. Beide Partner waren erfolgreich und auch darauf bedacht, es weiterhin zu bleiben. Die ersten Risse zeigten sich. Gegenseitige Vorwürfe blieben nicht aus. Bekanntschaften mit anderen Männern stellten sich ein.

Im September 1990 bekam Gabi Weishäupl ein zweites Kind: Sohn Emanuel. Sie war zu diesem Zeitpunkt 43 Jahre alt. Es wurde ein Wiesn-Baby. Die Festleiterin verpasste wegen der Entbindung den Anstich – das einzige Mal seit Beginn ihrer Amtszeit. Sobald es ihr Zustand zuließ, nahm sie den Kleinen stolz mit auf die Theresienwiese. Das Wiesn-Personal hatte der Chefin bereits einen Kindsbaum, mit Stramplern und Schnullern behängt, im Büro aufgebaut. Was in der Rückschau nach heiler Welt klingt, war einmal mehr mit vielen Stürmen verbunden.

Emanuel ist nicht das Kind von Karl-Dieter Demisch. Gabriele Weishäupl verschweigt den Vater, sowohl den Medien als auch dem nächsten Umfeld gegenüber. Der Gang zu Bürgermeister Georg Kronawitter war mit Aufregung verbunden, das mediale Gewitter über den Skandal kündigte sich bereits an. Im Nachhinein empfindet Gabi Weishäupl große Erleichterung und Dankbarkeit. Als sie ihrem Chef erklärte, dass sie schwanger war, das Kind nicht von ihrem Mann stammte und sie sich scheiden lassen würde, reagierte der Oberbürgermeister unaufgeregt. Für ihn zählte nur eine Frage: „Machen Sie trotzdem weiter, Frau Weishäupl?“ Ja, sie machte weiter. Der Gedanke ans Aufhören wäre nie eine Option gewesen.

Von nun an hatte die Tourismus- und Wiesn-Chefin noch einen dritten Vollzeit-Job: Mutter. Alleinerziehende Mutter. Zum Vater ihres Sohnes unterhielt sie keine weitere Beziehung, die Ehe mit Karl-Dieter war abgeschlossen. Gabi Weishäupl schenkte alle Aufmerksamkeit ihrem Sohn, überschüttete ihn mit Zuneigung. Sie holte emotional nach, was sie bei der Tochter versäumt hatte. Um Kind und Karriere unter einen Hut zu bekommen, griff sie auf die Hilfe von Kinderfrauen zurück. Die Beziehung zu Emanuel blieb über die Jahre eng. An Weihnachten fuhren die beiden traditionell nach Niederbayern zu Weishäupls Eltern. Engelmar Weishäupl kümmerte sich liebevoll um seinen Enkel, vermittelte ihm ähnliche Dinge wie früher seiner Tochter. Emanuel spürte früh, dass seiner Mutter ihre Arbeit wichtig ist. Er sei in einem karrierebewussten Haus aufgewachsen, sagt er später in einem Fernsehinterview. Es klingt nicht wie ein Vorwurf, eher verständnisvoll. Seine Mutter habe ihn immer beschützt, sich wie eine Löwenmutter vor ihn gestellt.

Obgleich sie das Mutter-Sein als erfüllend entdeckte, ist Gabriele Weishäupl nie häuslich geworden. Klassische Haushaltstätigkeiten wie das Kochen entlocken ihr noch heute keine gesteigerte Begeisterung. Ohne berufliche Verwirklichung wollte sie nicht existieren. Das Oktoberfest und alle Menschen, die daran arbeiteten, begriff sie als Familie. Alljährlich ließ sie sich gerne erfassen von einem Geist, den sie mit den Worten „We are family“ umschreibt. Meist beginnend Mitte August, anhaltend, bis das Fest Anfang Oktober gut ausgeklungen war. Gabi Weishäupl war zwar auch für alle anderen Volksfeste in der Stadt zuständig, kein anderes aber wuchs ihr so ans Herz wie das Oktoberfest. Sie fieberte Fixterminen wie dem Rundgang mit den Schaustellern entgegen, bereitete sich akribisch auf Pressekonferenzen vor und empfand jedes Mal ein eigenartiges Gefühl von Leere, wenn nach der zweiwöchigen Weltveranstaltung ganz plötzlich Stille auf der Theresienwiese einkehrte.

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Objętość:
292 str. 54 ilustracji
ISBN:
9783947171378
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