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Mira Schwarz
Liebe auf den zweiten Blick - Insulaner küssen anders
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog – Aschenputtel mal anders
Kapitel 1 – Alles auf Anfang
Kapitel 2 – Und was nun?
Kapitel 3 – Willkommen im Leben
Kapitel 4 – Kleiner Wink des Schicksal
Kapitel 5 – Einmal Sylt, bitte
Kapitel 6 – Aller Anfang ist schwer
Kapitel 7 – Und was nun …?
Kapitel 8 – Nicht ganz man selbst
Kapitel 9 – Nichts als die Wahrheit
Kapitel 10 – Wie im Märchen, nur windiger
Kapitel 11 – Das Leben ist (k)ein Wunschkonzert
Kapitel 12 – Etwas draus machen
Kapitel 13 – Sylter Hundelben
Kapitel 14 – Überraschungen
Kapitel 15 – Alles auf eine Karte
Kapitel 16 – Hund in Not
Kapitel 17 – Bangen und Hoffen
Kapitel 18 – Ein fast angebranntes Essen
Inhalt
Vielen Dank
Impressum tolino
Prolog – Aschenputtel mal anders
Mira Schwarz
Liebe auf den zweiten Blick
Insulaner küssen anders
September 2017
Copyright © Mira Schwarz
www.facebook.com/Autorin.MiraSchwarz
autorin.miraschwarz@gmail.com
All rights reserved
Zwischen all den Edelboutiquen und sündhaft teuren Luxushotels fühlte sie sich wie Aschenputtel.
Nur ohne die schönen Kleider, den Prinzen oder das Schloss. Eigentlich war es genau andersherum.
Sie hatte kaum mehr Geld, trug dreckige Klamotten und war fertig mit der Welt.
Ihre einzige Hoffnung war, dass die Insulaner ihre Hunde genau so liebten, wie sie es tat. Aber das würde Luisa schon herausfinden.
Auf die eine oder andere Art …
»Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil …«
Mehr brauchte es nicht, um Luisa zu einem imaginären Luftsprung zu veranlassen, der sie schnurgerade aus dem Gerichtssaal katapultierte. Sie war glücklich. Nach so langer Zeit.
Zum ersten Mal, seit langer, langer Zeit.
Endlich war diese Scheidung rechtkräftig und der Albtraum hatte ein Ende. Und das Beste war, sie hatte weder geweint, noch geschluchzt, Taschentücher und Baldrianpillen konnten also beruhigt in der Tasche bleiben.
Eigentlich, war es sogar recht angenehm gewesen. Tja, wer hätte das gedacht?
Das Dokument in ihrer Hand zitterte noch. Sie bekam eine Gänsehaut, wenn sie seinen Namen las.
Ein Muttersöhnchen allererster Güte, der nichts aber auch gar nichts auf die Reihe bekommen hatte, außer sein bestes Stück bei ihrer Freundin – pardon, ehemalige Freundin zu präsentieren. Sie war außer sich gewesen als sie davon erfahren hatte, denn Mark hatte sie bereits seit geraumer Zeit nicht mehr angerührt und auch keine Anstalten unternommen, dass in der nächsten Zeit etwas frischer Wind in die Beziehung kam. Offenbar hatte vor ihr erkannt, dass die Ehe der Beiden keine Zukunft hatte.
Dabei schwebte sie am Anfang doch auf Wolke sieben. Aber wenn sie recht darüber dachdachte, hatten sie schon keine guten Voraussetzungen. Um ganz ehrlich zu sein, wären diese sogar mehr schlecht als recht.
Mark war durch und durch verzogen, auch seine Mutter mochte Luisa nicht. Sie war ihr zu windig wie sie es nannte. Mit der Schwiegermutter sollte man sich immer gut stellen, dass hatte sie jetzt erkannt.
Luisa die ihre Lehre abgebrochen hatte, nur um ihre Füße unter ihren Tisch zu halten. Zumindest war so der Vorwurf von Marks Mutter. Klar, die Sartors hatten Geld, Immobilien, aber am Anfang war es doch Liebe.
Oder etwas nicht.
Luisa war sich nicht mehr sicher.
Die Sartors waren eine der größten Bauunternehmerfamilien in Hamburg. Vater Nils hatte eine andere Meinung von seiner Schwiegertochter. Er fand sie bodenständig. Doch Nils Meinung zählte im Hause Sartor nichts – hier führte seine Frau das Wort, und das nicht zu knapp.
Das Bauunternehmen florierte, man beschäftigte an die dreihundert Mitarbeiter und dementsprechend brauchte sich Luisa nie Gedanken über Geld zu machen. Sie selbst kam aus einer verarmten Familie, der Vater war früh verstorben, die Mutter hatte einen Friseursalon. Sie war immer arm, er immer reich, praktisch die Geschichte von Aschenputtel.
Nur ohne das Happy-End.
Zu gerne erinnerte sich Luisa an den Gesichtsausdruck ihrer Schweigermutter, als sie ihr eröffnete, dass sie Frisiersalon ihrer Mutter jobbte. Dieser lief jedoch nur mäßig, und das stachelte ihre Schwiegermutter immer wieder zu Spitzfindigkeiten gegenüber Luisa an.
Luisa war es müde immer wieder beleidigt zu werden, sie hatte Mark damals aus Liebe geheiratet und versucht mit ihm in Ruhe über die Situation zu sprechen. All das hatte nichts geholfen, sie hatte ihn angeschrien, das Geschirr zerdeppert. Mark hatte wieder seine Mutter zu Rate gezogen und erklärt seine Frau wäre nicht mehr Herr ihrer Sinne und vielleicht wäre ein Aufenthalt in einem Schweizer Sanatorium angeraten.
Letztendlich hatte diese Aussage das Fass zum Überlaufen gebracht. So, oder so, es war endlich vorbei.
Luisa hatte sich eine Rechtsanwältin gesucht. Die Anwältin hatte alles für Luisa in die Wege geleitet. Entgegen der immerwährenden Ratschläge dieser, hatte Luisa freiwillig auf irgendwelche Geld- oder Besitzansprüche verzichtet – sie wollte nicht als Schmarotzerin gelten. Sie wollte vergessen!
Einfach nur vergessen und hier heraus.
Wie von Seilen gezogen, schritt sie über die Treppen und lächelte.
Nun, da soeben das Urteil verkündet worden war, verließ nicht Luisa Sartor das Gerichtsgebäude, sondern Luisa Tanner. Die gemischten Gefühle überwogen, doch insgesamt war sie glücklich endlich ihr Leben leben zu dürfen.
Sie schaute weder nach rechts noch nach links, gab weder Mark noch ihrer vermaledeiten Schwiegermutter zum Abschied die Hand und sah auch nicht den alten, verhärmten Mann, der sehr weit hinten im Gerichtssaal Platz genommen hatte um die Verhandlung zu verfolgen.
***
Nils Sartor wischte sich klammheimlich eine Träne aus den Augenwinkeln – nun war auch das letzte Licht in der Familie erloschen. Luisa war gegangen, Luisa die er gemocht hatte. Jetzt konnte er nur eines für sie tun, er würde ihr still und heimlich helfen, auf die Beine zu kommen.
Niemand musste davon je erfahren. Er sah zu seinem Sohn. Ob er es zumindest ein wenig bereute?
***
Mark hatte auch viel nachgedacht in diesen Tagen und musste zugeben, dass er sehr viel Mist gebaut hatte. Er hatte Luisa mit ihrer besten Freundin betrogen, war mit seiner Clique um die Häuser gezogen – dies hatte er natürlich wohlweislich seinen Eltern verschwiegen. Mein Gott, er war siebenundzwanzig Jahre alt. Wann wenn nicht jetzt, begann denn das Leben?
Luisa, gerade mal fünfundzwanzig Jahre alt, fragte sich allerdings dasselbe – und so, wie sie jetzt lebte, wollte sie definitiv nicht weiterleben. Dauernd gab es Streit um Lappalien, Mark zog sein eigenes Ding durch und ließ sie oft wochenlang abends allein zu Hause sitzen. Luisa war zu jung, sie wollte wieder lachen, in Discos gehen und sich einen Freundeskreis aufbauen der nicht ständig Champagner schlürfend in irgendeiner angesagten Disco der Stadt abhing. Sie wollte ihr Leben zurück – auch wenn das wahrscheinlich unter den gegebenen Umständen schwer werden würde.
In unmittelbarer Nähe hörte Luisa bereits ihre Schwiegermutter lamentieren: »Selbst dazu war sie zu blöd um zu erkennen, was sie da eben fabriziert hat. Damit hat sie ihr eigenes Grab geschaufelt. Freiwillig auf Geld zu verzichten.«
»Vielleicht ist sie aber auch einfach nur ein feiner Mensch«, sagte Mark und beließ es bei dieser Aussage.
Egal, was er jetzt dachte, es war vorbei. Den Ring hatte sie schon lange abgelegt und nun rauschte sie wenige Meter entfernt weg. Hinein, in ihr neues Leben.
Ohne ihn.
***
Das Thema Ehe war für Luisa erloschen, sie wollte von dem Bau-Mogul nichts mehr wissen. Ja, man hatte ihr wehgetan und vor allem ihre Autorität untergraben. Irgendwann war dann der Tag gekommen, an dem sie Mark zu hassen begann. Langsam, ganz langsam hatte dieses Prozess begonnen, doch es sollte der Anfang vom Ende sein.
Luisa wollte nicht mehr die verwöhnte Ehefrau spielen! Wurde Luisa einmal rebellisch, riet ihr Marc dem Tennisklub beizutreten oder mit dem Golfspiel zu beginnen
»Mein Gott, du wirst doch wohl noch deine Zeit rumkriegen, was tun denn die anderen Frauen den ganzen Tag über. Kauf dir Klamotten, kauf dir Schuhe, geh zum Friseur, zur Kosmetik – was weiß ich denn!« Marc reagierte gereizt und niemand hatte Verständnis wirklich Verständnis für Luisa.
Luisa wollte weder Schuhe, noch Klamotten. Sie wollte eine Familie, eine richtige Familie, wollte Mark für sich – doch sie hatte es nicht geschafft ihn davon zu überzeugen, dass sie jetzt die Frau an seiner Seite war und nicht seine Mutter. Luisa hatte versagt. Sie hatte das Band, welches Marc mit seiner Mutter verband, nicht lösen können
Gleichgültig, es war vorbei. In tiefen Zügen atmete sie die kühle Januarluft ein. Ihr war zum Bäume ausreißen zumute, zum ersten Mal seit fünf Jahren fühlte sie sich frei – so, als wären ihre Ketten gespregt.
Klar, bestimmt ein wenig zu melodramatisch, aber hey, man ließ sich nur einmal scheiden … hoffte sie.
Auf einmal konnte sie frei atmen. Keine Rücksicht mehr zu nehmen auf irgendwelche reichen Schnösel, die das Geld in Fünfhundert-Euro-Scheinen ausgaben – es hatte sie zum Schluss nur noch angeekelt, in welchen Kreisen sich ihr Ex-Ehemann herumtrieb. Keine Rücksicht mehr zu nehmen auf irgendwelche Wohltätigkeitsveranstaltungen, in denen sie in teuren Abendkleidern die von irgendeinem Designer gesponsert worden waren, sich selbst zu präsentieren. Dies alles war nie ihre Welt gewesen.
Nur einen Menschen hatte sie gemocht, und das war ihr Schwiegervater gewesen, für ihn hätte sie alles getan.
***
»Sei bloß froh, dass du diese Giftspritze endlich los bist!«, hatte Marks Mutter gesagt als diese das Gerichtsgebäude verließ.
»Mutter, wie kannst du nur! Luisa hat den Anstand besessen und auf jegliche Geldzuwendungen verzichtet, also lass bitte dieses Thema für alle Zeiten ruhen. Meine Ex-Frau war ... war … vielleicht habe ich einen Fehler gemacht.«
Das saß. Die Mutter schnappte nach Luft, täuschte eine aufkommenden Ohnmacht vor, die Mark mit dem Worten: »Was muss ich tun, damit du dich wie eine Fünfundfünfzigjährige benimmt und nicht wie ein dummes Gör« dokumentierte. Es folgte ein Anfall von Tränen und der Anwalt der Familie der gerade hinzugekommen war, hatte alle Mühe die Frau zu beruhigen.
All das bekam Luisa nicht mehr mit. Sie war auf dem Weg in ihr neues Leben.
Es roch nach Aufbruch, nach Chancen, nach etwas Neuen.
Und das alles, pleite, ohne Wohnung, ohne Rücklagen.
Na das konnte ja heiter werden!
Kapitel 1 – Alles auf Anfang
»Hallo, Luisa!«
Erna Buddenschön, die Vermieterin von Luisa Tanner war gerade beim Fensterputzen als Luisa in die Haustür huschen wollte. »Na, wie lief es denn bei Gericht … alles zu deiner Zufriedenheit verlaufen?«
Erna Buddenschön war furchtbar neugierig. Ständig hing ihr Kopf aus dem Küchenfenster, sie beobachtete die Straße, sie putzte die Fenster oder fegte die Gosse.
Erna Buddenschön war stets präsent – man kam einfach nicht an ihr vorbei, und unter einer Stunde auch nicht weiter. Wen sie einmal in ihren Klauen hatte, ließ sie so schnell nicht wieder los.
Luisa legte ein Lächeln auf, als sie die ältere Dame passierte.
Denn Erna Buddenschön war … einfach nur nervig und trotzdem freute sich Luisa sie zu sehen.
»Hallo, guten Morgen.« Luisa seufzte, blieb aber höflicherweise trotzdem stehen.
»Wie ist es gelaufen? Scheidung durch? Gab es Tränen, Herzschmerz?«
Die Fragen prasselten nur so auf Luisa ein. Reichten ihr die Klatschblätter der Regenbogenpresse nicht mehr?
»Das sind aber eine ganze Menge Fragen.« Luisa holte Luft. »Also, die Scheidung ist jetzt rechtskräftig, ich bin ein freier Mensch. Voilà!« Luisa rieb sich die Hände. »Ich würde ja gern mit Ihnen anstoßen, aber hier so zwischen Tür und Angel. Es ist wirklich sehr unangenehm kühl hier draußen.«
Das ließ sich die Dame mit dem altmodischen Kittel nicht zwei Mal sagen. Wenn Frau Buddenschön Klatsch und Tratsch roch, war sie sofort zur Stelle.
»Ach Gott, Kind, kommen Sie doch einfach rein. Ein Schlückchen Sekt können wir wohl beide vertragen, nicht wahr?«
»Ja«, sagte Luisa und lachte innerlich. Du hast mir hier den ganzen Morgen aufgelauert, natürlich musstest du wissen, was da abgelaufen ist. Deine Fenster glänzen wie kleine Diamanten. Erna, Erna, mir graut vor dir!
Die Dame öffnete ihr die Tür und bat Luisa einzutreten.
»Nun erzählen Sie erst mal«, forderte sie sogleich Luisa auf, währenddessen sie ein Fläschchen Piccolo aufschraubte und sich und Luisa ein Gläschen Sekt einschenkte. »Dann wollen wir mal anstoßen. Auf die Freiheit. Prösterchen.«
Luisa ekelte sich. Dieser Sekt verdiente noch nicht einmal den Namen Schaumwein - auch schon egal. Sie war nervös. Immerhin durfte sie ihrer Hauswirtin nicht zu viel erzählen. Die Dame galt als alte Klatschbase, ihr Ehemann Ernst war auch nicht viel besser. Dieser lungerte auch nur in der Gegend rum und Erna selbst hatte schon viele Leute brüskiert.
»Wissen Sie«, sagte Frau Buddenschön, »Männer verhalten sich immer noch wie Jäger und Sammler – sie jagen den ganzen Tag hinter irgendwelchen Zielen hinterher und sammeln Aufmerksamkeiten. Wenn sie dann irgendwann bemerken dass es noch etwas anderes gibt als das Jagen und Sammeln ist es meistens schon zu spät. Die Frau ist weg, die Kinder aus dem Haus – und nun – wo war das bequeme Leben, welches man sich gestalten wollten.«
Luisa grinste. »Finden Sie, dass es sich so verhält, Frau Buddenschön?«, meinte sie nach einem weiteren Schluck.
»Ja schon.« Die Dame nickte. »Große Klappe, nichts dahinter. Mein Ernst ist auch so ein Exemplar.«
»Ach, Frau Buddenschön.« Luisa schaute in ihr Sektglas, »lassen Sie mal gut sein. Ihr Ernst ist schon in Ordnung. Irgendwo brauchen wir doch alle mal einen Mann, nicht wahr?«
Die Dame gönnte sich ein Schlückchen Sekt dann fragte sie: »Ein bisschen Angst vor der Zukunft bleibt aber doch, nicht wahr?«
Luisa stutzte.
»Ich musste lügen, wenn es nicht so wäre. Doch ich habe das, was ich wollte. Ich habe keine Lust mehr auf Kompromisse.«
»Also, wenn ich es nicht besser wüsste«, meinte Erna Buddenschön, und schaute sie frontal an. »Du liebst ihn noch immer, nicht wahr, ein kleines bisschen vielleicht?«
»Nein ganz sicher nicht!« Luisa straffte ihre Schultern. »Ich werde nachher meine Schwester in Paris anrufen, dann komme ich auf andere Gedanken.« Ihr graute es vor diesem Anruf und doch sehnte sie sich danach. »Hoffentlich weiß sie noch, dass sie eine Schwester hat. In den Jahren meiner Ehe habe ich nicht viel mit ihr gesprochen, wir haben uns für eine Weile aus den Augen verloren. Im Augenblick ist sie auf der Fashion Week in Paris, danach geht's ab nach London.«
»Immer noch Model, Ihre Schwester?« Luisa hatte Frau Buddenschön bei ihrem Einzug von ihrer ehrgeizigen Schwester erzählt.
»Ja, das wird sich auch nicht ändern, bis sie dreißig ist. Danach hört es ja eh schon auf. Sie isst nur Grünzeug und sieht aus wie ein Hungerhaken – aber sie verdient einen Haufen Kohle. Na ja, hat eben Glück gehabt. Hatte sie schon immer, die kleine Kati. Halt die richtigen Leute zur richtigen Zeit getroffen.«
Frau Buddenschön stieß einen tiefen Seufzer aus. »Tja, hinter jedem Haus steckt ein ›Ach‹, nicht wahr Luisa – was haben Sie jetzt vor?«
Luisa seufzte und trank erneut. »Weiß ich noch nicht. Keinen Plan, noch nicht mal 'nen Zettel dafür.« Wenn nichts mehr half, half Galgenhumor. Schnell ließ sie sich nachschenken und trank.
War sie wirklich so verzweifelt? Immerhin hatte sie in den letzten Wochen, ja beinahe Monaten auf nichts anderes hingearbeitet, als diesen Tag. Und nun, als er gekommen war, war da Nichts mehr. Ein großes, schwarzes Loch und wenn sie hineinsah, musste sie feststellen, dass sie eigentlich gar keine Pläne für die Zeit danach hatte.
Und das musste sie alles feststellen, als sie mit einem warmen Glas Sekt auf der viel zu alten Couch von Frau Buddenschön saß.
Luisa biss sich auf die Lippe. Die Frage war gut. Was zum Teufel habe ich jetzt vor.
»Ich werde erst einmal nach oben gehen, mir eine warme Dusche gönnen und dann sehen wir weiter«, antwortete sie mehr zu sich selbst. »Vielen Dank für den Sekt Frau Buddenschön, es war nett mal wieder mit Ihnen geplaudert zu haben.«
»Ja, dann mal tschüss und immer dran denken – andere Mütter haben auch schöne Söhne!«
Die Dame lachte, Luisa zog die Mundwinkel nach oben, quälte sich ein Lächeln ab.
Schlechtester Spruch ever!
Kapitel 2 – Und was nun?
Das Haus der Buddenschöns, in welchem Luisa vorerst eine neue Bleibe gefunden hatte, lag im Stadtteil St. Pauli. Es war ruhig gelegen, hatte einen kleinen Vorgarten, der hingebungsvoll von der Dame höchstpersönlich gepflegt wurde. Neugierde hin Neugierde her, Buddenschöns waren nette Vermieter.
Ihr Vermieter war, wenn er nicht gerade seinen Genever trank, ganz verträglich. Zwar hielt Ernst Buddenschön nicht viel von der Arbeit – das Haus dümpelte einfach so vor sich hin, wie ein alter Kahn der einer Komplettsanierung bedurfte – doch Luisa hatte auch nicht vor, hier alt zu werden.
Sie seufzte, nachdem sie die Treppe hinaufgestiegen war und sich ein Glas Tee eingegossen hatte. Was sollte denn nun wirklich werden? War sie zu ungeduldig mit sich selbst?
Sie hatte das alles total cool gefunden, als sie sich ihren weiteren Lebensweg aufgemalt hatte. Luisa Tanner als Boutique-Chefin, Luisa Tanner als Gourmet-Fachfrau oder doch lieber als Innenarchitektin.
Stattdessen öffnete sich gerade ein tiefes, schwarzes Loch. Ach herrje, so hatte sie sich das alles nicht vorgestellt.
Hey, Luisa, wach auf du kannst nicht gleich erwarten, dass alles rund läuft, redete sie sich ein. Wenigstens das Muttersöhnchen bist du los. Und was hatte Frau Buddenschön eben gesagt: »›Andere Mütter haben auch schöne Söhne‹«.
Wie wahr.
Zwei Menschen waren für eine Weile zusammen gewesen, doch für wahre Liebe hatte es eben nicht gereicht. Schwamm drüber, die Sache war gegessen!
Luisa nahm ihr Handy zur Hand und wählte die Nummer ihrer Schwester, die bereits nach dem dritten Klingeln den Hörer abnahm.
»Hi Schwesterchen, na bist du den Typen endlich los?« Katharina hatte sich ihre Direktheit bewahrt. So war sie damals schon gewesen.
»Hallo Kati, ja bin ich, in der Tat. Jetzt hänge ich allerdings hier ab und weiß nicht recht, wie's weitergehen soll.«
»Ist völlig normal«, meinte ihre Schwester, »du bist gerade frisch geschieden, entweder du gibst dir heute Abend die Kante oder du gehst ins Kino und siehst einen supersüßen Film bei dem du richtig Heulen kannst. Hilft immer, garantiert! Danach bist du wieder die alte Luisa, wirst sehen.«
Katharina war, was Männer und andere Dramen betraf, völlig schmerzfrei. Sie verdiente als Model sehr gut. Probleme mit Männern waren ihr fremd – brauchte sie einen, nahm sie ihn sich einfach, huschte mit ihm ins Bett und gut war es. Keine Eifersuchtsszenen, keine Seelenqualen. Ein Quickie pro Monat reichte ihr aus. Sie sah die Typen nie wieder.
Warum auch?
Doch genau in diesem Punkt waren die beiden Schwestern grundverschieden. Es wäre nicht Luisas Ding gewesen. Sie war immer die Bodenständigere von beiden – Katharina eher der Luftikus, Luisa hinterfragte – Katharina genoss das Leben!
»Hey Süße, schwing dich doch einfach in den Flieger und komm zu mir nach Paris. Ich habe morgen frei, dann kommt die Show bei Gaultier und danach Vivien Westwood – und danach geht es erst nach London und dann nach New York. Also, was ist – sei doch mal spontan, Menschenskind! Du warst doch nie ein Depi, hm?«
»Nee, lass mal stecken, Kati!« Luisa schnaufte hörbar durch. »Ich muss erst mal den Kopf freibekommen. Aber hab Dank für dein zaubersüßes Angebot. Ich werde es im Hinterkopf abspeichern – schließlich habe ich meine Schwester noch nie auf dem Laufsteg gesehen. Asche über mein Haupt!«
»Na ja, aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben.«
Katharina war es sowieso egal. Sie hatte ihrer Schwester einen Vorschlag unterbreitet – ob sie diesen nun annahm oder nicht, war nicht ihr Problem. Sie hatte wenig Lust Luisas Probleme an sich heranzulassen.
»Augenblick Kati, da kommt ein neues Gespräch rein. Warte mal eben!« Luisa hielt Katharina in der Warteschleife und meldete sich »Ach, hallo, Mama! Ja, nee … warte mal, ich habe Katharina auf der anderen Leitung.«
»Du Kati, ich muss Schluss machen. Mama ist auf der anderen Leitung. Ich habe dich lieb, Schwesterherz!«
»Ich dich auch«
Sie war froh, auch ihre Mutter zu sprechen. So würde sie die Geschichte nicht noch dutzende Male wiederholen müssen.
»Sag mal, war das Katharina? Ihr sprecht wieder miteinander? Das überrascht mich jetzt aber?«, meinte ihre Mutter.
Luisa nervte das. Wieder die alte Leier, nur weil ein einziges Mal Knatsch zwischen den beiden Schwestern geherrscht hatte. Wieso mussten immer wieder die alten Kamellen hergeholt werden.
»Guten Morgen, Mutter. Ja, meine Scheidung ist durch. Ja, sie ist gut verlaufen. Ja ich bin traurig. Nein, ich heirate nicht wieder (jedenfalls nicht sofort, fügte Luisa im Stillen hinzu).« Sie seufzte leise. »Aber zu deiner Frage - ja, natürlich reden Katharina und ich miteinander, wieso auch nicht?«
Ihre Mutter schnüffelte. »Also, da will man seine Tochter unterstützen in ihrer Trauer, in ihrer Machtlosigkeit … und wird beschimpft … also Luisa wirklich … ich schreibe das jetzt mal dem Stress des heutigen Tages zu«
Luisa, die mittlerweile leicht ihre Stimme erhoben hatte, wurde das viele Geplänkel langsam lästig. Sie liebte ihre Mutter, ohne Frage, aber gerade in diesem Moment schaffte sie es nicht auch nur einen einzigen Vorwurf auszuhalten. Es war einfach nur … im Augenblick verbreitete ihre Mutter ganz schlechtes Karma und Luisa beeilte sich, sie aus der Leitung zu schmeißen.
»Mutter, gibt es noch etwas Wichtiges? Wenn dem nicht so ist würde ich dich gern heute Abend zurückzurufen, ehrlich gesagt bin ich ein bisschen platt von dem Tag. War ja nicht gerade ein Kaffeekränzchen.«
»Ach, mein armes Kind!«
»Sorry, Mom, aber ich …«
»Nein, schon gut, leg dich hin und versuch einen klaren Kopf zu bekommen. Solche Tage hat man manchmal, aber auch die gehen vorbei. Vielleicht solltest du einfach mal etwas Dampf ablassen.«
»Danke, Mum.«
Puh! Erst mal durchatmen, dann warf Luisa mit voller Wucht die Kaffeetasse gegen die Wand.
Scheiße! Die ganze Welt hatte sich gegen sie verschworen. Luisa tat sich selbst unglaublich leid. Reichte es denn nicht, dass sie gerade einen Rosenkrieg überstanden hatte. Was hatte ihre Mutter ihr empfohlen? Dampf ablassen. Klang gar nicht schlecht.
Mist! Sie begann zu weinen. Ja, vielleicht hätte sie nicht auf den Unterhalt verzichten sollen. Doch was hätte sie machen sollen, immerhin ging es so schneller.
Immerhin hatte sie sich diese Entscheidung mehr als einmal überlegt – sie wollte einfach keine Bittstellerin mehr sein! Sie hatte Rückgrat beweisen wollen, zeigen wollen, dass sie eine selbstbewusste Frau war die mitten im Leben stand! Sie brauchte das Geld dieses verzogenen Muttersöhnchens von Ehemann nicht.
Luisa hatte vor ihr Leben ab jetzt selbst auf die Reihe zu kriegen. Jawohl! Wie das funktionieren sollte, war Luisa noch ein Rätsel – doch Rätsel waren dazu da, gelöst zu werden. Manchmal neigte Luisa zu Reaktionen, die ihr binnen Sekunden leid taten – diese könnte dazugehören. Luisa hatte viele sogenannte Freunde besessen. Wo waren die plötzlich alle, als es darum ging ihr zu helfen?
Ja, als sie noch die Yuppie-Tante aus dem vornehmen Blankeneser Stadtteil war, da hatten natürlich alle ihr »Sugar-Girl« gern gehabt. Doch jetzt zog die »Clique« einfach weiter – immer dahin, wo jemand einen auf dicke Hose machte. Und da waren sie garantiert richtig bei Mark und weitaus besser aufgehoben als bei Luisa die irgendwo im Stadtteil St. Pauli hauste.
Luisa musste sich eingestehen, dass die Menschheit einfach nicht mehr berechenbar war und selbstredend den einfachsten Weg nahm. Warum sich auch belasten mit den Problemen anderer Leute? Dieser ganze Schickimicki-Mist hing ihr sowas von zum Halse raus. Wie hielt Mark das aus – jeden Abend auf der Piste?
Luisa legte sich auf das Bett und ließ den Tag noch einmal Revue passieren. Neue Freiheiten waren geboren worden, aber irgendjemand hatte ihr auch einen Berg von Problemen vor die Tür gestellt.
Die innere Stimme wurde lauter:
Verdammt Luisa, fang an zu leben und sieh zu, dass du es auf die Reihe kriegst.
»Hm!«, nuschelte sie im Schlaf und rollte sich in ihre Bettdecke ein.
***
Der Hamburger Januarhimmel zeigte sich am nächsten Morgen von seiner unfreundlichen Seite – grau, trüb, regnerisch – und irgendwie spiegelte dieses Farbenspiel Luisas Stimmung wieder.
Bäh, kein einziger Sonnenstrahl konnte das zähe Grau vertreiben. Hamburger Mistwetter.
Luisa, die langsam erwachte, fröstelte. Es war unangenehm kühl in der kleinen 2-Zimmer-Dachgeschosswohnung. Die Wohnung gab auch sonst nicht viel her, doch Luisa hatte sie aus zweierlei Gründen gewählt: Erstens war sie preiswert, zweitens lag sie zentral im Stadtteil St. Pauli der gerade wieder auf dem Weg zu einem der begehrtesten Wohnviertel Hamburgs emporstieg und sie benötigte kein Auto, was bei ihrer derzeitigen Finanzlage auch nicht gerade schlecht war.
Langsam öffnete Luisa erst das eine dann das andere Auge, blinzelte kurz, und hätte am liebsten die Augen sofort wieder geschlossen.
Tja, Luisa das sind die Anfangsschwierigkeiten, wenn man allein vor seinem Leben steht, was so viel bedeutete wie: »Holt mich hier raus, ich habe Angst vor meiner eigenen Courage, Angst, dass wieder irgendetwas schief läuft …«
»Ach, Luisa, das wird schon«, sagte sie zu sich selbst und schaute aus ihrem Dachgeschossfenster in den trüben Himmel Hamburgs. Diese Wohnung war bestens geeignet für Frischluftfanatiker. Es zog überall, und das nicht zu knapp.
»Du willst doch nicht für immer bleiben«, versuchte sie sich zu beruhigen. Doch sie würde die Buddenschöns bitten müssen, wenigstens das Dachgeschossfenster in Ordnung zu bringen. Das ging so wirklich nicht. Luisa wusste, dass sich Ernst Buddenschön gern einen schönen Genever genehmigte – nun, dann würde er halt die Flasche gegen einen Hammer eintauschen müssen. Luisa schaute sich um.
Was, sie jetzt mit etwas Abstand sah, ließ Luisa erschauern. »Das Luisa nennt man dann wohl Totalabsturz!« Nach Jahren des Luxus nun das hier … Luisa traten Tränen in die Augen.
Luisa wusste im Augenblick nicht, was falsch und was richtig war.
»Warum hast du diesen Weg für dich gewählt?«, hinterfragte sie sich selbst.
Weil du es wolltest! Du wolltest nicht mehr sein braves »Mädchen« sein, währenddessen er mit anderen Frauen durch die Betten gevögelt ist. Auch nicht sein Notnagel, wenn Lissy, Cissy und wie sie alle hießen, mal nicht greifbar waren. Du wolltest dir doch wieder in die Augen schauen können, ohne dich vor dich selbst zu ekeln, war's nicht so. Wach auf, du blöde Gans. Wach auf, Luisa, das Leben ist kein Pony-Hof.
»Arschloch!« Luisa schrie die Worte durch die kleine Wohnung.
Jeder konnte hören, dass Sie noch nicht fertig war mit ihrem Marc, sie war immer noch wütend auf ihn und sie war sowieso die einzige Mieterin die derzeitig zu Hause war. Alle anderen Mieter waren unterwegs zur Arbeit, verdienten ihr Geld, damit sie leben konnten. Buddenschöns waren jetzt sicher beim Frühstück – und du?
Wenn die Realität zuschlug konnte es wehtun.
Lohn und Brot!
»Ach Luisa, was hattest du dir eigentlich vorgestellt. Das ein neuer Traumprinz, quasi über Nacht, dir den Himmel auf Erden serviert. Nach dem Prinzip: Hoppla, hier komme ich. Ich bekomme alles, was ich möchte, ich bin die Ex-Tussi von Mr. Right Mark Sartor. Ja, ganz recht, dem Mark Sartor.«
»Das läuft so nicht Luisa«, dachte sie laut, »beweg deinen Hintern, von allein tut sich da nichts!« Fakt war jedoch, das Luisa Hunger und Durst hatte und ihr Magen vehement knurrte. Sie konnte sich nicht weiter in ihrem Elend suhlen, sie musste irgendetwas in den Magen bekommen.
Suchend schaute sie sich in der Wohnung um. Ah ja, da waren noch ein paar Kekse und eine kleine Wasserflasche. Okay, nicht gerade der Brüller zum Frühstück, aber für den Anfang sollte das erst mal ausreichen.
Wie sah überhaupt ihre Finanzlage aus. Vorsichtig peilte sie diese, öffnete die Geldbörse und erschrak. Ganze dreihundert Euro waren darin enthalten. Dreihundert Euro Barvermögen. Wow!
Sie loggte sich bei ihrer Bank ein, schaute auf ihr Bankkonto und wäre fast erstarrt. Denn dort sah es nicht sehr viel besser aus – jedenfalls für Luisas Verhältnisse. Mark hatte ihr noch einmal ein wenig Geld überwiesen, doch Luisa war andere Wertigkeiten gewohnt. Die innere Stimme wurde lauter.
»Was willst du eigentlich Luisa!« Sie straffte sich und gab die Losung aus: Kein Selbstmitleid mehr, komm auf den Punkt Luisa. Du wolltest keine monatlichen Zuwendungen, also hast du auch nichts bekommen. Du wolltest frei sein, du hast deine Freiheit bekommen – also, welchen Teil davon hast du nicht verstanden?, fragte sie sich. Wenigstens warst du so geistesgegenwärtig und hast deinen Laptop und dein Smartphone mitgenommen. Erinnere dich, du warst drauf und dran ihm auch die Teile vor die Füße zu schmeißen – doch da obsiegte die pure Vernunft.
Verloren hatte sie fünf Jahre des puren Luxus' aber auch des Zanks und Streits, geblieben waren ihr dreihundert Euro Barvermögen, und ein wenig Geld auf der Bank! Viele Menschen mussten mit weitaus weniger Geld zurechtkommen. »Komm zu dir, Luisa«, maßregelte sie sich selbst. »Du hast es doch so gewollt – also fang an zu leben.«
Alles war okay!
Nein! Nichts war okay. Hätte er sich anders benommen, wären wir vielleicht noch zusammen … Blödsinn Luisa, ihr hättet das nie hinbekommen. Mark war nicht geschaffen für eine Frau. Er war ein Mädchenschwarm, und weiß Gott nicht geeignet für die Ehe. Viel zu jung habt ihr euch aneinander gebunden, viel zu früh geheiratet, habt beide Panik bekommen. Mark war nicht nur ein Muttersöhnchen sondern auch ein Luftikus! Dieser Mann würde in seinem Leben wahrscheinlich nie wirklich arbeiten müssen – er brauchte nur zu tun, was er immer schon am besten konnte. Alles abnicken, seine markante Unterschrift unter Verträge und Briefe setzen und aus die Maus. Gute Miene zum bösen Spiel … tja Luisa, da hilft nun alles nichts, wenn du meinst es verbockt zu haben, dann musst du jetzt anfangen dein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Vorher große Klappe und jetzt klein mit Hut zieht nicht! Das ist doch nie dein Ding gewesen – also, was geht!
Gute Frage. Die Trauer schien die Stimme lauter werden zu lassen.
Mark, dieses egoistische, miese … du bist doch nur sauer, dass er nicht gecheckt hat, dass du ihm eigentlich nur eine Lektion erteilen wolltest.
Sei doch einmal ehrlich zu dir selbst! Aber du musstest das Ding ja durchziehen, jawohl, du brauchtest das für dein Ego. Luisa leckte sich ihre Wunden und saß da wie ein Trauerkloß.
Du kannst nicht immer jemand anderem die Schuld in die Schuhe schieben, Luisa. Wo ist deine Courage, wo ist deine Willenskraft die du früher entwickelt hast. Hat dich Mark so ausgesaugt, dass du …
»Okay, okay!« Luisa straffte sich, die innere Stimme musste jetzt einmal ruhig sein. Ich hätte die ganze Bagage auf Schmerzensgeld verklagen sollen – jawohl! – Schmerzensgeld für fünf verlorene Jahre! Das wäre ein Eklat geworden! Vielleicht hätte mir das die Genugtuung gebracht die ich so dringend brauche!
Luisa war relativ ratlos. Wobei relativ in diesem Fall absolut bedeutete.
Schwer atmend lehnte sie sich auf die Fensterbank und sah nach draußen. Pleite, allein, mit einer kaputten Wohnung, das war also die Freiheit, nach der sie sich so gesehnt hatte?
Sie brauchte einen Plan … und zwar dringend.
Kapitel 3 – Willkommen im Leben
Die Wirklichkeit, mit der Luisa nun mit voller Wucht konfrontiert wurde, hatte sie so nicht erwartet.
Platsch. Oh nein.
Schon wieder Regentropfen, die sich auf dem Bett von Luisa niederließen und in das Oberbett einzogen. Luisa ballte die Fäuste.
Sie würde jetzt duschen, und trotz ihres schmalen Etats erst einmal irgendwo vernünftig frühstücken gehen. Danach würde sie ihren Einkauf erledigen und erst einmal alles sacken lassen. Schließlich war Rom auch nicht an einem Tag erbaut worden. Luisa sah auf ihren Wecker.
»Ach du liebe Zeit.«
Den Tag sacken lassen war gut. Das Frühstück konnte sie sich abschminken, dieser Tag war gerade dabei relativ zügig auf die Mittagszeit zuzugehen – also lief das Ganze wohl eher auf Brunch hinaus und selbst da musste sie sich sputen.
Eine schnelle Dusche, ein bisschen Schaum ins Haar, Lippenstift und der Tag begann mit erheblicher Verzögerung. Ein kleines Café, welches sie schon öfter aufgesucht hatte, und das nur eine Straßenecke weiter entfernt lag war wie gemacht für sie und als sie es betrat, fühlte sie sich sofort geborgen.
Das Café gehörte einer Lisa Soundso. Der Nachname der Besitzerin war Luisa entfallen, sie betrachtete es auch nicht als so wichtig. Lisa kam auf sie zu und fragte nach ihren Wünschen und Luisa orderte erst einmal einen Milchkaffee. Das Frühstücksbüffet bestand eigentlich nur noch aus Resteverwertung, doch für Luisa würde es schon reichen.
Plötzlich merkte diese wie hungrig sie war, und langte ordentlich zu. Sie ließ sich den Fruchtsalat schmecken, schmierte sich zwei Vollkornbrötchen mit Butter und leckerer Marmelade und aß alles mit großem Appetit. Danach noch ein Glas Orangensaft und die Welt sah bereits wieder ganz anders aus. Luisa hatte das Gefühl, seit Tagen nur von Wasser und Keksen gelebt zu haben.
Luisa lächelte. Sie war doch bestimmt nicht die einzige Frau auf diesem Planeten, die so etwas erlabt hatte und nach einer Scheidung in ein Lock fiel. Es musste doch Hilfe für so etwas geben, zumindest ein guter Ratschlag.
Ihr fiel gerade eine alte Schulfreundin ein mit der sie sehr lange nicht telefoniert hatte, und sie hatte mal wieder ein richtig schlechtes Gewissen. Tine war ein Stehaufmännchen, immerhin hatte sie ähnliches erlebt, sie würde Rat wissen
Komisch, heute Nacht hatte sie ganz selbstverständlich an Tine gedacht, und nun saß Luisa in dem Café, zahlte ihr Frühstück und war im Begriff Tines Nummer zu wählen. Diese war wahrscheinlich leicht angesäusert, dass sich Luisa erst in Zeiten meldete, wo es ihr schlecht ging. Doch Tine verzieh rasch und im Grunde ihres Herzens wusste Luisa, dass sie sich freuen würde wenn sie, Luisa, wieder Kontakt zu ihr aufnahm. Nun ja, zumindest hoffte sie das.
Damals, vor der Heirat hatten die beiden Freundinnen halb Hamburg unsicher gemacht. O Mann, das war abgefahren gewesen.
»Hi, Tine … ich wollte einmal hören …«
»Luisa? Was treibt dich denn in meine Leitung – kaum ist dein Sonnyboy fort, da erinnerst du dich an deine alte Freundin?«
Ein paar Sekunden herrschte Ruhe. »Woher weißt du denn …?«, meinte Luisa
»Hamburg ist ein Dorf, Luisa. Muss ich noch mehr sagen, meine Liebe?«
»Haben die Trommeln also funktioniert«, konsternierte Luisa und knirschte mit den Zähnen.
»Tine, ich brauche dich, ich muss mich tausend Mal bei dir entschuldigen und mir eingestehen, dass ich vieles falsch gemacht habe, aber hey, was soll es – ich brauche jemandem zum Reden. Hast du eine Minute für deine alte Klassenkameradin?«
»Donnerwetter, das muss ja brennen bei dir. Komm einfach vorbei. Ist besser, da können wir es uns gemütlich machen.«
Tine nannte Luisa ihre Adresse und diese nahm sich ein Taxi, da sie nicht genau wusste, wo die angegebene Adresse zu finden war.
Der Taxifahrer fluchte, als sie einstieg und die Adresse ihrer Freundin nannte. »Mädchen, das ist hier fast um die Ecke. Da verdiene ich nichts dran, du hast doch noch junge Beine!«
»Ja, aber immer noch null Ahnung, wo ich hin muss«, konterte Luisa und schaute den Taxifahrer aus großen Augen an. Der Dackelblick zog also immer noch. Dabei hatte sie schon fast überlegt, ob sie diesen verlernt hatte.
»Na dann wollen wir mal eine Ausnahme machen«, meinte der Fahrer. Der Atem ging schon schwer, er hatte wohl schon eine Doppelschicht hinter sich – außerdem roch es in seinem Mercedes penetrant nach abgestandenem Zigarettenrauch, sodass Luisa ein leichter Ekel überkam. »Du darfst jetzt nicht wählerisch sein«, sagte sie zu sich selbst, »mach nicht jetzt schon schlapp – das ist das wahre Leben, und das hast du genauso gewollt.«
Nun war Luisa die Situation doch recht unangenehm. denn der Taxifahrer drehte in der Tat nur drei, vier Runden und hielt dann vor einem sehr gepflegten Altbau, welcher offenbar schöne Wohnungen beinhaltete. Alles sah sehr sauber und gepflegt aus, nicht zu vergleichen mit ihrer Behausung!
»So junge Dame, da wären wir schon.« Der Taxifahrer schaute sie grinsend an.
»O mein Gott, das ist mir jetzt aber doch peinlich.«
Luisa seufzte, zahlte die acht Euro fünfzig und stieg aus dem Taxi.
Ein gellender Schrei ließ den Taxifahrer zusammenzucken.
»Was ist passiert?«
»Scheiße!«, fluchte Luisa.
Der Taxifahrer lachte laut auf.
»Im wahrsten Sinne des Wortes«, meinte dieser, als er sah, was passiert war. Aber es soll ja Glück bringen … na dann, noch einen schönen Tag … trotz des Missgeschicks.«
Luisa versuchte das Unheil von ihren Schuhen zu bekommen, schimpfte über die Hundehalter im Allgemeinen und über die Ignoranz der Leute im Besonderen.
Egal! Krone richten und weiter geht's, Luisa.
Einen Teil der Hinterlassenschaften hatte Luisa von ihren Boots abkratzen können, doch es roch noch immer recht streng – sie würde die Schuhe nachher bei Tine sowieso vor der Tür ausziehen.
Luisa klingelte.
Natürlich – Dachgeschoss – wieder mal kein Fahrstuhl, war ja klar!
Sie machte sich auf den Weg in den fünften Stock, ab dem dritten Stock kroch sie mehr, als sie die Treppen erklomm.
»Luisa, lass das bitte nicht zur Gewohnheit werden. Du stinkst nach Hundekacke, zieh mal deine Schuhe aus!« Tine stand lachend auf der obersten Treppenstufe während Luisa schnaufend oben ankam.
»Na, das Training war wohl nicht so toll in den letzten Jahren – schon aus der Puste, meine Süße. Grüß dich Luisa, ich freue mich wirklich dich wiederzusehen.« Sie nahm ihre Schulfreundin in den Arm und zog Luisa an sich.
Luisa erwiderte, noch völlig außer Atem: »Nein, war mehr auf Golfplätzen und Empfängen zu finden. Beides hatte den Vorteil, dass alles ebenerdig war. »Schön dich wiederzusehen, lass dich anschauen. Du siehst aus wie ausgespuckt, Luisa, weißt du das?« Sie lachte hell auf. Ihre direkte Art hatte Luisa vermisst. »Da müssen wir schnellstens etwas dagegen unternehmen.« Tine schüttelte den Kopf.
Die beiden Freundinnen erzählten und erzählten, bis sich bereits der Abend näherte. Tine hatte eine Kerze entzündet und zwei Gläser Wein auf den Tisch gestellt.
»Na ja, das war natürlich alles nicht so einfach für dich. Da hast du dir aber auch ein Exemplar ausgesucht … bei aller Gnade, meine Liebe! Hast du nicht mal im Netz recherchiert … ich meine, macht doch heute jeder. Wozu gibt's denn Facebook, Twitter und Co. Mensch, Luisa, du bist doch nicht von gestern, du bist so … wie soll ich sagen, ohne dich zu verletzen.«
»Sag es nur«, meinte Luisa, »eigentlich bin ich total phlegmatisch und gehe seit längerem den bequemsten Weg. Muss wohl daran liegen, dass ich fünf Jahre den goldenen Löffel gekostet habe. Ich brauchte nicht zu arbeiten, nicht zu denken, der Preis dafür war totale Abhängigkeit, gepaart mit Stagnation, blöden Sprüchen und durchgeknallten Nächten.«
»War eigentlich ein Superdeal! Nur mir hat es eben nicht gelangt. Kannst du das verstehen, Tine? Vielleicht hast du recht, und ich bin das bescheuertes Huhn auf dem Planeten Erde oder irgendwie falsch gepolt.«
»Nein bist du nicht, Luisa!« Tine schüttelte den Kopf.
»Ich hätte mir unser Wiedersehen irgendwie anders, schöner vorgestellt, nicht so emotionsgeladen und voll gepackt mit Problembewältigung. Luisa, du hast echt was an der Backe, das kann ich dir sagen!«
»Weiß ich selbst«, meinte Luisa pragmatisch.
»Luisa, denk einfach nicht mehr dran, okay? Los, komm, lass uns erst mal ordentlich unser Wiedersehen feiern«, meinte Tine und prostete Luisa zu.
»Ist zwar nicht die ganz große Sause, schließlich haben wir bald Monatsmitte. Du wirst sehr schnell lernen, was das bedeutet, Süße. Trotzdem, ich freue mich riesig, dich wiederzusehen.« Freudestrahlend nahm sie Luisa in den Arm.
Oh, ich weiß jetzt schon, was das Wort bedeutet. Derzeitig schwebe ich noch ein wenig in einer anderen Dimension, der Urknall kommt erst noch.
Laut sagte Luisa: »Ja, noch so was, woran ich mich wieder gewöhnen muss – meine Kohle allein zu verdienen. Von nichts, wird nichts kommen.«
»Na, wenigstens die Grundeinstellung stimmt schon mal. Zum Wohl Luisa, auf unser Wiedersehen, und auf dein neues Leben!«
»Zum Wohl, Tine!«
***
Die beiden Frauen verbrachten den restlichen Abend damit, Pläne zu schmieden. Sie surften im Internet, schauten sich alle möglichen Seiten an, doch Tine war derzeitig viel mehr an dem ehemaligen Glamourleben Luisas interessiert. Als Luisa davon zu erzählen begann, saugte Tine alles in sich auf und war ziemlich beeindruckt. Luisa erzählte auch von ihrer Schwester Katharina die für die erste Riege der Modeschöpfer auf den Laufstegen der Welt lief, und Tine schluckte schwer.
»Also irgendwas muss ich falsch gemacht haben. Bin ich irgendwo mal links abgebogen, wo ich rechts hätte abbiegen müssen?«, fragte sie Luisa nach dem dritten Glas Wein.
»Nein, Tine, du hast schon alles richtig gemacht. Ich kann mir nichts anderes für dich vorstellen, als deine Liebe zum Buch. Der Job ist schon okay für dich. Du bist Buchhändlerin mit Leib und Seele. Das passt schon!« Tine nickte eifrig.
»Hast ja recht, Luisa. Nicht nur, dass ich eine Leseratte durch und durch bin, ich verkaufe dir auch noch den letzten Schinken aus den 60er-Jahren der ganz hinten im Regal sein Dasein fristet, das kann ich wenigstens. Bücher sind mein Leben. Allein der Geruch …, aber ich schweife ab.« Sie holte noch eine Flasche Wein und etwas zu Knabbern. »Luisa, wenn wir hier vorankommen wollen, brauchen wir einen Masterplan und zwar ziemlich ratzfatz. Du wirst diese Glitzerwelt verlassen müssen, dein goldener Käfig existiert nicht mehr. Der Vogel ist flügge geworden – weißt du?«
»Ja, so bringt man es wohl am besten auf den Punkt.«
Tine hatte den Nagel auf den Kopf getroffen.
Wie immer.
Bye-bye Gucci-Täschchen, bye-bye Armani-Anzug, bye-bye kostbare Parfümflakons und Edelboutiquen in Pöseldorf.
»Du schläfst heute Nacht erst mal bei mir«, darüber diskutierte Tine gar nicht weiter. Und Luisa hatte wahrlich nicht die Absicht Protest einzulegen. Im Gegenteil, sie war froh endlich einmal in einem halbwegs vernünftigen und vor allem trockenen Bett zu schlafen. Diese Wohnung war behaglich eingerichtet, die beiden Freundinnen hatten sich auf das Sofa gekuschelt und eine dicke Decke über ihre Beine gelegt.
»Los, lass uns die Betten beziehen«, sagte Tine plötzlich. »Mitternacht ist schon vorbei.« Tine war schon immer die praktisch Veranlagtere gewesen.
Luisa merkte bald, dass sie ihre Freundin unterschätzt hatte. Diese war keine Heulsuse – im Gegenteil. Tine stand mitten im Leben und bemitleidete weder sich selbst noch andere. Tine packte zu und nahm kein Blatt vor den Mund.
Alsbald begann Tine loszulegen. »Hör zu Luisa – erstens, du musst dein neues Leben aus eigener Kraft hinkriegen nur dann bist du wirklich frei. Es gibt keinen Mark mehr und sollte der Typ noch in deinen Hirnwindungen rumkriechen, verscheuche ihn. Solltest du Schiffbruch erleiden, ist es dein Ding, klaro? Ordne dein Leben. Hattest du irgendwo in einem vergessenen Hinterstübchen die ganz leise Absicht gehabt im Fall der Fälle bei den Sartors ›betteln‹ zu gehen, vergiss es. Du würdest nie frei sein! So geht Leben, Luisa!«
»Tine, du wäscht mir ordentlich den Kopf, doch das brauchte ich wohl um mich endlich mit den Gegebenheiten abzufinden – ich ziehe hier die Elendsnummer durch und warte auf den nächsten Morgen. Bäh! Du bist ein richtiger Schatz, ein Goldschatz sozusagen.«
Tine nahm sie einfach in den Arm und hielt sie ganz fest.
»Alles gut, Luisa, alles gut.«
Einige Zeit später hörte man von den beiden Nachteulen ein ruhiges, gleichmäßiges Atmen. Die Freundinnen waren auf dem Sofa eingeschlafen.
***
Am nächsten Morgenschlief Luisa fast bis zum Mittag. Nicht, dass dieser Umstand bald zur Routine wurde.
Kein tropf, tropf, keine Kälte die durch die Ritzen zog.
Hier war es ruhig, angenehm warm und sie hatte nach der Aussprache den Schlaf wohl auch gebraucht. Vieles hatte sich Luisa gestern Abend von der Seele geredet und sie hatte es als sehr befreiend empfunden.
Tine indes war bereits früh aufgestanden. Sie hatte Brötchen und vor allem jede Menge Zeitungen aus allen Regionen der Republik besorgt – natürlich, sie wollten die Stellenanzeigen durchforsten. Tine hielt fiel von der traditionellen Form der Zeitungen und bei Stellenanzeigen ging nichts über das gedruckte Exemplar einer Zeitung.
»He, Schlafmütze aufwachen! Wir schreiten jetzt zur Tat!« Tine zog Luisa einfach die Decke weg und Luisa blickte sie verschlafen an.
»Wie spät ist es denn?«
»Och.« Tine sah in gespielter Verzweiflung auf ihre Armbanduhr. »Zu spät, Süße. Es ist mittlerweile bereits dreizehn Uhr fünfzehn.«
»Waaas? Das kann doch gar nicht sein dass ich so lange geschlafen habe, o Gott!« Luisa war entsetzt.
Sie schämte sich, weil Tine bereits Brötchen geholt, Kaffee gekocht, alles so zauberhaft dekoriert hatte, selbst ein frischer Blumenstrauß stand auf dem Tisch.
»Gib mir fünf Minuten!«, sagte Luisa. »Dann bin ich bei dir.«
»Na, nun ist es auch schon egal!« Tine ganz pragmatisch. »Wir werden jetzt in Ruhe frühstücken und dann Zeitung lesen.«
»Zeitung lesen?«
»Aber ja, wir werden heute eine Stelle für dich finden, so war ich Tine Klink heiße.«
Luisa war plötzlich ganz aufgeregt. Endlich roch es zumindest im Anflug nach Neuanfang. »Okay. Dann mal los.«
Als diese aus dem Bad herauskam, lagen dort die Süddeutsche, die ZEIT, irgendeine Zeitung aus dem Allgäu, die Sylter Rundschau und der Tagesspiegel.
»Und die willst du alle durcharbeiten!« Luisa schluckte schwer.
»Nee!« Tine schaute sie frontal an. »Du arbeitest die Presse durch, meine Süße, denn du suchst eine Stelle! Nicht ich.«
»Tiiine!«
»Willkommen in der Realität, meine Süße.«
Tine lachte. »Tja, Luisa, nicht mal eben vor den Scheidungsrichter, sondern jetzt werden die Ärmel hochgekrempelt!«
»Eye, Eye, Captain, aber erst mal eine Tasse Kaffee.«
Nachdem Luisa zwei Stunden in die Zeitungen geschaut hatte, fühlte sie sich erschöpft und ausgelauft. Sie donnerte eine Zeitung mit einer ziemlichen Wucht in die nächste Ecke. »Ich schaff das nicht, Tine, ich bin zu blöd für alles!«
Tine, die merkte, dass es ihrer Freundin schwer fiel, sich mit den Gegebenheiten des nun beginnenden Alltags abzufinden, sagte ganz profan: »Überleg mal Luisa, was kannst du besonders gut – außer Glamourgirl zu sein – was hast du schon mal besonders gut hinbekommen – oder den Eindruck gehabt, hey, das war gar nicht so schlecht!«
Luisa musste lange überlegen, bis sie mit einer Story um die Ecke kam, die Tine gar nicht so schlecht fand.
»Marc und ich, wir sind mal um die Alster gegangen, und da kam uns ein älteres Ehepaar entgegen, dem war der Hund weggelaufen – ein Beagle, die büxen ja gern mal aus. Wir boten unsere Hilfe an, doch das ältere Ehepaar sagte: Den kriegen Sie nie, Maxi hört einfach nicht! Der Hund blieb einfach nicht stehen, und dann habe ich ganz laut gepfiffen. Ich habe nicht geschrien, bin nicht hinter dem Hund hinterhergerannt, sondern ganz ruhig in die entgegengesetzte Richtung gegangen. Und was soll ich dir sagen – der Hund kam! Kam zu mir und schlabberte mir die Hand ab.« Sie wartete eine Sekunden, musste lächeln. Das war wirklich eine der wenigen, schönen Episoden aus ihrer Ehe. »Da dachte ich: - Hey, ziemlich cool, irgendwie hast du offensichtlich einen Draht zu Hunden. Das Ehepaar selbst war völlig von den Socken und bedankte sich überschwänglich bei mir. Ich hatte noch zwei, drei Begegnungen mit ausgebüxten Hunden, einem Rottweiler und einem kleinen Rauhaardackel, allesamt eher von der knurrigen und muffeligen Sorte, doch irgendwie reagierten sie auf mich.« Sie musste trocken schlucken. »Meinst du, sowas geht?«
»Na, klar.« Tine nickte. »Hat ja nicht jeder einen Draht zu Hunden. Viele Leute laufen ja sogar weg, wenn ein Hund auf sie zugerannt kommt - sieh mal zu, dass du das vertiefst, kauf dir Literatur und lass dich da mal beraten … zumindest wäre es ein Ansatzpunkt.«
Plötzlich lachte Tine hell auf und sagte: »Mensch, Luisa, schau dir das mal an. Das gibt's doch gar nicht.«
Sie reichte ihr eine Zeitung rüber, und Luisa las, was da in der Sylter Rundschau geschrieben stand:
Das Aurora-Luxus-Hotel in List auf Sylt sucht zum nächstmögl. Termin Dog-Sitter/in zum Ausführen und Beschäftigen ihrer vierbeinigen Gäste. Sie sollten stressresistent sein, Wind und Wetter trotzen und ein heiteres Gemüt mitbringen.
Spaß und Freude am Umgang mit Hunden Bedingung, alles Weitere unter Handynummer …
»Oh, Tine, das ist ja der Hammer! Gibt es doch noch Wunder auf dieser Welt – gerade erzähle ich dir diese Story und – also eigentlich glaube ich ja nicht an Überirdisches, aber hier scheint gerade so was abzulaufen.«
»Wunder gibt es immer wieder!«, trällerte Tine los.
Luisa warf sich in Tines Arme und wirbelte einmal mit ihr durch die ganze Wohnung.
»O Mann, Tine, jetzt hab ich richtig Hunger bekommen. Lass uns frühstücken, und danach rufe ich auf Sylt an. Die Suppe versalzt mir keiner.«
»Luisa, mir graut vor dir. Du zeigst ja mal richtig Elan. Wow!«, meinte Tina lächelnd.
Beide Frauen umarmten sich, und Luisa bemerkte so etwas wie Aufbruchstimmung.
Endlich, nach viel zu langer Dunkelheit, ein wenig Licht.
Kapitel 4 – Kleiner Wink des Schicksal
Nachdem die beiden Freundinnen nach dem doch recht kopflastigen Morgen einen kurzen Spaziergang unternommen hatten, griff Luisa zu ihrem Handy und wählte die Telefonnummer auf Sylt. Zwischenzeitlich hatte sie sich im Netz schlau gemacht.
Das Hotel, welches inseriert hatte, gehörte einer großen Versicherungsgruppe, wurde auch sehr gern für Tagungen gebucht, doch überwiegend residierte hier die gutsituierte Klientel. Das Hotel genoss einen ausgezeichneten Ruf und lag unweit des Lister Hafens.
Die überwiegende Anzahl der Zimmer verfügte über Meerblick. Das Hotel punktete ferner mit einer Aussicht auf eine einzigartige Dünenlandschaft, herrlichen Spazierwegen und einer sehr ruhigen Lage. Dazu das einzigartige Reizklima, das hatte schon Stil.
Luisa, die die Insel recht gut kannte, war sofort angetan. Von List selbst hatte sie allerdings so gar keine Ahnung. Hier oben war sie nicht so oft gewesen, und wenn dann eben eher im besagtem Hafenviertel, wo man an der nördlichsten Fischbude Deutschlands nicht vorbeikam.
Als sie in ihre Suchmaschine List, Sylt eingab, musste Luisa feststellen, dass sich auch dieser Ort einer großen Wandlung unterzogen hatte. Einige sehr exquisite Manufakturen hatten sich hier niedergelassen, dazu einige elegante Boutiquen.
Zwar kam List nicht gegen Orte wie Kampen, Keitum und Westerland an – aber vielleicht war das auch gar nicht gewünscht. Immer noch war diese unverwechselbare Ruhe und die einzigartige Dünenlandschaft rund um den Sylter Ellenbogen das Highlight, was die Urlauber anzog – weitab vom Trubel genoss man hier die Ruhe, Weite und die Schönheit der Insel.
Noch einmal las Luisa die Anzeige Wort für Wort, verinnerlichte sich den Text. Sie neigte dazu, leicht zu stottern wenn sie aufgeregt war. Das konnte sie in diesem Fall überhaupt nicht gebrauchen. Und sie war total aufgeregt!
»Na dann mal los, mehr als eine Absage kann es nicht geben«, meinte Tine.
Es dauerte nicht lange, da meldete sich eine wohlklingende Stimme: »Hotel Aurora, mein Name ist Maria. Was kann ich für Sie tun?«
»Ja, hallo, mein Name ist Luisa Sart… äh … Tanner, und ich rufe aufgrund ihrer Anzeige wegen dem Dog-Sitter an? Sagt Ihnen das irgendetwas.«
»Ja, durchaus. Ich verbinde Sie mit Frau von Stetten, einen Moment, bitte.«
Da Luisa im Internet recherchiert hatte, fand sie es etwas ungewöhnlich mit der Personalleiterin verbunden zu werden, eher hatte sie angenommen an irgendeine Assistentin dieser verwiesen zu werden, da es ja nicht gerade um einen hochwertigen Job ging, aber umso besser.
Sabrina von Stetten leitete mit ihrem Mann Heiko gemeinsam das Resort – so viel hatte sie bereits herausbekommen. Das Ehepaar von Stetten teilte sich die Aufgaben – Carola von Stetten war für das Personal zuständig, Heiko von Stetten für die Finanzen und den allgemeinen Ablauf in einem Hotel der Spitzenklasse. Soweit die Vita auf der Internetseite des Hotels.
Luisa brach der kalte Schweiß aus. Schwitzflecken bildeten sich unter ihren Achseln. Gott, wann hatte sie sich das letzte Mal auf eine Stelle beworben? Eigentlich noch nie, wenn sie ehrlich mit sich selbst war.
»Von Stetten, was kann ich für Sie tun?«
Luisa wollte etwas sagen, doch ihr Mund war völlig trocken, staubtrocken. Sie räusperte sich kurz und gestikulierte ihrer Freundin, dass sie gern etwas zu Trinken hätte. Tine kam schnell mit einem Glas Wasser.
Nachdem Luisa ein ganz klein wenig ihre Lippen befeuchtet hatte, räusperte sie sich noch einmal und begann: »Guten Tag Frau von Stetten, mein Name ist Luisa Tanner, ich würde mich gern mit Ihnen über die vakante Stelle der Dog-Sitterin unterhalten. Ich hätte Interesse an dem Job - ist er noch frei?«
Frau von Stetten sagte trocken: »Ja, in der Tat ist die Stelle noch frei – ich muss gestehen, dass ich gar nicht damit gerechnet hatte, dass sich auf die Anzeige überhaupt jemand meldet, aber umso besser. «
Sie begann ihren einstudierten Text herunterzurattern. Für den Augenblick hörte Luisa nur zu: »Für den Anfang hatten wir an eine geringfügige Beschäftigung in unserem Hause gedacht. Die Gäste verlangen nach einem Escort-Service für ihre Vierbeiner, diesen sollen sie bekommen – zu einem angemessenen Preis versteht sich. Wir müssen dringend nachziehen. Jedes Hotel, welches etwas auf sich hält bietet diesen Service bereits an – da dürfen wir nicht außen vor stehen. Das vereinbart sich nicht mit unserer geschäftlichen Philosophie.«
Luisa hätte fast gelacht. Hallo, hier ging es um einen Dog-Sitter-Job und nicht um ein Empfehlungsschreiben des Hotels. Doch sie hörte weiter interessiert zu. Frau von Stetten hatte viel zu erzählen, fest umrissen schien das Ganze noch nicht zu sein.
Luisas Sternstunde kam.
»Wie hatten Sie sich denn generell den Ablauf vorgestellt, Frau von Stetten. Ein Gassi-Geh-Service ist, wie Sie selbst erwähnten, bereits Usus auf Sylt und gehört zum guten Ton eines renommierten Fünf-Sterne-Luxus-Resorts, nicht wahr. Sicherlich werden Sie weiterführende Pläne haben, um sich aus der breiten Masse hervorzuheben – denkbar wäre doch beispielsweise ein Spa-Bereich für Hunde?«
Tine zeigte Daumen hoch und war beeindruckt, wie souverän Luisa auf einmal das Gespräch an sich riss, wo sie vorher so holperig begonnen hatte.
»Einen was …?«, jetzt war es Frau von Stetten die sich räusperte, »ehrlich gesagt, darüber haben wir noch gar nicht nachgedacht. Der Job, ist wie gesagt, ja auch erst einmal auf Vierhundertfünfzig-Euro-Basis. Sicher, man kann über Einiges nachdenken, aber grundsätzlich … nun ja. Sind Sie denn grundsätzlich an dem Job interessiert?«, fragte Sabrina von Stetten Luisa, was diese bejahte.
Frau von Stetten fuhr fort: »Sie haben Erfahrung mit Hunden, das hört man schon an ihrer Fragestellung. Sie sollten sich dringend mit unserem Tierarzt, Ole Jansen in Verbindung setzen. Er wäre auch ihr Ansprechpartner nach Stand der Dinge – er hat uns seine Unterstützung zugesichert und sie beide würden sicherlich ein gutes Team bilden um dem Aurora in dieser Hinsicht. Ole faselt zwar viel rum, ist aber im Grunde seines Herzens ein feiner Kerl – wenn ich das mal so sagen darf … also, darf ich auf Sie zählen, Frau Tanner?«
Luisa bestätigte noch einmal ihr Interesse und Frau von Stetten sagte nur noch: »Ja dann …«
Sie erläuterte Luisa weitere Einzelheiten in kurzen prägnanten Sätzen. Zwar ließen diese Luisa leicht erschauern, was alles von ihr erwartet wurde, doch man konnte auch aus diesem Minijob einen Traumjob machen – kam ganz auf die innere Einstellung an und auf die eigene Ideenmaschinerie.
»Also, Frau Tannen es erwarten Sie acht Euro fünfzig Stundenlohn, Kost und Logis sind sehr moderat gehalten … wenn Sie bei uns im Hotel wohnen möchten. Wir haben für unsere Mitarbeiter, die auf dem Festland wohnen oder sich hier keine eigene Wohnung nehmen können, einige Zimmer freigehalten.«
»Wären Sie interessiert?«
»Ja, sehr gerne sogar.« Ihr Herz machte einen Freudensprung.
»Gut, dann würde ich doch sagen, kommen Sie sobald Sie können. Sie sind sozusagen herzlich willkommen. Ehrlich gesagt, sind Sie die Erste und wahrscheinlich auch die Einzigste, die sich auf die Stellenanzeige bewirbt. Aber wir brauchen Sie! Wer will schon die Hinterlassenschaften der Hunde entfernen und sich von sechs Hunden an der Leine hinter sich her zerren lassen.«
»Ich freue mich wirklich sehr, Frau von Stetten, vielleicht sehen Sie das alles ein bisschen zu verkniffen – vielleicht läuft ja alles besser als Sie je gedacht haben – man muss zu den Hunden Kontakt aufbauen, sie spüren lassen wer der Boss ist. Hunde sind soziale Lebewesen – habe ich erst einmal die Aufmerksamkeit des Hundes, erledigt sich Vieles von allein.«
»Na, die Hinterlassenschaften derer ganz sicher nicht«, meinte Frau von Stetten trocken. »Die Tüten, einmal als Wundermittel gepriesen, fliegen mittlerweile überall hier herum. Anstatt dass die Leute sie dahin tun wo sie hingehören, nämlich in den Mülleimer! Jeden Abend rennt unser Hausmeister Kuddel ums Hotel und sammelt dieses elende Zeugs auf. Ekelhaft!«
Offensichtlich schien das wirklich ein Problem zu werden, im feinen Aurora. Zumindest, wenn Luisa den Tonfall der Dame richtig deutete. Sie redete sich ja jetzt schon fast in Rage. Gut für sie.
»Darf ich daraus schließen, dass der Hund nicht unbedingt zu ihren Lieblingstieren gehört?«
»Dürfen Sie. Ich bevorzuge Katzen, die gehen allein aufs Töpfchen und kratzen ihre Hinterlassenschaften auch noch zu – wenn Sie das einem Hund beibringen, haben Sie den Job Ihres Lebens!«
»Und das geben Sie mir schriftlich?« Luisa lachte.
Irgendwie war ihr die Dame sogar sympathisch. Klare Linien, direkt Ansagen. Vielleicht war genau das etwas, was sie gerade brauchte.
»Das würde ich Ihnen sogar schriftlich geben, in der Tat!«, auch Frau von Stetten bewies nun Humor und erzählte noch ein wenig von dem Hotel, der Landschaft Sylts und wo Luisa gut mit den Hunden spazieren gehen könne. »Alles Weitere sollten Sie mit dem Tierarzt besprechen, der sich sehr für diese Erneuerung eingesetzt hatte«, fuhr die Dame fort. »Er hatte dafür plädiert, weil viele Gäste einfach nicht wussten, wohin mit ihren Vierbeinern, wenn sie einmal ausgehen möchten. Wenn dann ein Rückzugsort für die Gästehunde da war, kam dies natürlich wieder dem Sylter Kulturverein oder der Insel zugute. Sozusagen eine WinWin-Situation. Alles in allem recht vielfältige Ansatzpunkte.«
»Ja, das leuchtet mir ein.« Luisa konnte das in der Tat nur bestätigen. Generell fand sie, dass manch Hundebesitzer es ein wenig mit seinen Hunden übertrieb – was jedoch auf einem anderen Papier stand und hier nicht zur Debatte stand.
»Ich sehe wir sprechen eine Sprache – also, was denken Sie, Frau Tanner, wann darf ich Sie auf Sylt erwarten? Ach, ihr Alter, das bräuchte ich noch.«
»Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, frisch geschieden und habe sehr viel Interesse, diesen Job zu übernehmen.«
»Das sollte fürs Erste genügen. «
Luisa sicherte Frau von Stetten zu, am Mittwoch nächster Woche auf Sylt einzutreffen. Sie würde sich bis dato wetterfeste Kleidung kaufen, Gummistiefel, das alles musste natürlich nicht gleich danach aussehen als käme sie direkt von einer Kuhweide.
Reichlich Lektüre zum Thema Hund würde fällig sein und vielleicht noch das eine oder andere Teil was wirklich unumgänglich war. Ansonsten waren die nächsten zwei, drei Monate erst einmal in Sachen Geldausgaben so gut wie gesperrt. Sie musste vorsichtig agieren, denn ihre eiserne Reserve wollte sie anrühren.
»Mensch, das ist doch super gelaufen, Luisa! Wusste gar nicht, dass du so spontan bist! Super!«
Tine fiel ihr um den Hals.
»Na ja komm, ist ja nun nicht gerade der Brüller von Job – aber immerhin ein Anfang!« Luisa ballte die Fäuste. »Hey Tine, ich habe einen Job! Die Frau hat offensichtlich Null-Ahnung wie sie das Ganze aufziehen will – mit einem Tierarzt soll ich mich in Verbindung setzen. Eh, das gibt es doch gar nicht. Gibt es dafür nicht irgendwelche Architekten, oder so etwas?«
Tine wiegte leicht den Kopf. »Wie man's nimmt, meine Liebe. Es ist auch eine Chance für dich, eigene kreative Ideen einfließen zu lassen. Du weißt ja, wenn du erst einmal Blut geleckt hast … ich meine in der Zeit vor deiner Ehe, da hattest du die größte Klappe von uns allen. Sollte das in der Tat so eine Art Pilotprojekt sein, wäre es nicht von der Hand zu weisen, dass die Hotelleitung erst einmal austesten möchte, wie der Service angenommen wird. Dazu könnte unter anderem auch gehören, dass sich die jeweilige Person die eigenen ›Räumlichkeiten‹ selbst gestaltet, gar nicht so abwegig. Sehe ich nicht unbedingt als Gradmesser.« Tine machte eine Pause und meinte dann: »Du weißt doch gar nicht wie die ticken. Die haben sogar einen eigenen Tierarzt … finde ich zum Beispiel schon recht abgefahren.«
Luisa lachte. »Ja stimmt, aber was soll's. Das Hotel ist top, und verschrobene Typen gibt's überall.«
»Tine, ich habe dich so vermisst!« – Luisa umarmte sie und gab ihr einen dicken Kuss auf die Wange.
»Also, let's go! Gehen wir shoppen, essen und ins Kino. Am Mittwoch habe ich meine Freundin, die ich gerade erst wieder in die Arme schließen durfte, schon wieder verloren.«
»Na, komm.« Tine grinste.
»Du bist doch auf Sylt fast genauso zu Hause wie hier in Hamburg. Du warst doch mit deinem Ex oft dort.«
»Eben«, sagte Luisa, deswegen habe ich ein komisches Gefühl. Hoffentlich erkennt mich niemand, ich will das nicht. Ich möchte es aus eigener Kraft schaffen und nicht immer als die Sartor betitelt werden. Aber sag mal, du bist doch selbst halbe Sylterin!«
»Nee, nicht mehr«, meinte Tine, »seit einigen Jahren bevorzuge ich Amrum. Die Insel ist viel gemütlicher, es nicht so trubelig dort und ich kann in meinen Straßenklamotten dort herumlaufen, muss nicht immer so überkandidelte Sachen tragen, wie auf Sylt. Bin nicht so der Typ dafür!«
»Ah ja – und das sagst du mir jetzt, wo ich gerade auf dem Weg auf die andere Insel bin!« Luisa schaute sie gespielt böse an.
»Du, die brauchen auf Amrum keinen Dog-Sitter-Service, das geht da anders ab – die lassen ihre Hunde im Kniepsand laufen, und wenn einer mal etwas einsackt, dann sackt er eben ein, bis jetzt ist da jeder Hund wieder allein rausgekommen. Musst mal hinfahren – auch eine ganz tolle Insel, wie gesagt, sehr nette Leute dort.«
Luisa war schwer begeistert. »Wenn das erste Geld kommt, werde ich ab Hörnum die Tour mal in Angriff nehmen«, versprach Luisa und drückte Tine noch einmal. »Ach Tine, wenn ich dich nicht getroffen hätte, ich glaub, ich wäre abgesoffen.«
»Komm, nun mach jetzt mal kein Drama draus. No Drama, Baby, wie es immer so schön heißt. Du hast meine Telefonnummer gewählt, ich war zufällig an Bord und wir haben zusammen einen Plan geschmiedet. Es ist noch nichts passiert. Du bist der Boss, und du bist am Zug Luisa. Es ist dein privates Ding!«
Ja, jetzt war Luisa am Zug. Und sie hatte den festen Willen diese Stelle, sei sie noch so klein und banal nicht zu versemmeln, sondern sich reinzuknien, sie roch förmlich die Möglichkeiten die sich ihr dadurch bieten würden. Frau von Stetten hatte noch nicht den richtigen Durchblick, was für Potenzial hinter der Idee Rund um den Hund einfließen könnten. Es war eine komplette Maschinerie, die sich da auftat.
Also, wie Luisa das sah, war da durchaus eine Steigerung dieser Geschäftsidee drin.
Aber eines nach dem anderen.
Das Aurora punktete in allem, was der zweibeinige Gast verlangte – da war es doch wohl nicht mehr als recht und billig auch für die vierbeinigen Freunde des Hauses einen gewissen Wohlfühlcharakter zu schaffen und sie nicht nur auf Schaffellen in den Suiten ihrer Menschen schlafen zu lassen.
Luisa war aufgekratzt und fühlte sich seit langer Zeit richtig gut. Tine warf ihr ihre Tasche zu und beide flitzten schnell die Treppe hinunter.
Ein neues Leben begann. Endlich
Kapitel 5 – Einmal Sylt, bitte
Es gibt Tage, an denen sich die Zukunft entscheidet.
Für Luisa war dies der Mittwochmorgen, der schneller kam als ihr lieb war. Schon morgens hatte sie vor Aufregung feuchte Hände und versuchte sich mit Entspannungsübungen zu beruhigen.
Eigentlich muss ich mich doch jeden Tag für irgendetwas entscheiden. Aber nicht für deine Zukunft, Luisa. Diese innere Stimme begann zu nerven. Sie schluckte hart.
In ihrer Handtasche befand sich eine Fahrkarte für eine einfache Fahrt nach Westerland. Luisa hatte nicht die Absicht in der nächsten Zeit zurück in ihre Heimatstadt Hamburg zu kommen. Gestern war ein echt cooler Tag gewesen. Sie hatten Spaß gehabt die beiden Freundinnen. Tine und Luisa hatten im Alsterhaus praktische Kleidung gekauft. Heruntergesetzte Ware – hieß ja heute das ganze Jahr über Sale, aber in der Tat hatten sie einige Schnäppchen ergattern können.
Wetterfeste Kleidung lief selbst im Januar nicht so gut, sie aber brauchte diese dringend, weil sie mindestens vier Stunden am Tag frischen Wind um die Nase haben würde und damit rechnen musste, dass es im Herbst und Winter auf der Insel ganz schön zur Sache ging. Sturm und Regen würden sie und ihre Hunde ganz schön durchpeitschen.
»Nimm noch einen Ostfriesennerz und einen Südwester dazu!«, meinte Tine und lachte, als Luisa in der Tat dazu griff. »Wow, du siehst sexy aus – umwerfend, jeder Mann bekommt da echte Gefühle.«
»Tine, hör doch bitte auf! Ich weiß ja selbst wie bescheuert das aussieht, aber was soll's. Ist halt praktisch! Hey, jetzt hätte ich fast die Gummistiefel vergessen. Alter Schwede! Die sind genauso wichtig.« Sie erstand zwei Paar, auch runtergesetzt – super, schonte die Haushaltskasse.
»Weißt du, Luisa, ich hätte das nicht für möglich gehalten, dass du dich in so kurzer Zeit völlig umkrempeln kannst, ich bin zutiefst beeindruckt.« Tine schmunzelte und nickte anerkennend. »Du kniest dich da echt rein.«
»Tja, ich bin wie ein Chamäleon, ich passe mich den Gegebenheiten problemlos an!« Luisa grinste.
»Nee, im Ernst, Tine, ich habe eine scheißangst! Aber ich weiß, da muss ich durch und ich weiß auch, dass es nicht anders geht als in dieses Haifischbecken zu springen. Also los, komm weiter.«
Luisa kaufte noch eine dickgefütterte Winterjacke und zwei Jeans. Sie liebäugelte noch mit einem Parka, entschied sich aber letztendlich dagegen. Musste ja nicht jeder an der Kasse mitkriegen, warum sie solche Kleidung erwarb, sonst kam noch der Verdacht auf, dass sie irgendwo in die Pampa reiste. Luisa konnte allerdings an einem Kleid nicht vorbeigehen – ein schickes zweiteilig geschnittenes Pailettenkleid, das total gut zu ihren Augen passte.
»Willst du damit den Hunden schönen Augen machen, oder was?«, meinte Tine grinsend. »Vielleicht wollt ihr heimlich eine Strandparty schmeißen. ›Nur für Mitglieder‹ oder so ähnlich.«
»Ach, Tine.«
Luisa kriegte sich vor Lachen nicht wieder ein.
»Eine Superidee, klaro! Vielleicht brauche ich das einfach für mein Ego? Ich habe hier echt coole Gummistiefel, einen total sexy Südwester, einen supercoolen Ostfriesennerz, eine dicke Winterjacke. Alles keine Brüller um einen Kerl unruhig zu machen – hey, vielleicht ergibt sich ja was! Und das Kleid ist eben für die Seele. Basta, aus!«
»Mensch, du hast gerade einen Typen abserviert, fängst du schon wieder an die Fühler auszustrecken. Nichts gelernt, oder was?« Tine sah sie vieldeutend an.
»Wieso gelernt«, meinte Luisa, »man wird doch noch Träumen dürfen? So, nun lass mich den Kram hier bezahlen und dann ab nach Hause, ich habe Hunger.«
***
Luisa, die eigentlich nicht damit gerechnet hatte, dass so viele Menschen in diesen Tagen ihr zu Hilfe eilten, war sehr berührt. Frau Buddenschön war ihr entgegengekommen und hatte ihr die Miete für den Rest des Monats erlassen. Luisa hatte im Gegenzug Frau Buddenschön das karge Mobiliar, welches sie ihr Eigen nannte, überlassen. Die Dame engagierte sich für das hiesige Sozialkaufhaus auf St. Pauli und freute sich deshalb über die Spende.
Luisas Mutter hatte sich um die administrativen Dinge gekümmert. Wenn man wie Luisa ein neues Leben begann, fielen Behördengänge an. An- und Abmeldungen mussten erledigt werden und auch die Unterlagen, welche dem Arbeitgeber vorzulegen waren mussten geordnet werden– um all das kümmerte sich ihre Mutter und Luisa hätte sie dafür küssen können – doch ihre Mutter mahnte, in der Kürze der Zeit hätten sie keine Zeit für irgendwelche Liebesbezeugungen, sie würde sich ihren Liebesbeweis ein anderes Mal von ihrer Tochter holen. Luisa grinste.
Typisch Mutsch.
Eine einzige Mappe barg Luisas bisheriges Leben in sich und eine leichte Wehmut überkam Luisa.
»Verlier die bloß nicht, Kind!«, hatte ihre Mutter sie noch gewarnt, »da ist dein Leben drin, bewahr die Mappe gut auf. Vielleicht nimmst du dir ein kleines Bankschließfach, das ist sicherlich nicht so teuer, dafür aber sicher! Versprichst du mir das?«
Luisa versprach es ihrer Mutter, denn sie selbst hatte schon daran gedacht, die wichtigen Dokumente irgendwo zu hinterlegen, wo sie sicher waren und da bot sich besagtes Bankschließfach einfach als beste Alternative an. Luisa hätte diese Dokumente nicht in ihrer Wohnung aufbewahren mögen. Luisas Mutter war es auch, die für ihre Tochter ein neues Konto bei der Sylter Volksbank eröffnete. Das Gehalt konnte dorthin überwiesen und vielleicht hin und wieder die eine oder andere Zuwendung angewiesen werden. Wichtig war ihrer Mutter, dass die Familie Sartor endlich aus Luisas Leben verschwand, denn Mark kannte sehr wohl die Kontonummer seiner Ex-Frau. Vieles fügte sich nun.
»Danke, Mutsch! Du bist doch die Beste.« Luisa nahm ihre Mutter fest in den Arm und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Ich hab dich lieb!«
»Ja, Mütter und Töchter. Oftmals ein unaufgeräumtes Verhältnis, nicht wahr?«, meinte diese und schluckte doch schwer. Versprich mir einfach, dass du glücklich wirst auf Sylt, okay!«
Auch Luisa musste schwer schlucken, So viele Hände hatten geholfen, dass sie diesen Neustart überhaupt hinlegen konnte. Wahre Freunde kannst du an einer Hand abzählen, hatte einmal ihr Schwiegervater zu ihr gesagt. Wie wahr!
Wahre Freunde, dachte Luisa jetzt, es gibt sie noch, doch du musst sie hüten wie einen Schatz.
Sie freute sich, dass Tine wieder in ihr Leben getreten war, auch über den neuen Kontakt zu ihrer Mutter war sie hocherfreut. Es gab Dinge, die konnte man einfach nicht mit Geld bezahlen. Freundschaft gehörte dazu.
Es ist nicht das Geld das glücklich macht, sondern die Dinge die man eigentlich nicht für Geld kaufen konnte. So oder so ähnlich hatte es schon Albert Einstein geschrieben, erinnerte sich Luisa. Sie fand dieses Zitat auf ihre derzeitige Lebenssituation bezogen sehr passend.
***
Nun also stand sie auf dem Bahnsteig des Hamburger Hauptbahnhofes um nach Altona und von dort mit der Nord-Ostsee-Bahn weiterzufahren. Sie kam sich ziemlich einsam und verlassen vor, es zog wie Hechtsuppe und war zudem unangenehm kühl. Eisig pfiff der Wind um die Ecken.
»Huhu!«
Luisa schaute sich um. »Nein, das konnte jetzt nicht wahr sein!«
Tine hatte es sich nicht nehmen lassen, sich noch einmal persönlich von ihrer Freundin zu verabschieden.
»Oh, Tine, du bist so cool! Du bist die tollste, supernetteste Freundin aller Zeiten. Wenn ich daran denke, was ich in den ganzen fünf Jahren verpasst habe. So viel Spaß hätten wir haben können – stattdessen hab ich dich irgendwo einfach vergessen – ich bin tief beschämt, wie konnte ich nur so blind sein!«
»Ach komm, lass stecken«, meinte Tine, »denk jetzt mal an deinen neuen Job und an deine neuen Freunde, die alten kannst du getrost vergessen. Das hat jetzt erst mal oberste Priorität in deinem Leben, meine Liebe.«
»Luisa, du schaffst das, du bist kein ›No go‹. Komm gib mir mal deinen Koffer, ich fahre dich schnell nach Altona, da brauchst du mit dem ganzen Gedöns hier, sie zeigte auf den doch recht großen Koffer, da brauchst du nicht noch mal umzusteigen. Komm gib das Ding mal her, du kümmerst dich bitte um deine Handtasche und deinen Rucksack, okay?«
Luisa konnte nur nicken und folgte Tine in gebührendem Abstand. Als die beiden Freundinnen den Altonaer Bahnhof erreichten, fing Luisa hemmungslos zu weinen an. Tine nahm sie fest in die Arme und umarmte sie innig.
»Auch ich hasse Abschiede, Süße. Doch denk dran, Sylt liegt nicht in der Karibik. Hey, in zwei Stunden bin ich bei dir.«
Luisa lächelte gequält.
»Hast du mal Sehnsucht - wozu gibt's denn Skype oder WhatsApp. Wir leben doch nicht mehr in der Steinzeit. Also …auf geht’s!«
»Hast recht, Tine … sorry … ist nur gerade so ein emotionaler Moment. Wenn ich angekommen bin, melde ich mich bei dir. Mach's gut. Du warst und bleibst mein rettender Engel!«
Der Schaffner, der die Abschiedsszenerie verfolgt hatte, mahnte nun zur Eile und pfiff bereits dem Zugführer zu.
»Kommt Mädels, nu' ist Schluss«, sagte er, »wir müssen los, sonst gibt's Probleme mit dem Fahrplan, und das wollt ihr doch nicht, oder.«
Zügig setzte sich die Bahn daraufhin in Bewegung und Tine winkte dieser lange hinterher. Solange bis fast nicht mehr zu sehen war.
Luisa Tanner, nun beginnt dein neuer Lebensabschnitt! Versau ihn nicht! Du bist auf dem Weg zu deiner Lieblingsinsel, du wirst eine tolle Dog-Sitterin und sicherlich wirst du auch bald deinen Ex-Mann aus deinem Gehirn verbannt haben. So viele neue Eindrücke warten auf dich und »Hallo!«, es ist erst Januar. Im Sommer bist du angekommen in deinem neuen Leben, Luisa Tanner.
Sie atmete tief ein.
Ja, sie würde ankommen, das war sie vor allem Tine schuldig, die gemeinsam mit Luisa den Schlachtplan entwickelt hatte. Sie konnte ihrer Freundin nicht genug danken.
Das Smartphone summte. Luisa sah auf das Display. Ihre Schwester.
Freudig nahm sie das Gespräch an. »Hi, Katharina, willst du mir alles Gute wünschen?«
»Auch das, Schwesterherz … aber ich wollte dir eine Überraschung mitteilen. Ich komme im Spätsommer nach Sylt. Genaues steht noch nicht fest, doch das Haus Chanel hat dort eine Session und rat mal, wer einen Teil der neuen Kollektion vorführen darf? Na! Na?«
»Ist nicht wahr!« Luisa war platt.
»Du hast es echt geschafft, Katharina. Du gehörst zu den Größten in dem Business! Ich freu mich total für dich. Das ist so … echt, stimmt das wirklich?«
»Klar stimmt das, meinst du ich verarsche dich nach all deinen privaten Schreckensszenarien in der letzten Zeit. In der Sturmhaube ist die Session, so viel weiß ich – du weißt wo das ist?«
»Logo«, meinte Luisa, »in Kampen, stand damals lange leer, aber jetzt – Ehre wem Ehre gebührt, ist schon eine tolle Location! Ich freu mich drauf, dich endlich wiederzusehen, ist verdammt lange her, Kati!«
»Ja, das stimmt, ich wollte dir auch nur Bescheid sagen, weil ich total überrascht wurde. Weißt du, es ist wie ein Ritterschlag, wenn man für das Haus Chanel laufen darf – und ich musste es dir einfach erzählen. Du hast sicher im Augenblick andere Probleme.«
»Ach, komm! Ich freu mich wirklich für dich, Katharina. Man muss auch mal seine eigenen Sorgen vergessen können. Ich freue mich meine Schwester wiederzusehen, ich hoffe du erkennst mich noch.«
»Och, das ist doch kein Problem. Es machte Pling … und prompt war ein Selfie von Katharina auf Luisas Smartphone angekommen.
»Ein Hoch dem technisierten Zeitalter!«, lachte Luisa, »man kann doch wirklich nichts mehr verbergen. Hey, Katharina, du hast einen Pickel auf der Nase!«
»Waas?«
»Hilfe!«
»Angeschmiert!« Luisa lachte und verabschiedete sich von Katharina. Der Zug begann langsamer zu fahren.
»Mach's gut, Schwesterherz, ich liebe dich«, sie drückte einen Kuss auf ihr Smartphone und Luisa musste grinsen. So emotional hatte sie ihre Schwester selten erlebt. Sie war immer diejenige gewesen die Biss und Ehrgeiz entwickeln konnte, die regelrecht brannte, wenn sie irgendetwas erreichen wollte.
Nun war es an Luisa nachzuziehen.
Sie musste einfach die Chance ergreifen.
***
Villa der Familie Sartor, Elbchaussee – zur selben Zeit
Nils Sartor wartete mit Ungeduld auf das Eintreffen von Frau von Brelie, Luisas Anwältin, die er zu einem Gespräch geladen hatte. Lange hatte er darüber gegrübelt ob er das Richtige tat, doch gegen seine Gefühle hatte man oftmals keine Chance – und so gelangte Nils Sartor zu der Ansicht, dass er die richtigen Schritte für sich einleitete, die anderen konnten ihm gestohlen bleiben.
Frau von Brelie war auf die Minute pünktlich und Nils Sartor begrüßte sie mit ausgesuchter Höflichkeit. Die beiden waren sich auf Anhieb sympathisch.
Nils Sartor war ein Grandseigneur und genauso benahm er sich auch: »Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten, verehrte Frau von Brelie bevor wir in unsere Verhandlungen eintreten? Kaffee, Tee, vielleicht einen Orangensaft?« Er schaute sie fragend an.
»Ein Tee wäre wundervoll.«
Frau von Brelie bedankte sich, fragte sich allerdings seit geraumer Zeit, weswegen Nils Sartor sie hergebeten hatte. Nun, er würde es ihr sicherlich gleich sagen.
»Ich habe Sie hergebeten, verehrte Frau von Brelie, um mit Ihnen etwas zu besprechen und abzuhandeln was – darum muss ich Sie vorab ersuchen – sie bitte für sich behalten werden. Niemand muss davon erfahren, solange ich unter den Lebenden weile. Nicht meine Frau, auch nicht dieser Luftikus von Sohn. Das müssen Sie mir versprechen.«
Frau von Brelie zog die Augenbrauen hoch – der Tee, der mittlerweile gebracht worden war, schmeckte vorzüglich.
»Es handelt sich doch hier nicht etwa um ein kriminelles Delikt, dann allerdings müsste ich Sie enttäuschen, Herr Sartor«, schmunzelte sie maliziös.
»Gott bewahre!« Der alte Mann schüttelte vehement den Kopf. »Nein, nein, ich habe vor, mein Testament neu zu verfassen. Ich möchte meiner Ex-Schwiegertochter Luisa die Hälfte meines Vermögens vermachen. Wie Sie sicher verstehen, liebe Frau von Brelie, können wir das natürlich nicht an die große Glocke hängen. Ich habe also Ihr Wort? Der Mantel des Schweigens sozusagen?«
Frau von Brelie stutzte, sagte aber nichts. Sie hatte Nils Sartor im Gerichtssaal einer Analyse unterzogen und war zu der Erkenntnis gekommen, dass diesem Mann alles zuzutrauen war. Allerdings auf eine Neuverfügung eines bereits bestehenden Testaments – darauf war Sie nicht vorbereitet gewesen. Respekt!
»Sie haben meine volle Unterstützung und auch mein vollstes Verständnis für Ihre Vorgehensweise«, sagte Frau von Brelie. »Auch ich mag Luisa sehr gern, sie hat sehr viel Rückgrat bewiesen als sie alles ausschlug, nur um endlich wirklich frei zu sein. Vieles hatte ich damals versucht ihr auszureden, aber sie beharrte auf ihre Grundsätze.«
Darmowy fragment się skończył.