Czytaj książkę: «Ein ganz böser Fehler?»

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Table of Contents

Titel

Impressum

"... The life is a show, and the show must go on."

Ich danke Angie, Mona und Micha für ihre Hilfe

Vorwort

Das Jahr 1990 ist angesagt, 3. August. Ein Jahr des totalen Umbruchs in Deutschland. Das sozialistische System der DDR musste sich geschlagen geben, zeig­te, dass es der Marktwirtschaft unterlegen ist. Den Menschen hatten sich plötzlich die Grenzen geöffnet, jetzt konnten sie Leute wiedersehen, von denen sie geglaubt hatten, vor Jahrzehnten wäre es das letzte Mal gewesen. Auch die Währungsreform war vollzo­gen, die Ostdeutschen nannten seit einem Monat Geld ihr Eigen, welches Wert in der ganzen Welt besaß. Nur die politische Einheit fehlte noch, doch die war auch schon in Sicht, sollte noch im gleichen Jahr über die Bühne laufen. Alles schwelgte in Verzückung, freute sich über die neue Freiheit, die es auszukosten galt.

Wiedergeburt

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Leben oder Tod?

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„Und geht mir mit Eurer Mitleidsheu­chelei nicht immer aufn Sack!“

Ein ganz böser Fehler?

Ein ganz böser Fehler?

Krüppelmemoiren I

von

Mike Scholz

Autobiographie

Impressum

© 2018 Mike Scholz

E-Mail: amoebi@gmx.de

Mobil: 0162 295 30 68

Coverdesign: Irene Repp

https://daylinart.webnode.com/

Bildrechte: © Gary Gray - 123rf.com; © Zacarias Pereira Da Mata - 123rf.com;

© nanypw - 123rf.com; © Jakub Gojda - 123rf.com

Satz: Jana Walther

Verlag & Druck: epubli

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Ver­lages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbe­sondere für die elektronische oder sonstige Verviel­fältigung, Überset­zung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

"... The life is a show, and the show must go on."

(Queen)

Ich danke Angie, Mona und Micha für ihre Hilfe

und grüße sie alle.

Vorwort

Ich hoffe, dass diese Geschichte denen nützt, die in einer ähnlichen Lage sind, wie ich es war. Meine Er­fahrung besagt, dass Ärzte – ganz gleich welchen Fachgebietes – meistens zum Patienten sagen: "Riskie­re nichts, es wird schon werden." Doch wie, das sagen sie einem nur ganz selten. Wenn man dann al­les daran setzt, seine Regeneration zu verwirkli­chen, auch Niederlagen (Stürze mit deren Folgen) wegste­cken kann, ohne dass man wegen Angst vor weiteren in sich zusammenfällt, dann schafft man es auch.

Ich war 21, als der Unfall passierte. Normalerwei­se – ich nehme es zumindest an – bekommt man dann von jeglicher Seite Unterstützung. Bei mir war aber das genaue Gegenteil der Fall: Höflichkeitsphrasen, die mir dann, als ich es merkte, auf den Geist gingen, waren von den meisten die einzige Hilfestellung, die sie mir zuteilwerden ließen.

Aus diesem Grund soll sie auch Freundeskreisen, die davon betroffen sind, zeigen, dass Behinderte noch eine Gefühlswelt haben und der Mensch immer noch ein Rudeltier ist; und Eltern könnten daran er­kennen, wie man es nicht machen sollte.

Dies sind meine Memoiren, keine Fiction–Ge­schichte. Und Memoiren sind dazu da, es so zu be­schreiben, wie es wirklich gewesen ist. Auch, wenn es manchmal sarkastisch bis makaber ist, sollte man doch immer bedenken, Umwelt beeinflusst den Men­schen. Und in manchen Situationen wird man ge­zwungen, so zu reagieren! Eine Chance hätte es für mich nie gegeben, wäre ich ein ruhiger Typ. – Das ist vor kurzem von jemand Unbeteiligtem gesagt wor­den. – Ich möchte auch auf keinen Fall mit erhobe­nem Zeigefinger dastehen. Deswegen ist dies kein rei­ner Krankenreport. Obwohl dies eine gewichtige Rol­le spielt – logisch, denn darum geht es ja. Aber es geht auch um das Umfeld, was für einen Menschen sehr, sehr wichtig ist. Und wenn einige daraus etwas für sich entnehmen können, bin ich schon zufrieden. Und wenn man noch darüber lachen kann – super. Denn Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

So, und nun viel Spaß beim Lesen.

Das Jahr 1990 ist angesagt, 3. August. Ein Jahr des totalen Umbruchs in Deutschland. Das sozialistische System der DDR musste sich geschlagen geben, zeig­te, dass es der Marktwirtschaft unterlegen ist. Den Menschen hatten sich plötzlich die Grenzen geöffnet, jetzt konnten sie Leute wiedersehen, von denen sie geglaubt hatten, vor Jahrzehnten wäre es das letzte Mal gewesen. Auch die Währungsreform war vollzo­gen, die Ostdeutschen nannten seit einem Monat Geld ihr Eigen, welches Wert in der ganzen Welt besaß. Nur die politische Einheit fehlte noch, doch die war auch schon in Sicht, sollte noch im gleichen Jahr über die Bühne laufen. Alles schwelgte in Verzückung, freute sich über die neue Freiheit, die es auszukosten galt.

Auch die Insassen eines Trabants, welcher gerade auf die Autobahn Löbau–Dresden am Burkauer Berg auffährt. Auch sie wollen die Möglichkeiten der neu­en Freiheit genießen, wollen nach Augsburg fahren, um Karten für ein Thrash-Metal-Konzert zu holen.

"Gib Stoff!", fordert Mike, der Beifahrer, den am Lenkrad sitzenden Frank auf.

"Hier wird gebaut. Deswegen nur sechzig erlaubt."

"Scheiße!", knurrt Mike. Und legt die Füße auf das Handschuhfach, greift nach einer Zigarette, zuckt je­doch im gleichen Augenblick davor zurück, da er mit Rauchen aufhören will; wirft dafür einen Blick nach hinten auf den Rücksitz, wo Pia, seine Freundin, halb sitzt, halb liegt. Und er betrachtet sie genüsslich, kann sich sehr gut an den Freudentaumel der letzten Nacht erinnern, als er mit ihr das erste Mal schlief. Denn ob­wohl sie erst sechzehn ist, kann sie doch schon jedem Mann den Kopf verdrehen – mit ihren üppigen prallen Rundungen, an denen er sich laben konnte. Aber trotzdem! Mike – der gerade bei der Armee ist und kurz vor seiner Entlassung steht, welche am 24. Au­gust stattfinden soll (endlich, wie er findet) – wird da­nach für ein Jahr als Betreuer in die USA gehen und hat nicht die Absicht, sie dorthin mitzunehmen. Und er weiß auch, warum er Pia nichts davon erzählt, sie hier zurücklassen will: Er ist nicht in sie verliebt! Op­tisch sieht sie in seinen Augen zwar unheimlich gut aus, doch was sie außen mehr hat, fehlt ihr dafür im Kopf – findet nicht nur er. Und deswegen ist für ihn eine Bindung an sie auf ewig unmöglich.

"Ab Dresden wird die Autobahn besser", lässt sich Frank wieder vernehmen. "Ab da können wir dann schneller fahren."

"Ich werde jetzt schlafen", meldet sich Pia. Und auch Mike schließt die Augen, will ein Nickerchen machen. Denn der Sensenmann erhebt sich bereits mühsam ächzend, um die Toten für ihrem all–mitter­nächtlichen Rundgang aufzuwecken.

Plötzlich fängt Frank an, unflätig zu fluchen. Wor­auf Mike wieder die Augen öffnet, denn das ist nicht Franks Art.

"Was ist los?", fragt er verwundert.

"Na gucke mal durch die Scheibe!", kräht Frank wütend dagegen.

Mike setzt sich dazu auf. Wünscht sich jedoch im gleichen Augenblick, lieber unten geblieben zu sein. Denn draußen versucht sich ein Polski Fiat als Lü­ckenspringer, überholt einen anderen Trabant, der sich mit ihrem Wagen auf gleicher Höhe befindet.

Frank flieht vor der drohenden Kollision auf die Parkspur. Verliert aber nicht die Kontrolle über sei­nen Wagen und schickt sich nach weiteren Flüchen an, seine Fahrt fortzusetzen.

Es rumst kurz. Glas klirrt. Dann ein aufbrüllender Motor, der plötzlich abstirbt. Und ein anderer, der ei­ligst verschwindet. Pia schreit auf: "Haltet an! Haltet an! Da ist was passiert!"

Frank stoppt den Wagen ab. Mike lugt durch die Heckscheibe, sieht jedoch nur rote Augen, die sich langsam schließen. Und ein paar helle Blitze, die ein Laser über den Horizont jagt. Doch sonst alles dun­kel, wie in einer tiefen Grube auf einem verlassenen Fabrikgelände.

*

Mike ist ausgestiegen und läuft zurück, um sehen zu können, was da passiert ist.

Frank, der seinen Motor abgestellt hat, folgt ihm.

Wie von Geisterhand geschaffen tritt unvermutet ein Anblick aus der Dunkelheit hervor, der ihren Drang weiterzulaufen, stoppt, sie aber auch nicht zu­rückgehen lässt, an Ort und Stelle in Erstarrung treibt: Der andere Trabant steht quer zur Fahrbahn, belebt ihre Vorstellungen eines Trümmerhaufens: Scherben liegen weit verstreut auf der Straße, aus dem Nichts kommendes Licht spiegelt sich in den Zacken der Au­toscheiben, die Heckklappe hat sich halb abgeschert und gewährt Einblick in die gähnende Dunkelheit des Kofferraums, Eingeweide des Wagens lugen um die Ecke; niemand bewegt sich darin, obwohl deutlich zu sehen ist, dass es zwei Insassen gibt.

Mike erwacht zuerst aus seiner Erstarrung. "Renn schnell zurück und hole Verbandszeug", weist er Frank an. "Und sage Pia, dass sie drin sitzen bleiben soll", fügt er noch hinzu. "Habe keine Lust, dass sie mir den Buckel voll kotzt."

Frank rennt los. Derweil ruckt Mike die Beifahrer­tür auf.

Eine korpulente ältere Frau schaut zu ihm – nein, nicht zu ihm, sondern zu irgendeinem entfernten Punkt hinter ihm. Und Blutbläschen blubbern stoß­weise in unregelmäßigem Rhythmus aus ihrer Nase heraus. Der Fahrer aber schaut niemanden mehr an; er klebt mit dem Kopf am Lenkrad, dazu dringt qualvol­les Stöhnen aus seinem weit geöffneten Mund.

"Und, was ist?", will Frank wissen, als er zurück­kehrt.

Mike weist nach innen: "Gucke es dir an."

Frank riskiert einen kleinen Blick. Doch gleich darauf hält er sich würgend und heftig nach Luft jap­send die Hand vor den Mund, saugt danach mit gieri­gem Röcheln die kühle Brise der Nacht in seine jetzt nach Erlösung schreienden Lungen. "Ich kann kein Blut sehen", gesteht er weinerlich, "davon wird mir immer soo schlecht."

"Mist, dann muss ich die Alte auch noch alleine raushieven", zeigt Mike sich wenig begeistert.

Doch dann fasst er zu. Schleppt unter Ächzen die Frau zum Straßenrand, wo er sie in eine stabile Sei­tenlage legt und nachschaut, ob er bei ihr irgendwo Verband anlegen muss. Da er aber nichts findet, rennt er zurück zum Fahrer des Wagens.

Frank spurtet zu diesem Zeitpunkt den Berg hinauf, hat das Den-Kommenden-Wagen-Zeichen-Geben über-nommen.

Kurze Zeit später kommt ihm der erste entgegen. Frank winkt – irgendwie, aber wie, das weiß er selbst nicht – und stellt erleichtert fest, dass der Opel Kadett das Winken bemerkt und richtig gedeutet hat. Frank schaut ihm nach, sieht, wie der Opel hinter Mike langsam vorbeituckert und dann nach der Unfallstelle anhält, die Warnblinkanlage blitzt auf.

Mike hat sich über den Fahrer gebeugt. Dabei be­merkt er, wie hinter ihm ein Wagen entlangfährt und dann irgendwo hält. Doch Mike kümmert sich nicht darum, ist vielmehr konzentriert auf den vor ihm lie­genden Mann, fragt sich, ob er es wagen soll, ihn auch herauszutragen; ist sich jedoch nicht so schlüs­sig darüber. Darum richtet er sich wieder auf und lässt hilfesuchend seinen Blick umherschweifen.

Frank hat sich wieder der Bergkuppe zugedreht und will weiter auf sie zurennen. Doch da kommt der nächste Wa­gen. Und der fährt mit hoher Geschwin­digkeit. Ein Merce­des ist es, erkennt Frank und fängt an zu winken.

Wiederum steigt in ihm Befriedigung auf, als er bemerkt, dass der Mercedes abbremst – er hört die Reifen quietschen. Aber plötzlich – der Mercedes ge­rät ins Schleudern.

Frank weiß noch nicht, was er davon halten soll.

Dann hört er, wie der Motor von einer starken Gas­peitsche getroffen aufjault, seinen geraden Weg fortsetzt. Und nun ist kein Bremsenquietschen mehr zu vernehmen. Er rast jetzt mit voller Geschwindig­keit auf Frank zu!

Dessen Augen weiten sich vor Erstaunen, gepaart mit Entsetzen. Nun hämmert es ihm durch den Kopf: Spring! Spring! Der Wagen hält nicht an! Spring!

Frank hebt ab. Dabei scheint es ihm, als wenn er in Zeitlupe segeln würde, Kopfschmerzen bekommt er; nur eine Hoffnung macht sich in ihm noch breit: Mike bemerke es und fliehe rechtzeitig. Dann landet er im Straßengraben.

Dort liegt er still mit schmerzenden Knochen und sieht nicht, was nun abläuft auf der Straße, hört es aber – ein Orgeln und Stampfen und Kreischen und Schreien, wie er es noch nie gehört hat, und nie mehr hören möchte. – Er hält sich die Ohren zu.

Mikes Blick bleibt an dem nun haltenden Opel hän­gen. Er sieht, wie die Warnblinkanlage angeschaltet wird, hofft, dass ihm der Fahrer helfen kann. Doch im gleichen Moment ertönt hinter ihm ein wildes Gehu­pe, Scherben knirschen, verraten, dass sie mit riesiger Geschwindigkeit überrollt werden. Dazwischen das immer wiederkehrende hysterisch–entsetzte Schreien von Pia: "Mike! Mike!"

Nun dreht er den Kopf in Richtung der Geräusch­kulisse. Sieht einen schleudernden Mercedes auf sich zurasen. Will wegspringen.

Kurz nach dem Absprung spürt er, wie sein Körper von etwas Hartem erfasst wird. Dann wird es dunkel. Nur ein Gedanke schießt noch in seinen Kopf und bleibt in ihm stehen:

Das war's!

Wiedergeburt

„So close no matter how far …” (Metal­lica)

1

Dunkelheit

schwarzer Raum – kein Empfinden – existieren?

Dunkelheit

Plötzlich – ein Lichtblick

Wie von einem Blitz getroffen entsteht ein Gleißen in meinem Kopf, zeigt mir überdeutlich und unabänder­bar ein Bild, in dem ich nur der objektive Zuschauer bin, meinen Körper sehe, in ihm aber nicht darinste­cke: Er sitzt in einem Wagen, welchen es hin und her schüttelt.

Doch ehe ich nach diesem Bild greifen kann, es mir möglich ist, die Bewandtnis dieses Bildes zu er­gründen, entfleucht es wieder. Und um mich herum senkt sich wieder der Schleier der Dunkelheit.

*

Plötzlich flammt das Licht wieder auf. Und diesmal weiß ich, wo ich bin: Im 'CK', einer Disko, wo ich mich öfters blicken lasse. Und stecke dort mitten in einer Schlägerei. Doch obwohl ich viele Schläge ein­stecken muss und ich hin und her wanke, wird mir klar, ich bin wieder nur Beobachter. Der Körper dort unten wehrt sich, versucht zurückzuschlagen; doch ich bin völlig unbeeindruckt davon, spüre keine Schmerzen, kein Wutlodern in mir, auch keine Reak­tion, es juckt mich einfach nicht! Jetzt wird er auf eine Bank gedrängt und dort festgeklemmt, gleichzeitig droht das Bild wieder zu entfleuchen. Ich will es diesmal festhalten, suche eine Möglichkeit dazu. Doch – auf einmal etwas anderes. Ich schaue mich um. Gibt es hier irgendwo eine Kamera, welche sich umgeschwenkt hat? Ich richte meinen Blick wie­der auf das sich vor mir abspielende: Sehe erneut ihn, diesmal auf einem Bett, an den Händen angeschnallt, zerrend und heftig reißend an seinen Fesseln. Und ich bin jetzt wieder drin im Körper, spüre das Festhalten an den Händen, spüre, dass ich versuche, mich zu be­freien.

Es ist doch mein Körper!

Nach einer Weile halte ich erst einmal inne, um wie­der Kraft sammeln zu können. Schaue mich derweil um und erkenne, dass mir der Raum bekannt ist. Nur woher? – Plötzlich, als wenn die Erkenntnis darauf gewartet hätte, bis ich mich mit diesem Thema befas­se, um dann zu erscheinen, flüstert sie mir zu, dass ich mich im Bett der Wohnung befinde, in der ich neunzehn Jahre lang lebte. Doch warum? Vor einem Vierteljahr zog ich um. Und wer und warum hat man mich angeschnallt? Ich hasse es, in der Freiheit be­schnitten zu werden!

Ich versuche wieder, die Gurte zu zerreißen. Ver­suche es mit aller Kraft, die mir zur Verfügung steht. Versuche es erneut und noch einmal.

Trotz der Vereinigung des Körpers mit mir – nichts. Ich resigniere. Das Leuchten vor meinen Au­gen wird auch wieder schwächer. Doch diesmal kann ich es nicht festhalten, bin ja der Beweglichkeit mei­ner Hände beraubt.

Die Dunkelheit nimmt mich wieder in Besitz, bet­tet mich ein in die Wogen ihrer Unendlichkeit.

*

Wieder das Leuchten. Erst ein Glimmen, dann die Leuchtkraft von vorhin, dann – es strahlt richtig. Sagt mir, dass ich in der Wirklichkeit sein muss. Ich fühle mich auch als Bestandteil dieses Körpers, der auf die­sem Bett liegt.

Sind meine Hände immer noch angeschnallt? Ich hebe die linke Hand: okay; die rechte: Nanu? Was ist das? Sie lässt sich nicht bewegen! Ist sie noch ange­schnallt? Nein. Und doch ... Was ist hier los? Und was ist das für ein Zimmer? Kann mich nicht erin­nern, es irgendwann mal gesehen zu haben. Und was ist das für ein Bett, in dem ich hier liege? Kann mich auch nicht erinnern, jemals reingestiegen zu sein! Wo bin ich? Was wird hier gespielt??

Zwei junge Frauen treten in den Raum. Beide se­hen sehr gut aus, doch – ich kenne sie nicht! Will sie auch deswegen fragen, was hier eigentlich los ist.

"Wo bin ich hier?"

"Können Sie uns hören?", werde ich statt einer Antwort gefragt. Und mir wird auf einmal klar: Ich habe nicht ein einziges Wort ausgesprochen. Nicht ei­nes.

Ich schaue die beiden Frauen an, verdutzt und un­gläubig. Kann es nicht fassen, dass ich nicht sprechen kann. Und das gerade ich, wo ich doch so eine abso­lute Quasselstrippe bin.

Die eine Schwester beugt sich besorgt über mich.

Das kann sie ruhig öfters machen. Denn was da in ihrem Ausschnitt leuchtet, sieht nicht schlecht aus. Außerdem duftet sie verführerisch.

"Ich kann das nicht verstehen", teilt sie der ande­ren mit. "Sein Puls ist in Ordnung, atmen tut er auch, rollt mit den Augen. Wahrscheinlich ist sein Gehör auch verletzt."

"Nein, das ist okay!", will ich schreien, aber auch jetzt entringt sich meinen Lippen kein einziger Laut.

Nur in meinem Kopf entstehen die Worte.

Wütend will ich mit dem rechten Arm auf das Bett schlagen. Werde jedoch sehr schnell und schmerzlos daran erinnert, dass der Befehlsverweigerung betreibt.

"Hörst du uns?", werde ich noch einmal von der über mir gebeugten Frau gefragt.

"Ja!" – Scheiße, geht nicht! – Ich nicke.

"Wie geht es dir?"

Wie soll es mir gehen? Beschissen! Vor allem, weil ich nicht weiß, was hier abläuft! – Ich zucke mit den Schultern.

"Schlaf ruhig weiter, du bist jetzt über den Berg." Sie lassen mich wieder allein.

Berg? Was für ein Berg? Bin ich Bergsteigen ge­wesen? Mache ich doch normalerweise gar nicht. Aber was ist hier normal? Ich kann nicht sprechen, den rechten Arm nicht bewegen – das muss ein Traum sein, ein schrecklicher Alptraum. Und die bei­den jungen Damen sind Glücksfeen. Was haben sie gesagt? Schlafen? Aber ich schlafe doch schon. Aber vielleicht meinen sie richtig schlafen. Mmh, okay. Jetzt richtig schlafen und dann richtig erwachen. Und diesen Alptraum vergessen.

Ich lasse mich in die Dunkelheit zurückfallen.

*

Eine Stimme schlägt in mein Bewusstsein: "Heute ist Freitag, der neunzehnte August."

Mit einem Schlag bin ich hellwach. Überlege, was ich gestern gemacht habe. Überlege und überlege, zermartere meinen Erinnerungsspeicher. Doch der hüllt sich in Schweigen. Deswegen beschließe ich weiterzuschlafen. Ich träume noch!

*

Wieder Stimmen. Eine davon kommt mir bekannt vor.

"Ist es besser geworden mit ihm?"

"Er ist heute Vormittag erwacht." Das ist die Stim­me der vorhin über mich Gebeugten.

"Und jetzt? Ist er jetzt auch wach?"

Woher kenne ich diese Stimme bloß? Es will mir nicht einfallen!

Die mir Bekannte kommt herein. "Mike, bist du wach?", fragt sie mich.

Ich nicke. Richte dann wieder erwartungsvoll mei­nen Blick in Richtung Eingang. Will endlich wissen, wem diese Stimme gehört.

Sie holt eine Frau herein. Und auch so, wie die Frau aussieht, ist sie mir bekannt. Also: "Wer ist das?".

Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Au­gen: Na klar, meine Mutter! Die sich jetzt mit mit­leidsvollem Blick und fast schüchtern zu mir wendet.

"Hallo Mike. Erkennst du mich?", fragt sie mich leise, als wenn die Stasi mithören würde, und jeden Buchstaben betonend.

Ich nicke. Und fühle mich plötzlich geborgen und mit Wärme umhüllt, obwohl sie mich nicht anfasst. Nur – ich finde es schön, ein mir bekanntes Gesicht zu sehen.

"Ich darf dir noch nichts mitbringen, aber das wird sich bald ändern. Morgen komme ich wieder. Tschüss."

Ich greife mit der linken Hand nach ihrer – fürch­terlich langsam bewegt sich diese –, bekomme sie zu greifen; dann fange ich an, sie zu streicheln. Ein Schleier legt sich vor meine Augen.

Nach einer Weile geht sie mit dem Versprechen wiederzukommen. Ich aber fühle mich durch diese Begegnung zu ihr so hingezogen, von ihrer Wärme so überwältigt, dass alle Fragen nach dem wie, warum und was überschattet werden und diese Gedanken an meine Mutter die Herrschaft in mir übernehmen. Ich schlafe wieder ein.

*

Die Augen geöffnet schaue ich mich sofort um. Und erblicke etwas Neues.

Es war also doch nur ein Traum!

Ich juble innerlich.

Dann – Rückfall ins andere Extrem. Ein schmerz­volles Stöhnen will sich mir entringen, doch findet es keinen Ausgang, lässt dafür alles in mir verkrampfen: Wie oft träume ich diesen Scheiß noch? Hört das denn niemals auf? Werde ich denn niemals wach? – Ich liege in einem anderen Zimmer, einem Mehrbett­zimmer, wo weitere sechs Menschen liegen. Und an meinem linken Arm hängt ein Schlauch.

Was soll denn das Ganze? ist das eine Klapper und ich soll stillgelegt werden?

Ich betrachte mir den Schlauch genauer. Stelle fest, dass er nirgendwo angeschlossen ist, einfach nur am Arm baumelt.

Hä? Hää? Was soll denn der dort?

Ich will ihn abreißen, denn er stört mich. Doch mit der linken Hand bekomme ich ihn nicht zu fassen. Die rechte – ich habe den linken Arm hinübergelegt – kann nicht zugreifen. Was nun?

Mir fallen die Zähne ein. Darum führe ich den Arm zum Mund und zerre den Schlauch heraus. Was zwar ein bisschen schmerzt, trotz dessen fühle ich mich jetzt viel freier.

Von irgendeinem Mitbewohner des Zimmers wird geklingelt, worauf eine – Ich wette hundert zu eins, dass ich mich in einem Krankenhaus befinde. Bloß – warum bin ich hier? – Krankenschwester erscheint: "Den Schlauch brauchst du aber noch."

Ich versuche zu antworten, will andeuten, dass dies Blödsinn ist – ich schüttle den Kopf.

Nichtsdestotrotz versucht sie aber, mir den Schlauch wieder anzulegen, hat allerdings nicht mit meiner Gegenwehr gerechnet. Sie kommt nicht an meine linke Hand heran, da ich sie immer wieder wegziehe.

"Ich muss wohl deine Hand erst festzurren!", droht sie wütend.

Ich tippe an meine Wange.

Verwundert schaut sie mich an.

"Na gut, auf deine Verantwortung", schränkt sie dann ein. "Aber wenn es nicht geht, kriegst du ihn so­fort wieder dran." Ich grinse.

Warum soll es nicht gehen? Es hat, und dann wer­den wir weitersehen.

*

Essen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mit der lin­ken Hand zu löffeln. Denn auch davon bleibt die rechte unbeeindruckt.

Ich weiß immer noch nicht, was ich hier eigentlich soll. Man scheint hier gar nicht daran zu denken, mich mal zu informieren. Könnte ich reden, würde ich einen Aufstand machen, dass der Sturm auf die Bastille als friedliche Demonstration erscheint. Aber das kann ich nicht! Träume ich vielleicht doch noch? Nee, dazu ist alles hier zu echt. Kann es der Wirklich­keit aber trotzdem nicht zuordnen! Alles konfus hier, unerklärbar, surreal! Ich hänge zwischen den Stüh­len! Eine Scheißstellung ist das. Muss sogar daran zweifeln, ob ich es wirklich selber bin.

Das Essen schmeckt aber sehr gut; ich muss da­nach feststellen, dass der eine Teller für mich nicht reicht. Also wird noch einer verlangt.

Die Schwester schaut mich zweifelnd an, dann holt sie mir Nachschlag. Allerdings ist der so gering, dass der ebenfalls nicht ausreicht, nicht ausreichen kann. Ich verlange noch einen.

"Was, du willst noch einen?? Wo isst du denn das hin?"

Ich zeige feixend auf meinen Bauch. Ich bin ein schlanker Typ – schnuppere schon am Zustand des Dürrseins –, weshalb es ihr wohl auch etwas unklar ist, wie ich das verzehren konnte und immer noch nicht genug habe.

Sie betrachtet mich ungläubig, holt mir aber noch einen weiteren, der diesmal dick belegt ist.

Nachdem ich den auch verspeist habe, lächle ich befriedigt. Sie jedoch kann es nicht fassen. Schaut vom Teller auf mich und wieder zurück; dann zieht sie kopfschüttelnd ab. Aber wenn es so gut schmeckt, dann ist es doch wohl normal, dass man ein bisschen mehr isst. Und genau dies habe ich heute getan.

*

Am Abend erzählt man mir, dass meine Mutter ges­tern dagewesen wäre. Aber ich hätte geschlafen.

Die wollen mich wohl auf den Arm nehmen, ich war doch gestern wach!

Kurz darauf höre ich im Radio die Datumsangabe: "Es ist Sonntag, der 2. September."

Sonntag heute? Gestern war doch Freitag, also was soll das? Oder ist dem nicht so? Das gibt es doch aber gar nicht! Eigentlich müsste heute Sonn­abend der 1.9. sein. Was ist hier los? Wollen die mich etwa verscheißern? Es macht denen hier wohl Spaß zu sehen, wie ich meiner Freiheiten beraubt bin! Ja, jetzt habe ich es: Man hat hier bestimmt das Radio manipuliert, es irgendwo angekoppelt, um mich im Ungewissen zu lassen. Ich soll nicht hinter die Büh­nenvorhänge gucken können. Eindeutig. Ich könnte dabei ja etwas für die nicht so Angenehmes entde­cken. Ja, die wollen mich verscheißern, ist sonnen­klar!

2

Am nächsten Tag glaube ich, der Zeitpunkt ist ge­kommen, von hier zu verschwinden. – Ja, danke, es war wunderschön hier. Doch es ist nichts nach mei­nem Geschmack; darum winke–winke. – Ich fühle mich munter und frisch genug, misslingen also ausge­schlossen.

Aufrichten. Muss dabei bemerken, mein Kopf zit­tert wie im Sturm befindliches Espenlaub. Doch im Moment kann ich dagegen nichts tun, also ab in den Hinterkopf damit.

Der Fußboden vor mir scheint eben, begehbar zu sein.

Auf einmal registriere ich, wie irgendein Blick auf mir ruht. Ich hebe den Kopf, lasse meinen eigenen umherkreisen – dann: Ein älterer Patient beobachtet mich argwöhnisch. – Spinnt der? Was hat denn der zu gucken? Der ist wohl neidisch? Na, was soll's; mich juckt es ja eh nicht. Weiter geht es.

Die Beine stoßen die Bettdecke weg und stellen sich auf. Rechts ist das noch etwas komisch, aber egal jetzt. Eeh, wenn ich hier erst einmal raus bin, nicht mehr unter dem hiesigen Einfluss stehe, dann wird sich das schon geben.

In dem Moment – es klingelt. Verdutzt schaue ich mich um – der Alte hat geklingelt. Mistbock. Schleu­nigst wieder ins Bett.

Eine Schwester kommt hereingerannt. "Wer hat geklingelt?", will sie wissen.

Der ältere Patient meldet sich: "Ich war's. Der Jun­ge da drüben war aufgestanden."

"Ist irgendwas nicht in Ordnung?", wendet sie sich an mich.

Ich gucke ganz unschuldig und zucke mit den Schultern.

"Okay, aber mache das nie wieder!"

Kaum ist sie weg, schnellt mein Körper wieder in die Höhe.

Es klingelt.

Ich lasse mich wieder zurückfallen und werde so wütend, dass ich ihm den Hals umdrehen könnte, wäre er in meiner Reichweite: Scheinbar will der sich als Amme aufführen. Hat der nicht mehr alle? Doch was bleibt mir anderes übrig? Ich muss nach wie vor gute Miene zum bösen Spiel machen, die Schwester ganz unschuldig anlächeln. Wird nur mit jedem Mal schwerer.

Die gleiche Schwester wie vorhin. Der Hilfsauf­passer reckt nur seinen Finger in meine Richtung, worauf sie sofort zu mir weiterläuft.

"Also wenn ich wegen dir noch einmal gerufen werde, passiert was!", schreit sie mich an. "Dann schnalle ich dich wieder fest!"

Darauf zu nicken, fällt mir schwer, doch ich tue es. Muss es tun, denn sonst passiert das sofort; man kann erkennen, dass sie dazu bereit ist.

Nach ihrem Weggang beobachte ich erst einmal meinen Aufpasser, um erfassen zu können, wann sich mir eine reelle Chance zum Aufstehen und Abhauen bietet.

Nach einer langen Weile – einer unendlich langen Weile; kostbare Zeit geht mir dadurch verloren – hat er vom mich Anstarren genug und wendet sich ab.

Jetzt!

Wie auf einem schlappen Trampolin liegend kata­pultiere ich mich aus dem Bett. Ein Schritt, der zweite – plötzlich knicke ich mit dem rechten Bein um und lande unter dem Bett.

Es klingelt. Ich mache mir nicht erst die Mühe des Aufstehens.

Die Schwester kommt wieder hereingerannt und stürmt sofort auf mein Bett zu. Und ich kann mir vor­stellen, dass ihr Gesicht jetzt zorngerötet ist, die Blut­adern pulsierend hervortreten wie bei einem, der so­eben gehenkt wird.

Nach einem längeren Augenblick erscheint ihr Ge­sicht in meiner Höhe. "Was soll das? Du willst dich wohl völlig umbringen?" Ihr Gesicht ist tatsächlich hochrot.

Ich fange an zu grinsen. – Soll ja helfend sein, habe ich gehört. – Was sie dazu animiert, es mir gleichzutun. – Sieht so richtig niedlich aus. Das an­dere stand ihr nicht.

"Und, wie kommst du jetzt wieder hoch?"

Eh, mache dir darum mal keine Sorgen.

Ich bedeute ihr mit einer einladenden Geste, sich neben mich zu legen; worauf sie mir aber ein Stirn­runzeln herüberschickt.

Kann sie das Zeichen nicht richtig interpretieren oder ist es ihr unterm Bett zu unromantisch?

Da sie die Frage nicht hört, kann sie auch nicht antworten. Bedauernd zucke ich deswegen mit den Schultern; schnappe mir danach mit links eine Bett­stütze und ziehe mich hoch, wobei sie mir hilft.

Oben lasse ich mich erleichtert ins Bett fallen. Muss dabei erstaunt feststellen, dass das unnormal an­strengt, Höchstleistungen von mir abfordert. Was aber nicht heißt, dass ich es nie wieder machen werde. Ob­wohl sie mir eine "letzte Warnung" gegeben hat und ich angeschnallt sein als beschämend empfinde.

Es klingelt.

Diesmal schimmert kein Lächeln auf den rosigen Wangen der Schwester, ihr Gesicht ist eine starre Maske, durchpulst von übermächtigem Ergrimmen. Mir wird klar, jetzt ist der Zeitpunkt der Hinrichtung gekommen, jetzt brauche ich nicht erst die unschulds­volle Miene aufzusetzen, jetzt hätte sie keinen Sinn mehr.

"Jetzt reicht es! Jetzt wirst du angeschnallt!", be­stätigt sie meine Befürchtung.

Ich will dagegen was sagen; muss aber wieder mal feststellen, dass ich vergessen habe, dies ist unmög­lich – zurzeit, denn ich bin fest davon überzeugt, dass es mir wieder gelingen wird. – Ich greife zu meiner einzigen Kommunikationsmöglichkeit – schüttle hef­tig den Kopf wie bei Rock'n Roll.

Sie ignoriert es.

Ich balle die linke zur Faust und wehre mich. Sie ruft eine zweite Schwester herbei; nun liegt das Ka­ninchen auf der Schlachtbank.

*

Wieder allein. Angeschnallt an der linken Hand. Ich bin ein Schwerverbrecher, der im Zuchthaus an den Ketten hängt und auf seine Hinrichtung wartet. Meine Wut, sie wird unvorstellbar groß, wächst immer wei­ter, so dass es mich schon fast selber vor ihr graust: Wenn ich reden könnte, würde ich den dafür schuldi­gen Alten so belegen, dass er sich unterm Bett ver­kriechen müsste und die Maden in seinem Gesicht verschwänden. Doch es gibt kein Abflussventil für meine Wut! Nicht durch den Mund, nicht durch die Hände! Oder doch? Meine rechte Hand ist nicht fest­geschnallt; man nimmt ja an, ich könne sie nicht rüh­ren. Doch niemand hat bedacht, dass die Finger ein bisschen beweglich sind. Damit müsste es doch ge­hen, nicht? Okay, ich versuche es. Und wenn ich es geschafft habe, was mache ich dann: dem Alten erst eine reinziehen oder gleich verduften?

Ich bekomme tatsächlich die beiden Hände zusam­men, zumindest soweit, dass ich mit der rechten den Gurt berühre, muss ihn nur noch aufbekommen.

Immer wieder habe ich es versucht, und es gelang mir auch, den Gurt zu lockern. Doch gelöst hat er sich nicht. Weil mir das Gefühl in der Hand fehlt. Was mache ich nur? Was? Sollte das schon alles gewesen sein?

Die Schwester kommt herein und schaut nach, ob mein Gurt noch sitzt.

Ja, Frau Wärterin, meine Fessel ist noch dran.

Sobald sie wieder verschwunden ist, versuche ich es noch einmal wie vorhin.

Wieder nichts. Doch so schnell werde ich mich nicht unterkriegen lassen.

Plötzlich fällt mir eine vielversprechende Möglich­keit ein.

Ich führe meinen Kopf an den Gurt, fasse diesen mit den Zähnen. Und – ääh, schmeckt furchtbar be­schissen – er löst sich tatsächlich. Immer weiter.

Die Schwester kommt schon wieder herein. Sieht den nun fast gelösten Gurt.

"Das kann doch wohl nicht wahr sein", stöhnt sie auf. "Das kann es doch nicht geben! Vor dir ist wohl gar nichts sicher?" Und will mich wieder festbinden.

Ich gebe es auf. Lege meine linke zur rechten Hand, was als Zeichen dafür gilt, dass ich ein Nicker­chen machen will. Denn nur, wenn ich die Notlicht­lampe hinter meinen Lidern beschaue, kann ich schla­fen.

Sie gewährt mir die Erholung.

*

14.00 Uhr. Ein älterer Mann in weißem Kittel wird mir vorgestellt. Er soll mich bei meiner Krankengymn­astik anleiten. Ich weiß zwar nicht, was Kran­kengymnastik beinhaltet und warum die bei mir ange­wandt wird, doch der Mann ist sympathischer Natur, schnell fasse ich Vertrauen zu ihm.

"Guten Tag! Wie geht es?", fragt er mich als ers­tes.

Ich weiß nicht, ob ich den Daumen heben oder senken soll, also lächle ich.

"Jetzt machen wir erst einmal paar Tests und dann schreiten wir zur Tat."

Er schaut nach, wie die Beweglichkeit meiner Arme und Beine aussieht: Das linke Bein kann ich ein paar Zentimeter anheben, rechts ist die ganze Seite katastrophal – kein Drehen, kein Heben, keine Bewe­gung, nichts. Warum?

*

Am Ende dieser Krankengymnastik bin ich schon in der Lage, das rechte Bein einen Mikrometer anzuhe­ben.

Wow, super! Wenn ich bedenke, dass ich vor nicht allzu langer Zeit im Stehen das Knie bis zur Brust brachte ... wow, Superleistung! – Er bescheinigt mir das auch. – Eeh ich weiß zwar nicht, warum ich hier liege, doch ich bin schon in der Lage, das rechte Bein und auch den Arm soweit anzuheben, dass sie nicht einstauben. Und mit dem linken Bein kann ich schon tieffliegende Mücken jagen. Und wenn ich die zur lin­ken Hand treibe, kann ich sie sogar erschlagen. Wow, was bin ich glücklich! Der glücklichste Augenblick in meinem Leben!!! – Scheiße hoch ... ich weiß nicht, wie viele Nullen.

Als er dann fertig ist, einigen wir uns noch darauf, dass er – wenn es geht – zweimal am Tage kommt.

*

Wieder allein. Ich liege im Bett und stelle zum ersten Mal fest, wie langweilig es hier ist. Habe auch nichts zum Lesen. Normalerweise vertreibe ich mir die Zeit immer damit, aber hier – Fehlanzeige. Was dann?? Üben, was er mir gerade gezeigt hat? – Affig, okay, denn wenn es mir gelingt, hier abzuhauen, ist das mit den unbeweglichen Beinen und Armen eh gegessen; doch irgendwas muss man ja tun gegen dieses scheiß-nagende Scheusal, das sich Langeweile nennt.

*

Meine Mutter lässt sich wieder mal blicken, bringt ein junges Mädchen mit, dass ich sofort als meine Schwester erkenne.

"Hallo Mike, wie geht es dir?"

Ich lächle. Bin froh darüber, Besuch zu bekom­men. Denn es ist mein einziger Kontakt zur – Außen­welt? Wenn ich hier wirklich in einem Kran­kenhaus liege, kann es ja nur die Außenwelt sein.

Meine Mutter hat Saft und Früchte mitgebracht, übermittelt mir Grüße von Leuten, an die ich mich so­fort erinnern kann: ehemalige Lehrer, frühere Klas­senkameraden. Doch was jetzt für mich primär ist: Ich will endlich was über den letzten Monat erfahren!

Darum starte ich einen Versuch, mich mit Gesten verständlich zu machen. Die aber nicht verstanden werden, auch nicht von meiner Schwester, obwohl sie krampfhaft versucht, sich in meine Sprache hineinzu­versetzen. Allerdings glaube ich, dass selbst ich mei­ne Gesten nicht verstanden hätte, wenn ich nicht wüsste, was sie bedeuten.

Plötzlich habe ich einen neuen Einfall: Na klar, ich werde einfach das, was mich bewegt, aufschrei­ben.

Nachdem ich mir Stift und Zettel habe bringen las­sen, erscheinen die ersten Striche auf dem Papier. Und da ich Rechtshänder bin, schon immer mit rechts schrieb, versuche ich es auch automatisch mit rechts. Doch – weit komme ich damit nicht. Ich kann den Stift einfach nicht festhalten! Wenn ich ihn ansetze, muss ich immer ohnmächtig und von Grausen erfüllt sehen, wie er mir wegrutscht, wie er gegen meine Finger drückt und dann zwischen ihnen hervortritt wie beim Seewolf die zerquetschte Kartoffel, weil sie keinen Gegendruck erzeugen können.

Oh no! Sollte ich etwa überhaupt keine Möglich­keit mehr haben, meine Fragen in die Öffentlichkeit zu bringen? Ich kann nicht sprechen! Ich kann keine Zeichensprache! Ich kann nicht schreiben! Ich kann nichts! Nichts!! Nichts!!! Bin ich auf Ewigkeit dazu verdammt, in meiner eigenen Traumwelt zu leben, in ihr ständig isoliert zu sein, weil ich sie niemandem vermitteln kann??

"Mike, versuche es doch mal mit links!", reicht mir plötzlich meine Schwester einen Vorschlag herüber. Einen brauchbaren, glaube ich.

Ich versuche es. Muss dabei feststellen, das Schrei­ben klappt, nur – selbst ich kann es nicht lesen.

Meine Mutter und meine Schwester natürlich auch nicht. Darum versuche ich es noch einmal, krakle diesmal ganz, ganz langsam, Strich für Strich sorgfäl­tig ausführend, Punkt für Punkt besonnen nachdrüc­kend. Sieht auch etwas besser aus; doch – auch jetzt können sie sich nicht hineinversetzen.

Sie rufen eine Schwester; die schaut es sich kon­zentriert an, kommt dann dahinter: "Wie komme ich hierher?"

Ich juble innerlich, könnte der Schwester um den Hals fallen: Du bist ein Schatz! Die ersten Worte von mir, seit ich hier drin bin, die das Tageslicht erbli­cken.

"Das erfährst du nächste Woche", sagt meine Mut­ter. "Jetzt wäre es noch zu zeitig dazu."

Ich glaube, mich verhört zu haben: Warum will sie mir das verheimlichen?

Plötzlich durchzuckt mich ein Schatten, der mir zuflüstert, ich hätte schon vor meinem Hiersein nicht das beste Verhältnis zu ihr gehabt. Aber das warum, wieso, weshalb usw.. bleibt im Dunkeln. Nur katapul­tiert es mich zögerlich doch stetig zu der Überzeu­gung, dass sie die Ursache für diesen Schlamassel ist: Vielleicht will sie mich wieder an sich binden, damit ich ihr den Dreck wegräume.

Ich stutze: Woher kommt dieser Gedanke schon wieder? Und spüre, dass sich irgendetwas hinter die­sem Blitz verbirgt, irgendeine Wahrheit, vielleicht ir­gendetwas mich aufklärendes, zu dessen Schloss ich aber den Schlüssel nicht finden kann, vielleicht nie mehr finden soll und deshalb nie mehr finden werde.

Wütend schaue ich vor mich hin. Die Wärme, die ich so wohltuend empfand, hat sich in Luft aufgelöst; wenn ich meine Mutter ansehe, fühle ich, wie Erinne­rungen an die Oberfläche wollen, nur noch keine Öff­nung finden. Und ich muss ehrlich sagen: Ich habe Angst vor den Erinnerungen; und doch gelüstet es mich, den Schleier von ihnen herunterzureißen, mich den sicher existierenden Komplikationen zu stellen.

Meine Mutter und meine Schwester – sie nimmt mein Geschriebenes mit, um sich mit ihm vertraut machen zu können – gehen wieder; mit dem Verspre­chen, auch morgen wiederzukommen.

3

Sonntag, 9. September. Früh.

Wie jeden Morgen ist Visite angesagt. Die Ärzte sind bei mir angekommen, schauen sich die Papiere an. Dann fragen sie mich, ob es mir gut gehe. Dabei erwarten sie bestimmt wieder, dass ich ein Zeichen gebe. Aber ich will unbedingt endlich antworten, habe es noch nicht aufgegeben.

"Ja."

Sie schauen ganz verdutzt.

Ich bin es auch.

"Was?"

"Gu." Dazu lächle ich sehr zufrieden. Endlich wie­der einen Ton gesagt.

"Er kann wieder sprechen! Er bessert sich weiter!" Die Überraschung und auch die Freude darüber ist den Ärzten anzusehen.

Mein Lächeln wird verschmitzt, tue so, als könnte ich es schon lange, habe es ihnen nur die ganze Zeit nicht verraten.

"Und jetzt weiter üben, damit es nicht wieder ver­schwindet!", ermahnen sie mich im Weggehen noch.

Mein Wortschatz ist leider noch nicht groß genug, um fragen zu können, was hier eigentlich los ist. Im Kopf sind die Wörter klar, doch mit der Artikulation klappt es noch nicht so. Also halte ich ein paar Mono­loge ab, damit er sich erweitert. Aufzustehen stellt jetzt kein Priorität für mich dar, das Sprechen ist wichtiger.

*

Am Nachmittag kommt meine Mutter mit einem hüb­schen Mädchen, die ich irgendwoher kenne; aller­dings nicht weiß woher.

"Hall."

Meine Mutter stutzt. "Mike, du kannst ja wieder sprechen! Das ist also die Überraschung, von der die Schwestern sprachen."

Nicken. Und ich genieße ihre Verwunderung. Denn ich war es ja auch mal, wenn ich es auch mitt­lerweile als die selbstverständlichste Sache der Welt ansehe. – Ist ja eigentlich auch völlig normal, dass ein Mensch spricht. Noa??

Während sie auspackt, was sie mir mitgebracht hat, schaue ich mir das Mädchen genauer an: Sie lä­chelt freundlich, ich spüre wieder diese wonnige Wär­me, die aber diesmal nicht von meiner Mutter ausgeht und auch eine andere ist.

Woher kenne ich die bloß?

Meine Mutter bemerkt diesen Blick. "Kennst du sie?", fragt sie mich deswegen.

"Jaaa", bin ich noch am Überlegen.

"Und wie heißt sie?"

Eigentlich habe ich ja ein gutes Namensgedächt­nis, aber hier? Richtig peinlich so was. Also muss ich raten, was soll's: "Dianaa."

"Nein, Pia. Und sie ist deine Freundin. Weißt du das noch?"

Aha, sie ist meine Freundin. Daher kenne ich sie also. Und Pia heißt sie? Soso. Na ja, Hauptsache, meine Freundin.

"Ja, kese." Damit verschwindet das Fragen in mei­nem Blick. Ich schnurre.

In dem Gesicht meiner Mutter blitzt kurz ein Aus­druck der Enttäuschung auf. Doch der ist sofort wie­der verschwunden.

Warum ist sie enttäuscht? Verbirgt sie irgendet­was vor mir? Sie will mir nicht sagen, warum ich hier bin, ist enttäuscht, dass ich meine Freundin wieder erkenne ...

DAS LETZTE STÜCK DRECK!

Was war das? Was hat das schon wieder zu be­deuten? Keine Ahnung, doch später werde ich mich darum kümmern.

*

Meine Mutter macht sich zum Aufbruch bereit. Wo­hingegen Pia jetzt richtig auf den Plan tritt: "Wie geht es dir, Mike?"

"Gan gu", schaue ich ihr jetzt tief in die Augen.

"Soll ich wiederkommen?"

Ich möchte antworten "natürlich", bekomme aber nur ein Nicken heraus. Kann dafür aber weiter lä­cheln.

"Ich mache jetzt los, Mike." Ruhig und beschwö­rend redet sie auf mich ein, wie ein Dompteur auf sei­nen tierischen Schützling. – Bin ich ein angeschlagene­s Raubtier? – Sie gibt mir noch einen Kuss auf die Wange; ich nehme ihre Hand, streichle diese. Dann geht auch sie.

Pia heißt sie also. Kann mich zwar nicht erinnern, jemals eine Pia gehabt zu haben, aber der Name ist ja auch nicht so wichtig. Wichtig ist nur, dass ich je­manden liebte und liebe – Oder lieben werde? Habe ich mit ihr eigentlich schon gepennt? Oh peinlich, das will mir auch nicht einfallen. Kenne ich doch überhaupt nicht von mir. Erst weiß ich den Namen nicht, dann weiß ich nicht, ob ich mich schon mal von ihr habe verführen lassen ... eeh bin ich überhaupt Mike Scholz? Es nützt nichts, ich muss mal irgend­wann demnächst in den Spiegel gucken. Doch was ist, wenn ich nicht Mike Scholz bin??

4

Montag, 10 September. Nachmittag.

Pia ist da. Allein. Vorhin waren meine Mutter und meine Schwester hier, wobei meine Mutter den Vor­schlag ablehnte, mich aus dem Bett zu nehmen und in einen Stuhl zu setzen. Überhaupt kam es mir so vor, als wenn sie heute nur zur Pflichterfüllung hier gewe­sen wäre; lediglich meine Schwester zeigte Anteil­nahme, versuchte, mein Gekritzeltes zu entziffern. Doch dem jetzigen Augenblick messe ich viel mehr Bedeutung bei: Ich habe Pia gefragt, warum ich hier bin.

"Hat dir das noch niemand gesagt?", fragt sie un­gläubig.

Ich schüttle den Kopf. Zwar hatte ich mal bei den Schwestern nachgefragt, doch so richtig Auskunft ge­ben konnten sie mir auch nicht. – Oder wollten nicht?

"Gut, dann werde ich versuchen, es dir zu erklären. Allerdings weiß ich auch nicht allzu viel davon: Also, du hast versucht, anderen, die einen Unfall hatten, zu helfen. Dabei bist du angefahren worden. Das ist al­les."

Wovon spricht sie – ich wäre angefahren worden? Davon weiß ich doch gar nichts. Vor allem, ich bin doch ein vorsichtiger Typ. Wie kann mir das also passieren? Fragen über Fragen. Sie hat mir zwar eine beantwortet, dadurch sind aber wieder eine Menge neuer aufgeworfen worden.

"Wasa si äh äh abspiel?"

"Ich kann dir auch nicht mehr sagen, ich saß mit dem Rücken dazu."

Sie war also dabei, doch sie weiß auch fast nichts. Oder soll ich bloß eingelullt werden? Nee, glaube ich nicht, dass sie mit meiner Mutter unter einer Decke steckt. Weiß nicht warum, doch ich glaube es nicht. Also dürfte sie die Wahrheit gesagt haben. Doch – wie soll man das kombinieren? Schlussfolgerungen – no chance. Ich begreife es nicht. Kann es nicht be­greifen. Will es nicht begreifen? ist es wirklich so ir­rationell? Wieder mal weiß ich es nicht, so wie ich zurzeit eigentlich nichts weiß. Nichts wissen soll? Doch, eines weiß ich: Ich werde dahinterkommen, werde die Geheimnisse lüften! Egal, ob es mir oder jemanden anderen weh tun wird. Ich werde es wis­sen!

*

Beim Abschiednehmen werden wir uns darüber einig, dass sie mich aller zwei Tage besuchen kommt. "Uno­rallm ohne mei Mutte. Ich möch mi diralleisein uni ständi ihr lände Gsich deiham." Denn plötzlich kann ich mich wieder daran erinnern, dass ich in mei­ner Kindheit wie das letzte Stück Dreck behandelt wurde: Ich durfte jeden Mist machen, um dann doch nur Prügel dafür zu bekommen. Gelobt – kann mich nicht erinnern, jemals gelobt worden zu sein. Meine guten Leistungen in der Schule – uninteressant. Von Bedeutung war nur meine Ordnungszensur, ständig 'genügend'. Aber ich wurde doch dazu animiert! Sie selbst war und ist eine große Schlampe! Saubere Wohnung – Fremdwort für sie. Dafür spielte sie al­lein immer so ein beklopptes System von Mensch-är­gere-dich-nicht. Oder machte Kreuzworträtsel.

Ich spüre, dass da noch mehr in meiner dafür re­servierten Kammer auf einen Ausbruch wartet. Was wird es noch sein, was mich dann völlig von ihr ab­stößt?

5

11. September. Vormittag.

Diesmal habe ich es geschafft aufstehen; wenn auch nur mit Mühe und Not. Und stehe jetzt neben dem Bett. – Da meine Aufpasseramme entlassen wor­den ist, kann ich mir das ohne Probleme leisten. Die anderen gucken nur misstrauisch und als ich ihnen sage, dass sie nicht klingeln sollen, drehen sie sich wieder ab. – Jetzt Lauscher ausfahren, denn ich möchte bei meinem Ausreißversuch nicht gestört wer­den.

Doch niemand ist zu hören. Schnell noch ein letz­tes Mal umschauen – von den anderen Patienten ach­tet keiner auf mich, also kann ich starten.

Der erste Schritt. Der zweite. – Dabei halte ich mich aber lieber fest, denn ich bin ja schon lange nicht mehr gelaufen.

Überraschend kommt plötzlich eine Schwester her­ein. – Innerliches Aufstöhnen – habe sie gar nicht ge­hört –, dann lasse ich mich grinsend ins Bett zurück­fallen.

"Na, wo willst du denn hin?", fragt sie mich.

"Lieg is äääh lanweil."

"Jetzt bleibst du erst einmal liegen, gleich gibt es Mittag."

Nachdem sie mich gefragt hat, wie viel ich will (was jeden Tag passiert), dreht sie wieder ab.

Na gut, das Mittagessen wird noch abgewartet, dann geht es auf Tour.

*

Nach der Mittagsruhe richte ich mich wieder auf und strecke mein Ohr wieder in Richtung Außenterrain: Stille.

Ich stehe auf.

Jetzt ein Schritt nach dem anderen – langsam, fest­haltend.

Dann vorn am Bett. Doch da sich mein Bettaus­gang an der Wandseite befindet, muss ich um das Bett herum, also an der Fußseite entlang.

Der erste Schritt, noch einer – plötzlich knickt mir das rechte Bein weg. – Wieder das rechte! Was ist nur los mit ihm?

Schnell versuche ich, mich am Bett festzuklam­mern, was aber auch schief geht. Ich falle, purzele al­lerdings geruhsam unter das Bett.

Zum Fluchen komme ich nicht einmal, da die an­deren Patienten sich mir interessiert zuwenden.

"Ni kling, ich schaffsallee!", zische ich schnell, da­mit es draußen niemand mitbekommt. Und ächze mich schnellst möglichst unter mühsamer Aufbrin­gung aller Kräfte ins Bett zurück.

*

Nach einer dringend benötigten Verschnaufpause ste­he ich wieder auf. Rechts vom Bett steht ein Stuhl, den ich erst mal ansteuern will, um mich dort kurz er­holen zu können. Er steht aber nicht genau am Bett, sondern ich muss erst vom Bett wegtreten. Aber zu­erst um das Bett herum.

Noch langsamer als vorhin, noch vorsichtiger, denn ich kenne ja nun die Unteransicht des Bettes, brauche sie nicht noch ein drittes Mal zu besichtigen, meine Augen kleben fast am Fußboden.

"Phhh, gschafft."

Jetzt noch zum Stuhl und dann wäre der erste Ziel­ort erreicht. Doch wie mache ich das am besten?

Ich bleibe stehen, denke nach. Und nach einer kurz­en Weile fällt es mir ein: Immer an der Wand lang, na klar!

An der Wand stehend schätze ich den Raum bis zum Stuhl ab: Circa einen Meter. Doch alles frei um ihn herum, keine Möglichkeit zum Festhalten. – Den Meter schaffe ich auch noch, wäre ja gelacht, wenn nicht.

Wankend, schnell das linke Bein wieder zum Stand bringend – wobei mir mächtig die Kraft aus­geht –, erreiche ich den Stuhl und lasse mich er­schöpft auf ihn fallen; wobei mir klar wird, dass ich erst mal eine Weile sitzen bleiben muss, um wieder Kraft zu tanken. Trotzdem – den ersten Teil habe ich geschafft!

Eine Schwester kommt herein. Verdutzt schaut sie mich an.

"Wie bist du denn in den Stuhl gekommen?", schaut sie sich misstrauisch um.

"Gloufe", bekommt sie lakonisch von mir zu hö­ren. Und genieße dabei wohlig die von ihr ausge­strahlte Überraschung.

"Willst du bis zum Abendbrot im Stuhl sitzen blei­ben?"

Ich nicke, hätte augenblicklich auch nicht die Kraft aufzustehen und zu flüchten. Außerdem wäre es jetzt völlig sinnlos abzuhauen, da es ja gleich was zu mampfen gibt. Denn zu dem Zeitpunkt laufen zu viele herum.

6

Mittwoch, 12 September. Morgens.

Nach dem Frühstück bin ich wieder mal dabei, mich in den Stuhl zu bugsieren, nur hilft mir diesmal eine soeben eingetretene Schwester.

Eigentlich könnten wir ja gleich weiterlaufen; wo­bei ich ihr natürlich nicht erzählen darf, dass ich ab­hauen will.

"Könntst Laufübung mitir mach, Schwesterchn, äh hm?" – So nenne ich alle hier befindlichen Kranken­schwestern.

"Was für Zeug?"

"Laufübu--ngen. Od meinst, ich wi ew so rum-äh-hoppen?"

Sie schaut mich ungläubig an, dann grübelt sie nach.

"Heute Mittag, eher habe ich keine Zeit", ist sie sich dann schlüssig geworden. "Außerdem brauche ich noch jemanden dazu."

Das letzte Phonem spricht sie gar nicht mehr rich­tig aus, dreht schnell ab und verschwindet – wahr­scheinlich, damit mir nicht noch mehr einfällt.

*

Ich warte und sitze, sitze und warte – furchtbar lang­weilig. Auch habe ich keine Ahnung, wie spät es ist. Ohne Uhr ist das schlecht möglich (meine Mutter ist der Meinung, ich brauche keine) und eine innere Zeit­uhr besitze ich nicht. Ergo gehe ich den Schwestern, immer wenn sie kommen, gehörig auf den Geist, for­dere stets Laufübungen, gebe keine Ruhe mehr – ir­gendwann muss es ihnen doch mal zu bunt werden und irgendwann müssten sie mir doch mal den Wunsch gewähren.

*

Schließlich werde ich erhört: "Auf geht's, jetzt ist die Laufübung dran."

Sofort werde ich nervös, fühle eine nervliche An­spannung in mir. Doch wahrscheinlich ist es immer so, wenn man etwas heiß ersehnt und nach endlosem Warten endlich erhält. Deshalb achte ich auch nicht weiter darauf; und einen Rückzieher zu machen kommt sowieso nicht in Frage.

Sie heben mich an den Armen auf die Füße: Ein herrliches Gefühl, ohne festhalten wieder auf den ei­genen Beinen zu stehen. (Die Schwestern halten mich an den Oberarmen, so dass ich die Hände nicht ir­gendwo dagegenstemmen muss.)

Der erste Gang in Richtung Tisch. Manchmal kni­cken mir die Beine weg, aber es muss weitergehen, denn schließlich will ich ein Ziel erreichen. Dabei merke ich aber, dass es ohne Hilfe noch (!) nicht ge­hen würde. – Also muss ich weitertrainieren! Das ist die einzige Möglichkeit!

Vom Tisch aus laufen wir zurück zum Bett. Doch dabei zeige ich rapide Verschleißerscheinungen, die letzten Schritte schleiche ich nur noch. Und wären nicht die Schwestern, dann würde ich schon lange wütend auf dem Boden liegen.

"Na, es reicht wohl erst einmal", sagt eine der Schwestern. "Du kannst jetzt sowieso eine Pause ma­chen, es gibt nämlich gleich Mittag."

"Bist du zufrieden, Mike?", will die andere wissen.

"Für erst äh ja. Da aber ni heess, dass grad die letzt äh Tour war. Wann kommtirn heut wiede?"

"Das musst du unserer Ablösung sagen. Wir ma­chen nach dem Mittagessen Schluss."

"Daserd ich. Ihr könnt euch äh drauf verlass."

Sie lachen wissend und lassen mich zurück ins Bett plumpsen.

*

Unfern vom Abendbrot wird mit mir endlich die nächste Laufübung gemacht. Und bei der erreichen wir gerade den Tisch, als meine Mutter erscheint.

"Bringen Sie ihn bitte zurück ins Bett", weist sie die Schwestern an.

Fassungslos, mich endlos aufregend, erschreckt starre ich sie an: Die spinnt wohl! Ich bin froh, dass ich aus dem Bett raus bin!

Strohdo...

Strohdoof? Strohdoppelgeil? Oder was war das? War es vielleicht wieder die besondere Kammer, die brauchbare Informationen über meine Mutter ent­hält?

"Waruniin Stuhl?", grollt es konfrontationsbereit in meiner Stimme.

"Im Bett geht es leichter, auch für dich."

Ich bin entsetzt, entsetzt über so viel Dummheit. Doch jetzt stehen mir die Schwestern bei: "Er kann in den Stuhl, er ist schon fast den ganzen Tag dort. Und gestern war er auch."

Meine Mutter wird rot. – Nichts mit bestimmen über mich! – "Na gut, ich wusste das nicht", lenkt sie zerknirscht ein.

Ich aber muss erkennen, dass in Bezug auf sie wie­der eine Erinnerung gekommen ist: Erst fiel mir ein, dass sie meine Mutter ist, dann, dass ich von ihr als Kind wie das letzte Stück Dreck behandelt wurde, und heute, dass sie einen Dachschaden hat. Langsam öff­net die Kammer "Persönlichkeit meiner Mutter" ihre Pforten.

Nach ein paar Grußübermittlungen und dem Hin­weis, dass sie morgen nicht kommt, verschwindet sie wieder. – Habe ich vielleicht an ihrer Ehre gekratzt?

7

Donnerstag, 13. September. Vormittag.

Ich sitze schon eine Zeit lang im Stuhl und warte darauf, dass mit mir wieder eine Gehschule gemacht wird. Doch die Schwestern haben mich darauf hinge­wiesen, dass ich mich gedulden müsse, da ich nicht der einzige Patient wäre. Was ich auch verstehe. Doch Geduld – was ist das??

Aber siehe da – nur wenig Zeit ist vergangen, da kommen zwei Schwestern herein und wenden sich mir zu: "Möchtest du ans Fenster?"

Ich brauche nicht lange zu überlegen: "Nisch äh dageg." Eine willkommene Abwechslung.

"Aer", erinnere ich sie noch, "nisch die Gehschule vergess."

"Die lässt du uns ja gar nicht vergessen. Also, auf zum Fenster.

Unterwegs schüttle ich meine Latschen ab, denn bei jedem halben Schritt fallen sie mir von den Füßen, sind dadurch äußerst hinderlich, blockieren mir lau­fend den Weg.

"Hast du keine anderen, Mike?", werde ich gefragt.

"Hier ni. Zu Hause äääh normweis ja. Ich frag ma mein Mutter."

"Mach das. Du brauchst dringend Schuhe. Die Lat­schen hier sind für dich nicht geeignet."

Und nachdem sie mir diese geholt haben, lassen sie mich am Fenster sitzen.

*

Draußen ist es sonnig. – Das wäre die richtige Zeit, um etwas zu unternehmen. Was habe ich an solchen Tagen immer gemacht? – Ach, darüber sich jetzt ei­nen Kopf zu machen, ist eh affig, denn man kommt ja hier doch nicht raus, zumindest nicht ohne Schwierigk­eiten. Was ist das eigentlich für eine Ge­gend hier? Ich glaube, die habe ich schonmal gese­hen, aber wo? Im Krankenhaus kann es nicht gewe­sen sein; denn als ich mal Steffen besuchte, da sah es an­ders aus. Also wo bin ich? Laut Pia im Kranken­haus. Laut meiner Mutter nirgendwo. Laut den Frau­en (Schwestern?) im Krankenhaus. Und ich selber glau­be auch fast daran. Nur – wie komme ich hier­her? Warum bin ich im Krankenhaus? Was ist ge­schehen? Was Pia mir erzählt hat, das ergibt keinen Sinn (Wirklich nicht?), wirft nur mehr Fragen auf, als es Antworten gibt. Doch ich kann machen, was ich will, meinen Erinnerungsspeicher durchforsten, so lange es mir Spaß macht; ohne die Andern habe ich keine Chance, bleibe der Trottel, der sich an reich­lich einen Monat nicht erinnern kann!

Plötzlich fällt mir auf, dass mein Blick verschwomm­en ist. Gaukele mir aber die Ausrede vor, dass es sicher an meiner lückenhaften Erinnerung liegt. – Warum? – Doch selbst mir kommt dieser Grund schleierhaft vor. – Okay, meine Mutter hat es bisher nicht für nötig gehalten, mir mal meine Brille vorbeizu­bringen. – Blödsinn, ich brauche doch meine Brille nicht ständig. Aber warum ist dann alles so un­deutlich hier? Vielleicht liegt es an der Atmosphäre hier drin?

Was sehe ich denn da – Trabis? Ich denke, die sind aus dem Verkehr gezogen? Na ja, irren ist menschlich, sprach der Igel und stieg von der Klo­bürste.

Ich sehe auch ein paar Leute herumlaufen, einer raucht dabei. – Ich rauche doch auch! Oder habe ich mal geraucht? Egal. Fakt ist, ich hätte jetzt übelst Lust drauf. Doch da ich keine Zigaretten habe, hat sich das Thema von ganz allein erledigt.

Nachdem ich einer – zu ihrem Leidwesen? – er­scheinenden Schwester wieder mit der Gehschule auf den Geist gegangen bin, überlege ich, was ich jetzt tue. – Eeh das da kann mich absolut nicht zu wilden Ovationsgelagen hinreißen. Aber irgendwas muss ich gegen diese Scheiß Langeweile unternehmen. Darum: Wieder Gymnastik? Nee, dazu müsste ich ja ins Bett zurück, und dazu habe ich keine Lust. Was dann??

Als ich mitbekomme, dass mein Kopf unerwartet auf die Brust gesackt ist, schraube ich ihn zwar sofort wieder hoch, muss mir aber die Frage gefallen lassen, was er da unten zu suchen hat. – Ich bin doch gar nicht eingepennt!

Plötzlich fühle ich mich müde, unendlich müde, schlapp, saft– und kraftlos. Dazu fällt mein Kopf im­mer wieder herunter.

Erneut werde ich vom Gefühl der Wut gepackt, ei­ner ohnmächtigen Wut, die mich hier fast ständig an­greift, animiert wird von immerfort neuen Sachen, die merkwürdigerweise nicht mehr in Ordnung sind: lau­fen, sprechen, richtig essen, trinken ohne Schnabel­tasse, urinieren, rasieren ...

Deshalb lasse ich mich von einer Schwester zurück ins Bett bringen. Auch wenn ich weiß, dass ich dort nicht schlafen werde können. Denn im Bett bin ich dann wieder munter, als wenn man mir einen Eimer mit kaltem Wasser übergekippt hätte.

8

Freitag, 14. September. Vormittag.

Diesmal wurde ich von einer Schwester, nachdem ich erst am Fenster sitzen durfte, zum Tisch gebracht, habe Zettel und Stift vor mir liegen, übe das Schrei­ben meines Namens. Und das mit rechts; denn ich habe keine Lust, mich umzugewöhnen. Zwar muss die rechte erst wieder lernen, den Stift zu halten, doch die linke müsste erst lernen, lesbar zu schreiben, wo­mit zwischen den Schwierigkeiten ein Patt herrschen dürfte. Und außerdem will ich beide Seiten gebrau­chen können.

Bei den ersten Versuchen kann ich den Stift aber wieder nicht festhalten. Worauf irgendetwas in mir ausrastet und ich der rechten eine klatsche.

Kurz summt es ganz leicht in ihr, mehr aber kei­neswegs. Darum versuche ich mit links den Stift fest­zuhalten und mit rechts zu führen, will dabei langsam das Festhalten verringern, bis ich es ganz lasse.

Als es soweit ist, darf ich beobachten, wie mir der Stift erneut aus den Fingern rutscht.

Ich werde zur Abwechslung mal knurrig auf das Pa­pier: Scheiß-holprig ist das, bringt den Stift dazu, laufend hängenzubleiben. Doch sofort flüstert mir je­mand zu: Schiebe es nicht auf das Papier. Du bist der Schuldige selbst. Und ich muss mir eingestehen, dass es stimmt. Also muss ich mit der linken weiterhin festhalten.

So klappt es einigermaßen. Und ich fange an, mei­ne eigene Schrift wieder lesen zu können.

Das ist doch kein Kunststück. Wenn du nur deinen Namen schreibst und weißt, dass du ihn schreibst, dann kannst du sogar jauchzende Hampelmänner in rauschenden Bäumen erkennen!

Mir ist klar, dass die Unterschrift oft gebraucht wird, deswegen übe ich weiter. Schreibe sehr lang­sam, um Schönschrift hinzusetzen. Doch was eine sein soll, sieht aus wie die Schrift eines besoffenen Arztes. Auch eine Schwester, die ich über mein Ge­schreibsel urteilen lasse, befindet, dass meine Schrift manchmal unlesbar ist, sonst entzifferbar. Und mir wird klar, dass dies noch nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Außerdem halte ich den Stift wie ein Kleinkind, dass seine ersten Malversuche startet. Doch ich bin kein Kleinkind mehr und strichele auch nicht irgendwas aus. Deswegen gibt es nur eins: Wei­terüben.

*

Am Nachmittag lässt sich Pia wieder blicken. Sieht mich schreiben und beguckt es sich. "Nicht schlecht", meint sie dann.

"Dasisdo nur mei Nam", mindere ich das Lob ab. "Dowie wärs, wennich dir mal ee gans Satz offschreib und du sag, was geschrieb hab?" Und setze meinen Vorschlag in die Tat um, ohne erst ihr Ja–Wort abzu­warten, einen Satz, welcher mich – nicht nur derzeit – ungemein beschäftigt.

"Der erste Satz ist gut geschrieben", meint sie beim ersten Blick auf das Papier. "'Ich liebe dich!' – Stimmt das?"

Ich nicke mit sehr ernstem Gesicht.

"Danke!", bekomme ich genauso ernst zurück. "Ich dich auch! Ich werde auf dich warten!"

Dann ist ein Ruck an ihr zu erkennen, der ihr Lä­cheln wieder auf ihren Mund zaubert: "Zurück zum Zettel."

Sie gibt mir noch einen Kuss – Immer nur kleine; warum eigentlich nie große? – und konzentriert sich wieder auf das Geschriebene: "Also das erste Wort ist wieder 'ich'. Dann folgt" – sie versucht zu buchstabie­ren – "achso, "ich will mit dir". Doch das letzte Wort kann ich nicht lesen. Was soll das heißen?"

"Dadoch das Wichtigs am gans Satz!"

"Sag es mir bitte", bettelt sie.

"Na gu, weil dusist: 'schlafen'."

"Also zusammengefasst heißt das – hä, du hast zu viel Zeit hier! Aber das ist ganz typisch für dich. Dar­an sieht man, dass du dich absolut nicht geändert hast. Nur – das dürfte hier drin schlecht möglich sein."

"Ich wijaouniewig hör drin bleib. Aber fürerst werd ich Ulau beantagn."

"Kriegst du denn hier drinnen welchen?"

"Weeßchni, dopobiern gehvor studier. Unnach Hiefe schein kannimmernoch."

"Okay, ein Versuch ist es auf jeden Fall wert", be­stätigt sie. "Aber jetzt gehen wir ins Besuchszimmer. Oder willst du nicht?"

"Beiir stichswoh, wa?" – Seit gestern ist das für uns reserviert.

*

Dort angekommen, zeigt sie mir erst einmal, was sie mitgebracht hat: drei Schmöker. – Sind zwar Liebes­romane alias Mitglieder des Schnulzenkabinetts aus dem Zeitungskiosk, aber die Hauptsache ist, wenigs­tens etwas zum Lesen, zum Vertreiben der quälenden Langeweile. – Dann packt sie noch Sachen aus, wel­che sie von meiner Mutter für mich bekommen hat: einen Schlafanzug – zu Hause habe ich zwar nie ei­nen an, aber wenn ich hier die ganze Zeit nackt rum­laufen würde, so einen großen Terminkalender habe ich gar nicht –, meine Brille – die ich sofort aufsetze und dadurch wieder einen verbesserten Durchblick habe – und ein Paar Turnschuhe – Ich wusste gar nicht, dass Adidas auch solche barbarisch hässlichen herstellt. Ach ja, kann mich erinnern: Meine Mutter hat ja den Geschmack einer blinden Bergziege. – "Ich wollte auch Anziehsachen für dich haben", erzählt mir Pia, "doch deine Mutter wollte da nichts rausge­ben. Ich musste ihr schon mächtig auf den Pelz rü­cken, um das hier zu kriegen."

Ich bedanke mich bei ihr und will noch wissen, warum meine Mutter sich so hat.

"Kann ich dir auch nicht sagen. Vielleicht will sie die selber anziehen."

Wir halten es beide für möglich und machen uns lustig darüber, haben endlich mal Gelegenheit, ein Weilchen miteinander zu lachen.

Danach zeigt sie mir Bilder von ihrem Urlaub im letzten Monat. "Eigentlich wollte ich gar nicht fahren, doch meine Mutter meinte, ich müsse, damit ich wie­der auf andere Gedanken käme. Was auch richtig war. Nur wurde der ganze Urlaub überschattet von dem Unfall. Es war mir ein bisschen peinlich, dich im Krankenhaus zu wissen und mich im Urlaub an der Ostseeküste."

Aha, also schon im August hier. Hm. Was ist jetzt? September? Doch wieso war ich im August im Kran­kenhaus? Hat sie mir ja schon gesagt; sehe bloß noch nicht durch. Aber was war nun im August? Fragen? Nee, würde bloß die traute Atmosphäre zerstören. Also lass ich es, mache es später. – Ich schaue mir weiter die Bilder an.

*

Die Tür geht auf – nur ich darf bis zum Abendbrot 17.30 Uhr Besuch empfangen, bei den anderen ist als Ende der Besuchszeit 17.00 Uhr verbindlich –, eine Schwester kommt herein und teilt mir mit, dass es an der Zeit ist.

"Pia", holen mich meine Depressionen wieder ein, "ich finsum Kotzn, dass meruns wietrennmüssn. Kannstasni irnwie abännern?"

Ich kann jetzt ganz tief in ihre blauen Augen schauen, bis hinunter zur Seele, als sie langsam den Kopf schüttelt.

Plötzlich kommt mir eine Idee – eine verrückte Idee, yeah, doch was soll's? Verrückt sein ist eigenar­tig und damit interessant. "Pia, kammirn Gefalltu?", versuche ich, hinab in ihre Seele zu sprechen.

"Welchen?"

"Mizrück indä Bett bring?"

"Du meinst die Schwestern begleiten, wenn sie dich zurückbringen? Na klar. Aber das mache ich doch immer."

"Nee, das meinichni. I mein, dassde mich rüb­schafft."

Ein Anschein von Verwirrung auf ihrem Gesicht. "Machen das nicht die Schwestern?"

"Normal--erweise ja. Aber ich möch, dass dus heu­tut – tust", bitte ich sie.

"Aber ich weiß doch gar nicht, wie das geht", wen­det sie ein. "Außerdem bin ich dazu viel zu schwach."

"Meinse, die Schestern sin kräfter?" Wissentlich vermeide ich es zu erwähnen, dass das immer von zweien gemacht wird. Denn ich will einfach in ihren Armen liegen und dadurch für einen Moment alles vergessen können, was mich derzeit fast erstickt.

"Aber was ist, wenn es schief geht?"

"Gehesni." Daran habe ich überhaupt keine Zwei­fel. Weise sie viel mehr daraufhin, dass ich hier schon zweimal unter dem Bett landete, dabei mir aber nie was passiert war.

Damit habe ich sie überzeugt. Wir starten.

Sie nimmt mich an der Schulter, ich lehne mich auf sie – spüre ihren berauschenden Duft, kann die goldenen Härchen sehen, die sich auf ihrem Hals auf­gerichtet haben, fühle, wie ich meiner Umwelt entei­le, in diesem Augenblick so glücklich bin wie schon seit Jahrhunderten nicht mehr.

Durch die Tür treten wir Arm in Arm hindurch. Doch jetzt dringt unvermittelt ein Schimmer in mein eingenebeltes Bewusstsein, der mich dazu zwingt, meinen Blick von ihrem Hals, ihrer Schulter, ihren Brustansätzen abzuwenden und ihn auf die ganze Frau zu richten: Sie kämpft wie eine ihr Junges behü­tende Bärenmutter, um mich nicht fallen lassen zu müssen, keucht dabei, als wöllte sie einen Orgasmus herbeiz­wingen, der jedoch keine Lust hat, in ihr auf­zusteigen. Doch sogleich wandere ich in den Däm­merzustand zu­rück, rede mir ein: Sie wird es schaf­fen.

Draußen wird der Vorgang sofort von den Schwes­tern bemerkt, die sich nun wie bei einer Parade auf­stellen, um uns zu beobachten. Und ich – ich er­wache und muss lächeln.

Doch lange lächeln kann ich nicht. Denn plötzlich merke ich, wie Pia Schwierigkeiten bekommt. Ihr Keuchen wird immer stärker, jetzt muss sie mir auch immer wieder neu unter die Schulter fassen. Ich ma­che mich bereit, auf Tauchstation zu gehen, lockere den Griff. – Nicht sie soll sich dabei verletzen; ich bin ja eh schon im Eimer.

Dann – ich merke, dass sie anfängt zu stolpern. Ich lasse los.

Wie ein nasser Sack bin ich zu Boden gefallen, versuchte zwar noch, die linke zum Abfangen zu be­nutzen, doch auch die ist zu schwach dafür. Diesen Moment ihrer Nähe aber bereue ich keinen Augen­blick.

Pia, nachdem sie ihr Gleichgewicht wieder gefun­den hat, und auch die Schwestern, welche sofort zu mir gerannt gekommen sind, wollen wissen, ob mir was passiert sei, ob ich verletzt bin, ob ich Schmerzen verspüre.

Doch nach einem Blick auf Pia habe ich mein Lä­cheln wieder gewonnen. Vor allem jetzt, bei dem An­blick der besorgten weiblichen Gesichter um mich herum, wird es breiter. "Iwo", beruhige ich sie dann, "allin Butter. Konnja schließ ni mehr as schiefgehn."

"Du bist verrückt!", erklärt mir eine der Schwes­tern.

Währenddessen wendet sich Pia ihnen zu. "Tut mir leid, aber er war einfach zu schwer für mich."

Die gleiche Schwester, die mich als verrückt abge­stempelt – gepriesen! – hat, meldet sich wieder zu Wort: "Das ist auch kein Wunder, so viel, wie er isst. Eigentlich müsste er so richtig fett sein. Wer weiß, wo sein Fett sitzt."

Pia und ich schauen uns lächelnd an; ich glaube, wir denken beide das Gleiche.

Damit verabschiedet sie sich aber, wonach ich ins Bett gebracht werde – von zwei Schwestern.

9

Sonnabend, 15. September. Vormittag. Visite.

"Herr Doc, fol-äh-gend--es Probem: I möch näch­ses Wochnend Ulaub bekommeen!" Während ich ihm das sage, bin ich enorm aufgeregt, versuche aber, mir das nicht anmerken zu lassen, weil ich glaube, damit meine Erfolgschancen zu schmälern.

Verdutzen quillt nun zu mir herüber. "Was wollen Sie – Urlaub??", scheint er so ein Ansinnen noch nie gehört zu haben. "Das würden Sie doch gar nicht durchstehen!"

"Warumi? Es gidoch für alles e-e-ei-ne Lösung!" Und wenn sich bewahrheiten sollte, was hier drin mit mir los ist, wäre es die Todeslösung. Und die muss nicht die schlechteste sein. "Lassmers do ein--fach droffakomm!"

Von diesem Vorschlag scheint er nicht so begeis­tert zu sein, will es sich aber noch einmal überlegen. "Fragen Sie bei Gelegenheit wieder nach." Und ver­lässt kopfschüttelnd den Raum.

*

Nachmittag.

Meine Mutter und meine Schwester sitzen vor mir. Und haben mir gerade erzählt, dass die Turnschuhe 60 DM gekostet hätten.

"Wiiieeeviiieeel?", reiße ich die Augen entsetzt auf. "Paar 5,40-DM-Tunnschuh häddo ouch gedan." Fehlt nur noch, dass ich die bezahlen soll.

Doch meine Mutter ignoriert meinen Einwand; da­für ist jetzt ihr Grüßereport an der Reihe, bei dem es mich schon wundert, dass sie die Namen nicht von ei­nem Zettel abliest. – Das ist doch öde, furchtbar langweilig, sinnlos. Ich kann da schon hören, wie ge­jammert wird: "Ach, der Arme, der muss so leiden. Ach herrje." Und wenn keiner zuhört, wird dann ge­flüstert: "Gut, dass mich der böse Wolf nicht gefres­sen hat." Oder ähnliches. Doch niemand kommt auf die Idee, mir erst einmal zu sagen, warum er eigent­lich so ein mitleidiges Geheul loslässt.

Plötzlich werde ich aus meinen Gedankenspielen, die mich leider doch keinen Schritt voranbringen, her­ausgerissen: "Hier sind Briefe für dich."

Im eigentlichen sind es nur zwei, einer davon von irgendeiner Uni in Bezug auf ein Fernstudium – habe ich mich für eines beworben? –, doch der andere scheint interessanter zu sein. Denn auf dem Absender steht ein holländischer Name, welcher mir irgendwie bekannt vorkommt: Yvonne van Rikeers.

"Ich habe die Briefe schon aufgemacht, hätte ja was wichtiges drin stehen können", bringt sich meine Mutter wieder zu Gehör.

Ist mir noch gar nicht aufgefallen. Aber warum soll ich mich deswegen aufregen? Ist ja eh schon pas­siert. Aber der Brief ist noch im Kuvert und das ist die Hauptsache.

Ich fange an, ihn zu lesen.

Sehr Interessantes beinhaltet er: Sie lädt mich über Weihnachten und Sylvester ein, zu sich nach Holland zu kommen. Und jetzt weiß ich auch wieder, wer das ist: Wir hatten uns kennengelernt durch eine Zeitungsannonc­e – glaube, im April war das – und seit­dem schreiben wir uns. Sie studiert derzeit in Neubrand­enburg Deutsch; ich habe allerdings nicht die geringste Ahnung, wie sie aussieht. – Sie kann stock­hässlich sein, kann aber auch irgendeiner Puppe in Werbeprospekten ähneln. Ich weiß es nicht! Kann mich auch nicht daran erinnern, jemals ein Bild von ihr bekommen zu haben. Ich weiß es einfach nicht. Komisch? Komisch.

Meine Mutter will nun wissen, ob ich den Absen­der kenne. Und als ich bejahe, wer das ist: "Deine Be­kanntschaften sind scheinbar international. Wieso er­fahre ich nichts davon?"

Verwundert schaue ich sie an: Kann mich nicht er­innern, ihr das schon jemals gesagt zu haben. Mich interessiert es doch auch nicht, mit wem sie ins Bett steigt. Also hat es sie auch nicht zu interessieren, wer es bei mir ist. Ich kann mich noch sehr gut daran er­innern, wie sie mir mein erstes Zusammensein mit ei­nem Mädchen zerstört hat, als sie früh in mein Zim­mer stürmen wollte und eine wilde Szene machte, weil ich wohlweislich zugeschlossen hatte. Solchen Auf­tritten habe ich dann aber einen Riegel vorgescho­ben, indem ich ihr klipp und klar sagte, dass sie das absolut nichts angeht. Und das soll auch so bleiben. Dann muss sie das eben wieder gesagt kriegen, damit sie sich daran erinnert.

Daraufhin greift meine Schwester ein: "Ist dir schon bekannt, dass sie sich im Betrieb immer frei­nehmen muss, damit sie zu dir kommen kann?"-Mo­ralpredigt.

"Nö", brabbel ich. Doch ein reuevolles Gesicht zu ziehen, will mir nicht gelingen.

"Da könntest du ruhig ein bisschen dankbarer sein!", ermahnt mich meine Schwester weiter."

"Hm", brumme ich, bin viel mehr damit beschäf­tigt zu ordnen, was in mir vorgeht: Die Pforte hat sich weit geöffnet. Und lässt eine Flut von Erinnerung­en hinausströmen, die mir zeigen, dass die vorherigen klaren Fragmente nur ein Vorgeplänkel waren. Alles steht unter der Überschrift: 'Ich, das letzte Stück Dreck bei ihr in meiner Kindheit!' Plötz­lich ist mir auch klar, dass es für meine Mutter nicht so schlimm sein kann, sich von der Arbeit abzuseilen. Denn den Fleiß hat sie ja wahrlich nicht erfunden. Möglich, dass sie sich öfters in eine Ecke stellt und wartet, bis der Arbeitsanfall vorbei ist. Zu Hause macht sie das jedenfalls meistens.

Auf einmal dringt die schimpfende Stimme meiner Schwester an mein Ohr: "Was?? 'Warum'??"

Was ist jetzt los?

Ich schüttle den Kopf, um wieder in die Gegenwart zurückzufinden. War wohl zu sehr in die Erinne­rungswogen versunken. Doch als mir klar wird, wor­um es geht, spüre ich eine noch stärkere Wallung in mir aufsteigen.

"He!", weise ich sie zurecht. "Du dir wieder mal die Ohr wasch-en! Ich ni-cht – äh – ich hab nicht 'warum', sonnern 'hm' gsagt!"

"Ich höre nicht falsch! Du hast echt 'warum' ge­sagt!"

"Komma zrück offn Dampfer", fordere ich sie auf, "dannannse weiterrädn." Ich sitze zwar nur noch auf einer Klippe, das Land ist nicht in Sicht, doch schein­bar will sie mich auch noch von der herunterstoßen.

Plötzlich erwacht meine Mutter aus ihrer Lethar­gie: "Mike, jetzt reicht es aber! Du hast wirklich 'war­um' gesagt! Brauchst es nicht erst abzustreiten!"

"Oh nein", stöhne ich auf und falle zurück. Und muss erkennen: Ganz neu bei meiner Mutter, dass sie auf jemandem herumhackt, der vor ihr sitzt. Aber wahrscheinlich denkt sie, dass ich jetzt wehrlos bin und nach ihrem Kommen bettle. Da hat sie sich aber gewaltig geschnitten. "Die Mutter zu sein gibt ihr noch lange nicht das Recht, mit mir umzuspringen, wie es ihr gerade passt", brüte ich tonlos vor mich hin. Und – ist nicht vielleicht sie an dieser Scheiß–Misere schuld, hat es veranlasst, dass ich hier drin hocke? Nur – wie das jetzt läuft, dürfte es nicht ge­dacht gewesen sein: Der böse, böse Sohn lehnt sich auf. Niemand mehr zum Dreck-Wegräumen. – Denn meine Schwester macht es auch nicht. Ist aber eigent­lich normal. Denn sie war ja immer das Hätschel­kind, brauchte nie irgendwas zu machen.

"Wenn wir wiederkommen sollen, wirst du dir überlegen müssen, wie du uns gegenüber auftrittst!"

*

Wieder allein. Aber immer noch bin ich so wütend, dass ich irgendetwas in Asche kloppen könnte. Das verwundert mich. Denn vor gar nicht so langer Zeit war dies für mich völlig untypisch, da blieb ich auch bei so einem Thema ruhig und wurde zynisch. Doch jetzt bin ich davon weit entfernt. Merkwürdig. Aber – bin ich überhaupt Mike Scholz? Doch so viele Leute, wie hier sind, die können doch nicht alle in einem Komplott drinnestecken! Und was für einen Grund sollte man dazu haben? Arbeitet meine Mutter plötz­lich hier und lässt sich nur ab und zu bei mir blicken, damit es nicht auffällt? Will man mich hier etwa ver­faulen lassen? Was hat Pia damit zu tun? Fragen über Fragen – schon wieder –, doch ich weiß keine Antwort! – Schon wieder. – Nur eine: Ich kann nie­manden danach fragen, sonst stecken die mich wirk­lich in eine Klapper.

Ich greife nach einem Buch und beginne zu lesen.

10

Sonntag, 16. September. Früh. Visite.

"Guten Morgen", begrüßt mich der Chefarzt. "Sind die Bauchschmerzen weg?"

"Schein so." In der Nacht spielten paar Trampeltie­re in der Nähe meines Magens Hascher, was für mich ziemlich unangenehm war. Erst irgendwelche Trop­fen ließen mich zu Morpheus zurückkehren.

"Na ja, Sie werden sich überfressen haben. Nichts weiter."

Ich muss unwillkürlich grinsen. Klingt so – na ja, ich weiß nicht wie, auf jeden Fall regt es mich zum Grinsen an.

Er will nun gehen, doch ich habe noch ein sehr wichtiges Thema auf dem Herzen: "Ich äh hab gesten schoma davoon gesprochn unich soll noma nach­fragn: Wie siehsaus – bekommich Urlaub nächses Wochende?"

Alle Ärzte und Schwestern lächeln einander zu. Dann ergreift der Chefarzt wieder das Wort: "Ich wollte es ihnen ja eigentlich erst morgen sagen, doch sie fordern mich ja förmlich dazu auf. Also" – er schaut noch einmal durch die Runde – "am Mittwoch, den 19.9. werden Sie uns verlassen. Dann kommen Sie in das Rehabilitationskrankenhaus Großbüchen. Und dort können Sie dann Urlaub beantragen."

Diese Neuigkeit hat all meine Gedanken an andere Sachen erst einmal fortgescheucht, ich muss das eben Gehörte zunächst verarbeiten. Doch meine Freude ist riesengroß: Endlich raus hier, fort von diesem Ort; dann werde ich ja sehen, ob das, was mit mir hier los ist, einen realen Anspruch hat.

Doch Fragen habe ich noch: "Wie langerdich da­drin bleibn müssn?"

"Bis Ihre Sprache und das Laufen wieder herge­stellt sind."

"Wie lang wirdsauern?"

"Das weiß ich auch nicht. Denn das hängt ganz von Ihnen ab. Allerdings so, wie Sie sich hier aufge­führt haben, wird es nicht allzu lange dauern." Er ver­abschiedet sich jetzt ganz schnell, als wenn seine Frau mit dem Nudelholz wartet, sollte er zu spät kommen. Doch mir ist klar, dass ich der wahre Schuldige bin.

Am Mittwoch werde ich hier verschwinden. Am MITTWOCH! Und dann – dann werde ich schleu­nigst den Rückzug aus dem Rehabili-Krankenhaus antreten. Und dann? Was nach dann-Zwei ist, werde ich sehen.

11

Montag, 17. September. Nachmittag.

Alles war wie immer: Krankengymnastik zweimal – bei der ich jetzt den rechten Arm und das rechte Bein langsam, kraftlos, aber doch etwas bewegen kann, die linke Seite ist von der Flexibilität her wie­der fast vollständig einsetzbar – fleißig riskieren, schreiben üben, lesen, Gehschule fordern und einmal bekommen; und doch ist seit gestern alles anders: Ich habe das Ende in Sicht, bin wie verwandelt – sprühe deswegen vor guter Laune, sehe alles etwas lockerer, nicht mehr so verbissen.

Jetzt aber sitze ich zusammen mit meiner Schwes­ter im Besucherraum. Und was mich sehr wundert, dass sie heute nicht den Geleitschutz für meine Mut­ter darstellt.

"Wasnit Mutti los? Warm bistn äh alleen?", will ich deswegen wissen.

"Die ist noch sauer wegen Sonnabend. Wirst dein Benehmen wohl doch ändern müssen."

Ich werde dadurch noch einmal in das Dilemma hineingetaucht und mir wird fast schlecht dabei. "Eh am Sonnamd habi eh ni 'warum' gsag."

"Von mir aus. Genau genommen ist es mir egal."

Plötzlich fällt mir ein, dass ich ihr Bescheid sagen muss wegen Mittwoch.

"Ich sag's Mutti mit", lässt sie daraufhin von sich hören.

Ihr Tonfall versetzt mich aber in gereizte Stim­mung. – Das klang wie: "Na gut, ich sage es ihr bei Gelegenheit. Verlass dich aber nicht darauf, dass es umgehend geschieht." – Und deswegen schustere ich mir etwas zusammen, um nachzustoßen.

Ich mache den Mund auf, damit die Worte den Ausgang finden können, da werde ich plötzlich darin gestört: Die Tür öffnet sich.

Ich schaue auf die über mir hängende Uhr, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass die Besuchszeit schon vorbei ist – und richtig, es ist erst zwölf nach vier!

"Was ..." Ich breche mitten im Satz ab, denn jetzt sehe ich, wer eintritt: Pia! Sie hatte ich heute nicht im geringsten erwartet.

"Mike, was wolltest du gerade sagen?"

"Äääh – wasür wunschöner Nammtag", fällt mir nichts Besseres ein.

"So so. Na ja, wenn einem nichts mehr einfällt, muss das Wetter herhalten. Ich komme wohl ungele­gen?"

"Nieee!", beteuere ich.

"Kann man das glauben?", schwingen in ihr noch Zweifel – scheinbar, denn sie lächelt schon.

Ich lege meine linke auf die Brust, senke meinen Blick und verleiere etwas die Augen, so dass ich aus­sehe wie ein Unschuldslamm, das soeben geboren worden ist.

Endlich hat sie ein Einsehen, gibt mir einen Begrü­ßungskuss, meiner Schwester die Hand und setzt sich zu uns.

Ich erkenne, meine Schwester stört. Ich habe keine Anstandsdame bestellt, welche immer schön fleißig die Kerze hält. Folglich muss ich sie irgendwie rause­keln. Und ich weiß auch schon wie.

"Um a vor--hin zurückzukomm – wieso sollich mei Benimme ändn? Besteh da irgendn Gund dazu? Ihrüsst doch schließ--lich einsehn, wennirechtab. Ich mir keener Schul bewuss."

"Einen Anteil Schuld hast du schon. Du weißt doch, wie sie ist. Da hättest du sie doch nicht erst dazu auffordern müssen." Ihre Stimme wird lauter.

Ich merke schon, ich muss noch eine klitzekleine Kelle nachlegen: "He he he, fanga an nachzudengn. Die Hautschud trächt dowohldu. Hästonierst mitter Kacke anfang müss-en."

Jetzt wird sie wütend: "Heißt das etwa, dass ich auch gehen soll?"

Ich fühle, wie mich das schon verloren geglaubte Gefühl des Zynismus ergreift: Lehne mich lässig zu­rück und fange an, höhnisch zu grinsen. "Nix dagegn", lasse ich sie hören.

"Na gut!", schreit sie mich an. Dann springt sie auf, reißt die Tür auf, rennt fluchend hinaus und knallt dabei die Tür wieder zu.

"Warum hast du das gemacht?", schaltet sich jetzt Pia ein. – Sie weiß, was am Sonnabend geschehen ist, ich habe es ihr gestern erzählt. – "Ich wage zu be­zweifeln, dass sie bei dieser Abfuhr jemals wieder­kommt."

Und auch in mir bringt sich die Opposition zu Ge­hör: War das wirklich nötig? Hättest du sie nicht ganz normal bitten können, dich für heute zu verlas­sen? Sie hätte es bestimmt verstanden, ist doch nicht deine Mutter.

Doch ich wische diesen Einwand weg, verweigere ihm das Stimmrecht: "Die mumerkn, wosanggeht, dassch mirnialls gfalln lass."

"Mag ja sein. Aber musstest du es ihr gleich so deutlich zu verstehen geben?"

"Eeh", weise ich sie darauf hin, "wärich dodal deut--lich gewäsn, hättch zuir gsagt: 'Verpissich!' Denni wollt mitir alleisein."

Ihre Gesichtszüge enthärten sich. "Aber das nächs­te Mal beherrscht du dich. Versprochen?"

"Ich versuch."

Damit habe ich dieses Thema in die Rumpelkam­mer geschickt; nun sind wir allein und genießen das.

*

Abendessen. Feierabend für heute.

Im Zimmer ist ein neuer Patient. Er soll laut Schwestern ein ziemlich schwerer, annähernd hoff­nungsloser Fall sein.

Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass er so was wie ein Miesepeter ist. Sieht auch recht un­sympathisch aus, der Kunde. Oder wird von den Schwestern was anderes gemeint mit "wird nicht mehr"? Ach, egal, was geht es mich an? Übermorgen verschwinde ich hier. Und nach mir die Sintflut.

*

Ich schlafe. Plötzlich merke ich, wie mir etwas den Hintern entlang kraucht.

Möglicherweise ist das der neue Alte, dem traue ich das zu. Sein Bild will mir nicht aus dem Sinn ge­hen.

Ich schlage mit der linken Hand nach hinten. Und bleibe an der Hose hängen.

Hä, was ist das??? – Scheiße, im wahrsten Sinne des Wortes. Doch – eigentlich logisch, denn seit ich hier bin, habe ich noch nie ein Ei gelegt. Dann wird man auch noch von diesem Alten geistig manipuliert. Was mache ich jetzt? Geht ja wohl nur klingeln, ääh, denn damit schlafen kann man ja schlecht.

Ein Pfleger kommt: "Was ist los? Warum klingelst du?"

Mann, ist das peinlich! – Ich beschließe, auf die Zeichensprache zurückzugreifen und zeige nach hin­ten.

Er muss es richtig analysiert haben, denn er fängt an zu fluchen. Dann ruft er eine Schwester herbei und holt neue Sachen.

"Tumi furch--bar traurig unis mir unheim--lich peilich, arder Alte darüben hat mich mani-äh-ma­ni-äh-puliert", versuche ich mich leise und mit schüch­ternem Tonfall zu rechtfertigen, denn weder für die Schwester noch für den Pfleger dürfte es ein Genuss sein, mir die Musrinne auskratzen zu müssen; und mir selber macht das auch keinen Spaß.

"Ich möchjetz off Tolte, damits ninoma paiert."

"Das möchte ich auch hoffen. Hier hast du einen Nachtstuhl."

Ich schweige. Sitze nur noch bedrückt da – wobei mir der Blödsinn klar wird, den ich gerade dem Pfle­ger erzählt habe: – Scheißen tust du selber, niemand anders; oder meinst du, dir hält jemand ein Saugrohr ans Arschloch??

Aber es bleibt beim Versuch. Darum lasse ich mich zurück ins Bett fallen.

12

Dienstag, 18. September.

Als ich früh aufwachte, fiel mir sofort wieder ein, was letzte Nacht geschehen war. Das Peinlichkeitsge­fühl stieg in mir erneut auf, wollte mich schier erdrüc­ken, machte mir klar, dass es die ganze noch verbleib­ende Zeit über mich herrschen würde. Mir kam es auch so vor, als wenn jede Schwester verächtlich auf mich gucken würde. "Zum Glück ist es bloß noch ein einziger Tag, den ich hier aushalten muss", redete ich mir immer wieder ein. "Aber dieser eine wird wahr­scheinlich so schmerzen, als wenn man bei Bewussts­ein in einem kurz vor dem Zerschmelzen ste­henden Kessel gegart wird."

Der Pfleger, der die Krankengymnastik leitet, frag­te natürlich auch nach der gestrigen Nacht. Und ich fand es toll, dass er darüber im Bilde war.

"So schlimm ist es doch nicht", meinte er, als ich es ihm mit Worten geizend erzählt hatte. "Kann halt mal passieren."

Ich hätte ihn anschreien können: "Das hat aber nicht zu passieren!", doch ich ließ es. Befinde mich heute nicht in der Stimmung, Widerstand zu leisten; will mich am liebsten einbuddeln in den Boden, das letzte Nacht hier Passierte wegschließen und den Schlüssel ganz weit, unauffindbar für jedermann, wegwerfen. Auch verzichte ich heute darauf, den Schwestern auf den Geist zu gehen. Ich verschanze mich im Bett, lese oder übe schreiben. Und kann mir vorstellen, für die Schwestern muss das eine wahre Erholung sein.

Doch eine Schwester ist davon nicht so begeistert. Nach dem Mittagessen fragt sie mich, warum ich heu­te so schweigsam sei. Ich erzähle es ihr stockend und erwarte sofort eine strenge Rüge; hätte mich auch nicht gewundert, wenn als Schlagzeile am schwarzen Brett im Krankenhaus erschienen wäre: In der Nacht vom 17. zum 18.9. schiss Mike Scholz sich ein! Schä­men soll er sich!

"Nimm es nicht so tragisch, das kann doch jedem mal passieren", versucht sie jedoch, mich wieder auf­zurichten. "Lass wieder ein paar Sprüche raus, man vermisst sie ja richtig."

"Na ja", stoße ich aus mir raus, überrascht und ein klein wenig gelöster, doch immer noch eine Spur misstrauisch, "wenn demidrum bittest, musschjawohl. Aer dafür, wasde mir grad gsagt hast, vielen Dang! Du könntst deie Brötchen ouals Pch--Ps--Ps--sycholo­ge verdienen. HasTalet dazu."

Sie lächelt: "Muss ich mir noch überlegen. – Willst du wieder ans Fenster?"

"Gehschul wärmir lieber."

Sie lacht lauter: "Okay, wir laufen zum Fenster. Einverstanden?"

"Zum Tisch wärmir lieber."

*

Am Abend erfahre ich dann noch, dass meine Mutter angerufen und gesagt habe, sie komme mich am Mitt­woch in Großbüchen besuchen und bringe mir dann Wäsche mit. Worauf ich mich freue.

13

Der letzte Morgen – Mittwoch, 19. September.

Ich bin unheimlich nervös. Denn noch sitze ich nicht draußen, sondern nur in der Nähe des Ausgan­ges. Ich traue dem Frieden nicht, glaube erst, dass es wirklich passieren wird, wenn ich es sehen kann. Zwar bin ich nicht mehr im Bett und eben dieses Bett wurde schon neu bezogen, und auch mein weniges hier befindliches Hab und Gut wurde schon zusam­mengepackt, doch ich bin noch nicht weg hier. Und genau das ist entscheidend. Denn dann werde ich se­hen, ob es stimmt, dass ich nicht mehr laufen kann.

Plötzlich wird mir von den Schwestern gesagt, dass jetzt der Abschied gekommen sei. "Gute Besse­rung, Mike! Und komme uns mal besuchen, damit du uns erzählen kannst, wie das dort mit dem Laufen ge­macht wird."

"Okay. Un ihr wa sehr nett. Tschüs-si!"

Leben oder Tod?

„All that is, was and will be …” (Metal­lica)

1

Endlich woanders – Ändert sich jetzt alles für mich? –, In einem Drei-Bettzimmer; und dort in der Mitte, was ich nicht so liebe. Aber ich kann es mir nicht aussuchen, in dem Zimmer liegen schon zwei: Der eine ist über 50 und der andere ungefähr 25, beide scheinen ganz okay zu sein. Der ältere ist sich sicher, dass er diese Woche geht. Keine Ahnung, was er hat oder hatte, er weiß es selbst nicht. Der jüngere hat zuviel gesoffen, hat Leberprobleme. Ist aber nicht ge­neigt, diesem Alkoholproblem abzuschwören; findet stattdessen, was er schluckt, ist nicht viel. Doch über die beiden kann man herzhaft lachen – soweit man lachen will –, weswegen es nicht so trist ist wie in der ITS.

Kurz nachdem ich angekommen bin, gibt es Mit­tagessen.

Oje, stelle ich angewidert fest, gegen das in der ITS kann man es ja glatt vergessen. Die blanke Gele­genheit zum Abnehmen. Obwohl – ich habe es doch gar nicht nötig, bin ja eh nur bisschen über sechzig Kilo – oder jetzt vielleicht sogar drunter? –, und das ist ja bei einer Größe von 1,73m absolut nicht viel. Doch was soll's? Da werden wieder Erinnerungen an die Flottenschule wach: Hunger treibt es rein, Ekel runter.

"Samal", frage ich die anderen, "isasEssen immo­der gibtsouma wasordentlich?"

"Erwarte nicht zu viel von hier, vor allem, was das Essen betrifft. Da kommst du besser, du verschließt deine Geschmacksnerven", bekomme ich vom Älte­ren zu hören.

"Oh Scheiße!" Nach nur einer Stunde hier bin ich schon bedient.

*

Nach dem Essen kommt eine Ärztin. – "Guten Tag, ich bin Dr. Christoph", stellt sie sich vor, "die leitende Ärztin hier."

"Guddag. Wiecheess, brauch jawoll niers zuerzähl, ni?"

Sie deutet ein Lächeln an, das verschwindet jedoch sofort wieder für die mitleidige, Vertrauen erheischen wollende Miene; mit ihren ungefähr 55 Jahren, den vollständig ergrauten Haaren und dem schlanken Äu­ßeren wirkt sie so weise und endlich wie Hexe Baba­jaga, als diese Naschenka in ihr Häusl lockte. In mir sträubt sich alles, ihr die Hand zu reichen. Alles an ihr wirkt so einstudiert, aufgestellt, zu künstlich. Mit Si­cherheit sieht sie dies tausendmal am – na gut, nicht am Tag, auch nicht in der Woche, aber zumindest im Jahr. Da ist sie natürlich völlig abgestumpft. Doch vielleicht täusche ich mich, wir werden sehen. Und außerdem – wenn ich ja sowieso nur ein paar Wochen hier bin, dann ist das doch völlig unwichtig.

"Sie sind im Rehabilitationskrankenhaus Großbü­chen auf der neurologischen Station", informiert sie mich. – Endlich mal werde ich über etwas informiert! – "Hier werden wir versuchen, Sie wieder aufzubau­en, damit Sie in das Stadtleben zurückkehren können. Würden sie mir bitte genau sagen, wie Ihr Unfall pas­siert ist?"

"Keenahnun! Ich weeß nimma, obaübhaupt eene wa."

"Alles klar. Und was für eine Schulbildung haben Sie?"

"Beufsbidung miAbi. Ichaba Motonschlossr ge­lent."

"Und, wie soll es bei Ihnen weitergehen?"

"Na eijent-ich wärch jetz as Beteuer in UssA. Do­daisja erstma hinfällch gewoden. Weitnhin habch Lei­pig ne Tudienlassung fürn Pädagikstudum Fachtung Deutsch/Elisch."

"Oh, dann gehören Sie ja zu der intelligenten Sor­te. Haben Sie noch vor, es zu absolvieren?"

Wundern: "Na loisch. Warumdn ni?"

"Hm, hätte ja sein können. Waren Sie schon mal in einem Krankenhaus?"

"Na, afang mite Gebut", fange ich an aufzuzählen, "dann warich ma, alsch viewa, wegn Kellkoppgippim Kanknhaus – das wars." Brauch ja nicht zu wissen, dass ich vor kurzem wegen Tripper einsaß, da bei mir die Penizillinspritze nicht wirkte.

"Haben Sie schon Operationen hinter sich?"

"Na ja hm, iweeßni, obe Kieferhöhöhlenspülung ou dazuzählt. Sonwa keene."

"Gut. Jetzt muss ich Sie mal untersuchen", kündigt sie mir an, nachdem sie sich alles aufgeschrieben hat.Danach teilt sie mir nicht etwa mit, zu welchen Er­gebnissen sie gekommen ist, sagt mir nur, dass ich ab heute Abend Cerutil bekomme und morgen die Be­handlung losgehe. "Haben Sie eigentlich Kleidung hier?", will sie stattdessen wissen.

"Nee, aberich hoff, da meie Mutter heukomm un­welch mitbingt. Am Telefon hatses zuminst gesach."

"Da kommt sie bestimmt auch. – Ab Sonnabend bin ich für zwei Wochen im Urlaub. Haben Sie noch irgendwelche Fragen?"

Soll ich sie nach den Resultaten der Untersuchung fragen? Andrerseits macht sie auf mich nicht den Eindruck, als würde sie mich ausreichend aufklären wollen. Dann eben ein anderes Mal.

*

Was mache ich nun?, steht die seit ein paar Wochen ewig existierende Frage wieder im Raum. Und wie so oft bleibt mir nur das salomonisches Urteil: Erst mal Lage sondieren.

Was zu meinem Bedauern aber nicht so einfach ist, da meine Brille am Sonntag durch meine eigene Schuld – ich habe mich auf sie darauf gesetzt – ka­puttgegangen ist. Von meiner Schwester war sie am Montag zwar mitgenommen worden, aber seitdem hat sich niemand mehr blicken lassen – außer Pia natür­lich. Und komischerweise sehe ich hier drin noch schlechter als in der ITS. Ebenso fällt mir das Aufste­hen viel schwerer, und bis zum nächsten Locus, an dem man sich festhalten könnte, ist es furchterregend weit. Mir bleibt also nur das Aufrichten. Doch bevor ich beginnen kann, mich abzumühen, geht die Tür auf. Kommt meine Mutter? Zeigt Pia ihr niedliches Antlitz?

Jemand im rosa Kittel erscheint, jemand den ich nicht kenne; und auch die Bedeutung des Kittels ist mir fremd.

"Guten Tag. Ich bin die Physiotherapeutin Frau Miller."

Physiotherapeutin – was soll das sein?

"Ich habe die Aufgabe, mit Ihnen Krankengymnast­ik zu machen, Sie wieder aufzubau­en." Sie lächelt dabei, sieht gut und stabil aus (frie­densbereite Amazone), erfrischend. Auch ist sie mir bedeutend sympathischer als die Ärztin. Und mit ihr scherzen scheint man auch zu können.

"Na damaran", bedeute ich ihr. "Dasiegen gehmir nämi offn Gist."

"Morgen geht es erst los. Ich wollte nur mal kom­men, um zu sehen, welche Aufgabe auf mich wartet. Und deshalb werden wir mal was probieren."

Sie macht daraufhin Übungen mit mir, die ich schon von der ITS her kenne – deswegen stößt sie manchmal einen Überraschungsjauchzer aus, weil es so gut klappt – und auch einige Übungen, die mir noch nicht geläufig sind. Zum Beispiel soll ich ihr die Hände drücken, einmal mit rechts und einmal mit links. Oder den Daumen und den kleinen Finger zu­sammenbringen. Oder mich an den Füßen kitzeln.

"Links ist gut", meint sie hinterher, "nur rechts lässt zu wünschen übrig."

"Mit echts habch übest Pobeme, richtsch", kläre ich sie auf.

"Okay. Morgen komme ich wieder. Um 9.00 Uhr. Dann geht es voll los."

"Ich bi schafafSe. Wie schät issn eigetlich?"

Sie schaut auf die Uhr: "15.l0 Uhr. Tschüss."

*

So, und was tue ich nun? Wieder die obligatorische Frage. Durch die Gegend wandeln kann ich nicht, zum Lesen habe ich keine Lust. Meine Mutter müsste ja gleich kommen. Allerdings bis dahin dazuliegen wie fest geleimt, ist auch nicht mein Ding. Also richte ich mich auf im Bett, was soll ich sonst machen.

In der ITS ging das viel leichter vonstatten. Aber das liegt wohl an den hier anwesenden Kuhlen, durch die man sich vorkommt wie beim Klettern an einer steilen Felswand. Trotzdem kann ich aber von hier aus das Fenster richtig sehen und durchgucken. Was hier aber noch uninteressanter ist. Außerdem saß ich dort am Fenster und nicht paar Meter davon entfernt.

*

Nach einiger Zeit – keine Ahnung wie vieler; auf alle Fälle viel zu vieler – gibt es Abendbrot.

"Wie schät issn?", frage ich die attraktive Schwes­ter, die, wie sie mir erzählt hat, Gabi heißt.

"17.00 Uhr. Erwartest du noch jemanden?"

"Eigetich ja, dodas hasich wohl erledit. Meie Muttr wollaut Telfon heu hier offauchn; abes Telefon is kanntich geduldig."

"Na ja, die Besuchszeit ist schon vorbei, aber sie kommt bestimmt morgen. Ich glaube nicht, dass sie dich hier hängenlässt. Sie ist doch deine Mutter."

"Jaa, dasalelelerdings", erwidere ich bedächtig. Denn in mir drin hat sich ein weiteres Puzzleteil von meiner Beziehung zu ihr gefunden: Sie ist so zuver­lässig wie eine Boa, welche dem Kaninchen erklärt, dass sie es nicht fressen wird. Und scheinbar will sie dieser Offenbarung Nahrung geben, auf dass sie sich noch tiefer in mein Hirn einpflanzt. Auf jeden Fall bin ich jetzt äußerst missgelaunt.

"Kurz, bevoch hekam", erzähle ich nun Gabi, ob­wohl es mir scheint, als wenn die Zeit in der ITS Lichtjahre weit weg liegt, "wolle sesich undingt stei­ten. Meie Schwestr haf dalei. Irgendn – irgendeen Wort sollch sagt ham, was abr ni der Wikichkeit ent­spach. Logischrweis liessch mi dani gefalln. Und so sindse dann eben wüten abzogn."

"War das echt nötig?", will sie wissen.

"Ja, dennan dafja schließich ni vonner Rang­fo-fo-folge ab-wei-ch-ch-en. Also musstichn zeign, wo­sanggeh. Voallm, daichm Recht war."

"Du bist wohl nicht immer im Recht?"

"Kansei, abr behalt es für dich."

Sie lacht: "Muss ich mir noch überlegen. – sage mal, hast du eigentlich Anziehsachen?"

Ich schüttle den Kopf.

"Also möchtest du dich ihr gegenüber ein bisschen beherrschen. Denn hier brauchst du welche."

"Aalsoer Leisatz: Enwedr du bis fo-fogsam, ein­jedn Mis, dench befehl, ausfühen Sonn oder du kommt keene Sachn. Isso?"

"Da gibt es schon andere Möglichkeiten. Nur glau­be ich, du kannst jetzt keinen zusätzlichen Ärger ge­brauchen, hast ja schon genug mit dir zu tun. – So, nun aber guten Appetit!", wünscht sie mir, bevor ich noch Weiteres sagen kann.

Ich beäuge das Abendbrot erst einmal. – Gut, dass ich mir in der ITS was angemampft hab. Denn was ich hier angeboten kriege, ist der reinste Fraß. Tote Oma scheint hier das Hauptgericht zu sein, sie ist dreimal auf dem Teller. Ich bin aber kein Mitglied vom diesem Fanklub.

*

Nach einer Weile kommt Gabi wieder.

"Kanni Naschlag ham?", frage ich sie.

"Du hast doch noch zwei Scheiben drauf, iss doch die erst mal."

Ich verziehe angewidert das Gesicht: "Willt mi vergifn? So schnellaste aalso die Nase voll vommer."

Sie fängt an zu lächeln, folglich kann sie verste­hen, worauf ich hinaus will: "Tut mir leid für dich, aber wir haben nichts anderes da. Also: Essen oder hungern?"

"Hungern."

Sie ergreift Schulter zuckend meinen Teller und verschwindet.

*

Ich habe noch ein bisschen gelesen, jetzt aber die Au­gen zugemacht, allerdings ohne gleich einschlafen zu können. Muss mir itzo eingestehen, dass ich wahr­scheinlich nicht verarscht werde, dass es wirklich ei­nen Unfall gegeben haben muss. Nur – ich kann mich nicht daran erinnern! Doch eine Chance bleibt mir noch: Vielleicht bin ich gar nicht Mike Scholz. Doch wer bin ich dann?? Auf jeden Fall einer, der beschissen dran ist. Kann nicht laufen, schlecht spre­chen, den Körper schlecht bewegen ... Doch wie kom­me ich dann in den Körper? Reingeschlüpft? Blöd­sinn. Ich muss mal in den Spiegel gucken. Will ich das wirklich? Ja, ich will! Ich will Klarheit haben! Ich muss in den ...

2

Donnerstag, 20. September. Vormittag. 09.00 Uhr.

"Na, wie geht's, Herr Scholz?", fragt Frau Miller, die pünktlich erschienen ist und von mir beinahe sehnsüchtig, zumindest aber mit großer Spannung er­wartet wird.

"Ich hoff bessr, wennSe wiedrehn! – Übigns, Sie kömi ruhig Mike nenn. Ich erloubsn."

Sie lacht: "Okay, Mike. Jetzt geht es aber ran an die Arbeit."

Ich soll Sachen versuchen, die der Verbesserung meiner Kraft und Koordination dienen, z.B. Arme he­ben und spreizen, ebenso die Beine. Außerdem brach­te sie einen kleinen Gummiring mit, den man zusam­mendrücken muss, also zur Kräftigung der Finger dient. Und auch noch einen, den man auseinander zie­hen soll. Problematisch, vor allem der zweite. Aber auch, wenn ich nicht Mike Scholz bin, sondern ir­gendjemand anderes, ich muss es hinkriegen, koste es, was es wolle. Denn dann bin ich es dem anderen schuldig!

*

"Soll ich die Ringe hier lassen?", erkundigt sich Frau Miller, am Ende ihrer Session.

"Dasärni schlech, da kanma sich wenstns die Zeit verteibn. Außerdem willi soschne wiemögch weg! Dat kotzt mian hier!"

"Okay, hier sind sie. So, tschüss bis morgen."

Kaum ist die Tür wieder geschlossen, frage ich mich, warum nicht zweimal am Tage. Abgesehen da­von hätte ich mich ja gleich mal erkundigen kön­nen, wie lange ich hier kampieren muss.

Nun gut, dann muss ich es eben morgen machen.

*

Am Nachmittag kommt Pia: "Na Mike, wie geht's?"

"Umsändn entspechn. Aber hierinne isso herich beschissn. Erinnert michirgndwie ande Fottenschü."

"Inwiefern?"

Nachdem ich es ihr erklärt habe und wir eine Rei­he von Küsschen getauscht haben – keine richtigen Küsse, obwohl ich es versuche – Warum nicht? – kommt plötz­lich ein Pfleger herein und verkündet, dass er mich wa­schen will. Wir sollen Schluss ma­chen.

"Ja, wir sind gleich fertig", antwortet Pia.

Ich aber finde es unverschämt, einen damit mitten am Tage bei seinem Besuch zu stören. "Son Misvieh!, befinde ich deshalb, als er sich – nur einen Moment wahrscheinlich – verzogen hat. "Sahso aas, alsenner neidiisch wär. Der will wohouma!"

"Igittigitt!", schüttelt sich Pia von Ekel angefallen; "da könntest du mir ruhig was Besseres anbieten! Doch ..."

"Mizum Beispie?", unterbreche ich sie.

Sie überlegt. "Hm, ja, das wäre eine Möglichkeit. – Doch ich muss jetzt sowieso los."

"Scheiße!"

"Nicht doch, nicht doch. Und du musst mir auch versprechen, wegen jetzt kein Aufstand zu inszenie­ren."

"Zähnirsch ja. Wenndmi mit som schmachtenden Blick ansaust, kannchir donischabschlagn."

Sie teilt mir noch mit, dass sie jetzt nicht mehr je­den Tag kommen könne aufgrund finanzieller Proble­me, deshalb in Zukunft nur noch aller drei Tage, und will dann wissen, ob meine Mutter schon hier gewe­sen sei.

"Ääh, wo denksenhin?! KeeSpur vonnerher äh bis­her. Ichrauch abr meie Kamottn."

Plötzlich gerate ich in Rage, rege mich auf wie eine wild gewordene Furie; kann aber nichts dagegen tun – obwohl ich es nicht möchte; es überfällt mich einfach und nimmt nur zögernd seinen Zugriff wieder weg. So lasse ich mir auch diesmal die übelsten Schimpfwörter einfallen, um meine Mutter zu charak­terisieren, um meine Gefühle ihr gegenüber der Au­ßenwelt deutlich zu machen.

"Mike", möchte mich Pia beschwichtigen, "das mag zwar wahr sein, aber du musst es nicht so direkt sagen."

In dem Moment kommt der Pfleger wieder rein.

"Oh nee, scho wiedr", murmle ich, nur für Pia hör­bar. (Ich nehme es zumindest an, denn ich bin ganz leise geworden.)

"Kann ich ihn nicht waschen?", schlägt sie dem Pfleger vor.

"Dasärne lueneine Idee!", versichere ich sofort lautstark. Stelle mir dabei augenblicklich vor, wie sie zart über meinen Körper fährt, mir das Gefühl des Gestreichelt–Werdens vermittelt, Otto in die Hand nimmt und seine Vorhaut zurü...

"Nein, das geht nicht. Wir haben da unsere Vor­schriften", antwortet der Pfleger bestimmt.

"Er haAgst vodden komischn Fecken, diedaoffm Lakn entstehn könntn", flüstere ich Pia zu und bin mir sicher, dass diese dabei entstehen würden. – Wenn sie dabei noch ihre üppigen Rundungen lüftet, dann ...!

Das bringt sie zum Kichern. Mühsam versucht sie es zu verbergen; aber doch dürfte er es bemerkt haben und steht angemeiert wartend mit vorgestrecktem Bierbauch und der Waschschüssel in der Hand vor meinem Bett.

"Na, dann muss ich wohl." Sie gibt mir noch ein Abschiedsküsschen und geht, allerdings nicht ohne noch einen Blick auf den Pfleger zu werfen, bei wel­chem sie wieder loskichern muss.

"Das kann ja schließlich nicht jeder machen", recht­fertigt er sich, während er mich wäscht, "sich von seinem Besuch waschen zu lassen. Also tut es auch niemand. Schließlich haben wir unsere Vor­schriften; und die sind dazu da, dass wir uns daran halten."

"Ja ja", rede ich beruhigend auf ihn ein. Denn das wäre ja unverzeihlich, wenn er bei mir im Zimmer ei­nen Herzinfarkt bekäme. Da würde ich mich Zeit meines Lebens grämen.

*

Am Abend stelle ich Gabi die mich zurzeit am meis­ten beschäftigende Frage: "Wasoubstn, wielange werdchn hier drinneleibn müssn?"

"Na ja, ich bin ja kein Experte. Aber – willst du meine Meinung hören oder die, die in den Schulbü­chern steht?"

"Deie natürch! Sonst hättchjani gefagt!"

"Also – es ist unterschiedlich. Es kann vier Wo­chen dauern, zwei oder vier Monate, aber auch ein halbes Jahr. Manchmal sogar ein ganzes Jahr."

"Un wielange wirds bei mir dauen?"

"Das kann ich dir eben nicht sagen. Zum Teil hängt es von dir selbst ab."

"Allo anklotzn. Sis offedenfall niunmögich, in vier Wochn rauszusei?"

"Ich sehe, du hast es richtig kapiert. – Übrigens, war deine Mutter heute da?", wechselt sie das Thema. Und nachdem ich verneint habe: "Langsam wird das bedrohlich wegen deiner Anziehsachen. Wenn sie nächste Woche immer noch nicht da war, werden wir ihr die Fürsorge auf den Hals schicken."

"Fürsorje? Was isn dat?"

"Etwas Amtliches. Da kriegt sie auf jeden Fall gro­ßen Ärger.

Klingt gut. Denn es kann ja wohl nicht sein, dass sie mich hier hängen lässt. Feuern aus allen Rohren. Und ich werde mich darum bemühen, ein paar Rohre aufzutreiben.

*

Kurz vor dem Einschlafen ziehe ich mein Tagesfazit: In vier Wochen kann ich also raus sein! Noch vier Wochen, an denen ich ganz hart arbeite muss! Doch dann kann und werde ich dem Mist hier mein Winke–Winke geben. Vier Wochen noch und dann werde ich endlich wieder frei sein!

3

Sonntag, 23. September. Abends.

Gabi – die ich mittlerweile zu meiner Lieblings­schwester gekürt habe – erscheint mit einem Rollstuhl in der Tür.

"Na, hast du Lust, zum Essen am Tisch zu sitzen?", fragt sie mich.

"Ich halLust", strahle ich und versuche mich zu er­heben.

"Nicht so hastig, Mike. Es geht sofort los." Und hievt mich aus dem Bett.

Blödes Gefühl, im Rollstuhl zu sitzen. Zu den Gleich-Großen oder auch Kleineren, eigentlich zu al­len, schaut man auf wie zu Außerirdischen überlege­ner Intelligenz. Man kommt sich vor wie von der Ge­meinschaft ausgestoßen – Vielleicht ist man es dann auch?? –, wartet darauf, dass sich mal jemand er­barmt, sich zu dir herunterzubeugen und dir zuzuhö­ren. Nee, an den Rollstuhl werde ich mich nie gewöh­nen können. – Wo kommt auf einmal der blöde Ge­danke her? Es besteht doch überhaupt kein Zweifel daran, dass er nur eine Übergangslösung ist! Dass er mich nur befreit vom Essen im Bett! Ich mag zwar Frühstück im Bett, doch hat das hier ja wohl über­haupt nichts damit zu tun. Ich habe es nur ganz ein­fach satt, tagein, tagaus und dazwischen auch ständig im Bett zu hocken.

*

Nach dem Essen hat sie mich im Fernsehraum abge­stellt. Dort schaut sich gerade eine Gruppe Patienten, die auf den vor einem Plattenspieler mit Radio ste­henden Sesseln sitzen, auf dem Farbfernseher irgend­eine Klatschserie an. Aber ich widme mich etwas viel Wichtigerem: Ich schaue in mich hinein, in der Hoff­nung, etwas Neues zu entdecken, vielleicht sogar et­was darüber herauszubekommen, wo ich jetzt stehe, und in die Zukunft zu sehen, was als nächstes auf mich zukommt, wie ich es lösen werde: Eines ist mir klar geworden: Auf meine Mutter brauche ich nicht zu hoffen. Zwar dürfte ich auch einen mehr oder min­der großen Schuldanteil besitzen, doch mir scheint, sie betrachtet mich nicht mehr als vollwertiges Be­standteil ihrer Umgebung. Und ich glaube – nein, ich weiß es, ich kann mich wieder sehr, sehr dunkel dar­an erinnern –, dass sie früher schon darunter gelitten hat, mich zu akzeptieren, und so dürfte sie jetzt noch vielmehr darunter leiden, dass sich daran nichts ge­ändert hat. Aber was ist eigentlich nun mit mir pas­siert? Sollte das mit dem Unfall etwa stimmen? Dann müsste ich ja einen totalen Filmriss haben. Und neh­men wir mal an, es stimmt, was mir da drüber erzählt worden ist, so lässt sich doch keine Schlussfolgerung daraus ziehen, tauchen nur Schemen auf, kein Bild aber. Okay, ich glaube, von der Annahme, dass ich verscheißert werde, kann ich abgehen. Da würden zu viele mit drinnen hängen. Was zu sehr nach irrealem mieft. Allerdings – was ist hier noch real? Was von dem, was jetzt über mich hereingestürzt ist, gehört nicht in die Märchenwelt? Keine Ahnung. Kommt auch davon, dass ich mich an nichts erinnern kann, was letzen Monat passiert ist. Mache ich mir vielleicht selber etwas vor? Möglicherweise bin ich doch gar nicht Mike. Aber das ist doch wieder der Punkt, an dem ich mich schon tausendmal geklammert habe. Es bleibt dabei: Ein Blick in den Spiegel muss her. Um erst einmal über eine Seite Klarheit zu bekommen. Und das muss sehr bald geschehen.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
341 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783754131466
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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