Czytaj książkę: «Elisabeth Petznek»

Czcionka:

Michaela Lindinger

„Erzsi“

Rote Erzherzogin

Spiritistin

Skandalprinzessin

Die Biografie



Die etwa 15-jährige Erzsi in modischer Sportkleidung, 1897

Elisabeth Marie Henriette Stephanie Gisela von Habsburg-Lothringen, Erzherzogin von Österreich

(1883–1902)

Elisabeth Fürstin zu Windisch-Graetz

(1902–1919)

Elisabeth Windisch-Graetz

(1919–1948)

Elisabeth Marie Petznek

(1948–1963)

„Schießen Sie!

Schießen Sie!“

Elisabeth Windisch-Graetz, 1945


Erzsi mit etwa 30 Jahren, um 1913

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

1889: Wie alles begann

Ein – längerer – Prolog

I Die Geister, die sie rief

Unheimliche Fälle auf Schloss Schönau

II Das Schweigen

Eine kaiserliche Kindheit

III Der Tod des Märchenprinzen

Otto, Egon und Goldi

IV Upper Class statt Arbeiterklasse?

Erzsi „von der roten Nelke“

V Das Geschenk der alten Dame

„Legat Petznek“

Zwei Jahre mit Erzsi

Ein – kurzer – Epilog

Personenverzeichnis

Verwendete Literatur

Bildnachweis

Dank

Die Autorin


li.: Erzsis Eltern und Großeltern am Ort ihrer Geburt: Franz Joseph und Elisabeth, Rudolf und Stephanie in Laxenburg, 1881

1889: Wie alles begann

Ein – längerer – Prolog

Besucherinnen und Besucher empfing Erzsi eher unwirsch. Die ehemalige Erzherzogin hieß nun Elisabeth Marie Petznek. Sie lebte in einer Art Klein-Schönbrunn, einer schlossähnlichen Villa im 14. Wiener Gemeindebezirk Penzing. Die Straßenbahnlinie 49 bimmelte damals noch durch die gesamte Linzer Straße, als die alte Dame auf der Hausnummer 452 wohnte. Eine Einladung bei ihr war ein unvergessliches Ereignis für jeden, der einmal in die musealen Salons dieser imposanten, beinahe 1,90 Meter großen Frau eintreten durfte. Das Besuchszeremoniell ähnelte einer Audienz bei ihrem Großvater, Kaiser Franz Joseph. Alles lief strikt nach Protokoll ab. Man hatte auf die Minute pünktlich zu sein. War man verspätet, aus welchen Gründen auch immer, wurde man nicht mehr vorgelassen. Also stand man vor dem Tor und schaute auf die Uhr, dann läutete man genau im richtigen Augenblick. Das Tor wurde von Erzsis „Faktotum“ Paul Mesli, einem Donauschwaben, der sich Lesen und Schreiben selbst beigebracht hatte, geöffnet. Wir werden auf Meslis schriftliche Erinnerungen an die letzten Lebenstage seiner Dienstherrin zurückkommen.

Schon nach dem ersten Schritt findet man sich im Garten der Villa wieder, in einem Meer von Blumen – rot, blau, gelb, leuchtendes Grün rankt sich die Mauern empor. Der Park ist riesig und fachmännisch durchkomponiert. An der Haustür wird man vom langjährigen Sekretär der Hausherrin, Herrn Rudolf Feltrini, empfangen, gleichzeitig hört man lautes, furchterregendes Hundegebell. Erzsis Schäferhundezucht genießt in Kynologenkreisen einen hervorragenden Ruf. In der düsteren, kaum beleuchteten Eingangshalle stehen hohe Renaissance-Schränke aus dunklem Holz, überhaupt ist es finster hier im Erdgeschoß. Die Wände sind überfüllt mit Jagdmotiven und Reiseansichten. Beinahe stößt man mit einem riesigen, aufrecht stehenden Bären zusammen – es handelt sich um ein ausgestopftes Tier, eine Jagdtrophäe aus dem Besitz des Vaters der Frau Petznek. Auf zahlreichen Gemälden im Haus wird uns dieser von ihr kultisch verehrte Vater immer wieder begegnen.

Sie kann sich noch an ihn erinnern, doch hat er seine kleine Tochter, die er mit dem ungarischen Kosenamen Erzsi (Kurzform von Erzsébet/ Elisabeth) rief, schon vor langer Zeit für immer verlassen. Es war wenige Monate nach ihrem fünften Geburtstag. An einem kalten Wintertag Ende Jänner 1889 war der Vater in sein Jagdschloss nach Mayerling aufgebrochen und hatte dort seine Geliebte Mary Vetsera und anschließend sich selbst umgebracht. Er wurde 30 Jahre alt.

Am Tag, als Kronprinz Rudolf starb

Maiglöckchen waren in der ganzen Stadt ausverkauft. Die unzähligen Blumen in den Gewächs- und Glashäusern, die eigentlich die Wiener Ballsäle hätten zieren sollen, mussten nun ein Staatsbegräbnis bedienen. Auch schwarze Kleidung war an diesem eisigen 4. Februar 1889 nirgends mehr in Wien zu bekommen. Es schneite heftig. Seit sieben Uhr früh hatte die Hofburgkapelle geöffnet, damit die Untertanen im weiten Reich des Kaisers Franz Joseph Abschied nehmen konnten von seinem einzigen Sohn. Und wie sie Abschied nahmen. Der Kronprinz war bei der Bevölkerung sehr beliebt gewesen, nicht nur, wie es bis heute heißt, bei den Frauen. Man schätzte seine fortschrittlichen Sichtweisen, seine neuen Ideen, man wusste von seinen Touren durch Vorstadtlokale, wo er Volkssängerinnen und Kunstpfeifern lauschte. Seit Tagen warteten die Wienerinnen und Wiener, um endlich die momentan weltweit berühmteste und geheimnisumwittertste Leiche in Augenschein nehmen zu können. Von Ottakring oder Erdberg, von überall her strömten die Leute in Richtung Hofburg. Sie kamen mit der Straßenbahn, in Kutschen, zu Fuß. Sie kamen mit Blumen. Sie kamen in Schwarz.

Wer kein Geld für ein solches Trauerspiel hatte, trug – passend zur Jahreszeit – schwarze Karnevals-Gesichtsmasken, die zu Trauerbändern zerschnitten worden waren, rund um den Oberarm. Der alljährlich sehnsüchtig erwartete Wiener Fasching war kurz vor seiner heißen Phase abgesagt worden – was man nicht sofort bemerkte, denn es ging hoch her in der Stadt. Respektvolles Trauern jedenfalls sah anders aus. Anständiges Benehmen war auf den Straßen Wiens zu einem Fremdwort geworden. Die Menge drängte und presste auf dem zertrampelten Schnee. Menschen stürzten in den halbdunklen, schwarz verhängten Straßen aufeinander. Schwarze Flaggen und Stoffe hingen aus fast allen Fenstern und von den Dächern. Die engen Gassen der Innenstadt wirkten wie sinistre Zelte oder Tunnels. Eingangstüren, Laternen, Geschäftsschilder: Alles war schwarz verhängt. Ganze Familien machten sich auf den Weg durch die verschneite Finsternis, vom Großvater auf Krücken bis zum Baby im Kinderwagen. Man hatte versucht, rund um die Hofburg und entlang der unfertigen Ringstraße Platz für die Massen zu schaffen; doch der reichte bei Weitem nicht aus. Absperrungen wurden genauso zur Seite gedrückt wie das Ordnungspersonal. Als die Hofburgkapelle geöffnet wurde, drängten die Leute schwarmartig hinein. Kinder brüllten, Frauen gingen ohnmächtig zu Boden. Die hölzernen Kirchenbänke zersplitterten unter dem Druck der Drängenden. Polizisten riefen Soldaten zu Hilfe, die rasch einen Abwehrkordon bildeten. Doch erst als berittene Militärs auftauchten, konnte die Ordnung einigermaßen wiederhergestellt werden. Notärzte kümmerten sich um die etwa 20 Frauen, die in der Kapelle wegen des unerwarteten Todes ihres Idols unter Weinkrämpfen zusammengebrochen waren.

Wiener sammeln sich vor den Fenstern des Kaisers in der Hofburg, 30. Jänner 1889

Der tote Kronprinz Rudolf, wie auch Erzsi ihn sah, 31. Jänner 1889

Um 16 Uhr sollte die Hofburgkapelle geschlossen werden. Noch immer warteten nicht nur große Menschenmengen auf Einlass, sondern es gruppierten sich auch unübersehbar weitere Interessenten im Umkreis der Hofburg. Von offizieller Seite wurde verlautbart, man solle nach Hause gehen. Niemand folgte dem Aufruf. Überhaupt rührte sich kein Mensch. Die Menge stand still im Schneefall, der langsam in ein feuchtes Nieseln überging. Die Wartenden standen durchnässt, aber unbeweglich, wie die Statuen auf den Dächern der neuen Ringstraßengebäude. Ein leiser Chor begann sich zu formieren: „Wir wollen unseren Kronprinzen sehen … wir wollen unseren Kronprinzen sehen …“

Der Kaiser intervenierte persönlich. Ein berittener Offizier verlas die Botschaft Franz Josephs: „Die öffentliche Aufbahrung wird für drei weitere Stunden, bis 19 Uhr, verlängert.“

Überhaupt intervenierte Franz Joseph bei allen Details. Seine Frau Elisabeth lag im Bett. Sie hatte veranlasst, dass die „liebe gute Freundin“, die Schauspielerin Katharina Schratt, sich um den Kaiser kümmern solle. Die schockierten Töchter Gisela und Marie Valerie schluchzten zusammen mit den sie umgebenden Hofdamen. Der Kaiser tat seine Pflicht. Der Erzbürokrat, der alles aushielt, der allem widerstand, saß an seinem Schreibtisch. Er bestellte zwei Särge für seinen Sohn, den provisorischen Sarg aus Holz und den endgültigen aus Metall, an dem mehrere Monate gearbeitet werden würde.

In der Nacht vom 4. auf den 5. Februar 1889 sah Wiens winterliche Innenstadt aus wie ein Musikfestival im Sommer. Überall kampierten die Leute. Es wurden stündlich mehr, die Besucherzahlen bei der Aufbahrung sollten von denen des bevorstehenden Begräbnisses noch übertroffen werden. Reisen im Winter waren mühsam und dauerten lang, doch mittlerweile waren auch Trauernde und Sensationslüsterne aus Ungarn, Böhmen, Mähren und entlegeneren Teilen des Habsburgerreiches in der Hauptstadt angekommen. Die Armee stellte Feldlatrinen für die Camper auf. Man lebte vom Proviant, den man mitgebracht hatte, oder kaufte ein paar Würste bei den Hausierern, die in diesen Tagen der alles überwältigenden Trauer ein gutes Geschäft machten. Andere Straßenhändler verscherbelten rasch zusammengeschusterte Erinnerungsartikel: Fotos des Kronprinzen in schwarzen Rahmen, noch druckfrische Broschüren seiner kurzen Vita, manche schafften es, ein letztes der in schwarze Papiermanschetten gebundenen Maiglöckchensträußchen zu ergattern – Rudolfs Lieblingsblumen.

Der Hof der Habsburger entfaltete seinen legendären Trauerprunk. Alle Fenster rund um die Begräbnisroute von der Hofburgkapelle zur Kapuzinergruft waren voller Gesichter. Niemand, der so „praktisch“ wohnte, wollte den pompösen Leichenzug verpassen. Plätze an den Fenstern wurden von deren Eigentümern auch an Neugierige vermietet. Besonders Waghalsige balancierten auf den Dachvorsprüngen, von denen die schwarzen Tücher nach unten wallten. Nach Tagen voller Wind, Regen und Schnee hatte es plötzlich aufgeklart. Der Himmel begrüße den Toten mit gutem Wetter, meinten einige.

Um Punkt 16 Uhr begannen die Glocken der Hofburgkapelle langsam zu läuten. Die Trauerkutsche mit der Leiche setzte sich in Bewegung. Der Wagen wurde – ganz entgegen der Tradition – von sechs Lipizzanern, also weißen Pferden, gezogen. Normalerweise übernahmen schwarze Kladruber diese ehrenvolle Aufgabe. In der Kapuzinerkirche ging Franz Joseph zu seiner Bank in der ersten Reihe, neben ihm stand das belgische Königspaar, Leopold II. und seine habsburgische Frau Marie Henriette, die Eltern der Witwe. Der Kardinal betete.

Als der hölzerne Sarg in die Gruft getragen wurde, brach der Kaiser zusammen. Er weinte und flüsterte das Vaterunser. Dann stand der 58-Jährige ohne Hilfe auf, trocknete sein Gesicht mit einem Taschentuch und verließ die Kirche.

Nun war er wieder Kaiser von Österreich, König von Ungarn etc. etc. Die Begräbnisshow ging vorüber und der Moment der Schwäche war vorbei. Franz Joseph sollte noch weitere 27 Jahre regieren.

Die Ehefrau des Kronprinzen Rudolf, Stephanie, hatte nicht am Begräbnis ihres Mannes teilgenommen, auch seine Mutter Elisabeth und die jüngere Schwester Marie Valerie fehlten. Lediglich Rudolfs Lieblingsschwester Gisela saß an der Seite ihres Vaters in der schwarzen Kutsche. Als Kinder waren sie und Rudolf unzertrennlich gewesen. Die staatliche „Wiener Zeitung“ schrieb, der Schock habe die Damen des Kaiserhauses so verstört, dass die Ärzte eine Teilnahme untersagt hätten.

Viele kirchliche Würdenträger waren indessen der Ansicht, der radikale, unchristliche Kronprinz habe ein heidnisches Ende gefunden. In Linz bekundeten während des Begräbnisses nur die protestantischen Geistlichen durch Glockenläuten ihre Trauer. Die katholischen Mesner blieben offenbar zu Hause. In Ischl, der Sommerfrische des Kaisers, war es überhaupt totenstill. In den Stunden nach dem Begräbnis flogen schwarze „Drachen“ durch die kühle Luft. Es waren die Trauerfahnen an den Gebäuden, die vom Wind verweht wurden.

Die Selbstmordzahlen in Wien, ohnehin hoch im europäischen Vergleich, explodierten in den Februarwochen des Jahres 1889: Kopfschuss, Strychninvergiftung, aufgeschnittene Pulsadern, Aufschlitzen der Halsschlagader, ein Sprung aus dem dritten Stock. Ein Suizid durch Pistolenschuss sogar in Laxenburg, Rudolfs Sommerresidenz. In zehn Jahren wird seine Tochter Erzsi dort Reitturniere veranstalten. Und beim Tennismatch mit ihrer ersten Liebe flirten.

Sie war es auch, die laut Rudolfs Testament sein Jagdschloss in Mayerling erben sollte – was Franz Joseph nicht gutheißen konnte. Er kaufte es der Fünfjährigen noch im Februar 1889 in aller Stille ab. Ebenfalls in diesem Winter kam der vom Sterben besessene Komponist Anton Bruckner am Ort von Mord und Selbstmord im Wienerwald vorbei. Er wollte Erkundigungen bei der Bevölkerung in Mayerling einholen, sah jedoch niemanden. Lediglich hinter einem erleuchteten Fenster meinte er verschleierte Gesichter ausmachen zu können. Er täuschte sich nicht. Maria Euphrasia Kaufmann, die Priorin der Unbeschuhten Karmelitinnen in Baumgarten, war bereits mit einigen Mitschwestern in Mayerling eingezogen. In ihrer Begleitung kam der Architekt Josef Schmalzhofer. Der Befehl des Kaisers lautete, das Jagdschloss in ein Nonnenkloster umzubauen. Die Karmelitinnen waren schon da, noch bevor Schmalzhofer die ersten Fotos und Zeichnungen anfertigen konnte. Anton Bruckner wusste somit etwas, das erst am 9. April 1889 öffentlich verlautbart wurde. Nämlich dass in Mayerling ein bis heute bestehendes Kloster einzurichten sei und die Nonnen dort unablässig beten sollten für das Seelenheil des (atheistischen) Kronprinzen. Und, wenn es nach Erzsi ging, auch für das der „armen Kleinen“, wie sie die minderjährig verstorbene Freiin von Vetsera zu nennen pflegte. Einst wurde sie selbst so genannt, nämlich im Abschiedsbrief ihres Vaters an ihre Mutter.

Im Refektorium liegt immer ein Totenschädel auf dem Platz der jeweiligen Priorin. Wie früher in Rudolfs Arbeitszimmer in der Hofburg.

Es hat sich ein Verein gebildet …

Die „Religion“ des Kronprinzen war der Liberalismus gewesen, eine der fortschrittlichen politischen Richtungen seiner Zeit. Mit seinen Verbündeten in der Wiener Presse und Wissenschaft sowie in der ungarischen Reichshälfte und in Frankreich träumte Rudolf den großen Traum des 19. Jahrhunderts von Gleichheit und Prosperität. Aus diesem Grund wurde sein Tod auch von so vielen als Anfang vom Ende Österreich-Ungarns erlebt. Umgeben von der reaktionären Hofkamarilla und auf Befehl seines Vaters Tag und Nacht beschattet, hatte Rudolf längst erkannt, dass die traditionsüberfrachtete Welt des Kaisers der Vergangenheit angehörte. Und da er nicht in der Vergangenheit leben wollte, war er gegangen.

Das liberale Konzept förderte den Wirtschaftsaufschwung mit dem Ziel, mehr Wohlstand für alle durch Industrialisierung der großteils noch agrarischen Gebiete in der österreichisch-ungarischen Monarchie zu erreichen. Eine Steigerung der Güterproduktion sollte mit mehr Freiheit für den Einzelnen durch Demokratisierung einhergehen. Wissenschaft und Forschung sollten neue Technologien entwickeln, und dieses Wissen sollte wiederum zum Wohle aller eingesetzt werden. Ein ganz besonderes Lieblingsprojekt des Kronprinzen war die „Elektrische Ausstellung“, die vom 16. August bis zum 31. Oktober 1883 in der Wiener Rotunde die Massen anlockte. In diesen Wochen wurde im Laxenburger Schloss Rudolfs Tochter Erzsi geboren, am 2. September 1883. Anlässlich der Taufe der kleinen Erzherzogin konnte am 5. September die internationale „Elektrische Ausstellung“ gratis besucht werden.

Ihr Vater hatte seine Begeisterung bei der Eröffnungsrede nicht zurückgehalten: „Die Zukunft ist eine große – und eine weitreichende, kaum zu berechnende Umwälzung (…). Und ein Meer von Licht erstrahle aus dieser Stadt und neuer Fortschritt gehe aus ihr hervor!“ Der Adel habe bei dieser Gelegenheit wieder einmal durch Desinteresse „geglänzt“, konstatierte der Kronprinz enttäuscht in einem Brief an seinen Freund, den einflussreichen Journalisten Moritz Szeps: „Niemand war da. Erzherzog Albrecht verzog das Gesicht auf das entsetzlichste.“ Kein Wunder – der alte Feldmarschall fand Worte wie „Umwälzung“, „Fortschritt“ und dergleichen aus dem Mund des Mannes, den man für den zukünftigen Kaiser hielt, in höchstem Maß abschreckend. Rudolfs Mutter, Kaiserin Elisabeth, die sich in ihren Gedichten „Titania“ nannte, war der Meinung, ihr Sohn lege aufgrund seiner Vorliebe für Naturwissenschaft und Technik ein übersteigertes Selbstwertgefühl an den Tag und fühle sich über seinen altmodischen Vater („Oberon“) erhaben. Sie erfuhr vom Inhalt der Rede und spottete in einem Gedicht:

„Strahlt die Elektricität, Muss das Gas erbleichen, selbst des Ob’rons Majestät Hier muss sie jetzt weichen.“

Demokratie, Industrialisierung und Wissenschaft waren die Säulen, auf denen die Reformpläne des Kronprinzen aufbauten. Sie waren den Machtträgern Adel und Klerus diametral entgegengesetzt.

Rudolf wollte Österreich hinausführen aus der Allianz mit dem deutschen Kaiserreich, hin zu einem Bündnis mit England und Frankreich. Abgesehen von seinen häuslichen Querelen mit dem allmächtigen Vater und der nicht zu ihm passenden Ehefrau wäre er wohl ein besserer Vermittler in politischen Fragen gewesen als die meisten Habsburger, denn er kannte die richtigen Leute, fortschrittlich eingestellte ausländische Politiker, die tonangebenden Journalisten, Universitätsprofessoren. Auch die nationalistischen Spannungen auf dem Balkan, die schließlich 1914 zu den Schüssen von Sarajevo führten, wollte er lösen. Eine Option sah er in der Staatsform der konstitutionellen Monarchie mit einem funktionierenden Parlament und Mandatsverteilungen quer durch die Parteien. Keine Nationalität sollte über der anderen stehen. Die Benachteiligung durch die Sprache in den Ämtern, Gerichten oder beim Militär sollte aufgehoben werden.

Hehre Worte für jemanden, der zwar einen gewissen Glamour beim Denken ausstrahlte, aber völlig unfähig war zu handeln. Ein Vorkämpfer des Individualismus, der es selbst nicht schaffte, als Individualist erfolgreich zu leben. Vergnügen artete bei ihm stets in sinnlosem Exzess aus. Rudolf forderte das Absolute in Gedanken und Gefühlen, doch er wurde in allem enttäuscht. Ein unglückseliger Überprivilegierter.

Der Liberalismus hatte zu grenzenlosem Reichtum für wenige und schrankenlosem Elend für unendlich viele geführt. Das Scheitern ihrer Ideen suchten die meisten Liberalen in äußeren Ursachen. Die dem Liberalismus immanenten Gründe für seinen Niedergang blendeten sie aus. Ein Beispiel:

Was passiert mit einem tschechischen Schneider, dessen Handwerksstube einer Textilfabrik weichen muss? Er wird als Arbeiter in dieser neuen Fabrik eingestellt. Möglich, dass sich seine Arbeitszeit verkürzt. Möglich, dass sich im Verhältnis dazu sein Lohn erhöht. Aber früher kannte er seine Kundschaft, sprach mit den Leuten, ärgerte sich vielleicht über einen Kunden. Nun ist er ein gesichtsloser Sklave einer gesichtslosen Maschine. Er hat keinen Laden mehr, den er seinen Kindern vererben könnte. Daher schickt er seine beiden Söhne nach Wien. Sie sollen in der Hauptstadt auf Arbeitssuche gehen. Der weniger gebildete Sohn findet keine Arbeit, er verzweifelt, schließt sich schließlich den Antisemiten unter dem späteren Wiener Bürgermeister Karl Lueger an. Der lernwillige Sohn bildet sich in Wien weiter und wird ein panslawistischer Fanatiker. Szenarien dieser Art gehörten zum Wiener Alltag.

Die Folgen des Liberalismus waren jedenfalls nicht rosig. Im Gegenteil, das liberale Ideal hatte gesellschaftlich ziemlich abgewirtschaftet. Neue Strömungen fanden ihre Anhänger und die Vorläufer der heute noch existierenden Parteien begannen sich zu formieren. Karl Lueger gehörte nach zahlreichen politischen „Zwischenstationen“ zu den Gründern der christlich-sozialen Partei, der Vorläuferorganisation der ÖVP. Und auch das durch den hemmungslosen Liberalismus überhaupt erst entstandene Industrieproletariat kämpfte im Jahr 1889 verstärkt um seine Rechte.

Vier Wochen vor „Mayerling“, das die Grundfesten der österreichisch-ungarischen Monarchie erschütterte, hatte im niederösterreichischen Hainfeld ein Ereignis stattgefunden, das für Erzsi einmal fast genauso große Bedeutung erlangen sollte wie der frühe Tod ihres Vaters. 110 Delegierte aus fast allen Kronländern waren Ende Dezember 1888 nach Hainfeld gekommen, um Viktor Adlers Vermittlungsversuche zwischen der gemäßigten und der revolutionären Richtung in der Arbeiterbewegung mit einer Neugründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) zu besiegeln. Die Richtungskämpfe wurden jedoch nicht wirklich ausgeräumt und ließen sich auch nie ganz wegdiskutieren. Sie spielten in den 1920er-und 1930er-Jahren, als Erzsi sich in der Partei engagierte, eine große Rolle und brechen in der SPÖ bis heute immer wieder auf. Als die Schauspielerin Erni Mangold anlässlich ihres 92. Geburtstags ein TV-Interview gab, sagte sie, in ihrem Herzen sei sie Sozialdemokratin und werde es immer bleiben. Aber zu Wahlen gehe sie seit über 30 Jahren nicht. „Seit dem Vranitzky schon nicht mehr“, erklärte sie. „So einer passt nicht.“ Sie meinte damit, in ihren Augen könne ein Banker nicht Obmann einer Arbeiterpartei sein.

Am 1. Jänner 1889 war die bedeutsame Einigung jedenfalls vollzogen. Der Hainfelder Parteitag markierte das Ende der heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der Arbeiterbewegung, die zu ihrer Spaltung in feindliche Fraktionen geführt hatten. Die geeinte Sozialdemokratie verstand sich als marxistische Partei, wobei die marxistische Theorie den spezifischen Verhältnissen des Landes angepasst werden sollte. Die Einigung bescherte der Partei einen großen Aufschwung. 50.000 Mitglieder zählten die sozialdemokratischen Organisationen bereits im Jahr 1890.

Viktor Adler: Armenarzt, Journalist, Politiker, 1917

Der Arzt und Politiker Viktor Adler konnte deshalb so integrativ für die verschiedenen Flügel der Partei wirken, weil er sich als Undercover-Journalist in Günter-Wallraff-Manier in die berüchtigten Wienerberger Ziegelwerke eingeschlichen hatte, um anschließend das unvorstellbare Elend der dort tätigen Männer, Frauen und Kinder in der Zeitschrift „Gleichheit“ zu beschreiben. Aus der „Gleichheit“ wird noch 1889 die „Arbeiter-Zeitung“ hervorgehen, die ab 1970 – als es offenbar keine Arbeiter mehr gab – „AZ“ heißen wird und bis 1991 als Organ der österreichischen Sozialdemokraten erscheinen sollte.

Gelegentlich sieht man bei Hausabbrüchen in Wien alte Ziegelsteine, die den Stempel „HD“ tragen. Sie stammen aus dem von Adler beschriebenen Ziegelwerk des Ringstraßenmillionärs Heinrich Drasche. Der Lohn der „Wienerberger“-Arbeiter stand im umgekehrten Verhältnis zur Länge ihres Arbeitstages und reichte kaum zum Überleben. Noch dazu wurde er in Wertmarken ausbezahlt. Geld erhielten die Werktätigen kaum. Die Wertmarken mussten in der Werkskantine eingelöst werden, die teurer war als durchschnittliche Gastbetriebe und Essen von minderer Qualität ausgab. Fast alle Ziegelarbeiter, größtenteils Arbeitsmigranten aus dem heutigen Tschechien, man nannte sie daher „Ziegelböhm“, waren unterernährt, krank und lebten in fürchterlichen hygienischen Verhältnissen. Kinder unter zwölf Jahren arbeiteten von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Sogar die von jeglicher Realität abgeschirmte Erzsi in der Hofburg erfuhr später, als Teenager, von den Zuständen am Wienerberg.

Viktor Adler wurde mit der Veröffentlichung seiner Beobachtungen zu einem sozialistischen „Helden“, der sowohl von den linken als auch den eher gemäßigten Sozialdemokraten akzeptiert wurde. Ohne die Wienerberger-Reportagen wäre es wohl nicht zum Einigungsparteitag gekommen. Doch die Ideen zur Verbesserung des Loses der Arbeitenden reichten schon weiter zurück.

„Was wir ersehnen von der Zukunft Fernen, Dass Arbeit und Brot uns gerüstet stehen, Dass unsere Kinder in der Schule lernen Und unsere Alten nicht mehr betteln gehen.“

Dieses Gedicht von Ferdinand Freiligrath, dem langmähnigen deutschen Freigeist der bürgerlichen Revolution von 1848, nahm die Arbeiterbewegung in ihr Kulturgut auf, um ihr Programm der Armutsbekämpfung im 19. Jahrhundert voranzutreiben. Die Botschaft wollte unters Volk gebracht werden, und zu diesem Zweck gründeten sich schon ab 1867 zahlreiche Bildungs- und Kulturvereine, in Wien und in anderen größeren und kleineren Städten. Ihre Proponenten organisierten Bildungsprogramme für Arbeiter und zunehmend auch für Arbeiterinnen, denn ungelernte Frauen ohne Geld und Wohnung strömten in Massen in die Haupt- und Residenzstadt. Vorträge, Kurse, Diskussionen, neu eingerichtete Arbeiterbibliotheken sollten helfen, aus kaum gebildeten Arbeitssklaven klassenbewusste Proletarierinnen und Proletarier zu machen. In Wien und Wiener Neustadt erschienen – oft verboten und daher noch unregelmäßig – die ersten Zeitungen der im Entstehen begriffenen Arbeiterbewegung. Ferdinand Lassalles Ideen, wonach der Staat Produktionsgenossenschaften schaffen sollte, setzten sich, von Deutschland kommend, auch in Österreich durch. Wie für die deutsche Sozialdemokratie hieß der erste Schritt: Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts für Männer. Viele Frauen in der Bewegung verlangten schon damals das Wahlrecht für alle, doch die Männer, die das Sagen hatten, meinten: Klasse schlage Geschlecht. Im Klartext hieß das, zuerst wählen einmal alle Männer und dann werde man weitersehen.

Bald gewannen jene Kräfte innerhalb der zerstrittenen Arbeiterbewegung an Boden, die sich für eine eigene Partei stark machten. So kam es zu Ostern 1874 im burgenländischen Neudörfl zur Gründung der SDAP. Damals gehörte der kleine Ort übrigens zur ungarischen Reichshälfte.

Der „Schwarze Freitag“ von 1873, als die Börse krachte, beendete schlagartig die Ära des Liberalismus. Rasch herrschte hohe Arbeitslosigkeit, es kam zu polizeilichen Verfolgungen der hungernden Proletarier, die sich organisieren wollten, und im Endeffekt durch Spaltungen zum Beinahe-Ende der jungen Arbeiterbewegung. Schließlich gelang es Viktor Adler, mit seiner Zeitung „Gleichheit“ einen neuen Sammelpunkt zu schaffen, der 1888/89 zur Neugründung der SDAP auf dem Hainfelder Einigungsparteitag führte.

30 Jahre später. Monarchie und Adel sind abgeschafft. Frauen nehmen erstmals an Wahlen teil. In diesem Jahr 1919 wird die Tochter des Kronprinzen Rudolf, Elisabeth Windisch-Graetz, eingeschriebenes Mitglied der nun staatstragenden sozialdemokratischen Partei.

Und noch einmal zurück: Am Karsamstag 1889 spielte Anton Bruckner Mozarts „Te Deum“ in der Hofburgkapelle, wo nur wenige Wochen davor Rudolfs einbalsamierte Leiche zur Schau gestellt worden war. In der oberösterreichischen Heimat des Organisten wurde an diesem Tag, dem 20. April 1889, dem Ehepaar Klara und Alois Hitler ein Baby geboren. Der Bub erhielt den Namen Adolf. Die verschiedenen Ausprägungen des Faschismus und nicht zuletzt seine Folgen werden auch Erzsis Leben und das ihrer Angehörigen aus den Angeln heben.

I Die Geister, die sie rief
Unheimliche Fälle auf Schloss Schönau


Ein Geisterfoto, das eine Ektoplasma-Erscheinung zeigt. Es wurde bei Rotlicht aufgenommen und erscheint durch die Bewegungen des Mediums unscharf. Hier zu sehen: Das Medium Stanislawa P., das auch Albert von Schrenck-Notzing, Erzsis Spiritismus-Sachverständiger, bei „Sitzungen“ beschäftigte. Ob die Erscheinung „echt“ ist – darüber scheiden sich die Geister.

„Als Medium ist er natürlich unersetzlich.“

(Albert von Schrenck-Notzing warnt Erzsi vor einem Betrüger.)

„Es war fabelhaft!“ Sichtlich begeistert berichtete Erzsis ältester Sohn Franz Joseph, genannt Franzi, später seiner Frau Ghislaine von den Séancen, die seine Mutter etwa zehn Jahre lang veranstaltete. Franzi war damals um die 20 Jahre alt und auf Wunsch seiner Mutter musste er bei den Geisterbeschwörungen immer dabei sein, da man das Verhalten der Medien und der von ihnen hervorgerufenen Erscheinungen kaum vorhersehen konnte. Obwohl sich Erzsi von den besten Hypnosefachleuten und Parapsychologen ihrer Zeit ausbilden und schulen ließ, respektierte sie die Manifestationen und wollte ihre beiden bereits erwachsenen Söhne bei den Sitzungen um sich haben. Sie fürchtete nämlich, von gewalttätigen Erscheinungen angegriffen zu werden. Der zweitälteste Ernst Weriand, genannt Erni, weigerte sich aber und so blieb es an Franzi hängen, Zeuge der unterschiedlichen Dinge zu werden, die sich im verdunkelten Boudoir seiner Mutter abspielten. Ghislaine Windisch-Graetz verdanken wir viele Berichte über diese spiritistischen Sitzungen. Erzsi selbst sprach nie darüber. Ihre schriftlichen Aufzeichnungen wären sehr wertvoll und interessant, sind jedoch nicht erhalten geblieben. Sie schrieb ihre Erfahrungen in Briefen an ihren Lehrmeister, den deutschen Arzt Albert von Schrenck-Notzing (1862–1929), nieder. Man könnte ihn als führende Kapazität auf dem Gebiet der Parapsychologie bezeichnen. Er führte einen regen Briefverkehr mit zahlreichen bekannten Persönlichkeiten, war ein enger Freund von Erzsi und wurde wiederholt in ihren damaligen Wohnsitz nach Schönau in Niederösterreich eingeladen, wo er oft viele Wochen am Stück verbrachte.

Die Briefe, die Erzsi für Schrenck-Notzing verfasste, wurden von den Nationalsozialisten verbrannt. Okkultismus war – zumindest offiziell – dem NS-Regime ein Dorn im Auge. Außerdem waren viele Mitglieder in Schrenck-Notzings Zirkel adeliger Abstammung und standen daher im Fokus der neuen Machthaber. Man beabsichtigte, gegen diese Leute vorzugehen. Gleichzeitig konnten Männer aus adeligen Familien im NS-Eliteverband SS große Karrieren machen und auch Okkultisten gab es dort zur Genüge. Dennoch drangen SA-Verbände in Schrenck-Notzings ehemaliges Laboratorium in München ein, verbrannten seinen Briefverkehr, seine Bücher und auch unzählige Fotos der von ihm dokumentierten Erscheinungen. Die Räume seiner einstigen Münchner Wohnung wurden verwüstet. In Erzsis Briefen dürften ihre Versuchsanordnungen und die Ergebnisse, die sie erzielt hatte, genau beschrieben gewesen sein.

Der „Geisterbaron“

Schrenck-Notzing war wissenschaftlich ungeheuer penibel und hielt jede Bewegung, den leisesten Lufthauch, fest – schriftlich und in Form von Fotos. Sein Ziel war es, die Parapsychologie genauso wie die Sexualwissenschaft, mit der er sich medizinisch auseinandersetzte, als exakte Naturwissenschaften zu etablieren. Seine Selbstdefinition lautete „Spezialist für Nervenkrankheiten und Sexual-Pathologie“. Er war gewissermaßen der erste Psychotherapeut im heutigen Verständnis des Begriffes. Sein Interesse galt seelischen Vorgängen und deren Auswirkungen – im körperlichen, aber auch im geistigen Bereich. Konzentration, Meditation, Beherrschung des eigenen und fremden Willens sowie Hypnose konnten seiner Ansicht nach Materialisationen hervorrufen, wenn die „Zielperson“ gewisse dafür notwendige Veranlagungen mitbrachte. Eine solche Person nannte er „Medium“. Schrenck-Notzings Versuche mit den Medien würden heute von den meisten Menschen zumindest als fragwürdig bezeichnet werden.

Einige Briefe von Schrenck-Notzing an Erzsi sind im Besitz ihrer Nachkommen erhalten geblieben. Erkennbar wird, wie genau sich der Arzt mit ihren Berichten befasst und wie sehr er sich um sie und ihr Wohlergehen gesorgt hat. Er warnte sie immer wieder vor betrügerischen Medien oder empfahl ihr „passende“, die er bereits überprüft habe. Oder er riet ihr zu ganz bestimmten Personen, die ihm für ihre Zwecke und Fragen geeignet erschienen.

Erzsis Lehrmeister Albert von Schrenck-Notzing, Arzt und Parapsychologe

Schrenck-Notzing hatte sich mit allen möglichen Aspekten der Medizin befasst, zum Beispiel „heilte“ er Homosexuelle. Die meisten Ärzte hielten Homosexualität damals für eine heilbare „Störung“ und Schrenck-Notzing hatte den Ruf, diese „Störung“ beheben zu können. Überhaupt war er in sexuellen Fragen eher rückschrittlich. So erwähnte er etwa Erzsis Lebensgefährten Leopold Petznek, den sie später heiratete, in seinen Briefen kein einziges Mal. Nach ihren vier Kindern aus erster Ehe und deren Wohlergehen erkundigte er sich aber regelmäßig. Vermutlich hat er Petznek nie getroffen, obwohl er jahrelang bei Erzsi zu Gast gewesen ist. „Wilde Ehen“ lehnte der aus einer vornehmen Familie stammende Doktor ab. Trotz dieser Bedenken gehörte zu seinem „kosmischen“ Freundeskreis nicht nur die wenig moralinsaure Kronprinzentochter, sondern auch die Münchner Skandalgräfin Franziska zu Reventlow. Diese hatte einen Sohn, dessen Vater sie zeitlebens verschwieg, und verdiente sich ihren Lebensunterhalt mit Sexarbeit, schnorrte Geld gegen kleine „Liebesdienste“ oder spielte Theater. So gesehen war Schrenck-Notzing die neue, emanzipierte Generation höherer Töchter nicht wirklich fremd.

Albert von Schrenck-Notzing war weit über München hinaus als Hypnosearzt bekannt, da er über die Erfolge der Hypnosetherapie promoviert hatte. Dass er selbst fähig war, andere zu hypnotisieren, hatte er bereits während seiner Studienzeit entdeckt. Im Krankenhaus wendete er die Suggestionstherapie an. Seine eigene parapsychologische Zeitschrift, die er sich aufgrund einer finanziell einträglichen Heirat leisten konnte, förderte zusätzlich seinen Bekanntheitsgrad und seinen Ruhm. So hatte etwa der Schriftsteller Thomas Mann die Praxisadresse Schrenck-Notzings seit 1899 in seinem Notizbuch stehen, nahm jedoch erst im Winter 1922/23 an einigen seiner okkultistischen Sitzungen teil. Die miterlebten Taschentuch-Elevationen und sogar eine teleplastische Materialisation begeisterten Thomas Mann und brachten ihn dazu, die Karriere des „Geisterbarons“ weiter zu verfolgen. Auch nach dessen Tod 1929 ging er ihm nicht aus dem Kopf. In der Novelle „Mario und der Zauberer“ (1930) beschwört Mann Erzsis Séancen-Lehrmeister posthum noch einmal herauf. Die Figur des unheimlichen Hypnotiseurs Cipolla, der auf einem Jahrmarkt (!) seine Kunststückchen zum Besten gibt – Schrenck-Notzing hätte dies als „Gaukeleien“ abgetan –, ist von dem berühmten Münchner Arzt inspiriert.

Sophie Charlotte, Schwester der Kaiserin Elisabeth, um 1867

Wie viele seiner Zeitgenossen kam Schrenck-Notzing mit der Hypnose zum ersten Mal in einem Varieté in Berührung. Damals grassierte in Europa das „Hansen-Fieber“, ausgelöst durch den dänischen Scharlatan Carl Hansen, dessen Hypnose-Darbietungen Schrenck-Notzing und sogar Sigmund Freud faszinierten. Freud beschrieb ein Hansen-Spektakel so:

„Noch als Student hatte ich einer öffentlichen Vorstellung des Magnetiseurs Hansen beigewohnt und bemerkt, daß eine der Versuchspersonen totenbleich wurde, als sie in kataleptische Starre geriet und während der ganzen Dauer des Zustandes so verharrte. Damit war meine Überzeugung von der Echtheit der hypnotischen Phänomene fest begründet.“

Seine „hypnotischen“ Demonstrationen führte der Show-Magnetiseur Hansen auch im Wiener Ringtheater vor, das 1881 abbrannte. Zu Beginn ließ Hansen seine „Patienten“ ein Stück Glas fixieren und strich ihnen über die Stirn. Er schloss ihnen Mund und Augen. Meist ließ er dann die „Patienten“ stocksteif zwischen zwei Stühlen liegen und stellte sich auf deren Körper. Viele Wissenschaftler und Ärzte fanden diese Phänomene, die auf Versuche des Magnetiseurs Franz Anton Mesmer im 18. Jahrhundert zurückgehen, durchaus bemerkenswert, wie etwa der Sexualarzt Richard von Krafft-Ebing. Er war mindestens so bekannt wie Schrenck-Notzing und befasste sich mit ähnlichen Dingen. In der Nähe von Graz führte er ein Institut, das auf die Heilung sexueller „Anomalien“ spezialisiert war. Vorwiegend behandelte er „hysterische“ Frauen, die ihren gleichgültigen, gefühlskalten, trinkenden, fremdgehenden oder gewalttätigen Ehemännern mit einem Liebhaber davongelaufen waren. Auch eine Großtante Erzsis, eine der Schwestern von Kaiserin Elisabeth, wurde zu Krafft-Ebing eingeliefert, als sie ihrem Ehegefängnis entfliehen wollte.

Esoterische Netzwerke

Hypnose-Versuche fanden nur in ganz bestimmten Arztpraxen oder Spitälern statt, da sie weder allgemein toleriert wurden geschweige denn weitgehend anerkannt waren. Auch Privathäuser wie Erzsis Schloss in Schönau wurden für solche Zwecke herangezogen. Freuds weltberühmte Theorie des Unbewussten fußt in weiten Teilen auf den erwähnten Denkgebäuden: Auf dem Mesmerismus, dem Hypnotismus und dem Somnambulismus, also der Lehre vom Schlafwandeln, die zur Zeit Mesmers noch Mondsucht („Lunatismus“) geheißen hat. Es ging in den Debatten nicht immer um den Wahrheitsgehalt dieser Theorien, sondern vielmehr standen Machtkämpfe im Vordergrund, Netzwerke von Freunden und Feinden, die für die Durchsetzung einer Idee oft wichtiger waren als deren Realitätsgehalt. Schrenck-Notzing agierte meisterhaft auf diesem heiklen Parkett und obwohl er häufig von Skeptikern angegriffen wurde, gelang es ihm, seinen wissenschaftlichen Ruf zu retten. Bekannte Unterstützer waren unabdingbar, wie etwa der Münchner Malerstar Gabriel von Max. Seine Gemälde zeigen eine intensive Auseinandersetzung mit Forschungsfeldern wie der „Hysterie“, der Hypnose, der Parapsychologie und mit dem Spiritismus. Eine höchstwohlgeborene Habsburgerin konnte in diesem Umfeld nicht schaden.

Das Ehepaar Schrenck-Notzing lebte auf großem Fuß in einem repräsentativen Neubau in einer noblen Münchner Gegend. Man fuhr ein nagelneues Automobil. Überhaupt liebte Herr Dr. Schrenck-Notzing den Autosport und sammelte auch selbst Kunst. Da sich unter seinen Freunden genügend berühmte Maler wie der schon erwähnte Gabriel von Max, aber auch etwa Albert von Keller, der spiritistische Sitzungen in Gemälden festhielt, tummelten, saß er gewissermaßen an der Quelle. Gemeinsam studierten die Herren Ärzte und Künstler die „Nervenrätsel kataleptischer oder ekstatischer“ (Justinus Kerner) Frauen. Diese tauchten später in den Bildern der Maler als Modelle wieder auf. Gerne lud Schrenck-Notzing zu okkulten Abenden und formulierte dort seine Thesen. Bei ausgewählten Terminen waren Presseleute anwesend, die einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Popularisierung des Okkulten leisteten.

Man sah den Hypnotiseur Schrenck-Notzing auch als Bonvivant in Paris, im Frühjahr am Lido in Venedig, im Sommer auf Sizilien und im Winter in Nizza. Kurz, einige Mitglieder der Hautevolee befanden sich zu allen Jahreszeiten genau dort, wo sie von Schrenck-Notzing kuriert werden konnten. Auch Erzsi war im Winter fast immer am Meer und in diversen Kurorten anzutreffen.

Durch seine Beschäftigung mit dem Hypnotismus hatte Schrenck-Notzing mehrere Personen kennengelernt, die einen Ruf als Medium erlangt hatten. Diese meist jungen Mädchen und Burschen wurden zu verschiedenen Zwecken hypnotisiert, entweder von Schrenck-Notzing selbst oder anderen Ärzten. Manche Medien bevorzugten Selbsthypnose. Sobald sie den Zustand der Trance erreicht hatten, konnten ihnen Fragen gestellt oder sie um bestimmte Handlungen gebeten werden. Diese „Arbeit“ mit den Medien streifte die Grenze zum Okkultismus, denn es konnte unter anderem darum gehen, dass das Medium Kontakt mit Toten aufnehmen sollte. Doch auch dem „Geisterbaron“ waren die Geister nicht immer hold, denn dass sich tatsächlich ein Geist zeigte, war äußerst selten. Ein einziges Mal erwähnte Schrenck-Notzing in einem Brief an Erzsi, dass dieses Phänomen aufgetreten sei. Er beschrieb die Manifestation „eines ganzen Phantoms, und zwar einen deutschen Offizier in Grand tenue.“ „Grand tenue“ bedeutet, dass der Militär eine Festtagsuniform trug. Die Erscheinung wurde fotografisch festgehalten. Schrenck-Notzing lehnte an sich den Spiritismus als „Schwarmgeisterei“ ab, doch konzentrierte er seine Forschungen sehr wohl auf den Grenzbereich zwischen Geist und Materie, was dem Okkultismus sehr nahekommt.

Esoterisches zog Erzsi an; es war zu ihrer Zeit aber auch kaum möglich, dem Hype zu entkommen. Man las zwischen 1848 und dem Ende der 1920er-Jahre viel darüber, unzählige Bücher, Broschüren und Zeitungsartikel behandelten das Thema – kurz: Erzsi befasste sich mit einem sehr zeitgeistigen Bereich, der eine Hochblüte in der Publikumsgunst erlebte. Zusätzlich verbrachte sie viel Zeit an Orten, die auch Albert von Schrenck-Notzing frequentierte. Außerdem war ihr erster Ehemann, Otto zu Windisch-Graetz, ebenso wie Schrenck-Notzing ein Autonarr. Genaues über Zeit und Ort eines ersten Treffens Erzsis mit dem Paradeokkultisten seiner Zeit ist derzeit nicht bekannt.

Kranke Kinder

Erzsi konnte „normale Ärzte“, wie sie sagte, nicht leiden. Lediglich die Tiermediziner, die sich ihrer Hundezucht annahmen, schafften es gelegentlich, ihre Auftraggeberin zufriedenzustellen. Allerdings waren sowohl Erzsi als auch ihre Kinder häufig kränklich oder richtig krank und litten unter wiederkehrenden Krankheitssymptomen unerklärlicher Herkunft. Insbesondere die Azetonämie-Anfälle ihrer Kinder zehrten an Erzsis Nerven. Diese Krankheit tritt hauptsächlich bei Heranwachsenden auf. Heute nennt man sie Ketose, es handelt sich um eine Stoffwechselkrankheit mit verschiedenen Symptomen wie beständige Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Kopfschmerzen und vor allem heftiges Erbrechen. Erzsis vier Kinder wuchsen sehr schnell, fast alle erreichten die enorme Körpergröße ihrer Vorfahren auf belgischer Seite, also des Urgroßvaters Leopold II. und der Großmutter Kronprinzessin Stephanie, sowie von Erzsi selbst. Sie wurden fast zwei Meter groß. Dies könnte eine Ursache für die Leiden der Kinder gewesen sein, sicher trugen aber auch der unstete Lebensstil der Mutter, die Abwesenheit des Vaters und überhaupt die in Scheidung lebenden, sich öffentlich bekriegenden Eltern zum Unwohlsein der Kinder bei. Das jüngste Kind von Erzsi und Otto Windisch-Graetz, die Tochter Stephanie, genannt Fee, machte seiner Mutter die meisten Sorgen und jagte ihr sogar regelrecht Angst ein. Oft schien die Heranwachsende halb ohnmächtig, zeigte auf Ansprache keinerlei Reaktionen. Sie schien vollkommen abwesend, nahm kaum wahr, was sich in ihrer Umgebung abspielte. Dass ihr die Tochter immer ähnlicher sah, beunruhigte Erzsi zusätzlich. Da sie viel über „Astralleibe“ und „Doppelgänger“ las, könnte Erzsi sich vor einer Reinkarnation ihrer selbst gefürchtet haben. Fee war ihr zeitweise so unheimlich, dass sie sich von der Tochter angestarrt fühlte, auch wenn diese gar nicht mit ihr im selben Zimmer war.

Erzsi suchte aus diesen Gründen laufend Ärzte, Psychologen und von sich selbst sehr überzeugte Heiler auf, doch die ersehnten Therapieerfolge blieben aus. Kalte Bäder, Stromanwendungen, Homöopathie – alles wurde ausprobiert. Astrologen und Wünschelrutengeher kamen und gingen. Erzsi holte auch sogenannte Wender. Das Wenden wird heute kaum mehr verstanden, es gehört zu den sehr alten Formen der Heilkunde. Man kann es sich als europäische Form des Geistheilens vorstellen. In Niederösterreich, wo Erzsi damals lebte, war es einmal sehr verbreitet, doch schon zu ihrer Zeit gab es kaum noch Wender. Salben, Medikamente oder andere Hilfsmittel werden bei dieser Art des Heilens nicht verabreicht. Der Heiler konzentriert sich auf den Kranken und versucht allein durch die Kraft seiner Gedanken, die Krankheit abzuwenden, das heißt die Krankheit wird „umgewendet“ in Gesundheit. Es gibt auch die Möglichkeit, den Kranken zu besprechen: Der Wender sitzt beim Kranken, verlässt ihn nach einer Weile und nimmt die Krankheit mit sich. Mit einem Spruch wird das Leiden dann aufgelöst. Von manchen Kranken werden solche Menschen „Gesundbeter“ genannt – vor allem, wenn sich Patient und Heiler nicht am selben Ort befinden. Mit Beten haben Wender im Allgemeinen jedoch nichts zu tun. Ihre Methoden stammen durchwegs aus den vorchristlichen Jahrhunderten und Menschen, die es nach dem Mittelalter noch praktizierten, wurden als „Hexen“ und „Zauberer“ verfolgt. Die meisten Wender fielen dem Hexenwahn zum Opfer, ihre Fähigkeiten starben – zum allergrößten Teil – mit ihnen.

Aus der Sammlung Peter Altenbergs: Erzsi mit ihren Kindern, um 1914

Die Söhne Franzi und Erni erzählten später von ihren Brechanfällen und von Erzsis Art, diese zu bekämpfen. Auf Anraten eines „Heilers“ mussten die Kinder Unmengen Spinat essen, was sich günstig auf die Verdauung auswirken sollte.

Flucht vor der Vernunft?

Alles, was Erzsi im Lauf ihrer okkulten Sitzungen sah oder erlebte, suchte sie mithilfe der Vernunft zu erklären. Sie war eine ausgesprochen moderne Frau und in dieser Hinsicht ganz die Tochter ihres Vaters. Parapsychologie interessierte sie, aber sie wollte den Phänomenen, die sich in ihrer Gegenwart abspielten, präzise auf den Grund gehen und deren Ursachen erforschen. Thomas Mann formulierte es so: Es ginge darum, dass die Vernunft anerkennen soll, was die Vernunft ablehnt. So sah es auch Schrenck-Notzing. Was er hasste, waren Amateure, „Laienpublikum“, wie er es nannte. „Laienhafte Nekromanten“ mochte er genauso wenig, „Gesindestuben-Metaphysik“ oder gar „Köchinnensonntagnachmittagausgehvergnügen“ (Thomas Mann) war rundheraus abzulehnen. Man benötige, so der Parapsychologe, eine klare und strenge Methodik. Versuchsanordnungen mussten wiederholbar sein. Überhaupt half einzig und allein das Experiment, genauso wie in der Physik oder der Chemie. Schrenck-Notzing versicherte, das Okkulte könne anhand naturwissenschaftlicher Vorgehensweisen aufgehellt, wissenschaftlich erfasst und publiziert werden. Man müsse es so lange freilegen, bis es ganz ins Offensichtliche, Erklärbare übergegangen sei.

In den von Schrenck-Notzing vermittelten Sitzungszirkeln in Wien lernte Erzsi Dr. Hans Thirring kennen, der mit dem Münchner Arzt gut bekannt war. Jemanden wie Thirring würde man in Okkultismus-Kreisen nicht auf den ersten Blick vermuten, denn er war theoretischer Physiker und Vorstand des Instituts für Theoretische Physik an der Universität Wien bis 1938. Tatsächlich jedoch existierte im ersten Wiener Gemeindebezirk schon in den 1870er-Jahren ein vegetarisches Restaurant, in dem nicht nur Esoteriker verschiedenster Art verkehrten, sondern auch „Sozialisten, die die Weltrevolution planten“, so der Theosoph und Freud-Berater Friedrich Eckstein in seinen Memoiren. Zu Thirrings Umfeld gehörten demnach Persönlichkeiten wie Albert Einstein und Sigmund Freud, was dazu führte, dass er nach dem „Anschluss“ 1938 „beurlaubt“ wurde. Schon in den 1920er-Jahren, als Thirring mit Erzsi an Sitzungen teilnahm, setzte er sich gegen den rechtsnationalen Terror ein, der sich auf den Universitäten breitmachte. Seine Vorlesungen begannen immer erst, wenn alle jüdischen Studenten, die bei ihm lernen wollten, Platz genommen hatten. Es kam damals nicht selten vor, dass rechte Studenten jüdische Hörer am Betreten der Hörsäle hindern wollten.

Erzsi kannte Thirring als Mitglied der Sozialdemokratischen Partei, und er meinte einmal, als er auf seine „merkwürdigen“ Forschungen im Bereich der Grenzwissenschaften angesprochen wurde: „Wer nicht den Mut hat, sich auslachen zu lassen, ist keine echte Forschernatur!“ Wenn ein paar Professoren von Schwindlern gefoppt würden, sei das kein Unglück, denn es könne ebenso passieren, dass ein bisher unbekanntes Naturphänomen unentdeckt bleibe. Und davor wollte er die Wissenschaft bewahren. Diese Herangehensweise deckte sich mit Erzsis Vorstellungen. Beide begannen in den 1920er-Jahren mit ihren Untersuchungen auf dem Gebiet der Parapsychologie. 1927 wurde Thirring zum (Gründungs-)Präsidenten der „Österreichischen Gesellschaft für Psychische Forschung“ (heute: „Österreichische Gesellschaft für Parapsychologie und Grenzbereiche der Wissenschaften“) gewählt.

Die meisten Experimente, die Schrenck-Notzing, Erzsi, Thirring und ihr Kreis mit verschiedenen Medien durchführten, befassten sich mit die Grenzen des Organismus überschreitenden, teleplastischen Charakteren. Das bedeutet, dass man außerhalb des Körpers des Mediums Formen wie Körperglieder, vor allem Hände, wahrnehmen kann, die biologisch lebendig sind. Die Erscheinung geht im Allgemeinen sehr schnell vorüber. Schrenck-Notzing war der Ansicht, es handle sich um eine „Verstofflichung“ des Geistes, um „fleischgewordene“ Traumbilder, hervorgerufen durch eine zu erforschende psychische Kraft des Mediums. Die sichtbar werdende Materie nennt man „Ektoplasma“: ein dem Körper entbundenes, sich verdichtendes Fluidum.

Wie gesagt ist es aber sehr selten, dass eine ganze Person, also ein „Geist“, sich materialisieren kann. Was Thirring und Erzsi, aber auch Schrenck-Notzing im Lauf des Lebens immer mehr als wissenschaftliches Experiment in einer Art Laborsituation wahrgenommen haben wollten, hatte in den Augen von Skeptikern bestenfalls theatralischen Show-Charakter – es wurde als spektakulärer Spuk bezeichnet, als nichts anderes als die Auftritte des Magnetiseurs Hansen. Schon der Modearzt Franz Anton Mesmer war als Scharlatan verschrien gewesen und zu Freuds Lehrer, dem französischen Nervenarzt Jean-Martin Charcot, waren nicht wenige sensationsgierige Schaulustige gepilgert, um zu sehen, wie er halbnackte „Hysterikerinnen“ in der Salpêtrière in Paris mit Elektroschocks und anderen in den Anfängen der Psychiatrie üblichen „Heilmitteln“ malträtierte.

Doch wie eine überzeugende Erklärung für das Unerklärliche finden? Immer unter der Voraussetzung, dass kein Betrug vorlag und dass es sich um seriöse Forscher handelte, die die Versuche mit den Medien – teilweise im Beisein von halb München, wie im Fall von Schrenck-Notzing – präsentierten? Man konnte sich schon vorkommen wie im Zirkus, mit Szenenapplaus, Anfeuerungsrufen und lähmender Enttäuschung, wenn nichts passierte. Denn es musste damit gerechnet werden, dass die Medien nicht in der entsprechenden Verfassung waren, die Umgebung dem Zweck nicht förderlich war, dass der Versuchsleiter einen Fehler gemacht hatte etc. Parapsychologische Experimente konnten nur von Menschen mit viel Geduld ausgeführt werden. Warten und Langeweile, stundenlanges Starren ins Dunkel, Ermüdung, Versuchsabbruch, Neustart, wieder warten – das gehörte zum Forscheralltag. Schrenck-Notzing war imstande, beinahe unendlich zu repetieren, wenn er grundsätzlich von der „Qualität“ eines Mediums überzeugt war.

Der „Wasservorhang“ im Tempel der Nacht auf Schloss Schönau, um 1800


Blick auf Schloss Schönau, 2019

„Akte X“ auf Schloss Schönau

Im Schloss Schönau hatte Erzsi ein Zimmer, das in einem sonst unbewohnten Trakt des weitläufigen Gebäudes lag. Grundsätzlich war das Schloss auf Gäste ausgerichtet, es verfügte über viele Schlafzimmer, eine große Küche mit den besten Köchen, repräsentative Speiseräume und vor allem über einen wunderbaren Garten, der von Erzsis ausgesuchten Gärtnern nach ihren Wünschen gestaltet worden war. Er gehörte zu den schönsten in Österreich. Erzsi ließ es sich nicht nehmen, Postkarten mit Ansichten ihres üppig blühenden Parks drucken zu lassen. Man kann diese heute im Heimatmuseum in Schönau besichtigen.

Doch in ihr Boudoir, eine Art Privatheiligtum, das mit Dutzenden Erinnerungsstücken aus der Monarchie vollgestellt war, durfte außer ihren Kindern niemand eintreten. Und auch diese nur einzeln und nach Voranmeldung. Gerahmte Fotos ihrer Vorfahren standen sogar an die Stuhlbeine gelehnt, hauptsächlich Fotos von Kaiserin Elisabeth und Kronprinz Rudolf. Sitzbezüge und Überwürfe waren mit Vögeln bedruckt, Tiere, die Erzsi sehr liebte. Ihr Vater Rudolf war ein sogar in Biologenkreisen anerkannter Ornithologe gewesen und er hatte mit Erzsi in den wenigen Jahren, in denen er seine Tochter aufwachsen sah, viel über das Leben der Vögel gesprochen. Noch im hohen Alter konnte Erzsi die Vögel im Park ihrer Penzinger Villa anhand deren Rufe identifizieren. In Schönau besaß sie einen Papagei, der „Erzsi!“ rief, was sie ihm selbst beigebracht hatte. Ansonsten war der Raum erfüllt vom Duft der unzähligen Blumen, die an genau definierten Plätzen stehen mussten: Azaleen, Rhododendron und je nach Blütezeit Flieder, Jasmin, Begonien, Veilchen. Auch einige Aquarelle ihrer Mutter Stephanie hingen hier und Darstellungen des blühenden Schönauer Gartens, die ein von ihr beauftragter Künstler geschaffen hatte. Szenen von ihren Reisen an die Adria und die Nordsee konnte man ebenso sehen wie Kriegsschiffe, die an ihre leidenschaftliche Beziehung zu einem U-Boot-Kapitän erinnerten. Die Liaison hatte mitten im Ersten Weltkrieg in einer Katastrophe geendet und für Erzsi versank – wie für viele andere – die Welt nach 1918 im Chaos. Halt und Hoffnung mussten neu erworben werden und in dieser unsicheren Zeit waren Metaphysik und Magie gefragter denn je. Der schrecklichste Krieg, den die Menschheit bis dahin erlebt hatte, die Krise nach einer erschütterten Weltordnung: All das nahmen viele als etwas Unvorstellbares wahr, etwas, das man davor nicht für möglich gehalten hätte, das die schlimmsten Befürchtungen übertroffen hatte. Kartenleger und Hellseher hatten bei manchen Bevölkerungsgruppen Hochsaison. Der hypnotische Sog des Okkulten eroberte bürgerliche Salons und Hinterzimmer, faszinierte Künstler und Avantgardisten.

Die Toten lebten noch in den Köpfen, sie waren noch nicht richtig „begraben“. Auch in Erzsis Kopf lebten solche „Tote“, ihr Vater und ihr im Krieg gebliebener Freund. Auch sonst wurde viel gestorben in Erzsis Familie, ihr Großonkel war in Mexiko erschossen worden, ihre Großmutter und ihr Großcousin fielen politisch motivierten Attentaten zum Opfer. Zuspruch und Trost gehörten zu den Dingen, die Erzsi in ihrem Leben oft schmerzlich vermisst hatte. Sie hätte Freunde zum Reden gebraucht, Unterstützung und Verständnis in ihrer Trauer. Nach dem Ersten Weltkrieg waren es gerade die einsamen Frauen, die spiritistische Zirkel gründeten, um mit „der anderen Welt“ in Kontakt zu treten. Sie klammerten sich an die Vorstellung, die geliebten Toten seien in einer anderen Daseinsform oder auf einer anderen Ebene noch lebendig. Erzsi suchte unter anderem Beruhigung in der Astrallehre, wonach astrale Ebenbilder mithilfe von magnetischen Strichen, die das Fluidum aus dem Körper drängen sollten, sich materialisieren könnten. Diese „Doppelgänger“, Kopien der Versuchsperson, seien in Spiegeln sichtbar und könnten fotografiert werden. Derartige Inhalte wurden damals in Broschüren verbreitet, die sich mit der „praktischen Anwendung des Okkultismus im täglichen Leben“ und mit der „Entfaltung des eigenen Willens“ – so ein Werk – befassten.

Erzsi war als Person mit einem extrem stark ausgebildeten Willen bekannt und es erscheint verständlich, dass ihr theosophische Schulen (etwa Rudolf Steiner, Helena Blavatsky), die die Astrallehre und ähnliche alternative Wahrnehmungen propagierten, nahestanden. Frau Elisabeth Windisch-Graetz gehörte zu den Stammkunden der „Zentralbuchhandlung für Okkultismus“ in der Linken Wienzeile, die von Andreas Pichl geführt wurde. Pichl war in Wien eine Integrationsfigur für alle, die sich dem Okkulten und Mystischen verschrieben hatten. Er veranstaltete auch Konzerte und Vorträge zu einschlägigen Themen, außerdem engagierte er sich als Präsident der Carl-du-Prel-Gemeinde. Du Prel gehörte ähnlich wie Schrenck-Notzing zu den führenden Gelehrten auf dem Gebiet der Grenzwissenschaften, auch wenn die beiden Forscher gelegentlich Differenzen ausfochten. Du Prel hatte sich viel mit den Vorläufern des Okkultismus befasst, also mit dem Mesmerismus und der „Mondsucht“. Wie Schrenck-Notzing setzte er sich für die Integration des Spiritismus und der Hypnoseforschung in den Kanon der Naturwissenschaften ein. Den Menschen beschrieb du Prel als „Bürger zweier Welten“, wobei das irdische Leben einen „Spezialfall“ des eigentlichen, jenseitigen und transzendentalen Daseins darstelle.

Bei Pichl erwarb Erzsi das dreibändige Werk „Die Geschichte des Spiritismus“, das ihr Sohn Franzi später in den persönlichen Hinterlassenschaften seiner Mutter wiederfand. Erzsi lernte, dass Medien Phänomene bewirken könnten, die auf deren besondere psychische Disposition zurückzuführen seien. Innere Kräfte könnten als Emanationen von Fluiden sichtbar werden. Bei Sitzungen sei es möglich, dass Erscheinungen, Stimmen und andere Manifestationen des Übernatürlichen auftreten könnten. Immer gehe es darum, diese „Visionen“ durch den eigenen Willen beherrschbar und lenkbar zu machen. Sie las vom sehr berühmten Medium Eva C. (Marthe Béraud), deren Vorstellungen pornografischen und – wie später publik wurde – betrügerischen Charakter hatten. Den größten Celebrity-Status in der Welt der Parapsychologie konnte damals Eusapia Palladino für sich in Anspruch nehmen, eine süditalienische Waise, die mit Illusionisten auf Tour gegangen war und auf diese Weise wohl einige optische Tricks erlernt hatte, die sie später zum Besten gab. Ihre Bekanntheit ging auf Levitationsphänomene zurück. Sie konnte angeblich schwere Gegenstände wie Tische von 22 Kilogramm Gewicht durch die Luft segeln lassen. Ebenso konnte sie Gegenstände verrücken, ohne diese anzufassen, man hörte Musik spielen, ohne dass dafür eine Quelle zu erkennen gewesen wäre. Sie soll weiters tastbare Materialisationen hervorgerufen haben, die unsichtbar gewesen seien; sie hinterließen aber Abdrücke in Paraffin. Es gab menschliche und tierische Erscheinungen, alle begleitet von elektrischen und thermischen Phänomenen.

Die vielen Experimente mit den Medien sollten zu einer empirischen, tendenziell evidenzbasierten Metaphysik beitragen. Manchmal gelang es, zumindest die Möglichkeit von „mind over matter“ zu demonstrieren; doch letztlich blieben Schrenck-Notzing und seine Mitstreiter in einer Reihe endlos wiederholter Kunststückchen stecken. Man kam über das rein Deskriptive und/oder Spekulative nicht hinaus. Doch nach außen hin war Schrenck-Notzing in der damaligen Zeit ein bestens vernetzter Wissenschaftler mit einer Menge an Bewunderern und das „Vergebliche“ seiner Bemühungen war damals nicht so offensichtlich, wie es uns heute zu sein scheint. Solange die „Seriosität“ der Unternehmungen gewährleistet war, zeigte sich Erzsi für die Versprechungen und Reize des Okkulten jedenfalls sehr empfänglich.

Séancen

Erzsis Boudoir ist versiegelt, die Türen sind von innen versperrt. Im Raum herrscht Dämmerlicht, gelüftet wird hier selten. Die Tüllvorhänge bleiben geschlossen. Die Lampen werden mit roten Stoffen verhängt, da die Wellenlängen des weißen Lichts übersinnliche Phänomene verhindern können. Das behaupten zumindest zahlreiche Okkultisten, auch Schrenck-Notzing bevorzugt diese Art der Beleuchtung in Anwesenheit einiger seiner Medien. Abgesehen vom roten kann auch violettes Licht bei manchen Sitzungen förderlich sein. Die weit verbreitete Ansicht, dass parapsychologische Sitzungen nur bei Nacht durchgeführt wurden, ist unrichtig. Im Gegenteil, die meisten fanden (und finden) ganz normal tagsüber statt.

Schrenck-Notzing verlangt an Technik alles, was zu seiner Zeit möglich ist: Bis zu neun Kameras, eine auch an der Decke, kommen gleichzeitig zum Einsatz. Die Medien werden verdrahtet. Sie sollen Hände und Füße nicht ohne sichtbare Impulse bewegen können. Manchmal müssen sie in Käfigen sitzen, die nicht größer sind als ein Kubikmeter. Sie tragen ein speziell gefertigtes schwarzes Sitzungstrikot mit am Rücken vernähten, am Ende plombierten Schnüren. Tüllschleier verdecken Kopf und Hände. Jede Körperöffnung wird überprüft, Achselhöhlen und Frisuren werden auf versteckte Gegenstände inspiziert. Ein Federmesser wird herangezogen, um zwischen Finger- und Zehennägeln und Fleisch verborgene Fäden etc. ausschließen zu können. Mit minutengenauen Zeitangaben werden alle Geschehnisse einer Stenotypistin diktiert, die bei Rotlicht schreiben muss, auch wenn draußen helllichter Tag herrscht. Schrenck-Notzing besitzt außerdem einen elektrischen Parlographen, in den er wie in ein Diktiergerät direkt hineinsprechen kann. Doch Illusion und Täuschung werden immer zu den Vorwürfen gehören, die bei derartigen Séancen unausweichlich sind. Katzendärme, Fischblasen, eine Plazenta samt Nabelschnur, tierisches Gekröse, sogar ein im Mastdarm verborgener Pfropfen: Das alles kann – feuchtgehalten mithilfe eines Stärkekleisters – ein Ektoplasma echt aussehen lassen. Oder es kann aus Gänsefett, Gaze, Putzwolle und Watte fabriziert werden. Die materialisierten Hände können in Wirklichkeit aufgeblasene Gummihandschuhe sein, Phantome wurden als Teile übermalter Gips- und Gliederpuppen erkannt. Okkulte Erscheinung? Oder Textil, Tüll und Pappkarton?

Schrenck-Notzing sprach Erzsi in seinen ungefähr 50 Briefen mit „Liebe und verehrte Freundin“ oder „Chère amie“ an. Die Briefe stammen aus den Jahren 1921 bis 1928, doch ist aus den ersten Briefen ersichtlich, dass sich die beiden schon mehrere Jahre kannten.

Erzsi legte Wert darauf, anerkannte Medien bei sich zu Gast zu haben, aber sie entwickelte auch den Ehrgeiz, selbst welche zu entdecken – eine Herausforderung, die ihr letztlich zum Verhängnis wurde. Die Wirkmächtigkeit eines Mediums trug dazu bei, dass sich Erzsi Ende der 1920er-Jahre zum Verkauf des von ihr so geliebten Anwesens im niederösterreichischen Schönau entschließen musste.

Noch war es aber nicht so weit. In den Jahren 1922 und 1923 fanden parapsychologische Sitzungen in großer Anzahl im Schloss Schönau statt. Solange Schrenck-Notzing Zeit für einen Urlaub bei Erzsi erübrigen konnte, wurden fast jeden Tag solche Versuche gemacht. Die Schlossherrin hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits entschieden, fix an die Existenz der Geisterwelt zu glauben. Sie wollte diese neue Energie spüren und mithilfe von Schrenck-Notzing und der Medien weiterentwickeln. Euphorie breitete sich in ihr aus, wenn sie den Eindruck hatte, ihr toter Freund sei anwesend und beantworte Fragen, die sie ihm im Leben nicht mehr zu stellen imstande gewesen war.

Die wichtigsten Medien, die Erzsi nach Schönau kommen ließ, waren die Teenager-Brüder Schneider, der gelegentlich als Betrüger entlarvte „Magier“ Karl Krauss (auch: Krauß) und die junge burgenländische Dienstmagd Wilma (auch: Vilma) Molnar.

Psychokinese – die Brüder aus Braunau

Willy (auch: Willi) und dessen jüngerer Bruder Rudi Schneider wurden mehrere Male als Medien nach Schönau geholt. Vor allem der gelernte Zahntechniker Willy galt als großer Star der damaligen Parapsychologie. Beiden Brüdern wurde besondere Geschicklichkeit in den Bereichen Teleplastik, Telekinese und Psychografie attestiert, was bedeutet, dass sie fähig waren, Materialisationen hervorzurufen, Dinge zu bewegen, ohne sie zu berühren, sowie Fragen zu beantworten – in sogenannter automatischer Schrift. Die automatische Schrift erfreute sich großer Beliebtheit bei Leuten, die in Kontakt mit dem Übernatürlichen treten wollten. Erzsi konnte Fragen an Verstorbene richten und das Medium schrieb in einem Zustand des Halbbewussten die Antwort nieder. Die automatische Schrift unterschied sich stark von der „alltäglichen“ Schrift des betreffenden Mediums.

Willy und Rudi Schneider gehörten in den 1920er-Jahren zu jenen Medien, die in ganz Europa herumgereicht wurden. Die Brüder stammten aus Braunau und waren unter 20 Jahre alt. Sie zeigten ihre „Kunst“ in Wien, München, Zürich, Prag und in London vor der „Gesellschaft für Psychische Forschung“. Der deutsche Schriftsteller Carl Zuckmayer war überzeugt, das Herkunftsgebiet der Bauernsöhne hätte ihre „Leistungen“ beflügelt. Er sprach vom Innviertel als einem besonderen Ort, der geeignet sei, „das Wachstum zwielichigter zweitgesichtiger medialer oder auch pathologisch deformierter Halb-Genies oder Ganz-Charlatane“ hervorzubringen. Zu den Letztgenannten zählte er „auch die berühmten ‚Schneider-Büben‘“, die seiner Ansicht nach „ihre an sich vorhandenen Fähigkeiten mit Hilfe eines ‚Gang‘s von Erwachsenen geschickt ausgebaut und durch alle möglichen Tricks merkantilisiert“ hätten. Vom Physiker Hans Thirring wurden sie in seinem Institut an der Universität Wien untersucht. Willy Schneider musste ein „Sitzungskostüm“ tragen und wurde durch Thirring und eine weitere Person in seinen Bewegungen kontrolliert. Die Sitzung fand wie üblich beim Licht einer Rotlampe statt. Schrenck-Notzing schrieb in seinem Aufsatz „Neuere Untersuchungen über telekinetische Phänomene bei Willy Schneider“ (April 1926), dass sich die innere Kraft des Mediums in der Nähe einer weiblichen Vertrauten steigere. Wie Schrenck-Notzing schon früher postuliert hatte, existiere demnach ein Zusammenhang zwischen psychischen Phänomenen und Sexualität. Thirring war sehr geneigt, dieser These zuzustimmen. Die Telekinese betraf in diesem Fall Gegenstände, die sich teils auf einem Tisch bzw. einer Bank und außerhalb der Arm- oder Fußreichweite Schneiders befanden. Eine andere Sitzung gipfelte darin, dass Rudi Schneider eine Glocke, die sich hinter seinem Rücken in fast zwei Meter Entfernung befand, zu Boden warf. Stellten sich bei wiederholten Experimenten nicht die erwarteten, schon einmal erzielten Erfolge ein, gingen Kritiker dieser Versuche von Betrug aus. Schrenck-Notzing machte in seinem Text hingegen „die Ungeduld von seiten der Professoren“ (es waren oft Ärzte der „Wiener Landesirrenanstalt am Steinhof“ anwesend) für die „schwächeren Ergebnisse der Sitzungen“ verantwortlich. Thirring beobachtete beispielsweise ein periodisches Abflauen und Anwachsen der Kraft des Mediums. Der damals sehr bekannte Parapsychologe Harry Price wurde von Schrenck-Notzing folgendermaßen zitiert: „Wenn es sich wirklich um psychische Phänomene handelt, dann muß zur Erlangung eines echten, guten Phänomens das Vorhandensein eines wohlmeinenden, harmonischen, seelischen Kontakts zwischen Medium und Teilnehmern notwendig sein.“ Price sei überhaupt der Meinung, dass Musik oder gelöste Unterhaltung der Sitzungsteilnehmer das Medium positiv beeinflussen könnte. Schrenck-Notzing ergänzte: „Wenn das Ganze einer Prüfung, einem Examen gleicht, dann kann und wird sich niemals ein Phänomen ereignen.“

In Erzsis Versuchsanordnung in Schönau saß das Medium Willy Schneider auf einem Sessel. Schrenck-Notzing stand, um alles im Blick zu haben, neben ihm saß Erzsis ältester Sohn Franzi. Willy Schneider wandte Selbsthypnose an und fiel in Trance. Im Raum breitete sich kühle Luft aus. Die Hände des Mediums wurden kalt, was Schrenck-Notzing mit „Energieverlust“ erklärte. Ein Lufthauch streifte die Teilnehmer. Wenige Sekunden lang hörte man eine Melodie. Und dann soll sich ein Astralleib präsentiert haben, noch dazu ein weiblicher: „Minna“. Im nächsten Moment drehte sich der Bronzeluster an der Decke. Schrenck-Notzing ersuchte „Minna“, dies sofort einzustellen. Der Luster hing wieder still. Dafür erhoben sich nun auf einem Tisch ausgelegte Fächer in die Luft. Zu allem Überfluss drang aus der Tapete hinter Schneider ein schwarzer Schleier hervor und verformte sich zu einer Hand, deren Finger mehrere Fächer nahmen, als würden diese davongetragen. Während der Erscheinung hörte man Stöhnen, Keuchen und Seufzen, da die Materialisationen für das Medium körperlich anstrengend waren. Als sich die Phänomene dem Ende zuneigten, erklang aus der Spieldose auf dem Nebentisch eine Melodie. Der Körper Schneiders wurde von Krämpfen geschüttelt. Dies sei ein physisches Phänomen, das nachließe, sobald die Manifestation vorbei sei, erklärte Schrenck-Notzing. Alles spielte sich anderthalb Meter entfernt von Schneider ab.

Eine Telekinese-Vorstellung: Es geht um die Frage, ob Gegenstände bewegt werden können, ohne diese anzufassen. Hier das damalige Star-Medium in diesem Zusammenhang, Eusapia Palladino, beim Tischrücken, 1892.

Im Sommer 1923 erlosch das Licht in Erzsis Boudoir von selbst. Willy Schneiders Alter Ego („Spalt-Ich“) „Minna“ erteilte den Befehl: „Eine Kette bilden“. Auf diese Weise sollte die Energie der Teilnehmer mit der des Mediums verbunden werden, um angestrebte Phänomene zu verstärken. Der Tisch, an dem Willy saß, erhob sich, sodass zwei Tischbeine in Schwebe verharrten. Die Gegenstände auf dem Tisch, ein Taschentuch, die Spieldose und eine Tabatiere, blieben jedoch auf ihrem Platz. Diese halbe Levitation dauerte wenige Sekunden. Der Tisch war so schwer, dass Schrenck-Notzing ihn nicht anheben konnte. Lediglich im Moment der Levitation wurde er ganz leicht. Das Medium erschauerte, schwitzte, atmete schwer. Das rote Taschentuch erhob sich von der Lampe und eine Hand erschien, die sich auf Schrenck-Notzings Knie legte. Sie war durch einen immateriellen Faden mit Schneider verbunden. Schrenck-Notzing sagte später, die Hand sei warm und zehn Sekunden lang zu sehen gewesen.

Eine andere Versuchsanordnung führte dazu, dass ein gasförmiger Nebel aus Willy Schneiders Arm stieg. Die wie getönter Rauch aussehende Masse nahm die Form eines schwach leuchtenden Tellers an und als er verschwand, floss etwas Weißes von der Schulter des Mediums herab. Dieses weißliche Material kennt man unter dem bereits erwähnten Namen „Ektoplasma“. Es wird nach der Materialisierung in den Körper des Mediums, aus dem es stammt, zurückgesaugt. Das Ektoplasma wird meist als von dicklicher Beschaffenheit und als lichtempfindlich beschrieben. Es sei die direkte Ursache für paranormale Phänomene, eine sichtbare „Verstofflichung“ der vom Medium ausgehenden Energie, so die Parapsychologen.

Willy Schneider kehrte unter Zuckungen aus der Trance zurück. Er war erschöpft, die typischen „Medienkrankheiten“ Kopfschmerzen und Depressionen plagten ihn und er benötigte nach einer intensiven Sitzung wie der beschriebenen mehrere Tage Ruhe.

Als die Versuchsreihe fortgesetzt wurde, gestattete Schneider eine Sitzung ohne Rotlicht. Es war nun hell im Raum. Ähnlich wie beim Experiment in Thirrings Institut erhob sich eine kleine silberne Glocke von einem Tischchen, schwebte in zehn Zentimeter Höhe und klingelte. Dann setzte sie wieder auf und es wurde still. Das war aber noch lange nicht alles. Die erstaunten Sitzungsteilnehmer wurden Zeugen, wie sich eine Hand manifestierte, die einen Rosenstrauß fest umklammert hielt. Der Duft der Rosen breitete sich im gesamten Zimmer aus und alle konnten ihn wahrnehmen. Das Phänomen währte jedoch nur sehr kurz.

Levitation – der „Magier“

Im Juli 1924 schrieb Schrenck-Notzing in einem Brief an Erzsi, dass er über den Sommer gerne wieder nach Schönau kommen wolle. Als kleines Dankeschön für die Gastfreundschaft werde er einen „Magier“ mitbringen. Hier kündigt sich ein neues Forschungsinteresse Erzsis an. Offenbar reichten ihr die Ektoplasmen, klingenden Glöckchen und „Spalt-Iche“ nicht mehr. Sie wollte sich nun auf das Gebiet der Magie vorwagen, das über den Okkultismus hinausführt. Im Bereich der Magie ist Eigenverantwortlichkeit gefragt, das heißt, es reicht nicht mehr aus, an einer Sitzung teilzunehmen und einfach zuzusehen, was passiert. Bei magischen Ritualen ist man selbst eingebunden, wird über einen bestimmten Zeitraum geschult und initiiert. Es können durchaus Dinge geschehen, die unerwartet und gefährlich sind. Außerdem postuliert die Parapsychologie, dass die übernatürlichen Phänomene alle psychologischer oder physikalischer Natur seien. Sie sind den Naturwissenschaften zuzuordnen, messbar und müssen lediglich weiter untersucht werden, um ihren Ursachen auf die Spur zu kommen. Parapsychologische Erscheinungen sind nicht „verrückt“ oder „geheim“, sondern sie gehören zu den Forschungsfeldern der Medizin und der Physik.

Magische Phänomene jedoch überschreiten die rein menschliche Energie. Diese muss zwar vorhanden sein, aber sie wird durch verborgene Kräfte verstärkt. Es können daher weit stärkere und „unheimlichere“ Erscheinungen oder Gefühle damit verbunden sein.

Auch die von Erzsi bevorzugte Fachliteratur änderte sich grundlegend. Sie las „Die Magie“, ein dreibändiges, soeben (1923) erschienenes Werk. Vom Inhalt her könnte man es als eine Einführung in die Dämonologie bezeichnen, was bereits die Grenzen des Satanismus streift. Solche Bücher gehörten nicht ins Sortiment von Herrn Pichl in der Wienzeile. Erzsis Quelle für diese sehr speziellen Werke ist unklar. Vermutlich erhielt sie diese Dinge von jenem Mann, den Schrenck-Notzing ihr als „Magier“ vorgestellt hat. Der „Magier“ hatte ihr wohl gegen gutes Geld auch mehrere verbotene Broschüren überlassen: „Magische Briefe – Okkulte Praktiken“, Literatur, die nur für initiierte Mitglieder ganz bestimmter Kreise gedacht war. Auch diese Hefte waren nagelneu, publiziert Mitte der 1920er-Jahre. Indische Magier unterweisen hier in Briefform in folgenden Praktiken: Magie der Spiegel und Kristalle; Magie der Spaltung; Magie der Formen und Symbole; Astrologie und Magie; Magie des Pendels; Sympathie und Magie; Satansmagie; Sexuelle Magie. Die Broschüren wurden ebenso nach Erzsis Tod von ihrem Sohn Franzi in der Penzinger Villa aufgefunden. Es ist schwer vorstellbar, was der biedere Hauptschullehrer und sozialdemokratische Funktionär Leopold Petznek zu einer Lebensgefährtin gesagt hätte, die sich den Kopf über satanische Rituale und indische Sexualmagie zerbricht. Aber vermutlich hat er nie von den höchst außergewöhnlichen Steckenpferden seiner Zukünftigen Kenntnis erhalten.

Ihre sagenhafte Sammlung wertvoller Steine dürfte sie nicht vor ihm versteckt haben. Erzsi verfügte dank ihrer Herkunft über zahlreiche Edelsteine, die sie nach den Vorschriften ihrer diversen Heiler zur Verbesserung ihrer angeschlagenen Gesundheit einsetzte. Horoskope, die sie erstellen ließ, halfen ihr bei der Auswahl der Steine. So empfahl ihr ein Alternativmediziner, sie müsse eine Kupferplatte tragen, amalgamiert mit Quecksilber, mit einem Diamanten in der Mitte, am Rand drei im Dreieck angeordnete Edelsteine, und zwar zwei Hyazinthe und ein roter Jaspis. Im Verständnis des Yoga hilft der Hyazinth zum Beispiel bei Verlusten. Das Amulett sei an einer blauen Seidenschnur ständig am Körper zu tragen. Steine konnten neben ihrem Einsatz als magischer Schmuck auch zur Massage oder zur Wasseraufbereitung verwendet werden. Die heilende Wirkung von Mineralien wird bis heute debattiert, wissenschaftlich belegt ist sie nicht. Rosenquarz soll Gefühle und Vertrauen vertiefen, der „Stein der Liebe“, Jade, hilft laut esoterischen Lehren aus Fernost bei sexueller Unlust. Erzsi erfuhr aus der „Magie der Kristalle“, dass jeder Stein eine eigene Schwingung besitzt und sich mit verschiedenen Chakren (Energiepunkten) des Körpers verbindet. Überhaupt schworen „Magier“ wie Karl Krauss und andere in den 1930er-Jahren von Erzsi angeheuerte „Heiler“ auf die Heilkräfte von Rubin, Smaragd, Amethyst und Co.

Im Sommer 1924 trat der „Magier“ Karl Krauss seinen „Dienst“ in Schönau an. Er sei ein „Herr“, so Schrenck-Notzing, der „gleichstehend behandelt“ werden müsse, „was sich bei Ihren liberalen Anschauungen von selbst versteht“, schrieb er in einem Brief an Erzsi. Der Besuch sei keine reine Privatangelegenheit, sondern es würden auch Wissenschaftler aus Wien beigezogen werden, um den Charakter der zu erwartenden Phänomene zu bewerten. Für den „Magier“ seien Sherry und Schnaps stets zur Stärkung bereitzuhalten. Daran sollte es bestimmt nicht scheitern …

Alfred Kubin, der berühmte Grafiker aus dem Schloss Zwickledt bei Wernstein am Inn und einer der Kenner des Unheimlichen, dürfte auch zumindest einmal an einer Sitzung mit Karl Krauss teilgenommen haben. Kubin gehörte ebenfalls zur fächerübergreifenden Fangemeinde Schrenck-Notzings und lernte Erzsi in dieser Runde kennen.

Damals war Krauss noch ein relativ neuer Name in der Szene und sogar Schrenck-Notzing besaß nur wenige überprüfbare Informationen über ihn. Aufgrund dieser Unsicherheiten sollte Erzsi nie mit ihm allein sein, bekräftigte der Lehrmeister. Franzi war alsbald sehr begeistert von Krauss. Sein eingangs zitierter Ausruf „Es war fabelhaft!“ bezog sich auf eine der Krauss’schen Darbietungen. Die fast täglichen Sitzungen begannen im August 1924. Krauss stellte sich als großer Magier vor, der seine Fähigkeiten jahrelang perfektioniert habe und bei einem initiierten Meister in die Lehre gegangen sei, unter strikten Regeln und strenger Disziplin. Sein Metier sei die Verbindung menschlicher Energien mit denen des Kosmos. Er könne durch erlernte Rituale Kräfte zu Hilfe rufen, auch solche aus negativen Energiefeldern.

Rotlicht, UV-Licht, elektrisches Licht und andere Kinkerlitzchen spielen in der Magie keine Rolle. Der Magier kann seine Kraft auch im hellen Sonnenlicht entfalten. Ebenso ist Trance oder Hypnose nicht notwendig. Magische Rituale werden bei vollem Bewusstsein und in „normaler“ Ausdrucksweise durchgeführt. Auch benötigt der Magier kein Spalt-Ich („Doppelgänger“), um sich auszudrücken, Verwirrung und Unruhe, wie sie bei parapsychologischen Medien die Regel sind, belasten ihn genauso wenig. Mit Erschöpfung nach Beendigung des Rituals ist jedoch zu rechnen.

Vor der ersten Begegnung mit Krauss war Erzsi nervös. Schrenck-Notzing und Franzi mussten rechts und links von ihr Platz nehmen. Krauss begann mit einem magischen Schutzkreis, den er um sich zog. Franzi berichtete, er habe protestieren wollen, da sich der Magier ja nun im Inneren des Kreises befinde, alle anderen aber außerhalb. Doch er sei gar nicht dazu gekommen, denn sofort hätten die psychokinetischen Phänomene eingesetzt. Möbel und Gegenstände gerieten in Bewegung. Ein großer Schrank, der bisher seiner Bestimmung gemäß an der Wand gestanden sei, habe sich bedrohlich auf die Gruppe zubewegt. Die nicht von den Sitzungsteilnehmern belegten Sessel seien herumgehüpft. Franzi habe fasziniert die anwesenden Wissenschaftler beobachtet, doch sie hätten sich still verhalten. Der schwere Tisch habe sich erhoben und sei mit lautem Krach zu Boden gefallen. Die Deckenlampe schwang hin und her. Schrenck-Notzing fotografierte. Der zwar erschrockenen, aber dennoch konzentrierten Erzsi entging nicht, dass sich die Ärzte und Physiker zu den Vorkommnissen ausschwiegen.

Ein anderer Versuch spielte sich abends bei normaler elektrischer Beleuchtung ab. In einer Ecke befand sich eine Stehlampe, auf einem Beistelltisch eine Leuchte. Krauss kam herein und äußerte Sonderwünsche. Er wolle eine Flasche Rotwein, ein Glas und ein Jagdmesser. Die Herrin stimmte zu und die Sachen wurden auf den Tisch gestellt bzw. gelegt. Krauss trat in den Kreidekreis. Eine schwarze Hand erschien über dem Tisch, goss Rotwein ein und schwebte samt Glas durch den Raum. Bei Franzi machte sie halt und Rotwein rann über sein weißes Hemd. Er berichtete, dass es gewaschen werden musste. Zu trinken gab ihm die Hand offenbar nichts. Anschließend sei das Jagdmesser auf ihn zugeflogen, er habe bereits ein Kratzen auf der Haut gespürt, dann habe es abgedreht und sich in den Tisch gebohrt. Franzi echauffierte sich: „Wenn das Messer meinen Kopf getroffen hätte, wäre ich jetzt tot.“ Krauss wiegelte ab, das sei unmöglich: „Ich beherrsche diese Kräfte.“ Er werde extra für Franzi ein Andenken dalassen. Das Messer fiel vom Tisch. Nachdem Krauss es aufgehoben und Franzi übergeben hatte, entdeckte dieser, dass ein „K“ auf der Klinge eingraviert war.

Franzi beschrieb auch den Höhepunkt einer Krauss-Veranstaltung, nämlich die magische Praktik der Autolevitation. Krauss habe angekündigt: „Und jetzt fliege ich.“ Sein Körper habe sich vom Sessel gelöst und sei emporgeflogen, habe sich dann in eine horizontale Lage begeben und sei so in 1,70 Meter Höhe mehrere Male um das Zimmer geschwebt. Franzi habe dies nicht glauben können, sei aufgestanden und habe die Luft unter dem schwebenden Körper prüfen wollen. Doch da sei nichts gewesen. Die Überwindung der Schwerkraft wird im Allgemeinen der Schwarzen Magie zugerechnet. Sich zu fürchten ist hier also durchaus ratsam.

Ein anderes Mal schrieb Erzsi auf Krauss’ Anweisung hin ihren Namen auf Papier. Krauss meinte, sie solle das Papier auf ein Tablett legen und es verbrennen. Krauss öffnete das Fenster und warf die Asche hinaus. Dann kam er zurück, dreht das Tablett um und präsentierte Erzsi das unversehrte Papier. Krauss liebte es offenbar, sein Publikum zu verunsichern. Er pendelte unangekündigt zwischen Taschenspieler-Kunststückchen und angsterzeugenden magischen Phänomenen hin und her.

Erzsi wurde regelrecht süchtig nach den Vorstellungen von Karl Krauss. Der „Magier“ fuhr zwar Ende August zusammen mit Schrenck-Notzing nach München zurück, doch Erzsi wollte ihn schon bald für zwei Monate nach Schönau einladen. Die Erscheinungen, die in Schönau hervorgezaubert wurden, schlugen Erzsi mindestens so sehr in den Bann, wie den „Magier“ der Alltag im Schloss beeindruckte. Die aufmerksame Dienerschaft, der märchenhafte Schlosspark, die hervorragende Küche: Krauss stimmte freudig zu, sobald wie möglich wieder anzureisen, um in den Genuss der unwirklichen Annehmlichkeiten zu kommen, die ihm von der ehemaligen Erzherzogin geboten wurden.

Doch Schrenck-Notzing wollte den weiteren Kontakt seines Schützlings mit Krauss nun plötzlich unterbinden. Er schickte einen aufgeregten Brief nach dem anderen, um Erzsi vor Krauss zu warnen. Krauss habe ihm geborgtes Geld nicht zurückgegeben, schrieb Schrenck-Notzing; er habe versprochen, für ihn – Schrenck-Notzing – elektrische Geräte zur Messung von Energieströmen zu konstruieren, was er nie ausgeführt habe. Krauss mochte ein Gauner und Betrüger sein, dumm war er jedoch nicht. Er hatte rasch begriffen, dass Erzsi andere Anforderungen an seine Vorführungen stellte als Schrenck-Notzing. Der Arzt wollte wissenschaftliche Ergebnisse, Messungen, Präzision. Ihm ging es um publizierbare Novitäten. Erzsi hatte nichts gegen Forschung, doch vor allem wollte sie etwas erleben, bei exklusiven Ereignissen dabei sein, etwas zum Nachdenken haben. Wessen Ansprüche Krauss leichter befriedigen konnte, lag auf der Hand. Er verschwand fluchtartig aus München und ließ Schrenck-Notzing wissen, die Experimente in Schönau hätten ihn fürs Erste ermüdet. Er brauche nun Ruhe.

„Der Mann ist zweifellos geistig abnorm“, tobte Schrenck-Notzing. Er geriet außer sich und berichtete Erzsi, dass sie Krauss doch sicher angemessen bezahlt habe, und nun verprasse dieser das Geld in Amüsierlokalen und teuren Restaurants. Erzsi schlug die wohlgemeinten Ratschläge in den Wind. Es war noch keine zehn Jahre her, da war sie selbst regelmäßig Gast in sämtlichen „Amüsierlokalen und teuren Restaurants“ zwischen Triest, Pola und Brioni gewesen. Schrenck-Notzing fühlte sich für Erzsi verantwortlich, weil er es gewesen war, der Krauss auf ihr Schloss gebracht hatte. Obwohl Erzsi wenig Interesse für die Meinungen anderer aufbrachte, fuhr Schrenck-Notzing mit seinen Verdächtigungen fort: Krauss habe bestimmt einen psychischen Defekt, weil er über so große innere Fähigkeiten verfüge. Er könne Recht und Unrecht nicht unterscheiden. Er wolle ebenso im Luxus leben wie seine wohlhabende „Kundschaft“. Er entwende Gegenstände aus den Häusern seiner vermögenden Klienten und gebe diese nicht zurück. Oder er nehme Geld für zu entwickelnde Apparate, die er nie zu bauen gedenke. Mit einem Wort: Er lüge und betrüge ohne Ende. Früher, so habe Schrenck-Notzing herausgefunden, hätte Krauss sein Geld mit Suggestionsbehandlungen, Heilmagnetismus, Detektivarbeit und Hellsehen verdient. Lauter einträgliche Geschäftsfelder in der Zeit nach 1918 …

Die Beratungsresistenz Erzsis verblüffte Schrenck-Notzing. Sie reagierte nicht auf seine Briefe und nahm Krauss weiterhin in Schönau auf. Im November übersiedelte sie in ihr Winterdomizil in die Marxergasse im dritten Wiener Gemeindebezirk. Auch dorthin schrieb ihr Schrenck-Notzing von den (Un-)Taten des Karl Krauss. Aber, so schränkte er ein: „Als Medium ist er natürlich unersetzlich.“

Im Dezember 1924 führte Hans Thirring einige Versuche mit Krauss in Wien durch, die auch Erzsi mit ihrer Anwesenheit beehrte. Die Versuche schlugen fehl. Schrenck-Notzing begründete die Misserfolge mit einem „nicht gleich gestimmten Fluidum“ zwischen Thirring und Krauss. Er war der Ansicht, es müsse eine gewisse seelische Übereinstimmung zwischen Versuchsleiter und Versuchsobjekt vorhanden sein. Bei Erzsi und Krauss sei dies der Fall, bei Thirring und Krauss allerdings nicht. Physiker Thirring sah es prosaischer: Er hielt Krauss schlicht und einfach für einen Schwindler.

Vielleicht kamen Erzsi doch irgendwann Zweifel. Auf jeden Fall arbeitete sie in den Jahren 1925 und 1926 hauptsächlich mit Rudi Schneider und erzielte einige Erfolge. Schrenck-Notzing war von Anfang an der Ansicht gewesen, dass das Schloss Schönau zusammen mit der psychischen Kondition seiner Besitzerin paranormale Phänomene begünstige. Und tatsächlich sollten diese bald nicht mehr zu kontrollieren sein.

Poltergeist – eine beunruhigende Küchenmagd

Der Anfang vom Ende des guten Lebens in Schönau begann 1925. Da hatte der ausgezeichnete Netzwerker Schrenck-Notzing von einem in Güssing (Burgenland) ansässigen Telepathen erfahren, dass sich in einem Bauernhaus bei Langzeil nahe Güssing telekinetische Vorgänge ereigneten. Die ganze Umgebung sei in Aufruhr, da ein Baby aus seiner Wiege auf die Straße geschleudert worden sei. Das Kind habe zum Glück keine Verletzungen erlitten, doch sei die Polizei bereits verständigt worden. Wie aus zahllosen Filmen (beispielsweise „Ringu“, 1998; das Harry-Potter-Sequel „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“, 2016; „Hereditary“, 2018) bekannt, wurde ein Teenager als Urheberin der unerklärlichen Vorgänge ausgeforscht: Die 14-jährige Wilma (in den Quellen auch: Vilma) Molnar. Sie sei in dem bewussten Bauernhaus als Dienstmagd in Stellung, ihre Eltern lebten in Ungarn. Das Burgenland wurde erst 1921 als jüngstes Bundesland der Republik Österreich angegliedert.

Wilma war des Deutschen nicht mächtig, aber Schrenck-Notzing wusste, dass Erzsi sehr gut Ungarisch konnte. Er schlug vor, sie möge sich doch in ihr Auto setzen, ins Burgenland fahren und Wilma unter einem Vorwand nach Schönau holen. Dann könne sie das Mädchen in ihre Dienste nehmen und beobachten. Erzsi folgte dem Ratschlag, fuhr mit ihrem Chauffeur zu dem Güssinger Telepathen und fragte ihn aus. Nachdem sie der Ansicht war, alles Wissenswerte über Wilma erfahren zu haben, besuchte sie das Mädchen und sprach Wilma auf Ungarisch an. Diese fasste rasch Vertrauen zu der fremden Dame und kam gerne mit. Um die „Entführung“ etwas erträglicher zu gestalten, wurde auch Wilmas Bruder mit nach Schönau genommen. Die ungewöhnliche Reisegesellschaft trat die Rückfahrt zum Schloss an und die beiden Jugendlichen erhielten Quartier in den Dienstbotenkammern. Am nächsten Tag wies man ihnen einfache Arbeiten in Haus und Küche zu. Schrenck-Notzing wurde von dem Zuwachs an Domestiken in Kenntnis gesetzt und war begeistert von seiner neuen Mitarbeiterin im Schloss. Er instruierte Erzsi genauestens, wie sie es mit Wilma angehen solle. Sie müsse Tagebuch führen und alles notieren, was mit Wilma zu tun habe: wie sie sich verhalte, welchen Eindruck Erzsi von ihr habe, wann die Phänomene aufträten, wann Wilma ihre Regel habe. Außerdem seien immer zu berücksichtigen: die jeweilige Mondphase, Tageszeit und Beleuchtungsverhältnisse, Standort des Mädchens. Weiters solle Erzsi sich fragen: Kann Wilma das Phänomen selbst hervorrufen? Wo tritt das Phänomen auf? Und natürlich müsse sie die schriftlichen Zeugenaussagen der Anwesenden aufnehmen. Wilma müsse auch im Schlaf überwacht werden, um etwaige Spontanaktionen nicht zu versäumen. Ob sie im Schlaf spreche? Aufstehe? Herumgehe? Überhaupt, ob sie somnambule Zustände zeige? Und dann das Entscheidende: Ob sie durch ihren Willen imstande sei, mehr oder weniger weit entfernte Gegenstände zu bewegen, ob sich hierbei ein Spalt-Ich („Doppelgänger“, Astralleib) zeige, der automatisch schreiben kann, ob sie in Trance falle.

Im Garten des Schlosses Schönau, 2019

Beim Auftreten von Phänomenen solle man auch Hans Thirring und Michael Dumba beiziehen. Dumba, ein Nachfahre der einflussreichen Ringstraßenfamilie Dumba, war der neue Gönner von Karl Krauss. Auch er bewegte sich in jenen Zirkeln von Ex-Adeligen, die sich mit dem Spiritismus im weitesten Sinn beschäftigten.

Offenbar geschahen bald seltsame Dinge im Küchenreich von Schloss Schönau, denn wenig später bezeichnete Schrenck-Notzing die junge Wilma als Spukmedium. Aus seinem Antwortbrief an Erzsi geht hervor, dass sie bereits von Problemen mit der burgenländischen Küchenmagd berichtet haben muss: „Wenn man die Sache sich selbst überläßt, so geht sie natürlich weiter. Man muß versuchen, sie zu beherrschen, sich den Unfug energisch verbitten.“ Er ging davon aus, dass diverse Spaltpersönlichkeiten Wilmas für den „Unfug“ verantwortlich seien. Man solle zwei Sitzungen wöchentlich mit ihr abhalten, damit sich ihre zurückgehaltenen psychischen Kräfte dort austoben können. Als last resort empfahl der „Geisterbaron“, Wilma „zu Wagner-Jauregg in die Klinik zu geben, damit die Herren endlich einmal durch die ‚schlagende‘ Wirkung der fliegenden Gegenstände von der Realität dieser Vorgänge überzeugt werden. Das wäre die beste Lösung.“ Bis heute befassen sich Forscher mit der „Psychokinese“ („PK“), also mit der Fähigkeit, Gegenstände zu bewegen, ohne sie zu berühren.

Nicht zuletzt führte der Filmklassiker „Poltergeist“ (1982) vor, dass es oft (heranwachsende) Mädchen sind, die durch ihre psychischen Veranlagungen paranormale Aktivitäten auslösen können. Bei diesen „Spukerscheinungen“ entstehen aus unerfindlichen Gründen Lärm und Bewegung. Geschirr segelt durch die Luft und zersplittert. Alle Gegenstände, die durch Poltergeister bewegt werden, bekommen ein unkontrollierbares Eigenleben. Sie schaffen es durch Türen und Fenster, auch durch solche, die kleiner sind als sie selbst. Ebenso ist es möglich, dass Dinge urplötzlich mitten in der Luft erscheinen. Phänomene dieser Art sollen weltweit verbreitet sein. Angesehene Wissenschaftler wie der Freud-Schüler C. G. Jung schilderten Fälle, in denen sie selbst Zeugen derartiger Vorkommnisse geworden sind: Es ging um Gegenstände, die sich ohne wahrnehmbare äußere Krafteinwirkung im Raum herumbewegten.

Der Ausdruck „Poltergeist“ ist jedoch irreführend, denn es handelt sich mitnichten um einen Geist. Eher könnte man den Poltergeist als eine unsichtbare Kraft beschreiben, die Dinge bewegt, Türen knallen lässt, kinetische Lärmbelästigung verschiedenster Art hervorruft. Um in Aktion treten zu können, scheint der Poltergeist die Gesellschaft (weiblicher) Kinder oder pubertierender Jugendlicher im Alter zwischen zwölf und 16 Jahren zu benötigen. Der Poltergeist gilt als unzerstörbarer Garant für Chaos und gelangt im Allgemeinen zusammen mit dem ihn aktivierenden Jugendlichen in ein Gebäude. Und so nahm ein ziemlich umtriebiger Poltergeist das Schloss Schönau in Besitz.

Erzsi schaffte es nicht, die Kräfte, die offenbar von Wilma Molnar ausgingen, in den Griff zu bekommen. Sie war zwar im Lauf der Jahre geistig geschult worden und hatte Kenntnisse auf den Gebieten der Psychologie und Parapsychologie erworben, die für einen Laien alles andere als selbstverständlich waren. Doch wurde sie von den Ereignissen rund um das ungeschulte Medium Wilma Molnar überrollt. Es muss zu heftigen Phänomenen gekommen sein, zu unbekannten Energien, deren Entwicklung und Konsequenz Erzsi in Schrecken versetzten. Von den Sitzungen mit Hans Thirring kannte Erzsi den sozialdemokratischen Mathematiker Hans Hahn, ein Mitglied des „Wiener Kreises“ rund um den Philosophen und Physiker Moritz Schlick. Sie wandte sich an Hahn mit der Bitte, sich um Wilma zu kümmern und das Mädchen unter wissenschaftlicher Kontrolle zu beobachten. Diese Veränderung ihres Alltags stieß bei Wilma auf immensen Widerstand. Sie hatte keine Lust, in Käfigen zu sitzen, an elektrische Kabel angeschlossen zu sein und fremden Männern als Versuchsobjekt zur Verfügung zu stehen. Erzsi zeigte Verständnis und holte Wilma zu sich in ihre Wiener Wohnung. Doch die Phänomene gingen weiter. Das Eisenbett, in dem Wilma schlafen sollte, fiel zweimal um, sodass sie darunter begraben wurde. Das Mädchen zitterte und weinte. Jedoch war das Bett sehr schwer, sodass Erzsi allein es kaum manövrieren konnte. Sie war mit der Situation überfordert und wusste nicht, wie sie mit Wilma weiter umgehen sollte.

Kaum war man wieder in Schönau, machten die Poltergeister mit unerwartet auftretenden Geräuschen, deren Herkunft nicht geklärt werden konnte, auf sich aufmerksam. Erzsi hatte den Eindruck, dass zu jeder Tages- und Nachtzeit etwas Unvorhergesehenes geschehen konnte. Sie wurde immer nervöser.

Im Jahr 1927 erkrankte Albert von Schrenck-Notzing. Er reiste aber trotzdem zum Kongress der Parapsychologen nach Paris, wovon er Erzsi in Kenntnis setzte. Unterdessen litten Eigentümerin und Angestellte unter der sich immer mehr verschärfenden, grimmigen Atmosphäre in Schönau. Einst war das Schloss geprägt von Blumenduft, Heiterkeit, luxuriöser Sommerunterhaltung. Doch nun regierten kaum mehr unterdrückbare Angstgefühle. Es ereigneten sich die merkwürdigsten Dinge, deren mysteriöse Ursachen alle Bewohner fürchteten. Erzsi riss sich zusammen und erwartete dies auch von allen anderen im Schloss. Für die Herrin war Wilma noch immer in erster Linie ein einzigartiger „Fall“ und sie wollte ihre „Forschungen“ mit dem Mädchen weiterführen. Dass dies ein normales Leben auf dem Anwesen unmöglich machte, war ihr wieder einmal egal.

Einen Vorfall in der Schlossküche schilderte Franzi folgendermaßen: Lautes Geschrei ertönte im Haus, Wilma stand in der Küchentür und schlug die Hände vors Gesicht. Sie wollte nicht sehen, wie die Kartoffeln über den Kachelboden der Küche hüpften. Angeblich waren die Knollen von allein aus dem Korb gesprungen. An einem anderen Tag eilte Erzsi wegen bizarrer Dissonanzen, die sie bis in ihre entlegenen Zimmer wahrnahm, hinunter in die Küche. Wilma umklammerte mit jeder Hand verzweifelt einen Pfannenstiel und versuchte, die Pfannen auf dem Herd zu halten. Gleichzeitig hatten sich zwei Töpfe von der Wand gelöst und flogen in einer Höhe von zwei Metern durch die Luft. Erzsi tat ihr Bestes, um Wilma auf Ungarisch zu beruhigen, und führte sie aus der Küche. Da dies der „Hauptwirkungsbereich“ Wilmas war, manifestierten sich die Klopfgeister dort am stärksten. Anders gesagt: Das von Wilma abstrahlende Energiefeld schien in diesen Räumlichkeiten seine höchste Konzentration zu erreichen.

Hatte Erzsi anderweitig zu tun, lag die Überwachung der Küchenmagd in Franzis Verantwortung. Eines Tages wurde er dringend in die Küche gerufen. Wieder einmal war es so weit. Teller, Messer, Gabeln und Löffel flogen aus geschlossenen Schubladen, bewegten sich in allen Richtungen durch die Luft. Schließlich richteten sich die Messer gegen Wilma. Doch bevor sie das Mädchen erreichten, fielen sie mit lautem Geklapper zu Boden. Die Messer jagten Wilma die größte Angst ein. Das „Herbeibringen“, dessen Wilma unter anderem fähig war und das sie nie zu steuern gelernt hatte, konnte ebenfalls gefährlich werden. Gabeln „verfolgten“ das Mädchen aus der Küche in seine Schlafkammer und fielen neben dem Bett nieder.

Dieses ziemlich seltene Phänomen drückt sich dadurch aus, dass Dinge das Medium „finden“. Sachen sind also plötzlich dort, wo man selbst ist, obwohl sich die Gegenstände vorher noch an ihrem Platz befunden haben. Der „herbeigebrachte“ Gegenstand kann geschlossene Türen oder Mauern durchdringen und kommt auf seiner „Reise“ nicht zu Schaden. Lediglich wird er sehr heiß, was manche Telekinese-Forscher als typisch für die Dematerialisation und die danach wieder notwendige Materialisation ansehen.

Auf Wunsch seiner Mutter war Franzi also stark in die Beobachtung der Küchenhilfe Wilma Molnar involviert. Gelegentlich stellte er fest, dass sich auf seinem Schreibtisch das Tintenfass verschob, wenn Wilma in der Nähe war. Später erzählte er seiner Frau Ghislaine, dass einmal eine Hacke durch das offene Küchenfenster hereingeflogen und mit einem „Bombengetöse“, so Franzi, auf den Boden niedergekracht sei.

Gelegentlich wurde Wilma für kleine Besorgungen in den Ort geschickt, doch nach den ersten seltsamen Ereignissen durfte sie das Schloss nur noch in Begleitung verlassen. Als sie am Schaufenster eines Schuhgeschäfts vorüberging, flog ein Schuh auf den Gehsteig, als wäre er geworfen worden. Bei einem Messerschmied wurde ein Messer von ihr angezogen und fiel neben ihr nieder. Das Medium Wilma Molnar wurde schließlich so bekannt, dass es im „Lexikon der Parapsychologie und ihrer Grenzgebiete“ (Werner F. Bonin, 1984) einen Eintrag erhielt.

Noch 1928 war Schrenck-Notzing der Ansicht gewesen, dass die verständnisvolle Behandlung, die Erzsi dem Mädchen angedeihen ließ, die von Wilma ausgehenden Phänomene begünstige. Allerdings litt Erzsi in diesem Jahr unter schweren gesundheitlichen Komplikationen, es gab Tage, da konnte sie kaum aufstehen. Sie hatte viel Willensstärke bewiesen, gelangte aber zunehmend zu der Erkenntnis, dass es selbst einer widerstandsfähigen Person wie ihr nicht gelingen mochte, aus Wilma ein „normales Mädchen“ zu machen. Was Erzsi nun tat, bringt recht gut zum Ausdruck, dass weder die parapsychologische und „magische“ Schulung durch Schrenck-Notzing noch die ihr seit etwa einem Jahrzehnt zuteilwerdende sozialdemokratische Bildung durch ihren Lebensgefährten Leopold Petznek ihre Persönlichkeit maßgeblich verändern konnten. Sie war einmal eine Erzherzogin an einem streng katholischen Hof gewesen. Und nun übergab sie die bedauernswerte Wilma in die Obhut der Kirche. Möglicherweise suchte sie Rat bei Viktor Kolb, einem Angehörigen des Jesuitenordens, zu dem sie eine Freundschaft pflegte. Das ungleiche Paar traf sich regelmäßig zur Diskussion theologischer Fragen. Kolb engagierte sich im Bereich der christlich-sozialen Presse und war sozialreformerisch tätig, seine Gesprächspartnerin, die eingeschriebene Sozialdemokratin, las die „Arbeiter-Zeitung“ und gewährte „Magiern“ und „Zauberern“ Obdach. Kolb hatte immer wieder versucht, Erzsi aus den Klauen der „Satanisten“, wie er die Parapsychologen und „Medien“ nannte, zu befreien. Seher, Astrologen und andere Leute, die Kontakt zu Toten und dem Jenseits suchten, gehörten für ihn nicht zum Umgang einer guten Katholikin. Er schenkte ihr regelmäßig seine eigenen Werke sowie ein Buch mit dem Titel „Gebote der Tugend“. Es ist nicht davon auszugehen, dass Erzsi diese gut gemeinte Gabe gründlich studierte. Vergeblich redete Kolb ihr zu, die gefährlichen und antichristlichen Versuche im Bereich der Schwarzen Magie zu unterlassen.

Wasserfälle bei der Grotte des Schlossparks Schönau, um 1800

Obwohl sie bestimmt nicht alle Anregungen des Paters Kolb ernsthaft in Erwägung zog, griff Erzsi in ihrer Verzweiflung auf ihren Kinderglauben zurück. Sie hoffte, die „Segnungen der Religion“ würden sich positiv auf Wilmas unausgeglichenes Seelenleben auswirken. Die psychischen Kräfte eines Mediums haben mit Religion nichts zu tun, doch Erzsi reagierte, als lebe sie in der frühen Neuzeit zur Zeit des „Hexenhammers“ und nicht in der aufgeklärten Welt des 20. Jahrhunderts. Wilma wurde von den Jesuiten zu einer Wallfahrt nach Mariazell gezwungen und einem Exorzismus unterzogen. Dass ein Fall wie der des Mädchens Wilma Molnar eine medizinische Angelegenheit und nicht die Sache kirchlicher Satanologen sein kann, hätte Erzsi wissen müssen. Fast alle „Sensitiven“, also für „außersinnliche“ Phänomene empfängliche Menschen, sind psychisch beeinträchtigt, nicht selten schizophren und/oder gewalttätig und sollten von medizinischen Fachleuten behandelt werden. Erzsis Schwiegertochter schreibt in ihren Erinnerungen, die Ex-Erzherzogin hätte sich wiederholt nach dem Befinden ihrer einstigen Dienstmagd erkundigt. Man habe ihr stets versichert, Wilma sei „fröhlich und vergnügt“. Ob sich Erzsi selbst davon überzeugt hat, berichtet Ghislaine Windisch-Graetz nicht. Tatsächlich können mediale Kräfte, die jemand zu einer gewissen Zeit seines Lebens besitzt, ihre Wirkung verlieren. Es sind Fähigkeiten, die durchaus flüchtig sein können.

Ein „Geisterhaus“

Obwohl Wilma Molnar aus dem Umfeld von Schönau abgezogen worden war, manifestierte sich ihre Energie weiterhin in den Räumen des Schlosses. Alle Dienstboten waren sich einig, dass das Gebäude „verwunschen“ sei. Eine Glocke läutete von Zeit zu Zeit im Turm, ohne dass sich jemand dort aufgehalten hatte. Erzsi war sich sicher, das Läuten erinnere an die Toten. Im Salon rutschten und tanzten die Möbel auf ihren Rollen herum. Am Morgen herrschte ein Riesendurcheinander, obwohl kein Mensch im Salon gewesen war. Die elektrischen Lichter erloschen unmotiviert und gingen wieder an – was man vom Schlosspark aus am besten beobachten konnte. Erzsi ließ mehrere Male Elektriker kommen, um die Stromkreise und Geräte zu überprüfen, doch es wurde nie ein Defekt gefunden. Das Schloss gehöre ihr nicht mehr, klagte Erzsi, die Geister hätten es ihr gestohlen. Sie verkaufte das Haus 1928 und zog vorerst fix in die Stadtwohnung im dritten Bezirk. Der letzte erhaltene Brief Schrenck-Notzings an Erzsi datiert vom November 1928 und ist an die Wiener Adresse gerichtet. Die Schlossherrin hatte Schönau endgültig verlassen. Im folgenden Jahr, 1929, starb Albert Freiherr von Schrenck-Notzing.

Der „Geisterbaron“ hatte Erzsi in seinen Bann ziehen und ihr unerwartete Einsichten verschaffen können. Eine aufregende, spannungsgeladene, abenteuerliche Lebensphase ging zu Ende.

Der Kronprinz und die Spiritisten

Einst war es der Politiker und Philosoph Lazar Baron von Hellenbach gewesen, der mit seinen Ideen über die Beschaffenheit der Seele den jungen Mediziner Albert von Schrenck-Notzing nachhaltig beeindruckt hatte. Hellenbach gehörte zu den bekanntesten Spiritisten und sogar Erzsis Vater Kronprinz Rudolf war Gast im Haus Hellenbachs gewesen. Andere Habsburger wie die Erzherzöge Rainer und Johann Salvator, der spätere „Aussteiger“ Johann Orth, folgten ebenso den Einladungen des Barons. Im „Neuen Wiener Tagblatt“ hatten der Chefredakteur Moritz Szeps und Rudolf (anonym) gemeinsam über Séancen bei Hellenbach berichtet. Dem kritischen Kronprinzen, der mehreren Darbietungen mit dem damals sehr berühmten Medium Harry Bastian beiwohnte, kamen die „Geister“ immer unglaubwürdiger vor. Am 21. Februar 1884 erschien die Zeitschrift „Das interessante Blatt“ mit dem Aufmacher, dass Rudolf das Medium als Betrüger entlarvt habe. Die Illustration zeigte, wie Bastian von Rudolf und Johann Salvator hinter einem Vorhang hervorgezogen wird. Von den beiden Habsburgern war eine „Geisterfalle“ konstruiert worden, indem sie die Flügeltür zwischen dem Publikum und dem Raum des Mediums mit einem Schnappmechanismus verschlossen hatten. Dadurch konnte das Medium beim Versuch, einen „Geist“ darzustellen, gefangen werden. Erzherzog Rainer, links vorne sitzend auf dem Zeitungsholzstich zu sehen, blickt als Zeuge des Geschehens verdutzt auf die Entlarvungsszene.

Kaiserin Elisabeth wurde von dieser Glanzleistung ihres Sohnes bestimmt in Kenntnis gesetzt, doch blieb sie davon unberührt. Sie glaubte, ihr totes Idol Heinrich Heine diktiere ihr aus dem Jenseits ihre Gedichte, und zwei Jahre nach der Enttarnung des Mediums Bastian hoffte sie auf spiritistische Verbindung mit ihrem ertrunkenen Großcousin Ludwig II. von Bayern. Hätte sie zu seinen Lebzeiten öfter den Austausch mit Rudolf gesucht, wäre es vielleicht nicht notwendig geworden, nach seinem Selbstmord in der Kapuzinergruft verzweifelt nach ihm zu rufen.

So gesehen wurden die spiritistischen Familientraditionen von Erzsi erfolgreich fortgeführt. Nach Schrenck-Notzings Tod sollte sie jedoch nie wieder über ihre diesbezüglichen Erfahrungen sprechen.

II Das Schweigen
Eine kaiserliche Kindheit


Als hätte es sie nie gegeben: Rudolfs letzte Freundin Mary Vetsera, um 1888

„Ich bin von Anfang an ein Irrtum des Schicksals.“

In einer Anwaltskanzlei im zweiten Wiener Gemeindebezirk tauchte 1988 das Testament von Erzsis Mutter Stephanie von Belgien (gestorben 1945) auf. Der Inhalt der maschingeschriebenen Abschrift war durchaus brisant, enthielt diese doch Bestimmungen, wonach Stephanie ihr einziges, offenbar in ihren Augen missratenes Kind enterbte: „Ich ordne an und erkläre, daß ich meine Tochter Elisabeth Marie, Erzherzogin von Österreich, enterbe und von meinem Nachlaß gänzlich ausschließe.“ Der wertvolle Schmuck und zahlreiche Pelze aus Stephanies Besitz, meist noch habsburgischer Herkunft, gingen an ihre drei überlebenden Enkelkinder Franzi, Erni und Fee über; ein vierter Enkel, Rudi, war bereits 1939 tödlich verunglückt.

Allein zur Geburt der kleinen Erzherzogin Erzsi hatte Stephanie im Jahr 1883 Smaragdschmuck im Wert von 40.000 Gulden (etwa 400.000 Euro) von Kaiser Franz Joseph erhalten. Sie hatte nichts zurückgeben müssen, weder nach Rudolfs Tod noch nach ihrer zweiten Eheschließung im März 1900. In solchen Fragen ließ Franz Joseph immer Großzügigkeit walten, sodass Stephanie zeitlebens eine reiche Frau gewesen war. Die Abneigung, die sie ihrer Tochter gegenüber hegte, hatte im Verlauf von Erzsis Pubertät begonnen, sich immer mehr gesteigert und artete nach 1918 schließlich in Hass aus. Doch Erzsi lehnte auch ihre reaktionäre und frömmlerische Mutter ab und alles, wofür diese stand. Ein Meilenstein der gegenseitigen Abneigung war Stephanies zweite Heirat mit einem ungarischen Grafen gewesen, den die damals 16-jährige Erzsi nicht ausstehen konnte. Die grenzenlose Verehrung ihres toten Vaters hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eingesetzt und Erzsi wollte nicht akzeptieren, dass es nun einen Stiefvater in ihrem Leben geben sollte. Später weigerte sich die bigotte Stephanie, ihre unglücklich verehelichte Tochter Erzsi in ihrem Scheidungswunsch von ihrem Mann Otto zu Windisch-Graetz zu unterstützen. Grundsätzlich lehnte die Ex-Kronprinzessin Scheidungen vollkommen ab und gab Erzsi die alleinige Schuld an der gescheiterten Ehe. Als sie in den 1920er-Jahren erfuhr, dass Erzsi mit den Sozialdemokraten sympathisiere und der SDAP hohe Summen an Geldspenden zukommen lasse, wollte sie ihre Tochter nicht mehr sehen. Noch dazu wusste sie bestimmt, dass Erzsi Liebhaber gehabt hatte und mit einem sozialdemokratischen Funktionär ohne Trauschein zusammenlebte.

Erzsi mit ihrer Mutter Stephanie, um 1890

Porträts der Kronprinzenfamilie, wie sie in hoher Auflage unter das Untertanenvolk gebracht wurden: Oben die kindliche Erzherzogin Erzsi, darunter ihre Mutter, die unglücklich nach Wien verheiratete belgische Prinzessin Stephanie, und der von Selbstmordgedanken und Krankheiten geplagte Vater, Kronprinz Rudolf.

Die Kronprinzessin-Witwe war eine Frau, die in ihrer ersten Ehe vielfach betrogen worden war. Den ihrer Ansicht nach frivolen Lebensstil der Tochter konnte sie daher auf keinen Fall akzeptieren, nicht zuletzt verwand sie es nie, dass der untreue Kronprinz Rudolf sie mit einer venerischen Krankheit angesteckt hatte, sodass sie nach Erzsi keine Kinder mehr bekommen konnte. Doch dem ehelichen Unglück zum Trotz hatte Rudolf seiner Frau, im Gegensatz etwa zu seinem Vater, immerhin einen Abschiedsbrief hinterlassen:

„Liebe Stephanie!“, stand da, „Du bist von meiner Gegenwart und Plage befreit; werde glücklich auf Deine Art. Sei gut für die arme Kleine, die das einzige ist, was von mir übrig bleibt. (…) Dich herzlichst umarmend, Dein Dich liebender Rudolf.“

Der kurze Weg zum langen Abschied

Nun standen die „liebe Stephanie“ und die „arme Kleine“ vor ihrem wahrscheinlich schwersten Gang. Mutter und Tochter mussten Abschied nehmen von Ehemann und Vater. Vor der tumultartigen öffentlichen Aufbahrung des Kronprinzen in der Hofburgkapelle, als 20.000 Menschen die Leiche sehen wollten, hatte es bereits zwei „interne“ Aufbahrungen gegeben. Zu seinen Lebzeiten war der junge Revoluzzer Rudolf eine Marionette der Staatspolitik gewesen. Ein Mann ohne Handlungsspielraum, von jeder Entscheidungsbefugnis ferngehalten. Nun, da er tot war, zeigte er sich als viel gehorsameres Objekt. Für die engsten Familienangehörigen war er am 31. Jänner 1889 in seinem Schlafzimmer in der Hofburg zu sehen. Erzsi wurde ein letzter, kurzer Blick auf den verstorbenen Vater erlaubt. Blumen bedeckten seinen Körper, der zerschossene Kopf war mit weißen Leinenbinden einbandagiert.

Am 1. Februar, nach der Autopsie, hatten die Ärzte ein kleines Wunder vollbracht. Die Schädelzertrümmerung war mit Wachs versiegelt worden, das Haar wurde darübergekämmt, so gut wie möglich. Man sah nichts als eine schmale Narbe. Der Tote war einbalsamiert und mit Weihrauch parfümiert worden und lag nun im Sterbezimmer des Kaisers Franz II./I. Heute gehen dort die Beamten des Bundesdenkmalamts ihrem Tagewerk nach. Rudolf trug seine weiße Generalsuniform. Das Elfenbeinkruzifix, das er in den Händen hielt, erbte später Erzsi. Ihr, der von Geburt an eine Hoftrauer zugestanden wäre und deren Sarg schließlich kaum 20 Leute folgen sollten, wurde auf ihrem Totenbett ebenfalls dieses Kreuz in die Hand gegeben. Zwei Tage war ihr Vater hier ausgestellt, der Blumenduft und der Kerzenschein verbreiteten eine unirdische Atmosphäre. Mitglieder des Kaiserhofs kamen zum Gebet, Priester waren Tag und Nacht anwesend. Immer mehr Trauerkränze wurden gebracht – von Hunderten Kaisern, Königen, Präsidenten, Potentaten, geistlichen Würdenträgern. Tausende Städte, Landkreise, Vereinigungen schickten ihre letzten Grüße, auch der Presseclub Concordia war vertreten mit der schlichten Kranzschleife: „Dem Schriftsteller Kronprinz Rudolf“. Es war vielleicht der einzige Kranz, der dem Verstorbenen wirklich Trost gespendet hätte …

Erzsi wurde von dieser Hofverabschiedung ferngehalten. Schon zu seinen Lebzeiten hatte sie ihren Vater nicht wirklich häufig zu Gesicht bekommen. Doch nun registrierte sie, wie sich alles um sie herum veränderte. An den Farben bemerkte sie es zuerst. Die Gouvernanten und Kindermädchen trugen Trauer, die Bediensteten schwarze Livreen. Gedämpfte Stimmen, überall traurige, verschlossene Gesichter.

Zusammen mit ihrer Lehrerin war Erzsi in die Lektüre eines ungarischen und eines französischen Buches vertieft gewesen, als ihre Mutter schwankend das Zimmer betreten und leicht verwirrt etwas von einem Jagdunfall des Vaters gestammelt hatte. Mit aller Kraft hatte sie das Wort „tot“ zu vermeiden versucht. Erzsi bekam ein weißes Kleid mit einfacher Stickerei, ein farbiges Band war schon entfernt worden. Ihre Mutter nahm sie an der Hand und ging mit dem verstörten Mädchen durch die endlosen Reihen schwarzer Gestalten, bis Rudolfs Schlafzimmer erreicht war. Beide sahen das erste Mal in ihrem Leben eine Leiche. Erzsi erblickte den Vater bleich in seinem Bett liegend, der seltsame Kopfverband irritierte sie. Der Verstorbene musste auf die Fünfjährige angsteinflößend und bedrohlich gewirkt haben. Die ununterbrochen weinende Stephanie legte einen kleinen Maiglöckchenkranz nieder, als die Großeltern Elisabeth und Franz Joseph den Raum betraten. Der tote Papa werde im Himmel für sie beten, sagten die Verwandten zu Erzsi. Das Kind stand da, voller Angst und voller Fragen. Antworten sollte es keine geben. Stephanie brachte Erzsi rasch zurück ins Kinderzimmer. Die Kleine hatte den Vater nicht mehr gesehen, bevor er nach Mayerling aufgebrochen war. Er wollte sich noch verabschieden, aber die Kinderfrau hatte ihn nicht vorgelassen, da Erzsi „auf dem Thron sitze“ – wie der Toilettengang der Erzherzogin genannt wurde. So war er zwar mit einem ärgerlichen „zu dumm“ abgerauscht, warten hatte er aber nicht wollen.

Fantasievolle Darstellung der Aufbahrung des Kronprinzen mit seinen Eltern, der Witwe und Tochter Erzsi

Erzsis Eltern Rudolf und Stephanie bei einer Winterausfahrt, um 1882

Erzsi wurde ab sofort von allem, was sich in ihrer Umgebung ereignete, egal ob am Hof oder außerhalb, abgeschirmt und ausgeschlossen. Sie wuchs in einer Art „Luxus-Isolationshaft“ auf. Von ihrem Vater sah und hörte sie nichts mehr. Man sprach nie wieder von ihm, nicht in ihrer Gegenwart und auch sonst nur hinter verschlossenen Türen. Der Tod des Kronprinzen war ein in der gesamten Monarchie tabuisiertes Thema, da Franz Joseph verfügt hatte, dass der Name seines Sohnes nicht mehr erwähnt werden dürfe. Von der Existenz einer zweiten Leiche und dass Rudolf nicht allein gestorben war, wussten nur Leser ausländischer Zeitungen. Erst 1918, als der Erste Weltkrieg verloren war und die alte Ordnung aufgehört hatte zu existieren, wurde der Name Mary Vetsera offiziell in Österreich bekannt.

Auch das einzige Kind des Kronprinzen wurde über die wahren Umstände nicht informiert. Ein undurchdringliches, für die Kleine wohl ohrenbetäubendes Schweigen begann ihr Aufwachsen am Hof zu belasten. Als sie älter wurde, getraute sie sich nicht mehr zu fragen. Mord und Selbstmord, Ereignisse, von denen sie nichts wusste, aber stets etwas ahnte, waren die tiefreichendsten Erlebnisse in Erzsis exklusiver, einsamer Kindheit.

Der neue Vormund

In der Hofburg packte Erzsis Personal die Koffer. Die Mutter hatte beschlossen, die Kleine nach Schönbrunn zu bringen, weg vom toten Vater. Keines ihrer vielen weißen Kleider hatte noch bunte Bänder. Das Mädchen wurde in seinen Zimmern eingeschlossen. Außer mit seinem Spielzeug und Lernpensum sollte es sich mit nichts beschäftigen dürfen. Indessen hörte Stephanie nicht auf zu weinen. Sie weinte hauptsächlich um ihre verlorene Stellung, denn die grandiose Aussicht, einmal Kaiserin von Österreich zu werden, war mit ihrem Mann gestorben. Und auch die Tochter hatte man ihr genommen. Wie sich nur allzu bald herausstellte, hatte Rudolf in seinem Testament vom März 1887 seinen Vater Franz Joseph gebeten, seinen letzten Willen nicht nur zu vollstrecken, sondern „auch die Vormundschaft über meine Tochter Elisabeth zu übernehmen“. Erzsi wurde außerdem zur Universalerbin seines „beweglichen und unbeweglichen Vermögens“ bestimmt. Der Witwe Stephanie wurde der lebenslängliche Nutzgenuss an Rudolfs Gütern eingeräumt, sollte sie sich jedoch wiederverheiraten, werde der Nutzgenuss ebenso auf Erzsi übergehen. Für die Zukunft des Mädchens war somit gesorgt. Erzsi war bereits als kleines Kind eine überaus wohlhabende Person und um sie noch weitergehend finanziell abzusichern, hatte sie zusätzlich zum Erbe des Vaters noch einen Zuschuss vom Großvater und Vormund Franz Joseph in der Höhe von zwei Millionen Gulden erhalten.

Als Rudolf diese für das Leben seiner Tochter weitreichenden testamentarischen Verfügungen traf, war er bereits ein sehr kranker, von Todesgedanken geplagter Mann. Trinkgelage, Drogenräusche, Sexabenteuer und vor allem Selbstmordwünsche beherrschten sein Dasein. Er kündigte wiederholt das Herannahen seines Todes an und fragte wahllos Unbekannte nach deren Jenseitsvorstellungen. Eine regelrechte Selbstmordmanie habe von ihm Besitz ergriffen, sagten enge Freunde später. Aufmerksam habe er sterbende Lebewesen beobachtet und dies auch begründet: „Man muss mit den letzten Notwendigkeiten des Lebens rechnen.“ Er versuchte auch, seine Frau an die letzten Dinge heranzuführen, was ihm nicht gelang. Rudolf wusste, dass Stephanie eine strenggläubige Katholikin war. Dass sie einmal einem religiösen Wahn verfallen würde, konnte er nicht vorausahnen, doch wollte er die Möglichkeit, dass Stephanie mit Erzsi Österreich verlassen und die Tochter in einem belgischen Kloster aufwachsen lassen könnte, von vornherein ausschließen. Es war durchaus üblich, „lästige“ Witwen an Königshöfen hinter Klostermauern abzuschieben. Überhaupt wollte Rudolf es Stephanie unmöglich machen, mit dem Kind nach Belgien zurückzukehren. Der Vater der Kronprinzessin-Witwe, König Leopold II. von Belgien, hatte jedoch keinerlei Interesse an seiner Tochter gezeigt und sich ihre Rückkehr sogleich nach Rudolfs Tod verbeten. Franz Joseph war ebenso dagegen, er wollte Erzsi nicht auch noch die Mutter nehmen. Seinen Einfluss als Vormund machte er jedoch in allen Belangen geltend. Stephanie ließ er sehr wohl merken, dass sie aufgrund des Testaments des Kronprinzen mehr oder weniger entmündigt war. Sie hatte jedenfalls nichts zu bestimmen und je älter ihre Tochter wurde, desto mehr wandte sie sich innerlich von ihr ab. Von ihrer Erscheinung und ihrem Charakter her wuchs Erzsi zum Ebenbild ihres Vaters heran und für Stephanie war es, als sähe sie der tote Rudolf in Gestalt der Tochter an.

Fünf Minuten für ein Leben

Der Ehe des Kronprinzenpaares war von allem Anfang an kein Glück beschieden gewesen. Fünf Minuten hatten gereicht, um mehrere Leben zu zerstören. Im Brüsseler Schloss Laeken, in dem Stephanie aufgewachsen war, wurden sie und Rudolf im März 1880 für wenige Augenblicke bei offenen Türen allein gelassen, damit der österreichische Thronfolger die Frage aller Fragen stellen konnte. Stephanie war 15 Jahre alt und wusste genau, worum es ging. Sie antwortete daher artig mit Ja. Zuvor hatte Rudolf mit Stephanie über ihre ältere Schwester Louise gesprochen, die er sehr verehre, wie er sagte. Louise lebte als Ehefrau des Prinzen Philipp von Coburg in Wien und dieser Philipp gehörte zu Rudolfs engsten Freunden. Seine Frau ebenso, er hatte sie längst erobern können. Später wird Louise von Coburg in viele Skandale verwickelt sein, sie kam in die Psychiatrie und wurde sogar entmündigt. Doch vorläufig war das noch Zukunftsmusik. Nach etwa fünf Minuten kehrten Stephanie und Rudolf als Paar zu Leopold II. und dessen Frau Marie Henriette zurück und erbaten den Verlobungssegen. Sie erhielten ihn und durften sich fortan duzen.

Die ungarische Gräfin Marie Festetics, eine Hofdame der Kaiserin Elisabeth, meinte später, der gerissene Brautvater Leopold II. habe den Kronprinzen „eingefangen“. Doch vielleicht hatte Rudolf einfach nur genug von den Brautfahrten, die ihm sein Vater aufoktroyierte. Franz Joseph wusste von den zahlreichen Techtelmechteln des Kronprinzen, wohl auch, dass er in Prag ein jüdisches Mädchen über Gebühr häufig traf, und beschloss daher, er sei reif für den Hafen der Ehe. Vor der Reise nach Brüssel, die als kurzer Stopp einer Besuchsfahrt zu Rudolfs Mutter Elisabeth nach Irland, wo Sisi Reitferien machte, getarnt war, hatte Rudolf schon mehrere Prinzessinnen in Spanien, Portugal und Sachsen in Augenschein nehmen müssen. Sie hatten sich allesamt als taube Nüsse erwiesen. Der österreichische Botschafter in Brüssel, Graf Chotek – der Vater der zukünftigen Ehefrau des zukünftigen Thronfolgers Franz Ferdinand, Sophie von Hohenberg („Sopherl“) –, hatte daraufhin beim König der Belgier vorgefühlt, was dieser zu einer Ehe seiner zweiten Tochter mit dem Erzherzog Rudolf sagen würde. Wie nicht anders zu erwarten war Leopold, Herrscher einer jungen, konstitutionellen Monarchie mit enden wollenden persönlichen Machtbefugnissen im eigenen Land, hocherfreut über die großartige Aussicht, dass „allerhöchstdieselben Majestäten“ des mächtigen Riesenreiches Österreich-Ungarn „den Blick auf meine Tochter“ zu werfen gedachten. Was nicht ganz stimmte, denn Ihre Majestät die Kaiserin gedachte dies keineswegs, was aber nichts nützte. Eine unerwachsene, weißblonde Riesin für ihren flatterhaften, nervösen Sohn, der bisher nur Gefallen am damals modernen „orientalischen“ Frauentyp der kleinen Dunkelhaarigen, oft Älteren, gefunden hatte? Dies konnte nur zu einer Katastrophe führen. Doch Elisabeth hätte die Hochzeit nicht verhindern können. Stephanie war jung, katholisch und standesgemäß, und das war in den Augen Seiner Majestät des Kaisers schon die halbe Miete. Dennoch hatten wohl sogar die belgischen Majestäten nicht mit einer so raschen „Erledigung“ dieses arrangierten Treffens gerechnet, denn es dauerte 14 Tage, bis endlich Fotos der neuen Kronprinzessin in Wien eintrudelten. Man war von den Ereignissen offenbar überrumpelt worden. Als Rudolf seine Braut zum ersten Mal sah, trug sie Maiglöckchen im Haar. Graf Chotek zumindest hatte vorgesorgt …

Franz Joseph, Leopold II., Elisabeth und Marie Henriette mit dem Brautpaar Stephanie und Rudolf, 1881

Auf seiner Verlobungsreise nach Brüssel hatte Rudolf zur „Unterhaltung“ die Schauspielerin Mina Pick mitgenommen, eine seiner damaligen Geliebten. Sie wurde in einem Hotel einquartiert, was verständlicherweise geheim bleiben sollte, aber in „gut informierten Kreisen“ rasch die Runde machte. Zumindest Stephanies Eltern bekamen Wind davon, doch Graf Chotek wusste diplomatisch zu kalmieren. Rudolf absolvierte die Verlobung wie eine Geschäftsreise. Er nahm einen Termin wahr, den andere für ihn vereinbart hatten. Wenigstens in den Nächten gedachte er sich zu amüsieren. Wie sich das gehörte, vermittelte er Mina Pick später einen Ehemann, der gut für sie zu sorgen hatte, und als dieser starb, noch einen zweiten. Vom diesem, dem Grafen August von Leiningen-Westerburg, erwarb er im Jahr 1886 den Gutshof in Mayerling.

Als Kaiserin Elisabeth pflichtschuldig aus Irland in Brüssel anreiste, um ihrem Sohn zur Verlobung zu gratulieren, stand sie sofort im Zentrum der Aufmerksamkeit. Das junge Mädchen Stephanie konnte es nicht annähernd mit dem Glamour der Älteren aufnehmen. Entrückt starrte die belgische Hofgesellschaft auf die elegante Erscheinung der österreichischen Monarchin im zobelbesetzten, dunkelblauen Reisekostüm. Sisi wird ihre hochgewachsene hellhaarige Schwiegertochter bald als „gelbes Trampeltier“ und „juwelenbehangenen wandelnden Turm“ verspotten. Die Hofdame Festetics teilte die Bedenken ihrer Dienstgeberin und fand schon in den Tagen der Verlobung, dass der Kronprinz „nicht sehr glücklich“ aussehe und Stephanie „einen ungünstigen Eindruck“ mache. „Sehr lang, mit großen Gliedern“, hielt sie ihre Beobachtung der Braut im Tagebuch fest, „wie ein Albino, kleine schlaue Augen, rot umrandet. Sehr banal (…) der Verstand fehlt vollkommen.“ Die „großen Glieder“ sollte Erzsi erben, sie hatte beachtliche Hände und Füße, der „fehlende Verstand“ blieb ihr erspart. Ihre äußerst wache Intelligenz kam vom Vater, zusätzlich noch vom „gerissenen“ Großvater mütterlicherseits.

Eine seltene Aufnahme der zukünftigen Kronprinzessin Stephanie als kleines Mädchen in Belgien, um 1870. Sie litt stark unter ihrer hohen Stirn, die sie in Wien durch nicht immer wohl gelungene Haarteile zu kaschieren trachtete. Die „böse“ Schwiegermutter Sisi spottete beißend über die Unzulänglichkeiten des „wandelnden Turms“, wie sie Stephanie zu nennen pflegte.

Fürst Khevenhüller konnte auch anlässlich der Hochzeit noch keine Veränderungen bei Stephanie feststellen: „An der Kronprinzessin ist nicht viel, fadblond, wenig Haare, Gesicht ohne Ausdruck, Nase lang.“

Dies mag alles in den Augen des Publikums wenig zu einer glanzvollen neuen Vertreterin des Habsburgerreiches beigetragen haben, von Bedeutung war aber etwas ganz anderes. Stephanie war nämlich bei ihrer Verlobung noch keine Frau, sie war „nicht formiert“, wie ihr körperlicher (Un-)Reifezustand damals in der offiziellen Korrespondenz genannt wurde. Und ein Mädchen, das noch keine Regel hatte, konnte nicht heiraten. Ihre Aufgabe war es, einen Erben zur Welt zu bringen, dazu mussten alle körperlichen Voraussetzungen erfüllt sein. Man fixierte also bewusst einen recht späten Hochzeitstermin: Am 15. Februar 1881 sollte der große Tag sein. Etwas weniger als ein Jahr war eine sehr lange Wartezeit, denn im Allgemeinen ließ man zwischen Verlobung und Hochzeit etwa sechs Monate verstreichen, um die notwendigen Vorbereitungen treffen zu können. Bei Stephanie und Rudolf wollte man sich länger gedulden in der Hoffnung, die Braut würde in der Zwischenzeit erwachsen werden. Ihr Trousseau, also die Auflistung ihrer Heiratsausstattung, stand bereits fest. Er umfasste viele Seiten und war über 600.000 Francs wert. Man wollte schließlich Eindruck machen. Bei Elisabeths Hochzeit mit Kaiser Franz Joseph hatten die vermögenden böhmischen Gräfinnen nur ein abfälliges Grinsen für die „bayerische Bettelprinzessin“ mit ihren vergleichsweise wenigen Habseligkeiten übrig gehabt. Zumindest eine solche Demütigung sollte der neuen Kronprinzessin erspart bleiben.

Otto Wagner saß an seinen Plänen für die Festbeleuchtung und Dekoration der Ringstraße, als die Hiobsbotschaft aus Belgien eintraf. Es wurde offiziell ersucht, die Hochzeitsfeierlichkeiten zu verschieben, da Stephanie für die Ehe noch immer „nicht körperlich reif“ sei. Rudolf schäumte; seine Mutter Elisabeth war verärgert. Was glaubte der in Afrika geldscheffelnde Emporkömmling aus dem Haus Sachsen-Coburg eigentlich? So ging man nicht um mit einer der ältesten Monarchien in Europa.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
23 grudnia 2023
Objętość:
364 str. 75 ilustracji
ISBN:
9783990406274
Wydawca:
Właściciel praw:
Автор
Format pobierania:

Podobne książki