Czytaj książkę: «Temperamentvoll essen»
Michaela Hauptmann
Temperamentvoll essen
Ernährung nach der Traditionellen
Europäischen Medizin

ENNSTHALER VERLAG STEYR
www.ennsthaler.at
ISBN 978-3-7095-0121-4
Michaela Hauptmann • Temperamentvoll essen
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 2020 by Ennsthaler Verlag, Steyr
Ennsthaler Gesellschaft m.b.H. & Co KG, 4400 Steyr, Austria
Umschlaggestaltung: Thomas Traxl & Ennsthaler Verlag, Steyr
Umschlagbilder: © Amir Abou-Roumie
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt
Inhalt
Temperamentvoll essen, die Lebensgeister wecken
Erklärungen und Hinweise
Einstimmung: Was dich erwartet
Was ist die TEM? Wo kommt sie her?
TEM steht für Traditionelle Europäische Medizin
TEM – ein wenig Geschichte
TEM im Jetzt
TEM im Dienst der Gesunderhaltung
Feuer & Eis … Alles ist in allem enthalten
Vier Primärqualitäten: Warm, kalt, feucht, trocken
Vier Elemente: Luft, Feuer, Erde, Wasser
Sonne, Mond und die Planeten
Organisierende Kraft … Spiritus | Seele
Energie der Lunge: Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Immerfort
Lebenskraft, dreigeteilt und doch vereint
Vier Temperamente … oder doch mehr?
Vier Säfte, mehr als Stoffliches
Anamnese: Optische und körperliche Merkmale
Lebensumfeld: Entwicklung und Beeinflussung
Verdauung … Du bist, was du verdaut hast
Verdauungskraft: Fremdes überwinden
Assimilationsstoffwechsel: Die Umwandlung der Nahrung
Qualität vor Quantität – und ein hübsch gedeckter Tisch
Vier-Temperamente-Küche … Geschmackvoll & gut verdaulich
Geschmäcker, achtmal anders
Zubereitungsarten: Gegrillt, roh und irgendwas dazwischen
Temperieren – mehr als würzen
Balance: Jedem Temperament, was es benötigt
Rhythmus … Ernährung im Kreis des Tages, Jahres und Lebens
Bewegung & Rhythmik, das Grundprinzip allen Lebens
Ernährung im Tagesablauf: Aufbauen, nähren, ausklingen
Ernährung im Jahreskreislauf: Frühling, Sommer, Herbst & Winter
Essenspausen – der Verdauung ausreichend Ruhe gönnen
Ernährung im Lebenskreislauf: Die Lebensphasen
Es ist alles anders … wenn Entgleisungen passieren
Sanguinitas, die Bluthaftigkeit
Choleritas, die Gelbgalligkeit
Melancholia, die Schwarzgalligkeit
Phlegmatismus, die Schleimigkeit
Lebensmittel … TEMperamentvolle Nahrung
Die Lebensmittel und die Elemente
Luft – als Nahrung
Obst & Gemüse: Früchte des Feldes und des Gartens
Fette und Nüsse, nährstoffreich und essenziell
Getreide, echt und pseudo
Tierische Produkte, wertschätzend und wertvoll
Kräuter & Würzmittel: Frisch & fröhlich temperieren
Getränke, durststillend und befeuchtend
Fragen … und TEMperamentvolle Antworten
Das war’s noch nicht … bleiben wir in Kontakt
Danke … es kommt von Herzen
Glossar (Abkürzungen, Fremdwörter, Begrifflichkeiten, Erläuterungen)
Regionale Küchenbegriffe
Rezeptindex
Bildnachweis
Literaturverzeichnis
Über die Autorin
Temperamentvoll essen, die Lebensgeister wecken
Du möchtest mit mehr Schwung und Elan durchs Leben gehen? Möglichst gesund und fit sein und bleiben? Aktiv und wach sein? Spaß am Leben haben? Wunderbar!
Aktiviere und wecke deine Lebensgeister mit einer für dich und durch dich individuell abgestimmten Lebensweise. Dein erster Schritt beginnt mit einer Ernährung, die für dich maßgeschneidert ist und deine aktuelle Lebensphase berücksichtigt. Richtig wohlfühlen mit der Traditionellen Europäischen Medizin, das heißt mit den vier Elementen Luft, Feuer, Wasser, Erde und der Vier-Temperamente-Küche. Ja, das geht!
Egal ob du eher sanguinisch, cholerisch, melancholisch oder phlegmatisch durchs Leben gehst – mit der Traditionellen Europäischen Medizin, kurz TEM genannt, findet jeder einen Weg. Seinen Weg. Dieses Buch unterstützt dich dabei. Für deinen Alltag findest du Anregungen und Rezepte quer durch alle Kapitel. Viele Lebensmittel sind gesondert beschrieben. Auch Hintergrundinformationen zur TEM will ich dir nicht vorenthalten. Fremdwörter kommen dann und wann mal vor – Latein ist die am meisten überlieferte Sprache zur TEM. Vieles wurde in Klöstern niedergeschrieben und dort wiederentdeckt. Doch keine Sorge, ein Lexikon wirst du nicht benötigen, denn am Ende des Buches findest du eine Kurzübersicht der Fachbegriffe.
Temperamentvoll essen
beschreibt den Weg deiner persönlichen Ernährung und deines Lebensstils – ganz gleich ob dieser eher lebensfroh, impulsiv, bedächtig oder beständig ist, die TEM unterstützt dich dabei.
Du wirst dich mal mehr und mal weniger angesprochen fühlen: So ist das mit den Temperamenten – sie sind so wunderbar verschieden. Mal überschwänglich lebensfroh, dann wieder besonders impulsiv, auch angenehm bedächtig und oft sehr beständig. Nimm aus diesem Buch einfach das, was am besten zu dir passt. Doch sei mutig und probiere das eine oder andere Neue und Ungewohnte aus. Wenn es dich anspricht und dir guttut, wird es auch deinem Temperament entsprechen. Sei dabei allerdings ehrlich zu dir selbst! Ein Augenzwinkern ist hin und wieder ratsam. Manchmal hilft es dir, deine Komfortzone einen oder zwei Schritte zu verlassen. Denn, wie heißt es so schön: Das Gute liegt manchmal so nah. Greif einfach zu!
Erklärungen und Hinweise
• Die Informationen in diesem Buch wurden von mir nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert, zusammengetragen und reflektiert niedergeschrieben. Vieles beruht auf naturwissenschaftlichem Hintergrund und manches entspringt altem Heilwissen. Ziel ist die Gesundheitsvorsorge – das Gesundbleiben. Wenn du krank bist, kann die TEM wunderbar unterstützen und helfen, ziehe aber bitte immer einen Arzt deines Vertrauens zurate.
• Die in diesem Buch angeführten Vorstellungen und Vorschläge sind nicht als Ersatz für eine professionelle medizinische oder therapeutische Behandlung gedacht. Die Anwendung der angeführten Ratschläge geschieht nach alleinigem Gutdünken des Lesers – deinem Wunsch. Autor, Verlag, Berater, Vertreiber, Händler und alle anderen Personen, die mit diesem Buch in Zusammenhang stehen, können weder Haftung noch Verantwortung für eventuelle Folgen übernehmen, die direkt oder indirekt aus den in diesem Buch gegebenen Informationen resultieren oder resultieren sollten.
• Ich spreche dich direkt an. Das DU habe ich mir einfach so herausgenommen, denn mit diesem Buch will ich dich so persönlich wie möglich erreichen und dir die Sichtweise der TEM näherbringen. Das Du macht es einfacher.
• Auf das Binnen-I habe ich bewusst verzichtet. In der TEM sind die weiblichen und männlichen Prinzipien sowieso tief verankert. Und alles ist in allem enthalten. Wenn du also zum Beispiel vom Choleriker liest, fühle dich als Cholerikerin bitte auch angesprochen – sofern du es so für dich empfindest.
Einstimmung: Was dich erwartet
Wir alle essen täglich! Ja, klar, denkst du jetzt vielleicht. Und das ist gut so. Essen soll etwas Alltägliches und Normales sein. Und genau da beginnt es oft: Was bedeutet »normal«?
Nun, eigentlich ist das alles ganz unaufgeregt – Essen soll dir schmecken, dich nähren und dir guttun. Und dennoch hat es oft, wenn man sich so umsieht, etwas Dogmatisches. Es gibt die unterschiedlichsten Ernährungsweisheiten, Ernährungstipps für die ultimative Gesundheit, Ratschläge und Weisheiten, die kommen und wieder gehen. Wir – ich schließe dich da mit ein – sind immer auf der Suche nach … ja, nach was? Schnell, einfach, gesund, leicht, problemlos, das sind die Schlagworte, die wir finden. Kommt hier je »geschmackvoll« vor? Oder »köstlich«? Also, ich habe das in Ernährungsbüchern noch nicht gelesen. Und gerade das ist so wichtig. Gesundes Essen muss auch schmecken!
Der Geschmack der Speisen signalisiert uns – sofern wir bewusst genießen – was uns Wohlbefinden beschert. Hier ein einfaches Beispiel: Schokolade, schnell gegessen, ist lediglich Kalorienzufuhr – okay, das darf schon auch mal sein – aber tut es dir dann gut? Anders herum: Stückchen für Stückchen gegessen – und genossen –, nimmst du mit allen Sinnen wahr, und das geht so: ein Stück Schokolade abbrechen, daran riechen. Dann fühlen, auf der Zunge zergehen lassen, im Mund spüren und langsam schlucken. Und genau da kommt der Geschmack ins Spiel. Du magst dann vielleicht eher die milde, süße und ich die rauere, herbe Schokolade.
Du wunderst dich? Warum beginnt ein Buch über Ernährung nach der Traditionellen Europäischen Medizin mit Schokolade? Mit einer Art Schokoladenmeditation? Mit diesem Beispiel – Schokolade hat wohl jeder schon mal genascht, du bestimmt doch auch – zeige ich dir, dass Geschmack und Geruch in der Ernährung einfach bedeutsam sind. Du beginnst Bissen für Bissen die passende Ernährung für dich zu finden. Jeder Bissen ist ein Beitrag für deine Lebensqualität. Und – »Augenzwinkern« – glaube mir, die Übung funktioniert mit jeder Art von Speise. Lass dich überraschen!
Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die tägliche Ernährung einen wertvollen Beitrag zur Gesundheit leistet. Mit jeder Mahlzeit tun wir etwas für uns. Jeder Löffel, jede Gabel ist ein Beitrag für dein Wohlbefinden und zur Belebung der Lebensgeister – und genau die wollen wir aktivieren. Spüren lernen. Spüren.
Die Ernährung, die Diätetik der TEM hat den Menschen – dich – in seiner Gesamtheit im Blick. Das Temperament, dein Temperament – es ist so wunderbar individuell. Es ist wie dein persönlicher Fingerabdruck. Und genau dieses Temperament gilt es zu stärken und in Gleichklang zu bringen. Passende Ernährung ist dabei eine wesentliche Säule.
Als Ernährungsexpertin der TEM liegt mein Fokus auf der Ernährung. Doch die Diätetik der TEM kennt nicht nur die Säule der Ernährung. Es gehört sehr viel mehr dazu. Es ist wesentlich mehr als bloß essen. Alles nur aufs Essen zu reduzieren, wäre zu einseitig und engstirnig gedacht.
Es ist tatsächlich viel mehr: deine Lebensumstände, deine momentane Lebenssituation, deine Gedanken und Möglichkeiten. Und immer – Hand in Hand mit der Ernährung – ist auch Bewegung notwendig. Körperliche, aber auch geistige Bewegung darf man nie vernachlässigen. Bewegung findet auch in der Vier-Temperamente-Küche statt – auch Lebensmittel müssen »bewegt« werden, damit sie für dich passen.
Hier noch ein weiteres Schlagwort: Lebensrhythmus. Es ist definitiv nicht egal, wann du was isst. Und das gilt es herauszufinden, so individuell, wie du bist. Leben und Essen im Rhythmus – deinem Rhythmus! Spüren, wohin es geht, was dir schmeckt, dir einfach guttut. Ganz nach deiner ureigenen Konstitution, deinem Temperament und deinen Möglichkeiten im täglichen Leben.
Um in voller Kraft deines Temperaments das Leben zu genießen, ist es oft auch notwendig, Frieden mit dir selbst zu schließen – zu verstehen und zu hören, was dir dein Körper und dein Geist sagen wollen, und dann danach zu handeln. Weder Dogmen, Verbote noch andere Vorgaben von außen sollen deine Ernährung beeinflussen. Du allein entscheidest.
Die Vier-Temperamente-Küche mit dem Hintergrund der vier Elemente Luft, Feuer, Erde und Wasser unterstützt dich dabei. Sie begleitet dich auf deinem Weg. Durch den Tag, durch das Jahr, durch das Leben.
Betrachte dieses Buch als Reise. Eine Reise, um deinen Lebensstil und deine Ernährungsgewohnheiten kennenzulernen, zu hinterfragen, zu prüfen und anzupassen. Ganz auf deine Art und Weise. Schritt für Schritt und Bissen für Bissen.
Gute Reise
… und lass es dir temperamentvoll schmecken!
Michaela Hauptmann

Was ist die TEM?
Wo kommt sie her?
……………
Mit dieser Fragestellung habe ich mich intensiv beschäftigt, nachdem ich das erste Mal von TEM gehört hatte. Ich war unsicher: Ist das etwas Neues? Etwas Altes? Neu erfunden? Gibt es die wirklich? Ja! Nach einiger Recherchetätigkeit und Gesprächen mit Experten fand ich plausible Erklärungen und Beschreibungen für die TEM.

Eines vorneweg: TEM – die Traditionelle Europäische Medizin – ist kein nostalgischer Begriff. Sie will sich auch nicht mit der TCM (Traditionelle Chinesische Medizin), der TTM (Traditionelle Tibetische Medizin), der TPM (Traditionelle Persische Medizin) und anderen Medizinsystemen vergleichen. Jede traditionelle Medizin hat ihre Berechtigung, auf ihre Art und Weise.
Mein Weg ist die TEM, sie steht mir einfach näher. Vieles davon hat mich – und möglicherweise auch dich – von Kindheit an begleitet. Vielfach unbewusst. Seien es Märchen, Mythen und Heilanwendungen in Form von einfachen, aber effektiven Hausmitteln wie Schmalzfleck, Essigpatscherl & Co. – von Kindern nicht gerade heiß geliebt, heute aber umso mehr geschätzt. Auch kulturelle sowie religiöse Aspekte haben Einfluss auf die TEM bzw. umgekehrt.
Ein Satz ist es, der für mich ganz pragmatisch den Grundgedanken der TEM zusammenfasst: »Die TEM, die Traditionelle Europäische Medizin, fördert Wohlbefinden und betrachtet dabei den Menschen – dich und mich – individuell, in seiner Ganzheitlichkeit, mit seinen europäischen Wurzeln und in seinem aktuellen Lebensumfeld.« Nun, wie hört sich mein Satz für dich an? Klingt er für dich passend? Ja, du hast schon recht, es steckt einiges mehr dahinter: Philosophie, Natur, Geografie, Kultur, Religion etc.: Die TEM bist du. Die TEM bin ich. Jeder in seinem Umfeld. Die TEM ist tief in uns verwurzelt.
TEM steht für Traditionelle Europäische Medizin
Die TEM setzt sich aus drei Buchstaben zusammen und kommt ganz ohne spezielle Marketingadjektive aus. T, E und M: Anhand dieser Buchstaben möchte ich dir einen ersten Überblick über die Traditionelle Europäische Medizin geben.
T steht für »traditionell«
Die Bedeutung des Worts »traditionell« ist eindeutig: Es ist nichts Starres, nichts Veraltetes. Es steht für Weitergabe von Verhaltensweisen, Rezepten, Wissen und vielem mehr – von Generation zu Generation, doch immer mit Bedacht auf das Jetzt. Das Wissen wird immer neu evaluiert, angepasst, weiterentwickelt und an die nächste Generation weitergegeben, um es wiederum zu adaptieren.
E steht für »europäisch«
Es geht eindeutig um etwas mehr als nur unser Europa, wie wir es heute kennen. Hier darf man im Sinn der großen Weltreisenden, der Völkerwanderungen und im Hinblick auf die Tatsache, dass die europäischen Sprachen indoeuropäisch sind, keinesfalls die Kulturen Ägyptens, Bagdads, Persiens und Tibets vergessen. Auch wenn diese Länder aktuell keinen zentralen Einfluss auf das europäische Gesundheitswesen haben, so waren sie geschichtlich betrachtet zutiefst prägend für unser Medizin- und Heilsystem.
M steht für »Medizin«
Medizin ist eindeutig definiert. Sie ist die Wissenschaft der Vorbeugung, Erkennung und Behandlung von Krankheiten bzw. Verletzungen bei Mensch und Tier. Das ist streng geregelt, und hier ist man speziell in Österreich restriktiv. Als Mediziner gilt nur jemand, der die staatliche Zulassung hat, Kranke zu behandeln. In der Prävention von Krankheiten gibt es hingegen eine große Bandbreite an möglichen Unterstützungen. Und genau hier will die Ernährung der TEM ansetzen: in der Vorbeugung, damit Krankheiten erst gar nicht aufkommen.
TEM – ein wenig Geschichte
Ein paar Worte zum geschichtlichen Hintergrund der TEM: Die Vier-Säfte-Lehre bildet die Basis der TEM. Sie geht auf Hippokrates, den wohl bekanntesten Arzt des Altertums (um 460 v. Chr.), zurück. Der griechische Arzt Galenos von Pergamon (ca. 129-215 n. Chr.), bekannt auch als »Galen«, vereinfachte die Vier-Säfte-Lehre und begründete die Temperamentenlehre. Diese kategorisiert den Menschen nach seiner Grundwesensart und bezieht die verschiedenen Funktionen und Wirkungen von Klima, Krankheit, Medikamenten und zeitlichen Konstellationen mit ein.
Die Temperamentenlehre ist eine Typenlehre. Ihr werden Körpersymptome, Organe, Körpersäfte, Tages- und Jahreszeiten, Lebensabschnitte, Elemente und Farben zugeordnet.
Der persische Arzt Ibn Sina (ca. 980-1037 n. Chr.), auch bekannt unter dem Namen Avicenna, entwickelte das Wissen von Hippokrates und Galen weiter. Seine Erkenntnisse und Studien, die er in seinem fünfteiligen »Kanon der Medizin« niederschrieb, prägten die europäische Medizin bis in die Neuzeit.
Im Mittelalter wurde die Temperamentenlehre durch die Zuordnung von Elementen, Himmelsrichtungen, Jahreszeiten, Planeten, Sternzeichen und Tonarten erweitert.
Die TEM – mit ihren Wurzeln im antiken Griechenland, dem alten Rom und Ägypten – greift aber auch auf germanische, keltische und slawische Impulse zurück. Diese leben noch heute in der Volksmedizin weiter – allerdings wurden dieses Wissen und die Erfahrungen damals nicht verschriftlicht, sie wurden immer von Generation zu Generation weitergegeben. Märchen und Mythen lohnt es daher zu interpretieren. Und es lohnt, zwischen den Zeilen zu lesen.
Tätowierungen an »Ötzi«, der bekanntesten und am besten erforschten Eismumie, zeigen, dass die Ursprünge der europäischen Medizin noch weiter zurückliegen als vermutet. Man fand heraus, dass sich »Ötzi« einer Schmerztherapie unterzogen hatte. Die Lage seiner Tätowierungsmale weisen auf Beschwerden mit dem Rücken, der Galle und der Leber hin. Die Behandlungsmethoden basieren auf einer Energielehre, die mehr als 5000 Jahre zurückreicht.
Schriftliche Aufzeichnungen belegen, dass die TEM seit mehr als 3000 Jahren in der Gesundheitspflege gelebt und stetig weiterentwickelt wird. Bekannte Vertreter und Weiterentwickler der TEM sind: Avicenna, Hildegard von Bingen mit ihren Schriften und Überlieferungen, aber auch der Arzt und Philosoph Paracelsus, Samuel Hahnemann (Begründer der Homöopathie), Rudolf Steiner (Begründer der Anthroposophie) und Pfarrer Sebastian Kneipp (Begründer der fünf Säulen der Gesundheit: Kräuter, Bewegung, Wasser, Ernährung, Lebensordnung).
Erst der medizinische Umbruch im 19. Jahrhundert – die Zellularpathologie, die Krankheitslehre, nach der Krankheiten auf Störungen der Körperzellen und ihrer Funktionen basieren – beendete die Ära der TEM als universitäre Medizin.
TEM im Jetzt
Wir leben und arbeiten heute in einem ganz anderen Rhythmus als noch die Generation vor uns. Nur noch ein Bruchteil der Bevölkerung ist manuell so schwer gefordert wie einst unsere Großeltern und Urgroßeltern. Maschinen, Computer, Tablets, Handys & Co. erleichtern uns die Arbeit – erschweren sie allerdings in anderen Bereichen und bringen neue Herausforderungen mit sich.
Die Arbeitswelt hat sich massiv verändert. Dies bedingt auch einen veränderten Lebensstil. Ernährung und Bewegung sind nicht mehr unmittelbar miteinander verknüpft. Wir jagen definitiv keinem Mammut mehr hinterher oder flüchten vor wilden Raubtieren. Und trotzdem haben wir diese Prozesse tief in uns abgespeichert – in Stresssituationen zeigt sich das eindeutig.
Trotz der geänderten Lebenssituation sind viele Anwendungen, Ernährungsgewohnheiten und Rezepte der Volksmedizin und Naturheilkunde weiterhin beliebt. Sie erden, unterstützen, helfen. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben. Traditionelles wird auf heutige Lebensumstände angepasst. Ganz mit dem Gedanken: Altes mit Neuem verbinden.
Betrachten wir die TEM also als Unterstützung und Basis zur temperamentvollen Gesunderhaltung, zu der jeder seinen eigenen Beitrag leisten kann. Auch du!
Ziel der TEM-Diätetik ist es, die individuelle Konstitution zu stärken, Dysbalancen auszugleichen und die Selbstregeneration des Körpers zu aktivieren. Die TEM betrachtet dich mit deinem ureigenen Grundtemperament, deiner Konstitution und Gedankenwelt niemals isoliert, sondern immer in Zusammenschau mit deinen Lebensumständen sowie im Wechselspiel von Jahreszeit, Umwelt, Klima und Lebensphase.
TEM im Dienst der Gesunderhaltung
Wie oft hören wir das, wenn unser inneres Ich sagt: »Du sollst gesünder leben, gesünder essen, Sport betreiben. Raus an die frische Luft.« Und, und, und …
Aber was versteht man unter »gesund«? Eine wirklich gute Frage! Nicht einfach und nicht eindeutig zu beantworten. Ist Salat gesund? Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, Fett, Eier, Milch oder Käse? Wein, Wasser oder Bier? Sauerkraut? Braucht es Bewegung? Sport? Meditation? Oder bloß Ruhe?
Pfarrer Sebastian Kneipp, ein wesentlicher Weiterentwickler der TEM, hat 1895 in einem öffentlichen Vortrag seinen Zuhörern Folgendes mit auf den Weg gegeben: »Wer gesund leben will und sein Dasein weise genießen will, der muss vor allem geregelt leben – arbeiten, einen Lebenszweck haben. Er muss sich vernünftig ernähren, nicht nur, was die Wahl der Speisen betrifft, sondern auch, was die Zeit des Essens angeht. Er muss Luft und Bewegung suchen, die gehören zu einem guten Gedeihen so notwendig wie die Nahrung selber.« Abhängig von der Tageszeit, Jahreszeit, ob du jung bist oder schon einige Jugendjahre lebst – die Ernährung und auch die Lebensweise gilt es immer anzupassen. Gerade weil sich vieles in der Arbeitswelt, im Alltag geändert hat. Passt das zu dir? Kannst du damit gut leben?
Dein Alltag hat wesentlichen Einfluss darauf, was »gesund« für dich ist. Wie du siehst, habe ich das Wort »gesund« mit Anführungsstrichen versehen. Denn es ist nicht möglich, eine grundlegende Aussage zu machen, was »gesund« ist – auch wenn es jede Menge Dos and Don’ts gibt. Mal heißt es, Kohlenhydrate seien böse, dann hört man, Fleisch sei ungesund oder nur Rohkost das Wahre. All diese Ernährungsratschläge sind einseitig. Wenn jemand damit gute Erfahrungen gemacht hat, heißt das noch lange nicht, dass auch du damit gute Erfahrungen machen wirst. Und genau deshalb ist mir die Diätetik der TEM so wichtig und wertvoll.
Die TEM will dich unterstützen, deinen Weg zu finden und zu gehen. Dieses Buch ist gespickt mit vielen kleinen Geschichten aus dem Alltag. Mit Ideen, Vorschlägen und Rezepten. Immer vor dem Hintergrund der Traditionellen Europäischen Medizin. Das Buch soll dir ein klares Bild über deine ganz spezielle gesunde Ernährung und Lebensweise verschaffen.
Deine erste TEM-Therapeutin: deine Mutter
Bei allem wissenschaftlichen und medizinischen Hintergrund gibt es eine Person, eine Frau, die uns alle am meisten prägt. Sie ist die, die uns von Beginn an versorgt, umsorgt, ernährt und bekocht: Mutter, Mama oder wie immer du sie auch nennen magst. Du hast ihre Gene, und ihr Mikrobiom war dein erstes. Sie ist daher ohne Frage, ohne jeden Zweifel deine erste Therapeutin.
Das Wissen von Müttern ist nicht zu unterschätzen. Deine Mutter kennt dich am besten und weiß, was dir guttut, was dich nährt, wachsen und gedeihen lässt – rein intuitiv und mit dem Wissen, das über Generationen weitergegeben und individuell für dich angepasst wurde. Sei es der Schrei nach sauberen Windeln, das Quengeln aufgrund von Hunger, Durst, nach Wärme, der erste Zahn, der erste Liebeskummer. Seit jeher wird vor allem gesundheitliches Wissen, Wissen des Alltags für Körper, Geist und Seele, von Frauen weitergegeben. Frauen repräsentieren das nährende Prinzip – das weibliche Prinzip. Und das füge ich hier als besonders positiven Aspekt ein: Frauen, besonders Mütter, waren geachtet, ihr Wissen und ihre Erfahrung wurden sehr geschätzt. Sie waren es, die die Familie versorgten und gesund erhielten. Und gerade deswegen ist die Emanzipation notwendig und wichtig, um den Wert der Frau in der heutigen Gesellschaft zu festigen, das Wissen zu erhalten und weiterzugeben. Was nicht bedeutet, dass Männer nicht ebenso sorgsam und achtsam sein können. Doch es ist ein tief verankertes weibliches Prinzip, sich zu sorgen. Zu versorgen. Zu pflegen. Zu behüten. Zu beschützen.

Feuer & Eis … Alles ist in allem enthalten
……………
Gegensätze ziehen sich an, sagt man. Ob dem wirklich so ist? Oder liebst du eher die Harmonie? Ja, eigentlich ist es sehr schön, wenn alles im Lot ist, doch dann bewegt sich meist nichts. Keine Veränderung. Stillstand. Ich freue mich – meist – über Input. So ein Schubser von außen, von anderen – auch oder gerade dann, wenn er provokant gesetzt ist. Das reizt mich. Bringt mich zum Nachdenken. Ins Tun. Und gibt einfach Schwung.

Die Temperaturen sind für die TEM ein wesentlicher Faktor: sie beeinflussen unsere Jahreszeiten, den Tag und somit schlussendlich auch uns – dich und die Menschen rund um dich.
Die Temperamentenlehre – hier steckt das Wort Temperatur schon drinnen – baut auch auf Temperatur auf. Nun, was bedeutet Temperatur? Was hat das mit Ernährung nach der Traditionellen Europäischen Medizin zu tun?
Die Ernährung der TEM ist eine bewegte Ernährung. Du benötigst je nach körperlicher Verfassung zu unterschiedlichen Tageszeiten, im Jahresverlauf und abhängig davon, wie alt du bist, unterschiedliche Ernährung. Dein Essen tut dir gut, wenn es mal etwas kühler und mal etwas wärmer ist.
Bevor wir in die Tiefen der Diätetik der TEM einsteigen, sind ein paar Grundlagen von Vorteil. Prinzipien, auf denen die TEM beruht, quasi die philosophische Basis. Wenn du einige Kapitel überspringen willst, tu es und hole sie zu einem anderen Zeitpunkt gern nach.
Rein wissenschaftlich betrachtet ist die Temperatur eine physikalische Größe, sie kennzeichnet das thermodynamische Gleichgewicht. Dieses besagt, dass zwischen zwei Körpern, die die gleiche Temperatur haben, kein Wärmeaustausch stattfindet – auch wenn sie miteinander in direktem Kontakt stehen. Haben aber beide Körper unterschiedliche Temperaturen – ist einer kalt und der andere warm –, fließt Wärme vom wärmeren zum kälteren Körper. Genauso wärmen wir uns: Ist uns kalt, kuscheln wir uns an eine Wärmequelle, den Partner oder in eine warme Decke. Und wenn das alles nichts nutzt, hilft Bewegung. Wärme beginnt zu fließen.
Genauso funktioniert auch die Ernährung. Ist dir kalt, passen ein wärmendes Getränk, eine Suppe oder ein gut gewürzter Eintopf hervorragend. Ist dir heiß? Dann kann ein erfrischendes Joghurt eine wahre Wohltat sein.
Feuer und Eis sind die Basis der TEM. Sie stellen die energiebringenden, lebenswerten Gegensätze dar. Feuer und Eis betrachtet die TEM als Urkräfte, als Energie und Materie. Die Grundlage für Leben. Diese Gegensätze – das Ur-Feuer und das Ur-Eis – sind die Basis der TEM.
Das Ur-Feuer ist die stärkste Energie und das Ur-Eis die starrste Materie. Zwischen diesen beiden Polen findet Leben statt. Genauer betrachtet kann das eine nie ohne das andere. Sie sind eine Verbindung für das Leben. Diese Gegensätze verbinden sich – und auf dieser Verbindung basiert und passiert Leben.
Die Grundlage dafür ist die philosophische Betrachtung der Polarität. Sie geht davon aus, dass nur im Spannungsfeld zweier Gegensätze Dinge existieren können. Leben findet zwischen den Polen statt. Feuer und Eis ermöglichen Leben. Ein Ur-Prinzip, das in der isländischen Mythologie und auch in anderen alten Kosmologien den Grundgedanken der Weltentstehung, die Entstehung von Leben beschreibt.
• Das Ur-Eis ist die rohe, ursprüngliche Substanz. Reine Materie. Nichts bewegt sich – es herrscht absoluter Stillstand. Der absolute Nullpunkt: minus 273,15 °C sind erreicht. Eine Kälte, die physikalisch belegt ist, die man sich dennoch nicht vorstellen mag. Diese eisige Kälte ist lebenswidrig. Eine Existenz scheint unmöglich.
• Das Ur-Feuer ist die absolute Wärme. Unvorstellbare, urgewaltige Energie, die durch Reibung entsteht. Die Bewegung der Teilchen ist am absoluten Höhepunkt. Die Energie am Höhepunkt.
Beide Zustände, beide Pole, die hier beschrieben sind, sind Urkräfte. Ur-Feuer und Ur-Eis. Letztendlich ist es aber eine rein philosophische Betrachtung, da beide in der Natur so nicht existent sind.
Vier Primärqualitäten: Warm, kalt, feucht, trocken
Man kann sich die Urkräfte Feuer und Eis als Achsen vorstellen. Die Achse der Energie, des Feuers, geht von warm bis kalt. Die Achse der Materie, des Eises, geht von feucht bis trocken.

Die Achse der Energie: Die Temperatur verändert sich entlang der Achse der Energie. Warm ist weniger kalt und kalt ist weniger warm.
Die Achse der Materie: Die Substanz verändert sich entlang der Achse der Materie. Feucht ist weniger trocken und trocken ist weniger feucht.
Auf den jeweiligen Achsen gibt es alle Möglichkeiten, alle Temperaturen, alle Aggregatzustände. Bildet man von beiden Achsen ein Kreuz, so sind in dem entstehenden Diagramm unendlich viele Möglichkeiten offen.
Im Spannungsfeld der Urkräfte Eis und Feuer – egal auf welchem Punkt des Achsenkreuzes – entsteht Bewegung. Veränderung. Leben. Ein Grundkennzeichen der TEM ist Bewegung. Daraus folgen Ausgleich und Energie. Darauf basiert Fortschritt. Ist das nicht wunderbar! Darauf beruht die menschliche Individualität. So einfach.
Das Achsenkreuz der Urkräfte Eis und Feuer bildet die vier Primärqualitäten: feucht, warm, trocken, kalt. Diese Qualitäten sind Teil der Natur und beeinflussen die Natur sowie den Menschen und seine Ernährung. Jedes Lebensmittel, jeder Mensch hat seinen Platz in diesem Achsenkreuz der Urkräfte.
Mit dieser Dynamik, dem Spannungsfeld von Ur-Feuer und Ur-Eis, wird in der Ernährung nach der Traditionellen Europäischen Medizin gearbeitet. Ernährung – so sieht es die TEM – dient der Anpassung bzw. dem Ausgleich der momentanen Lebenssituation.
Die Ernährung nach der TEM ist eine Ernährung im Wechselspiel von Feuer und Eis. Ziel ist es, bestmöglich mit den entsprechend notwendigen Qualitäten versorgt zu sein.
Wärme im richtigen Ausmaß ist Leben.
Wenn Kälte und Feuchte vorherrschen, werden wärmende und trocknende Gewürze und Kräuter verwendet, um das Übermaß zu lindern. Sind Wärme und Trockenheit dominant, werden kühlende und befeuchtende Elemente verwendet. Dadurch können die Lebensmittel – deine Nahrung – besser verwertet werden.
Hier einige Beispiele anhand von Joghurt, einem sehr kalten und feuchten Lebensmittel:
• Hast du ein hitziges Gemüt? Bist du aktiv? Hast du eine gute Verdauung? Dann kann Joghurt sowohl im Sommer als auch im Winter ein feines Lebensmittel für dich sein.
• Fällt es dir morgens schwer, aus dem Bett zu kommen? Bist du träge? Fröstelt es dich? Wenn dem so ist, könnte Joghurt zum Frühstück deinen Verdauungsapparat noch mehr belasten. Das Verdauungsfeuer würde gedämpft. Du benötigst Wärme, Aktivierung. Lass lieber die Finger von kalt-feuchtem Joghurt. Willst du nicht ohne es, dann würze es kräftig.
• Joghurt wird bekömmlicher mit etwas Ingwer – ein luftiges Gewürz. Seine Schärfe bringt Wärme ins Joghurt und mildert dadurch die Kälte. Auch Vanille, Rosinen, Kardamom, Paprika, Chili, Thymian oder Rosmarin verändern die Wirkung von Joghurt. Kräuter und Gewürze verringern die kalte Wirkung und lassen uns Joghurt besser aufnehmen.
• Abhängig von den Jahreszeiten ist Joghurt im Sommer eine willkommene Abkühlung, erfrischend und belebend. Und im Winter? Da hat Joghurt auch seinen Platz. Dann jedoch eher zum Abmildern einer heißen und wärmend-scharfen Suppe.
Vier Elemente: Luft, Feuer, Erde, Wasser
Direkt aus den vier Primärqualitäten ergeben sich die vier Elemente: Luft, Feuer, Erde und Wasser. Die Elemente sind Metaphern und ergeben sich wiederum aus den Primärqualitäten feucht, warm, trocken und kalt. Sie stehen immer für eine Qualitäten-Mischung, in der eine Primärqualität dominierend ist:
• Feucht & warm – so wird das Element Luft beschrieben. Feuchte dominiert.
• Warm & trocken – so wird das Element Feuer beschrieben. Wärme dominiert.
• Trocken & kalt – so wird das Element Erde beschrieben. Trockenheit dominiert.
• Kalt & feucht – so wird das Element Wasser beschrieben. Kälte dominiert.

Das Element Luft, ein vitalisierendes Prinzip
Aus dem Element Luft wird feuchte und warme Energie verströmt. Ein frühlingshaftes Lüftchen symbolisiert dieses Element. Es ist das belebte, lebendige Element. Man kann sich als bildhafte Darstellung auch Wasserdampf vorstellen. Luft ist demnach vom Feuer bewegtes Wasser, und wie Wasserdampf ist alles dem Luft-Element Zugeordnete sehr anpassungsfähig. Elastizität, Frühling, Nachgiebigkeit, Dynamik, Kindheit – all das steht für das Element Luft. Diese auch ausgleichende Wirkung dämpft Überhitzung. Wie Wasserdampf strebt das Element Luft nach oben, es füllt den Raum. Gibt es keinen Raum, keine Erdung über die Zufuhr von Kälte und Trockenheit, strebt es grenzenlos nach oben und in die Weite. Es ufert aus, könnte man auch sagen.

Das Element Feuer, ein energetisches Prinzip
Feuer ist das wärmste Element. Es herrscht Wärme und Trockenheit. Vergleiche es mit einem einfachen Beispiel: Der Griff ins Feuer, auf eine heiße Herdplatte oder ein Sonnenbrand nach einem unkontrollierten Sonnenbad – zuerst ist es heiß und dann wirkt es trocknend. Probiere das aber bitte nicht aus, glaube es einfach! Man muss nicht direkt ins Feuer greifen, um die Dynamik zu erkennen. Feuer bewegt, verändert und verformt Substanz – bis zur Auflösung. Vor allem feuchte Substanz wie Wasser wird verändert. Das Element Feuer steht für den Lebensfunken, die Vitalität.

Das Element Erde, ein beständiges Prinzip
Der trockene und kalte Waldboden vermittelt das Gefühl für dieses Element am besten. Ein Spaziergang durch den Wald, sei es einfach nur so, aus Lust und Laune, oder um Pilze, Kräuter, Beeren oder Holz zu sammeln: Nach einer Weile kehrt das Gefühl des »Beisich-Seins« ein, ein geerdetes Gefühl – man kann plötzlich klar und strukturiert denken. Probleme sind auf einmal ganz klein. Das Element Erde vermittelt uns ein Gefühl der Ordnung. Es stützt uns, gibt Sicherheit und Struktur, Stabilität. Doch der Wald benötigt auch Feuchte und Wärme. Eine Waldlichtung – wunderbar. Die Sonnenstrahlen erwärmen und geben Kraft. Ein kleines Bächlein, Morgentau – Feuchtigkeit gibt dem Nährboden Substanz. So lebt das Element Erde. Eine kleine Dosis macht sehr viel aus. Zeitversetzt und bedächtig.

Das Element Wasser, ein nährendes Prinzip
Die Kräfte des Wasserelements sind kühlend und befeuchtend. Der Sprung in einen See wird zuallererst als kalt und dann erst als nass wahrgenommen. Und dafür musst du gar nicht hineinspringen. Denk an einen klaren Bergsee, in den du einen Fuß hineinstreckst. Oooohh, das ist kalt. Genau, und erst später merkst du die Nässe. Das Element Wasser will belebt werden. Ohne Antrieb von außen ist es passiv, regelrecht träge – man könnte auch beständig sagen. Doch wenn es durch Feuer, durch Wärme bewegt wird, ist es schnell und aktiv. In der Feuchtigkeit des Elements Wasser steckt Leben, sehr viel Leben. Leben entsteht aus Wasser. Doch Obacht, nimmt das Feuer überhand, kann das Element Wasser auch verbrannt werden – sofern Erde und Luft nicht ausgleichen können.

Die Elemente, auch wenn man sie einzeln betrachtet, sind in einer innigen Lebensgemeinschaft – so könnte man es nennen. Das eine braucht das andere und umgekehrt, um den Kreislauf des Lebens aufrechtzuerhalten. Jedes Element sorgt dafür, extreme Eigenschaften anderer Elemente zu dämpfen und auszugleichen. Diese Eigenschaft bezeichnet man als Temperatio. Vom Lateinischen übersetzt bedeutet das »richtige Mischung«. Besser beschreibt es die Bedeutung als »richtiger Zustand« oder »ordnendes Prinzip«. Denn es entsteht keinesfalls eine Vermischung der Qualitäten, sondern ein ausgeglichenes System.
Die Elemente übernehmen immer eine Qualität des vorangegangenen Elements als dominierende Qualität, und so entsteht ein Kreislauf der Elemente:
• Das feuchte und warme Element Luft hat die Feuchtigkeit des Elements Wasser übernommen.
• Das warme und trockene Element Feuer hat die Wärme des Elements Luft übernommen.
• Das trockene und kalte Element Erde hat die Trockenheit des Elements Feuer übernommen.
• Das kalte und feuchte Element Wasser hat die Kälte des Elements Erde übernommen.
Und gegenläufig beeinflussen sich die Elemente natürlich ebenso:
• Wenn das Element Luft Wärme abgibt, nähert es sich dem Element Wasser. Es wird kälter.
• Wenn das Element Wasser Feuchtigkeit abgibt, nähert es sich dem Element Erde. Es wird trockener.
• Wenn das Element Erde Kälte abgibt, nähert es sich dem Element Feuer. Es wird wärmer.
• Wenn das Element Feuer Trockenheit abgibt, nähert es sich dem Element Luft. Es wird feuchter.
Nutzt man die volle Kraft der Qualitäten-Mischung, beeinflussen sich die Elemente kreuzweise:
• Das Element Luft befeuchtet und erwärmt das Element Erde.
• Das Element Feuer wärmt und trocknet das Element Wasser.
• Das Element Erde trocknet und kühlt das Element Luft.
• Das Element Wasser kühlt und befeuchtet das Element Feuer.
Die kreuzweise Beeinflussung der Elemente nutzen wir in der Vier-Temperamente-Küche, doch dazu später mehr.
Sonne, Mond und die Planeten
Die vier Primärqualitäten warm, kalt, feucht und trocken beschreiben nicht nur Energie und Materie, sondern auch Sonne und Mond.
Du fragst dich sicherlich, was auf einmal Sonne und Mond in diesem Kontext zu suchen haben. Nun, dies beruht auf einer Geschichte über die Kosmologie der Germanen. Sie erzählt von einem Geschwisterpaar, das mit Sonne und Mond verglichen wird. Die Götter trennten sie und setzten sie in den Himmel. Ab sofort konnten sie einander nicht mehr erreichen. Durch den Wunsch sich wiederzusehen und den immer wiederkehrenden Versuch sich zu treffen, entstanden Tag und Nacht. Eis und Feuer. Sommer und Winter.
Erst durch diesen sehnlichen Wunsch, sich einander zu nähern, sich wiederzusehen – der ganz dem Aspekt der Polaritätenlehre entspricht –, dem Wunsch nach Gesamtheit und Einheit, entsteht ein Zyklus. Ein Zyklus, der Leben hervorbringt, der Wachstum, Reife und Ernte ermöglicht.
Und da es den beiden Geschwistern ergeht wie Ur-Feuer und Ur-Eis, die sich auch nie begegnen und in stetiger Spannung zueinander stehen, werden beide Urkräfte auf Basis dieser Metapher auch Sonne und Mond zugeordnet.
• Mond – das Ur-Eis entspricht dem lunaren Prinzip
• Sonne – das Ur-Feuer entspricht dem solaren Prinzip
| MOND – das lunare Prinzip | SONNE – das solare Prinzip |
| Eis, Wasser | Feuer, Hitze |
| Materie, Struktur | Energie |
| Weibliches Prinzip | Männliches Prinzip |
| Nacht | Tag |
| Winterhalbjahr | Sommerhalbjahr |
| Kalt | Warm |
| Feucht | Trocken |
Neben Sonne und Mond sind auch die anderen Planeten in der Traditionellen Europäischen Medizin immer wiederkehrende Symbole. Die Planetenlehre ist ein eigener Anker für die TEM. Pflanzen wurden in ihrer Wirkung den Planeten zugeordnet. Naturvölker, Philosophen, Astrologen und naturheilkundige Menschen beschäftigt diese Materie seit Tausenden von Jahren. Daher denke ich, dass es gut zu wissen ist, dass die Betrachtung der Planeten im Wechselspiel mit der Natur sinnvoll ist und oftmals Rückschlüsse auf Wirkungsweisen gibt. Die Planeten haben einen festen Platz in der TEM, ich möchte dieses Thema hier aber nicht überstrapazieren.

Organisierende Kraft … Spiritus | Seele
……………
Organisation ist alles – sagt man oft einfach so. Ein Spruch, ein Ausdruck. Aber wer übernimmt »alles«? Wer organisiert die Urkräfte, koordiniert Energie und Materie? Wer oder was steckt dahinter? Wer balanciert das Spannungsfeld der Urkräfte?

Wer glaubt, dass in der Natur alles planlos und unorganisiert verläuft, der irrt sich gewaltig. Ganz eindeutig gibt es eine Kraft, eine übergeordnete Instanz sozusagen, die die Fäden zieht. Diese Kraft ordnet die Gegensätze, verbindet sie, ja, verplant sie. Ein wahres Wunderwerk an Multitasking. Ähnlich einem Konstrukteur, der Einzelteile zu einem Ganzen zusammensetzt. Ein Fahrrad, ein Auto, ein Flugzeug, mittlerweile banale Fortbewegungsmittel, wären ohne strukturierte Organisation nicht möglich. Eine Ampel oder die Arbeit im Tower – ohne derartige Organisation wären ein reibungsloser Auto- und Flugverkehr undenkbar. Ohne Regeln im Straßenverkehr unterwegs sein? Unvorstellbar.

So unterliegt auch alles Lebendige – die Natur – mit uns und um uns herum einer Organisation. Pflanzen, Menschen und Tiere haben ein Ziel vor Augen und folgen einer organisierenden Kraft. Ohne diese wäre ein Leben miteinander nicht möglich.
In der TEM wird diese organisierende Kraft als »Spiritus« bezeichnet. Auch »Seele« ist ein gern verwendetes Wort dafür.
Alle drei – Spiritus, die Seele und die beiden Urkräfte Energie und Materie – bilden eine untrennbare Gesamtheit, aus der sich das biologische Gesetz der Dreiheit, der Trinität, ableitet.
Um bei der Ernährung zu bleiben: Die Seele, die »Natur« jedes Einzelnen, hat Einfluss auf das Ernährungsverhalten. So haben neben der Art der Lebensmittel als Materie auch die Art der Zubereitung als Energie und die Umgebungsfaktoren als Seele einen wesentlichen Einfluss.
Diese Gesamtheit, die Trinität, ist ein wesentlicher Aspekt der alten, traditionellen Medizin. So wird der Mensch nie für sich allein gesehen, sondern immer in Zusammenschau mit seiner Umwelt.
Aristoteles liefert dafür ein bildliches Zitat: »Ändert sich der Zustand der Seele, so ändert dies zugleich auch das Aussehen des Körpers und umgekehrt: Ändert sich das Aussehen des Körpers, so ändert dies zugleich auch den Zustand der Seele.«
Die Umgebungsfaktoren sind relevant – wie und wann man eine Mahlzeit zu sich nimmt. Auch Jahreszeit, Tageszeit, Stressverhalten und letztlich wie man sich das Essen anrichtet, haben einen wesentlichen Einfluss auf den Genuss, aber auch auf unsere Verdauung, die Aufnahme und Umsetzung im Körper. Von dieser Umsetzung, der Verstoffwechslung, hängt wiederum unsere Energie ab. Ich glaube, da sind wir uns einig: Nahrung muss uns nähren – und Energie bringen und die Lebenskraft stärken.
Nahrung soll die Lebensgeister wecken! Vergiss daher beim Essen nie auf die Seele – sie ist Teil des Ganzen. Kochen ist der erste Schritt. Nicht ohne Grund wird die Küche auch gern »Seele des Hauses« genannt. In diesem Raum wird ein wesentlicher Grundstein für dein Wohlbefinden gelegt …
Energie der Lunge: Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Immerfort
Atmung stärkt die Lebenskraft und bewegt die Lebensgeister. Die Lunge dient Gehirn und Herz. Eine ausreichende, starke Lungenkraft ist auch für die Verdauung unbedingt notwendig.
Lunge und Verdauung sind eng gekoppelt. Beide dienen der Ernährung. Auch embryonal gesehen sind sie verwandt. Die Lunge entsteht als Ausknospung aus einem Teil des embryonalen Darmrohrs und daher werden beide – Lunge und Verdauung – auch als verwandte Systeme betrachtet.
»Was wäre der Mensch, wenn keine Seele in ihm wäre? Durch die Seele ist er erfüllt.« (Paracelsus)
Innerhalb von Sekunden nach der Geburt ist es so weit – der allererste Atemzug, und nach weniger als einer Minute setzt die regelmäßige Atmung ein. Lebenskraft wird eingeatmet. Energie. Spiritus. Leben.
Atmen ist etwas ganz Spezielles – auch wenn man ganz unbewusst regelmäßig atmet. Die Muskulatur regelt das alles ganz automatisch. Über die Rhythmik des Atmens muss man nicht bewusst nachdenken – aber man kann.
Atemluft weckt die Lebenskraft. Denke an einen sonnigen Spaziergang: Durch Wiesen, über Felder. Saftiges Grün. Oder glänzend funkelnder Schnee. Herrlich. Tief einatmen, langsam und bedächtig ausatmen. Das erfrischt die Lebensgeister. Das entspannt, klärt den Kopf. Atemluft, die durch Sonnenstrahlung ionisiert wurde: Neben Sauerstoff nehmen wir so auch eine vitalisierende und reizende Kraft auf. Diese Kraft aus der Atemluft dient der Ernährung, der Aufrechterhaltung der Lebenskraft (Vis vitalis), der Vitalisierung, dem Lebensantrieb.
Die Energiequellen der TEM-Diätetik:
1 Feste Nahrung
2 Flüssige Nahrung
3 Luftnahrung
4 Bewegung
Leben benötigt Wärme, Nahrung, und es benötigt Luft und Licht, um ausreichend Energie und Wärme zu entwickeln.
Der Atem gilt als Nahrung der Seele und entzündet den Lebensfunken. Die TEM sieht den Stoffwechsel als Folge des Lebens: Erst durch die Lebenskraft – unseren Willen, die Dynamik und Rhythmik der Organe sowie Nahrung und Atmung – findet Stoffwechsel überhaupt statt.
Die Seelenenergie selbst wohnt in der Lunge und wird von ihr gesteuert. Die Lunge transportiert sie und verteilt die Energie der Seele über die Blutbahnen, die Arterien, ins Gewebe.
Lebenskraft, dreigeteilt und doch vereint
Die drei zentralen Lebensgeister Spiritus animalis, Spiritus vitalis und Spiritus naturalis sind die Werkzeuge des Organismus. Jeder dieser Lebensgeister hat ein spezielles Aufgabengebiet, und dennoch arbeiten sie Hand in Hand. Gemeinsam sind sie Symbol und Prinzip der Lebenskraft – und dafür sollen sie gut genährt werden.
Die Luftnahrung stellt dafür – unter anderem – einen wesentlichen, nährenden Faktor dar. Der Organismus nimmt die Atemluft über die Lunge durch die Luftverdauung auf. In der Thymusdrüse wird der energetische Anteil der Luft dann in die drei Lebensgeister, die Lebenskraft, umgewandelt.
Die Lebenskraft ist also die Vereinigung der drei Lebensgeister. Jeder Lebensgeist für sich hat eigene Aufgaben. Jeder für sich hat ein eigenes Gehirn und ein speziell zugeordnetes Organ. Alle drei arbeiten stets eng zusammen – ein Kreislauf, den es zu unterstützen und aufrechtzuerhalten gilt!
Einfache Atemübung im Stehen
Nimm eine aufrechte, entspannte und bewusste Haltung ein: Stelle deine Beine hüftbreit auseinander, möglichst parallel. Beuge deine Knie ganz leicht. Achte auf eine gewisse Grundspannung im Becken. Der Kopf ist aufrecht, der Nacken lang. Lass die Schultern entspannt nach unten sinken.
Nun leg deine Hände ineinander, forme sie zu einer Schale und halte sie unter dem Bauchnabel.
Atme tief ein und führe dabei die Hände am Körper entlang nach oben.
Wenn du in Höhe des Brustkorbs angelangt bist, drehe die Handflächen zum Boden und atme lang und tief aus, bewege dabei die Hände Richtung Bauchnabel zurück.
Wiederhole die Übung mehrmals hintereinander. Achte darauf, dass die Ausatmung etwas länger dauert als die Einatmung.
Hakt es bei einem Lebensgeist, versuchen die beiden anderen zu stützen und zu helfen. Dauert dies zu lang oder ist der Prozess zu intensiv, leiden auch die beiden helfenden Lebensgeister darunter. Die Lebenskraft, die Energie, lässt nach. Um dies zu vermeiden, achte darauf, alle drei Lebensgeister bestmöglich zu versorgen.
Für die alte Medizin sind die Lebensgeister Ursache aller Bewegungen. Alle inneren und äußeren Bewegungen erfolgen nur durch die Wirkung der Lebensgeister. Alle Funktionen und deren Heilung sind von ihnen abhängig, werden von ihnen in Gang gesetzt, gelenkt und begrenzt.
Um die Lebensgeister, die Lebenskraft, zu stärken, zu nähren und aufrechtzuerhalten, unterstützt dich eine gute und intensive Atmung. Gern auch mal bewusst mit einem Lächeln. Und Atmen bewegt das Zwerchfell, das wiederum die Bauchorgane bewegt und massiert. Diese Massage tut gut, Leber und Magen genießen es sehr.
Ein paar bewusste Atemübungen zwischendurch tun gut, auch wenn du gerade keine besondere Anstrengung unternimmst, keinen steilen Berg hinaufradelst, keinen Marathon bewältigst: Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen … Volle Kraft für die Verdauung! Volle Atmung für die Lebenskraft!
| Lebenskraft – Vis vitalis |
| Spiritus animalis |
| Seelengeist |
| Kopfhirn |
| Gehirn |
| Nervenleistung – Sinnesvermittlung |
| Spiritus vitalis |
| Luftgeist |
| Brusthirn |
| Herz |
| Dynamik – Rhythmik – Verteilung |
| Spiritus naturalis |
| Stoffgeist |
| Bauchhirn |
| Leber |
| Ernährung – Ausscheidung |

Spiritus animalis, der Seelengeist des Gehirns
Der Spiritus animalis, auch Seelengeist genannt, hat seinen Sitz im Gehirn und verbreitet sich entlang der Nervenbahnen und des Rückenmarks.
Der Fokus dieses Lebensgeistes ist die Sinnvermittlung über die fünf Hauptsinne: Sehen. Schmecken. Riechen. Hören. Tasten. Und auch über die intellektuellen Sinnesfunktionen: Vorstellungskraft. Urteilskraft. Erinnerungsfähigkeit und Gemeinsinn, der Sensus communis, weithin auch als »gesunder Menschenverstand« bekannt.
Alle Sinneseindrücke werden durch den Seelengeist zu einem Ganzen gebündelt, wahrgenommen und umgesetzt. Das Gehirn ist über die Lebensgeister sehr eng mit der Lebenskraft verknüpft. Es vernetzt die drei Instanzen des Denkens und Fühlens: Kopf, Herz und Bauch. Ich finde das einfach faszinierend! Du auch? Da sind wir sicher nicht die Einzigen.
Die Faszination für unser Gehirn besteht schon sehr, sehr lang und endet wohl nie. Schon die alten Ägypter waren davon beeindruckt. Wie unser Gehirn funktioniert, wurde allerdings erst viel später, in der Antike, erstmals untersucht – man ging davon aus, dass das Gehirn eine zentrale Rolle im Organismus einnimmt.
In der TEM zählt das Gehirn neben Blut, Herz und Leber zu den edelsten Organen und ist Sitz des Phlegmas. Das Gehirn zieht Phlegma an, reinigt und verteilt es wieder, es kontrolliert somit den Abfluss von Stoffwechselendprodukten. Aufgrund der hohen Nerventätigkeit des Gehirns braucht es eine optimale Kühlung und Befeuchtung, ein hohes Maß an Spiritus und Luftnahrung, Atmung. Neben der Atmung braucht es auch eine konstante Ernährung. Hirnnahrung. Kohlenhydrate für die Energie, Proteine und Fette als Bau- und Betriebsstoffe, Flüssigkeit. Und es bedarf Bewegung. Täglich, regelmäßig, im passenden Ausmaß.
Ist der Körper aufgrund von entgleister Ernährung, Bewegungsmangel oder auch zu intensiver Bewegung übersäuert, entstehen Gewebeverklebungen. Die Durchgängigkeit und Vernetzung mit dem Gehirn sind dann gestört. Erkennst du die Notwendigkeit einer guten Versorgung?
Die meisten Informationen bezieht das Kopfhirn von Bauchhirn und Brusthirn. Intuition, Hunger, Sättigung, Denken, Energie – all das funktioniert nur mit einem optimal versorgten Gehirn. Nur so können alle Sinne wahrgenommen und verarbeitet werden.
Umgekehrt ist es ebenso wichtig: Die Information muss auch von Kopfhirn zu Brusthirn und Bauchhirn funktionieren. So wird zum Beispiel die Verdauung ganz massiv durch den Spiritus animalis angekurbelt: Bereits durch die Zubereitung einer Mahlzeit wird der Magen-Darm-Trakt über den Gemeinsinn vorinformiert. Die Sinneswahrnehmung durch das Kochen über den Geruch bedeutet: »Hey, es gibt bald etwas zu essen.« Dadurch wird die Verdauung vorbereitet, alle notwendigen Organe werden mobilisiert. Das ist ein wesentlicher Punkt, den man nicht außer Acht lassen darf. Die Verdauung beginnt also bereits beim Kochen! Das spricht, neben anderen Vorteilen, schon mal ganz dafür, selbst zu kochen. Kochst du selbst?
Spiritus vitalis, der Luftgeist des Herzens
Der Spiritus vitalis, der Luftgeist, hat seinen Sitz im Herzen, insbesondere im linken Herzflügel, und verbreitet sich über die Arterien im Organismus. Das Herz hat, so wie auch der Darm, ein eigenes Netzwerk aus Zehntausenden Neuronen und stellt somit eine Art eigenes Gehirn dar, das Brusthirn. Das Brusthirn wird in der TEM im Spiritus vitalis gesehen.
Rhythmik und Verbreitung sind die zentralen Kräfte des Spiritus vitalis – in Form von Zirkulation, Atmung und Herzschlag. Das Ein- und Ausfließen von Atmung und Nahrung stellen einen rhythmisch fließenden Kreislauf dar. Durch Verbreitung von Wärme und vitaler Feuchte zirkulieren sowohl der Nährstrom, das Blut als auch der Klärstrom, die Lymphflüssigkeit.
Durch den komplexen neuronalen Schaltkreis kann das Brusthirn unabhängig vom Kopfhirn arbeiten. Auch kann es Veränderungen schneller spüren als das Kopfhirn. Es hat die Fähigkeit sich zu erinnern, zu lernen und sich an neue Lebensumstände anzupassen. Heute weiß man, dass das Herz eigenständig Hormone und Neurotransmitter ausschüttet, um den Blutdruck, den Flüssigkeitshaushalt des Körpers und das Gleichgewicht des Elektrolythaushalts zu regulieren. Aber auch Hormone, die für Bindung, Liebe, Toleranz und Anpassung verantwortlich sind, werden vom Herzen freigesetzt.
Der Sympathikus ist zuständig für die Erregung des Körpers, die Beschleunigung der Herzfrequenz und die Ausschüttung von Adrenalin.
Der Parasympathikus steht für Entspannung und bewirkt unter anderem eine Verlangsamung des Herzrhythmus.
Über die Verbindung des vegetativen Nervensystems kann das Herz direkt auf das Kopfhirn einwirken. Ein kohärenter Herzrhythmus synchronisiert Sympathikus und Parasympathikus und wirkt dadurch positiv auf Nerven und Organe.
Herzkohärenz bedeutet, dass Atmung, Herzschlag und Blutdruck aufeinander abgestimmt sind und in gesunder Form zusammenarbeiten. Diesen drei Bereichen und ihrem Zusammenspiel mit dem Spiritus vitalis wird eine große Bedeutung in Bezug auf unser gesamtes Wohlbefinden zugeschrieben, sie haben einen starken Einfluss auf unsere physiologische wie auch psychologische Gesundheit.
Ist dir das auch schon passiert? Hunger! Du isst schnell, viel zu schnell. Durch das hastige Essen verschlägt es dir den Atem. Es nimmt dir die Luft. Tiefes Durchatmen und Atemübungen schaffen Erleichterung, um die rhythmisch fließende Aufnahme wieder stattfinden zu lassen. Und beim nächsten Mal: langsam essen, mit Bedacht, mit Aufmerksamkeit. Genießen.
Spiritus naturalis, der Stoffgeist der Leber
Der Spiritus naturalis, der Stoffgeist, verbreitet sich entlang der Venen und beschreibt den Kreislauf der dienenden Kräfte zur Stoffwechselregulierung. Er weckt den Hunger, den Bedarf an Nährstoffen. Und er mag es gleichmäßig, immer wiederkehrend, regelmäßig in seinem – deinem – Rhythmus. Durch ein Verlangen nach Nährstoffen, nach Substanz geschieht die Nahrungsaufnahme und deren Umwandlung – die Aufnahme und Ausscheidung –, die wiederum Verlangen nach neuer Nahrung weckt.
| • Ernährung: Die Zellen verlangen nach Nahrung, Substanz. • Verdauung: Umwandlung der Substanz durch Bewegung. • Ausscheidung: Selektiv wird ausgeschieden, was nicht benötigt wird bzw. für den Organismus gefährlich und giftig ist. • Bewahrung: Das Benötigte festhalten und in körperliche Zellen einbauen, umwandeln. Wenn die Zellen wieder nach Substanz verlangen, beginnt alles wieder von vorn … |

Durch diesen Kreislauf betont der Spiritus naturalis, der Stoffgeist, auch den Nutzen des Klärstroms: denn ohne Klärstrom und dessen Ausscheidung gibt es keinen nutzbringenden Nährstrom.
Die Leber ist das Quellorgan für den Spiritus naturalis und wesentlich an der Verdauung beteiligt. Hier wird die Grundlage für die vier Körpersäfte – Sanguis (Blut), Chole (Gelbe Galle), Melanchole (Schwarze Galle) und Phlegma (Schleim) – gebildet.
Das Bauchhirn ist mit dem Spiritus naturalis verknüpft und bildet wiederum die Wurzel für den Spiritus animalis. Auch der Darm hat ein ausgeprägtes eigenständiges Nervensystem. Im Darm – unserem größten Immunsystem – befinden sich mehr als siebzig Prozent aller Abwehrzellen, die das Bauchhirn wesentlich beeinflussen und die wiederum durch das Bauchhirn beeinflusst werden. Im Bauchhirn wie im Kopfhirn findet man die gleichen Nervenzelltypen. Auch die Ausstattung mit Botenstoffen ist bei beiden Gehirnen identisch. Und sie sprechen die gleiche Sprache.
Die Lebenskraft – die Vereinigung aller drei Lebensgeister – ist der Schlüssel zu einem vitalen und temperamentvollen Leben.
Das Bauchhirn im Zentrum deiner Verdauung ist die Basis. Nähre und pflege es mit der größten Sorgfalt.
Kennst du die Redewendungen »Es läuft einem eine Laus über die Leber« und »Was bist du für eine beleidigte Leberwurst!«? Sie werden meist bei Stimmungsschwankungen verwendet. Dabei handelt es sich oft lediglich um eine Störung der Hirnleistung, die sich aus einer Unterversorgung der Leber ableiten lässt … Die Leber reagiert aktiv und sensibel, wenn der Versorgungskreislauf gestört ist.

Vier Temperamente … oder doch mehr?
……………
Jeder Mensch hat ein Grundtemperament – eine Grundkonstitution – und dieses schlicht und einfach ererbt. Genauso wie das Geschlecht und den Genpool. Es steckt in uns, von Geburt an. Ganz individuell.

Die vier Grundtemperamente – Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker und Phlegmatiker – gehen auf die Temperamentenlehre zurück. Sie sind keine wissenschaftliche Typisierung. Sie finden sich nicht eindeutig in den Körperzellen wieder. Die Temperamente sind Teil des bildlichen Schemas, des Achsenkreuzes der Urkräfte, Ur-Feuer und Ur-Eis.
Dein Grundtemperament, die angeborene Konstitution, wurde dir mitgegeben, ist genetisch bestimmt. Das Temperament macht dich aus und ist nahezu unveränderbar. Warum ist es so interessant zu erfahren, welches Grundtemperament man hat? Die Antwort lautet: Es bestimmt deinen Stoffwechsel, deine Versorgung, deinen Gesundheitszustand, deine Laune.
Die vier Grundtemperamente: Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker, Phlegmatiker

Es gilt, das Grundtemperament zu stützen und, wenn erforderlich, gegebene Schwächen auszugleichen.
Wenn du beispielsweise dein Grundtemperament im Choleriker mit den Eigenschaften warm und trocken siehst, bin ich sicher, dass du sehr gern gegrillte, frittierte und scharfe Speisen isst. Steak oder Schnitzel mit Pommes frites stehen bei dir öfter mal am Speiseplan. Das kann im Moment gut passen. Sei dir aber bewusst, dass du damit dein Temperament zusätzlich befeuerst.
Wenn du merkst, dass du an Trockenheit leidest – und das kann sich vielfältig äußern, etwa durch trockene Haut, trockene Augen, Sodbrennen, Gereiztheit, anstrengenden Stuhlgang –, dann verzichte eine Zeit lang auf frittierte und scharfe Speisen. Greife besser zu feuchten, kühlen Zubereitungsmethoden. Genieße zum Beispiel eine befeuchtende Gemüsesuppe, diesmal ohne Chili. Für den knackig-crunchigen Biss gibt’s ein paar Nüsse dazu.
Du bist sicherlich gespannt, wie du dein Temperament selbst feststellen kannst. Lass dich durch die nächsten Seiten führen und werte nicht, sondern fühle und spüre. Spontan. Vieles mag überzeichnet wirken. Ja, das ist so. Ganz bewusst. Betrachte es mit einem Augenzwinkern. Manchmal wirst du meinen: »Ohhh, ganz so krass ist es nun auch wieder nicht.« Fühle dich durchaus ertappt.
Wanderung … und plötzlich ist da ein Hindernis

Auch Charaktereigenschaften und Gefühle beschreiben die vier Temperamente. Ein einfaches Szenario, aus dem Leben gegriffen, soll dir verdeutlichen, wie die Wesenszüge der vier Temperamente aussehen: Stelle dir mal vor, du wanderst über grüne, saftige Almen und plötzlich versperrt dir ein Zaun den Weg.
• Der Sanguiniker wird in seiner ungetrübten Art heiter über den Zaun hinweghüpfen und eventuell noch ein Liedchen pfeifen. Er hat den dahinter liegenden See entdeckt und freut sich auf eine wunderbare Erfrischung.
• Der Choleriker wird – weil ihm dieses unerwartete Hindernis unnötig Zeit raubt – in Rage geraten und womöglich versuchen, den Zaun aus dem Weg zu räumen, vielleicht sogar mit einem Kraftakt. Definitiv wird er sich sofort oder spätestens nach der Wanderung mit dem Verfasser des Kartenmaterials in Verbindung setzen und darauf hinweisen.
• Der Melancholiker wird beim Anblick des Zauns seine Reise infrage stellen. Er setzt sich nieder und lehnt sich an den Zaun – um zu grübeln, die Reise zu reflektieren und über das Warum nachzudenken. Gedankenverloren zückt er sein Notizbuch und skizziert die wundervolle Landschaft.
• Der Phlegmatiker geht Konflikten aus dem Weg, und das mit meist unnötig großem Aufwand. Er wird einen weiten Bogen um den Zaun machen und einen Umweg in Kauf nehmen. Das macht ihm bestimmt nicht sonderlich viel aus, gibt es doch auf diesem zweiten Weg eine feine Einkehrmöglichkeit.
Wie sähe deine Reaktion auf den Zaun aus? Ganz spontan …
Findest du dich in einer der beschriebenen Reaktionen wieder? Mit welcher kannst du dich am ehesten identifizieren? Ich bin sicher, du hast eine Tendenz.
Und nun? Kennst du dein Grundtemperament? Wie geht’s dir grundsätzlich mit zaunähnlichen Situationen, mit Hürden, Hindernissen? Den täglichen Herausforderungen? Was beeinflusst dich?
Kaffee und Kuchen

Hier eine weitere kleine Geschichte, eine Metapher, die die vier Temperamente veranschaulicht. Ein Stück Kuchen ist der Star:
Vier Personen treffen sich zu Kaffee und Kuchen. Sie finden bloß ein Stück Schokoladenkuchen vor. Ein Stück für vier! Während die erste Person sich verärgert darüber Gedanken macht, warum die Kaffeejause nicht besser organisiert ist, zieht sich die zweite Person zurück und denkt: »Jetzt bekomme ich wieder nichts ab.«
Die dritte Person teilt den Kuchen, nimmt sich – voller Freude – das größere Stück und gibt den Rest der vierten Person. Diese ist zuerst angenehm überrascht, dass es nun doch Kuchen gibt, und merkt dann an: »Wenn ich den Kuchen geteilt hätte, hätte ich mir das kleinere Stück genommen und dir das größere gegeben.« Die dritte Person mampft bereits vor sich hin und meint nur: »Du hast ja das kleinere, dann ist ja alles gut.«
Werte die Temperamente nicht!
Keines der Temperamente ist besser als das andere. Im Gegenteil, die Temperamente gleichen sich aus. Sie ergänzen sich – so wie es auch die Elemente tun.
Kannst du nachvollziehen, wer hier wer ist? Wer hat die Grundzüge welches Temperaments? Wie lassen sich die Charaktere typisieren? Wer ist sanguinisch, cholerisch, phlegmatisch und wer melancholisch?
(Die Auflösung findest du am Ende dieses Kapitels.)
Vier Säfte, mehr als Stoffliches
Die TEM spricht von vier Körpersäften, den »Humores« (was griechisch-lateinisch so viel wie Feuchtigkeit, Leibessaft bedeutet): Sanguis, Chole, Phlegma, Melanchole. Diese vier Säfte sind die Vertreter der Elemente, sie entstehen aus der Verdauung und von ihnen leiten sich die Temperamente ab.
Bei dieser Zuordnung siehst du zuerst die Beschreibung der Qualitäten. Feuchtigkeit gibt es eben in unterschiedlichen Qualitäten, und darauf beruht auch die Zuordnung der Elemente.
• Sanguis ist wie das Blut feucht und warm. Es stellt durch Feuer bewegtes Wasser dar und ist Vermittler der Vitalkräfte. Sanguis repräsentiert das Element Luft und steht für den Sanguiniker.
• Chole, auch Cholera genannt, die Gelbgalle, ist warm und trocken. Sie bewegt und verändert das Feuer durch umwandelnde Kräfte. Chole repräsentiert das Element Feuer und steht für den Choleriker.
• Melanchole, auch Melancholera genannt, die Schwarzgalle, ist trocken und kalt. Sie gibt Stütze, setzt Grenzen und symbolisiert Verbrauchtes. Melanchole repräsentiert das Element Erde und steht für den Melancholiker.
• Phlegma, der Schleim, ist kalt und feucht. Er nährt das Feuer mit Substanz und ist die Urquelle aller Feuchtigkeit. Phlegma repräsentiert das Element Wasser und steht für den Phlegmatiker.
| Primärqualitäten der Säfte | warm | kalt |
| feucht | Sanguis – Blut | Phlegma – Schleim |
| trocken | Chole (Cholera) – Gelbgalle | Melanchole (Melancholera) – Schwarzgalle |
Die Humores, die vier Körpersäfte, sind allerdings keineswegs real vorhandene, stoffliche Säfte, wie du es vielleicht mit Blut ganz wunderbar assoziieren könntest. Doch was sind Gelbgalle, Schwarzgalle und Phlegma? Jeder Chirurg schüttelt hier den Kopf – zu Recht. Diese Säfte hat er noch nicht gesehen, denn sie gibt es so nicht. Diese vier Säfte beschreiben Funktionskreisläufe der alten Medizin.
Komplexe Vorgänge wurden über die Funktionskreisläufe verständlich, einfach und nachhaltig beschrieben. So einfach, dass auch heute noch aufbrausende Menschen als Choleriker und Menschen, die nicht aus der Ruhe zu bringen sind, als Phlegmatiker eingestuft werden. Eingeweihte wissen, dass dies nicht ganz so ist, dass mehr dazugehört.

Der Kochtopf als bildliche Darstellung für das Funktionsprinzip der vier Säfte:
Essen über offenem Feuer zu kochen, stellt das Funktionsprinzip der vier Körpersäfte einfach und anschaulich dar. Der Kochtopf und die Asche symbolisieren die Melanchole. Der Kochtopf ist das Begrenzende, die Asche das Verbrauchte. Das Feuer symbolisiert Chole, jene Energie, die den Topfinhalt – das Wasser bzw. Phlegma – als die nährende Substanz bewegt. Der entstehende Wasserdampf symbolisiert Sanguis, das luftige und vitalisierende Element. Dieses Prinzip, dieser Funktionskreislauf, muss genährt werden und dafür sind alle Säfte und die damit verbundenen Kräfte erforderlich.
Feuchtigkeit ist das Feuer des Lebens.

Sanguiniker, der luftige Blut-Typ
Der Sanguiniker ist, abgeleitet von der alten Medizin, der Blut-Typ. Blut, das Sanguis, steht für Feuchte und Wärme.
Das Funktionsprinzip des Sanguis durchfließt alle warmen und feuchten Gewebe und Organe und versorgt diese mit Nährstoffen. Sanguis findet man vor allem in Blut, Haut, Lunge, Leber und Nieren, also in allen gut durchbluteten Organen. Es bewegt und ist bewegt, allerdings sanfter und luftiger als das cholerische Prinzip. Das Sanguis-Prinzip ist auch wunderbar mit der Kindheit und dem Frühling zu beschreiben. Alles entsteht und sprießt mit einer kindlichen Leichtigkeit.
Im Bildnis der TEM entwickelte sich der Sanguiniker in einem Gebiet, in dem es durch ein gemäßigtes Klima ein reichhaltiges Nahrungsangebot gab. Aufgrund dessen hat er keine Sorge, genügend Nahrung zu finden – es gibt sie immer und überall. Da er dadurch auch keinen Hunger zu befürchten braucht, ist er sehr ausgeglichen. Oft ist er gut gelaunt, lustig und geht optimistisch durchs Leben. Er handelt spontan, oft auch unüberlegt. Er ist sehr kreativ und einfallsreich.
Das sanguinische Temperament steht wegen der besonders lebenswerten Qualitäten – Mischung warm und feucht – für das Prinzip des Lebens.
Die Körper- und die Kopfform des Sanguinikers sind oval. Die Lippen sind voll und kräftig. Der Gesichtsausdruck ist auch in fortgeschrittenen Lebensjahren jugendlich und frisch. Die Nase ist kurz. Die Augen sind groß und voller Neugierde. Der Sanguiniker hat einen guten Tastsinn, man spricht auch von Menschen mit einem besonders guten Fingerspitzengefühl.

Choleriker, der feurige Galle-Typ
Der Choleriker ist, abgeleitet von der alten Medizin, der Gelbgalletyp. Die Gelbgalle (Chole) steht für Trockenheit und Wärme.
Chole steht für Dynamik. Chole ist bewegt und bewegt auch. Das Phlegma beispielsweise wird durch die beschleunigend wirkende Gelbgalle bewegt und verändert. Alle Säfte, die sich in Herz, Muskulatur, Nerven und Nieren befinden – somit auch das Blut –, sind von Chole dominiert. Das Erwachsenenalter, also von der Pubertät bis zur beginnenden Alterung, ist jene Lebenszeit, die von Chole geprägt ist.
Der Choleriker stammt aus Sicht der TEM aus einer Zeit, in der es ausreichend Nahrung gab. Ein Sammler und Jäger, der mal mehr und mal weniger fand oder erlegte.
Unter dem Begriff »cholerisch« versteht man weit mehr als »leicht reizbar« oder »energisch«. Der Choleriker macht seiner Meinung Luft. Das wirkt im Moment herzlos, intolerant und egoistisch. Doch der Choleriker ist nicht nachtragend. Er sagt seine Meinung – meist lautstark – und damit ist es auch schon wieder getan. Choleriker sind willensstark und haben Durchsetzungsvermögen. In den Führungsetagen finden sich vorwiegend Choleriker, männlich wie weiblich. Organisation ist ihre Stärke.
Optisch erkennt man den Choleriker an einer ausgeprägten Muskulatur und bewussten Spannung. Gesicht und Körperform sind kantig. Das Gesicht hat markante Jochbeine und möglicherweise Stressfalten zwischen den Augenbrauen und an den Ohren. Der Händedruck ist ähnlich kräftig wie sein Biss.

Melancholiker, der erdige Schwarzgalle-Typ
Der Melancholiker ist, abgeleitet von der alten Medizin, der Schwarzgalle-Typ. Die Schwarzgalle (Melanchole) steht für Trockenheit und Kälte. Melanchole ist das Prinzip jener Säfte, die man sich am besten in den begrenzenden Oberflächen des Körpers vorstellt, sie sind vorwiegend trockene Substanz: Haut, Knochen, Haare, Nägel und Faszien sind von Melanchole dominiert.
Melanchole reiht man in die Zeit des fortgeschrittenen Erwachsenenalters ein, was nicht zwangsläufig bedeutet, dass Melancholiker immer alt sind. Keineswegs. Aber je älter wir werden, umso stärker entwickelt sich das melancholische Temperament – sowohl beim Melancholiker selbst als auch bei allen anderen Temperamenten. Der Melancholiker wird in der Kindheit ebenso vom sanguinischen Temperament geprägt wie der Phlegmatiker und der Choleriker.
Der Melancholiker entwickelte sich aus Sicht der TEM in einer besonders karstigen Region, einer Gegend mit unfruchtbaren, steinigen Böden sowie schlechter Versorgung. Diese Kargheit prägte auch seinen Charakter. So lebt er eher zurückgezogen, ist oftmals ängstlich und leicht enttäuscht. Er neigt zu geizigen Zügen, hängt gern seinen Gedanken nach und wirkt daher verschlossen. Sein Wesen wird bestimmt von Zuverlässigkeit und Gewissenhaftigkeit. Er ist einfühlsam, hilfsbereit und nimmt Rücksicht auf Schwächere. Kunst und Kultur sind die Dinge, an denen er sich besonders erfreut.
Optisch ähnelt der Melancholiker dem Choleriker – doch ist er nicht kantig, sondern lang und meist dünn, eher hager und zierlich. Es sind die Faszien und nicht die Muskeln, die einen hohen Tonus aufweisen. Hochgezogene Augenbrauen sind typisch, ebenso ein schwacher Händedruck und eine trockene, durchscheinende Haut.

Phlegmatiker, der nährende Schleim-Typ
Der Phlegmatiker ist, abgeleitet von der alten Medizin, der Schleim-Typ. Der Schleim, das Phlegma, steht für Feuchte und Kälte. Phlegma steht für das nährende Prinzip. Es muss bewegt und geformt werden, um zu nähren, und darf nicht erstarren. Phlegma steht für die Feuchte im Bindegewebe, in den Fettzellen, im Knochenmark und Gehirn.
Zwei Phasen im Leben stehen für das phlegmatische Prinzip: das Säuglings- und Greisenalter.
• Es beginnt bereits mit der Schwangerschaft – sowohl die Mutter als auch das in ihr heranwachsende Kind sind in einem Phlegma-Hoch. Auch die Stillzeit, die nährende Zeit, ist für beide, Mutter und Säugling, eine besonders phlegmatische Phase.
• Schließlich der Übergang ins »Greisenalter«. Nun setz dich bitte nieder: In der alten Medizin hat man diesen Übergang bereits ab dem 40. Lebensjahr (!) gesehen. Tja, damals war die Lebenserwartung deutlich niedriger als heute.
Der Phlegmatiker ist aus Sicht der TEM der Gewinner der Eiszeit. Er ist angepasst an eine Epoche, in der es nur fallweise zu essen gab. Dann aber reichlich. Durch die lange Periode des Fastens – Mammut gab es nicht so häufig – entwickelten sich ein gieriges Verhalten und die Fähigkeit, große Speicher anzulegen. Die beiden Pole Essenspausen und Essenszeiten sind für den Phlegmatiker essenziell. Zu oft wird heute auf die Pausen, das Fasten, vergessen. Das Nahrungsangebot ist einfach zu dominant.
Die Wesenszüge des Phlegmatikers haben sich manifestiert. Man meint genau zu wissen, wann jemand ein Phlegmatiker ist. Schlägt man das Wort »phlegmatisch« im Duden nach, findet man folgende Bedeutung: »[aufgrund der Veranlagung] nur schwer zu erregen und kaum zu irgendwelchen Aktivitäten zu bewegen; träge, schwerfällig«.
In der TEM wird der Phlegmatiker als ruhig und gemütlich beschrieben. Er wirkt bedächtig, sachlich und selbstsicher. Nichts wirft ihn so leicht aus der Bahn, er ist nervenstark, stressresistent und anpassungsfähig, dadurch beständig und verlässlich.
Auch äußerlich kann man den Phlegmatiker, sofern die Merkmale ausgeprägt sind, erkennen. Er hat häufig einen rundlichen, sanften Körperbau, eine große Nase und große Ohren sowie kräftige Ohrläppchen und volle Lippen. Die Wangen sind pausbäckig und die Augenbrauen haben einen kräftigen, wilden Wuchs. Die Hände sind fleischig und füllig.
Anamnese: Optische und körperliche Merkmale
Für eine ausführliche Anamnese kennt die TEM einige Zugänge. Betrachtet werden der komplette Körper und seine Ausscheidungen. Die Diagnose von Antlitz, Zunge, Iris, Puls, Urin und Stuhl sind wertvolle Instrumente und bei der Anamnese hilfreich.
Stuhl, Urin und auch der Körpergeruch werden beschaut und gerochen. Das mag abstoßend, ja eklig klingen. Doch es sagt sehr viel über eine Person aus. Probiere es mal selbst, es muss ja keiner zusehen.
Auch die Zunge und die Iris, die Regenbogenhaut des Auges, zeigen vieles an. Geübte Diagnostiker können auf einen Blick sehr viel daraus lesen. Auch du.
Streck dir morgens die Zunge im Spiegel entgegen. Welche Farbe hat sie? Pink, bläulich oder eher weiß? Welche Form hat sie? Ist sie dick und geschwollen oder dünn und spitz? Weist sie Abdrücke der Zähne auf? Welche Oberfläche hat sie? Ist sie eher feucht, trocken, rissig, oder hat sie einen Belag?
Denk beim Zungezeigen an die Qualitätenmischungen: feucht & warm, warm & trocken, trocken & kalt sowie kalt & feucht. Mit diesem Hintergrundwissen kannst du schon mal deine eigene Zunge über einen längeren Zeitraum gut beobachten. Notiere am besten täglich, was du beobachtest. Mach täglich ein Foto deiner Zunge mit dem Handy, immer zur gleichen Zeit. Für einen besseren Anhaltspunkt notiere auch markante Dinge deiner Ernährung und deines Lebensstils.
Auch die Pulsdiagnose kennt man in der TEM. Dabei wird nicht die Herz-Kreislauf-Frequenz abgefragt, wie du das vom Sport kennst. Die TEM-Pulsdiagnose gewährt einen Blick auf den Lebensgeist »Spiritus vitalis« und zeichnet ein energetisch-rhythmisches Bild. Man hat dafür auch bildhafte Symboliken gefunden. Es gibt das Schema eines Delfins, eines Leoparden, einer Schlange, eines Schwans und einiger anderer Tiere.
Mach dir beim Erforschen deines Temperaments nicht allzu viel Stress. Alles braucht seine Zeit. Je mehr du dich mit den Qualitätenmischungen – feucht & warm, warm & trocken, trocken & kalt sowie kalt & feucht – auseinandersetzt, umso mehr wirst du es spüren und dadurch deinen Weg finden.
Rieche, schaue, höre, schmecke, fühle. Prüfe mit Bedacht. Dann wirst du schließlich herausfinden, was für dich am besten ist. Du wirst erfahren, was du benötigst.
Für die ganz Eiligen gibt es auch Fragebögen, um das eigene Temperament zu eruieren – einen solchen findest du im Kapitel »Fragen … und TEMperamentvolle Antworten«. Doch Fragebögen allein zeigen dir nicht unbedingt dein wahres Grundtemperament an. Du füllst sie jeweils in einer bestimmten Lebenssituation und Stimmung aus, daher bleiben sie immer nur eine Momentaufnahme deines Temperaments.
Bei groben Unklarheiten, Symptomen und im Erkrankungsfall ist eine Komplettanamnese bei einem TEM-Arzt oder bei einem Arzt deines Vertrauens sinnvoll und angebracht.
Die Temperamente auf einen Blick
In der Temperamentenlehre lassen sich Symptome, Farben, Funktionskreise, Tages-, Jahres- und Lebenszeiten, Elemente, Planeten und vieles mehr festhalten. Seit der Antike wird an und mit diesem System laufend gearbeitet, und es wird immer wieder evaluiert.
Hier sind markante Aspekte der Temperamentenlehre in einer Tabelle für dich zusammengefasst.
| Temperament | Sanguiniker | Choleriker | Melancholiker | Phlegmatiker |
| Qualitäten-Mischung | feucht und warm | warm und trocken | trocken und kalt | kalt und feucht |
| Humores | Sanguis/Blut | Chole (Cholera) Gelbgalle | Melanchole (Melancholera)/ Schwarzgalle | Phlegma/Schleim |
| Farbe | rot | gelb | braun bis schwarz | blau bis grau und weiß |
| Element | Luft | Feuer | Erde | Wasser |
| Prinzip | männlich | weiblich | ||
| Geschmack | süß | scharf/bitter | sauer/scharf | salzig/süßlich |
| Tageszeit | Morgen | Mittag | Abend | Nacht |
| Jahreszeit | Frühling | Sommer | Herbst | Winter |
| Lebenszeit | Kindheit/Jugend | Erwachsenenalter | Alter | Schwangerschaft und Stillzeit sowie Greisenalter |
| Eigenschaften | begeisterungsfähig, jugendlich dynamisch, fröhlich | engagiert, zielstrebig, leidenschaftlich, ungeduldig | nachdenklich, planend, gewissenhaft | gemütlich, gesellig, ruhig, beständig |
| Planet | Jupiter | Mars | Saturn | Mond |
| Organ | Herz/Arterien | Leber/Galle | Milz/Haut | Gehirn |
Lebensumfeld: Entwicklung und Beeinflussung
Dein Grundtemperament, die Grundkonstitution, ist angeboren. Sanguiniker, Choleriker, Phlegmatiker, Melancholiker – kennst du mittlerweile dein Temperament? Schwierig? Ja, das ist es in der Tat! Es ist schwer zu erforschen. Wir leben. Wir werden beeinflusst. Wir beeinflussen. Das Temperament bewegt sich!
Konkrete Beispiele und Szenarien wie jene von der Wanderung oder vom Kaffee und Kuchen (siehe Beginn dieses Kapitels) bieten da Hilfe und mehr Vorstellungskraft. Hast du dich in einem dieser Temperamente wiedergefunden? Möglicherweise nicht zu hundert Prozent. Und, was du nicht vergessen darfst, es ist auch wichtig, ob dir bei deiner Wanderung der Zaun morgens, mittags oder abends den Weg versperrt. Auch, ob du gerade hungrig bist oder schon müde von der langen Wanderung. Es gibt einige Faktoren, die jeweils deine Reaktion beeinflussen.
Und genau diesen Grundgedanken hat auch die TEM: Sie betrachtet dich mit deinem Grundtemperament niemals isoliert, sondern immer unter der Betrachtung der momentanen Situation: Jahreszeit, Klima, Alter, Lebensphase, Einflüsse der Kindheit und des Alltags, Lebensumstände, Lebensführung, Ernährung, Stoffwechsel, Krankheiten und deren Therapien, strukturelle Veränderungen und noch einige andere Faktoren haben einen enormen Einfluss auf dein Grundtemperament. All diese Umstände werden stets mit ins Boot geholt – sie prägen den erworbenen Teil der Konstitution, denn in der Reinform kommt kein Temperament vor.

Kaum jemand lebt seine Grundkonstitution in vollen Zügen aus. Der eine mehr, der andere weniger. Hundert Prozent gibt es hier nicht. Und genau das macht es so spannend, so belebend. Jeden Tag aufs Neue.
Das angeborene Grundtemperament ist immer da und soll bestmöglich unterstützt werden. Gleichzeitig sind je nach Lebenssituation auch alle anderen drei Temperamente immer vorhanden: eins der drei mehr, die übrigen zwei sind relativ gleichwertig verteilt. Das entspricht ganz dem Grundsatz des Spannungsfelds der Urkräfte: Alles ist in allem enthalten. Feucht. Warm. Trocken. Kalt.
Sechs Rädchen für das Wohlbefinden

Kannst du dich noch an das Zitat von Sebastian Kneipp aus dem ersten Kapitel erinnern? Er beschreibt Eckpunkte für ein gutes, gesundes Leben. Ich wiederhole es hier gern nochmals: »Wer gesund leben will und sein Dasein weise genießen will, der muss vor allem geregelt leben – arbeiten, einen Lebenszweck haben. Er muss sich vernünftig ernähren, nicht nur, was die Wahl der Speisen betrifft, sondern auch, was die Zeit des Essens angeht. Er muss Luft und Bewegung suchen, die gehören zu einem guten Gedeihen so notwendig wie die Nahrung selber.«
Kneipp weist darauf hin, wie wichtig Lebensumfeld, Sinn und Zeitpunkt des Essens und Bewegung sind. Für das Wohlbefinden gibt es sechs ausschlaggebende Rädchen, an denen du drehen kannst. Sie sind dem jeweiligen Spiritus, den drei Lebensgeistern, zugeordnet und beeinflussen dadurch ganz wesentlich deine Lebenskraft.
• Die Gedankenwelt ist dem Lebensgeist »Spiritus animalis« (Seelengeist) zugeordnet.
• Schlaf- und Wachrhythmus, Bewegung und Lebensumgebung sind dem Lebensgeist »Spiritus vitalis« (Luftgeist) zugeordnet.
• Verdauung und Ernährung sind dem Lebensgeist »Spiritus naturalis« (Stoffgeist) zugeordnet.
Bewege diese Rädchen! Versuche es auf jeden Fall. Wenn du daran drehst, kannst du in kleinen Schritten, aber mit großer Wirkung einiges für dein Wohlbefinden und deine Gesundheit tun. Dein Temperament dankt dir dafür.
Rädchen der Ernährung
Was du isst und trinkst und auch wann, trägt wesentlich zu deiner Gesundheit bei.
Schmeckt dir das Essen? Gibt es dir Energie und Kraft? Bist du danach angenehm satt? Wann isst du? Häufig spätabends? Frühstückst du? Isst du schnell oder langsam? Kochst du selbst? Kochst du gerne? Kennst du andere Gewürze außer Salz und Pfeffer? Isst du viel Ungekochtes? Isst du häufig Fast Food? Ist es dir egal, was du isst? Wie oft isst du? Dreimal täglich? Fünfmal täglich? Plagt dich Heißhunger? Naschst du zwischendurch? Wie sieht es mit Abwechslung aus? Oder passt dein Speiseplan auf eine Briefmarke? Legst du bewusst Essenspausen ein?
Rädchen der Verdauung
Ja, auch deinen Stoffwechsel kannst du beeinflussen. Wie dein Körper die Nahrung aufnehmen und umbauen kann, ist wesentlich – schließlich bestehst du aus deiner Nahrung. Ob deine Verdauung funktioniert, merkst du an Urin und Stuhl und auch an der Haut.
Hast du häufig Durchfall? Plagen dich Blähungen? Gehst du regelmäßig auf die Toilette? Ist dein Urin hell oder dunkel? Brennt es irgendwo? Hast du Sodbrennen? Rülpst du oft? Bist du nach dem Essen müde? Ist deine Haut trocken? Schwitzt du schnell? Wie ist dein Geruch? Hast du Mundgeruch? Hast du Schwellungen oder Stauungen an den Beinen oder Fingern?
Rädchen des Schlaf- und Wachrhythmus
Schlaf bedeutet Erholung. Die dunkle Nacht bietet sich förmlich dazu an. Der helle Tag ist die aktive Phase.
Hast du ausreichend Schlaf? Ist es in deinem Schlafraum dunkel? Bist du morgens ausgeruht? Schläfst du nachts? Bist du am Tag aktiv? Bist du immer müde, auch am Tag? Schnarchst du? Liegst du lange wach? Musst du nachts auf die Toilette? Schwitzt du übermäßig? Bist du unruhig? Ist dein Bettzeug morgens komplett verdreht? Kannst du auch tagsüber gut schlafen? Träumst du tagsüber oder eher nachts? Machst du ein Mittagsschläfchen, einen Powernap?
Die Qualität des Schlafs kannst du durch 10 bewusste Minuten oder noch besser 30 Minuten günstig beeinflussen: Verbringe die Zeit vor dem Einschlafen mit schönen Gedanken, mit den positiven Erlebnissen und Begegnungen des Tages. Verzichte vor der Nachtruhe auf Bildschirme jeder Art – Fernseher, Computer und Handy, sie sind tabu.
Rädchen der Bewegung und der Ruhe
Um ausgeglichen und fit zu sein, muss man sich bewegen und Ruhe finden. Oft ist es speziell die Bewegung, an der es mangelt. Doch auch ein Zuviel kann dich überfordern.
Wie sieht die Balance bei dir aus? Treibst du täglich Sport? Oder nur einmal in der Woche? Benutzt du gern den Lift? Fährst du mit dem Rad zur Arbeit? Ist deine Arbeit körperlich anstrengend? Bist du zappelig und immer in Bewegung? Unruhig? Meditierst du? Kannst du bei einem Buch entspannen? Erfreust du dich an guter Musik? Schaust du auch mal nur so in die Luft? Lässt du deine Gedanken ziehen?
Rädchen der Lebensumgebung
Dein Lebensumfeld hat einen ganz wesentlichen Einfluss auf dich. Gestalte es so angenehm wie möglich.
Wie wohnst du? Wie ist dein Zuhause gestaltet? Sind deine Wohnräume wohnlich? Wie ist die Qualität deiner Raumluft? Wohnst du in der Stadt? Oder am Land? Gibt es Bäume, Wiesen und Wege? Kannst du so richtig einatmen? Lebst du mit Familie? Hast du Kinder? Bist du Single? Wie kleidest du dich? Locker und leger? Oder immer der neuesten Mode entsprechend? Bist du immer up to date? Sind deine Schuhe bequem? Gehst du gern barfuß? Wie ist dein Arbeitsumfeld? Stressig? Oder macht es Spaß? Nerven dich deine Kollegen? Ja? Nein? Manchmal? Fühlst du dich unter deinen Freunden, deiner Familie wohl? Habt ihr es lustig? Führt ihr gute Gespräche?
Rädchen der Gedankenwelt
Sowohl negative als auch positive Emotionen sind prägend für deine Gesundheit.
Wie ist dein Glas? Halb voll? Oder halb leer? Grübelst du? Verharrst du gedanklich bei einem Thema? Kannst du Gedanken ziehen lassen, sie kommen und wieder gehen lassen? Bist du eher nachtragend? Oder mal aufbrausend und dann war es das schon? Kannst du über dich selbst lachen? Oder lachst du lieber über andere? Ärgerst du dich gern und oft? Kannst du lieb gewonnene Gewohnheiten ablegen? Bist du offen für Neues? Für andere Blickwinkel? Für lebensverändernde und verbessernde Wege?
Die Qualität deiner Gedanken bestimmt dich – so wie dich die Qualität deiner gesprochenen Worte auch gedanklich beeinflusst. Deine Wortwahl, dein Umgang mit Menschen prägt dich. Worte und Gedanken nähren und beeinflussen uns. Dies macht sich auch am Esstisch bemerkbar: Angenehme Gespräche und positive Gedanken sind ein wahres Labsal für die Verdauung.
Fragen über Fragen … Du benötigst nicht auf alles eine Antwort. Nicht jetzt und nicht gleich. Auch kann man nicht an jedem Rädchen sofort drehen. Oder doch? Entscheide, welches Rädchen oder welche Fragen dir am wichtigsten sind. Was willst du verbessern? Was willst du verändern? Willst du etwas verändern?
Schreib es hier für dich auf. Oder nimm ein Blatt Papier und notiere es.
Meine individuellen Rädchen:

Hier die Auflösung zur Geschichte »Kaffee und Kuchen« (siehe Beginn dieses Kapitels):
1. Person: Cholerischer Charakter
2. Person: Melancholischer Charakter
3. Person: Phlegmatischer Charakter
4. Person: Sanguinischer Charakter

Verdauung … Du bist, was du verdaut hast
……………
Ernährung und Verdauung sind unmittelbar miteinander verbunden. Beide haben einen besonderen Stellenwert in der TEM. Eine gut funktionierende Verdauung ist die Grundlage für körperliche und seelische Gesundheit sowie für stabile Abwehrkräfte. Die Nahrung soll so sein, dass sie bestmöglich und mit wenig Aufwand in die körpereigene Struktur aufgenommen, eingebaut und umgewandelt werden kann.

Bei der Verdauung wird in der TEM von einem Assimilationsprozess gesprochen. Es bedeutet nichts anderes als eine Stoffumwandlung: körperfremde Stoffe werden in körpereigene Stoffe umgewandelt.
Eine bestmögliche Stoffumwandlung erreichst du nur mit der passenden und konstitutionsgerechten Ernährung. Die Qualität des Stoffwechsels ist direkt abhängig von deiner Ernährungsweise und deiner Verdauungskraft.
Im Gegensatz zur westlichen wissenschaftlichen Ernährungslehre wird in der TEM der Mensch als Gesamtbild betrachtet – in seinem Lebensumfeld, mit seiner Ernährung, seiner Verdauung und seiner Psyche. Die TEM kennt die Auswirkungen einer aus dem Gleichgewicht geratenen Ernährung auf die Psyche. Es gibt daher auch keine allgemeingültige Ernährungslehre. Keine Ernährungspyramide. Kein Ernährungsdogma. Was nicht bedeutet, dass dies nun ein Freibrief für Kuchen, Schokolade, Chips & Co. ist.
Arnold Mayer bringt die TEM-Diätetik auf den Punkt: »Was dem Schmied dienlich ist, bringt den Schneider um!«. Dieser Satz des deutschen Heilpraktikers und TEM-Experten soll veranschaulichen, dass an den Stoffwechsel eines Handwerkers, der bei großer Hitze mit schwerem Werkzeug an grobem Material arbeitet, andere Anforderungen gestellt werden als an jemanden, der mit feinem Material arbeitet.
Sprich, der Arbeiter im Straßenbau bei großer Hitze hat völlig andere Anforderungen an seine Ernährung als jemand, der vorwiegend im Sitzen und mit geringem Muskelaufwand arbeitet.
Verdauungskraft: Fremdes überwinden
Die Verdauung ist immer ein Kampf zwischen den Lebenskräften der zugeführten Nahrung und deiner Verdauungsleistung, sie bedeutet letztendlich die Überwindung fremder Lebenskräfte. Je besser deine Verdauung funktioniert, umso einfacher ist es – und einen Kampf soll es für dich tatsächlich nicht bedeuten. Je einfacher, umso besser, umso zielführender.
Das Feuer deiner Verdauung, die Verdauungskraft – hier sind wir bildlich wieder beim Kochtopf – ist das Energiepotenzial für deine Verdauungsleistung. Es muss immer in Relation zu der zu überwindenden fremden Lebenskraft – zu deiner Ernährung – stehen.
Die Einflussfaktoren auf die Verdauungskraft sind vielfältig. Hier habe ich einige aufgelistet:
• Temperament
• Konstitution
• Genotypische Anlage
• Emotionale Grundstimmung
• Jahres- und Tageszeit
• Klima
• Aktuelles Wetter
• Aktuelle Gesundheitskraft
• Lebensalter
• Geschlecht
• Lebensweise
• Stoffwechselbedürfnisse
• Ernährung
• Stärke der fremden Lebenskraft
Das »Verdauungsfeuer« ist nicht allein. Es wird unterstützt vom Herz- und Nervenfeuer, Spiritus vitalis und Spiritus animalis.
Herzfeuer … die Wärme in dir | Spiritus vitalis
Das Herzfeuer stellt die eingeborene Wärme dar, deine Herzensenergie. Das Herz greift über das Arteriensystem in die Magenenergie ein. Über die Arterien werden dem Magen die Spirituskräfte der Luftnahrung vermittelt. Kannst du dich noch erinnern? (Siehe Kapitel »Energie der Lunge: Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Immerfort«.) Mit der Atmung kannst du deine Verdauung beeinflussen und wesentlich verbessern.
Eine einfache Atemübung am Morgen oder auch mal zwischendurch: Atme kräftig und bewusst die frische Luft ein und aus. Reck und streck dich. Klopfe aktiv auf dein Brustbein (auf die Thymusdrüse) – bis zu hundertmal mit beiden Händen. Dehne die Schultern nach hinten, damit du der Lunge Platz schaffst. Atme tief ein und langsam aus.
Deine Atmung kannst du verbessern und stützen, wenn du dich öfter bewegst, Sport betreibst und Atemübungen in den Alltag einbaust. Aufrechtes Sitzen – nicht nur beim Essen – und lockere Kleidung, all das unterstützt ebenso das Herzfeuer. Wenn deine Kleidung zu eng ist, blockiert sie die Verdauung. Den Gürtel zu lockern, macht Sinn, die Verdauung funktioniert dann deutlich besser.
Nervenkraft … Nahrung für die Nerven | Spiritus animalis
Wenn deine Nerven nicht mehr hundertprozentig im Lot sind, kannst du das an vielen Symptomen festmachen. Möglicherweise ist deine Laune heute nicht die beste. Deine Stimmung schlägt schnell um, du bist gereizt. Dir ist unwohl. Du klagst über Übelkeit, oder vielleicht verträgst du heute, oder auch öfters, spezielle Nahrungsmittel nicht. Oder hast du heute Nacht schlecht geschlafen? Bist du unruhig?
Wenn die Nervenkraft nachlässt, kann das viele Ursachen haben und viele Zustände hervorrufen. Meist denken wir dabei an rein psychische Hintergründe. Doch auch Atemnot, Schwindel, Konzentrationsstörungen, unregelmäßiger Blutdruck oder Kopfschmerzen können Gründe für nicht ausreichende Nervenkraft sein.
Die Nervenkraft ist Hauptträger des Spiritus animalis, des Seelengeistes. Sie wird benötigt, um fremde Organisationskräfte – fremde Spiritus – zu überwinden. Erkennst du den Zusammenhang? Die Nervenkraft ist ein wertvoller Indikator, um gut genährt zu sein, um die Nahrung bestmöglich zu verwerten.
Die Nervenkraft gilt es somit ständig zu unterstützen. Das Bauchhirn ist durchwoben von einem großen Nervengeflecht – und dieses kannst du mit passender Ernährung wunderbar unterstützen. Zahlreiche Nährstoffe und Lebensmittel helfen dabei.
Magnesium, Kalzium, Kalium, Tryptophan, Vitamin-B-Komplex, Vitamin C und Vitamin D sind gute Nährstoffe für die Nerven. Eine gute Balance der Nährstoffe darf auch in der TEM nicht vernachlässigt werden.
Lebensmittel, die deine Nervenkraft wunderbar unterstützen:
• Grünes, gut gegartes Gemüse wie Kraut, (Grün-)Kohl, Spinat, Brokkoli, Kohlsprossen, Mangold, Fenchel und Blattsalate sind wunderbare Magnesiumlieferanten und können gern täglich am Speiseplan stehen.
• Vorteilhaft sind auch andere gegarte Gemüsesorten wie Artischocke, Spargel, Sellerie, Pastinake, Rote Rübe, Zucchini, Mais.
• Reichere dein Mittagessen mit fermentiertem Gemüse wie Sauerkraut, Salzgurken und Kimchi an. Durch die Milchsäuregärung kann das Gemüse besser aufgeschlossen werden, und die Milchsäurebakterien sind eine wahre Wohltat für den Darm.
• Würze mit frischen Küchenkräutern wie Petersilie, Basilikum, Bärlauch, Beifuß, Majoran, Oregano, Rosmarin, Melisse, Minze, Lavendel.
• Auch Wildkräuter wie Brennnessel, Giersch, Vogelmiere und viele mehr sind sehr empfehlenswert, sofern du sie zweifelsfrei erkennst und gute Sammelplätze weißt – fern von stark befahrenen Straßen und Spritzmittelflächen, Hundeglück und Dung.
• Weich gekochte Hülsenfrüchte sind – mittags – wunderbares Soul Food (Seelenkost) für deine Nerven: Fisolen, grüne Bohnen, gelbe Wachsbohnen, Buschbohnen, geschälte Linsen und Erbsen. Vorsicht allerdings, wenn du bereits gravierende Verdauungsprobleme hast, dann sind Hülsenfrüchte nicht erste Wahl.
• Als Nachspeise oder auch zwischendurch gibt’s Obst und Zitrusfrüchte: Äpfel, Bananen, Pfirsiche, Weintrauben, Weichseln, Heidelbeeren, Zitronen, Feigen, Datteln und Rosinen sind ganz besonders fein für dein Nervenkostüm.
• Nüsse, Samen und Kerne: Mandeln, Kürbiskerne, Haselnüsse, Walnüsse, Mohn und Sonnenblumenkerne ergänzen jede Mahlzeit und sind auch zwischendurch ideal – ein paar Nüsse in der Schreibtischschublade stärken neben ein paar tiefen Atemzügen deine Nerven nach einem besonders stressigen, anstrengenden Telefonat.
• Getreide wie Hafer, Hirse, Dinkel, Reis, Gerste, Roggen, aber auch Pseudogetreide wie Buchweizen und Amarant enthalten wohlige Ballast- und Nährstoffe.
• Auch tierische Produkte unterstützen die Nervenkraft, zum Beispiel Joghurt, Ziegenmilch, Kraftsuppen, Hühnersuppe, Eier und Butter.
• Und knapp vor Schluss der Liste: Gewürze. Zum Beispiel Kurkuma, Ingwer, Kardamom, Pfeffer, Gewürznelken und Vanille – sie schmeicheln ungemein. Wohldosiert, als Einzelgewürz oder in Kombination.
• Last but not least: Flüssigkeit. Auch Feuchtigkeit ist für die Nerven relevant. Am besten ist Wasser. Kräutertee und Kaffee sind auch eine Option, allerdings nur zweite Wahl.
Wow! Bist du auch der Meinung, dass das eine enorme Bandbreite an Nervennahrung ist? Hier ist sicher für jeden etwas dabei. Ganz auch bestimmt für deine Nerven. Diese und viele weitere Nahrungsmittel unterstützen deine Nervenkraft und dadurch die Verdauung und den Assimilationsprozess.
Wie dir bestimmt schon aufgefallen ist, kommt es auch auf die Zubereitungsmethode an. Versetze deine Nervenkraft durch Ungekochtes nicht in unnötigen Stress. Ausnahme kann schon mal der Biss in eine knackige Karotte zum Abreagieren sein. Muss sie aber nicht. Gegartes bedeutet Vorverdautes und somit weniger Arbeit für den Verdauungstrakt.
Von Bedeutung ist auch, wann du welche Lebensmittel zu dir nimmst. Hülsenfrüchte und Fermentiertes zum Beispiel können abends deine Verdauung mehr belasten, als dir vielleicht lieb ist – ganz abhängig von Temperament, Alter, Tages- und Jahreszeit.
Magenkraft … den Tonus verbessern
Der Magen stellt unser Tonuszentrum dar, er ist das Zentrum unserer gesamten Spannkraft und initiiert sowohl die Blutregeneration als auch die energetische Regeneration. Der Magen ist somit auch Zentrum aller Faszien. Kräftige Faszien bedeuten auch einen kräftigen Magen. Nun kann man Faszien ganz gezielt trainieren. Sport und effektives Training, sowohl körperlich als auch mental, stärken und beeinflussen die Faszien und den Magentonus.
Neben Sport haben auch Lebensmittel mit einer zusammenziehenden Geschmackskomponente eine magenstärkende Wirkung, wie Kornelkirsche, Birne, Quitte, Rote Rübe, Walnüsse und sehr viele Gewürze. Letztere haben nicht nur eine rein geschmackliche Wirkung, sondern einen wesentlichen Einfluss auf die Verdauung.
• Ein Gewürz hat sicherlich jeder zu Hause: Pfeffer. Er hat auf nüchternen Magen eine ganz besonders intensive Wirkung. Die Pfefferkur ist eine der effektivsten Magenstärker.
• Auch Gewürzmischungen sind beliebt. Phlegmatikern und Melancholikern wird eine Mischung aus Anis, Fenchelsamen, Pfeffer, Gewürznelke, Muskatnuss, Zimt und Zucker empfohlen.
• Tipp bei Magenschwäche, aber auch bei Krämpfen und Blähungen: 1 Teil Ingwer, 1 Teil Salz und 2 Teile Kümmel im Mörser grob zerstoßen und zum Würzen verwenden.
• Ebenso gelten Essig, Verjus, Senf und Kapern als Magentonikum.
• Kaffee, etwa 15 bis 30 Minuten vor der Mahlzeit getrunken, hat eine magentonusverbessernde Wirkung. Gewürzt mit Kardamom oder Muskat verstärkt sich die Wirkung.
• Ein beliebtes Mittel, das Pfarrer Kneipp empfahl, um den geschwächten Magen zu stärken, ist die Wacholderbeerenkur: Man kaut am 1. Tag vier Beeren (und schluckt sie dann), am 2. Tag fünf Beeren und steigert an jedem weiteren Tag um eine Beere. Am 12. Tag sind es 15 Beeren – dann wird jeden Tag um eine Beere reduziert, also sind es am 13. Tag nur noch 14 Beeren usw., bis man wieder bei vier Beeren angelangt ist.
Schwangere und Menschen mit einer Nierenerkrankung oder Nierenschwäche sollten diese Kur nicht durchführen. Die Wacholderbeeren regen massiv die Nierentätigkeit an und entwässern – sie haben eine stark reizende Wirkung auf das Nierengewebe, sprich daher eine Kur vorab mit deinem Arzt ab.
Wasser vermindert den Magentonus. Trinke dein Wasser zwischen den Mahlzeiten, um dein Verdauungsfeuer nicht zu löschen.
Assimilationsstoffwechsel: Die Umwandlung der Nahrung
Die Assimilation, die Stoffumwandlung körperfremder in körpereigene Stoffe, beschreibt die Verdauung und Verstoffwechslung der Speisen und die Ausscheidung der Überschüsse. Die TEM spricht hier von drei Stationen, drei »Kochungen«, abgeleitet vom lateinischen Wort »coctio«, was das Kochen, aber auch die Verarbeitung (Verdauung) der Speisen bedeutet.

Und schon wieder kann man das Beispiel mit dem Kochtopf zur Hand nehmen: Stell dir deinen Magen als brodelnden, dampfenden Kochtopf vor. Deine Verdauungskraft ist das lodernde Feuer. Die Asche versinnbildlicht die Ausscheidungsprodukte. Die Nahrung selbst wird zu deiner Energie.
Denaturierung … hier ist ganz schön viel los
Die Denaturierung ist die erste von drei Kochungen. Sie findet im Verdauungstrakt – im Magen-Darm-Rohr – statt. Ihre Aufgabe ist die Auflösung der Speisen zur bestmöglichen Verwertbarkeit.
Für eine effiziente Magenleistung ist eine Anpassung der Nahrung an die Verdauungskraft erforderlich. Eine an die Jahreszeit, die Tagesverfassung, das Temperament angepasste individuelle Ernährung erleichtert diese Arbeit.
Du kannst die erste Kochung unterstützen, indem du vorwiegend bereits gekochte oder gut aufgeschlossene Nahrung zu dir nimmst. Ungekochte, rohe und grobe Lebensmittel bedeuten einen erheblichen Aufwand für den Verdauungstrakt und erschweren die Auflösung. Seit Urzeiten nutzen wir küchentechnische Mittel, um die Nahrung zu zerkleinern, säuern, salzen oder erhitzen.
Daher geht’s zuerst in die Küche. Dort beginnt dein Stoffwechsel. Es startet mit dem Geruch – dem Geruch der Zubereitung. Mit dem Kochprozess leitet man in kleinen Schritten bereits die Verdauung ein – Gehirn und Darm stehen in ständiger Kommunikation. Am Teller und im Mund wird der Stoffwechsel fortgesetzt. Wir nehmen die Nahrung immer auch über Augen, Nase und Mund wahr. Alles zählt: Geruch. Optik. Greifen. Hören. Wärme. Mundgefühl. Geschmack. Du erinnerst dich? – Die Sinne, Empfindungen werden an das Bauchhirn weitergegeben. »Es gibt was zu essen«, rufen sie, und schon starten die Organe ihre Arbeit.
Als Nächstes wird gekaut. Mit der Zerkleinerung der Nahrung im Mund unterstützen wir die Verdauung. Ob du einen Bissen 10, 20 oder 30 Mal kaust, sei dir überlassen. Ausreichendes Kauen aktiviert jedenfalls deine Verdauung, deinen Stoffwechsel und Sättigungsgrad. Und im Mund findet bereits die erste Entgiftung statt. Die vorbereitende Mundverdauung hat einen wesentlichen Einfluss. Je besser die Speisen eingespeichelt werden, desto mehr wird dem Magen die Knetarbeit erleichtert. Dir liegt dann nichts im Magen …
Die ursprüngliche Lebens- und Organisationskraft der Lebensmittel, die Energie deiner Nahrung, muss überwunden werden. Das ist die Grundvoraussetzung für die Umwandlung von fremder in eigene Energie. Und das benötigt Kraft. Muskeln. Der Magen ist ein Muskel, er ist dein Tonuszentrum. Er bildet die Spannkraft der Körperfasern und des Nervenzentrums. Die gesamte Spannkraft des Körpers steht in Zusammenhang mit dem Tonus des Magens. Fühlst du dich schlapp und schwach, ist es auch dein Magen.
Was passiert genau im Magen? Hier wird der Speisebrei denaturiert – aufgelöst und strukturell verändert. Der aggressive Magensaft, die Magensäure, zerstört die pathogenen Keime. Die Denaturierung im Magen hat, durch die Eiweißverdauung und Eisenverwertung, entscheidenden Einfluss auf die Vitalkraft. Das Spurenelement Eisen kurbelt den Spiritus vitalis an und ist ein bedeutender Vermittler der vitalen Kräfte. Umso bedeutender ist eine intensive Überwindung des »fremden« Eisens im Magen. Dafür ist es notwendig, dem Magen eine saure, eine melancholische Geschmackskomponente zuzuführen.
Saures steigert die auflösende Wirkung. Heute weiß man, dass Vitamin C diese Wirkung hat. Du denkst nun vielleicht zuerst an die Zitrone – sie liegt ja auch beim Wiener Schnitzel dabei –, doch es gibt viele weitere gute Vitamin-C-Quellen, wie frisches Gemüse, Kräuter und Obst.
Da Vitamin C besonders hitzeempfindlich ist, sollte man frische, ungekochte Lebensmittel bevorzugen, zum Beispiel Paprika, Radieschen, Kohlrabi, Sauerkraut, Fenchel, Brennnessel, Petersilie, Sauerampfer, Apfel, Hagebutte, Beeren, Kiwi, Orange und Grapefruit. Auch Kohlgemüse wie Kraut, Kohlsprossen, Brokkoli und Karfiol enthält viel Vitamin C. Diese Gemüsearten stecken auch voller anderer Nährstoffe – und für diese lohnt es sich, diese Gemüse zu kochen.
Neben Eisen schätzt die TEM den großen Nutzen von Vitamin B12. Es wird in der Natur von Mikroorganismen produziert. Der menschliche Organismus ist nicht in der Lage, selbst ausreichend Vitamin B12 herzustellen. Wir sind daher auf den Vorrat, den sich pflanzenfressende Tiere angelegt haben, also auf Fleisch, oder auf Präparate angewiesen.
Vitamin B12, das über einen langen Zeitraum gut gespeichert werden kann, beeinflusst die Zellteilung und die Energieproduktion in den Mitochondrien und ist ein bestimmender Faktor bei der Blutneubildung. Es ist notwendig für den Aufbau und Erhalt der Zellmembranen, den Schutz der Nerven im Zentralnervensystem und Gehirn. Es ist nötig zur Produktion essenzieller Botenstoffe und beeinflusst so unsere Stimmung und Wahrnehmung.
Nun sind wir beim Darm angelangt: Für den Darm ist eine gesunde Mikroflora bedeutend, denn sie unterstützt dessen muskuläre Leistung. Im Darm erfolgt die Zerlegung des Speisebreis in die einzelnen Bausteine, die Resorption des Wassers. Die nährenden Kräfte – Bausteine und Feuchtigkeit – sind nur dann dem Stoffwechsel zugänglich, wenn die Speisen ausreichend zerlegt werden können. Fehlt die Verdauungskraft oder ist diese nicht ausreichend, kann die Nahrung nicht aufgeschlossen werden und die Kräfte der Nahrung bleiben dem Organismus verschlossen.
Deine Darmbakterien lieben Präbiotika. Sie ernähren sich von Ballaststoffen, gedeihen und wachsen. Ballaststoffe unterstützen die Verdauungsleistung. Lebensmittel, die sehr viele Präbiotika enthalten, sind zum Beispiel Topinambur, Pastinake, Spargel, Chicorée, Knoblauch, Zwiebel, Lauch, Schwarzwurzel, Artischocke, Hafer und Roggen. Baue sie regelmäßig in deinen Speiseplan ein und deine Darmflora wird vielfältiger und stärker.
Auch Probiotika nähren die »guten« Darmbakterien. Probiotika sind Lebensmittel mit lebenden Mikroorganismen, die in den Darm gelangen und ihm nützlich sind, zum Beispiel vergorene Milchprodukte wie Joghurt und Kefir oder Apfelessig. Ebenso milchsauer vergorene Lebensmittel wie Sauerkraut, Salzgurken oder Kimchi. Sie alle haben einen enormen Einfluss auf die Mikroflora und somit auf die Verdauungsleistung des Darms.
Durch das vermehrte Aufkommen industriell produzierter Nahrungsmittel – die auf den ersten Blick vielversprechend und praktisch erscheinen – hat sich unser Ernährungsstil verändert. Bei den Fertigprodukten haben Präbiotika und Probiotika das Nachsehen. Die Folge ist, dass den Darmbakterien wichtige Nahrung fehlt.
Mein Appell: Unterstütze deine Mikroflora mit möglichst vielfältiger Nahrung. Iss bunt und abwechslungsreich.
Sanguifikation … Vitalisierung
In der TEM beginnt der Prozess der Sanguifikation, der zweiten Kochung – auch Blutbereitung oder Bildung der Humores genannt –, im Verdauungstrakt. Finalisiert wird dieser Prozess in der Leber.
Die nährenden Bausteine – Aminosäuren, Fettsäuren, Kohlenhydratbausteine, Vitamine, Mineralien und viele mehr – aus dem nun wesenlosen Nährstrom des Verdauungstrakts sind die Basis für die Säftebildung. (»Wesenlos« bedeutet, dass der Nahrung im Magen ihre Lebenskraft entzogen wurde.)
Die Leber prägt und reift diese Nährflüssigkeit. Sie drückt ihr den Stempel deines Organismus auf. Die Leber, unser hitzigstes, cholerisches Organ, prägt den kalt-feuchten, phlegmatischen Nährstrom und vermittelt ihm eine warm-feuchte, sanguinische Qualität.
Durch die Leber wird aus dem kalt-feuchten Nährstrom warm-feuchte Vitalkraft. Leber > • > Herz • > Lunge
Die Vitalisierung des rohen, nährstoffreichen Bluts in arterielles Blut erfolgt im Herz-Lungen-System. Die Leber stößt das Blut ab, das Herz zieht es an und gibt es an die Lunge weiter. Das daraus entstehende Blut wird zum vermittelnden Organ und überträgt die Vitalkraft aus den drei Nahrungskreisläufen: der flüssigen, festen und gasförmigen Nahrung. In der zweiten Kochung werden auch die Humores Chole (bewegend und umwandelnd) und Melanchole (strukturgebend) gebildet. Phlegma, das nicht weiter aufbereitet wurde, ist gespeicherte Energie und wird bei Bedarf aufbereitet.
Finale Assimilation … nun ist es deins
Die dritte Kochung findet im stoffwechselaktiven Gewebe durch das gereifte Blut statt. Körperfremdes wird nun endgültig zu Körpereigenem und in den Zellen gezielt aufgenommen.
In diesem Prozess schreibt die TEM der Milz eine wichtige Rolle zu: die Ausscheidung. Die Milz zieht die auszuscheidenden Stoffe bildlich an und sortiert sie – über die Niere als Harn und über die endgültige Ausscheidung durch den Darm.
Ab nun macht sich so richtig bemerkbar, ob deine Nahrung für dich ausreichend war und deinem Temperament entsprochen hat. Nun ist es, im übertragenen Sinn, so weit: Deine Nahrung wurde zu deinen Zellen. Deine Zellen bestehen nun aus deiner Nahrung.
Qualität vor Quantität – und ein hübsch gedeckter Tisch

Die Nahrung ist die Basis des Assimilationsstoffwechsels, also der drei Kochungen. Sie bringt neue Zellen hervor, die den Ersatz für das Verbrauchte darstellen. Doch dieser Kreislauf bringt zwangsläufig Defizite mit sich, er fördert Erkrankungen und Alterung.
Je besser die Qualität der Nahrung, umso besser durchläuft diese die Assimilation. Der Qualitätsanspruch an die Nahrung ist unter diesem Gesichtspunkt besonders hoch zu bewerten.
Um deine Verdauung auch durch die Speisenfolge zu unterstützen, beginne mit den weichen, leicht verdaulichen Speisen. Dies verhindert, dass schwer verdauliche Speisen den Verdauungsprozess blockieren und damit auch deine Sättigung verzögern.
Dein Motto: »Ich bin, was ich verdaut habe.«
Deine Nahrung ist eng mit deinen Emotionen gekoppelt, ob positiv oder negativ. Der Küchengeruch sendet erste Signale. Ist dieser Geruch mit guten Gefühlen gekoppelt? Sehr fein. Um die Lebensgeister zu stärken, ist es auch von Bedeutung, die tägliche Nahrung in einem angenehmen Umfeld, in positiver Stimmung und in der richtigen Sitzposition einzunehmen.
Essen im Stehen oder Gehen signalisiert dem Nervensystem, auf der Hut zu sein, Gefahr kann drohen. Der Sympathikus versetzt den Körper in eine erhöhte Leistungsbereitschaft und bereitet ihn auf Angriff oder Flucht vor. Der Parasympathikus schaltet dadurch automatisch die Verdauungsleistung zurück. Er lässt dich jederzeit vor dem »Raubtier«, der Gefahr, fliehen. Folglich ist dadurch auch der Assimilationsstoffwechsel gebremst.
Das heißt: Essen in stressiger Situation, Essen direkt vor dem Computer, Essen mit Kollegen, die Probleme am Mittagstisch wälzen – all das ist kontraproduktiv für die Verdauung.
Hingegen hat Essen in einem wohligen Ambiente und an einem schön gedeckten Tisch eine ganz andere Bedeutung. Betrachte dein Essen. Gefällt es dir? Dekorativ, auch fürs Auge hübsch angerichtet soll es sein. Angenehme Musik und fröhliche Gesellschaft bieten eine wesentlich bessere Qualität – selbst wenn es die gleiche Speise ist.
Genieße das Essen Bissen für Bissen. Rieche, schmecke, fühle. Das alles bedeutet auch Wertschätzung für die Lebensmittel, für die Energie, die man aufgebracht hat, um Obst, Gemüse, Kräuter, Gewürze, Nüsse, Samen, Pilze und tierische Produkte zu dem zu machen, was es nun auf unserem Teller ist: Nahrung – für deinen Körper, deinen Geist und deine Seele. Diese Wertschätzung den Produkten gegenüber bringst du in gleichem Ausmaß dadurch auch dir entgegen. Das ist doch richtig schön!
Mein Ernährungsalltag … wie geht es mir?
Dass Ernährung und Verdauung sehr eng zusammenhängen, ist dir nun nicht mehr ganz so fremd. Um deine Ernährungsgewohnheiten zu hinterfragen und anpassen zu können, ist es hilfreich, über mehrere Tage zu notieren, was du isst, wie du verdaust, wie du dich bewegst.
Also, ein Tagebuch. Eine tägliche Mitschrift deiner Ernährung und Verdauung, deiner Bewegung, deines Schlafes und auch deines Stresses. Wann bist du aufgewacht? Immer im Hinblick auch darauf, wie du dich fühlst, wie fit und vital du bist.
Das alles bedeutet einen gewissen Aufwand. Am besten ist es, wenn du immer gleich einträgst, was du gegessen hast. Zu leicht vergisst man das eine oder andere am Ende des Tages. Sieh dir am Tagesende oder am nächsten Tag die Einträge an. Womit fühlst du dich gut? Was passt ideal? Woran würdest du gern drehen, was ändern?
Fülle dieses »Assimilationstagebuch« über einen längeren Zeitraum aus. Wie lange genau? Nun, das ist abhängig von deinen Einträgen und ob du damit zufrieden bist. Es kann auch unterstützend sein, nach sechs Monaten oder sogar nach mehreren Jahren nochmals daranzugehen. Die Bedürfnisse ändern sich – und damit kannst du ganz gut deine Gewohnheiten adaptieren. Eine Vorlage dafür findest du gleich im Anschluss.


Nun ist es Zeit für Reflexion:
Markiere mit einem grünen Stift jene Einträge, die dir gut gefallen haben, die dir gutgetan haben. Jene, die Wohlbefinden in dir ausgelöst haben.
Es gibt sicherlich Einträge, mit denen du nicht im Reinen bist, die du gern anders sehen würdest. Welche sind das? Picke sie dir heraus. Bewerte sie für dich. Was möchtest du ändern? Welche Änderung kannst du sofort umsetzen? Wofür benötigst du Zeit? Wofür benötigst du vielleicht Unterstützung?
Ziel ist es, möglichst viele grüne Felder zu haben.

Vier-Temperamente-Küche … Geschmackvoll & gut verdaulich
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Die Vier-Temperamente-Küche ist eine für dich speziell abgestimmte Ernährung. Du selbst entscheidest, was dir guttut, dich nährt und dich sowie deinen Organismus am besten versorgt. Jede Mahlzeit ist persönlich abgestimmt auf dein Temperament und zur Tages-, Jahres- und Lebenszeit passend.

In alten Überlieferungen wird sehr häufig auf den gesundheitlichen Aspekt des Kochens hingewiesen. Durch das Kochen trägt man Verantwortung – für die Gesundheit. Speziell die Kochbücher aus den Klöstern, die sich intensiv mit der Gesunderhaltung von Körper und Geist beschäftigten, erwecken den Eindruck von Arzneibüchern. Durch frühzeitiges Erkennen und passende, temperamentgerechte Diätetik kam es erst gar nicht zu einer Krankheit. Der Arzt wurde erst herangezogen, wenn der Koch »versagt« hatte. Ganz nach dem Motto: »Der Koch ist der bessere Arzt«.
In der Küche für die vier Temperamente steht Selbstgekochtes ganz vorn. Die Basis dafür bilden wertvolle Lebensmittel, mit denen uns die Natur so reich beschenkt. Diese gilt es bestmöglich zuzubereiten, um das jeweilige Temperament so gut wie möglich zu versorgen, um den Alterungsprozess zu entschleunigen, um gesund, fit und vital zu bleiben.
Wir orientieren uns nicht an Kalorien. Qualität, Nährstoffe, Wirkung und Geschmack sind die Hauptaspekte. Wesentlich sind die Verwertbarkeit und die Verdaulichkeit – der Nutzen, den wir aus unserer täglichen Nahrung ziehen. Unser Ziel: Wir wollen – Tag für Tag – Energie und Lebenskraft aus unseren Mahlzeiten gewinnen.
Die Vier-Temperamente-Küche bedeutet: Kochen für die Gesunderhaltung. Die täglichen Mahlzeiten sind die Basis für Energie und Lebenskraft.
Betrachte die Vier-Temperamente-Küche als eine Küche mit verschiedenen Bausteinen. Solchen, die du individuell anpassen kannst. Die Basisbausteine sind die Lebensmittel selbst – tierisch und pflanzlich, ganz deinem Temperament entsprechend.
Je nachdem, ob du eher sanguinisch, cholerisch, melancholisch oder phlegmatisch bist, wählst du jene Lebensmittel, die jahreszeitlich am besten für dich passen. Die Zuordnung zu den vier Elementen Luft, Feuer, Erde und Wasser unterstützt dich dabei:
Hier ein pragmatisches Beispiel: Bist du gerade in einer hitzigen, trockenen, cholerischen Phase, dann unterstützen dich die kühlenden und befeuchtenden Lebensmittel des Elements Wasser ganz wunderbar.
Ebenso ist es auch in den unterschiedlichen Lebensphasen und Vier-Jahreszeiten. Die Vier-Temperamente-Küche achtet auf die überschießenden Qualitäten. Befeuchtung, Kühlung, Erwärmung und Trocknung sind die vier wesentlichen Argumente, um auszugleichen und die eigene Konstitution zu stärken.
Die Basis der Vier-Temperamente-Küche sind die geschmackvollen Lebensmittel und deren Zubereitung. Mit der Zuordnung zu den Elementen Luft, Feuer, Erde und Wasser können überschießende Reaktionen, sei es der Temperamente, Lebenszeiten und/oder Jahreszeiten, ausbalanciert werden.
Nun kochst du möglicherweise nicht nur für dich allein. Auch deine Familie, deine Freunde wollen gut versorgt sein. Gewürze und unterschiedliche Garmethoden helfen, um den verschiedenen Temperamenten gerecht zu werden. Anpassen kannst du die Gerichte durch unterschiedliche Gewürze oder Gewürzpasten. Auch Soßen sind eine Option. Ebenso haben verschiedene Garmethoden und Konsistenzen einen großen Einfluss.
Wenn einer deiner Lieben zum Beispiel keine Cremesuppe, sondern seine Suppe stückig, mit Biss, mag, ist das auch kein Problem. Entnimm einfach etwas früher – kurz vor dem Pürieren – einen oder zwei Teller Suppe aus dem Topf oder serviere beispielsweise geröstete Nüsse oder geraspelte, marinierte Karotten als Einlage dazu.
Auch der Geschmack variiert je nach Temperament. Es soll etwas süßer sein? Oder eine Spur schärfer? Säure fehlt? Es ist zu lind? Dies sollte daher immer auf dem Tisch stehen: Honig, Fruchtsaft oder Mus, Pfeffer, Ingwer, Chili oder Senf, Zitrone, Verjus oder Essig, Kräutersalz. Oder aber Gewürzmischungen und Würzsoßen, die den vier Geschmacksrichtungen süß, scharf, sauer und salzig entsprechen. So kann jeder den Geschmack individuell seinem Temperament anpassen – und du hast keinen Stress beim Kochen.

Geschmäcker, achtmal anders
Geschmackloses Essen? Ernährung ohne Pfiff? Das wäre höchst langweilig! Ja, richtig temperamentlos! Damit uns das Essen nährt, muss es auch schmecken. Es kann noch so sehr als »gesund« angepriesen werden – wenn es nicht schmeckt, dann mag man es nicht.
Ein kurzer Schwenk: Mich wundert es gar nicht, dass Kinder Gemüse ablehnen, wenn es ihnen als »so wahnsinnig gesund« verkauft wird. Warum sagt man nicht: »Mmh, das schmeckt!« Das würde einiges einfacher machen. Ich kann es nicht oft genug betonen: Essen muss auch schmecken!
Manches benötigt mehrere Anläufe. Auch ändert sich der Geschmack im Lauf des Lebens – so wie die Bedürfnisse. Man könnte auch andersherum schlussfolgern: Weil sich die Anforderungen ändern, ändert sich auch der Geschmack.
Nur weil dir dieses oder jenes in der Kindheit nicht geschmeckt hat – versuch es einfach wieder damit. Manches benötigt eine 2., 3., 4. … oder mehr Chancen.
Der Geschmack wird individuell wahrgenommen. Männer und Frauen schmecken je nach Alter, Tageszeit und Konstitution unterschiedlich. Wesentlich für den Geschmack ist auch der Geruch. Geruch und Geschmack – beide sind ausschlaggebend für die Verdauung. Der Stoffwechsel richtet sich ganz nach dem ersten und zweiten Eindruck der Nahrung. Geruch und Geschmack wirken im Zusammenspiel mit Verdauung und Gehirn.
Zuerst wird der Geruch und dann der Geschmack wahrgenommen. Das Gehirn – als übergeordnete Instanz – steuert und passt über das Nervensystem situationsbedingt die Verdauungsleistung an.
Wenn es schmecken soll, musst du es auch gerne riechen wollen. Die TEM hat jede Menge Geschmack: acht Haupt- und zwei Mischgeschmacksrichtungen.
Die acht Hauptgeschmacksrichtungen werden in drei hitzige, drei befeuchtende und zwei kühlende Geschmäcker unterteilt.
| Drei hitzige, warm-trockene Geschmacksrichtungen • bitter • scharf (aromatisch scharf) • salzig Drei befeuchtende Geschmacksrichtungen • süß • fettig • wässrig Zwei kühlende Geschmacksrichtungen • sauer • zusammenziehend |
Die zwei Mischgeschmacksrichtungen kratzend und schleimig setzen sich aus den unterschiedlichen Hauptgeschmacksrichtungen zusammen.
• Kratzend: Kratzender Geschmack ist eine Kombination aus scharf & bitter, es kann auch das Zusammenziehende dabei sein. Salbei hat zum Beispiel so eine Geschmackskomponente. Der kratzende Geschmack passt wunderbar für den Frühling.
• Schleimig: Schleimiger Geschmack ist eine Kombination aus wässrig & fettig, fettig & süß oder wässrig & süß. Die schleimige Geschmacksrichtung ist besonders stark nährend. Diesen Geschmack hat die Fast-Food- und Lebensmittelindustrie bewusst oder auch ganz unbewusst aufgegriffen. Die Mischung aus fettig & süß zählt dabei zu den häufigsten Kombinationen, eine sehr nährende. Im Vergleich mit der Urzeit mögen wir das: Mit wenig Aufwand viel erreichen. Ohne viel zu jagen sind wir satt. Aber Achtung: Fast Food muss nicht gejagt werden! Hier fehlt uns eindeutig die Bewegung.
Kannst du die verschiedenen Geschmacksrichtungen schmecken? Sie sind sehr unterschiedlich. Du nimmst sie unterschiedlich wahr, denn die Geschmäcker haben unterschiedliche Qualitäten. Sie sind:
• Mal mehr, mal weniger warm.
• Mal mehr, mal weniger trocken.
• Mal mehr, mal weniger feucht.
• Mal mehr, mal weniger kalt.
Der Grund: Auch die Geschmäcker liegen im Achsenkreuz von Ur-Eis und Ur-Feuer. Und die Vier-Temperamente-Küche bedient sich je nach Temperament und Anforderung all dieser Geschmacksrichtungen. So vielfältig wie nötig. Doch diese vier Geschmacksrichtungen sind immer dabei: süß, scharf, sauer, salzig – die vier »S«.
Die vier »S«, die essenziellen Geschmacksrichtungen der TEM
Die Vier-Temperamente-Küche ist immer voll Geschmack. Vier Geschmäcker sind in jedem Gericht, in jeder Speise, ja in jeder Komponente immer dabei: süß, scharf, sauer, salzig. Die vier »S«. Sie sind für uns essenziell, um alle Sinne, alle Säfte anzusprechen. Und damit lässt sich jede Menge zaubern.
Im Grund ist dieser Ansatz nichts Neues: Tomatensoße immer mit einer Prise Zucker ergänzen, Zimt zu Milchreis, ein Schuss Essig zu Deftigem, Süßspeisen nie ohne eine Prise Salz.
In traditionellen Gerichten sind solche Kombinationen kein Thema – weil es logisch ist. Doch weshalb ist es logisch? Und warum sollte das auch auf neue, moderne Gerichte angewendet werden? Ganz einfach: Um die Temperamente in uns auszugleichen, braucht es von überall etwas – und je nach persönlicher Konstitution und momentaner Situation von dem einen mehr und von dem anderen etwas weniger. Also zum Ausgleich – und um die Grundkonstitution zu stärken.
Nebenbei heben sich die verschiedenen Geschmäcker gegenseitig in die Höhe. So schmeckt Süßes durch eine Spur Salziges und Salziges durch eine Spur Süßes harmonischer und runder am Gaumen.
Jede der vier Geschmacksrichtungen ist einem Temperament zugeordnet:
• Süß: Sanguiniker
• Scharf und bitter: Choleriker
• Sauer und scharf: Melancholiker
• Salzig: Phlegmatiker
Welche süßen, scharfen, sauren oder salzigen Lebensmittel kennst du? Geh einfach auf die Suche und koste dich durch deine Vorräte. Erspüre den Geschmack. Am besten jedes Mal aufs Neue, immer wieder beim Kochen. Auch beim Schneiden der Lebensmittel achte auf den Geschmack.
GEBACKENE ROTE RÜBEN MIT KRÄUTERDIP

Süß: Honig, gegarte Rote Rüben, gegarte Zwiebeln
Scharf: Zwiebeln, Rosmarin, Pfeffer
Salzig: Salz, Kräuter
Sauer: Essig, Joghurt
Bitter: Zitronenschale
Zusammenziehend: Walnüsse
Es ist ganz leicht, die vier »S« in die Ernährung zu integrieren. Hier ein Beispiel für ein einfaches Gericht:
Schäle rohe rote Rüben – Handschuhe sind ratsam – und schneide sie in etwa 1 cm dicke Stifte. Bestreue sie mit Salz und beträufle sie mit etwas Honig. Backe sie mit Zwiebeln und Rosmarin ca. 40 bis 60 Minuten bei 180 °C (Ober- und Unterhitze).
Anschließend marinierst du das Gemüse mit etwas Essig, Öl sowie Salz und garnierst es mit einem erfrischenden Joghurt-Kräuterdip, bestehend aus Joghurt, frischen Kräutern deiner Wahl, etwas Ingwer, Honig, Salz und Pfeffer.
Abschließend streust du gehackte Walnüsse und frisch geriebene Zitronenschale darüber. Fertig ist die Mahlzeit mit den vier »S«. Guten Appetit! Lass es dir schmecken!

Bitter & zusammenziehend: Du wunderst dich, dass weder bitter noch herb bei den vier essenziellen Hauptgeschmacksrichtungen, den vier »S«, vorkommen? Beide, sowohl der bittere als auch der zusammenziehende, herbe Geschmack, sind notwendig. In der TEM sieht man diese aber als rein therapeutische Geschmacksrichtungen an, daher müssen sie nicht zwangsläufig in jeder Speise vorkommen – aber sie können. Sie bilden eine Art Rahmen – eine besonders warme und eine besonders kühle Komponente umgrenzen damit die vier »S«: Bitter aktiviert und das Zusammenziehende setzt Grenzen.
Drei hitzige Geschmacksrichtungen: bitter | scharf | salzig
Bitter … anregend oder giftig?
Bitter versetzt uns in Alarmbereitschaft, es bedeutet für uns in erster Linie: »Oh, das könnte giftig sein!« Aber nicht nur. Giftstoffe kurbeln vielmehr unser Entgiftungsorgan, die Leber, an. Genau diese angeborene, intuitive Funktion nutzen wir mit bitteren Lebensmitteln. Immer dann, wenn die Leber aktiviert werden soll, greifen wir zum bitteren Geschmack. Grundsätzlich wäre das so nicht notwendig. Jedoch, nicht immer ernähren wir uns und leben nach dem, was uns am besten verträglich ist. Um diese, sagen wir mal, nicht so optimale Ernährung und Lebensweise auszugleichen, sind Bitterstoffe eine Wohltat für unseren Stoffwechsel.
Bitter setzt ein Zeichen. Es aktiviert unsere Lebensgeister – es aktiviert den Überlebensmechanismus. Wenn wir durch unpassende Ernährung dumpf und lasch werden, wecken uns Bitterstoffe im übertragenen Sinn wieder auf.
Es gibt genügend Lebensmittel mit vorwiegend bitterem Geschmack, zum Beispiel viele herrliche Bittersalate: Radicchio, Endivie, Frisée, Chicorée und Zuckerhut, aber auch Gemüse wie Artischocke, Obst wie Grapefruit oder Zitronenschale, Bier. Auch viele Kräuter punkten mit bitterem Geschmack: Brennnessel, Beifuß, Wegwarte, Löwenzahn und Gundelrebe. Ebenso Gewürze wie Kurkuma und vieles mehr.
Der bittere Geschmack spricht aber nicht nur die Leber an. Auch die Schleimhäute und das Venensystem reagieren darauf mit gesteigerter Produktion. Die Spannkraft der Muskelfasern wird gestärkt. Der Tonus des Magens und des Herzens erhöht sich.
Bitter ist warm und trocken. Es ist intensiver, aber langsamer und nachhaltiger als scharf und hat dadurch eine schleimlösende Wirkung. Es öffnet die Porengänge und hilft beim Abtransport des Phlegmas. Beginne bei bewusster Veränderung deiner Ernährung – wie zum Beispiel beim Wunsch, Gewicht zu reduzieren – immer mit einem Bittertag. Er aktiviert den Geist, die Leber, das Verdauungsfeuer und das Phlegma. Das Skurrile daran ist, dass die Bitterstoffe in weiterer Folge kühlend wirken. Durch die Aktivierung der Schleimhäute werden auch reizende Stoffe besser abgeführt – Chole wird ausgeschieden. Zudem werden die Nerven besänftigt. Und auch Hitzeschübe, die durch Fieber und Infektionen hervorgerufen werden, können sich verringern. Das übersteigerte cholerische Temperament benötigt das Bittere. Unbedingt. Es kühlt und gleicht aus.
Bitter hat eine enorme Wirkung auf den Stoffwechsel – daher stets wohldosiert einsetzen: nicht im Übermaß, aber auch nicht bewusst meiden. Zum Beispiel Kurkuma, es gibt Gerichten nicht nur eine schöne gelbe Farbe, es wirkt vor allem bitter. Oder bereite dir einen Brennnesseltee. Oder streue ein paar gehackte Löwenzahnblätter oder Gänseblümchen über deine Speisen.
»Röhrlsalat«, wie er in Österreich, vor allem in Kärnten und der Steiermark, gern serviert wird, ist ein wunderbares Beispiel: Warme, blättrig geschnittene Kartoffeln werden mit jungen, fein geschnittenen Löwenzahnblättern und einer guten Marinade vermischt. Eine traditionelle und sehr schlaue Methode, um den eher phlegmatisch-kühlenden Kartoffelsalat im Körper besser verwerten zu können.
Scharf … bewegt und reinigt
Scharf riecht man, bevor man es schmeckt. Probiere es aus: Schneide einen roten Gemüsepaprika und eine scharfe Chilischote in Stücke. Rieche zuerst an den Paprikastückchen, dann an den Chilis … Auch Senf und frisch gerissener Kren (Meerrettich) riechen scharf. Oder beim Zwiebelschneiden: Merkst du, wie sich bei dir plötzlich Nase, Augen und Mundraum verändern? Wie dein Speichel anders wird, mit oder ohne Verkostung? Die Schleimhäute verändern sich. Je nachdem, wie scharf du etwas empfindest, tropft die Nase, werden die Augen feucht. Du musst dich räuspern, husten. In dir steigt Hitze auf, dein Kopf wird rot, du beginnst zu schwitzen. Dein Nervensystem reagiert, sofort und stark. Scharf vermittelt unmittelbar Hitze.
Doch wie kann uns der scharfe, heiße Geschmack unterstützen? Nun, auf viele Arten, denn er hat eine breite Wirkung: er reinigt, befeuchtet, zerteilt, wärmt. Er energetisiert und bewegt.
Hot! Die englische Übersetzung macht es noch deutlicher: Hot heißt zugleich scharf und heiß. Dein Körper beginnt zu kühlen.
Rein äußerlich hast du die Kraft und den Reiz der Chilistückchen also schon festgestellt. Genau diesen Prozess bildet die scharfe Wirkung auch innerlich ab. Schärfe reizt den gesamten Organismus und bewegt ihn. Dein Körper will die Hitze so rasch wie möglich abtransportieren. Er versucht die Überhitzung so gut wie möglich zu verhindern und startet mit dem Kühlprogramm. Wasser, Feuchtigkeit, Phlegma lindert die Hitze. Der Klärstrom – die Versorgung – wird aktiviert. Verstopfte Poren und Gewebe werden geöffnet, Stauungen werden gelöst. Abfallstoffe und unliebsame Bakterien werden vermehrt abtransportiert.
Und auch der Nährstrom wird aktiviert. Scharf reizt und stimuliert im gleichen Maß die Verdauung. Es regt den Stoffwechsel an, verbessert die Verdauung und macht Speisen bekömmlicher. Chili, Zimt und Ingwer zum Beispiel geben kalt-feuchten, phlegmatischen Speisen wie Milch die nötige Wärme und Energie für die Verdauung mit. Doch nicht nur die Verdauung, auch der Geist wird durch den scharfen Geschmack angeregt.
Eine besondere Form ist der scharf-aromatische Geschmack. Über unsere Sinne wird damit der Spiritus animalis aktiviert. Die aromatischen Scharfstoffe, die von den ätherischen Ölen der Pflanzen ausgehen, lüften den Geist. Besonders wirkungsvoll sind Pfefferminze, Melisse, Kampfer, Rosmarin. Auch der scharf-aromatische Geruch von frisch gemahlenem Pfeffer hat eine erfrischende Wirkung und macht einen klaren Kopf. Diese Art der Schärfe beruhigt die Nerven und stärkt die verschiedenen Spiritus. Gibt Lebenskraft.
Salzig … aktiviert das Phlegma
Salz, ein kostbares Gut seit Urzeiten. Ob in China, bei den Kelten oder Römern. Es gab erbitterte Kriege darum. Der Besitz von Salz stand für Macht und Reichtum. Dort wo Salz fehlte, drohte Hunger, gab es Krankheiten. Eigene Salzstraßen brachten den Schatz von nah nach fern. Städte, Flüsse und Orte wurden danach benannt: Salzburg, Salzach. Auch das Wort Hall zeugt von Salzvorkommen: Hallstatt, Bad Reichenhall, Halle an der Saale, Hall in Tirol.
Doch warum war Salz so kostbar? Es ermöglicht die Haltbarmachung von Lebensmitteln! Salz zieht Feuchtigkeit aus den Stoffen. Es entzieht Bakterien und Keimen den Nährboden. Es trocknet und verhindert so den Fäulnisprozess. Aber was hat das mit dem Geschmack zu tun? Nun, der salzige Geschmack hat einen ähnlichen Effekt. Durch reizende und feuchteanziehende Wirkung mobilisiert er die Feuchtigkeit der Schleimhäute. Die Gewebe werden besser durchfeuchtet. Die Schleimhäute der Atemwege und der Verdauungsorgane werden angeregt, mehr zu produzieren und die bestehende Feuchte aufzulösen. Diese Bewegung erzeugt Wärme und dadurch werden wiederum besonders zähe Schleime bewegt.
Ähnlich dem scharfen Geschmack wirkt der salzige Geschmack befeuchtend. Er wirkt aber wesentlich subtiler und durchdringender. Salzig wirkt auf die besonders dickflüssige, zäh-schleimige Feuchtigkeit und reinigt die Gewebe, Muskeln, Gelenke und Knochen. Salzig aktiviert deren Stoffwechsel.
Was hat für dich einen salzigen Geschmack? Nur Salz allein? Ich helfe dir etwas weiter: Auch Kräuter haben einen salzigen Geschmack, besonders die Kräuter des Frühlings und Sommers, wie Spitzwegerich, Brennnessel oder Sommerportulak. Ebenso die Wurzel des Löwenzahns sowie Meerwasseralgen.
Beim salzigen Geschmack gilt besonders jener Satz, der von Paracelsus abgeleitet wird: »Die Dosis macht das Gift!«
Salz kann durch seine Wirkung sowohl Phlegma aktivieren und vermehren als auch Chole und Melanchole fördern. Der salzige Geschmack kann, im Übermaß verwendet, trocknen, wie zum Beispiel bei der Lebensmittelkonservierung. Ein Zuviel an Salz, an salzigem Geschmack trocknet uns förmlich aus: Falten entstehen, die Haut wird trocken, rau, rissig und juckt. Die Nerven sind gereizt.
Drei befeuchtende Geschmacksrichtungen: süß | fettig | wässrig
Süß … von Geburt an nährend
Der süße Geschmack ist uns am vertrautesten. Gegenüber allen anderen Geschmäckern, die wir erst trainieren müssen, ist uns der süße Geschmack bereits vorgeburtlich bekannt: Das Fruchtwasser, das uns im Mutterleib umspülte und nährte, war vorrangig süß. Ebenso die Muttermilch. Und das hat auch seinen guten Grund: Der süße Geschmack fördert das Wachstum der Gewebe und ist ein brillanter Energiespender.
Du magst keine Rosinen? Schade. Ihr süßer Geschmack wirkt besonders verbessernd auf das Phlegma. Gemeinsam mit Nüssen sind Rosinen als sogenanntes Studentenfutter eine ausgewogene Nervennahrung. Sie sind Nährstoffe und Beruhigung für das überhitzte Gehirn. Eine wirksame Belohnung also.
Der süße Geschmack vermehrt und stützt das nährende Phlegma. Süß stützt die Lunge und das Nervengewebe.
Ja, der süße Geschmack wird gern als Belohnung verwendet. Das kommt aus der Geborgenheit des süßen Geschmacks im Mutterleib. Doch Belohnung kann, darf und sollte letztendlich mehr sein als süßer Geschmack. Als Belohnungsprogramm sind die oben erwähnten »sechs Rädchen fürs Wohlbefinden« (siehe Kapitel »Lebensumfeld: Entwicklung und Beeinflussung«) wesentlich wirkungsvoller. Wie wäre es also mit einem Kino- oder Konzertbesuch, mit Bewegung an der frischen Luft, einem Waldspaziergang, einem guten Buch? Mit innehalten oder Freunde treffen?
Süßer Geschmack, der sowohl das Phlegma als auch das Sanguis mehrt, wirkt auf der anderen Seite erschlaffend und erweichend. Je nachdem, welchen Nutzen man erzielen möchte, muss man sich seiner Vielfältigkeit bewusst sein.
In der Nachwirkung erzeugt Süßes stets Hitze, Chole wird vermehrt. Kennst du das? Heißhunger überkommt dich. Du suchst den kurzen Weg und leerst die Naschlade. Es dauert nicht lang und dir wird heiß. Du wirst durstig. Kurzfristig hat dich der süße Geschmack befriedigt, aber wenig später gereizt und erhitzt.
Bei übersteigertem Süßgeschmack wird die Feuchte gebunden und der Stoffwechsel gebremst. Das alles führt zur Übersäuerung und Überlastung des Stoffwechsels. Die Spiritus sind gedämpft und werden träge. Übergewicht und Fettleibigkeit sind eine nicht allzu seltene Konsequenz.
Zum Glück ernähren wir uns nicht nur von Zucker. Der Süßgeschmack wird vor allem von anderen Lebensmitteln bestens versorgt. Hier einige Beispiele: gut gekochtes Wurzelgemüse, Pastinake, Karotte, Sellerie, gegarte Zwiebeln, aber auch Getreide, besonders Hafer und Weizen. Ebenso Milch, Fleisch von Huhn, Schwein und auch Rind. Und natürlich Obst, frisch, gedünstet sowie getrocknet, sowie die bereits erwähnten Rosinen. Weiters manche Öle und Nüsse. Mandeln vergleichsweise schmecken süßlich.
Der Süßgeschmack in der Nahrung ist breiter und vielfältiger vertreten, als du vielleicht vermutest. Koste dich zum Beispiel durch die riesige Schatzkiste der Gemüsesorten. Entdecke den Süßgeschmack.
Fettig … gespeichert in der Eiszeit
Du wirst dich jetzt vielleicht fragen: »Fettig ist ein eigenständiger Geschmack? Fett selbst ist doch Geschmacksträger, es verstärkt andere Geschmäcker. Fett selbst kann kein Geschmack sein.« Doch ganz so ist es nicht. Was beschreibt den fettigen Geschmack am besten? Öl. Klar, Öliges schmeckt auch fettig. Ebenso alle dir bekannten Fette und Öle, seien es Butter, Butterschmalz, Ghee, Sonnenblumenöl, Olivenöl und viele mehr. Auch deren Grundprodukte, wie Oliven, Mandeln und Haselnüsse, haben einen fettigen Geschmack. Nicht zu vergessen Vollmilch. Sie ist von Natur aus, je nachdem, von welchem Tier sie stammt, fett. Meist fetter als 3,6 %, die auf der Milchpackung ausgewiesen sind, und sie schmeckt auch fettig. Bleiben wir bei den tierischen Produkten: Besonders fetter Fisch schmeckt fettig, wie Lachs und Makrele. Speck vom Schwein ebenso. Aber auch Gemüse, wie der nussige Winterportulak, hat einen fettigen Geschmack.
Was bewirkt dieser fettige Geschmack? Ähnlich dem süßen Geschmack ist er nährend. Er wirkt stark nährend auf das Phlegma. Süß & fettig – auf diese beiden Geschmäcker sind wir seit Urzeiten getrimmt. Sie bedeuten eine hohe Grundversorgung. Ein hohes Maß an Nährstoffen.
Fettiges ist schwer verdaulich – man hat recht lang etwas davon. Es hat kaum eigene Energie, bringt aber enorm viel Energie für uns mit. Die nährende Feuchte dominiert gegenüber der Wärme und ist die Energiequelle. Fettiger Geschmack wirkt durchfeuchtend und glättend. Es macht geschmeidig, speziell trockene und überhitzte, gereizte Gewebe werden erweicht. Diese Eigenschaft wird zum Beispiel im Krankheitsfall beim Schmalz- bzw. Ölfleck genutzt, einem beliebten Hausmittel. Ach, wie habe ich ihn als Kind gehasst. Heute weiß ich, wie wertvoll das war. Mein Husten wurde dadurch sehr gelindert.
Fett ist im Langzeitgedächtnis der Eiszeit abgespeichert und bedeutet: Überleben.
Doch wie bei anderen Geschmäckern gibt es auch hier einen gegenteiligen Effekt. Ist der fettige Geschmack überdosiert, erschlafft das Gewebe, der Tonus lässt nach. Die Leistungsfähigkeit der Verdauung wird vermindert. Finde daher das für dich gesunde Maß an Fett und dessen Energie. Nutze es für dich in der passenden Qualität.
Wässrig … mehr als geschmacklos
Zum wässrigen Geschmack könnte man auch »geschmacklos« sagen. Nun, ist geschmacklos tatsächlich ein Geschmack? Ja. Wasser hat Geschmack, mal mehr, mal weniger. Der wässrige Geschmack hat die Qualitäten-Mischung kalt & feucht, wobei die Dominanz bei feucht liegt.
Der wässrige Geschmack ergänzt Feuchtigkeit, führt aber gleichzeitig auch Überschuss aus. Unser Wasserhaushalt, Klärstrom und Nährstrom sind abhängig vom wässrigen Geschmack. Zur Flüssigkeitsversorgung gehört daher auch Wasser. Trinkst du lieber Tee? Dann trink auch hin und wieder ein Glas reines Wasser. Gurke, Melone, Bohnen und Kopfsalat sind ergänzend ebenso eine Option. Auch sie haben einen wässrigen Geschmack.
Der wässrige Geschmack bewegt das Wasser bis zur Ausscheidung. Sobald die Kälte überwiegt, wird Feuchtigkeit über die Nieren ausgeschieden. Dieses Phänomen kennst du sicherlich von einem langen Winterspaziergang: Wenn du nicht warm genug angezogen bist, drückt dich bald die Blase.
Ähnlich wie der fettige kann auch der wässrige Geschmack – allerdings in Verbindung mit Wärme – tonusmindernd wirken. Ein Glas lauwarmes Wasser am Morgen bringt nicht die Verdauung in Schwung. Nein, der Verdauungsapparat erschlafft und lässt los. Was natürlich auch hilfreich sein kann. Danach heißt es allerdings den Tonus, vor allem den des Magens, wieder zu stärken. Die Spannkraft des Magens kannst du mit ein paar Schluck schwarzem Kaffee vor dem Frühstück wieder ankurbeln.
Verträgst du rohe Gurken gut? Wenn nicht, dann liegt es vorrangig am wässrigen Geschmack. Er dominiert zu stark. Er hemmt deinen Stoffwechsel, deine Verdauung. Dein Gewebe kann das Gewicht des Wassers nicht tragen. Das ist auch abhängig von der Jahreszeit. Gurken sind ein Hochsommergemüse und mittlerweile – leider – ganzjährig verfügbar. Speziell im Winter ist unsere Verdauungsleistung eben nicht an diese Schwere, an die Kälte des Wassergeschmacks angepasst. (Nun könnte ich mehr über Gurken erzählen. Tue ich aber nicht. Mehr darüber findest du im Kapitel »Lebensmittel … TEMperamentvolle Nahrung«.)
Wasser fördert die Auswaschung aus den Geweben, es ist Lösungs- und Kühlmittel. Es mindert Schärfe durch Verdünnung und Ausspülung.
Zwei kühlende Geschmacksrichtungen: sauer | zusammenziehend
Sauer … macht lustig
Sauer macht lustig? Nein, da muss ich dich enttäuschen. Auch wenn dein Anblick beim Biss in eine Zitrone recht lustig aussehen mag.
Was spürst du bei sauer? Kälte? Dann ist dein Gefühl sehr gut ausgeprägt. Saurer Geschmack produziert tatsächlich zuerst Kälte. Und dann kommt lustig – eigentlich stammt dieses Wort von »gelus(ch)tig« ab, das im Altertum für »Lust auf Essen« stand.
Sauer macht Appetit und stärkt das Verdauungsfeuer. Warum? Sauer steigert die Magenleistung, die Gallensekretion. Der Assimilationsprozess wird angekurbelt. Der saure Geschmack unterstützt die Überwindung des »fremden« Eisens in der Nahrung. Fremde Energie wird durch den sauren Geschmack überwunden. Na, wenn man da nicht Appetit bekommt! Ja, auch der Speichel wird angeregt. Bei saurem Genuss ist der Mundraum gut befeuchtet. Gekühlt. Bereit, um Schärfe zu mindern und Reize zu lindern. Um zu befeuchten, aufzulösen und Durst zu löschen.
Saurer Geschmack regt die Sinne an, verstärkt sie. Der Zusammenhalt der Lebensgeister wird verbessert.
Deine Lebenskraft ist erhöht, wenn die Humores – deine vier Körpersäfte – fließen und gut versorgt sind. Der saure Geschmack sorgt dafür, dass die Säfte leichter durch die Gewebe fließen können. Nerven, Arterien und Venen als den Hauptverbreitern der Spiritus erleichterst du damit die Arbeit. Sauer regt das Gehirn, das Herz und die Leber an. Körper und Geist werden wach und aktiv.
Sauer wirkt auch auf zähflüssiges Phlegma. Es zerschneidet, zerteilt und löst es auf. Unterstützt dich bei übersäuerten Geweben.
Saurer Geschmack wirkt nicht übersäuernd, er wirkt basisch. Auch wenn der Biss ins Fruchtfleisch der Zitrone sauer und lustig erscheint: Die Säure der Zitrone hat ihre Wirkung, gelangt allerdings nicht als Säure in den Blutkreislauf. Die organisch gebundenen Mineralstoffe der Zitrone – Kalium, Kalzium und Magnesium – sind ausschlaggebend. Die verstoffwechselte Wirkung ist basisch.
Achtung! Wenn dir oft kalt ist, dich fröstelt oder du zu trockenen Schleimhäuten neigst, dann reduziere den sauren Geschmack in deiner Nahrung.
Nicht nur Zitronen sind sauer. Auch Obst, wie Äpfel, Himbeeren, Stachelbeeren, Ananas. Ebenso Kräuter, wie Sauerampfer – dieses Wildkraut trägt das Saure bereits im Namen – und Labkraut. Mithilfe von Labkraut kannst du Käse herstellen: Die Säure des Labkrauts wird, anstelle des tierischen (Kälber-)Labs, genutzt, damit das Eiweiß der Milch gerinnt – auch eine Art der Vorverdauung.
Eine Abstufung des sauren Geschmacks ist der essigsaure Geschmack. Du kannst ihn sowohl bei Essig selbst als auch bei milchsauer vergorenen Lebensmitteln, wie Sauerkraut, schmecken. Wegen seiner leicht scharfen, salzigen Komponenten wirkt er diffiziler als der rein saure Geschmack. Er wirkt weniger kalt, dafür durchdringender und schneller.
Zusammenziehend … eine herbe und kalte Note
Wir haben bisher sieben Hauptgeschmäcker kennengelernt: bitter, scharf, salzig, süß, fettig, wässrig und sauer. Der achte Hauptgeschmack ist jener mit der kältesten Wirkung: zusammenziehend, auch adstringierend und herb genannt. Der Geschmack ist erdig, sehr trocken und entspricht dem des ausgeprägten melancholischen Temperaments. Die Gerbstoffe der Lebensmittel wirken kühlend, trocknend und verdichtend.
Zusammenziehend ist eine sehr wertvolle Geschmackskomponente. Sie spricht die Faszien an, wodurch die Kommunikation der Organe verbessert wird. Körper, Magen und Herz werden gestrafft. Feuchteüberschüsse werden aus den Geweben gedrängt. Die schwarzgallige melancholische Wirkung des zusammenziehenden Geschmacks steigert das Bewahren und Festhalten. Blutungen werden gestillt. Die Wundheilung wird gefördert, innerlich wie äußerlich.
Die Bewegungen der Spiritus werden beruhigt und dadurch kommt auch die Seele zur Ruhe. Der herbe Geschmack ist also eine wunderbare Option, um die Nerven zu festigen und zu stärken. Er benötigt allerdings Zeit, um zu wirken. Dafür ist er nachhaltig und länger wirksam.
Der zusammenziehende Geschmack erdet und setzt Grenzen. In Maßen genossen, wird überflügelndes Sanguis gedämmt und übersteigerte Chole gebremst.
Aufgrund der intensiven und zeitversetzten Wirkung gilt es wohl überlegt zu dosieren. Ein Übermaß des herben, zusammenziehenden Geschmacks wirkt lebenswidrig, es kann zu massiver Trocknung und Kälte im kompletten Organismus führen.
Quitte etwa, die besonders herb im Geschmack ist, sollte man immer nur gegart essen. Wenn man es doch mal probiert und in eine rohe Frucht beißt, schreit das Mundgefühl sofort – man möchte meinen, dass die Zähne in der Quitte stecken bleiben, so trocken wird alles und so widerwärtig schmeckt es.
Walnüsse, Brombeeren, Kapern, Salbei, Eichelkaffee, Kornelkirsche (Dirndln) und Quitte kann man gut dann und wann in den Alltag einbauen. Auch manche Heilkräuter, wie Arnika, Hirtentäschel und Frauenmantel, haben einen zusammenziehenden, allerdings weit intensiveren Geschmack. Sie werden als Therapeutika eingesetzt.
Zubereitungsarten: Gegrillt, roh und irgendwas dazwischen
Wir sind nicht alle gleich alt, gleich groß, gleich gebaut und gleich schwer. Wir leben unterschiedlich. Wir haben individuelle Bedürfnisse. Um diesen gerecht zu werden, braucht es auch verschiedene Zubereitungsarten beim Kochen, verschiedene Garmethoden. Diese haben einen großen Einfluss auf den Geschmack, die Wirkung und Verdaulichkeit von Lebensmitteln.
Für die Gesunderhaltung sind die Verdauungskraft und die Verdaulichkeit der Speisen wesentliche Punkte. Die Verdaulichkeit ist bestimmt durch die Lebenskraft der Nahrung. Schwer verdaulich sind harte Lebensmittel mit einer hohen Dichte und einer groben Zellstruktur, wie zum Beispiel Pilze und pflanzliche sowie tierische Rohkost. Ebenso Lebensmittel mit einem hohen Anteil an phlegmatischer Materie, wie es bei Käse und rohem Fleisch sowie Fisch der Fall ist.

Karottenparty … Die große Verkostung der Karotte
Lebensmittel haben, ob sie roh, gesäuert, gedämpft, gekocht oder gegrillt gegessen werden, einen ganz eigenen Charakter. Auch die mechanische Zerkleinerung hat einen Einfluss. Im Ganzen, grob geschnitten oder fein geraspelt – das macht den Unterschied aus. Zum Beispiel bei der Karotte. Hier lade ich dich nun zum Selbsttest ein. Ganz so, wie zu Beginn dieses Buchs in der Schokoladenmeditation beschrieben: riechen, spüren, schmecken.
Spüre, was die Karotte mit dir macht – spüre es auch in Bezug auf deine Verdauung. Rieche, schmecke und lass die Karotte wirken. Dieser Test braucht Zeit. Nutze diese Zeit mit deiner Familie. Lass alle Familienmitglieder von klein bis groß, ob alt oder jung und auch deine Freunde daran teilhaben. So haben mehr etwas davon, denn »Die große Verkostung der Karotte« ist die neue Party!
Und so funktionert es:
• Verkoste eine junge Karotte ganz frisch und knackig aus dem Garten. Roh. Beiß einfach ab.
• Beiß dann von einer rohen Karotte ab, die schon etwas älter ist und bereits länger gelagert wurde. Einfach abbeißen, sofern die Zähne es erlauben.
• Weiter geht’s mit einer rohen, fein geraspelten Karotte – pur und ungewürzt.
• Dann rasple eine Karotte und vermische sie mit Salz, einer Prise Zucker und 1 bis 2 Teelöffel Zitronensaft. Koste diesen Karottensalat gleich nach dem Vermischen. Dann lass ihn zwei Stunden ziehen und koste ihn nochmals.
• Schneide schließlich eine rohe Karotte in Scheiben und dünste sie in wenig Wasser so, dass sie noch etwas Biss hat.

Nun geht es an die Substanz der Karotte. Die folgenden »Party-Karotten« sollten durch und durch weich und mürbe sein. So, dass du sie mit der Zunge am Gaumen zerdrücken kannst.
Diesmal sind sechs Schritte zu absolvieren:
• Dämpfe die Scheiben einer rohen Karotte ganz weich.
• Dünste Karottenscheiben bei geringer Hitze in wenig Butter oder Öl.
• Koche mehrere ganze Karotten in einer Gemüsesuppe – das kann schon 20 bis 60 Minuten dauern.
• Püriere einige der in der Gemüsesuppe gekochten Karotten zu einem Mus.
• Schneide Karotten in Streifen und backe sie im Backofen bei 140 bis 160 °C (Ober- und Unterhitze). Auch dabei vergeht je nach gewählter Temperatur und Dicke der Streifen schon eine gute Stunde.
• Püriere einige der gebackenen Karotten mit etwas Butter, Salz und Honig zu einem Mus.
Ich bin gespannt, welche Zubereitungsart für dich am angenehmsten schmeckt. Ist es die rohe Karotte? Die geraspelte, säuerliche? Die in Fett geschwenkte? Die in Gemüsesuppe gekochte? Die gebackene Karotte? Oder doch das Karottenmus? Oder hast du eine ganz andere Zubereitungsmethode für dich entdeckt? Wie erging es deiner Familie, deinen Freunden?
Die derzeit oft vertretene Meinung ist, dass man hochwertige Lebensmittel nur so kurz wie möglich erhitzen sollte. Doch warum? Garmethoden sind dazu da, um gerade diese Lebensmittel und deren Inhaltsstoffe so gut wie möglich für uns nutzbar zu machen. Nicht jeder Mensch, jeder Organismus kann mit rohen Lebensmitteln gleich gut umgehen. Nicht für jede Konstitution, jedes Temperament ist Rohkost gleich gut geeignet.
Gemüse zu Mus kochen? Das besagt der Wortstamm von Gemüse. Die ursprüngliche Bedeutung von Gemüse war: Mus aus Nutzpflanzen.
Die Verdauungsmöglichkeit, die Wirkung und der Geschmack sind es, die wir an hochwertigen Lebensmitteln besonders schätzen sollten. Der Geschmack wird durch längeres Garen um vieles runder und raffinierter. Es ist die Art von Mahlzeit, die meist ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht zaubert, die positive Erinnerungen weckt. Sogenanntes Soul Food. Und wenn sich etwas rundum gut anfühlt, kann es nicht ganz falsch sein.
Durch Denaturierung – Erhitzen, Säuern, Salzen, Zuckern – der Lebensmittel kann unser Organismus wertvolle Inhaltsstoffe aufnehmen, ohne die Verdauung massiv zu belasten.
Das heißt nicht, dass du nicht auch in Zukunft in den ersten Kohlrabi oder die erste Karotte aus dem Garten voller Genuss beißen darfst oder auf rohe Radieschen, Tomaten und Gurken verzichten musst. Genieße auch weiterhin den lustvollen Biss in einen saftigen Apfel. Ganz einfach deshalb, weil es deinem Temperament entspricht und du wunderbar damit klarkommst. Andererseits hab kein schlechtes Gewissen, wenn du keinen Rohkostsalat wählst. Und, plane beim Gemüsekochen hin und wieder ein paar Minuten mehr ein – weil es deiner Verdauung einfach guttut.
Suppe statt Rohkost … ein Plädoyer für das Kochen
Rohkost, vor allem Obst und Gemüse in purer – ungekochter – Form, wird meist als sehr gesund dargestellt. Knackig muss es sein, dann ist es gesund. Alle Nährstoffe und Vitamine sind noch da. So wird es uns seit Entdeckung der Vitamine zu Anfang des 20. Jahrhunderts erzählt. Seit den 1930er-Jahren besonders eindrücklich, als Vitamin C entdeckt wurde.
Dies hat schon seine Richtigkeit, doch jetzt kommt das »Aber«: Können wir Rohkost verdauen? Was macht dein Körper mit Vitaminen und Nährstoffen aus rohen Lebensmitteln? Kann er diese aufnehmen? Wie sieht es mit deiner Verdauung aus nach dem üppigen Verzehr roher Karotten? Einem Berg Äpfel? Und das täglich? Tut es dir gut?
Plagst du dich oder ist alles okay? Wenn alles passt, dann ist dein Verdauungsfeuer stark genug. Doch wenn deine Verdauungskraft nachlässt, prüfe erneut. Immer und immer wieder. Jahr für Jahr. Erhöhe sukzessive den Anteil der gekochten Nahrung.
Rohkost in großen Mengen belastet dich? Dann bist du möglicherweise einem Gesundheitsirrtum erlegen. Es stimmt, dass der Großteil der Vitamine nicht hitzebeständig ist. Vor allem Vitamin C ist da sehr empfindlich. Die Mikronährstoffe bleiben jedoch beim Kochvorgang weitgehend erhalten: Mineralstoffe wie Eisen, Kalzium, Magnesium und Zink sind sehr hitzeresistent. Sie lösen sich durch den Kochvorgang aus dem Gemüse und sind dann im Kochwasser. Das ist auch in Ordnung, sofern du das Kochwasser mitisst. In Suppen, Eintöpfen und Schmorgerichten befinden sich diese losgelösten Nährstoffe im flüssigen Teil des Gerichts.
Ein weiterer Faktor spricht für die Denaturierung, die physikalische oder chemische Veränderung der Lebensmittel. Es gibt Nährstoffe, die dem menschlichen Organismus erst durch eine solche Veränderung des Grundprodukts – durch Erhitzen, Säuern oder Salzen – zugänglich gemacht werden. Zum Beispiel ist rohes Eiweiß von Fleisch, Fisch und Eiern für die Verdauung, im Besonderen jener des Europäers, nur gering verfügbar. Erhitzt man es, steigt die Verfügbarkeit erheblich an.
Gemüse wiederum hat sehr feste Zellwände, und in der Zellulose sind die für uns so nahrhaften Inhaltsstoffe enthalten. Doch unser Organismus hat Schwierigkeiten, diese Zellen aufzubrechen, er kommt schwer an diese Nährstoffe heran. Wurzel- und Kohlgemüse macht es uns besonders schwierig. Somit nützt der Erhalt von Vitaminen wenig, wenn wir sie nicht verwerten können und im besten Fall unverdaut wieder ausscheiden.
Blähungen und Überlastungen des Organismus sind die Folge einer unzureichenden Denaturierung. Unpassende Zubereitung begünstigt die Fäulnis und Gärung im Darm, und das schwächt wiederum den Spiritus, die Lebenskraft.
Apropos Spiritus. Auch Lebensmittel, darunter Gemüse, haben Lebenskraft! Diese Lebenskraft wurde über Millionen von Jahren als Abwehrmechanismus gegen Fressfeinde entwickelt. Die Pflanzen schützen sich mit verschiedenen Methoden davor, verzehrt zu werden. Zu diesen Abwehrmethoden zählen die sogenannten Pflanzengifte – Inhaltsstoffe, die jedoch durch unterschiedliche Zubereitungsarten unschädlich gemacht werden können. Bei manchen Pflanzen ist es also unumgänglich, sie zu erhitzen. Getreide, Kartoffeln und Hülsenfrüchte, wie Bohnen, Linsen und Kichererbsen, garen wir ohne lang zu überlegen. Und das hat definitiv seinen Sinn.
Auch viele andere Pflanzen haben Giftstoffe entwickelt, um ihre Art zu schützen. Jede Außenhülle eines Wurzelgemüses, aber auch die Schale von Äpfeln und Birnen hat sich evolutionär weiterentwickelt, um nicht gegessen zu werden. Isst du also Wurzelgemüse, wie Karotten oder Sellerie, oder auch Birnen, dann schäle sie vor dem Genuss. Der Geschmack beweist es dir.
Du merkst bereits: Die Liste der Beweggründe, die Nahrung zuzubereiten, ist umfangreich. Rohes Gemüse führt zu einer schnelleren Sättigung. Ha, um abzunehmen ist das doch ideal! Nein, denn die Nährstoffbilanz sagt etwas anderes.
Denke an einen Teller voll reichhaltigem Gemüseeintopf – um die gleiche Menge an Nährstoffen aufzunehmen, müsstest du je nach Kraft deines persönlichen Verdauungsfeuers die drei- bis vier-, ja vielleicht sogar fünffache Menge an rohem Gemüse essen. Würdest du das essen wollen? Essen können? Verdauen können?
Es stellt sich eine weitere Frage: Warum haben unsere Vorfahren ihr Gemüse weich gekocht? Insbesondere, da der Garprozess ohne unsere heutigen modernen Hilfsmittel viel aufwendiger, schwieriger, zeitintensiver und teurer war. War es bloße Unwissenheit? Oder hörten sie auf ihren Organismus? Konnten sie ihren Körper besser verstehen? Sie lebten im Gegensatz zu uns nicht mit einem ständigen Überangebot. Sie mussten ganz speziell darauf achten, die wenigen ihnen zur Verfügung stehenden Lebensmittel bestmöglich zu nutzen. Es gab nichts zu verschenken.
Einen Aspekt wiederhole ich hier, um mein Plädoyer für das Kochen zu bekräftigen: Die Verdauung beginnt mit dem Geruch, mit der Zubereitung. Der Duft der Speisenzubereitung setzt die Verdauung in Gang. Nun? Was duftet intensiver und länger – die rohe Karotte oder ein Gemüseeintopf? Entscheide selbst.
Salzen, säuern und zuckern … kaltes Kochen
Das vorherige Kapitel über unbehandelte Lebensmittel mag dich etwas überrascht haben. Denn frisches Gemüse, knackig und mit Biss – so isst du gern Rohkost. Du magst die frühlingshaften, kugelrunden roten Radieschen, die Frühkarotten, frisch aus der Erde, wenn sie noch klein und zart sind, und Gemüsesticks, einfach so, zum Knabbern.
All das will dir die TEM nicht vom Speiseplan nehmen. Wenn dein Verdauungsfeuer es zulässt, du dich fit fühlst, deine Zähne standhalten – nur zu, beiß hinein. Doch sei dir bewusst, dass dein Verdauungsfeuer mit zunehmendem Alter sowie abends schwächer wird. Das ist einfach so. Das bringt die Natur, die Rhythmik des Lebens mit sich.
Rohe Lebensmittel haben aus Sicht der TEM in der täglichen Ernährung durchaus ihre Vorteile und Berechtigung. Vitamin C beispielsweise steigert die auflösende Wirkung fremder Lebenskraft im Assimilationsprozess. Auch anderer Vitamine und Inhaltsstoffe wegen will die TEM nicht auf rohe Lebensmittel verzichten – doch sie bedient sich des »kalten Kochens«, es wird komplett ungekochten Lebensmitteln eindeutig vorgezogen.
Von kalt gekochten und rohen Lebensmitteln spricht man grundsätzlich, wenn sie nicht über 40 °C erhitzt wurden. Kaltes Kochen ist meist eine chemische Reaktion, die Lebensmittel gart: Salz, Säure und Zucker sorgen für eine Art kalten Kochprozess.
Salzen ist eine der ältesten Methoden des kalten Kochens. Lebensmittel werden zerkleinert, gesalzen, vermischt und stehen gelassen. Das Salz zieht Zellwasser aus den Lebensmitteln: es dringt in die Pflanzenzellen ein, durch den osmotischen Druck platzen die Zellen auf, Zellsaft tritt aus. Dieser Prozess stellt eine Art Vorverdauung dar. Dadurch kommen wir wesentlich einfacher an die Nährstoffe heran.
Das Wort Salat stammt aus dem Italienischen – insalata, der Salat. Dieses leitet sich wiederum vom Verb »insalare« ab, was so viel bedeutet wie einsalzen.
Ein feines Beispiel ist Krautsalat. Roh und frisch zubereitet verursacht er häufig Bauchschmerzen. Es gibt kaum eine Konstitution, die frischen Krautsalat verträgt. Wird er richtig zubereitet, ist er eine wahre Gesundheitsbombe. Superfood, heimisch, wertvoll und wesentlich besser verträglich.
Darmowy fragment się skończył.