Czytaj książkę: «Das Mädchen mit den Schlittschuhen»

Czcionka:

Michael W. Caden

DAS MÄDCHEN MIT DEN SCHLITTSCHUHEN

Ein Ostpreußen-Roman der nächsten Generation

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2014

Dieses Buch beruht in großen Teilen auf wahren Begebenheiten.

Einige Personen und Handlungen sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelbild © Uwe Moldenhauer,

Fotostudio Röder-Moldenhauer, Bad Marienberg

Gefördert durch Villa Sonnenmond in Neustadt/Westerwald

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

»Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.«

Jean Paul

Ankunft in Danzig

Klotainen – Kreis Heilsberg – Ostpreußen. Diese Namen begleiteten ihn sein Leben lang. Wie oft hatte er sie schon geschrieben? Er wusste es nicht. Dutzende Male, das war gewiss. In der Schulzeit, während seiner Ausbildung, bei Bewerbungen, immer, wenn er sie zu Papier brachte, erinnerten sie ihn an ein Leben vor dieser Zeit. An ein Leben, das er beinahe verdrängt hatte. Doch diese Namen waren untrennbar verbunden mit ihm, sie waren Identität, mehr als bloße Worthülsen, mehr als ein gelebtes Gefühl, und sie waren für ihn auch immer eng verknüpft mit Wehmut.

Gedankenversunken blickte der ältere Herr in Reihe 25 aus dem Fenster des Flugzeuges. Der Himmel war wolkenverhangen, dazwischen schimmerte vereinzelt etwas blau. Nach knapp eineinhalb Flugstunden würde er in wenigen Minuten wieder festen Boden unter den Füßen haben – polnischen Boden.

Viele Länder hatte er in den vergangenen 60 Jahren bereist, aber Klotainen, dieses kleine ermländische Dorf im Herzen Ostpreußens, dieser 200-Seelen-Ort, der kaum auf einer Landkarte vermerkt war, blieb für ihn stets unerreichbar. Über Jahrzehnte lag es fern jenseits des Eisernen Vorhangs. Ein Landstrich mit einem unvergleichbaren Zauber. Der Himmel hoch und weit. Und jetzt war es so unvorstellbar nahe – nur einige wenige Stunden trennten ihn noch von diesem Ort.

Planmäßig setzte der Airbus 320 auf der Landebahn von Rebiechowo auf. Ein paar Fluggäste applaudierten verhalten. Nicht alle der 150 Sitzplätze waren besetzt, hier und da klafften Lücken.

»War eigentlich gar nicht so schlimm«, dachte der ältere Mann. Er war Mitte 70, hoch gewachsen, kräftig. Brillenträger. Die vollen grauen Haare hatte er zurückgekämmt. Er trug eine dunkle Faltenhose, dazu ein helles Karo-Hemd, Schlips und ein beiges Sakko. Vor eineinhalb Stunden war er als Passagier von Frankfurt-Hahn in Richtung Danzig gestartet – zum ersten Mal in seinem langen, arbeitsreichen Leben hatte er ein Flugzeug bestiegen.

Kurz bevor der Airbus seine endgültige Halteposition erreichte, setzte reges Treiben im Passagierraum ein. Stauraumfächer wurden aufgestoßen, Handtaschen, Rucksäcke, Pakete hastig herausgezogen. Alles schien der Bewegungsstarre entronnen, die sich noch kurz vor der Landung eingestellt hatte.

Dem Mann dort am Fenster machte die plötzliche Hektik nichts aus – eigentlich schien er sie nicht einmal zu bemerken. Noch immer in Gedanken versunken blickte er über den Rand seiner Brille durch das kleine Seitenfenster zum Flughafengebäude hinüber. »Lech Walesa Airport« stand dort in dicken Lettern zu lesen.

Er spürte, wie sein Puls an Tempo zunahm, fühlte, wie er am Kragen schwitzte, wie die Nässe stromlinienförmig über seine Hände glitt. 1945 war er in Danzig am Bahnhof nur knapp dem Beschuss durch sowjetische Tiefflieger entkommen. Es war mit einem Male so, als hätte sich die Uhr von einem Augenblick auf den anderen um sechzig Jahre zurückgedreht. Hunderttausende befanden sich auf der Flucht vor der sowjetischen Kriegsfurie. Bilder schossen ihm durch den Kopf. Fragmente von schmerzverzerrten Gesichtern. Grauenhafte Bilder. Bilder, von denen er glaubte, dass er sie längst verdrängt hätte. Ihm war, als höre er die Kommandos der Offiziere. Verwundete wurden in die Waggons gehoben, vor allem Soldaten, notdürftig verbunden, die Uniformen zerfetzt, dazwischen auch Zivilisten: alte Männer, Frauen und Kinder. Er sah, wie Projektile durch die Vertäfelung des Waggons schlugen, Holzsplitter flogen umher. Er hörte die Detonationen, das Schreien der Flüchtlinge, die nichts als nur noch das bloße Leben bei sich trugen. Die Luft roch nach Metall und Schwefel. Flammen schlugen aus dem Bahnhof, ganze Wände des riesigen Gebäudes brachen ein. Eine Mutter blickte ihn wortlos mit großen, starren Augen an, in den Armen hielt sie ihr lebloses Kind.

Wie aus heiterem Himmel tauchten urplötzlich zwei Tiefflieger mit einem ohrenbetäubenden Dröhnen neben den Gleisen auf. Sie luden ihre Salven über der Menschenmenge ab. Zwei Soldaten brachen nur wenige Meter von ihm entfernt tödlich getroffen zusammen. Direkt neben ihm schlugen lange Reihen von kleinen Blitzen in den Boden. Zwei Sanitäter, die einen Verwundeten auf einer Trage transportieren, sackten getroffen zusammen. Ein Soldat stieß ihn in den offenen Waggon, er spürte einen stechenden Schmerz im Bein, dort, wo er Tage zuvor von einem Granatsplitter getroffen worden war. Der Zug setzte sich in Bewegung. Hoffentlich sind die Gleise heil geblieben, schoss es ihm durch den Kopf. Nur weg von hier, dachte er. Nur weg!

»Entschuldigen Sie bitte, mein Herr!« Der Mann am Fenster reagierte nicht.

»Entschuldigen Sie …, Sie müssen aussteigen!«

Aussteigen? Der ältere Herr auf Platz 25a drehte sich in die Richtung, aus der er die Stimme wahrgenommen hatte.

»Der Flug ist zu Ende, gleich kommen die Reinigungskräfte. Sie müssen das Flugzeug jetzt verlassen.«

Die junge Dame mit dem frisch aufgetragenen Make-up war freundlich, aber bestimmt. Sie lächelte.

»Ja gut, ich komme.«

Der ältere Herr rückte die Hemdsärmel noch einmal gerade. Er packte seine kleine Reisetasche, die er unter dem Sitz verstaut hatte, zupfte kurz an der Krawatte und ging in Richtung Ausgang.

»Wir hoffen, Sie beehren uns bald wieder«, meinte die Flugbegleiterin, als er die Maschine verließ.

Noch immer in Gedanken versunken blickte der Mann zur Stewardess.

»Was meinten Sie?«

»Wir hoffen, Sie beehren uns bald wieder.«

»Hm ja«, brummelte er. »Ja, ja…«

Zielstrebig steuerte der ältere Herr das Eingangstor zum mehrstöckigen Passagierterminal an. Auf halber Strecke kreuzte er einen Container. Durch eine große Glasscheibe erblickte er mehrere Männer in Uniform. Es waren Soldaten, die an einem Tisch saßen und redeten. Einer lachte. Zwei andere gestikulierten mit den Händen. Einer der Uniformierten blickte flüchtig zu ihm hinüber. Der Mann schaute angestrengt weg. Was niemand sehen konnte: Seine Hände waren immer noch schweißgebadet.

Was ist mit den Soldaten? Werden sie dich kontrollieren? Wirst du die Tasche öffnen müssen? Was, wenn sie deinen deutschen Pass sehen?

Nur nicht auffallen!, dachte der Mann. Auf gar keinen Fall auffallen!

Doch nichts von alldem geschah. Die Uniformierten nahmen den letzten Passagier des Fluges 3093 nicht einmal zur Kenntnis.

Als er seinen Koffer vom Fließband geholt hatte und die Ankunftshalle durch die geöffnete elektronische Schiebetür verließ, fiel sein Blick auf ein Namensschild, das jemand gut sichtbar über eine kleine Menschentraube hielt. »Albert Steinky«, stand auf diesem Schild handschriftlich geschrieben.

Steinky, das war kein Allerweltsname. Nein, er war eben typisch ostpreußisch, dachte der alte Mann. Manche Familien dort hießen Wölky, Langanki oder Kutschki. Und er hieß eben Steinky. Albert Steinky, das war sein Name. Das war der Junge, der vor rund 60 Jahren aus dem Osten des Deutschen Reiches vor der russischen Kriegsfurie flüchten musste und der jetzt am Ende seines Lebens als alter Mann zurückkehrte. Albert Steinky. 74 Jahre alt. Gelernter Stuckateur. Verwitwet. Katholisch. Kinderlos. Geboren in Klotainen, Kreis Heilsberg. Ein Mann auf der Reise in seine Vergangenheit. Ein Mann auf der Reise in seine alte Heimat Ostpreußen.

»Willkommen in Danzig«, grüßte ihn der Mann mit dem Schild. Er war ein paar Jahre jünger als Albert Steinky, trug ein helles Sakko von der Stange und eine dunkelblaue Jeans, die schon bessere Tage gesehen hatte.

»Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug!«

»Angenehm?! Na ja, es war mein erster! Hätte schlimmer kommen können!«, scherzte Steinky.

»Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Heinrich Ostrowski. Ich bin Ihr Reisebegleiter. Ich komme aus der Nähe von Allenstein, aus Guttstadt. Darf ich Ihren Koffer nehmen?«

»Ja, gerne«, antwortete Albert Steinky und reichte ihn rüber.

»Kommen Sie, der Wagen steht gleich um die Ecke.«

Die beiden verließen das Flughafengebäude und gingen zu einem silberfarbenen Ford Fiesta.

»Wir brauchen etwa drei bis vier Stunden bis zum Hotel Pod Klobukiem nach Heilsberg – je nachdem wie stark der Verkehr auf der E 77 ist.«

Ostrowski öffnete die Hecklappe des Autos. Dann legte er den Koffer und die Reisetasche hinein. Albert Steinky nahm derweil Platz auf dem Beifahrersitz. Ostrowski startete das Fahrzeug, der Wagen rollte aus der Ausfahrt des Flughafengeländes und bog auf die Kartuska-Schnellstraße in Richtung Danzig ein. Der Autoverkehr hielt sich in Grenzen.

»Kennen Sie die Altstadt von Gdansk, äh Danzig?«, fragte Ostrowski.

»Nein« , antwortete Steinky. »Ich kenne nur den Bahnhof, und den habe ich auch nur einmal kurz gesehen – das war nachts im Februar 1945. Da blieb jedoch keine Zeit für Sightseeing, wie das auf Englisch so schön heißt«, scherzte Steinky. »Da haben die Russen ein Riesenfeuerwerk veranstaltet. Ich hatte wahnsinniges Glück!«

»Ja, Danzig«, seufzte Ostrowski, wurde aber im nächsten Moment geradezu euphorisch. »Die Stadt war nach dem Krieg bis zu 60 Prozent zerstört, die Polen haben in den Jahren danach wirklich eine tolle Aufbauarbeit geleistet. Die Altstadt, die müssen Sie einmal besuchen, Herr Steinky.«

»Ja, ja – mal sehen, wenn später noch Zeit ist – gerne.«

Albert Steinky schaute nachdenklich aus dem Fenster. Überall blickte er auf Reklametafeln in polnischer Schrift. Alles wirkte fremd auf ihn. War es wirklich richtig, diese Reise anzutreten? Würden nicht zu viele Gräben wieder aufgerissen? Vielleicht waren die alten Wunden in seiner Seele noch nicht ausgeheilt! Doch wenn er nicht jetzt gereist wäre – wann dann? Sicher hätte er seine Heimat niemals wieder gesehen. Nein, so sollte sein Leben nicht zu Ende gehen. Nicht ohne ein Wiedersehen. Nein, ein Zurück, das würde es für ihn jetzt nicht mehr geben …

Ostpreußen war tabu

Schon eine ganze Weile fuhren sie jetzt über die E 77 Richtung Südosten – Albert Steinky und Heinrich Ostrowski, sein deutsch-polnischer Fremdenführer. August Raschke, ein Bekannter Alberts aus einem Nachbardorf im Westerwald, hatte ihn empfohlen. Vor ein paar Jahren hatte dieser den alten Ostpreußen bei einer Angelreise durch Masuren kennen gelernt. »Heinrich, der weiß alles über Ostpreußen und das Ermland. Er ist wie ein Ostpreußen-Lexikon auf zwei Beinen, spricht fließend Deutsch und Polnisch«, hatte Raschke den älteren Herrn mit dem großen Schnauzer gerühmt. Er sei zudem immer froh, wenn er sich zu seiner kleinen Rente ein paar Zloty dazu verdienen könne. Für die nächsten neun Tage würde Heinrich Ostrowski seinem Begleiter aus dem Westerwald nicht mehr von der Seite weichen.

»Was gibt es Neues zuhause?«, fragte Albert. Irgendwie musste er die Konversation ja wieder in Gang bringen. Schon vor geraumer Zeit war es im Auto merklich ruhig geworden. Lediglich aus dem Radio sprudelte gedämpfte Musik. Ein paar polnische Wortfetzen konnte Albert verstehen. Mehr nicht. Es ging wohl um Liebe. Um was auch sonst?! Hier ist es auch nicht anders als in Deutschland, dachte er.

Aber hatte er eben wirklich zu Hause gesagt? Nachdenklich blickte Albert Steinky aus dem Fenster. War dort, wo er hinfuhr, zu Hause? War es nicht der Westerwald? Nicht dieses kleine, idyllische Dörfchen unweit des Elbbaches, wo er seit mehr als 60 Jahren wohnte? Dort wo man jeden kannte und wo man mehr über den anderen wusste, als über sich selbst?

»Unser Zuhause ist woanders«, hatte sein Vater früher immer gesagt, wenn im Westerwald die Sprache auf Heim und Herd im Ermland kam. Doch viel gesprochen über dieses Land, das er jetzt nach vielen Jahren wieder für sich neu entdecken wollte, wurde nicht. Ostpreußen war tabu. Zuhause, das war eben woanders. Und ein bisschen war es wohl auch so. Doch war dieses winzige Stückchen Land in Klotainen, das noch nicht einmal seiner Familie gehört hatte, war das sein eigentliches, sein wahres Zuhause? Sollte das die Heimat in seinem Herzen sein? War es das, was seine alte rastlose Seele suchte?

Albert Steinky fiel es schwer, seine Gedanken zu ordnen. In den unterschiedlichsten älteren Atlanten hatte er vor der Abreise nach Heilsberg und Klotainen gestöbert. »Unter polnischer Verwaltung« stand zumeist quer über dieses Gebiet geschrieben. Albert hatte diesen Schriftzug nie akzeptiert. Für ihn war und blieb alles Deutschland. Es konnte für ihn nicht sein, dass solch ein riesiges Gebiet wie Ostpreußen mit Millionen von deutschen Menschen schlichtweg abgetrennt, die dort Heimischen umgebracht oder rausgeschmissen wurden und mit anderen Menschen, die nichts aber auch gar nichts mit diesem Land zu tun hatten, besiedelt wurde. Dieses Gefühl beherrschte ihn bis heute, besonders in diesem Augenblick, als er jetzt gen Osten fuhr. Sein Verstand versuchte auch nach all den vielen Jahren immer noch das Unfassbare des wirklichen Verlustes zu verarbeiten. Innerlich akzeptieren würde er es wohl aber nie.

»In Elbing wird viel gebaut«, erzählte Heinrich, der jetzt mit seinem Wissen unter Beweis stellen wollte, dass er sein Geld wert ist. »Seit 1990 wurde die Altstadt unter Verwendung historischer Bauformen wieder aufgebaut. Jetzt gibt es sie wieder, die spitzen Giebel zur Straße hin. Es ist eine Art Fachwerkimitation. Seit dem Jahr 2000 stehen auch wieder viele Gebäude an der Elbinger »Waterkant.« Wissen Sie, Herr Steinky, 1945 wurde Elbing durch die Rote Armee stark zerstört und die deutsche Bevölkerung fast vollständig vertrieben. Es hat recht lange gedauert, bis die Stadt wieder ganz auf die Beine kam.«

»Mein Vater stammte aus Elbing«, fügte Albert für seinen Begleiter völlig unerwartet ein. »Als Kind lebte er dort, ist wohl dann irgendwann ausgerissen, weil er zu Hause Probleme hatte.«

»Ach ja, das ist interessant. Wo hat es ihn denn hingetrieben?«

»Ins Ermland, bis nach Heilsberg. In der Nähe hat er später auf einem Rittergut meine Mutter kennen gelernt.«

»Ach übrigens, ich heiße Albert.«

»Weiß ich«, meinte Heinrich Ostrowski scherzhaft und deutete mit dem Finger auf das Namensschild auf dem Rücksitz, mit dem er Albert am Flughafen in Empfang genommen hatte. Beide gaben sich die Hand.

»Ich bin der Heinrich, geboren am 17. August 1935 auf einem Gutshof bei Guttstadt. Dort lebe ich schon ein Leben lang. Dort möchte ich auch begraben sein. Aber noch nicht so bald. Ich hoffe, der liebe Herrgott gibt mir noch ein Quäntchen Zeit.«

Albert erblickte auf der Konsole über dem Handschuhfach einen Christophorus. Ob man den hier braucht? Gerade nach dem Zerfall des Ostblocks hörte man immer wieder, dass sich die jungen Polen mit den schnellen, neuen Westautos in den Alleen Ostpreußens zu Tode fuhren. Abholzen wollte man diese prachtvollen Baumbestände – für Albert unvorstellbar. Allein der Gedanke daran für ihn ein Stich mitten ins Herz.

»Schau, Albert, da drüben – der Turm der Nikolaikirche.« Heinrich deutete nach links aus dem Fahrzeugfenster.

Albert hatte den Turm schon seit einiger Zeit bemerkt. Und auch die Hinweisschilder hatte er keinen Moment aus den Augen gelassen. Elblag, der polnische Name für Elbing, hatte ihn schon seit Beginn der Fahrt in Danzig begleitet. Doch er konnte sich nie so recht daran gewöhnen, nicht in 60 Jahren, nicht hier und nicht heute. Elbing, das war für Albert die Stadt, in der Loeser & Wolff 1878 die größte Zigarrenfabrik Kontinentaleuropas gründeten. Hier stand die größte ostdeutsche Molkerei. Hier wurde das erste protestantische Gymnasium Preußens eingerichtet und der Preußische Bund gegründet. Elbing das war auch Schiffsbau, das war deutsch und mehr als nur ein Wort – Elbing, das war der Geburtsort seines Vaters, auch ein Teil seines Lebens.

»Wie sehen die Polen das heute eigentlich, wenn immer mehr Deutsche zu Besuch kommen?«, fragte Albert. Mittlerweile hatten sie Elbing schon ein Stück weit hinter sich gelassen und steuerten auf Preußisch Holland zu.

»Wissen Sie Herr Steinky, ähm Albert, die Leute sind verunsichert. Kaczynski hat den Eindruck erweckt, und viele Boulevard-Zeitungen sind drauf angesprungen, dass die Deutschen nach dem Zusammenbruch des Ostblocks zurückkommen werden. In Ostpreußen hat Kaczynski den polnischen Familien »hundertprozentige Rechtssicherheit« versprochen; sie dürften keine Angst haben, dass ihnen jemand ihr Land wegnehme. Kaczynski will deutschen Ansprüchen auf Eigentum in Polen endgültig einen Riegel vorschieben. Er kündigte an, er werde das Problem der Rückgabe von Immobilien an frühere deutsche Eigentümer ‘ein für alle Mal’ regeln. Die Ansprüche Deutscher, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben und enteignet wurden, lösen in den betroffenen polnischen Gebieten große Sorge aus.«

Albert hatte davon gehört. Doch er sagte nichts, schaute stattdessen nur aus dem Fenster. Sie passierten gerade einen kleinen Ort. Er sah, wie ein paar Kinder an einer Schule Seilhüpfen spielten.

»Ich stamme aus einem kleinen Ort namens Klotainen. Das liegt in der Nähe von Heilsberg«, begann Albert ganz unverhofft zu erzählen. »Dort gab es auch ein gleichnamiges Rittergut. Mein Vater arbeitete dort. Er war Kutscher und für die Pferdestallungen verantwortlich. Meine Mutter arbeitete auf dem Gut als Köchin. Wir waren zu fünft: Mein Vater Willi, Mutter Elisabeth, ich, mein jüngerer Bruder Karl und Lieschen, unser Nesthäkchen.«

»Ja, Pferde, die hatten wir auch auf unserem Hof bei Guttstadt«, wandte Heinrich ein. »Die stammten zwar nicht aus großen Züchtungen, doch wie sagte mein seliger Vater doch immer so schön: ‚Schwarze Kehj gewe ok witte Melk’. Sie haben ihren Zweck erfüllt, und es waren wunderbare Arbeitstiere.«

In ein paar Hundert Meter Entfernung entdeckte Heinrich einen Kirchturm.

»Da schauen Sie, Albert, wir sind schon in Preußisch Holland. Jetzt geht’s nur noch gen Osten.«

»Mein Gott, wie schön – die ersten Alleen.« Wie sehr hatte sich Albert nach ihnen gesehnt. Er kannte diesen Anblick nur noch aus Reisereportagen im Fernsehen. Wie ihn dieser Anblick faszinierte.

Direkt hinter Preußisch Holland nahm der Straßenverkehr merklich ab. Nur noch ab und zu begegnete den beiden ein Fahrzeug.

»Ich wusste gar nicht mehr, dass es hier so einsam sein kann.«

»Ja, das kann es. Besonders im Winter.«

»Wie weit ist es noch bis Heilsberg?«

»Vielleicht so fünfzig Kilometer.«

Die Landschaft nahm Albert gefangen. Beim Blick aus dem Fenster fielen ihm sofort die vielen Wegekreuze und Kapellen an den Straßen und in den Vorgärten auf. Wie früher, dachte Albert. Doch was nicht passen wollte, das waren die verlassenen und verfallenen Bauernhöfe, die wie stumme Zeugen einer verfehlten Agrarpolitik in der hügeligen Landschaft standen.

Albert blickte kurz zu seinem Begleiter.

»Gibt es hier noch viele Bauernhöfe?«

»Ja, die gibt es.«

»Das war früher auch schon so. Es hat sich nicht viel verändert. Meine Mutter stammte von solch einem Hof in der Nähe von Raunau am Rande des Ermlandes.«

»Ja, ja, das Ermland. Eine katholische Insel in der evangelischen Provinz Ostpreußen, es war ein Bauernland mitten im Gebiet des Großgrundbesitzes«, schwärmte Heinrich, aus dem es jetzt nur so heraussprudelte. Er hatte, so schien es, seine Hausaufgaben gemacht.

»Es gab keine natürlichen Grenzen, die es von den Nachbargebieten trennten, nur durch die geschichtliche Entwicklung ist die Sonderstellung des Ermlandes innerhalb Ostpreußens zu erklären. Obwohl im Herzogtum Preußen nach 1520 die Reformation eingeführt wurde, behauptete der Bischof von Ermland seine Selbstständigkeit. Das Bistum blieb katholisch.«

»Ich dachte immer, dass es heutzutage ärmlich hier aussehen würde. Das tut es aber gar nicht«, meinte Albert nachdenklich.

»Die Gegend gehört auch heute noch zu den fruchtbarsten Gebieten Ostpreußens. Es gibt zwar keine großen Güter mehr, dafür aber überall wohlhabende Dörfer. Neben dem Ackerbau widmeten sich die ermländischen Bauern schon immer der Vieh- und Pferdezucht und der Milchwirtschaft. Die mittelschweren Pferde hier wurden immer sehr geschätzt. Zwischen den wohl bestellten Feldern und fetten Weiden fehlte es nie an Naturschönheiten. Im Walschtal fand der naturfrohe Wanderer ein unberührtes Naturschutzgebiet mit seltenen Pflanzen, an der Simser und der Alle anmutige Flusstäler, und im Kreis Allenstein war er mitten im Land der dunklen Wälder und kristallenen …«

Völlig unverhofft beendete Heinrich seinen Monolog. Er stoppte den Fiesta und setzte den Blinker. Dann bog er mit dem Wagen nach links in eine kleine Einfahrt.

»Wir sind da! Da oben links ist das Hotel.«

Albert und Heinrich hatten sich lange über das Land und seine Menschen unterhalten. Dabei war es Albert ganz entgangen, dass sie das Ortseingangsschild von Heilsberg bereits passiert hatten. Die letzten 50 Kilometer waren wie im Fluge verstrichen.

»Da ist es also, das Pod Klobukiem«, sagte Heinrich und betonte es dabei so, als habe er gerade ein Fünfsterne-Luxushotel angesteuert.

Na ja, ganz nett von außen, dachte sich Albert. Das Gebäude schaute mit diesen dicken Leuchtreklamebuchstaben an der Außenfassade zwar noch etwas sozialistisch drein, doch Heinrich hatte es ihm angepriesen wie warme Semmeln. Vor ein paar Jahren hatte der Besitzer gewechselt. Der neue Eigentümer brachte das Hotel wieder auf Vordermann. Heinrich hatte schon am Telefon mit ihm Bekanntschaft gemacht.

Heinrich stoppte den Wagen vor dem Hotel. Sie stiegen aus und holten das Reisegepäck aus dem Kofferraum. Da kam ihnen auch schon jemand aus der Eingangstür des Hotels entgegen.

»Guten Tag, die Herrschaften. Herzlich willkommen im Pod Klobukiem. Ich heiße Janusz und bin der Manager dieses Hotels. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Anreise.«

Der Hotelier war ein kleiner, quirliger Mann, leicht untersetzt, etwa Mitte 30, im eleganten Anzug. Er sprach einwandfreies Deutsch mit einem leichten Akzent.

»Ja, das hatten wir. Woher können Sie so gut Deutsch«, interessierte sich Albert.

»Ich habe es von meiner Mutter gelernt. Sie war Deutsche und hat nach dem Krieg einen Polen geheiratet. Später habe ich ein paar Jahre in Deutschland gearbeitet.«

Sie gingen durch den Hoteleingang zur Rezeption, stellten die Koffer ab und erledigten die Formalitäten. Der Hotelier fischte den Zimmerschüssel vom Schlüsselbrett hinter dem Tresen, nahm eine der Taschen und trug sie die Treppe hoch bis zum Zimmer.

»So, da sind wir, das sind Ihre beiden Einzelzimmer. Ich habe Ihnen die 110 und die 111 gegeben. Ich hoffe, Sie werden sich wohl bei uns fühlen.«

»Vielen Dank, ich denke schon«, meinte Albert.

Der Hotelier reicht den beiden die Zimmerschlüssel und verabschiedete sich. Es war bereits spät am Nachmittag, in Kürze würde sich die Dunkelheit über das Land legen. An diesem Abend würden sie nichts mehr unternehmen. Albert und Heinrich richteten sich in ihren Zimmern ein, dann gingen sie gemeinsam zum Abendessen. Es gab Gegrilltes. In der Ecke neben dem Eingang zum Restaurant erblickte Albert einen in Holz gearbeiteten Spruch unter der angedeuteten Silhouette des Bischofsschlosses. Er war in deutscher Sprache verfasst: »Willkommen in Heilsberg, im Herzen des Ermlandes«, stand dort zu lesen.

Am See

Als Albert am Morgen aufwachte, grüßte ihn von draußen Vogelgezwitscher. Er hatte am Abend vergessen, das Fenster zu schließen. Es stand auf Kipp. Es war ein herrlicher Tag, der Himmel strahlend blau. Albert brachte seine Morgentoilette hinter sich. Er verließ das Zimmer, schloss die Tür hinter sich und ging die Treppe hinunter ins Restaurant. Dort traf er auf Heinrich, seinen Begleiter, der sich bereits Kaffee eingegossen hatte. Es war erst kurz nach acht. Albert belegte zwei Brötchen mit Wurst und Käse, dazu nahm er ein gebackenes Ei und zwei leckere Pfannkuchen. Er schüttete sich Kaffee ein. Heinrich mochte es eher herzhaft, er blieb bei der polnischen Leberwurst.

»Wo geht es heute hin, Albert?«, fragte Heinrich, während er genüsslich an der zweiten Tasse Kaffee schlürfte.

Albert brauchte nicht lange zu überlegen. Er hatte sich seinen Tagesplan schon zurechtgelegt.

»Ich dachte, wir fahren als erstes zum See, der liegt auf dem Weg. Dann machen wir einen Abstecher nach Klotainen und schließlich, wenn die Zeit noch reicht, sollten wir der Kirche in Siegfriedswalde noch einen Besuch abstatten.«

Heinrich wischte sich zufrieden den Mund mit einer Serviette ab, faltete sie und legte sie auf den leeren Teller.

»Bevor es losgeht, müssen wir den Wagen noch betanken«, meinte Heinrich. »Wir haben kaum noch Sprit. Ein paar Meter weiter Richtung Stadtmitte befindet sich eine Tankstelle.«

Die Rucksäcke hatten sie nach dem Aufstehen bereits gepackt und noch vor dem Frühstück im Kofferraum verstaut. Sie gingen zum Auto. Heinrich entriegelte mit der Fernbedienung die Wagentüren.

»So, jetzt kann das Abenteuer losgehen«, zwinkerte er Albert zu.

Das Fahrzeug verließ das Hotelgelände, nach dem Tanken ging es – wie geplant – Richtung Simsersee.

Die Fahrt dauerte nicht lange, höchstens zehn Minuten. Unterwegs fielen Albert die vielen kleinen Gehöfte in der Gegend auf. Wie idyllisch es hier ist, das hatte er ganz vergessen.

Heinrich stoppte den Fiesta auf einem Parkplatz am See. Beide stiegen aus. Es war bereits kurz nach zehn. Noch lag der Morgentau über den Wiesen. Mit der Fernbedienung verriegelte Heinrich das Fahrzeug. »Für alle Fälle«, wie er meinte und grinste.

Albert hielt es jetzt nicht mehr auf dem Schotter. Schon als Heinrich den holprigen Parkplatz ansteuerte, hatte er den kleinen Steg ausgemacht. In schnellen Schritten zog es ihn jetzt dorthin. Er schritt über die morschen Holzplanken. Hastig streifte er im Gehen zuerst die Schuhe ab, dann die Socken. Schließlich krempelte er mit ein paar Handbewegungen noch die Hosenbeine hoch. Am Ende des Steges setzte er sich auf die Planken und ließ die Füße langsam ins kalte Wasser gleiten.

Ein paar Äste einer Erle ragten über den Steg. Wie ein silbernes Tablett schimmerte der See zwischen dem Gehölz hindurch. An den Ästen brachen sich die Strahlen der Morgensonne. Von weitem hörte Albert das Klappern eines Storches.

Wie lange hatte er auf diesen Augenblick gewartet? Mehr als ein halbes Leben lang. Noch einmal die Füße im klaren und kühlen Wasser des Simsersees baumeln lassen. Wie er es genoss. Noch vor Jahren hätte er nicht im Traum daran gedacht. »Ach, hätte Vater Willi das alles doch vor seinem Tode noch einmal erleben dürfen …«, ging es ihm durch den Kopf. Der Gedanke schmerzte.

»Weißt du, Heinrich, hier habe ich als Kind oft gebadet », erzählte Albert, während er mit einer Hand sanft, ja fast zärtlich über die Oberfläche des Wassers glitt und dabei dem Spiel der Libellen zuschaute. »Als Kinder verbrachten wir jede freie Minute hier am See – sommers wie winters. Auch die Frauen aus unserem Dorf kamen an lauen Sommerabenden nach der Feldarbeit noch zum Baden hier vorbei. An der Stelle, an der die Simser in den See floss, fing ich damals jede Menge Krebse. Richtig stattliche Burschen. Ihre Scheren und der Schwanz waren eine Delikatesse. Doch außer mir wollte sie keiner. Mutter und meine kleine Schwester Lieschen machten sich nichts draus. Meinem Bruder Karl waren sie zu suspekt«, meinte Albert, grinste und hob den Kopf. Er blickte den Hang hinauf und deutete mit dem Zeigefinger nach Osten. »Da, hinter dem Hügel, da liegt Klotainen!«

»Ja, ich weiß«, entgegnete Heinrich. »Ich bin schon das ein oder andere Mal dort durchgekommen.«

»Ist das nicht eine wunderbare Landschaft, wie geschaffen von eines Künstlers Hand?« Albert kam ins Schwärmen.

»Ja, das ist es wohl«, meinte Heinrich und sein Blick schweifte weit über das Gewässer. »Die Natur braucht in diesem Landstrich immer etwas länger, bis sie ihre Pracht zeigen kann. Die Buschanemonen an den Bächen und feuchten Waldrändern sind immer die ersten, die den Frühling ankündigen. Schließlich gesellen sich die Sumpfdotterblumen, der Löwenzahn und die Glockenblumen hinzu.«

»Was konnte man da herrlich über die Wiesen rennen. Im Herbst gingen wir sogar barfuß über die Stoppelfelder, und es machte keinem etwas aus.«

Albert genoss den Augenblick, die frühen Sonnenstrahlen, das glitzernde Schimmern des Sees. Er fühlte sich als Zaungast der Natur – mittendrin, aber doch außen vor.

.»Was meinst du, was wäre geworden, wenn uns niemand vertrieben und alles in deutscher Hand geblieben wäre?«, wandte er sich fragend Heinrich zu.

»Wahrscheinlich wäre von der Natur heute nicht mehr viel übrig geblieben«, antwortete dieser.

Albert blickte kurz unter sich. Dann schoss sein Kopf geradezu in die Höhe.

»Ei, war das ein Spaß im Winter. Du glaubst ja gar nicht, was dann hier los war.«

Ja, die Winter, sie konnten eisig sein in Ostpreußen. Das wusste auch Heinrich. Manchmal hielten Schnee und Frost das Land sogar noch im Mai in ihren eisigen Krallen. Heinrich lebte in diesem Land, seit er denken konnte. In der Nähe von Guttstadt war er geboren, auf einem Gutshof als der jüngste Spross von fünf Geschwistern. Seit Generationen war der Hof in Familienbesitz. Schon früh musste er hart bei der Landarbeit anpacken. Doch das Land, es hat ihn nie losgelassen. Auch nicht, als er Ende Januar 1945 als 10-Jähriger mit seiner Familie auf der Flucht von der russischen Front überrollt wurde und er wieder in seinen Heimatort zurückkehrte. Gerne sprach er nicht über diese Zeit. »Zu vieles erlebt«, meinte er stets, wenn er darauf angesprochen wurde, und winkte ab. Darüber reden wollte er nie. Auch jetzt nicht. Heinrich hatte gelernt, was vergessen heißt.

»Das war vielleicht ein Spaß. Da drüben am Hang Richtung Siegfriedswalde wurde Schlitten gefahren, manchmal gleich über den See«, sprudelte es jetzt aus Albert heraus. »Was für eine Rodelpartie! Ein Bauer stellte ein Pferd und einen Kutscher zur Verfügung. 10 bis 15 Schlitten wurden hintereinander befestigt, und das Pferd zog die Schlitten den Berg hinauf. Wenn die Eisdecke es zuließ, liefen wir Kinder auch Schlittschuh. Wir hatten uns kleine Kufen bei Urbschat, unserem Dorfschmied, anfertigen lassen. Mit kräftigen Schlägen schlug er die Eisen unter die Holzpantoffeln – und ab ging es danach aufs Eis …«

Eine Weile hatte Albert monologisierend in die Ferne geblickt, als er sich wieder seinem Begleiter zuwandte.

»Weißt du, Heinrich, nicht jeder im Dorf konnte sich ein Paar Schlittschuhe leisten, dafür gab es aber Schlorren – manche hatten unter jedem Fuß ein Brett, das mit einem Riemen am Fuß festgeschnallt war. Auf dem Brett waren runde Drähte aufgenagelt – eine ganz primitive Anfertigung, die man sich praktisch selbst machen konnte. Dann gehörte zu den Schlorren noch ein Stab, so lang wie ein Besenstiel, mit einem unten eingeschlagenen Nagel. So spielten wir oft sogar Eishockey.«

Auch Albert hatte solche Schlorren besessen. Bis zu dem Tag, als er von seinem Vater Willi diese wundervollen Schlittschuhe erhielt. Jahrelang hatte dieser sie gehütet wie einen Schatz.

»Weißt du, Heinrich, zu meinem 12. Geburtstag schenkte mein Vater mir ein paar wundervolle Schlittschuhe. Mann, wie die blinkten und funkelten. Er muss sie ständig poliert haben. Mein Vater hatte sie von seiner Mutter ebenfalls zum 12. Geburtstag erhalten. Damals in Elbing.«

»Eine schöne Geste und ein schönes Geschenk«, fand Heinrich.

»Er hat sie offenbar so gehütet, weil sie ihn so sehr an seine Mutter erinnerten. Weißt du Heinrich, sie starb ziemlich jung an einer Lungenembolie. Er hat ihren Tod nie richtig überwinden können.«

»Was ist aus den Schlittschuhen geworden?« Heinrich interessierte die Geschichte.

»Weiß ich nicht. Bei der Flucht blieben sie zurück im Haus. Die Schlittschuhe sind sicherlich so wie ganz Ostpreußen mit dem Krieg untergegangen.«

Heinrich strich sich mit der Hand durch die Haare.

»Wollen wir ins Dorf fahren?«

Albert fuhr es in den Magen. Ins Dorf? Nach Klotainen? Er spürte wie das Herz schneller schlug, so wie bei der Landung in Danzig. Klotainen – wie sehr war dieser Name mit Sehnsucht und mit Schmerz verbunden.

»Nach Klotainen!?«

»Ja! In fünf Minuten sind wir da. Länger brauchen wir kaum«, war sich Heinrich sicher.

Was waren schon fünf Minuten im Vergleich zu 60 Jahren. Ein Wimpernschlag, ein winziges Nichts – und für Albert in diesem Augenblick doch eine ganze Ewigkeit.

Albert zog die Füße aus dem Wasser, rieb sie mit den Händen kurz trocken, streifte sich die Socken und Schuhe über. Dann stand er auf.

»Ja, lass uns fahren, Heinrich. Fahren wir… Fahren wir nach Hause!«

Heinrich steuerte den Wagen zunächst Richtung Heilsberg. Die Straße führte durch einen dicht bewachsenen Erlenwald. Die Teerdecke war bestückt mit unzähligen Schlaglöchern, die aneinander gereiht Albert stark an einen Schweizer Käse erinnerten. Nachdem sie die Chaussee erreicht hatten, setzte Heinrich den Blinker nach rechts und fuhr Richtung Seeburg.

Albert fühlte, wie sein Herz raste. Unentwegt starrte er auf die Landschaft, die in einem Rausch von Farben an ihm vorüberflog.

War das die Straße nach Klotainen? War das der vereiste Weg, den er vor 60 Jahren bei bitterer Kälte mit der Mutter und seinen Geschwistern auf der Flucht vor der sowjetischen Kriegsfurie genommen hatte? Albert war sich nicht sicher. Alles hatte sich verändert. Früher waren die Straßen hier nicht asphaltiert. Sie waren zu einer Hälfte gepflastert und zur anderen Hälfte mit Sand bedeckt. Und die Bäume waren gewachsen, sie überzogen die Straße mit ihren wuchtigen Kronen wie ein grünes Dach.

Völlig unverhofft schossen Albert Fetzen von Bildern durch den Kopf. Ganz plötzlich waren sie da. Deutlich sichtbar. Schmerzend. Er sah, wie sich dieser endlose Flüchtlingstreck den Weg nach Heilsberg hinunter schlängelte – alte Männer, Frauen und Kinder, dick vermummt auf Pferdewagen oder mit Handkarren, vom Kampf gezeichnete Soldaten in Militärfahrzeugen oder zu Fuß. Der Horizont war rot, blutrot, und die Straßen hatte der Frost mit einem zentimeterdicken Eis überzogen. Die Fuhrwerke kamen ins Rutschen, Granaten flogen über die Köpfe der Flüchtlinge. Man hörte ein ständiges Pfeifen und in der Ferne ein dumpfes Dröhnen der Geschütze.

Albert wandte sich seinem Begleiter zu. Er versuchte, diese alten Gespenster aus den Tagen von Flucht und Vertreibung aus seinem Kopf zu verbannen und blickte zu den wuchtigen Baumkronen empor.

»Heinrich, schau diese Bäume! Wie gewaltig sie doch in den sechs Jahrzehnten gewachsen sind. Da, die Brücke über die Simser – die war damals anders. Sie ist neu gemacht worden! Und dort, der Weg nach Blumenau: Er ist nicht geteert. Geradeso wie damals. Herrlich, diese sandigen ostpreußischen Wege«, schwärmte Albert, während sein Herz laut pochte. Immer wieder schossen Erinnerungsfetzen durch seinen Kopf. Wie er als Kind mit seinem Bruder Karl zum kleinen Bahnhof nach Blumenau ging. Hier in der Nähe gab es die besten Blaubeervorkommen. In der Nähe von Blumenau musste er beim Torfstechen helfen.

»Schau, gleich sind wir da.« Heinrich deutete auf das Ortseingangsschild.

Klutajny stand dort. Klutajny! Nicht Klotainen. Eigentlich hatte Albert es auch nicht anders erwartet. Und doch wirkte es befremdlich auf ihn.

Und auf der linken Seite? Statt auf das Rittergut blickte er auf einen ehemaligen Kolchose-Betrieb. Landwirtschaftliche Maschinen standen verlassen und wie stumme Zeugen einer vergangenen Epoche verrostet umher. Hier arbeitete niemand mehr. Ein trauriger Anblick. Und an der Straße, wo früher vereinzelt Wohnhäuser und Miggegrets Gaststätte standen, thronten nunmehr Plattenbauten, farblos und grau in grau.

»Dort wohnen die Leute, die früher in der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft tätig waren. Viele von ihnen sind heute arbeitslos. Auf der anderen Straßenseite hat sich manch einer seinen Schrebergarten angelegt«, erläuterte Heinrich, der die Fahrt verlangsamte. Er schien bemerkt zu haben, was Albert bewegte.

»Das Rittergut, das haben die Kommunisten dem Erdboden gleichgemacht. Ich glaube, es ist nur noch ein alter Pferdestall übrig geblieben. Aber Euer Reihenhaus von damals, das steht noch.«

»Unser Haus, es steht noch?«

Albert erschrak. Damit hatte er nicht gerechnet. Zugleich empfand er aber eine tiefe Freude. Wird er es wiedererkennen? Hat sich vieles verändert? Warum hatte er nicht schon früher danach gefragt? Wer wohnt heute dort? Jetzt war er so nah dran, doch jeder Meter Straße schien ihm endlos lang.

»Sind wir gleich da, Heinrich?«

»Ja, gleich. Da unten links, da ist es…«

Wie konnte er nur fragen. Natürlich da unten in der Senke ging es nach links und dann waren es noch 200, 300 Meter.

Heinrich setzte den Blinker.

Eine Betonpiste hatten sie über den einstmals schönen sandigen Boden gezogen. Harten Beton …! Der Wagen ruckte unentwegt. Dann sah Albert bereits die Hausecke. Es war ein Reihenhaus. Vier Familien wohnten dort. Die Koslowskis, die Wohlgemuths, Wagners und … die Steinkys.

Der Wagen stand vor dem Eingang zur Wohnhaushälfte. Der Motor lief leise. Ohne etwas zu sagen blickte Albert auf das alte Backsteinmauerwerk. Ja, das war sein Elternhaus. Kaum etwas hatte sich verändert. Sicher, es war in die Jahre gekommen. Die vergangenen sechzig Jahre waren keinesfalls spurlos an dem Gebäude vorbeigegangen. Das Dach war nie erneuert worden, der Putz marode. Farbe hatte das Haus offenbar in den letzten Jahrzehnten ebenfalls nicht zu sehen bekommen. Aber das alles spielte für Albert jetzt keine Rolle. Das Haus, es stand noch, und es war ein schönes Haus. Das schönste in Klotainen, im ganzen Ermland, in ganz Ostpreußen. Es war sein Elternhaus, und das sollte es bleiben, so lange er auf dieser Welt weilte.

»Sollen wir aussteigen und anklopfen?«, fragte Heinrich.

Albert war tief in seine Gedanken versunken. Heinrich hakte nach.

»Sollen wir reingehen?«

»Was?

»Möchtest du in das Haus gehen?«

Albert war nicht wohl bei dem Gedanken. Er zögerte, konnte keinen klaren Gedanken fassen. Die Gefühle spielten verrückt.

»Ich weiß nicht. Ich… Ich glaube, ich kann es nicht. Vielleicht wollen die Leute uns gar nicht hier haben. Vielleicht verängstigen wir sie nur? Vielleicht hassen sie die Deutschen …? Nein, Heinrich. Später … lass uns später noch einmal herkommen. Komm Heinrich – fahr. Wir kommen später noch einmal wieder. Fahr! Bitte fahr!«

Heinrich zögerte einen Augenblick.

»Wohin?«, fragte er vorsichtig.

»Ich weiß nicht. Nur weg von hier, Heinrich. Nur weg…!«

Heinrich legte den Rückwärtsgang ein.

»Dann fahren wir nach Siegfriedswalde zur Kirche – oder?«

»Ja, zur Kirche…. Das ist eine gute Idee. Komm Heinrich, fahr zur Kirche!«

Heinrich steuerte den Fiesta zurück zur Chaussee. Auf der gegenüber liegenden Seite zur Ausfahrt war ein kleiner Altar aufgebaut. Eine alte Frau steckte ein paar Blumen in eine Vase. Albert nahm keine Notiz davon. Seine Gedanken zu ordnen, es fiel ihm schwer in diesem Augenblick. Warum war er nicht in das Haus gegangen? Hatte er Angst davor, dass ihn die Vergangenheit auf diesen wenigen Quadratmetern Wohnfläche einholen würde? Dass sie ihn lähmen, ihm die Luft abschnüren würde? Nach etwa fünf Kilometer Wegstrecke erreichten sie Siegfriedswalde. Albert wollte nur jetzt noch eins: raus aus dem Auto.

»Halt an, Heinrich. Ich muss mir etwas die Beine vertreten.«

Heinrich versuchte seinen Begleiter zu beruhigen.

»Schau doch, wir sind gleich da. Schau, da vorne ist schon die Kirche.«

»Zum heiligen Johannes von der lateinischen Pforte« hatte man das kleine, stolze Kirchlein einst getauft. Auf den ersten Blick schien es kaum verändert. Das Gotteshaus war am 4. Juli 1912 eingeweiht worden. Es war die dritte Kirche in der langen Geschichte der Gemeinde.

Heinrich stoppte das Auto auf dem kleinen Parkplatz vor dem Gotteshaus. Sie stiegen aus und gingen durch das unverschlossene Tor. Neben dem Pfarrhaus hinter dem mächtigen Backsteinbau hatte sich ein Storchenpaar in einem Nest auf dem Mast einer Überlandleitung häuslich eingerichtet. Das Männchen klapperte mit dem langen Schnabel, was das Zeug hielt.

Kurz vor dem Kirchenportal blieb Albert stehen. Er musste daran denken, wie er als Kind hier mit seinen Eltern jeden Sonntag zur Heiligen Messe pilgerte. Den ganzen Weg von Klotainen hinauf, immerhin fünf bis sechs Kilometer.

»Hier sind wir sonntags immer zur Kirche gegangen. An Sonntagen wurden sogar zwei Messen gehalten, die eine um 7 Uhr, die andere um 10 Uhr.«

Heinrich nickte, so als wolle er ihm beipflichten.

»Wir gingen meistens zu Fuß. Bei ganz besonderen Anlässen fuhren wir auch schon mal mit dem Pferdewagen unserer Nachbarn. Bei meiner Kommunion etwa.«

Albert grinste.

»Männlein und Weiblein mussten immer getrennt voneinander sitzen. Einmal, da hatte ich meine Matrosenmütze noch aufbehalten. Da kam Mutter von hinten und fegte sie mir mit einer Handbewegung vom Kopf.«

Albert wollte seinem Begleiter gerade erzählen, wie er als Messdiener mit einem Burschen aus der Nachbarschaft heimlich den Messwein des Pfarrers verkostet hatte, als er ein Geräusch wahrnahm. Er drehte sich um und erblickte einen Mann in einem schwarzen Talar, der höflich grüßte.

»Dzien dobry.«

Albert und Heinrich erwiderten den Gruß. Es handelte sich ganz offensichtlich um den Gemeindepfarrer. Es war ein Mann mittleren Alters. Er trug eine runde Brille, hatte dunkle Haare, die er mit einem Seitenscheitel nach links gekämmt hatte.

Heinrich und der Geistliche redeten ein paar Sätze in Polnisch miteinander, dann wandte sich der Dolmetscher Albert zu.

»Ich habe den Herrn Pfarrer über den Grund unseres Besuches aufgeklärt. Er findet das wohl recht interessant und lädt uns ins Pfarrhaus ein. Möchtest du?«

Albert nickte zustimmend.

Das Pfarrhaus, ebenfalls aus roten Backsteinen gebaut, lag direkt hinter der Kirche. Dort wartete die Haushälterin, eine kleine, korpulente Frau, schon an der Eingangstür. Der Pfarrer rief ihr etwas zu, was Albert nicht verstehen konnte. Er schien ihr offensichtlich zu verstehen gegeben zu haben, dass er einen Gast aus Deutschland mitbringt, denn sie begrüßte die unerwarteten Gäste nunmehr in gebrochenem Deutsch.

»Sind Sie willkommen ganz herzlich. Bitte, kommen Sie herein.«

Die Haushälterin reichte den Gästen die Hand und führte sie durch die Diele in einen Wirtschaftsraum.

»Wir haben Kaffee und Kuchen für Sie. Nehmen Sie doch Platz, bitteschön», forderte sie die Gäste auf und reichte jedem als Willkommenstrunk ein kleines Gläschen Wodka, dem auch der Pfarrer nicht abgeneigt war.

Der Pfarrer und seine Gäste nahmen Platz an einem Tisch, während die Wirtschafterin den Kaffee in die Tassen goss. Dann reichte sie einen Erdbeerkuchen dazu, den sie zuvor aus der Küche geholt hatte. Albert, Heinrich und der Pfarrer bedankten sich.

Zwei Stunden blieben sie im Pfarrhaus. Albert erzählte dem Pfarrer von seiner Jugendzeit in Klotainen, von seinem Elternhaus, von der Schule und von der Arbeit auf dem Rittergut. Der polnische Geistliche hörte andächtig zu, während Heinrich Satz für Satz übersetzte.

Nach einer Weile stand der Pfarrer auf und fischte ein altes Kirchenbuch aus einem Bücherregal neben der Zimmertür. Dann setzte er sich wieder und reichte es Albert über den Tisch. Albert begann darin zu blättern, zunächst langsam, dann immer schneller – bis zur Jahreszahl 1941. In dem Jahr ging er hier in Siegfriedswalde zur Kommunion. Und tatsächlich, da stand zwischen all den Namen plötzlich der seinige: Albert Steinky, Klotainen, geboren am 16. Juni 1932 in Klotainen/Kreis Heilsberg.

Albert war gerührt. Er bedankte sich, zog eine kleine Pocketkamera aus der linken Hosentasche und fotografierte den Eintrag. Zum Abschied schenkte der Pfarrer ihm einige Zweige von einem Fliederstrauch, der vor der Kirche wuchs. Er reichte sie ihm und sagte etwas. Albert wandte sich Heinrich zu und schaute ihn mit großen Augen fragend an.

»Der Pfarrer wünscht dir, dass der Fliederzweig in deiner jetzigen Heimat ausschlagen und zu einem neuen Baum heranwachsen möge. Er bedankt sich für unseren Besuch und sagt, dass wir jederzeit wiederkommen können. Und du solltest auch keine Angst davor haben, in euer altes Haus zurückzukehren. Der Pfarrer sagt, er kennt die Leute. Sie heißen Wójcik, und es seien gottesfürchtige und gastfreundliche Menschen.«

Albert bedankte sich bei dem Geistlichen. Dann gingen Heinrich und er wieder zu dem kleinen Parkplatz vor der Kirche, wo Heinrich den Fiesta geparkt hatte. Offenbar hatte Heinrich mit dem Pfarrer über den Vorfall in Klotainen gesprochen. Alberts Entschluss stand nunmehr fest.

»Komm«, meinte er zu Heinrich, »wir fahren noch einmal zum Haus.«

Kaum angekommen, drückte Heinrich den stark verrosteten Klingelknopf neben der Eingangstür. »Stanislaw Wójcik und Danuta Laski« stand auf einem kleinen Türschild in Handschrift geschrieben. Sie warteten eine Weile. Doch nichts geschah. Heinrich betätigte den Knopf ein zweites Mal.

»Dzien dobry.«

Ein älterer Mann, etwa 80 Jahre alt, war um die Hausecke gekommen und grüßte die Ankömmlinge. Er trug eine gewöhnliche Arbeitshose und kam offenbar von der Gartenarbeit. In einer Hand hielt er einen Rechen.

Heinrich und der Fremde redeten miteinander. Der alte Pole schaute Albert kurz an, lächelte und nickte. Dann öffnete er die Tür. Die beiden gingen hinein. Albert folgte ihnen, während er bemerkte, wie der ältere Herr ihn in der Diele beäugte.

»Albert, das ist Herr Wójcik. Ich habe ihm erzählt, warum wir hier sind und dass du früher einmal in diesem Haus gewohnt hast. Er hat uns ins Haus gebeten und möchte wissen, wo du jetzt beheimatet bist. Und warum wir beim ersten Besuch nicht hinein gekommen sind?«

Albert reichte ihm die Hand, tat zunächst aber einmal so, als habe er die Fragen nicht verstanden.

Der Alte hatte sie also ganz offensichtlich bemerkt. Egal! Zum ersten Mal seit Jahren stand Albert wieder im Flur seines Elternhauses. Sein Blick fiel sofort auf die Holztreppe, während Heinrich sich angeregt mit dem alten Mann auf Polnisch unterhielt. Hier vom Flur aus gelangte man über diese Treppe direkt zum Speicher. Dort befand sich eine große Räucherstube. Hinter einem Balken hatten Albert und sein Bruder Karl ein kleines Messer versteckt – für den Schinken und die Grützwurst. Auch die kleinen Steinkys waren eben Selbstversorger.

Heinrich winkte Albert zu.

»Wir sollen doch bitte in die Wohnstube kommen, meint Herr Wójcik.«

Höflich, dieser alte Pole, dachte Albert.

»Er wohnt hier mit seiner Tochter Danuta und seiner Enkelin Patricya. Seine Frau ist vor einigen Jahren an Krebs gestorben«, erzählte Heinrich, während sie gemeinsam durch die Küche den Wohnraum betraten.

Was der in der kurzen Zeit alles rausbekommen hat, wunderte sich Albert. Er spürte die Anspannung. In der Wohnstube war alles noch wie früher, lediglich die Möbel waren andere. Albert traute seinen Augen kaum: Da stand ja noch der alte, gewaltige Kachelofen. Er war ein Allesfresser. Er fraß Holz, Briketts oder Torf. Lediglich die Sitzbank war verschwunden. Wie oft hatte Mutter am Abend dort mit ihm und seinen beiden Geschwistern gesessen und Geschichten aus ihrem Heimatdorf Raunau erzählt, von dem Hof, den ihr Vater dort hatte, von ihren Geschwistern oder von der Arbeit auf dem Rittergut. Manchmal lauschten sie aber auch nur der Musik aus dem Grammophon, das der Vater vom Frankreichfeldzug mitgebracht hatte. Man konnte sich so herrlich am Ofen anlehnen, und im Winter strich einem die Wärme angenehm über den Rücken, während man aus dem Fenster blickte, wo sich an eisigen Tagen bizarre Eisblumen bildeten.

»Schau Heinrich, hier oben ist ein kleines Türchen.«

Albert deutete auf den Kachelofen.

»Hier konnte man Äpfel zum Schmorren reinlegen. Mann, was waren die lecker!«

Heinrich und ihr polnischer Gastgeber hatten bereits Platz an einem Tisch genommen.

»Herr Wójcik fragt, ob du auch einen kurzen Blick ins Schlafzimmer werfen möchtest.«

Natürlich wollte er. Als Kind hatte er es nie so richtig gemocht. Schließlich musste er sich diese kleine Stube mit seinen beiden Geschwistern teilen. Doch hier und heute, das war etwas anderes. Wie oft war er von dort aus durchs Fenster gestiegen, nur weil ihm der Weg durch die Haustür zu weit war.

»Ja«, meinte Albert. »Gerne.«

Auch im Schlafzimmer schien die Zeit stehengeblieben, nur eben die Möbel waren auch hier nicht mehr dieselben. Beim Blick in dieses Zimmer bekam Albert Gänsehaut. Die Eindrücke und die Erinnerungen überwältigten ihn.

»Früher war dies das Schlafzimmer der Kinder«, erzählte er. »In einer hinteren Ecke stand ein großer Kleiderschrank mit vielen kleinen Fächern. Dort wurden auch unsere Kleider und Schuhe aufbewahrt. Schuhe hatte ich nur zwei Paar, ein Paar für jeden Tag und dann meine Sonntagsschuhe, auf die ich nichts kommen lassen durfte. Da war unsere Mutter ganz penibel.«

Albert hörte, wie der alte Pole leise mit Heinrich sprach.

»Albert! Herr Wójcik sagt, dass es den alten Schrank, der früher in diesem Zimmer stand, noch gibt. Er hat ihn auf den Speicher gebracht und bewahrt darin Dinge auf, die er nicht mehr braucht.«

Albert wollte es kaum glauben. Hatte er richtig gehört? Den alten Schrank, es gab ihn noch. Ja, warum auch nicht. Er war massiv aus Eiche. Deutsche Wertarbeit, wie es so schön heißt. Robust. Etwas, was man nicht so schnell kaputt kriegt. Etwas für die Ewigkeit. Wenn der alte Schrank noch existierte, vielleicht befanden sich darin auch noch seine Schlittschuhe, die er bei der Flucht zurücklassen musste, schoss es ihm unwillkürlich durch den Kopf.

»Heinrich, kannst du dich noch erinnern? Ich hatte dir am See doch von den Schlittschuhen erzählt, die mir mein Vater zum 12. Geburtstag geschenkt hatte.«

»Ja, Albert! Was ist damit?«

Heinrich schaute Albert fragend an.

»Meine Mutter hatte sie in dem Schrank in einem geheimen Staufach versteckt, als ich mir damit einmal einen Schuhabsatz kaputt fuhr. Sie dachte immer, wir Kinder hätten keine Ahnung von der Existenz dieses Faches.«

Albert wirkte geradezu euphorisch.

Wieder sprach Heinrich mit dem Gastgeber.

»Herr Wójcik sagt, dass er noch nie irgendwelche Schlittschuhe in dem Schrank gesehen hat. Er sagt, wenn du möchtest, können wir gerne nach oben gehen und uns den Schrank und das Fach anschauen.«

Die drei hielt es jetzt nicht mehr in dem Schlafzimmer. Sie eilten durch die Wohnstube und die Küche wieder in den Flur. Dann stiegen sie die alte Speichertreppe hinauf.

Stanislaw Wójcik öffnete die Tür zum Dachboden. Sie knarrte laut, was wohl daran lag, dass sich in den letzten Jahren wohl selten jemand hier obenhin verirrt hatte. Albert betrat als Erster den Raum. Sofort fiel sein Blick auf den Schrank. Aus Tausenden von Schränken hätte er ihn wiedererkannt. Diesen Schrank gab es nur einmal auf der Welt. Alle Schrecken und Wirren des Krieges hatte er überstanden, um nunmehr in wenigen Minuten sein Geheimnis preisgeben zu können.

»So, nun passt mal auf, was hier gleich geschieht!«

Albert war geradezu entzückt. Er bückte sich und öffnete die untere linke Schublade, zog sie heraus und legte sie zur Seite. Dann griff er – so als habe er es schon tausend Mal zuvor geübt – mit der rechten Hand in den Hohlraum. Als seine Finger wieder zum Vorschein kamen, hielt er einen kleinen runden Holzstopfen in Händen, der als Entriegelung für eine weitere Schublade gedient hatte.

»Schaut mal her!«, strahlte er.

Und tatsächlich, was zuvor wie eine Zierblende aussah, ließ sich jetzt bequem nach vorne schieben.

Albert zuckte. Was war das? Das Fach, es war leer!

Für einen Augenblick war es gespenstisch still auf dem Dachboden geworden.

Albert konnte es nicht glauben. Das Fach, von dessen Existenz niemand im Haus etwas wissen konnte, war leer. Fassungslos starrte er in die verstaubte Schublade.

Albert erinnerte sich, dass er schon einmal vor dieser leeren Schublade gestanden hatte. Das war Ende 1944 …

Der erste Wagen

»Suchst du etwa die hier?«

Die Stimme, die Albert hinter sich vernahm, kannte er nur zu gut.

Ist das nicht …?

Noch immer sprachlos, drehte er sich um.

Karlchen? Natürlich! Es war Karlchen, sein kleiner Bruder. Geschniegelt und gestriegelt stand er im Eingang zum Schlafzimmer, etepetete, wie aus einem Ei gepellt. Pechschwarze Haare, akkurater Seitenscheitel, Knickerbocker mit Hosenträger, darunter sein Lieblingshemd – ein weißes, langarmiges. Die Schuhe blitzblank geputzt, dass man sich fast darin hätte spiegeln können.

Albert hatte ihn gar nicht bemerkt. Doch immer dann, wenn man überhaupt nicht mit ihm rechnete, war er plötzlich da.

»Woher hast du gewusst, wo die Schlittschuhe sind?«

Die Schlittschuhe an den Schnüren gepackt, hielt er sie zwei Trophäen gleich in die Höhe und stand dabei wie angewurzelt in der Zimmertür. Ein breites schelmisches Grinsen legte sich auf sein Gesicht, so wie er immer grinste, wenn ihm irgendetwas durch den Kopf schoss, was nichts taugte. Karlchen war zehn Jahre alt, aber ein ausgekochtes Schlitzohr, wie es in Klotainen kein zweites gab.

»Willumeit hat es mir zugeflüstert!«, antwortete Karl.

»Willumeit? Nie und nimmer!«, fauchte Albert ihn an.

Adolf Willumeit galt im Dorf als Sonderling, von der Statur her war er ein stangenlanges Gerebbel mit ausgesprochen großen Ohren, die er zumeist unter einer Mütze zu verstecken versuchte. Sommer wie Winter lief er mit der gleichen, zigfach gestopften Jacke durchs Dorf, die er vor dem Anziehen ausschlackerte und die aussah, als hätten die Mäuse daran geknabbert. Willumeit galt als wortkarg, er redete nicht viel, was aber nichts damit zu tun hatte, dass er nichts zu sagen gehabt hätte. Im Gegenteil. Wenn er etwas mitzuteilen hatte, dann fanden sich in dem ansonsten ereignisarmen Klotainen auch rasch ein paar Zuhörer. Das lag wohl daran, dass manche Leute im Dorf glaubten, er habe so etwas Ähnliches wie seherische Fähigkeiten. Im Jahr 1933, als ein kleiner Weltkriegsgefreiter, der eigentlich gar kein Deutscher war, Deutschland auf Kosten anderer zur Weltmacht machen wollte, erzählte Willumeit im Dorf von einem großen Krieg, der das Land überziehen würde. »Millionen von Menschen werden ihr Leben lassen«, erzählte er den Leuten im Dorf, den Kleinen wie den Großen. Und dass es am Firmament geschrieben stand, von wo er es nur habe ablesen müssen, was ihm in dem kleinen ermländischen Dörfchen stets größte Aufmerksamkeit zuteil werden ließ.

Jemand hatte also für andere unsichtbar am Himmel herum gepinselt, und Adolf Willumeit, der Sonderling aus Klotainen, brauchte es nur noch zu lesen. Die meisten im Dorf hielten ihn für einen Schossel, für jemanden, der einfach nur dumm daher redete. Sie zeigten mit dem Finger an den Kopf, wenn die Rede auf Willumeit und seine Prophezeiungen kam. Auch seiner Frau war das Gerede nicht geheuer. »Schlabber nuscht so kariert«, meinte sie zu ihm. »Du machst mir in Klotainen noch alle ganz meschugge! Ja sie drohte ihm sogar damit, dass sie ihm sein Klunkermus, eine Art Milchsuppe mit eingerührten Mehlklößen, seine Lieblingsspeise, entziehen würde, wenn er nicht damit aufhören würde, von irgendwelchen Himmelserscheinungen zu faseln. Fortan hielt Willumeit zwar immer häufiger seinen Mund, wenn es um die Dinge ging, die es da oben zwischen den zumeist tief liegenden Wolken zu lesen gab, aber dennoch sah man ihn stets mit erhobenem Kopf durchs Dorf stolzieren. Im Laufe der Zeit entwickelte er dabei sogar eine ganz eigene Technik, indem er mit einem Auge zum Boden blickte, mit dem anderen zum Himmel hoch linste – immer auf der Suche nach irgendwelchen überirdischen Neuigkeiten.

Albert fand ihn auch immer etwas sonderlich. Karlchen aber, der mochte ihn.

»Dem Karlchen, mit dem ist was gefällig«, pflegte Willumeit immer zu sagen. Das Karlchen, das sei kein Glumskopp, meinte er, das sei so schlau, das könne sogar Katzendreck im Dunkeln riechen. Dem kleinen Karl imponierte das mächtig. Einen ellenlangen Vortrag über das ostpreußische Rindvieh an sich und insbesondere über die klotainische Kuh hatte er Willumeit während eines Spaziergangs gehalten. Und der hatte andächtig zugehört. Karlchen klärte ihn darüber auf, warum die Viecher in Klotainen mehr Milch geben als ihre Artgenossen in Wernegitten und wieso die Kuh von Frau Glupsch die größten Fladen fallen lässt. Karlchen wusste alles übers Viehzeug, zumindest tat er so. Selbst der Kuhschwanzastronom aus Heilsberg, womit er den örtlichen Tierarzt meinte, und da war er sich sicher, hätte von ihm noch etwas lernen können. Und was Willumeit an Karlchen besonders gefiel, war die Tatsche, dass er auch über Klunkermus sprach, welche Sorten von Klunkermus es gibt, darüber, wie man die Mehlklöße zubereitet, damit sie nicht auseinanderfallen und wie lange man sie in der Milchsuppe garen muss. Willumeit war stets fasziniert von so viel Gourmetwissen.

Karlchen war stolz darauf, Katzendreck im Dunkeln riechen zu können. Er verstand es als Kompliment und fühlte sich geehrt, geradeso als habe ihm der alte Willumeit mit diesem Satz einen Orden verpasst. Mit Stolz geschwellter Brust ging er fortan durchs Dorf, erzählte jedem, der seinen Weg kreuzte, von Kühen und Katzen, und wenn der Tag zu Ende ging und Karlchen in den Schlaf fiel, dann fing er am nächsten Morgen wieder damit an. Er hatte eben einen ausgeprägten Missionsgeist. An klaren Tagen erwischte er sich sogar manchmal dabei, wie er zum Himmel hochblickte. Doch außer Cumulus- oder Cirruswolken konnte er dort nichts ausmachen.

Doch der alte Willumeit – er sollte Recht behalten. Man schrieb das Jahr 1944. Der große Krieg war bereits im fünften Jahr. Tausende und Abertausende waren auf den Schlachtfeldern gestorben. Vielleicht konnte Willumeit die Dinge tatsächlich voraussehen, vielleicht war er aber auch nur etwas verwirrter als andere. Aber woher zum Teufel sollte dieser seltsame Mensch wissen, wo sich Mutters Geheimfach befand und dass die Schlittschuhe darin lagen? An der Sache, das roch Albert sofort, an der war irgendetwas faul.

Es gab Tage, da hätte er Karlchen zum Mond schießen können und vielleicht auch noch ein Stückchen weiter. Und heute, da war so ein Tag. Ständig nervte er, und nie blieb er bei der Wahrheit. Und stur konnte er sein. Ein Esel hätte sich vor Neid in den Schwanz gebissen. Was dieser kleine schwarzhaarige Ermländer sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, das bekam da so schnell keiner mehr heraus.

»Du kannst die Schuhe gerne haben. Aber nur unter einer Bedingung«, machte Karlchen seinem Bruder unmissverständlich klar.

»Und unter welcher?«, fragte Albert ungläubig.

»Wenn ich heute Abend deinen Nachtisch bekomme!«

»Den eingemachten Kürbis?«

»Ja, den Kürbis!«

»Muss das sein?«

Eingemacht mochte ihn Albert für sein Leben gern.

»Ja!«

»Na denn … Ja, kannste haben. Also her mit den Schlittschuhen!«

Ungeduldig griff Albert nach den blinkenden Kufen. Es war Ende 1944, der erste längere Frost hatte Besitz vom Land ergriffen. Seit Tagen war es bitterkalt geworden. Eine dicke Eisdecke hatte den See überzogen.

»Ich bin in einer Stunde wieder zurück. Sag mir Bescheid, wenn Mutter früher von der Arbeit kommen sollte«, rief Albert seinem Bruder zu, während er die Schlittschuhe unter die Arme packte und zur Haustür rannte.

»Mach ich. Und nicht vergessen: Den Kürbis bekomme ich!«, rief Karlchen ihm hinterher.

»Natürlich! Kriegste.«

Albert lief zum Teich, der sich direkt hinter dem Haus befand. Er hockte sich auf eine kleine Bank, die dort stand. Mit zwei, drei Griffen streifte er den blinkenden Stahl über die Schuhe. Es waren seine Sonntagsschuhe, die er immer zum Kirchgang anziehen oder zu anderen festlichen Anlässen tragen musste. Wenn das Mutter wüsste …! Dann würde es etwas setzen.

Mit wenigen schnellen Schritten glitt er über den vereisten Teich weiter auf der eisigen Rinne des kleinen Baches Richtung See. In der Senke nahm Albert auf der Straße in Richtung Siegfriedswalde einen dunklen Punkt wahr, der sich langsam bergabwärts bewegte. Albert stoppte abrupt. Die Kufen krallten sich ins Eis. Eiskristalle spritzten über den kleinen Bachlauf. Was zum Teufel ist das?

Albert wartete, bis sich aus dem kleinen schwarzen Punkt erste Konturen abzeichneten. Er erkannte einen Wagen. Es war ein alter, klappriger Leiterwagen, so wie in Klotainen einer bei Urbschats hinter der Schmiede stand. Vorne auf saß ein vermummter pummeliger Mann, eine Kapuze über den Kopf geschlagen, darunter einen Hut. Sein Atem dampfte. Hinten an dem seltsamen Gespann hatte er eine Kuh angebunden. Der Wagen selbst war mit einer Plane zugedeckt. An der Seite klapperte ein Eimer am Holz, so alt wie ein Gewehr aus der Rüstkammer von Plibischken. Nebenher lief ein bis fast auf die Knochen abgemagerter Schäferhund.

Bei dieser Kälte zieht jemand mit dem Wagen übers Land?

Albert kam dies nicht geheuer vor.

Der Mann mit dem Gespann hielt an.

»Na, Jungelchen. Wo willste denn hinne? Schlittschuhlaufen?«

»Ja, drüben auf dem See«, stammelte Albert leicht verdutzt. Er hatte nicht damit gerechnet, dass der Fremde ihn ansprechen würde.

»Wo wollen Sie denn bei dieser Kälte hin?«

»Gen Westen will ich. Da wo du und deine Leute auch bald hingehen werden. Gen Westen.«

Albert versuchte, sich den seltsamen Mann näher anzuschauen. Doch er sah kaum seine Nasenspitze.

»Warum, Väterchen, sollten wir denn nach dem Westen gehen?«

»Deiwel noch eins! Hat man dir das noch nicht gesagt? Weil de Russen kommen! Deshalb!«

Die Russen kommen? Nach Ostpreußen? Albert wusste, dass die Front näher gerückt war. Mutter hatte heimlich am Volksempfänger gelauscht, und sie hatte ihm erzählt, dass sie Klotainen möglicherweise verlassen müssen. Sollte es wirklich bald soweit sein? Alles lief doch so wie sonst! 1944 war ein gutes Jahr, hatten die Bauern im Dorf gesagt. Die Ernte war ohne große Verluste geborgen worden, die Scheunen gefüllt. Mitte Oktober war auch die Hackfruchternte abgeschlossen worden. Die Keller waren ebenfalls gefüllt, und die Bauern hatten schon vor Wochen die Winterfurchen auf ihren Äckern gezogen.

»Ach wo, hier kommen doch keine Russen. Das würde der Führer niemals zulassen.«

»Das, Jungchen, das Zeugs haben die Leute in meinem Heimatdorf auch gefaselt. Doch zum Schluss hat keiner dort mehr an den Endsieg geglaubt, nicht mal die Nazibonzen selbst. Und diejenigen, die geblieben sind, die sind fast alle tot. Glaub mir Jungchen: Der Tod macht keinen Unterschied zwischen Nazis und einem aufrechten Ostpreußen.«

Noch immer sah Albert nur den Dampf des Atems, der sich wie ein undurchdringlicher Schleier vor das vermummte Gesicht gelegt hatte.

»Wo kommen Sie her?«

»Aus dem Memelland, aus der Nähe von Tilsit. Und ihr, ihr solltet auch auf der Hut sein. Unterwegs habe ich die ersten russischen Aufklärungsflugzeuge gesehen. Die waren ziemlich hoch. Aber man konnte sie deutlich ausmachen.«

»Ach Väterchen, das waren bestimmt die unsrigen!«, versuchte Albert ihm entgegen zu halten.

»Jungchen, sag deinen Eltern, sie sollen den Wagen packen. Auch wenn sie euch etwas anderes erzählen. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird hier die Hölle los sein. Glaub mir.«

Jetzt wurde es Albert zu bunt.

»Unsere Soldaten werden die schon aufhalten«, keifte er.

»1,5 Millionen Russen? Schabber nuscht so kariert, Jungchen! 1,5 Millionen, die kann man nicht mal eben so aufhalten!«

»Aber es werden doch jetzt auch überall Gräben ausgehoben«, meinte Albert fast verlegen.

»Willst du diese roten Teufel vielleicht mit der Schaufel aufhalten? Etwa mit Schipp-schipp-hurra? Glaub mir, ihr werdet alle noch einmal nach eurer Mutter schreien!«

Der Alte lachte laut und hämisch.

»Glaub mir, Jungchen, die hält niemand auf! Seht zu, dass ihr fortkommt. Noch ist Zeit. Weggehen ist besser als Schipp-schipp-hurra …«

Der Alte lachte immer noch, brachte das Pferd wieder auf Trab und zog auf der Landstraße weiter in Richtung Heilsberg. »Schipp-schipp-hurra … Schipp-schipp-hurra …«, hörte Albert ihn noch in der Ferne rufen, und er sah, wie sich das merkwürdige Gespann langsam über den Hügel entfernte.

Was erzählte der für einen Humbug? Die Schutzwälle würden die Russen mit ihren Panzern schon stoppen. Und außerdem: Wer dachte jetzt ans Graben. Schlittschuhe wollte er laufen. Schnell nahm Albert wieder an Fahrt auf. Und dann hatte er den See endlich erreicht.

Für ihn war es so, als ob er in ein römisches Amphitheater einmarschieren würde. Er war der Gladiator, da draußen warteten die Bestien, und die Menge, sie applaudierte ihm. Die Welt, sie reduzierte sich für Albert in diesem Augenblick auf diese paar Quadratkilometer Eis. Hier war der Nabel der Welt – zumindest für einen Jungen aus Klotainen. Ein winziger Punkt, der über das Eis sauste und der der Schwerkraft scheinbar entfloh. Stunden konnte er so über das Eis gleiten. Zeit, sie spielte keine Rolle. Oder doch?

Verdammt, der alte Mann mit dem Gespann hatte ihn lange aufgehalten! Und auf dem Eis war er auch schon eine ganze Weile unterwegs gewesen. Mutter konnte schon wieder von der Küchenarbeit zurückgekommen sein. Was, wenn sie bemerkt hatte, dass er die Schlittschuhe aus ihrem Versteck genommen hatte? Nichts wie nach Hause.

In schnellen Schritten glitt Albert zurück zum Bachlauf, dann über den Teich. Am Haus war alles ruhig. Mutter schien noch nicht da zu sein. Albert stieß das Fenster zu seinem Zimmer auf, das er vor seinem Ausflug angelehnt hatte. Nur nicht durch die Vordertür, dachte er. Man könnte ihn sehen. Auf Spitzzehen tapste er durchs Zimmer. Mit ein paar Handbewegungen entriegelte Albert das geheime Fach, wischte mit dem Jackenärmel schnell über die Schlittschuhe und über die kleine Wasserpfütze vor dem Schrank. Dann legte er die Schuhe in das Fach, schob den Riegel vom linken Fach in die Öse und drehte sich herum. Das war an jenem Tag im Jahr 1944, als der Frost das Land fest in seinen Würgegriff genommen hatte.

Und jetzt! Albert konnte es nicht begreifen. Er starrte in eine leere, verstaubte Schublade.

»Sie sind weg, Heinrich. Sie sind nicht mehr in diesem Fach!«

Heinrich und der alte Wójcik hatten die ganze Weile beobachtet, wie Albert sich an dem Schrank zu schaffen machte. Sie sahen seine Enttäuschung. Sie stand ihm in großen Buchstaben ins Gesicht geschrieben. Wie sehr hatte er sich gewünscht, die Schuhe gleich in seinen Händen zu halten. Und jetzt blickte er in dieses verstaubte und leere Fach.

Fragend schaute Albert den alten Mann an, der sich schulterzuckend Heinrich zuwandte.

»Herr Wójcik sagt, es tue ihm leid, dass da keine Schlittschuhe drin waren.«

Ihm tut’s leid? Wie konnte dieser Pole, der hier in seinem Elternhaus wohnte, ermessen, was ihm diese Schuhe bedeuteten? Nicht ansatzweise! Und jetzt sagt er, es tue ihm leid.

Albert war zutiefst misstrauisch geworden. Vielleicht wusste dieser alte Mann mehr als er sagte! Mutter hatte ihm erzählt, wie sie von den Polen auf ihrer Flucht um ihre letzten Habseligkeiten gebracht worden waren. Alles hatten sie ihr genommen: ihre ganzen Ersparnisse, ihren Ehering, die Uhr, die sie von Vater zum zehnten Hochzeitstag geschenkt bekommen hatte. Alles. Was ihr blieb, das waren nur noch die Kleider, die sie am Leibe trug und ihre Kinder, die sie vor der russischen Kriegsfurie in Sicherheit bringen musste. Und da wollte ihm dieser alte, freundlich gestikulierende Pole wirklich Glauben machen, er wüsste nichts von dem Fach im Schrank und den Schlittschuhen, die sich darin befunden hatten. Nie und nimmer!

»Herr Wójcik, fragt, ob wir noch zum Kaffee bleiben wollen, Albert.«

Zum Kaffee? Wie konnte er sich jetzt mit diesem Menschen an einen gemachten Tisch setzen? Undenkbar.

»Sag ihm, dass wir wieder ins Hotel müssen, Heinrich. Wir haben leider keine Zeit!«, knotterte Albert. Er reichte Wójcik die Hand, bedankte sich für die Gastfreundschaft und steuerte in schnellen Schritten die Treppe an. Unterwegs rannte er im Flur an einem kleinen, etwa zehnjährigen Kind vorbei. Er nahm kaum Notiz von ihm. Draußen am Auto wartete er ungeduldig auf Heinrich.

»Warum bist du nicht noch eine Weile geblieben?«, wollte sein Reisebegleiter wissen, als dieser einige Minuten später das Fahrzeug erreichte und hinter dem Lenkrad Platz genommen hatte.

»Weil ich glaube, dass er lügt. Deshalb!!«, fauchte Albert.

»Das glaube ich nicht.«

»Oh doch, Heinrich. Ich kenne diese Sorte von Polen nur zu gut. Sie lügen, weil sie falsch sind, weil es ihnen im Blut liegt.«

Die beiden fuhren zurück zum Hotel. Die Abenddämmerung war angebrochen. Sie gingen ins Restaurant und bestellten sich noch einen Kaffee. Ein richtiges Gespräch wollte nicht mehr aufkommen. An diesem Abend ging Albert Steinky früh zu Bett. Seine Gedanken schweiften umher. Es dauerte lange, bis er endlich in den Schlaf kam.

Der Herrgottschnitzer

Am nächsten Tag war Albert schon früh aus den Federn gekrochen. Als er das Restaurant des Hotels erreichte, hatte Heinrich schon am Frühstückstisch Platz genommen und genoss den heißen Kaffee und den Blick aus dem Fenster.

»Wie war die Nacht, Albert?«

»Geht so. Hat ein bisschen gedauert, bis ich in den Schlaf kam. Und bei dir?«

Auch Heinrich hatte offenbar schon bessere Nächte erlebt.

»Wie ein Murmeltier hätte ich geschlafen, hätte es da nicht die Bekanntschaft mit dieser Spanplatte unter der Matratze gegeben. Jedes Mal, wenn ich mich umgedreht habe, quietschte das Bettgestell. Fürchterlich! Was steht heute an?«

Albert hatte sich einen dieser köstlichen polnischen Pfannkuchen auf den Teller gelegt, während Heinrich weiter an seinem Kaffee schlürfte und sich gerade an dem Frühstücksei zu schaffen machte. Beide verloren kein Wort über den gestrigen Tag.

»Ich dachte, wir fahren nach Heilsberg und statten der Bischofsburg einen Besuch ab.«

»Ja, warum nicht. Eine gute Idee!«

Albert und Heinrich genossen das üppige Frühstück. Danach packten sie noch ein bisschen Proviant in die Rucksäcke. Schließlich hatten sie sich viel vorgenommen für diesen Tag. Sie wollten Heilsberg erkunden und der altehrwürdigen Bischofsburg einen Besuch abstatten. Gegen 10 Uhr verließen sie das Hotel zu Fuß in Richtung Stadtmitte.

Sie überquerten die Brücke über die Aller und gingen an der Kirche vorbei. Auf der Außenmauer thronten Heiligenfiguren in Übergröße. Sie bildeten einen seltsamen Kontrast zu den Plattenbauten in der unmittelbaren Nähe. Auf einem Balkon hatte jemand einen Schäferhund angebunden, der unentwegt kläffte.

»Ein bisschen Auslauf könnte dem aber auch nicht schaden«, meinte Heinrich und blickte zu Albert.

Doch der hatte gar nicht zugehört. Wie angewurzelt stand er da, starrte auf das Gebäude hinter der Kirche.

»Was ist los, Albert? Du bist ja mit einem Male so blass. Geht es dir nicht gut?«

Albert reagierte immer noch nicht.

Heinrich wartete einen kurzen Moment, dann wagte er einen weiteren Versuch.

»Sag doch, was ist?«

Albert sah Heinrich an. Seine Augen wirkten starr.

»Sag mal Heinrich, war hier mal ein Kloster, ein Altenheim oder so etwas Ähnliches?«

»Ja, mag sein. Warum?«

»Ich glaube, ich kenne dieses Haus. Ich meine, nicht persönlich. Nicht selbst. Ich habe lediglich davon gehört. Aber ich weiß, dass es ein furchtbarer Ort ist.«

Albert schluckte kurz.

»Hatte ich dir schon von Sophie erzählt?«

»Sophie …?

Heinrich schaute Albert ungläubig an.

»Nein, ich glaub nicht!«

Albert wirkte nachdenklich. Seine Gesichtsmuskeln waren angespannt. Unentwegt blickt er auf das Backsteinhaus mit dem großen Tor. Dann begann er mit leisen Worten zu erzählen.

»Sophie war die Tochter des Schmieds Urbschat in Klotainen. Sie war eine rechte Frohnatur und hatte kurzes feuerrotes Haar. Urbschats Wagen hatte sich im Januar 1945 bei der Flucht von Klotainen auf der vereisten Straße quer gestellt, weil er in dem ganzen Chaos des Rückzugs von einem deutschen Panzer gerammt worden war. Dabei brach eine Deichsel. Sie mussten bis Heilsberg zu Fuß weiter. Dort sind sie dann von der Roten Armee eingeholt worden. Sophie, ihre Mutter und ihr Vater und die kleine Schwester Käthe wurden hinter diesen Mauern mit vielen anderen zusammen eingesperrt. Hinter diesen Toren mussten sie wohl ihre schwersten Stunden verbracht haben.«

Damit hatte Heinrich nicht gerechnet.

»Was macht dich da so sicher, dass es ausgerechnet hier war?«

Albert starrte immer noch auf das große Tor.

»Es kann nur hier gewesen sein. Es war ein Altenheim unmittelbar hinter der Kirche, zwischen Kirche und Bischofsburg. Es kann daher also nur hier gewesen sein. Es waren Hunderte von Menschen. Die Russen haben alles zugenagelt: die Tore, die Türen und die Fenster – 14 Tage lang. Die Frauen und Mädchen, darunter auch Sophie, ihre Schwester und ihre Mutter, haben sie täglich raus gezerrt und vergewaltigt. An manchen Tagen ist die ganze Horde über sie hergefallen.«

Albert schluckte schwer, Heinrich merkte wie seinem Begleiter das Reden schwerfiel.

»Ihr Vater stellte sich den Peinigern entgegen. Weißt du, Urbschat, der Schmied, der hatte Riesenkräfte. Er schlug zwei der Russen mit jeweils einem Schlag nieder, bevor der dritte ihm von hinten eine Kugel in den Kopf jagte. Wer sich ihnen entgegen gestellt hat, der wurde einfach erschossen, so war das eben. Und es gab offenbar viele Tote hinter diesen Mauern. Und auch nichts zu essen und, na ja, die Leute starben auch wie die Fliegen am Hunger. Hinter dem Kloster haben sie die Leichen in die Alle geworfen. Aus dem Fluss nahmen sich die Eingeschlossenen das Trinkwasser – und bekamen davon die Ruhr. Auch daran sind viele zugrunde gegangen.«

»Und Sophie?«

»Sie löste nachts eine Glasscherbe aus einem Fenster und…«

Albert stoppte mitten im Satz. Ihm stockte der Atem. Heinrich sagte kein Wort, wartete ab, was geschehen würde.

»Ja Heinrich, in diesem verdammten Krieg sind viele schlimme Dinge passiert! Wir Ostpreußen waren eben die ersten, die die Rechnung für Hitlers Größenwahn und die Gräueltaten seiner SS-Schergen in der Sowjetunion bezahlen mussten. Komm, lass uns weitergehen. Das hier ist kein guter Ort, um zu verweilen!«

Albert und Heinrich überquerten eine weitere Brücke in der Nähe des Schlosses, sie wechselten kaum ein Wort. In der Nähe der Peter-und-Paul-Kirche durchquerten sie ein kleines Gässchen, den alten Bischofsitz mit seinen wuchtigen Wehrtürmen in Sichtweite.

»Als Schüler waren wir einmal während eines Wandertages in der Burg. Anschließend mussten wir einen Aufsatz schreiben – über die ermländischen Bischöfe und was für ein Segen sie für die Region waren«, brachte Albert die Unterhaltung wieder in Gang.

Die Geschichtsaufsätze waren ihm immer ein Graus. Wie hatte er sie gehasst. Dabei war er heute selbst ein Stück Geschichte. Aufgewachsen und vertrieben aus einer Jahrhunderte alten deutschen Kulturlandschaft. Wie hatte sein Vater in den wenigen sentimentalen Stunden, die er hatte, immer gesagt, als sie nach dem Krieg im Westerwald sesshaft geworden waren: »Zuhause ist nicht hier, wo wir wohnen, unsere Heimat ist woanders, unsere Heimat, die liegt in Ostpreußen.«

»Ja, ja – die Bischofsburg«, sinnierte Heinrich. »Den günstigen Standort zwischen der Alle und der hier einmündenden Simser haben schon die alten Prussen für die Anlage einer Wehreinrichtung genutzt. Sie nannten sie »Licbark.« Warmia steht für Ermland. So kommt der heutige polnische Name von Heilsberg zustande: Lidzbark Warminski. Wusstest du das, Albert?«

»Nein. Sag mal, was macht diese Bischofsburg eigentlich so außergewöhnlich?«

»So genau weiß ich es nicht. Ich glaube, weil sie so gut erhalten ist und weil ihr Erscheinungsbild so einzigartig ist.«

Albert und Heinrich lösten die Eintrittskarten. Dann begaben sie sich auf Entdeckungstour durch den riesigen Backsteinbau. Albert war besonders von den ausgestellten historischen ermländischen Gebrauchsgegenständen beeindruckt. Gerne hätte er sie fotografiert. Doch das war nicht erlaubt. Überall hingen Verbotsschilder, und das Aufsichtspersonal war ständig auf der Hut. Keine Chance also für einen Schnappschuss. Könnte wohl Ansprüche der früheren Eigentümer nach sich ziehen, wenn sie diese Dinge auf einem Foto entdecken, meinte er später zu Heinrich, als sie den Rückweg ins Hotel antraten.

Am Abend hatten sie Gesellschaft bekommen. Ein Ehepaar hatte am Tisch nebenan Platz genommen: Erwin und Elfriede Hippel aus Berlin-Charlottenburg. Sie befanden sich auf einer Ermland-Expedition in Sachen Familienchronik und erwiesen sich als äußerst mitteilungsbedürftig. Besonders Erwin Hippel. Auffällig waren seine »Berliner Schnauze« und sein Bierbauch, den er wie eine Trophäe vor sich her trug. Hippel war von kleiner Statur, und ein Meckischnitt zierte seinen kleinen runden Kopf. Seine Frau wirkte hingegen eher etwas farblos, ja fast unauffällig. Sie trug eine dicke Hornbrille. Wenn Erwin erzählte, nickte Elfriede oder sein »Friedchen«, wie er sie liebevoll nannte, zuweilen selbstzufrieden und zustimmend mit dem Kopf.

»Wissen Sie, meine Frau, die stammt aus Heilsberg – und wir haben uns beim hiesigen Standesamt ein paar alte Heiratsurkunden kopieren lassen. Der Hotelier war so freundlich und hat uns einen Dolmetscher besorgt.«

Mit einem schnellen und geübten Handgriff fischte Erwin Hippel aus Charlottenburg einen Laptop hervor, den er wohl schon eine Weile zuvor neben seinem Stuhl abgestellt hatte, und breitete sich damit vereinnahmend auf dem Tisch aus.

»Schauen se mal«, meinte er, nachdem alle auf den Augenblick gewartet hatten, dass das Gerät seinen Betrieb aufnehmen konnte. »Dat iss unser Stammbaum.«

Albert und Heinrich waren beeindruckt. Sie erblickten auf dem Monitor einen riesigen Baum, einer, wie er sonst nur im Urwald zu Hause war, mit Hunderten von kleinen Verzweigungen und Verästelungen. Und an allen Enden prangten Namen und Jahreszahlen.

»Haben Sie die etwa alle im Kopf?«, wollte Albert wissen.

»Nee, nisch alle. Aber die meesten.«

Und dann, dann kam die Stunde des Erwin Hippel. Er lief zur Hochform auf, gerade so, als habe er auf diese Frage gewartet, berichtete er von hugenottischen Verwandten dritten Grades, von Bauernkriegen und ehrbaren Kaufleuten, von einem Scharfrichter in der fünften Generation und von einer jungen Frau mütterlicherseits, die nach einem Ehebruch im 17. Jahrhundert qualvoll auf einem Scheiterhaufen endete.

»Tja, scheußliche Sache«, meinte Albert und nippte an seinem Bier. Es war bereits das zweite, das er sich an diesem Abend bestellt hatte. Für ihn war es so, als wollten sich die Wurzeln dieses wundervollen Stammbaumes um den Tisch winden. Dieser Stammbaum, er nahm Besitz von jedem und allem.

»Erwinchen, erzähl den Herrschaften doch mal von unserem Herrgottschnitzer«, meldete sich völlig unerwartet Elfriede zu Wort. Sie hatte die ganze Zeit den Worten ihres Mannes andächtig gelauscht, was wohl Teil ihrer von Gott gegebenen Bestimmung war.

»Herrgottschnitzer? Meinen Sie etwa den Lipow?«, mischte sich Heinrich jetzt ein.

»Ja, genau den. Sie glauben ja nischt, wat wir jestern entdeckt haben.«

»Nun erzählen Sie schon, und spannen Sie uns nicht so auf die Folter«, drängelte Heinrich, der zunehmend neugieriger wurde.

»Also, meene Frau und icke, wir waren jestern auffe Heilsberger Waldfriedhof. Und wat glauben se, wat wir dort entdeckt haben?«

»Ja was denn?«

Zu Heinrichs Neugierde gesellte sich jetzt Ungeduld.

»Die Grabstätte meiner Schwiegerleute.«

»Das Grab existiert noch?«, fragte Heinrich verblüfft.

»Ja. Und das Beste kommt jetzt. Passen se jenau uff: Das Grabkreuz ist aus Holz. Und nun raten se mal, wer das anjefertigt hat.«

Ungläubig blickte Heinrich zu Hippel hinüber.

»Doch nicht etwa Michael Lipow?«

»Ja, jenau, der Michael Lipow.«

»Herr Hippel, da haben Sie aber einen Volltreffer gelandet.«

Heinrich wusste um dieses Kreuz, und er wusste auch um einen von Lipow gefertigten Tisch im Schlossmuseum.

»Ich erzähle Ihnen mal ein bisschen was über diesen Herrgottschnitzer.«

»Ach, Herr Ostrowski, det brauchen se nisch«, würgte Hippel Heinrichs Offerte ab.

»Wir haben uns schon informiert. Nisch wahr, Friedchen!«

»Ja, Herr Ostrowski, mein Mann hat sich in dem Internet informiert. Da hat er alles und noch viel mehr über den Herrn Lipow entdeckt.«

»Sehen Sie«, nickte Hippel. »Mein Friedchen und ich, wir sind bestens vorbereitet jewesen. «

Es gefiel Heinrich ganz und gar nicht, dass er jetzt nicht zum Zuge kam. Doch was sollte er tun? Also überließ er Erwin Hippel das Feld, der mit seinen Schilderungen urplötzlich und völlig unerwartet ins reine Hochdeutsch wechselte.

»Lipow, meine Herrschaften, also Lipow, der stammte aus einer deutschen Müller-Familie in Rschew, das etwa 250 Kilometer von Moskau entfernt liegt. Er entdeckte sehr früh die Kunst als den Inhalt seines Lebens«, erzählte Hippel, dialektfrei, gerade so als habe er die Sätze auswendig gelernt.

»Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges musste er mit seiner Familie Russland für immer verlassen. Er zog nach Hannover, später nach Königsberg, wo er sein Studium beendete und seine künftige Frau Martha Hohmann hier aus Heilsberg kennenlernte. Schließlich fand er 1923 auch in Heilsberg seine Heimat. Sein schöpferisches Wirken können wir bis heute in vielen Kirchen und auf einigen Friedhöfen des Ermlands bewundern. Seine Heiligenstatuen, Grab- und Weg-Kreuze zieren Kirchen und Friedhöfe rund um die Stadt, aber auch die Wallfahrtskirche Heiliglinde und andere Orte. Als Restaurator arbeitete er ebenfalls an der Renovierung vieler Figuren und Bilder. Ob Holz, Stein oder Leinwand – Lipow ist sich selbst immer treu geblieben. Nach der Flucht vor der Roten Armee im Winter 1945 zog er nach Künzelsau in den heutigen Hohenlohekreis in der Nähe von Schwäbisch Hall. Dort war er bis ins hohe Alter von 92 Jahre tätig. Er starb als sozusagen »zweimal Heimatvertriebener« in Künzelsau im Jahr 1983. Seine Kunst im Ermland und im Hohenlohekreis beweist die Richtigkeit seiner Haltung gegenüber dem Schmerz des Heimatverlustes. »Arbeiten ist besser als Nüschtstun«, hat er einmal gemeint.«

Erwin Hippel konnte seine Begeisterung nicht verbergen.

»Is det nisch fantastisch. Da finden wir een Grab von unseren Vorfahren, und dann wurde det Kreuz auch noch von so einem janz berühmten Mann jefertigt!«

Albert und Heinrich pflichteten ihm bei. Und auch Friedchen nickte – für alle ein wenig unerwartet – freudig mit dem Kopf.

Dann verabschiedete sich Hippel, nachdem er die familiengeschichtliche Sensation in allen Details zum Besten gegeben hatte, von seinem Stammbaum und wechselte das Thema.

»Woher kommen Sie eigentlich, Herr Ostrowski?«

»Ich stamme aus der Nähe von Guttstadt, aus einer alten Bauernfamilie. Keiner gehenkt oder verbrannt. Hugenotten oder Schnitzer gibt es auch keine«, scherzte Heinrich.

»Und Sie?«, wandte sich der Familienforscher Albert zu. »Woher stammen Sie?«

»Aus Klotainen, das liegt hier gerade um die Ecke.«

»Stammt Ihre Familie von dort?«

»Meine Mutter wurde in Raunau geboren. Mein Vater in Elbing.«

»Elbing an der Ostsee?«, fragte Hippel neugierig.

»Ja.«

»Muss eine wunderschöne Stadt gewesen sein, bevor die Russen alles kurz und klein gebombt haben.«

»Ja, das war es auch.«

»Elbing stand Danzig in nichts nach«, fügte Heinrich ein, der jetzt seine Chance gewittert hatte.

»Wissen Sie, in Elbing wurde 1828 das erste Dampfschiff Ostpreußens gebaut. In den Jahren von 1840 bis 1858 ließ der königlich-preußische Baurat Georg Steenke den Oberländischen Kanal zwischen Deutsch Eylau, Osterode und Elbing anlegen. Bereits 1853 konnte die Eisenbahnlinie nach Königsberg fertig gestellt werden. Elbing war eine Industriestadt. Hier erhielt die SPD stets die Mehrheit der Wählerstimmen. Die Stadt hat viele Fabriken, die unter anderem auch Lokomotiven herstellen, dann die Zigarrenfabrik Loeser & Wolff, eine große Brauerei und Schnapsbrennerei, eine Schokoladenfabrik, eine Autofabrik und natürlich die Schichau-Werke.«

»Da hat mein Großvater als Werkzeugmacher gearbeitet.«

Albert hatte angeregt zugehört und ergriff jetzt wieder das Wort.

»Er erzählte seinen Kindern immer, dass schon im 13. Jahrhundert in Elbing Schiffe gebaut worden seien. Die Elbinger Handelsherren hätten ihre Schiffe vor Ort in eigener Werft und nach eigenen Wünschen bauen lassen. Mein Vater hat nie viel von meinem Großvater erzählt und wenn, dann ließ er kein gutes Haar an ihm. Die beiden hatten wohl nicht das innigste Verhältnis zueinander. Ich selbst habe meinen Großvater nie zu Gesicht bekommen.«

»Wie kam das?«

»Weiß nicht. Offenbar interessierte dieser sich mehr für seinen Beruf als für seine Kinder oder Enkel.«

»Hat Ihr Vater bei Ihnen zu Hause über die Zeit in Elbing erzählt?«, hakte Hippel nach.

»Manchmal – meistens immer dann, wenn er aus Miggegrets Kneipe zurückkam, einen gesäuselt hatte und wir Kinder noch in der Wohnstube zu Tisch saßen. Nach dem Essen hockte er sich dann mit uns an den Kachelofen und erzählte – manches Mal auch von seiner Kindheit in Elbing.«

Die Kolonisten

Albert und Karl liebten es, wenn ihr Vater von Elbing erzählte, von Mattendorf, der Pangritzkolonie, den alten Giebelhäusern und vom Leben unweit des Meeres. Für eine Weile konnten sie eintauchen in eine Welt weit weg vom ostpreußischen Landleben.

Zumeist begannen seine Geschichten immer mit dem gleichen Satz: »Wisst ihr, in Elbing bewohnten wir ein kleines Haus zwischen der Brauerei und Mattendorf. Das war eine Straße, an der die Leute Plinsen nur auf einer Seite buken … «

Danach folgten zumeist immer ein paar Fragen.

»Wisst ihr, was das heißt?«

Karlchen wusste, wie man Frösche zum Platzen brachte oder wieso eine klotainische Kuh mehr Milch lieferte als ihre Kollegin aus Wernegitten. Albert besaß außergewöhnliche Kenntnisse darüber, wo es in der Simser die besten Flusskrebse gab und wie man einen kapitalen Hecht ausmachen konnte. Aber was es mit den Plinsen in Elbing auf sich hatte, davon hatten die beiden nicht den geringsten Schimmer.

»Also ihr Lorbasse, das bedeutet, dass die Häuser nur auf der nördlichen Straßenseite gebaut waren.«

Willi lehnte sich gemütlich zurück.

»Und warum Matten?«

»Weil auf den ersten kleinen »Arme-Leute-Häusern« die Dächer mit Matten gedeckt waren, die von Getreideschiffen am Hafen in Mengen liegen gelassen worden waren«, antwortete Karlchen wie aus der Pistole geschossen.

»Woher weißt du das denn?«

»Du hast uns schon einmal davon erzählt«, grinste Karl.

Willi nahm sein Taschentuch, fuhr über die Nase und schnäuzte sich zwei-, dreimal.

»Gut aufgepasst, Karlchen. Gut aufgepasst. Aber hab’ ich euch eigentlich schon einmal von Paulchen und den Kolonisten erzählt?«

Fast synchron schüttelten die beiden Burschen die Köpfe.

»Nein? Wirklich nicht?«

Willi zündete sich eine seiner Salem-Zigaretten an und blies eine dicke Rauchschwade durch das Zimmer. Albert hatte ihm die Zigaretten bei der Miggegret besorgt. In einer Schachtel waren immer drei. Bei der Miggegret holte sich Albert zuweilen für 25 Pfennige auch sein Fliegerbier – eine Art gelbe Limonade. Die Miggegret, ledig und von recht korpulenter Statur, betrieb neben der Dorfkneipe einen kleinen Kolonialwarenhandel und dort gab es alles – auch die Salem für den Vater. Genüsslich zog Willi an der Zigarette. Sie war ohne Filter, muss wohl ziemlich stark gewesen sein, denn sie rief bei ihm mit jedem Zug auch immer ein leichtes Räuspern hervor.

»Ämmh, also seit Jahren schon waren Paul und ich dicke Freunde. Eigentlich seit dem Moment, als die schusselige Minna, also das war die Dienstmagd des Lehrers, durch die Decke des Klassenzimmers plumpste und ihr Hinterteil in seiner ganzen Pracht sichtbar über den verdutzten Schülern hing.«

»Das Hinterteil? Der ganze Dupps?«

Karlchen klopfte sich vor Vergnügen auf die Oberschenkel, während Willi um die Ecke lugte, um auszuschließen, dass Mutter Elisabeth etwas von seiner pikanten Kinderstunde mitbekommen hatte.

»Ja sicher, was meint ihr denn? Der ganze prachtvolle Dienstmagddupps!«

Hatte er gerade noch laut und deutlich erzählt, ging er jetzt schlagartig in einen Flüsterton über.

»Der Lehrer meinte, wer hinschaut, der solle blind werden, als er nach oben ging, um dem armen Marjellchen zu helfen.«

Karlchen rutschte aufgeregt auf der Ofenbank hin und her.

»Und hast du hingelugt?«

»Was denkt ihr denn!«, lachte Willi. »Klar habe eijn Og riskiert und wisst ihr: Blind geworden bin ich och nuscht. Oder seht ihr da irgend wat an meijne Ogen.«

Karlchen schaute sich den Vater etwas genauer an und grinste.

»Ne Vadder, scheint alles noch in Ordnung!«

Willi wusste, dass Paul, der zwei Bänke vor ihm saß, neben ihm der einzige war, der hingeschaut hatte. Das imponierte ihm. Willi und Paulchen, wie er ihn freundschaftlich nannte, das verhielt sich seitdem wie ein durchhängender Dupps zu einem Eimer. Sie wohnten in derselben Straße, sie waren fast gleich alt, und so manches Abenteuer sollten sie fortan gemeinsam überstehen. So stahlen sie der alten Grethe das fette Huhn, als es mutterseelenallein und gänzlich herrenlos in der Nähe des Elbing-Flusses promenierte. Ein anderes Mal mopste Paulchen seiner größeren Schwester Hanne einen Büstenhalter von der Wäscheleine. Mit dem Beutestück, das alle Maße übertraf, die Willi bislang in seinem noch jungen Leben wahrgenommen hatte, statteten sie der unverhüllten »Anna« einen Besuch ab. Anna, so nannten die Elbinger liebevoll die Statue, die Diana, der altrömischen Göttin der Jagd, gewidmet war. Sie stand dort, wie Paulchen fand, ziemlich schamlos zwischen der Kaiserin Auguste-Victoria-Schule, dem Elbinger Lyzeum und dem Pfarrhaus der St. Marienkirche in einem kleinen Lustgarten herum. Willi war schon immer der Meinung, dass man ihr mal etwas anziehen müsste. Besonders oben herum. Und was würde Diana besser passen, als der überdimensionale Büstenhalter von Paulchens Schwester?

Mit Paulchen hatte er sich eines Tages auf Beutezug in das Gebiet der Kolonisten gewagt, mitten in die Pangritzkolonie. Es kam wie es kommen musste. Plötzlich waren sie da – so als hätte der Himmel sie ausgespuckt – und das unmittelbar vor ihre Nase.

»Lauf Willi, lauf um dein Leben! Die Kolonisten kommen!«

Paulchen stand da wie festgewachsen, die Panik ins Gesicht geschrieben. Eben noch hatte er eine dieser dunkelroten, leckeren Kirschen genüsslich von einer Backentasche in die andere geschoben, als er plötzlich eine bedrohliche Ansammlung von zehn bis fünfzehn zornigen Burschen den sandigen Weg hinauflaufen sah. Dass die etwas mit dem Kirschbaum zu tun gehabt haben mussten, dem Willi und Paul zuvor einen Besuch abgestattet hatten, war offensichtlich. Das verriet Paulchen schon dieses knackige und zuckersüße Stückchen Frucht, das seine Geschmacksnerven für einen kurzen Augenblick in reinste Verzückung hatte geraten lassen. Sein noch ach so junges Leben war sicherlich nicht in Gefahr, das ahnte Willi schon, zumindest aber würden sie ordentlich Kattun kriegen, bekämen die Kolonisten sie erst einmal in die Hände.

Sicherlich würden sie ihnen die Kleider vom Leib reißen und sie mit geübten Stockschlägen durch die Brennnesseln treiben, so wie sie es mit dem kleinen Glogowski gemacht hatten, als dieser sich einmal erdreistete, einen Apfel aus der Kolonie mitzunehmen, der, von der Pangritzer Bevölkerung völlig unbemerkt, zuvor den Baum als Fallobst verlassen hatte. Und sie? Sie hatten die Eimer und Hosentaschen jetzt voll von Kirschen – Pangritzkirschen. Also gab es für Willi und Paulchen nur eins: Rennen! Sie ließen die Eimer Eimer sein und rannten, rannten, als hätte gerade ihr letztes Stündlein geschlagen. Ja, sie rannten in diesem Augenblick tatsächlich so, als ginge es um ihr Leben.

Die Kolonisten, das waren die Burschen aus der Pangritz-Kolonie. Es gab sie in verschiedenen Größen – zumindest an diesem späten Frühlingsnachmittag. Vorne weg preschten zwei große Lantrusse. Dahinter hatten sich jede Menge Lorbasse formiert, gefolgt in einigem Abstand von ein paar kleinen Rotznasen, die sich das Spektakel als kurzweilige Spätnachmittagsvorstellung offensichtlich nicht entgehen lassen wollten.

Willi und Paulchen steckten knochentief im Schlamassel. Sie befanden sich auf feindlichem Territorium, die Beweislage war eindeutig, und die wilde Horde rückte ihnen ständig näher auf die Pelle.

Immer wieder mal waren die beiden in der Vergangenheit in die Pangritzkolonie zum Beutezug ausgerückt. Das Angebot war schließlich reichhaltig und verlockend. Es gab saubere Gärten, Gemüse, viele Obstbäume, auch mal einen Karnickel- oder Hühnerstall, da waren Bienenkörbe und zusätzlich ertragreiche Schrebergärten – alles ideale Orte für eine Erfolg versprechende Expedition. Vor hundert Jahren existierten dort, wo die prallgefüllten Kirschbäume standen, nur Sandhügel. Bis ein ehrbarer Elbinger Kaufmann sie aufkaufte. Er erbaute für sich den Pangritzhof mit einem großen Garten, was ihm offenbar reichte. Das übrige Land teilte er in Parzellen auf und gab es gegen eine geringe Pacht an arme Leute. Die Pacht blieb bestehen, auch als der Pangritzhof später zum Gasthaus »Alte Welt” wurde. Doch was spielte diese Großherzigkeit eines Mannes, den sie noch nicht einmal kennen gelernt hatten, jetzt noch für eine Rolle? Für Willi und Paulchen überhaupt keine.

»Komm Willi, da den Hügel hinauf!«

Paulchen deutete in Richtung »Alte Welt.«

Hatte sein Kumpel vielleicht einen Ausweg aus der Misere gefunden? Willi wollte es noch nicht so recht glauben. Doch egal, was kommen mochte: Paule, der würde ihn nicht im Stich lassen. Das wusste Willi nur zu genau. Und auch umgekehrt konnte Paul immer auf ihn zählen. Das war gewiss. Und gerade dann, wenn Willi glaubte, dass es keine Lösung mehr geben würde: Paulchen, der fand eine.

»Schnell, da drüben!«

Willi hatte einen Moment inne gehalten, war stehen geblieben, um abzuschätzen, wie dicht ihnen die Pangritz-Meute schon auf den Fersen war. Lange würde man sie sich nicht mehr vom Leibe halten können.

»Deiwel noch eins! Willi, nun komm endlich!«

»Wo willst du hin?«

»Zum Friedhof hinter der »Alten Welt!«, knurrte Paulchen.

War das die Rettung? Ein Friedhof als letzter Ausweg?

Das Gasthaus »Alte Welt” war ein Gebäude mit einem halbrunden Giebel. Ins Gasthaus selbst hatte Willi sich bislang noch nie getraut. Merkwürdig berührte es ihn, dass gleich hinter dem Garten der alte Friedhof lag, der zur Pauluskirche gehörte. Auch sollte im Garten der Richtblock des letzten Scharfrichters Macketanz aufgestellt sein – was für ein Graus! Und auch die Richtstätte »Önner Grund” war nicht weit entfernt.

Als Willi und Paulchen den Friedhof erreichten, waren ihnen die Kolonisten schon ein bedrohliches Stück dichter auf die Fersen gerückt. In der zweiten linken Reihe hinter dem Eingangstor hatte man offenbar an diesem Nachmittag jemand beigesetzt. An beiden Seiten lag frisch die Erde aufgeschüttet. Die Bestatter hatten noch nicht damit begonnen, das offene Grab zuzuschaufeln.

»Schnell, da hinein«, fauchte Paulchen.

Was? Willi stutzte, und er zuckte mit dem ganzen Körper. Hatte er wirklich richtig gehört. Hinein!? Wo hinein, um Himmelswillen? Etwa in das Grab? Er sollte wirklich in dieses Loch hinein springen?

»Willst du wirklich, dass wir ins Grab hüpfen?«

Es gab keinerlei Zweifel. Paulchen hatte ihnen dieses Grab als Stätte der Zuflucht ausgesucht. Er wollte sich dort keineswegs zur ewigen Ruhe betten, aber eine Zeit lang, so hatte er es sich erhofft, würde man dort vor diesen blutrünstigen Kolonisten vielleicht sicher sein.

»Und wenn die uns dann zuschaufeln, Paule? Oder wenn das alles zusammenstürzt?«

Paulchen wusste was Willis »Paule« bedeutete. Wenn er ihn so nannte, war er misstrauisch oder zumindest von Skepsis geplagt.

»Komm Willi, schabber nuscht. Rein da!«

Mit einem Sprung war Paulchen in das Grab gehechtet. Er schlug hart mit den Knien zwischen den vielen Kränzen auf dem Sargdeckel auf und zog ein schmerzverzerrtes Gesicht. Auch Willi hatte sein ganzes Herz in die Hand genommen und war hinterher gesprungen. Er landete vergleichsweise weich auf den Trauerkränzen.

»Schnell, das Grünzeugs drüber«, trieb Paulchen ihn zur Eile an.

Die beiden hatten sich gerade unter den Kränzen vergraben, als sie ein Wirrwarr von Stimmen und Schritten vernahmen, das schnell näher kam.

»Das sind sie – die Kolonisten!«

»Ruhig«, flüsterte Paulchen.

Willi spürte, wie sein Herz lauter schlug. Er roch das Tannengrün, das ihn auch nicht wirklich beruhigte. Jetzt nur keine unbedachte Bewegung, nur kein auffälliges Räuspern, dachte er bei sich und lauschte, wie sich zwei Kolonisten, vermutlich handelte es sich um die beiden Anführer, aufgebracht unterhielten.

»Die können doch nicht vom Erdboden verschluckt worden sein!«

»Vielleicht hat der Geist vom ollen Scharfrichter Macketanz sie ja geholt!«, meinte der andere und lachte hämisch.

»Vielleicht haben sie sich hinter einem Grabstein versteckt!«

»Willst du hier wirklich jeden Grabstein nach denen absuchen?«

Ein dritter mischte sich ein – einer der jüngeren Kolonisten.

»Ich muss gleich zu Hause sein. Es wird schon dunkel!«

»Ach, deine Uhr geht doch nach Buttermilch«, knotterte einer der Anführer.

»Geht sie nuscht. Es ist schon nach 20 Uhr«, jammerte der Jüngere.

»Kick doch dem, ich hab doch direkt gesagt, wir lassen den Kleenen zu Hause«, meldete sich ein Vierter leicht verärgert zu Wort.

»Ich muss auch bald zu Hause sein. Wenn ich später komme, dann setzt es was.«

Auch ein weiterer Verfolger hatte erhebliche Bedenken, dass er die Prügel, die er hier eigentlich verteilen wollte, gleich selbst von seinem Vater einstecken würde.

Für einen Moment wurde es merklich ruhig in der Oberwelt.

»Also gut, gehen wir«, lenkte einer der Anführer ein.

Willi und Paulchen lauschten, wie die Horde sich entfernte. Als sie sich sicher sein konnten, dass die Schweinebande wirklich den Rückzug angetreten hatte, wollten sie sich gerade von den Kränzen befreien und die grausige Stätte verlassen, als sie erneut Geräusche wahrnahmen.

Willi erschrak.

»Sind das wieder die Kolonisten? Sie kommen zurück! Oder?«

»Glaub ich nuscht«, flüsterte Paulchen. Diese Stimmen klangen älter, und sie näherten sich mit lautem Gebraasch.

Was Willi und Paulchen nicht sehen konnten: Zwei dunkle Gestalten hatten gerade der Gastlichkeit der »Alten Welt« den Rücken zugekehrt, das Friedhofsgelände betreten und es schien so, als steuerten sie direkt auf das Grab zu. Dass sie dabei nicht immer den kürzesten Weg einhalten konnten, lag wohl daran, dass sie zuvor von der Wirtin aufs Beste versorgt worden waren.

»Das sind nicht die Kolonisten. Das sind zwei, die haben sich einen gebrannt, Paul. Die haben den Kanal voll.«

»Psst! Sei still, Willi!«, flüsterte Paulchen.

»Du Behnke, der Bärenfang in der »Alten Welt« war auch schon mal besser.«

»Weeste, Komputzki, ich gönn mir eh lieber een gepflegtes Bierchen. Wer Schnaps trinkt, der steckt ooch Häuser an.«

»Ach was, ick hab men Lewen lang noch keen Haus anjesteckt.«

Willi erschrak. Was war das, was er dort gehört hatte? War das nicht der Klang von Metall, den er gerade wahrgenommen hatte? Ein Klang, so als ob Metall gegen einen Stein geschlagen worden war? Das Geräusch beunruhigte ihn. Natürlich war es Metall! Und gehörte zu dem Metall möglicherweise auch noch ein Stiel? Und ergab beides zusammen nicht eine Schaufel? Und wer machte sich am späten Nachmittag noch mit einer Schaufel auf dem Friedhof zu schaffen? Die Antwort lag für Willi auf der Hand: Die Totengräber!!!

Eiskalt lief es ihm den Rücken hinunter bei der Vorstellung, er könne gleich in diesem Loch bei lebendigem Leib begraben werden. Die Totengräber hatten offenbar im Gasthaus ein kleines Päuschen eingelegt, um nach reichlich Zuführung von Hochprozentigem die Arbeit an dem Grab fortzusetzen.

»Raus hier, Paulchen! Nix wie raus hier!«

In Panik schleuderten Willi und Paulchen die Kränze von sich und versuchten sich am Rand der Grube hochzuziehen, was jedoch daran scheiterte, dass die sandige Erde nachgab. Immer wieder versuchten sie am Rande des Grabes hochzuklettern. Doch stets rutschte die Erde nach. Immer mehr Sand füllte das Grab. Schließlich gelang es Paulchen, sich an einem Balken, der quer über das Grab gelegt worden war, hochzuhangeln. Mit einer Hand griff er nach Willi und zog ihn aus dem dunklen Loch.

Beide streiften sich noch kurz die Erde von den Hosen ab und dann taten sie das, was sie eine halbe Stunde zuvor auch schon getan hatten: sie rannten.

»Deiwel noch eins! Was ist das denn?«

»Was denn, Komputzki?«

»Da ist jemand …, da ist jemand aus dem Grab rausgekommen? Und nuscht nur einer. Ich glaub’, es waren sogar zweije!«

Komputzki stand dort wie zu einer Salzsäule erstarrt, geradeso als sei der Leibhaftige mit einem weiteren Höllenwesen der Unterwelt entstiegen.

»Ach halt den Jabbel, Komputzki. Ich glaub’, du hast dir zu viel vom Bärenfang off de Lampe gegossen.«

»Wenn ich es dir doch saag, da sind zwee aus dem Grabe heraus!«, beteuerte Komputzki, dem ohne Pause die Knie schlotterten.

Behnke wurde ungehalten.

»Ach Unfug. Los Komputzki, fang an und schaufele. Sonst sind wa morjen früh noch nuscht fertig.«

Als Willi und Paulchen längst schon hinter der Kirche verschwunden waren und den Nachhauseweg angetreten hatten, unterhielten sich die Totengräber noch lange bei ihrer Arbeit. Als das Werk getan war, war sich Komputzki sicher, dass diese geisterhafte Erscheinung – genauso wie Behnke es meinte – nur durch den Bärenfang ausgelöst worden sein konnte.

»Glaub mir, Komputzki, der Bärenfang, der is nuscht Gutes nuscht. Du solltest künftig vielleicht besser beim Reinen Wort Gottes weilen«, womit Behnke den Kornschnaps meinte.

Komputzki besann sich tatsächlich eines Besseren. Fortan ging er durch die Welt und pries das Reine Wort Gottes bei jeder sich bietenden Gelegenheit in den höchsten Tönen und dankte es ihm auf mannigfaltige Weise. Erscheinungen soll er seitdem auch keine mehr gehabt haben …

Das Dingslamdei

Wann Willi erstmals das Meer sah, daran konnte er sich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Doch sobald er durch die Haustüre trat, konnte er es riechen und schmecken. Vater Wilhelm, ein langer schmaler Mann, arbeitete bei den Elbingener Schichauwerken als Werkzeugmacher, Mutter Johanna kümmerte sich um die Kinder. Als da waren: Willi, sein kleinerer Bruder Kurt und seine ältere Schwester Elisabeth. Gemeinsam bewohnten sie in Mattendorf ein kleines Häuschen. Von hieraus war es nicht weit zum Ostpreußenwerk am Elbingfluss, die Schornsteine der Brauerei Englisch-Brunnen konnte man sehen, und auch der schöne Ziesepark lag in der Nähe. Hinterm Haus gab es einen kleinen Obstgarten mit Äpfel-, Birnen- und Kirschbäumen. Hier saß Johanna an milden Tagen oft auf einer Bank und schaute den Kindern beim Spielen zu. An dem großen Kirschbaum hatte Vater Wilhelm eine Schaukel befestigt, das Brett dazu stammte von einem Bierkasten der Brauerei Englisch-Brunnen, das Seil hatte er am Hafen besorgt. Johanna liebte die Schaukel am Kirschbaum, sie mochte es, wenn sie in der noch warmen Abendsonne den kleinen Kurt auf den Armen hielt und der Wind durch ihre rabenschwarzen Haare streifte. Wenn sie schaukelte, fühlte sie sich dem Himmel auf Erden ein Stückchen näher.

Es war schon spät am Nachmittag, als es Willi vor die Haustüre zog.

»Mutter, kann ich mal zum Paulchen rüber?«

»Ja, aber komm nicht zu spät nach Hause. Du weißt, dass dein Vater es nicht mag, wenn du nicht beizeiten am Abendtisch sitzt.«

»Kein Problem!«, versicherte Willi.

Er wusste, dass sein Vater sehr ungehalten sein konnte, wenn er mal etwas später kam. Früher – vor dem Krieg – da war er ganz anders zu den Kindern gewesen, hatte ständig mit ihnen rumgealbert, und sie hatten jede Menge Spaß miteinander. Als Mutter ihn zu den anderen Soldaten an den Bahnhof brachte, steckten ihm zwei Frauen eine Blume an. Er nahm sie und gab sie seiner Frau, »damit sie immer an ihn denken möge.« Das war 1914. Als er drei Jahre später verwundet und gezeichnet aus der Gashölle von Ypern zurückkehrte, hatte Johanna als Willkommensgruß einen Blumenkranz um die Eingangstür gewunden. Wilhelm nahm ihn nicht einmal zur Kenntnis. Sein Blick war starr geworden, und manchmal zitterte er am ganzen Körper. Ständig war er gereizt, die kleinste Kleinigkeit konnte ihn aus der Bahn werfen.

»Vater hat im Krieg Furchtbares erlebt«, sagte Mutter einmal. Darüber geredet hatte er nie. Mit den Jahren wurde sein Zustand etwas besser. Die Arbeit in den Schichauwerken machte ihm jedoch stark zu schaffen. Ganz gesund wurde er nie wieder. Das Giftgas von Ypern steckte tief in seinem Körper und in seiner Seele.

Nach ein paar Minuten hatte Willi Paulchens Haus erreicht. Er klopfte an die Tür, die sich kurze Zeit später öffnete. Vor ihm stand Paulchens größere Schwester Hanne in Pampuschen und Kittelschürze. Sie war von schlanker Statur, mit blonden Zöpfen und einer riesigen Oberweite, was zu dieser Zeit selbst dem kleinen Willi ins Auge fiel. Schließlich konnte man ihre Brüste einfach nicht übersehen. Hanne, da war er sich sicher, die hatte bestimmt Dutzende von Verehrern.

»Na Willi, willste zu unserem Paule?«

Willi nickte.

»Ja, ist er zu Hause?«

»Ja, ist er. Sag mal Willi, kann es sein, dass ihr – also du und det Paulchen – in den vergangenen Tagen mal was mitgenommen habt, was mir gehörte und was im Wäschekorb hinterm Haus lag?«

»Nee, was meinste denn?«

Willi schluckte.

»Na, so’ n Stück Wäsche.«

Willi stellte sich dumm. Er wusste nur zu genau, worauf die Hanne hinaus wollte.

»Nen Stück Wäsche? Wat denn für ne Wäsche? Strümpfe vellecht?«

»Ne keijne Strümpfe. So nen Büstenhalter eben.«

»Eijnen Büstenhalter? Eijnen in echt?«

Willi bemerkte, wie sich in Hannes Gesicht zu dem ansonsten so blassen Teint ein leichtes Rot gesellte.

»Aber Hanne, wat sollen Paulchen und ich denn mit nem Büstenhalter? Wir sind doch keijene Marjellchens nuscht. Brauch ich etwa nen Büstenhalter?«, lachte er und schob sich mit beiden Händen den Pullover nach oben.

Willi wusste, dass Hanne sehr eigen war, was ihre Kleider betraf. Würde sie merken, dass er ihr etwas vorgaukelte? Oder würde er sie tatsächlich mit seinem stümperhaften schauspielerischen Talent täuschen können?

»Ja, wer wees, wat hier manchmal für Packzeug um de Häuser streicht! Da hatte bestimmt einer einen Furz im Kopf.«

Paul erschien in der Tür und zwängte sich mit einer Angel unterm Arm und einem Eimer in der Hand an Hanne vorbei.

»Hallo Paulchen! Wie geht’s?«

»Gut! Weijste Willi, Hanne sucht immer noch ihren Büstenhalter, so eijnen großen. Irgend eijn Lodschack hat den wohl mit nach Hause genommen. Vellecht hat da jemand eijne Sammlung mit eröffnet.«

»Wisst ihr, wenn ich den erwische, dem hau ich eins auf den Nischel«, zischte Hanne und meinte: »So, ihr beiden. Ich muss mich noch um de Wäsche kimmern.«

»Tschüss, Hanne.«

»Tschüss, Willi.«

Hanne schloss die Tür. Willi wandte sich Paulchen zu.

»Gehen wir angeln? Zum Elbing-Fluss?«

»Ja klar, warum nicht.«

Für Willi gehörte der Elbing-Fluss zu den bemerkenswertesten Flüssen der Welt. Oft schon hatte er hier gefischt. Für ihn war dieses Gewässer nicht nur das Tor zur Welt, es ernährte ihn zuweilen auch ganz gut mit fangfrischem Fisch – wenn man diese wenige Zentimeter langen Rotaugen denn zur Gattung der Fische zählen wollte, die in den häufigsten Fällen am Haken zappelten. »Mit denen brauchst erst gar nuscht durch die Haustür zu kommen«, hatte seine Mutter gemeint. Also grillte Willi sie zumeist am Fluss oder schenkte ihnen ein zweites Leben, indem er sie wieder zurück ins Wasser beförderte.

Willi und Paul hatten sich am Ufer ein schattiges Plätzchen gesucht. Aus einer kleinen Streichholzschachtel, die Paul in der Hosentasche trug, fischte er einen Regenwurm heraus und hielt ihn wie eine Trophäe in die Höhe.

»Schau, den hab’ ich heute morgen im Garten ausgebuddelt.«

Paul hielt Willi das stattlichste Exemplar vor die Nase.

»Dass der überhaupt in eine Schachtel passt!«, grinste Willi.

Nachdem der Köder fachmännisch am Haken befestigt worden war, warf Paul die Angel aus. Am oberen Ende der Rute befestigte er ein kleines Glöckchen. Dann zogen beide ihr Hemden aus und rollten sie als Kopfkissen zusammen. Sie legten sich ins Gras und ließen sich die letzten Sonnenstrahlen des Tages auf den Bauch scheinen, als plötzlich ein wuchtiger Ruck durch die Angel ging.

»Schnell Willi, pack mit zu!«

Paulchen hatte wohl gemerkt, dass da etwas am Haken zappelte – zunächst nur ganz leicht, dann immer heftiger, je mehr er die Angelschnur einholte. Alleine, das spürte er, würde er diesen kapitalen Burschen nicht einholen können. Das Fischlein schlug todesmutige Haken nach allen vier Himmelsrichtungen. Zu zweit umklammerten sie die Angel, die sich am oberen Ende gefährlich nach unten bog, so als wollte sie mit jedem Augenblick zerbersten. Das Tierchen musste noch sehr an seinem Leben im Wasser hängen, denn es wehrte sich nach Leibeskräften. Die beiden starrten wie gebannt auf die Wasseroberfläche, bis sich dort erste dunkle Konturen abzeichneten.

»Was ist das? Ist das eine Schlange?«, fragte Willi ungläubig und starrte aufs Wasser.

Er spürte jetzt jede Muskelsehne in seinen Oberarmen. Das Wassertierchen kämpfte wahrlich tapfer. Doch was würde es ihm nützen? Es hatte sich gänzlich am Haken verbissen.

Nach ein paar Minuten anstrengendem Drill standen Willi und Paul mehr fragend als freudig vor ihrer Beute. Nun hatten sie also etwas an Land gezogen, aber was zum Teufel war das? Es sah aus wie eine Schlange, war aber keine. Und ein Aal? Ein Aal, soviel stand fest, war das auch nicht.

»Ich glaube, ich hab so ein Dingslamdei schon einmal gesehen«, gab sich Willi selbstsicher und erzählte Paulchen, dass es sich dabei um ein recht seltenes Exemplar einer bestimmten Gattung handeln könnte, dessen Name er zwar kannte, der ihm aber bedauerlicherweise soeben während des Drills vor lauter Aufregung entfallen sei. Er glaube aber, sich noch daran erinnern zu können, dass es für die Bratpfanne sehr geeignet gewesen sei, ja dass es eine geradezu vorzügliche Schmackhaftigkeit besessen habe.

Willi überlegte kurz. Dann schaute er Paulchen an und stutzte.

»Schau mal die vielen Augen, die es hat. Meinst du, das ist vielleicht so ein Nässie?«

»Ein Nässie!?«

»Ja! So eijene Sorte eben, die so heijßt, weil sie in eijnem dunklen und furchtbar nassen Wasserloch im Schottenland haust!«, gab sich Willi besserwisserisch.

»Glaub ich nuscht«, wehrte Paulchen ab. »Wat soll denn da hausen?«

»Ja so ‘nen Ungeheuer. Vellecht ist dat hier auch so ‘nen Ungeheuer – halt eben nur etwas kleijner?«

Die beiden debattierten noch eine ganze Weile lautstark. Doch Nässie hin, Nässie her – Paulchen wäre nicht Paulchen, hätte er nicht einen Rat gewusst.

»Wejste Willi, wenn man etwas nuscht kennt, dann muss man einen kennen, der es kennt.«

»Ach ja. Und wen bitte kennst du, der was kennt, was wir nicht kennen?«, fragte Willi neunmalklug.

»Na Raschke, den Schleusenwärter, der weiß bestimmt, was es mit dieser Kreatur auf sich hat. Der lebt schon seit vielen Jahren hier am Fluss und hat schon so manches seltene Wassergetier zu Gesicht bekommen.«

Die Schleuse war eine richtige Falle für die Fische, die den Fluss hinauf und hinab zogen. Da gab es Plötze und Barsche, Aale und Schleie, Bleie und Hechte. An einem Wehr sammelten sie sich an manchen Tagen zu Tausenden. Die Fische bescherten Raschke nicht nur eine stets willkommene Mahlzeit, sondern auch eine satte Nebeneinkunft, die in manchen Monaten größer gewesen sein dürfte, als sein Lohn als Schleusenwärter. Saß er nicht bei seiner Schleuse, war er auf dem Fischmarkt in Elbing unterwegs. Hinter der Schleuse betrieb er noch einen kleinen Räucherschuppen, aus dem ständig stinkender Qualm zog. Hier räucherte er die Aale. Das Feuer nährte er mit Tannenzapfen. »Wegen dat janz besondere Auroma«, wie Raschke stets prahlte.

Also gingen Willi und Paulchen mit Nässie, oder was immer sich auch in dem Eimer befand, zum Haus des Schleusenwärters. Willi klopfte an die Tür, während Paul den Eimer mit der Beute fest mit beiden Händen umklammerte. Die Tür öffnete sich und heraus trat ein kleines hageres Männlein mit einer Schifffahrtsmütze auf dem Kopf und einem Giezkocher im Mundwinkel, der nur noch im Entferntesten Ähnlichkeit mit einer Tabakspfeife hatte.

Raschke fehlte am rechten Arm die Hand. Als Schreinergeselle hatte er sie bei einem Unfall an einer Maschine verloren. Aber er war deshalb kein Griesgram. Trotz seiner Behinderung konnte er ohne Probleme die Schleuse öffnen. An einem großen Kreuzhebel, der aus dem Boden ragte, stemmte er sich mit seinem ganzen hageren Körper gegen die Flügel aus Eisen. Ein Teil der Brücke, die über den Fluss führte, bewegte sich schließlich seitwärts und gab nach kurzer Zeit die Durchfahrt frei.

Raschke lebte alleine und zurückgezogen. Schon vor Jahren war seine Frau verstorben. Kinder hatte sie ihm keine geboren. Sein Haus zierte ein guter Giebel, worüber die Leute zuweilen ihre Späße machten, wollte heißen, seine Nase war etwas größer als die seiner Mitmenschen. Aber das spielte für Willi und Paulchen in diesem Moment keine Rolle.

»Na, ihr Lachodder , wat habt ihr zweje den da inne Ejmer?« Lachodder, das war einer, der zu nichts taugte. Als Schimpfname, der mit einem Augenzwinkern verbunden war, musste man sich den Namen in Elbing gefallen lassen. Und so kümmerte es Willi und Paulchen wenig, wenn Raschke sie auf diese Weise begrüßte.

»Dat wissen wir auch nuscht so genau, Herr Raschke. Wir dachten, dass Sie sich das Tierchen mal etwas genauer anschauen könnten. Vellecht wissen Sie ja, zu welcher Gattung es gehören könnt.«

Raschke kratzte sich am Kopf.

»Gattung! Na gut, dann kommt man ruhig rein, ihr Banausen.«

Die Burschen betraten das Schleusenwärterhäuschen.

Der Schleusenwärter nahm das Tierchen aus dem Eimer. Er hielt es in die Höhe, während es wie wild hin und her zappelte, und betrachtete es von allen Seiten. Immer wieder drehte und wendete er es.

»Hmmh …?« brummelte er dabei in seinen langen zotteligen Bart. »Hmmh …?«

Dann wendete er das Wassertierchen ein weiteres Mal, diesmal in die andere Richtung.

»Also … Es könnte … Hmmh, ja also… Ja ihr Lachodder, also so genau kann ich euch das auch nicht sagen, das mit der Gattung. Wisst ihr, so ein seltenes Tierchen, das muss man sich allemal in aller Ruhe betrachten. Ich denke, um es genauer bestimmen zu können, misd ich es erst mal ein Weilchen in meijne fürsorgliche Obhut nehmen. Am besten, ihr lasst das Tierchen mal hier, dann kann ich es mir in aller Ruhe beäugen, wenn ich etwas mehr Zeit habe.«

Willi und Paule ließen den Schleusenwärter also aus Forschungsgründen alleine mit dem unbekannten Flussbewohner. Noch Tage später erzählten sie sich von diesem schlangenartigen Ungeheuer. Was aus dem Tierchen wurde, Willi und Paul hatten es nie erfahren. Raschke meinte einmal nur beiläufig, als Willi ihn in Elbing auf dem Fischmarkt traf, dass es sich bei diesem Dingslamdei wohl um eine Lamprete gehandelt haben müsste und …, dass es geräuchert ähnlich vorzüglich delikat schmecke wie ein Aal!

Das Geburtstagsgeschenk

»Es hat geschneet, Mutter! Es hat geschneet!«

Der Anblick der weißen Pracht hatte Willi in helle Verzückung geraten lassen. Über Nacht war plötzlich die Temperatur gefallen, und der Frost hatte ein dünnes pulvriges Kleid über Elbing gelegt. Man schrieb den 15. Oktober des Jahres 1922, und eigentlich war es noch viel zu früh für einen Wintereinbruch. Willi blickte auf seinen 12. Geburtstag, und draußen lag Schnee. War das nicht ein Zeichen des Himmels? Nichts hatte er sich sehnlicher gewünscht, als ein Paar Schlittschuhe, mit denen er auf der zugefrorenen Hommel oder dem Elbing-Fluss im Winter seine Runden drehen konnte. Willi hatte die Schlittschuhe vergangenes Jahr in der Vorweihnachtszeit in den großen Schaufensterauslagen eines Kaufhauses entdeckt.

»Na, Willichen, haste Geburtstag heut?«

Mutter Johanna tat so, als habe sie mit dem Geburtsdatum ihres Sohnes gewisse Zweifel.

Willi nickte. Was für eine Frage? Er befand sich sozusagen in einem Zustand freudiger Erwartung und seine Mutter machte Scherze. Mutter Johanna hatte mit Elisabeth bereits am Frühstückstisch Platz genommen. Der kleine Kurt schlief nebenan. In der Mitte des Tisches stand eine prächtige Schokoladentorte, darauf waren zwölf kleine Kerzen eingesteckt.

»Ich wünsche dir alles Gute zu deinem 12. Geburtstag, mein Schatz.«

Johanna presste Willi fest an sich und drückte ihm einen dicken Kuss auf die Stirn.

»Ich wünsche dir auch alles Gute«, gratulierte Elisabeth, seine ältere Schwester. Vater Wilhelm würde sich den guten Wünschen am Abend anschließen. Er war schon in aller Frühe zur Arbeit aus dem Haus gegangen.

»Du weißt ja, wenn du die Kerzen nicht mit einem Male ausbläst, dann bringt das Unglück«, frotzelte Elisabeth.

»Ach sei still, Elisabeth«, mahnte Mutter Johanna. »Erzähl dem Jungen doch nicht so ein dummes Zeug.«

Es war Tradition im Hause Steinky, dass das Geburtstagskind am Morgen die Kerzen ausblasen musste. Dann durfte es sich ein großes Stück von der Torte nehmen und alle schauten zu, wie es die süße Portion in einem Gefühl von Glückseligkeit verspachtelte. Der Rest der Torte wurde weggestellt, und am Nachmittag machte sich dann die ganze Geburtsgesellschaft genüsslich darüber her. Warum das so war, das wusste keiner. Es war halt schon immer so.

Willi visierte die Kerzen auf dem Kuchen an und holte kräftig Luft, so als wolle er den ganzen Tisch umpusten. Er blies und blies, und als er fertig war, da war das eingetreten, was nicht geschehen sollte: Eine Kerze war nicht erloschen. Sie leuchtete trotzend in hellem Licht, so als wollte sie die ganze Küche ausleuchten.

Willi blickte ängstlich zu seiner Mutter.

»Wird jetzt was Schlimmes passieren?«

»Ach was, Willi. Geh, iss deine Schokoladentorte. Nichts wird passieren!«

Obwohl die Worte seiner Mutter ihn zunächst zu beruhigen schienen, musste Willi unentwegt auf die Kerze blicken. Er ließ sie nicht aus den Augen und hatte sie schon eine ganze Weile fixiert, als er schließlich mit einem Satz aufsprang, den Kopf über den Tisch beugte und auch dieser letzten Kerze das Licht auslöschte.

»So«, meinte Willi. »Damit auch gar nuscht Schlimmes nuscht wird passieren können.«

Genüsslich machte er sich sodann über das Tortenstück her. Ach, wie genoss er es. Nie im Leben würde er vergessen, wie fein Mutters ostpreußische Schokoladentorte schmeckte. Nie im Leben. Doch seine Gedanken kreisten in diesem Augenblick nicht nur um die Torte. Gab es zum Geburtstag nicht auch immer noch ein Geschenk? Hastig schlang er die süße Köstlichkeit hinunter. Als das letzte Stückchen vertilgt war, fasste Mutter Johanna hinter die Kommode und fischte ein kleines Päckchen hervor.

»Hier Willi, für dich.«

Willi stutzte. Misstrauisch beäugte er das Paket. Schon rein äußerlich erweckte es nicht den Anschein, als könnten darin ein Paar Schlittschuhe verborgen sein. Willi bedankte sich und öffnete das Geschenk. Zum Vorschein kamen Wollsocken und Handschuhe. Stinknormales, hundsgemeines Strickwerk, nichts, was das Herz eines zwölfjährigen Jungen hätte höher schlagen lassen können.

»Damit du es im Winter immer warm hast. Die haben Elisabeth und ich für dich gestrickt.«

»Ja, das haben wir«, fügte Elisabeth bei und hielt ein weiteres kleines Päckchen in Händen, das sie kurz zuvor ebenfalls hinter der Kommode herausgefischt hatte.

»Und das gehört auch noch dazu. Die habe ich alleine gemacht.«

Willi öffnete auch diese Gabe. Zum Vorschein kamen eine Mütze und ein Schal.

»Freuste dich?«

»Ja Mutter, das tue ich«, flunkerte Willi. Ihm war klar, dass jeder am Tisch spüren musste, in welch einem Dilemma er sich gerade befand. Sein Seelenzustand musste ihm ins Gesicht geschrieben sein. »Ich bin todtraurig, denn ich habe keine Schlittschuhe bekommen«, stand dort für jeden sichtbar in dicken Buchstaben zu lesen.

Johanna sah ihren Sohn an und lächelte.

»Ach, fast hätte ich es vergessen. Da müsste ja noch was unter dem Küchenschrank liegen, ganz hinten, da wo wir nicht hinkommen. Aber vielleicht schaffst du es ja.«

Noch was unterm Küchenschrank? Willi blickte ungläubig zu seiner Mutter hinüber. Hatte sie gerade »noch was« gesagt? Mit einem Satz hechtete er Richtung Schrank, streckte sich flach wie ein Brett auf den Boden und verschwand im nächsten Augenblick mit dem halben Kopf unter dem massiven Möbelstück. So als würde er irgendwelche Schwimmübungen vollziehen, ruderte er mit beiden Händen nach vorne. Willi erkannte, dass da noch etwas in der hintersten Ecke lag. Möglicherweise ein Karton – oder nicht? Doch ergreifen konnte er ihn nicht.

»Probier es doch mal damit!«

Willi rutschte ein Stück zurück. Er schlug fast mit dem Kopf gegen den Schrankboden und griff nach einem großen Kochlöffel, den seine Mutter ihm reichte.

»Ja, damit müsste es klappen!«

Willi verschwand mit dem Werkzeug wieder zur Hälfte unter dem Schrank. Mit beiden Händen setzte er den Kochlöffel an dem Päckchen an, um es mit einem gewaltigen Ruck nach vorne in Richtung Tisch zu befördern. Und dann kam es mit einem Male unterem Schrank hervor gesaust. Willi rutschte auf dem Hosenboden zur Seite und saß jetzt vor diesem verschnürten Paket wie das Karnickel vor der Schlange.

»Darf ich es aufmachen?«

»Natürlich!«, lachte Johanna. »Schließlich ist es ist doch dein Päckchen.«

Hastig zog Willi an den dünnen Schnüren. Dann entfernte er das Geschenkpapier. Er spürte, wie sein Herz schneller zu schlagen begann. Zum Vorschein kam ein Karton mit einer maschinellen Aufschrift. »Hergestellt in Hamburg« stand darauf geschrieben und direkt daneben, da waren … ja, da waren ein Paar Schlittschuhe abgebildet.

»Mama, das ist ja fantastisch!«

Willi verschlug es fast die Sprache. Wie sehr hatte er auf diesen Augenblick gewartet. Eigentlich schon ab dem Moment, als er diese Schlittschuhe zum ersten Mal beim Kaufhaus am Elbing-Fluss in der Auslage entdeckt und verspürt hatte, dass er sie unbedingt haben musste. Mit einem schnellen Ruck entfernte er den Deckel, griff in das Paket, und im nächsten Moment hielt er sie auch schon in Händen: seine nagelneuen, funkelnden Schlittschuhe. Die besten Schlittschuhe der Welt. Seine Schlittschuhe!

»Ja, das sind jetzt deine.«

»Das ist ja prima, Mutter. Vielen, vielen Dank.«

Willis Freude kannte keine Grenzen. Er fiel seiner Mutter in die Arme, die ihn fest an sich presste. Er wusste sehr wohl, dass diese Schuhe nicht ganz billig gewesen waren. Was er jedoch nicht ahnte, war, dass Johanna sie mühsam verdient hatte. Ein ganzes Jahr lang war sie zwei- bis dreimal die Woche stundenweise zur Zigarrenfabrik Loeser & Wolff gegangen und hatte dort für einen geringen Stundenlohn Zigarren verpackt und Etiketten angebracht – Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Solange bis sie das Geld zusammen hatte.

»Na Willichen, freuste dich?«

Natürlich freute sich Willi. Und wie er sich freute. Es war für ihn der schönste Tag in seinem noch jungen Leben. Und jetzt fehlte zu seinem Glück nur noch eins: das Eis. Doch auf das würde er noch eine Weile warten müssen. Als Willi am nächsten Morgen aufwachte und aus dem Fenster schaute, war der Schnee verschwunden und das Thermometer über Nacht wieder nach oben geklettert.

Schlittschuhlaufen auf dem Elbing-Fluss

Die Wochen gingen ins Land. Alles im Hause Steinky nahm seinen geregelten Lauf. Doch es war merklich kälter geworden. Willi musste sich an manchen Tagen auf dem Weg zur Schule schon seine dicke Winterjacke überziehen. Und dann kam der Tag, auf den er so lange sehnlichst gewartet hatte: Das Thermometer fiel unter Null. Und was für Willi noch viel wichtiger war: Dort blieb es auch stehen. Der Frost kam an den Elbing-Fluss und mit ihm das Eis. Die Zeit der Schlittschuhläufer hatte begonnen.

Der Leierkastenmann spielte schon seit Stunden immer die gleichen Melodien, als Johanna und Willi an jenem späten Nachmittag den Fluss erreichten. Schon häufig war Johanna an kalten Wintertagen hierher gekommen, schon damals als junges Mädchen, viele Jahre vor ihrer Heirat mit Wilhelm, hatte sich die Schlittschuhe geschnürt und dort ihre Runden gedreht. Jetzt wollte sie dabei sein, wenn Willi die ersten Gehversuche mit den schnellen Kufen auf dem Eis unternahm. Die Dämmerung war angebrochen.

Eigentlich die schönste Zeit hier am Fluss, fand Johanna. Sie genoss diese Momente, wenn die Lichter auf dem Eis die Nacht erhellten und die Eiskristalle glitzern. Doch seit Tagen schon hatte sie ständig diesen Husten und einen stechenden Schmerz in der Brust verspürt. Dazu leichtes Fieber. Die Schritte fielen ihr schwerer als sonst. All dies wollte sie auf dem Eis vergessen. Sie wollte einfach nur dahingleiten. Abgeschirmt von der Welt. Von den Schmerzen, den Sorgen, die sie seit Tagen begleiteten wie ein lästiger Gast. Ihrem Mann hatte sie nichts von diesem Ausflug erzählt. Heimlich war sie mit Willi zum vereisten Fluss aufgebrochen.

»Du musst vorsichtig sein, wenn du auf das Eis gehst, Willi. Und bleib immer nah bei mir. Am besten gibst du mir die Hand«, mahnte Johanna besorgt.

»Mach ich, Mutter. Aber mach dir keine Sorgen. Es passiert schon nichts. Ich passe schon auf.«

Willi hatte die neuen Schlittschuhe bereits angezogen und mit ein paar Schritten Besitz vom eisigen Parkett ergriffen. Er wackelte und schlotterte in den Beinen. Mit einigen seltsam anzusehenden Armbewegungen gelang es ihm immer wieder, das Gleichgewicht zu erlangen. Die meisten Kinder waren schon gegangen, doch ein paar Unermüdliche drehten noch immer ihre Runden. Willi warf einen flüchtigen Blick zu ihnen hinüber. Zu seinem Glück war niemand dabei, den er kannte. Sicher würde er noch eine recht unglückliche Figur machen. Und manch einer der Schlittschuhläufer schoss, was Willi sichtlich einiges Unbehagen bereitete, auf schnellen Kufen von Zeit zu Zeit dicht an ihm vorbei. Hoffentlich würde es ihm nicht so ergehen wie der Heiligen Lidwina, dachte er. Mutter hatte ihm von ihrer Legende erzählt. Eine überlieferte Geschichte berichtete, dass die damals 15-jährige Lidwina im Jahr 1395 beim Schlittschuhlaufen so heftig mit einem anderen Läufer zusammenstieß, dass sie sich schwer verletzte. Nach der Genesung ging sie in ein Kloster und widmete sich bis zu ihrem Tod 1443 der Religiosität. Wegen des Unfalls wurde sie zur Schutzheiligen der Schlittschuhläufer. Nein, ein Schutzheiliger wollte Willi nicht werden. Und er brauchte es auch nicht, denn keiner der Burschen kam ihm lebensbedrohend nahe oder nahm auch nur annähernd Notiz von ihm und seinen ersten Gehversuchen auf dem Eis.

»Komm, Willi! Schlaf nicht!«

Mutter Johanna nahm ihn mit einem Ruck an ihre Seite, und sie glitten gemeinsam über das Eis.

»Siehst du, wie gut das schon klappt!«

Willi taumelte leicht, konnte seinen Körper aber wieder ausbalancieren. Mit jedem Schritt hielt er sich etwas sicherer auf den Beinen. Ein-, zweimal musste Johanna ihn fest an der Hand nehmen, um einen Sturz zu vermeiden.

Runde für Runde drehten sie gemeinsam auf dem großen Fluss. Langsam kroch der Nebel den Fluss hinauf. Willi ließ die Hand seiner Mutter los und zog in zwei, drei Schritten in einer kleinen Bahn im Kreis um sie herum.

»Werde ja nicht übermütig!«, mahnte Johanna ihren Sprössling. Der Stolz einer Mutter über die ersten gelungenen Gehversuche ihres Sohnes auf dem Eis hatte sich in ihre Gesichtszüge geschrieben.

Eine Frau, circa Mitte 50, mit einem dicken Fuchspelz um den Hals gewunden, beobachtete das Schauspiel von einer Bank aus. Sie spendete verhalten Beifall.

»Wissen Sie, das sind heute seine ersten Runden auf dem Eis«, rief ihr Johanna hinüber.

»Dafür klappt’s aber schon ganz gut«, machte die Frau dem Jungen Mut.

Johanna wollte ihr noch etwas zurufen, doch in diesem Augenblick versagte ihr die Stimme. Was um Himmelswillen war das? Ein stechender Schmerz durchdrang ihre Brust. Sie musste husten. Und es nahm kein Ende. Es zog ihr fast die Beine weg. Der Arzt hatte sie gewarnt. Möglicherweise könnte es sich um den Anfang einer Lungenentzündung handeln, hatte er diagnostiziert. Doch Johanna wollte es nicht wahrhaben. Ach, das wird mich schon nicht umhauen, hatte sie die Befürchtungen des Doktors abgetan.

»Willi, ich glaub’, wir müssen runter vom Eis. Ich glaube, mir geht es nicht gut. Ich bekomme schlecht Luft. Komm, wir gehen morgen wieder hierher!«

»Ja, ist gut Mutter.«

Johanna und Willi verließen das Eis und nahmen eine Zeit lang auf der Bank neben der Frau mit dem Fuchspelz Platz.

»Ist Ihnen nicht gut, junge Frau?«

»Ach, es geht schon wieder«, wiegelte Johanna ab. »Ich habe wohl eine hartnäckige Erkältung.«

Die drei auf der Bank beobachteten, wie die Lichter auf dem Eis erloschen. Sie warteten, bis sich Johanna etwas besser fühlte. Auch der Leierkastenmann hatte seit einigen Minuten sein Spiel beendet. Von der Straße fiel nur noch ein schwacher Laternenschein hinüber. Der Nebel war noch dichter geworden. Zwischen den Brücken kauerte stumm die Nacht. Nur der eisige Wind drehte hier bei Frost und Kälte noch seine einsamen Runden. Die Frau von der Bank begleitete Johanna und Willi bis zur nächsten Straßenbahn, dann verabschiedete sie sich.

»Ich hoffe, junges Frauchen, dass es Ihnen recht schnell wieder besser geht.«

Die guten Wünsche der Frau im Fuchspelz sollten sich nicht erfüllen. Den nächsten Morgen sollte Johanna Steinky nicht mehr erleben. Sie starb noch in der Nacht. Auf ihrem Totenschein, den Willi einige Tage später auf dem Küchentisch liegend vorfand, war vermerkt: Todeszeitpunkt: 2.38 Uhr. Alter der Person: 34 Jahre. Geschlecht: weiblich. Name: Johanna Steinky, geborene Karau. Es war der zweite Advent 1921. Und dort stand ein Wort, das Willi noch nie zuvor gehört hatte und das er fortan sein Leben lang nicht mehr vergessen würde: Tuberkulose.

Die Adventsmütterchen

Den Tod seiner Mutter und die anschließende Beerdigung erlebte Willi wie in einem bösen Traum. Mutter Johanna lag aufgebahrt im Wohnzimmer. Überall leuchteten Kerzen und erhellten den dunklen Raum. Sie trug ein weißes Kleid, und man hatte ihr einen geflochtenen Blumenkranz um den Kopf gelegt. Wie schön sie ist, dachte Willi. Immer noch! Auch im Tod! Es kamen viele Verwandte, Bekannte und Nachbarn, die ihr Beileid kundtaten. Willi wusste am Abend nicht mehr, wie viele Hände er geschüttelt hatte. Es war ihm auch egal. Als sie den Sarg ins Grab ließen, wollte er nichts mehr wissen von dieser Welt oder von den Fürbitten des Pfarrers. Der Tod, er war ihm unheimlich. Er hatte ihn zuvor noch nicht gekannt, und er hatte ihm das Liebste genommen, das er besaß auf dieser Welt: seine Mutter. Seine Anwesenheit, er konnte sie nicht ertragen. Willi starrte unentwegt auf das Kreuz, das der Pastor ihm in die Hand gedrückt hatte. Wäre der Tod eine Person aus Fleisch und Blut, in diesen Minuten hätte er ihn mit dem Kruzifix erschlagen wie einen räudigen, tollwütigen Hund.

Beim Beerdigungskaffee im Gasthaus »Zum Schützenhof« saß die Trauergemeinde lange zusammen und tratschte. Sie lobten Johanna in höchsten Tönen. Welches zarte Wesen sie besessen habe, dass sie immer bester Laune war und wie gut sie zu den Kindern gewesen sei. Selbst diejenigen, die zu Lebzeiten kein gutes Haar an ihr gelassen hatten, wie die Witwe Kaminski, fanden nur Gutes an der Verstorbenen. Als Willi wieder nach Hause kam, zog er sich zurück in sein Zimmer, legte sich aufs Bett und dachte an seine Mutter. Als es dunkel geworden war, stand er auf und ging zum Fenster. Er öffnete es und blickte in den Abendhimmel. Es war kalt draußen und eine sternenklare Nacht. Ob Mutter nun da oben ist?, dachte er. Ob sie dort auf mich wartet? Oder gibt es vielleicht überhaupt keinen Himmel? Willi stiegen die Tränen in die Augen. Viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf, so dass er nicht bemerkte, wie sich zwei Gestalten dem Fenster näherten.

»Na Krabutzke, biste am Träumen?«

Willi erschrak.

»Keine Angst, wir tun keinem nuscht.«

Willi hatte die zwei Frauen nicht kommen gesehen. Es waren Adventsmütterchen, Frauen aus den umliegenden Altenheimen und Hospitälern, die noch bis zum Heiligabend durch die Straßen Elbings von Haus zu Haus zogen und milde Gaben sammelten. Diese Sitte stammte aus dem Mittelalter, als die Frauen in Laken eingehüllt für die Kranken Gaben sammelten.

Willi kannte die Mütterchen noch aus dem vergangenen Jahr. Da hatte Mutter ihnen zehn Pfennige gegeben, und er hatte seine Wünsche zu Weihnachten aufgesagt. »Wenn du fest daran glaubst«, hatte ihm Johanna gesagt, »dann werden sich deine Wünsche auch erfüllen.«

Die beiden Adventmütterchen trugen lange dicke wollene Röcke, offenbar mehrere übereinander. Darüber waren große helle, buntgestreifte Schürzen gebunden. Über ihre Schultern hatten sie ein schneeweißes großes Laken gelegt. Die Köpfe zierte jeweils ein großer, breitrandiger Hut, wie er im Sommer von den Landarbeitern auf dem Feld getragen wurde. Darüber befand sich ein unter dem Kinn zusammengebundenes Kopftuch.

»Möchtest du uns denn nicht deine Wünsche sagen?«, fragte die eine. Sie hielt einen aus Weiden gebundenen Deckelkorb im Arm. Darin, das konnte Willi erkennen, befanden sich Kuchen, Äpfel, Mehl und Pflaumenmus.

»Ich habe für Weihnachten keinen Wunsch!«

»Keinen Wunsch zum Weihnachtsfest? Das gibt es doch gar nicht! Alle Kinder haben doch Wünsche zu Weihnachten!«

Willi überlegte kurz.

»Ach, wenn ich mir etwas wünschte, dann wünschte ich, dass meine Mutter wieder zu uns zurückkäme.«

Eines der Adventsmütterchen mit einer mittelgroßen Knollennase schaute ihn fragend an.

»Wo ist sie denn, deine Mutter? Hat sie dich alleine gelassen?«

»Die ist im Himmel, falls es ihn denn wirklich gibt.«

»Du vermisst sie sicher sehr, deine Mutter?«

»Ja!«

»Ach, das tut mir ja so leid. Aber wenn sie im Himmel ist, dann kann sie nicht wiederkommen, Jungchen. Nicht für alle Dittchen und milden Gaben dieser Welt. Aber wenn du eines Tages, nach einem langen, langen Leben, in den Himmel kommst, dann, glaub mir, wird sie da oben schon auf dich warten und dich freudig in die Arme schließen. Du musst nur ganz fest daran glauben.«

Willi schluckte.

»Ja, dann wünsche ich mir, dass sie dort auf mich wartet!«

»Das wird sie tun, da sei dir gewiss, mein Junge«, meinte das Mütterchen mit der Knollennase.

»Jetzt kann ich euch für meinen Wunsch aber gar nichts geben.«

»Das macht nichts, mein Junge. Wir werden dem Christkind auch so von dem guten Jungen in diesem Haus berichten.«

Willi bedankte sich und blickte den beiden Mütterchen noch hinterher, bis diese hinter den letzten Häuserreihen seiner Straße verschwunden waren. Dann schloss er die Fensterläden und ging zu Bett. In dieser Nacht träumte er von seiner Mutter. Und als er aufwachte, hatte er das Gefühl, als habe sie ihn die ganze Nacht fest in ihren Armen gehalten.

Der Kampf mit dem Drachen

Vater Wilhelms Wesen änderte sich von Tag zu Tag. Johannas Tod hatte eine schmerzliche Lücke in seinem Leben hinterlassen. Er redete nicht mehr viel und griff häufiger zur Flasche. So ging das über Monate. Und als die Zeit der Trauer vorbei war, brachte er eines Tages eine Frau mit ins Haus: die Witwe Kaminski. Sie war klein, herrschsüchtig, und sie kniff die Augen zusammen, so als wollte sie jeden Moment die Augäpfel herausdrücken. Und mit ihr im Schlepptau kam diese kleine, dicke, aufgeblasene Kröte – das Gustäffchen.

Vater rief Willi, Kurt und Elisabeth in die Wohnstube. Dann sagte er ihnen, dass sie jetzt ihre Mutter sei und dass sie auf das zu hören hätten, was sie zu sagen habe. Und sie hatte einiges mitzuteilen. Als erstes kürzte sie die Essensrationen. Das Brot schloss sie weg. Der Vorratskeller wurde hermetisch abgeriegelt. Willi nannte sie nur »den Drachen.« Und dieser Drache, er hatte wahrlich Flügel, denn er war überall. Er war fortan da, wenn Willi überprüfen wollte, ob der Brotkasten verschlossen ist, und er befand sich in der Nähe, wenn er im Garten um die Erdbeerbeete und Obstbäume strich. Stets spürte er den Atem der Witwe in seinem Nacken. Der liebe Gott hatte diesem Drachen nicht nur Flügel verliehen, sondern auch Feuer. Und das spie er täglich bei jeder sich bietenden Gelegenheit: »Willi, hol die Kohlen aus dem Keller! Willi, kümmere dich um den Abwasch. Will, geh und hack das Holz!« Willi hier! Willi da! Kaum eine ruhige Minute gönnte sie ihm.

Und das Gustäffchen? Es redete kaum etwas und wenn, dann musste man angestrengt hinhören, um überhaupt etwas Verständliches erfahren zu können. Es brauchte im Haushalt so gut wie nie anzupacken und erwies sich als ein aufgeblähter Fresssack. Regelrecht mästen tat die Kaminski ihren Ableger, während Willi und seine Geschwister Hunger schieben mussten. Sprach Vater Wilhelm sie darauf an, dann war stets alles in Ordnung, und die Kinder täten nur mal wieder etwas übertreiben. Schließlich müsse doch an allem gespart werden, meinte sie. Es machte Willi fuchtig, wenn er auch nur daran dachte. Und sein knurrender Magen erinnerte ihn oft dran. Fortan war sein Alltag damit ausgefüllt, Essbares zu organisieren – egal in welcher Größe, egal in welcher Menge: Satt musste es ihn machen, und wenigstens ein bisschen fein sollte es schmecken. Und die Kaminski, dieses alte Weib? Einem Dudelsack gleich brummte sie zu jeder Tageszeit, denn sie hatte ständig etwas zu meckern.

Dann, eines Tages, geschah das, was Willi schon lange beabsichtigt hatte: Er lackierte dem Gustäffchen, nachdem dieses ihm beim Holzhacken die Zunge heraus gestreckt hatte, ordentlich eins auf die Nüschel. Dafür verordnete der Drache ihm eine ganze geschlagene Woche lang Hausarrest. Fortan war Willi schlauer: Was die Züchtigung der »kleinen aufgeblasenen Kröte« anbetraf, so gab er seinem Kumpel Paulchen eine Art Prokura. Ständig setzte es fortan durch den Erfüllungsgehilfen Hiebe. Für die »Kröte« war Paulchen der große Unbekannte, von dem das Gustäffchen fortan von Zeit zu Zeit voller Ehrfurcht am Essenstisch erzählte. Das kam so weit, dass er schließlich im Haus bleiben musste, um nicht dem unbekannten Rächer in die Hände zu fallen.

Willi hatte gerade mal wieder einige Tage Arrest abgesessen, als er Paul auf der Straße traf.

»Wo warst du denn so lange?«

»Ach, der Drachen hat wieder mal wieder Feuer gespuckt und mich nicht aus seiner Höhle gelassen.«

Paulchen wollte es genauer wissen.

»Haste wieder was angestellt?«

»Ja, ich habe ihr gesagt, dass man sie damals in Rössel vergessen hat.«

»Vergessen? Wieso vergessen? Und wieso ausgerechnet in Rössel?«

»Weißt du das nicht mehr? Das haben wir doch in der Schule gelernt: In Rössel wurde die letzte Hexe Europas verbrannt, weil sie zuvor die Stadt angezündet hatte.«

Paulchen musste grinsen.

»Sag mal, Willi, haben Hexen eigentlich Angst vor Nagetieren?«

»Warum willst du das denn wissen?«, fragte Willi, der neugierig geworden war.

»Deshalb, mein Lieber!«

Paulchen griff in die Hosentasche und zog etwas hervor, das klein war und das unentwegt und aufgeregt zappelte. Was sein Kumpel in seinen Händen hielt, das war unverkennbar eine Maus.

»Wo haste die denn her?«

»Die habe ich bei uns im Keller gefangen«, grinste Paulchen.

»Was willste denn mit dem kleinen Nagertierchen?«, fragte Willi neugierig.

»Ja, eine Idee, die hätte ich schon: Also, was meinst du, Willi: Haben Hexen nun Angst vor Mäusen? Oder haben sie keine?«

Jetzt musste auch Willi lachen.

»Weiß nuscht. Wir sollten es probieren. Dann wissen wir es«, meinte er, während seine Lachmuskeln immer noch sehr beansprucht wurden.

Gemeinsam schlichen sie ins Haus. Der Drache saß im Wohnzimmer und gab mal wieder Audienz für die befreundete Damenrunde. Alle hatten sich gründlich gepudert und sich in die Ausgehgarderobe gezwängt. Kaffee hatte der Drache in der Stadt besorgt, und das ganze Haus roch danach. Und wenn es Kaffee gab, dann war zumeist die Schokoladentorte nicht weit entfernt. Für Willi und seine Geschwister war sie tabu. Überhaupt hatte er seit dem Tod seiner Mutter nie wieder ein Stück davon verdrücken dürfen.

Vorsichtig schlichen sich Willi und Paulchen ins elterliche Schlafzimmer. Willi wusste, dass der Drache sich mittags von Zeit zu Zeit zu einem kleinen Schläfchen niederlegte, wenn sich die ehrenwerte Kaffeegesellschaft wieder verabschiedet hatte.

»Wo legen wir das Mäuschen denn hin?«, fragte Paulchen.

»Lass sie uns in die Bettdecke packen.«

Vorsichtig schlug Willi die Decke zurück, während Paulchen in die Hosentasche griff und das putzige Tierchen, dessen kleines Herz heftig in seiner Hand pochte, herausholte und kurz anschaute.

»So Mäuschen, dann mach mir die Alte mal so richtig meschugge!«

Willi musste fast laut loslachen.

»Die wird vielleicht ihr blaues Wunder erleben!«

Paulchen griff in den Überbezug der Decke und legte das Mäuslein hinein. Das Ende verschlug er derart, dass das Tierchen auch ja keinen Ausgang finden und sich vorzeitig vor dem Finale aus dem Staube machen konnte.

»So, erledigt! Komm wir gehen noch etwas raus. Vor vier Uhr legt sich der Drache eh nicht hin.«

Willi und Paulchen verließen das Haus, um sich in der Nachbarschaft mit Tante Frieda zu unterhalten, die just in diesem Moment die Ärmel aufgelehnt am Fenster hockte, um nach jemandem Ausschau zu halten, dem sie ein mehr oder minder interessantes Gespräch aufnötigen konnte. Und weil ihnen in diesem Moment nichts Besseres einfiel, plauderten sie mit ihr darüber, ob Mäuse nun auch nützliche Haustiere sein können oder nicht. Sie kamen dabei auf keinen gemeinsamen Nenner, und so gingen sie ein halbes Stündchen später wieder zurück zum Haus. Das Kaffeekränzchen hatte sich zwischenzeitlich aufgelöst.

Kurz drauf watschelte der Drache in Hausschuhen ins Schlafzimmer. Die vielen Tortenstückchen hatten die Witwe Kaminski schläfrig werden lassen. Sie entledigte sich ihrer Kleider, schlüpfte in ein Nachthemd und legte sich zur Mittagsruhe. Es dauerte wiederum auch nicht lang, bis es sich letztlich bewahrheiten sollte: Drachen haben durchaus Angst vor kleinen Nagern. Und was für eine Angst! Sie haben ganz offenbar derart Angst davor, dass sie am helllichten Tag im Nachtgewand schreiend durch die Straße des Wohnviertels laufen und der gesamten Nachbarschaft zu einer völlig unverhofften und kurzweiligen Unterhaltung verhelfen können.

Paulchen und Willi hatten das Spektakel vom Küchenfenster aus beobachtet.

»Ich mach mir vor Lachen fast in die Hose«, triumphierte Paulchen.

»Komm!«, drängte Willi.

»Wo willst du hin?«, fragte Paulchen.

»Noch mal ins Schlafzimmer. Ich brauche eine Uhr.«

»Eine Uhr, was willst du denn damit?«

»Die brauche ich eben!«, herrschte Willi ihn an.

Die beiden rannten ins Schlafzimmer. Willi griff in die Schublade neben dem Bett seines Vaters und fischte eine Taschenuhr heraus.

»Komm weiter!«

»Was ist?«, wollte Paulchen wissen.

»Ich muss noch in die Küche. Ich brauche noch etwas Proviant.«

»Proviant? Wofür brauchst du den denn?«

»Erzähl ich dir später. Komm!«, knurrte Willi.

Sie rannten in die Küche.

Willi griff nach dem verbliebenen Rest der Schokoladentorte und packte sie in einen Karton. Er griff nach allem, was sich ihm an Essbarem bot: Äpfel, Brot, Kartoffeln.

Dann rannten sie auf die Straße. Paulchen platzte fast vor Neugierde.

»Jetzt sag mir doch mal um Himmelswillen, was hast du denn nun vor?«

»Was ich vorhabe? Ich haue ab, ich wandere aus!«

»Du willst auswandern! Ja um Gotteswillen, wohin denn?«, fragte Paulchen fassungslos.

»Nach dem Amerika, ich wandere aus nach dem Amerika!«

»Wo willst du hin! Nach dem Amerika?«

Willi wusste, dass er – was Stiefmutter Kaminski betraf – den Bogen überspannt hatte. Bevor sich alles noch zum Schlimmeren wenden könnte, machte er sich lieber aus dem Staub. Amerika lag zwar weit irgendwo hinter Danzig, das war ihm bekannt, mit einem Boot aber, so dachte er bei sich, würde der Kontinent schon schnell in Sichtweite rücken. Und so groß könne ein Großer Teich nun auch nicht sein! Schließlich war der Teich in Kaufmann Ullmanns Garten auch groß, doch den hätte man locker mit einem tüchtigen Boot überqueren können.

»Was willst du denn in Amerika, Willi?«

»Ein besseres Leben führen. Dort ist es allemal besser als hier in Elbing mit dem Drachen unter einem Dach!«

Paulchen blickte ihn mit großen Augen fragend an.

»Und wie willst du dahin kommen?«

»Mit einem Boot natürlich.«

»Und wo willst du das Boot herbekommen?«

»Das bauen wir uns zusammen. Unten am Elbing-Fluss, da liegen schon die Bretter und was wir sonst noch so brauchen. Kommst du mit, Paul, hilfst du mir das Boot zu bauen?«

»Klar helfe ich dir«, pflichtete Paulchen ihm bei und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schultern. »Und wenn es da in diesem Amerika besser ist als hier in Elbing, dann komme ich eben mit.«

Nach einem anstrengenden Fußmarsch erreichten sie das Ufer des Flusses. In einem dichten Gebüsch hatte Willi schon seit Wochen alles für den Schiffsbau gebunkert. Alles war bis ins Detail durchgeplant. Sogar an die Schiffstaufe hatte er gedacht. Statt Sekt gab’s jedoch ein kühles Blondes von der Brauerei Englisch Brunnen.

»Mensch Willi, wo haste denn das alles her?«, wunderte sich Paulchen.

»Organisiert!«, antwortete Willi nicht ganz ohne Stolz.

Das Holz stammte von Kisten der Zigarrenfabrik Loeser & Wolff. Durch ein Loch im Zaun des Alteisenhändlers Schlemper hatte er sich mit Nägeln versorgt. Hammer und Fuchsschwanz waren aus Vaters Werkstatt geborgt. Und das Wichtigste stammte ebenfalls aus dem Besitz von Wilhelm Steinky Senior: seine Taschenuhr. Sie sollte dem Navigator, und das war kein geringerer als Willi selbst, als Kompass dienen. Die Taschenuhr würde ihm, mit Hilfe der Sterne, geradewegs den Weg nach Amerika weisen. Sie war schier unerlässlich für die riskante Überfahrt über den Großen Teich. Deshalb hatte er sie aus der Nachttischschublade seines Vaters gefischt.

Die Schiffswerft nahm unter Hochbetrieb ihre Arbeit auf. Willi und Paulchen werkelten bis in die Dämmerung hinein. Dann ließen sie das Boot zu Wasser und stachen in See. Doch schon nach kurzer Fahrt leistete sich der Navigator einen schicksalshaften Fehler, den auch Vater Steinkys Taschenuhr nicht verhindern konnte. Willi hatte das Boot zu hart Backbord genommen, woraufhin das Ruder zerbrach. Das stolze Schiff schlug an einen Pfeiler der großen Eisenbahnbrücke und strandete unterhalb der Schleuse. Im Winter war nicht weit davon entfernt ein Junge beim Schlittschuhlaufen ertrunken. Obwohl man das Eis überall aufgehackt hatte, wurde der Leichnam lange Zeit nicht gefunden. Ein solch ähnlich tragisches Ende sollte Willi und Paulchen gottlob erspart bleiben. Beide konnten sich mit einem beherzten Sprung ans nahe Ufer retten.

Immer wieder kehrten sie in den nächsten Tagen zum Schiffswrack zurück. Tapfer schaukelte es, umkreist von alten Dosen und etwas Treibholz, hin nun her, bis es eines Tages schließlich gänzlich verschwunden war. »Vielleicht«, so meinte Willi, und da war er sich beinahe sicher, »vielleicht ist es ja jetzt auf dem Weg nach dem Amerika!«

Willi im Land der Ordensritter

Als Willi an diesem Abend nach Hause kam, warteten der Drache und sein Vater schon ungeduldig an der Haustür. Sie hatten sich dort postiert, nicht etwa, weil sie den Sprössling vermisst und sich Sorgen gemacht hätten, sondern vielmehr, weil er jetzt seiner gerechten Strafe zugeführt werden sollte.

»Willem, der Junge hat dich deine Taschenuhr gestohlen«, keifte die alte Kaminski in schlechtem Deutsch und stupste den Vater mit einem Ellenbogen in die Seite. Ihre abhanden gekommene Schokoladentorte ließ sie natürlich auch nicht unerwähnt, während das Gustäffchen, dieser kleine, gierige Nimmersatt, grinsend in der Ecke stand und mit einem Ausdruck von Hochgenuss die Reste einer Brotstulle von einer Backentasche in die andere schob.

»Wo ist meine Uhr?«, brummte Vater Steinky.

Der Tonfall verhieß nichts Gutes.

Willi zuckte mit den Schultern. Er konnte sie seinem Vater beim besten Willen nicht rückübereignen. Schließlich war sie bei der Überfahrt nach Amerika beim Sprung an Land aus der Hosentasche gefallen und im Elbing-Fluss versunken. Überfahrt? Amerika? Was faselte der Sohn da? Diese Erklärung wollte der Vater keinesfalls akzeptieren. Und so tat er das, was er bislang nur recht selten getan hatte: Er zog den Hosengürtel aus und versohlte das Sohnemännchen.

Am nächsten Morgen nahm Willi seinen Rucksack, den er bei Tante Frieda im Stall versteckt hatte, schnürte seine geliebten Schlittschuhe daran fest und machte sich auf und davon. Er verzichtete auf eine Überfahrt und machte sich stattdessen zu Fuß auf die Reise nach Ostpreußen, in das Land der Ordensburgen.

»Dat is ja wirklich nee dolle Jeschichte.«

Erwin Hippels Stammbaum war über Alberts Erzählung hinweg vollends in Vergessenheit geraten. Und auch Friedchen, seine Gattin, schien begeistert und gerührt, während sie unentwegt in ein Taschentuch schnäuzte.

»Nee, Herr Steinky, wat für ne interessante Jeschichte, nee wirklich.«

Friedchen schüttelte den Kopf in einem Zustand großen Mitgefühls hin und her, bis sich schließlich Gatte Erwin wieder zu Wort meldete.

»Wo is er denn hin, der Vadder?«

»Er ist Richtung Ermland. Als er gänzlich erschöpft war, klopfte er in Heilsberg an eine Klosterpforte. Es waren vermutlich Pallotiner. So genau weiß das heute niemand mehr. Er hat nie viel darüber geredet. Er sagte nur, dass er dort das erste Mal seit Jahren wieder richtig satt geworden wäre. Vater blieb ein paar Jahre in diesem Kloster. Später vermittelten ihn die Patres als Kutscher und Pferdeknecht auf das Rittergut Klotainen. Hier lernte er auch meine Mutter kennen, die dort als Köchin arbeitete. Die war zwar sechs Jahre älter als er, aber ihre Kochkünste schienen ihn überzeugt zu haben.«

»Und det Paulchen? Wat wurde denn aus det Paulchen? Haben sich die beeden mal wiederjesehn?«

Albert schaute nachdenklich in Richtung Fenster. Dann wandte er sich wieder seinen Zuhörern zu.

»Nein, leider nicht. Dem Paul, dem hat der liebe Herrgott leider kein langes Leben beschert. Jahre später, beim Fanal des Reichstagsbrandes, wurde dieser aufrechte Junge ein Opfer der aufgehetzten SA-Meute. Aus dem kleinen Burschen war ein Kommunistenaktivist geworden, einer, der die Welt ein bisschen gerechter machen wollte. Die braune Meute holte ihn nachts im Auftrag des Führers aus dem Bett, zerrte ihn an die Hommelbrücke – und erstach ihn dort. Sie waren zu siebt, hatten Messer und Pistolen dabei. Paul hingegen war unbewaffnet und im Schlafanzug. Er hatte keine Chance, seinen Meuchelmördern zu entkommen. Seine Mutter war nicht zu trösten über den Mord an ihrem Sohn. Sie begrub ihn auf dem Friedhof hinter der »Alten Welt« und ließ auf dem Grabstein ein Kreuz einmeißeln.

»Ach, det is aber traurisch, Herr Steinky. Ja, det is wirklich sehr traurisch.«

Friedchen konnte ihre Gefühle nicht mehr im Zaum halten.

»Erwinchen, als det Willichen seenen Rucksack jepackt hatte, da fiel mir noch wat Wichtiges ein.«

»Wat denn, Friedchen?«

»Dat wir ooch noch packen missen.«

»Ach ja, wa wollen ja morgen wieder zurück nach Charlottenburg.«

»Ach, das ist aber schade«, meinte Albert.

Gerne hätte er noch ein wenig geplaudert, aber die Hippels schien es jetzt nicht mehr auf den Stühlen zu halten.

»Dat is wirklich schade, Herr Steinky. Vielleicht begegnen wir uns ja mal wieder, hier im Ermland oder sonstwo auffe Welt.«

Erwin und Elfriede Hippel verließen den Tisch, nachdem sie zuvor ihre Stühle beiseite schoben.

»So, die Herrschaften. Wir wünschen Ihnen noch eenen anjenehmen Aufenthalt in der alten Heimat«, verneigte sich der Familienforscher. »Friedchen und ich, wir wünschen Ihnen eene jute Nacht.«

Nachdem sich Albert und Heinrich widerstandslos den guten Wünschen angeschlossen hatten, klemmte sich Erwin Hippel das Laptop, in dem der riesige Ahnenbaum schlummerte, unter einen Arm und verschwand mit der Gemahlin aus der Tür des Hotelrestaurants.

An dem Abend saßen Albert und Heinrich noch eine Weile gemeinsam am Tisch.

»Wenn ich die Geschichte bis zum Ende erzählt hätte, wären die morgen nie und nimmer mehr bis nach Charlottenburg gekommen«, scherzte Albert und blickte zu Heinrich hinüber, der zustimmend nickte.

»Ja, ich weiß.«

Als Albert sich später zur Nachtruhe bettete, musste er noch eine Weile daran denken, wie er in Klotainen mit Vater und Karlchen so manchen Abend gemeinsam am Kachelofen verbracht hatte. Er dachte an Mattendorf, an Paulchen und die Pangritzkolonie, an Großmutter Johanna, die er nie kennen lernen durfte, und er dachte an die Schlittschuhe, an Vaters wundervolle alte Schlittschuhe und daran, wie dieser im Winter nach dem Tod der Mutter einsam seine Runden auf dem zugefrorenen Elbing-Fluss gedreht hatte. Dann schlief Albert ein.

Der alte Karton

Am nächsten Morgen wurde Albert im Hotelrestaurant schon erwartet.

»Sie haben Besuch, Herr Steinky!«

»Was? Ich? Besuch?«

Albert schaute den Hotelier verwundert an.

»Ja, zwei junge Damen. Sie sitzen dort am Tisch.«

Der Hotelier, den Albert eigentlich nur unter seinem Vornamen Janusz kannte, deutete zum Tisch hinten in der Ecke neben dem Haupteingang. Albert war an diesem Morgen als erster am Frühstückstisch eingetroffen, Heinrich würde ihm sicherlich in wenigen Minuten folgen.

»Sind Sie sich sicher? Die beiden dort wollen wirklich zu mir?«

Albert blickte ungläubig zum Tisch, an dem eine junge Frau und ein etwa zehn Jahre altes Mädchen Platz genommen hatten. Den Kopf der Frau zierte ein blonder Haarzopf. Sie war etwa Mitte 40 und hübsch anzusehen. Sie hatte sich in eine enge, helle Jeans gepresst.

»Das kann nicht sein. Die verwechseln mich bestimmt«, war sich Albert sicher.

»Nein, sie haben gesagt, dass sie zu Ihnen wollen, Herr Steinky. Sie sagten, dass sie aus Klutajny kommen, aus dem Dorf, in dem Sie früher einmal gewohnt hätten. Und sie wollten den Mann sprechen, der kürzlich bei ihnen zu Hause zu Besuch war.«

Albert überlegte einen kurzen Moment.

»Ja, das ist richtig, da habe ich kürzlich eine Familie besucht.«

Der Hotelier wurde etwas ungeduldig, konnte dies aber gekonnt überspielen.

»Ach wissen Sie, Herr Steinky, ich hole die beiden einmal an Ihren Tisch. Ich stelle mich auch gerne als Dolmetscher zur Verfügung. Natürlich nur, wenn Sie nichts dagegen haben.«

»Natürlich. Warum nicht? Gerne!«

So ganz wohl war Albert nicht in seiner Haut. Er hatte zwar nicht abgelehnt. Doch was wollten die beiden von ihm? Und woher kannten sie ihn?

Der Hotelier ging zu den Besucherinnen, sprach kurz mit den beiden und kehrte mit ihnen zurück an Alberts Tisch.

»Herr Steinky, darf ich vorstellen, das sind Danuta Laski, die Tochter von Herrn Wójcik, und ihre Tochter Patrycja.«

»Angenehm, Albert Steinky!«

Albert stand auf, machte eine leichte Verbeugung und reichte den beiden die Hand.

»Es freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Janusz redete mit den Besucherinnen einige Sätze auf Polnisch. Dann wandte er sich Albert zu.

»Frau Laski sagt, dass sie und ihre Tochter es schade finden, dass Sie jüngst nicht zum Kaffee bleiben konnten«, dolmetschte der Hotelier.

»Ja, es tut mit leid. Wir mussten an diesem Tag leider noch weiter«, log Albert, fühlte sich gleichzeitig aber etwas unwohl dabei.

Die Frau, die sich als Danuta Laski vorgestellt hatte, wandte sich erneut dem Hotelier zu.

»Frau Laski sagt, dass sie und ihr Vater das gerne nachholen würden und Sie heute zum Kaffeetrinken einladen möchten«, erklärte Janusz.

»Ja, danke. Sagen Sie ihnen bitte, dass mein Aufenthalt in Heilsberg knapp bemessen ist und wir leider nur wenig Zeit haben«, sagte Albert und hatte Angst, dass man ihm die erneute Lüge an der Nasenspitze ansehen könnte.

»Frau Laski sagt, wenn Sie zu Besuch kommen, könnten Sie vielleicht ein bisschen über Ihr Leben in dem Dorf erzählen und über das, was ihre Tochter Patrycja Ihnen gerne zurückgeben möchte.«

Das Kind wollte ihm etwas überreichen? Damit hatte Albert nicht gerechnet. Er blickte zu dem Mädchen mit dem blau-gelb-gestreiften Kleid und den blonden Zöpfen. Die Kleine lächelte. Albert sah, wie sie einen Karton hervorzog, den sie die ganze Zeit mit den Händen hinter ihrem Rücken versteckt gehalten hatte.

Albert blickte in dieses zierliche Gesicht, während sich das Kind angeregt mit Janusz unterhielt. Es kam ihm so vertraut vor. Hatte er das Mädchen zuvor schon einmal gesehen? Es konnte nicht sein! Oder doch? Albert erinnerte sich nicht, so sehr er sich auch bemühte.

Das polnische Mädchen legte das kleine Paket auf den Tisch. Sie tat dies so behutsam, als könne jeden Augenblick etwas darin zerbrechen.

»Patrycja sagt, dass sich in dem Karton etwas befindet, was Sie an früher erinnern würde und was Sie sicherlich schon lange vermisst hätten«, übersetzte Janusz.

Albert schaute etwas genauer auf das Mitbringsel. Er schluckte. Ja, er kannte diesen alten vergilbten Karton. Allein der Gedanke daran, was sich darin verbergen könnte, ließ sein Herz schneller schlagen. Konnte das möglich sein? Konnte es wirklich sein? Während Albert in einer gewissen Bewegungsstarre verharrte, hob das Mädchen vorsichtig den Deckel an, griff bedächtig mit einer Hand in die Schachtel und legte sie im nächsten Augenblick mit einem Lächeln in Alberts Schoß: Vaters alte Elbinger Schlittschuhe.

Albert verschlug es die Sprache. Er war ergriffen vom Anblick. Er rang um Worte. Kein Wort wollte aus ihm heraus, nicht eine Silbe. Albert konnte seine Gefühle nicht mehr verbergen. Sie waren zu stark, alles war zu emotional. Er, der im Leben gelernt hatte, mit Gefühlen hinter dem Berg zu halten, ließ seinen Tränen freien Lauf. Sie kamen wie ein tosender wilder Strom über ihn, der alles, was sich ihm in den Weg stellte, mitreißen wollte.

Albert wandte den Blick zum Fenster. Draußen war ein strahlend blauer Himmel – ein Bilderbuchtag. Er sah, wie ein Arbeiter damit begonnen hatte, die Hecke zu schneiden. Doch er nahm es kaum wahr. Er weinte vor Freude – und er weinte vor Scham. Nach mehr als 60 Jahren konnte er diese geliebten Schlittschuhe in seinen Händen halten, die Schlittschuhe, die ihm, die seinem Vater Willi zu Lebzeiten so viel bedeutet hatten, die er gehütet hatte wie seinen Augapfel und die er doch bei der Flucht zurücklassen musste. Er empfand aber auch Scham darüber, dass er sich dem alten Polen gegenüber so misstrauisch verhalten und dessen Gastfreundschaft so barsch abgewiesen hatte. Fast zärtlich strich er jetzt über den kalten Stahl der Kufen und lächelte dabei das kleine Mädchen an. Er hielt die Schlittschuhe fest in den Händen, so als wollte er sie nie wieder loslassen.

Albert zog ein Taschentuch aus der Hose und schnäuzte sich. Dann wandte er sich Janusz zu.

»Sagen Sie den beiden Damen bitte, dass ich mich unendlich über dieses Geschenk freue und dass ich Ihre Einladung zum Kaffee gerne, sehr gerne annehme.«

Janusz übersetzte, während Albert, Danuta und Patrycja die Stühle rückten und Platz am Tisch nahmen.

»Wenn Sie meinen Gästen bitte etwas zu trinken anbieten würden, Janusz.«

»Ja, gerne.«

Danuta bestellte sich einen Kaffee, Patrycja einen Kakao. Mittlerweile kam auch Heinrich hinzu.

Albert schob den Stuhl zurück und erhob sich.

»Guten Morgen, Heinrich. Du glaubst ja gar nicht, was hier gerade geschehen ist.«

Albert war noch immer gerührt. Heinrich blickte fragend zu ihm hinüber.

»Dieses kleine Mädchen dort.« Albert deutete auf Patrycja. »Dieses kleine Mädchen hat mir soeben Vaters alte Schlittschuhe gebracht.«

»Was? Wirklich? Das gibt es doch gar nicht!«

Darauf war auch Heinrich nicht gefasst.

»Woher hat sie die Schuhe?«

»Das habe ich sie noch nicht fragen können.«

Janusz brachte die bestellten Getränke. Dann nahm er ebenfalls wieder Platz am Tisch. Jetzt dolmetschte Heinrich. Er unterhielt sich eine ganze Weile mit Patrycja. Das Mädchen antwortete lebhaft auf alle Fragen, wedelte aufgeregt mit den Armen und schaute immer wieder zu Albert hinüber. Dabei lächelte sie unentwegt, und ihre hellblauen Augen strahlten.

»Sie sagt, sie hat die Schlittschuhe zufällig beim Spielen in einem alten Schrank auf dem Dachboden gefunden. Ihre Mutter und der Großvater hätten nichts davon gewusst. Sie habe ihnen auch nichts gesagt, weil sie nicht wollten, dass sie im Winter auf den zugefrorenen See geht. Deshalb hat sie es heimlich getan. Die Schuhe hat sie anschließend wieder in dem Schrank auf dem Dachboden versteckt. Nur letzten Winter nicht, da hat sie es vergessen und seitdem hätten die Schlittschuhe unter ihrem Bett gelegen. «

Albert, Heinrich, Janusz, Danuta und Patrycja sprachen noch eine geschlagene Stunde miteinander. Dann brachten Albert und Heinrich die beiden Gäste zum Wagen, den Danuta vor dem Gebäude geparkt hatte. Sie verabschiedeten sich. Als das Auto die Hoteleinfahrt langsam verließ, winkten Albert und Heinrich ihnen noch lang hinterher.

»Ist das nicht eine unglaubliche Geschichte, Heinrich?«

»Ja, das ist es wirklich, Albert.«

Beide warteten noch, bis das Auto dem Blickfeld entschwunden war, und bewegten sich dann wieder zum Hoteleingang.

»So, Albert, was haste denn nach der Überraschung heute so geplant?«, fragte Heinrich schon fast routinemäßig.

»Da fragst du noch, Heinrich? Heute fahren wir zum Kaffeetrinken zu den Wójciks! Wir fahren zum Kaffeetrinken, Heinrich!«

Kaffeetrinken bei den Wójciks

Albert hatte sich sein bestes Hemd aus dem Koffer genommen und angezogen, als er am frühen Nachmittag vor dem Auto stand.

»Wo bleibst du denn?«

Ungeduldig, aber doch scherzhaft trommelte Albert mit den Fingern auf das Dach des Fahrzeuges.

»Mach langsam! Ein alter Mann ist keine Lokomotive nuscht«, lachte Heinrich.

Albert hatte für Danuta einen Blumenstrauß besorgt, den er stolz in Händen hielt. Noch vor dem Mittagessen war er in die Stadt gegangen und hatte ihrem Vater ein Pfeifenset gekauft. Bei seiner jüngsten Visite war ihm nicht entgangen, dass sich der alte Wójcik gerne mal ein gefülltes Pfeifchen gönnte. Für die kleine Patrycja erwarb er im Kaufhaus am Hohen Tor ein kleines Modeschmucktäschchen mit Armreifen, Ohrringen und einer bunt schillernden Halskette.

Albert zog an seiner Krawatte und rückte die Hemdsärmel gerade.

»Was meinst du, kann ich so gehen?«

»Siehst gut aus, fast so, als wolltest du zu deiner eigenen Kommunion«, flachste Heinrich und deutete auf die Beifahrertür: »Komm, steig ein. Du hast’s doch eilig!«

Heinrich nahm den kürzesten Weg nach Klutajny, der über Wernegitten, vorbei an der stattlichen Holzkirche, dem Wahrzeichen der kleinen Gemeinde, führte. Nach zehn Minuten Fahrt erreichten sie das ehemalige Elternhaus. Danuta und Patrycja saßen auf einer Bank vor der Tür, so als hätten sie den Besuch schon erwartet.

Die Begrüßung war herzlich. Albert vermisste den alten Herrn Wójcik.

»Wo ist Ihr Vater?«, fragte er Danuta und schaute hilfesuchend zu Heinrich.

»Er ist beim Bauern gegenüber, wollte schnell noch was holen«, übersetzte Heinrich, der in Windeseile wieder in die Rolle des Dolmetschers schlüpfte.

Nachdem Danuta sie herein bat, gingen sie gemeinsam ins Haus.

»Sie haben die Stube gemütlich eingerichtet.«

Albert machte Komplimente, was bei ihm eigentlich höchst selten vorkam. Sichtlich gut gelaunt fragte er danach, wie alt Patrycja jetzt sei, wo sie zur Schule gehe und was sie später einmal werden wolle. Dann kam ihr Großvater durch die Tür.

Als Wójcik die Gäste erblickte, zog er freudig mit einer Hand seine Mütze vom Kopf. Mit der anderen Hand hielt er etwas fest, was Albert an ein Fotoalbum erinnerte. Dem Umschlag nach zu urteilen, musste es schon ziemlich alt sein. Der Alte reichte es Heinrich und redete kurz mit ihm. Dann begrüßte er die Gäste per Handschlag, während Heinrich mit dem Übersetzen begann.

»Herr Wójcik sagt, dass dies ein Fotoalbum ist, das der Bauer aus der Nachbarschaft nach dem Krieg in dem ihm zugeteilten Haus gefunden habe. Darin befänden sich viele Fotos von den damaligen deutschen Bewohnern des Dorfes aus der Zeit vor 1945.«

Alberts Herz schlug schneller. Das war ja fantastisch. Es musste ein altes Fotoalbum der Lipowskis sein, die früher in Klotainen den Bauernhof gegenüber bewirtschafteten. Ihre Tochter Olga lebte mit ihrer Familie lange Jahre nicht weit ihm von entfernt im Westerwald. Leider war sie vor ein paar Jahren verstorben.

»Darf ist es sehen?«

Heinrich reichte Albert das Album herüber.

»Herr Wójcik bittet uns, dass wir uns doch an den Tisch setzen möchten. Er möchte uns gerne einen Kaffee anbieten.«

Albert legte das Album zur Seite. Alle nahmen Platz am Tisch. Er war liebevoll mit einem blumenverzierten Kaffeeservice gedeckt. In der Mitte der Tafel standen ein Käsekuchen und eine Schokoladentorte. Der alte Wójcik sprach ein paar Worte und deutete auf seine Tochter und die Enkelin.

»Den Kuchen, den haben Danuta und Patrycja gebacken«, dolmetschte Heinrich.

»Meine Mutter konnte auch immer eine vorzügliche Schokoladentorte backen«, erinnerte sich Albert und freute sich auf das erste Stück.

Danuta war in die Küche gegangen, um den Kaffee zu holen.

»Sagen Sie, Herr Wójcik, woher stammen Sie eigentlich?«

Albert war neugierig geworden, seit er diese Leute kennen gelernt hatte.

Der alte Pole rückte den Stuhl, auf dem er saß, näher an den Tisch. Dann begann er zu erzählen.

»Herr Wójcik stammt aus der Region Kresy«, übersetzte Heinrich. »Seine Eltern besaßen dort einen großen Bauernhof, den sie leider verlassen mussten, als man seine Familie von dort umsiedelte. Eines Morgens stand da jemand vor der Tür, erzählte, dass die Familie wegmüsse und was sie mitnehmen durften. Mit einem Pferdewagen wurde alles zum Abtransport an den Bahnhof gebracht. Seine Eltern erhielten einen Hof in Ostpreußen unweit entfernt von Allenstein zugewiesen. Der verfiel jedoch zusehends, weil die Wójciks nicht die geeigneten Gerätschaften besaßen, um das Land zu bewirtschaften.«

Dieses Land zu bewirtschaften, das war nie einfach, das wussten auch Albert und Heinrich. Dafür bedurfte es der Erfahrungen von Generationen. In manchen Landstrichen konnte man mit Maschinen nichts ausrichten, das ging nur mit Pferden.

Heinrich hielt kurz inne. Dann fuhr er mit dem Übersetzen fort.

»Als Wójciks Eltern starben, verfiel der Hof gänzlich. Er bekam später mit seiner Frau diese Haushälfte in Klotainen zugewiesen, die sie noch immer bewohnen. Er werde wohl auch hier sterben, meinte Herr Wójcik, wenn es ihn nicht gerade draußen bei der Gartenarbeit erwischt.«

Zwischenzeitlich kehrte Danuta mit dem Kaffee aus der Küche zurück. Sie schenkte ein, dann stellte sie die Kanne auf den Tisch und gesellte sich zu der Runde.

»Was darf ich Ihnen anbieten?«, fragte sie auf Polnisch und deutete auf den Kuchen.

Albert verstand sofort und zeigte auf den Käsekuchen.

Danuta nahm seinen Teller entgegen und platzierte ein großes Stück Kuchen darauf.

»Sagen Sie, Herr Wójcik, wer hat das Haus eigentlich vor Ihnen bewohnt? Also direkt nach dem Krieg«, fragte Albert.

Heinrich übersetzte Wort für Wort und hörte, was der alte Pole zu sagen hatte.

»Unser Gastgeber sagt, dass er das nicht so genau weiß. Diese Haushälfte hat wohl auch eine Zeit lang leer gestanden.«

»Wie schmeckt Ihnen unser Kuchen?«, wollte Danuta wissen.

»Vorzüglich«, lobte Albert. Er drehte sich kurz zur Anrichte und griff nach dem Fotoalbum, das er zuvor dorthin gelegt hatte.

»Wollen wir doch mal sehen, was dieses alte Büchlein so zu erzählen hat.«

Vorsichtig klappte Albert das Deckblatt zur Seite. Die ersten Fotografien, die er sah, waren alt, sehr alt. Es handelte sich um Hochzeitsfotos, entstanden vermutlich um das Jahr 1900.

»Das sind höchstwahrscheinlich die Eltern der alten Lipowskis!«, mutmaßte Albert, während Heinrich weiter dolmetschte.

Alle am Tisch warteten gespannt darauf, was Albert ihnen zu erzählen hatte. Auch die kleine Patrycia blickte ihn mit großen, wissbegierigen Augen an.

»Schau, und das hier, dass sind sie als Kinder. Das Foto entstand da drüben vor dem alten Kastanienbaum.«

Albert deutete mit dem Zeigefinger zum Fenster.

»Und hier, das ist ihr Hochzeitsbild mit der ganzen Hochzeitsgesellschaft auf dem gepflasterten Innenhof.«

»Ja, das waren damals große Gesellschaften, wenn jemand heiratete«, sprudelte es aus Albert heraus. »Meine Mutter, die war eine gelernte Köchin. Sie hat häufig bei Feierlichkeiten im Dorf in der Küche geholfen. Gefeiert wurde meistens im Freien, im Herbst, dann, wenn die Felder bestellt waren.«

Albert blätterte weiter. Er blickte auf ein Foto, das ein kleines Backsteingebäude zeigte.

»Das hier, das sind Fotos, die in den 1930er- und 1940er-Jahren in Klotainen gemacht wurden. Da kann ich mich noch gut dran erinnern. Das da, das war unsere Schule.«

Albert schob das Album näher an Patrycja heran.

»Schau Patrycja, hier bin ich zur Schule gegangen. Ach Gott, und das da auf diesem Foto, das ist unsere alte Klasse.«

Albert war gerührt.

»Hier, Patrycja, das da in der zweiten Reihe auf dem Foto, siehst du, der Lange dort, der mit dem breiten Grinsen im Gesicht, das da, das bin ich.«

Das kleine blonde Mädchen schaute sich das Foto etwas genauer an. Dann blickte es Albert an und nickte.

»Und das hier, das ist unser Haus, wie es früher ausschaute.«

Auch die anderen am Tisch erkannten das Anwesen auf Anhieb. Lipowskis hatten offenbar auch das Nachbarhaus fotografiert.

»Und hier, hier sind sie gerade alle bei der Heuernte. Das Bild ist auf den Wiesen in Richtung Siegfriedswalde gemacht worden.«

Albert sprach jetzt so schnell, dass Heinrich seine wahre Mühe hatte, mit dem Übersetzen hinterher zu kommen.

»Schau, Patrycja, dieses Foto zeigt die Leute beim Torfstechen. Jedes Frühjahr sind wir nach Blumenau und haben von dort den Torf als Brennmaterial für den Kachelofen nach Hause gebracht. Getrocknet brannte der besser als jedes Stück Holz«, erinnerte sich Albert und blickte aus dem Fenster hinüber zu dem alten Kastanienbaum, der in voller Blüte stand.

»Ich weiß noch genau, als ich, es muss im Frühjahr 1941 gewesen sein, dort mit einigen Männern aus dem Dorf an der Arbeit war. Karl, mein kleiner Bruder, kam wild gestikulierend den Hügel hinunter gerannt…«

Darmowy fragment się skończył.

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
23 grudnia 2023
Objętość:
510 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783957446077
Właściciel praw:
Автор
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