Czytaj książkę: «Himmlisches Herzflüstern»
Michael Stahl
Himmlisches Herzflüstern
Wenn Gott leise zu und durch uns spricht
GloryWorld-Medien
1. Auflage 2020
© 2020 Michael Stahl
© 2020 GloryWorld-Medien, Xanten, Germany, www.gloryworld.de
Alle Rechte vorbehalten
Bibelzitate sind, falls nicht anders gekennzeichnet, der Elberfelder Bibel, Revidierte Fassung (Rev. 26) von 2008 entnommen.
Weitere Bibelübersetzungen:
HFA: Hoffnung für alle, Basel und Gießen, 1983
LUT: Lutherbibel, Revidierte Fassung von 1984
MNG: Menge Bibel
NLB: „Neues Leben. Die Bibelübersetzung“, Holzgerlingen, 2002
NeÜ: Neue evangelistische Übersetzung © 2013 Karl-Heinz Vanheiden
ZÜR: Zürcher Bibel (Ausgabe 2007).
Das Buch folgt den Regeln der Deutschen Rechtschreibreform. Die Bibelzitate wurden diesen Rechtschreibregeln angepasst.
Lektorat: Klaudia Wagner
Satz: Manfred Mayer
Umschlaggestaltung: Rainer Zilly, www.kreativ-agentur-zilly.de
Umschlagmotiv: Smileus/istockphoto.com
ISBN (epub): 978-3-95578-485-0
ISBN (Druck): 978-3-95578-385-3
Inhalt
Vorwort
1 Gottes Flüstern
2 Omas Flüstern
3 Bett-Flüstern
4 Demenzgeflüster
5 Papas Flüstern
6 Totenstille
7 Gästeflüstern
8 Ein Hauch von Liebe
9 Achtung Ansteckungsgefahr
10 Endlich Sohn
11 Ein Abschied von Herzen
12 Die letzte Gelegenheit …
13 Komm heim
14 Herzflüstern vom Papa zum Sohn
15 Kampf hinein in die Demut
16 Späte Versöhnung
17 Der Schrei nach Leben
18 Danke
19 Geflüsterte Reue
20 Kampf im Imbiss
21 Nur ein Spaziergang
22 Diebstahl
23 Knastgeflüster
24 Alis Flüstern
25 Auf dem Sportplatz
26 Tiefe Eingeständnisse
27 Letzte Botschaften
28 Aus tiefstem Herzen
29 Aufbruch
30 Erledigt
Über den Autor
Vorwort
Schon seit Kindheitstagen verfolgt mich die Furcht vor Hunden. Es liegt wohl daran, dass ich als Kind gebissen wurde und sogar einmal mit ansehen musste, wie ein Hund meine Mama anfiel. Irgendwie brannten sich diese Ereignisse damals tief in mein Köpfchen und mein kleines Herzchen ein. Seither traue ich vielen Hunden nicht, wobei mir völlig klar ist, dass ich den meisten von ihnen damit Unrecht tue. So zieht wohl ein Unrecht viele weitere nach sich.
Während ich diese Zeilen tippe, befinden wir uns in Deutschland im zweiten Corona-Lockdown. Meine Sportschule musste ich schließen und darf weder Kurse noch Vorträge geben, und deshalb nutze ich diese Zeit, um wieder einmal meine Gedanken und mein Herz zu teilen.
Ich gehe viel spazieren und darf dabei so manche kostbare Begegnung erleben. So auch vor gar nicht langer Zeit, als plötzlich ein großer Hund auf mich zu rannte und mit großem Gebell an mir hochsprang. Sofort tauchte diese uralte Angst wieder auf. Ratschläge wie: „Zeige keine Angst!“ oder: „Mache keine hektischen Bewegungen!“ halfen mir in diesem Moment gar nichts. Doch meine Rettung war nahe. Mitten in dem Gebell und meiner Furcht vernahm ich eine ältere Frauenstimme, die den Hund entschieden beim Namen rief und mir dann mit beruhigenden Worten fast zuflüsterte: „Keine Angst, er bellt nur so laut, wenn er gestreichelt werden will.“
Es waren stets die geflüsterten Worte, die mich berührten, die mehr als alles Gebrüll an mein Herz drangen. Dabei ist mir allerdings mittlerweile klar, dass all das Schreien oft nur ein Schrei nach Liebe ist. Jetzt, im Nachhinein, verstehe ich meinen Papa, warum er so oft schrie, und ich verstehe einige Menschen viel besser.
Jedes Flüstern kommt stets aus dem Herzen. Vielleicht kommt es darauf an, mit was unser Herz gefüllt ist. Es gibt auch ein böses Flüstern, hinter unserem Rücken, das furchtbar verletzend ist und ein Ausdruck dessen, womit dieses Herz gefüllt ist. Mögen wir mit dieser Erkenntnis unsere eigenen Worte prüfen und damit ein Stück unseres eigenen Herzens. Jesus sagte einmal dazu: „… wovon sein Herz voll ist, davon redet sein Mund“ (Lk 6,45 MNG); und „Was aber aus dem Mund herausgeht, kommt aus dem Herzen hervor“ (Mt 15,18).
Oft wird auch das Eingeständnis von Schuld, die Bitte um Vergebung oder Schamhaftes geflüstert. Das kann der Beginn einer Versöhnung mit sich selbst und anderen bedeuten und somit zur inneren Heilung beitragen. Also hören wir doch etwas genauer hin, wenn geflüstert oder gar geschrien wird.
In schönen Momenten nannten mein Papa, mein Onkel Heinz und ein paar andere Menschen, die meinem Herzen nahestanden, mich liebevoll „Miggi“. Dieser Name wurde nie geschrien. Ich verbinde ihn daher mit Geborgenheit, Frieden, ja sogar mit einem Stück Himmel.
Gemeinsam mit ein paar Freunden will ich einige geflüsterte Worte, die wir selbst gehört oder gesprochen haben, mit euch und der Welt teilen. Denn diese Worte kamen tief aus den Herzen derer, denen wir in Krisen, in Gefängnissen oder gar am Sterbebett begegneten, oder es waren Worte, die wir anderen zuflüsterten. Mögen diese Worte mit ihrer Sehnsucht und Liebe viele Herzen berühren. Oft waren es Sätze, wie: „Ich kann nicht mehr!“, „Mir ist so schwer …“, „Ich gehe nach Hause“, „Es tut mir leid!“, oder einfach nur ein schlichtes „Danke!“, „Verzeih mir!“ oder „Ich liebe dich!“ …
Schön, dass du bereit bist, dieses Flüstern zu hören. Lass dich nicht ablenken. Möge dein Herz mit mehr Liebe gefüllt werden. Und flüstere der Welt um dich herum diese Liebe reichlich zu.
Herzlichst
„Miggi“
Kapitel 1: Gottes Flüstern
Was ich euch im Dunkeln sage, das gebt am helllichten Tag weiter! Was ich euch ins Ohr flüstere, das ruft von den Dächern (Mt 10,27 HFA).
Vielleicht fragen sich einige: „Wen meint der denn, wenn er von Gott spricht? Da gibt es ja so viele ...“ Mein Onkel Heinz sagte mir bis wenige Tage vor seinem Tod mit 82 Jahren, es sei letztendlich egal, an was man glaube, und dass alle irgendwie halt doch nur einen Gott hätten oder auf irgendeine Weise an dasselbe glauben. Doch im Angesicht des bevorstehenden Todes, der Lebenssinnfrage, der Suche nach Erlösung und der Sehnsucht nach Versöhnung, in Kombination mit dem Wunsch, nach Hause zu gehen, erkannte er für sich, dass es nur einen Gott gibt.
Dabei muss ich an „Highlander“ denken, einen meiner Lieblingsfilme. In dem gab es einen prägnanten Satz: „Es kann nur einen geben!“ Ist diese Behauptung zu gewagt oder gar arrogant? Nun, alles, was mit persönlichen Beziehungen zu tun hat, ist stets exklusiv. In einem alten Schlager heißt es: „Aber dich gibt’s nur einmal für mich!“ Wie konnten die jeweiligen männlichen Interpreten so etwas behaupten? Wo es doch unzählige andere Frauen gab bzw. gibt? Weiter heißt es in diesem Lied: „Schon der Gedanke, dass ich dich einmal verlieren könnt … der macht mich traurig … “
Ist diese Einzigartigkeit anmaßend oder arrogant? Ist eine solche Denkweise zu eng oder intolerant? Nein, ich denke, sie ist in der Liebe völlig normal. Es geht ja um ein Gegenüber, um eine persönliche und konkrete Beziehung. „Gott ist Liebe“ steht auf dem Grabstein meines Papas.
Ein Kernpunkt der wirklichen Liebe ist der freie Wille; sie nimmt es in Kauf, abgelehnt zu werden. Das ist ja das Wunderbare an der Liebe, dass sie keinen Druck macht und bedingungslos ist.
Es geht also um eine Person. Wäre ich ein Poet, könnte ich wohl viel besser erklären, was gerade mein Herz erfüllt. Ich werde es versuchen.
Liebe hat den Wunsch nach Nähe, nach inniger Beziehung. Deshalb ist die Sexualität die höchste und intimste Form von Nähe, die wir Menschen miteinander erLEBEN können. Der Gott, den ich meine, sehnt sich sogar nach einer noch tieferen Form von Nähe: Er möchte in deinem und meinem Herzen wohnen. Näher geht es nicht!
Wie heißt es in diesen schlichten Worten, die wir als Kinder öfters beteten:
Ich bin klein, mein Herz mach rein,
soll niemand drin wohnen als Jesus allein!
Liebe, ein Gegenüber und Nähe – nach all diesem sehnt sich jedes Menschenherz, da bin ich mir sicher. Was oder wer kann uns Trost und Halt spenden? Sicher nur jemand, der uns nahe ist. Somit würde z. B. der Atheismus nichts zur Erfüllung dieser Sehnsucht beitragen.
Vor Kurzem las ich einen Artikel der Österreicherin Lisa Eckhart:
Ich habe mir vom Atheismus sehr viel erhofft: Lebensfreude, Humor, Orgien. Letztlich aber ist man dann in dieser oft zitierten metaphysischen Obdachlosigkeit gelandet. Und jetzt ist die säkularisierte Welt fast noch lust- und lebensfeindlicher als die, gegen die man angehen wollte. Weswegen ich ganz bei Nietzsche bin, der sinngemäß sagt: „Gott ist tot. Wir haben ihn getötet, aber war diese Tat nicht etwas zu groß für uns?“
Sie nennt den Atheismus eine metaphysische Obdachlosigkeit. Vielleicht tragen wir deshalb so stark diese Sehnsucht nach Heimat und Ewigkeit in uns, um von dieser Obdachlosigkeit erlöst zu werden. Wer anders könnte das tun, als der Erlöser selbst?
Selbst der so leidgeprüfte Hiob bekannte:
Ich weiß, dass mein Erlöser lebt (Hiob 19,25 LUT).
Unzählige Menschen begegneten mir, die mir in ihren Lebenskrisen einen Einblick in ihre Herzen gewährten. Oft fragte ich sie nach dem, worauf sie ihre Hoffnung setzen. Viele ließen dabei sehr tief blicken: auf das Universum, auf die universelle Energie, Horoskope usw. Alle diese Dinge haben eines gemeinsam: kein Du als Gegenüber; keinen Ansprechpartner; Beziehung nicht möglich. Wie sagte doch einst ein Traumtherapeut aus den Staaten: „Ich bin mir sicher, dass jeder Mensch mit einer Frage geboren wird, und diese Frage lautet – Wo bist du?“
Gottes Name ist nicht nur die Antwort darauf, sondern sogar die Stillung aller menschlichen Sehnsucht: „JAHWE – ICH BIN für dich da.“ Ich habe diesen Namen und seine Bedeutung schon in vielen Büchern und Vorträgen thematisiert. Er begeistert mich immer wieder und berührt zugleich mein Herz.
Und was ist nun mit den unzähligen Göttern, welche die Menschen anbeten? Für mich selbst kann ich sagen, dass alle meine Anstrengungen nie und nimmer ausreichen würden, den Himmel zu erreichen – Gott gerecht zu werden und ihm nahe zu sein. Für mich müsste es also einen Gott geben, der alle meine Abgründe kennt und mir trotzdem aus Liebe entgegenkommt – ja, entgegenrennt. Es müsste einer sein, der mir bedingungslose Liebe, Vergebung und Versöhnung einfach nur schenken möchte. Und wenn es so etwas wie Konsequenzen für Schuld und Fehler gibt, dann müsste es auch noch ein Gott sein, der diese Strafe gleich selbst auf sich nimmt, der alles für mich trägt und alles erduldet, mich aus meinem Gefängnis befreit, nicht nachtragend ist und die Ewigkeit mit mir verbringen möchte – ein anderer Gott würde an mir scheitern, oder ich an ihm. Ja, tatsächlich: Einen solchen Gott gibt es!
Ich bin ein verletzter Mensch, der oft andere verletzt hat. Oft neige ich zu Selbstmitleid und zum Jammern. Zweifel und Unsicherheiten sind leider meine treuen Wegfährten. Meine Minderwertigkeitsgefühle werden zwar weniger, sind aber immer noch da. Und so manche Angst klebt an mir wie eine Klette. Manchmal sehe ich mich als ein Bündel von all diesen Unzulänglichkeiten, das sich nur nach Liebe sehnt.
Diese Liebe habe ich persönlich in Gott gefunden, meinem himmlischen Papa, der einen Sohn hat (meinen Bruder) und dessen Geist mir zum Trost und zur Inspiration geworden ist. Ich kenne sonst keinen Gott, der Mensch werden wollte und sich zu seinen Geschöpfen herabbegab …
Was für ein Gott, der Mensch wurde und doch Gott war! Der Knechtsgestalt annahm und in einem Stall in kalter, dunkler Nacht zur Welt kam – der so zart wie ein Hauch von Liebe in diese Welt geboren wurde, nicht aufdringlich, nicht fordernd, nicht manipulierend. Im verzaubernden Lächeln und in der Anmut eines Babys wird Gott Mensch. Er machte sich auf, um sich mit uns zu versöhnen, um uns auf Augenhöhe zu begegnen und uns zu beschenken. Er hinterließ eine Spur unendlicher Liebe und brachte den Himmel direkt in unsere Herzen. Hoffnungslose bekommen Hoffnung. Trauernde Trost, Blinde das Augenlicht, Taube hören wieder, Gefangene werden frei, Lahme können gehen, Aussätzige werden rein und Tote stehen zum Leben auf … Er selbst war gehorsam bis in den Tod. Nie hat Gott deutlicher zu uns gesprochen als durch seinen Sohn.
Jesus ist Gottes Flüstern für diese Welt, für dich und für mich.
Doch der Lärm dieser Welt sorgt für reichlich Ablenkung. Deshalb suche ich gerne die Stille, die Einsamkeit. Vielleicht auch deshalb, weil es eines meiner Lebensmuster war (und ist). Wenn die Welt mich verletzte, so flüchtete ich vor ihr. In der Einsamkeit konnte mir niemand weh tun.
Ganz zu Beginn steht in der Bibel, dass es nicht gut ist, wenn der Mensch alleine ist. Mir ist bewusst, dass dies für viele Bereiche gilt. Und doch fühle ich, dass, wenn ich mit Jesus spazieren gehe, dies ein unbeschreibliches Geschenk für mich ist. Vielleicht kann sich das mancher nicht vorstellen. Doch während der Pandemie sind viele Menschen noch einsamer geworden und leider sogar einsam gestorben, und ich bin mir absolut sicher, dass in diesen Momenten niemand seine Horoskope oder das Universum um Rat fragte, sondern dass so manches Schreien und Flüstern allein Gott galt.
So möchte auch ich ihm einfach nur alles mitteilen, was mir auf der Seele brennt, egal wo ich bin. Zwar weiß er bereits alles, aber ein liebender Papa hört seinen Kindern gerne zu, weil er auch weiß, wie gut es dem Kind selbst tut.
Und sehr oft bin ich auch einfach nur Kilometer um Kilometer still, ich will ja auch hören was er mir zuflüstern möchte …
Gott flüstert durch die Natur, durch die Bibel, durch andere Menschen, durch die Kunst, durch ein Lied, durch Liebe, die uns im Kleinen oder Großen begegnet, durch Dankbarkeit.
Ja, durch Dankbarkeit! Sehr oft schon haben mir Menschen beteuert, dass sie dankbar sind. Auf die Frage, wem gegenüber sie dankbar sind, erntete ich allerdings oft Schweigen …
Übrigens, wenn Menschen miteinander flüstern, kommen sie sich stets ganz nahe. Vielleicht war das auch mit ein Grund, warum auf der sinkenden Titanic „Näher mein Gott“ gespielt und gesungen wurde, um ganz nah sein Flüstern von Hoffnung, Trost, Leben und Liebe zu vernehmen.
Gott nahe zu sein ist unser Glück! (vgl. Ps 1).
Ich bin mir sicher, dass in aller Hektik, in jedem Lärm und den schier unendlichen Ablenkungen Gott zu uns flüstert. Es ist das sehnsüchtige Flüstern eines Papas, der Sehnsucht nach seinen Kindern, nach uns, nach dir und nach mir hat.
So gehe ich immer wieder besonders gerne in die Natur und mit meinem Gott spazieren. Bei einem dieser Spaziergänge bekam ich den Impuls, dieses Buch zu schreiben. Dieses Flüstern erreicht nun viele und jetzt, in diesem Augenblick, auch dich. Lass dich von nichts und niemandem ablenken und höre mit den Ohren deines Herzens, ob Gott dir etwas zuflüstern möchte …
Kapitel 2: Omas Flüstern
Sie war die beste Oma, die ich mir nur wünschen konnte – meine Oma „Lisa“, die eigentlich Elisabetha hieß. Sie war die Mama meines Vaters. Papa hatte mit ihr einen Glücksgriff getan. Sein eigener Vater, also mein Opa, war allerdings im Krieg und in Gefangenschaft gewesen. Über Gefühle wurde zwischen den Männern so gut wie nie gesprochen, und zeigen konnte man sie kaum. Oma war ganz anders. Oh, wie vermisse ich sie!
Sie war eine bescheidene Frau, konnte viel lachen und vertraute sehr auf Jesus. Papas Schwester, Tante Wilma (Jahrgang 1938), erzählte mir im Februar 2020, vor der Corona-Krise, meine Oma habe mindestens zweimal ihre Kinder unter Gefahr ihres eigenen Lebens verteidigt. Zweimal wurden sie in den 1940er-Jahren von Fliegern aus der Luft beschossen, und beide Male verbarg sie ihre Kinder unter sich und beschützte sie mit ihrem eigenen Körper. (Das Schreiben fällt mir gerade schwer. Ich möchte meinem Herzen freien Lauf lassen und später wohl auch meinen Tränen.)
Dieses intensive Gespräch mit meiner Tante Wilma hatte ich an ihrem 82. Geburtstag, dem 8. Februar, der zugleich auch der Todestag meiner geliebten Oma wurde, doch dazu später mehr. Ich fragte meine Tante, was sie taten, wenn Fliegeralarm war, wenn die Schrecken des Krieges unser kleines Dorf ereilten. Tränen liefen über ihr Gesicht, als sie flüsterte: „Wir versammelten uns in den Kellern, hielten uns an den Händen, lagen uns in den Armen und sangen bzw. beteten dazu.“
Diese drei Dinge also gaben ihnen Halt und Trost mitten in der Todesangst: Gemeinschaft, Festhalten und Singen bzw. Beten. Mich berührt das zutiefst, was meine Tante mir Wochen vor dem ersten Lockdown mitten aus ihrem Herzen zuflüsterte: „Gemeinschaft, Festhalten und Gotteslob.“ Irgendwie hallt dies immer noch in mir nach.
Allerdings waren diese drei Dinge uns eine Zeitlang kaum oder gar nicht möglich. Als ich am 1. November 2020 zuletzt einen Gottesdienst besuchte, waren wir vielleicht zehn Personen. Wir saßen in großen Abständen voneinander; singen durften wir nicht; nicht einmal die Mimik des anderen konnten wir hinter den Masken richtig sehen. Dafür blickte ich in so manches traurige Augenpaar.
Meine Oma war stets der Garant für den Familienzusammenhalt gewesen. Sie war eine starke und herzliche Frau. Liebevoll hatte sie sich um ihre Kinder gekümmert, während Opa im Krieg und in der Gefangenschaft war. Ich kann mir kaum vorstellen, wie sie das alles meisterte. Und Millionen andere auch. Im Glauben an Jesus Christus wurde sie gestärkt; mit dieser Liebe erzog sie ihre Kinder. Jeden Abend betete sie mit den Kleinen, bevor es zu Bett ging. Sie hatte zwei Buben und drei Mädchen gehabt. Ein Junge war bereits nach nur zwei Wochen gestorben. Unbeschreiblich, was diese Frau so alles durchmachte in ihrem Leben; doch nichts, aber auch gar nichts, konnte ihren Glauben erschüttern. Sie war stets ruhig und freundlich, manchmal mahnend, aber voller Liebe.
Es gab Jahre, da besuchte ich Oma und Opa fast täglich. Ich saß auf ihrem kleinen grauen Sofa und sie in ihrem Omasessel hinter ihrem Holzofen. Sie litt an Diabetes, und als ich etwa zehn Jahre alt war, amputierte man ihr ein Bein. So saß sie Tag für Tag hinter ihrem Ofen. Sie „krabbelte“ von einem Raum in den anderen oder saß gemütlich in ihrem kleinen Hof.
Kaum ein Tag verging, an dem sie mir nicht voller Liebe und Ehrfurcht von Jesus erzählte. Ehrfurcht? Was ist das? Ehrfurcht hat nichts mit unserer menschlichen Angst zu tun. Wer meine Oma gekannt oder ihren Worten gelauscht hätte, dem müsste ich das nicht mehr erklären. Vielleicht hat es auch mit Faszination, Staunen, Respekt und Würde zu tun.
Es war wenige Monate vor ihrem Tod, als sie mir eindringlich sagte: „Halte dich stets an Gott! Die Welt lacht mehr und mehr über ihn; den Menschen geht’s zu gut. Sie denken, sie schaffen es ohne Gott. Vielleicht braucht so mancher Mensch die Not, um nach Gott zu rufen. Ich wüsste nicht, was ich zu Kriegszeiten ohne ihn getan hätte. Er war immer für uns da!“
Solche Worte kamen aus dem Munde einer Frau, die ihr Kind verloren hatte, die so oft um das Leben ihres Mannes gebangt hatte und schauen musste, wie sie ihre Kinder versorgen konnte. Die sich selbst stets zurücknahm und gab, wo sie nur geben konnte – und das alles zu Kriegszeiten!
Oft erzählte sie mir biblische Geschichten. Ich bin so dankbar für jede Minute, in der ich ihr zuhören konnte. Gerade jetzt fällt mir ein, dass ich ihr wohl nie gesagt habe, wie sehr ich sie liebe. Sie wusste es immer, doch ist es so wertvoll, es auszusprechen. Ich wusste es ja auch erst mit 37 Jahren, wie unendlich kostbar es ist, die Liebe auszusprechen.
Sehr oft erzählte sie mir von dem ersten Märtyrer „Stephanus“, dass er für sein Bekenntnis zu Jesus sterben musste, dass er aber im Sterben den offenen Himmel sehen durfte. Diese Begebenheit sollte später noch eine größere Bedeutung bekommen.
So oft beteten wir gemeinsam. Welch ein Segen, Eltern und Großeltern zu haben, die beten und segnen können. Immer wieder erzählte sie mir von ihrem kleinen Jungen, dem „Werner“, der mit gerade mal zwei Wochen gestorben war. Sie gab Gott nie die Schuld für seinen Tod, sondern sagte mir mit Gewissheit, dass er nun bei Jesus sei.
Omas Sofa war ein Stück Zufluchtsort für mich, wenn die Welt da draußen brüllte. Hier wurde nie geschrien. Opa war wortkarg; nie sprach er aus seinem Herzen. Nähe konnte er auch keine spenden. Heute weiß ich, warum. Er starb 1988, als ich 18 Jahre alt war. Ich glaube, seine Erziehung sowie der Krieg und die Gefangenschaft haben vieles in ihm zerstört und sein Herz versteinert. Würde ich ihm nur noch ein einziges Mal begegnen, so würde ich ihn in meine Arme nehmen (wenn er es zulassen würde) und ihm in sein Ohr flüstern: „Opa, ich verstehe dich und ich liebe dich!“ Oh Mann, geht mir das ans Herz!
Ende Dezember 1983 kam meine Oma ins Krankenhaus. Die ersten vier Wochen dachten wir, dass alles gut werden würde, doch auf einmal schien sie uns nicht mehr zu erkennen. Es war eine schlimme Zeit. Meine geliebte Oma wusste meinen Namen nicht mehr.
Eines Tages saß ich an ihrem Bett, als ich ein Strahlen in ihrem Gesicht bemerkte; es war wie von Freude erleuchtet. Sie zeigte zur Wand neben sich und fragte flüsternd, mit zärtlicher Stimme, voll Ehrfurcht und Dankbarkeit: „Siehst du ihn Michael?“ Dabei wisperte sie aufgeregt, als teilten wir unser intimstes Geheimnis.
„Siehst du ihn?“, hakte sie nach. „Nein, wen?“, fragte ich und schaute verwundert auf die Wand. „Sieh doch genau hin!“, wurde sie energisch. „Jesus ist da! Schau … wie wunderschön er ist …“
Ja, jetzt sah ich ihn auch – auf ihrem Gesicht. Ich sah, dass Oma Lisa ihn sah … Und ich flüsterte ihr zu: „Ja, jetzt sehe ich IHN auch …“ Sie lächelte mit tiefer, erfüllter Freude und zugleich Sehnsucht.
So durften wir beide Jesus sehen – meine Oma von Angesicht zu Angesicht und ich in ihrer Freude, im Strahlen ihres Gesichtes …
Die auf Gott schauen werden leuchten wie die Sonne, sagt die Bibel (vgl. Mt 13,43). Ich habe es selbst gesehen und erlebt, damals am 7. Februar 1983 im Kreiskrankenhaus in Bopfingen auf Ebene eins, ganz hinten am Flur … Es war die Krönung all unserer Gespräche.
(So, nun laufen meine Tränen. Ich weiß nicht, ob es sich „gehört“, wenn man als Autor von seinen Tränen schreibt, während man die Tastatur bearbeitet und mit verschwommenen Blick zu erklären versucht, was unerklärbar ist. Ich spüre nur noch Ehrfurcht, Dankbarkeit und Liebe … Mein Bildschirm ist verschwommen … Ich sehe IHN gerade jetzt, Jesus, vor meinen inneren Augen; und vielleicht erkennst auch du ihn in deinem Herzen.)
Einen Tag später kam mein Papa um die Mittagszeit nach Hause. Dies war das erste Mal, dass ich ihn weinen sah – diesen Mann, der so oft geschrien hatte. Er stieg aus dem Taxi, ging die Stufen unseres alten Hauses hinauf, trat ein und flüsterte unter Tränen: „Meine Mama ist eben gestorben …“ Nie werde ich diesen Augenblick, sein Flüstern vergessen, genauso wenig wie das meiner Oma tags zuvor.
Im Himmel sah sie ihren kleinen Werner wieder, und sie hat nun wieder zwei Beine und tanzt mit Jesus. Ihr Gesicht strahlt jetzt bis in alle Ewigkeit …
Ihr leises Zeugnis von der Schönheit Jesu Christi möge auch in dein Herz flüstern und dir den gleichen Halt schenken, den meine Oma stets hatte, den Trost, der sie durch schwere Zeiten getragen hat, und den Mut, ihr Leben aus Liebe zu geben; ihr Vertrauen in den, der nie von ihrer Seite gewichen ist und der sich ihr im Sterben zeigte. Er nahm ihr alle Ängste und schenkte ihr die Zuversicht, dass der Himmel für sie offenstand wie einst bei Stephanus.
„Schau, Michael, wie wunderschön Jesus ist“, höre ich sie immer und immer wieder flüstern, seit nun mehr als 37 Jahren. Und deshalb flüstere auch ich es jetzt in diese Welt hinaus: „Seht her, wie schön ER ist.“
Mögest auch du sehen, wie schön ER ist … Sein Name ist JESUS!
Kapitel 3: Bett-Flüstern
Ich hatte, wie vielleicht die meisten von euch wissen, keine unbeschwerte Kindheit. Die einfachsten Dinge waren für mich oft Lichtjahre weg. Ich wurde verletzt, gedemütigt und kannte kaum meinen Wert. Mein Papa, der 2010 verstarb und mit dem ich mich fast drei Jahre zuvor versöhnen durfte, war Alkoholiker, und mit dem Arbeiten hatte er es auch nicht so. So war mir damals wie heute meine Mama ein Fels in der Brandung. Sie leistete oft Unmenschliches, obwohl sie es selbst nicht einfach hatte. Noch heute habe ich ihr so viel zu verdanken.
Wir wohnen nun gemeinsam in einem Haus, und sie ist uns in vielen Bereichen eine Stütze. Während ich dieses Kapitel schreibe, kocht sie ein leckeres Mittagessen im unteren Stockwerk in unserer Küche. In Kürze sitzen wir alle gemeinsam wieder an einem Tisch wie fast jeden Tag. Ach ja, Mama, falls du das jetzt liest, du und der Rest der Welt sollen es wissen, dass ich dich liebe und ehre!
Ich durfte vor einigen Jahren lernen, über Gefühle zu sprechen, und sage das meiner Mama und meinem Umfeld immer und immer wieder. Je mehr ich das tue, desto mehr beschenke ich mich auch selbst dabei. „Ehre jeden Menschen“, steht im 1. Petrusbrief.1 Ja, wenn wir Freude schenken, beschenken wir uns dabei selbst. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Wenn wir verletzen, verletzen wir uns dabei selbst …
Doch trotz meiner Mama, meiner Oma und meiner geliebten Tante Elfriede, fehlte mir ein liebevolles männliches Vorbild, und das entdeckte ich mehr und mehr bei meinem geliebten Onkel Heinz. Was für ein toller Mann! Er war Jahrgang 1930 und kam aus Berlin.
Er war sooooo schlau. Für mich war er wie ein persönliches Wikipedia und Google in einer Person. Stets hatte er einen Rat. Tante Elfriede und Onkel Heinz wohnten nur 200 Meter von Oma und Opa entfernt. Fast jeden Sonntag gingen wir zusammen spazieren, meine Familie und die beiden.
Heinz und ich „seilten“ uns stets ab und gingen oft hunderte von Metern voraus. Ich saugte alles auf, was er zu sagen hatte. Er bemerkte meine Unsicherheit und brachte mir die ersten Tricks zur Selbstverteidigung bei. Er sagte mir immer wieder: „Junge, wenn du einmal wegläufst, dann läufst du immer weg. – Steh aufrecht! – Halte dem Blick stand! – Sag, wenn du etwas nicht möchtest! – Erhebe deine Hände und beschütze deinen kleinen unsichtbaren Gartenzaun! – Und wenn jemand alle Warnungen ignoriert und dir weh tun will, dann betonierst du ihm sofort eine!“ Boah, er war so mutig, so stark, das Gegenteil von mir. Deshalb bewunderte ich schon immer Muhammad Ali, Bruce Lee und Bud Spencer. Sie alle waren ein wenig wie Onkel Heinz.
In manchen Zeiten war ich täglich bei meinem „Onkele“. Er spürte, wenn es mir nicht gut ging, wenn andere mich verletzten, und oft sprach er mich direkt an: „Bist du aufrecht gestanden? Hast du den Blick gehalten? Und hast du deinen unsichtbaren Gartenzaun verteidigt?“ Immer und immer wieder musste ich verneinen; ich war einfach zu mutlos. Es waren jedoch nicht nur die körperlichen Angriffe oder Beleidigungen, es gab auch dieses Flüstern hinter meinem Rücken, welches tief in meinem Herzen heftige Schmerzen verursachte, zusammen mit den hämischen Blicken. – Bis der große Tag kam.
Ich war in der ersten Klasse, 1976, als ich wieder mal mitten im Unterricht zutiefst beleidigt und sogar hinter dem Rücken des Lehrers verletzt wurde. Da schossen mir Onkel Heinz’ Worte durch den Kopf: „Wer einmal wegläuft, der läuft immer wieder weg.“ In diesem Bewusstsein, hier und jetzt, fasste ich den Entschluss, nicht mehr alles mit mir machen zu lassen. Ich stand auf – ja ich stand sogar aufrecht – und erhob meine Stimme. Und dann „betonierte“ ich meinem Peiniger eine „voll auf die Zwölf“. Der Schlag saß! Mitten im Unterricht brach ich ihm die Nase.
Natürlich hatte das Konsequenzen, ohne sie jetzt hier beschreiben zu wollen. Doch die waren mir egal. Ich war aufgestanden, das war das Einzige, was zählte. Voller Stolz berichtete ich meinem Onkel von meiner Tat. Klar, dass kaum jemand verstand, was da wirklich geschehen war; sie sahen nur, dass ich „Gewalt angewendet“ hatte. Aber mein Onkele und meine Mama, die blickten durch und freuten sich.
Von diesem Tag an hatte ich Ruhe vor dem Typen. Im Gegenteil, wir wurden sogar Freunde, und diese Freundschaft hält nun schon seit 44 Jahren!
Nein, ich heiße es nicht gut, was ich tat, und ich lehre auch, dass jeder vermiedene Kampf ein gewonnener Kampf ist und dass die eleganteste Art, dem Gegner die Zähne zu zeigen, ein Lächeln ist. Doch dort, wo wir jeden Tagen hingehen, wie zur Schule, zur Uni oder zum Arbeitsplatz, können wir nicht täglich fliehen, sonst sind wir jeden Tag auf der Flucht und können uns nicht frei und unbeschwert entfalten. Damals in meiner Klasse gab es für mich nur diesen einen Weg; zumindest erkannte ich in meiner Hilflosigkeit keinen anderen. Ich hatte irgendwie meinen Stand einnehmen müssen.
***
Doch leider war ich damit noch immer kein Held geworden, der immer seinen Mann stand. Die Prägung meiner jungen Seele konnte ich nicht einfach so mit einem Wisch wegfegen. Die Demütigungen zu Hause, in der Schule und nicht selten auch in der Freizeit blieben.
Ich muss so zehn Jahre alt gewesen sein, als mir das alles zu viel wurde und ich nicht mehr wusste, wie mein kleines Herz es noch aushalten sollte. Und so kam es, dass ich eines Tages auf den Gleisen stand, mit Blick sowohl auf unsere Dorfkirche, wo ich so oft Zuflucht gefunden hatte, als auch auf mein Elternhaus. Ich konnte und wollte nicht mehr. Mein Leben schien mir aussichtslos. Mir war klar, dass sich so schnell nichts ändern würde – weder morgen noch in fünf Jahren. Ich war täglich der Gewalt, der Armut, dem Hohn und Spott ausgesetzt.
So spielte ich mit dem Gedanken, mir mein junges Leben zu nehmen. Ich dachte an meine Beerdigung und hoffte, dass es spätestens dann allen leidtun würde, was sie mir all die Jahre angetan hatten.
Mitten in meinen traurigen Gedanken vernahm ich ein Flüstern tief aus und in meinem Herzen: „Lebe weiter, ich habe noch viel mit dir vor!“ Hoffnung keimte in mir auf, der Same für ein neues Leben. Es begann etwas, auch wenn es noch ganz fein und zart war. Aber es trug den Willen zum Leben in sich, und dadurch war es unüberwindbar stark.
Ich konnte niemandem davon erzählen, nicht einmal Onkel Heinz. Der Augenblick war zu intim gewesen; so tief konnte ich keinen in mein Herz blicken lassen. So ahnte niemand etwas von meinem Erlebnis auf den Bahngleisen, und der Alltag schien einfach seinen Fortgang zu nehmen. Aber Gott hatte seine Hand auf mich gelegt, und das war nicht mehr rückgängig zu machen.
***
Mein Onkele blieb weiterhin mein Mentor. Er brachte mir viele Spiele bei, wie Schach, Dame oder Mühle. Über tausend Themen unterhielten wir uns. Er war ein Stück weit der Vater, den ich mir immer gewünscht hatte, und auch mein Freund. Und immer wieder zeigte er mir, wie man am besten kämpft. Ja, er hatte selbst viel kämpfen und die harte Realität des Krieges erleben müssen. Von sich persönlich erzählte er fast nie etwas, außer einmal. In tiefem Schmerz erzählte er mir, sein bester Freund sei von einer Granate getötet worden. Wortwörtlich sagte er mir, er habe „seine Überreste von der Straße gekratzt“.
Es war nur ein kurzer Einblick – für einen Bruchteil öffnete er seine Herzenstür, um sie gleich wieder zu verschließen. Er konnte sich diesen Schmerz nicht anschauen und auch niemanden teilhaben lassen; es war zu schwer. An dieser Stelle war sein Herz zerbrochen.
Diese intensive Zeit mit meinem Onkel erlebte ich von meinem fünften bis zum vierzehnten Lebensjahr; danach zogen wir in den Nachbarort. Doch diese Zeit hatte mich für ein ganzes Leben geprägt.
Einmal vertraute ich ihm an, dass mich mein Vater wieder verdroschen hatte, und er stellte ihn daraufhin zur Rede. Da war jemand, der sich für mich stark machte, der auf meiner Seite stand. Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern. Als ich dann mit meinem Vater ganz allein war, erlebte ich eine kaum zu beschreibende Kälte. Es dauerte etwa zwei Stunden, bis er mich dann wieder verdrosch, diesmal schlimmer als gewohnt, da ich ihn in seinen Augen vor meinem Onkel lächerlich gemacht hatte. Ja, es war schlimm; doch das Gefühl zu erleben, dass jemand für einen kämpft, war unbeschreiblich. Es war ein Liebesbeweis. Liebe, ja darum geht es in unserem Leben. Liebe, die wir zu wenig bekommen haben oder die wir zu wenig gegeben haben. Dies macht unsere Herzen schwer und traurig.
Heinz brachte mir viele Dinge bei, auch wie wichtig der wertvolle Umgang mit Geld ist. Er motivierte mich, für die älteren Leute einkaufen zu gehen und zu arbeiten. Dadurch bekam ich mal hier eine Mark und mal da ein paar Pfennige. Was tun damit? Heinz meinte: „Jetzt brauchst du ein Sparbuch, und lass das Geld wachsen.“ Ich habe lange nicht verstanden, wie Geld wachsen sollte. So legten wir ein Sparbuch an.
Irgendwann hatte ich stolze 76,50 DM auf dem Konto. Ich fühlte mich so reich. Ich hatte etwas geleistet und nun mein eigenes Geld. Ich werde nie den Tag vergessen, als ich meinem Vater nach einem Streit hochnäsig mitteilte, ich würde mehr arbeiten als er und hätte sogar mein eigenes Sparbuch. Nie, nie, nie vergesse ich seinen Blick und seine Worte: „Nein, du hast gar nichts!“ Ja, er hatte mein Sparbuch geplündert. Eine Welt brach für mich zusammen.
Es schmerzt mich heute nicht mehr, da Papa und ich uns 2007 durch die Gnade Jesu Christi vollkommen versöhnen durften. Doch damals war ich wieder mal gebrochen worden. Heinz war wütend, doch sagte er nichts zu meinem Vater. Die Konsequenzen hätte sonst wieder ich spüren müssen. Stattdessen versteckten wir mein verdientes Geld ab dieser Zeit in einer kleinen Zigarrenblechdose. Wir versteckten sie so gut in der Gartenlaube, dass wir sie nie wiedergefunden haben. Irgendwo in meinem geliebten Dörfchen schlummert eine kleine Blechdose mit etwa 20 Mark in Kleingeld …
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So vergingen die Jahre. Meine Besuche wurden rar, denn ich war mehr in der Welt unterwegs als in meiner Heimat. Der Schmerz trieb mich, und ich fand kaum Ruhe. Irgendwie war ich auf der Flucht vor meinem Vater und versuchte gleichzeitig, ihn auch irgendwie stolz auf mich zu machen. Ich durchlebte Obdachlosigkeit, von der kaum jemand wusste. Ich war ein Getriebener. Mein Herz versteinerte sich täglich mehr. Mein Onkel erkannte meinen Schmerz und fragte mich eines Tages, es muss wohl etwa 2005 gewesen sein: „Was machst du eigentlich, wenn dein Vater eines Tages stirbt?“ Kalt gab ich ihm zur Antwort: „Na und, wir alle müssen mal sterben.“
Ich konnte ihm mein Herz nicht zeigen. Er kämpfte selbst mit sich und konnte mir auch seines nie richtig offenbaren. Später erfuhr ich, dass er selbst ohne Papa aufgewachsen war, doch hatte er nie darüber gesprochen.
Obwohl er seit 60 Jahren auf der Schwäbischen Alb wohnte, sprach er stets mit „Berliner Schnauze“. Oft diskutierten wir über das Universum, die Sterne, über Religionen und vieles mehr. Er war der Meinung, es sei egal, an was man glaube; Hauptsache, man sei ein guter Mensch. Wir ließen es dabei, nie entstand dadurch Streit. Ein paar Monate bevor er starb, begann mein Onkel mich viele Dinge zu fragen. Ähm, was war da los? Wikipedia und Google, mein persönliches Lexikon, stellte mir Fragen? Oft fingen seine Fragen mit „warum“ an. Wenn unser Pfarrer zu Besuch kam, hörte er mehr und mehr aufmerksam zu und genoss es, gesegnet zu werden. In dieser Zeit hat er ziemlich oft gefroren. Mein Onkel zeigte Schwäche, das kannte ich fast gar nicht von ihm.
2006 lernte ich meine zweite Frau kennen. Ich kannte es bis dahin nicht, dass Menschen sich in den Arm nehmen. (Nach der Versöhnung mit meinem Papa mussten er und ich noch fast zwei Jahre trainieren, wie das mit dem In-den-Arm-Nehmen geht.) Meine Frau jedoch umarmte Tante Elfriede und meinen Onkel Heinz bei jeder Begrüßung und bei jeder Verabschiedung ohne Zurückhaltung. Das beobachtete ich und sehnte mich auch danach, so locker damit umgehen zu können. Ja, ich war ein wirklich verletzter und kaputter Typ (und stehe immer noch in einem Heilungsprozess). Wenn ich meinen Onkel bei Verabschiedungen drückte, dann eher flüchtig. Doch unsere Sehnsucht, seine und meine, war viel größer.
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Er wurde älter, schwächer und nachdenklicher, und ich durfte ihm schließlich von der besten Botschaft der Welt berichten: dass Gott in seinem Sohn zu uns gekommen war, um uns von aller Schuld freizumachen; dass Jesus alle Antworten auf alle Warum-Fragen kennt; dass Jesus selbst die Antwort ist; dass Gott unsere verletzten Herzen gesundlieben möchte. Aufmerksam saugte er jedes Wort in seinem Herzen auf.
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Eines Abends, als ich zuhause war, klingelte das Telefon. Wenn du es gestattest, nehme ich dich jetzt einfach mit in die damalige Gegenwart:
Tante Elfriede ist am Apparat, und sie ist panisch: „Komm schnell! Heinz ist schwer gestürzt!“
Hastig renne ich zum Auto und fahre los. Mein Herz ist aufgeregt und schwer zugleich. So rase ich die kurze Strecke, um dem zu Hilfe zu eilen, der mir selbst so oft zur Seite stand.
Weinend und völlig aufgelöst öffnet meine Tante die Tür. Da sitzt er, mein Onkel Heinz, auf dem Fußboden des Wohnzimmers, neben seinem wunderschönen Aquarium. Schwach und zerbrechlich sieht er aus, der Mann, der für mich Ali, Bruce Lee und Bud Spencer sowie Wikipedia in einem verkörpert.
Er ist die Treppe hinuntergefallen und trotz all seiner Schmerzen ins Wohnzimmer gekrabbelt. Nun sitzt er aufrecht auf dem Fußboden und zeigt Haltung, trotz allem.
„Ich rufe den Notarzt!“ sage ich.
„Nein!“, schreit meine Tante, „dann kommt er nie wieder nach Hause!“
Mein Onkel schaut mich an. Ich sehe so unendlich viel Vertrauen in seinem Gesicht. „Wenn du meinst, dann mach das“, flüstert er mir zu.
Meine wunderbare Cousine kommt dazu, und wir beide tun, was zu tun ist. Immer wieder schreit meine Tante: „Keinen Notarzt, sonst kommt er nie wieder nach Hause!“
Der Rettungsdienst kommt und die Sanitäter bringen meinen Onkel in den Rettungswagen. Bevor sie abfahren, schließt einer der Sanitäter die Tür und sagt: „Vermutlich Oberschenkelhalsbruch. Die alten Leuten kommen selten wieder, nur zur Info …“ Die Worte treffen mich bis ins Mark.
Ich fahre dem Krankenwagen hinterher. An den Schatten hinter dem Milchglasfenster sehe ich, wie sie Onkel Heinz versorgen. Ich weine und bete die ganze Fahrt hindurch. Was auch sonst? Horoskope befragen? Das Universum oder die universelle Energie um Hilfe bitten? Keine Alternative für mich!
Im Krankenhaus angekommen, warte ich, bis mein Onkel geröntgt und notversorgt ist. Als ich zu ihm darf, liegt er kreidebleich und schwach in seinem Bett.
„Onkele, weißt du noch, wie oft wir über Jesus gesprochen haben und wie du stets gemeint hast, es sei egal, an wen und was man glaubt? … Aber es ist eben nicht egal, an wen wir unser Herz verschenken und wem wir von ganzem Herzen vertrauen. Gott kam doch in Jesus zu uns, um uns mit sich zu versöhnen, und um uns den Frieden zu schenken, den uns diese Welt nicht geben kann … Mach doch heute Nacht Frieden mit Gott, Onkele, ja … ?!“
Mit dankbaren Blicken lauscht er meinen Worten. Es scheint, als könne er zum ersten Mal etwas von mir für sein Herz nehmen.
Am nächsten Morgen gehe ich zum Juwelier und kaufe ihm eine silberne Halskette mit einem Kreuzchen. Mit meinem Liebesgeschenk bewaffnet, eile ich ins Krankenhaus zu meinem Onkel.
„Na, hast du mit dem Boss gesprochen?“, frage ich, als ich an sein Bett trete, und er antwortet:
„Ja, vorhin habe ich mit dem Oberarzt geredet.“
Ich musste lächeln: „Nein, Onkele, nicht mit diesem Boss, sondern mit dem da oben!“ Ich zeige zum Himmel.
Er lächelt und flüstert: „Ja, mit ihm hab’ ich heute Nacht auch gesprochen. Nun habe ich Frieden mit Gott gemacht …“
Frieden mit Gott, ja, um diesen Frieden geht es von der ersten bis zur letzten Sekunde in unserem Leben. Nicht ständig um das, was man tun muss, was man darf und nicht darf, Leistung hier und Leistung da … Es geht um Frieden mit Gott; dem Gott, der Liebe ist – nichts als Liebe. Je mehr wir in, mit und durch diese Liebe leben, desto mehr wird das Gute in uns selbst „hervorgeliebt“.
Liebe liebt das Gute in uns hervor.
Ein paar Tage später besuchen wir Onkel Heinz – meine Frau, meine Tochter und ich. Beim Verabschieden beugt sich meine Frau über sein Bett und drückt ihn herzhaft. Danach beuge auch ich mich über ihn und sage ihm, dass ich ihn liebhabe. Seine Antwort ist ein Flüstern: „Ich hab’ dich lieb, Miggi!“
Kaum traue ich meinen Ohren; nach all den Jahren kommt es zum ersten Mal über seine Lippen. Während meine Augen ihn kurz etwas verdutzt anschauen, haben mein Herz und mein Mund schon geantwortet: „Ja Onkele, ich dich auch – soo sehr!“
Ich laufe halb um sein Bett herum und stehe am Fußende. Da muss er es mir noch einmal sagen: „Hörst du, Miggi? Lieb hab’ ich dich! Und pass auf dich auf!“
Tief berührt und um Fassung ringend antworte ich: „Ja ich hab’ dich auch lieb! Na klar, pass ich auf mich auf!“
Ich folge meiner Frau und meiner Tochter zur Türe, doch bevor ich sie hinter mir schließen kann, höre ich noch einmal seine Stimme: „Miggi?!“
„Ja?“ Ich schiebe meinen Kopf zurück durch die Tür. (Jetzt, während ich schreibe, treffen sich in der Rückschau noch einmal unsere Blicke.)
„Ich hab’ dich lieb, vergiss das nie!“ Sein Herz steht himmelweit offen und strömt über vor Liebe und Frieden. All die Fragen, die ihn sein Leben lang beschäftigten, die wie Wellen auf hoher See waren, sind zur Ruhe gekommen, weil er nun den in seinem Herzen trägt, der Wind und Wellen stillt.
„Ich hab dich auch lieb, Onkele“, flüstere ich ein letztes Mal in Resonanz auf dieses wunderschöne Herz …
***
Zwei Tage später klingelt unser Telefon. Meine Frau geht dran, legt kurz darauf fast wortlos wieder auf und sagt flüsternd, was ich in meinem Herzen schon weiß: „Onkel Heinz ist heute Nacht in den Himmel gegangen.“
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In der Friedhofskapelle verabschieden wir uns noch einmal von ihm, doch es ist nur seine Hülle, sein Zelt, in dem er wohnte, als er hier auf der Erde war. Ich sehe diesen toten Körper, in dem er gelebt hat, mein Vorbild und mein Held. Kein Leben mehr darin. Meine Tante küsst und streichelt ihn. Unendlich viele Tränen fließen und sie flüstert immer wieder: „Bitte geh nicht, bleib bei uns …“
Ich verlasse den Raum und weiß, wir sehen uns wieder.
Die Liebe, die er mir im Krankenhaus dreimal zuflüsterte, ist eine ewige. Sie krönte unsere Beziehung, alle diese Jahre. Sie schwappte auf den Grund meines Herzens und löste dort einen Tsunami an Gefühlen aus. Eine Kraft, die nun weiter und weiter geht, die durch diese Zeilen jetzt gerade sogar dich erreicht.
Welchem Menschen kannst du es heute noch zuflüstern?
„Ich hab’ dich lieb!“ – so einfache Worte, so eine unfassbare Kraft!
Lass dich von nichts und niemandem aufhalten, zum Botschafter der Liebe zu werden!
1 Vgl. 1 Petr 2,17.
Kapitel 4: Demenzgeflüster
Es war eine schreckliche Zeit nach dem Tod meines geliebten Onkels. Meine Tante verlor zunehmend an Lebensfreude, obwohl sie von ihrer Natur her ein Sonnenschein war und ist.
Ich hatte ja einen Großteil meiner Kindheit bei Onkel Heinz und Tante Elfriede verbracht, die die Schwester meines Vaters ist. Während mein Onkel mir das Kämpfen und sämtliche Spiele beibrachte, backte und kochte meine Tante, und immer wieder erzählte sie mir (wie auch meine Oma, also ihre Mama) von Jesus.
In schweren Lebenskrisen war sie, so wie Onkel Heinz, immer für mich da gewesen. Ihr herzhaftes Lachen war ansteckend, und oft konnte sie nur sehr schwer damit aufhören.
Sie ist Jahrgang 1933. Im Gegensatz zu Onkel Heinz, konnte sie über die Kriegszeiten offen sprechen und auch darüber, wie sehr ihr Jesus und ihre Mama eine Stütze waren. Ein intensives Erlebnis, über das ich hier nicht näher schreiben kann, hatte dazu geführt, dass ihre Beziehung zu Jesus unerschütterlich wurde. Gott hatte ihr in ihrer Not zur Seite gestanden, und das trägt sie fest in ihrem Herzen.
Kurze Zeit nach dem Tod ihres geliebten Mann tat sie sich immer schwerer damit, alles alleine zu bewältigen. So wurde das kleine Häuschen verkauft und Tante Elfriede ging in eine Einrichtung, welche sich „Betreutes Wohnen“ nennt. Schnell lebte sie sich hier ein; allerdings blieb die Sehnsucht nach ihrem Heinz und nach ihrem gemeinsamen Häuschen riesengroß.
Oft nahm ich sie einfach mit zu uns, zum Essen oder einfach nur so. Manchmal spielte ich ihr von meinem Handy Lieder aus uralten Zeiten vor. Sie liebte die Schlager der 70er- und 80er-Jahre und so manches Heimatlied. Und stets beteten wir gemeinsam. Ein Gebet trug sie mir immer und immer wieder vor:
Dich, o Jesus, bet ich an,
wie die Weisen es getan.
Gold und Schätze kann ich nicht
bringen vor dein Angesicht,
aber meines Herzens Gold
schenk ich dir, o Jesus hold.
Über alles lieb ich dich,
will dich lieben ewiglich!
So beteten und sangen wir fast immer, wenn wir zusammen waren bzw. sind. Der Montag wurde zu „unserem“ Tag. Ich holte sie am Nachmittag ab, dann gingen wir zum Friedhof und in die Kirche und zum Abschluss in unser geliebtes „Café Mayer“.
Zunehmend wurde sie vergesslicher und schwächer, bis der traurige Tag kam, an dem sie wieder umziehen musste. Das Altersheim ist nun zu ihrer letzten Wohnstätte geworden. Mehr und mehr verschwammen wohl ihre Lebensbilder bzw. fand sie die passenden Worte nicht mehr, oder beides. Dann kam die Zeit, in der sie weder meinen Namen noch mich kannte. Das war sehr schmerzlich; ich weiß nicht, ob auch für sie oder nur für mich. Selbst ihren geliebten Mann erkannte sie auf einem Foto nicht mehr und fragte mich, wer das denn sei. Doch eines blieb, war zutiefst in ihr verankert: Wenn ich ihr unser Gebet ins Ohr flüsterte, machte sie mit und wir flüsterten es gemeinsam.
Eines Tages, sie saß in einem Ohrensessel im Aufenthaltsraum des Heims, da kniete ich mich vor ihr hin und bat sie um Vergebung für all die Liebe, die ich ihr nicht gebracht hatte, und wo ich an ihr schuldig geworden war. Sie nahm mich behutsam in ihre Arme, küsste meine Tränen weg und sagte: „Ich hab’ dich lieb, mein Guter!“ Und dann fragte ich sie: „Weißt du, dass Jesus dich liebhat?“ „Ja, das habe ich nie vergessen!“, flüsterte sie liebevoll zurück.
Leider kam dann die Zeit, als wir auch nicht mehr gemeinsam weggehen konnten, nicht mehr auf den Friedhof, nicht in die Kirche, um gemeinsam zu beten, und nicht mehr zum Kaffeeplausch ins Café unseres kleinen Städtchens …
Vor Kurzem, bei einer gemeinsamen Fahrt durch unser Dörfchen zeigte sie liebevoll auf den kleinen Hügel, auf dem ihr Häuschen stand. Wortlos, mit feuchten Augen, zeigte sie mit ihrem Zeigefinger in Richtung des Hauses, in dem es so oft nach frisch gebackenem Kuchen, nach Rouladen oder heißem Kakao gerochen hatte. Ihr sehnsüchtiger Blick mit dem empor gehaltenen Finger erinnerte mich an „E.T.“, als der in einer Szene sagte: „Nach Hause gehen ...“
Ja, das ist es: Nach Hause gehen. So viele Sterbende flüsterten dies in mein Ohr – meine Oma, mein Papa und so viele andere auch.
Vor wenigen Wochen besuchte ich Tante Elfriede, und sie hielt gerade einen Mittagsschlaf. Süß, wie sie aufwachte; ein Lächeln verzauberte ihr Gesicht. Ich setzte mich an den Bettrand und hielt ihre Hände. Auf einmal erkannte sie mich: „Bist du es?“ „Ja, Dodo“, so nenne ich sie seit Kindheitstagen. „Ich bin es, Miggi!“ „Es ist gut, dass du da bist“, flüsterte sie leise mit einem kleinen Lächeln.
Ich legte meinen Kopf auf ihren Oberkörper und sagte ihr, wie sehr ich sie liebe. Und dann fing ich an, unser Gebet zu sprechen. Ganz sachte, fast schon zärtlich, flüsterte sie mit: „Dich, o Jesus, bet’ ich an … “ Dann flüsterten wir beide das Vaterunser, das Jesus uns selbst gelehrt hat. Sie sprach fast alles mit. Wenn auch das meiste andere vergessen schien oder die Worte irgendwo verschüttet waren, das Beten ging. Und gemeinsam sangen wir noch ein Lied. Es war ein Stück Himmel, mit ihr zum himmlischen Papa zu sprechen …
Bei jedem Besuch flüstere ich ihr meine Liebe ins Ohr und immer wieder: „Jesus liebt dich.“ Oft huscht dabei ein Lächeln über ihr Gesicht. Alles, was wir aus Liebe tun oder sagen, bleibt in Ewigkeit …
So verbringt sie ihre Tage in ihrem Altersheim, in dem sie liebevoll umsorgt wird. In ihrem Herzen ist eine große Sehnsucht, nach Hause zu gehen. Eines Tages wird sie ein letztes Mal umziehen, zu dem, der ihr versprochen hat, ihr eine Wohnung zu bereiten …1 Zu dem, der ihr ein Leben lang Halt und Trost gegeben hat. Sie wird nach Hause gehen, zu Heinz und zu Jesus, über den schon ihre Mama im Sterben flüsterte: „Sieh, wie schön er ist!“
1 Jesus sagte: „Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf dass auch ihr seid, wo ich bin“ (Joh 14,1-3 LUT).
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