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Michael Kotsch

Homöopathie
Wie gehe ich mit alternativen Heilmethoden um?

Reihe AUFKLÄRUNG
Band 62

Michael Kotsch
Homöopathie Wie gehe ich mit alternativen Heilmethoden um?
1. Auflage 2007
2. Auflage 2008
3. Auflage 2010
4. Auflage 2011
© 2013 Lichtzeichen Verlag, Lage
Umschlag: Manuela Bähr-Janzen
Satz: Gerhard Friesen
ISBN: 9783869549552
Bestell-Nr.: 548955
E-Book Erstellung: LICHTZEICHEN Medien
www.lichtzeichen-medien.com
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Erlaubnis des Verlegers in irgendeiner Form reproduziert werden.
Inhaltsverzeichnis
Homöopathie heute
1. Vorgeschichte der Homöopathie
1.1. Medizin am Ende des 18. Jahrhunderts
1.2. Historische Vordenker der Homöopathie
2. Samuel Hahnemann und seine Zeit
2.1. Hahnemanns Jugend
2.2. Hahnemanns Studienzeit
2.3. Hahnemanns erste Erfahrungen als Arzt
2.4. Anfänge der Homöopathie in Stötteritz
2.5. Hahnemanns Irrenhaus in Gotha
2.6. Hahnemanns Übergang zur homöopathischen Praxis
2.7. Hahnemanns Versuche, “ans große Geld zu kommen”
2.8. Auf dem Weg zu Globuli und höheren Verdünnungen
2.9. Organon - Bibel der Homöopathie
2.10. Hahnemann an der Leipziger Uni und zu Hause
2.11. Homöopathische Arzneimittelprüfung
2.12. Hahnemanns Freunde und Gegner in Leipzig
2.13. Die medizinische Praxis Hahnemanns in Leipzig
2.14. Hahnemann als herzoglicher Leibarzt in Köthen
2.15. Miasmen als eigentliche Krankheitsursache
2.16. Durchschlagende Arzneien durch Hochpotenzen
2.17. Hahnemanns Kampf um die reine Homöopathie
2.18. Hahnemanns späte Liebe
2.19. Hahnemann als Modearzt in Paris
2.20. Der Kult um Hahnemann
3. Alternative Heilmethoden nach homöopathischem Vorbild
3.1. Herings Nosodentherapie
3.2. Reckewegs Homotoxikologie
3.3. Schüßlers Biochemie
3.4. Steiners anthroposophische Medizin
3.5. Psychologische Homöopathie
3.6. Elektroakupunktur / Kinesiologie
3.7. Komplexmittelhomöopathie
4. Das homöopathische Weltbild
4.1. Die Stellung der Homöopathie zur klassischen Medizin
4.2. Religiöse Bezüge in der Homöopathie
4.3. Der Mensch in der Homöopathie
4.4. Krankheit und Gesundheit in der Homöopathie
5. Homöopathie als medizinische Methode
5.1. Der Patient und sein Lebensumfeld
5.2. Die Arzneimittelprüfung und ihre Anwendung
5.3. Die Dynamisierung und ihre Wirkung
6. Kritische Bewertung der Homöopathie
6.1. Anspruch der Homöopathie
6.2. Wissenschaftliche Kritik an der Homöopathie
6.3. Logische Unstimmigkeiten der Homöopathie
6.4. Homöopathie und christliches Weltbild
7. Praktische Ratschläge zum Umgang mit Homöopathie
Literatur
Vorwort
Die Homöopathie ist eine der bekanntesten alternativen Heilmethoden. Sie ist individuell, günstig und scheinbar ohne unerwünschte Nebenwirkungen. Vor dem Hintergrund einer in Aberglauben und Alchemie verstrickten Medizin des frühen 19. Jahrhunderts, entwickelte der innovative Arzt Samuel Hahnemann (1755-1843) ein vollständig neues Konzept von Krankheit und Heilung. Seine Betonung des ausführlichen Patientengesprächs (Anamnese), sein Ähnlichkeitsprinzip (Substanzen, die Krankheitssymptome hervorbringen, können diese beim Kranken auch heilen), seine Auffassung von der menschlichen “Lebenskraft” und seine Idee von der Dynamisierung (je höher die Verdünnung, desto stärker die Wirkung) werden bis heute lebhaft diskutiert. In dieser Veröffentlichung sollen die geschichtlichen, medizinischen, weltanschaulichen und geistlichen Hintergründe der Homöopathie eingehend betrachtet werden.
Homöopathie heute
Im Gefolge des allgemeinen Trends hin zu alternativen Heilmethoden gewinnt auch die Homöopathie wieder zunehmend an Interesse. Nach einem ersten Höhenflug Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ging die Bedeutung der Homöopathie in den folgenden Jahrzehnten eher zurück.
Gegenwärtig gibt es keine einheitliche homöopathische Szene. Verschiedene Schulen und Ausrichtungen konkurrieren miteinander. Neben klassischer Homöopathie wird mit homöopathisch verdünnten Schüsslersalzen, Bach-Blüten und bakteriellen Krankheitserregern (Nosoden) experimentiert. Homöopathische Medikamente werden nicht mehr nur nach Hahnemanns Ähnlichkeitsregel verschrieben, sondern mit Hilfe astrologischer Berechnungen, zweifelhafter Muskeltests oder durch Pendeln und Ruten bestimmt. Zeitweilig wird Homöopathie als Allheilmittel gegen Umweltgifte, Krebs, AIDS, Erdstrahlen, Charakterschwächen, psychische Probleme und Sinnlosigkeit angepriesen. Die vom Haus- oder Kinderarzt verschriebenen Komplexmittel haben mit der klassischen Homöopathie nur noch am Rande zu tun, da sie zumeist ohne eingehende Anamnese verschrieben werden. Außerdem ging Hahnemann davon aus, dass sich in einer Kombination verschiedener homöopathischer Heilsubstanzen deren unterschiedliche Wirkung gegenseitig behindern oder gar aufheben würde. Im Extremfall könne ein nicht genau auf den Patienten abgestimmtes homöopathisches Medikament sogar zu schweren neuen Krankheitssymptomen führen.
Außerdem wehrten sich Hahnemann wie die meisten seiner Schüler vehement gegen eine Kombination klassischer (“allopathischer”) mit homöopathischer Behandlung. Da es sich um zwei einander ausschließende Medizinkonzepte handle, sei es sinnlos oder sogar schädlich beide nebeneinander anzuwenden. Entweder stören die naturwissenschaftlich ausgerichteten Medikamente die Wirkung der homöopathischen Arzneien oder verhindern sogar deren Heilwirkung.
Einem weit verbreiteten Missverständnis muss an dieser Stelle auch noch entgegen getreten werden. Bei der Homöopathie handelt es sich nämlich nicht um eine Pflanzen- oder Naturmedizin im eigentlichen Sinne. Einerseits greifen Homöopathen bei der Erstellung ihrer Medikamente neben pflanzlichen auch auf tierische und mineralische Substanzen zurück. Andererseits setzte Hahnemann gerade nicht auf die materielle, biochemische Wirkung einer Pflanze, sondern auf deren “dynamisierte” immaterielle Kraft, die in keinem direkten Zusammenhang mit der chemisch und physikalisch wahrnehmbaren Ausgangssubstanz steht. Heilung soll durch die nicht näher definierte “Energie” der pflanzlichen oder tierischen Substanz bewirkt werden. Deren Potenz liegt nicht in ihrer chemischen Struktur, sondern in dem von Hahnemann entwickelten Prozess der Wirkungssteigerung durch “Dynamisierung”.
Auch dem weitverbreiteten Irrtum, homöopathische Medikamente seien weitgehend frei von Nebenwirkungen, muss hier aus Hahnemanns Sicht deutlich widersprochen werden. Demnach können falsch angewandte homöopathische Wirkstoffe erhebliche Nebenwirkungen verursachen, im Extremfall sogar zum Tod führen. Hahnemann hielt seine Medikamente nicht für harmlos, sondern für weit wirkkräftiger als herkömmliche Medizin.
Auch richtig diagnostizierte und dosierte Homöopathika führen gewöhnlich zu einer “Erstverschlimmerung” der behandelten Erkrankung. Es können auch lange überwundene Phasen der Krankheit erneut ausbrechen oder zum Heilungsprozess gehörige unangenehme Begleiterscheinungen auftreten. Hahnemann ging davon aus, dass durch “allopathische” Medizin unterdrückte Symptome durch die homöopathische Behandlung erneut sichtbar werden können.
1. Vorgeschichte der Homöopathie
1.1. Medizin am Ende des 18. Jahrhunderts
Nach der im 18. Jahrhundert vorherrschenden Lehrmeinung war die Gesundheit (Eukrasie) von dem optimalen Verhältnis der vier Kardinalsäfte (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) abhängig. Krankheit (Dyskrasie) wurde vorzugsweise mit ausleitenden Verfahren (Aderlass, künstliche Hauteiterung, Brech- und Abführmittel) behandelt. Ein intensiver Gebrauch dieser Methoden verschlimmerte den Zustand vieler Patienten, manche fanden dabei auch den Tod. Nicht besser sah es mit der medikamentösen Behandlung aus. Zahlreiche Heilmittel entstammten der Alchemie, magische Vorstellungen über die Wirkung besonders eklig angesehener oder außergewöhnlich wertvoller Substanzen mischten sich mit punktuellen klinischen Erfahrungen. Die Dosierung wurde weitgehend willkürlich vorgenommen. Immer wieder starben Patienten an tödlichen Medikamentenverschreibungen (z.B. Quecksilber). Auch die häufig abstrusen Diäten hatten kaum Einfluss auf die Krankheitsbekämpfung.
Für den Tod Kaiser Leopold II waren wohl auch seine Ärzte verantwortlich, die den schwerkranken Monarchen mehrfach einem Aderlass unterzogen. Nachdem der erste nicht half, ließ man das Blut laufen, bis er tot war. Schuld daran war nach Ansicht der Ärzte natürlich nicht ihre Therapie, sondern die Schwere der Krankheit.
Die medizinische Diagnostik war Ende des 18. Jahrhunderts mehr als dürftig, die Therapiemöglichkeiten äußerst eingeschränkt. 20% der Krankheiten wurde ohne nähere Differenzierung als “Fieber” bezeichnet. Daneben fanden sich “Auszehrung”, “Pocken”, “Schlagfluss” oder “Rheumatismus”. Wobei die konkreten Erkrankungen mit den heute diagnostizierten Erkrankungen nicht unbedingt zu tun haben. Krankheitsursachen sah man in Diätfehlern, Lebensumständen, Umweltbedingungen (Miasmen, Energien) oder übernatürlichen Kräften (Gott, Dämonen, Hexen). Krankheiten wurden häufig auch moralisch gewertet: Gott straft die Sünde, die Natur rächt sich, die maßlose Lebensweise fordert ihr Tribut.
Angesichts hoher Sterblichkeit in den Krankenhäusern und den pauschalen Rosskuren der Ärzte wurden Kranke erst in letzter Not zu “medizinischen Spezialisten” gebracht. War der Kranke erst einmal den Ärzten ausgeliefert, herrschte ein strenges Regiment. Der Mediziner verstand sich als unhinterfragbare Autorität, dem der Patient und die Angehörigen sich zu unterwerfen hätten. Die tatsächliche Kompetenz des Heilkundigen allerdings war von beträchtlichem Unterschied. Studierten Wundärzten, Apothekern und Hebammen stand eine große Gruppe von Kräuterweibern, Magiern, Privatgelehrten und Kurpfuschern gegenüber. Wer von denen die bessere Therapie hatte, stand nicht von vornherein fest. Beide griffen gleichermaßen auf die Lehren des griechischen Mediziners Galen (ca. 129-216) zurück, nachdem das korrekte Verhältnis der vier Körpersäfte über Krankheit und Gesundheit entschied. Heilsubstanzen aus Kräuter- und Ekelmedizin (Kot, Sperma, Quecksilber) fanden sowohl hier als auch dort Anwendung. Der Zuspruch eines Arztes maß sich mehr an seinem durch spektakuläre Heilungen begründeten Ruf, nicht so sehr an dessen Ausbildung oder theoretischer Befähigung.
Krankheitsursachen wurden gewöhnlich von philosophischen Systemen, nicht von pathologischen Studien abgeleitet. Und nur wer die inneren Ursachen einer Krankheit benennen konnte, wurde in jener Zeit als kompetenter Arzt gehandelt. Die naturhistorische Richtung (1825-1845) stützte sich auf empirische Daten, die naturphilosophischen Mediziner (1800-1840) hofften durch spekulatives Denken den Geheimnissen von Leben und Krankheit auf die Spur zu kommen. Insbesondere mit der letztgenannten Gruppe setzte sich Hahnemann des Öfteren kritisch auseinander. Der schottische Arzt John Brown beispielsweise unterschied zwischen den durch Reizüberflutung und den durch Reizmangel ausgelösten Krankheiten.
Die medizinischen Untersuchungsmethoden waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Vergleich zu heute sehr eingeschränkt. Urin wurde lediglich nach Geruch und Aussehen beurteilt. Das Stethoskop war zwar erfunden, aber noch nicht weit verbreitet. Gelegentlich griff man auf Körperbeklopfung (Perkussion) zurück. Fieber wurde durch die Messung des Pulsschlages gemessen. Von großer Bedeutung für den Arzt jener Zeit war die Krankengeschichte des Patienten.
An Arzneimitteln herrschte kein Mangel. Deren Herkunft und Wirksamkeit jedoch war oftmals mehr als zweifelhaft. Überlieferte Hausmittel standen neben alchemistischen Rezepten, angepriesenen Wundermitteln und immer wieder wechselnden Modemedikamenten. Hin und wieder fanden durchaus auch wirksame Präparate Anwendung. Zur Standardtherapie der meisten Ärzte gehörte der Aderlass (zeitweilige Öffnung der Adern mit dem Messer oder durch Blutegel), Klistiere (Darmeinläufe) und diverse Brech- bzw. Abführmittel. All diese Therapien zielten darauf, die schädliche Krankheit mit Blut, Urin und Kot aus dem Körper zu treiben. Haben erst große Teile der schädigenden Krankheitssubstanz den Menschen verlassen, könne der Körper sich weitgehend selber heilen.
Schmerzen wurden von den meisten Ärzten als unumgängliche Begleiterscheinung von Krankheit betrachtet und nicht behandelt. Nur selten wurde Opium oder Weingeist zur Schmerzbekämpfung eingesetzt.
Zu den populären Alternativbehandlungen am Beginn des 19. Jahrhunderts zählten religiös magische Heilverfahren (Wallfahrten, Besprechen, Gesundbeten, Geistheilung usw.), Wasserkuren, die Akupunktur und magnetische Anwendungen nach Franz Anton Mesmer (1734-1815).
Darüber hinaus war die Zeit Hahnemanns gekennzeichnet durch eine zunehmende staatliche Regulierung des Gesundheitswesens und eine deutliche Professionalisierung. Um medizinischem Missbrauch Einhalt zu gebieten, wurden Außenseiter immer stärker behindert und bekämpft.1
1.2. Historische Vordenker der Homöopathie
Spekulationen über die notwendige Ähnlichkeit zwischen Krankheit und anzuwendendem Heilmittel gehen weit in der Geschichte zurück. Im Alten Ägypten beispielsweise wurden Schädelwunden mit Öl eingerieben, in dem sich der Panzer einer Schildkröte und Falkenkrallen befanden. Die Härte des Schädels sollte durch die Härte des Schildkrötenpanzers wiederhergestellt werden. Gichtkranken wurde ein Amulett von Hirschhaut an den Fuß gebunden, in der Hoffnung, ihnen frühere Leichtfüßigkeit wiederzugeben. Im Schamanismus ist der Gedanke der Ähnlichkeitsmagie weit verbreitet: Das Essen oder Tragen eines Gegenstandes kann dessen Eigenschaften auf den betreffenden Menschen übertragen. Indianer tragen die Federn eines Adlers oder die Krallen eines Bären, um sich dessen Kraft zueigen zu machen. In der Traditionell Chinesischen Medizin (TCM) werden Extrakte aus Tigerhoden gegen Impotenz oder Schlangenfleisch gegen Kurzsichtigkeit angewendet. Suppe aus dem Fleisch der Kinder oder des Ehegatten (aus dem lebendigen Körper geschnitten) gilt als sicheres Stärkungsmittel für altersschwache Eltern. Die Chinesen kannten auch das Einblasen zerriebener Blatternkrusten in die Nasenschleimhaut zur Verhütung schwerer Pockeninfektionen. Gelegentlich soll in der TCM auch die rein äußerliche Ähnlichkeit medizinisch hilfreich sein. Demnach hilft gelber Safran gegen Gelbsucht, Leberblümchen gegen Leberleiden oder Leuchtkäfer gegen Augenerkrankungen. Ähnliche Formen eines “magischen Simile” (Ähnlichkeitsprinzip) findet sich bei Paracelsus. Auch in der Moderne sind vergleichbare Verhaltensweisen zu beobachten. So tragen Jugendliche die Kleidung ihres Idols und hoffen dadurch unterschwellig, dass etwas von deren Glanz auch auf das eigene Leben übergeht.2

Vorläufer der Homöopathie
Bezüge auf eine Ähnlichkeitsregel in der Erkenntnistheorie finden sich beispielsweise schon bei Empedokles (490-430 v.Chr.): “Denn mit der Erde in uns erkennen wir die Erde, mit dem Wasser das Wasser, mit der Luft die göttliche Luft, mit dem Feuer aber das verderbliche Feuer, die Liebe mit der Liebe, den Hass aber mit traurigem Hass.” Die hinter dieser Aussage stehende Lehre von den vier Elementen (Qualitäten) wirkte sich bis in die Neuzeit in der europäischen Medizin aus.
Hypokrates (460-370 v.Chr.) kommt der homöopathischen Ähnlichkeitsregel schon näher, wenn er beispielsweise Knoblauch gegen Rausch empfiehlt, weil der bei einem nüchternen Menschen Schwere im Kopf bewirken könne. In seiner Schrift “Von den Stellen im Menschen” argumentiert er ähnlich: “Die Schmerzen [Beschwerden] werden durch das ihnen entgegen gesetzte gehoben, jede Krankheit nach ihrer Eigenart … Eine Art ist folgende: durch das Ähnliche entsteht die Krankheit und durch Anwendung des Ähnlichen wird die Krankheit geheilt.” Wenig später führt Hypokrates aus, dass Harnzwang und Husten mit denselben Mitteln geheilt werden können, von denen sie auch verursacht werden. Auf diese und andere historische Beispiele der Ähnlichkeitsregel bezieht sich Hahnemann zur Unterstützung seiner Medizintheorie.3 An Hahnemanns Simile-Regel erinnern Aussagen der Arzneimittelforscher Petro und Dioskurides (1.Jhd.n.Chr.). Gegen Kurzsichtigkeit wird dort der Genuss junger Schwalben empfohlen, die im Ruf standen, besonders gut zu sehen. Gegen den Biss eines tollwütigen Hundes soll dessen Urin hilfreich sein. Der antike Arzt Galen (200 n.Chr.) hatte hodenähnliche Knollen von Orchis Morio zur Anregung des Geschlechtstriebes verordnet. Eine rein äußerliche Ähnlichkeitsregel soll der Heilige Cyrus angewandt haben, um eine Frau zu kurieren, die beim Wassertrinken einen Frosch verschluckt hatte. Er gab der Frau so viel zu trinken, bis sie sich erbrach und so auch den unliebsamen Frosch los wurde. Zum Schluss des geschichtlichen Berichts wird dann darauf hingewiesen, dass Heilige nicht wie sterbliche Ärzte durch Gegenmittel heilen, sondern durch das Ähnliche.4
Auffälligere medizintheoretische Parallelen finden sich zwischen Hahnemann und Paracelsus (1493-1541). Paracelsus wendet sich gegen die bis dahin dominierende Auffassung Galens, der dazu aufforderte, Krankheitssymptome mit Mitteln zu bekämpfen, die einen gegensätzlichen Zustand auslösen (z.B. Kühlung gegen Fieber). Paracelsus hingegen will Krankheiten mit Therapien bekämpfen, die gewöhnlich gerade diese Krankheitssymptome hervorrufen: “Contraria a contrariis curantur, das heißt: Heiß vertreibt Kaltes, das ist falsch, in der Arznei nie wahr gewesen.”5 Er vertritt die Ansicht, dass die Substanz, die einen Krankheitszustand verursacht, auch in der Lage ist diesen zu beseitigen. “… So du nun das hast, so zeigt es dir die Kur an, denn Arsenik heilt den Arsenik, Anthrax den Anthrax, wie Gift Gift heilet … also heilt gleich Anatomie je eins das andere. So du nun weißt, was Arsenik ist, so heile nach Inhalt der Anatomie den Arsenik mit dem Arsenik …”6 Entsprechend der Signaturenlehre verstand Paracelsus unter Anatomie die Beziehung zwischen der äußeren Erscheinung einer Sache und deren mutmaßlichen Wirksamkeit. “Also die Diestel stechen ihre Blätter nicht wie Nadeln? Dieses Zeichens halber ist durch Magie gefunden worden, dass kein besseres Kraut ist gegen inwendiges Stechen.”7 Paracelsus leitete daraus eine allgemeine medizinische Regel ab, nach der die “Form” jeder Krankheit ihre Entsprechung findet in der ähnlichen Form des Heilmittels. “Anatomie ist eine Kunst, die euch lehrt erkennen die Form eines jeglichen Dinges; denn ihr seht, nichts ist ohne Form, auch die Krankheit nicht …, sondern sie sind formig, … Nun, wenn ihr das wißt, so ist weiter vonnöten, dass ihr in solcher Gestalt die Anatomie der Kräuter wisst …, auf dass ihr da zusammen die gleiche Anatomie der Kräuter und gleiche Anatomie der Krankheiten in eine Ordnung bringet.”8 Allerdings weist Paracelsus auch darauf hin, dass diese Ähnlichkeit der Form nicht immer äußerlich sichtbar sein muss. Manchmal ähnelt die Arznei der Krankheit durch die Zuordnung zu einem der vier Elemente, manchmal gebe es auch eine spiritualistische Ähnlichkeit, die nur für den Heilkundigen sichtbar sei. Um die “anatomische Ähnlichkeit” einer Substanz festzustellen, scheint Paracelsus über deren Wirkung auf den menschlichen Körper genau Buch geführt zu haben, ähnlich wie Hahnemann bei seiner Arzneimittelprüfung. “Das Einnehmen des Realgar [Arsen] macht eine ausgedörrte Lunge … Macht auch Spalten und Schrunden der Leber, damit läuft ein unnatürlicher Durst einher … Auf solches nachfolgend viel zufallende Hitze, Klopfen und Zittern im Herzgrüble, demnach ein Ausschlagen in allen Gliedern …”9 Ähnlich wie Hahnemann ging auch Paracelsus nicht so sehr von einer chemisch-physikalischen als vielmehr von einer geistig immateriellen Wirkung der Arznei aus. “Denn nicht mit dem Gewicht, sondern außerhalb des Gewichts soll die Arznei administriert werden. Denn wer kann den Schein der Sonne wägen, wer kann die Luft wägen, wer wiegt den spiritum arcanum? Niemand. In diesem liegt nun die Arznei.”10 Abgesehen von der geistigen und der äußerlichen Ähnlichkeit zwischen Krankheitssymptom und dem dazu passenden Medikament sah Paracelsus auch noch ein “astrologisches simile”. “Der astrologische Grundsatz lautet: Wie oben, so unten”, d.h. Was am Himmel vor sich geht, hat jeweils seine Entsprechungen auf der Erde und in der Menschenwelt; es leuchtet also klar die magische Anteilnahme hindurch. Magische Entsprechungen verbinden die einzelnen Planeten … Mit bestimmten Körperteilen, so z.B. Sonne und Herz, Jupiter und Leber …”11 Ähnlich wie Hahnemann ordnet auch Paracelsus alle Krankheiten drei Ur-Krankheiten zu, den Merkur-, Sulfur- und Sal-Krankheiten. Zahlreiche Ärztegenerationen stützen sich auf diese Überlegungen von Paracelsus.
Der von einer magischen Medizin geprägte englische Arzt Robert Fludd (1574-1637) richtete sich bei seiner Behandlung von Blasen- und Nierensteinen nach der Ähnlichkeitsregel (simile). Bei diesen Erkrankungen empfahl er Präparate aus eben diesen Steinen. Ferner schreibt er: “Der Auswurf eines Schwindsüchtigen heilt nach der nötigen Zubereitung die Lungenschwindsucht.” Hahnemann beruft sich unter anderem auch auf Johannes Hummelius, der von einem dänischen Regimentsarzt berichtet, der seine Patienten immer nach dem Ähnlichkeitsgrundsatz behandelt habe (“Contraria contrariis”): Verbrennungen durch Annähern an Feuer, Erfrierungen durch aufgelegten Schnee und kaltes Wasser. De Haen behauptete, dass viele Gifte, weil sie giftig sind, deshalb auch heilsam sein müssten: “Die Stängel des Nachtschattens erregen in größerer Gabe Krämpfe und Raserei, in mäßiger jedoch lösen sie die Krämpfe und Zuckungen.” Der Hamburger Arzt J.A. Unzer spricht in einem Aufsatz davon, dass der Tabak dieselben Krankheiten, die er verursacht, auch heilen könne.12
Nicht nur die Ähnlichkeitsregel (simile), sondern auch die Arzneimittelprüfung am Gesunden kann auf eine längere Tradition zurückblicken. Neben den mehr von medizinischem Interesse geleiteten Untersuchungen des Herakleides von Taras beschäftigten sich schon früh verschiedene orientalische Herrscher mit der Wirkung von Arzneien auf gesunde Menschen. Mit besonderer Vorliebe allerdings ließen sie ihren Sklaven oder Dienern Gifte verabreichen, um dann mögliche Gegenmittel zu testen, die ihnen dann zur Verfügung stünden, sollten sie selbst einmal einem Giftanschlag ausgesetzt werden (z.B. Attalus III von Pergamon, Mithridates von Pontus). Auch Papst Clemens VIII ließ solche Menschenversuche durchführen, um sein kostbares Leben vor Vergiftungen besser schützen zu können. Der Bologneser Chirurg G. Caravita ließ ein von ihm entwickeltes Gegengift gegen Vergiftungen und gegen Bisse und Stiche giftiger Tiere testen, indem er Verbrecher erst mit Aconit vergiftete, um nachher sein Heilmittel ausprobieren zu können.
Im 16. Jahrhundert begannen einzelne Ärzte mit medizinischen Selbstversuchen. So nahm der Zürcher Botaniker Conrad Gesner nacheinander Dosen von Eupatorium, Gratiola, Helleborus und Nicotina ein, um deren Wirkung auf den menschlichen Körper zu studieren. G. Young experimentierte 1753 mit Opium und Anton Störck nahm 1760 versuchsweise Schierling zu sich. Nachdem Störck allerdings unter starken Schmerzen litt und seine Zunge deutlich anschwoll, beendete er diesen Versuch. Nachdem er später noch mit anderen Substanzen experimentiert hatte, schrieb er: “Wenn Stramonium durch Verwirrung des Geistes Gesunde krank macht, warum darf man dann nicht den Versuch machen, ob es nicht, indem des Kranken und Verrückten … Geistesgesundheit geben und bei mit Krämpfen Behafteten die Krämpfe heben könne?”13 In einer weiteren Schrift über Pulsatilla (1771) beschreibt Störck deren positive Wirkung auf Augenerkrankungen. Zur gleichen Zeit erproben Johann Friedrich Grimm in Halle die Wirkung des Opiums und William Alexander in Edinburgh die Wirkung von Salpeter und Kampfer, um daraus Rückschlüsse für den Einsatz der entsprechenden Substanzen für die Krankenbehandlung ziehen zu können.14
1 Vgl. Jütte: Samuel Hahnemann, 2005, S.9-20
2 Vgl. Michael Kotsch: Chinesische Medizin 2. Alternative Heilmethoden auf dem Prüfstand, Lage 2000, S.19-25 / Bernt Karger-Decker: Die Geschichte der Medizin, Düsseldorf 2001, S.13-22
3 Vgl. Hahnemann: Organon, 6.Aufl. 1921, Einleitung, Teil B
4 Acta Sanctorum, Antwerpen 1643, Januar, Bd.2, S.1091ff.
5 Paracelsus, Paracelsus Werke, Sudhoff Hrsg., München 1922, Bd.8, S.88
6 Paracelsus: Paracelsus Werke, Sudhoff Hrsg., München 1922, Bd.8, S.120
7 Paracelsus: Huser, Quart. Bd. IX, S.383
8 Paracelsus, Paracelsus Werke, Sudhoff Hrsg., München 1922, I, S.375
9 Paracelsus, Von der Bergsucht, Werke, Sudhoff Hrsg., München 1922, Bd.9, S.478
10 Paracelsus: zitiert in: Tischner: Homöopathie, 1950, S.18
11 Tischner: Homöopathie, 1950, S.19
12 Vgl. Tischner: Homöopathie, 1950, S.9-23
13 Anton Störck: Libellus, quo demonstratur Stramonium, Wien 1762
14 Vgl. Tischner: Homöopathie, 1950, S.23-26
2. Samuel Hahnemann und seine Zeit
Da die Homöopathie bis heute eng mit dem Leben und den Ideen ihres Gründers Samuel Hahnemann verbunden ist, soll zuerst ein Blick auf dessen Leben und Lehre geworfen werden. Fast alle Stärken und Schwächen, Kritikpunkte und Eigenarten der Homöopathie zeigen sich auch schon in der Biographie Hahnemanns.
Von seinen Anhängern wird der Begründer der Homöopathie regelrecht verehrt: “Hahnemanns Leistung ist titanisch! 21 größere, zum Teil sehr umfangreiche Werke ausländischer Literatur hat er übersetzt, bearbeitet, kritisiert und erläutert! 140 eigene Aufsätze und Bücher, darunter große mehrbändige, zu seinen Lebzeiten wiederholt aufgelegte Werke, entflossen seiner unermüdlichen Feder und haben noch heute dem Leser unveränderliche Wahrheiten zu sagen! Was er gewirkt hat – als medizinischer Schriftsteller, Forscher und Reformator, als Chemiker – Hygieniker – Pharmakologe – Toxikologe – Psychiater – Diätiker – populärer Erzieher – und nicht zuletzt als ärztlicher Praktiker – das ist heute hier nur skizzenhaft andeutbar! Sein Werk ist einmalig! Er übertrifft wohl alle und alles in der Geschichte der Heilkunde. Seine Lebensleistung stellt Hahnemann an die Seite der größten Ärzte aller Völker, aller Zeiten! Was Hahnemann wie ein Ferment unvermerkt und doch unbezwingbar lebendig für die Entwicklung der Heilkunde gewirkt hat, ist nur zu ahnen!”15 Doch das ist nicht das ganze Bild dieses zweifellos außergewöhnlichen Arztes.
2.1. Hahnemanns Jugend
Am 10. April 1755 wurde Christian Friedrich Samuel Hahnemann (1755-1843) als drittes Kind des Porzellanmalers Christian Gottfried Hahnemann (1720-1784) und seiner zweiten Frau Johanna Christina Spieß (1727-1790) in Kötzschenbroda bei Radebeul (Sachsen) geboren. Zwei Jahre vorher hatten die Eltern ein dreistöckiges Eckhaus in der Triebischvorstadt, einem eher ärmlichen Viertel, erworben. Auch Samuels Großvater und Onkel waren als Porzellanmaler tätig. Christian Gottfried Hahnemann wurde auch als Verfasser eines bedeutenden Werkes über Aquarellmalerei bekannt. Schon recht früh wurde Samuel von seinen Eltern in Lesen und Schreiben unterrichtet. Stark wird Hahnemann von seinem bildungsbeflissenen Vater geprägt. Von ihm lernte er eigenen Angaben nach auch Gerechtigkeit, Hilfsbereitschaft, Güte und Ordnungsliebe. Nach den Empfehlungen Jean-Jacques Rousseaus tritt er weniger als erzieherische Autorität denn als Lernbegleiter seines Sohnes in Erscheinung. Erst mit 12 Jahren besuchte Samuel die Meißener Stadtschule. Von seinem Lehrer, Magister Johann August Müller, wird sein Talent schon früh erkannt, sodass dem begabten Schüler das Schulgeld erlassen wird. In dieser Zeit traten Hahnemanns sprachliche Begabungen zutage, mit deren Hilfe er später als Übersetzer medizinischer Fachbücher sein Geld verdienen konnte. Schon jetzt gibt er älteren Schülern griechischen Unterricht. Heimlich, gegen den Willen des Vaters, studiert er in der kalten Dachkammer; den Kerzenhalter hat er sich selber aus Ton geformt, damit man das Fehlen eines Leuchters nicht bemerke.
Christian Gottfried Hahnemann schickte seinen Sohn bei einem Leipziger Kaufmann in die Lehre. Der Junge bäumt sich bald gegen diesen praktischen Beruf auf und entläuft seinem Lehrherren. Die Mutter versteckt den Flüchtigen mehrere Tage, bis sie den Vater milde gestimmt hat. Auf den Wunsch seines Sohnes und die Fürsprache seiner Frau hin bewarb sich Vater Hahnemann um einen Platz an der renommierten Fürstenschule St. Afra. Aufgrund seiner außerordentlichen Begabung wurde Samuel Hahnemann nicht nur angenommen, sondern bekam sogar eine der begehrten Freistellen, die den Eltern das Schulgeld ersparte. Schwerpunkte der humanistischen Bildung lagen bei den alten Sprachen Latein, Griechisch, Hebräisch, beim Studium antiker und biblischer Texte und der Beschäftigung mit Arithmetik und Musik. Nach fünf Jahren beendet er die Schule. Im Anschluss an ein Dankgedicht in Französisch hält Hahnemann bei der Entlassungsfeier eine klassisch lateinische Abgangsrede “Über den wundervollen Bau der menschlichen Hand”.16
2.2. Hahnemanns Studienzeit
Dank der Fürsprache des Meißner Mediziners Carl Wilhelm Poerner wurde Hahnemann während seines Medizinstudiums in Leipzig (1775-1777) von der Zahlung des obligatorischen Hörergeldes befreit. Seinen Lebensunterhalt verdient der Student, indem er einen reichen Griechen in Deutsch und Französisch unterrichtet. Außerdem übersetzt er medizinische Aufsätze aus dem Englischen (z.B. William Falconers: “Versuch über die mineralischen Wasser”). Wie in allen seinen späteren Übersetzungen ergänzt Hahnemann die Originaltexte durch ausführliche Fußnoten, Erklärungen, Vervollständigungen, bibliographische Hinweise, gelegentlich sogar durch ablehnende, kritische Hinweise. Von den Vorlesungen besuchte Hahnemann nur, was ihm “zweckmäßig” erschien. Ansonsten zog er das Studium medizinischer Fachliteratur vor. Dem lockeren Treiben seiner Kommilitonen bleibt Hahnemann fern. Statt dessen treibt er an frischer Luft körperliche Übungen, die ihn gesund halten sollen.
1777 zog Hahnemann nach Wien, um sich stärker der klinischen Praxis am Krankenbett zu widmen. Dort schloss er sich dem von ihm hoch geachteten Joseph Freiherr von Quarin, dem damaligen ärztlichen Direktor des “Spitals der Barmherzigen Brüder” und Leibarzt Maria Theresias an. Quarin, auch Professor für Medizin an der Wiener Universität, findet Gefallen an dem jungen Mediziner und nimmt diesen mit zu seinen Krankenvisiten bei Privatpatienten. Durch ihn lernt Hahnemann den Statthalter von Siebenbürgen, Freiherr Samuel von Brukenthal, kennen, dessen Leibarzt und Bibliothekar Hahnemann wird. Schon bald nach seiner Ankunft in Hermannstadt (1777) tritt der junge Arzt der Freimaurerloge “St. Andreas zu den drei Seeblättern” bei. Obwohl es für Künstler, Literaten und Gelehrte der damaligen Zeit zum guten Ton gehörte, sich zu den Freimaurern zu halten, scheint Hahnemanns Interesse an den maurerischen Idealen nicht nur oberflächlich gewesen zu sein. Dreißig Jahre später tritt er in Leipzig der Loge “Minerva zu den drei Palmen” bei. In seiner Frühzeit bezeichnet sich Hahnemann in seinen Briefen auch als “Bruder Hahnemann”, d.h. als Mitglied einer Freimaurerloge. Freimaurerische Formulierungen wie “Dienst am Altar der Wahrheit”, “dreimal beseligt” oder “Mitbrüder” finden sich auch später in Hahnemanns Hauptwerk, dem “Organon der rationellen Heilkunde (1810). Neben seiner Arbeit in der Bibliothek bemüht sich Hahnemann “einige andere mir nötige Sprachen zu lernen und einige Nebenwissenschaften mir zu eigen zu machen.”17 Außerdem übersetzt er in Hermannstadt das materialistische “System de la nature” des Barons Paul-Henry Thiry d’Holbach ins Deutsche. Um sein Medizinstudium mit einem Doktorgrad abzuschließen, geht Hahnemann 1779 nach Erlangen. Dort entwickelt er insbesondere zu den freimaurerischen Medizinprofessoren Johann Daniel von Schreber und Jakob Friedrich Isenflamm eine engere Beziehung. Nur wenige Monate nach seiner Einschreibung an der Universität Erlangen legt Hahnemann seine Doktorabeit vor, an der er wohl schon früher gearbeitet hatte. (“Betrachtung zur Ätiologie und Therapie der krampfartigen Erkrankungen”) Darin empfiehlt er bei Zahnschmerzen die damals und heute heiß umstrittene magnetische Behandlung Mesmers.18
2.3. Hahnemanns erste Erfahrungen als Arzt
Seine erste Praxis bezieht Hahnemann 1780 in Hettstedt bei Halle an der Saale. In dem kleinen Bergbauort hält es den Arzt nur wenige Monate. In dieser Zeit veröffentlicht er in der Fachzeitschrift “Medicinische Beobachtungen” einen Aufsatz über eine Typhus-Epidemie in einem Nachbarort von Hettstedt. Noch therapiert Hahnemann wie viele Ärzte seiner Zeit mit Diäten, Abführmitteln und Ähnlichem. Eine typhuskranke Frau behandelt er mit Vitrioläther, versetzt mit Moschus, großen Mengen bitterem Bier, kalt getrunken, und einer Eisentinktur.
In den Jahren zwischen 1780 und 1805 ist Hahnemann in 20 verschiedenen nord- und mitteldeutschen Orten anzutreffen. Er zieht von Ort zu Ort, um sich eine Existenz aufzubauen und seine medizinischen Ideen weiterentwickeln zu können. 1781 zieht Hahnemann nach Dessau. Neben seiner medizinischen Praxis beschäftigt er sich mit Chemie. Dort heiratet Hahnemann Johanna Leopoldine Henriette Küchler (1764-1830), die einzige Tochter eines örtlichen Apothekers. Beide scheinen sich innig zu lieben und lebenslang relativ gut zu verstehen, wenn Hahnemanns Schüler Henriette auch schon mal als “keifende Xanthippe” bezeichnen. Gegen den Widerstand der Wittenberger Universität, die ihm vorhielt, als “ausländischer Arzt” die vorgeschriebene Zulassungsprüfung noch nicht abgelegt zu haben, wird Hahnemann 1782 Stadt- und Amtsarzt (Physikus) von Gommern. Einer der Wittenberger Professoren, Johann Gottfried Leonhardi, der Hahnemann schon aus seiner Leipziger Studentenzeit kennt, beschreibt ihn folgendermaßen: “Ungeschickt ist er nicht, aber schrecklich naseweis. Kein einziger Professor in Leipzig war ihm gelehrt genug und in allem wollte er etwas Besonderes haben.”19 Tatsächlich scheint Hahnemann zeitlebens recht eigensinnig und rechthaberisch gewesen zu sein. Immer wieder kommt es deshalb insbesondere mit anderen Standeskollegen zu Konflikten. Schließlich einigt man sich. Hahnemann zahlt eine ermäßigte Verwaltungsgebühr und reicht in Wittenberg eine weitere wissenschaftliche Arbeit über die “Frage, ob die Abtrennung der Nabelschnur notwendig sei” ein. Seine Einkünfte in Gommern sind eher bescheiden. Ein Teil seines Gehalts wird ihm in Naturalien ausgezahlt. Seine Pflichten als Amtsarzt lassen ihm genügend Zeit, neben einer eigenen wissenschaftlichen Arbeit (“Anleitung, alte Schäden und Geschwüre gründlich zu heilen” 1784) auch noch zwei pharmazeutisch-chemische Bücher aus dem Französischen zu übersetzen. 1785 verlässt Hahnemann, der inzwischen Vater einer Tochter geworden ist, Gommern und lässt sich in den folgenden vier Jahren in Dresden nieder. Hier findet er wieder Anschluss an die akademische Welt. Er sammelt Erfahrungen im Bereich der Gerichtsmedizin, er lernt den berühmten französischen Chemiker Antoine Laurent de Lavoisier (1743-1794) kennen und arbeitet an verschiedenen wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Hahnemann übersetzt wieder zahlreiche Bücher, darunter medizinische Fachbücher wie “Die Kennzeichen der Güte und Verfälschung der Arzneimittel” des Belgiers Jean Baptiste van den Sande, aber auch literarische Werke wie die “Geschichte Abaelards & Heloise” von Joseph Berrington. Nebenher veröffentlicht er zwölf eigene Abhandlungen, darunter ein Lehrbuch für Wundärzte über Geschlechtskrankheiten (1789), einen aufklärerischen Aufsatz über “Die Vorteile gegen die Steinkohlenfeuerung, die Verbesserungsarten dieses Brennstoffs” (1787) und eine Publikation über eine von ihm entdeckte Methode der Weinprobe. Hahnemann hatte einen relativ einfachen Test entwickelt, mit dem sich in gesüßtem Wein gefährlicher Bleizucker nachweisen ließ. Diese Weinprobe wurde 1791 von der preußischen Regierung den Berliner Weinhändlern amtlich vorgeschrieben.
In seiner Dresdener Zeit stand Hahnemann insbesondere mit seinem jüngeren Bruder Samuel August in Briefkontakt. Der zwischenzeitlich als Apotheker Tätige berichtet unter anderem über seine chemischen Experimente auf der Suche nach feuerfesten Farben für die Porzellanmalerei. Mit seiner Mutter und seiner Schwester Benjamina geriet Hahnemann 1786 in einen heftigen Streit, der erst durch die Intervention seines jüngeren Bruders beigelegt werden konnte. 1790 starb die Mutter, die Samuel stets als ihr Sorgenkind betrachtet hatte. Nach seiner erfolglosen Bewerbung als Stadtphysikus von Dresden (1788) zog Hahnemann nach Lockwitz und ein Jahr später nach Leipzig, “um den Quellen der Wissenschaft näher zu sein.” Zwischenzeitlich hat das Ehepaar fünf Kinder (Henriette (1784), Friedrich (1786), Wilhelmine (1787), Amelie (1789) und Karoline (1790)). In den kommenden Jahren bis 1802 werden der Familie noch weitere sechs Kinder geboren. Den dürftigen Quellen entsprechend war Hahnemann ein strenger und liebevoller Vater, der mit seinen Kindern auch scherzen konnte. Er las ihnen bei jeder Gelegenheit aus Büchern seiner Privatbibliothek vor, die er für wichtig hielt.20
2.4. Anfänge der Homöopathie in Stötteritz
Das Geld ist knapp und Hahnemann verdient zwischenzeitlich weit mehr durch seine Übersetzungsarbeiten als durch seine ärztliche Praxis. Wegen der niedrigeren Lebenshaltungskosten zieht die Familie in den Vorort Stötteritz, wo Hahnemann innerhalb von drei Jahren acht medizinische Bücher aus dem Französischen, Englischen und Italienischen übersetzt. Unter anderem arbeitet er an der zweibändigen Arzneimittellehre des schottischen Pharmakologen William Cullen (1710-1790), dessen Werk Hahnemann mit ergänzenden Hinweisen und inhaltlichen Korrekturen versieht. In einer Fußnote zu Cullens Beschreibung der Chinarinde findet sich der erste Hinweis auf die Grundidee der späteren Homöopathie. “Man bedenke jedoch folgendes: Substanzen, welche eine Art Fieber erregen (sehr starker Kaffee, Pfeffer, Wolferlei, Ignazbohne, Arsenik) löschen die Typen des Wechselfiebers aus. - Ich nahm des Versuchs halber etliche Tage zweimal täglich jedesmal vier Quentchen gute China ein; die Füße, die Fingerspitzen usw. wurden mir erst kalt, ich wurde matt und schläfrig, dann fing mir das Herz an zu klopfen, mein Puls wurde hart und geschwind; eine unleidliche Ängstlichkeit, ein Zittern (aber ohne Schauder), eine Abgeschlagenheit durch alle Glieder; dann ein Klopfen im Kopf, Röte der Wangen, Durst, kurz alle mir sonst beim Wechselfieber gewöhnlichen Symptome erschienen nacheinander … Dieser Paroxysm dauerte zwei bis drei Stunden, jedesmal, und erneuerte sich, wenn ich diese Gabe wiederholte, sonst nicht. Ich hörte auf und ich war gesund.”21 Cullens Erklärung, die Chinarinde wirke durch ihre magenstärkende Kraft, wurde von Hahnemann zurückgewiesen. Ungewöhnlich war Hahnemanns Vorgehen, Arzneimittel im Selbstversuch zu überprüfen. Zwar hatte schon der berühmte Arzt und Naturforscher Albrecht von Haller bereits 1771 gefordert, Medikamente sollten vor ihrem Einsatz am Kranken zuvor von gesunden Menschen getestet werden, aufgegriffen wurde dieser Vorschlag jedoch kaum.
In seinem ersten dokumentierten Selbstversuch nahm Hahnemann die damals übliche therapeutische Tagesdosis des Fiebermittels Chinarinde (etwa 29,2 g). Dabei spürte er unter anderem eine “Art Fieber”, das ihn an einen früheren Malaria-Anfall erinnerte. Spätere Wiederholungen dieses Versuches allerdings haben ergeben, dass die angegebene Menge Chinarinde bei einem gesunden Menschen normalerweise zu keiner Temperaturerhöhung führt. Neueren Forschungen zufolge kann bei überempfindlichen Personen jedoch auch eine Erhöhung der Körpertemperatur eintreten. Diesen Beobachtungen zufolge ergibt sich das Paradox, dass Hahnemanns Durchbruch zur Formulierung seines medizinischen Prinzips “Simila similibus curentur” im Fall der Chinarindenwirkung auf einem zeitbedingten Irrtum beruht. Hahnemanns homöopathisches Grundgesetz, nach dem “Ähnliches mit Ähnlichem” kuriert werden kann, beruht demnach auf einem Selbstversuch, dessen Ergebnisse mit eben diesem Satz nicht übereinstimmt, außer bei wenigen überempfindlichen Personen.
In einer weiteren Publikation seiner Stötteritzer Zeit beschreibt Hahnemann das nach ihm benannte “auflösliche Quecksilber, das er für die Behandlung von Geschlechtskrankheiten empfiehlt. In der Tradition der damaligen Zeit veröffentlicht Hahnemann seinen “Freund der Gesundheit” (1792), einen populären Medizinratgeber, der von Tollwut über Ernährungsregeln bis zu den Ursachen schlechter Luft zahlreiche Gesundheitsthemen aufgreift. Durch seine Ernennung zum Mitglied der Mainzer Akademie der Wissenschaften (1791) kommt seine Wertschätzung in der Gelehrtenwelt zum Ausdruck.22
2.5. Hahnemanns Irrenhaus in Gotha
Ab 1792 widmet sich Hahnemann der Behandlung von Geisteskranken in Gotha. Psychische Kranke wurden Ende des 18. Jahrhunderts nur verwahrt, kaum behandelt. Unter unwürdigen hygienischen Zuständen, unter der Aufsicht gewaltbereiter Wärter wurden sie in “Zucht- und Tollhäuser” vor der Öffentlichkeit weggeschlossen. Untergebracht waren die Kranken in Schlafsälen mit bis zu 20 Betten. Da man in Tradition der antiken Vier- Säfte-Lehre die Ursache der Krankheit im Körper vermutete, therapierte man die Betreffenden mit Aderlass, Bädern oder ominösen Wunderarzneien. Andere wurden fixiert, um Gewaltausbrüche zu vermeiden oder man erprobte verschiedene Ernährungstherapien an ihnen. Zu dieser Zeit mehrten sich aber auch schon die Stimmen, die eine humanere Behandlung der Geisteskranken forderten (z.B. William Battie in England und Philippe Pinel in Frankreich). 1792 wurde Hahnemann von Herzog Ernst II von Gotha ein ehemaliges Klostergebäude zur Errichtung einer “Genesungs-Anstalt für etwa vier irrsinnige Personen aus vermögenden Häusern” in Georgenthal zur Verfügung gestellt. Menschenfreundliche Reformgedanken allein jedoch genügten bei der Einrichtung jener reformierten Irrenanstalt nicht, auch das Geld sollte stimmen. So wurden nur vermögende Patienten aufgenommen, die in der Lage waren, die enorme Summe von 1000 Reichstalern im Jahr zu bezahlen. Wichtigster Patient der Einrichtung war der Schriftsteller und geheime Kanzleisekretär Friedrich Arnold Klockenbring aus Hannover. Eine unbegründete, öffentliche Hetzkampagne erschütterte den Ruf des untadeligen Spitzenbeamten und führte zu einer chronischen Niedergeschlagenheit und Anteilnahmslosigkeit, die durch gelegentliche Tobsuchtsanfälle unterbrochen wurden.
Zunächst beobachtete Hahnemann seinen Patienten lediglich. Zeitweilig rezitierte Klockenbring Episoden aus dem Alten Testament auf Hebräisch, dann verhängte er schwere Strafen für imaginäre Angeklagte oder schlüpfte in die Rolle antiker Helden. Nebenher entwickelte er einen unbändigen Heißhunger und verschlang neben den regulären Mahlzeiten rund 5 kg Brot am Tag. Durch Geduld und menschliche Nähe versuchte Hahnemann Zugang zu seinem Patienten zu bekommen. In einer Mischung von Arbeitsund Gesprächstherapie ließ er Klockenbring Gedichte verfassen, Klavier spielen, einfache Arbeiten ausführen und unterhielt sich regelmäßig mit ihm. Auch wenn die Einzelheiten der Behandlung im Dunkeln bleiben, hatte Hahnemann Erfolg - im Frühjahr 1793 konnte der ehemalige Kanzleisekretär als geheilt entlassen werden. Weitere zahlungskräftige Patienten jedoch blieben aus. Darüber hinaus zerstritt sich der selbstsichere und exzentrisch auftretende Hahnemenn mit dem Herzog, so dass seine Irrenanstalt nach rund einem Jahr die Pforten schließen musste. Von den 1792 geborenen Zwillingen überlebte nur die Tochter Friederike.23
2.6. Hahnemanns Übergang zur homöopathischen Praxis
Nach dem Umzug Hahnemanns nach Molschleben bei Gotha wurde 1794 der Sohn Ernst geboren, der jedoch schon kurz nach der Geburt verstarb. Wieder verdient Hahnemann sein Geld in erster Linie durch Übersetzungen, nicht durch seine ärztliche Praxis. Nachdem sich Hahnemann mit einer einflussreichen Familie in Molschleben zerstritten hatte, zog die Familie im Mai 1794 nach Göttingen um. Durch Unvorsichtigkeit des Kutschers stürzt Hahnemanns Wagen um, einige Familienmitglieder werden verletzt, sein jüngster Sohn so stark, dass er kurze Zeit später stirbt. In Göttingen immatrikuliert sich Hahnemann an der Georg-August-Wilhelm-Universität mit dem Ziel einer späteren Habilitation. Nebenher arbeitet er in einer weit bekannten Gebärklinik unter der Leitung von Friedrich Benjamin Osiander. Neben Sektionen an verstorbenen Schwangeren und Neugeborenen wurden auch lebendige Frauen als medizinische Modelle untersucht. Auch den Kontakt zu geisteswissenschaftlichen Größen seiner Zeit suchte Hahnemann in Göttingen, so zu dem renommierten Philologen Christian Gottlob Heyne. Privat gab sich Hahnemann sehr distanziert, bei öffentlichen Vergnügungen machte er sich rar, die Fensterläden an der Straßenseite seiner Wohnung waren immer verschlossen. Wahrscheinlich aufgrund eines Rechtstreites in einer Mietangelegenheit verlässt Hahnemann Göttingen noch im gleichen Jahr und lässt sich in dem mondänen Kurort Pyrmont nieder. Die hier niedergelassenen Ärzte stehen in einem scharfen Konkurrenzkampf um ihre wohlhabenden Patienten. Der einzelgängerische Hahnemann findet auch hier kein Auskommen und reist mit seiner Familie wenige Monate später nach Wolfenbüttel weiter, wo die Schwägerin seiner Schwester Gerharduna wohnte. Sozusagen nebenher veröffentlicht er in dieser Zeit einen Aufsatz über die Schädlichkeit der Bleiglasur im Kochgeschirr. Nach einer Appellation an den Herzog von Braunschweig erhält Hahnemann aufgrund seines guten medizinischen Rufes eine Sondergenehmigung, hier als Arzt tätig zu werden. Das ersparte ihm zusätzliche Prüfungen und Geldzahlungen, die normalerweise in dem Herzogtum gefordert wurden.
Bereits im August 1795 zieht Hahnemann nach Braunschweig und erwirbt dort ein Haus mit Garten. Hier erarbeitet er den 1796 in “Hufelands Journal der praktischen Arzneikunde” veröffentlichten Aufsatz über die Grundlagen der Homöopathie. In seiner Arbeit mit dem Titel “Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen” schreibt Hahnemann: “Jedes wirksame Arzneimittel erregt im menschlichen Körper eine Art von eigener Krankheit, eine desto eigentümlichere, ausgezeichnetere und heftigere Krankheit, je wirksamer die Arznei ist. Man ahme der Natur nach, welche zuweilen eine chronische Krankheit durch eine andere hinzukommende heilt, und wende in der zu heilenden … Krankheit dasjenige Arzneimittel an, welches eine andere, möglichst ähnliche, künstliche Krankheit zu erregen imstande ist, und jene wird geheilt werden; Simila similibus.”24 Im weiteren Verlauf seines Artikels kritisiert Hahnemann verbreitete Überdosierungen seiner Ärztekollegen und versucht sein medizinisches Prinzip, “Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt”, anhand zeitgenössischer medizinischer Literatur und eigenen Erfahrungen zu belegen.
Im Juni 1796 zieht Hahnemann weiter, ins nahegelegene Königslutter. Dort gerät der Homöopath mit dem ortsansässigen Arzt Vilbrans und dem Apotheker Krukenberg in Streit. Sie beschweren sich, dass Hahnemann im Gegensatz zur damals geltenden Rechtsprechung seine Arzneien selber herstellt und an seine Patienten abgibt. In seinem Rechtfertigungsschreiben führt Hahnemann recht undiplomatisch aus, dass er “die Sudeleien schlechter Apotheker verabscheue wie Giftmischereien” und dass es für “den etwas mehr als gewöhnlichen Arzt” (womit er sich selbst meinte) keine Beschränkungen geben dürfe, wenn er neue, leidenden Menschen zugute kommende Mittel entdeckt habe (womit er sich auf seine homöopathischen Arzneien bezieht). Hier in Königslutter vollzieht sich der Wandel vom klassischen Mediziner seiner Zeit zum Homöopathen. Hahnemann verschreibt nicht mehr Arzneien, die ein beobachtetes Symptom direkt bekämpft. Stattdessen verschreibt er seinen Patienten Substanzen, die bei einem Gesunden ähnliche Symptome auslöst wie die, unter denen der Kranke leidet. Hahnemann setzt darauf, dass die “ähnliche” künstliche Krankheit die “echte” organische Erkrankung überdeckt bzw. den Körper zu einer verstärkten Gegenreaktion stimuliert. Noch arbeitet Hahnemann allerdings mit chemisch nachweisbaren Substanzen. Der Gedanke immer höherer Verdünnungen entsteht erst deutlich später. Gegen ein “Fieber”, das sich durch “Spannen und Drücken in der Stirne” bemerkbar macht, verordnet Hahnemann Mohnsaft (Papaver somniferum). In einem Aufsatz für “Hufelands Journal” beschreibt er die ähnliche Wirkung von Mohnsaft auf den Gesunden: Erweiterung der Pupille, drückender Schmerz an der Stirn, in der Herzgegend und um den Nabel, Tiefschlaf, starkes Schwitzen, Appetit auf Schweinefleisch, allgemeines Abnehmen der Körperkräfte und Verschlimmerung durch Ostwind. Neben medizinischen Daten im engeren Sinne bezieht Hahnemann auch hier schon Aspekte des allgemeinen Befindens und Geschmacks in die Analyse der Krankheit und die Auswahl der passenden Arznei mit ein. In seinem Aufsatz über “Gegenmittel einiger heroischer Gewächssubstanzen” beschreibt Hahnemann die homöopathisch relevante Beziehung zwischen Arzneimittel und Erkrankung (Antidotierung). Gegen eine Vergiftung durch die Weiße Nieswurz empfiehlt er aufgrund ähnlicher Wirkung Kaffee. Nebenher arbeitet Hahnemann an einer Methode, kleinste Mengen von unlöslichen festen Arzneirohstoffen (z.B. Samen der Brechnuss / Nux vomica) zu erstellen. Dabei entwickelt er das später als “Verreibung” (Trituration) genannte Verfahren. Der zweite Teil des von Hahnemann 1798 in Leipzig veröffentlichten “Apotheker Lexikons” wurde von seinen Fachkollegen wohlwollend aufgenommen.25
Darmowy fragment się skończył.