Czytaj książkę: «Kishou IV»
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Copyright: © 2015 Michael Kornas-Danisch
KISHOU IV
Denn
So das EINE
sich VERHÄLT
zum ANDEREN
Da ist
ZEIT
Als das MAß
Als die REGEL
Des EINEN gegenüber dem ANDEREN
Denn
So das EINE
sich VERHÄLT
zum ANDEREN
Da ist
GESETZ
Da ist
ORDNUNG
Das Drom der Breenen
Das Geheimnis der Allmächtigen
Eine grüne Überraschung
K
ishou starrte mit großen Augen in die neue Welt. Was für ein Anblick. Sie stand inmitten von saftigem Grün, soweit das Auge reichte. Es musste eine gewaltige Oase sein, die direkt am Dritten Tal der Dritten Ebene des Dritten Droms angrenzte.
Ihr Kopf fuhr herum. Die Zollstelle gab es nicht mehr, und sie hatte es auch nicht anders erwartet. Das Große Belfelland kannte keinen Weg, der in das vorherige Drom zurück führte, wie sie nicht nur einmal vom Unteren Squatsch aufgeklärt wurde. Es war wohl die Zeit selbst, die es nicht zuließ, wie sie inzwischen zu verstehen meinte. Hier nun, wo sie das letztliche Ziel ihres Weges erreicht hatten, wollte es auch nicht einmal den Anschein erwecken. Es war nicht mehr nur eine weitere Etappe zum Ziel, sondern das Ende des Weges. Nichts konnte nun mehr sein, wie es war – sie ahnte es, je mehr sie mit staunenden Augen um sich sah ...
„Es ist keine Oase entschieden an diesem Ort!“ Meinte Mo plötzlich, als hätte sie Kishous Gedanken erraten.
„Nicht?“, schrak Kishou aus ihre Gedanken auf.
„Nein!“, krächzte Lui von Habadams Schulter herunter, während sein Kopf offenbar aufgeregt in alle Richtungen zuckte, dass man meinen könnte, er hätte keine Halswirbel.
„Boorh entscheidet: In der Vierten Ebene des Vierten Tals des Vierten Droms fließen noch die Wasser, wie einst überall im ganzen Großen Belfelland!“
„Erstaunlich! Höchst erstaunlich!“, meinte nun auch Habadam. „Es sieht so aus, als würde es sich tatsächlich so verhalten! ... als hätte Suäl Graal dieses Drom von der Trockenheit verschont – was aber eigentlich nicht sehr wahrscheinlich ist, denn …!“
„Sie wird es vergessen haben … vergessen haben. Wahrscheinlich weil der große Zauberer nicht bei ihr war, … nicht da war, um sie daran zu erinnern!“, provozierte das Untere Squatsch.
„Meinst Du auch, das es nicht nur eine große Oase ist?“, wandte sich Kishou an Madame KA, während sie sich von ihrem ungeliebten Breenenrock befreite, den sie sicherheitshalber bei ihrem Übertritt in das neue Drom tragen musste. Es hatte seine Arbeit getan.
„Wir werden es erfahren!“, antwortete sie, während ihre Augen ungewöhnlich aufmerksam die Umgegend und auch den Himmel musterten. ‚Aufmerksam’ trifft es eigentlich nicht richtig, wie ihre Augen so umherwanderten. Es war eher so etwas wie der Blick eines Reisenden, der an seinem Ziel angekommen war. „Alles war der Weg. Hier nun ist Belfelland!“, meinte sie dann auch tatsächlich – wenn auch mehr zu sich selbst. Sie gab in diesem Moment ihrem Biesel eine Richtung vor, und trabte im gemächlichen Schritt los. Die anderen folgten.
So unerwartet erfreulich der erste Eindruck dieses Droms auch war, so bot es nicht gerade einen guten Komfort, was das Vorankommen anging. Die pralle Natur erwies sich schnell als im höchsten Maße unbändig, und erzwang immer wieder die Suche nach einem begehbaren Weiterkommen. Es war eine Mischung aus Wald und dichtem Buschwerk mit vielen grünen Lichtungen, die gern im tiefen Morast endeten. Kleine und größere Teiche, Bäche und umgestürzte Bäume nötigten sie immer wieder zu Umwegen. Und nach den vielfältigen, verschiedensten Lauten um sie herum zu urteilen, war es auch sehr lebendig hier. Ein Teppich von Gezwitscher, Singsang, Krächzen und Zirpen lag überall in der Luft. Ihre Verursacher waren nur selten auszumachen. Das Blattwerk war zu dicht, und Kishou hatte nicht die Zeit, nach ihnen zu forschen. Nur hin und wieder sah sie ein kurzes Aufflattern irgendwelcher unbekannter Vögel. Größere Kreaturen tauchten zunächst nicht auf, obgleich manch ein Geräusch solche vermuten lassen durfte.
„Hast du ein bestimmtes Ziel?“, fragte Kishou Madame KA, als sie für einen Moment auf ihre Höhe kam.
Die Bewegung hat immer ein Ziel!“, lächelte Madame KA hintergründig. „Unsere zielt auf die Stadt ‚Trital’, die sich einst als nächst größerer Ort zur Grenze des Dritten Droms verhielt!“
„Und wie weit?“, wollte Kishou wissen.
„80 Mal wird die Sonne bis dahin das Allsein verdrängen! Sehr ‚wahrscheinlich'!’“ meckerte das Untere Squatsch, der wohl mitgehört hatte und nicht sehr glücklich über die Beschwernisse war. „Verzeiht meine kleine unbemessene Verdrängung des Allseins!“, maulte er dann aber doch noch, sich entschuldigend.
„Es ist nicht abzuschätzen!“, meinte nun Madame KA. Ursprünglich verhielt sich Trital einen halben Tagesmarsch auf den Bieseln zur Grenze des Dritten Droms. Aber die Verhältnismäßigkeiten haben sich geändert – es führten dereinst gute Wege dorthin.
Bereits mit den ersten Anzeichen der Dämmerung hielten sie Ausschau nach einem geeigneten Rastplatz. Würde die Dunkelheit erst einmal hereingebrochen sein, hätten sie keine Gelegenheit mehr dazu.
Sie entschieden sich für die aus dem Boden gerissenen Wurzeln eines umgestürzten riesigen Baumes. Ihr mächtiges Gehölz bildete eine geräumige Überdachung, die allen genügend Platz bot. Der bizarre Raum erinnerte an eine alte Tropfsteinhöhle. Farne und knöchrige Wurzelstränge hingen überall von oben herab.
Kishou machte es sich in Boorhs Schoß bequem. Vorsichtshalber. Sie hatte am Boden einige kleine krabbelnde unbekannte Kreaturen bemerkt, die ihr nicht geheuer waren. „Erzählt mir von den Breenen!“, meinte sie nun, während ihre Hände in ihrem Beutel fischten. „Immerhin ist ja Trautel Melanchful eigentlich die Regentin hier. … hat sie mir erzählt. Die Bewohner hier werden ganz schön gucken, wenn sie erfahren, dass ich von ihr komme!“
„Boorh entscheidet: Im Volk der Breenen trennt sich ein Volk der Furcht vom Allsein!“, tönte es mit Nachdruck über ihr.
„Ein Volk der Furcht?“, wunderte sich Kishou. „Was fürchten die denn?“
„Das ihnen der Himmel auf den Kopf fällt! ... der Himmel auf den Kopf fällt zum Beispiel!“, quäkte das Untere Squatsch.
„Das ihnen der Himmel auf den Kopf fällt?“, verstand Kishou nicht.
„Nun ...", lenkte Habadam ein. „Das Untere Squatsch will wohl damit sagen, das sie alles und nichts fürchten. Alles, das sich zu ihnen verhält, könnte auch eine Gefahr bedeuten. Eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür ist ja auch tatsächlich niemals auszuschließen!“
„Na dann ist doch alles ganz normal!“, meinte Kishou zu verstehen.
„Etwas anstrengend ... anstrengend – wenn ihr meine Wenigkeit fragt!“, bemerkte das Untere Squatsch. „Immer und überall eine Gefahr vom Allsein zu verdrängen … ziemlich anstrengend!“
„Und wie kommen die Breenen ohne Trautel Melanchful klar?, fragte Kishou. „Immerhin ist sie doch sowas wie eine Königin hier – hat sie mir erzählt. Was machen die Breenen ohne Trautel Melanchful?“
„Schwer zu sagen, wie sich dieser Umstand zu den Breenen verhält!“, meinte Habadam sinnend. Doch vergesst nicht, dass auch das Zweite Drom ohne die Anwesenheit von Boorh und Mo über all die Zeiten zurechtkommen musste. ..."
„Der Weißbart vergisst in euch vom Allsein zu trennen, ... vergisst er natürlich, dass immerhin meine Wenigkeit ... meine Wenigkeit als der legitime Herrscher der zweiten Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms dort durchaus in all den Zeiten das Allsein verdrängte! Durchaus!", widersprach das Untere Squatsch.
„Vielleicht verhält es sich aber auch so ...", überhörte Habadam den Einwand, „... das Suäl Graal nun auch die Ebene des Droms … Eine gewisse Wahrscheinlichkeit …“
„Suäl Graal ist Eins mit Trautel Melanchful", wurde er von Madame KA unterbrochen. „Doch der Ort ihrer Herrschaft liegt im Vierten Tal der Vierten Ebene des Vierten Droms!“, widersprach sie dem Gedankengang Habadams. „Sie kann Trautel Melanchful nicht ersetzen – sowenig, wie ich Dich vertreten könnte!", lächelte sie in Richtung Habadam.
„Du meinst aber, sie gehört irgendwie mit Suäl Graal zusammen? – So wie Du und Habadam oder Mo mit Boorh?“, meinte Kishou aus dem ersten Teil des von Madame KA Gesagten verstanden zu haben – was aber doch unmöglich gemeint sein konnte ...
„So ist es entschieden!“, bestätigte Mo nun allerdings.
„Da komm’ ich nu’ überhaupt nicht mehr mit!“, grübelte Kishou und schüttelte abwehrend den Kopf. „… Dann müsste doch Trautel Melanchful genauso mächtig sein wie Suäl Graal …!? Ich meine … dann wäre sie doch …“ Sie brach ab, weil ihr der Gedanke, der ihr gerade kam, zu abwegig erschien.
„Die Macht Trautel Melanchfuls verhält sich zu der Suäl Graals ebenbürtig!“, bestätigte Madame KA zu ihrer Überraschung. „Wie sonst hättet ihr bei Trautel Melanchful Obhut finden können, bis ihr bereit ward, eure Aufgabe zu erfüllen? Suäl Graal konnte sie nicht daran hindern. Niemand hätte sie daran hindern können, euch zu schützen!“
„Ich glaub’, diese Zusammenhänge werd’ ich wohl nie begreifen!“, resignierte Kishou Kopfschüttelnd. „Ich hab's mir bisher immer so erklärt, das ihr so zusammengehört wie ... na ja – wie ,oben' und ,unten' eben – oder eigentlich besser noch, wie so eine Kraft, und was dann dabei rauskommt, wenn sie was gemacht hat. ... oder so ... ist mir so bei euch zumindest mal durch den Kopf gegangen!", meinte sie mit entschuldigendem Blick zu Mo und Boorh. „Weißt du, was ich meine?"
„So ist es entschieden!", reagierte Mo nur mit einem geheimnisvollen Lächeln.
„Ist nicht alles, was ihr findet im Großen Belfelland, nur der Schein dessen, was sich in im entfaltet?", fragte Madame KA hintergründig, während sie ihre große Tasche zu sich heranzog.
„Ja schon ... ", kam es zögerlich von Kishou. „Aber bei Trautel Melanchful und Suäl Graal ... ist es ja eben nicht so!", widersprach sie nun doch energisch. „Also stimmt's dann irgendwie doch nicht!"
Madame KA lächelte. Ihre Hand verschwand für einen Moment in der Tasche, und zog einen großen Keks hervor. „Ich habe noch einige davon aufgehoben!“ Sie reichte ihn zu Kishou hinüber. „Ihr solltet wissen, dass ihr nur verstehen könnt, was hinter euch liegt!“
„Wie meinst du das?“, fragte Kishou auf dem Keks herumkauend.
„Nun ja …!“, schaltete sich das Untere Squatsch ein, dass offenbar an diesem Abend ungewöhnlich redselig war. „Madame KA meint, das man nur … also das man immer nur das bemessen kann … bemessen kann, was bereits vom Allsein verdrängt ist – wenn ihr es wohl bemesst. Solange etwas noch nicht verdrängt ist vom Allsein, …“
„Es gibt immer viele Möglichkeiten für das, was sich in der Zukunft verhalten wird!“, übernahm nun Habadam. „Wenn denn eine der Möglichkeiten eingetreten ist, so zeugen seine Verhältnismäßigkeiten davon, warum sich gerade diese Möglichkeit vom Allsein trennte, und nicht eine der vielen anderen. Aber bis zu diesem Moment gibt es nichts zu verstehen – nur Spekulation. Bedenkt – Ihr könnt nur verstehen, was sich zueinander verhält. Und was ihr dann versteht, ist eben die 'Ursache' dieses Verhaltens – und eine Ursache liegt immer vor der befragten Verhältnismäßigkeit, wie ihr ohne Zweifel versteht!“
„Genau das habe ich vom Allsein verdrängt – habe ich! Genau das! Aber die schlanke Flachsandale muss natürlich wieder … Verzeiht meine kleine …!“ winkte das Untere Squatsch nicht ganz rechtzeitig entschuldigend ab.
„Ich hab schon verstanden, was ihr sagen wollt!“, versuchte Kishou ausgiebig gähnend zu vermitteln. „Aber es ist halt manchmal ziemlich blöd, das man nur erst im Nachhinein schlau sein kann!“ Sprach's, gähnte noch einmal ausgiebig, und kuschelte sich in Boorhs Schoss zurecht.
Die vielfältigen Stimmen der abendlichen Natur und der sichernde Schoß Boorhs ließen sie bald in einen angenehmen Schlaf fallen.
~
Und noch eine Überraschung
Kishous erwachte von einem Geräusch, das ihr wohl bekannt war, dessen Erinnerung allerdings schon weit in die Vergangenheit reichte. Sie brauchte eine Weile, um es einordnen zu können. Sie schlug die Augen auf und schaute benommen hinaus in den bereits angebrochenen Tag. Ungläubig betrachtete sie das Geschehen, und es brauchte noch einmal eine gute Zeit, bis sie endlich bereit war, anzunehmen, was die Augen berichteten: Es regnete! Dicke Wassertropfen prasselten und klatschten in das Gehölz ihrer Überdachung, und davor auf eine dampfende, aufgeweichte Erde.
Noch etwas schwerfällig krabbelte sie vom Schoße Boorhs und trat hinaus. Der Boden vor ihrer Behausung war etwas abschüssig, so fand das Wasser nicht in ihre Zuflucht hinein. Sie breitete ihre Arme aus und streckte ihr Gesicht gegen den Himmel. Schwere, warme Tropfen zerplatzten darauf und durchtränkten ihren Kleider. Es war ihr nicht genug. Sie zog ungeduldig die nassen Kleider von ihrem Körper und erlaubte dem Wasser einen direkten Zugang zu ihm. Schwer atmend und offenbar glückselig drehte sie sich endlich vollkommen entblößt immer wieder im Kreise, das ihr fast schwindlig wurde.
Als ihr Blick endlich auch einmal wieder in die Baumhöhle fiel, weil selbst das laute prasseln des Regens ein wiederholtes „Nein, nein …!“ nicht gänzlich verschlucken konnte, sah sie dort, durch dicke Fäden herabfallenden Wassers, Lui von einem Bein auf das andere wankend, auf dem Boden hocken – und dass über beide Ohren etwas verklärt grinsende Gesicht Boorhs, der sie offenbar die ganze Zeit über beobachtet hatte.
„Es regnet!“, quietschte Kishou laut vor Vergnügen und immer wieder: „Es regnet!“
Dank der Fähigkeiten des Unteren Squatsch waren die Kleider Kishous bald wieder getrocknet. Die schweren Wolken waren weitergezogen, und hatten schließlich der Sonne den morgendlichen Himmel überlassen. Die Erde dampfte und durchtränkte die Luft mit einem betörenden süßen Duft von feuchtem Holz, Blüten und Gräsern. Kishou meinte, direkt im Paradies angekommen zu sein.
Es war nun aber auch keine Frage mehr: Zweifelsohne war dies keine große Oase, in die sie geraten waren. Die Natur der Oasen wurde von Wasser gespeist, das sich dort noch im Boden befand. Niemals hatte sie erlebt, dass es irgendwo auch nur einen einzigen Tropfen geregnet hatte. Warum dieses Drom allerdings offenbar von der Trockenheit des Großen Belfellands verschont war, wusste noch niemand zu sagen.
Bevor sie nun endlich aufbrechen konnten, musste nun auch noch das Biesel Kishous einige Hitzeschauer des Unteren Squatsch über sich ergehen lassen. Die flauschigen, langen Haare auf dem Rücken der großen Tiere waren vom Wasser durchtränkt. Sie hatten schließlich nicht den Vorzug eines Unterstandes während des Regens gehabt. Für die Chemuren war dies ohne Belang. Kishou wollte man allerdings nicht den Ritt auf einem durchnässten Bieselrücken zumuten. Auf diese Weise behielt sie wohl nach dem Aufbruch einen trockenen Po, nicht aber trocken Kleider. Vorbei schweifende Äste und das abtropfende Wasser von den Baumkronen durchtränkten sie Anfangs sehr schnell wieder, während die Gruppe sich ihren Weg durch die üppige Natur bahnte. Aber es war warm genug, das sie es eher als willkommene Erfrischung empfand.
~
Erste Kontaktaufnahme
D
ie Sonne stand schon hoch am Himmel, als sie endlich auf die ersten Anzeichen der Bewohner dieses Droms stießen. Ein größeres Feld tat sich vor ihnen auf, dass offenbar bearbeitet war. In regelmäßigen Abständen ragten kleine Sprösslinge aus dem Boden. An seinem Rande führte ein ausgetretener Weg entlang, der einem Wagen Platz bot.
Mit erhöhter Aufmerksamkeit nutzen sie die gewonnene Bequemlichkeit des Weges, der sich am Ende der großen Parzelle in verschiedene Richtung aufspaltete. Für Madame KA gab es hier offensichtlich keine Qual der Wahl. Wie selbstverständlich ritt sie in einen der Wege hinein, der halbrechts gelegen, in einen dichten Wald hinein führte, und sich alsbald verbreiterte. Die Fülle der Natur schien von nun an etwas geordneter. Es konnte aber auch täuschen, und nur dem Pfad geschuldet sein, der sich gradlinig durch das Gehölz schnitt. Tiefe Eindrücke von Wagenspuren zu beiden Seiten zeigten an, dass er häufig genutzt wurde.
Nach einem längeren Anstieg und folgendem kürzeren Abstieg des Weges, stießen sie auf ein weiteres Feld, das dem Ersteren nicht unähnlich war. Es war allerdings um einiges größer – und es war hier gerade ein geschäftiges Treiben auf ihm zu erkennen. In einiger Entfernung waren mehrere Gestalten zu sehen, die sich in gebückter Haltung am Boden zu schaffen machten – ein höchst friedvoller Anblick, der auch in Kishou nicht die Spur einer Gefahr signalisierte. Sie hielten inne und blickten gespannt zu den dort Arbeitenden hinüber.
„Boorh entscheidet: Breenen verdrängen dort das Allsein!“
„Wieder ein Geistesblitz von dem Muskelträger!“, quäkt das Untere Squatsch leise. Er war aber selbst so sehr gespannt, dass er sogar die nun üblicherweise folgende Entschuldigung gegenüber Kishou vergaß.
„Und jetzt?“, fragte Kishou.
„Wir werden zu ihnen gehen, und sie befragen, was sich verhält in diesem Drom!“, stellte Habadam nüchtern fest.
„So ist es entschieden!“, meinte Mo und stieg bereits von ihrem Biesel.
Die anderen folgten ihrem Beispiel. Sie gingen noch ein Stück weit den Weg entlang, bis sie geradewegs zwischen den Reihen der Setzlinge auf die Breenen zumarschierten. Es waren sechs von ihnen, die dort mit irgend etwas in der Erde beschäftigt waren. Jetzt erhoben sie sich einer nach dem anderen – sie hatten wohl die Fremden bemerkt. Zunächst verhielten sie sich abwartend, und schauten den Ankömmlingen entgegen – dann aber machten sie auf der Stelle kehrt, und rannten unter lauten, unverständlichen Rufen quer über das Feld. Sie sprangen auf einen Wagen mit zwei Zugtieren davor, dass auf der anderen Seite des Feldes abgestellt war, und fuhren eilig davon.
Kishou schaute ihnen enttäuscht nach. „Mist!“, ließ sie sich vernehmen.
„Eine gewisse Wahrscheinlichkeit stand durchaus für ein solches Verhalten!“, meinte Habadam.
„Ja!“, schloss sich ihm Madame KA an. „In unseren Erscheinungen verhält sich zuviel des Fremden!"
„Du meinst, weil ihr so groß seid!“, verstand Kishou. Die Breenen waren wohl etwas größer von Gestalt als sie selbst – zumindest diejenigen, die sie hier vorfanden – aber doch Zwerge gegen Boorh und Mo. Selbst Madame KA überragte sie noch um einiges. „Ich hab’ auch ganz vergessen den Mantel wieder anzuziehen!“, stellte sie nun auch erschrocken fest.
„Kein Problem!“, winkte das Untere Squatsch ab. „Die Blaurockstange und der Brusthaarträger wären ihnen dadurch nicht sympathischer erschienen. Nicht sympathischer! Kein Problem das!“
Sie kehrten zurück zu ihren Bieseln, und setzten ihren Marsch fort.
„In der kleinen Begegnung mit den Breenen verhält sich noch ein weiteres Rätsel zu uns!“, meinte Habadam, während sich eine seiner Hände in seinem dichten Bart verlor.
„Du sprichst von der Braanin unter ihnen!“, erriet Madame KA sofort.
„Ja!“, bestätigte Habadam.
„So ist entschieden, das die Grenze nicht verschlossen ist, zum Vierten Tal der Vierten Ebene des Vierten Droms!“. Bemerkte Mo.
„Erstaunlich! Höchst erstaunlich!“, grübelte Habadam.
„Ihr meint …“, horchte Kishou auf. „… wir kommen ganz einfach und ohne Probleme in das Vierte Tal der Vierten Ebene des Vierten Droms?“
„Eine Grenze muss immer erst überschritten werden!“, reagierte Madame KA. „Was dem einen zugestanden ist, kann dem anderen verwehrt sein!“
Kishou empfand die Vorstellung einer grundsätzlich begehbaren Grenze dennoch als hoffnungsvoll. „Na gut, aber es klingt allemal besser als das, was wir bisher immer erlebt haben!“.
Das Land erwies sich in seinem weiteren Verlauf als sehr hügelig und durchwachsen von Felsformationen, die hin und wieder die verschwenderische Natur kurz unterbrachen. Immer wieder trafen sie auf Wegverzweigungen, und wo sie auf größere ebene Fläche stießen, waren diese zumeist mit allerlei Anpflanzungen bewirtschaftet. Sie durften der Stadt Trital auf den befestigten Wegen schon ein gutes Stück nahe gekommen sein, als sie erneut auf Breenen trafen, die gerade ein Feld bearbeiteten. Von einer Bepflanzung war noch nichts zu sehen, aber soviel man bereits erkennen konnte, reihten sich kleine, spitze Erdhügelchen über das weite Felde aneinander. Es mochten mehr als zwanzig Breenen sein, die dort auf dem Feld waren. Auch Braanen schienen wieder unter ihnen sein, wie die dunklere Farbe ihrer Mäntel anzeigte.
„Wollen wir’s nochmal versuchen?“, frage Kishou zweifelnd!“
„Boorh entscheidet: Wartet!“ Er warf Mo einen kurzen Blick zu, wendete sein Biesel, und stürmte in die Richtung davon, aus der sie gekommen waren. Kurz darauf war klar, was er vorhatte. Er umrundete das Feld, um auf dessen andere Seite zu gelangen. Wozu das gut sein sollte, war zumindest Kishou noch nicht so recht klar …
„Es ist entschieden!“, meint Mo plötzlich und stieg von ihrem Biesel.
Diesmal vergaß Kishou die Verkleidung nicht – war aber nun unsicher, welche sie wählen sollte. „Wenn es hier auch Braanen gab – also Bewohner des Tals des Vierten Droms ... „Welchen der beiden Mäntel soll ich dann anziehen?“
„Wählt den helleren – den des Breenen!“, empfahl Madame KA. „Aber bedeckt euer Gesicht. Wir wissen noch zu wenig über die hiesigen Verhältnismäßigkeiten und dem Hiersein der Braanen!“
Eilig zog sie das Gewand über die Schultern, knöpfte es zu, und schlug die große Kapuze über ihren Kopf. Die Sinnhaftigkeit ihrer Verkleidung durfte zwar im Anbetracht ihrer Begleitung in Zweifel gezogen werden, aber vielleicht war es ja doch vor allem ihr Anblick, die eine solche Reaktion der Bewohner des Droms hervorrief. Immerhin hatte bislang noch niemand im Großen Belfelland auf ihre Erscheinung normal reagiert. So gerüstet marschierten sie geradewegs auf die Arbeitenden zu.
Schon bald erhoben sich die ersten der grau berockten Gestalten. Rufe waren zu hören, und bald hatten sich alle erhoben, und starrten zu ihnen hinüber. Kishou hatte sich an die Spitze gesetzt – wohl in der Hoffnung, dass ihre Erscheinung als scheinbarer Breene etwas vertrauenerweckender wäre.
Tatsächlich gelang es ihnen, sich ein wenig mehr zu nähern, als beim ersten Mal, bevor die Breenen – zunächst etwas zögerlich – dann jedoch nicht weniger panisch und unter lauten Rufen Reißaus nahmen. Sie liefen zu beiden Seiten des Feldes verstreut auseinander, um ihre Wagen zu erreichen. Augenblicke später stoben die Zugtiere mit den Fuhrwerken davon – bis auf Einen …
Mo nahm sofort Kurs auf ihn, und wusste wohl auch, warum. Sie fanden einen breit grinsenden Boorh bei ihm, dessen riesige Pranken die Arme zweier Breenen wie Schraubstöcke umschloss. „Boorh entscheidet: Nach der Tat könnt ihr nun Worte vom Allsein trennen!“
Die beiden Breenen starrten mit offenen Kapuzen und weit aufgerissenen Augen von einem zum anderen, als fürchteten sie ihr jähes Ende.
„Ihr müsst keine Angst haben!“, meinte Kishou sofort, die sich mit weit vorgezogener Kapuze bemühte, ihr Gesicht zu verbergen. „Ihr könnt ja nicht wissen, wer wir sind, aber …“
„Wir … wir wissen, wer ihr seid!“ stotterte der eine sofort in Kishous Worte hinein. „Alle wissen es!“
„Ihr wisst, wer wir sind?“, staunte Kishou.
„Wir haben uns lange schon vorbereitet. Bald werden die Teller hier sein – und die Gleim!“, übernahm der andere mit erstickter Stimme, während seine Augen hektisch den Himmel absuchten.
„‚Teller’ … und die ‚Gleim’?“ fragte Kishou, und versuchte den Blicken der beiden in den Himmel zu folgen.
„Boorh entscheidet: Im Gleim verdrängt ein Streiter der Horden der Gleichen das Allsein!“
„Na toll!“, erschrak Kishou, und blickte suchend über das Feld.
„Weshalb fürchtet ihr uns, wenn ihr doch wisst, wer sich in uns zu euch verhält?, fragte Habadam.
„Wir … wir fürchten uns nicht!“, stieß der Eine sofort hervor. Es mochte wohl die schlechteste Lüge gewesen sein, die je ausgesprochen wurde.
„Was glaubt ihr denn, wer wir sind?“, fragte Kishou nach. Die Reaktion der Breenen sprach nach ihrem Befinden nicht gerade für das bekundete Wissen der Beiden.
„Ihr kommt von der ‚Sterbenden Welt’, und wollt unser Wasser und unser Land!“
„Und es stimmt also auch, das die ONO mit euch unter einer Decke steckt!“, übernahm der andere mit hassvollen Blick, und streckte seinen freien Arm in Richtung Kishou!“
„,ONO'? – was ist das?“, wunderte die sich, sie war hier offenbar direkt angesprochen. Eine Antwort blieb allerdings aus.
„Sie halten euch für einen Breenen!“, gab Madame KA leise zu bedenken. „Ihr solltet es also wissen und so werden sie eure Frage nicht verstehen!“
„Tatsächlich verhält es sich gewissermaßen so, dass wir aus sterbenden Welten kommen. sprach nun Habadam zu den Beiden. „Doch warum ist euer Drom davon verschont? Wir finden hier das Verhalten von Wasser in den Wolken wie auf der Erde, und eine reiche Natur?“
„Was soll die Frage?", war die Reaktion des Einen mit Blick auf Kishou. „Wir haben noch von allem genug, und Ihr werde es uns nicht nehmen – auch wenn es Verräter unter uns gibt!“, sprudelte er aggressiv hervor und verzog gleich darauf in Schmerzen sein Gesicht. Er hatte sich wohl dabei zu ungestüm bewegt, und Boorhs Griff zog sich noch fester zu.
„Lass sie los, Boorh!“, befahl Kishou. Der gab die Beiden nach einem bedenklichen Blick zu beiden Seiten frei und trat einen Schritt hinter sie zurück. „Wir wollen euch nichts tun!“, erklärte Kishou nun beschwichtigend. „Wir wollen nur wissen, was so los ist hier im vierten Drom. Zum Beispiel wie man in das Vierte Tal der Vierten Ebene des Vierten Droms kommt. Ist die Grenze tatsächlich offen?“
Die beiden Breenen sahen sich verständnislos an, ohne zu antworten.
Kishou musste einsehen, dass sie als vermeintlicher Breene solche Fragen nicht stellen konnte. Sie war für einen Augenblick geneigt, sich einfach die Kapuze vom Gesicht zu ziehen, und sich zu offenbaren, das hatte noch nie seine Wirkung verfehlt – aber sie war unsicher, ob dies jetzt der richtige Moment war. „Ich bin kein Breene!“, versuchte sie es wenigstens auf die einfache Art. „Ich würde nicht fragen, wenn ich die Antwort kennen würde!“
Die beiden schauten tatsächlich einen Moment etwas verdutzt zu ihr hinüber. „Was soll das Verleugnen deiner Herkunft!?“, meinte der Eine von ihnen.
Ein unwilliger Laut hinter Kishou deutete an, dass das Untere Squatsch dabei war, die Geduld zu verlieren. Er watschelte auch prompt nach vorn und stellte sich vor den Beiden auf. „Also nun hört mal zu, ihr beiden Intelligenzträger … ihr Beiden … Bevor ich euch frage, was unter eurem Grauröcken das Allsein verdrängt, was wohl eine ziemlich unangenehme Frage wäre, … eine sehr unangenehme. Als bevor ich euch …“
Das kurze Aufleuchten Mos unterbrach jäh die Worte des Unteren Squatsch. Bevor die anderen realisieren konnten, was gerade geschehen war, stieg bereits die schwere Axt Boorhs unter seinem Brüllen in den Himmel auf und krachte dem Klange nach in etwas metallisches hinein. Unweit hinter ihnen fiel das Getroffene wie ein Stein mit dumpfen Aufschlag in das Feld. Der kleine Moment der Ablenkung genügte allerdings den beiden Breenen als Gelegenheit, um mit riesigen Schritten im Unterholz des angrenzenden Waldes zu verschwinden.
„Was war das?“, fragte Kishou erschrocken.
„Ein ganz besonderer Vogel verdrängte am Himmel das Allsein!“, reagierte das Untere Squatsch lakonisch.
„Nein!“, war hierzu der eindeutige Kommentar Luis, während er sich von Habadams Schulter erhob, und in die Richtung flog, wo das unbekannte Ding niedergegangen war. Die anderen folgten.
Sie fanden ein seltsames, scheibenförmiges, zur Mitte sich verstärkendes Gegenstand, der nicht ganz zwei Schritte von einer Seite zur anderen maß. Seine Farbe war von mattem Schwarz und seine Form nach allen Seiten unterschiedslos – abgesehen von der starken Delle im oberen Gehäuse. Boorhs Axt musste das Ding von unten durchschlagen, und die kantige Delle dort oben hinterlassen haben.
Kishou beugte sich nach unten. Splitter von dickem Glas lagen dort vereinzelt herum. Sie meinte auch, ein grünliches Licht etwas unterhalb und im Schatten des Objekts zu sehen – aber es war nur einen Moment lang, und wohl nur eine Reflexion des Grases.
Vollkommen unterschiedslos Ebenmäßig war es dann aber doch nicht. Eine Stelle seiner Kante wies ein fingerdickes, quadratisches Loch auf, wie Kishou nun bemerkte.
„Ein Besonderer Apparat!“, stellte Habadam stirnrunzelnd fest.
„So wie’s aussieht, …“ überlegte Kishou … „Der Eine hat doch von ‚Teller’ gesprochen, die kommen werden. Ist das vielleicht so ein Teller?“
„Eine gewisse Wahrscheinlichkeit spricht wohl schon wegen dem Verhalten seiner Form dafür!“, meinte Habadam.
„Kennt ihr die nicht?“, frage Kishou. „Ich meine, gab’s die damals nicht, als im Großen Belfelland noch alles in Ordnung war?“
„Eine menge Schrott verdrängte seinerzeit das Allsein hier!“ Das Untere Squatsch wiegte seinen viel zu großen Kopf hin und her. „… Eine menge Schrott. Das Allsein ist noch heute voll davon. Übervoll. Aber sowas hier … sowas … Nein. Eine Kreation kranker Hirne verdrängt hier das Allsein!“
„Hat es dich angegriffen, Mo!“, fragte Kishou. „Ich meine, weil du plötzlich so Hell aufgeleuchtet bist!“
„So ist es entschieden!“, bestätigte die nur.
„Hier!“ Habadam wies auf das kleine, viereckige Loch am Wulst der Scheibe, das Kishou auch schon bemerkt hatte. „Die Horden der Gleichen – also der Gleim – verschießt kleine, würfelförmige Metallquader. Diese Öffnung verhält sich vollkommen zu ihnen!“
„Na toll!“, seufzte Kishou, und suchte besorgt mit den Augen den Himmel ab. „Wenn uns einer von den Dingern gefunden hat, werden wahrscheinlich bald noch mehr hier sein!“
„Dann sollten wir hier nicht auf sie Warten!“, meinte Madame KA, und wandte sich in die Richtung der Biesel.
Eine ungewollte Entscheidung
S
ie verließen den Ort des Feldes im Galopp, um möglichst schnell wieder in den schützenden Wald zu gelangen, der hier glücklicherweise sehr dicht war. Sie mussten auch tatsächlich nicht lange warten, bis sich über ihnen weitere ‚Teller’, wie der Breene sie nannte, durch einen hellen Summton verrieten.
Die Gruppe machte halt und verhielt sich ruhig, während ihre Blicke auf die Baumkronen gerichtet waren. Zu sehen war nichts, weil das dichte Blattwerk keine Gelegenheit bot, mehr als nur kleine Flecken des Himmels zu beobachten. Dasselbe sollte aber immerhin auch in der anderen Richtung gelten. Es mussten sehr viele sein, die dort oben nach ihnen suchten. Es klang wie ein monströser Bienenschwarm. Ab und an klatschte auch mal etwas durch das Blattwerk hindurch. Es waren wohl vereinzelte Blindschüsse, die zum Glück nicht annähernd ihren tatsächlichen Aufenthaltsort bedrohten.
„Sie müssen von den ersten Breenen, die wir getroffen haben, von uns erfahren haben!“, sinnierte Kishou. „Was für ein Empfang!“
„Suäl Graal selbst verdrängt das Allsein in diesem Drom. Sie selbst!“, ließ sich das Untere Squatsch vernehmen. „Ihr verdrängt das Allsein nun gewissermaßen in ihrer Wohnstatt – bei ihr zuhause. … Verzeiht die kleine unbemessene Verdrängung vom Allsein – aber was erwartet ihr für einen Empfang?“
„Stimmt wohl!", seufzte sie hörbar, als sich plötzlich ihre Augen erschrocken weiteten ... „Dann müssen sie's ja garnicht von den Breenen erfahren haben!", fiel ihr plötzlich ein. „Wir sind im Vierten Drom ...! Suäl Graal weiß doch immer, wo ich bin - also weiß sie's jetzt auch!" Ihr Blick richtete sich fragend zu den dichten Baumkronen hinauf ... „Dann stellt sich doch eigentlich eher die Frage, warum die Dinger da oben überhaupt nach uns suchen!? sie müssten doch wissen, wo wir sind!"
„Boorh entscheidet: Suäl Graal kann den Ort nicht bemessen, an dem Kishou in dieser Zeit das Allsein verdrängt!"
„So ist es entschieden!", bemerkte Mo nur kurz.
„Eine gewisse Wahrscheinlichkeit spricht tatsächlich dafür!", schaltete sich Habadam ein. „Immerhin suchen sie ja tatsächlich nach uns. Das Verhalten des Suchens schließt jedoch nach den Gesetzen der Logik die Kenntnis aus – zumindest ...!"
„Is' ja schön, dass ihr euch einig seid!", schüttelte Kishou zweifelnd den Kopf. „Aber wieso sollte sie ausgerechnet hier, in ihrem eigenen Drom, nicht mehr wissen, was sie immer wusste? Das macht überhaupt keinen Sinn!"
„Sagte euch Trautel Melanchful nicht, dass ihr eure Aufgabe nur gemeinsam mit den Kräften ihrer Sippe lösen könnt?", fragte Madame KA.
„Ja – klar!", wunderte sich Kishou über die Frage. „Aber was hat das mit ..."
„Gehört Trautel Melanchful nicht auch zu uns?", fragte Madame KA weiter.
„Natürlich ...", wurde Kishou etwas unsicher. Madame KA stellte solche Fragen nicht, ohne ein bestimmtes Ziel.
„Was ist ihre Aufgabe in unseren Reihen?", fragte Madame KA weiter.
„Na ja ...", grübelte Kishou nun doch in sich hinein ... „Also sie hat mich immer beschützt - und sie hat gesagt, dass sie immer da ist, auch wenn ich sie nicht ... Du meinst, sie hat was damit zu tun?", wollte plötzlich eine Ahnung in ihr aufsteigen.
„Die Macht Trautel Melanchfuls ist der Suäl Graals ebenbürtig!", lächelte Madame KA nur hintergründig.
„Und das Verhalten der Teller fände hier eine Ursache!", bekräftigte Habadam.
„Aber sie ist so weit weg!", wollte es Kishou nicht glauben. Was könnte sie damit zu tun haben?"
„Ihr werdet es erfahren, wenn die Zeit dafür ist!", schloss Madame KA.
Kishou seufzte hörbar. „Auf jeden Fall wissen die Teller ja offensichtlich tatsächlich nicht, wo wir sind, und das ist allemal besser als andersrum!", stellte sie bei aller Unzufriedenheit über die für sie noch unbekannte Ursache mit Erleichterung fest. „Aber was machen wir jetzt? Wir können uns trotzdem nicht bewegen, und wissen nicht, wann und ob die Besonderen Apparate da oben irgendwann mal aufgeben. Und überhaupt scheint hier alles gegen uns zu sein!“ Sie schüttelte verständnislos den Kopf. „Und immerhin wissen zumindest die Breenen irgendwie von uns. … und betrachten uns offenbar auch noch als ihre Feinde! Und wie’s aussieht, scheint das für alle Bewohner des Droms zu gelten!? ... Und dann noch die Horden der Gleichen! Das ist doch alles vollkommen verrückt! – Unter den Umständen müssten wir uns unsichtbar machen, um hier weiter zu kommen.
„Nun – immerhin …!“, meinte Madame KA, und ein verschmitztes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Zumindest in eurer Erscheinung verhält es sich so!“
„Wie?!“, reagierte Kishou irritiert. „Was meinst du damit?“
„Ihr seid unsichtbar!“
Kishou brauchte einen Moment, um zu begreifen, was Madame KA meinte. In gewissem Sinne hatte sie ja recht. Man hielt sie für einen Brennen. Sie hatte in etwa die richtige Größe, im Gegensatz zu den Chemuren. Sie würde wahrscheinlich nicht auffallen unter ihnen, solange sie ihr Gesicht unter der Kapuze verbarg … „Aber … aber ich kann doch nicht allein …!“, ahnte sie Böses.
„Boorh entscheidet: Boorh und Kishou werden …!“
„Ich glaub es nicht. Ich glaub es nicht!“, wurde er vom Unteren Squatsch augenblicklich unterbrochen, seine kurzen Ärmchen hilfesuchend in den Himmel streckend. „Dieser Breenenfänger meint tatsächlich … meint tatsächlich … Was glaubt der Großfuß, wie lange Kishou neben ihm im Stadtzentrum wohl unerkannt ... unerkannt das Allsein verdrängen würde? … verzeiht meine kleine unbemessene Verdrängung vom Allsein, aber …“
„Danke Boorh!“, versuchte Kishou die unangenehme Situation für ihn aufzufangen. „Ich weiß, das mir nichts passieren könnte, wenn du bei mir wärst, aber es darf in diesem Falle ausnahmsweise auf keinen Fall schon jetzt gleich zu Anfang zu irgendwelchen Kämpfen kommen! – Es sind zuviel verschiedene und unbekannte Gegner auf einmal – verstehst du was ich meine?! Wir müssen zunächst erstmal rauskriegen, was hier überhaupt läuft!“ Sie bemerkte erst jetzt, dass sie mit ihrem Beschwichtigungsversuch ungewollt bereits eine Entscheidung als gegeben annahm, der sie eigentlich unbedingt ausweichen wollte.
Boorh warf einen unwilligen Blick auf das Untere Squatsch, hatte nun aber offensichtlich ein Einsehen.
„Wie seid ihr entschieden?“, fragte Mo.
Kishou erschrak fast bei diesen Worten … „Eigentlich garnicht!“, gab sie unumwunden zu. „Es ist aber wohl tatsächlich so, dass ich wohl die Einzige von uns bin, die sich hier bewegen könnte, ohne gleich erkannt zu werden ...! Puh ...!“ Einmal mehr ließ sie einen tiefen Seufzer vernehmen. „Ich müsste also irgendwie allein in die Stadt kommen, und so viel wie möglich versuchen, rauskriegen, was hier los ist – das mit der Grenze, und ihrer Angst vor uns, und so!“
„Wir werden euch im Schutze des Waldes begleiten bis kurz vor Trital!“, nickte Madame KA. „… Sobald die Verhältnismäßigkeiten es zulassen, und es etwas ruhiger wird da oben!“, fügte sie mit einem Blick in die Baumkronen hinzu. „Wir wissen nicht, ob sich der Wald auf diesem Wege überall so uneinsehbar verhält wie an diesem Ort!“
Es wollte aber nicht ruhiger werden. Nur ab und an ließ das Summen etwas nach, um bald wieder zurückzukehren.
Die Zeit wurde genutzt, um Kishou auf die Horden der Gleichen einzuschwören. Sie erinnerte sich, dass Boorh diese Kreaturen vor langer Zeit einmal erwähnte. Sie waren Geschöpfe Suäl Graals, aber von den Breenen nur sehr schwer zu unterscheiden – eigentlich garnicht. Meistens war es zu spät, wenn man einen von ihnen erkannte – und sie wurden um so mehr, je mehr man von ihnen vernichtete. Doch nicht einmal ihre Gefährten wussten zu sagen, wie dies möglich war. Eigentlich war ihre wundersame Vermehrung auch immer nur eine reine Vermutung geblieben, weil nichts dergleichen je direkt beobachtet wurde. Sie waren seinerzeit noch neue und unbekannte Schöpfungen Suäl Graals. Allein der Umstand, das ihre Zahl in den Kämpfen in vermeintlich doppelten Maße anstieg, wie man sie überwunden zu haben meinte, ließ keine andere Mutmaßung zu. Sie verschossen aus Besonderen Apparaten kleine, scharfkantige und würfelförmige Geschosse, die selbst die eisernen Körper der Korks durchschlugen. Ihre Gefährten konnten ihr alle nur die augenblickliche Flucht ans Herz legen, sobald sie meinte, einen solchen ‚Gleim’ zu begegnen. Selbst Boorh schloss sich diesem Rat an – da er ja nun nicht bei ihr sein konnte. …
Erst als die Dämmerung einsetzte, ließ das Schwärmen über ihren Köpfen langsam nach. Kishou bot an, den Schutz der Nacht zu nutzen. Sie könnte mit ihrem Besonderen Apparat – dem ‚Stein, der Das Licht vom Allsein trennt’, die Gruppe durch das Dickicht führen. Madame KA warf aber ein, das Kishou ihre Zeit im kleinen Allsein benötigte, um ausgeruht und mit genügend Kraft in die Stadt zu gelangen. So blieben sie gerade da, wo sie waren.
Kishou rollte sich so gut es noch ging in den Schoss Boorhs, und versuchte mit den Gedanken an eine solche Aufgabe, wie sie nun am kommenden Tag auf sie zu kam, einzuschlafen. Gäbe es im Schlaf noch ein Bewusstsein, so wäre sie wohl darüber erstaunt gewesen, wie schnell es ihr gelang.
~
Auf sich allein gestellt
D
as dichte Blätterdach des Waldes verzögerte die Dämmerung des neuen Tages etwas, aber da sie nicht mehr all zu weit von Trital entfernt sein konnten, sollte die Zeit für Kishou ausreichend sein, noch an diesem Tag die Stadt zu erreichen. Wichtiger war es, dass sie von den Flugapparaten in Ruhe gelassen wurden – und dies war glücklicherweise zumindest jetzt im genügendem Maße der Fall. Nur hin und wieder mussten sie abwarten, bis diese ’Teller’ über sie hinweggezogen waren. Erhöhte Vorsicht galt nun auch vor den Wegen, die sie nun grundsätzlich mieden, aber doch immer wieder kreuzten. Unter den Gegebenen Umständen war es ratsam, möglichst nicht auf die Bewohner dieses Droms zu treffen.
Alles in Allem war es ein langsames Vorwärtskommen, zumal die Natur ihnen bereits genug Hindernisse in den Weg legte. Die Sonne stand fast im Zenit, als Madame KA anwies, nach einem geeigneten Platz Ausschau zu halten, wo sie auf die Rückkehr Kishous warten wollten. Einmal mehr bot sich hier bald schon eine Wurzelhöhle an, die der Stamm eines verrotteten Baumes für sie bereit hielt.
„Jetzt müsste ich nur noch wissen, wie ich in die Stadt komme – und wie vor allem wieder zu euch zurück!“, fragte Kishou in die Runde.
„Hiermit!“, meinte Habadam, und drückte ihr einen kleinen, scheibenförmigen, blauen Kristall in die Hand. „Seht ihr das kleine helle Licht, das sich an seinem Rande zu seinem Mittelpunkt verhält? Ihr findest es immer am Rande des Kristalls – und in seinem Verhalten vom Mittelpunkt aus betrachtet – findet ihr mich! Sein Verhalten ist bestimmt von dem Ort, an dem ich mich gerade befinde!“, erklärte er einer staunenden Kishou. Trital verhält sich zu uns …“ – er schloss seine Augen und hob seinen Stab in die Waagerechte, während er sich um seine Achse drehte und kurz darauf verharrte. „Dort!“ Sein Stab zeigte nun die Richtung an. „… Zumindest mit einer großen Wahrscheinlichkeit. Ihr könnt es nicht verfehlen, nachdem ihr einige Schritte diesen Weg genommen habt. Ihr müsst euch dann nur noch genau entgegen dem Verhaltens des Kristalls zu mir orientieren!“
„Ein Besonderer Apparat!“, erriet Kishou.
„Eine kleine, aber nützliche Magie!“, stellte Habadam bescheiden fest. „Luis Verhalten wird so gut es geht darauf bedacht sein, in eurer Nähe sein. Er erspürt den Besonderen Apparat, und kann euch jederzeit finden. So kann er uns über euer Verhalten berichten!“
Diese Auskunft war für Kishou überaus beruhigend wie auch wichtig, versprach sie doch während der Mission immerhin einen verbleibenden Kontakt zu ihren Gefährten. Sie lächelte entsprechend zu Lui hinüber, der unweit auf einer tiefen Astgabel hockend, ihren Blick mit dem aufspreizen seiner Flügel und einem kräftigen „Nein!“ kommentierte.
Sie machte sich nun bereit. Ihren Beutel wollte sie zurücklassen. Der graue Mantel hatte Taschen – da passte etwas von ihren Vorräten hinein. Wasser gab es genug in diesem Drom.
Ein echtes Problem stellte allerdings ihr Bogen dar, auf den sie nicht zu verzichten wagte. Hier erwies sich zunächst der bis über die Fußknöchel reichende, lange Mantel als nützlich. Den Lederbeutel mit den Pfeilen konnte sie unter ihm bequem versteckt unter ihrer Achsel tragen – auch den sperrigen Bogen schob sie der Länge nach unter den Stoff, und drückte ihn mit dem linken Arm an die Seite ihres Körpers. Beim normalen umhergehen erwies sich diese Lösung als durchaus brauchbar – der Versuch, sich mit dem Bogen unter dem Mantel irgendwo hinzusetzen zeigte aber deutlich die Grenzen dieser Lösung auf. Es war schlicht nicht möglich.
So verblieb letztlich nur die einfachste der Möglichkeiten eines Verbergens. Madame KA holte das Tuch vom Rücken ihres Biesels, auf dem sie beim Reiten zu sitzen pflegte. Seine Größe war mehr als ausreichend. Es schien ihr nicht die optimale Lösung, aber immerhin. Es konnte nun irgend ein Gegenstand sein, den sie verpackt mit sich trug.
„Ihr solltet nun doch besser den Rock der Braanen tragen!“, meinte Madame KA plötzlich. Wir kennen zwar die Verhältnismäßigkeiten dieses Droms noch nicht, aber auch bei dem letzten Zusammentreffen mit den Breenen waren wieder einige Braanen unter ihnen. Es scheint doch eine Normalität in dieser Verhältnismäßigkeit zu liegen – und ihr werdet euer Gesicht vielleicht nicht immer zweifelsfrei verbergen können unter ihnen!“
Endlich zum Aufbruch bereit, verschloss sie den nun dunkleren Mantel mit seinen großen Knöpfen, als das Untere Squatsch sich zu ihr gesellte, und sie etwas beiseite schob ... „Kishou … nun … also … verzeiht meine kleine unbemessene Verdrängung vom Allsein …“, raunte er ihr zu. „… aber ihr müsst unbedingt in einem Stück … in einem Stück hier wieder das Allsein verdrängen, wenn ihr zurückkehrt – wenn ihr meine Worte wohl bemesst. Wenn euch etwas geschehen sollte, also wenn … dann fürchte ich ... fürchte ich, wird dieses Drom hier das Allsein kennenlernen, noch lange bevor ... also noch lange bevor die Wasser auch hier versiegen. … wenn ihr wohl bemesst ... wenn ihr wohl bemesst, was ich meine. Wenn ihr versteht ...!“ Er warf einen unauffälligen, aber vielsagenden Blick in Richtung Boorh, dessen Gesicht zu einer finsteren Maske erstarrt war.
„Danke, Unteres Squatsch!“, verstand Kishou sofort. „Dann bleibt mir ja nix anderes übrig!“, meinte sie etwas lakonisch. „Passt auf ihn auf!“ Das sie darum einmal ausgerechnet das Untere Squatsch bitten würde, und ausgerechnet die Besorgnis von ihm kam, wäre ihr wohl auch nie in den Sinn gekommen.
Sie umarmte noch einmal alle, und stupste zuletzt Boorh mit seinem finsteren Gesicht mit den Worten in den Bauch, dass sie ja schon deswegen zurückkommen müsste, weil ja sonst niemand auf ihn aufpassen könnte – ließ sich von Habadam noch einmal die genaue Richtung anzeigen, positionierte nach den ersten Schritten den Kristall in ihrer Hand – und marschierte los …
~*~
Undolf
E
s war nicht das erste Mal, dass sie ganz auf sich gestellt war, aber irgendwie erschien es ihr gerade, als wäre es genau so. Vielleicht, weil das Drom in seiner blühenden Natur so friedlich schien, und sie doch gleichzeitig wusste, dass dieser Schein mehr als nur ein trügerischer war. Dennoch sollte sie sich frei bewegen können, solange niemand unter ihre Kapuze blickte. Aber sich allein und unerkannt unter den noch vollkommen fremdartigen Bewohnern dieses Droms zu bewegen, war schon verrückt genug.
Als sie bald schon auf einen Weg traf, dessen Verlauf sich kaum von ihrem eigenen Kurs unterschied, wich sie ihm nicht aus, sondern nutzte ihn. Nur die Kapuze zog sie vorsichtshalber noch etwas mehr über ihr Gesicht. Es war wohl mehr ein Reflex, denn es war ja weit und breit niemand zu sehen. Ein längerer Marsch zu Fuß durch den Wald wäre noch beschwerlicher gewesen als mit den Bieseln.
Ein Schwarm dieser ‚Teller’ zog summend dicht über den Baumkronen – und über sie hinweg, was ihr nun doch einen kleinen ersten Schweißausbruch bescherte. Aber die kümmerten sich nicht um sie. Es dauerte auch nicht lange, bis ihr ein Wagen mit einigen Breenen entgegenkam. Sie ging auf die Seite des Weges um ihm Platz zu machen, und er zog an ihr vorbei.
Ein Zweiter, dieses Mal von hinten kommend, ließ nicht lange auf sich warten, und Kishou stockte nun doch der Atem, als der, nachdem er sie überholt hatte, plötzlich anhielt. Es saß nur ein einzelner Breene auf dem Kutschbock, der sich nun nach ihr umdrehte. „Spring auf!“, rief er ihr zu.
Ihre Gedanken überschlugen sich. War es so etwas wie ein Befehl oder ein Angebot? Es blieb keine Zeit zum Nachdenken. Sie warf ihren eingewickelten Bogen auf die Pritsche und kletterte nach. Sie überlegte, ob sie etwas sagen sollte, entschied sich dann aber doch besser zu schweigen.
„Ich fahr ins Zentrum rein!“, sagte der Breene, ohne sich umzudrehen. „Sag Bescheid, wann du runter willst!“
„Alles klar – Danke!“, reagierte Kishou nicht wenig erleichtert. Er hatte sie also tatsächlich einfach nur aufgesammelt.
Der Kutscher blickte nach oben, als einige dieser Teller über ihnen ihren Weg kreuzten. „Ach ja – beinahe vergessen. Das Formular findest Du links hinten in der Ecke – ganz zu oberst, bei den anderen!“
„Das Formular?“, fragte Kishou, und schaute zu besagtem Ort auf der Pritsche. Ein Stapel Papiere lag dort in einer flachen Kiste.
„Hast Du das noch nicht mitbekommen?“, fragte der Breene
„Was meinst du?“, fragte Kishou und überlegte fieberhaft, wie sie reagieren konnte, ohne auffällig zu werden. Sie hatte keine Ahnung, was der Breene von ihr wollte.
„Warst wohl draußen, die letzten Tage!“, vermutete der Breene.
„Ja!“, schoss es sofort aus ihr heraus. „Es war viel zu tun. Und das Wetter …!“
„Ja, kam ganz schön was runter vorgestern Abend. Uns hat es auch kalt erwischt!“, übernahm er sofort. „Eine neue Verordnung kam vorgestern raus!“, sprach er weiter. „Jeder muss bei Fahrten über Land ein neues Formular ausfüllen, woher er kommt und wohin er geht – ich noch dazu, dass ich dich mitgenommen habe von hier nach Trital. Dafür brauch ich nachher deinen Namen … Gleich oben auf das erste Formular!“
Nun kam Kishou doch wieder ins Schwitzen. Sie fand das Papier an besagter Stelle – aber was sollte sie dort hinein schreiben? Sie hatte ja überhaupt keine Ahnung wo sie war und wo sie absteigen würde … Sie nahm den Stift, der auf den Papieren lag und überlegte Fieberhaft, was sie dort eintragen könnte, ohne sich zu verraten. Es fiel ihr beim besten Willen nichts ein. Sie sah nach oben in den Himmel. Eine Menge Vögel zogen dort ihre Bahnen. Ob Lui unter ihnen war, konnte sie auf die Entfernung nicht erkennen, aber er war in diesem Augenblick ja auch keine Hilfe.
Es gab nur eine Möglichkeit. Mit etwas Glück … Mit einer kurzen Bewegung warf sie den Stift hinter sich seitlich in das Unterholz. „Alles klar!“, meinte sie nun. „Hast du mal eben einen Stift?“
„Liegt oben auf!“, kam die prompte Antwort.
„In der Kiste, bei den Formularen?“, fragte sie scheinheilig.
„Ja!“
„Nein, da ist keiner!“, reagierte sie, und kramte geschäftig in der hölzernen Lade.
Das erste Mal drehte sich nun der Breene zu ihr um, während er seine Kapuze vom Kopf zog, um besser sehen zu können. Er hatte nur noch wenig Haare und einen angegrauten kurzen Bart unter seinem Kinn. „Der muss doch da liegen!“, wunderte er sich.
„Tut mir leid – vielleicht ist er ja an die Seite … aber da find' ich auch nichts!“, meinte Kishou und kramte geschäftig weiter.
Der Breene warf die Zügel über die Lehne seines Sitzes und kam nach hinten. Nachdem auch er kurz in der Kiste gewühlt hatte, gab er auf. „Das gibt Ärger – das gibt Ärger! ... muss irgendwie rausgefallen sein“, knirschte er, und begab sich wieder auf seinem Platz zurück. „Das muss unter uns bleiben. Du bist mit keinen Wagen in die Stadt gekommen, und ich habe niemanden mitgenommen!“
„Alles klar!“, bestätigte Kishou, und hoffte, das ihre tiefe Erleichterung in den Worten nicht zu hören war.
„Dann weißt du womöglich nicht einmal, warum die neue Verordnung erlassen ist!“, sagte der Breene, nachdem er die Zügel wieder an sich genommen hatte.
„Äh – nein!“, konnte sie hier ohne Verstellung reagieren. Sie wusste ja bislang nicht einmal, was ein Formular ist – geschweige denn, wozu so etwas gut sein sollte.
„Es soll tatsächlich passiert sein!“, verkündete der Kutscher. „Die Fremden aus der sterbenden Welt sollen ins Drom gekommen sein!“
„Wirklich?“, spielte Kishou erstaunt. Immerhin erfuhr sie nun schon, das sich ihre Ankunft im Drom bereits herumgesprochen hatte. …
„Na ja – eigentlich bislang noch eher ein Gerücht. Weiter draußen – irgendwo am Kornbaat wollen einige sie gesehen haben!“
„Echt?“, tat Kishou erstaunt. „Deshalb wohl auch die vielen Teller da oben!“, setzte sie, wie vertraut in solcherlei Dingen, hinzu.
„Ja!“, nickte er. „Aber es klingt doch alles etwas übertrieben. Es sollen riesige Kreaturen sein – bis an die Zähne bewaffnet und vollkommen ohne jede Regel. Einen Teller, der als Aufklärer da war, sollen sie einfach direkt vom Himmel geholt haben!“
„Ach du Schreck!“, spielte Kishou erschrocken.
„Aber viele können es noch nicht gewesen sein, nach den Berichten – wohl eine Vorhut. Die Gleim werden sich darum kümmern. Die Eilanträge sind seit gestern schon in der zweiten Lesung durch. Sie werden wohl spätestens Morgen aufbrechen!“
„Morgen schon!“, fiel es ehrlich erschrocken aus Kishou heraus.
„Ja! Ungewöhnlich!“, bestätigte der Breene. „Ohne weitere Prüfung! Die Anweisung kam wohl direkt von ganz oben – womöglich von den OHIB selbst. … muss also schon was dran sein, an der Geschichte!“
Kishou hörte kaum noch was er sagte. Diese Nachricht war mehr als beunruhigend. Wie sollte sie noch rechtzeitig zurück sein, um die anderen zu warnen – und wie dann noch rechtzeitig genug, um gemeinsam unerkannt zu entkommen?
Erst jetzt bemerkte sie, dass sich der Weg verbreitert hatte. Fuhrwerke und Wagen kamen ihnen entgegen und erste Häuser tauchten zu beiden Seiten auf. „Weiß man schon genau, wo sie sind?“, fragte sie.
„Na ja – irgendwo in der Gegend um das Kornbaat herum wird es wohl sein. Bei ihren Erscheinungen werden sie nicht groß herumspazieren können, ohne entdeckt zu werden – zumindest, wenn die Gerüchte nicht ganz falsch sind. Sie müssen sich also versteckt haben. Es gibt noch keine Nachrichten, dass man sie gefunden hat!“
Kishou atmete tief durch. Wenigstens suchten sie noch an einem falschen Ort. Sie waren ja inzwischen ein gutes Stück weiter gekommen. Der richtige lag aber nichts desto Trotz auf dem Weg dorthin …
„Na ja – den Ärger werden auf jeden Fall erstmal wir hier haben“, meinte nun der Breene. „Die Saison ist ja zu Ende. Du wirst sicherlich die nächsten Tage zurückkehren! – Wo kommst Du denn her?“
„Kishou erschrak. Genau solche Fragen durften nicht kommen. „Wie?“, reagierte sie, als hätte sie die Frage nicht verstanden, während ihr Kopf verzweifelt nach einer geeigneten Antwort suchte.
„Wo kommst du her?“, fragte der noch einmal. „Aus Machnok?“
„Ja – ja!“, nahm Kishou den Vorschlag sofort dankbar auf. „Zumindest aus der näheren Umgebung da!“, setzte sie noch schnell hinzu, um es nicht zu einfach klingen zu lassen.
„Hab ich mir gedacht!“, nickte der Breene. „Hier in der Gegend sind die meisten Saathelferinnen von da!“
„Ja – ist angenehmer wenn man sich kennt, und zum selben Ort fährt!“, meinte Kishou, und wunderte sich über sich selbst – was ihr spontan so alles in den Sinn kam.
Die Häuser waren zahlreicher und höher geworden, und die Straßen belebten sich immer mehr mit allerlei Fuhrwerken und Bewohnern dieses Ortes. Sie fuhren offensichtlich gerade in die Stadt ein. Sie hatte noch niemals so etwas gesehen, und wusste nicht, wo sie zuerst hinschauen sollte.
„Schon klar. Wann geht's denn zurück?“. Der Breene wurde offenbar langsam richtig gesprächig.
„Eigentlich übermorgen. … war heute mein letzter Arbeitstag. Aber unter den gegebenen Umständen lieber schon morgen!“, erklärte sie mit einer Vertrautheit, das sie fast selbst daran glauben könnte, während ihre Augen mit Faszination über die Fassaden der Häuser irrte.
Der Breene lachte vorn auf seinem Sitz. „Hast du dich schon abgemeldet?“
„Äh Nein!“ … Keine Ahnung, was er damit meinte.
„Wir kommen ja gleich direkt an der Meldestelle vorbei. Wenn Du willst, kann du da abspringen!“ Er zog etwas aus der Tasche, das an einer Kette befestigt war, warf einen kurzen Blick darauf, und verstaute es samt Kette wieder. „Es ist noch rechtzeitig – da bekommst du auch gleich die neuen Formulare!“
„Ja – gut. Mach ich!“, antwortete Kishou, ohne die geringste Ahnung, wovon er sprach. Aber die Redseligkeit des Breenen wurde langsam gefährlich, und was auch immer er meinte, es war zumindest eine gute Gelegenheit zu verschwinden.
Der Wagen bog in eine breite Straße ein, und hielt plötzlich. „Die letzten Schritte machst du besser zu Fuß. Wenn die Gaunen zufällig aus dem Fenster schauen, müssen die ja nicht unbedingt sehen, das du gerade von meinem Wagen steigst!“
„Alles klar!“, reagierte Kishou erleichtert, ergriff ihr langes Päckchen und sprang schon von der Pritsche.
„Und wie gesagt, wir sind uns nie begegnet. Du bist zu Fuß in die Stadt gekommen!“
„Schon klar! Und danke nochmal!“, verabschiedete sie sich.
Das Pferd zog an, und der Wagen setzte sich wieder in Bewegung.
Da stand sie nun.
Wo immer sie bisher gewesen war, so konnte sie doch auf einiges in ihrer Erinnerung zurückgreifen – hier war nichts, was sie an irgend etwas erinnerte. Hohe Häuser säumten zu beiden Seiten die breite Wegesflucht – mit drei Fensterreihen übereinander. Selbst einen solchen Weg hatte sie noch nicht gesehen. Er war unterteilt. Ein sehr breiter in der Mitte, wo die Wagen und Fuhrwerke fuhren oder an seinem Rand standen, und einem schmaleren zu beiden Seiten des breiten Weges, die von den Breenen zu Fuß genutzt wurden. Und es waren viele Breenen und wohl auch Braanen. Sie strömten an ihr vorbei und um sie herum wie das Wasser in einem Flussbeet. Eiserne Stäbe konnte sie in regelmäßigen Abständen im Verlauf des steinernen Weges erkennen, mit jeweils einer weißen Kugel darauf. Es mochten wohl irgendwelche Besonderen Apparate sein, spekulierte sie.
Sie fürchtete plötzlich aufzufallen, wie sie da, gleich einem Stein im fließenden Bach, den Strom behinderte. Sie zog ihre Kapuze tief über ihr Gesicht, und lief einfach, sich dem Fluss anpassend, los. Es schien ihr in diesem Gewimmel kaum denkbar, dass nicht doch irgend jemand ihr Gesicht entdeckte – und was dann geschehen würde, wollte sie sich nicht ausmalen. Nicht das sie bei ihrer Entdeckung direkt um ihr Leben fürchten musste – selbst die ärgsten Feinde zerschmolzen bei ihrem Anblick auf wundersame Weise, wie sie es immer erlebt, wenn auch nie verstanden hatte. Aber zu befürchten war, das es einen großen Auflauf geben würde, und sie damit verraten wäre. Die Horden der Gleichen waren Geschöpfe Suäl Graals, die sich dann wohl kaum von ihr beeindrucken lassen würden ...
Überall kam sie an große Fensterläden vorbei, wo vieles Unbekannte zu sehen war – aber auch immer wieder Früchte und Backwerk. Wenigstens dazu fand sie nun doch Vergleichbares in ihrer Erinnerung. Es erinnerte sie an die Oase Hebela in der Dritten Ebene des Dritten Tals des Dritten Droms. Dort gab es kleine, verwinkelte Orte mit Geschäften, wo man vor allem Gedanken tauschte … Hier tauschte man neben allerlei seltsamen Dingen offenbar sogar das Essen, staunte sie – allein das es hier augenscheinlich Unmengen davon gab, war schon unwirklich genug.
Aber unwirklich erschien ihr alles an diesem Ort. Die Straßenschluchten mit den hohen, zumeist gleichförmigen Fassaden der Häuser, der nicht enden wollende Strom von Fuhrwerken und Bewohnern, das in allen erdenklichen Tönen alles beherrschende Grau – und der strahlend blaue Himmel darüber, als wollte er der Farblosigkeit der Stadt mit aller Heftigkeit widersprechen. Daneben die scheinbare Gleichförmigkeit aller Bewegungen – und ein ohrenbetäubender, heller Lärm, der in diesem Moment gerade losbrach, und ihr einen gehörigen Schrecken versetzte.
Eine große Glocke begann ihr lärmendes Werk. Sie blickte zur anderen Seite der Straße hinüber. Ein großes Haus, ein stückweit vor ihr, dessen Fassade aus massigen, dunklen Steinquadern bestand, reihte sich dort in die ansonsten mehr oder weniger eintönige Häuserfront ein. Ein viereckiger Turm mit vielen Schlitzen in seinen Wänden, überstieg sein Dach, und war offenbar die Quelle des Spektakels. Ein großes Eingangsportal zierte die Fassade des Gebäudes, zu dem eine sehr breite Treppe hinaufführte – und darüber war eine riesige weiße Scheibe mit zwei unterschiedlich langen Stäben in das Mauerwerk eingelassen, die sie an die großen Speere erinnerte, wie sie die Asimielen im Dritten Drom für ihre Katapulte nutzten. Zahlen waren um den Rand der Scheibe angeordnet. Ohne Frage musste es ein wichtiges Haus sein – vielleicht gar jenes, dass sie aufsuchen sollte, um sich ‚abzumelden’.
Links und rechts des Portals standen zwei seltsame Gestalten. Sie fielen ihr sofort auf, weil ihre Kleidung nicht denen der Breenen entsprach. Sie trugen weite, dunkelrote Hosen und einen gleichfarbigen, mit gelben Bändern verschnürte kurzen Kittel. Sie standen da bewegungslos, und hielten einen langen und geraden schwarzen Stab neben sich aufgepflanzt. Einen Moment lang dachte sie sofort an die Gleim – aber verwarf den Gedanken gleich wieder, denn diese Gestalten waren ja bereits auf den ersten Blick von allen anderen zu unterscheiden.
Kishou fühlte sich mehr und mehr überfordert. Sie kam nicht zum Nachdenken, weil der Eindrücke zu viele waren. So ruhte ihr Blick fest auf eine Ansammlung von hölzernen Sitzbänken, die dort auf der anderen Seite der Straße, gleich neben dem besonderen Haus auf einen kleinen Platz standen. Sie waren um eine große, steinerne Schale mit Wasser herum angeordnet, und nur auf wenigen von ihnen saßen vereinzelt Breenen.
Kurzerhand wechselte sie bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit, wo der Strom der Fuhrwerke ihr eine ausreichende Lücke bot, die Straßenseite, und setzte sich auf eine der freien Bänke, um erst einmal zur Ruhe zu kommen.
Eine Weile betrachtete sie das geschäftige Treiben der Stadt. Es hatte etwas bedrohliches, wenngleich eigentlich nichts auf eine tatsächliche Bedrohung hinwies. Alles war sehr aufgeräumt. Alles schien seinen festen Platz zu haben. Nichts schien zufällig. Die Breenen, die vereinzelt oder zu mehreren auf anderen Bänken saßen, taten nichts, oder betrachteten große, beschriftete, mehrseitig gefaltete Papierblätter. ‚Blatt’, konnte sie in großen Lettern auf der ihr zugewandten Seite auf einem dieser Papiere lesen. Die erstaunlich lebensechte Zeichnung des Gesichts eines Breenen war darauf zu sehen. ‚Freigegeben’ stand in großen Lettern darüber. Sie entdeckte auch zwei Braanen unter den hier Verweilenden.
Sie fragte sich, was sie nun tun sollte. Es gab kein Ziel und niemanden hier, den sie ansprechen könnte – zumindest hatte sie noch keine Ahnung, wie sie das anstellen sollte, ohne sich zu verraten. Nach der Begegnung mit den Breenen auf dem Feld schien es allemal ratsam, nicht als Fremde erkannt zu werden – geschweige denn, als Kishou. Aber wie sollte sie nun etwas erfahren über dieses Drom? Sie bedauerte es fast, den Wagen verlassen zu haben, der sie hierher brachte. Immerhin hatte sie da schon einen Gesprächspartner. Sie dachte an Boorh und die anderen, und die Unmöglichkeit, sie rechtzeitig zu warnen – und sie versuchte sich damit zu beruhigen, dass es immerhin Chemuren waren, die sich wehren konnten. Aber wo würden sie dann sein, wenn sie zu ihnen zurückkehrte?
Sie nahm den kleinen, blauen Kristall aus der Tasche und betrachtet das helle, punktförmige Licht an seiner Seite. Sie drehte langsam das Kleinod, aber der Lichtpunkt verharrte immer in derselben Lage. Sie blickte in die Richtung die er ihr wies – sie musste ihren Kopf kaum bewegen, um ihm zu folgen. Der kleine, blaue Kristall war irgendwie eine tröstliche Verbindung zwischen ihr und den Gefährten – und noch mehr das Gefühl, dass Lui irgendwo in ihrer Nähe sein musste, wenngleich ihre Augen ihn noch immer nicht ausmachen konnten. Ihr Blick wandte sich wieder ihrer Umgebung zu.
Warum war dieses Drom so vollkommen anders als alle bisherigen, fragte sie sich. Zumindest schien es ihr so. Alles war fremd, was sie hier sah – und dabei nicht weniger vielgestaltig wie die lebendige Natur – in der allerdings entgegen der Vielfältigkeit dieses Umgebung hier nichts wirklich vorhersehbar war. Die Natur dieses Ortes schien ebenso abwechslungsreich – aber es war kein Leben darin. Zumindest kam ihr dieser Gedanke in den Sinn. Alles war aufgeräumt – vorhersehbar, wenn man die Dinge zueinander betrachtete. Alles schien eine Ordnung zu haben – in Ordnung zu sein. Nichts außer dem unverschämt strahlenden Blau des Himmels konnte diese Ordnung stören.
Bisher kannte sie nur die häufig vermisste Ruhe in der Unordnung und den Unvorhersehbarkeiten ihrer durchwanderten Landschaften. Hier meinte sie nun zum ersten mal auch die Bedrohlichkeit einer vorhersehbaren Ordnung zu spüren. … sie atmete unwillkürlich erleichtert tief ein, während sie zum Himmel aufsah. Wann immer der leuchtende und blaue Himmel nicht von dunklen, grauen Wolken verdeckt war, konnte nicht wirklich alles in Ordnung sein an diesem Ort.
Sie erhob sich. Irgendwo hier musste sich eine Gelegenheit bieten, etwas zu erfahren von dem, was in diesem Drom auf sie wartete. Auf ihrer Seite der Straße liefen die Breenen alle in die Richtung, aus der sie gekommen war, also entschied sie sich, wieder auf die andere Seite zu wechseln, um nicht beschwerlich gegen den Strom schwimmen zu müssen …
„He du!“, hörte sie in diesem Moment eine Stimme hinter sich.
Kishou drehte sich um. Die Stimme gehörte zu einem hageren Breenen, der auf der Bank saß, die neben der ihren stand.
„Du hast dich nicht erklärt!“, meinte der Breene, und wies mit einer Hand wie beiläufig auf einen nach vorn offenen Kasten, der, wie Kishou nun bemerkte, neben jeder Bank zu finden war. Sie überlegte fieberhaft, was der Breene wohl meinen könnte. In den Kästen lagen Blätter, wie sie bemerkte. Es mussten irgendwelche Formulare sein, erriet sie in Erinnerung an ihr Erlebnis auf dem Wagen.
„Ach … ach ja, richtig!“, stotterte sie hervor, und lief zurück zu dem Kasten an ihrer Bank. „Ich war so in Gedanken … hab’ ich ganz vergessen!“, meinte sie gequält entschuldigend – bemüht, ihr Gesicht nicht sehen zu lassen.
Das oberste Blatt war auf ein dünnes Brett geklemmt – ein Stift baumelte an einer Kette daran. Es war tatsächlich ein Formular. Es wies mehrere Spalten auf, über die zu lesen war: Identität, Grund des Aufenthalts, Dauer des Aufenthalts (von: bis:), Gedankengänge (Stichwortartig) usw. Ungläubig betrachtete Kishou das Papier. Einige Blätter waren bereits von Bankbenutzern vor ihr ausgefüllt worden. Sie hatte das untrügliche Gefühl von dem Breenen beobachtet zu werden, der sie angesprochen hatte, so nahm sie den Stift zur Hand und tat, als würde sie etwas aufschreiben, krakelte aber nur in die entsprechenden Spalten hinein. Was sollte sie auch sonst tun …
Sie legte das Brettchen mit dem Formular zurück in seinen Kasten und wandte sich um. Sie musste warten. Wagen, Kutschen und einiges mehr auf Rädern und Hufe hinderten sie noch daran, auf die andere Seite zu gelangen.
Was sie in ihrem Lauern auf eine Gelegenheit hinüber zu kommen nicht bemerkte, war, das der hagere Breene hinter ihr das von Kishou bearbeitete Formular aus der Box genommen hatte, und nun aufmerksam betrachtete. Er schob es zurück in den Kasten und verließ eilig den Platz.
Kishou wurde ungeduldig, der Strom der Fuhrwerke wollte kein Ende nehmen – als plötzlich ein schwarzer langer Stab sich wie eine Schranke vor ihren Körper legte. Sie schaute irritiert zum Anfang des Stabes, und dann in die Augen seines Trägers. Sie hatte in diesem Moment gar vergessen, dass sie dem Gegenüber damit geradewegs Einblick in ihre Kapuze gewährte. Es war einer dieser seltsamen Gestalten in der roten Kleidung, den sie vor dem Portal des besonderen Hauses gesehen hatte – oder zumindest einer, der ihnen gleich war.
„Es liegt ein Verstoß gegen die Verordnung VOPb 28-13/3715-7 vor! Name?“
Kishou stockte das Herz. Zeit zum Überlegen war nicht … „Olmar … Olmar Sharie!“, fiel aus ihr heraus. Der Name der Alten aus dem Trachtenhaus im Dritten Tal der Dritten Ebene des Dritten Droms war wohl der unpassendste für sie, der nur irgend denkbar war, aber es war wenigstens überhaupt einer, der ihr in diesem Moment einfiel.
Der rotberockte Breene fixierte sie Aufmerksam mit seinen Augen. „Ungewöhnlicher Name – ungewöhnliches Gesicht!“, sagte er dann. „Herkunft?“
Kishous Gedanken überschlugen sich. Ihr wurde plötzlich klar, dass er ihr Gesicht betrachtete – aber seine Reaktion stimmte nicht im entferntesten mit ihren Erfahrungen überein … „Äh … Machnok!“ Immerhin – diese Stadt, an deren Namen sie sich glücklicherweise erinnerte, gab es ja wirklich in diesem Drom. „Also nicht direkt aus Machnok!“, versuchte sie auch hier einen möglichst vertraulichen Plauderton. „aus der nahen Umgebung von Machnok, aber …“
„Existenznachweis!“, wurde sie unterbrochen. Der seltsam gekleidete Breene streckte fordernd, und scheinbar tatsächlich vollkommen unbeeindruckt von ihr, seine Hand aus.
Hier war es zu Ende. Der Breene reagierte nicht auf ihren Anblick, und Kishou hatte nicht die geringste Ahnung, was er von ihr forderte – und was immer es war, sie konnte auch nichts dergleichen besitzen.
„Existenznachweis?“, fragte sie in offener Hilflosigkeit, während ihre Gedanken heillos in ihrem Kopf umherirrten.
Der Breene antwortete nicht. Seine weiterhin fordernde Hand war für ihn wohl Antwort genug.
Kishou kramte Zeit schindend in ihren Taschen herum … „Ich hatte das doch … vorhin noch!“, log sie schlecht. „Vielleicht hab’ ich es versehentlich …!“
„Folge mir zur Identitätsprüfung!“, war die unmissverständliche Reaktion des Roten. Sein Stab schob sich in ihren Rücken und drängte sie vor sich hin in die Richtung des Portals des großen Hauses mit dem Glockenturm. Sie ließ es willenlos geschehen während sie fiebrig nach einer Rettung suchte. Es gab keine. Erst jetzt wurde ihr auch wirklich klar, dass der Breene ihr Gesicht intensiv gemustert hatte – und nicht auch nur ansatzweise in der Art reagierte, wie sie es immer gewohnt war!? ‚Ungewöhnliches Gesicht’ was alles, was er sagte …
Ihre kreisenden Gedanken begriffen den tatsächlichen Ernst der Lage wohl erst, als sie vor dem Rotberockten – es war tatsächlich einer der beiden, die sie gesehen hatte – die breite Treppe zum Einlass des Hauses emporstieg. Blitzartig bückte sie sich unter dem drängenden Stab in ihrem Rücken hinweg und sprang die Treppe hinunter. Sie vernahm einen schrillen, scharfen Pfiff, während sie ohne Rücksicht auf Breenen und Fuhrwerke auf die Straße und zwischen die Wagen sprang. Sie sah nicht die Köpfe, die sich unter den vielen Breenen schlagartig in die Richtung des Pfiffs umwandten, während sie sich unter dem Leib eines Zugtieres hindurchrollte und endlich die andere Seite erreichte. Sie hetzte durch die Menge, als diese plötzlich seitlich zu den Hauswänden hin auswich – bis auf einige, die hinter und vor ihr direkt auf sie zukamen. Sie zogen etwas aus ihren Taschen. Einer von ihnen, der ihr bereits nahe genug war, dass sie genauer sehen konnte, was er dort aus der Tasche zog, ließ sie erahnen, worum es sich dabei handelte. Der Besondere Apparat, der sich da auf sie richtete, hatte eine Öffnung, wie sie sie unlängst schon einmal gesehen hatte, und von Habadam erklärt bekam – es war eine kleine, quadratische Öffnung.
Spätestens von diesem Augenblick an war kein Gedanke mehr in ihr. Ein mächtiger Satz, der zwei vor einem Geschäft stehende Breenen von den Füßen riss, beförderte sie durch dessen geöffnete Tür. Die darin befindlichen Breenen wichen erschrocken aus, als sie durch den Raum stürmte. Eine Glastür an seinem hinteren Ende wurde eilig zugestoßen – ein Schlüssel drehte sich in seinem Schloss. Kishou sprang ungebremst in vollem Lauf durch ihren gläsernen Rahmen, noch bevor der Schlüssel abgezogen war. Ein kurzer Flur führte in einen weiteren Raum. Sie riss ein Fenster darin auf und sprang hinaus. Sie landete in einem Hof. Eine kleine Tür im gegenüberliegenden Gebäude öffnete sich in diesem Moment, und ein Breene trat heraus – er erhob gerade seine Hand mit diesen Besonderen Apparat …
Mit einem kurzen Ruck ihrer Hand entwickelte sich der Bogen aus seinem Tuch, während ihre rechte aus dem Mantel den Pfeil aus dem Halfter zog. Der Gleim hatte nicht einmal mehr die Gelegenheit sein Ziel aufzunehmen. Von der Wucht des Pfeils in der Stirn getroffen, fiel er hinten über, zurück in den Zugang, aus dem er gekommen war. Sie setzte über ihn hinweg und rannte durch den Flur zu dessen Ausgang. Sie fand sich in einer engen, leeren Gasse wieder, und hetzte durch sie hindurch – als plötzlich irgend etwas ihr jäh Einhalt gebot … Jemand riss sie im vollem Lauf zur Seite weg. Sie fiel einige Stufen einer Treppe hinunter, und hörte noch, wie eine Tür hart in ihr Futter schlug – dann spürte sie die Spitze eines kalten Eisens an ihrem Hals und das Keuchen seines Besitzers …
Von draußen war das Getrappel von eiligen Schritten zu hören. Schatten huschten immer wieder an den zwei kleinen, von Schmutz blinden, knapp unter der Decke befindlichen Fensterschlitzen vorbei.
Die Schritte wurden leiser und bald war es still.
„Deine Hände! Zeig mir deine Hände!“. Es war nur ein dämmriges Licht in dem Raum, wo sie sich nun befand, und es roch etwas modrig. „Deine Hände!“, hörte sie noch einmal hinter sich die befehlende Stimme.
Kishou ließ die Bogensehne über ihre Handfessel fallen, um ihn nicht preiszugeben und öffnete ihre Hände.
„Die andere Seite!“
Sie drehte ihre Hände um.
„Gut! Es heißt, es gibt einige Änderungen!“
„Was?“ Kishou meinte nicht richtig verstanden zu haben.
„Ich sagte, es heißt, es gibt einige Änderungen!“
Kishou überlegte einen Moment, konnte aber nichts mit den Worten anfangen. „Ich versteh nicht, was du meinst!“
Jetzt schien die Stimme zu überlegen, denn es war einen Moment still. „Wer bist Du, das sie dich jagen?“, hörte sie als Nächstes, und die kalte Spitze drückte sich noch etwas mehr in ihren Hals.
„Olmar Sharie!“, log Kishou wieder.
„Nirgendwo gelesen – bist du eine Abgefallene?“ Eine Hand begann in ihrer linken Tasche zu wühlen.
„Nein!“, antwortete Kishou auf’s Geradewohl hinaus.
Der Breene zog eine Teigtasche aus ihrem Mantel hervor, und ließ sie fallen. „Wo ist dein Existenznachweis?“
„Hast du ihn nicht gerade aus der Tasche genommen?“, reagierte sie scheinheilig.
Die Hand fuhr erneut in ihren Mantel, wühlte eine Weile darin herum, zog zwei kleine Früchte daraus hervor, und ließ sie fallen. „Da ist er nicht. Zeig ihn mir – aber ganz langsam!“
„Er muss da sein!“, log Kishou. „Oder ich hab’ ihn gerade verloren.
„Wo kommst du her?“, fragte die Stimme weiter. Sein Atem wurde ruhiger.
„Aus Machnok!“, log sie erneut.
„Saathelferin?“
„Ja!“
„Und wieso jagen sie dich?“
„Ich hab’ eine Weile auf einer Bank gesessen und vergessen, das Formular auszufüllen!“, erklärte sie wahrheitsgemäß.
„Du lügst!“, war die schroffe Reaktion, begleitet von einer bedrohlichen Bewegung des spitzen Gegenstandes an ihrer Kehle. Das ist eine VOPb 28-13/3715-7! Dafür wird man nicht liquidiert!
„Er wollte mich mitnehmen – da bin ich weggelaufen!“, versuchte Kishou mehr oder weniger geschickt, zu erklären.
Es folgte wieder einen Moment der Stille … „Wieso läufst du wegen so einer Sache weg?“
Immerhin schien der Umstand der Flucht schwerwiegender zu sein, und sie damit etwas zu entlasten. „Ich weiß auch nicht …“, suchte sie nach einer weiteren Erklärung. „Es war irgendwie ganz spontan …“
„Spontan?“. Fragte die Stimme ungläubig und hörbar verdutzt.
„Ja!, ich bin einfach weggerannt!“
Wieder trat ein Moment der Stille ein. Der Spitze Gegenstand löste sich plötzlich von ihrem Hals, und seine Hände drehten sie herum. Sie sah im dämmrigen Licht in das kantige Gesicht eines Breenen, der sie lange musterte. Er war nicht alt aber auch nicht jung. Hinter einer hohen Stirn waren die schwarzen Haare mit einigen erkennbaren grauen Strähnen streng zurückgekämmt. Seine zusammengekniffenen Augen wirkten Kühl in ihrem hellen Grau. „Mit dir stimmt irgend etwas nicht!“, meinte er plötzlich. „Ich weiß noch nicht, was es ist, aber irgend etwas ist nicht in Ordnung mit dir!“
„Wieso?“, wunderte sich Kishou ehrlich.
„In deinem Gesicht ist etwas, das hier nicht hergehört!“, meinte der. „Aber du bist auch nicht freigegeben – das wüsste ich!“, setzte er, in ihrem Gesicht forschend, hinzu.
„Was meinst du damit?“, fragte Kishou ehrlich verwundert. Spätestens jetzt war wohl endlich unzweifelhaft, das die Breenen auf ihren Anblick keineswegs so reagierten, wie sie es gewohnt war – und zum ersten Mal bedauerte sie es wohl.
„Und der Bogen …!“, kannst du damit umgehen?“ Kishou meinte in diesem Moment doch so etwas wie aufkommende Unsicherheit bei dem Breenen zu spüren. Allerdings nicht wegen ihr, sondern offenbar wegen des Bogens.
„Ein bisschen!“, log sie.
„Was ist das für ein Symbol da drauf?“ Er wies auf das Zeichen des Dao Khan auf seinem Holz. „Es kommt mir irgendwie bekannt vor!“ Er machte anstalten, den Bogen an sich zu nehmen, aber Kishou zog ihn sofort zurück.
„Der Bogen gehört mir!“, reagierte sie ungewöhnlich scharf. „Woher kennst du das Zeichen?“
Für einen Moment schien der Breene irritiert, ob der scharfen Reaktion Kishous, und hob drohend das spitze Eisen, das sich nun als ein Messer offenbarte. „Ich weiß nicht … – das geht dich nichts an!“, wehrte er aggressiv ab.
Langsam fand Kishou ihre Gedanken wieder. Der Breene war auf keinen Fall ein Gleim, und auch sonst kein normaler Breene. Und die Umstände ihrer Gefangennahme und dieses Ortes sprachen auch nicht gerade für das, was sie bisher von den Breenen erfahren hatte. „Und wer bist Du?“, fragte sie, ermutigt durch solcherlei Gedanken, gerade heraus.
„Das geht dich nichts an!“, war dessen sofortige Reaktion. „Absolut nichts!“, setzte er noch einmal bekräftigend nach.
„Es sieht so aus, als ob du mich gerettet hättest!“, stellte Kishou nun fest. „Wieso hast du das gemacht?“
„Vielleicht habe ich dich ja garnicht gerettet, sondern dich nur gefangen, um dich auszuliefern – vielleicht bin ich ja ein Gleim!“.
„Dann würdest du nicht so komische Fragen stellen!“, konterte Kishou. „Du musst selber aufpassen, das sie dich nicht kriegen!“, wendete sie ahnend das Blatt.
Wieder folgte ein Moment der Stille, in der sie von scharfen Augen gemustert wurde. „Ich weiß jetzt, wo ich das Zeichen gesehen habe!“, sagte er plötzlich.
„Echt?“, horchte Kishou auf. „Wo!?“
„In einem alten Krypt!“, antwortete er zögernd.
„In einem Krypt!“, fiel es aus Kishou heraus und ihre Augen öffneten sich weit.
„Ja …!“, zögerte der Breene noch immer, als würde er versehentlich ein Geheimnis preisgegeben haben. „So nannte man vor langer Zeit kleine Bücher, in denen man in der sterbenden Welt Aufzeichnungen machte. Ich habe es in einem Buch gesehen, das sich mit den alten Krypten beschäftigt – dieses Symbol war da irgendwo abgebildet!“ Offenbar meinte er Kishou erklären zu müssen, was ein Krypt ist.
„Es ist das Zeichen des Dao Khan!“, sagte Kishou.
„Stimmt! … ich erinnere mich an den Namen!“, staunte der Breene. „Der stand da auch in dem Buch – in mehreren sogar …!“ Nun bekam er große Augen, und er schaute ungläubig auf Kishou. „Woher weißt du davon? Kennst du die Bücher?“
Kishou empfand fast so etwas wie Triumph in sich aufsteigen. Wer immer der Breene war – ein Feind konnte es nicht sein. „Der Bogen hier …“ Sie erhob ihn und schaute den Breenen geradewegs in die Augen. „Das ist der Bogen des Dao Khan!“
Der Breene schaute auf den Bogen und dann auf Kishou, als wollte er gerade seinen Verstand verlieren … „Wer bist du!“, fragte er endlich. „Wer bist du wirklich?“
„Ich bin Kishou und ein Dompteur wie Dao Khan einer war!“, erklärte sie sich nun unumwunden. Ich komme von da, was ihr die Sterbende Welt nennt. Dao Khan, der mir half, die sterbenden Welten zu überwinden, gab mir seinen Bogen!“
Diese Worte hatten wohl die Wirkung eines schweren Faustschlages mitten ins Gesicht. Der Breene erhob sich, das Messer fiel achtlos zu Boden, er wankte einige Male hin und her, und fuhr sich mit den Händen immer wieder über das Gesicht, bis er sich endlich wieder Kishou zuwandte.
„Das ist nicht möglich! Das ist unmöglich …!“, stammelte er endlich. „Aber du weißt zu viel von dem, was in den verbotenen Büchern steht, als dass … Aber die Nachrichten …“, schüttelte er hilflos mit dem Kopf. „Die Nachrichten warnen schon seit langem vor möglichen Eindringlingen aus der sterbenden Welt … Es heißt, es soll seit einigen Tagen geschehen sein. Es sollen einige von ihnen gesichtet worden sein. Es sollen Riesen sein, ohne jede Regel und zerstörerische Barbaren …!“, wieder schaute er ungläubig auf Kishou.
Die lachte Erleichtert über die sich nun entwickelnde neue Situation laut auf. „Die meinen Boorh, Mo und Habadam! Aber so groß sind die nun wieder auch nich’ – so etwa das doppelte von mir – na gut, noch’n bisschen mehr. Aber das Untere Squatsch ist noch kleiner als ich, und Madame KA nicht mal das doppelte von mir!“
Dem Breenen erschien es wohl alles wie ein Traum, aus dem er nicht erwachen konnte, und schüttelte immer nur wieder seinen Kopf. „Ich kenne all diese Namen. Es sollen die Herrscher der sterbenden Welt sein – aber niemand weiß, wie sie aussehen … Du behauptest, das du sie kennst? Und sie sollen hier sein?“
„Ja klar!“, meinte Kishou.
„Als Vorhut? So ist es doch wahr, dass ihr unser Land …“
„Quatsch!“, fiel ihm Kishou sofort ins Wort. Sie erinnerte sich an die geäußerten Vermutungen des Breenen, den Boorh auf dem Feld gefangen hatte. „Wir sind da, weil wir versuchen wollen, dass Große Belfelland zu retten … bevor es nirgendwo mehr Wasser gibt!“, klärte sie ohne Umschweife auf. „Ich bin erstmal allein nach Trital gekommen, weil meine Freunde … also die Chemuren zu auffällig sind …!“ Sie stockte. „Aber jetzt mal der Reihe nach – wie heißt du eigentlich? Wieso bist du so anders als die anderen? Und was ist hier eigentlich los? – ich meine, ich bin ja vollkommen fremd hier. Hier ist alles so komisch – also ich meine, ich kann nichts von dem verstehen, was ich hier sehe. Wo wir herkommen, ist alles ganz anders!“ Sie wusste garnicht, wo sie Anfangen sollte, mit dem Fragen.
„Ich bin Undolf!“, antwortete der Breene fast tonlos, und ließ sich auf den Boden sinken, um dann wortlos vor sich her zu starren.
„Alles in Ordnung?“, fragte Kishou nach einer Weile etwas besorgt.
Der, dessen Name Undolf war, schüttelte abwesend den Kopf. „Nein. Nichts mehr ist in Ordnung! – Alles, was du sagst, widerspricht ihr. Du sprichst, als wärst du geradewegs den alten Büchern entstiegen. Wie soll ich das glauben?“ – Sein Blick fiel auf den Bogen. „Die Dompteure sollen unfehlbare Bogenschützen gewesen sein. Du hast aber gesagt, dass du nur ein bisschen mit ihm umgehen kannst …!“
„Das hab ich nur gesagt, um mich nicht zu verraten. Ich wusste ja noch nicht, wer du bist!“, meinte Kishou.
„Zeig mir, dass du es kannst!“
„Hier?“, fragte sie ungläubig.
Der Breene überlegte einen Moment. Er stand plötzlich auf und stieg die wenigen Stufen zur Tür hinauf. „Warte!“, sagte er und öffnete sie vorsichtig. Einen Moment später erschien sein Kopf wieder im Türspalt. „Komm!“, sagte er.
Kishou trat zu ihm in die leere Gasse hinaus.
„Schnell – siehst du da hinten den zweiten FAB von hier?“
„FAB?“, fragte Kishou.
„Ja, den ‚Formular Aufbewahrungsbehälter’!“
„Ach so, die Ständer da meinst du!“ In weiten und regelmäßigen Abständen fanden sich hölzerne Pfosten an den Fassaden mit einem Kasten daran, wie Kishou sie bereits von den Banken her kannte, wo sie sich ausgeruht hatte. Auf einem kleinen Weißen Schild war am oberen Ende jedes Pfostens eine Zahl angebracht.
„Kannst du den Behälter von hier aus treffen?“, fragte Undolf zweifelnd. Das Ziel mochte vielleicht 50 Schritte entfernt gewesen sein.
Kishou zog ein Pfeil aus ihrem Mantel und legte ihn in den Bogen. Kennst Du die Nummer des Dritten hinter dem, den du gerade genannt hast?“, fragte sie zurück.
„Natürlich! 72! Warum fragst du?“
„Damit du ihn auch findest, ohne sein Schild!“, antwortete Kishou. Die Sehne des Bogens spannte sich mit ihren Worten weit, und im nächsten Moment verließ ihn der Pfeil. Kurz darauf war ein leises Klirren aus der Ferne zu vernehmen und das gelegentliches Aufblitzen eines metallenen Gegenstandes, der über die groben Steine der Gasse rollte. Der Pfeil hatte sich seitlich unter die Markierung ins Holz getrieben und sie von ihrem Pfahl abgesprengt.
Der Breene starrte mit offenem Munde und weit aufgerissenen Augen auf das Geschehen. „... Ovg/MöGer/FAB-18/79!“, murmelte er vor sich hin.
„Was?“ Kishou meinte ihn nicht richtig verstanden zu haben.
„’Ordnungsvergehen Manipulation öffentlicher Gerätschaft’!, wiederholte er abwesend“ Plötzlich wandte er sich erschrocken nach allen Seiten um. „Komm, komm!“, raunte er und verschwand eilig in der Tür.
Er entzündete eine kleine Öllampe, und führte Kishou über unterirdische Flure in einen Raum, der zwar recht karg eingerichtet, doch durchaus wohnliche Züge trug. Eine weitere Tür führte in einen 'Toleban', wie er ihn nannte, und eine andere in einen Schlafraum. Sie war einmal mehr überrascht von dem, was sich in diesem Drom alles fand – nicht zuletzt von dem Raum, den der Breene als ‚Toleban’ bezeichnete. Es handelte sich dabei um einen Nassraum mit fließendem Wasser, das aus einem kleinen Rohr in der Wand heraustrat, und mittels eines Stopfens verschlossen wurde. In der Bezeichnung des Raumes fand sich das alte Wort für Ort – ‚Tol’, und das für Reinigung oder reinigen – ,bana’ beziehungsweise ,banä’, wie Kishou sofort bemerkte, als sie seine Funktion erkannte. Er bezeichnete also offenbar einen ,Ort der Reinigung’. Sie lächelte bei dem Gedanken, dass hier wohl niemand außer ihr zu erklären vermochte, warum dieser Raum Toleban genannt wurde. Zum ersten Mal schienen die Lebensumstände eines Volkes nicht unähnlich zu dem zu sein, wie sie es eigentlich benötigte. Es war nicht sonderlich gemütlich – vor allem wegen des fehlenden Tageslichts und der unzureichenden Belüftung. Aber es war ja auch offensichtlich ein geheimer Ort. Hier nun folgte ein nicht enden wollendes Gespräch.
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Eine seltsame Welt
U
ndolf, so stellte sich nun heraus, gehörte zu einer Gemeinschaft, die sich ONO nannte. Kishou erinnerte sich sofort an diese Bezeichnung, die einer der Breenen, die sie auf dem Feld einfingen, mit ihr verbunden hatte. Nun war auch klar, wie er darauf kam.
ONO war ein Kürzel, und stand für ‚Organisation neue Ordnung’. Und wie sie nun erfuhr, war diese Gemeinschaft eine Untergrundorganisation, dessen Ziel die Beseitigung der bestehenden Ordnung war. Undolf meinte, das die Ordnung der Breenen möglicherweise auf einer einzigen großen Lüge basierte, und das Drom auf einen Abgrund zusteuern würde. So erfuhr sie, dass auch das Vierte Drom Gegenden kannte, die langsam versteppten und immer mehr austrockneten. Auch der Regen hatte erheblich nachgelassen. Die Gaunen gaben als Grund Schwankungen im Wetter an, die ganz normal wären, und sich wieder stabilisieren würden. Kishou wusste nichts mit ‚Gaunen’ anzufangen, unterbrach den Breenen aber nicht in seinen Erklärungen.
Die ONO verfüge nun allerdings über große Archive verbotener alter Bücher und Schriften, erklärte er, die eine ganz andere Erklärung bot, als die offiziell verbreitete. Sie erforderte ein Umdenken und Neugestalten der Ordnung, wenn man die Austrocknung des Droms aufhalten wollte. Es würde ihrem Drom ansonsten das selbe Schicksal ereilen, wie das der Sterbenden Welt. Aber das gemeine Volk der Breenen kannte nur die Verlautbarungen der Obrigkeit. Die oberen Kasten, so meinte der Breene, wussten vielleicht mehr – zumindest manche von ihnen – aber die waren an ihren Privilegien interessiert und den OHIB treu ergeben.
So erfuhr Kishou nach und nach etwas über die Hierarchie eines Herrschaftssystems, von dem sie garnicht wusste, dass es so etwas überhaupt geben konnte. Sie kannte bislang nur die Chemuren als Beherrscher der Drome. Hier war alles anders.
Zu oberst war die Kaste der ‚OHIB’ – 12 an der Zahl. Sie waren die Gesetzgeber und in ihren Urteilen unantastbar. Dann waren da die ‚Steigerinnen’. Sie waren die Obersten der Städte und Gemeinden, aus deren Reihen die OHIB erwählt wurden, wenn von ihnen einer starb. Die OHIB waren ausschließlich Braanen und herrschten vom Tal des Droms heraus – wie auch die ihnen in der Hierarchie folgenden ,Steigerinnen’, und den darauf folgenden ‚Wählbaren’. Diese wiederum gehörten zur obersten Schicht der Kaste der ‚Gaunen’, während der Gaun selbst im allgemeinen ein Breene war. Die ,Steigerinnen' rekrutierten sich wie die ‚Wählbaren’ natürlich auch aus den braanischen Gaunen, aus deren Reihen in einer allgemeinen Wahl von dem Volk der Breenen die ‚Steigerin’ bestimmt wurde.
Kishou fand das alles nur verwirrend und in seiner Fremdartigkeit zunächst vollkommen undurchsichtig. „Was ist mit Suäl Graal?“, interessierte sie viel mehr. Der Breene hatte sie bisher mit keinem Wort erwähnt.
„Die gehört zur Sippe der Chemuren, wenn ich mich recht erinnere. Sie soll die Oberste unter ihnen sein. Ist es nicht so?“
„Ja, natürlich!“, wunderte sich Kishou über die Antwort. „Aber was ist mit ihr? Du hast noch nichts von ihr erzählt. Sie ist schließlich die Herrscherin dieses Droms – also genaugenommen des Vierten Tals der Vierten Ebene des Vierten Droms – und wegen ihr versiegen doch schließlich die ganzen Wasser!?“
Undolf schüttelte unverständig den Kopf. „Nein, die gibt es hier nicht!“, stellte er mit Bestimmtheit fest. „Sie gehört zu den Legenden alter Zeiten – wie alle von der Sippe der Chemuren. Das heißt …“, er zögerte. „Zumindest ging ich bis jetzt davon aus – wie die Meisten von uns. Und ehrlich gesagt …“ Wieder zögerte er ... „Auch wenn du etwas anderes behauptest: wirklich überzeugt sein werde ich erst, wenn ich sie mit eigenen Augen gesehen habe!“
Was der Breene da von sich gab, erschien Kishou so verrückt, dass sie einen Moment ernsthaft in Erwägung zog, das alles nur zu träumen. „Du sagst, ihr kennt Suäl Graal nicht? Also die Breenen, die nicht eure Bücher lesen, dürften ja dann nicht mal was von ihr gehört haben?“, schloss sie ungläubig.
„Ja natürlich nicht!“, reagierte ihr Gegenüber mit Verwunderung, dass dies überhaupt eine Frage sein konnte.
Nun begriff Kishou garnichts mehr. Dieses Drom war anders als alle anderen, das war sehr schnell klar – und die Stadt hatte geradezu etwas unwirkliches – aber was sie nun akzeptieren sollte, überstieg gänzlich ihr Vorstellungsvermögen. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und atmete tief aus. Sie verstand das alles nicht … Es ergab alles überhaupt keinen Sinn.
„Wenn ich der ONO darüber berichte, was ich gerade erlebe, wird man vermuten, ich wäre verwirrt und bar jeder Ordnung!“, meinte Undolf in die entstehende Stille hinein. „Und jetzt hör mir zu! Ich sehe dich mit eigenen Augen, du bist fremdartig, wenn man dich genau betrachtet – und ich treffe auf dich, gerade als die lang angekündigten Wesen aus der Sterbenden Welt gesichtet worden sein sollen. Du kennst dich offenbar in den alten Krypten aus, und du führst den Bogen in einer Weise, wie es dort beschrieben steht – und wie es eigentlich doch nur die freie und wieder jeder Ordnung erdachte Phantasie erdenken kann. Nur aus all diesen Gründen höre ich dir zu. Aber es bedeutet nicht, dass ich dir auch glaube!“, schloss er.
„Aber … aber ich denke … du hast doch eben gesagt, ihr kennt die Geschichte des Großen Belfellands und seinen anderen Dromen – den Sterbenden Welten!? Und jetzt sagst du, dass du mir nicht glaubst – als gäb’s das alles nicht!?“
„Was spielt es für eine Rolle, ob das, was in den Büchern berichtet wird, wahr ist?“, meinte der Breene. „Man findet in ihnen eine andere Möglichkeit von Wahrheit – nur das zählt! Sie widerspricht der Wahrheit der Breenen und Braanen und stört damit ihre Ordnung. Die Ordnung bietet keine absolute Sicherheit mehr, wenn man eine Alternative ihrer Wahrheit nicht mehr ausschließen kann!
„Wie meinst du das?“. Es schien ihr langsam, als würde diesem Drom jede Vernunft verloren gegangen zu sein.
„Da gibt es nichts zu meinen!?", schien sich der Breene fast über die Frage zu wundern. Es ist das erste Gesetz der Ordnung! Wie kann eine Wahrheit bestand haben, wenn neben ihr auch nur eine einzige andere existieren könnte – und man von ihr erfährt? Allein deine Frage ist schon ein Indiz für die Richtigkeit der offizielle Wahrheit. Ihr kennt offensichtlich keine Ordnung!"
„Häh ...", kam es nur im vollen Unverständnis aus Kishou heraus ...
„Alle offiziellen Lehrbücher sagen, dass es neben dem Belfelland noch eine andere Welt gibt – jenseits seiner Grenzen, die unzugänglich sind. Sie werden bewohnt von Barbaren ohne jeden Verstand und ohne jede Regel. Es heißt dort, dass sie ihr Wasser verschwendet und verbraucht haben, und früher oder später versuchen werden, das fruchtbare Belfelland zu überfallen um sich darin auszubreiten!“
„Und die Breenen glauben das?“
„Ja natürlich!“, reagierte der Befragte. „Man kann es überall lesen, und immer wieder wird in den Nachrichtenblättern davon berichtet. Wie könnte es nicht die Wahrheit sein? Es existiert keine andere. Niemand würde auch freiwillig an diesen Wahrheiten zweifeln, weil das die Ordnung und die Sicherheit gefährden würde!“ Er machte eine verzweifelte Geste, als fürchtete er, dass man ihm gerade seines eigenen Glaubens berauben würde. „Aber es fanden sich vor langer Zeit schon alte Bücher, die genau diese einzige Wahrheit in Zweifel ziehen – die eben etwas ganz anderes sagen …!“, erzählte er missmutig weiter. „… und eben genau diese Wahrheit in Frage stellen! Sie berichten von weiteren Dromen eines ‚Großen Belfellands’, und wie sie eines nach dem anderen sterben, weil diese Suäl Graal dem Großen Belfelland das nötige Wasser verwehrt – wegen irgendwelcher Streitereien mit den anderen Chemuren!“ Er winkte ab, als wollte er darauf nicht weiter eingehen. „Es sollten eigentlich nur dumme, alte Geschichten sein. Aber es war eben eine Alternative zur offiziellen Verlautbarung … Es fanden sich gar ausreichend Indizien der hiesigen Entwicklung, die mit den Beschreibungen dieser Schriften übereinstimmten. Damit war nun eine andere Möglichkeit der Entwicklung unseres Landes in den Köpfen der Breenen – eine alternative Ursache für die Steppenbildung – unabhängig davon, ob diese Geschichten in den alten Büchern nun stimmen oder nicht!“
„Aber das ist doch gut so!“, verstand Kishou die Aufregung ihres Gegenübers nicht.
„Was kann daran gut sein?“, wurde sie sogleich abgewehrt. „Das Volk war beunruhigt, und begann Fragen zu stellen und genauere Untersuchungen der Steppenentstehung zu fordern. Sie zweifelten mehr und mehr an den Erklärungen der herrschenden Kasten, ignorierten die Aushänge und Nachrichten der Gaunen und suchten nach neuen Wahrheiten! Wie dem auch ist …!, Es wurde dann die Verordnung VOBN487a-g erlassen, danach durften Bücher und Nachrichten mit nicht ordnungsgemäßen Inhalten bei schwerster Bestrafung nicht mehr vertrieben und gelesen werden, und wurden vernichtet. Wer sie dennoch verbreitete oder darüber berichtete, wurde sofort von der Ordnung freigestellt!“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber der unselige Gedanke wider der Ordnung war nun in der Welt!“, setzte er fort. „Zudem konnten viele Bücher vor ihrer Vernichtung unerkannt vervielfältigt oder versteckt werden. Auf ihrer Grundlage bildete sich später die ONO heraus. ... mit dem Ziel, eine neue Ordnung zu schaffen, die von der Ordnung abweichende Fragen und ihre Untersuchung zulässt. Es geht ihr darum, eine mögliche Zerstörung des Belfellands zu verhindern! Aber das ist alles schon lange her!“, schloss er. „Das Volk der Breenen hat die Fragen längst vergessen, so, wie es die Ordnung erfordert, wenn sie bedroht ist. Doch dies galt nicht für alle. Und so wuchs die ONO im Untergrund langsam aber stetig weiter, und ist heute überall präsent und hat beste Verbindungen zu fast allen Kasten – vor allem den Gaunen. Aber wir müssen äußerst vorsichtig sein.
„Wissen die … also ich meine, die hier Herrschenden, dass es euch gibt?“, wollte Kishou wissen. Die jeweiligen Namen hatte sie schon wieder vergessen.
„Selbstverständlich!“, war die klare Antwort. „Die Gleim machen kurzen Prozess, wenn sie einen von uns entdecken. Wir werden ohne jede formale Feststellung der Abfälligkeit von der Ordnung, sofort in einem Zuge freigestellt und liquidiert. Die Gaunen haben einen ‚Bund der Unsichtbaren’ eingesetzt, um unsere Mitglieder ausfindig zu machen. Sie arbeiten im geheimen, und niemand weiß wer sie sind. Die Gaunen versuchen immer wieder, Unsichtbare in unsere Organisation einzuschleusen – bislang ohne Erfolg. Deshalb musste ich mir auch sicher sein, mir mit dir nicht so einen Vogel eingefangen zu haben. … ich hoffe noch immer, mich in dir nicht getäuscht zu haben!“
Kishou atmete hörbar durch. „Das geht ja alles gut an hier!“, seufzte sie. Was bedeutet das mit dem ‚Abfallen’? – Du hast mich ja vorhin auch gefragt, ob ich sowas bin!“
„Für ‚Abgefallen’ gilt nach GrVO-3 Abs.1, wer den Fundamenten der Ordnung widerspricht und sie damit in Gefahr bringt. Er oder sie ist damit nach dem Gesetz von der Ordnung freigestellt, und wird sofort aus ihr entfernt – also liquidiert. Die Mitglieder der ONO sind nach dem Gesetz zum Beispiel alles Abgefallene – wenngleich natürlich noch nicht also solche erkannt!“
„Ach du Schreck!“, reagierte Kishou. Sie erinnerte sich an die Portraitzeichnung, die sie auf eines der Blätter gesehen hatte, als sie auf der Bank etwas Ruhe suchte. „Ich glaub’, ich hab so ein Bild von einem gesehen, wo ‚Freigestellt’ darüber stand. War das einer von euch?“
„Ich weiß – vermutlich. Ich kenne ihn nicht!“, hob der Breene seine Schultern. „Es kommt immer wieder einmal vor, dass einer von uns enttarnt wird. Aber es könnte auch jemand anderes sein, der aus irgendeinem Grund aus der Ordnung ausgeschert ist. Die Ordnung befindet sich im immerwährenden Kampf gegen solche chaotischen Erscheinungen!“
„Aber man hat ihn ja glücklicherweise offenbar nicht erwischt, sonst würde man ja nicht nach ihm suchen!“, hoffte eine nachdenkliche Kishou.
„Er hat keine Chance. Er ist draußen. Niemand kann für sich allein außerhalb einer Ordnung lange überleben!“, stellte der Breene erstaunlich kühl fest. „Sein Bildnis und sein Name hängt in allen Amtstuben, und man wird ihn auch so überall schnell in seiner Haltlosigkeit bemerken. Wer ihn erkennt ist verpflichtet, ihn sofort zu liquidieren – oder wenn dazu keine Möglichkeit besteht, ihn umgehend zu melden. Für ihn ist es vorbei!“
„Das ist doch irre!“, platzte es aus Kishou heraus.
„Eine stabile Ordnung kann sich keine Fehler in ihrer Struktur leisten!“, wunderte sich der Breene ehrlich über Kishous Reaktion – sowenig wie sich die Ordnung der ONO einen Unsichtbaren in ihren Reihen leisten kann. Das ist doch wohl nachvollziehbar, und das genaue Gegenteil von dem Zustand, den du als ‚irre’ bezeichnest!“
Kishou sah den Breenen an wie einen Geist, und schüttelte nur hilflos mit dem Kopf. Sie konnte dem nichts entgegnen – es war ja irgendwie tatsächlich stimmig, was der Breene da sagte. Aber irgendwo war da dennoch ein Fehler. Es war nicht wirklich stimmig – oder durfte zumindest nicht stimmig sein, wie ihr Bäuchlein unzweideutig signalisierte. Sie war aber in diesem Moment nicht in der Lage, diesen Widerspruch in sich aufzuklären – und es war ja nun auch tatsächlich nicht gerade die Zeit, sich mit solcherlei Fragen aufzuhalten. So erklärte sie nun ihrerseits Undolf ihre Lage – ihr Problem mit ihren Freunden, die im Wald vor Trital versteckt auf ihre Rückkehr warteten – und von dem Umstand, das die Gleim möglicherweise auf sie treffen würden, wenn sie in Richtung des Ortes marschieren würden, wo sie erstmalig von den Breenen gesehen wurden. Eine zeitnahe Lösung für dieses Problem konnte es den Umständen entsprechend nicht geben.
Es war über die vielen zu beantwortenden Fragen später Abend geworden, und eine sofortige Rückkehr zu ihren Begleitern schon von daher beim besten Willen nicht mehr möglich. Undolf meinte, das er versuchen würde, etwas für den nächsten Tag zu organisieren, und das sie diesen Ort auf keinen Fall verlassen dürfte, bis er zurückkam. Er bot ihr an, das Bett im Schlafraum zu nutzen, damit sie sich ausruhen konnte. Er selbst würde in seiner richtigen Wohnstatt schlafen, und zudem bis zum Mittag in einem kleinen Geschäft arbeiten müssen.
Die Nacht war nicht mehr sehr lang, und so brach er auf. Tausend Fragen in Kishous Kopf mussten noch unbeantwortet bleiben.
~
Eine kurze Nacht
A
ls Kishou erwachte, war die kleine Flamme des Öllämpchens längst verloschen. Dunkelheit umgab sie in dem kleinen, fensterlosen Raum. Sie wusste nicht, ob der neue Tag schon angebrochen war oder eben noch nicht. Mit der Hilfe ihres ‚Steins, der das Licht vom Allsein Trennt’, wankte sie noch etwas benommen in den Nebenraum, wo sie Abends zuvor gesessen hatten, und begab sich zunächst in den ‚Toleban’, auf den Undolf tags zuvor hingewiesen hatte.
Es war alles andere als einfach oder gar bequem, sich nur mit Hilfe ihres Besonderen Apparates zurecht zu finden, aber allein, dass es einen solchen Toleban gab, erschien ihr nach all den Zeiten des Verzichts auf so etwas, wie ein Wunder. Wieder in den Wohnraum zurückgekehrt, ärgerte sie sich nun doch, nicht gefragt zu haben, wie man ein Öllämpchen entzündet. Das ausharren in der Dunkelheit, ohne jede Ahnung auf eine Zeit der Erlösung, schien ihr bald unerträglich.
Sie warf sich ihren Mantel über und drehte vorsichtig den Schlüssel in der Tür, die nach draußen führte. Ebenso vorsichtig lugte sie hinaus in den dunklen Gang dahinter. Undolf hatte ihr aufgetragen, die Tür hinter ihm zu verschließen, als er aufbrach. Sie suchte sich ihren Weg durch den Flur, der zu beiden Seiten viele Türen ähnlich der ihren aufwies, bis sie endlich den Raum erreichte, in dem der Breene sie hineingezogen hatten, und von dem man auf die Gasse gelangte. Das von den schmalen Fenstern unter der Decke einfallende dämmrige Licht deutete immerhin darauf hin, dass es schon Tag geworden war.
Die beiden schmalen Fensterschlitze knapp unter der Decke waren blind von Schmutz, und verrieten nicht mehr, als eben das es Tag war. Der Raum war nicht sehr hoch. Sie fand in ihm einen kleinen Karren und einige Bretter, die sie so aufeinanderschichten konnte, dass sie eines der Fenster erreichte. Mit dem Finger wischte sie ein kleines Loch in den dicken Schmutz. Aber die Maßnahme gab nicht mehr her, als den Blick auf die nahe gegenüberliegende graue und Fensterlose Fassade, und aus einer akrobatischen Perspektive heraus ein kleines Stück Himmel, der offenbar gerade von Wolken bedeckt war.
Es half alles nichts. Der Tag konnte eben erst angebrochen, oder schon weit fortgeschritten sein. Sie lief wieder zurück in die kleine Behausung, verschloss die Tür, setzte sich auf den Boden, und begab sich zu jenem Ort, wohin dem Dompteur niemand folgen konnte. Denn das Folgen benötigt eine Zeit – und die gab es dort nicht.
~
Rückkehr zu den Gefährten
E
in helles Klopfen, dem Kishou erlaubt hatte, den Raum des Dompteurs in seiner unendlichen Stille zu stören, hallte durch die Ewigkeit. Sie öffnete die Augen. Noch einmal klopfte es im Rhythmus eines verabredeten Zeichen. Sie erhob sich und öffnete die Tür.
Drei Gestalten traten ein. Sie trugen alle Öllämpchen mit sich. Den Undolf erkannte Kishou sofort, die beiden anderen hatten ihre Kapuzen weit in das Gesicht gezogen und hielte ihre Lampen etwas seitlich, so das von ihren Gesichtern nichts zu sehen war. Sie setzten sich wortlos, nachdem sie ihre Lichter weit von sich und nahe bei Kishou abgestellt hatten.
„Die Beiden sind Mitbrüder der ONO!“, eröffnete Undolf. „Es ist besser, du kennst sie nicht, solange wir nicht überzeugt sind, dass du kein Unsichtbarer bist. Wir vermuten …“, begann er ohne Übergang und offenbar unter ihnen verabredet, … dass die Kleiderordnung der sterbenden Welten eine andere ist, als die unsrige. Du solltest sie kennen. Kannst du etwas darüber sagen?“
„Klar!“, erwiderte Kishou. Es gibt keine! – Also keine, an die man sich halten muss, wie’s wohl hier so ist!“ Sie erhob sich und öffnete ihren Braanenmantel. „Meine Sachen sehen zum Beispiel so aus! Bis auf die Kutten der Kyiten in der Ersten Ebene des Ersten Tals des Ersten Droms, die so ähnlich aussehen wie eure Mäntel, trägt jeder, was er will!“
Die beiden Breenen schienen sehr überrascht beim Anblick Kishous ohne ihren Mantel, und flüsterten angeregt miteinander. Undolf erhob sich gar und befühlte ihre Bluse mit seinen Händen. Er setzte sich wieder und besprach etwas flüsternd mit seinen Kumpanen.
„Meine beiden Brüder hier sind Experten, was die alten Krypte der Sterbenden Welten angeht!“, meinte er dann. „Sie sagen, viele von ihnen sind in einer unbekannten Sprache verfasst, die bislang noch unzureichend verstanden wird. Weißt du etwas von ihr?“
„Tak!“, antwortete Kishou sofort. „Eli quad ai chrona fata sun quapo, cum Suäl Graal fiin ai horp galamara! – Es ist die Sprache der alten Zeit, die gesprochen wurde, bevor Suäl Graal die Großen Tore der Großen Wasser verschloss!“, übersetzte sie sogleich.
Diese Antwort Kishous löste in den Breenen sichtbar eine heftige Erregung aus. Unruhig steckten sie ihre Kapuzen zusammen und tuschelten so heftig miteinander, dass Kishou sogar einige Worte mitbekam.
„Nach all den Erfahrungen mit dir, habe ich mich nach reiflicher Überlegung entschieden, dir zu vertrauen!“, meinte Undolf endlich, „Aber meine Brüder haben recht, wenn sie meinen, ich sollte mich erst allein von der Anwesenheit der Chemuren überzeugen, um ganz sicher zu gehen, das es Wahr ist, was du sagst. Denn wenn es wahr ist, was du sagst, zerstört es alle Ordnung der Breenen. Bis zu einer neuen Ordnung wird das Chaos herrschen. Wenn du aber von den Gaunen geschickt wurdest, und wir dir vertrauen, so hat es das Potential, die ONO zu zerstören! Wie auch immer, deine Ankunft ist mehr als nur eine Gefahr für alle – sie ist eine mögliche Zäsur in der Geschichte des Belfelland. Wir dürfen kein Risiko eingehen!“, schloss er.
„Und was machen wir jetzt?“, fragte Kishou gerade heraus.
„Die Nachrichten besagen, dass ein großes Aufgebot der Gleim um 6 Uhr aufgebrochen ist. Wenn die Chemuren …“
„Was ist ‚6 Uhr’, unterbrach Kishou ihn aufgeregt.
„6 Uhr ist 6 Uhr!“, antwortete Undolf nicht verstehend.
„Ich kenne diese Bezeichnung nicht. Wann ist ‚6 Uhr’? Meint es eine Zeit des Tages?“, drängte Kishou.
„Ja! - also c kurz nach Tagesanbruch etwa.
„Und welche Zeit ist seitdem vergangen?", fragte sie nervös.
Na jetzt ist es ungefähr 2 Uhr Mittags - also ... also die Sonne hat ihren höchsten Stand schon überschritten, falls du das verstehst!" ...
„Das bedeutet, sie müssten längst auf Boorh und die anderen gestoßen sein!“, erschrak Kishou. Sie kramte nervös in der Tasche ihres Mantels, zog endlich den kleinen, blauen Kristall hervor und legte ihn auf den Tisch neben eine der Lampen. „Seht ihr den Lichtpunkt an seiner Seite? Das ist die Richtung, wo in diesem Moment Habadam, und also auch alle anderen sind. Könnt ihr sagen, in welcher Richtung der Ort liegt, wo die Gleim hinmarschieren?“
Alle betrachteten gebannt das Kleinod neben der Lampe. „Was ist das für ein Gerät?, fragte Undolf.
„Ist doch jetzt egal!“, wehrte Kishou ab. „… Ein Besonderer Apparat, der mir immer genau die Richtung anzeigt, in der ich auf Habadam treffe. Ist es dieselbe Richtung, in der die Breenen uns gesehen haben?“, fragte sie noch einmal.
Undolf dachte nach und versuchte offenbar die Lage des Raumes mit dem Draußen zu verbinden. Dann wies er in eine Richtung. „Ich würde sagen, das Kornbaat liegt in etwa in dieser Richtung!“ Er streckte seinen Arm in den Raum hinein, während er auf die Scheibe blickte.
„Sicher?“, hoffte Kishou, denn der ausgestreckte Arm wich eindeutig von der Richtung nach rechts ab, die das Licht in dem Kristall anzeigte.
„Das dürfte stimmen!“, meinte einer der beiden Breenen, und man sah an seiner Reaktion, dass er erschrak, laut gesprochen zu haben, denn er drehte sich sofort vom Tisch weg.
„Das könnte im besten Fall bedeuten …“, sinnierte Kishou. „… das sie die Horden der Gleichen rechtzeitig bemerkt haben, und geflohen sind. … an die anderen Möglichkeiten will ich lieber nicht denken. Ich muss auf jeden Fall sofort irgendwie aufbrechen!“, entschied sie.
„Wir haben einen kleinen Wagen organisiert!“, meinte Undolf und zog ein gefaltetes Papier aus der Tasche. „Hier ist dein Existenznachweis. Es ist eine gute Arbeit. Präge dir alles genau ein, was darauf steht, damit du bei einer Kontrolle nichts falsches sagst. Dein Name ist nun Mujie – Mujie Saii!“
„Mujie Saii …?“ Etwas erschrak in Kishou, aber sie wusste nicht warum … „Ich … ich kenne den Namen …, aber woher?“, suchte sie in ihren Gedanken.
„Wahrscheinlich hast du ihn schon einmal gehört. Es ist ein recht gewöhnlicher Name bei den Braanen!“, meinte Undolf. „Wir haben ihn extra so gewählt – möglichst unauffällig und schwer zu prüfen!“
„Gut!“, schüttelte sie die Gedanken ab. „Ich guck’s mir unterwegs an. lasst uns los!“, drängte sie.
„Wir werden allein aufbrechen!“, wurde sie von Undolf erinnert.
„Schon klar!", reagierte Kishou, und wickelte ihren Bogen in das Tuch. Gemeinsam verließen sie den geheime Unterschlupf.
Als sie auf die Gasse hinaustraten, trennten sich die beiden anderen Breenen wortlos von ihnen und gingen in die entgegengesetzte Richtung davon. Ein bunter Vogel flog mit hoher Geschwindigkeit dicht über ihrem Kopf hinweg und stieg krächzend in der Gasse nach oben. Es war nicht schwer zu erraten, was für ein Vogel das war, und Kishou lächelte. Es mochte eine Reaktion Luis auf sein langes Warten auf sie gewesen sein. Immerhin wusste er ja nicht, was in dem Haus mit ihr geschah.
Wortlos bogen sie in eine kreuzende kleine Gasse ein, die kurz darauf in der breiten Straße endete, von der Kishou geflohen war. Sie schaute zu dem großen Haus mit dem Glockenturm hinüber. Die beiden rotberockten Wachen, oder was sie auch immer waren, standen wieder vollzählig vor dem Portal …
„Da hinten steht er!“, meinte Undolf und nickte mit seinem Kopf kurz in die Richtung ihres Marsches in der Menge.
Bald darauf kletterten sie auf den Kutschbock, und Undolf reihte das Gefährt in den Strom der Fuhrwerke in der Straße ein. Sie mussten zunächst einen großen Bogen um den Häuserblock machen, um auf einer parallel verlaufenden Straße den eigentlichen Kurs in die entgegen gesetzte Richtung aufnehmen zu können. Ihre Augen irrten unablässig in den Häuserschluchten umher, und konnten doch nur einen Bruchteil dessen aufnehmen, was sich ihnen bot. Die Häuser wurden nach und nach kleiner, bis sie sich mehr und mehr zwischen landwirtschaftlichen Parzellen verloren, und sie schließlich die regelmäßig befestigte Straße verließen. Sie kletterte vom Kutschbock, um auf der Pritsche in Ruhe ihren Existenznachweis zu studieren. Einige gefüllte Kartoffelsäcke und kleine Holzplanken lagen darauf – und hinten in der rechten Ecke ein Kasten mit Papieren darin. „Was ist mit dem Formular, das man ausfüllen muss, wo man hingefahren ist?“, fragte sie sofort.
„Kümmere dich nicht darum. Das erledige ich!“, war die beruhigende Antwort.
Sie machte es sich zwischen den Säcken bequem und entfaltete ihren Existenznachweis. Kopfschüttelnd lass sie darin. „Was bedeutet ‚KPV’ als Tätigkeit?“, fragte sie nach vorn.
„Kleiderprüfung und Vorführung!“, antwortete der Breene. „Unser Dokumentenschreiber vermutete zurecht, wie wir gesehen haben, dass dort, wo du herkommst, eine andere Kleiderordnung herrscht. Falls man solche bei dir findet, wäre es zwar ein Ordnungsvergehen, aber wenigstens erklärbar über deine Tätigkeit. Wir opfern einen Tag des Jahres dem Chaos in seiner Erscheinung des Zufalls, wo unter anderen Regelverstößen auch alle Kleider erlaubt sind. Man kann sie sich ausleihen, und nach dem Fest werden sie wieder abgegeben. Als KPV hättest du zu jeder Zeit zugriff auf diesen Fundus!“
„Was bedeutet das: dem Zufall einen Tag opfern?“, wollte Kishou wissen.
„Wir versuchen ihn damit gnädig zu stimmen!“, erklärte der Breene.
„Den Zufall gnädig stimmen?“, meinte Kishou sich verhört zu haben.
„Ja natürlich!“, erwiderte er in aller Selbstverständlichkeit. „Das Chaos ist die Macht, die über uns allen steht, und seine Wege sind bekanntlich unergründlich. Es bleibt nur der Versuch, es gnädig zu stimmen und zu besänftigen. Kennt ihr eine andere Möglichkeit dafür, als die des Opfers?“, fragte er interessiert.
„Nein … Nein, eigentlich nicht!“, wich Kishou aus, um sich nicht in eine solche, für sie höchst befremdliche Diskussion zu verlieren. „Bei Herkunft steht da Kehlgroth!? Wieso nicht Machnok? Den Name kenne ich immerhin schon!“, nahm sie den alten Faden wieder auf.
„Machnok ist zu klein!“, erklärte Undolf. „Kehlgroth ist eine sehr große Stadt – größer noch als Trital – also auch anonymer. Es lässt sich schwerer überprüfen und bringt im Zweifelsfalle einen Zeitgewinn!“
„Und die lange I-den-ti-tätsnummer …?“ Sie hatte schon Mühe, allein das Wort auszusprechen. „muss ich die auswendig kennen?“
Ein einfaches und unzweideutige ‚Ja’ des Breenen ließ Kishou leise aufstöhnen.
Das nun zunächst Folgende, wie: Farbe der Augen, Haare und Haut wusste sie natürlich. Weitere Fragen nach Ess- und Schlafgewohnheiten, bevorzugte Nachrichtenblätter und vieles andere in der Art war frei erfunden und musste mühsam eingeprägt werden … Was bedeutet unter ‚Nachgewiesene Ordnungsvergehen’: VONG 1-15/KG!“, kam sie endlich zur letzten fragwürdigen Spalte des Formulars.
„Verordnung zur Nutzung von Gehwegen!“, erklärte Undolf. „Du bist in Kehlgroth auf der falschen Straßenseite entgegen der verordneten Richtung gelaufen. Die ‚15’ verweist auf den Grad der Behinderung anderer Gehwegsteilnehmer. 20 ist hier der höchste Wert!“
Kishou schüttelte verständnislos den Kopf. „Was es alles hier gibt … Und wieso muss ich sowas gemacht haben? Ist das für irgendwas gut?“
„Du bist zwar noch recht jung!“, bekam sie zur Antwort. „Aber wenigstens ein Vergehen sollte da schon stehen. Ganz ohne könnte verdächtig sein!“
„Aber das ist doch eigentlich vollkommen verrückt!“, erregte sich Kishou fast. „Die wissen ja alles über euch. Ihr könnt ja keinen Schritt tun, ohne das die das nicht irgendwo vermerken …!“
„Sicherheit und Ordnung braucht Kontrolle!“, widersprach ihr der Breene. „Jede Abweichung von der Ordnung kann sich vervielfältigen und ist ein gefährliches Spiel mit dem Chaos. Die Sterbende Welt ist das beste Beispiel dafür. Du solltest es wissen!“
„Aber das stimmt doch nicht – das solltest du doch nun langsam verstanden haben, nachdem du Bücher darüber gelesen hast, und nun auch noch mich getroffen hast!“
„Es folgte ein Moment des Schweigens vom Kutschbock her … „Irgendwie muss es trotzdem damit zusammenhängen!“, meinte er endlich. „Die Chemuren haben sich nicht an die Ordnung Suäl Graals gehalten, wenn ich mich recht erinnere!“, setzte er nach einem Moment des Nachdenkens hinzu. „Na bitte, da hätten wir es ja!“
Kishou wusste darauf nichts zu antworten. Es schien ihr alles einfach nur absurd. „Aber in diesen Existenznachweis könnt ihr doch eigentlich reinschreiben, was ihr wollt! Wer will das alles überprüfen, was da drin steht?“, fiel ihr immerhin auf.
„Im Archiv der Gaunen in der Meldestelle existiert ein Duplikat von jedem Existenznachweis!“, widersprach Undolf. „Aber mach dir keine Sorgen. Wir haben Brüder in den Reihen der Gaunen. Ein Duplikat deines Existenznachweises ist in Kürze im Archiv platziert.
„Wow!“, staunte Kishou in ehrlicher Bewunderung. „Dann scheint aber eure Ordnung doch nicht so ganz reibungslos zu funktionieren – oder?“, konnte sie sich die kleine Provokation nicht verkneifen.
„Nein!“, reagierte der Breene nüchtern. „Die Organisation hat natürlich auch klare Strukturen! Wir erzeugen allerdings unmerklich eine Unordnung innerhalb der bestehenden Ordnung. Wenn wir eines Tages die alte Ordnung überwunden, und eine neue eingeführt haben, wird sich das natürlich ändern. Wir kennen ja die Schwachstellen!“, lächelte er.
Kishou verkniff sich eine Antwort darauf, und widmete sich wieder ihrem Existenznachweis. Es gab eine Menge, was sie sich in kürzester Zeit einprägen musste. Es war schon schwierig genug, bei der Ungewissheit der Lage ihrer Freunde, den Kopf dafür frei zu bekommen. Den kristallenen Wegweiser hatte sie Undolf überlassen. Er kannte sich gut aus in der Umgebung von Trital, und wusste die richtigen Wege zu wählen, um den Kurs halten zu können.
Der Wagen hielt plötzlich. „Wir müssen nahe am Ziel sein!“, meinte er und schaute zu seiner Rechten in den Wald. „Dein Richtungsgeber zeigt in dieses Gebiet hier hinein, und es gibt hier keinen weiteren Weg mehr, der uns näher heranbringen könnte!“
„Das heißt, wir müssen zu Fuß weiter!“, erriet Kishou.
„Ja!“, sagte er nur, und lenkte das Pferd in das Unterholz hinein. „Wir werden den Wagen hier verstecken!“
Das Tier schnaubte unwillig, während es die wankende Pritsche unter Mühen über den unebenen Waldboden in das Dickicht hinein zog. Kurz darauf sank eines der Räder so tief in den Boden ein, dass es sich weigerte, weitere Anstrengungen auf sich zu nehmen.
„Es sollte reichen!“, meinte Undolf und sprang ab. Er nahm ein Schild mit einer darauf eingezeichneten Zahlenreihe und Symbolen aus seiner Halterung am Ende des Wagens, und schob es ein Stück weiter unter einen Farn in die Erde. „Sicherheitshalber!“, meinte er nur. Kishou nahm ihren Bogen von der Pritsche und ließ das Tuch, in dem er eingeschlagen war, am Ort. Hier brauchte sie es nicht. Dann machten sie sich auf den Weg in die Richtung, die ihnen die kleine Scheibe wies.
„In den Nachrichtenblättern lass ich heute morgen, dass gestern ein Gleim getötet wurde – ganz in der Nähe, wo ich dich aufgegriffen habe. Ein Pfeil! – mitten zwischen die Augen!“ Er wies mit seinem Finger auf seine Nasenwurzel und schaute Kishou dabei lauernd an.
„Er ließ mir keine andere Möglichkeit. Es ging alles sehr schnell!“, entschuldigte sich Kishou.
Undolf nickte nur, während er aufmerksam die Gegend in der Laufrichtung musterte. „Wie werden die Chemuren auf mich reagieren?“, fragte er nun offenbar etwas angespannt. „Welche Regeln muss ich beachten!“
„Nichts dergleichen – alles kein Problem!“, beruhigte ihn Kishou. „Die kennen ja das Drom und euch noch von früher. Sie wissen nur eben nicht, was heute so läuft bei euch. Suäl Graal wird allerdings auch schon wissen, das wir inzwischen hier angekommen sind!“
Der Breene schüttelte nur verständnislos den Kopf. Eine Suäl Graal existierte in seinem Land nicht. Wer und wo sollte sie sein? Aber ganz sicher war er sich nun auch nicht mehr – immerhin durfte es diese Chemuren ja auch nicht wirklich geben … „Und die Chemuren …“, setzte er noch einmal an. Er schien langsam nervös zu werden. „Es heißt, sie wären mächtige Herrscher ganzer Drome … Und sie hören auf dich?“
„ja klar!“, wunderte sich Kishou über die Frage. „Ich ja auch auf sie. Es sind meine besten Freunde! Sie reden ’n bisschen komisch – also ich meine irgendwie anders. Aber daran gewöhnt man sich!“
„Ich habe gelesen, dass …“
„Der Lichtpunkt …!“, wurde er von Kishou unterbrochen.
„Ja?...“, reagierte der Breene gespannt.
„Er wandert zur Mitte!“
„Zur Mitte?“
„Ja!“, wunderte sich Kishou. Sie blieb stehen und sah sich um. Aber sie sind nicht hier!?“
Undolf drehte sich um sich selbst und suchte gebannt die nähere Umgebung ab, soweit es die wuchernde Natur zuließ …
Ein harter Schlag auf den Boden hinter Kishou ließ sie herumwirbeln. Ein Pfeil lag im selben Augenblick weit gespannt in seiner Sehne und richtete sich auf das Ziel …
„Boorh!“, rief sie in tiefer Erleichterung.
„Boorh entscheidet: Boorh sollte vorsichtiger sein. Ihr seid ein Dompteur!“, grinste der bis über beide Ohren.
Kishou ließ Pfeil und Bogen fallen und sprang ihm freudig in die Arme. „Wo sind die anderen?“, fragte sie, und schaute zwischen seinen großen Pranken hängend ahnend über sich. Sie sah aber nur Lui auf einem Ast hockend, auf sie herab blicken. In diesem Moment landete Mo mit einem leichten Aufleuchten neben ihnen. Es folgten Habadam und Madame KA – die allerdings geschickt am Stamm des Baumes herunterstieg, in dessen dichter Krone sie versteckt waren.
„Boorh, ich komme!“, war endlich eine etwas quäkige Stimme zu vernehmen. Gleich darauf schlug das Untere Squatsch unsanft in den Waldboden ein. „Das hat er mit Absicht gemacht! Das hat er absichtlich gemacht!“, schimpfte er während er sich aufrappelte und den Schmutz von seinem Sakko klopfte. „Dieser gehörlose Ohrenträger hat mich einfach fallen lassen, … hat mich einfach fallen lassen, obwohl ich laut und deutlich vom Allsein verdrängt hatte, das …“
„Du hättest sehen müssen, dass er gerade keine Hand frei hatte, die deinem Verhalten dienen konnte!“, grinste Habadam verschmitzt, während Boorh Kishou wieder vor sich abstellte.
Undolf war einige Schritte zurückgewichen und beobachtete das Geschehen mit großen erschrockenen Augen. Er machte den Eindruck eines gehetzten Tieres …
„Es gibt unheimlich viel zu erzählen!“, eröffnete Kishou, und wandte sich zu dem verstörten Breenen. „Das ist Undolf. Er hat mich gerettet, als ein paar von den Gleim hinter mir her waren!“
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Undolf bei den Chemuren
K
ishou berichtete ausführlich über den Verlauf ihres Ausfluges nach Trital, und erfuhr andererseits von ihren Gefährten, das diese rechtzeitig die Gefahr erkannten, als sich die Horde der Gleichen näherte. Sie zogen sich daraufhin zurück. Im Gesicht Boorhs war abzulesen, das der letzte Teil des Berichtes nicht unbedingt in seinem Sinne war. Der Breene hatte sich inzwischen etwas beruhigt, als sich nun die Aufmerksamkeit auf ihn richtete.
„Wir haben nun nicht ohne Erstaunen erfahren, dass ihr euch nicht zu Suäl Graal verhaltet!“, wandte sich Habadam an den Breenen. „Aber euch ist doch sicherlich der Ort im Tal eures Droms bekannt, zu dem sich das ‚Felsental’ verhält!“
„Ich selbst war niemals dort, aber der Name ist mir bekannt!“, bestätigte Undolf sofort.
„Und die Stadt Krahna? Sie befindet sich nahe dem Felsental!“, forschte Habadam weiter. „Eine gewaltige und recht ungewöhnliche Burg verhält sich zu diesem Ort! Auf einem Felsenhügel erbaut, der dem Tal den Namen gab …!“
„Ja!“, reagierte Undolf auch hier sogleich. „Es ist das Domizil der Kaste der OHIB. Es wurde schon vor Urzeiten für sie erbaut!“
Habadams buschige Augenbrauen stiegen nach oben, und setzten seine kleinen, wachen Augen frei. „Interessant – höchst interessant!“, ließ er sich vernehmen und schaute verschmitzt zu Madame KA hinüber, die ihm gegenübersaß. „Es spricht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, das Suäl Graal gewissermaßen nach unbekannt verzogen ist!“
„Kein Problem!“, sie wird sicherlich einen Nachsendeantrag bei der Post vom Allsein verdrängt haben – wird sie doch wohl!“, kicherte das Untere Squatsch leise vor sich hin. „Ihr verdrängt doch bestimmt ein Postamt hier vom Allsein – sicherlich! Gab es damals auch …“ Ein nicht sonderlich freundlicher Seitenblick Madame KAs ließ ihn mit einer halbherzig entschuldigenden Geste verstummen.
„Die Gemeinschaft der ONO misstraut den Verhältnismäßigkeiten der Ordnung …“, nahm nun Madame KA den Breenen ins Verhör, „… wie sie von den OHIB bestimmt, und von den Gaunen verwaltet wird. Ihr fandet also in alten Schriften, dass sich die Ordnung des Belfelland anders verhält, als man sie euch erklärt – doch ihr misstraut auch ihnen. Da aber nichts sein kann ohne Ordnung, so muss auch in euch jenseits allen Misstrauens eine Ordnung bestimmt sein. Erzähl uns von ihren Verhältnismäßigkeiten!“
Kishou wunderte sich über diese Frage. Sie schien ihr wenig hilfreich zur Lösung ihrer Probleme zu sein. Andererseits kannte sie Madame KA inzwischen gut genug, um zu wissen, dass ihre Fragen immer ins Ziel führten.
„Der Breene überlegte einen Moment und wirkte noch immer etwas scheu. Er hatte sich dicht neben Kishou gesetzt, als erhoffte er Schutz von ihrer Seite. Immerhin war sie ihm ja schon etwas vertraut. „Die meisten von uns erkennen in den Schriften alte Legenden, in der die Botschaft der wahren Ordnung des Belfellands bestenfalls verschlüsselt ist!“, begann er etwas zögerlich – fast entschuldigend. „Wie sollten wir annehmen können, dass es … dass ihr wirklich existiert?“
„Es ist nicht von Bedeutung für die Ordnung, was die Wahrheit ist!“, beruhigte Madame KA mit einem verständnisvollen Lächeln. „Für die Ordnung ist nur von Bedeutung, das ihr ihre Regeln und Gebote mit Namen verseht, damit ihre Wahrheit somit jedermann benennen und annehmen kann. Welche also sind die Verhältnismäßigkeiten der Ordnung, die ihr in der Botschaft der Krypte fandet und für Wahr annehmen wolltet!“
Die Gesichtszüge des Breenen entspannten sich etwas. Ohne Zweifel verstand diese Madame KA etwas von Ordnung, und so fühlte er sich offenbar in seiner Lage verstanden. „Wir beobachten, wie sich schon vor langer Zeit entstandene Steppen im Belfelland weiter ausbreiten, wo einst dichte Wälder lagen. Sie trocknen mehr und mehr aus, und Wüsten entstehen, wo nichts mehr wachsen will. … Ich bin kein Experte auf dem Gebiet der Kryptenforschung, und kann nur in allgemeinen Worten sagen, welche Ordnung von unseren Experten in ihren Botschaften erkannt wird!“, relativierte er seine Kenntnisse. „Unsere Experten meinen also, dass es im Belfelland eine gewaltige Quelle geben könnte – einen Urquell – aus dem alle Gewässer gespeist werden – sie hat in den Büchern auch einen bestimmten Namen, der mir aber gerade nicht einfällt – und das die Ordnung der Quelle durch noch unverstandene Naturgewalten, die in den Schriften als ‚Chemuren’ bezeichnet werden, gestört wurde, so das die Wasser einen anderen Verlauf nahmen, oder gar langsam versiegen!“
„Faszinierend!“, ließ sich Habadam vernehmen. „Ihr werdet doch dieses, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit behaftete Verhalten der Natur daraufhin untersucht haben!? ...
Undolf Augen suchten etwas nervös nach Kishou ....
„Habadam meint, dass ihr dann wohl nach dieser Quelle gesucht habt!", übersetzte sie.
„Nein!“ Der Breene schüttelte den Kopf. „Es ist ja nicht einmal sicher, ob es eine solche Quelle tatsächlich gibt. Sollte es sie geben, so wird sie von den Experten am ehesten im Tal des Belfellands, in einem bestimmten Gebiet seiner äußersten Grenze vermutet. Riva Udus ist dessen Name. Es ist der einzige Ort im Belfelland, der noch unbekannt ist. Es ist bis heute auch noch keine Möglichkeit gefunden worden, dorthin vorzudringen!“
„’Sphäre des Ursprungs’, übersetzte Kishou nachdenklich. „Warum nicht?“, fragte sie nun, und begann langsam zu erahnen, wo Madame KA mit ihrer Frage hinzielte.
„Das Gebiet liegt in einem undurchdringlichen Nebel – ein Problem, dass vielleicht lösbar wäre – aber eine schon sehr alte Grundverordnung verbietet zum Schutz der Ordnung das bearbeiten ungelöster Fragen, sofern sie die Ordnung gefährden könnten. Dieses Gebiet war schon immer zu einer solche ungelösten Frage erklärt worden, und so können wir es nicht offen erforschen!“
„Was ist das denn?“, meinte Kishou sich verhört zu haben „Man darf keine offenen Fragen klären? – um die Ordnung zu schützen?...“
„Nun – eine gewisse Logik werdet ihr dem Verhalten nicht absprechen können, wenn ihr erlaubt!“, reagierte Habadam. „Bedenkt: die Lösung einer Frage könnte sich möglicherweise zur Ordnung verhalten, wie die Axt Boorhs zu einem bis dahin flugfähigen ‚Teller’ – wenn ihr versteht, was ich meine! Eine gewisse Wahrscheinlichkeit eines solchen Resultats ist niemals vollkommen auszuschließen!“
Kishou verstand nach kurzem Nachdenken – Boorh glücklicherweise nicht. Er schaute nur einmal kurz auf, beschäftigte sich dann aber wohl lieber mit dem Reinigen seiner Axt.
„So ist der Aufenthaltsort Suäl Graals entschieden und vom Allsein getrennt!“, bemerkte Mo in ihrer unnachahmlichen klaren Weise.
„Ja!“, schloss sich ihr Madame KA an. „Sie hat sich dorthin zurückgezogen, wo alle Verhältnismäßigkeit des Großen Belfellands seinen Anfang nimmt!“
„Zu den Großen Toren der Großen Wasser! …“, dachte Kishou laut überlegend.
„Ja!“, blitzte es in Undolf auf. „Genau das war der Name, der mir entfallen war!“
„Ihr kennt doch bestimmt die Gegend da – oder?“, fragte Kishou in die Runde ihrer Gefährten.
„So ist es entschieden!“, antwortete Mo.
„Seine Verhältnismäßigkeiten sind von beeindruckender Vielfalt, wie ihr sie sonst nirgends findet im Großen Belfelland!“, ergänzte Madame KA. „Es ist nicht vollkommen – wie nichts vollkommen sein kann, was das Auge erblickt – doch in euren Augen wird es euch als ein Paradies erscheinen!"
„Nun ja …“, schaltete sich das Untere Squatsch mit wiegendem Kopf ein. „sehr vielfältig! Tatsächlich sehr vielfältig! Alles findet ihr dort … alles, was sich an Natur vom Allsein verdrängen lässt! Tatsächlich! Alles! Aber kein Nebel! Nein ... kein Nebel! Nebel verdrängt nicht das Allsein an diesem Ort! … zumindest nicht in alten Zeiten. Nicht in alten Zeiten, wenn ihr versteht - nur ein Berg ... ein hoher Berg verdrängt dort das Allsein. ... Eben die ...“
Na gut!", wurde er von Kishou unterbrochen. „Aber dazu müssen wir erstmal über die Grenze zum Vierten Tal der Vierten Ebene des Vierten Droms!“, bemerkte sie. „Kann man da einfach so rübergehen?“, wandte sie sich zu Undolf.
„Ja, natürlich. In der Regel schon!“, antwortete der. Wenn man als Braanin in das Tal zurückkehrt, braucht man nur seinen Existenznachweis, und natürlich die Abmeldebestätigung – wir Breenen müssen uns in einem Formular erklären. Nur das übliche: Ziel, Grund, Dauer usw. Alles andere steht ja im Existenznachweis!“
„Stimmt!“, erinnerte sich Kishou „Das war also damit gemeint!“ „Ich muss mich irgendwie abmelden. Und wie geht das?“
„Man brauchst nur den Existenznachweis. Wenn du sagst, dass du zurückkehrst, bekommst du ein Bestätigung, das du dich abgemeldet hast, und in angemessener Zeit das Land der Breenen verlässt – dass ist im allgemeinen innerhalb einer Woche. Aber man muss innerhalb von 24 Stunden aufbrechen!“
„24 Stunden?“, fragte Kishou
„Ja. 24 Stunden!“, bekam sie zur Antwort.
„Nein – ich meine, was ist 24 Stunden?“
Undolf erinnerte sich erst jetzt, dass Kishou ja nichts mit diesen Zeitbezeichnungen anfangen konnte, und suchte nach einer Übersetzung ...
„Es ist entschieden im Vierten Drom des Belfelland, den unermesslichen Fluss der Zeit in kleine Pakete zu teilen, um ein Maß der Zeit vom Allsein zu trennen!“ klärte Mo auf.
„Echt?“, staunte Kishou. „und wieviel Zeit sind 24 Pakete?“
„Genau 1 Tag!“, beeilte sich der Breene aufzuklären. Es war ja doch in diesem Falle sehr einfach. „Also 1 Tag sind 24 Stunden. Der große Zeiger der Uhr durchläuft das Ziffernblatt daher 24 Mal an einem Tag!“
„Uhr?“, frage Kishou.
„Ja …!“ Er begann umständlich in einer Tasche seines Mantels zu wühlen, und zog einen Gegenstand hervor, den Kishou schon einmal bei dem Breenen bemerkte, der sie nach Trital mitgenommen hatte. „Eine Uhr – so etwas hier!“
„Oh … ein Besonderer Apparat!“, staunte Kishou. „Er erinnert mich an den Besonderen Apparat, der über dem Portal des Hauses mit der Glocke zu sehen ist – weißt du, was ich meine?“
„Die Meldestelle – ja!“, erriet der Breene sofort.
„Und warum macht ihr das – also ich meine, die Zeit in kleine Pakete packen?“
„Also …“, stammelte Undolf verunsichert. „Ich habe noch nicht darüber nachgedacht … Aber … wie sollte man die Zeit nutzen, ohne jede Regel? Die Zeit ohne ein Maß ist ohne jede Ordnung …!“
„Die Zeit ohne Maß ist keine Zeit. Es sind immer die Verhältnismäßigkeiten der inneren Kräfte einer Ordnung, die eine ‚Zeit’ bestimmen!“, erklärte Madame KA.
„Aha!“, überlegte Kishou stirnrunzelnd, winkte dann aber ab. „Na gut, dass musst du mir irgendwann nochmal in Ruhe erklären. Und was ist eine Woche?“
„Das sind … nun ja … eben 7 mal 24 Stunden!“, versuchte der Breene sich an einer Erklärung.
„Puh…!“, seufzte Kishou. „Na gut … und wo bekomme ich diese Abmeldebestätigung? Bei dieser Meldestelle?“
„Ja! … Nein!“, meinte Undolf. Man sah im deutlich an, das er große Probleme damit hatte, die doch eigentlich selbstverständlichsten Dinge des Belfellands zu erklären. Und das kam nun noch zu den sowieso bestehenden Problemen dazu, mit dieser ganzen Situation zurecht zu kommen. Er sprach immer nur sehr zögerlich, als würde er einen Verrat begehen, sich aber nicht dagegen erwehren können. „Es gibt da ein Problem … Unsere Verbindungen innerhalb der Gaunen werden im Register eine Anmeldung von dir platzieren können – die ja zur Gegenprüfung da sein muss, wenn du dich abmeldest. Aber es fehlt noch das Ausreiseersuchen an der Grenze zum Tal des Droms, das du ja gestellt haben musst, bevor du hier eingereist bist, und das bei einer Wiedereinreise in das Tal mit der Abmeldebestätigung gegengeprüft wird. Die Gaunen in der Grenzbehörde sind aber Braanen. Verbindungen zu den Braanen bestehen zwar, sind aber sehr weitmaschig. Ich kann nicht sagen, ob wir derzeit jemanden an der Grenze haben!“
„Das heißt, sie würden an der Grenze merken, dass ich garnicht von dort zu euch gekommen bin!?“, versuchte Kishou zu verstehen.
„Sie würden keine Bestätigung dafür finden – und dann würden sie eine Untersuchung beantragen. Man darf in der Zeit den Grenzbereich nicht verlassen …“
„Und das wär’s dann wohl!“, stellte Kishou enttäuscht fest.
„Nur wenn wir keine Möglichkeit haben, das entsprechende Formular dort zu platzieren!“, relativierte der Breene Kishous Befürchtung. „Ich werde eine Anfrage machen!“
„Mit Hilfe meiner Wenigkeit … meiner Wenigkeit, könnte der Besenreiniger da hinten diesen Gaunen an der Grenze beim Untersuchen etwas behilflich sein – könnte er ja, wenn es sein muss!“, meinte das Untere Squatsch.
Boorh blickte auf, und seine Augen weiteten sich. Es kam sicherlich nicht oft vor, ein solches Angebot ausgerechnet vom Unteren Squatsch zu vernehmen.
„Um von da an die gesamte Horde der Gleichen an den Fersen kleben zu haben? So dürfte es sich dann wohl verhalten. Vergiss es!“, bemerkte Habadam knapp.
„Können wir auf die Hilfe der ONO zählen?“, fragte Madame KA noch rechtzeitig, bevor das Untere Squatsch auf Habadams Zurückweisung reagieren konnte.
Der Breene zögerte … „Ja … ich weiß nicht … Es ist sehr viel geschehen in den letzten Stunden. Es steht kein Stein mehr auf dem anderen … Die gesamte Ordnung …“ Er rieb sich mit den Händen über sein kantiges Gesicht und schaute hilfesuchend in die Baumkronen über sich. „Ich muss das alles Berichten. Der Vorstand muss darüber entscheiden … Aber was soll ich berichten über das, was nun geschehen soll? Was soll denn geschehen?“, fragte er nun sichtbar ängstlich.
„Boorh entscheidet: Kishou, die Bezwingerin Suäl Graals und Befreierin der Großen Wasser wird die Großen Tore der Großen Wasser öffnen!“
Man sah dem Breenen an, dass diese Auskunft seinen Geist nicht gerade erhellte.
„Kishou wird euren Urquell befreien, damit die Sterbenden Welten wieder zum Leben erwachen können, und auch eure Welt gerettet sein wird!“, versuchte Madame KA es mit seinem Verständnis der Ordnung. Ist das nicht auch euer Bestreben?“
„Ja … Ja … schon! ... aber …“, Er wusste offenbar nicht mehr, was er denken sollte und suchte hilflos nach einem Verständnis der Situation.
„Doch dafür muss Suäl Graal bezwungen sein!“, schob Madame KA nach.
„Es kommt alles so plötzlich. Wir sind nicht darauf vorbereitet … bis jetzt waren es alles nur Gedanken wider der Ordnung … Möglichkeiten …“
„Jede Ordnung fürchtet die Zukunft, denn sie kennt deren Verhältnismäßigkeiten nicht!“, bemerkte Madame KA. „Auch wenn die neue Ordnung schon fest in den Gedanken existiert, so ist sie nicht geprüft und als Wahr erfahren, solange sie nur in den Köpfen ist. Deine Angst hat also eine wahre Ursache – doch die Zukunft hatte bereits begonnen, als du auf Kishou trafst, und sie ist von diesem Moment an unumkehrbar, wie jeder gesetzte Samen in der Zeit aufgeht, und sein erwachen unumkehrbar ist!“
Der Breene nickte nur stumm. „Ich werde jetzt aufbrechen. Kishou sollte aber mitkommen und in Trital sein. Man wird sie sehen und befragen wollen in der ONO – sie wird auch ein kleines Heim dort haben!“
„Stimmt!“, reagierte Kishou sofort „Straße 147 Nr. 6! – hab’ ich da wirklich ein Zuhause? Ich dachte, das stände da nur so drin im Existenznachweis.“
„Die Zentrale der Organisation verbirgt sich hinter einer großen Unternehmung!“, meinte Undolf zögerlich, vielleicht damit schon zuviel zu verraten. „Sie verfügen in den größeren Städten immer über einige Wohnstätten für reisende Kunden, die auch als Zuflucht für besondere Fälle dienen können!“
„Also gut!“, meinte Kishou, und sah nicht besonders glücklich dabei aus. Es war das erste Mal, dass sie auf ihre Weggefährten mehr oder weniger freiwillig gänzlich auf unbekannte Zeit verzichten, und sich gar Fremden anvertrauen musste. Das sie es dennoch widerspruchslos akzeptierte, lag wohl einfach daran, dass sie inzwischen längst nicht mehr die kleine wehrlose Kishou von einst war. „Wo sind eigentlich die Biesel?“, bemerkte sie über all die Aufregung erst jetzt, und sah verwundert um sich.
„Sie lagern nicht weit von hier im einem dichten Buschwerk!“, erklärte Madame KA.
„Ach so!“, war Kishou beruhigt. „Boorh sollte uns zum Wagen begleiten!“, fiel ihr nun auch noch ein. „Er ist ziemlich rettungslos im Waldboden eingesunken, glaub’ ich!“
Der Genannte stand an ihrer Seite, eh sie den Satz noch beendet hatte.
~*~
Straße 147 Nummer 6
D
ie Fahrt zurück nach Trital verlief fast wortlos. Undolf schien sehr in sich gekehrt. Es war ihm anzusehen, dass seine Welt aus den Fugen war – und so wie es sich entwickelte, wohl auch bald die aller Breenen, wie er fürchtete. Kishou nahm es kaum.zur Kenntnis. Sie war zu sehr beschäftigt mit der Aufnahme der vielen neuen Eindrücke. Die 147. Straße lag nicht im Zentrum der Stadt, wo sie auf Undolf getroffen war, sondern in einem anderen Viertel. Die Straßen waren hier enger und unspektakulärer. Nur wenige Geschäfte gab es hier, und auch der Fuhrwerksverkehr war deutlich geringer. Undolf stoppte irgendwann. „Wir sind da!“, meinte er nur und kletterte vom Kutschbock.
Die Häuser waren hier alle zweigeschossig, und unterschieden sich kaum voneinander. Ihre Wohnstatt fand sich gleich im Parterre. Nur einige Stufen benötigte es im Innern des Hauses, um sie zu erreichen. Sie bestand aus einem kleinen Wohnraum, einem noch kleineren Raum mit einer eisernen Feuerstelle, einer Anrichte und zwei Schränke, und auch ein Toleban gab es hier wieder. Die Einrichtung war denkbar einfach, und wies auf keinerlei Gestaltungswillen hin. Ein kleiner, hölzerner Tisch mit zwei ebensolchen Stühlen, und an der hinteren Wand ein Lager mit Kissen und Decken – daneben eine große Truhe – war alles, was den Wohnraum als Solchen erkennen ließ. Ihre Augenbrauen fanden nur kurz einen Grund für einen Moment nach oben zu wandern, als sie in einem der Schränke der kleinen Küche Brot, Obst und allerlei Essbares entdeckte. Man hatte vorgesorgt.
Auch Kishou hatte vorgesorgt, und in Erwartung einsamen Wartens auf Undolf ihre Krypte mitgenommen, um darin lesen zu können. Es war inzwischen Abend geworden, und der Breene versprach am folgenden Tag nach der Arbeit wiederzukommen, um ihr die Nachrichten der Kuriere mitzuteilen, über die er den Kontakt zur ONO hielt. Und da sie diesmal auch darauf achtete, wie der Breene die kleine Lampe entzündete, wusste sie nun auch, dass dafür ein handliches Funkeneisen und ein milchiger Stein zum begehrten Licht führte.
Sie sah durch das geschlossene Fenster Undolf auf seinen Wagen steigen und davonfahren. Ansonsten erstarb bald jegliches Leben in der Straße, während unter kurzem Aufblitzen nach und nach die weißen Glaskugeln auf den langen Stäben, die regelmäßig in allen Straßen verteilt zu finden waren, zu leuchten begannen. Sie vermutete, dass es sich bei diesen Besonderen Apparaten wohl auch um Öllampen handeln musste, die sich irgendwie von selbst entzündeten. Sie beleuchteten die Straße nur mäßig, aber dennoch dauerte es eine ganze Weile, bis sich Kishou von diesem Anblick wieder abwendete. Nie zuvor hatte sie dergleichen gesehen.
Sie versuchte, in den mitgebrachten Krypten zu lesen, konnte sich aber nicht konzentrieren. Die vielen, neuen Eindrücke und die aktuelle Lage ließen keinerlei Ablenkung zu. So wühlte sie sich in die Decken und Kissen des Lagers, und ließ ihren Gedanken um die befremdlichen Verhältnisse des Vierten Droms ihren Lauf …
~
Fahrt nach Katum
K
ishou sprang wie von einer Feder getrieben auf, als endlich das bekannte Klopfzeichen an der Tür zu hören war.
Undolf machte ein besorgtes Gesicht. Wohl hatte man noch keine Spur von den Chemuren, aber die Sicherheitsverordnungen wurden noch einmal verschärft. So würden die Kontrollen zunehmen, und jeder Bürger wäre nun verpflichtet, alles Verdächtige sofort den Ordnungskräften zu melden, die in den Straßen verstärkt zur schnellen Kontaktaufnahme eingesetzt würden. Kishou erfuhr auf die Nachfrage, wie man diese denn überhaupt erkennen würde, dass die Ordnungskräfte mittels einer Ausnahmegenehmigung schon immer eine rote Bekleidung trugen. Sie vermutete wohl richtig, dass sie mit einer solchen Gestalt bereits ihre Erfahrung gemacht hatte. Sie hießen bei den Brennen ‚SOK’ – was die Abkürzung für ‚Sicherheits- und Ordnungskraft’ war.
Wie auch immer, die Bedingungen, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen, wurden zunehmend schlechter. Dennoch, so berichtete der Breene, mussten sie nach Katum – der größten Stadt in Zentrum der Ebene des Droms, um Kontakt mit dem Vorstand der ONO aufzunehmen. Man wollte Kishou mit eigenen Augen sehen und befragen, um die Lage einschätzen zu können. Undolf legte auch wert darauf, festzustellen, dass er eine BAZ im Geschäft erhalten habe. Der Besitzer sei selbst Mitglied der ONO – es war einer der Beiden, die Undolf Tags zuvor in die geheime Unterkunft mitgebracht hatte – daher war es glücklicherweise kein Problem. Die ‚BAZ’ erklärte sich auf Nachfrage Kishous als ein Kürzel für ‚Bescheinigung für Arbeitsauszeit’.
Sie brachen auf. Ihr Weg führte sie zunächst quer durch die Stadt. Es war mühselig – zumindest erschien es ihr so. Es gab es allerlei für sie undurchschaubare Regeln, wie sich die Wagen auf den Straßen zueinander zu verhalten hatten. Tatsächlich waren auch überall diese rotberockten Breenen zu erblicken – SOKs, wie Kishou nun wusste. Sie standen zumeist an den Häuserwänden, die Hände mit dem langen schwarzen Stab auf den Rücken verschränkt.
Ihre Fahrt endete in der Mündung einer kreuzenden Straße, deren Verlauf an einem Fluss entlang führte. Ein eisernes, niedriges Gitter begrenzte sein Ufer. Undolf schwenkte nach rechts, und erreichte bald darauf einen Platz, von dem aus ein breiter Steg ein kurzes Stück in den Fluss hinaus ragte. Viele Breenen und Fuhrwerke standen dort aufgereiht in mehreren Reihen.
„Wir müssen auf die andere Seite!“, meinte Undolf nach hinten.
Kishou sah eine Plattform mit einer Baracke darauf, die gerade von dem Steg ablegte, und offenbar mittels eines Flussüberspannenden Taus auf die andere Seite gezogen wurde. Mit zwei Wagen und Dutzenden von Breenen und Braanen darauf war er ausgelastet.
„Die Fähre ist nicht besonders groß. Es wird einige Zeit dauern, bis wir rüberkommen!“, meinte Undolf schließlich, während er sich in die Wartenden einreihte. Auch hier sah man unter der großen Menge von Breenen und Braanen die roten Kleider deutlich überall hervorstechen. Undolf betrachtete die Menge aufmerksam, als suchte er in ihr irgend etwas. „Es sieht nicht besonders gut aus!“, sagte er endlich.
Die Art, wie er das sagte – halblaut und mit starrem Gesicht – bewegte Kishou dazu, sich dicht hinter seinen Rücken zu platzieren. „Was meinst du?“
Es scheinen sehr viele Gleim hier sein!“, raunte er, ohne sich zu ihr umzublicken. „Ich habe schon auf den ersten Blick zwei von ihnen entdeckt – ungewöhnlich für diesen Ort! Außerdem sehe ich, dass sehr viel kontrolliert wird!“
„Oh!“, reagierte Kishou verwundert. „Ich denke, die kann man nicht erkennen? Woher weißt du das?“
Undolf schwenkte seine Beine über den Kutschbock und kam auf die Pritsche. „Ich erkläre es dir später!“ Er kramte kurz unter einigen leeren Säcken, und zog dann eine kleine Schachtel hervor, die er sofort unter seinen Mantel schob. „Warte einen Moment!“, sagte er nur und kletterte vom Wagen. Er schlenderte wie gelangweilt zwischen der Menge umher – blieb mal hier mal da einen Moment stehen, und kam dann wieder langsam zurück.
„Was ist?“, wollte Kishou wissen, nachdem er sich wieder auf den Kutschbock gesetzt hatte.
„Ich hab’ einen Fretti in der Menge ausgesetzt!“, erklärte er.
„Was hast Du?“, verstand Kishou nicht.
„Einen …“ Er unterbrach sich selbst, als er bemerkte, das Kishou damit wahrscheinlich garnichts anfangen konnte. „Ein Fretti ist ein kleines Tier – die gibt es hier überall!“, erklärte er nun. „Man sieht sie aber selten, weil sie nur Nachts unterwegs sind. Er war in der Schachtel. Da ist eine kleine Feder drin, die den Deckel gleich öffnen wird. Sie geben sehr unangenehme und unüberhörbare Töne von sich, wenn sie sich bedroht fühlen!“
„Und wieso hast du …“ Sie stockte, als plötzlich ein langgezogener, heller und quäkender Ton aus der Menge heraus zu hören war, der sich mehrmals wiederholte. Überall fuhren die Köpfe herum und richteten ihren Blick nach unten zu den Ort der Herkunft des Geschreis.
„Tatsächlich!“, reagierte Undolf. „Es wimmelt hier nur so von Gleimen!“
„Wieso? Wie kommst du jetzt darauf?“ Sie konnte beim besten Willen keinen Zusammenhang des Geschehens und seiner Feststellung erkennen.
„Den Ruf der Fretti kennt jeder!“, erklärte Undolf in gespannter Unruhe. „Aber man schaut natürlich reflexartig hin, wenn man ihn in seiner Nähe hört – außer dem Gleim. Er reagiert auf solche Profanitäten nicht. Sie sind nichts ungewöhnliches und es ist nicht ihre Aufgabe, darauf zu reagieren. So erkennt man sie in der Menge auf einen Blick! Ein kleiner Trick – aber immer wieder sehr wirkungsvoll!“, schloss er.
„Und jetzt?“, fragte Kishou beunruhigt. „Wir müssen ja wohl irgendwie da rüber!“
„Ziemlich riskant – ich hab’ kein gutes Gefühl hier!“, bemerkte Undolf. „Es gibt auch eine Brücke. Es ist ein Umweg, aber sicherer, als hier auf dem Präsentierteller zu stehen!“ Er kletterte erneut vom Wagen, und führte sein Zugtier am Kehlriemen aus den Wartenden heraus. Glücklicherweise standen sie außen in der mehrreihigen Schlange, so dass es problemlos möglich war. Es sollte nichts ungewöhnliches sein, dass sich auch mal jemand aus den Wartenden wieder herauslöste – aber es war wohl hier und heute ungewöhnlich genug.
Kishou sah, wie sich einer der rotberockten ganz in ihrer Nähe plötzlich aus der Menge herauslöste, und sein langer Stab im nächsten Moment Undolf Einhalt gebot. Der reichte dem SOK ein Papier – wohl seinen Existenznachweis – und kurz darauf noch ein Zweites und noch ein Drittes. Alles wurde von dem SOK im wechselnden Blick auf Undolf genau fixiert. Undolf sprach die ganze Zeit, aber Kishou konnte nichts verstehen, wegen der vielen Geräusche, die über der Menge lag. Der SOK ging mit den Papieren um den Wagen herum und betrachtete etwas auf seiner Hinterfront – wohl das Schild, das an jedem Wagen zu sehen war. Dann endlich gab er die Papiere an Undolf zurück.
Kishou wollte beinahe aufatmen, aber statt nun wieder zu verschwinden, kam der Rotberockte nun geradewegs auf sie zu. „Den Existenznachweis!“, befahl er leidenschaftslos.
Kishou reichte ihn klopfenden Herzens vom Wagen hinunter …
„Was ist eigentlich los?“, fragte Undolf, der nun neben dem SOK stand. „Es ist unübersehbar das ungewöhnlich viele SOKs auf den Straßen sind. Ich hatte heute noch keine Gelegenheit die Nachrichten zu lesen. Liegt etwas Besonderes vor?“
Der rotberockte Antwortete nicht und lass stoisch in dem Papier Kishous.
Laut VOASOK-63/14-3 sind sie verpflichtet, Auskunft zu erteilen, wenn eine Gefahr für die Sicherheit und Ordnung vorliegt, oder zu erwarten ist!“, sagte Undolf mit klarer und selbstbewusster Stimme. „Ich könnte mich im Zweifelsfalle nicht schützen, wenn eine solche Gefahr angezeigt ist, und ich sie wegen ordnungswidrig unterlassener Aufklärung nicht abwehren kann!“
Das zeigte tatsächlich Wirkung. Der SOK wandte seinen Blick von dem Papier und schaute auf Undolf. „Bei den Eindringlingen soll sich auch ein Breene aufgehalten haben!“
„Ein Breene?“, tat Undolf erschrocken. „Das kann doch nur bedeuten, dass sie Unterstützung in der ONO finden!“
„Es ist damit zu rechnen, dass die ONO nun verstärkt aktiv wird, zumal die Eindringlinge noch nicht festgesetzt werden konnten. Es ist also äußerste Vorsicht und höchste Aufmerksamkeit geboten!“, erklärte der SOK, während er Kishou ohne aufzublicken das Papier zurückgab. „Hierzu gilt VOBSOK-1/12a und b!“
„Ich werde mich umgehend über die hierfür geltenden Regeln ordnungsgemäß unterrichten!“, antwortete Undolf ernst. „Hoffen wir, dass der Spuk bald ein Ende hat!“ Mit diesen Worten bestieg er den Kutschbock, nickte noch einmal dem SOK zu, und gab dem Pferd das Zeichen zum Aufbruch. Erst nachdem sie sich schon ein gutes Stück von der Fährstelle entfernt hatten, wagte Kishou endlich hörbar aufzuatmen.
„Das war knapp!“, reagierte Undolf auf Kishous Erleichterungsbekundung.
Die schier endlose Straße führte die ganze Zeit direkt am Ufer des Flusses entlang, und erst als die Häuser auf der anderen Seite niedriger und spärlicher wurden, kam endlich die Brücke in Sicht – ein hölzernes Monstrum, das auf dicken Stelzen das Wasser überspannte. Sie wurde offenbar vor allem genutzt, um nach Trital hinein zu gelangen. Von ihrer Seite – also aus der Stadt hinaus – gab es nur wenige Wagen, die sie überquerten.
Auf der anderen Seite mussten sie zunächst wieder ein gutes Stück am Fluss entlang zurückfahren, bevor sie endlich ins Landesinnere einscheren konnten. Kishou schaute bis dahin die ganze Zeit über fasziniert zur Stadt hinüber. Die Welt schien ihr hier auf dem Kopf zu stehen. Aus all der satten und unbändigen Natur heraus, sah sie auf eine Oase aus grauem und wohlgeordneten Gestein.
Nun aber waren sie endlich auf ihrem Weg, vorbei an noch kahlen oder gerade erblühenden Feldern, still daliegenden Seen, und immer wieder kreuzenden breiten Schneisen, die durch das dichte Unterholz führten. Kleine Stege und Brücken führten über sprudelnde Bäche oder ruhig dahinfließenden Wassern.
„Es ist so viel!“, bemerkte Kishou endlich überwältigt von dem Anblick nach einer langen Zeit wortloser Fahrt.
„Was meinst du?“, fragte Undolf.
„Kannst du dir vorstellen, wie das ist …“, sagte Kishou von der Frage erwachend, „…wie das ist, wenn es genau umgekehrt ist? – also ich meine, wenn das alles hier nur Steine und Felsen und Sand wäre, und die Städte so wär’n wie das hier alles? Verstehst du, was ich meine?“
Undolf sah sich nach ihr um, und seinem Gesichtsausdruck war zu entnehmen, dass er wohl nicht so recht verstand, was Kishou da meinte.
„Also in den anderen Dromen ist es genau umgekehrt wie hier! Da gibt’s nur Sand und Steine und ab und zu mal ‚ne Oase – bestenfalls so groß wie Trital, wenn's ’ne große ist. Mehr Grünes und buntes gibt’s da nicht. Und im Ersten Drom gibt es nicht mal das mehr!“, fügte sie hinzu.
Der Breene schüttelte verständnislos den Kopf. „Ich will es mir nicht vorstellen, aber hier gibt es vereinzelt auch schon Gegenden, die einen das Fürchten lehren!“
„Trautel Melanchful hat mir erzählt … ach so … sagt dir der Name überhaupt was?“, unterbrach sie sich selbst.
„Melanchful … Trautel Melanchful …“, überlegte Undolf laut. „Ich meine mich zu erinnern, dass die in den Legenden der verbotenen Bücher als so etwas wie die Herrscherin unseres Droms beschrieben wird!“
Kishou stellte fast amüsiert fest, dass Undolf sie offenbar bereits zu seinesgleichen zählte – weil er ja ‚unseres Droms’ sagte. „Gewöhn' dich mal langsam dran, dass das keine Legenden sind!“, lachte sie. „Ich bin bei Trautel Melanchful aufgewachsen, und sie hat mich immerhin hierher geschickt!“
Sie erntete nur ein Kopfschütteln von Undolf – was immer er damit sagen wollte.
„Also ich erinnere mich, das mir Trautel Melanchful einmal gesagt hat, dass sie hier ein großes, weißes Schloss hat, das mitten in einem großen See liegt. Gibt’s das noch?“ Sie kletterte zu Undolf auf den Kutschbock.
Der legte die Stirn in Falten und schüttelte den Kopf. „Da weiß ich nichts von!“, meinte er etwas unwillig.
„Aber das müsste doch auffallen!“, bohrte Kishou weiter. „Es kann doch nicht alles weg sein. Gibt’s nicht hier irgendwo einen See … mit einer Insel drin, oder sowas, wo ein Schloss drauf steht?“
Undolf schüttelte abermals den Kopf, schien aber dabei angestrengt nachzudenken. „Also … es gibt da so eine von diesen trockenen, versteppten Gegenden … Es ist ein recht schmales, rundes Band … und bildet gewissermaßen eine Gürtel um ein flaches, sehr ausgedehntes, dicht bewaldetes Tal. Etwa in seiner Mitte liegt ein kleiner Hügel, auf dem wohl mal ein großes Gebäude gestanden haben muss. Es ist aber schon verfallen. Es kam mir schon vorhin in den Sinn, als du von den Oasen sprachst!“, erzählte er mit einer Mischung aus Unwillen und Neugier. „Laut VOAuGe 3/7-14-4 ist es aber seit Urzeiten schon ein Sperrgebiet – also wegen Sicherheitsgefährdung durch Einsturzgefahr!“, erläuterte er. „Man darf das Gebiet nicht betreten. Ich hörte von einen von uns, der das Gemäuer erkunden wollte. Er kehrte nicht zurück. Es wird also sicherlich überwacht.
Kishou horchte auf. „Und wo ist das?“, fragte sie.
„Garnicht weit von Katum!“, meinte der Breene. „Zwei … vielleicht drei Stunden von dort. Aber es ist ja kein See – eher das Gegenteil. Das Gebiet dort heißt Galatari, und liegt …“
„Das ist es! Das ist es!“, rief Kishou erregt aus, und erntete dafür einen verwunderten Blick des Breenen.
„Du sprachst von einem See!“, wandte er ein.
„Galatari!“, drängte sie auf ihn ein. „Der Name kommt noch aus der alten Sprache des Großen Belfelland: ‚Gala’ heißt soviel wie: ‚Lebensacker’ – oder ‚Acker des Lebens’. So hat man damals das Wasser genannt. Und ‚tari’ kommt von ‚tar’: ‚hoch’, und meint hier ‚das Höchste’ – eben ‚tari’! ‚Galatari’! ... heißt also soviel wie ‚Wasser des – oder eben der Höchsten'. Also Trautel Melanchful. Verstehst du, was ich meine?“
„Aber es ist doch …“
„Es muss eben einmal ein See gewesen sein!“, kam Kishou seinen Einwand erahnend zuvor. „Das Wasser des Sees ist abgesunken. Übrig ist ein grünes Tal, weil es da unten noch feucht genug ist. Nur oben an seinem Ufer ist alles schon ausgetrocknet – verstehst du was ich meine – Ich hab meine Freunde leider nie nach dem Namen des Ortes gefragt, wo das Schloss vom Trautel Melanchful liegt, aber das muss es sein!“
Niemand sollte mehr verstehen von Ursache und Wirkung, als ein Bewohner des Vierten Droms des Belfellands, und so gab es auch für Undolf keine Möglichkeit, den Argumenten Kishous nicht zu folgen. „Ich habe es schon mehrmals gesehen!“, überlegte er noch immer. „Das letzte Mal ist schon längere Zeit her – eine Fuhrwerksstraße führt über den versteppten Gürtel um das Gebiet herum. Wenn man sich anstrengt kann man den Hügel mit dem Gebäude darauf sehen – aber es ist sehr weit entfernt und nicht wirklich viel zu erkennen!“
„Ich muss es unbedingt sehen!“, träumte Kishou leise vor sich hin. Der Geruch ihres alten Gartens lag in ihrer Nase – und der Talklichter neben ihrem Bett, in dem sie sich liegen sah. Und sie hörte die Stimme Trautel Melanchfuls, wie sie vom Großen Belfelland erzählte und von ihrem hell erleuchteten, weißen Schloss inmitten eines großen Sees. Des Nachts konnte man es sehen, wenn man an seinem Ufer stand …
„Bleib ganz ruhig, und verhalte dich so, als hättest du es schon tausendmal erlebt. Es ist alles in Ordnung – gib mir deinen Existenznachweis!“, raunte Undolf neben ihr. Sie durchquerten gerade ein ausladendes Feld, das in seinem leichten Grün auf das hervorbrechen erster Sprossen hindeutete.
„Was?“, schreckte Kishou aus ihrer Träumerei auf. Eine Erklärung war aber unnötig. Im nächsten Moment hörte auch sie das leise Surren direkt hinter ihnen, und Augenblicke später schon tauchte einer dieser Teller in ihr Gesichtsfeld auf. Er schwebte einen Moment lang in niedriger Höhe ein Stück weit vor ihnen und setzte dann mitten auf dem Weg zur Landung an. Undolf stoppte den Wagen. Kishou kramte angestrengt ruhig in ihrer Tasche und übergab dem Breenen das geforderte Papier.
„Warte hier!“, raunte er und sprang vom Kutschbock.;
Wie Kishou zu erkennen meinte, hatte sich ein breiter, schmaler Schlitz an der Seite des Tellers geöffnet. Der Brenne glättete die Papiere und schob das Erste in diesen Schlitz hinein, aus dem es Augenblicke später wieder herauskam. Das gleiche folgte nun mit dem zweiten Papier. Dann schloss sich der Schlitz wieder. Das Gerät hob vom Boden ab – und schwebte surrend vor ihnen in den Himmel aufsteigend davon.
„Was war?“, fragte Kishou noch immer mit Herzklopfen, als der Breene wieder aufgestiegen war.
„Alles in Ordnung!“, beruhigte er sie. „Routinekontrolle! Das wird noch öfter geschehen. Die Teller sind keine Gefahr, solange die Papiere stimmen. Sie sind dumm und Überwachen nur – und wir haben ja schließlich nichts zu verbergen!“, lächelte er, während er das Zugtier wieder auf Trab brachte.
„Es sind zwar Besondere Apparate, aber ich frage mich trotzdem schon lange, wie die eigentlich fliegen können – die haben doch nirgends Flügel?“
„Das gehört zu den nicht zugelassenen Fragen nach der alten VOIB1/3-1a-k!“, wurde sie von dem Breenen aufgeklärt.
„Ich Frage aber trotzdem!“, sagte Kishou bestimmt. „Aber wenn man’s hier nicht fragen darf, weiß es wohl auch keiner!“
Der Blick des Breenen wandte sich zu ihr, und er schaute sie zweifelnd an. „Du bist noch kein ordentliches Mitglied der ONO, insofern gilt für dich die entsprechende Verordnung – andererseits gehörst du ja schon auf Grund deiner Mission zu uns. … eine komplizierte Situation!“, grübelte er.
„Häh ...?“, glaubte Kishou nicht richtig zu verstehen. „Du meinst, man kann nur bestimmte Fragen stellen, wenn man Mitglied in eurer ONO ist?“
„Selbstverständlich!“, reagierte der Breene nun seinerseits verwundert über die Frage. „Wie sollte jeder Fragen können und Wissen wollen, was ihm gerade einfiele? Das wäre der Beginn des totalen Chaos!“
„Aber in der ONO darf man doch genau das, wenn ich richtig verstanden habe – also alle Fragen stellen die sonst verboten sind?!
„Ja natürlich! Hier sind sie doch der ordentliche Widerspruch gegenüber der Ordnung! Hier sind sie doch ordentlich getrennt von der Ordnung, und damit geregelt. Und wo eine Regel ist, da ist auch Ordnung!“, schloss er mit Bestimmtheit.
„Ich werd’ darüber schlafen!“, seufzte Kishou. Die Geheimnisse dieses Droms schienen ihr in diesem Moment wohl besonders Geheimnisvoll.
„Aber um in Anbetracht deiner fraglosen zukünftigen Zugehörigkeit zur ONO noch einmal auf dein Frage zurück zu kommen …“,
„Ja!“, horchte Kishou auf. Sie dachte eigentlich, dass das Thema erledigt wäre, weil niemand etwas darüber weiß.
„Wie es genau funktioniert, wissen wir noch nicht!“, erläuterte er nun. „Aber sie werden gesteuert von einer besonderen Gruppe der Gleim – bei den Gaunen nennt man sie ‚Seher’. Sie sollen sich irgendwo in einem riesigen unterirdischen Raum unterhalb der zentralen Meldestelle in Katum befinden – zumindest gibt es dafür einige Indizien. Gesichert ist das aber noch nicht!“
„Und wie machen die das?“
„Wie ich schon sagte – wir wissen noch nichts genaueres darüber. Sicher scheint, dass zu jedem Teller ein Gleim gehört. Er sieht alles, was der Teller sieht, und der Teller gehorcht seinem Willen!“
„Klingt alles ziemlich gruselig!“, bemerkte Kishou. „Und was kann man gegen die machen – also die Teller mein’ ich?“
„Weglaufen – solange man noch eine Möglichkeit dazu hat!“, zuckte Undolf mit den Schultern. „Zumindest, wenn man auf ihrer Liquidationsliste steht. Ansonsten sind sie nur lästig.
„Viel ist das nicht!“, seufzte Kishou.
„Eine Expertengruppe arbeitet daran, eine Gegenwehr zu finden!“
„Du wolltest mir noch sagen, wie man einen Gleim erkennt!“, erinnerte sich Kishou.
„Es ist eine einfache, aber leider auch nicht sehr zuverlässige Methode!“, erklärte Undolf. „Die Waffe des Gleim ist auch noch nicht verstanden, aber sie zielen, indem sie mit ihrem Zeigefinger in die Richtung des Ziels zeigen. Zu diesem Zweck steckt ihr Zeigefinger in einer dem Lauf folgende Hülse. Wahrscheinlich ist sie nicht sehr tief, oder es gibt einen Rückstoß beim Schuss – auf jeden Fall haben die Gleim an ihrem Zeigefinger immer abgebrochene Fingernägel. Jedenfalls sind sie immer sehr kurz.
„Gewusst wie!“, staunte Kishou.
„Aber es ist eben nur ein Indiz – nichts wirklich Sicheres. Schließlich kann jedem mal der Fingernagel abbrechen!“
„Ah …!“, meinte Kishou nun zu verstehen. „Deshalb wolltest du auch zuerst meine Hände sehen, als wir uns trafen!“
„Natürlich!“, bestätigte Undolf. „Hier – die Herberge solltest du dir merken!“ Er wies auf ein zweistöckiges Gebäude, das die Grenze einer kleinen Ortschaft markierte, die sie gerade erreichten. ‚H623-7’ war in großen Lettern auf der Hauswand zu lesen, und es standen einige Fuhrwerke davor. „Sehr ordentliche Herberge und sehr gutes Essen!“, bemerkte der Breene. „Sie ist kaum bekannt, weil sie zu nah an Trital liegt. Die meisten Reisenden fahren gleich durch bis Trital, oder eben von dort aus hier vorbei, weil es noch zu früh für eine Rast ist. … aber sehr empfehlenswert!“
„Aha!“, reagierte Kishou nur. Sie hatte eigentlich gerade andere Probleme. „Wo wir gerade bei den Gleim sind – was ist mit dieser komischen Vermehrung? – Also ich meine, dass sie immer mehr werden sollen, wenn man mit ihnen kämpft. Meine Freunde sagen das, aber sie wissen auch nicht, wie das vor sich geht!“
„Wieso das so ist, wissen wir auch nicht!“, schüttelte der Breene den Kopf. „Einige von uns gehen sogar soweit, anzunehmen, dass die Gleim gar keine Breenen sind – und nur so aussehen, als wären sie Breenen!“
„Das stimmt ja auch!“, bestätigte Kishou. „Es sind Geschöpfe Suäl Graals! Sie hat sie damals für den Kampf gegen die Chemuren und dem Volk der Afeten erschaffen – und vor allem wegen den Besonderen Apparaten der Korks, die von den Ky speziell für den Kampf gegen Suäl Graal auf Anweisung des Oberen Squatsch geschaffen wurden …. Gibt’s hier eigentlich auch noch Korks?“, kam ihr jetzt in den Sinn.
„Korks? ... Nein … Nein – nie davon gehört …“ Der Breene schien in diesem Moment vollkommen überfordert von all dem was ihm Kishou in wenigen Sätzen vor die Füße warf. Seine Augen zuckten Unruhig hin und her und seine Gedanken versuchten sich wohl gerade verzweifelt, wieder zu ordnen. „Dein Wissen ist von unschätzbarem Wert für das Verständnis der noch unverstandenen Verhältnisse innerhalb des Belfellands, und wird vollkommen neue Fragestellungen innerhalb der ONO erzwingen – aber es ist darum ebenso gefährlich für uns, bevor es nicht wirklich verstanden ist!“ Er machte eine kleine Pause und biss sich auf den Lippen herum. „Ich kenne dich nun schon etwas und habe sogar die Chemuren gesehen … Ich vertraue dir, aber ich sage dir, wie es ist: Wir in der ONO haben auf jemand wie dich gewartet, der uns die Augen öffnen kann – aber genauso wird man dich darum fürchten. Du wirst uns die Antworten geben, nach denen wir suchen, und du wirst damit unsere Sicherheit und Ordnung zerstören. Es braucht viel Zeit, um das auszuhalten – mehr, als wir möglicherweise zur Verfügung haben.
Kishou spürte die Ernsthaftigkeit und auch die ehrliche Furcht, die hinter den Aussagen des Breenen standen, und wurde für einen Augenblick sehr nachdenklich. Sie verstand es nicht wirklich, verspürte aber doch so etwas wie eine Ahnung der Schwere ihres Eingriffs in das Selbstverständnis dieses Droms. „Die Ordnung des Großen Belfellands ist bereits zerstört!“, hörte sie sich sagen. „Ihr wisst es bereits, aber ihr wagt es dennoch nicht, die Antworten darauf zu finden – denn selbst zum nahen Abgrund liegt noch immer wenigstens eine Strecke sicheren und festen Bodens unter den Füßen!“
Es folgte eine Zeit der Stille zwischen ihnen. Sie hatten die kleine Ortschaft inzwischen hinter sich gelassen und durchquerten nun ein ausgedehntes Waldgebiet. Wolken waren aufgezogen und verdunkelten Weg und Gehölz. Sie mussten einem entgegenkommenden Wagen etwas mühsam über den angrenzenden Waldboden ausweichen, weil der Weg hier etwas eng war. Als sie das Waldgebiet verließen, und wieder einmal über ausgedehnte Äcker fuhren, fielen die Augen Kishous auf einen am Himmel kreisenden Vogel, der ihr sehr bekannt vorkam. „Lui!“, rief sie winkend nach oben.
Undolf hob verwundert den Kopf und sah einen Vogel regelrecht vom Himmel fallen, um sich dann geschickt über dem Wagen abzufangen. Er landete schließlich auf der Seitenwand des Wagens. „Ist das nicht der gleiche Vogel, den ich bei den Chemuren gesehen habe?“, staunte er.
„Nein!“, kam die prompte Antwort von Lui.
„Er meint ‚Ja!’, korrigierte Kishou. „Es ist Lui. Er gehört zu uns. Habadam und er können auch miteinander sprechen – ich leider nich’. Lui kann nur ‚nein’ sagen, aber er kann uns verstehen! – Schön dich zu sehen!“, richtete sie sich wieder lächelnd an Lui. „Bei uns ist soweit alles gut gegangen. Wissen Habadam und die anderen Bescheid?“, fragte sie den Vogel.
„Nein!“, war die zu erwartete Antwort.
Sag’ mal Lui – kannst du nicht einfach mit dem Kopf nicken, wenn du ‚ja’ meinst?, blitzte plötzlich eine Idee in ihr auf.
„Nein!“, bestätigte Lui sofort und nickte dabei mehrmals heftig mit dem Kopf.
„Wieso sind wir nicht gleich darauf gekommen?“, wunderte sich Kishou. „Damit können wir uns ja dann fast schon richtig unterhalten!“
Lui trat von einem Bein auf das andere und nickte wieder mit dem Kopf.
„Es war wohl zu einfach, um darauf zu kommen!“, lachte sie. Eine Feststellung, die von einem Kopfnicken, begleitet von Krächzenden Lauten Luis Zustimmung fand.
„Sind die anderen noch da, wo wir uns zuletzt getroffen haben?“, wollte Kishou wissen.
„Nein!“, kam es bestimmt von Lui. Das von Kishou erwartete Kopfnicken blieb allerdings aus.
„Du meinst, sie sind jetzt woanders?“, fragte sie sicherheitshalber noch einmal nach.
„Nein!“, war die Antwort, nun aber begleitet von einem Kopfnicken.
„Wohin sind sie denn jetzt?“, erschrak sie.
Ein langgezogenes „Nein!“ war die Antwort. Lui wiegte seinen Kopf und Körper hin und her.
„Falsche Frage!“, stellte Kishou nüchtern fest, und dachte angestrengt nach. „Sind sie wegen der Horden der Gleichen weggegangen oder weil sie …. Nein … “Unterbrach sie sich selbst. „Eins nach dem anderen! Sind sie wegen einer Gefahr da weggegangen?“
Lui verneinte.
„Also wollen sie irgendwo hin!“, dachte Kishou laut nach. Da gab es eigentlich nur eine Ziel, das ihr in den Sinn kam. „Folgen sie uns?“
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