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Michael Hoffmann

Stil und Text

Eine Einführung

A. Francke Verlag Tübingen

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© 2017 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

www.francke.de • info@francke.de

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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ePub-ISBN 978-3-8233-0017-5

Inhalt

  Vorwort

 1 Stilistische Aspekte der Textkommunikation1.1 Zur Einheit von Text- und Stilkompetenz1.2 Textstilistische Teilkompetenzen1.2.1 Formulierungskompetenz1.2.2 Visualisierungskompetenz1.2.3 Sprach- und Textspielkompetenz1.3 Stil in einer Kosten-Nutzen-Relation

 2 Definitionsmerkmale der Textkategorie Stil2.1 Einleitung2.2 Musterbasiertheit2.2.1 Gestaltungsmuster allgemein: Komponenten des Musters Gestalten2.2.2 Gestaltungsmuster spezifiziert: Beispielanalysen2.3 Ganzheitlichkeit2.3.1 Zum Begriff Stilgestalt2.3.2 Stilgestalten im Text2.4 Kontextbezogenheit2.4.1 Gestaltungskontexte2.4.2 Stil auf verschiedenen Vertextungsebenen2.5 Motiviertheit2.5.1 Gestaltungsmotive2.5.2 Gestaltungsmotive in der pragmatischen Textkommunikation2.5.3 Grundlegende Unterschiede zwischen pragmatischer und poetischer Textkommunikation2.5.4 Gestaltungsmotive in der poetischen Textkommunikation2.6 Ästhetische Gestalthaftigkeit2.6.1 Zur ästhetischen Wertigkeit von Stil2.6.2 Ästhetische Gestalthaftigkeit im poetischen Text2.6.3 Ästhetische Gestalthaftigkeit im pragmatischen Text2.7 Kulturbezogenheit2.7.1 Stil und Kultur2.7.2 Stilwandel und Kultur2.8 Textgebundenheit2.8.1 Zum Textbegriff in der Textlinguistik2.8.2 Stil als Eigenschaft von Texten2.9 Zeichenhaftigkeit2.9.1 Stil als kommunikatives Zeichen im Text2.9.2 Stil in einem Textzeichenmodell2.9.3 Komplexanalyse eines textuellen Zeichengefüges2.10 Eine Stildefinition

 3 Wahrnehmungs- und Interpretationsperspektiven auf Stil3.1 Fokussierungsformen3.1.1 Fokus und Horizont3.1.2 Deviation: Formen der Abweichung3.1.3 Isomorphie: Formen der Wiederholung3.1.4 Kontrast: Formen der Entgegensetzung3.2 Stilzüge3.2.1 Stilzüge als Gegensatzpaare in der Tradition von Kunstgeschichte und Ästhetik3.2.2 Stilzüge als Gegensatzpaare in einem mehrdimensionalen Stilfunktionsmodell3.3 Stilregister3.3.1 Registerwahl bei der Produktion von Äußerungen3.3.2 Registerwahl bei der Produktion von Texten3.3.3 Registermischung im Text3.4 Textkompositionen3.4.1 Erscheinungsformen textkompositorischer Gestalthaftigkeit3.4.2 Beispielanalysen zu Sprache-Bild-Kompositionen3.5 Stiltypen3.5.1 Stiltypen und typisierte Stile3.5.2 Individualstil3.5.3 Textsortenstil3.5.4 Funktionalstil

 4 Hinweise zur Methodik der Stilanalyse4.1 Leitsätze

  4.2 Analysemodelle 4.2.1 Stufen-/Schrittfolgenmodelle 4.2.2 Ebenenmodelle 4.2.3 Rahmenmodelle

  4.3 Ein Wort zum Schluss

  Literaturverzeichnis

  Sachregister

Vorwort

Texte können ganz unterschiedlich verfasst sein: dienstlich oder privat, wissenschaftlich oder populärwissenschaftlich, witzig, ironisch, satirisch oder von neutralem Ernst getragen, religiös oder politisch, dogmatisch oder liberal, poetisch oder nichtpoetisch usw. Es handelt sich um Gestaltungsalternativen oder – bildlich formuliert – um verschiedene Farben, in die Texte getaucht werden können. Besser gesagt: Farben, in denen Texte erscheinen können. Denn es gibt streng genommen kein Nebeneinander von Text und Stil im Sinne einer Gegenüberstellung. Es gibt vielmehr nur ein Ineinander: Stil ist ein integraler Bestandteil von Texten – ein Textualitätsmerkmal. Wer Texte produziert, stellt immer zugleich auch Stil her. Stil wird Texten nicht hinzugefügt.

Stil ist ein Chamäleon, lautet ein vielzitierter Satz in der stilistischen Fachliteratur. Doch stimmt dieses sprachliche Bild uneingeschränkt? Es stimmt immer dann, wenn man den universellen Charakter von Stil herausstellen will – seine Fähigkeit, sich anzupassen an die verschiedensten kommunikativen Bedürfnisse, Aufgaben und Situationen, an die Verfasser und Rezipienten von Texten, an den Zeitgeist, an mediale Gegebenheiten, an vieles mehr. Diese Anpassungsfähigkeit hat zur Folge, dass es verschiedene Stile gibt und somit auch Gestaltungsalternativen. Sie hat letztlich zur Folge, dass es Stil überhaupt gibt.

Der Vergleich mit einem Chamäleon stimmt allerdings nicht, wenn man die kommunikative Leistungsfähigkeit des Stils eines einzelnen Textes in einem konkreten kommunikativen Umfeld unter die Lupe nehmen will. Dann nämlich kommt es gerade auf eine ganz bestimmte Farbe an – auf eine Farbe, die zum kommunikativen Umfeld dieses Textes passt. Wissenschaftlicher Stil z.B. muss als solcher identifizierbar und von populärwissenschaftlichem Stil sowie allen anderen Stilen unterscheidbar sein. Stil wird in diesem Falle zum Zeichen für den Kommunikationsbereich der Wissenschaft. Ein einzelner Text kann also niemals alle Farben zugleich annehmen. Ebenso wenig ist es möglich, unbedenklich von einer Farbe in die andere zu wechseln. Farbwechsel (Stilwechsel), auch Farbmischungen (Stilmischungen) innerhalb eines Textes sind aber, wenn die kommunikativen Umstände es zulassen, durchaus möglich. Wechsel und Mischung von Stilen können zum Zeichen für gestalterische Kreativität werden.

Anliegen des vorliegenden Buches ist es, ein Spektrum an stilistischen Farben zu beschreiben, indem den spezifischen Farbtönen von Einzeltexten, Textsorten (Genres) und Textgattungen nachgespürt wird. Geschrieben wurde das Buch für alle, die mit Stil und Text im Studium oder im Beruf zu tun haben, in erster Linie jedoch für Studierende und Dozierende der Germanistik. Das Buch wartet mit zahlreichen Beispielen und Beispielanalysen auf. Zum einen, um graues stiltheoretisches Gedankengut mit der farbigen kommunikativen Praxis zu verbinden. Zum anderen, um Anregungen für eigenständiges Produzieren und Analysieren von Texten zu vermitteln. Verzichtet wurde weitgehend auf die Darstellung von Forschungsgeschichtlichem wie auch auf die Diskussion verschiedener Stilauffassungen und Stiltheorien. Dazu gibt es genügend einschlägige Literatur.

Ein Buch zum Verhältnis von Stil und Text kommt nicht ohne Beispieltexte aus. Bei einer ganzen Reihe von Texten bzw. Textauszügen waren Abdruckrechte einzuholen, was sich häufig als langwierig und nicht immer als erfreulich herausstellte. Mein Dank gilt in Sonderheit all den Verlagen und Redaktionen, die den Abdruck von Texten kostenfrei genehmigten. Ich danke den Verlagen Hinstorff (Rostock), Rowohlt (Reinbek bei Hamburg) und Zsolnay/Deuticke (Wien), den Redaktionen der Tageszeitungen „Der Tagesspiegel“ und „Süddeutsche Zeitung“, den Redaktionen der Magazine „Eulenspiegel“, „Das Magazin“ und „Reader’s Digest“, dem Kampagnenbüro „Runter vom Gas“, dem Plakatarchiv der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Lebensberatungsplattform Viversum.

Ich danke dem Gunter Narr Verlag für die Aufnahme des Titels in die Reihe „narr studienbücher“ und seinem Lektorat, insbesondere Frau Dr. Valeska Lembke und Herrn Daniel Tobias Seger, für die zuvorkommende Begleitung des Projekts vom Exposé bis zur Drucklegung.

Potsdam, im April 2017 Michael Hoffmann

1 Stilistische Aspekte der Textkommunikation
1.1 Zur Einheit von Text- und StilkompetenzStilkompetenz

Es hat eine gewisse Tradition, Stil als eine Eigenschaft von Texten zu bestimmen. Doch damit ist kaum etwas Genaues gesagt. Es bleibt offen, wie diese Texteigenschaft beschaffen ist, wie sie in den Text hineinkommt, was sie von anderen Texteigenschaften unterscheidet, warum es Stil überhaupt gibt. Es sind Fragen, auf die das Buch eine Antwort geben will. Wichtig erscheint, davon auszugehen, dass der Stil eines Textes eingebunden ist in Prozesse der Textkommunikation. Stil wird textproduzentenseitig hergestellt und textrezipientenseitig wahrgenommen und auch interpretiert. Doch auf welcher Grundlage geschieht dies? Grundlage sind kommunikative Kenntnisse und Fähigkeiten. Oder präziser gesagt: Textproduzenten und -rezipienten sind auf TextkompetenzTextkompetenz angewiesen. Darunter sind vielfältige Kenntnisse im Hinblick auf den Umgang mit Texten verschiedener Art zu verstehen sowie die Fähigkeit, Texte ertragsorientiert zu produzieren und zu rezipieren.

Ertragsorientierte Textproduktion und -rezeption bedeutet Ausrichtung auf einen kommunikativen Gewinn, einen kommunikativen Nutzen. Textkommunikative Erträge können anvisiert und bei geglückter Kommunikation auch erzielt werden. Wir nehmen hierbei Bezug auf das textlinguistische Ertragsmodell, das Kirsten Adamzik (2004: 116f.) an die Stelle eines abstrakten Textfunktionsmodells gesetzt hat. Das Ertragsmodell ist auf die Lebenswelt der Kommunikationsteilnehmer, auf deren Kommunikationsbedarf zugeschnitten. Es zeigt verschiedene Möglichkeiten auf, textkommunikative Erträge zu erzielen. Es zeigt allerdings nicht auf, welche Merkmale Texte aufweisen müssen, damit sich der anvisierte Ertrag auch einstellt bzw. einstellen kann. Gerade das Wissen darüber hat sehr viel mit TextkompetenzTextkompetenz zu tun. Wir sind der Auffassung, dass der Erfolg beim Erzielen textkommunikativer Erträge wesentlich vom Stil eines Textes (von stilistischen Textmerkmalen) abhängen kann, und skizzieren im Folgenden, wie sich Zusammenhänge zwischen Ertragsarten und Arten stilistischer Textmerkmale herstellen lassen.

Intellektuelle ErträgeErträge: Sie können sich einstellen, wenn man Wissen erfolgreich vermittelt oder erworben hat. Die entsprechenden Texte (z.B. Lehrbücher) müssen – soll Kommunikation glücken – adressatengerecht verfasst sein und weiteren stilistischen Erfordernissen (KlarheitKlarheit, GegliedertheitGegliedertheit, Fasslichkeit) Rechnung tragen. Es handelt sich dabei letztlich um erkenntniserleichternde Textmerkmale als Voraussetzung für kommunikativen Erfolg.

Praktische ErtragpraktischerErträge: Der Gewinn, den Texte für Produzenten wie Rezipienten einbringen, ist möglicherweise ein lebenspraktischer. Man will sich schnell über Abfahrts- und Ankunftszeiten eines öffentlichen Verkehrsmittels informieren, ein Möbelstück montieren, einen Gebrauchsgegenstand reparieren oder verkaufen. Bei den entsprechenden Texten (Fahrplänen, Montage- und Reparaturanleitungen, Verkaufsanzeigen) kommt es u.a. auf rezeptionsbeschleunigende Merkmale an: auf Sprachökonomie und ÜbersichtlichkeitÜbersichtlichkeit, bei Anleitungstexten auch auf AnschaulichkeitAnschaulichkeit.

Emotional-psychische Ertragemotional-psychischerErträge: Texte können Gefühle zum Ausdruck bringen und Mittler einer emotionalenEmotionalität/Emotionalisieren Kommunikation sein, bei der sich Gefühlsbekundungen (Freude, Trauer, Stolz usw.) des Textproduzenten auf den Rezipienten übertragen. Der Textertrag kann also darin bestehen, dass die Gefühlslagen von Produzent und Rezipient wie gewünscht übereinstimmen. Gratulationstexte, Festreden, Traueranzeigen signalisieren dies über gefühlsbekundende Textmerkmale. Dem Stil kommt die Funktion der „textuellen Emotionsmanifestation“ (Schwarz-Friesel 2007: 211) zu. Anders liegen die Dinge im Falle von Beleidigungen und Diffamierungen. Hier kann nicht von einem Ertrag (im Sinne von Gewinn oder Nutzen) für beide Seiten gesprochen werden.

Soziale ErträgeErträge: Mit Texten lassen sich Regeln für das Zusammenleben der Menschen aufstellen. Gesetzestexte sind wohl das beste Beispiel. Der Textproduzent präsentiert die Sachverhalte als juristisch verbindlich, indem er einen juristischen StilStiljuristischer herstellt. Bei Dienstanweisungen, Steuerbescheiden und Verwaltungsvorschriften präsentiert sich der Textproduzent als Amtsperson oder als Institution, ausdrücklich nicht als Privatperson. Er stellt einen amtlichen Stil her, und dazu gehört, amtliche Autorität zu erzeugen. Die Texte müssen demnach rollengestaltende Merkmale aufweisen. Mit Texten lassen sich auch soziale Kontakte knüpfen und pflegen. Zu denken ist an Kontaktanzeigen oder an die Übermittlung von Urlaubsgrüßen und Festtagswünschen. Stilistisch relevant sind dabei u.a. beziehungsgestaltende Textmerkmale. Einen hohen Stellenwert können Anrede-, Gruß- und WunschformelnWunschformel haben. Gestalterisch stellt sich aber auch die Frage, wie der Textproduzent mit textkommunikativen Mustern umgeht. Ob er es sich einfach macht und seinen Text aus kommunikativen Fertigteilen zusammensetzt oder ob er es vorzieht, den Textrezipienten mit OriginalitätOriginalität zu überraschen. Dann kann ein formbezogener ErtragErtragformbezogener hinzukommen.

Formbezogene Erträge: Sie können sich mit Bezug auf künstlerisch Gestaltetes einstellen: textproduzentenseitig beim Hervorbringen ästhetischer Gestaltungsweisen im Rahmen poetischerPoetizität/poetisch TextsortenTextsorte (z.B. Ballade, Novelle, Komödie), textrezipientenseitig bei ihrer Wahrnehmung und Interpretation. Kommunikativ wichtig werden betrachtungsstimulierende Textmerkmale. Formbezogene Erträge können für Produzenten von Gebrauchstexten darin bestehen, dass es gelungen ist, die Aufmerksamkeit des Rezipienten gerade auf die Textpassagen zu lenken, die besonders wichtig sind, oder dass es gelungen ist, die AttraktivitätAttraktivität eines Textes zu erhöhen und damit Rezeptionslust zu wecken. Ausschlaggebend für den kommunikativen Erfolg können rezeptionssteuernde bzw. rezeptionsstimulierende Textmerkmale sein.

PersuasivePersuasion ErträgeErtragpersuasiver: Im Ertragsmodell nicht verzeichnet, aber zu berücksichtigen sind Texterträge, die in der Beeinflussung des Textrezipienten liegen und mehr oder weniger vordergründig die Interessen des Textproduzenten bedienen können. Sie werden beispielsweise anvisiert mit Werbetexten kommerzieller oder politischer Art. Werbetexte sind typischerweise von entscheidungsstimulierenden Merkmalen geprägt. Deren Funktion ist es, den Erwerb eines bestimmten Produkts, die Nutzung einer bestimmten Dienstleistung, die Wahl einer bestimmten Partei zu begünstigen. Auch die Verfasser von Bewerbungsschreiben produzieren entscheidungsstimulierende Texte. Man will sich schließlich erfolgreich auf eine Stelle bewerben, hat aber keine Erfolgsgarantie. Wichtig wird deshalb v.a. eine geeignete Art der SelbstpräsentationSelbstpräsentation. Für das Erzielen persuasiver Erträge sind strategische Überlegungen erforderlich. Zur TextkompetenzTextkompetenz des Rezipienten gehört die Fähigkeit, persuasive Textstrategien zu durchschauen.

Metakommunikative Erträge: Kommunikative Kenntnisse und Fähigkeiten kann man mit der Produktion eigener und der Rezeption fremder Texte erwerben oder erweitern. Das heißt, man kann etwas über Kommunikation durch Kommunikation lernen, durch eigenes kommunikatives Tun, auch dadurch, dass man sich im Gestalten und Analysieren von Texten übt. Zu fragen ist, was Bücher über Stil (Stilistiken) für das Erzielen metakommunikativer Erträge leisten können. Der Gedanke an praktische Stillehren liegt nahe, deren Anliegen es ist, stilistische Textmerkmale stilnormativ zu fixieren. Ein metakommunikativer ErtragErtragmetakommunikativer kann sich dabei aber nur dann einstellen, wenn bei der Beschreibung von Stilnormen kommunikative Gesichtspunkte ausdrücklich berücksichtigt werden. Das ist nicht immer der Fall (siehe 1.2.1). Stilistiken anderen Zuschnitts sind theoretisch fundierte Abhandlungen zum Stil authentischer Texte. Hier geht es darum, stilistische Textmerkmale stilanalytisch herauszuarbeiten, um Einsichten in das Wesen von Gestaltungsweisen zu gewinnen. Insgesamt gesehen kommt es darauf an, Gestaltungsmöglichkeiten aufzuzeigen, ohne die Beschreibung von Gestaltungserfordernissen zu vernachlässigen. Diesem komplexen Anliegen ist das vorliegende Buch verpflichtet.

Der streiflichtartige Überblick über einige Möglichkeiten, textkommunikative Erträge zu erzielen, und – damit im Zusammenhang – über stilistische Textmerkmale, die für den kommunikativen Erfolg auschlaggebend sein können, lässt die Frage nach dem Verhältnis von Text- und StilkompetenzStilkompetenz aufkommen. Nach unserer Auffassung ist Stilkompetenz alles andere als eine Anhängselkompetenz. Im Unterschied zu einem Modell von TextkompetenzTextkompetenz, das dies nahelegt (vgl. Weidacher 2007: 48f.), betrachten wir Stilkompetenz als einen wesentlichen Aspekt von Textkompetenz. Es kann sich sogar um den entscheidenden Aspekt handeln. Textkompetenz gilt mittlerweile als eine Schlüsselkompetenz (vgl. den Buchtitel von Schmölzer-Eibinger/Weidacher 2007), doch immer noch strittig ist, in welche Teilkompetenzen sich Textkompetenz aufgliedert und welchen Stellenwert die einzelnen Teilkompetenzen haben (vgl. u.a. Adamzik/Heer 2009). Wir sprechen im Hinblick auf Stilkompetenz bewusst von einem Aspekt der Textkompetenz und vermeiden es, Stilkompetenz als eine Teilkompetenz neben andere (z.B. Sachkompetenz, Vertextungskompetenz, TextsortenkompetenzTextsortenkompetenz) zu stellen. Wir sind der Auffassung, dass Stilkompetenz Kenntnisse und Fähigkeiten umfasst, die untrennbar mit textuellen Teilkompetenzen verknüpft sind. Nehmen wir als Beispiel die Verknüpfung von TextsortenTextsorte- und Stilkompetenz: Ertragsorientiert zu kommunizieren schließt in vielen Fällen die Beachtung textsortengebundener Gestaltungserfordernisse ein. In einigen Fällen kann Ertragsorientiertheit in der Ausnutzung textsortengebundener Gestaltungsoptionen bestehen, in vergleichsweise seltenen Fällen in der AbweichungAbweichen von textsortengebundenen Vorgaben.

Es ginge zu weit, wollten wir uns in die Diskussion über textuelle Teilkompetenzen einschalten. Stattdessen werfen wir einen Blick auf einige textstilistische Teilkompetenzen.

1.2 Textstilistische Teilkompetenzen

Nicht nur Text-, auch StilkompetenzStilkompetenz lässt sich in Teilkompetenzen aufgliedern. Wir gehen im Folgenden ein auf die Formulierungs-, die Visualisierungs- sowie die Sprach- und TextspielkompetenzTextspielkompetenz.

1.2.1 FormulierungskompetenzFormulierungskompetenz

Der Begriff FormulierungFormulierung nimmt Bezug auf „das Resultat in der Verwendung von Sprache durch einen Autor beim Herstellen eines Textes“ (Michel 2001: 36). Die FormulierungskompetenzFormulierungskompetenz umfasst u.a. Kenntnisse darüber, wie man Sachverhalten eine angemessene sprachliche Form geben kann. AngemessenheitAngemessenheit ist ein kommunikatives Grundprinzip; es gehört zum Kanon der Schulrhetorik (vgl. Plett 2001: 27ff.). Seine Befolgung erfordert die Wahl einer Ausdrucksweise, die

 der Persönlichkeit des Textproduzenten, darunter seinem Ethos entspricht;

 den sozialen Status, den Verstehenshorizont und die Textverarbeitungskapazität des Rezipienten berücksichtigt;

 auf den Redeanlass zugeschnitten ist;

 zur Art und Bedeutsamkeit des Redeinhalts passt.

Formulierungsleistungen sind folglich in mehrfacher Hinsicht textkommunikativ relationiert. Insofern kann es keine allgemeingültigen Grundsätze für einen guten, d.h. angemessenen Stil geben. Gerade dies wird aber häufig von praktischen Stillehren bzw. Stilratgebern postuliert. Da heißt es z.B. in einem umfangreichen populärwissenschaftlichen Zeitungsbeitrag mit dem Titel „Eine Deutsch-Stilkunde in 20 Lektionen“, verfasst von Wolf Schneider (Die Zeit, Nr. 20/2012, Beilage, 8–31): „Verachten wir den Wissenschaftsjargon“ (S. 18). Als Beispiel für diese verachtenswerte Stilform wird eine Passage aus einem Vortrag zitiert, den eine Professorin der Universität Konstanz gehalten hat:

Die emphatische Standortbezogenheit, die Affirmation von Differenz und der dekonstruktivistische Blick, der explizite Traditionen und implizite Selbstverständlichkeiten als von Interessen gesteuert durchleuchtet, enthalten ein sozialrevolutionäres Potenzial, das auch für identitätspolitische Zwecke nutzbar gemacht werden kann. (Ebd.)

Dieser Stil ist einerseits zweifellos unangemessenUnangemessenheit, denn die Professorin hat die Textverarbeitungskapazität ihres Publikums missachtet. Andererseits ist wissenschaftlicher Stil typischerweise theoretisch-abstrakt, und in dieser Hinsicht (StimmigkeitStimmigkeit zwischen FormulierungFormulierung und Redeinhalt) ist ihr Stil durchaus angemessen. Er signalisiert, dass ein intellektueller ErtragErtragintellektueller erzielt werden soll. Die Formulierungsleistung ist also insgesamt als zwiespältig zu beurteilen (und nicht pauschal zu verurteilen).

Höchst problematisch ist auch das Stilgebot, auf den NominalstilNominalstil als „Krone der Hässlichkeit“ (S. 21) zu verzichten. Als Beispiel wird ein Text aufgeführt, der im Jahre 2012 an Abfallkörben auf Autobahnparkplätzen in Deutschland zu lesen war: „Nur Reiseabfälle. Zuwiderhandlungen werden als unerlaubte Sondernutzung zur Anzeige gebracht.“ (Ebd.) Wolf Schneider nimmt erstens Anstoß am FunktionsverbgefügeFunktionsverbgefüge zur Anzeige bringen, das er durch das einfache Verb anzeigen ersetzt haben möchte, und zweitens am „Bürokratenjargon“ generell. Man könne – so der Stilkritiker – den zweiten Satz des Textes in ein „drastisch besseres Deutsch“ bringen, indem man ihn so formuliert: „Sonst kriegen Sie Ärger!“ Doch sind Schneiders Umformulierungsvorschläge wirklich echte Formulierungsalternativen? Natürlich nicht! Denn würden sie in die Tat umgesetzt, ginge etwas Entscheidendes verloren: der amtliche NachdruckNachdruck, amtlicher, mit dem auf juristische Konsequenzen eines Zuwiderhandelns hingewiesen wird. Würde die Aufschrift an Abfallkörben wie vorgeschlagen umformuliert, trüge sie Merkmale des Alltagsstils: Die Verben anzeigen und kriegen sowie das Substantiv Ärger verweisen auf EinfachheitEinfachheit, das Verb kriegen außerdem auf Umgangssprachlichkeit bei der Wortverwendung. Dies aber wäre unangemessenUnangemessenheit und brächte den anvisierten sozialen ErtragErtragsozialer in Gefahr.

Die PassivformPassivform/-konstruktion, von Wolf Schneider als „hässlichste Form des Verbs“ (S. 17) gegeißelt, ist in grammatischer Hinsicht eine morphologische Alternative zur Aktivform, in stilistischer Hinsicht ein GestaltungsmittelGestaltungsmittel. Eine Form wie werden zur Anzeige gebracht erzeugt nicht nur UnpersönlichkeitUnpersönlichkeit, sie ermöglicht es darüber hinaus, den betreffenden Sachverhalt als allgemeingültig in den Vordergrund zu rücken. Passivformen haben deshalb auch in wissenschaftlichen Texten ihren angestammten Platz. Als formulierungskompetent erweisen sich die Produzenten längerer Texte jedoch nur dann, wenn sie Ersatzformen des Passivs kennen und verwenden, um Monotonie im Stil zu vermeiden.

Wir können uns nicht mit jeder der 20 stilkundlichen Lektionen auseinandersetzen. Ein gewisser Nutzen ist textkommunikativ unspezifizierten Stilregeln nicht abzusprechen. Sie sind dabei behilflich, eigene Formulierungsleistungen auf den Prüfstand zu stellen, sie dahingehend zu prüfen, ob jedes Wort nötig, treffend und am richtigen Platz ist. Fragwürdig werden solche Stilregeln, wenn Formulierungsleistungen ohne Rücksicht auf ein konkretes textkommunikatives Umfeld als Fehlleistung bewertet und mit Auszügen aus poetischenPoetizität/poetisch Texten konfrontiert werden, die als Beispiele für stilistisch vorbildhaftes Formulieren dienen. Dies ist auch insofern ein fragwürdiges Verfahren, als sich genügend Gegenbelege ausfindig machen ließen, d.h. poetische Textpassagen, die als Verstöße gegen Regeln eines guten Stils zu bewerten wären, da sie „garstige Nominalkonstruktionen“ (S. 8), „ausgeleierte Redensarten“ (S. 15) oder „vermaledeite vorangestellte Attribute“ (S. 22) enthalten. Doch es gibt auch Formulierungsberatung der besseren Art – praktische Stillehren, die zielgruppen- und praxisorientiert verfasst sind. Verwiesen sei auf das Buch von Karl-Heinz List (2007), das sich an Führungskräfte in Unternehmen wendet und mit Mustertexten zu unternehmensrelevanten TextsortenTextsorte aufwartet, auch mit Texten zur Firmen-SelbstpräsentationSelbstpräsentation im Internet.

1.2.2 VisualisierungskompetenzVisualisierungskompetenz

Ob mündliche oder schriftliche Texte – Stil muss nicht ausschließlich eine Formulierungsleistung sein. Bei mündlichen Texten können ProsodieProsodie/prosodisch, Mimik und GestikGestik, Geräusche und Musik als sprachbegleitende, -ergänzende oder -ersetzende Zeichen gestaltungsrelevant werden. Bei schriftlichen Texten kommen gegebenenfalls graphische und typographischTypographie/typographische GestaltungsmittelGestaltungsmittel, Farben und Bilder hinzu. Mündliche und schriftliche Texte gibt es auch in Kombination. Beispiele sind Werbespots, Vorträge mit Handouts und/oder (digitaler) Folienpräsentation sowie Nachrichtensendungen im Fernsehen.

Der Begriff VisualisierungVisualisierung erfasst in stilistischer Hinsicht v.a. die VeranschaulichungVeranschaulichen von Informationseinheiten des Textes mit Hilfe von Abbildungen (Fotos), Nachbildungen (Zeichnungen) oder Bildern anderen Typs. ‚VisualisierungskompetenzVisualisierungskompetenz‘ schließt Kenntnisse über Visualisierungsmittel (als Gestaltungsressourcen) ein und die Fähigkeit, verfügbare Visualisierungsmittel in einen Sinn- und Gestaltungszusammenhang mit sprachlichen Zeichen zu bringen.

Visualisierungen sind auf verschiedene Arten textkommunikativer Erträge beziehbar. In der wissenschaftlichen Kommunikation (Erzielen intellektueller ErträgeErtragintellektueller) treten sie erkenntniserleichternd in Erscheinung. VisualisiertVisualisierung werden Kernelemente von Theorien und Experimenten. Als rezeptionsbeschleunigende GestaltungsmittelGestaltungsmittel im Dienste lebenspraktischer ErträgeErtragpraktischer kommen z.B. Piktogramme auf Wetterkarten zum Einsatz: meteorologische Symbole für ‚sonnig‘, ‚regnerisch‘, ‚heiter bis wolkig‘ u.a. Ein Beispiel für die Visualisierung von Gefühlen (Erzielen emotionalEmotionalität/Emotionalisieren-psychischer ErträgeErtragemotional-psychischer) sind Bilder mit religiöser Symbolik in Traueranzeigen: Schwalben stehen sinnbildlich für ‚Auferstehung‘, Rosen für ‚das Blut Christi‘. Die schwarze Umrandung einer Traueranzeige ist ein graphisches Mittel der Trauerbekundung. In der Werbekommunikation (Erzielen persuasiver ErträgeErtragpersuasiver) finden wir Produktabbildungen, aber auch Bilder, die (vermeintliche) Produkteigenschaften veranschaulichen, z.B. die ‚Heimat einer Biersorte‘. Häufig verwendete Bildmotive hierzu sind Dünenlandschaften, bayrische Biergärten oder berühmte Bauwerke wie die Semperoper in Dresden. Werbekommunikative Texte zielen häufig zusätzlich auf formbezogene ErträgeErtragformbezogener. Realisiert werden GestaltungsideenGestaltungsidee, die sich zwischen Sprache und Bild entfalten. Als Beispiel eine Anzeige der „Deutschen Landgestüte“. Die Wiege der Pferdezucht lautet die Werbeschlagzeile, und sie ist mit einem außergewöhnlichen Foto (einer Fotomontage) bebildert. Gezeigt wird ein Fohlen, das in einer buntbemalten, aus Holz gefertigten Wiege liegt. Was ist daran stilistisch-formbezogen bemerkenswert? In der Schlagzeile hat das Substantiv Wiege die lexikalisierte metaphorische BedeutungSemantik ‚Ort, an dem etw. seinen Anfang nimmt‘; das Bild hingegen visualisiert die wörtliche Bedeutung ‚schwingbares Bettchen für einen Säugling‘ und wandelt sie zugleich ab. Die Stelle eines Säuglings nimmt im Bild ein Fohlen ein. Sprache und Bild treten stilistisch-formbezogen in eine phantasieanregende Beziehung zueinander. Gestaltungsideen dieser Art sind auch als textkommunikative Wort-Bild-SpieleWort-Bild-Spiel interpretierbar, und damit ist eine Überleitung zum nächsten Teilabschnitt hergestellt.

1.2.3 Sprach- und TextspielkompetenzTextspielkompetenz

Die Begriffe SprachspielSprachspiel und TextspielTextspiel erfassen kreative Experimente mit sprachlichen bzw. textuellen Einheiten. Die darauf bezogenen KompetenzenSprachspielkompetenz schließen Kenntnisse über Sprachstrukturen und TextmusterTextmuster ebenso ein wie die Fähigkeit, kreativ mit diesen Strukturen und Mustern umzugehen. Textrezipientenseitig ist es die Fähigkeit, sprach- bzw. textspielerisch realisierte GestaltungsideenGestaltungsidee zu erkennen. Im Einzelnen lassen sich – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – folgende „Spiel-Arten“ unterscheiden:

WortspieleWortspiel: Darunter fallen textkommunikative Spiele

 mit ähnlich lautenden Wörtern, z.B. mit den Substantiven Grube und Gruppe in der satirischen Titelzeile Häschen in der Gruppe (Eulenspiegel, Nr. 3/2016, 50), die auf ein bekanntes Kinderlied anspielt;

 mit der Komponentenstruktur von PhraseologismenPhraseologismus (Redewendungen), z.B. mit der Reihenfolge von Komponenten: Tunnel am Ende des Lichts (Programmtitel des Kabaretts „Magdeburger Zwickmühle“); Schafe im Wolfspelz (Frankfurter Rundschau, 17.12.2012, Beilage S, 1);

 mit der PolysemiePolysemie (Mehrdeutigkeit) von Lexemen (Systemwörtern) – wie in der Schlagzeile Zähes Ringen bei Olympia (Focus, Nr. 8/2013, 139). Die GestaltungsideeGestaltungsidee besteht darin, die Schlagzeile unter Ausnutzung der Polysemie des Lexems Ringen (1. ‚große Anstrengungen zur Lösung eines Problems‘; 2. ‚Ringkampf‘) mit textkommunikativer Mehrdeutigkeit (AmbiguitätAmbiguität) anzureichern, indem sich beide Bedeutungsvarianten überlagern. Im Haupttext erfahren wir sowohl vom Vorhaben des IOC, die Sportart Ringen (Bedeutungsvariante 2) ab 2020 aus dem olympischen Programm zu nehmen, als auch vom internationalen Ringen (Bedeutungsvariante 1) um den Erhalt dieser Sportart bei Olympia.

WortbildungsspieleWortbildungsspiel: Es handelt sich erstens um kreative Experimente mit der Konstituentenstruktur von Wortbildungskonstruktionen. Konstituenten werden

 auf der Basis von Lautähnlichkeit ausgetauscht: Wochenschauer (Eulenspiegel, Nr. 9/2016, 65) statt Wochenschau; Hartz-Infarkt (Programmtitel des Kabaretts „Kartoon“) statt Herzinfarkt;

 auf der Basis paradigmatischer Beziehungen im Wortschatz antonymischAntonym/antonymisch hinzugefügtHinzufügen: unorganisierte Kriminalität (Eulenspiegel, Nr. 6/2016, 40) statt organisierte Kriminalität;

 auf der Basis des Wortbildungsmusters Zusammensetzung (Komposition) dekomponiert: Wahn & Sinn (Rubriktitel der Satirezeitschrift „Eulenspiegel“) statt Wahnsinn.

Spiele mit der Wortbildung haben zweitens ein spezielles Wortbildungsmuster hervorgebracht: die Kreuzung/Verschmelzung zweier Wörter (KontaminationKontamination). Das Wort Demokratur ist eine Kreuzung aus Demokratie und Diktatur, das Wort zwischendurst (Paulaner: Genuss für zwischendurst!) eine Kreuzung aus Durst und zwischendurch.

Wort-Bild-SpieleWort-Bild-Spiel: Kreative Experimente mit Wörtern und Bildern erstrecken sich zum einen auf die geistreiche VisualisierungVisualisierung von Wortbedeutungen (als Beispiel die Visualisierung von Wiege der Pferdezucht im vorhergehenden Teilabschnitt), zum anderen auf die Formung von Bildern aus Wörtern. In einer Edeka-Werbeanzeige sind 41 anpreisende Wörter, darunter Frische, Qualität und Leckerbissen, zu einem Bild geformt, das ein Herz darstellt.

TextmusterspieleTextmusterspiel: Gespielt werden kann auch mit den Mustern von TextsortenTextsorte. Auf diese Weise entstehen z.B. in der Werbekommunikation hybride Texte als Mischung von Werbeanzeige und Lexikonartikel (vgl. Sandig 1986: 201), von Werbeanzeige und Märchen (vgl. Fix 1997: 101), von Werbeanzeige und Kontaktanzeige (vgl. Keßler 1998: 279). Auch Einzeltexte wie der Dekalog (die Zehn Gebote) können die Struktur einer Werbeanzeige bestimmen (ebd.: 282).

NamenspieleNamenspiel: Sie können sprach- oder textspielerisch in Erscheinung treten. Der sprachspielerische Umgang mit Eigennamen aller Art (Personen-, Mannschafts-, Städtenamen usw.) zeigt sich z.B.

 bei der Modifikation des SprichwortsSprichwort Unverhofft kommt oft. in der Schlagzeile Unverhofft kommt Ovtcharov (Potsdamer Neueste Nachrichten, 03.08.2012, 15), wo der Familienname eines Sportlers (Sportart Tischtennis) das Adverb oft ersetzt;

 bei der Kreuzung des Mannschaftsnamens Hoffenheim (Kurzform) mit dem Wertadjektiv hoffnungslos in der Schlagzeile Neue Pleite für Hoffnungslosheim (Bild, 18.02.2013, 20), die auf eine Serie verlorener Fußballspiele Bezug nimmt;

 bei der paradoxen ZusammenrückungZusammenrückung der Verbform bog (umgangssprachlich boch) und der Präposition um zum Städtenamen Bochum in der Titelzeile Ein Mönch Bochum die Ecke (Eulenspiegel, Nr. 4/2016, Sonderseiten Literatureule, 94), mit der ein Nonsens-Text, über die Entstehung des Städtenamens Bochum Auskunft gebend, überschrieben ist.

Ein Beispiel für den textspielerischen Umgang mit Personennamen liefert ein Exemplar der journalistischen TextsorteTextsorte Porträt (vgl. Hoffmann 2012a: 242). Der Text ist nach dem poetischPoetizität/poetisch-ästhetischen Muster AkrostichonAkrostichon strukturiert. Das heißt: Jeder Buchstabe des Vor- und Familiennamens der porträtierten Person (im Beispieltext Armin Mueller-Stahl) wird der Reihe nach zum Anfangsbuchstaben eines am Anfang eines Abschnitts stehenden Wortes. Die abschnittseröffnenden Sätze zum Vornamen Armin lesen sich in diesem NamenspielNamenspiel-Porträt so (vgl. Filmspiegel, Nr. 3/1962, 16): Am Anfang war die Begeisterung für das Theater. / Recht oft ging er mit den Kindern ins Theater. / Mueller-Stahl … Dieser Name ist heute in Theaterkreisen recht gut bekannt. / In Karl-Marx-Stadt bereitet seine Schwester Dietlind als Dramaturgin jede Neuinszenierung mit vor. / Neunzehnhundertneunundvierzig hatte Armin Mueller-Stahl sein Staatsexamen bestanden – als Musiklehrer!

Mit Sprach- und TextspielenTextspiel verbindet sich eine breite Palette an Funktionen und Wirkungen. Das Erzielen formbezogener Erträge ist lediglich eine Funktion unter vielen anderen (vgl. u.a. Poethe 2002: 26–29; Janich 2010: 211ff.).

1.3 Stil in einer Kosten-Nutzen-Relation

Ertragsorientierte Textproduktion und -rezeption – so hatten wir gesagt (siehe 1.1) – bedeutet Ausrichtung auf einen kommunikativen Gewinn, einen kommunikativen Nutzen. Hier lässt sich eine Brücke schlagen zu Rudi Kellers Kosten-Nutzen-Rechnung, die bei der Wahl sprachlicher Mittel aufzumachen sei (1995: 216–228). Mit dem Kostenaspekt werden die kommunikativen Anstrengungen geistiger und artikulatorischer Art erfasst, mit dem Nutzenaspekt mögliche Gewinne in dreifacher Hinsicht: Anstreben lässt sich ein informativer Gewinn (z.B. die Überzeugung des Textrezipienten), ein sozialer Gewinn (z.B. die Aufrechterhaltung einer Freundschaft) und ein ästhetischer Gewinn (z.B. der Unterhaltungswert des Gesagten). Wir erkennen in dieser Dreiteilung unschwer persuasiveErtragpersuasiver, sozialeErtragsozialer und formbezogene ErträgeErtragformbezogener wieder. Die Kosten, die ein Sprecher (Textproduzent) veranschlagt, können höher oder niedriger ausfallen. Höher sind sie, wenn er anstelle einer direkten eine indirekte Ausdrucksweise wählt. Dann ist zu fragen, was ihn dazu veranlasst, den kommunikativ unbequemeren Weg einzuschlagen. Rudi Keller gibt darauf folgende Antwort: „Der Sprecher wählt den indirekten Weg genau dann, wenn er ihn als den aussichtsreicheren beurteilt.“ (Ebd.: 218) Doch was ist eigentlich unter der Direktheit bzw. Indirektheit eines Wegs zu verstehen? Gemeint ist der Unterschied zwischen der Wörtlichkeit und der Nichtwörtlichkeit des Gesagten. Letzteres ist beispielsweise der Fall, wenn sich der Sprecher (Textproduzent) metaphorischMetapher/Metaphorisieren oder ironisch äußert. So kann sich eine metaphorische Ausdrucksweise als aussichtsreicher herausstellen, einen intellektuellen ErtragErtragintellektueller zu erzielen, eben weil sie es vermag, abstrakte Sachverhalte zu veranschaulichen. Metaphorik verlangt allerdings auch dem Hörer (Textrezipienten) höhere geistige Kosten ab, denn sie impliziert die an ihn gerichtete Aufforderung, „etwas als etwas anderes zu sehen“ (ebd.: 224). Eine ironische Ausdrucksweise kann sich als aussichtsreicher herausstellen, einen emotionalEmotionalität/Emotionalisieren-psychischen ErtragErtragemotional-psychischer zu erzielen, eben weil sie es vermag, die Bewertung von Sachverhalten als distanziert-spöttisch erscheinen zu lassen, etwa im Rahmen der journalistischen TextsorteTextsorte Glosse (vgl. Lüger 1995: 137ff.). Vom Hörer (Textrezipienten) wird bei dieser Form von Indirektheit erwartet, dass er sein Wissen einbringt, um die IronieIronie/Ironisieren zu erkennen. Es wird außerdem erwartet, dass er den SpottSpott als gerechtfertigt ansieht. Auch er hat also erheblich höhere Kosten, doch der mögliche Nutzen liegt auf der Hand: Der Text kann Vergnügen bereiten.

2 Definitionsmerkmale der Textkategorie Stil
2.1 Einleitung

Vor mehr als hundert Jahren beginnt Richard M. Meyer seine „Deutsche Stilistik“ mit folgenden Worten:

Die Stilistik wird insgemein als eine Art Geheimmittellehre aufgefaßt, die allerlei Kunstgriffe zur Erzielung ästhetischer Wirkungen an die Hand geben soll. Davon kann im Ernst nicht die Rede sein; vielmehr ist sie eine wissenschaftliche Disziplin, die als solche das Verständnis vorhandener Erscheinungen zu fördern und zu verbreiten sucht. In diesem Sinn behandeln wir die Stilistik in dem folgenden Abriß als ein System theoretischer Erkenntnisse, das sich selbstverständlich praktisch verwerten läßt, gerade wie die Grammatik (im Sprachunterricht) oder jede andere Wissenschaft. (Meyer 1913: 1)

Aktuell an diesen Worten ist einiges: der Status der Stilistik als Wissenschaft, die Systemhaftigkeit theoretischer Erkenntnisse, die praktische Verwertbarkeit von Einsichten in stilistische Regularitäten. Nicht mehr aktuell ist natürlich auch einiges: Von einer Geheimmittellehre spricht heutzutage niemand mehr. Statt um Kunstgriffe geht es heute um theoretisch fundierte methodische Instrumentarien. Und schlösse man sich der Auffassung Meyers an, dass die Stilistik letztlich nichts anderes sei „als eine vergleichende Syntax“ (ebd.: 3), bliebe das Blickfeld eingeengt auf ein Teilsystem des SprachsystemsSprachsystem als Stilmittelreservoir und der Blick versperrt auf den eigentlichen Stilbereich in seiner Bindung an und seiner Einbindung in die Kommunikation. Erstaunlicherweise gelingt es dem Autor dennoch, den Blick zu weiten und Stilistisches auch im Rahmen von „Gattungen“ wie ‚Essay‘, ‚Literarisches Porträt‘ und ‚Wissenschaftliche Darstellung‘ zu beschreiben.

Vor mehr als zehn Jahren beginnt die „Einführung in die Stilistik“ von Karl-Heinz Göttert und Oliver Jungen folgendermaßen:

Das hat Stil! Oder auch: Das hat keinen Stil! – erstaunlicherweise verstehen wir solche Aussagen bestens, ohne sagen zu können, was Stil eigentlich ist. Diese definitorische Verlegenheit stellt kein kleines Manko für die Stilistik dar. Eine Einführung in die Disziplin der Stilistik hat es da etwas einfacher, weil sie das Manko nur zu benennen, nicht zu beheben braucht. (Göttert/Jungen 2004: 13)

Kritikwürdig an diesen Ausführungen ist erstens, dass das Wort Stil in den angeführten Beispieläußerungen ein ästhetisches Werturteil zum Ausdruck bringt, im Sinne von ‚ästhetischÄsthetik/ästhetisch ansprechender Gestaltung‘ verwendet wird, während die Aufgabe der Stilistik darin besteht, den Grundbegriff Stil so zu bestimmen, dass damit die Vielfalt an Gestaltungsweisen mit neutralen Kennzeichnungen (Stil der Wissenschaft, Werbestil, Märchenstil, Stil Thomas Manns usw.) erfassbar wird. Kritikwürdig an den zitierten Worten ist zweitens die Annahme, dass Einführungen in eine Wissenschaftsdisziplin ohne eine Definition des jeweiligen Gegenstands auskommen können. Der Verzicht auf eine Definition hat zwangsläufig zur Folge, dass lediglich diffuse Vorstellungen vom Gegenstand entstehen, was wenig hilfreich und letztlich unwissenschaftlich ist. So nährt der Verzicht auf eine Stildefinition berechtigte Zweifel, ob die Stilistik überhaupt zu den Wissenschaftsdisziplinen gehört. Die Zweifel daran potenzieren sich, wenn anstelle des Bemühens, zu einer Stildefinition zu gelangen, spöttische Vergleiche angestellt werden, wenn Stil z.B. mit einem Fabelwesen wie dem Ungeheuer von Loch Ness verglichenVergleichen wird: „Man spricht davon, schreibt und hält Vorträge darüber, doch über etwas, was unsichtbar bleibt.“ (Dubois u.a. 1974: 24)

Dabei ist über Stil als Grundbegriff der Stilistik wahrlich schon viel gesprochen und geschrieben worden. Der Begriff bietet unerschöpflichen Diskussionsstoff. Es gibt mittlerweile zahlreiche Stilrichtungen (Text-, Gesprächs-, Pragma-, Sozio-, Literatur-, Funktionalstilistik u.a.) und weitaus mehr Stilauffassungen, -konzepte und -definitionen. Selbst innerhalb einer Stilrichtung können verschiedene Sichtweisen zur Geltung kommen. So ist es im Rahmen der Textstilistik möglich, den Fokus auf pragmatischePragmatik/pragmatisch Aspekte des Stils zu richten: Stil wird als die Art und Weise des Vollzugs einer TexthandlungTexthandlung (z.B. ERZÄHLENERZÄHLEN/Erzählen, WERBENWERBEN, BEURKUNDENBEURKUNDEN) begriffen. Im Rahmen der Textstilistik ist es aber auch möglich, im Stil eines Textes ein mehr oder weniger komplexes kommunikatives Zeichen zu sehen, mit sprachlichen und nichtsprachlichen Komponenten, in monologischer oder dialogischer Form, mit individueller oder überindividueller Prägung, mit pragmatischer, sozialer oder ästhetischer BedeutungSemantik/semantisch, in poetischenPoetizität/poetisch oder nichtpoetischen Kommunikationszusammenhängen. Von dieser semiotischen Sichtweise (Stil als Zeichen in der Kommunikation) sind die stiltheoretischen Ausführungen im vorliegenden Buch getragen. Die Problematik vieler Stiltheorien resultiert aus einem Universalitätsanspruch bzw. aus der Verabsolutierung eines ganz bestimmten Aspekts. Eine semiotisch orientierte Textstilistik legt sich zwar auch fest, hat aber das Potential, die verschiedensten Aspekte unter einem Dach zusammenzuführen.

Bei dem hier vorzustellenden Stilkonzept gehen wir nicht von einer fertigen Stildefinition aus. Stattdessen werden Definitionsmerkmale der Textkategorie Stil in der Art eines Puzzles aneinandergelegt und an Beispieltexten erläutert, um sie am Ende in einer Stildefinition zusammenzuführen. Strittiges bleibt weitestgehend ausgeblendet, doch auf eine Diskussion stiltheoretischer Fragen wird nicht gänzlich verzichtet, denn auch die Problematisierung von Positionen kann dazu beitragen, möglichst viel Klarheit über das Phänomen Stil zu gewinnen. In diesem zweiten Kapitel wird deshalb an das Ende eines Abschnitts gelegentlich ein Block mit der Überschrift „Diskussion“ gestellt, in dem Fragen, die sich aus dem Studium der Fachliteratur ergeben, erörtert oder offene Fragen, die sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht befriedigend beantworten lassen, formuliert werden.

2.2 Musterbasiertheit
2.2.1 GestaltungsmusterGestaltungsmuster allgemein: Komponenten des Musters Gestalten

An unserer ersten Station auf dem Weg zu einer Stildefinition wollen wir auf die Frage eingehen, wie der Stil eines Textes eigentlich in den Text „hineinkommt“. Für die Antwort auf diese Frage erweist es sich als nützlich, wenn nicht als unumgänglich, den stilistischen Aspekt der Textproduktion mit dem Begriff Gestaltung zu erfassen. Mit Hilfe dieses Begriffs können wir Stil als ein Gestaltungsprodukt bestimmen. Wir können sagen, dass er durch einen GestaltungsaktGestaltungsakt hervorgebracht wird und dass Gestaltungsakten ein GestaltungsmusterGestaltungsmuster zugrunde liegt. Ein prägnanterPrägnanz/Prägnant-Machen stiltheoretischer Leitsatz lautet ganz in diesem Sinne: Stil beruht auf dem Muster Gestalten (vgl. Püschel 1995: 306). Da es naturgemäß viele unterschiedliche Stile gibt, müsste es eigentlich dementsprechend viele Gestaltungsmuster geben. Nun besagt der Leitsatz aber gerade, dass es ein einziges Muster gibt, nämlich das Muster Gestalten. Wie lässt sich diesem offensichtlichen Widerspruch Logik abgewinnen? Etwa so: Wenn von dem Muster Gestalten die Rede ist, dann gerät immer das Allgemeine, das allen Gestaltungsakten zugrunde liegt, in den Blick. Man kann es mit Ulrich Püschel noch deutlicher sagen und Gestalten als „das allgemeinste oder zentrale Stilmuster“ (1995: 307) bestimmen. Wenn hingegen im Plural von Gestaltungsmustern die Rede ist, dann werden einzelne, spezifizierte, konkret bestimmbare Gestaltungsakte in ihrer Musterhaftigkeit erfasst. Im Folgenden sei versucht, das Allgemeine (das Muster) und das Einzelne (die Muster) etwas ausführlicher zu beschreiben und voneinander abzugrenzen.

Gestalten heißt allgemein gesehen, einer x-beliebigen Sache (Gegenstand, Zustand, Prozess, Handlung usw.) eine bestimmte Form zu geben, und zwar – wie sogleich hinzugefügt werden muss – nach einem Formgebungsprinzip oder einer Formgebungsidee, denn nicht jede Formgebung ist per se ein GestaltungsaktGestaltungsakt. Wer eine Tasse oder einen Krug töpfert, gibt Gefäßen erst einmal eine Form, die sich als Tasse oder Krug zu erkennen gibt, ohne dass bereits ein Gestaltungsakt vollzogen sein muss. Wer einen Satz nach grammatischen Regeln produziert und Wörter nach grammatischen Regeln einbindet, gibt dem Satz und den Wörtern zweifellos einen Form, aber eben eine grammatische Form. Wer einen Text produziert, ein TextthemaTextthema abhandelt, orientiert sich bei der Textbildung zum einen an textgrammatischen Regeln, zum anderen an kommunikativen Gesichtspunkten und in diesem Zusammenhang auch an Formgebungsprinzipien. So kann man das Thema eines Textes anschaulich abhandeln (z.B. in Lehrbüchern) oder theoretisch-abstrakt (z.B. in wissenschaftlichen Aufsätzen). Vielfach ist die Gestaltung mehr oder weniger vorgeschrieben, so in Protokollen, wo es auf GenauigkeitGenauigkeit ankommt, oder in Festreden, die nach einem feierlichen Stil verlangen. AnschaulichkeitAnschaulichkeit, AbstraktheitAbstraktheit, Genauigkeit und FeierlichkeitFeierlichkeit sind Beispiele für Formgebungsprinzipien. Beispiele für Formgebungsideen findet man z.B. in Werbeanzeigen, die in Gedichtform verfasst sind, in Kontaktanzeigen, in die Märchenelemente eingeflochten sind, oder in den Laut- und Buchstabengedichten der Konkreten Poesie. Gestaltungsakte vollziehen sich nicht im luftleeren Raum. So bildet insbesondere die TextsorteTextsorte (z.B. Lehrbuch, Protokoll, Festrede, Werbeanzeige, Kontaktanzeige, Gedicht) den Rahmen für die Entfaltung von Formgebungsprinzipien und Formgebungsideen. Mit diesen beiden Stilkategorien ist eine wichtige Komponente des Musters Gestalten gewonnen: das Ziel, das anvisierte Ergebnis des Gestaltens. Um es zu erreichen, müssen geeignete Prozeduren, d.h. Formgebungsverfahren umgesetzt und geeignete Formgebungsmittel eingesetzt werden. Musterbildend sind also neben einer Zielkomponente (finalen Komponente) auch eine prozedurale und eine instrumentale Komponente. Das Muster Gestalten stellt sich mithin als eine Drei-Komponenten-Struktur dar, bei der wir, um zu verdeutlichen, dass es sich um Einheiten dieses Musters handelt, die Bezeichnung Formgebung durch die Bezeichnung Gestaltung ersetzen (siehe Tab. 1).


Finale KomponenteProzedurale KomponenteInstrumentale Komponente

Tab. 1: Komponenten des Musters Gestalten

Wir werden das Muster Gestalten an passender Stelle (siehe 2.5.1) zu vervollständigen haben.

2.2.2 GestaltungsmusterGestaltungsmuster spezifiziert: Beispielanalysen

Vom Allgemeinen nun zum Einzelnen, zu einzelnen GestaltungsmusternGestaltungsmuster und einzelnen Beispielen. Die Rekonstruktion spezifizierter, konkret bestimmbarer Gestaltungsmuster bedarf nicht grundsätzlich einer breiten empirischen Basis. Sie hat auch dann ziemlich gute Erfolgsaussichten, wenn man einen Einzeltext als Exemplar einer TextsorteTextsorte erfasst und überlegt, worauf Gestaltungsaspekte in diesem Rahmen gerichtet sein könnten.


Beispieltext 1 : Stellenanzeige

Gestaltungsaspekte im Textsortenrahmen ‚Stellenanzeige‘ leiten sich u.a. aus folgenden Fragen ab:

 Wie wird der Arbeitgeber, der das Stellenangebot unterbreitet, bezeichnet?

 Wie wird das Anforderungsprofil der zu besetzenden Stelle beschrieben?

Es gibt grundlegende und besondere GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren. Am Beispieltext 1 seien zunächst zwei grundlegende Gestaltungsverfahren aufgezeigt, und zwar:

1 das AuswählenAuswählen von GestaltungsmittelnGestaltungsmittel aus einem Paradigma und

2 das KombinierenKombinieren der ausgewählten Mittel zu einer syntagmatischen Struktur.

Die Analyse zu a) erfasst verwendete GestaltungsmittelGestaltungsmittel auf einer vertikalen Achse. Der Beispieltext gibt hierzu vor allem Folgendes zu erkennen:


Textbelege
Pizza-Serviceanstelle vonein Pizza-ServiceWahl des Nullartikelsanstelledes unbestimmten Artikels
f. d. R.anstelle vonfür den Raum
Ortskennt(nisse)anstelle vonKennt(nisse) über den OrtWahl eines Kompositumsanstelleeiner Wortgruppe
mit Ortskennt. u. eig. PKW anstelle vondie über Ortskennt. u. eig. PKW verfügenWahl einer attributiven Wortgruppeanstelleeines Relativsatzes
(std.-weise n. Vereinb.) anstelle vonDie Beschäftigung erfolgt std.-weise n. Vereinb.

Tab. 2: GestaltungsmittelGestaltungsmittel Stellenanzeige – paradigmatisch

Die Analyse zu b) ordnet die verwendeten GestaltungsmittelGestaltungsmittel auf einer horizontalen Achse an. Um das Gestaltungsziel, hier das GestaltungsprinzipGestaltungsprinzip zu erkennen, müssen die als ausgewähltAuswählen erkannten Gestaltungsmittel als miteinander kombiniert und in ihrem Zusammenwirken betrachtet werden:


Nullartikel+Schreib-abkürzungen+Kompositum+attributiveWortgruppe+EllipseEllipse

Tab. 3: GestaltungsmittelGestaltungsmittel Stellenanzeige – syntagmatisch

Das GestaltungsprinzipGestaltungsprinzip, das den Gestaltungszusammenhang zwischen den GestaltungsmittelnGestaltungsmittel stiftet, ist aus der syntagmatischen Struktur ableitbar: Mit allen ausgewählten und kombinierten Gestaltungsmitteln wird das Gestaltungsprinzip KnappheitKnappheit (ein Ausdruck von Sprachökonomie) realisiert. Der Stellenanzeige liegt der GestaltungsaktGestaltungsakt VerknappenVerknappen zugrunde, der für Anzeigentexte typisch ist.


Beispieltext 2 : Werbeanzeige

Bei GestaltungsaktenGestaltungsakt im Textsortenrahmen ‚Werbeanzeige‘ stellen sich ganz andere Fragen, u.a. diese:

 Wie wird das im Text thematisierte Produkt bezeichnet?

 Wie werden das Produkt und seine Herstellung bewertet?

Am Beispiel einer Werbeanzeige (Text 2) seien drei besondere GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren (einschließlich typischer GestaltungsmittelGestaltungsmittel) zur Realisierung eines GestaltungsprinzipsGestaltungsprinzip aufgezeigt, und zwar:

 das KreierenKreieren eines klangvollen und orthographisch auffälligen Produktnamens (hier: TwinHaus);

 das Auflisten von Vorzügen (des Produkts und seiner Herstellung), hier mittels adjektivischer WertwörterWertwort (attraktiv, einzigartig, effizient), auch in Form eines AugmentativkompositumsAugmentativkompositum, d.h. eines zusammengesetzten Wortes, bei dem die erste Konstituente die zweite semantischSemantik/semantisch steigert (hochattraktiv), sowie in komparativischer (effizienter, kostengünstiger) und superlativischer Form (beliebtest);

 das UmschreibenUmschreiben des Produktnamens mittels GefühlswörternGefühlswort oder Gefühlswortkonstruktionen, hier mittels eines substantivischen AugmentativkompositumsAugmentativkompositum (Traumhäuser), dessen erste Konstituente aus einem Gefühlswort besteht, das einen sehnlichen und noch unerfüllten Wusch bezeichnet.

Aus der Analyse der GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren und -mittel lässt sich – wiederum auf der horizontalen Achse – das vorherrschende GestaltungsprinzipGestaltungsprinzip ableiten: das Prinzip AnpreisungAnpreisung. Der Anzeige liegt der GestaltungsaktGestaltungsakt Anpreisen zugrunde, der für Werbetexte typisch ist.

Schwere See, mein Herz? Nicht länger. Lass uns Segel setzen. Sturmerprobte, Wahrheit schätzende, lebensverliebte Frau (30/181/75, NR, Journalistin, aus Halle/S.) sucht großen Mann mit Herzensweite, Weitblick und Tiefgang. Gern auch älter und mit Mut und großer Lust darauf, aufs offene Meer zu segeln und gemeinsam die Früchte des Lebens heimzuholen.

Chiffre: 11/09

Beispieltext 3: Kontaktanzeige

Im Textsortenrahmen ‚Kontaktanzeige‘ stellen sich u.a. folgende Stilfragen:

 Wie werden die Kommunikationsbeteiligten (die suchende und die gesuchte Person) bezeichnet?

 Wie werden Vorstellungen von einer Partnerbeziehung kommuniziert?

Die Analyse von Beispieltext 3, konzentriert auf diese beiden Fragen, fördert ein besonderes GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren zur Realisierung einer GestaltungsideeGestaltungsidee zutage, nämlich das Mischen von Mustern, genauer: das Mischen von Merkmalen/Elementen verschiedener Muster. In diesem Text werden Elemente des FramesFrame (Wissensmusters) ‚Segeln‘ in die Themenabhandlung ‚Partnersuche‘ nach dem Textsortenmuster Kontaktanzeige eingeflochten, erkennbar vor allem an den verbalen Wortgruppen Segel setzen und aufs offene Meer segeln, die im Kontext dieser Kontaktanzeige sprachbildlich (metaphorischMetapher/Metaphorisieren) zu verstehen sind. Aber auch die lexikalischen Einheiten sturmerprobt, Weitblick und Tiefgang fügen sich in gewisser Weise in das komplexe Sprachbild ein, das offenbar vom Song „Schwere See“ der Band Element of Crime inspiriert ist. Mit dem Zitieren einer Verszeile aus dem Refrain dieses Songs (Schwere See, mein Herz) wird eine intertextuelle Beziehung aufgebaut, die der Anzeige bereits zu Beginn einen poetischenPoetizität/poetisch Anstrich verleiht.

Wir sind nun in der Lage, die textprägende GestaltungsideeGestaltungsidee zu beschreiben. Sie besteht darin, eine Partnerbeziehung als ein Segelschifffahrtsereignis erscheinen zu lassen.

Suche Dich! Groß, schlank, schlau, liebevoll, geduldig, Interesse für Haus, Garten, Urlaub am Meer und in den Bergen … Verwunschene Prinzessin, 45/1,74 m, schlank, blond, blauäugig, mit Bodenhaftung, sucht genau den Frosch, der sich nach dem ersten Kuss in den Traumprinzen verwandelt.

Chiffre: 11/07

Beispieltext 4: Kontaktanzeige

Die Variabilität der Gestaltung von Kontaktanzeigen offenbart sich, wenn man weitere Texte dieser TextsorteTextsorte in die Analyse einbezieht. Wir beschränken uns hier auf einen einzigen weiteren Text. Als besonderes GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren in Beispieltext 4 tritt das Anspielen auf einen Märchentext hervor, das auf eine andere GestaltungsideeGestaltungsidee hindeutet. Aber es zeigt sich auch eine Gemeinsamkeit mit Text 3: In beiden lässt sich ein Mischen von Mustern beobachten, denn es werden lexikalische Märchenelemente (verwunschen, Prinzessin, sich verwandeln) in einen Text mit dem Thema ‚Partnersuche‘ eingeflochten. Im Unterschied zu Text 3 werden diese „fremdstilistischen“ Elemente jedoch verwendet, um die Inserentin und den gesuchten Partner als fiktionale Figuren einer poetischenPoetizität/poetisch Textwelt (der Welt des Märchens „Froschkönig“) erscheinen zu lassen. Die Gestaltungsidee besteht folglich darin, die Suche nach einem Partner und Vorstellungen von einer Partnerbeziehung in Märchenform zu kommunizieren.

GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren, die über ein bloßes AuswählenAuswählen und KombinierenKombinieren von GestaltungsmittelnGestaltungsmittel hinausgehen, gibt es in großer Zahl. Sie vollständig aufzuzählen ist eine unlösbare Aufgabe. Wir wollen hier noch auf einige hinweisen und mögliche Zusammenhänge mit GestaltungsaktenGestaltungsakt aufzeigen (siehe Tab. 4).


Einflechten literarischer Zitate:„O schüttel ab den schweren Traum / und die lange Winterruh; / es wagt es der alte Apfelbaum, / Herze, wag’s auch du!“ Um Fontane zu Wort kommen zu lassen.(Potsdamer Neueste Nachrichten, 19.03.2010, 1)

Tab. 4: Zusammenhänge zwischen GestaltungsaktenGestaltungsakt und GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren

Ein Problem ist möglicherweise die Unterscheidung zwischen GestaltungsaktenGestaltungsakt und GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren. Als Faustregel gilt: Gestaltungsakte tragen zumeist das GestaltungsprinzipGestaltungsprinzip im Namen (vgl. VerknappenVerknappen → KnappheitKnappheit, Anpreisen → AnpreisungAnpreisung, aber auch VeranschaulichenVeranschaulichen → AnschaulichkeitAnschaulichkeit, EmotionalisierenEmotionalität/Emotionalisieren → Emotionalität usw.), bei Gestaltungsverfahren ist dies nicht der Fall (vgl. Auflisten von Vorzügen → Anpreisung, aber auch WiederholenWiederholen → EinprägsamkeitEinprägsamkeit oder VariierenVariieren → AbwechslungAbwechslung). Ein weiteres Problem ist möglicherweise die Unterscheidung zwischen GestaltungsideenGestaltungsidee und Gestaltungsverfahren, da ja in so manchem Verfahren (Anspielen, Mischen von Mustern u.a.) gestalterische Kreativität steckt. Doch die Koordinaten für Gestaltungsideen werden immer in einem konkreten kommunikativen Gestaltungsrahmen (z.B. dem der TextsorteTextsorte oder der Textgattung) abgesteckt, während dies bei Gestaltungsverfahren nicht der Fall ist. AnspielungenAllusion und MustermischungenMustermischung gibt es nicht nur in Kontaktanzeigen, sondern auch in werbenden, journalistischen und poetischenPoetizität/poetisch Texten. Gestaltungsverfahren stehen in einer engen Beziehung zu GestaltungsmittelnGestaltungsmittel, schließen sie häufig ein, was schon an den beiden grundlegenden Verfahren (AuswählenAuswählen und KombinierenKombinieren von Gestaltungsmitteln) erkennbar ist, und in einer eher kommunikativ offenen, uneindeutigen Beziehung zu Gestaltungsakten, -prinzipien und -ideen. In ähnlicher Weise unterscheidet Barbara Sandig (2006: 152) zwischen stilistischen Handlungen und stilistischen Verfahren. Letztere sind für sie Gestaltungstechniken, „die im Text verschiedenste Funktionen erhalten können“.

DISKUSSION

1 . In der Literatur wird auch von Stilgestaltung gesprochen. Kann Stil Produkt und zugleich Objekt des Gestaltens sein?

Stil beruht auf dem Muster Gestalten, ist Produkt des Gestaltens. Gestalten heißt, einer Sache, die außerhalb des Stils liegt, eine bestimmte Form zu geben. Insofern ist es stiltheoretisch problematisch, ja widersprüchlich, im Gestaltungsprodukt Stil zugleich ein Objekt des Gestaltens zu sehen, d.h. von Stilgestaltung zu sprechen, nachzulesen etwa bei Ulf Abraham: „Stil wahrnehmen und gestalten“ (1996: 293) oder Barbara Sandig: „GESTALTEN von Stil“ (2006: 51). Dem ist entgegenzusetzen: Stil wird nicht gestaltet, sondern hergestellt, und zwar innerhalb eines Gestaltungsrahmens, in dem sich das Gestaltungsobjekt befindet.

2 . In der Literatur wird auch von Stil als einem GestaltungsmittelGestaltungsmittel gesprochen. Kann Stil Produkt und zugleich Mittel des Gestaltens sein?

Es erscheint verwirrend, wenn zu lesen ist, dass Stil ein GestaltungsmittelGestaltungsmittel ist (vgl. Sandig 2006: 23). Kann Stil wirklich ein Gestaltungsprodukt und zugleich ein Gestaltungsmittel sein? Es ist doch wohl vielmehr so, dass bei der Herstellung von Stil Gestaltungsmittel zum Einsatz kommen, die in das Gestaltungsergebnis eingehen und eine textuelle Stilstruktur konstituieren. Weniger verwirrend ist das Ganze indes, wenn man sich verschiedene Bezugsgrößen des Gestaltens vor Augen führt. Gestalten hat nämlich einen Doppelaspekt; es ist einerseits auf die Ausformung von Textstrukturen beziehbar (siehe z.B. die GestaltungsprinzipienGestaltungsprinzip AbwechslungAbwechslung, DekoriertheitDekoriertheit/Dekorieren, KnappheitKnappheit, RhythmikRhythmik/Rhythmisieren), andererseits auf Gegebenheiten des kommunikativen Geschehens, d.h. auf Gegebenheiten, die über die Form des Textes hinausweisen. So kann man eben auch davon sprechen, dass mittels Stil die Beeinflussung des Rezipienten bzw. Adressaten gestaltet wird (siehe das Gestaltungsprinzip AnpreisungAnpreisung) oder die soziale Beziehung zwischen Textproduzent und Textrezipient (z.B. als förmlich oder familiär) oder die soziale Rolle, in der sich der Textproduzent präsentiert (z.B. als Amtsträger oder als Privatperson), oder global und übergreifend die Situation, in der sich das kommunikative Geschehen vollzieht (z.B. innerhalb von KommunikationsbereichenKommunikationsbereich wie Journalismus, Parlamentarismus und Gottesdienst). Man kann von Beziehungs-, Rollen- und Situationsgestaltung sprechen (Näheres in 2.5.2). Wie man an diesem Diskussionspunkt sieht, kann sich hinter einer problematisch erscheinenden Äußerung eine plausible stiltheoretische Überlegung verbergen – hier ist es die Überlegung, dass Stil ein „Mittel gesellschaftlich […] relevanter Differenzierungen von Kommunikation“ (Sandig 2006: 142) ist. Der Sprung von einer Sichtweise in eine andere muss jedoch expliziert werden. Die Darstellung von Barbara Sandig lässt dies vermissen.

3 . Können Texte gestaltet werden, also sowohl Rahmen als auch Objekte des Gestaltens sein?

Ja, natürlich!, könnte man vorschnell antworten. Doch der geläufige und unverfänglich erscheinende Ausdruck Textgestaltung ist so unproblematisch nicht, denn der Stil eines Textes ist ja Teil eines Textes und nicht etwas, was nachträglich hinzugefügt wird in der Art eines Gewands, das den Text einkleidet. Der Ausdruck Textgestaltung hat allerdings seine Berechtigung, sofern man sich im Klaren darüber ist, dass streng genommen nur einzelne Komponenten des Textes (TexthandlungTexthandlung, TextthemaTextthema, TextarchitekturTextarchitektur u.a.) gestaltet werden können (Näheres in 2.4.2), nicht aber das Textganze, zu dem der Stil gehört.

2.3 Ganzheitlichkeit
2.3.1 Zum Begriff StilgestaltStilgestalt

In diesem Abschnitt wechseln wir die Perspektive auf Stil, und zwar insofern, als nicht die Grundlagen seiner Herausbildung, sondern die Grundlagen seiner Wahrnehmung und Interpretation im Mittelpunkt stehen. Es geht um stilistisch bedeutsame Ganzes-Teil-Beziehungen im Text und um einen weiteren feinen terminologischen Unterschied. Gemeint ist der Unterschied zwischen dem Gestalten einerseits und den Gestalten andererseits. Das Gestalten ist – wie wir inzwischen wissen – ein GestaltungsaktGestaltungsakt. Die Gestalten hingegen sind stilistisch gesehen Gestaltungsprodukte, sodass man sie auch genauer als StilgestaltenStilgestalt bezeichnen kann. Doch was leistet der Gestaltbegriff, der seine Wurzeln in der Gestaltpsychologie hat, für die Stilistik? Er macht es möglich, ja er zwingt dazu, Stil als eine gestaltete Ganzheit zu begreifen und zu erfassen, als ein Gefüge aus Teilen, die zusammengehören, zusammenpassen, zusammenwirken, kurz: die in einem irgendwie gearteten Gestaltungszusammenhang stehen.

StilgestaltenStilgestalt können prägend sein für einen Text insgesamt oder für eine Textpassage oder für einen Teiltext. So kann man z.B. Werbeslogans daraufhin betrachten, was an ihnen stilistisch gestalthaft ist. Als Beispiel der Slogan Bitte ein Bit, den auch Barbara Sandig (2006: 83) untersucht hat. Im Unterschied zu ihrer Analyse setzt sich die Stilgestalt dieses Slogans nach unserer Auffassung aus drei Teilgestalten zusammen. Wir registrieren:

 die DoppelungDoppelung einer Silbe (bit);

 die symmetrische AnordnungAnordnen der beiden gleichen Silben am Anfang und am Ende des Slogans;

 die elliptische Formung und dadurch bewirkte Kürze des Satzes (nichtelliptisch könnte der Satz Ich möchte bitte ein Bit. lauten).

Diese Analyse hilft uns dabei, Eigenschaften von StilgestaltenStilgestalt zu erkennen.

1 StilgestaltenStilgestalt setzen sich aus Elementen (GestalteinheitenGestalteinheit) zusammen, z.B. aus Silben und Wörtern.

2 Relationen zwischen den GestalteinheitenGestalteinheit bilden eine GestaltstrukturGestaltstruktur. Diese Struktur wird durch GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren hergestellt, z.B. durch das WiederholenWiederholen und AnordnenAnordnen von Silben oder durch das AuslassenAuslassen von Wörtern.

3 GestaltstrukturenGestaltstruktur verbinden sich mit einer GestaltqualitätGestaltqualität, einem qualitativen Gestaltungszusammenhang, in den sich die GestalteinheitenGestalteinheit einfügen. Solche Qualitäten sind z.B. DoppelungDoppelung, SymmetrieSymmetrie und KürzeKürze.

Alle aufgeführten Teilgestalten stehen in einem übergreifenden Gestaltungszusammenhang. Nimmt man Bezug auf Regularitäten der Werbekommunikation, erkennt man, dass sich alle Teilgestalten in den werbestrategisch bedeutsamen Gestaltungszusammenhang EinprägsamkeitEinprägsamkeit einfügen. Im Unterschied zu den formalen (textinternen) GestaltqualitätenGestaltqualität DoppelungDoppelung, SymmetrieSymmetrie und KürzeKürze ist Einprägsamkeit eine funktionale Gestaltqualität. Sie erfüllt eine kommunikative Funktion. StilgestaltenStilgestalt mit funktionaler Gestaltqualität werden generell von GestaltungsaktenGestaltungsakt hervorgebracht, und so können wir nun auch sagen, dass der Slogan nach dem Muster Einprägsam-Machen gestaltet wurde.

Stellt man sich die Aufgabe, StilgestaltenStilgestalt als ganzheitliche Gebilde zu modellieren, gilt es, das Ganze und seine Teile wechselseitig aufeinander beziehbar zu machen. Wir nennen die beiden Grundkomponenten, aus denen Stilgestalten bestehen, GestaltstrukturGestaltstruktur und GestaltqualitätGestaltqualität (siehe Tab. 5).


GestaltstrukturGestaltstrukturGestaltqualitätGestaltqualität
Formal oder funktional bestimmtes Gefüge aus Elementen (Gestalteinheiten)GestalteinheitFormaler oder funktionalerGestaltungszusammenhang

Tab. 5: Komponenten von StilgestaltenStilgestalt

Es bleibt festzuhalten:

1 StilgestaltenStilgestalt umfassen ein Gefüge aus Elementen, die in einem formalen oder funktionalen Gestaltungszusammenhang stehen. Die Kookkurrenz (das Zusammenvorkommen) von Einzelheiten allein reicht nicht aus, ergibt noch keine Gestalt. Die Kookkurrenz von Einzelheiten erlangt erst dann Gestalthaftigkeit, wenn deren Zusammenvorkommen als ein Zusammengehören oder Zusammenpassen wahrnehmbar gemacht worden ist.

2 StilgestaltenStilgestalt werden sowohl von GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren als auch von GestaltungsaktenGestaltungsakt hervorgebracht.

3 Die unlösbare Verbindung von GestaltstrukturGestaltstruktur und GestaltqualitätGestaltqualität macht StilgestaltenStilgestalt zu wahrnehmbaren und interpretierbaren Texteinheiten. Stilgestalten sind stilistische ZeichenStilzeichen (zum Zeichenbegriff siehe 2.9.1).

2.3.2 StilgestaltenStilgestalt im Text

Im Folgenden wollen wir StilgestaltenStilgestalt an konkreten Texten ausfindig machen und beschreiben. Wir beginnen mit der Stilgestalt AnschaulichkeitAnschaulichkeit und untersuchen, welche GestalteinheitenGestalteinheit gestaltbildend in Betracht kommen. Doch worauf können wir uns dabei stützen? Anschaulichkeit hat viele Gesichter, tritt in unterschiedlichen Ausprägungen in Erscheinung, was auf die im GestaltungsmusterGestaltungsmuster VeranschaulichenVeranschaulichen angelegten Möglichkeiten zurückzuführen ist. Verschaffen wir uns deshalb zunächst einen Überblick (siehe Tab. 6).


StilgestaltStilgestalt AnschaulichkeitAnschaulichkeit(Ausprägungen)GestalteinheitenGestalteinheit
sprachmedial: Exempel (konkrete Beispiele, Beispielerzählungen)bildmedial: Fotos, Zeichnungen, Diagramme, Organigramme u.a.m.

Tab. 6: Ausprägungen von AnschaulichkeitAnschaulichkeit

Die aufgeführten Ausprägungen von AnschaulichkeitAnschaulichkeit können in Texten natürlich auch kookkurrieren. Sie können sich überschneiden, z.B. in Form von bildhafter oder bildlicher DetailliertheitDetailliertheit. Auf den Unterschied zwischen BildhaftigkeitBildhaftigkeit und BildlichkeitBildlichkeit haben Elise Riesel und Evgenia Schendels (1975: 205ff.) aufmerksam gemacht. Sie verweisen darauf, dass Bildhaftigkeit bereits in der BedeutungSemantik/semantisch lexikalischer Einheiten angelegt ist (Beispiele liefern bildhafte Verben wie trippeln statt gehen oder nippen statt trinken), während Bildlichkeit i.d.R. erst im Text entstehen kann, durch die Verwendung lexikalischer Einheiten. Bildlichkeit ist allerdings vielen phraseologischen Einheiten eigen, z.B. SprichwörternSprichwort (Viele Köche verderben den Brei.). Durch ihre Verwendung entsteht formelhafteFormelhaftigkeit/Formelhaft-Machen Bildlichkeit. Im Unterschied dazu ist die GestaltqualitätGestaltqualität AndringlichkeitAndringlichkeit kennzeichnend beispielsweise für Texte, die von einem vergangenen oder zukünftigen Geschehen handeln, als sei es ein gegenwärtiges. Das Geschehen wird dicht an den Rezipienten herangebracht (vgl. Schneider 1931: 19). GestalteinheitenGestalteinheit sind Verbformen im Präsens sowie Temporaladverbien wie gerade oder soeben, die verdeutlichend hinzutreten können.

Betrachten wir nun zwei Textproben im Hinblick darauf, welche Ausprägung von AnschaulichkeitAnschaulichkeit sie zu erkennen geben.

Es sieht aus wie eine ganz normale Kneipe, eine recht kleine eben. An vier Tischen sitzen junge Menschen vor gefüllten Gläsern und Tassen, sie quasseln und lachen. Die Frauen haben Make-up aufgelegt, manche mehr, manche weniger. Einige haben ihre Nägel lackiert, andere nicht. Sie haben Hosen, Röcke, Kleider an. Die Männer tragen Hemden, T-Shirts, lange Haare, kurze Haare, Vollbärte, Nullbärte. Sie reden miteinander, durcheinander. Sie lachen, streiten, debattieren. Quer über die Tische hinweg. Frauen mit Frauen, Frauen mit Männern, Männer mit Männern. Wie es eben so abends an Orten aussieht, an denen sich Studenten treffen. Nur dass dieser Ort in einer mittelgroßen Stadt im Iran liegt: Siraz.

Beispieltext 5: Reisereportage (Textanfang)

Das Magazin, Nr. 4/2015, 47.

Im Rahmen der journalistischen TextsorteTextsorte Reportage stellen sich u.a. folgende Stilfragen:

 Welcher Einstieg wird reportageeröffnend gewählt?

 Wie wird der Schauplatz des Geschehens beschrieben?

Als GestalteinheitenGestalteinheit von AnschaulichkeitAnschaulichkeit kommen folgende StilelementeStilelement in Betracht:

 eine Vielzahl an Konkreta unter den Substantiven, d.h. Wörtern, die Gegenständliches bezeichnen (Kneipe – Tische – Gläser – Tassen – Haare – Bärte usw.);

 ein bildhafter VergleichVergleichbildhafter (aussehen wie eine ganz normale Kneipe);

 eine Vielzahl an paarigen Aufzählungsgliedern (Gläser und Tassen – quasseln und lachen – manche mehr, manche weniger – einige, andere – miteinander, durcheinander – Frauen mit Frauen usw.);

 eine Vielzahl an Asyndeta (Hosen, Röcke, Kleider – Hemden, T-Shirts, lange Haare, kurze Haare, Vollbärte, Nullbärte – lachen, streiten, debattieren – Frauen mit Frauen, Frauen mit Männern, Männer mit Männern);

 ein ZeugmaZeugma (Hemden und T-Shirts tragen vs. Haare und Bärte tragen – die Aufzählungsglieder liegen nicht auf ein und derselben begrifflichen Ebene);

 das historische PräsensPräsenshistorisches (z.B. An vier Tischen sitzen junge Menschen.).

Wir stellen fest: Es dominiert das AufzählenAufzählen von Einzelheiten eines Erscheinungsbildes, was dem Text DetailliertheitDetailliertheit verleiht. Weitere Ausprägungen von AnschaulichkeitAnschaulichkeit im Text sind BildhaftigkeitBildhaftigkeit (siehe Konkreta und bildhafter VergleichVergleichbildhafter) und AndringlichkeitAndringlichkeit (siehe historisches PräsensPräsenshistorisches). Dass sich die StilgestaltStilgestalt Anschaulichkeit im Rahmen der TextsorteTextsorte Reportage entfalten kann, ist in der journalistischen Kommunikationsaufgabe begründet, über Geschehnisse an einem Ort aus eigenem Erleben, d.h. vor Ort Bericht zu erstatten. Der Reporter ist immer Augenzeuge eines Geschehens und baut eine „Erlebensperspektive“ (Lüger 1995: 115) auf. Der Einstieg, die Texteröffnung, muss jedoch nicht zwangsläufig anschaulich gestaltet sein, denn Journalisten können auch mit einer These, einem abstrakten Gedanken, einem Standpunkt beginnen (vgl. Gehr 2010: 172f.). Anschaulich hingegen ist der szenische Einstieg, bei dem sich der Reporter schon mit dem ersten Satz „räumlich in einer ‚Szene‘ situiert“ (Burger 2005: 216) – wie bei unserem Beispieltext.

Die nächste Textprobe ist ein Auszug aus einem Roman.

Unter einer gläsernen Käseglocke sind sie miteinander eingeschlossen, Erika, ihre feinen Schutzhüllen, ihre Mama. Die Glocke läßt sich nur heben, wenn jemand von außen den Glasknopf oben ergreift und ihn in die Höhe zieht. Erika ist ein Insekt in Bernstein, zeitlos, alterslos. Erika hat keine Geschichte und macht keine Geschichten. Die Fähigkeit zum Krabbeln und Kriechen hat dieses Insekt längst verloren. Eingebacken ist Erika in die Backform der Unendlichkeit.

Beispieltext 6: Roman (Auszug aus Teil I)

Elfriede Jelinek: Die Klavierspielerin. 27. Aufl. Reinbek bei Hamburg 2003: Rowohlt Taschenbuch, 17f.

Im Rahmen der poetischenPoetizität/poetisch TextsorteTextsorte Roman sind u.a. folgende Fragen stilistisch relevant:

 Aus welcher PerspektivePerspektive/Perspektivieren wird das fiktionale Geschehen erzählt?

 Wie werden die Figuren des fiktionalen Geschehens bezeichnet und beschrieben?

Erzählstilistisch relevant ist an dem Auszug aus Elfriede Jelineks Roman „Die Klavierspielerin“ erstens, dass das Erzählersubjekt keine Figur des Romans ist, erzählt wird von einer Außenperspektive aus, dass sich das Erzählersubjekt zweitens reflektierend in das Romangeschehen einschaltet, es damit unterbricht, und dass es drittens – und das ist für unsere Untersuchung relevant – seine Reflexionen mit BildlichkeitBildlichkeit ausstattet, und zwar mittels einer dreigliedrigen Kette von AllegorienAllegorie. Dabei finden drei unterschiedliche Bildmotive Verwendung (Käseglocke, Bernsteinschmuck, Backform), aber nicht im Sinne einer Aneinanderreihung von Einzelheiten, wie sie für die DetailliertheitDetailliertheit von Texten (vgl. Text 5) charakteristisch ist, sondern im Sinne der Entfaltung eines gemeinsamen allegorischen Themas. Bei allen drei Allegorien finden Elemente einer gegenständlichen (toten, starren) Welt Verwendung, um Eigenheiten der Psyche der Hauptfigur zu verbildlichen. Wir stellen fest, dass sich die einzelnen Teilbilder wechselseitig ergänzen. Bildlichkeit wie diese basiert auf gestalterischer Kreativität. Insofern manifestiert sich in dieser GestaltqualitätGestaltqualität zugleich eine GestaltungsideeGestaltungsidee.

Der nächste Beispieltext beherbergt eine StilgestaltStilgestalt von gänzlich anderer Natur.


Beispieltext 7 : Bildwitz

Jan Bleiß: Kalender „Kulinarische Missverständnisse“. 2015 (Privatarchiv).

Stilfragen, die sich im Rahmen der TextsorteTextsorte Witz und ihrer Variante, dem Bildwitz, stellen, richten sich vor allem auf die GestalteinheitenGestalteinheit PointePointe und PointenvorbereitungPointenvorbereitung:

 Wie wird die PointePointe vorbereitet?

 Auf welche Weise wird die PointePointe entfaltet?

PointenvorbereitungPointenvorbereitung: Das zu betrachtende Textexemplar ist – wie unschwer zu erkennen ist – zweigeteilt: in einen sprachmedialen und einen bildmedialen Teiltext. Der sprachmediale Teiltext steht über dem bildmedialen und ist deshalb als pointenvorbereitender Teiltext anzusehen. Die PointePointe wird mit einer alltagssprachlichen Äußerung vorbereitet, erkennbar an den ApokopenApokope/Apokopieren (Lautabstoßungen am Wortende) dies statt dieses und mach statt mache, an der intimen Anrede Schatzi und dem RegionalismusRegionalismus (Berlinismus) ick. Durch Fettschrift hervorgehoben ist ein Ausdruck aus der FachspracheFachsprache der Kochkunst: der ProfessionalismusProfessionalismus Karpfen blau, der auch in die AlltagsspracheAlltagssprache eingegangen ist. Dass mit der Äußerung die Pointe vorbereitet wird, erschließt sich, wenn man die Zeichnung betrachtet und feststellt, dass man, um die Pointe zu verstehen, zuvor die Äußerung gelesen haben muss. Bildmedial dargestellt ist ein Mann in einem häuslichen Milieu, an einer Badewanne stehend, in der ein Karpfen schwimmt, in die Wanne eine Flasche mit Alkohol gießend. Eine bereits geleerte Flasche mit der Aufschrift Schn(aps) liegt auf dem Boden, weitere Flaschen mit Alkohol stehen bereit. Die Zeichnung illustriert nicht die Äußerung, hat also nichts mit AnschaulichkeitAnschaulichkeit zu tun, sondern macht die Äußerung als Teil eines Bildwitzes überhaupt erst interpretierbar. Die beiden Teiltexte passen nicht nur zueinander (die alltagssprachliche Äußerung korrespondiert hervorragend mit der bildmedialen Darstellung einer Badezimmer-Szene), sie gehören vielmehr pointenentfaltend zusammen.

PointenentfaltungPointenentfaltung: Die PointePointe entfaltet sich zwischen beiden Teiltexten. Der Überraschungseffekt, der sich einstellt, basiert auf der Überlagerung von zwei Bedeutungsvarianten eines Wortes. Es überlagern sich die fachsprachliche und die umgangssprachliche BedeutungSemantik/semantisch des Adjektivs blau. Die fachsprachliche Bedeutung (‚blau verfärbt‘) ist an den ProfessionalismusProfessionalismus Karpfen blau gebunden. In der UmgangsspracheUmgangssprache aber hat das Adjektiv blau die Bedeutung ‚betrunken‘. In die Beschreibung der StilgestaltStilgestalt können wir also das UmdeutenUmdeuten eines fachsprachlich gebundenen Wortes in ein umgangssprachliches Wort als pointenentfaltendes GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren aufnehmen.

GestaltqualitätGestaltqualität: Bei der Erfassung des Gestaltungszusammenhangs, in den sich die GestalteinheitenGestalteinheit PointePointe und PointenvorbereitungPointenvorbereitung einordnen, ist es wohl naheliegend, sich für WitzigkeitWitzigkeit zu entscheiden – eine Gestaltqualität, die auf dem GestaltungsaktGestaltungsakt Witzig-Machen beruht. Wir können uns dabei auf eine eingeformte kommunikative „Ordnungswidrigkeit“ stützen und damit auf eine besondere GestaltungsideeGestaltungsidee. Sie besteht darin, den ProfessionalismusProfessionalismus Karpfen blau einem Missverständnis auszusetzen. Dessen Besonderheit ist es, dass ihm eine absurde Denkweise innewohnt, die absurde Konsequenzen nach sich zieht. Erst durch die Absurdität des Denkens und Handelns wird das Missverständnis witzig. Rezipienten sind angehalten, die Pointe zu rekonstruieren, indem sie beide BedeutungenSemantik/semantisch des Adjektivs blau in eine Interferenzbeziehung bringen. (Weiteres zur TextsorteTextsorte Bildwitz u.a. bei Hoffmann 2001.)

Das Ganze würde natürlich auch rein sprachmedial funktionieren:

Steht ein Mann im Badezimmer. In der Badewanne schwimmt ein Karpfen. Der Mann gießt eine Flasche Alkohol nach der anderen in die Wanne und ruft seiner Frau zu: „Schatzi, dies Jahr mach ick den Karpfen blau.“

In der bimedialen Fassung sind beide Teile, der sprach- und der bildmediale, aufeinander angewiesen. Fehlte einer von beiden, ginge nicht nur die WitzigkeitWitzigkeit des Textes verloren, sondern auch die Zugehörigkeit des Textes zur TextsorteTextsorte Bildwitz. Die Zeichnung für sich allein stehend würde sich allenfalls für ein Bilderrätsel eignen, bei dem der Sinn zu erraten wäre.

Abschließend sei noch ein Gedicht, Ernst Jandls „markierung einer wende“, auf seine stilistische Gestalthaftigkeit hin untersucht.


19441945
kriegkrieg
kriegkrieg
kriegkrieg
kriegkrieg
kriegmai
krieg
krieg
krieg
krieg
krieg
krieg
krieg
(markierung einer wende)

Beispieltext 8: Gedicht

Ernst Jandl: Augenspiel. Gedichte. Berlin 1981: Volk und Welt, 74.

Stilfragen im Textsortenrahmen Gedicht stellen sich u.a. wie folgt:

 Welche Einheiten umfasst die lyrische Textwelt, und wie werden sie bezeichnet?

 Welche GestaltungsmittelGestaltungsmittel der Gattung Lyrik werden gestaltbildend verwendet?

Als mögliche Einheiten einer das Gedicht prägenden StilgestaltStilgestalt drängen sich dem Betrachter keinesfalls typische lyrische GestaltungsmittelGestaltungsmittel auf. Statt deren vor allem diese:

 die Aufgliederung der Textfläche in zwei Spalten;

 der KontrastKontrast/Kontrastieren zwischen einer zwölfzeiligen (links) und einer fünfzeiligen Spalte (rechts) mit dem Monatsnamen mai an fünfter Position;

 das zwölfmalige Vorkommen des Gattungsnamens krieg in der linken Spalte und dessen viermaliges Vorkommen in der Spalte rechts;

 das Vorkommen von ZahlwörternZahlwort (Jahreszahlen) in Ziffernschreibweise als fettgesetzte Spaltenüberschriften (1944 und 1945).

Für die Synthese der GestalteinheitenGestalteinheit zu einer den Text prägenden GestaltqualitätGestaltqualität sind alle diese Beobachtungen am Text wesentlich. Alle registrierten Einzelheiten verweisen auf Eigenschaften, wie sie Kalendern in dieser oder jener Form zukommen. Kalender enthalten Jahreszahlen und Monatsnamen; sie sind in Spalten aufgegliedert und weisen eine zwölfteilige Struktur auf, in der der Monat Mai die fünfte Position besetzt. Dem Text – so wird man es deshalb sagen dürfen – ist die GestaltungsideeGestaltungsidee eingeformt, ein Gedicht in Kalenderform, eine lyrische Textwelt in der Art eines Kalenders zu präsentieren. Natürlich handelt es sich nur um eine schwach ausgeprägte ÄhnlichkeitsbeziehungÄhnlichkeitsbeziehung mit der TextsorteTextsorte Kalender. Aber wenn man sie bemerkt, d.h. sieht, könnten die Spalteninhalte mit dem stereotyp wiederholten Wort krieg als Einträge eines Kalenderbenutzers interpretiert werden und somit als ein Hinweis darauf, dass sich ein lyrisches SubjektLyrisches Subjekt als Stimme in der Textwelt des Gedichts artikuliert, aber im Monat Mai verstummt, da ja Monatsnamen in Kalendern vorgedruckt sind. Vielleicht mag sich der eine oder andere Rezipient des Textes zu Recht fragen, ob der Text überhaupt als ein Exemplar des Lyrik-Genres Gedicht gelten kann. Der Autor Ernst Jandl jedenfalls hat sich zu dieser Frage selbst geäußert und sie mit Ja beantwortet (vgl. Fix/Poethe/Yos 2001: 141).

Beim Entdecken der GestaltungsideeGestaltungsidee (Gedicht in Kalenderform) ist das Wissen des Rezipienten in zweifacher Hinsicht gefragt. Benötigt wird zum einen Sprachwissen: zu den Wortschatzbereichen Gattungsnamen, Monatsnamen und ZahlwörternZahlwort, zum anderen Kommunikationswissen: zu den typischen formalen Merkmalen von Kalendern und Gedichten. Wir kommen darauf zurück (siehe 3.1.2).

DISKUSSION

1 . Manche Texte weisen Stilbrüche auf. Wie verhält es sich hier mit der Ganzheitlichkeit von Stil?

‚StilbruchStilbruch’ ist eine Kategorie der Bewertung von Stil, bei der die GestaltungsprinzipienGestaltungsprinzip EinheitlichkeitEinheitlichkeit und StimmigkeitStimmigkeit als Bewertungsmaßstäbe fungieren. Es gibt gewollte (intendierte) und ungewollte Stilbrüche. Ein Beispiel für Letzteres ist eine kindersprachliche Äußerung wie Frau Müller, hast du einen Freund?, wo die förmliche Anrede und das familiäre Anredepronomen nicht zusammenpassen, unstimmig sind. Ein Beispiel für einen gewollten Stilbruch stammt aus einer Begräbnisszene in einer Filmkomödie. Der Trauerredner sagt Der teure Tote hat in seinem Leben stets die Kurve gekriegt. BrüchigBrüchigkeit an dieser Äußerung ist die Kombination von Ausdrücken der gehobenen und einer niederen StilschichtStilschicht (zum Begriff siehe Abschnitt 2.8.2). Der gehobensprachliche PhraseologismusPhraseologismus der teure Tote und der saloppsprachliche Phraseologismus die Kurve kriegen passen nicht zusammen. Sie sind für den GestaltungsaktGestaltungsakt Komisieren eingesetzt worden. Das Beispiel zeigt, dass auch Stilbrüche als StilgestaltenStilgestalt angesehen werden können – hier mit der GestaltqualitätGestaltqualität Komik als funktionalem Gestaltungszusammenhang zwischen zwei nicht zueinander passenden GestalteinheitenGestalteinheit. Dagegen müssen ungewollte Stilbrüche, die unfreiwillig komisch sein können, als Pannen oder auch als Fehler bei der Gestaltbildung eingestuft werden.

2 . Sind MustermischungenMustermischung Stilbrüche?

Legte man den Bewertungsmaßstab EinheitlichkeitEinheitlichkeit an, müsste man bei MustermischungenMustermischung (siehe dazu die Beispielanalysen zu den Texten 3 und 4 im Abschnitt 2.2) von gewollten Stilbrüchen sprechen. Legt man indes den Bewertungsmaßstab StimmigkeitStimmigkeit an, wird man in Mustermischungen, die dem Realisieren von GestaltungsideenGestaltungsidee dienen, keine Stilbrüche sehen, da die kombinierten Merkmale aus verschiedenen Mustern zueinander passen.

3. In der Literatur wird bisweilen davon gesprochen, dass StilgestaltenStilgestalt erst im Kopf des Rezipienten entstehen. Stimmt das?

Mit Ja beantwortet wird diese Frage u.a. von Ulf Abraham (1996: 290). StilgestaltenStilgestalt seien ein Gestalterlebnis und somit im wahrnehmenden Subjekt aufzusuchen, nicht im Text. Nach unserer Auffassung aber sind Stilgestalten wahrnehmbare und interpretierbare Ganzheiten im Text, d.h., ob und wie sie wahrgenommen und interpretiert werden, ist in der Tat rezipientenabhängig. Bevor sie jedoch wahrgenommen und interpretiert werden können, müssen sie wahrnehmbar und interpretierbar gemacht worden sein – sie sind also auch produzentenabhängig. Und als Gestaltungsprodukte sind sie – dieser Logik folgend – Eigenschaften von Texten. Anderenfalls müsste man auch Text und Stil voneinander trennen, so wie es Ulf Abraham konsequenterweise tut. Und folgte man dieser Auffassung, verlören auch gebräuchliche Gestaltkennzeichnungen wie Textdesign oder LayoutLayout (siehe Abschnitt 3.4.1) ihre Bindung an die Materialität von Texten und wären ausschließlich kognitive Entitäten.

2.4 Kontextbezogenheit

Wir machen uns jetzt die Erkenntnis zu Eigen, dass das Wesen und die kommunikative Leistungsfähigkeit von Stil nur dann erfasst werden können, wenn GestaltungsakteGestaltungsakt, Gestaltungsprodukte und interpretative Aktivitäten mit Gestaltungskontexten relationiert werden.

2.4.1 Gestaltungskontexte

„Stil ist immer das Wie einer Ausführung, auf welchem Gebiet des Lebens auch immer“ (Riesel/Schendels 1975: 15), aber, wie zu ergänzen ist, immer bezogen auf ein Was als Gestaltungskontext, denn: „Stil ist relational!“ (Sandig 2001). Wesentliche Gestaltungskontexte überblickend, ergibt sich folgendes Bild: Der Stil eines Textes steht in Relation

 zu anderen Textstilen, von denen er sich unterscheidet;

 zu textuellen Gestaltungsrahmen (wie TextsorteTextsorte oder Textgattung), innerhalb deren er sich entfaltet;

 zu Ebenen der Vertextung (wie TexthandlungTexthandlung, TextthemaTextthema und TextarchitekturTextarchitektur), auf denen er sich manifestiert;

 zu situativen Kontexten der Textkommunikation (dazu gehören die Kommunikationsteilnehmer in ihrer Sozialcharakteristik oder Individualität, aber auch der KommunikationsbereichKommunikationsbereich, der Kommunikationskanal u.a.m.), an die er angepasst, auf die er zugeschnitten werden kann, für die er typisch sein kann, auf die er verweisen kann.

Im Folgenden wenden wir uns einzelnen Vertextungsebenen zu und untersuchen, wie sie sich im Gestaltungsrahmen einer bestimmten TextsorteTextsorte stilistisch beschreiben lassen. Auf ‚Situation‘ als Gestaltungskontext kommen wir im Abschnitt 2.5 zu sprechen.

2.4.2 Stil auf verschiedenen Vertextungsebenen
2.4.2.1 TexthandlungTexthandlung: Stil als das Wie ihrer Durchführung

TexthandlungenTexthandlung sind textbildende Äußerungen oder Äußerungssequenzen. Auf der Texthandlungsebene ist Stil die Art und Weise, wie eine Texthandlung durchgeführt worden ist. Die Unterschiedlichkeit von Stil tritt bei konstant gesetzter Texthandlung zutage. Es gibt verschiedene Typen von Texthandlungen. Nach der jeweiligen kommunikativen Funktion muss unterschieden werden zwischen Texthandlungen, die der thematischen Entfaltung von Texten dienen, und Texthandlungen, die auf das Erzeugen von thematischem Textsinn gerichtet sind. Beispiele für Erstere sind BESCHREIBENBESCHREIBEN (von Gegenständen und Vorgängen), BERICHTENBERICHTEN (über ein Ereignis), ERÖRTERN (von Problemen), ARGUMENTIERENARGUMENTIEREN (zu einer strittigen These), ERZÄHLENERZÄHLEN/Erzählen (einer Geschichte), SCHILDERNSCHILDERN (von Eindrücken) und ERKLÄREN (von Sachverhalten). Texthandlungen dieses Typs gelten als „Grundformen thematischer Entfaltung“ (Brinker 2010: 56ff.). Beispiele für Letztere sind MITTEILENMITTEILEN, BITTENBITTEN, SICH-ENTSCHULDIGENSICH-ENTSCHULDIGEN, GRATULIERENGRATULIEREN und BEVOLLMÄCHTIGENBEVOLLMÄCHTIGEN. Mit Texthandlungen dieses Typs werden kommunikative Kontakte zwischen den Kommunikationspartnern hergestellt.

Unsere bisherigen Beispielanalysen wurden aus gutem Grund textsortenbezogen durchgeführt. TextsortenTextsorte sind aus der kommunikativen Praxis von Menschen hervorgegangen und komplexe Muster für die Bewältigung konkreter kommunikativer Aufgaben in einem konkreten SituationskontextSituationskontext (siehe auch 2.7.1). Die Muster von Textsorten schließen Texthandlungs- und GestaltungsmusterGestaltungsmuster ein. Es gibt textsortentypische GestaltungsprinzipienGestaltungsprinzip, die im Kontext textsortentypischer TexthandlungenTexthandlung den Status von Gestaltungserfordernissen, Gestaltungsalternativen oder Gestaltungsoptionen haben. Greifen wir exemplifizierend noch einmal die Textsorte Kontaktanzeige auf und überlegen wir uns, wie sich textsortentypische Wie-Was-Relationen im Bezugsfeld von Texthandlung bzw. Texthandlungsstruktur (einer Verknüpfung von Texthandlungen) ausfindig machen lassen.

DD, Mann, 40+/186/90, sportl., naturverb., attr., kreativ, kunstint., intell., offen, belesen, selbstst., komm., ehrlich, vielgereist, bodenständig, m. Kinderwunsch. BmB.

■■■■■■■■■■■■■■@web.de

oder Chiffre: ■■■■■■■■

Beispieltext 9: Kontaktanzeige

Zur Kommunikationsaufgabe, vor der Produzenten von Kontaktanzeigen stehen und an der sich Rezipienten von Kontaktanzeigen orientieren, gehört der Vollzug von zwei TexthandlungenTexthandlung: BESCHREIBENBESCHREIBEN und AUFFORDERNAUFFORDERN. An beide lassen sich textsortentypische GestaltungsprinzipienGestaltungsprinzip anschließen.

a) BESCHREIBENBESCHREIBEN (Kontaktanzeige)

Diese TexthandlungTexthandlung ist wie auch andere Themenentfaltungshandlungen an spezifischen abstrakten thematischen Struktureinheiten identifizierbar: an den Einheiten OBJEKT und SPEZIFIZIERUNG. Entweder ist es ein GEGENSTAND (auch eine Person, ein Zustand o.Ä.), der anhand von MERKMALEN spezifiziert wird (Gegenstandsbeschreibung), oder es ist ein VORGANG, dessen Spezifizierung anhand seiner einzelnen PHASEN erfolgt (Vorgangsbeschreibung). Produzenten von Kontaktanzeigen sind zu einer doppelten Gegenstands-, hier Personenbeschreibung angehalten: zu einer Selbst- und zu einer Partnerbeschreibung. Es kommt darauf an, die eigene Person und den Wunschpartner so zu beschreiben, dass sich Personen, die sich für geeignet halten, angesprochen fühlen zu antworten. Stilistisch relevant ist das Wie des BESCHREIBENsBESCHREIBEN.

Zur Beispielanalyse: Ein erstes beschreibungsbezogenes GestaltungsprinzipGestaltungsprinzip ist Anonymität: die Anonymität der Selbstbeschreibung. Der Textproduzent spricht von sich selbst in der 3. Person und verwendet einen Gattungsnamen (Mann) anstelle eines vollständigen und authentischen Personennamens. Ein weiteres Prinzip ist DetailliertheitDetailliertheit: die Detailliertheit der Selbstbeschreibung. Der Textproduzent reiht 13 adjektivische Persönlichkeitsmerkmale aneinander und erwartet offensichtlich von seiner noch unbekannten Wunschpartnerin, auf deren Profilbeschreibung er verzichtet, dass ihr seine Eigenschaften zusagen, zu denen auch eine in die Zukunft weisende gehört (m. Kinderwunsch). Die Detailliertheit der Selbstbeschreibung ist hier allerdings keine Ausprägung von AnschaulichkeitAnschaulichkeit. Maßgebend ist der GestaltungsaktGestaltungsakt des Subjektivierens. SubjektivitätSubjektivität und Detailliertheit sind miteinander verknüpft. Hinzu kommt eine von ObjektivitätObjektivität geprägte Textpassage, die sich in unkommentierten Alters- (40+), Größen- (186) und Gewichtsangaben (90) manifestiert. Wie zu erkennen ist, wird auch bei dieser Anzeige das Gestaltungsprinzip KnappheitKnappheit realisiert. Die Alters-, Größen- und Gewichtsangaben erscheinen in Ziffernschreibweise; Maßeinheiten wie cm oder kg sind ausgelassenAuslassen; die Adjektive sind alle nachgestellt und dadurch sprachökonomisch unflektiert; der unbestimmte Artikel ein vor dem Gattungsnamen Mann ist ausgespart; Verwendung finden SchreibabkürzungenSchreibabkürzung (sportl., attr. usw.) und ein Kürzel aus dem Autokennzeichensystem Deutschlands (DD anstelle von Raum Dresden). Knappheit und Detailliertheit schließen sich eigentlich gegenseitig aus, stehen hier aber in einem Gestaltungskonflikt, den die Bewältigung der Kommunikationsaufgabe mit sich bringt.

b) AUFFORDERNAUFFORDERN (Kontaktanzeige)

Produzenten von Kontaktanzeigen müssen, wollen sie Zuschriften erhalten, eine Kontaktmöglichkeit angeben. Stilistisch relevant ist das Wie des AUFFORDERNsAUFFORDERN, auf die Anzeige zu antworten und somit interaktional zu handeln. Im Kontext dieser TexthandlungTexthandlung, mit der sich der primäre Zweck von Kontaktanzeigen erfassen lässt, stehen ebenfalls mehrere GestaltungsprinzipienGestaltungsprinzip. So korrespondiert die Anonymität der beschreibenden Textpassagen mit der ChiffriertheitChiffriertheit der textschließenden auffordernden Passage. Eine E-Mail-Anschrift und eine redaktionelle Chiffre sind als alternative Adressen für Zuschriften angegeben. Chiffriertheit ist mit KnappheitKnappheit verknüpft. Verknappt gestaltet ist auch eine zweite auffordernde Textpassage: Das InitialwortInitialwort BmB. steht anstelle eines elliptischen Satzes (Bitte mit Bild.) bzw. anstelle eines grammatisch ausgeformten Satzes (etwa Gebeten wird um Zuschriften mit Bild.). BITTENBITTEN ist eine Variante von AUFFORDERN.

Andere stilistische Facetten der TexthandlungenTexthandlung BESCHREIBENBESCHREIBEN und AUFFORDERNAUFFORDERN zeigen sich in Vorgangsbeschreibungen, z.B. im Gestaltungsrahmen der TextsorteTextsorte Kochrezept (siehe Text 10). Stilfragen, die sich in diesem Rahmen stellen, sind u.a.:

 Wie ist die Zutatenliste gestaltet?

 Wie werden die Phasen der Zubereitung einer Speise beschrieben?


Beispieltext 10: Kochrezept Super TV, Nr. 40/2015, 92.

c) BESCHREIBENBESCHREIBEN (Kochrezept)

Der Blick auf Text 10 erbringt in Bezug auf die TexthandlungTexthandlung BESCHREIBENBESCHREIBEN, dass die Zutatenliste aus einer asyndetischen Reihe mit 10 Aufzählungsgliedern besteht, also auf dem GestaltungsaktGestaltungsakt des Detaillierens beruht. Mit dem GestaltungsprinzipGestaltungsprinzip AnschaulichkeitAnschaulichkeit hat auch das nichts zu tun, denn es geht stilistisch in erster Linie um etwas anderes: um ÜbersichtlichkeitÜbersichtlichkeit im Dienste leichter Rezipierbarkeit – unterstützt durch die Verwendung von Sonderzeichen: geometrischer Trennungspunkte (bullet points) zwischen den Aufzählungsgliedern. Zu erkennen ist, dass in die Zutatenliste Mengenangaben integriert sind (200g, 2 EL u.a.) sowie Bearbeitungs- (fein geschnitten) und Verwendungshinweise (zum Anbraten).

Die eigentliche Vorgangsbeschreibung mit den Phasen der Zubereitung von Pasta in der Parmesankruste, typographischTypographie/typographisch von der Zutatenliste durch Verwendung eines anderen Schrifttyps abgesetzt, ist in zwei nummerierte Teiltexte gegliedert. Auf Grund dessen können wir für den gesamten Text das GestaltungsprinzipGestaltungsprinzip der visuellen GegliedertheitGegliedertheit als formale GestaltqualitätGestaltqualität im Kontext des BESCHREIBENsBESCHREIBEN verorten. Bei der Realisierung des GestaltungsaktsGestaltungsakt Visuell-Gliedern sind unterschiedliche GestaltungsmittelGestaltungsmittel zum Einsatz gekommen: graphische (Absatzgliederung), typographische (Schrifttypen), geometrische (Sonderzeichen). Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang auch die Verwendung von zwei Schriftfarben: Schwarz für den Haupttext, Pink für die Sonderzeichen und einiges andere. Bei der Beschreibung der einzelnen Zubereitungsphasen werden einheitlich InfinitivsätzeInfinitivsatz anstelle von ImperativsätzenImperativsatz verwendet (Nudeln bissfest kochen. statt Kochen Sie die Nudeln bissfest!). Damit einher geht die UnpersönlichkeitUnpersönlichkeit des Textes, die für die TextsorteTextsorte typisch ist. Verwendung finden ausschließlich Infinitive von Handlungsverben (kochen, enthäuten, würzen usw.), was diesem Teiltext DynamikDynamik verleiht, die mit dem Prinzip StatikStatik der verblosen Zutatenliste kontrastiert. Stilistische Unterschiede zwischen Zutaten- und Zubereitungstext lassen sich also auch an Gestaltungsprinzipien festmachen.

Mehrere visuell voneinander abgesetzte Teiltexte dieses Kochrezepts komplettieren die Beschreibung des Gerichts und seiner Herstellung durch knappKnappheit gehaltene Angaben weiterer Merkmale. Im oberen und unteren Bereich des Textes finden sich Angaben zur

 Ernährungsweise: Vegetarisch;

 Zubereitungszeit: Nur 15 Minuten / 15 Min. und

 Kalorienmenge: 605 pro Portion usw.

Diese Angaben sind im Rahmen des Textsortenmusters als fakultativ einzustufen. Ebenso ist das Foto im oberen Teil des Textes etwas Fakultatives. Es illustriert den sprachmedialen Text, womit wir aber nun tatsächlich einen GestaltungsaktGestaltungsakt zur Realisierung von AnschaulichkeitAnschaulichkeit, den des Illustrierens mittels eines Fotos, erkannt hätten.

d) AUFFORDERNAUFFORDERN (Kochrezept)

Der Blick auf Text 10 erbringt in Bezug auf die TexthandlungTexthandlung AUFFORDERNAUFFORDERN, dass sie nicht – wie in Kontaktanzeigen – am Textende vollzogen wird, dass sie vielmehr Begleithandlung sämtlicher Beschreibungshandlungen ist. Insofern ist die UnpersönlichkeitUnpersönlichkeit des BESCHREIBENsBESCHREIBEN zugleich GestaltungsprinzipGestaltungsprinzip des AUFFORDERNs. Wir begegnen einer weiteren Variante des AUFFORDERNs: dem UNTERWEISENUNTERWEISEN. Mit der Zutatenbeschreibung werden Rezipienten im Hinblick darauf unterwiesen, was für die Vorbereitung des Kochens beschafft und getan werden muss, mit der Zubereitungsbeschreibung im Hinblick darauf, was in welcher Reihenfolge getan werden muss, damit der Kochvorgang gelingt.

DISKUSSION

In der Literatur wird auch von Stilhandlungen gesprochen. Können GestaltungsakteGestaltungsakt problemlos als stilistische TexthandlungenTexthandlung aufgefasst werden?

In einem handlungstypologischen Rahmen ist diese Frage zu bejahen, in einem textstilistischen Bezugsfeld eher zu verneinen.

Zum handlungstypologischen Rahmen: Texthandlungstypologisch kann man beispielsweise zwischen Basis-, Situierungs- und Ästhetisierungs-Handlungen unterscheiden (vgl. Hoffmann 2012a: 233f.). Basis-Handlungen wie BESCHREIBENBESCHREIBEN oder AUFFORDERNAUFFORDERN sind in situativer wie ästhetischer Hinsicht völlig unbestimmt – entsprechend vielfältig sind ihre stilistischen Facetten. Situierungs-Handlungen hingegen haben den kommunikativen Zweck, Basis-Handlungen der jeweiligen KommunikationssituationKommunikationssituation anzupassen. Darunter können Anpassungen an den KommunikationsbereichKommunikationsbereich fallen. Beispiele für diesen Handlungstyp sind THEORETISIEREN in der Wissenschaft, PORTRÄTIEREN im Journalismus und ADMINISTRIEREN im Behördenwesen. Textproduzentenseitige Aktivitäten schließlich, die den kommunikativen Zweck haben, die Aufmerksamkeit des Rezipienten auf die Machart des Textes zu lenken (siehe 2.6.1), kann man handlungstypologisch als Ästhetisierungs-Handlungen bestimmen, z.B. AUFFÄLLIG-MACHEN, ORIGINALISIEREN, SPANNUNG-ERZEUGEN.

Zum textstilistischen Bezugsfeld: In diesem Bezugsfeld ist der Handlungsbegriff unnötig, ja störend. Wenn man Stil als die Art und Weise der Handlungsdurchführung bestimmt (vgl. Sandig 2006: 9), kann Stil wohl nicht selbst eine Handlung sein. Auch die Konstruktion von Gleichzeitig- und Zusatzhandlungen (vgl. Sandig 1986: 59f.) hilft aus diesem terminologischen Dilemma nicht heraus. Es ist zweckmäßiger, sich an der Sprechakttheorie zu orientieren, die Sprechakte als ein Ensemble von Teilakten beschreibt, und ‚GestaltungsaktGestaltungsakt’ als einen Teilakt von TexthandlungenTexthandlung zu bestimmen.

2.4.2.2 TextthemaTextthema: Stil als das Wie der Versprachlichung und Vertextung des Themas

Wie wir am Beispiel von Kontaktanzeigen sehen, kann ein und dasselbe Thema (‚Partnersuche‘) ganz unterschiedlich versprachlicht werden: Frau sucht Mann (Text 3), Ich suche Dich! und Prinzessin sucht Frosch (Text 4) oder einfach nur Mann, wobei die Prädikation sucht Frau rezeptiv zu ergänzen (zu inferieren) ist (Text 9). Wir erfahren aus den Beispieltexten außerdem, dass Teilthemen des Themas ‚Partnersuche‘, insbesondere die Teilthemen ‚Persönlichkeitsmerkmale der suchenden Person‘ und ‚Persönlichkeitsmerkmale der gesuchten Person‘, in unterschiedlicher DetailliertheitDetailliertheit versprachlicht werden können. In einem der Texte (Text 9) werden 13 Wertadjektive aneinandergereiht, um Vorzüge der eigenen Person aufzulisten, was deutliche Parallelen zu Werbetexten erkennen lässt, während die partnerbeschreibenden Merkmale gänzlich fehlen. Des Weiteren können wir registrieren, dass das Thema ‚Partnersuche‘ nicht zwangsläufig texteröffnend genannt sein muss. Die Textanfänge sind literarisch gestaltet, zitieren aus dem Refrain eines Songtextes, wie in Text 3 (Schwere See, mein Herz?), oder bestehen aus einem Regionalkennzeichenkürzel, wie in Text 9 (DD). Anders hingegen Text 4: Er beginnt mit dem elliptischen ThemasatzThemasatz Suche Dich! Mit Themasätzen, aber auch ThemawörternThemawort (vgl. van Dijk 1980: 50) wird das Thema eines Textes explizit formuliert bzw. bezeichnet. Das Thema ‚Partnersuche‘ fügt sich natürlich nicht nur in den Gestaltungsrahmen ‚Kontaktanzeige‘ ein. ‚Partnersuche‘ kann zum Thema werden auch in Ratgebertexten, in psychologischen und poetischenPoetizität/poetisch Texten, nicht zuletzt in allen erdenklichen Formen privater Kommunikation.

Schlussfolgernd können wir festhalten: Stil ist auf der Vertextungsebene TextthemaTextthema die Art und Weise, wie das Thema eines Textes versprachlicht und vertextet worden ist. Zu den Vertextungsarten gehört, wie das Thema eines Textes entfaltet worden ist. Themenentfaltungshandlungen repräsentieren zwar einerseits einen Texthandlungstyp und sind – wie fast alle TexthandlungenTexthandlung – stilistisch variabel durchführbar, was sich in verschiedenen Stilen des BESCHREIBENsBESCHREIBEN (vgl. 2.4.2.1), BERICHTENsBERICHTEN, ARGUMENTIERENsARGUMENTIEREN usw. manifestiert, andererseits kann ein und dasselbe Thema bspw. beschreibend oder berichtend entfaltet werden. Das aber erfordert nicht irgendeinen, sondern einen bestimmten Stil, denn die jeweilige Art der ThemenentfaltungThemenentfaltung muss auch stilistisch kenntlich gemacht werden. Für jede Grundform thematischer Entfaltung gibt es daher eine Stilform mit Indikator-Funktion, was in Stilkennzeichnungen wie ‚berichtender Stil‘ oder ‚beschreibender Stil‘ seinen Ausdruck findet. So gesehen ist die Entscheidung für eine Art der thematischen Entfaltung immer auch eine stilistische Entscheidung.

Bevor Beispiele für die Versprachlichung und Vertextung des Themas analysiert werden, sollte noch geklärt sein, was der Begriff TextthemaTextthema eigentlich erfasst. Die textlinguistische Diskussion hierzu beiseite lassend (vgl. u.a. Adamzik 2004: 118ff.), wollen wir ‚Textthema‘ als objektsemantisches Zentrum eines Textes begreifen, d.h. als Kerninformation darüber, auf welches Objekt (Gegenstand, Zustand, Lebewesen, Ereignis, Begriff usw.) alle weiteren Informationen (als Teilthemen) bezogen sind.

Wenden wir uns nun einigen thematisierungsstilistischen Unterschieden zu, die bei einem Vergleich von Texten mit Übereinstimmung im Thema am besten hervortreten.

a) Arten der Entfaltung des Themas – Stil als Indikator

Brandstiftung in Berlin-Wilmersdorf

Auto des BZ-Journalisten Gunnar Schupelius angezündet

Von Tanja Buntrock

Das Auto, das in der Nacht zu Montag in Berlin-Wilmersdorf angezündet worden war, gehört dem Kolumnisten der BZ , Gunnar Schupelius. Nun ermittelt der Staatsschutz, ob das Fahrzeug des Journalisten gezielt angegriffen worden war.

Nach der Brandstiftung in Wilmersdorf, wo – wie berichtet – in der Nacht zu Montag in der Ahrweilerstraße ein Auto angezündet und fünf weitere beschädigt wurden, ermittelt nun der Staatsschutz: Denn der in Brand gesetzte Mini Cooper gehört dem B.Z.-Journalisten Gunnar Schupelius. In seiner Kolumne „Mein Ärger – der gerechte Zorn von Gunnar Schupelius“ schimpft der Autor etwa über Graffiti am U-Bahnhof oder erörtert, warum „die Grünen nicht regieren können“, und sucht mit seinen konservativen Thesen die Kernleserschaft der Boulevardzeitung anzusprechen.

Ob der Brandanschlag gezielt Gunnar Schupelius’ Auto galt oder dieses zufällig angezündet worden war, sei noch unklar, hieß es bei der Polizei. „Ob eine politische Motivation die Zielrichtung war oder es andere Hintergründe gibt, müssen die Ermittlungen ergeben“, sagte ein Sprecher. Ein Selbstbezichtigungsschreiben läge derzeit nicht vor. Gunnar Schupelius wollte sich nicht zu dem Vorfall äußern.

Beispieltext 11: Medienbericht

tagesspiegel.de (19.03.2014: 9:20 Uhr).

Brandstiftung, gemeingefährliches, mit hohen Strafen bedrohtes Gefährdungsdelikt. Wegen schwerer B. wird nach § 306 a StGB mit Freiheitsentzug nicht unter einem Jahr bestraft, wer in Brand setzt: 1) ein zu gottesdienstlichen Versammlungen bestimmtes Gebäude, 2) ein Gebäude, ein Schiff oder eine andere Räumlichkeit, die der Wohnung von Menschen dient, 3) eine Räumlichkeit, die zeitweise dem Aufenthalt von Menschen dient, und zwar zu einer Zeit, während Menschen sich darin aufzuhalten pflegen. Wenn durch die B. wenigstens leichtfertig der Tod eines Menschen verursacht wird, ist die Strafe lebenslange Freiheitsstrafe oder Freiheitsstrafe nicht unter 10 Jahren (§ 306 c StGB). Eine besonders schwere Brandstiftung (§ 306 b StGB) liegt vor, wenn eine schwere Gesundheitsschädigung eines anderen Menschen oder eine Gesundheitsschädigung einer großen Zahl von Menschen verursacht wird (Freiheitsstrafe nicht unter 2 Jahren). Freiheitsstrafe nicht unter 5 Jahren droht demjenigen Täter einer schweren Brandstiftung, der 1) einen anderen Menschen durch die Tat in die Gefahr des Todes bringt, 2) in der Absicht handelt, eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, oder 3) das Löschen des Brandes verhindert oder erschwert (§ 306 b Abs. 2 StGB). Die einfache B., bei der nicht ohne Weiteres Menschenleben gefährdet werden, wird nach § 306 StGB mit Freiheitsentzug von einem bis zu zehn Jahren bestraft. Strafbar sind auch die fahrlässige B. (§ 306 d StGB) und das Herbeiführen einer Brandgefahr (§ 306 f StGB).

Beispieltext 12 : Lexikonartikel

DUDEN. Recht A–Z. Fachlexikon für Studium, Ausbildung und Beruf. Mannheim 2007: Dudenverlag, 89.

Aus dem Vergleich von Text 11 und Text 12 geht zunächst hervor, dass beide Texte stilistisch völlig unterschiedlich sind, aber ein gemeinsames Thema haben: das Thema ‚Brandstiftung‘. Doch die Übereinstimmung im Thema besteht nur partiell, denn ‚Brandstiftung‘ ist in Text 11 ein EREIGNIS und in Text 12 ein BEGRIFF (die begriffliche BedeutungSemantik/semantisch des Wortes Brandstiftung). Den Texten liegen also verschiedene „Thementypen“ (Adamzik 2004: 123f.) zugrunde. Damit im Zusammenhang ist die ThemenentfaltungThemenentfaltung eine jeweils andere. Es stehen sich zwei TexthandlungenTexthandlung gegenüber: das BERICHTENBERICHTEN über ein EREIGNIS anhand von FAKTEN und das BESCHREIBENBESCHREIBEN eines BEGRIFFs anhand von MERKMALEN seiner Struktur. Auf Grund der Indikator-Funktion von Stil stehen sich auch zwei Stilformen gegenüber: der berichtende und der beschreibende Stil.

Berichtender StilStilberichtender entsteht in Text 11 durch

 das Verwenden faktenbezeichnender Lokal- und Temporalangaben (in Berlin-Wilmersdorf; in der Nacht zu Montag), die ein Ereignis in Raum und Zeit einordnen;

 die Wahl der Tempusformen Präteritum und Präteritumperfekt zur Kennzeichnung vergangenen und vorvergangenen Geschehens (wurden angezündet und beschädigt; war angezündet worden u.a.);

 das zeitliche Strukturieren des Ereignisablaufs mit Hilfe von Tempusformen (Präteritum, Präteritumperfekt), temporalen Adverbien (nun), temporalen Präpositionen (nach) u.a. Mitteln.

Beschreibender StilStilbeschreibender entsteht in Text 12 durch

 das HinzufügenHinzufügen von Wesensmerkmalen des zum ThemawortThemawort gewordenen Begriffs Brandstiftung mit Hilfe eines Gattungsworts (Gefährdungsdelikt) und definierender Attribute (gemeingefährlich; mit hohen Strafen bedroht), wodurch die begriffliche BedeutungSemantik/semantisch des Themaworts in eine definierte Bedeutung überführt wird;

 das HinzufügenHinzufügen von Differenzierungsmerkmalen des Begriffs mit Hilfe klassifizierender Attribute (schwere B.; besonders schwere B.; einfache B.; fahrlässige B.), wodurch die begriffliche BedeutungSemantik/semantisch hierarchisch strukturiert wird;

 das einheitliche Verwenden der Tempusform Präsens, deren atemporale Variante den begrifflichen Bestimmungen Allgemeingültigkeit verleiht (z.B. wird bestraft; setzt in Brand; liegt vor).

Will man den Unterschied zwischen dem berichtenden und dem beschreibenden Stil an GestaltungsprinzipienGestaltungsprinzip bzw. GestaltqualitätenGestaltqualität festmachen, so bieten sich die klassischen Gegensatzpaare ‚KonkretheitKonkretheit‘ vs. ‚AbstraktheitAbstraktheit‘ sowie ‚DynamikDynamik‘ vs. ‚StatikStatik‘ an (Näheres dazu in 3.2).

b) Arten textsortentypischer FormulierungFormulierung von Thema und Teilthemen

Die stilistischen Unterschiede zwischen beiden Beispieltexten (Texte 11 und 12) sind auch an thema- und themenstrukturbezogenen Formulierungsweisen erkennbar. Eine Erklärung für die Unterschiede liegt in der Zugehörigkeit der Texte zu verschiedenen TextsortenTextsorte. Auf die Beispieltexte bezogen stehen sich zwei weitere Stilformen gegenüber: der journalistische Stil im Textsortenrahmen Medienbericht (Text 11) und der fachliche Stil im Textsortenrahmen Lexikonartikel (Text 12). Da der Artikel zum Fachgebiet Rechtswesen verfasst ist, kann die Stilkennzeichnung ‚fachlicher StilStilfachlicher‘ präzisiert werden. Es handelt sich hier um den juristischen StilStiljuristischer.

Journalistischer Stil (Text 11) beruht u.a. auf

 dem Verwenden faktenbezeichnender RealienwörterRealienwort (Eigennamen, Kalenderdaten, ZahlwörterZahlwort u.a.), wodurch der Ereignisdarstellung GenauigkeitGenauigkeit verliehen wird (Eigennamen im Beispieltext sind Ortsteilnamen: Berlin-Wilmersdorf; Straßennamen: Ahrweilerstraße; Personennamen: Gunnar Schupelius);

 dem Wiedergeben von recherchierter Rede, wobei deren Wortlaut originalgetreu (direkte RedeRededirekte) oder vom Original abweichend (z.B. per indirekter RedeRedeindirekte) übernommen werden kann (Beispiele für beide RedewiedergabeformenRedewiedergabeform finden sich vor allem im letzten Abschnitt des Beispieltextes);

 dem Bevorzugen von gemeinsprachlicher Lexik, wodurch der Ereignisdarstellung AllgemeinverständlichkeitAllgemeinverständlichkeit verliehen wird;

 dem HinzufügenHinzufügen von Informationsquellen, die als „Glaubwürdigkeitssignale“ (Lüger 1995: 99) fungieren (hieß es bei der Polizei; sagte ein Sprecher);

 „anregenden Zusätzen“ (ebd.: 112), auch als Rezeptionsstimulantien oder AttraktivmacherAttraktivmacher bezeichnet, im Dienste von Interessantheit und UnterhaltsamkeitUnterhaltsamkeit. Auf solcherart Zusätze (Wortspielereien, alltagssprachliche Formulierungen, AnspielungenAllusion u.a.m.) kann verzichtet werden, wenn dem Thema etwas Außergewöhnliches innewohnt, etwa wenn das Opfer des Brandanschlags ein bekannter Journalist ist (Text 11) oder der Brandstifter ein Feuerwehrmann.

Juristischer Stil (Text 12) beruht u.a. auf

 dem ErsetzenSubstituieren von gemeinsprachlicher Lexik durch ein- und mehrgliedrige TerminiTerminus aus dem Fachgebiet des Rechtswesens (Gefährdungsdelikt; Freiheitsentzug);

 dem Verwenden von gemeinsprachlicher Lexik mit fachsprachlicher SemantikSemantik/semantisch (vgl. z.B. schwere B.; besonders schwere B.; fahrlässige B.);

 dem Herstellen intertextueller Beziehungen in Form von Verweisen auf Gesetzesgrundlagen mit Paragraphenzeichen (z.B. nach § 306a StGB);

 dem Herstellen von Tatbestand-Rechtsfolge-Konstruktionen (vgl. Nussbaumer 2009: 2137), z.B. wegen schwerer B. wird […] mit Freiheitsentzug nicht unter einem Jahr bestraft (= Rechtsfolge) – wer in Brand setzt: 1) ein zu gottesdienstlichen Versammlungen bestimmtes Gebäude, 2) ein Gebäude, ein Schiff oder eine andere Räumlichkeit, die der Wohnung von Menschen dient […] (= Tatbestand).

Die aufgezeigten Verfahren und Mittel des juristischen StilsStiljuristischer folgen dem GestaltungsprinzipGestaltungsprinzip GenauigkeitGenauigkeit.

Zum Wie der FormulierungFormulierung von Thema und Teilthemen gibt es – andere Texte heranziehend – noch einiges mehr zu sagen. So muss das Thema keinesfalls explizit und klarKlarheit formuliert sein. Es kann auch angedeutetAndeuten, versteckt, verdeckt oder verschwiegen werden.

AndeutenAndeuten des Themas: Andeutungen finden wir z.B. in Romantiteln wie „Die Klavierspielerin“ (Text 6). Hier wird lediglich die Hauptfigur sozial kategorisiert. Der Titel legt die Interpretation nahe: ‚Es geht um eine Klavierspielerin.‘ Andeutungen können ausgebaut werden, wie im Romantitel „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ (Roman von Jonas Jonasson). Hier wird jedoch nur der Inhalt des extrem kurzen ersten Kapitels komprimiertKomprimiertheit wiedergegeben.

VersteckenVerstecken des Themas: In Witzen und Bildwitzen (Text 7) ist das Thema in die PointePointe eingearbeitet, quasi in ihr versteckt, und aus ihr zu erschließen. Ein geläufiges Witzthema sind ‚Missverständnisse‘.

VerdeckenVerdecken des Themas: Beispiele für diese Gestaltungsmöglichkeit liefert die Werbekommunikation in großer Zahl. Dabei werden originelleOriginalität GestaltungsideenGestaltungsidee realisiert – wie in einer Werbeanzeige für den Peugeot 806, in der das ThemawortThemawort, d.h. der Produktname, in einen kindlichen, krakelig handgeschriebenen, orthographisch fehlerhaften „Erpresserbrief“ integriert worden ist – ein weiterer Fall von MustermischungMustermischung (siehe Text 13):


Beispieltext 13 : Werbeanzeige (als „Erpresserbrief“)

Die „Erpressung“ ist bemerkenswerterweise großformatig zum Blickfang gemacht worden; ein kleinformatiges Foto zeigt eine zum Briefinhalt passende Straßenszene mit Kino und davor parkendem Auto, trägt also auch zum VerdeckenVerdecken des Themas bei. Häufiger sind indes Fälle, wo BlickfangbilderBlickfangbild (Catch-Visuals) instrumentalisiert werden, um den Rezeptionsvorgang zunächst in eine andere Richtung zu lenken, etwa wenn in der Automobil-Werbung großformatig ein Goldfisch abgebildet ist, der aus einem kleinen Wasserglas in ein größeres springt. Barbara Sandig (2006: 354) sieht in solchen Gestaltungsweisen eine „thematische Irreführung“. Auf den KommunikationsbereichKommunikationsbereich bezogen, kann man auch von werbekommunikativen TravestieTravestie, werbekommunikativen sprechen (vgl. Hoffmann 2012b: 188). Das Thema wird zwar verdeckt, soll aber dennoch entdeckt werden.

VerschweigenVerschweigen des Themas: Immer dann, wenn der Titel eines Textes keinerlei Hinweis auf das Thema gibt, liegt ein Verschweigen vor. So trägt eine Reisereportage über den Iran (Text 5) den Titel Niemand trägt ein Pokerface, dem man nicht den geringsten thematischen Fingerzeig entnehmen kann. Der Titel stellt sich als ein Zitat aus dem Haupttext heraus, als Wiedergabe einer Impression von den Menschen, die der Reporterin bei ihrer Reise durch den Iran begegnet sind.

Alle diese Gestaltungsweisen haben letztlich zum Ziel, das Thema (vorerst) nicht offenzulegen, sondern zu verrätseln, RätselhaftigkeitRätselhaftigkeit zu erzeugen. Das Gegenstück dazu ist die KlarheitKlarheit der Themenformulierung. Doch wodurch erscheint uns ein Thema als klar formuliert? Klarheit hat sicher nicht unbedingt etwas mit Ausführlichkeit zu tun. Dem Titel des Romans „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ von Frank Witzel mangelt es gewiss nicht an Ausführlichkeit, doch klar ist er nicht. Klarheit hat mit Eindeutigkeit zu tun. Eine klare, d.h. eindeutige FormulierungFormulierung des Themas kristallisiert sich z.B. in den Titeln wissenschaftlicher Texte (wie „Propaganda und Film im ‚Dritten Reich‘“ von Wolf Donner), in den Bezeichnungen von Speisen, die zu ThemawörternThemawort in den Überschriften von Kochrezepten geworden sind (Text 10: Pasta in der Parmesankruste), in den Betreffzeilen privater E-Mails (Unser Treffen am Wochenende) oder amtlicher Schreiben (Mieterhöhung zum 1. Februar).

c) Arten hervorhebender Positionierung des Themas

Klar oder rätselhaft formulierte Themen können hervorgehoben werden. Beim GestaltungsaktGestaltungsakt des HervorhebensFokussieren können diverse Verfahren der Positionierung zum Einsatz kommen. Hervorgehoben werden kann ein Thema bspw., indem man es zum Titel auf den Einbänden von Büchern macht, indem man es in die Überschrift von Texten setzt (wie in Kochrezepten), indem man es in die Betreffzeilen privater E-Mails oder amtlicher Schreiben aufnimmt.

Die hervorhebenHervorhebenFokussierende Positionierung des Themas zeigt sich auch in folgenden Verfahren:

Lemmatisieren des Themas: Das Thema wird zu einem Stichwort (Lemma) in Nachschlagewerken gemacht (siehe Text 12: Brandstiftung).

Einbinden des Themas in eine Schlagzeile: Als Beispiel die Schlagzeile Brandstiftung in Berlin-Wilmersdorf (Text 11). Das Thema wird in Schlagzeilen häufig zusätzlich typographischTypographie/typographisch hervorgehoben (Fettdruck, größere Schrift).

Flächendeckendes WiederholenWiederholen des Themas: Als Beispiel ein politischer Werbebrief (Text 14), der eine fortlaufende Wiederholung des Themas ‚Fusion von Berlin und Brandenburg‘ über die gesamte Textfläche hinweg aufweist. Man beachte die relevanten Wortgruppen, von denen die meisten die Toponyme Brandenburg und Berlin enthalten:

Brandenburg und Berlin – das stärkere Land Berlin-Brandenburg – ein Land Berlin-Brandenburg – dieses größere, stärkere Land – für die ganze Region Berlin-Brandenburg – in einem gemeinsamen Land Berlin-Brandenburg – ein stärkeres Land Berlin-Brandenburg – mit der Bildung eines gemeinsamen Landes – für Berlin-Brandenburg – gemeinsam mit Berlin.


Beispieltext 14 : Politischer Werbebrief

Mit diesem Werbebrief waren die Abstimmungsberechtigten des Bundeslandes Brandenburg angesprochen, beim Volksentscheid über die Fusion von Berlin und Brandenburg im Jahre 1996 mit Ja zu stimmen. Das flächendeckende WiederholenWiederholen des Themas folgt dem GestaltungsprinzipGestaltungsprinzip EinprägsamkeitEinprägsamkeit, steht aber noch in einem anderen Gestaltungszusammenhang, auf den unter d) eingegangen wird. Anders liegen die Dinge im Gedicht „markierung einer wende“ von Ernst Jandl (Text 8). Hier kann man zwar auch von einer flächendeckenden Wiederholung (hier des Substantivs krieg) sprechen, doch damit ist das Thema des Gedichts keinesfalls erfasst; es wird lediglich augenfällig angedeutetAndeuten.

d) Arten der Modalisierung von Thema, thematischen Einstellungen und ThemenentfaltungThemenentfaltung

Im Folgenden geht es um stilistische EinstellungEinstellungstilistischeen und ihr Verhältnis zu den thematischen Einstellungen. Man kann gegenüber thematischen Textinhalten eine positive oder negative Einstellung zum Ausdruck bringen, behauptete Textinhalte für ‚unbestreitbar‘, ‚wahrscheinlich‘ oder ‚falsch‘ halten, in die Zukunft weisende Textinhalte für ‚überflüssig‘, ‚wünschenswert‘ oder ‚notwendig‘ erklären usw. Es handelt sich um verschiedene Arten der Modalisierung thematischer Textinhalte, die Klaus Brinker (2010: 92) als „thematische EinstellungEinstellungthematischeen“ bezeichnet (in Analogie zu den propositionalen Einstellungen in der Sprechakttheorie). Sie verdienen auch in stilistischer Hinsicht Aufmerksamkeit, da ihr Vorkommen auf das GestaltungsprinzipGestaltungsprinzip SubjektivitätSubjektivität verweist, ihr Fehlen demzufolge auf das Gestaltungsprinzip ObjektivitätObjektivität. Subjektivität und Objektivität repräsentieren einen anderen Einstellungstyp. Sie gelten als stilistische Einstellungen, als einstellungsbekundende Gestaltungsprinzipien. Um den Unterschied, aber auch den Zusammenhang zwischen thematischen und stilistischen Einstellungen deutlicher zu erkennen, werfen wir nochmals einen Blick auf den politischen Werbebrief von Manfred Stolpe (Text 14). In diesem Text nimmt der Textproduzent mit dem Hauptsatz Ich bin für ein Land Berlin-Brandenburg prononciert Stellung zur geplanten ‚Länderfusion von Berlin und Brandenburg‘ (als TextthemaTextthema). Er modalisiert das Thema mit dem Ausdrücken einer positiven Einstellung, indem er seine Zustimmung artikuliert. Zugleich fällt auf, dass dieser Satz dreimal hintereinander wiederholtWiederholen wird, insgesamt also viermal vorkommt, wobei jedes Mal ein weil-Satz folgt, mit dem die TexthandlungTexthandlung ARGUMENTIERENARGUMENTIEREN ausgeführt wird. Mit dieser auffälligen Wiederholung von Ich bin für ein Land Berlin-Brandenburg, die sich als Kombination der StilfigurenStilfigur AnapherAnapher und ParallelismusParallelismus beschreiben lässt, wird nicht das Thema, sondern die thematische Einstellung ‚Zustimmung‘ modalisiert. Der Textproduzent gestaltet seine Zustimmung eindringlich. Zustimmung ist eine thematische, EindringlichkeitEindringlichkeit eine stilistische Einstellung. Ähnliches kommt in der zweiten Texthälfte vor. Mit dem Hauptsatz Es ist einfach wahr modalisiert der Textproduzent den Inhalt des Nebensatzes daß ein stärkeres Land Berlin-Brandenburg sich […] besser behaupten kann dergestalt, dass er ihn für ‚unbestreitbar‘ hält. Der Textproduzent artikuliert Gewissheit. Und auch bei dieser Textpassage wird die thematische Einstellung mehrfach hintereinander ausgedrückt und somit eindringlich gemacht.

Halten wir fest: Es gibt Einstellungen verschiedenen Typs: thematische und stilistische EinstellungEinstellungstilistischeen. Vom Vorkommen oder Fehlen thematischer Einstellungen hängt ab, ob Texte, Teiltexte, Textpassagen von SubjektivitätSubjektivität oder ObjektivitätObjektivität als stilistischen Einstellungen geprägt sind.

Während es Arten thematischer Einstellungen in überschaubarer Zahl gibt, ist dies bei stilistischen Einstellungen mitnichten der Fall. Es gibt zu viele Nuancen, und eine immense Schwierigkeit besteht darin, sie voneinander abzugrenzen und systematisch zu erfassen. Eine Möglichkeit, zu einer gewissen Systematik zu gelangen, sehen wir darin, die Einstellungsbegriffe SubjektivitätSubjektivität und ObjektivitätObjektivität textsorten-/textgattungsbezogen zu differenzieren. Erscheinungsformen von Objektivität sind dann etwa die SachbetontheitSachbetontheit wissenschaftlicher und behördlicher Texte oder die TatsachenbetontheitTatsachenbetontheit journalistischer Texte (Meldung, Medienbericht, Sachinterview). Erscheinungsformen von Subjektivität sind demgegenüber die MeinungsbetontheitMeinungsbetontheit journalistischer Texte (Kommentar, Kritik, Meinungsinterview), die FeierlichkeitFeierlichkeit liturgischer Texte (Psalm, Hymne, Segensgebet) und die ErlebnisbetontheitErlebnisbetontheit schildernder, Eindrücke wiedergebender Texte. Eine Systematisierungsmöglichkeit sehen wir auch darin, stilistische EinstellungEinstellungstilistischeen nach dem Verhältnis von Sagen (Äußern) und Meinen zu differenzieren, denn sie können ernst oder unernst gemeint sein. Es sind folgende Fälle zu unterscheiden:

1 Was ernst formuliert ist, soll als ernst gemeint aufgefasst werden. Stilistischer ErnstErnst kann u.a. als EindringlichkeitEindringlichkeit oder Strenge in Erscheinung treten.

2 Was unernst formuliert ist, soll als unernst gemeint aufgefasst werden. Erscheinungsformen von stilistischem UnernstUnernst sind u.a. ScherzhaftigkeitScherzhaftigkeit, Spaßigkeit und SpottSpott.

3 Was ernst formuliert ist, soll als unernst gemeint aufgefasst werden, und umgekehrt. In diesen Fällen handelt es sich um IronieIronie/Ironisieren, die auch mit SpottSpott einhergehen kann.

Zahlreiche Erscheinungsformen von stilistischem UnernstUnernst sind besonders interessant, da sie auf gestalterischer Kreativität beruhen. Schauen wir uns einzelne Beispiele an.

Ein probates Mittel zum Erzeugen von UnernstUnernst trägt die terminologische Bezeichnung AprosdoketonAprosdoketon: der unvermittelte, unvorhersehbare, durchaus nicht immer unerwartete Wechsel (siehe Witze) hin zu einem inkongruenten Textelement, d.h. zu einem Textelement, das im Widerspruch steht zu kommunikativen Gepflogenheiten, kommunikativen Normen, auch alltagslogischem Wissen, indem es z.B. FrameFrame-Ordnungen stört. Solcherart Textelemente zum Erzeugen von stilistischem Unernst sind demnach kommunikative „Ordnungswidrigkeiten“ verschiedener Art. Es versteht sich, dass die PointenPointe von Witzen als Aprosdoketa beschreibbar sind. Aber auch AnspielungenAllusion (Allusionen) können aprosdoketisch gestaltet sein – wie der Titel eines Fernsehfilms beweist: „Einer für alle, alles im Eimer“ (Premiere im ZDF, 15.10.2015, 20.15 Uhr). An der Gestaltung dieses Titels waren zwei GestaltungsakteGestaltungsakt beteiligt: zum einen das Verdunkeln des Themas, zum anderen das Unernst-Machen des Titels. Der antimetabolischAntimetabole gestaltete Wahlspruch der „Drei Musketiere“ im Roman von Alexandre Dumas (Einer für alle, alle für einen!), der als Geflügeltes Wortgeflügeltes Wort zu den phraseologischen Zitaten gehört, wurde durch ein Aprosdoketon verballhornt: durch den inkongruenten, saloppsprachlichen PhraseologismusPhraseologismus im Eimer sein. Der TerminusTerminus „FormelbruchFormelbruch“, den Richard M. Meyer (1913: 39) verwendet, bringt diesen aprosdoketischen Fall auf den Punkt. Der zur Formel gewordene Spruch wird unernst gebrochen, und der Bruch ist unernst gemeint.

Andere Beispiele für eine aprosdoketische Gestaltung finden sich – wie sollte es anders sein – in der Werbekommunikation. Eine Anzeige, mit der die Satirezeitschrift „Eulenspiegel“ vor einigen Jahren Abonnenten werben wollte, hob sich durch das Herausstellen von scheinbaren Mängeln des Produkts aus der Fülle von Werbetexten heraus.

DAS SATIREMAGAZIN

wird dem Ernst des Lebens in keiner Weise gerecht,

unterstützt Politiker und andere geeignete Personen

in ihrem Bemühen, sich lächerlich zu machen,

verzerrt die Wirklichkeit bis zur Kenntlichkeit.

Beispieltext 15: Werbeanzeige (Abschrift des Fließtextes)

Wie man bemerkt, enthält jede einzelne Äußerung ein AprosdoketonAprosdoketon: in keiner Weise statt in jeder Weise; sich lächerlich machen statt sich für das Volk einsetzen; Kenntlichkeit statt Unkenntlichkeit. Eingeschliffene (automatisierte) FormulierungenFormulierung werden durch inkongruente Textelemente zu kommunikativ „ordnungswidrigen“ und somit entautomatisierten Formulierungen. Was unernst formuliert ist, ist hier aber – satiregemäß – ernst gemeint.

Im Unterschied zu Werbeanzeigen ist im Muster der journalistischen TextsorteTextsorte Glosse stilistischer UnernstUnernst angelegt. Das sei an einem Exemplar dieser Textsorte untersucht.

Matthies meint

Teile des BER in Betrieb

Berlin hat bekanntlich zwei ganz große Baustellen: den Flughafen und die Probleme mit der Unterbringung von Flüchtlingen. Beim Blick auf die jeweiligen Größenordnungen schwant auch dem Laien: Beides auf einmal geht schlecht. Aber wie wäre es, wenn wir uns auf die Suche nach den vielbeschworenen Synergien machen?

Ja klar, die einschlägigen Witze haben wir hinter uns, es wird keine Feldbetten am Gepäckband geben und keine Suppenküche im Empfangsgebäude. Aber umgekehrt geht was: Soeben wurden eingelagerte Flughafen-Sitzbänke geholt, um den Wartebereich im neuen Bearbeitungszentrum Bundesallee ein wenig wohnlicher zu gestalten.

Das ist zumindest gut gedacht, denn wer mal ein paar Nächte unfreiwillig auf diesen Spezialmöbeln zugebracht hat, der weiß, wie perfekt sie die Kombination von Anziehung und Abschreckung verkörpern: Man setzt sich ahnungslos rein, die Stunden vergehen, und plötzlich tut der Rücken weh wie Sau. Und wer drauf übernachtet, braucht Bandscheiben aus Stahl.

Aber was bedeutet das für den Flughafen? Wird er nun ausgeschlachtet wie ein rostiges Auto, bis es dann so um 2019 herum heißt, nun sei der Rest auch nix mehr wert? In der Bundesallee können sie zweifellos noch mehr von diesen Sachen gebrauchen, zum Beispiel die Empfangs-Counter, an denen sympathische Uniformierte beim Einchecken das Gepäck wiegen, einsammeln und gleich direkt zur nächsten Notunterkunft schicken könnten, Irrläufer in Richtung Sydney oder Kassel-Calden eingeschlossen.

Auch das Anzeigesystem mit den großen Bildschirmen ließe sich nutzen: Lageso drei Tage verspätet, Wohnheim in Hellersdorf gecancelt, Busse nach Brandenburg: Boarding hat jetzt begonnen. Wenn selbst ein lendenlahmer Flughafen wie Tegel jedes Jahr drölfzig Millionen Menschen korrekt durchschleust, sollte die ungenutzte BER-Infrastruktur ja allemal mit ein paar hunderttausend Flüchtlingen zurechtkommen.

Das Ganze wäre jedenfalls eine zivile Variante und viel anheimelnder als das Sozialamts-Outfit der vorhandenen Ämter – zumal, wenn wir pensioniertes Bodenpersonal für den Betrieb gewinnen können. Die Leute sind sprachgewandt und nervenstark, verströmen Autorität und Weltgewandtheit.

Das sollte für ein paar Jahre reichen. Falls dann doch noch jemand den BER in Betrieb nehmen möchte, schaffen wir einfach das Zeug aus Tegel in die Bundesallee.

Beispieltext 16 : Glosse

Potsdamer Neueste Nachrichten, 10.10.2015, 1.

Bereits die Schlagzeile Teile des BER in Betrieb entpuppt sich als thematische Irreführung, denn wir erfahren aus dem Haupttext, dass es nicht um den immer noch seiner Eröffnung harrenden Hauptstadtflughafen BER geht, sondern um die Umsetzung von Terminalmobiliar (eingelagerte Flughafensitzbänke) in den Wartebereich im neuen Bearbeitungszentrum Bundesallee, einer Behörde zur Registrierung von Flüchtlingen. Eine ernst formulierte Schlagzeile wird durch den Haupttext unernst gemacht, zwischen Schlagzeile und Haupttext konstituiert sich ein „textlicher WiderspruchWiderspruchtextlicher“, der als Indikator von IronieIronie/Ironisieren gilt (vgl. Plett 2001: 122). Zu seinem Thema ‚Zweckentfremdung von Terminalmobiliar‘ formuliert und begründet der Textproduzent zwei Thesen; er entfaltet das Thema also argumentativ. Schauen wir uns die beiden Thesen und ihre Begründung näher an.

These 1: Das Motiv der Aktion, den Wartebereich im Bearbeitungszentrum wohnlicher zu gestalten, ist zumindest gut gedacht.

Wir registrieren zwar zunächst eine positive Haltung (gegenüber der Aktion) als thematische EinstellungEinstellungthematische, die von ErnstErnst als stilistischer Einstellung geprägt zu sein scheint, doch die mit der Konjunktion denn angeschlossene Begründung (denn die Möbel verkörpern perfekt die Kombination von Anziehung und Abschreckung) offenbart das ganze Gegenteil. Was als Lob formuliert ist, stellt sich als Tadel heraus. Der Wechsel von Lob zu Tadel ist aprosdoketisch gestaltet: Während die Wörter perfekt und Anziehung noch Wörter mit positiver Wertung sind, folgt mit dem unvermittelt angeschlossenen Wort Abschreckung ein negativ wertendes Wort. Auch zwischen These 1 und ihrer Begründung konstituiert sich somit ein textlicher WiderspruchWiderspruchtextlicher.

These 2: In der Bundesallee können sie zweifellos noch mehr von diesen Sachen gebrauchen.

Wir registrieren die thematische EinstellungEinstellungthematische ‚Gewissheit‘ (Indikator: das Modalwort zweifellos), die ebenfalls stilistisch ernst formuliert ist. Der textliche Widerspruch zwischen These 2 und ihrer Begründung gibt sich aber hier auf eine andere Weise zu erkennen. Es wird der Vorschlag unterbreitet, pensioniertes Flughafenpersonal zu rekrutieren, weitere Ausstattungsgegenstände des Terminals (Empfangs-Counter; Anzeigensystem mit großen Bildschirmen) für die Bearbeitung von Flüchtlingsanliegen einzusetzen und dabei die Flughafensprache zu adaptieren (vgl. Wohnheim in Hellersdorf gecancelt u.a.). Das aber widerspricht dem gesunden Menschenverstand und kann deshalb nur unernst gemeint sein.

Stilistischer UnernstUnernst erfasst in diesem Text die gesamte argumentative ThemenentfaltungThemenentfaltung. Das Muster der journalistischen TextsorteTextsorte Glosse sieht ‚spöttische IronieIronie/Ironisieren‘ als stilistische EinstellungEinstellungstilistische vor, eine „distanziert-spöttische Modalität“ (Lüger 1995: 137). Glossen werden auch als eine Textsorte beschrieben, in deren Muster ParadoxieParadoxie/Paradox-Machen und Nonsens angelegt sind (vgl. Schalkowski 1998: 314). Auch das sind zweifellos Erscheinungsformen von stilistischem Unernst; sie sind aber im Textsortenrahmen Glosse dem GestaltungsprinzipGestaltungsprinzip Ironie untergeordnet.

Doch woran ist ‚SpottSpott‘ erkennbar, und wogegen richtet er sich eigentlich? Glossisten stehen vor einer ziemlich komplizierten Aufgabe. Sie müssen erstens in menschlichem Handeln und Verhalten einen „komischen WiderspruchWiderspruchkomischer“ (Pötschke 2010: 268f.) entdecken und zum Thema machen: eine Diskrepanz etwa zwischen postulierter Stärke und tatsächlicher Schwäche, zwischen erhobenem Anspruch und der Aussichtslosigkeit seiner Verwirklichung, zwischen erklärter Absicht und erzieltem Ergebnis oder – wie im Beispieltext – zwischen Handlungsziel und Handlungsmitteln. Glossisten müssen zweitens den thematisierten komischen WiderspruchWiderspruchkomischer zum Spottobjekt, zur Zielscheibe von Spott als stilistischer Einstellung machen. Dabei bewährt sich der GestaltungsaktGestaltungsakt des IronisierensIronie/Ironisieren und diesem Zusammenhang ein spezielles Ironiesignal: das Konstruieren textlicher Widersprüche (im Beispieltext zwischen Schlagzeile und Haupttext sowie zwischen den Thesen und ihrer Begründung). Durch den Gestaltungsakt des Ironisierens wird das Thema verdeckt und der Widerspruch der Lächerlichkeit preisgegeben. Glossen sind satirische Texte. Weiteres zu Ironie und SatireSatire in 3.1.2.

Wer sich im Beispieltext auf die Suche nach Indikatoren von stilistischem UnernstUnernst begibt, die nicht als Ironiesignale fungieren, findet u.a. auch noch dies:

 ein texteröffnendes ZeugmaZeugma: Berlin hat zwei Baustellen: den Flughafen und die Probleme mit der Unterbringung von Flüchtlingen;

 drastische Vergleiche und MetaphernMetapher/Metaphorisieren: wehtun wie Sau; den Flughafen ausschlachten wie ein rostiges Auto; ein lendenlahmer Flughafen;

 eine scherzhafte Wortschöpfung: die WortkreuzungKontamination (Kontamination) drölfzig (vgl. drölfzig Millionen), gebildet offenbar aus den ZahlwörternZahlwort drei, zwölf und zwanzig o.Ä., mit der BedeutungSemantik/semantisch ‚unbestimmter, größerer Zahlbegriff‘.

DISKUSSION

Um stilistische EinstellungEinstellungstilistische en terminologisch zu fixieren, werden in der Literatur auch die Begriffe InteraktionsmodalitätInteraktionsmodalität und KommunikationsmodalitätKommunikationsmodalität verwendet. Sind das alles SynonymeSynonym/synonymisch ?

Unter ‚InteraktionsmodalitätInteraktionsmodalität‘ wird „die Geltungsweise von Redeteilen“ verstanden, „mit der der Sprecher eine bestimmte Einstellung zum Gesagten ausdrückt, aber auch die Art der Interaktion definiert“ (Schwitalla 1997: 185). Während ‚Interaktionsmodalität‘ vor allem eine gesprächsstilistische Kategorie ist, erfasst der Begriff KommunikationsmodalitätKommunikationsmodalität Einstellungen, die textstilistisch relevant sind, die einen Text insgesamt prägen (vgl. Lüger 1995: 105). Bei beiden Bestimmungen bleibt offen, ob nicht auch thematische EinstellungEinstellungthematischeen unter die Begriffe subsumierbar sind. Beide Bestimmungen lassen dies aber zu. Insofern können die beiden TerminiTerminus als Oberbegriffe für thematische wie stilistische EinstellungEinstellungstilistischeen verwendet werden.

2.4.2.3 TextarchitekturTextarchitektur: Stil als das Wie textarchitektonischer Gestaltung

Mit der Vertextungsebene TextarchitekturTextarchitektur kommt der äußere Aufbau eines Textes als Gestaltungsobjekt in das Blickfeld, d.h. die Gliederung eines Textes in visuell voneinander absetzbare Teiltexte (Textbausteine). Der Begriff TextarchitektonikTextarchitektonik erfasst im Unterschied dazu eine ganzheitliche Gestaltungsweise, nämlich die Art und Weise, wie sich die Fläche eines Textes in einzelne Bausteine aufgeteilt präsentiert, wie sich die Bausteine zu einem Ganzen zusammenfügen. Aus der Ganzes-Teil-Relation geht zugleich hervor, welcher Art die Textbausteine sind. Textarchitektonische Gestaltungsweisen sind StilgestaltenStilgestalt (vgl. zu diesem Begriff 2.3.1). Das allgemeine Gliederungsprinzip der visuellen Gliederung konstituiert eine formale GestaltqualitätGestaltqualität; die Textbausteine bilden die GestalteinheitenGestalteinheit. Zahlreiche Textarten (TextsortenTextsorte, Textgattungen) weisen textarchitektonische Charakteristika auf, sodass die Textarchitektonik zum Indikator der Textart wird. Wir stellen einiges in einer Übersicht zusammen.


ComicsMosaik aus Bildkästchen (Panels) – Sprech- und Denkblasen
DramentexteProlog – Akt (Aufzug) – Szene (Auftritt/Bild) – Epilog
Fahrpläne, Kalender, Programmübersichten u.a.Tabelle mit Spalten (vertikal) und Zeilen (horizontal)
Fragebögen, FormulareErfragte Angaben – vorgezeichnete leere Antwortfelder
GesetzestextePräambel (Initialteil) – Paragraphensequenz (Textkern) – Datierung (Terminalteil)
HypertexteStartseite – Navigationsleiste – Hyperlinks – verlinkte Module
Journalistische Texte (Medienberichte, Porträts, Reportagen u.a.)Schlagzeile – Lead (Vorspanntext) – Haupttext
Lyrische TexteStrophe – Verszeile(bei Liedern Strophen auch als Refrain)
Offizielle Sachbriefe(vgl. Heinemann/Viehweger 1991: 162ff.)Briefkopf (Initialteil) – Briefkern (Textkern) – Briefschluss (Terminalteil)
Veranstaltungsflyer(vgl. Androutsopoulos 2000)TEAM (Veranstalter) – MOTTO (Veranstaltungstitel) – AKTEURE (Mitwirkende) – DATEN (Ort, Zeit, Eintrittspreis u.a.) – SPONSOREN (Geldgeber) – VISUAL (Bildelement)
Werbeanzeigen(vgl. Janich 2010: 53ff.)Schlagzeile – Fließtext – Slogan – Produktname – Bildelemente
Wissenschaftliche AufsätzeAbstract – Inhaltsverzeichnis (i.d.R. nach dem Dezimalsystem in Abschnitte und Unterabschnitte gegliedert) – Erörterung – Literatur- und Quellenverzeichnis – Fuß- oder Endnoten (Anmerkungen)

Tab. 7: Zusammenhänge zwischen Textart und TextarchitektonikTextarchitektonik

Textbausteine können sich unterscheiden durch die Art

 ihrer Platzierung (siehe z.B. Abstract, Briefkopf, Präambel, Prolog);

 ihrer geometrischen Form (siehe z.B. Felder, Panels, Spalten, Sprech- und Denkblasen);

 ihrer Verknüpfung (siehe z.B. Akt/Szene, Tabelle/Spalte, verlinkte Module)

 ihrer proportionalen Verhältnisse (siehe z.B. Erörterung als Haupttext und Fuß- bzw. Endnoten als Nebentexte in wissenschaftlichen Aufsätzen).

Textbausteine können rein textthematisch bestimmt sein, wie man am Beispiel der TextsorteTextsorte Veranstaltungsflyer sehen kann. Fast jeder Baustein repräsentiert in diesem Rahmen ein anderes Teilthema. Die Einbettung in den Gestaltungsrahmen einer Textart bringt aber auch Zusammenhänge mit der pragmatischenPragmatik/pragmatisch oder poetischenPoetizität/poetisch Ausrichtung der Bausteine zum Vorschein (siehe z.B. die Bausteine von Werbeanzeigen und Dramentexten). Was die pragmatische Ausrichtung betrifft, so kann jeder Baustein zum Träger einer anderen TexthandlungTexthandlung werden. Als Beispiele jeweils ein Exemplar der miteinander verwandten Textsorten Rezension (Text 17) und Literaturkritik (Text 18).

Katrin Beckers. 2012. Kommunikation und Kommunizierbarkeit von Wissen. Prinzipien und Strategien kooperativer Wissenskonstruktion. Berlin: Erich Schmidt Verlag. 408 Seiten. 59,80 €. ISBN 978-3-503-13711-4

Im Fokus der Monographie, der eine Dissertation von 2010 an der RWTH Aachen zugrunde liegt, stehen „die wesentlichen Relationen und Interdependenzen, die zwischen Wissen, Kommunikation und Wissenstransfer“ (S. 10) bestehen. Einbezogen in die theoretisch weit gespannte Studie, die sich als ein Beitrag zur Transferwissenschaft im Sinne Sigurd Wichters und Gerd Antos‘ versteht, sind sowohl die mündliche Alltagskommunikation als auch die Text-Leser-Interaktion im Bereich des schriftlich vermittelten Wissenstransfers. Der Autorin sind dabei laut Einleitung makro- und mikroanalytische Perspektiven gleichermaßen wichtig, ebenso wie die Differenzierung von „wissenskonstitutiven, wissensvermittelnden, wissensrepräsentierenden und wissensproduzierenden Funktionen von Sprache und Kommunikation“ (S. 10).

Beispieltext 17 : Rezension (Auszug)

Zeitschrift für Angewandte Linguistik, H. 61 (2014), 153.

Seltsame Idee, die Trauer über den Tod des Vaters mit der Zähmung eines Habichts zu bekämpfen. Doch wenn der Vater Falkner war … So hat Helen Macdonald nicht nur den Habicht Mabel abgerichtet, sondern auch ein Buch darüber geschrieben, das manchmal allzu gefühlsstark ist, aber so ziemlich das Beeindruckendste, das man über Falknerei, die Leidenschaft zum Birdwatching, vor allem über unseren Umgang mit der Natur lesen kann. Eine Art Leidenschaftsroman, gegen den „Fifty shades of grey“ eine graue Maus ist, die der Habicht glatt wegputzt!

H WIE HABICHT Helen Macdonald, allegria, 20 Euro

Beispieltext 18 : Literaturkritik

Das Magazin, Nr. 11/2015, 105.

Rezensionen haben als wissenschaftliche TextsorteTextsorte keine Überschrift, sondern eine dem Haupttext vorangestellte Titelansetzung. Mit diesem Textbaustein wird die TexthandlungTexthandlung MITTEILENMITTEILEN von bibliographischen Angaben vollzogen. Mitgeteilt werden: Name des Autors, Erscheinungsjahr, Titel des Buches, Verlagsort, Umfang und Preis usw. Bei Literaturkritiken als journalistischer Textsorte (mitunter auch als Rezension bezeichnet) finden wir die Titelansetzung in verkürzter Version am Textende. Ein weiterer Unterschied: Kritiken können mit einer Überschrift in Form einer Schlagzeile versehen sein, die eine wesentliche Information des Haupttextes vorwegnimmt. Es geht aber auch ohne diesen Baustein, wie der Beispieltext beweist.

Der Haupttext von Rezension und Literaturkritik wird zum Träger der eigentlichen TexthandlungTexthandlung, die im BEURTEILENBEURTEILEN des wissenschaftlichen oder poetischenPoetizität/poetisch Werts einer Publikation besteht. Ein textarchitektonisches Merkmal ist der ungleiche Umfang der Bausteine. Das BEURTEILEN beansprucht fast die gesamte Textfläche.

Erwähnenswert sind ferner textarchitektonische Gestaltungsweisen, die besonders markant in Erscheinung treten, z.B. das Basilika-LayoutBasilika-Layout und der Cluster-Text.

a) Basilika-LayoutBasilika-Layout


Beispieltext 19 : Hypertext (Startseite)

https://finanzamt-marburg-biedenkopf.hessen.de (17.01.2017, 13:30 Uhr).

Die GestalteinheitenGestalteinheit bestehen hier aus einer breiten Mittelspalte, die von zwei schmalen Spalten flankiert wird. Das LayoutLayout trägt eine metaphorische Bezeichnung, inspiriert von der Basilikaform vieler Kirchen. Die Gestaltungsweise ist aber auch Ergebnis einer Anpassung an das horizontale Bildschirmrechteck, das an die Stelle des vertikalen Rechtecks von Printerzeugnissen getreten ist (vgl. Große 2001: 112f.). Wir finden dieses Layout u.a. im Online-Journalismus und auf den Service-Portalen von Behörden.

b) ClustertextClustertext


Beispieltext 20 : Medienbericht

Berliner Zeitung, 02.–04.10.2015, 5.

ClustertexteClustertext werden sowohl im Print- als auch im Online-Journalismus produziert. Kennzeichnend für das Clusterprinzip ist die SegmentierungSegmentieren eines journalistischen Langtextes in mehrere kurze Texte. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten (vgl. Bucher 1996: 44ff.):

 die thematische SegmentierungSegmentieren (die Clustereinheiten werden zum Träger von Teil- bzw. Subthemen);

 die funktionale, d.h. pragmatischePragmatik/pragmatisch SegmentierungSegmentieren (die Clustereinheiten werden zum Träger verschiedener TexthandlungenTexthandlung);

 die perspektivische SegmentierungSegmentieren (die Clustereinheiten werden zum Träger verschiedener Sichtweisen auf ein und dasselbe Thema).

Auf den Beispieltext trifft die thematische SegmentierungSegmentieren zu: die Segmentierung des Themas ‚Ergebnisse einer Studie zur Inklusion behinderter Kinder‘ in mehrere Teilthemen. An die Stelle eines journalistischen Langtextes sind elf Clustereinheiten getreten:

 Ein Einleitungsblock: Genannt werden der Titel der Studie („Jedes Kind ist anders“), der Auftraggeber (Konrad-Adenauer-Stiftung), der Untersuchungsgegenstand (Einstellungen von Eltern behinderter Kinder) u.a.m.

 Sechs Frage-Antwort-Komplexe: Die Ergebnisse der Studie werden in einer interviewähnlichen Frage-Antwort-Struktur präsentiert. Solche Strukturen sind Gestaltungsprodukte des DialogisierensDialogisieren (vgl. Sandig 2006: 212).

 Drei Diagramme: Sie veranschaulichen Ergebnisse der Studie. Das Teilthema ‚Exklusionsquoten‘ wird in der Form eines Säulendiagramms präsentiert, das Teilthema ‚Vorteile gemeinsamen Lernens‘ in der Form eines Balkendiagramms und das Teilthema ‚Förderschwerpunkte‘ in der Form eines Tortendiagramms.

 Ein Textkasten mit angedeuteterAndeuten Umrandung: Er enthält ein Zitat aus der Studie, zusätzlich typographischTypographie/typographisch hervorgehoben mittels größerer und kursivierter Schrift.

Der ClustertextClustertext umfasst fünf Zeitungsspalten. In der sechsten Spalte rechts findet sich ein Kurzbericht über den Stand der Diskussion zum Thema ‚Inklusion‘ in der Hauptstadt Berlin (siehe Spaltentitel BERLIN). Dieser Text gehört nicht zum Clustertext i.e.S., hat einen anderen Autor, steht aber in einem engen thematischen Zusammenhang mit dem Clustertext. Verbindendes ThemawortThemawort ist Inklusion. Der Lead ragt über die fünfte Spalte hinaus, in die sechste Spalte hinein und stellt die Zusammengehörigkeit her.

Abschließend sei vermerkt, dass der Zusammenhang zwischen den einzelnen textarchitektonischen Einheiten auch mittels StilfigurenStilfigur hergestellt werden kann. So können aufeinander folgende Absätze, Abschnitte, Strophen, Kapitel eines Textes mit dem gleichen Wortlaut beginnen und/oder eine parallele Satzstruktur aufweisen. Man spricht dann von einer architektonischen AnapherAnapher bzw. einem architektonischen ParallelismusParallelismus (vgl. Riesel/Schendels 1975: 268f.).

2.5 Motiviertheit
2.5.1 GestaltungsmotiveGestaltungsmotiv

Stil ist interpretierbar im Hinblick auf ein Wozu, lesen wir bei Barbara Sandig (1995: 28). Die bisherigen Beispielanalysen haben eine Reihe von GestaltungsideenGestaltungsidee und GestaltungsprinzipienGestaltungsprinzip zutage gefördert, zuletzt das Clusterprinzip (Text 20). Die Frage nach dem Wozu von Gestaltungsweisen haben wir noch nicht gestellt: Zu welchem Zweck wurde die TexthandlungTexthandlung oder das TextthemaTextthema oder die TextarchitekturTextarchitektur so und nicht anders gestaltet? Oder anders gefragt: Welches Motiv liegt der Gestaltung zugrunde? Welchen Sinn hat die Gestaltung? Welchen Sinn hat es z.B., einen journalistischen Langtext in mehrere Kurztexte zu segmentieren? Der Sinn liegt hierbei offensichtlich in der Einflussnahme auf den Rezeptionsprozess. ClustertexteClustertext sind gegenüber Langtexten rezeptionsstimulierende Texte. Sie kommen dem Rezeptionsverhalten der Leserschaft in der gegenwärtigen Medienwelt entgegen. „Während der Langtext den Leser vor eine Alles-oder-Nichts-Entscheidung stellt – durchlesen oder weiterblättern – macht ihm die Clusterpräsentation ein Selektionsangebot.“ (Bucher 1996: 44)

Bei jeder GestaltungsideeGestaltungsidee, bei jedem GestaltungsprinzipGestaltungsprinzip kann nach dem stilistischen Sinn bzw. nach dem Gestaltungszweck oder -motiv gefragt werden. So liegt dem Prinzip KnappheitKnappheit (siehe u.a. Text 1) u.a. das Motiv zugrunde, Platz und damit Geld zu sparen, und dem Prinzip AnpreisungAnpreisung (siehe Text 2) das Motiv, Rezipienten persuasiv zu beeinflussen. Die Frage nach den Motiven des Gestaltens ist außerhalb eines konkreten Gestaltungsrahmens kaum zu beantworten. Fragt man z.B. nach dem Motiv hinter dem Prinzip AnschaulichkeitAnschaulichkeit, erkennt man schnell, dass die Antwort von der Textsortengebundenheit des Einzeltextes abhängt. Anschaulichkeit dient in Lehrbuchtexten sicher der ErkenntniserleichterungErkenntniserleichterung. In Reportagen hingegen hat Anschaulichkeit den Zweck, plastische Vorstellungen vom Schauplatz und von den Menschen vor Ort hervorzurufen (siehe Text 5). In epischen Texten (z.B. Romanen) wird mit Anschaulichkeit u.a. bezweckt, Figuren zu charakterisieren (siehe Text 6).

Es mag nicht vordergründig wichtig sein, wie man das stilistische Wozu bezeichnet, ob als Gestaltungszweck, als GestaltungsmotivGestaltungsmotiv oder als stilistischen Sinn. Wichtig ist aber auf jeden Fall, dass die Frage nach dem Wozu stiltheoretisch berücksichtigt und stilanalytisch gestellt wird, dass Wie-Wozu-Relationen hergestellt werden, denn ohne sie erschiene die Zielausrichtung von GestaltungsaktenGestaltungsakt als Selbstzweck. Wir haben indes zu berücksichtigen, dass sich Formgebung immer mit Sinngebung verbindet, und müssen demzufolge das allgemeine Muster Gestalten (siehe 2.2.1) vervollständigen, indem wir eine gestaltungsmotivische Komponente aufnehmen (siehe Tab. 8).


MotivischeKomponenteFinale KomponenteProzeduraleKomponenteInstrumentaleKomponente
GestaltungsmotiveGestaltungsmotivGestaltungsprinzipienGestaltungsprinzipGestaltungsideenGestaltungsidee

Tab. 8: Komponenten des Musters Gestalten (ergänzt)

Bei der systematischen Erfassung stilistischer Wie-Wozu-Relationen kann insbesondere die pragmatischePragmatik/pragmatisch Stilistik, die GestaltungsakteGestaltungsakt und Gestaltungsweisen in den Kontext textkommunikativen Handelns stellt, einige Ergebnisse vorweisen (vgl. Sandig 1986: Kap. 2; dies. 2006: Kap. 1; auch Hoffmann 1987a). GestaltungsmotiveGestaltungsmotiv, die dem Stil von pragmatischen Texten zugrunde liegen, können jedoch nicht ohne weiteres auf poetischePoetizität/poetisch Texte übertragen werden. In der poetischen Textkommunikation gelten auch in gestaltungsmotivischer Hinsicht andere Regularitäten (Näheres in 2.5.3f.). Dies wird von der pragmatischen Stilistik gemeinhin ausgeblendet.

Die folgenden Abschnitte haben zum Ziel, eine Reihe von GestaltungsmotivenGestaltungsmotiv anhand von Beispielanalysen zu beschreiben. Zunächst wird die gestaltungsmotivische Seite von pragmatischenPragmatik/pragmatisch Texten beleuchtet.

2.5.2 GestaltungsmotiveGestaltungsmotiv in der pragmatischenPragmatik/pragmatisch Textkommunikation

In der pragmatischenPragmatik/pragmatisch Textkommunikation leitet sich ein generelles GestaltungsmotivGestaltungsmotiv aus dem SituationskontextSituationskontext eines Textes ab. Stil – so hatten wir festgestellt (siehe 2.4.1) – kann an situative Kontexte angepasst, auf sie zugeschnitten werden. Und das heißt auch: Stil kann sich den Kommunikationsteilnehmern anpassen, auf sie zugeschnitten werden, die mit ihrer Kommunikationspartnerschaft zugleich einen Situationsrahmen konstituieren. Neben diesem generellen Gestaltungsmotiv gibt es besondere Motive, je nachdem, ob der Stil auf den Textproduzenten, den Textrezipienten (bzw. Adressaten) oder die Beziehung zwischen Textproduzent und Textrezipient (Adressat) zugeschnitten wird.

2.5.2.1 SelbstpräsentationSelbstpräsentation des Textproduzenten: RollengestaltungRollengestaltung, ImagepflegeImagepflege, IndividualitätsbekundungIndividualitätsbekundung

Bei der SelbstpräsentationSelbstpräsentation des Textproduzenten lassen sich verschiedene Aspekte unterscheiden. Vordergründig kann die soziale bzw. kommunikative Rolle werden, die der Textproduzent einnimmt bzw. einzunehmen hat, aber auch dessen Selbstbild (Image) und nicht zuletzt dessen Individualität.

a) RollengestaltungRollengestaltung

Die Frage lautet: In welcher sozialen bzw. kommunikativen Rolle präsentiert sich der Textproduzent, und wie wird die jeweilige Rolle durch den Stil angezeigt? In der institutionellen Kommunikation z.B. ist es üblich, dass der Textproduzent seinen vollständigen Namen nennt und seinen Amtstitel hinzufügt. Als Beispiel: Manfred Stolpe / Ministerpräsident (Text 14). Allein durch diese Verfahren wird ein amtlicher Stil hergestellt. Der Textproduzent präsentiert sich als Amtsperson (und nicht als Privatperson). Ein weiteres Verfahren zum Erzeugen von AmtlichkeitAmtlichkeit besteht darin, dass Personennamen durch die Namen von Institutionen ersetzt werden. Als Beispiel: Finanzamt Marburg-Biedenkopf (Text 19). Der Textproduzent präsentiert sich als Institution (und nicht als Einzelperson).

RollengestaltungRollengestaltung ist für alle rituellen Zeremonien (Gottesdienst, Staatsbesuch, Amtseinführung u.a.) von großer BedeutungSemantik/semantisch. Die Teilnehmer sind verpflichtet, streng entsprechend den ihnen zugewiesenen Rollen zu agieren. Sie greifen dabei auch auf Muster ritueller TextsortenTextsorte (Gebet, Tischrede, Amtseid u.a.) zurück. Amtseid-Leistende in Deutschland (Bundespräsident, Bundeskanzler, Bundesminister) werden ihrer Rolle bei der Durchführung der TexthandlungTexthandlung SCHWÖRENSCHWÖREN nur dann gerecht, wenn sie die vorgeschriebene EidesformelEidesformel (siehe Text 21) unverändert nachsprechen, dabei die vorgeschriebenen Gesten beachten (Heben der rechten Hand, Emporstrecken zweier Finger) und bei der sprecherischen Umsetzung einen ernsten und möglichst feierlichen Ton anschlagen. Zum Muster der Textsorte gehört also zum einen, dass der gesamte Text vorformuliert (gebrauchsfertig) zur Verfügung steht und auf einen formelhaftFormelhaftigkeit/Formelhaft-Machen-rituellen StilStilritueller festgelegt ist, zum anderen, dass GestikGestik und ProsodieProsodie/prosodisch am GestaltungsaktGestaltungsakt des Ritualisierens teilhaben. Trotz des Personalpronomens ich am Anfang der Eidesformel (Ich schwöre …) wird ein entindividualisierter Stil produziert, da der Textproduzent seine Individualität völlig zurückstellen muss. Eine Wahlmöglichkeit gibt es nur bei der BeteuerungsformelBeteuerungsformel So wahr mir Gott helfe. am Textende. Sie kann hinzugefügtHinzufügen oder weggelassen werden. Wird sie hinzugefügt, wird damit zugleich ein religiöses Bekenntnis abgelegt.

Ich schwöre, daß ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.

Beispieltext 21 : Amtseid

Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Art. 56.

b) ImagepflegeImagepflege

Bei diesem GestaltungsmotivGestaltungsmotiv lohnt sich zunächst ein Blick auf Texte der kommerziellen Werbung. In dem Bestreben, auf dem Markt mit einem eigenständigen Profil präsent zu sein, fällt dem Stil u.a. die Aufgabe zu, ein positives Image des Anbieters zu vermitteln – erkennbar an Gestaltungsweisen, durch die besondere, auch spezifische Vorzüge des Anbieters (Exklusivität, Kompetenz, ProfessionalitätProfessionalität, Tradition, Ehrlichkeit) hervortreten. Wir gehen darauf im Abschnitt 3.3.2 näher ein.

ImagepflegeImagepflege kann auch zum Gestaltungsmotiv in Stellenanzeigen werden (siehe Text 22):


Beispieltext 22 : Stellenanzeige

Der Vergleich mit dem Stil von Beispieltext 1 lässt auf den ersten Blick erkennen, dass es dem Textproduzenten nicht auf RezeptionsbeschleunigungRezeptionsbeschleunigung (und auch nicht auf Kostenersparnis) ankommt. Die Sätze sind ausgeformt, mit bewertendem Wortschatz, auch in Form von Aufzählungsgliedern gefüllt und variationsreich strukturiert. Die Ausformung und Komplexität der Sätze verweist auf das Gegenstück zum GestaltungsprinzipGestaltungsprinzip KnappheitKnappheit, und das ist stilistische BreiteBreite.

Mit dem VariierenVariieren von Satzstrukturen wird das GestaltungsprinzipGestaltungsprinzip AbwechslungAbwechslung realisiert. Wir registrieren

 verschiedene Satzformen: einfache Sätze (Unser Klient ist Gründer und Vorstand eines bedeutenden Unternehmens in Norddeutschland.), zusammengezogene Sätze (Durch ihre Freude an Betreuung, Erziehung und Fürsorge tragen Sie wesentlich zur Entlastung der Mutter bei und steuern den Tagesablauf selbständig.) und zusammengesetzte Sätze (Englische und französische Sprachkenntnisse wären vorteilhaft, da Sie die Familie im Urlaub zu nicht alltäglichen Reisezielen begleiten.);

 verschiedene VorfeldbesetzungVorfeldbesetzungen: die Besetzung des Vorfelds durch das Subjekt des Satzes (unser Klient), auch in pronominaler Form (Sie), durch ein Akkusativobjekt (Ihre aussagefähigen Bewerbungsunterlagen senden Sie …), einen infiniten Prädikatsteil (Unterstützt werden Sie …) oder eine Adverbialbestimmung (Durch Ihre Freude an Betreuung, Erziehung und Fürsorge tragen Sie …);

 verschiedene Konstruktionen hypotaktischerHypotaxe/hypotaktisch Satzbildung: Nebensätze (da Sie die Familie zu nicht alltäglichen Reisezielen begleiten) und eine Partizipialkonstruktion anstelle eines Nebensatzes (bedingt durch häufige Auslandsaufenthalte des Unternehmerehepaares statt was durch häufige Auslandsaufenthalte des Unternehmerehepaares bedingt ist).

Mit der lexikalischen Füllung der Sätze wird ein anderes GestaltungsprinzipGestaltungsprinzip realisiert. Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf den bewertenden Wortschatz und bemerken, dass hier prononciert sozial abgehoben formuliert worden ist. Mit Beiwörtern wie bedeutend (bedeutendes Unternehmen), nicht alltäglich (nicht alltägliche Reiseziele) und repräsentativ (repräsentativer Haushalt) gibt sich der Textproduzent als Vertreter der Oberschicht zu erkennen. Das Anforderungsprofil der zu besetzenden Stelle Erzieherin ist darauf ausgerichtet, der Etikette dieser sozialen Schicht zu entsprechen. Bei der Beschreibung des Stellenprofils erweisen sich Adjektive in attributiver oder prädikativer Position als SchlüsselwörterSchlüsselwort: eine aufgeschlossene, seriöse Dame mit gepflegter äußerer Erscheinung; ein hohes persönliches Niveau und ein sicheres Auftreten; unabhängig und kultiviert. Die attributiven Adjektive sind keine schmückenden Beiwörter (EpithetonEpitheta); sie sind nicht dekorativ hinzugefügt; sie sind oberschichtgemäß ausgewähltAuswählen und aneinandergereiht. Als Gestaltungsprinzip können wir DistinguiertheitDistinguiertheit (VornehmheitVornehmheitDistinguiertheit) notieren. Insgesamt gesehen weist der Text eine gewählte (elaborierte) Ausdrucksweise auf. Syntaktische AbwechslungAbwechslung und lexikalische Distinguiertheit sind Indikatoren von ElaboriertheitElaboriertheit.

Zur ImagepflegeImagepflege als GestaltungsmotivGestaltungsmotiv gehört noch einiges mehr. Erwähnt sei noch, dass man sich sprachmedial als gebildet, belesen und bildmedial als sportlich, muskulös, durchtrainiert präsentieren und damit das eigene Image aufwerten kann.

c) IndividualitätsbekundungIndividualitätsbekundung

IndividualitätsbekundungenIndividualitätsbekundung (als stilistisches Wozu) stehen mit dem GestaltungsaktGestaltungsakt des Originalisierens (als stilistischem Wie) in einem unmittelbaren Zusammenhang. Man erkennt diesen Gestaltungsakt i.d.R. an der Realisierung einer GestaltungsideeGestaltungsidee. So können wir auch Kontaktanzeigen OriginalitätOriginalität bescheinigen, wenn sie – wie in Text 3 – eine partnerschaftliche Beziehung als Segelschifffahrt erscheinen lassen oder wenn sie – wie in Text 4 – Partnersuche in Märchenform kommunizieren. Zur Realisierung dieser Gestaltungsideen werden – wie wir gesehen haben – AnspielungenAllusion auf andere Texte gemacht und Muster gemischt. Um auf eine Gestaltungsidee zu kommen, bedarf es der Inspiration, eines schöpferischen Impulses. Man kann sich beispielsweise von anderen Texten inspirieren lassen, um den eigenen Text zu originalisieren. Man kann sich aber auch vom Stil eines anderen Textes inspirieren lassen, wie das folgende Beispiel zeigt.

Komm auf den Punkt!

Neue Bandwurmsätze von Javier Marías – eine Romanbesprechung im Stile des Autors

von tobias lehmkuhl

Nicht allzu lang ist es her, dass ich diese Geschichte las – weniger lang als ein Wochenende gewöhnlich dauert, und wie gering ist ein Wochenende, wenn es vorüber ist, sich in ein paar Sätzen erzählen lässt und im Gedächtnis nur noch Asche bleibt, die sich beim kleinsten Beben löst, davonfliegt beim geringsten Windstoß –, und doch wäre es heute unmöglich, diese Geschichte wirklich präzise wiederzugeben, und damit ist nicht gemeint, was den beiden, Eduardo Muriel und seiner Frau Beatriz Noguera, als jungen Menschen geschehen war, und nicht so sehr das – obwohl auch das – was mit ihnen geschah, als der Erzähler dieser Geschichte ein junger Mann und ihre Ehe ein unauflösliches Unglück war.

Dabei hat es solche Figuren wohl immer gegeben, sie sterben nicht aus, es wird sie weiter geben, bestimmte Figuren wandeln sich nie, ob in der Wirklichkeit oder in der Fiktion, ihrer Zwillingsschwester, sie wiederholen sich im Laufe der Jahrhunderte, als mangelte es beiden Sphären an Fantasie oder als wäre es unausweichlich, ja man könnte meinen, wir erfreuten uns an einem einzigen Schauspiel, einer einzigen fortlaufenden Erzählung, wie kleine Kinder, mit unendlichen Varianten, in altmodischem oder modernem Kostüm, aber im Grunde immer die gleiche Geschichte. Das gilt auch für die Romane von Javier Marías, der eine Vorliebe für den Klang bestimmter Namen hat, für Jaime Deza oder Juan de Vere, junge Männer noch oder doch schon Männer im besten Alter, die in seinen Fiktionen die seltsam undurchsichtigen Erzählinstanzen darstellen. Dabei sind diese Fiktionen vielleicht gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, sondern Geschichten, die er sich vielmehr selbst erzählt, Geschichten, die er erzählen muss, um in dieser Welt existieren zu können, Geschichten, die aus ihm herausströmen wie der Atem und die es ihm, der ein tiefer Melancholiker ist, erträglich machen zu leben. […]

Beispieltext 23 : Literaturkritik (Textanfang)

Süddeutsche Zeitung, 02.-04.10.2015, 22.

Die GestaltungsideeGestaltungsidee muss in diesem Text nicht entdeckt werden, sie wird im Titelgefüge des Textes verraten. Unter der Schlagzeile (Komm auf den Punkt!) ist Folgendes zu lesen: Neue BandwurmsätzeBandwurmsatz von Javier Marías – eine Romanbesprechung im Stile des Autors. Die Gestaltungsidee besteht also darin, den Stil des zu besprechenden Romans in der Besprechung zu imitieren, eine ÄhnlichkeitsbeziehungÄhnlichkeitsbeziehung zwischen beiden Stilen herzustellen, und zwar durch das Konstruieren von Bandwurmsätzen. Das sind im vorliegenden Fall nicht einfach lange Sätze, sondern extrem lange, überlange Sätze. Allein der erste Satz der Kritik umfasst 109 Wörter. In der Stilistik spricht man jedoch nicht von Bandwurmsätzen, sondern von Satzperioden, d.h. mehrfach zusammengesetzten Sätzen. Die Häufung von Wörtern und die Mehrfachzusammensetzung von Sätzen sind noch keine ausreichenden Merkmale des PeriodenstilsPeriodenstil. Kennzeichnend für diesen Stil ist ein syntaktisches Merkmalsbündel:

 die Kombination von parataktischerParataxe/parataktisch und hypotaktischerHypotaxe/hypotaktisch Teilsatzverknüpfung;

 der fortwährende Wechsel von ParataxeParataxe/parataktisch und HypotaxeHypotaxe/hypotaktisch;

 die mehrstufige Subordination von Nebensätzen und satzwertigen Konstruktionen;

 das Anhängen weiterführender Nebensätze;

 die Erweiterung von Teilsätzen durch AufzählungenAufzählen;

 die Unterbrechung von Satzkonstruktionen durch ParenthesenParenthese u.a.m.

Dem Leser wird abverlangt, auf den Stufen der Periode ständig auf- und niederzusteigen (vgl. Schneider 1959: 455). Originell ist nicht der Stil des besprochenen Romans („So fängt das Schlimme an“), denn im PeriodenstilPeriodenstil haben auch schon Johann Wolfgang Goethe, Heinrich von Kleist und viele andere geschrieben, der Stil der Besprechung hingegen ist es schon. Der Textproduzent weicht dezidiert von der kommunikativen NormalformNormalform einer Literaturkritik ab, sodass es dem Leser schwerfällt, die beurteilenden Elemente des Textes herauszufiltern und sich selbst ein Urteil zu bilden.

2.5.2.2 BeziehungsgestaltungBeziehungsgestaltung zwischen Textproduzent und Textrezipient: Nähe vs. Distanz

GestaltungsakteGestaltungsakt können gestaltungsmotivisch darauf spezialisiert sein, dem kommunikativen Kontakt zwischen Textproduzent und Textrezipient (bzw. Adressat) ein soziales Gepräge zu geben. Die Arten der BeziehungsgestaltungBeziehungsgestaltung lassen sich grob danach unterscheiden, ob sie soziale Nähe oder soziale Distanz hervorbringen. GestaltungsprinzipienGestaltungsprinzip, die zu sozialer Nähe passen, sind FreundlichkeitFreundlichkeit (charmante HöflichkeitHöflichkeit), LässigkeitLässigkeit, FamiliaritätFamiliarität und IntimitätIntimität. Soziale Distanz wird hervorgebracht durch FörmlichkeitFörmlichkeit (formelle Höflichkeit), EhrerbietigkeitEhrerbietigkeit (intensivierte formelle Höflichkeit), aber auch durch Unfreundlichkeit, Unhöflichkeit und AggressivitätAggressivität. Daneben gibt es die Möglichkeit, die Art der Beziehung offenzulassen, d.h. auf einen neutralen Stil auszuweichen. Im Rahmen von TexthandlungenTexthandlung (wie DANKENDANKEN, GRATULIERENGRATULIEREN, BEGRÜSSENBEGRÜSSEN) und Textgattungen (Briefen, Reden aller Art) ist die Wahl der Anrede eine beziehungsgestaltende stilistische Entscheidung. Betrachten wir dazu zwei Beispiele.

a) FamiliaritätFamiliarität und FörmlichkeitFörmlichkeit

Im politischen Werbebrief von Manfred Stolpe (Text 14) finden wir in einer graphisch und typographischTypographie/typographisch vom Textkern abgesetzten Zeile die handschriftlich stilisierte Anrede Liebe Brandenburgerinnen! Liebe Brandenburger! Rollengestaltend – so war festzustellen – wird im Briefkopf ein offizieller Stil hergestellt, in der Anredezeile ist es beziehungsgestaltend ein familiärer Stil. Im Textkern werden die Adressaten des Briefes einheitlich gesieztSiezen – Kennzeichen eines förmlichen Stils. Der Text ist ein Beispiel dafür, dass Stile gemischt werden können, ohne dass ein StilbruchStilbruch die Folge ist.

b) EhrerbietigkeitEhrerbietigkeit

AnredeformelnAnredeformel stehen in reichlicher Zahl zur Verfügung. Das nächste Beispiel zeigt, dass sie auch miteinander kombinierbar sind. Vicco von Bülow (Künstlername: Loriot) begann eine Dankesrede (veröffentlicht in „Forschung & Lehre“, Nr. 10/2001) mit folgenden Worten: Hochverehrte Magnifizenz, sehr verehrte Spektabilitäten, Professoren und Dozenten, meine verehrten Damen und Herren … Die Anrede des Publikums weist verschiedene Formen zum Erzeugen von EhrerbietigkeitEhrerbietigkeit (Verehrungswürdigkeit) auf. Die Aufzählungsglieder sind dennoch semantischSemantik/semantisch ungleichwertig. Ehrerbietigkeit wird von oben nach unten abgestuftGradieren (hochverehrt – sehr verehrt – verehrt) – m.a.W.: Bei der Anrede wird die StilfigurStilfigur AntiklimaxAntiklimax (siehe 3.1.4) realisiert. Die Anredesequenz ist auf den Redeanlass abgestimmt: die Verleihung der Ehrendoktorwürde durch den Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal am 22. Juni 2001. Es entspricht dem kommunikativen Usus bei offiziellen Anlässen im Hochschulbereich, den Rektor der Hochschule mit seinem Titel Magnifizenz, die Dekane mit ihrem Titel Spektabilität anzureden.

Beziehungsgestaltende Akte können für einen Stilwechsel genutzt werden, um damit verschiedene Adressatenkreise zu erreichen. Das zeigt unser nächstes Beispiel (Text 24).

c) NeutralitätNeutralität und FörmlichkeitFörmlichkeit


Beispieltext 24 : Bekanntmachung

Aushang im Schalterbereich der Mittelbrandenburgischen Sparkasse in Potsdam

Der zu betrachtende Text ist zweiteilig. Beide Teile unterscheiden sich thematisch, funktional und stilistisch gravierend voneinander, sodass die Frage berechtigt ist, ob es sich nicht eigentlich um zwei Texte handelt. Andererseits kann es kein Zufall sein, dass beide Teile eine visuelle Einheit bilden. Sie sollen offensichtlich aufeinander bezogen rezipiert werden. Und es stellt sich denn auch heraus, dass sich beide Teile argumentativ-begründend stützen.

Der kommunikative Wechsel, der sich von Teiltext 1 zu Teiltext 2 vollzieht, ist im Wechsel des Adressatenkreises begründet. Teiltext 1 wendet sich an (potentielle) Bankräuber, Teiltext 2 an die Kunden der Sparkasse. Damit einher geht ein Wechsel beziehungsgestaltender Prinzipien. Das Prinzip NeutralitätNeutralität wird abgelöst vom Prinzip FörmlichkeitFörmlichkeit, d.h. von formeller HöflichkeitHöflichkeit. Der Stil von Teiltext 2 bestätigt, dass es sprachliche Formen von Höflichkeit auf drei Ebenen gibt (vgl. Lüger 2002: 8):

Ebene 1: höfliches Formulieren von TexthandlungenTexthandlung (bei Lüger: Sprachhandlungen). Die Texthandlung ANREDENANREDEN wurde mit einer formell-höflichen AnredeformelAnredeformel ausgestattet: Sehr geehrte Kunden! Für die Texthandlung BITTENBITTEN wurde das GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren SiezenSiezen gewählt: Wir bitten Sie daher …

Ebene 2: das Vorkommen höflicher TexthandlungenTexthandlung. An die Stelle der Texthandlung AUFFORDERNAUFFORDERN (etwa mittels einer modalen Infinitivkonstruktion: Auszahlungen ab 5.000 Euro sind einen Tag vorher anzumelden.) wurde die Texthandlung BITTENBITTEN gesetzt. Auch das Vorkommen der Texthandlung ANREDENANREDEN ist – vergleicht man es mit der Null-Anrede in Teiltext 1 – ein Ausdruck von HöflichkeitHöflichkeit.

Ebene 3: die Verknüpfung höflicher TexthandlungenTexthandlung zu einer Sequenz. Wir stellen fest: Die Texthandlungen BITTENBITTEN und DANKENDANKEN (siehe DankesformelDankesformel Vielen Dank.) wurden miteinander verknüpft.

Die Analyse zu Ebene 1 verdeutlicht noch etwas anderes: Anreden lassen sich erstens als eine selbständige TexthandlungTexthandlung begreifen, die wie die meisten Texthandlungen stilistisch variabel durchführbar ist, wobei immer eine AnredeformelAnredeformel (ein Anredenominativ) gewählt werden muss. Anreden können zweitens in Texthandlungen integriert sein. Dabei wird zwischen den beiden GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren SiezenSiezen und DuzenDuzen gewählt. Zum Einsatz kommen die entsprechenden Anredepronomina.

Mit diesen Einsichten ausgerüstet, müssen wir die fehlende Beziehungsarbeit in Teiltext 1 als ein Ausweichen auf einen neutralen Stil interpretieren. Wie sollten (potentielle) Bank- bzw. Sparkassenräuber auch angeredet werden? Worum sollten sie gebeten, wofür sollte ihnen gedankt werden? Alternativ hätte man die mit der Äußerung ÜBERFALL ZWECKLOS vollzogene TexthandlungTexthandlung ABRATENABRATEN (‚von einem Überfall‘) auch so formulieren können: Wir raten Ihnen von einem Überfall ab. Ein Überfall ist zwecklos, da unsere Mitarbeiter keinen Einfluss auf die Abkürzung der eingestellten Sperrzeit haben. Doch hinter der typographischTypographie/typographisch hervorgehobenen elliptischen Äußerung ÜBERFALL ZWECKLOS, den beiden Piktogrammen zur Illustration von installierter Sicherheitstechnik und dem in einem Balken untergebrachten NennsatzNennsatz (satzwertigen Nominativ) zeitschlossgesicherte Geldbestände stehen GestaltungsmotiveGestaltungsmotiv, die wichtiger sind als BeziehungsgestaltungBeziehungsgestaltung: AufmerksamkeitslenkungAufmerksamkeitslenkung und RezeptionsbeschleunigungRezeptionsbeschleunigung.

d) AggressivitätAggressivität

Für diese Art der BeziehungsgestaltungBeziehungsgestaltung stehen sprachliche, prosodischeProsodie/prosodisch, gestische u.a. Mittel zur Verfügung: SchimpfwörterSchimpfwort (Bullenschwein!), vulgärsprachliche PhraseologismenPhraseologismus (in Äußerungen wie Halt die Fresse! oder Fick dich ins Knie!), extrem lautes Sprechen (Brüllen, Schreien). Beispiele für aggressive Gesten sind /jdm. den Stinkefinger zeigen/ und /jdn. mit einer Waffe bedrohen/. Diese Mittel werden bevorzugt in Gesprächssituationen eingesetzt, die aggressiven Äußerungen werden i.d.R. an den Gesprächspartner adressiert. Uns interessiert, wie sich AggressivitätAggressivität in Texten manifestiert. Untersuchenswert sind diesbezüglich Protestplakate, Beschwerdebriefe, aber auch Leserbriefe.

„Missbrauch an Schulen / Gefährlich nah“ von Lorenz Maroldt vom 16. März und „Nähe ist ein Lebensmittel, kein Missbrauch“ von Adolf Muschg vom 15. März

Mein Brief ist Ausdruck von dankender Zustimmung zu Lorenz Maroldt und Ausdruck von Beschämung angesichts des Muschg-Textes, einem wortgewaltigen intellektuellen Murks, der Opfer verhöhnt, Täter und vermeintliche Täter in ihrem „reformpädagogischen“ Handeln zeit-geistig legitimiert und mögliche Kritiker seiner abstrusen Gedanken vorsichtshalber schon mal der „flächendeckenden Heuchelei“ bezichtigt. Kaum, dass Opfer nach Jahren durchlebter Verstörung sprechen, meinen Sie, Herr Muschg, „die andere Seite“ rechtfertigen zu müssen. Sie leihen ihr Ihre Eloquenz, als würde sie es nötig haben, in ihrem Schweigen oder in ihren formalisierten Entschuldigungsritualen in Schutz genommen zu werden. Sie sprechen von Pranger und Hexengericht und sittenrichterlicher Heiligkeit …, was für ein Irrtum. Ich bedauere es, ich mag es nicht, dass gerade Sie es sind, Herr Muschg, der ihm erliegt.

Beispieltext 25 : Leserbrief

tagesspiegel.de (21.03.2010, 23.30 Uhr).

AggressivitätAggressivität ist in Gesprächen wie in Texten als eine Erscheinungsform von emotionsgeladener Kritik am Kommunikationspartner oder an anderen Personen anzusehen. Aggressive Leserbriefe können sich gegen alle richten, deren Denk- oder Handlungsweise vom Leserbriefschreiber als empörend angesehen wird, darunter gegen die Redaktion einer Zeitung bzw. Zeitschrift oder gegen einzelne Journalisten bzw. Publizisten, deren Äußerungen oder Texte medienöffentlich bekannt wurden.

Der GestaltungsaktGestaltungsakt des aggressiven EmotionalisierensEmotionalität/Emotionalisieren ist im Beispieltext an folgenden GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren und -mitteln identifizierbar:

AbqualifizierenAbqualifizieren des intellektuellen Niveaus: Dem Adressaten, dem Schweizer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Adolf Muschg, wird vom Leserbriefschreiber zum Thema ‚Sexueller Missbrauch an Schulen‘ jegliches intellektuelle Niveau in Abrede gestellt. Indikatoren sind die pejorativen (abwertenden) Wortverbindungen intellektueller Murks und abstruse Gedanken. Indikator ist auch der AusrufesatzAusrufesatz was für ein Irrtum.

AbqualifizierenAbqualifizieren des ethisch-moralischen Denkens: Dem Adressaten wird vorgeworfen, in ethisch-moralischer Hinsicht versagt zu haben, da er Opfer verhöhnt und Täter legitimiert. Die antithetischAntithese angeordnetenAnordnen Wortverbindungen verweisen auf eine „verkehrte Weltsicht“, die dem Adressaten als persönliche Fehlleistung zugeschrieben wird. Dazu passen in gewisser Weise auch irreale Vergleichssätze: als würde sie es nötig haben, in Schutz genommen zu werden.

Ausdrücken negativer Gefühle im Verhältnis zwischen Leserbriefschreiber und Adressat: Indikatoren im Text sind die GefühlswörterGefühlswort Beschämung und bedauern.

Aussparen familiärer oder formeller Zusätze in der Anrede des Adressaten: Es heißt lediglich zweimal Sie, Herr Muschg, nicht aber lieber Herr Muschg oder sehr geehrter Herr Muschg. Aggressiver Stil setzt HöflichkeitHöflichkeit außer Kraft oder reduziert sie – wie im vorliegenden Fall – auf ein Minimum.

2.5.2.3 Rezeptions- und ErkenntniserleichterungErkenntniserleichterung: Vereinfachung, DidaktisierungDidaktisierung und anderes

a) RezeptionserleichterungRezeptionserleichterung

Wenn wir GestaltungsprinzipienGestaltungsprinzip daraufhin befragen, inwiefern sie als rezeptionserleichternde Prinzipien interpretierbar sind, dann kommen sicher die folgenden in Betracht: AnschaulichkeitAnschaulichkeit, ÜbersichtlichkeitÜbersichtlichkeit, KlarheitKlarheit und (visuelle) GegliedertheitGegliedertheit, aber auch HervorhebungFokussieren, EingängigkeitEingängigkeit und EinfachheitEinfachheit. Zu den drei letztgenannten Prinzipien wollen wir einige erläuternde Bemerkungen machen.

HervorhebungFokussieren: Als GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren des Hervorhebens stehen graphische und typographischTypographie/typographische Formatierungsverfahren (AnordnenAnordnen auf einer separaten Zeile, ZentrierenZentrieren, VergrößernVergrößern und FettenFetten der Schrift) zur Verfügung. In Stellenanzeigen (siehe Texte 1 u. 22) wird auf diese Weise die Stellenbezeichnung hervorgehoben, um für Stellensuchende schnell ersichtlich werden zu lassen, ob die Anzeige für sie relevant ist oder nicht, d.h., die Rezeption wird erleichtert, indem das Erfassen relevanter Informationen beschleunigt wird. RezeptionserleichterungRezeptionserleichterung hat eine zeitliche Dimension.

EingängigkeitEingängigkeit: RezeptionsbeschleunigungRezeptionsbeschleunigung der etwas anderen Art kann man ClustertextenClustertext bescheinigen (siehe Text 20). Wir hatten am Beispiel eines Medienberichts erfahren, wie das Selektionsangebot für den Rezipienten, das durch eine Clusterpräsentation möglich wird, aussehen kann, und waren u.a. auf eine interviewähnliche Frage-Antwort-Struktur gestoßen, die durch das GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren DialogisierenDialogisieren entsteht. Dieses Verfahren ordnet sich dem GestaltungsprinzipGestaltungsprinzip Eingängigkeit zu, worunter v.a. leichte Lesbarkeit zu verstehen ist. RezeptionserleichterungRezeptionserleichterung hat somit auch eine kognitive Dimension.

EinfachheitEinfachheit: EingängigkeitEingängigkeit berührt sich mit Einfachheit, ist aber – wie die sprachlichen Clustereinheiten mit ihren komplex gebauten Sätzen zu erkennen geben – nicht mit Einfachheit identisch. Der GestaltungsaktGestaltungsakt des Vereinfachens (Simplifizierens) prägt z.B. „Meldungen in einfacher Sprache“ (wie im Videotext-Service des Fernsehsenders ARD), er prägt populärwissenschaftliche Texte ebenso wie speziell für Kinder gestaltete Seiten in einigen großen Tageszeitungen. Zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2015 veröffentlichte die „Süddeutsche Zeitung“ auf ihren Kinderseiten eine Chronik unter dem Titel „Freiheit! Warum der 3. Oktober ein Grund zum Feiern ist“. Wir wählen einen der Teiltexte aus und untersuchen an ihm Merkmale eines einfachen Stils.

Über Ungarn

Im Jahr 1989 änderte sich die Lage. Erstens: Die Regierung der Sowjetunion war nicht mehr so streng zu ihren verbündeten Ländern. Zweitens: In der DDR waren sehr viele Menschen unzufrieden, viele wollten das Land verlassen. So war es auch in anderen Ländern, die unter Aufsicht der Sowjetunion standen – zum Beispiel in Ungarn. Als dort die Alarmsysteme an der Grenze veraltet und kaputt waren, wurden sie nicht ausgewechselt. Die ungarische Regierung fand, dass Einsperren keine Lösung mehr war für die Probleme des Landes. Im Sommer fuhren mehr als 25000 DDR-Bürger nach Ungarn (mit einer Urlaubserlaubnis durften sie das) und flohen über die Grenze nach Österreich.

Beispieltext 26 : Chronik für Kinder (Auszug)

Süddeutsche Zeitung, 02.-04.10.2015 (Sonderseiten)

Einfacher Stil ist erstens erkennbar an syntaktischen Reduktionen in Form von einfachen und einfach zusammengesetzten Sätzen (Satzgefügen, Satzverbindungen). Ein Richtwert, auf die Satzlänge bezogen, besagt, dass die syntaktischen Konstruktionen höchstens 20 Wörter umfassen dürfen (vgl. Sowinski 1999: 90). Im Beispieltext weist nur der letzte Satz mit 22 Wörtern eine geringfügige Überschreitung dieses Richtwerts auf.

Nun können auch in kurzen Sätzen extrem lange Wörter vorkommen, was dem Prinzip EinfachheitEinfachheit zuwiderlaufen würde. Einfacher Stil ist deshalb zweitens erkennbar an lexikalischen Reduktionen in Form von Simplizia (SimplexSimplex = einfaches, nicht zusammengesetztes oder abgeleitetes Wort) und einfachen Komposita (Kompositum = zusammengesetztes Wort). Belege für Simplizia sind u.a. Jahr, streng und Land; Belege für einfache Komposita sind Alarmsystem und Urlaubserlaubnis.

Einfacher Stil ist an einem weiteren, dritten Merkmal zu messen: an der Verwendung alltagssprachlicher Lexik. Ein einfacher, kindgemäßer Stil – nicht zu verwechseln mit einem kindlichen Stil – erfordert es beispieltextbezogen, die Sprache der PolitikSprachepolitische in AlltagsspracheAlltagssprache zu überführen, d.h. die Wörter durchgängig mit der Lebenswelt bzw. dem Horizont von Kindern zu verknüpfen. Wir konfrontieren die Textbelege hierzu mit ihren Äquivalenten in der Sprache der PolitikSprachepolitische (siehe Tab. 9).


AlltagsspracheAlltagssprache (Textbelege)Äquivalente in der Sprache der PolitikSprachepolitische
nicht mehr so streng seineine liberalere Politik betreiben
unzufrieden seindem System kritisch gegenüberstehen / in Opposition zum System stehen
unter Aufsicht der Sowjetunion stehenunter der Vorherrschaft der Sowjetunion stehen
EinsperrenVerweigerung von Reisefreiheit

Tab. 9: AlltagsspracheAlltagssprache und Sprache der PolitikSprachepolitische im Vergleich

Einfacher Stil birgt in einer Chronik die Gefahr in sich, dass die GenauigkeitGenauigkeit bei der Wiedergabe historischer Fakten verloren geht. Auch die Logik kann „auf der Strecke bleiben“. Im Beispieltext kollidiert das alltagssprachliche Wort Einsperren mit der Mitteilung, dass mehr als 25.000 DDR-Bürger nach Ungarn gereist sind, um Urlaub zu machen. Das Wort Urlaubserlaubnis, im Text zu verstehen als Bedingung für eine Auslandsreise (mit einer Urlaubserlaubnis durften sie das), ist eine Erfindung des Textproduzenten, der damit offenbar die Unlogik in seinem Wortlaut abmildern wollte.

b) ErkenntniserleichterungErkenntniserleichterung

Von ErkenntniserleichterungErkenntniserleichterung ist immer dann zu sprechen, wenn RezeptionserleichterungRezeptionserleichterung mit einem didaktischen Anspruch verbunden wird. Erwartbar ist ein solcher Stil in Lehr- und Studienbüchern aller Art. Wir wählen als Textbeispiele zwei Auszüge aus einem Hochschullehrbuch aus (siehe Texte 27a und 27b) und untersuchen, welche erkenntniserleichternden GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren und -mittel zum Einsatz gekommen sind.


Beispieltext 27 a: Lehrbuchtext (Auszug 1 )

Matthias Granzow-Emden: Deutsche Grammatik verstehen und unterrichten. Tübingen 2013: Narr, 30.

Im ersten Auszug aus dem Lehrbuch (Text 27a) geht es darum, die Wertigkeit (Valenz) von Verben zu erklären, um Verbergänzungen von freien Angaben unterscheidbar zu machen. Bildmedial ist eine Graphik hinzugefügtHinzufügen mit sprachlichen Zeichen (Beispielverben, Ergänzungsgliedern) sowie geometrischen Zeichen (EllipsenEllipse, Linien), um Valenzmuster zu veranschaulichen. Die Schnittstelle zwischen Sprachtext und Graphik bildet der Satz „Vielleicht fragen Sie sich jetzt, weshalb schlafen […] nur als einwertiges Verb erscheint und nur ein Ärmchen ausstreckt (nur die Einheit wer ist seine Ergänzung).“ Der Satz weist ein erkenntniserleichterndes GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren auf: das PersonifizierenPersonifikation/Personifizieren (VermenschlichenVermenschlichen) von unbelebten Erscheinungen (StilfigurStilfigur: Personifikation). Im Beispieltext wird das Verb schlafen personifiziert: Es streckt nur ein Ärmchen aus. Auf die didaktische Bedeutsamkeit des Vermenschlichens weisen bereits Bernhard Asmuth und Luise Berg-Ehlers (1976: 103ff.) hin, wenn auch in einem anderen terminologischen Rahmen. Die Autoren machen außerdem auf Folgendes aufmerksam: „Abstrakte Gegenstände verlangen nach sinnlicherSinnlichkeit Verdeutlichung, besonders gegenüber Adressaten, die es nicht gewohnt sind, abstrakt zu denken.“ (Ebd.: 107) Ein geeignetes Verfahren im Dienste „sinnlicher Verdeutlichung“ ist bildhaftes VergleichenVergleichen, ein geeignetes Mittel der bildhafte VergleichVergleichbildhafter. Bildhafte Vergleiche unterscheiden sich einerseits von SachvergleichenSachvergleich, andererseits von bildlichen Vergleichen. Um den besonderen didaktischen Stellenwert bildhafter Vergleiche ermessen und beschreiben zu können, verschaffen wir uns zunächst einen Überblick über die einzelnen Vergleichsarten und die jeweilige Vergleichsbasis, die als Unterscheidungskriterium dient.


VergleichsartenVergleichsbasisBeispiele
Größe von Gebäuden: Der Fernsehturm in Berlin ist höher als der in Dortmund.
Alter von Menschen: Sie ist ein Jahr jünger als ihr Bruder.
Menge von Menschen: Die Zahl der Arbeitslosen hat sich im Vergleich zum Vormonat leicht verringert.
Verständlichkeit von Texten: Die erste Textfassung ist verständlicher als die zweite.
Redetalent von Menschen: Er ist wie du ein ziemlich guter Redner.
Bildhafter VergleichSehen: Autobahnkreuze haben die Form eines Kleeblatts.
Riechen: Das Parfüm riecht nach Lavendel.
Hören: Das Geräusch hört sich an wie das Zersplittern einer Glasscheibe.
Fühlen: Der Teppich fühlt sich weich an wie das Fell eines Feldhasen.
Schmecken: Die Pastete schmeckt, als hätte man Honig auf der Zunge.
Zwischen verschiedenartigen Vergleichsgliedern wird eine ÄhnlichkeitsbeziehungÄhnlichkeitsbeziehung im Bereich von Sinneswahrnehmungen erfunden (konstruiert). Die dem Vergleich zugrunde liegende Merkmalsübereinstimmung entspringt der Phantasie.Körpergröße eines Menschen – Leuchtturm: Er war nur 1,72 Meter groß – aber in meiner Erinnerung steht Helmut Schmidt da wie ein Leuchtturm.(Potsdamer Neueste Nachrichten, 16.11.2015, 17)
Verbreitung einer Weisung – Trompetenstoß: Die interne Weisung aus dem Bundesamt ging wie ein Trompetenstoß um die Welt.(Ebd., 2)
Hochhäuser – Schiffscontainer: Die drei Türme aus Stahl und Glas wirken wie nachlässig hochkant übereinandergestapelte Schiffscontainer. (Das Magazin, Nr. 9/2015, 72)
Zerstörte Häuser – Ziehharmonika: Die Betonböden einzelner Stockwerke wurden zusammengedrückt wie eine Ziehharmonika.(Der Spiegel, Nr. 46/2015, 106)

Tab. 10: Arten des Vergleichs als GestaltungsmittelGestaltungsmittel

Der besondere didaktische Stellenwert bildhafter VergleichVergleichbildhaftere – das lässt sich der Tabelle entnehmen – erwächst aus der Möglichkeit, zwei verschiedenartige Vergleichsglieder in eine real bestehende ÄhnlichkeitsbeziehungÄhnlichkeitsbeziehung zu bringen, die auf Sinneswahrnehmung beruht. Wenn es auf die Vermittlung von Erkenntnissen ankommt, besteht diese Ähnlichkeitsbeziehung häufig in einer Analogiebeziehung. Es werden nicht schlechthin zwei Erscheinungen gegenübergestellt, sondern Strukturen von Erscheinungen, Form-Funktions-Zusammenhänge o.Ä. Bildhaftes VergleichenVergleichen wird als bildhaftes Analogisieren realisiert. Betrachten wir dazu einen weiteren Auszug aus dem Hochschullehrbuch zur deutschen Grammatik (Text 27b).


Beispieltext 27 b: Lehrbuchtext (Auszug 2 )

Matthias Granzow-Emden, a.a.O., 200.

Der Autor des Lehrbuchs bringt abstrakte syntaktische Einheiten, nämlich Satzstrukturen und Nominalgruppen innerhalb eines Satzes, in eine Analogiebeziehung mit komplexen Gebilden in der Natur (Eiskristallen, Pflanzen). Der VeranschaulichungVeranschaulichen dient die Abbildung eines Farnwedels, eines davon abgelösten Fiederblattes und eines wiederum davon abgelösten Fiederblättchens. Nur der bildhafte VergleichVergleichbildhafter bietet die Möglichkeit, solche real bestehenden Analogien zwischen abstrakten und konkreten Gebilden aufzuzeigen, und Abbildungen haben dabei das größte Anschaulichkeitspotential. Der Rezipient wird quasi zum Augenzeugen. Weitere Vergleiche bildhafter Art werden in besagtem Lehrbuch des Öfteren angestellt, so auch zwischen sprachlichen Einheiten und Gebrauchsgegenständen (wie z.B. Löffeln) im Hinblick auf das Verhältnis von Form und Funktion (S. 45), zwischen einer Grammatik als Modell der Sprache und einem Flugzeugmodell (S. 38), zwischen der Sprache insgesamt und einer x-beliebigen Landschaft (S. 38ff.). Die DidaktisierungDidaktisierung des Lehrbuchs findet nicht zuletzt ihren Ausdruck in einer übersichtlichen TextarchitektonikTextarchitektonik – mit Spalten an den Seitenrändern, in die sowohl Gliederungs- und Abbildungsnummern als auch thematische Kernbegriffe eingetragen sind (siehe die abgebildeten Textauszüge). Dies ist jedoch gestaltungsmotivisch eher als eine rezeptionserleichternde denn eine erkenntniserleichternde Gestaltungsweise interpretierbar.

2.5.2.4 RezipientenbeeinflussungRezipientenbeeinflussung: GestaltungsstrategienGestaltungsstrategie

In diesem Abschnitt werfen wir ein Streiflicht auf persuasives Gestalten bzw. auf Stile in der persuasiven Textkommunikation, bei der auf das Denken, Fühlen und Handeln von Menschen strategisch Einfluss genommen wird. Von der antiken Rhetorik sind Lehrsätze überliefert, wie man wirkungsvoll in der Öffentlichkeit redet, vor allem aber, wie man das Redepublikum so beeinflussen kann, dass das Redeziel erreicht wird. Aber auch in Schrifttexten lassen sich Merkmale persuasiver Kommunikation nachweisen, und längst finden auch Bilder, Farben und Töne als GestaltungsmittelGestaltungsmittel (Persuasorien) Berücksichtigung. PersuasivePersuasion Kommunikation ist strategiegeleitete Kommunikation, denn der Textproduzent befindet sich in einer Problemsituation. Er rechnet mit einer Kommunikationsbarriere dergestalt, dass es zwischen ihm und dem Kommunikationspartner eine Divergenz der Anschauungen (Meinungen), Überzeugungen, Einstellungen, Handlungsdispositionen gibt, die bis zur Kommunikationsverweigerung gehen kann. In diesem SituationskontextSituationskontext werden GestaltungsstrategienGestaltungsstrategie zur Überwindung von Kommunikationsbarrieren entwickelt, d.h. Problemlösungskonzepte erarbeitet, die Lösungsziele (strategische GestaltungsprinzipienGestaltungsprinzip bzw. -ideen) und Lösungswege (strategische GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren und -mittel) enthalten und aufeinander beziehen. Gestaltungsstrategisches wird in den Textstrukturen manifest. Einige unserer bisherigen Beispieltexte sind persuasiv gestaltet. Wir greifen sie nochmals auf, um ihre gestaltungsstrategischen, persuasionsstilistischen Merkmale zu beschreiben.

1. Kommerzielle Werbeanzeigen (Texte 2, 13 u. 15): In Texten der kommerziellen Werbung kommt es aus der Perspektive des Anbieters darauf an, Rezipienten zum Kauf eines Produkts zu bewegen oder zu verführen. Diesem primären Kommunikationsziel ist u.a. die IdealisierungsstrategieIdealisierungsstrategie verpflichtet. Das Produkt und sein Erwerb werden als absolut vollkommen angepriesen. Der Umsetzung dieser Strategie dient u.a. das Auflisten von Vorzügen (siehe Text 2). In anderen Texten wird die VerfremdungsstrategieVerfremdungsstrategie umgesetzt, z.B. durch das VerdeckenVerdecken des Themas, indem man einen kindlichen „Erpresserbrief“ erfindet (siehe Text 13), oder man greift auf die VerblüffungsstrategieVerblüffungsstrategie zurück, bei der an die Stelle des Auflistens von Vorzügen ein anderes Verfahren tritt, z.B. das Herausstellen von scheinbaren Mängeln (siehe Text 15).

2. Politischer Werbebrief (Text 14): In Texten der politischen Werbung wird den Rezipienten ein bestimmtes Wahl- bzw. Abstimmungsverhalten nahegelegt. In unserem Beispieltext wird dazu die EinhämmerungsstrategieEinhämmerungsstrategie verfolgt, die Strategie des massiven Einwirkens auf die Rezipienten, und zwar durch flächendeckendes WiederholenWiederholen des Themas (‚Länderfusion‘) sowie mehrmaliges, figuriertes Wiederholen von ‚Zustimmung‘ (ich bin dafür) und ‚Unstrittigkeit‘ (es ist einfach wahr), kombiniert mit dem Auflisten von positiven Folgen einer Abstimmung mit Ja.

3. Bekanntmachung (Text 24): In diesem zweiteiligen, zuerst an die Adresse von Bankräubern gerichteten Text wird eine andere Strategie verfolgt: die Strategie der Abschreckung. Ein wichtiges strategisches GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren ist dabei das HinzufügenHinzufügen von banktechnischen Piktogrammen und damit das Vor-Augen-Führen von installierter Sicherheitstechnik.

Der nächste Beispieltext (Text 28) offenbart, wie KontrasteKontrast/Kontrastieren zur Umsetzung der AbschreckungsstrategieAbschreckungsstrategie eingesetzt werden.


Beispieltext 28 : Autobahnplakat

http://www.dvr.de/presse/plakate/3737.htm (28.10.2016, 12.41 Uhr).

Die Botschaft des Textes richtet sich an alle, die auf Autobahnen am Lenkrad sitzen, und könnte auch folgenden Wortlaut haben: Fahren Sie rücksichtsvoll, denn es kann sonst zu einem Unfall kommen, bei dem Menschen sterben. Wäre die Botschaft so kommuniziert worden, bliebe der persuasive Charakter des Textes zwar erhalten, da ein argumentativer Passus (denn es kann sonst …) die Aufforderung (Fahren Sie rücksichtsvoll) stützt, gestaltungsstrategisch aber wäre der Text als unwirksam zu bewerten – aus zwei Gründen. Zum einen: Botschaften auf Autobahnplakaten müssen schnell rezipierbar sein – ein Satz mit 15 Wörtern erfüllt diese Anforderung nicht. Zum anderen: Autobahnplakate, die Unfallverhütungsmaßnahmen propagieren, sollten abschreckungsstrategisch gestaltet sein, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Auch in dieser Hinsicht müsste man dem Satz Unwirksamkeit anlasten, da der Zusammenhang zwischen rücksichtslosem Fahrverhalten und tödlichen Verkehrsunfällen allgemein bekannt ist.

Das Beispielplakat aber erfüllt die beiden genannten Gestaltungsmaximen voll und ganz. Durch das KombinierenKombinieren von großflächigem Bild und kurzem Satz in großer Schrift, der in das Bild hineingeschrieben und durch Balkenformatierung hervorgehoben ist, wird der Maxime schneller Rezipierbarkeit Rechnung getragen. Die sprachmediale Plakatkomponente ist zudem mittels ParallelismusParallelismus einprägsam formuliert: Einer drängelt, drei sterben. Die bildmediale Plakatkomponente gewährt Einblick in den Innenraum eines PKWs, in dem sich – in Übereinstimmung mit dem ZahlwortZahlwort drei – drei Personen befinden. Abschreckungsstrategisch relevant ist das Verfahren des KontrastierensKontrast/Kontrastieren. Sprachmedial kontrastieren erstens die Zahlwörter: das Zahlwort einer, das auf den Unfallverursacher referiert, und das Zahlwort drei, das auf die Unfallopfer referiert. Sprachmedial kontrastieren zweitens die Verben: das Verb drängeln, das auf die Unfallursache referiert, und das Verb sterben, das auf die tödlichen Unfallfolgen referiert. Die beiden sprachmedialen Kontraste kontrastieren ihrerseits mit dem Bild, das eine gutgelaunte Familie vor einem fiktiven tödlichen Verkehrsunfall zeigt. Auf diese Weise wird zwischen Sprache und Bild der Kontrast von ‚Tod‘ und ‚Fröhlichkeit‘ erzeugt. Das Plakat ist übrigens Teil einer Serie. Auf anderen Plakaten finden sich die Äußerungen Einer rast, zwei sterben und Einer ist abgelenkt, vier sterben. Die Serialität wird sowohl sprachmedial (gleiche Satzanfänge, -abschlüsse, weitestgehend paralleler Satzbau) als auch bildmedial (ähnliche Bildmotive) kenntlich gemacht und ist als Versuch zu werten, nachhaltig auf die Verkehrsteilnehmer einzuwirken, dabei aber auch auf AbwechslungAbwechslung zu achten.

Eine pervertierte Form von PersuasionPersuasion ist ManipulationManipulation. Manipulativem Gestalten liegen die Strategien der Täuschung, Verdummung oder Verhetzung von Rezipienten zugrunde.

2.5.2.5 HandlungsprofilierungHandlungsprofilierung: Spezifizierung und Situierung

a) HandlungsspezifizierungHandlungsspezifizierung

Es fand bereits Erwähnung (siehe 2.4.2.2), dass es Stilformen gibt, deren kommunikativer Zweck darin besteht anzuzeigen, von welcher spezifischen Art eine TexthandlungTexthandlung ist. Stilkennzeichnungen wie ‚berichtender Stil‘ oder ‚beschreibender Stil‘ sind Beispiele dafür. Wir können auf Grund dessen nun auch sagen, dass die stilistische Spezifizierung von Texthandlungen zu den GestaltungsmotivenGestaltungsmotiv gehört, und wir wollen dies an einem Beispieltext analysierend vertiefen.

Spectre

[...]

Nach einem mysteriösen Hinweis auf ein Geheimnis aus seiner Vergangenheit, das er bewahren will, begibt sich James Bond unerlaubt auf gefährliche Mission nach Mexico City und Rom. Dort trifft er die schöne Witwe eines einflussreichen Kriminellen und stößt auf eine zwielichtige Organisation, die international vernetzt ist und der Welt den Krieg erklärt hat: Spectre. Während M in London die Korruption innerhalb des MI6 bekämpft, spürt 007 die Tochter seines alten Erzfeinds Mr. White auf. Nur sie kann helfen, das undurchdringbare Netz um Spectre zu enttarnen. Dabei findet Bond heraus, dass es eine Verbindung gibt zwischen ihm und dem Feind, den er jagt.

Christoph Waltz in einer Reihe mit Fröbe, Pleasance und Jürgens

Drei Jahre nach Skyfall, dem erfolgreichsten Bond aller Zeiten, mischen Daniel Craig und Regisseur Sam Mendes die Action-Karten der Bond-Saga neu. In seinem vierten Einsatz als 007 macht Craig dabei erstmals Bekanntschaft mit seinem ultimativen Gegenspieler …

Spectre bietet dem Publikum schier atemberaubende Action en masse! Aber auch eine Fortsetzung der düsteren Story um 007, prominent besetzt mit Naomi Harris, Monica Bellucci und Léa Seydoux, neben Ben Whishaw als Q und Ralph Fiennes als M.

Oscarpreisträger Christoph Waltz wiederum reiht sich problemlos in die allererste Riege der legendären Bond-Bösewichte ein. Den Titelsong Writings on the Wall singt Soul-Pop-Star Sam Smith. Wie immer gilt bei Bond: Das Beste ist gerade gut genug. MABO

Beispieltext 29 : Filmempfehlung

Kino & Co, Nr. 11/2015, 20.

Für die TextsorteTextsorte Filmempfehlung sind zwei TexthandlungenTexthandlung konstitutiv: zum einen das ERZÄHLENERZÄHLEN/Erzählen des filmischen Plots, zum anderen das BEWERTENBEWERTEN seiner künstlerischen Umsetzung. Uns interessiert an dieser Stelle jedoch nicht die stilistische Variabilität von Texthandlungen, sondern ihre Spezifiziertheit. Uns interessiert die Frage: Mit welchen GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren und -mitteln wird die jeweilige Art der Texthandlung angezeigt? Was sind prozedurale und instrumentale Merkmale eines erzählenden bzw. bewertenden StilsStilbewertender?

Beginnen wir mit der TexthandlungTexthandlung ERZÄHLENERZÄHLEN/Erzählen. Textproduzenten, die eine Filmempfehlung verfassen, stehen vor der Aufgabe, eine intermediale Beziehung herzustellen, d.h. Einheiten des filmischen Plots (Aktionen und deren Begleitumstände, Akteure: Helden und ihre Gegenspieler, Schauplätze, Episoden, Konflikte usw.) in ein anderes Medium (z.B. Presse oder Internet) zu überführen. Erzählender StilStilerzählender als handlungsspezifizierender Stil wird im Beispieltext vor allem hergestellt durch

 das Akzentuieren von Aktionen mittels AktionsverbenAktionsverb/Aktionsverbgefüge und Aktionsverbgefügen (sich auf eine Mission begeben; auf etw. stoßen; bekämpfen; aufspüren; enttarnen; jagen);

 das Typisieren von Akteuren mittels sozial kategorisierender Substantive und/oder bewertender adjektivischer Beiwörter (die schöne Witwe; ein einflussreicher Krimineller; eine zwielichtige Organisation; sein alter Erzfeind);

 das Fixieren von Schauplätzen mittels RealienwörternRealienwort (Mexiko City; Rom; London);

 das Verknüpfen von Episoden mittels temporaler Präpositionen (nach), Konjunktionen (während) und Adverbien (dabei; dort);

 das Zuspitzen des Geschehens mittels PeripetiePeripetie-SätzenPeripetie-Satz, d.h. Sätzen, die einen dramatischen Wendepunkt des Geschehens zum Inhalt haben.

Der letzte Satz des erzählenden Teiltextes (Dabei findet Bond heraus, dass es eine Verbindung gibt zwischen ihm und dem Feind, den er jagt.) deutet einen solchen Wendepunkt an, erzeugt damit SpannungSpannung, die aber erst – Knackpunkt einer Filmempfehlung – durch einen Kinobesuch gelöst werden kann.

Am Beispieltext lässt sich auch der Unterschied zwischen einem handlungsspezifizierenden und einem handlungsvariierenden ERZÄHLENERZÄHLEN/Erzählen verdeutlichen, und zwar insofern, als wir Merkmale eines gestrafften (und nicht eines gedehnten) ERZÄHLENs registrieren, ohne dass die HandlungsspezifizierungHandlungsspezifizierung verloren geht. Gestrafftes und gedehntes ERZÄHLEN sind Beispiele für unterschiedliche Erzählstile.

Im zweiten Teiltext – graphisch vom ersten durch eine fettgedruckte Zwischenzeile abgesetzt – steht anderes im Vordergrund: das BEWERTENBEWERTEN künstlerischer Aspekte des Films. Bewertungsobjekte sind Darstellerattribute (z.B. deren Bekanntheitsgrad: prominent besetzt), Darstellerleistungen (z.B. deren Talent: sich problemlos in die allererste Riege einreihen), Rollenprofile (z.B. die Widersacherrolle: die legendären Bond-Bösewichte), filmästhetische Merkmale (z.B. der Unterhaltungswert: atemberaubende Action, die Atmosphäre: düstere Story, der Neuigkeitswert: die Action-Karten der Bond-Saga neu mischen). In einer Filmempfehlung ist die Dominanz positiven BEWERTENs erwartbar, was der Beispieltext auch bestätigt. Auf den ersten Blick treten zwei hauptsächliche Gestaltungsmerkmale des bewertenden StilsStilbewertender hervor:

 das HinzufügenHinzufügen von bewertenden Adjektiven zu nominalen und verbalen Wortgruppen sowie Partizipialkonstruktionen (die legendären Bond-Bösewichte; sich problemlos einreihen; prominent besetzt), auch von Adjektiven aus dem Erlebniswortschatz (atemberaubende Action; düstere Story);

 das Einflechten von verbalen und satzförmigen bewertenden PhraseologismenPhraseologismus (sich in die allererste Riege einreihen; Das Beste ist gerade gut genug.), auch in modifizierter, auf das Genre und die Reihe zugeschnittener Form (die Action-Karten der Bond-Saga neu mischen).

Bewertende Elemente können – wie wir gesehen haben – in das ERZÄHLENERZÄHLEN/Erzählen eines Ereignisses bzw. einer Ereigniskette integriert sein; vice versa können erzählende Elemente – wie wir feststellen – das BEWERTENBEWERTEN eines Objekts bzw. einzelner Aspekte unterbrechen (vgl. In seinem vierten Einsatz als 007 macht Craig dabei erstmals Bekanntschaft mit seinem ultimativen Gegenspieler …).

Die Stilform ‚bewertender StilStilbewertender‘ schließt die Verfahren des VerstärkensIntensivieren und AbschwächensAbschwächen von Bewertungen ein. Im Beispieltext sind es vor allem PhraseologismenPhraseologismus mit superlativischen Komponenten oder superlativischer BedeutungSemantik/semantisch, die positives BEWERTENBEWERTEN verstärkenVerstärkenIntensivieren (sich in die allererste Riege einreihen; Das Beste ist gerade gut genug.; en masse). Als besonders markant sticht der Satz mit der Wortgruppe schier atemberaubende Action en masse heraus. Die Steigerungspartikel schier verleiht dem Passus ein Höchstmaß an positiver Bewertung, sodass eine weitere Steigerung kaum möglich erscheint, und das Ausrufezeichen am Satzende sorgt für zusätzliche Intensivierung.

Aus dem letzten Satz des Textes (Wie immer gilt bei Bond: Das Beste ist gerade gut genug.) geht ein weiteres Verfahren des bewertenden StilsStilbewertender hervor: das GeneralisierenGeneralisieren von Werturteilen, hier bezogen auf den Vergleich des aktuellen Films mit seinen Vorgängern. GestaltungsmittelGestaltungsmittel ist das generelle PräsensPräsensatemporales/generelles im Verbund mit adverbialen Zusätzen, hier mit der Komparativbestimmung wie immer, einem SachvergleichSachvergleich.

b) HandlungssituierungHandlungssituierung

TexthandlungenTexthandlung können verschiedenen SituationskontextenSituationskontext angepasst werden. Wir haben das bereits gesehen am Beispiel der Texthandlung BERICHTENBERICHTEN im Textsortenrahmen Medienbericht (Text 11) und der Texthandlung BESCHREIBENBESCHREIBEN im Textsortenrahmen Lexikonartikel (Text 12). Die Stilkennzeichnungen ‚journalistischer Stil‘ und ‚juristischer StilStiljuristischer‘ (siehe 2.4.2.2) verweisen auf einen bestimmten Situationskontext: die KommunikationsbereicheKommunikationsbereich Journalismus und Rechtswesen. Auf die Texthandlung ERZÄHLENERZÄHLEN/Erzählen bezogen, hat die Anpassung an Situationskontexte zur Folge, dass verschiedene Erzählstile entstehen. Um es an Beispielen zu zeigen, vergleichen wir Text 30 mit Text 29.


Beispieltext 30 : Mündliche Alltagserzählung

Wortlaut und Mündlichkeitsmerkmale wurden dem Transkript FR--_E_00034_SE-01-T-01 der Datenbank für gesprochenes Deutsch, IDS Mannheim, entlehnt.

Im Unterschied zu Text 29 sind in Text 30 zahlreiche Mündlichkeitsmerkmale auffällig, die sich auf folgende GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren zurückführen lassen:

 ProkopierenProkope/Prokopieren (Abstoßen von Lauten und Silben am Wortanfang): s (Z. 3); nem (Z. 12); runtergekommen (Z. 4); rangekommen (Z. 9);

 ApokopierenApokope/Apokopieren (Abstoßen von Lauten am Wortende): wär (Z. 1); is (Z. 13); hab (Z. 13);

 ApokopierenApokope/Apokopieren und SynkopierenSynkope/Synkopieren (Abstoßen von Lauten im Wortinneren): grad (Z. 10);

 AuslassenAuslassen von Satzteilen (Produzieren von EllipsenEllipse): kann mich nicht erinnern (Z. 1);

 Brechen von Satzkonstruktionen (Produzieren von Anakoluthen): jedenfalls hat sich sind wir … (Z. 9);

 DuplizierenDuplizieren von Wörtern: im im (Z. 2); ja ja (Z. 2);

 Zusammenziehen von Wörtern (Produzieren von Enklisen): aufn (Z. 7); wars (Z. 11).

Mündlichkeitsmerkmale gelten als Varianten der VarietätVarietät SprechspracheSprechsprache, der legeren Form von gesprochener Sprache, Schriftlichkeitsmerkmale – wie sie Text 29 aufweist – als Varianten der Varietät SchreibspracheSchreibsprache, der literarisch-ausgefeilten geschriebenen Sprache. Beide Varietäten können sowohl mündlich als auch schriftlich verwendet werden. So kann man Sprechsprachlichkeit in Schrifttexten vorfinden, die vom Zwang der Wohlgeformtheit befreit sind – man denke an Notizzettel, Chats und Vorlesungsmitschriften –, und Schreibsprachlichkeit in Texten der mündlichen Kommunikation, bei denen es auf literarische Qualität ankommt (z.B. Predigt, Laudatio, Gedenkrede). Man unterscheidet deshalb zwischen medialer und konzeptioneller Mündlichkeit und Schriftlichkeit (vgl. Koch/Oesterreicher 1985) und somit auch zwischen schriftlich realisierter Sprechsprachlichkeit und mündlich realisierter Schreibsprachlichkeit. Varietäten spielen für das Herstellen von Stil eine herausgehobene Rolle, denn es handelt sich um sozial bzw. situativ differenzierte Teilsprachen innerhalb einer Sprache, die für die Realisierung von GestaltungsaktenGestaltungsakt zur Verfügung stehen. Außer Sprech- und Schreibsprache gehören zum Varietätengefüge des Deutschen viele andere solcher Teilsprachen, etwa Bairisch und Plattdeutsch als DialekteDialekt, JugendspracheJugendsprache und BildungsspracheBildungssprache als Soziolekte, die FachspracheFachsprache der Medizin oder die des Sports als Professiolekte. Das Verwenden von Varietäten (das AuswählenAuswählen und KombinierenKombinieren varietätengebundener GestaltungsmittelGestaltungsmittel) ist ein leistungsstarkes GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren zur Situierung von Texten und TexthandlungenTexthandlung.

Zu fragen ist nun, inwiefern im AuswählenAuswählen und KombinierenKombinieren sprech- bzw. schreibsprachlicher GestaltungsmittelGestaltungsmittel handlungssituierende Verfahren gesehen werden können. Dazu ist es nötig, den Begriff SituationskontextSituationskontext aufzufächern, denn die KommunikationssituationKommunikationssituation, in der Texte produziert und rezipiert werden, umfasst zahlreiche Aspekte. Um zu ermitteln, welche Aspekte für das Verwenden von Sprech- bzw. SchreibspracheSchreibsprache ausschlaggebend sind, stellen wir die Texte 29 und 30 im Hinblick auf ihre Situationsaspekte vergleichend gegenüber (siehe Tab. 11).


SituationsaspektFilmempfehlung(Text 29)Alltagserzählung(Text 30)
JournalismusAlltagskommunikation
Kommunikationskanalschriftlichmündlich
Planbarkeit derTextproduktionkonzipiertspontan
Kommunikationskontaktindirekt (vermittelt)direkt (face-to-face)
Sozialer Aktionsradiusöffentlichprivat

Tab. 11: Situationsaspekte im Textsortenvergleich

Der Situationsaspekt KommunikationsbereichKommunikationsbereich scheidet als ausschlaggebend für die Verwendung von Sprech- bzw. SchreibspracheSchreibsprache aus, denn es gibt Sprechsprachlichkeit auch im Journalismus (z.B. in Moderationstexten oder Live-Reportagen der Sportberichterstattung) und Schreibsprachlichkeit in der Alltagskommunikation (insbesondere in Privatbriefen). Der soziale Aktionsradius kann auch nicht ausschlaggebend sein, da er die Sozialstruktur von Kommunikationsbereichen mit bestimmt. Die Art des Kommunikationskontakts ist ebenfalls als irrelevant anzusehen, weil sowohl der direkte als auch der indirekte Kontakt das Verwenden beider Varietäten ermöglicht. Schreibsprachlichkeit in Face-to-face-Situationen der Alltagskommunikation ist zwar selten, aber nicht ausgeschlossen. So bescheinigt man Sprechern in privaten Alltagsgesprächen mitunter, dass sie reden können wie gedruckt. In die engere Auswahl relevanter Situationsaspekte kommen der Kommunikationskanal und die Planbarkeit der Textproduktion. Es leuchtet sicher ein, dass Sprechsprachlichkeit primär an den mündlichen, Schreibsprachlichkeit primär an den schriftlichen Kommunikationskanal gebunden ist. Und zweifellos begünstigt der mündliche Kanal die Verwendung von SprechspracheSprechsprache in hohem Maße, doch eine Eins-zu-Eins-Beziehung gibt es wie gesagt nicht. Somit verbleibt als wichtigster Situationsaspekt für das Verwenden von Sprech- oder Schreibsprache die Planbarkeit der Textproduktion: Spontaneität vs. Konzipiertheit.

Zusammenfassend wollen wir Folgendes festhalten: Mit der Verwendung von Sprech- bzw. SchreibspracheSchreibsprache wird die TexthandlungTexthandlung ERZÄHLENERZÄHLEN/Erzählen in einen je anderen SituationskontextSituationskontext eingebettet, wodurch zwei verschiedene Erzählstile entstehen. Sprechsprachlicher Erzählstil verweist auf die Spontaneität, schreibsprachlicher Erzählstil auf die Konzipiertheit des ERZÄHLENs.

Gesondert hinzuweisen ist auf TexthandlungenTexthandlung, deren Bezeichnung auf eine Situierung durch den KommunikationsbereichKommunikationsbereich verweist. Als Beispiele die Texthandlungen INTERVIEWENINTERVIEWEN (im Bereich Journalismus), BEURKUNDENBEURKUNDEN (im Behördenwesen), PREDIGENPREDIGEN (im Gottesdienst) und KLASSIFIZIERENKLASSIFIZIEREN (in der Wissenschaft).

DISKUSSION

1 . In der Literatur zur pragmatischenPragmatik/pragmatisch Stilistik wird häufig betont, dass der Sinn des Gestaltens auch im Bekunden von Einstellungen bestehen kann. Müsste man ‚EinstellungsbekundungEinstellungsbekundung ’ demnach nicht auch in die Reihe der GestaltungsmotiveGestaltungsmotiv aufnehmen?

Mit dem Begriff Einstellung sind Haltungen oder Positionen gemeint, die ein Textproduzent explizit oder implizit zum Ausdruck bringt gegenüber allen möglichen Aspekten kommunikativen Handelns. In Betracht zu ziehen sind Einstellungen zu thematischen Textinhalten (siehe 2.4.2.2), darüber hinaus zur Funktion der TexthandlungTexthandlung, zu den Adressaten, zur Sprache oder anderen Kommunikationsmedien usw. (vgl. Sandig 1986: 281ff.; dies. 2006: 15f.). Es heißt deshalb durchaus folgerichtig: „Mit der Art, wie wir uns äußern, positionieren wir uns jeweils im (d.h. relativ zum) gesamten Umfeld unserer Interaktion.“ (Sandig 2001: 31) Wenn dem so ist, dann darf man das Bekunden von Einstellungen nicht als eigenständigen Typ stilistischen Sinns, als eigenständiges GestaltungsmotivGestaltungsmotiv auffassen, denn dann ist jegliches Gestalten ein einstellungsbekundender Akt und EinstellungsbekundungEinstellungsbekundung ein Wesensmerkmal von Stil. Wie sich stilistische EinstellungEinstellungstilistischeen systematisieren lassen, wird in Abschnitt 3.2.2 dargestellt.

2. In der Literatur zur pragmatischenPragmatik/pragmatisch Stilistik wird auch betont, dass der Sinn des Gestaltens in der Berücksichtigung des Adressaten bestehen kann. Ist ‚AdressatenberücksichtigungAdressatenberücksichtigung’ demnach ebenfalls ein GestaltungsmotivGestaltungsmotiv?

Wir ersehen aus den Beispielanalysen zu GestaltungsmotivenGestaltungsmotiv in der pragmatischenPragmatik/pragmatisch Textkommunikation, dass die Berücksichtigung des Adressaten (vgl. dazu u.a. Sandig 1986: 227ff.) kein eigenständiges Gestaltungsmotiv ist, sondern ein Begleitmotiv. Es begleitet rezeptions- und erkenntniserleichternde Gestaltungsweisen ebenso wie rezipientenbeeinflussende. In Abhängigkeit von der Textart kommen bestimmte Zielgruppen als Adressaten in Betracht, z.B. Kinder (als Zielgruppe der Kinder-Seiten von Tageszeitungen), Studierende (als Zielgruppe von Hochschullehrbüchern), Heimwerker (als Zielgruppe in der Baumarkt-Werbung).

3. In der Literatur zur pragmatischenPragmatik/pragmatisch Stilistik wird der Sinn des Gestaltens auch in der Selbstdarstellung des Textproduzenten gesehen. Im vorliegenden Abschnitt 2.5.2.1 wird der Begriff SelbstpräsentationSelbstpräsentation verwendet. Gibt es zwischen ‚Selbstdarstellung‘ und ‚Selbstpräsentation‘ einen Bedeutungsunterschied?

Die Begriffe Selbstdarstellung (vgl. dazu Sandig 1986: 214ff.) und SelbstpräsentationSelbstpräsentation sollten nicht deckungsgleich verwendet werden. ‚Selbstdarstellung‘ ist n.u.A. eine textthematische Leistung; sie besteht in der Selbstbeschreibung des Textproduzenten, anzutreffen in Kontaktanzeigen oder Bewerbungsschreiben. Im Unterschied dazu ist ‚Selbstpräsentation‘ eine textstilistische Leistung; vermittelt werden Informationen über den Textproduzenten, die sich aus Gestaltungsweisen „herauslesen“ lassen.

4. In der Literatur zur pragmatischenPragmatik/pragmatisch Stilistik werden Typen stilistischen Sinns auch als die Art der AdressatenberücksichtigungAdressatenberücksichtigung, die Art der BeziehungsgestaltungBeziehungsgestaltung usw. bestimmt. Ist das sinntypologisch adäquat?

Hierzu muss kritisch angemerkt werden, dass sich, werden Typen stilistischen Sinns so bestimmt (vgl. u.a. Sandig 1986: 214ff., dies. 1995: 30), der Blickwinkel verschiebt: vom stilistischen Wozu zum stilistischen Wie. Oder anders formuliert: Das Wozu und das Wie verschmelzen unzulässigerweise zu einer Kategorie. Denn mit der Art der AdressatenberücksichtigungAdressatenberücksichtigung, der Art der BeziehungsgestaltungBeziehungsgestaltung usw. wird immer ein Wie erfasst. Dieses Wie kommt durch realisierte GestaltungsprinzipienGestaltungsprinzip bzw. -ideen zur Geltung, ist auf einen Typ stilistischen Sinns (als stilistisches Wozu) bezogen, repräsentiert aber nicht selbst stilistischen Sinn.

2.5.3 Grundlegende Unterschiede zwischen pragmatischerPragmatik/pragmatisch und poetischerPoetizität/poetisch Textkommunikation

Bevor wir die Frage nach dem stilistischen Wozu in der poetischenPoetizität/poetisch Textkommunikation aufwerfen und exemplifizierend beantworten, wollen wir erklären, warum es notwendig ist, zwischen pragmatischerPragmatik/pragmatisch und poetischer Textkommunikation eine Trennlinie zu ziehen.

Kunstwerke, so auch poetischePoetizität/poetisch Texte, sind „Medien eines diskontinuierlichen Kommunikationsgeschehens“, lesen wir bei Reinold Schmücker (1998: 282). Während sich Rezipienten in kontinuierlichen, pragmatischPragmatik/pragmatisch ausgerichteten Kommunikationsprozessen auf den Informationswert von Äußerungen und die Intention eines Äußerungsproduzenten konzentrieren, sind Rezipienten im KommunikationsbereichKommunikationsbereich Kunst aufgefordert, sich auf die Geformtheit des jeweiligen Mediums zu konzentrieren (ebd.: 287f.). ‚Diskontinuität‘ meint also, dass Kunstwerke nicht primär auf eine Verständigung zwischen Kommunikationspartnern angelegt sind, dass das Kunstwerk die Kommunikationspartner voneinander trennt. An die Stelle von partnerorientierter KommunikationKommunikationpartnerorientierte tritt werkorientierte KommunikationKommunikationwerkorientierte (siehe Schaubild 1). Doch was berechtigt eigentlich dazu, bei fehlender Partnerorientierung von Kommunikation zu sprechen? Es handelt sich durchaus auch um Kommunikation, da Kunstwerke – wie Reinold Schmücker (1998: 282) weiter ausführt – Zeichencharakter besitzen, Resultat eines Zu-verstehen-Gebens und Gegenstand eines Zu-verstehen-Suchens sind.


Schaubild 1: Kontinuierlicher vs. diskontinuierlicher Kommunikationsprozess

Werkorientiertheit hat für die Rezeption erhebliche Konsequenzen. Die Textrezipienten sind aufgefordert, aus der stilistischen Gestalthaftigkeit eines poetischenPoetizität/poetisch Textes (als Sprachkunstwerk) Anhaltspunkte für ein VerstehenVerstehen seines Gehalts zu gewinnen. Wir brauchen uns nur des Gedichts „markierung einer wende“ von Ernst Jandl (Text 8) zu erinnern, um festzustellen, dass unsere Aufmerksamkeit zwangsläufig auf die Form des Werks gelenkt wird. Es wäre abwegig, dem Gedicht Informationen über den Zweiten Weltkrieg entnehmen zu wollen.

Will man der Eigengesetzlichkeit von Sprachkunstwerken textproduktionsseitig Rechnung tragen, so kann man dies tun, indem man poetischePoetizität/poetisch Texte nicht als Produkte eines Texthandelns, sondern als Produkte eines Werkherstellens begreift. Welche TexthandlungTexthandlung sollte man im Jandl-Gedicht auch ausfindig machen können? Oder in einem Drama? Selbst ErzählenERZÄHLEN/Erzählen ist im Rahmen epischer TextsortenTextsorte (Genres) auf Grund der Diskontinuität zwischen Kunstproduktion und -rezeption keine Texthandlung im pragmatischenPragmatik/pragmatisch Verständnis. Erzählen ist vielmehr eine Darbietungsform, die im Prozess des Werkherstellens poetisch ausgestaltet wird. Der allgemeinste werkherstellende GestaltungsaktGestaltungsakt ist Poetisieren, oberstes GestaltungsprinzipGestaltungsprinzip ist Poetizität. Darauf gründet sich textproduktionsseitig die Differenz zwischen poetischen und pragmatischen Texten – eine Differenz, die im Interpretationsprozess beachtet sein will, wenn man nach GestaltungsmotivenGestaltungsmotiv fragt. Zu fragen ist in erster Linie nach werkorientierten, nicht nach partnerorientierten Gestaltungsmotiven. In der poetischen Textkommunikation erwachsen Gestaltungsmotive primär aus dem Erfordernis, eine Werkhaltung einzunehmen: eine Haltung des Künstlers gegenüber seinem Werk. Insofern sind poetische Gestaltungsmotive werkbezogene Schaffensmotive. Was das genau heißt, wollen wir in den nächsten Abschnitten darlegen.

2.5.4 GestaltungsmotiveGestaltungsmotiv in der poetischenPoetizität/poetisch Textkommunikation
2.5.4.1 SpiellustbekundungSpiellustbekundung: Poetische Experimente

Die berühmten „Stilübungen“ von Raymond Queneau, aber auch Lautgedichte (z.B. Hugo Balls „Karawane“) und Bildgedichte (z.B. Eugen Gomringers „Wind“), auf die hier nur verwiesen sein soll, zeigen uns, dass der Sinn poetischenPoetizität/poetisch Gestaltens im Bekunden von Spiellust bestehen kann. Verfahren spielerischen Gestaltens sind das Experimentieren mit der Sprache, mit Lauten, Buchstaben oder Silben, das Erfinden von Wörtern, deren Lautstruktur keine Bedeutungszuschreibung ermöglicht, das Überführen von Wortbedeutungen in eine bildförmige Gestalt u.a.m. (siehe auch 3.4.2). Ordnet man die Werke einer literarischen Richtung zu, Lautgedichte dem Dadaismus, Bildgedichte der Konkreten Poesie, kommen weiterreichende Schaffensmotive in den Blick, die zu einem Feld literaturwissenschaftlicher Forschung geworden sind. Spiellust können jedoch auch reine Nonsens-Texte zu erkennen geben. Als Beispiel Text 31.


Beispieltext 31 : Scherzrätsel

Eulenspiegel, Nr. 10/2015, 74 (Sonderseiten „Literatureule“).

Schauen wir uns zunächst die textarchitektonische Gestaltung an. Der Text gliedert sich in zwei hauptsächliche Bausteine: die Rätselaufgabe und die Rätselauflösung. Die Rätselaufgabe beansprucht fast die gesamte Textfläche. Sie ist als Frage formuliert (Kennst du ein Gedicht, in dem folgende Präpositionen vorkommen?) und mit einer Graphik illustriert, die die SemantikSemantik/semantisch der in Frage stehenden Präpositionen veranschaulicht. Die Rätselauflösung ist kleinflächig gestaltet, erscheint kleingedruckt und wird in Entsprechung zur Rätselaufgabe in Gedichtform präsentiert.

Schauen wir uns nun die Rätselauflösung genauer an. Das Gedicht ist Produkt eines Spielens mit Wörtern der Wortart Präposition, die als Konstituenten von Wortbildungskonstruktionen (Zusammenrückungen, Komposita) verwendet werden. Es lenkt unsere Aufmerksamkeit somit nicht auf den ReimReim, sondern auf ein sprachspielerisches GestaltungsverfahrenGestaltungsverfahren: das AuseinanderrückenAuseinanderrücken zweier Präpositionen, die regulär zu einem Adverb vereinigt sind (vgl. in zwischen; neben an; mit unter; vor über). Das Verfahren bringt erhebliche Rezeptionserschwernisse mit sich, denn der Rezipient ist gefordert, die Auseinanderrückungen rückgängig zu machen, um den Verszeilen Grammatikalität zu verleihen (bzw. zurückzugeben). Verblüfft stellt er fest, dass vor und über eigentlich ein Temporaladverb bilden, das als Erstglied zum verbalen Determinativkompositum vorübergehen gehört, und dass hinter und Zimmer eigentlich Konstituenten eines substantivischen Determinativkompositums sind, mit der Präposition hinter als Erstglied.

Es gehört zum Wesen von Scherzrätseln, die Rätselaufgabe thematisch irreführend zu formulieren, sodass sich mit der Rätselauflösung ein Überraschungseffekt einstellt, den man mit der PointePointe von Witzen vergleichen kann – einer TextsorteTextsorte, die ebenfalls zum Bereich poetischerPoetizität/poetisch Scherzkommunikation gehört (siehe Text 7).

Die Illustration – Teil des Textbausteins Rätselaufgabe – mutet in ihrer graphischen Gestaltung wie eine erkenntniserleichternde Abbildung in einem Grammatiklehrbuch an. Wir haben eine „TextmustermontageTextmustermontage“ (Fix 1997) vor uns, d.h. eine Kopplung von Textbausteinen, die auf ein jeweils anderes TextmusterTextmuster bezogen sind, sich aber dennoch kommunikativ ergänzen und eine kommunikative Ganzheit bilden. Textmustermontagen unterscheiden sich von TextmustermischungTextmustermischungen. Erstere sind durch ein textarchitektonisches Neben- bzw. Nacheinander, Letztere durch ein Ineinander verschiedenartiger Textmusterrealisierungen gekennzeichnet.

2.5.4.2 FigurenporträtierungFigurenporträtierung: Sprach- und KommunikationsporträtsKommunikationsporträt

Ein GestaltungsmotivGestaltungsmotiv in der poetischenPoetizität/poetisch Textkommunikation ist in dem Bestreben zu sehen, Figuren ein soziales und/oder individuelles Profil zu verleihen. Zu diesem Zweck werden die Äußerungen von Figuren mit Merkmalen versehen, die Rückschlüsse auf entsprechende Persönlichkeitsmerkmale zulassen. Die betreffenden Äußerungsmerkmale können sprachlicher oder kommunikativ-pragmatischerPragmatik/pragmatisch Art sein und sich dementsprechend zu einem SprachporträtSprachporträt oder einem KommunikationsporträtKommunikationsporträt bündeln.

a) SprachporträtsSprachporträt

Unter einem SprachporträtSprachporträt versteht man die Typisierung einer literarischen Figur „durch ihre Art, sich sprachlich kundzutun“ (Krahl/Kurz 1984: 105). In Sprachporträts werden Äußerungsmerkmale einer Figur (ProsodieProsodie/prosodisch, Wortwahl, Satzbau u.a.) interpretierbar im Hinblick auf soziale Merkmale der Figur (Bildungsgrad, regionale Herkunft, sozialer Status usw.). Ein wichtiges Verfahren sprachporträtierender Gestaltung ist das Verwenden von Varietäten (siehe zum Begriff 2.5.2.5), insbesondere von Regional-, Fach- und Gruppensprachen. Als Beispiel ein Auszug aus dem Roman „Der Untertan“ von Heinrich Mann:

Auszug 1 (Kap. V)

„Verkaufen, was? Klemme, was?“

[…]

„Quatsch. Weiß Bescheid. Nur keine Fisimatenten! Höherer Befehl. Schnauze halten und verkaufen, sonst gnade Gott.“

[…]

„Momentane Verlegenheit“, schnarrte er. „Vermittle Kavalieren. Ehrensache.“

[…]

„Präsident von Wulckow eklig hinterher, daß Sie verkaufen, sonst kein Geschäft mit ihm zu machen. Vetter Quitzin arrondiert Besitz hierherum. Rechnet bestimmt auf Ihr Entgegenkommen. Hundertzwanzig die Kiste.“

Beispieltext 32a: Roman (Auszug 1)

Heinrich Mann: Der Untertan. 25. Aufl. Leipzig 1986: Philipp Reclam jun., 293f.

Die Äußerungen des Premierleutnants a.D. Karnauke, gerichtet an die Hauptfigur des Romans, Diederich Heßling, der zum Verkauf seines Hauses genötigt werden soll, weisen in prosodischerProsodie/prosodisch, lexikalischer und syntaktischer Hinsicht gruppensprachliche Merkmale auf. Sprachgeschichtlich gesehen, handelt es sich um den „preußischen Leutnantston“ des wilhelminischen Kaiserreichs, einen MilitärjargonMilitärjargon der Offiziere und Reserveoffiziere, der aber auch von Zivilpersonen in Regierungs- oder anderweitig einflussreichen Positionen gesprochen wurde (vgl. von Polenz 1999: 459f.). Sprachporträtierend eingesetzt, wird die Figur, indem sie so spricht, als Repräsentant der Regierung typisiert. Karnauke agiert – wie wir erfahren – im Auftrag des Regierungspräsidenten von Wulckow. Eigenheiten des preußischen Militärjargons zeigen sich vor allem an „syntaktischen Sparformen“ (ebd.: 460). Typische Kennzeichen der VarietätVarietät sind

 das elliptische AuslassenAuslassen von pronominalen Satzsubjekten wie ich oder er (Weiß Bescheid.; Vermittle Kavalieren.; Rechnet bestimmt auf Ihr Entgegenkommen.);

 das elliptische AuslassenAuslassen von finiten Verbformen wie ist (Präsident von Wulckow eklig hinterher, sonst kein Geschäft mit ihm zu machen.);

 das elliptische AuslassenAuslassen von pronominalen Satzsubjekten, finiten Verbformen sowie von Artikeln und Präpositionen (Verkaufen, was? statt Sie wollen verkaufen, nicht wahr?; Klemme, was? statt Sie sind in der Klemme, nicht wahr?; Nur keine Fisimatenten! statt Machen Sie nur keine Fisimatenten!; Hundertzwanzig die Kiste. statt Geboten werden hundertzwanzig für die Kiste.), wodurch auch ein- und zweigliedrige NennsätzeNennsatz entstehen, d.h. Sätze, die auf ein Substantiv oder eine Substantivgruppe im Nominativ reduziert sind (Quatsch.; Ehrensache.; Höherer Befehl.; Momentane Verlegenheit.);

 das ErsetzenSubstituieren imperativischer Verbformen durch infinitivische (Schnauze halten und verkaufen), was, auch bedingt durch die Wortwahl, einen befehlssprachlichen Ton erzeugt.

Zum Erscheinungsbild des preußischen MilitärjargonsMilitärjargon gehört darüber hinaus ein charakteristisches prosodischesProsodie/prosodisch Merkmal, das redekennzeichnend vermittelt wird. Im Text wird mehrfach vermerkt, dass Karnauke schnarrt bzw. etwas schnarrend sagt, also lautstark und hölzern spricht (Textbeleg: „Momentane Verlegenheit“, schnarrte er.).

In lexikalischer Hinsicht auffällig ist die Dichte an umgangs- und saloppsprachlichen Ausdrücken. Textbelege für Umgangssprachlichkeit sind Quatsch (statt Unsinn); Klemme (statt schwierige Lage); Fisimatenten (statt Ausflüchte); eklig (statt ganz gehörig). Umgangssprachlich sind auch die Gesprächspartikel was (statt nicht wahr) und ein pragmatischerPragmatik/pragmatisch PhraseologismusPhraseologismus: die DrohformelDrohformel sonst gnade Gott. Textbelege für Saloppsprachlichkeit sind Kiste (statt Haus) und Schnauze (statt Mund).

Man beachte, dass nicht ein einzelnes Äußerungselement typisch für den preußischen MilitärjargonMilitärjargon ist, sondern erst ihre Fülle und Kombination. Sprachporträtierendes Gestalten erweist sich im satirischen Roman „Der Untertan“ als Karikieren von Figuren. So wird auch Karnauke zu einer karikaturesken Figur. Seine Sprache wirkt in mehrfacher Hinsicht unangemessenUnangemessenheit. Der Militärjargon passt nicht zum SituationskontextSituationskontext (Karnauke erscheint am Tag der Hochzeit von Diederich Heßling), und die Wortwahl verträgt sich nicht mit seiner sozialen Position.

b) KommunikationsporträtsKommunikationsporträt

In KommunikationsporträtsKommunikationsporträt sind Äußerungsmerkmale des text- oder gesprächskommunikativen Handelns einer literarischen Figur (ProsodieProsodie/prosodisch, Wortwahl, Satzbau u.a.) mit GestaltungsmotivenGestaltungsmotiv pragmatischerPragmatik/pragmatisch Kommunikation (wie SelbstpräsentationSelbstpräsentation, BeziehungsgestaltungBeziehungsgestaltung oder RezipientenbeeinflussungRezipientenbeeinflussung) relationiert, was Rückschlüsse auf Charakterzüge der Figur zulässt. Von besonderer interpretativer Bedeutsamkeit ist der fiktionale SituationskontextSituationskontext, in dem sich kommunikatives Handeln vollzieht. Die Äußerungsmerkmale können – im Unterschied zum SprachporträtSprachporträt – je nach Situationskontext variieren, woraus sich die Möglichkeit ergibt, den Charakter einer Figur vielschichtig anzulegen und zu deuten. Als Beispiele drei weitere Auszüge aus dem Roman „Der Untertan“ (siehe Text 32b).

Auszug 2 (Kap. III )

„Leute! Da ihr meine Untergebenen seid, will ich euch nur sagen, daß hier künftig forsch gearbeitet wird. Ich bin gewillt, mal Zug in den Betrieb zu bringen. In der letzten Zeit, wo hier der Herr gefehlt hat, da hat mancher von euch sich vielleicht gedacht, er kann sich auf die Bärenhaut legen. Das ist aber ein gewaltiger Irrtum, ich sage das besonders für die alten Leute, die noch von meinem seligen Vater her dabei sind.“

Auszug 3 (Kap. VI )

[…] seiner Gattin, die im Bett lag und ihn mit Vorwürfen empfing, erwiderte er blitzend: „Mein Kaiser hat ans Schwert geschlagen, und wenn mein Kaiser ans Schwert schlägt, dann gibt es keine ehelichen Pflichten mehr. Verstanden?“

Auszug 4 (Kap. VI )

„Aus dem Lande des Erbfeindes“, schrie Diederich, „wälzt sich immer wieder die Schlammflut der Demokratie her, und nur deutsche Mannhaftigkeit und deutscher Idealismus sind der Damm, der sich ihr entgegenstellt. Die vaterlandslosen Feinde der göttlichen Weltordnung aber, die unsere staatliche Ordnung untergraben wollen, die sind auszurotten bis auf den letzten Stumpf, damit, wenn wir dereinst zum himmlischen Appell berufen werden, daß dann ein jeder mit gutem Gewissen vor seinen Gott und seinen alten Kaiser treten kann, und wenn er gefragt wird, ob er aus ganzem Herzen für des Reiches Wohl mitgearbeitet habe, er an seine Brust schlagen und offen sagen darf: Ja!“

Beispieltext 32 b: Roman (Auszüge 2–4)

Heinrich Mann: Der Untertan, a.a.O., 86 (Auszug 2), 313 (Auszug 3), 388f. (Auszug 4).

Auszug 2: Diederich Heßling stellt sich als Besitzer der von seinem Vater geerbten Fabrik den Arbeitern vor.

Die Äußerungsmerkmale lassen erkennen, dass die Beziehung zwischen ihm und den Arbeitern einerseits lässig, andererseits streng und unpersönlich, insgesamt also widersprüchlich gestaltet wird. Von LässigkeitLässigkeit zeugen die umgangssprachliche Anrede Leute!, der umgangssprachlich-abwertende PhraseologismusPhraseologismus sich auf die Bärenhaut legen, der verwendet wird, um den Arbeitern Faulheit zu unterstellen, und der umgangssprachlich-aufwertende Phraseologismus Zug in etw. bringen, der dazu dient, den künftigen Führungsstil zu beschreiben. Strenge und UnpersönlichkeitUnpersönlichkeit werden artikuliert sowohl bei der Beschreibung von Konsequenzen des neuen Führungsstils (vgl. die auffordernde unpersönliche PassivkonstruktionPassivform/-konstruktion daß hier künftig forsch gearbeitet wird) als auch bei der Bewertung von unterstellter Faulheit (vgl. die VerstärkungIntensivieren mittels gewaltig in dem Satz Das ist aber ein gewaltiger Irrtum.). Insgesamt wird in sozialer Hinsicht ein autoritärer StilStilautoritärer hervorgebracht, wozu auch die Kategorisierung der Arbeiter als Untergebene ihren Beitrag leistet.

Auszug 3: Diederich Heßling kommt als Wahlkämpfer für die Partei des Kaisers erst morgens nach Hause und begibt sich in das eheliche Schlafzimmer.

Die Äußerungen, mit denen er seine nächtliche Abwesenheit rechtfertigt und seine Frau zurechtweist, sind in einem Stil gehalten, der in einer intimen Situation zwischen Eheleuten absolut unpassend ist. Der bildliche PhraseologismusPhraseologismus ans Schwert schlagen (‚zum Kampf aufrufen‘) bringt PathosPathos/Pathetisieren in die Rede. Der euphemistischeEuphemismus/euphemistisch Phraseologismus eheliche Pflichten (‚Geschlechtsverkehr mit dem Ehepartner‘) ist ein Ausdruck formelhafterFormelhaftigkeit/Formelhaft-Machen Behördensprache. Und die jeden Widerspruch unterbindende Anhängsel-FrageAnhängsel-Frage Verstanden? erinnert an den preußischen MilitärjargonMilitärjargon. Es lassen sich Charakterzüge wie Herrschsucht gegenüber der Ehefrau und UnterwürfigkeitDevotheit (DevotheitUnterwürfigkeitDevotheit) gegenüber dem Kaiser ableiten (vgl. auch die Substitution des bestimmten Artikels durch das Possessivum mein in mein Kaiser als Ausdruck besonderer Wertschätzung).

Auszug 4: Diederich Heßling hält zur Einweihung des Kaiserdenkmals eine Propagandarede.

Hervorstechend ist die Verunglimpfung und Bedrohung des politischen Gegners. Die Rede enthält militaristisches BrandmarkungsvokabularBrandmarkungsvokabular (Erbfeind; vaterlandslose Feinde), das mit nationalistischem WertschätzungsvokabularWertschätzungsvokabular (deutsche Mannhaftigkeit; deutscher Idealismus) kontrastiert. Im Kontext der Propagandasprache erhält auch das ideologiegebundene Wort Demokratie eine klare pejorative BedeutungSemantik/semantisch. Eingebunden in ein komplexes Sprachbild (eine AllegorieAllegorie), wird Demokratie mit einer Naturkatastrophe gleichgesetzt (vgl. Schlammflut der Demokratie). Die RadikalitätRadikalität der Sprache Heßlings, interpretierbar als Radikalität seines Wesens, kommt auch in dem politischen Appell zum Ausdruck, die Feinde auszurotten bis auf den letzten Stumpf (Beleg für die Modifikation des PhraseologismusPhraseologismus etw. mit Stumpf und Stiel ausrotten). Bemerkenswert ist außerdem das Mischen von politischer Sprache (vgl. staatliche Ordnung; für des Reiches Wohl mitarbeiten) und religiöser SpracheSprachereligiöse (vgl. göttliche Weltordnung; himmlischer Appell; vor seinen Gott treten) bei der Verkündung und Begründung des Appells. Die Rede bringt einerseits Radikalität (dem politischen Feind gegenüber), andererseits UnterwürfigkeitDevotheit (gegenüber Gott und Kaiser) zum Vorschein. Zur politischen Radikalität als Charakterzug passt ein prosodischesProsodie/prosodisch Äußerungsmerkmal: die Hysterie des Sprechens. Dass die Rede hysterisch gehalten wird, erfahren wir durch das Verb schreien, das redekennzeichnend eingesetzt worden ist (vgl. … schrie Diederich).

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