Czytaj książkę: «Fünf Jahreszeiten»
Sie hat ihren Master in Filmwissenschaften abgebrochen und arbeitet im Kunstmuseum als Aufseherin. Während ihr Arbeitskollege Nikola unter der Treppe schläft, beobachtet sie den Staub im Sonnenlicht, lauscht den Stimmen der Kunstvermittlerinnen, wartet, dass die Zeit vergeht. In der Stille werden ihre Gedanken laut, die weißen Wände füllen sich mit Erinnerungen, an Adam, ihren Geliebten, den sie aufgegeben hat für Manuel, ihren Freund. Unentschlossen streift sie durch die Stadt, trifft den alten Paul, lässt sich treiben zwischen Resignation und Hoffnung, trauert um den verlassenen Geliebten, den verstorbenen Vater, vermisst die Mutter, die nicht anwesend ist.
«Fünf Jahreszeiten» erzählt eine Episode aus dem Leben einer jungen Frau, in der nichts und alles möglich scheint und sich doch Entscheidungen aufdrängen – musikalisch, poetisch, mit leisen Tönen und von großer Dringlichkeit.
«Fünf Jahreszeiten» wurde im Manuskript ausgezeichnet mit dem Literaturpreis «Das zweite Buch» der Marianne und Curt Dienemann Stiftung.

Foto Matthias Günter
Meral Kureyshi, geboren 1983 in Prizren im ehemaligen Jugoslawien, kam 1992 mit ihrer Familie in die Schweiz und lebt in Bern. Sie studierte Literatur und Germanistik, gründete das Lyrikatelier und arbeitet als freie Autorin. Ihr erster Roman «Elefanten im Garten» war nominiert für den Schweizer Buchpreis, wurde mehrfach ausgezeichnet und in viele Sprachen übersetzt. 2020 wurde sie zu den Tagen der Deutschsprachigen Literatur nach Klagenfurt eingeladen (Bachmannpreis).
Meral Kureyshi
Fünf
Jahreszeiten
Roman
Limmat Verlag
Zürich
Ich warte auf Adam, am Bahnhof, in der hohen Eingangshalle, vor dem See der vier Kantone. Die reflektierende Sonne blendet, draußen spielt ein Musiker auf seinem Akkordeon ein Lied, das mich an meine Kindheit erinnert.
Adam wurde für den Master an der Kunsthochschule angenommen, weit weg am nordatlantischen Ozean, wo die Clyde durchfließt.
Als er plötzlich auftaucht, laufe ich auf ihn zu und umarme ihn lange, sein Wachsjackett riecht tatsächlich nach Wachs, der warme Hals versteckt mein Gesicht.
Ich steige in den Bus, der zum Flughafen fährt. Er raucht draußen zu Ende, schaut auf sein Telefon und steigt auch ein.
Während der ganzen Busfahrt hält mich Adam in seinem Arm. Erst als wir ankommen, lässt er mich los.
Am Flughafen blendet die Sonne und wärmt unsere Haare.
Wir warten nicht, die Zeit vergeht einfach, während wir in der Schlange stehen, um das Gepäck aufzugeben. Alle schweigen, als wäre das Sprechen verboten.
Adam öffnet die große Ledertasche, er verstaut seine Jacke und sein Telefon darin.
Schöne Erinnerungen, sagt er, als ich das Fotoalbum heraushole und darin blättere. Tagelang habe ich unsere Fotos sortiert, eingeklebt, zu jedem Foto etwas geschrieben.
Ich fahre über die Tätowierung an der Innenseite seines linken Ringfingers, die etwas verblasst ist.
Der erste Buchstabe meines Namens.
Ich muss sie nachstechen lassen, spricht er leise, ohne dass ich etwas sage, und streicht mit dem Daumen über den Buchstaben, der aussieht wie ein fliegender Vogel.
Ich fange an zu weinen.
Was ist los?, fragt Adam.
Ich kann nicht mitkommen, sage ich und bin selbst erstaunt über die Wörter, die aus meinem Mund kommen.
Adam schaut mich erschrocken an.
Ich schweige. Wahrscheinlich wollte ich genau diese Trauer in seinem Gesicht sehen.
Was sagst du da?, fragt Adam mit zitternder Stimme.
Ich kann nicht, es fühlt sich nicht richtig an.
Dann stößt er mich von sich.
Wie kannst du mir das antun? Ich habe dir geglaubt, sagt Adam.
Ich fühle die Blicke der anderen, die mit uns in der Schlange stehen, die nur langsam vorrückt.
Ich liebe dich, sagt Adam verzweifelt, bitte, komm mit, tu mir das nicht noch einmal an.
Ich streiche die Tränen aus seinem Gesicht, drehe mich um und renne davon. Draußen warte ich eine Stunde auf das Abheben seines Flugzeugs.
Meine Tasche ist nicht schwer, doch nach einer Weile schmerzt meine Schulter.
Winter
Manuel schläft tief und fest neben mir. Wenn ich mich zur Seite drehe, dreht auch er sich und hält mich in seinen Armen so fest, dass ich nicht atmen kann. Sein Körper ist wärmer als meiner, auch zieht er die Decke nicht über sein Gesicht, wenn er schläft, wie Adam es immer getan hat.
Als es ganz still wird, so still, dass die Gedanken zu laut werden, der Mund trocken, die Zunge schwer, verlasse ich die Wohnung.
Es ist noch zu früh, die Arbeit im Museum fängt erst in ein paar Stunden an. Der Mond sieht aus, wie ich ihn als Kind gezeichnet habe. Von der gepflasterten Straße sehe ich hoch in den dritten Stock, bemerke das Licht in der Wohnung hinter den Fenstern mit den vertrockneten Tomatensträuchern.
Es hat aufgehört zu regnen, und ich warte auf den Schnee. Der Brunnen ist zu hören, auf dem ein Löwe steht mit einem Speer. Das Wasser lässt sich fallen, es hat keine Wahl. Kerzen leuchten hinter anderen Fenstern, auch sie warten auf Weihnachten. Die meisten Fenster haben keine Vorhänge.
Hallo?, rufe ich leise durch die Laube, meine Stimme erklingt wie von weit her, sie zittert durch die Gassen.
Es antwortet niemand.
Die Gasse führt hinunter, sie macht einen kleinen Bogen nach links und mündet in eine größere Straße. Die Brücke ist mit Steinen gepflastert, unten fließt im Dunkeln der Fluss zäh wie Pech, die Laternen leuchten gelb.
Hinter dem Hochsicherheitszaun schlafen die Bären noch, Kameras bewachen sie. Erst kürzlich war ein geistig verwirrter Mann in das Gehege gesprungen und wurde dabei schwer verletzt. Ein Stacheldraht schützt zusätzlich das Gelände. Wenn die Bären nicht schlafen können, gehen sie im Kreis, als würden sie ihren eigenen Spuren folgen. Jetzt sind nur dunkelgraue Büsche zu sehen, die Nacht hat ihre Farben versteckt.
Über die dicke Mauer der Brücke hingen Adam und ich kopfüber, und ich ließ meinen Kaugummi ins Wasser fallen.
Jetzt erstickt ein Fisch daran, sagte Adam.
Eine Treppe führt hoch zum Obstbergquartier, wo es keine Restaurants oder Cafés gibt, wo Familien wohnen hinter den prachtvollen Fassaden. Wo kleine Roboter, die den ganzen Tag unermüdlich ihre Runden drehen, um den Rasen zu mähen, im Keller Winterschlaf halten.
Ich gehe an den Bären vorbei rechts die Straße hoch, von der zweiten Bank am Hang schweift mein Blick über die Stadt, zu den zwei Brücken, über die Dächer bis hin zum Münster.
Die Lichter der Stadt leuchten wie Glut in der Asche.
Wenn ich Schnaps getrunken hatte, fühlte sich der Wind auf dem Fahrrad weicher an, auch die Weite wirkte weiter, und die kleine Stadt wurde riesengroß. Ich konnte untertauchen zwischen unbekannten Menschen, deren Gesichter verschwammen. Sonst hatte ich Adleraugen, wie Manuel sagte, der kurzsichtig ist. Nicht einmal mit der Brille konnte er die Minuten auf der Anzeigetafel lesen. Wer zuerst erkannte, wann der nächste Bus fuhr, hatte gewonnen. Er brauchte meist sieben Schritte mehr. Manuel wollte sich die Brille nicht korrigieren lassen, fürchtete, danach noch schlechter zu sehen, die Augen könnten sich an die Korrektur gewöhnen und würden sich nicht mehr anstrengen. Manchmal ging er ohne Brille aus dem Haus, und ich zog ihn an der Hand hinter mir her. Beim belebten Eckcafé grüßte er, aus Angst unfreundlich zu wirken, in die verschwommene Menschenmenge. Irgendwer winke immer zurück.
Das violette Fahrrad stellte ich nach Mitternacht vor dem Museum ab, ging über den großen Parkplatz vor der ehemaligen Reitschule in das kleine Theater, wo ich Nikola in der tanzenden Menge suchte, Manuel blieb zu Hause, er kam vom Weihnachtsessen bei seinen Eltern.
Ich wärme dir das Bett vor, sagte er, bevor ich ging.
Die tanzenden Menschen auf der Bühne schob ich mit den Unterarmen zur Seite, zugleich trocknete ich ihren Schweiß an meiner Hose ab. Ein paar Betrunkene dösten auf den roten Stühlen, Rauch stieg zur Decke empor. Als ich meinen Blick von der Menge abwendete, stand er vor mir.
Hallo, sagte er.
Hallo, sagte ich.
So fing es an.
Ein Fremder kann über Nacht zur wichtigsten Person werden, dann verwandelt sich der gleiche Mensch ganz langsam über Jahre wieder in einen Fremden zurück.
Adam trägt ein Haus auf seinem linken Handrücken, ein einfaches Haus mit sechs Strichen, gerne würde ich mich darin verstecken. Das Haus hat keine Fenster, auch keine Tür.
Draußen fiel der Schnee, das erste Mal in diesem Jahr, auf mein Gesicht, ich machte die Augen zu, sein Atem wurde lauter neben mir.
Frohe Weihnachten, sagte ich.
Ich kannte sein Lachen nicht, alles war neu an ihm, anders als bei Manuel. Leiser und zurückhaltender, er sprach nicht viel, als müsste ich seine Gedanken lesen.
Du kommst mir bekannt vor, sagte ich, du siehst aus wie Edward mit den Scherenhänden.
Ich weiß nicht, ob das ein Kompliment oder eine Beleidigung ist, sagte er, und ich zog die Schultern hoch.
Wir seien uns schon oft begegnet, erzählte er. Das erste Mal habe er mich in der Unibibliothek gesehen, er wusste noch genau, was ich gesagt hatte, auch dass ich den blauen Schal meiner Mutter nie auszog und oft aufstand, um mir etwas zu trinken zu holen.
Einmal sei ich in die Straßenbahn Nummer neun gestiegen – bevor er nach meinem Namen habe fragen können, sei ich schon wieder draußen gestanden, in einem beigen Mantel und dunkler Hose.
Deine Lippe war verletzt, sagte Adam, und deine Haare bewegten sich vor deinem Gesicht, als ich dir nachsah.
Ich hörte ihm zu, als könnte ich mich nicht erinnern.
Auf dem grauen Parkplatz, wo im Herbst der Jahrmarkt leuchtet, die Karussells sich drehen, fiel der Schnee auf unsere Haare.
Sein langer Hals streckte sich, die helle Haut leuchtete im Mondlicht, das Schlüsselbein war gut sichtbar. Er war groß und schlank, mit dem Daumennagel kratzte er am Zeigefingernagel.
Einmal kreuzten sich unsere Wege, ich erinnere mich noch genau, wie Adam mich mitten auf der Straße an der Hand festhielt, Manuel zog mich weiter.
Wer war das?, wollte Manuel wissen.
Ich weiß nicht, sagte ich und schaute doch zurück.
Neben uns auf der Brücke hinterließ der Zug eine weiße Wolke, die sich zwischen den blattlosen Ästen auflöste. Die Ampel wechselte auf der Straße seine Farbe für niemand. Adam nahm einen Zug von der Zigarette und wirbelte mit dem Rauch die leichten Schneeflocken in der Luft. Es roch nach Urin, die große Bahnhofsuhr lief rückwärts oder blieb stehen. Auf der Steinbrücke setzten wir uns auf die Mauer.
Hast du Angst?, fragte ich.
Nein, sagte Adam.
Manuel wäre niemals auf die Mauer geklettert, auch betrunken nicht. Er konnte nicht einmal die Treppe des Münsters hochsteigen, ohne nach ein paar Metern wieder kehrtzumachen.
Adam ist Löwe, ich mochte Löwen nicht.
Er erzählte etwas von Herkules und dass in der jüdischen Mythologie der Löwe ein Symbol für den Messias sei, ich hörte seiner leisen Stimme zu. Schaute, wie sich sein Mund bewegte. Zeigte in den Himmel und sagte:
Neun Sterne, der hellste ist Refulus, das Löwenherz.
Ich zählte, wie oft er seine Augen zu und wieder aufmachte, dann lachte er, als sich meine Nasenspitze dabei bewegte. Von weitem hörte ich die Musik, neben dem Pfeifen im Ohr.
Manuel rief an, und ich schaltete das Telefon auf stumm. Gleich darauf leuchtete es in meiner Jackentasche.
Bevor ich ging, küsste ich Adams Wange, und sein Duft blieb an meinen Lippen kleben, auf denen ich den ganzen Nachhauseweg über kaute, bis es blutete. Es war sechs Uhr in der Früh, der Schnee setzte sich auf meine Wimpern, legte sich auf die leere Straße, auf die harten Kanten und machte sie rund. Meine Fußabdrücke hinterließen die ersten Spuren im Schnee.
Ich lebe im Stillstand, mit Adam im Kopf. Adam geht nicht weg.
Es ist nicht wirklich, sage ich immer wieder, es ist nicht wirklich.
Was ist nicht wirklich?, fragt Manuel, der meine Unterhose langsam über meine Oberschenkel streift.
Irgendwann schläft er ein, und ich gehe durch den langen Korridor in das große Wohnzimmer, um den Gedanken zu entkommen. Es funktioniert nicht.
An den Holztisch gelehnt sind zwei Stühle, auf dem alten Parkett vertrocknen Blumen in einer Vase, das Wasser beginnt nach Kanalisation zu riechen.
Im Büchergestell liegen Manuels Romane durcheinander. Schwere Bände über Filmgeschichte, die Fotobücher stapeln sich neben dem Regal.
Ich lasse mich auf das schwarze Ledersofa fallen, versuche zu lesen, um meiner Geschichte zu entkommen. Das Sofa lag auf der Straße, mit Manuel habe ich es durch die halbe Stadt getragen, er hat mich verflucht deswegen.
Die Wohnung ist klein, wenn die Fenster offen stehen, kann man den Brunnen hören mit dem Löwen darauf. Hinter den Fenstern sind die übrig gebliebenen Tomaten, manchmal kommt eine Krähe, um an ihnen zu picken.
Die Münsterglocke schlägt draußen laut die Stunden, drinnen bleibt die Zeit stehen.
Unter der Decke friere ich, die alten Fenster sind schlecht isoliert, es dringt kalte Luft ins Zimmer. Die Wohnung ist baufällig. Die Wände noch immer weiß. Ich drehe mich zu Manuel, um mich aufzuwärmen, der mich sofort in seine Arme nimmt.
Du bist ja eiskalt, sagt er, dabei dreht er seinen Kopf in die andere Richtung, um mir seinen Mundgeruch zu ersparen. Erst wenn er die Zähne geputzt hat, darf ich ihn küssen.
Nach kurzer Zeit ist das warme Wasser unter der Dusche aufgebraucht, ich spüle das Shampoo aus meinem Haar. Manuel schaut, während er die Zähne putzt, wie ich dusche, er duscht lieber allein.
Er ist größer als ich, sein Bauch kann sich aufblähen wie ein Ball, wenn er viel trinkt, seine braunen Haare sind immer verstrubbelt, er trägt eine fast unsichtbare Brille auf der Nase. Wenn er lacht, kann man all seine Zähne sehen, die Wimpern, dunkle Kränze, verkleben sich zu Dreiecken, wenn er weint. Ich habe ihn in den sechs Jahren nur zweimal weinen sehen. Einmal sagte ich zu ihm, dass ich nicht mehr mit ihm zusammen sein wolle, er ignorierte es, und so blieb es dabei, dass er bei mir wohnte. Er zog ein, als wir uns kennengelernt hatten.
Manuel bewegt seine langen Finger, auch die Zehen, als gehörten sie nicht zu ihm.
Schade, dass du heute nicht mitkommst, sagt er, es ist immer so langweilig bei meiner Familie ohne dich.
Seine Großeltern, Onkel und Tanten treffen sich zum Mittagessen bei seinen Eltern.
Ich muss arbeiten, sage ich, du schaffst das schon.
Niemand will nach Weihnachten im Museum arbeiten. Ich arbeite immer, wenn ich kann. Und das ist auch meine Ausrede, nicht zur Familie von Manuel mitgehen zu müssen.
Sein Bruder und ich verstehen uns nicht. Wenn er betrunken ist, macht er mir anzügliche Komplimente. Sein Vater war gelernter Hochbauzeichner, nannte sich Architekt, weil er sein eigenes Haus in einem abgelegenen Dorf mit Seesicht mitentworfen hat, worauf er stolz ist. Die Designermöbel stehen auf einem kalten Plattenboden, der immer glänzt, die offene Küche bietet viel Platz und freie Sicht zum Pool im Garten, der im Winter zugedeckt ist. Als Kind hat sich Manuel die Nase aufgeschlagen, als er hineinspringen wollte und ausgerutscht ist, er schlug mit dem Gesicht auf die Kante des Pools und musste mit vier Stichen genäht werden. Die Narbe ist noch sichtbar, und er erzählt die Geschichte jedes Mal, wenn wir dort sind.
Seine Mutter bedient die drei Männer, als wären sie Kleinkinder. In der Innenstadt führt sie ein kleines Lokal mit Delikatessen.
Als Kind dachte er wie ich, dass ihn die Eltern adoptiert hätten oder auf der Straße gefunden. Noch nie haben ihm seine Eltern gesagt, dass sie ihn lieben.
Das sei hier halt so, meinte Manuel immer, als müsste er sich dafür entschuldigen, überall gebe es andere Codes, andere Sitten, auch habe das nichts damit zu tun, dass ihn seine Eltern nicht lieben würden, sie würden es halt nicht aussprechen.
Manchmal lachen wir darüber, wenn mein Onkel mich anruft und sagt, wie sehr er mich liebe, vermisse, mir Komplimente macht. Dasselbe wäre bei seinem Vater und der Cousine übergriffig.
Auf dem Tisch im Aufenthaltsraum liegt ein Riegel mit Apfelgeschmack. Ich weiß nicht, wem er gehört, und esse ihn heimlich auf der Toilette. Die Verpackung lässt sich nicht hinunterspülen, so greife ich mit der Hand ins Wasser, wickle die Verpackung in Toilettenpapier, um sie zu entsorgen, ohne dass sie jemand sehen kann.
An der Wand hängt ein weißer Strand mit Palmen.
Ich trage meinen Namen in die Anwesenheitsliste ein, nehme das Namensschild mit Foto aus der Schublade, das ich über den Kopf ziehe. Der blaue Bändel passt nicht zu schwarz.
Nikola schläft unter der Treppe. Als ich ihn wecke, erschrickt er, Alice kommt und gewonnen, sage ich. Wer den anderen zuerst findet, gewinnt, nichts Konkretes, nur gewinnen, das ist mehr als genug.
Seine dunklen Haare streift er zur Seite, sie fallen auf seine Schultern. Wenn er lacht, zeigt sich die Zahnlücke. Seine große Nase steht etwas schräg im Gesicht, die Augen weit auseinander, seine langen Wimpern umrahmen einen sanften Blick. Sein Bart wächst fleckenhaft, deshalb lässt er seinen Schnurrbart wachsen. Auf der hohen Stirn ist eine Narbe sichtbar, als Kind habe ihn sein Bruder mit einem Messer bedroht, aber Nikola wollte die Puppe nicht hergeben, ihre Haare hatte sein Bruder bereits so kurz geschnitten, dass kaum mehr was geblieben war. Nikola wollte nicht, dass sein Bruder sie auszog, wie er das immer tat, ihr den Kopf, die Arme, sogar die Beine ausriss, um sie einzeln in der ganzen Wohnung zu verteilen. Nikola versteckte die kleine Puppe unter seinem Pullover, da habe sein Bruder zugestochen.
Ich habe ihm die Geschichte nie geglaubt.
Er stellt sich neben mich, vor das Gemälde des surrealistischen Malers, dessen Bilder manchmal so klein sind wie meine Hand.
Warum steht ihr beieinander?, fragt Alice, die Oberaufseherin.
Ich geh ja schon, sagt Nikola, reißt Grimassen hinter Alice. Als sie weg ist, schleicht er sich wieder zu mir, dahin, wo keine Kameras sind.
Nikola sagt: Wenn man das Gegenständliche malen kann, dachte sich der Künstler, kann man auch das Surrealistische darstellen.
Wir schauen uns die flüssigen Uhren auf seinem Telefondisplay an, versuchen die Zeit darin zu erkennen.
Mein Leben langweilt mich, sage ich.
Ein Leben kann nicht langweilen, sagt Nikola, du bist langweilig.
Eine blinde Frau steht mit ihrem Freund in der Eingangshalle, der ihr leise erzählt, was er sieht. Ich folge ihnen und höre ihm zu, manchmal schließe ich die Augen.
Im alten Teil des Museums hängt die Sammlung. Der Terrazzoboden mit seinen farbigen Ornamenten und eingearbeiteten Jahreszahlen zieht sich die Wendeltreppe hoch in den ersten Stock zu der nackten Frau im hellen Marmor. Ihr Blick wendet sich nie von der Sandsteinwand ab, die meisten Bilder hängen weit weg von ihr – sie kann ihren Kopf nicht drehen, um sie anzusehen. Kein Besucher kommt ihretwegen ins Museum. Die dicken Sandsteinmauern halten das Gebäude im Sommer kühl, im Winter warm.
Ich ziehe mir nach der Arbeit die Jacke an, so langsam, bis alle anderen gegangen sind, und schaue lange das Poster mit dem Palmenstrand an. Nichts bewegt sich, nur meine Augen.
Auf der Straße, die zum Bahnhof führt, drehe ich mich noch einmal um, lese den Satz, der in Neonschrift an der Fassade des Museums leuchtet.
VEDO DOVE DEVO.
Ich sehe, wo ich muss, übersetzt Google.
Das unsichtbare Sehen, sagt Manuel, der mich abgeholt hat, er hasst die Kälte, bleibt auf keinen Fall stehen, wenn er nicht muss. Er will sich keine Winterjacke kaufen, seine grüne Lederjacke trägt er das ganze Jahr über und zittert darunter.
Hör auf, mich zu belehren, sage ich, das nervt.
Ich mochte die Kälte schon immer lieber als die Wärme, der man ausgesetzt ist.
Manuel erzählt mir im Bett liegend ausführlich vom Tag bei seiner Familie, und ich bin froh, nicht dort gewesen zu sein.
Manchmal, sagt Manuel, war es ganz still, sodass es unangenehm wurde. Alle fragten nach dir.
Irgendwann schläft Manuel ein, und ich gehe spazieren.
Auf dem Vorplatz vor der ehemaligen Reithalle stehen betrunkene Jugendliche, unter der Eisenbahnbrücke stinkt es, ich halte die Luft an, bis ich im Innenhof des Theaterfoyers bin. Es ist schon fast zwei Uhr morgens. Auf die roten Sitze haben sich wieder ein paar Betrunkene gesetzt wie jedes Jahr am Tag nach Weihnachten, dafür füllt sich die Bühne mit tanzenden Menschen.
Adam ist nicht da, dennoch suche ich ihn in der Menge.
An der Bar bestelle ich einen Rotwein, der Tresen klebt unter meinen Handflächen.
«Manchmal gehe ich nur nach draußen, um von jemandem gesehen zu werden», steht mit einem Kugelschreiber geschrieben. Hinter der Bar ein weißes, naturgetreues Papppferd in Lebensgröße, das einen trompetenspielenden Affen trägt mit einem Blumenkranz auf dem Kopf.
Das Glas ist überfüllt, ich verschütte etwas auf den Tresen, auf die Zeilen, und setze mich auf einen der hochgeklappten roten Stühle, schaue den Rauchschwaden nach, wie sie in der Hitze aufsteigen in den hohen Raum, hier darf man noch rauchen. Ich habe schon geraucht, als ich noch nicht auf der Welt war, danach habe ich aufgehört.
Den Wein trinke ich in großen Schlucken, als könnte ich vergessen, die Gedanken bleiben im Hals stecken.
Auf der Steinbrücke lehne ich mich über die Mauer, die Aare fließt weit unten in Richtung Meer.
Ich wecke Anne mit meinem Anruf, entschuldige mich und lege wieder auf. Anne ruft zurück:
Einer Mutter dürfe man nicht auflegen, das sei, als würde man ihr ein Messer ins Herz stechen, so sagt sie.
Ihre Regeln vermehren sich von Tag zu Tag.
Als Kind bist du immer weggelaufen, wenn du nicht gekriegt hast, was du wolltest, sagt Anne.
Du läufst doch weg, Anne, wenn etwas nicht so ist, wie du es gerne hättest, sage ich, Baba wird nicht wiederkommen, aber du könntest bei mir sein.
Als ich zu Hause bin, schreibt mir Adam eine Nachricht, dass er mich suche im Theaterfoyer, mich nicht finde an der Bar, auch nicht auf den roten Stühlen, er sitze auf dem Geländer der Steinbrücke.
Ich lösche die Nachricht, ohne zu antworten, und schlafe ein.
Nikola schläft noch unter der Treppe, während ich den Raum im neuen Anbau beaufsichtige. Mein Telefon klingelt laut, ich stelle es auf leise, verschwinde auf der Toilette. Anne möchte wissen, wo ich bin, was ich mache und ob es Manuel gutgehe.
Nichts, sage ich, wie immer, ich bin im Museum und kann jetzt nicht sprechen, es geht mir gut. Manuel geht es auch gut.
Es schneie auf Babas Grab, sie käme fast nicht durch den Friedhof. Das Gebüsch auf dem Weg sei schon hoch genug, dann noch der Schnee.
Jeden Freitag bringt Anne Baba Blumen, die weit weg wachsen, sie betet im weißen Kopftuch, das ihre grau gewordenen Locken verdeckt, in einer Sprache, die sie nicht spricht.
Anne kniet auf den Boden, sie berührt den Grabstein, ihre Tränen sickern durch die Erde, landen eine nach dem anderen auf Babas Gesicht, so stelle ich mir vor.
Ich fühle mich einsam, will ich Anne sagen und schweige.
Schritte sind zu hören, ich wecke Nikola, der sich reckt und streckt, als läge er im weichen Bett. Nikola wartet nicht, auch nicht auf etwas Besseres.
Wie lange habe ich geschlafen?, fragt er.
Diese Scheißarbeit, sagt Nikola, ohne eine Antwort zu erwarten, stößt beim Aufstehen mit seinem Kopf an die Treppe, geht weiter, als hätte ich es nicht gesehen.
Was wollen wir hier eigentlich?, fragt er, während er sich den Kopf reibt.
Ich weiß es auch nicht, will ich antworten, doch er ist schon weg. Irgendetwas muss man ja machen, die Rechnungen zahlen sich nicht von allein.
Als ich den Vorhang etwas zur Seite ziehe, um aus dem Fenster zu schauen, leuchten die ersten Lichter auf der Brücke zu meiner Linken und auch auf der Brücke rechts vom Museum.
Zwischen den kahlen Ästen fließt leise die Aare, die man von hier aus nur im Winter sehen kann. Die dunklen Bäume zeigen sich nackt, erst jetzt zeigt sich ihr verletzliches Gerüst, das im Sommer hinter dem dichten Grün verborgen liegt.
Es ist, als würden die Bäume miteinander tanzen, so langsam, dass mein Auge ihre Bewegungen verpasst, sie bewegen sich genau dann, wenn ich blinzle. Vielleicht blinzeln wir auch nur, damit wir nicht alles sehen müssen.
Nikola arbeitet nur an Wochenenden und Feiertagen im Museum, an diesen Tagen verdient man mehr. Er spielt Gitarre in verschiedenen Bands, seine Eltern bezahlen sein Studium in Kunstgeschichte, die Wohnung auch, nur seine Versicherungen und den Rest muss er selbst bezahlen. Ich beneide Nikola um seine Sorglosigkeit. Mein Geld reicht knapp für die Miete, die ich mit Manuel teile. Im Museum kann ich nicht täglich arbeiten, die Arbeit ist schlecht bezahlt. Manuel verdient mit seiner Vierzigprozentanstellung als Assistent in der Universität weniger als ich.
Babas Leichentransport, die Reise und die Beerdigung haben so viel Geld gekostet, dass ich Jahre dafür brauchen werde, um es abzuzahlen. Der rote Mercedes muss auch noch bezahlt werden, obwohl er auf dem Schrottplatz gelandet ist. Babas Schulden bei einem Kriminellen auch, wo er sich Geld geliehen hatte, unser Geld reichte nie aus.
Ich mache das schon, habe ich Anne und meinen jüngeren Geschwistern versprochen, macht euch keine Sorgen.
Unter den Lauben gehe ich nach Hause. Der Stars Coiffeur hat noch geöffnet, der Friseur winkt mir aus dem Neonlicht im Laden, als ich vorbeigehe, wir haben noch nie miteinander gesprochen. Eine Frau lässt sich gerade von ihm die Haare färben, ein Kopfhörer steckt in seinem Ohr.
Im Mery’s Couture ist wie immer niemand, nur die Verkäuferin schaut auf ihr Handy. Im kleinen Kioskhäuschen unter dem Turm mit der großen Uhr kaufe ich einen Lottoschein, wie es Baba immer getan hat, ich trage wie er die Geburtsdaten unserer Familie ein, gebe sie der älteren Dame mit den blond gefärbten Haaren und wünsche ihr einen schönen Abend. Bis nächste Woche, sagt sie.
Bei Tong Fong sitzt Manuel und liest in einem Buch.
Wie immer?, fragt die Frau hinter dem Tresen, sie trägt eine Schürze und eine Haube, ihr Mann lächelt aus der Küche und winkt mir zu.
Wie immer, sage ich und warte unter dem grellen Licht auf den gebratenen Reis, den er in einem großen Wok zubereitet. Die Fenster laufen an, auch die Brille von Manuel, die er neben sein Buch auf dem Plastiktisch legt. Ich nehme aus dem Kühlschrank einen Saft und setze mich zu ihm.
Er sei beim Joggen an der Aare einem Kormoran begegnet, der einen Fisch hinuntergewürgt habe, der langsam in seinem Bauch verreckt sei. Manuel pickt an seinem Reis ohne Sauce und ohne Fisch, Zutaten, die er sonst immer nimmt. Auf dem Nachhauseweg liest er in seinem Buch weiter, während ich ihn führe.
Er ist tollpatschig und stolpert oft, auch wenn er nicht gerade am Lesen ist. Zu Hause lässt er alle seine Sachen liegen, Chaos stört ihn nicht, mich schon, und das führt oft zu Streit.
Manchmal bin ich sogar eifersüchtig auf seine Bücher, mit denen er vorsichtig umgeht, keine Seite faltet, sie behandelt, als wären sie aus Porzellan. Wenn ich in einem seiner Bücher lesen will, gibt er mir Anweisungen, wie ich blättern soll, nicht an den Ecken, das gäbe Eselsohren.
Ein Tag nach Weihnachten kam Adam, als ich das Museum verließ. Zuerst erkannte ich ihn nicht von weitem. Ein Punkt, ein Strich, ein Mensch, ein Mann, Adam stand vor mir. Seine Hände steckten im dunklen Mantel, dessen Kragen nach oben gerichtet war.
Wer ist das?, fragte Nikola, als wir vor dem Museum standen, so nervös habe ich dich noch nie gesehen.
Der von gestern, ich wusste nicht, dass er kommt, sagte ich.
Ich habe ihn mir anders vorgestellt, als du von ihm erzählt hast, der sieht total langweilig aus, schau wie er geht, wie in einer Slo-Mo-Einstellung, sagte Nikola, bevor er ging.
Du hast mich fast verpasst, sagte ich, als Adam vor mir stand.
Er streckte seinen Finger aus und zeigte mir einen Schneekristall. Ich schob seine Hand etwas weg, da ich die Augen so nah nicht fokussieren konnte.
Ob es nicht beeindruckend sei, fragte ich, dass in den Wolken ein sechseckiger Kristall entstehe, der sich immer wieder umformt, sich weiterentwickelt.
Und je feuchter die Luft, desto lockiger meine Haare, sagte ich.
Vor der ehemaligen Schule drang laute Musik aus der alten Turnhalle, drinnen tanzten Menschen. Er schlug sich die Nase an der Scheibe, ich lachte laut. Es war ihm unangenehm, das brachte mich noch mehr zum Lachen.
Am Kalkbrunnen vorbei, über den leergefegten Platz, wo sich immer an derselben Stelle eine Pfütze bildet, wenn der Schnee schmilzt, am Theater im Turm vorbei zum mittelalterlichen Wehrturm, der nicht mehr beschützt, nur noch die Zeit anzeigt. Der goldene Glockenspieler schlägt die Uhr zu jeder Stunde, wo er von den Touristen fotografiert wird, die vom vorbeifahrenden Bus überrascht werden. Die Touristen bewegen sich erst wieder weg, wenn das Spiel ein Ende nimmt, dann verteilen sie sich in der Stadt.
Ein Tag nach Weihnachten waren die Straßen menschenleer, es war Sonntag an einem Dienstag.
Die Bären schliefen schon länger.
In der Junkernbar kaufte er sich Zigaretten, wir tranken Wein neben der Musikbox, in die wir unser ganzes Kleingeld warfen und laut mitsangen. Langsam leerte sich die Bar.
Ich schaute mir die verschiedenen Krankheiten auf den Zigarettenpackungen an, die verfaulten Zähne, schwarzen Lungen, Missbildungen bei Ungeborenen.
Seine Eltern waren Bauern, dort geboren, wo sie heute noch leben, im selben Dorf, im Haus der Großeltern, das sie geerbt hatten. Die Berge seien nah, ein Bach fließe in die Aare, erzählte Adam, als ich ihn nach seiner Familie fragte.
Ich habe einen Bruder, auch eine Schwester, wir sehen uns sehr selten, sagte ich, seit mein Vater tot ist und meine Mutter zurück dahin, wo die Bistrica durch die Stadt fließt, wo Baba begraben liegt.
Manuel hatte versucht, mich zu erreichen. Acht Stunden waren vergangen, seit Adam vor dem Museum aufgetaucht war und wir nur ein paar Schritte gehen wollten.
Plötzlich stand Manuel in der Bar, er hatte mich in der ganzen Stadt gesucht, sich Sorgen gemacht, mich zu Hause erwartet, für uns gekocht.
Wer ist das?, was machst du hier?, wollte er wissen. Manuel zog mich wütend am Arm aus der Bar.
Willst du mich verarschen?, fragte Manuel, wer ist dieser Typ?
Er arbeitet mit mir, log ich in der Not.
Mach jetzt bitte keinen Aufstand, das ist so peinlich, sagte ich wütend.
Als ich in der Bar meine Jacke holte, entschuldigte ich mich bei Adam, das war mein Freund, sagte ich, ich muss jetzt gehen, es war schön mit dir, aber wir können uns nicht wiedersehen. Er hielt meine Hand und sagte, dass er sich in mich verliebt habe, ich erstarrte für einen kurzen Moment.
Adam blieb sitzen mit unseren halbvollen Gläsern und meinem Namen, den ich auf den Rand eines Zuckerbeutels geschrieben hatte.
In der Junkernbar sitzt Paul an einem runden Tisch neben einem großen Glas Bier und liest in einer Zeitung. Seine Stoffhose ist etwas zu weit, die Hosenträger über dem weißen Hemd. Seine Weste hat ein Loch am Ellbogen, die Lederschuhe glänzen. Seine weißen Haare versteckt er unter einem Filzhut. Die weiteren Tische stehen leer, der Kellner poliert die Gläser, er wirft das Handtuch über seine Schulter, während er mit Paul spricht, der sich über die Bar lehnt. Paul schaut aus dem Fenster. Er nimmt einen Schluck von seinem Bier, danach wischt er sich mit dem Handrücken den Schaum vom Mund.
Er lächelt, als er mich in den Lauben entdeckt, und winkt hinter der Scheibe. Ich habe keine Lust auf eine Diskussion, doch ich möchte nicht unhöflich sein und betrete die Bar, setze mich zu Paul, bestelle einen Kräutertee, in der Hoffnung, müde zu werden. Paul bestellt noch ein großes Bier und legt seinen Filzhut auf den Tisch.
Manchmal verschluckt mich die Nacht. Meistens rettet Paul mich aus der Stille und lässt mich für einen Moment vergessen.
Eine Maus kriecht unter dem Tisch durch, sucht nach Resten des Tages, ich ziehe meine Beine hoch.
In den Bergen riss ein Wolf zwei Schafe, dazu eine Ziege. Nun wollen die Bewohner eine Abschussbewilligung, den Tod des Wolfes. Paul lacht laut mit der Zeitung in seinen Händen. Er legt sie auf den Tisch, ein Foto zeigt einen Wolf in einem Wald.
Aber damit will ich Sie nicht langweilen, bitte entschuldigen Sie, sagt Paul.
Ich verschütte heißen Tee über meinen grauen Pullover, der so viele Löcher hat, dass der Versuch, ihn zu flicken, sinnlos wäre. Das passiert oft, sage ich zu Paul, ich glaube, mein Mund ist nicht richtig geformt.
Paul greift nach einer Postkarte, die zwischen den Zeitungen liegt. Die dritte Version der Toteninsel, habe er in der Alten Nationalgalerie gesehen. Sie tauche nebenbei in bedeutenden Werken auf, so viel sei über sie geschrieben und gesagt worden, dass ihm die Worte fehlen würden, etwas Neues zu denken. In jeder Version stehen die Spitzen der Zypressen anders, der Wind weht anders. In einem Museumsshop habe man Schirme mit einem Aufdruck davon kaufen können, Paul schüttelt den Kopf, während er einen großen Schluck nimmt.
Man fürchtet sich vor der Schönheit, will auf keinen Fall trivial sein oder gar sentimental, sage ich.
Paul verschluckt sich, er hustet laut.
Da will wer widersprechen, sagt er lachend, ich glaube sogar zu wissen wer, Sie erinnern mich an meine verstorbene Freundin, sie widersprach mir immer, auch wenn sie derselben Meinung war.
Das würde Manuel unterzeichnen, er wirft mir vor, aus Trotz immer die Gegenposition einzunehmen.
Was haben Sie gesagt?, fragt Paul.
Dass man sich vor der Schönheit fürchtet, sage ich.
Ach ja, das ist gut, dass man sich vor der Schönheit fürchtet, denn die kann gewaltig sein, sagt Paul.
Die ganze Welt steht in Flammen, nur sie könnte ihn retten, erklingt aus den Boxen. Der weiße Plattenboden ist nass geworden und der Ledersessel auch. Kopien von bekannten Künstlern hängen an den gelb gestrichenen Wänden, nicht wie im Museum. Die Zeichnung einer nackten Frau klebt schräg in einem schwarzen Rahmen, der nicht passt.
Die Musik erlaubt mehr Kitsch, sage ich, Paul lacht laut.
Allerdings, sagt er.
Wenn Paul ein Tier wäre, dann wäre er eine Maus, vor allem, wenn er lacht.
Im Eingangsbereich des Museums steht jede Woche eine neue Blumenkombination. Jetzt sind da Äste, die gelbe Mascarabürsten tragen.
Ich streife mit dem Zeigefinger darüber, er leuchtet gelb, und tusche meine Wimpern mit den weichen Bürsten der Pflanze, kneife dabei die Augen auf und zu.
Tränen rollen über mein Gesicht, ich kann nicht zur Toilette, muss beim Eingang stehen bleiben, mit einem Zähler in der linken, einem Notruftelefon in der rechten Hand, bis Nikola kommt, um mich abzulösen. Die Augen brennen stark.
Nikola übernimmt den Zähler in die linke Hand, das Notruftelefon in die rechte.
Alles wird gut, sagt er, was hast du wieder gemacht?, und ich steige, ohne zu antworten, die Treppen hinunter zu den Toiletten, wasche mir das Gesicht so lange, bis Haare, Pullover, Hose und Schuhe nass geworden sind. Auch die weiße Ablage ist nass geworden.
Ich sehe aus wie Vadas bester Freund Thomas J., der stirbt, als er von den Bienen gestochen wird auf der Suche nach ihrem Ring, den sie im Wald verloren hat, sage ich.
Nikola schüttelt seinen Kopf, nein, sagt er, Thomas J. ist zu süß, das ist kein guter Vergleich, außerdem stirbst du nicht daran.
Als ich mir diesen Film mit Manuel anschaute, sagte er mit Tränen in den Augen, dass er berührend und traurig sei, die Kinder würden beeindruckend spielen, aber gut sei der Film deswegen noch lange nicht.
Meine Mittagspause verbringe ich in der Notaufnahme. Hier hatte Baba plötzlich aufgehört zu atmen, seine Hand wurde kalt in der meinen. Das Zimmer im Krankenhaus war hell beleuchtet, und draußen wurde es immer dunkler. Onkel Edo überredete mich, ins Zimmer zurückzugehen, um mich von Baba zu verabschieden, zuerst wollte ich das nicht, ich wollte ihn so nicht sehen, erkannte ihn nicht im grellen Licht.
Wo ist Baba?, schrie ich Anne an, sie sagte nichts, niemand sagte etwas. Wo war sein Lachen? Wo sein Ausdruck? Seine zwei kleinen Falten zwischen den Augen waren verschwunden. Ich lief, so schnell ich konnte, aus dem Zimmer, vor dem Krankenhaus setzte ich mich an die frische Luft. Es war der erste September, Baba sechsundvierzig Jahre alt und seine Haare schwarz, er sollte sterben, bevor sie grau wurden.
Beim ersten Mal, als ich Baba nicht erkannt habe, war ich ein Kind gewesen. Bei der Arbeit hatte er sich Verbrennungen dritten Grades zugezogen, er war an einem Strommast hochgeklettert und wollte die Leitungen reparieren.
Als er wieder zu sich kam und wir ihn im Krankenhaus besuchten, erkannte ich ihn nicht. Ich schrie und weinte. Ich bin hier, sagte Baba, ich bin hier, hab keine Angst, meine Haare werden wieder nachwachsen. Jeden Abend strich Anne ihm Schweinefett auf die verbrannte Haut und wickelte seinen Körper ein. Der strenge Geruch liegt mir wieder auf der Zunge.
Ich weiß nicht mehr, welches Wetter damals war oder welche Jahreszeit. Ich weiß nur, dass Baba nicht mehr antwortete. Er lag auf dem Rücken, sein Brustkorb bewegte sich nicht, auch unter seinen Augenlidern. Irgendwann schwieg er für immer, und seine Stimme verschwand mehr und mehr aus meinem Ohr.
Manuel trifft ein, als Anne anruft, sie richtet herzliche Grüße aus von Leuten, die mir fremd sind.
Es gehe mir gut, Manuel sei da, ich müsse jetzt auflegen, sage ich.
Manuel fragt, ob ich Schmerzen habe, und wischt die Tränen von meiner Wange.
Nein, sage ich.
Als würdest du eine erfundene Sprache sprechen, so klingt es für mich, wenn du mit deiner Mutter sprichst, sagt Manuel.
Er packt ein Buch aus seiner Tasche, der Bus kommt in zwei Minuten, und es nervt mich, dass er jetzt zu lesen anfangen muss. Er steigt lesend ein, liest stehend weiter, liest beim Aussteigen. Er merkt gar nicht, dass ich auf der Straße stehen bleibe, erst nach ein paar Schritten dreht er sich um und ruft nach mir.
Ich bin kein Hund, sage ich.
Die Lichterketten werden entfernt, die Sterne in Kisten verpackt. Der Ausverkauf beginnt in den Läden, die Menschen stürzen sich auf die Schnäppchen in den Wühlkisten. Das alte Karussell wird zerlegt, der Glühweinstand verschwindet wie die Straßenmusiker. Der Schnee schmilzt in die Straßenabläufe, und die Fahrräder rosten langsam in der Kälte vor sich hin.
Es wird still, so still, dass ich zu summen anfange auf der Straße.
Green Grass, sagt Manuel und fängt an zu singen.
Als Adam unerwartet anruft und ich ihn wegdrücke, schaut Manuel skeptisch auf mein Telefon.
Du hast mir versprochen, sagt er, dass du ihn nicht mehr triffst, dann läuft er wütend davon.
Das tue ich auch nicht, ich habe keinen Kontakt mehr mit Adam, ich reagiere nicht auf seine Anrufe und lösche seine Nachrichten, ohne sie zu lesen.
Die Zeit heilt alle Wunden, so sagt man doch, also warte ich.
Was ich so lange mache, wollte Manuel wissen, er schrie meinen Namen.
Ich war aufgeregt, Adam wartete auf mich, ich war zu spät und wusste nicht, was ich anziehen sollte.
Manuel wollte mich begleiten, ich sagte, dass ich spazieren gehen würde und allein sein wolle. Es gefiel mir nicht, wie er mich kontrollierte. Wir stritten immer öfter, wie an diesem Abend. Ich schlug die Tür hinter mir zu und ging. Manuel hasste es, wenn ich das tat. Er war hilflos und ich fühlte mich schrecklich.
Die Absätze klopften draußen im Takt meines Herzschlags, ich ging schnell unter den Lauben neben Adam, meine Gedanken waren bei Manuel. Wahrscheinlich suchte er mich, wie er es immer tat, wenn ich weglief. Ich wollte ihm keinen Kummer bereiten und tat es doch.
Meine rechte Hand ist immer kälter als die linke, ich wärmte sie auf in der linken und hauchte warmen Atem in die Faust. Adam nahm meine rechte Hand und steckte sie in seine Jackentasche. Ich zog ein Päckchen hervor. Vortioxetin, las ich laut.
Was ist das?, wollte ich wissen.
Das ist nichts, sagte er.
Ich fragte nicht weiter.
Ein fahrender Zug leuchtete in der Ferne, und unsere Schatten schrumpften der Laterne entgegen, die uns den Weg zeigte, dann wuchsen sie wieder vor uns, je weiter wir uns von ihr entfernten.
Manuel schrieb mir eine Nachricht, er wollte wissen, wann ich nach Hause käme. Ich fühlte mich schlecht beim Lügen, doch die Wahrheit hätte alles noch schlimmer gemacht. Es war auch nichts, Adam und ich gingen bloß spazieren. Das war alles. Manuel hatte mir verboten, Adam zu treffen, er wollte mich nur für sich, als könne man einen Menschen besitzen.
Ich lasse mir nichts verbieten, und besitzen kann man mich auch nicht, habe ich Manuel gesagt, doch es schien, als hörte er mir nicht zu.
Adam fragte nicht, wem ich schrieb, und ging wortlos neben mir her. Vielleicht wollte er es auch nicht wissen, weil er meine Antwort fürchtete.
Manchmal berührten sich unsere Hände beim Gehen.
Die Biber haben die Bäume angenagt, die nun eingezäunt werden müssen. Ein Weg führte zu der Steinbrücke, den Hügel neben den Bären hoch, an den nackten Platanen vorbei zur zweiten Bank. Wir lasen Rindenstücke der Platanen vom Boden auf und drückten sie an den Stellen in den Baumstamm, von denen sie abgeblättert waren.
Heute ist ein Otter an mir vorbeigeschwommen, der wahrscheinlich aus dem Tierpark entflohen ist, sagte Adam.
Das ist ein Zeichen, sagte ich, bevor ich weitersprechen konnte unterbrach er mich.
Es war nur Zufall, sagte Adam, und ich war etwas enttäuscht über seine Antwort.
Im Kino an der Aare saßen wir auf einem Sofa, ganz hinten in der Ecke.
Vorne sitze ich allein, da sitzen nur die, die als Erste das Bild zu Gesicht bekommen wollen, um mit Nackenschmerzen aus dem Kino zu gehen. Der Schmerz macht die Realität, sonst existiert nichts im Kino. Je weiter hinten man sitzt, desto kleiner wird das Bild, in der Mitte sitzen die, das Bild in der Größe einer Postkarte betrachten, wie Manuel. Noch weiter hinten eine Briefmarke, eine Briefmarke reicht zum Küssen.
Durch die großen Fenster schaute ich, wie sich das Licht auf das Wasser legte. So langsam, dass ich es nicht sehen konnte. Plötzlich wurde es dunkel, genau in dem Augenblick, als ich die Augen schloss. Die Bäume verwandelten sich in dunkle Monster hinter der Spiegelung unserer Gesichter, die Aare trug das Licht mit sich davon, noch bevor die Vorhänge gezogen wurden und der Film anfing.
Als Adam auf der Toilette war, googelte ich und las: Vortioxelin ist ein antidepressiv wirkender Arzneistoff mit multimodalem Wirkmechanismus.
Wir saßen noch lange im Dunkeln, nachdem alle den Saal verlassen hatten.
Ich kann das nicht, sagte ich zu Adam, ich muss gehen.
Und warum bist du dann hier?, fragte er und wollte mich wieder küssen.
Ich stieß ihn weg, stand auf und ging hinaus.
Als er mir folgte, rannte ich weg.
Warte, schrie er, warte, bitte!
Hinter einem Baum sah ich, wie er mich suchte, nach mir rief. Ich wartete, bis er weg war, bevor ich nach Hause ging.
An den Film kann ich mich nicht mehr erinnern, an Adams Blick ganz genau.
Manuel lag mit einem Buch auf dem Sofa und war eingeschlafen, als ich mich umzog, erwachte er. Ich erzählte, dass ein Otter an mir vorbeigeschwommen war.
Das ist ein Zeichen, sagte Manuel, er wollte dir dein Schicksal voraussagen, doch was wollte er nur? Manuel setzte sich auf und überlegte laut.
Ob sonst noch etwas im Wasser lag, wollte er wissen, ein Blumenstrauß, kam mir in den Sinn, den hatte ich fast vergessen.
Das ist sehr interessant, sagte Manuel, sehr interessant, wiederholte er.
Es ist nur Zufall, sagte ich.
Nein, sagte Manuel, nichts passiert zufällig.
Darmowy fragment się skończył.