Czytaj książkę: «Die Fischerkinder. Im Auge des Sturms»

Teil 1: Das verbotene Buch
Teil 2: Im Auge des Sturms
Melissa C. Feurer

Im Auge des Sturms
Roman

Für Mama – die geduldige Lektorin und Leserin
meiner allerersten Schreibversuche

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
ISBN 978-3-96140-091-1
© 2018 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfoto: fotolia artyway; fotolia Martin Capek; fotolia Oleksandr Moroz
Satz: Brendow Web & Print, Moers
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018
www.brendow-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Kapitel 1: Schlaflose Nächte
Kapitel 2: In der Falle
Kapitel 3: Die Flucht
Kapitel 4: Angst
Kapitel 5: Unter der Oberfläche
Kapitel 6: In Flammen
Kapitel 7: Vacabunite
Kapitel 8: Im Untergrund
Kapitel 9: Das Medium
Kapitel 10: Überwachung
Kapitel 11: Simons neue Aufgabe
Kapitel 12: Das Versprechen
Kapitel 13: Mit Gottes Hilfe
Kapitel 14: Der Rat der Rebellen
Kapitel 15: Untergetaucht
Kapitel 16: Ein verzweifelter Plan
Kapitel 17: Der Kronprinz
Kapitel 18: Zukunftspläne
Kapitel 19: Technische Fortschritte
Kapitel 20: Auf dem Gründerball
Kapitel 21: In die Tiefe
Kapitel 22: Heldenhaft
Kapitel 23: Landesflucht
Weitere Informationen
Kapitel 1
Schlaflose Nächte
Mira schlug das Herz bis zum Hals, als sie die gläserne Tür aufstieß und in die Kühle des Ladens trat. An den Wänden stapelten sich Konserven, vor ihr erstreckte sich eine ganze Insel mit welk aussehendem Gemüse. Es war schwer zu sagen, wie weit der Raum nach hinten reichte. Vom grellen Sonnenlicht draußen war Mira geblendet. Ihre Augen hatten sich noch nicht an das orangestichige Flackern aus den Röhren an der Decke des Ladens gewöhnt. Doch wenn sie an das kleine Geschäft in Leonardsburg dachte, in dem sie und ihre Familie für gewöhnlich die wertvollen Rationskarten gegen Lebensmittel eingetauscht hatten, dann wurde ihr von der Größe dieses fremden Ladens regelrecht schwindlig.
Cem, benannt nach ihrem allerersten Präsidenten − lange vor Beginn der Monarchie − gehörte zu den größten Städten des Landes. Mira hatte im Staatsgeografieunterricht alles über Einwohnerzahlen, Bevölkerungsdichte und Infrastruktur gelernt, aber die Stadt mit eigenen Augen zu sehen war etwas ganz anderes. Sie war nur wenige Kilometer von Leonardsburg entfernt, und doch war Mira nie hier gewesen. Im Vergleich zu Cem erschien ihr Heimatort ihr plötzlich wie ein Dorf. Felder und Armenviertel waren um ein Vielfaches größer als die beschaubare Innenstadt von Leonardsburg, in deren Sicherheit Mira aufgewachsen war – ehe sie eine verbotene Schrift gestohlen, ein Fischerkind und damit Teil einer illegalen Kleinstgruppe geworden und durch den Verrat ihrer besten Freundin zur Flucht gezwungen worden war.
Ein hysterisches Lachen bahnte sich den Weg durch Miras Kehle hinauf. Nur mit Mühe konnte sie es hinunterschlucken. So betrachtet sollte der Kauf von ein wenig Wasser, Brot und Verbandsmaterial keine große Sache für sie sein. Das Problem war das kleine Plastikbändchen an ihrem Arm. Ihr Ausweis, den sie an der Kasse würde scannen müssen. Ihr Ausweis, der möglicherweise einen Alarm auslösen würde, weil sie eine flüchtige Siebzehnjährige war, die in Verdacht stand, mit einer konspirativen Kleinstgruppe unter einer Decke zu stecken. Gleich nachdem ihre Eltern sie als vermisst gemeldet hatten, musste diese Information binnen Sekunden landesweit über die staatlichen Computer verbreitet worden sein. Das Einlesen ihrer neunstelligen ID würde sie verraten, und sie hatte keine Ahnung, wie viel Zeit ihr dann blieb, um − egal ob mit oder ohne die bezahlten Güter − zu fliehen. Vielleicht gar keine.
Um ihren zum Zerreißen angespannten Nerven eine Chance zu geben, sich zu beruhigen, trat sie an ein Regal und gab vor, dessen Inhalt mit Interesse zu studieren. Sie hoffte, dass sie wie eine ganz normale spätnachmittägliche Kundin aussah, die nach Dienst- oder Schulschluss den Wocheneinkauf für die Familie erledigte.
Und wenn sie sich weigerte, ihr ID-Band zu scannen? Oder wenn sie nur so tat, als ob? Natürlich entsprangen diese Überlegungen nur ihrer Angst. Mira wusste genau, dass sie mit einem solch billigen Trick nicht davonkäme. Es war unvermeidlich, das Armband zu scannen, und eigentlich − so viel stand fest − sollte sie deshalb schlichtweg nicht hier sein. Es wäre besser, sich von Regenwasser und Feldfrüchten zu ernähren, ja, wahrscheinlich sogar besser, zu verhungern, als aufgegriffen zu werden.
Seit Tagen diskutierte sie mit Chas über diesen Punkt. Er war völlig aus dem Häuschen gewesen − sofern man bei einem so beherrschten Menschen von solch einer starken Gefühlsregung überhaupt sprechen konnte −, dass Mira noch das Armband trug, das sie als legale, existierende und vor allem handelsfähige Bürgerin auswies.
„Das wird uns nur nichts bringen“, hatte Mira geseufzt, als er sie darauf hingewiesen hatte. „Es ist nämlich auch eine tickende Zeitbombe. Besser, ich werde es gleich los.“ Augenblicklich hatte sie Anstalten gemacht, sich das Plastikband vom Handgelenk zu reißen, doch Chas hatte entsetzt ihren Arm ergriffen.
„Wir werden es noch brauchen“, hatte er heftig widersprochen. „Du kannst Lebensmittel damit kaufen. Und Wasser. Vielleicht rettet es uns das Leben.“
„Vielleicht liefert es mich aber auch ans Messer.“ Mira hatte ihm ihren Arm entzogen. „Meine Eltern hatten genug Zeit, mich als vermisst zu melden. Da werde ich mit diesem Ding gerade noch in einen Laden spazieren und es unter einen dieser Scanner halten.“
Chas hatte dazu reichlich wenig gesagt, aber Mira hatte das Bändchen dennoch nicht weggeworfen. Nicht weil sie vorgehabt hatte, es jemals wieder zu benutzen − sie war ja nicht lebensmüde −, sondern um Chas nicht unnötig aufzuregen. Die Brandwunde, die er sich bei ihrer Flucht zugezogen hatte, setzte ihm schon genug zu.
Diese Verletzung war der Grund, warum Mira nach langem Hin und Her in einem Lebensmittelgeschäft in Cem stand und Konserven studierte. Zu hungern, am Morgen nicht zu wissen, was sie im Verlauf des Tages essen sollten − damit konnte sie für eine Weile leben. Aber Chas war verletzt. Ein solches Landstreicherleben war nichts für jemanden mit einer entzündeten, kräftezehrenden Wunde.
Mira starrte auf ihre eigenen zitternden Hände, während sie zwei Flaschen mit Wasser und einen Laib in Papier gewickeltes Brot auf den Tresen legte.
Der Mann an der Kasse sah von seinen Unterlagen auf, über denen er brütete, seitdem Mira den Laden betreten hatte. Er war ausgesprochen ordentlich gekleidet. Neben seinem Hemd hatte Miras Bluse einen deutlichen Gelbstich, und sie hoffte, dass ihm die Risse an ihren Ellbogen nicht auffielen. Ihr braunes Haar war vielleicht ordentlich geschnitten; immerhin hatte sie bis vor Kurzem in der wohlorganisierten Innenstadt von Leonardsburg gelebt und zumindest augenscheinlich ein rechtschaffenes Leben geführt. Aber sicher sah man deutlich, dass es schon seit Tagen nicht mehr gewaschen worden war. Sie spürte, wie es ihr strähnig in die Stirn hing, und widerstand nur mühsam dem Drang, es zurückzustreichen.
„Ist das alles, was Sie brauchen?“ Mira hatte den Eindruck, den Ladeninhaber mit ihrem Einkauf eher zu belästigen. Vielleicht machte man in einer Stadt wie Cem keine solch bescheidenen Besorgungen. Mira hätte beileibe mehr gebraucht. Gemüse oder Obst, das Chas half, wieder zu Kräften zu kommen, einen Rucksack, um ihre wenigen Habseligkeiten zu verstauen, desinfizierende Salbe. Aber sie hatte nur eine einzige Rationskarte übrig.
„Fast alles.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Haben Sie Verbandsmaterial?“
Der Mann ließ den Stift sinken und seufzte. „Pflaster oder Verbände?“, fragte er und erhob sich.
„Verbände.“ Mira nestelte, nun, da sie ihre Einkäufe abgelegt hatte, an ihrem Ausweisband herum.
„Scan es doch schon einmal“, wies der Verkäufer sie an, während er sich an einem Schrank hinter dem Tresen zu schaffen machte.
Mira zögerte. Ihr Plan war es gewesen, nach dem Scannen ihres Armbands so schnell wie möglich das Weite zu suchen. Aber nicht ohne das Verbandsmaterial, das Chas so dringend benötigte. Wenn sie zur Flucht gezwungen war, ehe sie die Verbände hatte, wäre alles umsonst gewesen.
Der Mann hinter dem Tresen öffnete einige Kartons im Inneren des Schrankes. Mira zog die Rationskarte aus ihrer Tasche, strich sie sorgfältig glatt und legte sie neben ihre Einkäufe.
Aber dann hatte sie keine Ausrede mehr. Umständlich schob sie ihren Ärmel zurück und streckte das Handgelenk unter das blaue Licht des Scanners. Ein Klicken ertönte, und Mira fuhr zusammen. Sekundenlang herrschte Stille. Erst als der Mann eine knisternde Packung Verbände auf den Tresen fallen ließ, wurde Mira bewusst, dass sie den Atem angehalten hatte. Wie versteinert starrte sie auf den silbernen Scanner. Kein Alarm erschallte. Gar nichts geschah.
„Na dann“, sagte der Mann und lehnte sich wieder über seine Unterlagen. „Auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen.“ Der Scanner verschwamm vor Miras Augen, und ein dicker Kloß bildete sich in ihrer Kehle. Hastig raffte sie ihre Einkäufe zusammen, presste sie an den Körper und rannte Hals über Kopf aus dem Laden.
Ihre Eltern hatten sie nicht gemeldet. Mira rannte den ganzen Weg zu dem Versteck, in dem sie Chas zurückgelassen hatte, und konnte an nichts anderes denken. Der neunstellige Code auf ihrem Armband war ein Fingerabdruck ihrer Identität. Alles, von ihrem Bürgerstatus über ihre Noten im Staatsunterricht bis hin zu jedem noch so kleinen Einkauf, den sie je getätigt hatte, war damit einsehbar. Vorstrafen, eingeschränkte Rechte, verdächtige Verhaltensweisen − alles wurde gespeichert. Ihr Code hätte einen Alarm auslösen oder zumindest eine Warnung an den Ladenbesitzer abgeben müssen, dass sie auf der Flucht war und aufgehalten werden musste.
Und die einzige Erklärung, warum das nicht passiert war, war die, dass ihre Eltern sie nie als vermisst gemeldet hatten. Dass sie immer noch so taten, als befände sich ihre Tochter mit einer ansteckenden Krankheit in ihrem Zimmer und habe das Haus nie verlassen.
Aber warum? Ihre Mutter hatte ihr geholfen, zu fliehen. Sie hatte Mira sicher wissen wollen. Aber ihr Vater, der nichts so sehr liebte wie den Staat und seine Gesetze … war auch er zum Lügner geworden, um sie zu decken?
„Was ist passiert?“ Chas richtete sich auf, als Mira nach Luft ringend ihr Lager erreichte und fast über ihn stolperte. Sie konnte nicht antworten. Ihre Kehle war zu eng und die Atemluft zu knapp.
Sie ließ sich neben Chas auf den Boden sinken und presste beide Hände an ihren stechenden Brustkorb.
„Haben sie dich verfolgt?“ Chas schloss die Finger seiner unverletzten Hand um ihre Schulter und zog Mira tiefer hinter die grüngelb wuchernden Wände ihres Verstecks. Er hatte von Anfang an darauf bestanden, dass sie ihr Lager verborgen hinter den langen Halmen eines Gerstenfeldes aufschlügen. Sorgfältig hatte Mira gerade so viel Fläche des wertvollen Getreides flach gedrückt, wie sie unbedingt brauchten.
Chas machte Anstalten, aufzustehen, aber Mira schüttelte den Kopf. „Meine Eltern“, krächzte sie, als sie wieder halbwegs Luft bekam. „Sie haben mich nicht gemeldet.“ Erneut stiegen ihr Tränen in die Augen. „Oh Gott, sie riskieren Kopf und Kragen für mich.“
Sie spürte, wie Chas’ Griff um ihre Schulter sich löste. Stattdessen wanderte seine Hand an ihre Wange und umschloss warm ihr Gesicht. Nur Chas konnte so viel Trost in eine so simple Berührung legen. „Weil sie dich lieben“, sagte er leise. „Du würdest das Gleiche für sie tun. Und für die anderen. Oder mich.“
Ein kleines Lächeln stahl sich auf Miras Lippen. „Für dich habe ich schon Kopf und Kragen riskiert.“ Sie schniefte und schob den Gedanken an ihre Eltern mühsam beiseite. „Ich hab frische Verbände. Wie … wie geht es deinem Arm?“
„Fabelhaft“, erwiderte Chas und zog schnell die Hand von ihrer Wange zurück, um die Wunde an seinem Arm zu verbergen. Mira kannte Chas mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass sie die falsche Frage gestellt und den Moment zerstört hatte. Aber sie musste sich um Chas’ Wunde kümmern, ob es ihm gefiel oder nicht.
„Lass mich sehen.“ Ohne auf sein Einverständnis zu warten, griff sie nach seinem Arm und schälte vorsichtig den alten Verband von der verbrannten Haut. Chas protestierte nicht. Er starrte mit zusammengebissenen Zähnen an ihr vorbei und vermied es, seinen Arm auch nur mit einem einzigen Blick zu streifen.
Mira selbst zwang sich, hinzusehen. Sie kannte sich mit Brandwunden nicht aus. Überhaupt hatte sie keine Erfahrung mit Verletzungen jedweder Art. Das Schlimmste, was sie sich je zugezogen hatte, war ein aufgeschürftes Knie gewesen. Vielleicht ließ der Anblick von Chas’ Arm deshalb Übelkeit in ihr aufsteigen. Hätte die Wunde nach so vielen Tagen nicht längst besser aussehen müssen? Müsste sie nicht anfangen zu heilen, neue Haut zu bilden?
„Und?“, knurrte Chas.
Mira schluckte. „Wird schon.“ Sie versuchte, nicht zu atmen, während sie den frischen, weißen Verband um Chas’ Arm wickelte. Im Kontrast sah sie erst, wie schmutzig der alte gewesen war. Eigentlich hätte sie die Wunde desinfizieren müssen, schmerzlindernde Salbe auftragen, kühlen … irgendetwas. Aber sie war schon dankbar, dass sie diesen neuen, sauberen Verband hatten.
„Tut es sehr weh?“, fragte sie, während sie das Ende in zwei Streifen riss und diese fest verknotete.
Chas winselte wegen des plötzlichen Drucks auf seiner Wunde. „Nette Freunde hast du da in Leonardsburg“, knurrte er, während er gereizt blinzelte, weil seine Augen vor Schmerz zu tränen begonnen hatten. „Sehr nette Freunde, die mit diesen Dingern auf Menschen schießen.“
„Das sind nicht meine Freunde.“ Mira biss sich auf die Unterlippe. Jetzt hatte sie sich von Chas provozieren lassen, obwohl sie genau wusste, dass seine Forschheit nichts mit ihr zu tun hatte. Er hatte Schmerzen, und es frustrierte ihn, so eingeschränkt und abhängig zu sein. Und Wut war nun einmal die beste Maske, um solche Gefühle zu verbergen. Schon seit Tagen versteckte er sich dahinter.
„Abgesehen von Filip kenne ich keinen der Wachmänner. Und Filip hat uns beiden das Leben gerettet, falls du dich noch daran erinnerst.“
„Ja, ist er nicht großartig?“, erwiderte Chas, entzog ihr seinen frisch verbundenen Arm und legte sich rittlings auf die niedergedrückten Ähren. Mira wartete noch eine Weile, verletzt von seinen Worten. Dann tat sie es Chas gleich und starrte in den Himmel, der über ihnen immer dunkler wurde.
Chas war manchmal nicht der umgänglichste Reisegefährte und auch nicht die beste Begleitung für den Fall, dass sie aufgegriffen wurden; immerhin war er der flüchtige Sohn des Königs und damit eine Mischung aus Kronprinz und Hochverräter. Aber er war auch der einzige Vertraute, den Mira noch hatte. Sie hatte ihre Familie zurückgelassen, und die Fischerkinder waren gezwungen, getrennte Wege zu gehen. Wenn sie an das Ziel ihrer Reise dachte − das Gefängnis der Hauptstadt Vacabunite, in dem Filip ihretwegen auf seinen Prozess wegen Landesverrats wartete −, war sie dankbar, dass Chas bei ihr war. Seine Wunde mochte sie aufhalten, und seine Launen waren unberechenbar, aber ohne ihn hätte sie niemals den Mut gehabt, ihren Weg fortzusetzen.
Ihre erste richtige Mahlzeit seit Tagen nahmen sie in eisigem Schweigen ein, und als schließlich die Nacht über ihnen hereinbrach, legte Chas sich so weit von ihr entfernt schlafen wie in ihrem kleinen Lager irgend möglich. Es war kein geeigneter Ort für einen Verletzten. Aber Mira hütete sich, irgendetwas dergleichen zu sagen und Chas noch mehr zu verstimmen. Stattdessen rückte sie bis ans jenseitige Ende ihres Lagerplatzes und legte sich mit dem Rücken zu Chas auf den harten Grund.
Sie war noch nicht eingeschlafen, als sie eine Bewegung hinter sich wahrnahm. Zuerst hörte sie nur das Rascheln, und ihre Glieder versteiften sich, bereit, aufzuspringen. Doch dann spürte sie die Berührung an ihrem Rücken: Chas legte sich wortlos hinter sie und bettete den verletzten Arm auf ihre Schulter.
Mira regte sich nicht. Sie versuchte, so ruhig und gleichmäßig wie möglich weiterzuatmen, um Chas nicht wieder zu verscheuchen. Sie wusste nicht, ob er lediglich ihre Nähe suchte oder ob diese Geste vielleicht eine wortlose Entschuldigung für sein grobes Verhalten war. Jedenfalls war es typisch für Chas, nicht viele Worte zu verlieren. Er kam einfach zu ihr. Mira würde keine Fragen stellen. Mit Chas’ Arm auf ihrer Schulter und seiner Wärme im Rücken schlief sie ein.
Klein-Ararat brannte. Der Berg, der den Fischerkindern so lange als sicheres Versteck gedient hatte, das Hüttendorf in seinem Inneren, das hohe Gras, die Bäume − alles stand in Flammen. Das Feuer verschlang den Ort, an dem die geheime, vom Staat gesuchte Gruppe Schutz gefunden und sich getroffen hatte, wo sie Edmunds Geschichten aus der verbotenen Schrift gelauscht, miteinander gesungen und gebetet hatten.
Mira kniff die Augen zusammen, um trotz der sengenden Hitze und Helligkeit etwas sehen zu können. Wo waren die anderen? Wo war Chas, wo der kleine Ari? Hörte sie nicht Skive in der Ferne bellen? Vielleicht waren er und Happy in einer der brennenden Hütten eingeschlossen.
Mira rannte den Trampelpfad in Richtung Hüttendorf hinab. Zu beiden Seiten knackte die Glut im Unterholz. Die Hitze nahm zu. Sie stach auf Miras Haut, brannte in ihrem Gesicht und trieb ihr den Schweiß aus den Poren.
„Edmund!“
Mira riss den Kopf herum. Sie hätte Chas’ tiefe Stimme überall wiedererkannt − auch wenn sie sie noch nie in solcher Panik gehört hatte.
„Edmund!“
Mira stolperte über einen auf den Weg gefallenen Ast. Der Aufschlag auf dem Boden presste die Luft aus ihren Lungen. Die Hitze nahm schlagartig ab. Kalte Luft schlug ihr ins Gesicht, nur etwas Warmes, Unnachgiebiges umfing sie.
Mira riss die Augen auf. Das Hüttendorf war verschwunden und mit ihm das Feuer, der Brandgeruch. Die Feuersbrunst Klein-Ararats machte einer kühlen Nacht in einem Gerstenfeld nahe Cem Platz. Nur die Hitze war noch da. Sie ging von Chas hinter ihr aus, der die Arme schraubstockartig um sie geschlungen hatte.
„Edmund!“ Er drückte sie noch ein wenig fester.
Mira fiel das Atmen in seiner Umklammerung schwer. „Chas“, flüsterte sie. „Chas!“ Nur mühsam konnte sie sich aus seinem Griff befreien. Sie packte seine Arme und schüttelte ihn. „Wach auf, Chas. Es ist nur ein Traum.“
Aber Chas wand sich nur, als stecke auch er in dem Albtraum des brennenden Berges fest, wo er um den Menschen fürchten musste, der ihm von allen am wichtigsten war: Edmund Porter, Anführer der Fischerkinder und für Chas beinahe so etwas wie ein Vater.
Mira schüttelte ihn heftiger, doch Chas schlug ihre Hände beiseite, ohne aus seinem Traum zu erwachen. Erst jetzt, als sie gezwungen war, ihn loszulassen, wurde Mira bewusst, welche Hitze von seinem Körper ausgegangen war. Chas’ Haut glühte, das dunkle Haar war schweißgetränkt, und noch immer murmelte er fiebrig den Namen des väterlichen Buchhändlers. Edmund − wenn er nur da wäre! Er wüsste, was zu tun wäre. Er würde Chas wach bekommen, ihn versorgen, für ihn beten.
„Oh Gott“, murmelte Mira. „Bitte lass ihn aufwachen!“ Die gleiche verzweifelte Bitte wieder und wieder flüsternd, griff Mira nach der noch fast vollen Wasserflasche. Ihre Finger zitterten so sehr, dass sie ihr beim Öffnen aus den Händen glitt und das kostbare Nass in den trockenen Erdboden sickern ließ. Mit dem, was übrig war, tränkte Mira den alten Verband, um damit Chas’ Stirn zu kühlen. Es erschien ihr wenig, was sie tun konnte. Zu wenig. Die Hitze von Chas’ Haut erinnerte Mira an die sengende Glut aus ihrem Albtraum.
„Nein!“ Unwillig schüttelte Chas Mira samt dem feuchten Tuch ab und fuhr hoch. Sogleich entwich ihm ein leiser Schrei, weil er sich dabei auf seinen verletzten Arm gestützt hatte.
Mira versuchte, ihn an den Oberarmen zu packen und wieder zu Boden zu drücken, doch Chas war aufgebracht und stärker als sie. Er schlug ihre Hände so heftig zur Seite, dass Mira zurück auf ihr hartes Lager fiel.
Einen Moment blieb sie liegen und rieb sich den schmerzenden Nacken. Dann schob sich unvermittelt Chas’ erhitztes Gesicht zwischen sie und den Sternenhimmel. Er war so nah, dass sie trotz der Dunkelheit sehen konnte, wie fiebrig seine Augen glänzten. „Mira?“ Er schüttelte sie unsanft. „Bitte, Mira! Wir müssen hier weg, wir müssen …“
Hastig richtete Mira sich auf und wurde sogleich von Chas in eine knochenbrechende Umarmung gezogen. „Es geht dir gut“, murmelte er heiser in ihr Haar. „Es geht dir gut. Es geht dir gut. Aber … Edmund! Wir müssen …“
„Chas.“ Mira versuchte, sich aus seiner Umklammerung zu befreien. „Du tust mir weh. Chas!“ Endlich schaffte sie es, seine Arme abzustreifen. Dankbar, die kühle Nachtluft wieder zu spüren, rang sie einen Moment nach Atem. „Es war nur ein Traum, Chas“, keuchte sie. „Wir sind in Sicherheit.“
Chas’ Augen huschten hastig hin und her, als suche er nach etwas, das ihre Worte widerlegte. „Und Edmund?“
Langsam, als würde sie mit einem Kind sprechen, sagte Mira: „Edmund ist nicht hier. Aber ich bin sicher, ihm geht es auch gut.“ Wenn das nur um alles in der Welt die Wahrheit war!
„Und dir auch“, stellte Chas unnötigerweise fest und fuhr sich über die schweißnasse Stirn. Immer noch machte er einen desorientierten Eindruck. So verloren sah er aus, dass Mira die Arme um ihn schlang und seinen vor Fieber glühenden Körper an sich drückte.
„Mir auch“, flüsterte sie an seiner Schulter. „Und du kommst auch wieder in Ordnung. Hörst du?“
Chas reagierte nicht auf ihre Frage. Er ließ seine gesunde Hand fahrig ihren Rücken auf und ab wandern. Die Berührung war ihr unangenehm. Seit dem Tag ihrer Flucht aus Leonardsburg gab es immer wieder solche Momente inniger Nähe zwischen ihnen. Dabei hatten sie nie über den Kuss und das, was er eigentlich für sie bedeutete, geredet. Und diese unausgesprochene Sache machte die Vertrautheit zwischen ihnen so kompliziert.
In seinen Fieberfantasien gefangen, schien es Chas allerdings gar nicht zu kümmern, und er hielt Mira zu fest, als dass sie ihn hätte abschütteln können. „Ich dachte … Es war nur ein Traum, ja?“
„Ja.“
„Aber …“ Er schluckte. „Aber wenn dir etwas passiert wäre … ich hab mich noch gar nicht richtig bedankt.“
Wenn sein Zustand ihr nicht solche Angst gemacht hätte, hätte Mira gelacht. Morgen würde Chas sich in Grund und Boden schämen für die Dinge, die er im Fieberwahn gesagt hatte. Er war niemals rührselig, und obwohl sein Verhalten irgendwie niedlich war, war es das, was Mira am meisten alarmierte. Mehr noch als die unnatürliche Hitze, die von seinem Körper ausging, oder der glasige Blick.
„Ich hab dir nie gesagt, dass du … du bist wundervoll“, krächzte Chas, ohne die Umarmung zu lösen.
„Chas, nein …“ Sie musste ihn aufhalten. Sie wollte mit ihm über das sprechen, was da zwischen ihnen war. Aber doch nicht so! Er würde jedes Wort morgen bitter bereuen.
„Doch, das bist du. Und so wunderschön. Wie … was soll ich machen, wenn dir etwas passiert? Ich kann nicht ohne dich … ich kann nicht nach Amerika gehen.“
Endlich zog Mira sich aus seiner Umarmung zurück. „Du solltest schlafen, Chas“, sagte sie sanft, aber bestimmt. Er wusste nicht, was er da redete. Nicht nach Amerika? Der Wunsch, dieses Land zu verlassen, trieb Chas an, solange sie ihn kannte, auch wenn sie das am Anfang nicht geahnt hatte. Er wollte nach Amerika zurück, seit sein Vater, König Auttenberg, ihn während der politischen Unruhen dort in Sicherheit gebracht hatte. Nur dort würde er frei und sicher sein. Frei von den Erwartungen seines Vaters und sicher vor den Konsequenzen seiner Flucht aus dessen Residenz, seines Verrates am eigenen Land. Chas musste das Land verlassen. Das wusste Mira so gut wie er.
„Komm schon.“ Sie zwang ihn mit sanfter Gewalt, sich wieder auf das Lager aus platt gedrückten Gerstenhalmen zu legen.
Seine gesunde Hand hielt sie an der Bluse fest. „Bleibst du hier?“
„Natürlich.“ Sie ließ sich widerstandslos an seine Seite ziehen, obwohl die Heftigkeit seiner Umklammerung und die Hitze seines Körpers ihr Unbehagen verursachten.
Was geschah mit Chas? War es die Verletzung an seinem Arm, die einfach nicht heilen wollte? Hatte sie sich entzündet? Mira wusste nichts über Brandwunden, hatte keine Ahnung, ob das Fieber daher rühren konnte, und noch weniger, was zu tun war, um es zu stoppen. Woher sollte sie Medizin für Chas bekommen? Selbst wenn sie die nötigen Sonderrationskarten hätte und wüsste, welches Medikament er brauchte, konnte sie nicht einfach in ein staatliches Gesundheitszentrum gehen und es für ihn besorgen. Nicht ohne ärztliche Zustimmung. Und kein Arzt würde ihr die geben, ohne Chas zuvor angesehen zu haben. Aber Chas ansehen − das ging nicht. Er hatte kein Ausweisband, er existierte offiziell überhaupt nicht. Und das war noch besser als die andere Wahrheit. Besser ein Vergessener ohne Identität als Nicholas Auttenbergs Sohn. Der verschwundene Kronprinz. Ein Verräter.
Miras Gedanken drehten sich im Kreis und ließen sie keinen Schlaf mehr finden. Die glühende Hitze von Chas’ verkrampftem Körper tat ihr Übriges. Sie konnte nur wieder und wieder die gleichen Überlegungen und Gedanken wälzen und lautlos beten.
Irgendwann wurde Chas’ Atem ruhiger und sein Griff lockerer. Aber Mira machte kein Auge mehr zu.
Am nächsten Morgen bereute Chas seine Worte nicht. Mira war sich ziemlich sicher, dass er sich nicht einmal an sie erinnerte. Zwar bekam sie ihn nach einigem Rütteln und gutem Zureden wach, doch schien er ihr sehr weit weg. Fast vermisste sie seine Ruppigkeit, mit der er jeder Art von Fürsorge begegnet war, solange sie nun schon unterwegs waren. Wenigstens hatte sie dabei den Eindruck gehabt, dass er auf dem Wege der Besserung war. Nun war er kaum ansprechbar. Er starrte nur apathisch vor sich hin, und wenn er sprach, dann mit schleppender Stimme und ohne jeden Zusammenhang.
Mira wusste keinen anderen Weg, als den Plan, der in den vielen Stunden des Wachliegens in Chas’ fiebriger Umarmung in ihr gereift war, in die Tat umzusetzen.
„Hör zu, ich muss dich an einen sichereren Ort bringen“, erklärte sie Chas unnötigerweise. „Weißt du noch, wir haben doch den Schrottplatz gesehen, als wir hier angekommen sind, und überlegt, dort unser Lager aufzuschlagen.“ Es schien ihn nicht großartig zu interessieren. Er lag auf der Seite wie ein verwundetes Tier, die Augen zwar geöffnet, den Blick jedoch glasig ins Nichts gerichtet oder auf irgendetwas, das nur er sehen konnte. Klein-Ararat vielleicht oder Edmund. Mira wusste es nicht.
Es war nicht leicht, Chas in eine stehende Position zu hieven. Er war schwerer, als seine drahtige Statur vermuten ließ, und machte nicht die geringsten Anstalten, mitzuhelfen und ihr ein wenig des Gewichts abzunehmen.
Mira erinnerte sich daran, wie sie Ari nach dem verheerenden Feuer in den Armenvierteln den ganzen Weg bis nach Klein-Ararat getragen hatte. Aber Ari war ein unterernährter Siebenjähriger. Chas dagegen überragte sie um einen halben Kopf und machte es ihr fast unmöglich, ihn aus dem Gerstenfeld zu schleifen, ohne verräterische Spuren zu hinterlassen.
„Bitte“, keuchte Mira, als sie endlich am Rand des Feldes angekommen waren. „Bitte, Chas, du musst dich zusammenreißen. Nur für ein paar Minuten.“ Ihre Kehle brannte, und ein paar vereinzelte kalte Tränen rannen über ihr erhitztes Gesicht. „Wenn sie uns erwischen … Chas!“
Sie drohte unter seinem Gewicht einzuknicken, als Chas’ Blick sich auf ihr verzweifelt verzogenes Gesicht fokussierte. „Nicht weinen“, krächzte er.
Ein erleichtertes Lachen zwang sich aus Miras Kehle. Zum ersten Mal an diesem Morgen nahm Chas sie wirklich und wahrhaftig wahr. „Du musst mithelfen, Chas“, sagte sie eindringlich. „Es ist nicht weit, aber alleine schaffe ich es nicht.“
Chas antwortete nicht, doch er setzte sich, schwer auf ihre Schultern gestützt, langsam in Bewegung. Mira sah, wie viel Mühe es ihn kostete, wie er um jeden Schritt, jeden Atemzug rang. Aber gemeinsam schafften sie es bis zu dem Platz, den Mira im Sinn hatte. Er war näher an der Stadt als ihr Lager im Gerstenfeld, aber gut geschützt und viel schneller zu erreichen. Kein vernünftiger Mensch würde einen Fuß auf das heruntergekommene Gelände voller rostiger Autowracks setzen. Zerbeulte Metallruinen mit glaslosen Fenstern und zerkratztem Lack drängten sich dicht an dicht, waren zu ganzen Türmen und Bergen angehäuft, die keinen allzu stabilen Eindruck machten.
Obwohl sie unter Chas’ Gewicht alle Kraft für den Rest des Weges brauchte, konnte Mira nicht umhin, die plumpen Fahrzeuge neugierig zu betrachten. Kaum zu glauben, dass früher nahezu jede Familie, wenn nicht jeder Mensch, ein solches Ungetüm besessen hatte und damit herumgefahren war. Weite Strecken sogar, weiter, als sie je in ihrem Leben gereist war, weiter als die Grenzen ihres Landes.
Nach Verbot des Imports hatten die Menschen die antriebslosen Maschinen auf Geländen außerhalb der Städte gesammelt. Ohne Benzin, ohne Erdgas, ohne irgendwelche derartigen Rohstoffvorkommen im eigenen Land waren sie nutzlos geworden. Das Metall freilich war anfangs noch wiederverwendet worden, aber mittlerweile hatte der Rost die Oberhand gewonnen. Das Gelände am Rande von Cem war verlassen, die Autowracks wurden Wetter und Verfall überlassen. Mit einem klammen Gefühl in der Magengrube musste Mira an einen Friedhof denken.
Hinter einem einigermaßen standfest aussehenden Berg aus Karosserien und Reifen ließ Mira Chas zu Boden sinken. Sein Hemd war von der Anstrengung schweißgetränkt, das schwarze Haar klebte ihm nass und schmutzstarr an der Stirn, und sein Blick war wieder ins Nichts gerichtet.
„Danke“, flüsterte Mira, halb an ihn, halb an Gott gewandt, und wischte sich selbst den Schweiß von der Stirn. Ihre Beine fühlten sich an, als wollten sie ihr jeden Moment den Dienst versagen, und sie gab dem Drang nach, sich ebenfalls kurz zu setzen. Sie trocknete mit ihrem Ärmel Chas’ Stirn ab und suchte nach seinem Puls, aber mehr als dessen rasendes Klopfen beunruhigte sie die immer noch unnatürliche Hitze seiner schweißnassen Haut.
„Du musst durchhalten.“ Mira schluckte. Sie hatte nur eine vage Vorstellung davon, was Chas fehlte, und keine Ahnung, welche Medikamente er brauchte. Aber welche Wahl hatte sie? Einfach hierzubleiben war keine Option. Sie konnten nicht länger abwarten und darauf hoffen, dass Chas von selbst wieder zu Kräften kommen würde. Und dann war da ja auch noch Filip, für den mit jedem Tag der Prozess näher rückte. Doch fortsetzen konnten sie ihren Weg nicht. Das würde Chas nicht schaffen. Und zurücklassen konnte Mira ihn auf keinen Fall. Schon gar nicht in diesem Zustand.
Also was hätte sie tun sollen? Sie konnte nicht tatenlos abwarten, während Chas immer schwächer wurde. Ihr Vorhaben war wahnwitzig, einen besonders guten Plan hatte sie nicht. Sie wusste noch nicht einmal, wie genau sie es anstellen wollte. Aber eines wusste sie mit Sicherheit: Sie musste es versuchen.
Chas regte sich nicht mehr. Entweder er war vor Erschöpfung eingeschlafen, oder er hatte das Bewusstsein verloren. Aber das war ihr recht. So konnte er wenigstens nicht fragen, wohin sie ging und was sie vorhatte.
Kapitel 2
In der Falle
Das Gesundheitszentrum war eine Festung. Mira hatte den gesamten Morgen und einen Großteil des Nachmittags damit zugebracht, das Gebäude und das rege Treiben außen herum zu beobachten. Da gingen wichtig aussehende Staatsgesundheitsbeamte ein und aus, wurden Kranke gebracht, Spaziergänge in Krankenhauskluft unternommen, Lebensmittel geliefert und Müllsäcke abgeholt.
Mira suchte seit Stunden fieberhaft nach einer Schwachstelle. Blieb die Tür hinter einem der Beamten länger als nötig offen, sodass sie hindurchhuschen konnte, ohne ihr Armband zu scannen? Gelangte jemand durch den Besuchereingang, ohne von der Frau hinter dem Schalter aufgehalten zu werden? Blieb der Lieferanteneingang unbeaufsichtigt offen stehen? Aber nichts davon war der Fall.
Mira überlegte, was die Helden in ihren Lieblingsromanen an ihrer Stelle getan hätten. Sich als Staatsgesundheitsbeamter ausgegeben vielleicht, eine Krankheit vorgetäuscht und sich selbst im Gesundheitszentrum aufnehmen lassen, um nachts aus dem Zimmer zu schleichen. Ein Fenster eingeschlagen, den Feueralarm ausgelöst, einen Tunnel gegraben. Aber all diese Ideen, die in Büchern so gut funktionierten, erschienen Mira für die Realität zu kurzsichtig. Zu viel konnte schiefgehen, zu viel stand auf dem Spiel. Mira konnte nicht riskieren, erwischt und eingesperrt zu werden.
Als es schließlich dämmerte, saß Mira immer noch auf einem Stein im Hinterhof und sprang jedes Mal in die Büsche hinter sich, wenn sich etwas regte. Doch auch das wurde seltener. Der geschäftige Tagesbetrieb hatte schon vor Stunden ein Ende gefunden. Die Besucher waren gegangen. Dort drinnen, hinter den hell erleuchteten Fenstern, wurden jetzt vermutlich Kranke versorgt, bekamen Brot und Suppe zum Abendessen, um wieder zu Kräften zu kommen, nahmen Medikamente ein und schliefen in weichen Betten.
An so einen Ort gehörte Chas. Nicht auf einen rostigen, schmutzigen Autofriedhof. Vielleicht war es dumm von Mira, ihn jetzt noch zu decken. Was, wenn er starb? Würde es wirklich so schlimm sein, wenn seine wahre Identität ans Licht käme? Ein Skandal wäre es natürlich − verschwundener Kronprinz wieder aufgetaucht! Aber konnten sie ihn wirklich als Verräter anklagen? Er war immerhin Nicholas Auttenbergs Sohn! Vielleicht sollte sie ihn einfach zum Gesundheitszentrum bringen. Chas hatte weder Kraft, Fragen zu stellen, noch, sich zu wehren. Und vielleicht rettete es ihm das Leben.
Je länger sie darüber nachdachte, desto sinnvoller erschien ihr diese Idee. Sie hatte keine Ahnung, wie man einen Kranken richtig versorgte − zumal sie nur eine vage Vermutung hatte, was Chas fehlte und dass das Fieber von einer Infektion seiner Wunde herrühren musste. Es sah auch nicht so aus, als hätte Gott vor, ihre verzweifelten Gebete zu erhören und ihr Zugang zu den Medizinvorräten des Zentrums zu verschaffen. Vielleicht weil er wusste, dass Chas dort draußen keine Chance hatte.
Mira erhob sich und streifte sich Staub und Steinchen von der Kleidung, da ließ das Knirschen von Reifen auf Asphalt sie zusammenschrecken. Abgesehen davon, bog der elektrische Lieferwagen nahezu lautlos in den Hinterhof ab. Miras angespannter Körper reagierte schneller als ihr müde gewordenes Gehirn: Sie sprang zurück in ihren Unterschlupf.
Aus dem sicheren Versteck hinter den Büschen beobachtete sie, wie ein glatzköpfiger Mann ausstieg und pfeifend den Laderaum öffnete. Er verschwand in dessen Innerem und schleppte bald darauf einen Stapel Holzkisten die Laderampe hinunter. Durch die Lücken zwischen den Latten konnte Mira silberne Dosen erkennen. Konserve an Konserve stapelten sich Lebensmittel in den Kisten.
Wenigstens das konnte sie tun. Chas würde all seine Kräfte für den Transport zum Gesundheitszentrum brauchen. Und Mira auch, denn wenn sein Zustand sich nicht auf wundersame Weise verbessert hatte, würde sie ihn wieder mehr tragen als stützen müssen. Ihnen beiden würde eine richtige Mahlzeit guttun.
Mira wartete, bis der Glatzköpfige mit den Kisten sein Armband gescannt hatte und durch den Lieferanteneingang verschwunden war. Noch während sich die Türen hinter ihm schlossen, schoss sie aus ihrem Versteck und geradewegs auf den weißen Lieferwagen zu. An den offenen Türen schlug ihr der berauschende Duft frischen Brotes entgegen. Schwindlig vom bloßen Gedanken daran, kletterte sie in den Laderaum.
Der schmale Durchgang war mit deckenhoch gestapelten Kisten und Boxen gesäumt. Und auf jeder einzelnen klebten Etiketten, deren Aufschrift Miras Magen zum Knurren brachte: „Eingelegte Pfirsiche“, „Laugengebäck“, „Essiggurken“, „Marmelade + Apfelmus“, „Fruchtsaft“, „Mehl“, „Zucker“ und „Räucherschinken“.
Mira zwängte sich zwischen die Stapel aus verpackten Lebensmitteln und riss den erstbesten Karton auf. Er war bis zum Rand mit kleinen Papiertütchen voller Milchpulver gefüllt. Mira griff mit beiden Händen hinein und stopfte sich ein gutes Dutzend davon in die Hosentaschen, ehe sie den nächsten Karton öffnete. Und dann den nächsten. Sie belud ihre Arme mit allem, dessen sie habhaft werden konnte: Konserven mit Bohnen, Pfirsiche und Brot − es war ihr egal, ob irgendetwas davon zusammenpasste.
Als sie beim besten Willen nicht mehr tragen konnte, erschrak Mira vor sich selbst. Sie hatte nicht gewusst, wie sehr Hunger einem Menschen zusetzen konnte. Aber nach Tagen mit nichts oder kaum etwas im Magen waren ihr beim Anblick des vielen Essens sämtliche Sicherungen durchgebrannt. Sie hatte wie im Rausch Lebensmittel zusammengerafft und gar nicht auf die Zeit geachtet, die sie sich schon im Inneren des Lieferwagens befand.
Draußen schepperte es. Vor Schreck ließ Mira beinahe ihre Beute fallen.
„Der Rest kommt nach hinten in Lagerraum 3. Fahr rein!“, brüllte eine Männerstimme draußen, und zu Miras Entsetzen näherten sich nur einen Augenblick später knirschende Schritte. Sie wich an die Wand hinter ihrem Rücken zurück, so tief in eine der Lücken zwischen den Kistenstapeln wie nur irgendwie möglich. Aber die Tür am Ende des Lieferwagens hatte sie nach wie vor im Blick. Der Glatzköpfige erschien zwischen den offenen Türflügeln. Mira hielt den Atem an und schickte ein Stoßgebet nach dem anderen zum Himmel. Er durfte sie nicht sehen. Er durfte sie einfach nicht sehen. Aber es war ein Ding der Unmöglichkeit, dass er es nicht tat.
Der Glatzkopf kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. Dann griff er mit beiden Händen nach den Türen und zog sie mit einem heftigen Ruck zu.
Dunkelheit und Stille umhüllten Mira. Ihr eigener Herzschlag kam ihr unnatürlich laut vor, und sie wagte nicht, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen.
Draußen schepperte es wieder, und mit einem sanften Vibrieren erwachte der Lieferwagen unter ihr zum Leben und setzte sich fühlbar in Bewegung.
Endlich fiel die Starre von Mira ab. Lauter, als es vermutlich klug war, ließ sie die gesammelten Lebensmittel in eine der aufgerissenen Kisten sinken. Möglicherweise konnte sie die Türen von innen öffnen und entkommen. Vielleicht …
Mira hielt in der Bewegung inne, als die Erkenntnis durch die Panik zu ihr hindurchsickerte: Sie steckte nicht in der Falle. Jedenfalls nicht ausschließlich. Sie befand sich auch auf dem Weg hinter die unüberwindbaren Mauern der Festung.
Woher wussten die Helden in Romanen immer, wann der richtige Moment für den tollkühnen Sprung ins Ungewisse da war? Mira lauerte in der Dunkelheit des Lieferwagens, während ihre Gedanken sich überschlugen. Sollte sie die Tür aufstoßen und hinausspringen? Aber was, wenn sie mitten in eine Halle voller Menschen platzte? Sollte sie warten, bis der Glatzköpfige die Türen öffnete? Aber wie sollte sie dann an ihm vorbei nach draußen gelangen? Was, wenn er den Laderaum betrat und ihr den Weg zur Tür versperrte?
Wie sollte sie das entscheiden? Ein falscher Schritt, ein unüberlegter Atemzug, und alles flöge auf. Es stand zu viel auf dem Spiel, um es einfach darauf ankommen zu lassen!
„Zeig mir den richtigen Moment“, betete sie. Konnte Gott nicht eine Kiste geradewegs von ihrem Stapel fallen lassen, als Zeichen, dass die Luft jetzt rein war? Mira starrte die Kartons an, während das Klopfen ihres eigenen Herzens ihr in den Ohren dröhnte. Aber nichts geschah.
Um ganz genau zu sein, überhaupt nichts. Es blieb totenstill um den Lieferwagen. Der Motor war abgestellt worden, alle Schritte, alles Scheppern, alle Geräusche waren verstummt.
Es kostete Mira eine gefühlte Ewigkeit in der beengenden, stillen Dunkelheit, um endlich ganz sicher zu sein: Sie war alleine. Jetzt oder nie musste sie es wagen, die Türen zu öffnen, um zu entkommen.
„Bitte, bitte lass sie nicht verschlossen sein!“ Mira drückte eine schwitzige Handfläche gegen das Metall, und die Tür gab unter dem Druck nach.
Im ersten Moment brannte das helle Licht mehrer Neonröhren zu sehr in Miras Augen, als dass sie sich hätte umsehen können. Dann suchte sie die Umgebung hastig mit ihren Blicken ab. Eine Lagerhalle, klein, unordentlich und verlassen.
Auf zittrigen Knien ließ Mira sich aus dem Laderaum gleiten, verschloss die Türen hinter sich und sah sich ausgiebig um. Das metallene Tor zum Hof war wieder fest verriegelt. Zwei weitere Türen mündeten in den Lagerraum. Türen, die tiefer in das Gesundheitszentrum führen mussten. Mira befand sich hinter den feindlichen Linien. Jetzt musste sie nur noch den Ort finden, an dem die Medikamente aufbewahrt wurden.
Ihre Schritte, sich öffnende und schließende Schranktüren, ihre eigenen Atemzüge − alles hallte unnatürlich und viel zu laut in Miras Ohren. Über ihrem Kopf flackerte eine Neonröhre und ließ ihre Bewegungen bizarre Schatten auf den Betonboden werfen.
Sie hatte jedes Gefühl dafür verloren, wie lange sie sich schon im staatlichen Gesundheitszentrum befand und wie viele Räume sie bereits vergeblich durchkämmt hatte, an jeder Tür mit klopfendem Herzen innehaltend und auf Stimmen auf der anderen Seite lauschend.
Mira stürzte zu einer weiteren Reihe spindähnlicher Schränke und riss mit zittrigen Fingern einige Türen und Schubladen auf. Ordentlich gefaltete Handtücher und Bettlaken stapelten sich auf den Regalbrettern, ein Sammelsurium aus offenbar ausrangiertem, staubigem Geschirr im nächsten Fach.
Warum eigentlich war sie hier unten noch niemandem begegnet? Bei dem geschäftigen Treiben, das sie durch die Fenster in den oberen Stockwerken beobachtet hatte, war es ein Wunder, dass sie noch nicht entdeckt worden war. Sie hatte das Gefühl, ihr Glück nicht überstrapazieren zu dürfen. Aber sie konnte nicht einfach gehen. Nicht ehe sie nicht wenigstens irgendetwas gefunden hatte, das Chas helfen konnte.
Mit beunruhigend laut dröhnenden Schritten hastete sie zu einer Tür und riss sie auf. Dahinter erstreckte sich im Halbdunkel ein weiterer Raum voller Schränke. Als Mira einen davon aufzog, musste sie sich die Faust auf die Lippen pressen, um keinen Triumphschrei auszustoßen. Feinsäuberlich einsortiert lagerten darin Infusionen, Tabletten, Säfte und Tinkturen. Etiketten auf den Regalböden wiesen aus, mit was sie es zu tun hatte. Mira las einige davon und versuchte, irgendwie schlau aus den medizinischen Fachbegriffen zu werden. Irgendetwas, das sie vielleicht einmal in einem Buch gelesen hatte, musste ihr doch weiterhelfen! Was wirkte fiebersenkend, desinfizierend, irgendwie kräftigend? Brauchte Chas ein Antibiotikum, und wenn ja, welches? Oder Schmerztabletten?
Ein Geräusch draußen im Lagerraum ließ Mira zusammenfahren. Sie sah sich hektisch nach einem Versteck um, aber der Raum war leer bis auf die Schränke. Ihr blieb keine Zeit!
Wie zuvor im Lieferwagen raffte sie mit beiden Händen zusammen, was sie irgendwie in ihre Taschen stopfen konnte. Schächtelchen mit Pillen oder Tinkturen, Fläschchen, Dosen, Ampullen − was sie in die Finger bekam. Sie fand sogar ein paar Rollen Verbände und Kompressen, die sie sich aus Mangel an weiterem Stauraum in den Hosenbund klemmte.
Sie schaffte es gerade noch, ihre Bluse über die verräterischen Ausbeulungen zu zerren, ehe die Tür aufgestoßen wurde.
Für einen Moment starrte der Mann im Türrahmen sie einfach nur an, und Mira starrte zurück, als wären sie sich unschlüssig, wer schockierter über den Anblick des jeweils anderen war. Dann riss Mira sich aus der Erstarrung und stürzte blindlings los.
Der Mann war so verdutzt, dass sie es beinahe an ihm vorbeigeschafft hätte. Aber nur beinahe. Im letzten Moment hechtete er zwischen sie und ihren Fluchtweg. Mira geriet ins Straucheln. Die wenigen Sekunden, die sie brauchte, um ihr Gleichgewicht wiederzufinden, reichten aus. Der Mann ergriff ihre Oberarme und hielt sie fest.
„Patienten haben hier unten nichts verloren.“ Er musterte Mira mit zusammengekniffenen Augen. Dann, viel ruhiger und langsamer, als würde er mit einem Kleinkind sprechen, fragte er: „Auf welche Station gehörst du denn?“
Verunsichert erwiderte Mira seinen Blick. Ihr Atem hatte sich noch nicht wieder beruhigt, und sie konnte nicht umhin, immer wieder hastig in Richtung Ausgang zu sehen.
Der Griff des Mannes um ihre Arme lockerte sich, in seinem Gesicht lag jetzt unverkennbar Besorgnis. „Ich wollte dich nicht erschrecken. Hast du dich verlaufen?“ Immer noch sprach er sehr langsam.
Endlich dämmerte es Mira. Der Mann hielt sie für geistig verwirrt, für psychisch krank oder körperlich so erschöpft, dass sie nicht bei klarem Verstand war. Kein Wunder: Sie musste in ihrer Panik über sein plötzliches Auftauchen völlig wahnsinnig ausgesehen haben.
„Ähm …“, machte sie, um endlich auf seine Fragen zu reagieren. Was sollte sie sagen? Hinter ihrer Stirn jagten sich die Gedanken.
„Ich bringe dich nach oben, ja?“
„Ähm“, machte Mira noch einmal dümmlich und beschloss in Sekundenbruchteilen, dass sie mitspielen musste. Nur so konnte sie noch unbeschadet aus der Sache herauskommen. Vielleicht sogar mit den Medikamenten für Chas.
„Ich hab mich verlaufen.“ Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Alles in ihr war in Alarmbereitschaft. Dennoch gab sie sich alle Mühe, arglos und verloren auszusehen.
Während er sie am Arm aus dem Lagerraum in ein Treppenhaus führte, betrachtete Mira den Mann aus dem Augenwinkel. Er war dick, mit kräftigen Oberarmen und großen, fleischigen Händen. Den weißen Kittel eines Staatsgesundheitsbeamten trug er nicht.
„Weißt du, wie dein Pfleger heißt?“, fragte er freundlich, während er Mira die Treppe hinaufbugsierte.
„Nein.“ Es hatte keinen Sinn, einen Namen zu erfinden. Diese Tarnung würde allzu schnell auffliegen. Schneller noch als die der ahnungslosen Geistesverwirrten. „Irgendetwas mit M … oder N. Vielleicht war es auch P. Ich weiß nicht mehr.“
„Na, auch nicht so schlimm.“ Sie hatten den oberen Treppenabsatz erreicht und betraten ein geräumiges Foyer. Am anderen Ende konnte Mira den unbesetzten Empfang und die verschlossenen Schiebetüren sehen, die auf den Vorplatz hinausführten. Den ganzen Tag über hatte sie die Eingänge von außen betrachtet und überlegt, wie sie hineinkommen sollte. Jetzt hätte sie einiges dafür gegeben, wieder dort draußen zu sein. Mit den Medikamenten natürlich.
Der Dicke schob sie behutsam weiter. „Das werden wir gleich haben“, versicherte er. „He! Ihr da, macht euch hier mal nützlich!“
Miras Herz setzte einen Schlag aus. Auf den Ruf ihres Begleiters hin traten zwei Wachmänner aus einer Nische bei den Türen und eilten zu ihnen.
„Wir brauchen jemanden mit einem Scanner. Die junge Dame hier hat sich verlaufen und findet ihre Station nicht mehr.“
Miras rechte Hand umschloss fast automatisch das Band an ihrem linken Handgelenk. Sie wollte einen Schritt zurückmachen, stieß aber gegen den Bauch des Mannes, der sie heraufgebracht hatte.
Die Wachmänner musterten sie. Einer der beiden hatte so stechend blaue Augen, dass Mira das Gefühl hatte, von seinem Blick regelrecht durchleuchtet zu werden.
„Sind Sie völlig bescheuert?“, blaffte er den Mann hinter Mira an. „Das ist keine Patientin. Sie trägt ja Straßenkleidung. Schmutzige noch dazu.“ Seine Hand schnellte nach vorne und entriss Mira dem fürsorglichen Griff des Dicken. „Was hast du hier drinnen zu suchen, hm?“ Schmerzhaft zerrte er an ihren Armen und drehte die Handflächen nach oben. „Einen Besucherstempel hast du auch nicht. Wie bist du hier hereingekommen? Los, spuck es aus!“
„Aber, aber“, fuhr der Mann hinter Mira dazwischen, ehe diese antworten konnte. „Das ist doch kein Grund, so grob zu werden.“
„Wer hat dich gefragt? Was bist du? Eine Putzkraft? Lagerarbeiter?“ Er schnaubte. „Geh wieder an deine Arbeit und lass mich meine machen. Du bist wohl zu blöd, um eins und eins zusammenzuzählen. Die Kleine ist hier eingebrochen. Wir nehmen sie mit.“
Nun konnte Mira nicht mehr an sich halten. Sie vergaß sogar ganz, dass sie eben noch harmlos und verwirrt hatte wirken wollen. „Nein!“ Sie entriss ihre Arme dem Griff des Wachmanns und rannte blindlings auf die Türen zu. Der dicke Mann war so verdutzt von dieser plötzlichen Anwandlung, dass auch er sie einfach losließ.
Sie konnte kaum fassen, dass sie die Türen wirklich erreichte. Waren die Wachmänner so langsam oder sie in ihrer Panik so schnell? Sie hatte keine Zeit, sich umzusehen. Mit beiden Händen packte sie die Türgriffe und schob. Hinter ihr lachte einer der Wachmänner. Ihre Tatenlosigkeit machte schlagartig Sinn. Die Türen waren verschlossen.
„Nein!“, brüllte Mira erneut. Sie holte mit dem Fuß aus, um das Glas notfalls zu Bruch zu bringen. Sie musste zu Chas, musste einfach. Er brauchte Hilfe, brauchte sie! Seine im Fieberwahn gesprochenen Worte hallten ihr noch in den Ohren. Was, wenn ihr etwas zustieße? Was würde dann aus ihm werden?
Ehe ihr Fuß das Glas traf, hatten die beiden Wachmänner sie nun doch erreicht. Sie banden ihr die Hände auf dem Rücken zusammen und stopften ihr aus Mangel an Alternativen ein Knäuel Taschentücher in den Mund.
„Wir bringen sie in die Staatsjustiz. Die sollen sie einsperren, bis sie sich beruhigt hat.“
„Was, wenn noch mehr von ihnen eingedrungen sind?“, fragte der andere Wachmann.
„Ich gebe Durchsuchungsbefehl. Haltet alle Ausgänge verschlossen“, wies er den dicken Mann an, der immer noch regungslos an den Türen zum Treppenhaus stand.
„Aber …“, stammelte er. „Meine Güte, ich verstehe nicht, warum man in ein staatliches Gesundheitszentrum einbrechen sollte. Sie ist nicht einmal eine Illegale.“ Er nickte zu Miras gefesselten Händen. „Sie hat ein Armband.“
„Das ist nicht deine Sorge. Das sollen die Justizleute herausfinden“, erwiderte einer der Wachmänner, ohne Mira aus den Augen zu lassen. „Aus dem Mädchen bringst du heute kein Geständnis mehr heraus. Die ist ja völlig außer sich.“ Er betätigte einen Schalter rechts der Türen, und mit einem leisen Surren schoben sie sich auf. So einfach. Mira hätte sich ohrfeigen können.
Den ganzen Weg über den Vorplatz und schließlich die Straße hinab wand sie sich in ihren Fesseln und trat nach den beiden Wachmännern. Sie versuchte trotz des Knebels zu schreien und jemanden auf sich aufmerksam zu machen. Sie machte es den beiden so schwer, sie mit sich zu zerren, dass einer von ihnen sie kurzerhand wie einen Sack Kartoffeln auf die Schulter hievte und sie trug. Ein Teil ihrer kostbaren Schmuggelware rutschte aus seinem Versteck und fiel zu Boden. Mira rechnete damit, dass die Wachmänner sie nun durchsuchen und ihr all ihr Diebesgut abnehmen würden, doch sie hatten es noch nicht einmal bemerkt. Hoffentlich war das verlorene Medikament nicht ausgerechnet dasjenige, das Chas brauchte.
Abermals bäumte Mira sich gegen ihre Fesseln auf. Nicht einmal die verbleibenden Packungen in ihren Taschen würden Chas helfen, wenn sie nicht freikäme, um sie ihm zu bringen.
Also kämpfte Mira weiter. Die Fesseln schnitten in ihre Handgelenke, und durch die Taschentücher in ihrem Mund bekam sie kaum noch Luft, doch sie ließ nicht locker. Sie musste zurück zu Chas. Ob mit oder ohne Medikamente, alleine hatte er keine Chance. Sie hatte ihn gut versteckt. Zu gut. Auf dem Autofriedhof würde niemand ihn finden. Niemand könnte ihm helfen.
Dass sie das Staatsjustizgebäude erreicht hatten, bemerkte Mira erst, als der Wachmann, der sie getragen hatte, sie unsanft direkt vor dessen Eingangstür absetzte. „Und jetzt ist Schluss mit dem Theater“, knurrte er und zog sie mit sich hinein. Dann vermeldete er: „Einbruch im Staatsgesundheitszentrum.“
Es musste kurz nach Ausgangssperre sein. Nur eine einzige Wachfrau saß im Justizgebäude und sortierte Unterlagen.
„Sperrt sie zu den anderen“, erwiderte sie mit einem flüchtigen Blick auf Mira gelangweilt. „Wir kümmern uns morgen darum.“
„Sie hat ein Armband.“
„Das hat sie morgen auch noch. Wir kümmern uns darum.“
„Sollten wir nicht ihre Identität …“
„Bei der Verfassung!“ Die Wachfrau knallte die Unterlagen auf die Tischplatte. „Nun sperrt sie schon ein. Und nehmt ihr den Knebel ab, ehe sie daran erstickt. Sie ist schon ganz rot.“
Die Wachmänner erwiderten nichts. Eine Tür wurde aufgeschlossen und Mira hindurchgeschubst. Ohne dass jemand ihre Fessel durchschnitt oder die Taschentücher aus ihrem Mund entfernte, knallte die Tür hinter ihr ins Schloss.
Mira wollte sich gerade dagegenwerfen, als im Dunkel hinter ihr Gemurmel laut wurde.
„… noch jemanden gebracht.“
„Ein Mädchen.“
„Sie ist geknebelt.“
Ein Paar weicher Hände nahm ihr den Knebel aus dem Mund und versuchte, sie festzuhalten. Aber Mira stieß sie von sich.
„Chas!“, keuchte sie erstickt, schnappte nach Luft und verschluckte sich. „Chas … ich muss … er stirbt!“, brachte sie zwischen Husten hervor. Sie wand sich aus einem zweiten Paar Hände − größer und rauer als das erste − und warf sich gegen die Tür. „Lasst mich raus!“ Sie versuchte einzuatmen, aber das Husten machte es ihr unmöglich. Stoßweise sog sie zwischen den unkontrollierten Kontraktionen ihres Brustkorbes den Sauerstoff in ihre Lungen, bekam aber trotz aller Mühe nicht genug. Wieder und wieder warf sie ihren ganzen Körper gegen die Tür, doch dann gaben ihre Beine nach, versagten ihr einfach den Dienst, und sie sackte schwer und immer noch nach Luft schnappend auf den Boden.
„Ist okay.“ Die weichen Hände waren wieder da. Sie strichen über ihr Haar. Mira ließ es zu. Alle Kraft hatte sie verlassen.
Wie hatte sie nur so dumm sein können, sich erwischen zu lassen? Wie hatte sie so unvorsichtig sein können, während Chas in seinem Versteck gegen den Fieberwahn ankämpfte? Ob er in seinen Albträumen wieder das brennende Klein-Ararat besuchte? Der Gedanke brach Mira das Herz.
„Mira“, sagte eine Stimme über ihr leise. „Was ist mit Chas?“
Immer noch um Luft ringend, rappelte Mira sich auf und starrte durch die fast undurchdringliche Dunkelheit in das Gesicht eines Jungen, der sich besorgt über sie lehnte.
„Urs“, brachte sie hervor. „Biene!“
Die weichen Hände zogen sie in eine Umarmung, die nach trockenem Gras, Erde und Moos roch. Nicht nach dem finsteren Gefängnis, in dem sie sich befanden, sondern nach jemandem, der genau wie Chas und Mira die Nächte unter freiem Himmel verbracht hatte.
„Meine Güte, Mira, du bist es wirklich!“, sprudelte es aus Biene heraus, während sie Mira immer noch festhielt. „Es ist so gut, dich zu sehen … ich meine, nicht hier! Das ist gar nicht gut. Aber … du weißt schon.“
Beinahe musste Mira trotz der schrecklichen Umstände lachen. Urs und Biene waren hier – jetzt musste einfach alles gut werden! „Was macht ihr denn hier?“, platzte sie heraus. „Wo sind die anderen Fischerkinder? Und warum habt ihr Leonardsburg verlassen? Ist es sicher für euch hier?“
„Offensichtlich nicht.“ Ein Glucksen mischte sich in Urs’ Stimme. „Immerhin haben wir es genau wie du geschafft, eingefangen zu werden, ehe wir auch nur weiter als ein paar Kilometer gekommen sind.“
Mira bemerkte, dass er nur einen Bruchteil ihrer Frage beantwortet hatte, aber für den Moment gab es Wichtigeres. „Chas.“ Die Tränen brannten in ihrer Kehle. „Ich muss zurück zu ihm.“
„Was ist passiert?“ Bienes zarte Hand rieb ihre Schulter, doch ihre Stimme bebte.
„Er ist …“ Mira drohte an den Worten zu ersticken. „Die Wunde hat sich entzündet. Er ist wie im Wahn, er … Urs, ich glaube, er stirbt!“ Ein raues Schluchzen bahnte sich den Weg über ihre Lippen, und hätten nicht nach wie vor zwei Paar so unterschiedlicher Hände sie gehalten, wäre Mira gänzlich zusammengebrochen. Ihr ganzer Körper zitterte vor Erschöpfung und Angst.
Urs schwieg lange, ehe er antwortete. Mira dachte bereits, seine Worte über ihr eigenes Schluchzen hinweg nicht gehört zu haben. „Dann jetzt oder nie“, sagte er jedoch schließlich. „Wir haben keine Zeit zu verlieren.“
„W… was meinst du?“
„Komm.“ Biene zog Mira von der Tür weg, bis sie die jenseitige Wand im Rücken spürte. „Bleib einfach da sitzen.“
„Aber … ich muss zu Chas.“
„Schsch“, machte Biene. „Wir haben längst einen Plan. Dass wir zu dritt sind, macht es vielleicht ein wenig schwieriger, aber …“
„Still.“ Urs richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Sein bärenhafter Umriss verdeckte fast gänzlich das Licht, das durch die Ritzen der Tür fiel. „Hilfe“, polterte er dann, und alles schien bei diesem Ausruf zu vibrieren. Selbst Mira, die im Grunde wusste, dass sein Hilferuf nur Schauspiel sein konnte, schnürte die Panik in Urs’ Stimme die Kehle zu.
„Wir brauchen Hilfe! Sie ist ohnmächtig geworden!“
Auch die desinteressierte Wachfrau musste ihm jedes Wort abnehmen, denn es dauerte nur Sekunden, bis die Tür aufgeschlossen und geöffnet wurde. Im augenblicklich hereinflutenden Licht sah Mira, dass Biene am jenseitigen Ende des kleinen Zimmers zusammengesackt war und bäuchlings auf dem Fußboden lag. Urs kauerte mittlerweile neben ihr.
„Hilfe“, wimmerte er, und Mira lief ein eisiger Schauer über den Rücken, obgleich sie wusste, dass sein Leid nur gespielt war.
Die Wachfrau schloss die Tür hinter sich, aber sie näherte sich Biene tatsächlich und ging neben ihr in die Hocke. „Aus dem Weg“, herrschte sie Urs an, unternahm aber nichts, um diesen Befehl auch durchzusetzen. Urs blieb wie angewurzelt an Bienes Seite. Mira konnte sich nicht vorstellen, dass er sich auch nur im Geringsten anders verhalten würde, wenn all das hier echt gewesen wäre.
„Sie ist einfach ohnmächtig geworden. Bitte! Bitte tun sie etwas!“ Er umklammerte das Handgelenk der Wachfrau, ließ sich jedoch allzu leicht abschütteln.
Mira sah zu, wie die Wachfrau sich über Biene beugte und ihren Puls suchte. Urs hätte die zierliche Frau leicht überwältigen können. Aber stattdessen sah Mira im Zwielicht, wie er seine Hand langsam und unauffällig in Richtung des kleinen, tragbaren Scanners schob, der am Gürtel der Wachfrau baumelte. Sie dachte, er wolle ihn an sich nehmen, doch er streckte nur den Arm aus. Das blaue Licht des Scanners fiel auf seine sonnengebräunte Haut, eine kleine zackige Narbe am Handgelenk und schließlich für den Bruchteil einer Sekunde auf das weiße Armband. Kaum hörbar ertönte ein Klicken.
„Sie atmet“, stellte die Wachfrau fest, die nichts von alledem bemerkt hatte. Sie schien es nicht erwarten zu können, von Biene wegzukommen. Hastig richtete sie sich auf. „Ich bringe euch Wasser. Sie kommt schon wieder zu sich.“
Urs beugte sich wortlos über Biene, Haltung und Miene immer noch die eines Menschen, der Todesängste aussteht.
Die Wachfrau brachte ihm Wasser, verschwand dann aber hastig und ließ Urs, Mira und die immer noch regungslos auf dem Fußboden liegende Biene allein zurück.
Kapitel 3
Die Flucht
Mira spürte, wie Enttäuschung sich in ihr breitmachte, während die Tür ins Schloss fiel und das Licht aus dem Vorraum bis auf einen schmalen Streifen auf dem Fußboden reduzierte. Im Dunkel ihrer Zelle sah sie, wie Biene sich aufrichtete.
„Das war unsere Chance!“ Mira konnte den vorwurfsvollen Unterton nicht aus ihrer Stimme verbannen.
Urs schüttelte sachte den Kopf. „Es wäre nicht gut gegangen.“
Das kurze Gefühl der Hoffnung, das in ihr aufgeflackert war, machte erneut der unkontrollierten Angst Platz, die eben noch in ihrem Inneren gewütet hatte. „Aber … Chas! Ich muss zu ihm. Er braucht Hilfe!“
„Mira …“ Biene berührte ihre Hand. „Du verstehst nicht …“
„Nein, ihr versteht nicht!“ Mira zog ihre Hand weg. Gar nichts verstanden sie. Wenn niemand Chas Medikamente brachte, niemand sich um ihn kümmerte, dann würde er sterben. Ohne dass jemand auch nur ahnte, dass er sich auf dem Autofriedhof befand. Ohne dass es jemanden interessierte. Und ohne dass Mira ihm je gesagt hatte …
„Es war nicht der richtige Zeitpunkt“, sagte Urs sanft, aber bestimmt. „Der richtige Moment kommt noch. Du wirst sehen.“
Mira konnte die Nähe und leeren Worte der beiden nicht länger ertragen. Sie stand auf und schleppte ihren sich wund anfühlenden Körper hinüber zur Tür. Es tat gut, sich dort auf den Boden sinken zu lassen und die Stirn gegen den kühlen Stein zu drücken. Die Kälte stand im scharfen Kontrast zur Hitze der Tränen, die über ihre Wangen zu rinnen begannen.
„Mira …“, setze Biene abermals an, doch Urs unterbrach sie: „Da! Hört zu!“
Nicht einmal Mira, die sich direkt neben der Tür befand, hatte die Schritte und Stimmen im Vorraum gehört, ehe Urs sie darauf hingewiesen hatte.
„… in dringender Angelegenheit.“ Das war nicht die Stimme der Wachfrau, sondern die eines Mannes. „Ich fürchte, diese Sache duldet keinen Verzug. So lange soll ich hier übernehmen.“
„Und das fällt denen jetzt ein?“, fauchte die Wachfrau. Das Rascheln von Unterlagen und das Scharren von Stuhlbeinen über den Boden war zu vernehmen. „Vorhin war ich noch dort. Und der nächste Weg ist es auch nicht gerade.“
„Wenn es Ihnen lieber ist, gehe ich zurück und melde, dass Ihnen nicht danach ist.“ Die Stimme des Mannes hatte einen unverkennbar höhnischen Klang angenommen. „In Valda überlegen wir nicht zweimal, wenn unser Vorgesetzter uns etwas befiehlt. Aber das mag hier anders sein.“
„Natürlich gehe ich.“ Die Stiefel der Frau polterten Richtung Eingangstür. „Es gibt hier nicht mehr viel zu tun. Die Akten sind meine Aufgabe.“
„Dann warte ich einfach und halte die Stellung.“
Die Tür wurde geöffnet und fiel wieder ins Schloss. Mira hob den Kopf und lauschte angestrengt. Würde der fremde Wachmann die Zellentür öffnen und einen Blick hineinwerfen? Wäre das der richtige Moment, würde Urs dann etwas tun?
Sie wartete. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Doch schließlich näherten sich tatsächlich Schritte, und die Tür wurde geräuschvoll aufgeschlossen. Sekunden später blinzelte Mira abermals in das grelle Licht des Vorraums.
Im Gegenlicht konnte sie nicht mehr als die Umrisse des Wachmanns erkennen, der dort stand und sie musterte. „Drei Gefangene“, stellte er fest, und Urs nickte, obwohl es nicht gerade nach einer Frage geklungen hatte.
„Lasst eure Bändchen sehen!“
Er beugte sich über Urs’ Handgelenk, als wolle er kontrollieren, ob sein Bändchen auch echt war, und warf auch einen kurzen Blick auf die der beiden Mädchen. Mira konnte nur davon ausgehen, dass es ihm lediglich darum ging, zu wissen, ob sie überhaupt ein ID-Band hatten, denn ohne Scanner gaben ihm die weißen Plastikstreifen keinerlei Informationen. Doch er schien zufrieden, nickte ihnen knapp zu und trat wieder aus der Zelle. Die Tür zog er hinter sich ins Schloss.
„Glaubt ihr, wir können …“, setzte Mira an, aber Urs fiel ihr ins Wort: „Warte!“ Er lauschte angestrengt, und Mira tat es ihm gleich. Die Schritte des Wachmannes entfernten sich, etwas klickte, und schließlich knallte eine Tür zu.
„Ist er weg?“ Mira konzentrierte sich mit aller Kraft auf die Geräusche vor der Zellentür, konnte aber nichts mehr ausmachen. „Er kann doch nicht einfach seinen Posten verlassen!“ Sie spürte Aufregung in sich aufwallen. Aufregung und einen Funken Hoffnung. „Habt ihr eine Nadel? Oder … eine Gabel oder so! Es ist ein ziemlich altes und großes Schloss! Vielleicht können wir …“
„Nicht nötig.“ Urs hielt etwas in die Höhe, das Mira im Halbdunkel nur an seinem metallischen Klirren sicher erkennen konnte. Einen Schlüsselbund.
„Sag bloß, den hattest du schon die ganze Zeit!“
„Nein.“ In Urs’ Stimme lag unverkennbar ein Grinsen. „Erst seit der Bändchenkontrolle gerade eben.“ Er erhob sich, und binnen Sekunden hatte er die Zellentür aufgeschlossen. Erneut fiel Licht zu ihnen herein, und es dauerte einige Augenblicke, bis Mira genug sehen konnte, um sicher zu sein, dass der Wachmann tatsächlich verschwunden war.
Sie konnte es nicht fassen. In Leonardsburg waren die Wachen äußerst gewissenhafte Leute. Pflichtversessen und exakt – wie Filip. In einer Stadt wie Cem hätte sie eine mindestens genauso gründliche, wenn nicht sogar noch korrektere Arbeitsweise erwartet.
Urs ging zum verlassenen Schreibtisch. Das Gehen schien ihm schwerzufallen; er hinkte ein wenig, zumindest bei den ersten Schritten. Doch nachdem er den Schlüssel sorgfältig auf der Tischplatte abgelegt hatte, straffte er die Schultern und wandte sich zu Biene und Mira um. „Na los, gehen wir!“
Mira hatte Mühe, ihn nicht fassungslos anzustarren. Ihn schien es kaum zu überraschen, wie glatt ihre Flucht verlief. Wie konnte er geahnt haben, dass der Wachmann, dem er den Schlüsselbund gestohlen hatte, just eine halbe Minute später seinen Posten verlassen würde – und sei es nur, um auf die Toilette zu gehen? Aber Urs kommentierte dieses unverschämte Glück nicht mit einem Wort! Oder nahm er es schlichtweg als Gebetserhörung?
Doch es blieb keine Zeit für Fragen. Der Wachmann oder die von ihm abgelöste Wachfrau konnten jeden Augenblick zurückkommen, und dann wären sie wirklich in Schwierigkeiten. Nein, nun hieß es die Beine in die Hand nehmen und so schnell wie möglich zu Chas gelangen. Mira graute davor, wie sie ihn vorfinden würden.
Chas’ Zustand war schlecht. Er schlief, als sie kamen; keinen ruhigen Schlaf, sondern einen seiner Fieberträume, sodass Mira und Biene sich ihm kaum nähern konnten. Die Wasserflasche lag leer und offen neben ihm, aber Mira hatte den Verdacht, dass ihr Inhalt den Erdboden tränkte und nicht Chas’ fiebrigen Körper mit lebensnotwendiger Flüssigkeit versorgte.
Urs kniete sich neben ihm in den Schmutz. Beinahe grob musste er Chas’ Arme zu Boden drücken, um ihn davon abzuhalten, ihn im Fieberwahn von sich zu stoßen. Sogar in der Dämmerung konnte Mira Urs’ Gesicht versteinern sehen, als er Chas’ Wunde untersuchte. „Er braucht Wasser“, sagte er nur tonlos. Sofort sammelte Biene die leere Flasche vom Boden auf.
Mira riss den Blick von Chas los, der sich in Urs’ Griff wand. Ihre Lungen fühlten sich plötzlich zu eng an, um genügend Luft aufzunehmen. „Ich komme mit“, krächzte sie erstickt, aber Biene schüttelte den Kopf.
„Hilf Urs. Hast du nicht gesagt, du hast Medikamente?“
Sich jäh an das nutzlose Sammelsurium an Säften und Tabletten, Verbänden und Injektionen erinnernd, ließ Mira sich neben Urs auf die Knie sinken. Ihre Augen brannten. „Ich wusste nicht, was er braucht.“ Sie zog die übriggebliebenen Fläschchen und Tablettenblister aus ihren Taschen und breitete sie in heillosem Durcheinander vor Urs aus. In der Dunkelheit verschwammen sie vor ihren Augen. Sie hatte auf ganzer Linie versagt. Viel zu lange war sie weg gewesen, hatte Chas viel zu lange alleine gelassen. Und wofür? Für ein paar Hände voll wahllos zusammengesammelter Medikamente, von denen sie nicht einmal wusste, wofür sie gut waren.
„Lass mal sehen.“ Urs’ ruhige Stimme drängte die Panik in ihrem Inneren für einen Moment zurück, hielt sie davon ab, zu einem nutzlosen, verzweifelt schluchzenden Wrack zu werden.
Er wühlte sich durch die Sammlung, las hier und da im letzten Sonnenlicht ein Etikett, legte manches zu seiner Linken, anderes zu seiner Rechten ab, schüttelte den Kopf und nickte schließlich. „Hier. Das hier wirkt entzündungshemmend.“
Mira richtete sich auf. „Bist du sicher?“
Urs nickte. „Ich habe es bekommen.“ Er wies vage in Richtung seines Beines. „Gleich nachdem ich angeschossen wurde. Die Wunde ist viel besser verheilt als die von Chas.“
Natürlich. Auch Urs war beim Überfall auf Klein-Ararat verletzt worden. Mira erinnerte sich, wie ihr bei ihrer Flucht aus dem Gefängnis sein leichtes Hinken aufgefallen war. „Woher hattest du die Medikamente? Und woher wusstest du überhaupt …“
„Natürlich“, unterbrach Urs sie, „hat sich die Entzündung in Chas’ Körper bereits ausgebreitet. Ich hoffe nur … wir können nur beten, dass das Medikament dem gewachsen ist.“
Mit einem Knacken öffnete er das kleine Fläschchen, schob eine Hand unter Chas’ Nacken und zwang ihn gegen seinen Willen in eine aufrechtere Position. Ein Teil der bernsteinfarbenen Flüssigkeit rann über Chas’ Kinn und versickerte in seinem schmutzigen Hemd, aber Mira konnte auch sehen, wie Chas schluckte. Einmal, zweimal, dreimal einen Schluck des rettenden Medikaments in sich aufnahm.
Als er fertig war, griff Urs nach einer Rolle frischem Verband und einer Salbe. „Ich wünschte, wir könnten die Wunde anständig desinfizieren. Aber das hier wird fürs Erste ausreichen müssen. Es wird ihm nicht besonders gefallen“, fügte er hinzu, ehe er sich daranmachte, den geöffneten Verband gänzlich von Chas’ Verletzung zu schälen.
Mira vermied es geflissentlich, dabei zuzusehen. Allein die Erinnerung an den Anblick der verbrannten Haut ließ den Geschmack von Galle in ihrer Kehle hochsteigen. Stattdessen starrte sie in Chas’ Gesicht. Die Unterlippe war blutig gebissen, die Augen bewegten sich hinter den geschlossenen Lidern. Unwillkürlich musste Mira an ihren goldenen Karamellton denken, und plötzlich sehnte sie sich nach diesem Anblick wie in einem langen Winter nach dem warmen Gefühl der Sonne auf ihrer Haut.
Sie zog ihren Ärmel über den Handballen und wischte Chas den Schweiß von der Stirn. Das schwarze, herausgewachsene Haar klebte an seiner Haut, und sie strich es sorgsam zurück. Erst nach einigen Sekunden merkte sie, dass Urs in seiner Tätigkeit innegehalten hatte.
„Entschuldige!“ Sie rückte hastig zurück. „Ich wollte dir nicht im Weg sein.“
„Nein.“ Urs sah sie an und senkte den Blick dann wieder auf Chas. „Bleib. Ich glaube, es beruhigt ihn.“
Mira schluckte, rutschte aber wieder an Chas’ Seite und streckte − nun, da sie sich der Berührung plötzlich viel bewusster war als vorhin − die Hand nach ihm aus. Sie streichelte sein Haar, und ein Kloß bildete sich in ihrem Hals, als sie sich vorstellte, wie wenig Chas das gefallen würde, wenn er bei Bewusstsein wäre. Es war albern: Selbst die Ruppigkeit, mit der er jede Fürsorge ablehnte, vermisste sie.
Urs trug Salbe auf, und manchmal verzog Chas vor Schmerz das Gesicht. Doch die meiste Zeit blieb er ruhig. Erst jetzt fiel Mira auf, dass Urs seine Arme längst nicht mehr festhalten musste. Als Biene zurückkam, legte Urs gerade einen frischen Verband an, und Mira streichelte immer noch Chas’ Haar. Sie hörte nicht auf damit, spürte aber, wie sie unter Bienes Blick errötete. Zum Glück ahnten die beiden nicht, wie eng umschlungen sie und Chas in dieser einen Nacht geschlafen hatten. Der Wunde und der Albträume wegen natürlich. Aber dennoch.
Trotzdem rückte Mira auch dann nicht weg, als Biene sich auf Chas’ anderer Seite niederließ, um ihm etwas zu trinken zu geben.
Mira beschloss, nicht nachzufragen, woher Biene das Wasser bekommen hatte. Sie war sich beinahe sicher, dass sie keine zufriedenstellende Antwort bekommen würde. Urs hatte ihre Frage nach der Herkunft des Medikaments für seine Verletzung bereits ignoriert, und im Augenblick war sie zu sehr auf die Hilfe der beiden angewiesen, um sie mit ihrem Misstrauen vor den Kopf zu stoßen. Dennoch war sie sich beinahe sicher, dass sie ihr etwas verheimlichten.
Mit vereinten Kräften gelang es ihnen, Chas einige Schlucke Flüssigkeit einzuflößen, dann ließ Urs sich, erschöpft von der getanen Arbeit, einen knappen Meter neben ihnen nieder und seufzte: „Jetzt können wir nur noch beten.“
Und das taten sie. Zuerst gemeinsam und dann jeder still für sich. Irgendwann schlief Biene an Urs gekuschelt ein. Er selbst saß da wie ein Fels, regungslos und unerschütterlich, während seine Lippen sich unablässig lautlos bewegten.
Mira kauerte immer noch an Chas’ Seite, aber auch ihre Lider waren schwer geworden, und die Worte formten sich nur noch zäh in ihrem Kopf. „Bitte … lass ihn … leben. Lass ihn leben.“
Kapitel 4
Angst
Mira erwachte vom warmen Gefühl der morgendlichen Herbstsonne auf ihrem Gesicht. Der Rest ihres Körpers fühlte sich wund an, und ihre Muskeln schmerzten von der kauernden Haltung, in der sie auf dem steinigen Boden lag. Sie hatte den Verdacht, dass das Muster von unzähligen kleinen Kieseln sich in ihre rechte Gesichtshälfte eingegraben hatte.
Mühsam richtete sie sich auf und stieß dabei an Chas, der dicht neben ihr lag. Langsam kehrte die Erinnerung an den vergangenen Tag zurück. Sie war betend an seiner Seite eingeschlafen; deshalb die unbequeme Position, deshalb der schale Geschmack von Angst auf ihrer Zunge.
Urs saß im Schneidersitz, wo sie ihn zuletzt gesehen hatte, den Kopf in die Hände gestützt, aber offenbar wach. Er murmelte ein „Amen“, ehe er den Blick auf Mira fokussierte und sich zu einem müden Lächeln durchrang. Biene schlief, den Kopf auf seinen Oberschenkel gebettet.
„Hast du etwa die ganze Nacht gebetet?“ Miras Mund war trocken und ihre Stimme ein heiseres Krächzen. Ohne eine Antwort abzuwarten, huschte ihr Blick zu Chas und tastete über sein Gesicht. Er schlief ganz ruhig.
„Es geht ihm besser“, sagte Urs, ebenfalls rau.
Unwillkürlich streckte Mira die Hand aus und legte sie an Chas’ Wange. „Er hat kein Fieber mehr.“
Urs schüttelte langsam den Kopf. „Er wird es schaffen.“
Mira schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, verschwamm Chas’ ruhiges Gesicht vor ihr. „Warum ist er immer noch nicht bei Bewusstsein?“
„Er ist schwach. Sein Körper muss sich erholen. Es war …“ Urs verstummte, doch Mira hatte schon verstanden. Er hatte selbst nicht immer daran geglaubt, dass Chas überleben würde.
„Danke.“ Mira wischte sich hastig über beide Wangen, aber Urs senkte höflich den Blick und betrachtete seine schlafende Freundin. „Für alles, was du für Chas getan hast. Ich … ich weiß nicht, ob ich …“ Sie schüttelte den Kopf. „Du hast ihm das Leben gerettet.“
„Es gibt eine Zeit zu leben und eine Zeit zu sterben. Chas’ Zeit war noch nicht gekommen“, wies Urs ihren Dank zurück. „Schau dir unseren Freund Ari an. Gott hat ihn verschont, und am Ende hat der kleine Kerl uns alle gerettet.“ Behutsam hob er Biene von seinem Bein und bettete ihren Kopf stattdessen auf seinen Arm, indem er sich neben sie legte. „Mit Chas“, sagte er mit träger werdender Stimme, „hat er noch viel vor, da bin ich sicher.“ Keine Minute später war er an Bienes Seite eingeschlafen.
Mira saß an Chas’ Seite, die Gedanken zäh wie Honig und die Lider schwer. Obwohl sie geschlafen hatte, forderten die Anstrengung und Anspannung der vergangenen Stunden ihren Tribut. Aber während Urs und Biene schliefen, zwang Mira sich, wach zu bleiben. Was, wenn es Chas wieder schlechter ging? Jemand musste ein Auge auf ihn haben und notfalls die anderen wecken. Hilfe holen. Irgendetwas.
Ihr Blick tastete über Chas’ Gesicht, die blutigen Lippen, die entspannten Züge, die geschlossenen Augen. Seine Lider zuckten. Etwas in Mira zog sich schmerzhaft zusammen. Hatte er wieder einen Albtraum?
Sie streckte die Hand nach ihm aus, zog sie aber hastig zurück, als er die Augen aufschlug, sie endlich, nach so vielen Stunden des Bangens um sein Leben, wieder öffnete.
Sein Blick war noch immer ein wenig glasig, das satte Gold seiner Augen konnte über die tiefen Schatten darunter nicht hinwegtäuschen. Nicht dass Mira das mehr als zur Kenntnis nehmen konnte; durch den Tränenschleier verschwamm Chas’ Gesicht vor ihren Augen.
„Was … ist passiert?“, nuschelte er, versuchte sich aufzurichten, ließ es dann aber doch bleiben.
Mira legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er sollte seine eben erst wiedergewonnenen Kräfte nicht überstrapazieren. „Deine Wunde hat sich entzündet. Du warst … du warst völlig weggetreten.“ Allein die Erinnerung jagte ihr eine Gänsehaut über den Körper.
„Wie bin ich …“ Chas kniff die Augen zusammen, als versuche er angestrengt, sich zu erinnern, was er hatte sagen wollen. „Wie bin ich hierhergekommen?“
Mira sog zittrig die Luft ein. Wie viel sollte sie Chas erzählen? Selbst für sie, die es erlebt hatte, waren die letzten vierundzwanzig Stunden schwer in Worte zu fassen, und sie wollte nicht, dass Chas sich im Nachhinein noch sorgte. Was alles hätte schiefgehen können! Sie hatte Kopf und Kragen riskiert.
„Ich hab dich hier versteckt und bin in ein … nach Cem gegangen, um Medikamente zu besorgen“, fasste sie zusammen. „Unterwegs hab ich Urs und Biene getroffen, und sie haben mir geholfen … dabei, die Medikamente zu dir zu bringen. Urs wusste, was dir helfen könnte, und … na ja, es scheint gewirkt zu haben.“
Chas atmete geräuschvoll ein und aus. Mira hoffte, dass er keine Fragen stellen würde. In dieser Version klang ihr lebensgefährliches Abenteuer ganz harmlos, und dabei wollte sie es fürs Erste belassen.
„Noch ein Mensch, dem ich mein Leben verdanke“, seufzte Chas jedoch, als wäre ihm gar nicht aufgefallen, welch gewaltige Löcher Miras Bericht aufwies.
„Ja, Urs war großartig. Er wusste genau …“
„Ich meine dich.“
Mira begegnete kurz seinem Blick, und das Gold von Chas’ Augen schien sie aus ihrem tiefsten Inneren heraus zu wärmen. „Kann ich … möchtest du etwas trinken? Ich meine … ich kann dir helfen …“ Sie verstummte. Halb wappnete sie sich für Chas’ übliche Reaktion auf Fürsorge oder Mitleid. Doch er nickte. „Ja, bitte.“
Fast gegen ihren Willen stahl sich ein Grinsen auf ihr Gesicht.
„Was?“
„Du hast ,bitte‘ gesagt.“ Mira griff nach der Wasserflasche. „Du hast noch nie ,bitte‘ gesagt, soweit ich mich erinnere.“
Ein kleines Schnauben drang über Chas’ Lippen. „Ab und an kommt eben auch meine königliche Erziehung durch.“
Sie warfen beide einen Blick zu Urs und Biene, die sich nach wie vor in Hörweite befanden. Sie hatten keine Ahnung, wer Chas wirklich war. Doch beide schliefen tief und fest.
„Wie war es?“, fragte Mira gedämpft, während sie die Flasche aufschraubte. „Ich meine … jetzt bist du Chas. Aber wie war es, Carl Auttenberg zu sein, Nicholas Auttenbergs Sohn?“
Chas wandte das Gesicht von ihr ab. „Kompliziert“, sagte er leise. „Du wirst es vielleicht nicht glauben, aber er war ein guter Vater. Bevor er König wurde. Er hat mir viel beigebracht. Schnitzen und Lesen und Schach.“ Er schluckte. „An dem Tag, an dem ihr mit seiner Krönung eure Freiheit verloren habt, habe ich meinen Vater verloren.“
Mira wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Die vielen Worte und das unangenehme Thema schienen Chas Kraft zu kosten. Schweißperlen traten ihm auf die Stirn, und er holte einige Male tief Luft, ehe er fortfuhr: „Dann wollte er mir nur noch eines beibringen: ein Thronfolger zu sein. Wie er zu werden. Wie habe ich ihn dafür gehasst.“ Abermals sog er Luft in seine Lungen und griff dabei unwillkürlich nach seinem verletzten Arm.
„Hier.“ Mira hätte ihn so gerne reden lassen. Sie wusste so wenig über Chas und wollte noch so viel erfahren. Trotzdem half sie ihm, die Wasserflasche an die Lippen zu setzen. Sein Griff war schwach. Zu schwach, als dass er die Glasflasche selbst hätte halten können. Mira ließ nicht los, und dankenswerterweise nahm Chas es wortlos hin, nickte ihr sogar zum Dank zu, ehe er den Kopf erschöpft zurücksinken ließ.
„Tut mir leid“, murmelte er mit geschlossenen Augen.
„Was tut dir leid?“
„Dass ich dich aufhalte. Deinen Freund erwartet der Prozess, und du sitzt meinetwegen hier fest.“
Mira wollte ihm widersprechen, ihm sagen, dass es nicht seine Schuld war und dass Filip außerdem nicht ihr Freund war. Nicht wirklich. Sie hatten so getan, ja, um ihren Vater hinters Licht zu führen – dafür schämte sie sich nun, wenn sie ehrlich zu sich selbst war. Vor allem, weil ihr darüber entgangen war, wie Filip immer weniger so getan und immer mehr wirklich etwas für sie empfunden hatte.
Doch sie brachte nichts von alledem über die Lippen. Der Kloß in ihrem Hals ließ es nicht zu. Denn die Wahrheit war, dass sie in den vergangenen vierundzwanzig Stunden kaum einen Gedanken für Filip übriggehabt hatte. Die Angst um Chas war einfach übermächtig gewesen. Jetzt konnte sie es selbst nicht mehr begreifen. Filip saß ihretwegen in einem Verlies in der Hauptstadt. Wer wusste, wie sie ihn dort behandelten, welche Todesängste er ausstehen musste?
„Sobald es dir besser geht, machen wir uns wieder auf den Weg.“ Mira war sich nicht sicher, ob sie damit Chas oder sich selbst das schlechte Gewissen ausreden wollte. „Du kannst mit zur königlichen Residenz kommen und mir helfen. Dann sind wir quitt.“
Es war als Scherz gemeint, aber Chas verzog wie im Schmerz das Gesicht. „Als hätte ich eine andere Wahl, nachdem Filip mich mit dir hat entkommen lassen.“
„Deshalb musst du nicht …“, setzte Mira an, aber Chas fiel ihr ins Wort: „Ich kann es nicht erwarten, diesem Land endlich den Rücken zuzukehren. Aber ich bleibe niemandem etwas schuldig.“ Er schloss die Augen und atmete tief ein. „Egal, was es kostet.“
Eine Weile saß Mira einfach nur da und sah den anderen beim Schlafen zu. Mehrmals nahm sie sich vor, aufzustehen und sich auf die Suche nach etwas Essbarem zu machen, doch sie konnte sich nicht dazu durchringen. Ihr Blick verweilte auf Chas, dessen Züge nun ganz friedlich waren. Ein Teil von ihr hätte ihn gerne aufgeweckt, um das hässliche Gefühl der Angst zu verjagen, das nun, da er die Augen wieder geschlossen hatte, zurückkehrte. Das Gefühl, nur eine Haaresbreite von einem neuerlichen Verlust entfernt zu sein.
„Wir hätten uns denken können, dass ihr zusammen unterwegs seid.“
Mira zuckte zusammen, als Biene so unerwartet das Wort an sie richtete. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie aufgewacht war und sich an Urs’ Seite lautlos aufgerichtet hatte.
„Was meinst du damit?“
Biene griff nach der Glasflasche, löste den Schraubverschluss und trank in langen Zügen. Mit dem Handrücken wischte sie sich über die Lippen, ehe sie endlich antwortete: „Du und Chas. Es überrascht mich nicht, dass ihr doch nicht getrennte Wege gegangen seid.“
„Chas ging es nicht gut.“ Mira wusste selbst nicht, warum sie das Bedürfnis hatte, sich zu rechtfertigen. „Ich konnte ihn wohl kaum alleine lassen.“
Biene sagte nichts. Mira nahm ihr die Wasserflasche aus der Hand und trank ebenfalls. Aber auch nach mehreren Schlucken fühlte ihre Kehle sich noch rau und eng an. Wie sollte sie Biene erklären, was Chas und sie verband, wenn sie es doch selbst nicht so recht wusste?
„Wir stehen beide in Filips Schuld“, erklärte sie schließlich, die Trockenheit in ihrem Hals ignorierend. Was wollte sie Biene eigentlich beweisen? Dass sie einen guten Grund hatte, Filip retten zu wollen? Oder doch eher einen guten Grund dafür, dieses Unterfangen gemeinsam mit Chas anzugehen? Eigentlich musste sie keines von beidem entschuldigen.
„Ist Filip eigentlich dein …“
„… Freund?“, vollendete Mira Bienes Satz, als sie deren Zögern bemerkte. Sie fuhr mit den Fingern den gläsernen Flaschenhals auf und ab. War Filip denn ihr Freund? „Er ist für mich immer wie ein Bruder gewesen. Immerhin war er der meiner besten Freundin.“ Sie schluckte. Vera war nicht mehr ihre beste Freundin, nicht nachdem sie die Fischerkinder und mit ihnen Mira so feige verraten hatte. Trotzdem war das, was sie mit Filip verband, noch da. Als wäre eine Zuneigung, die nichts mehr mit Vera zu tun hatte, zwischen ihnen gewachsen. Aber wie sollte sie das in Worte fassen?
„Eigentlich war es die Idee meines Vaters“, versuchte sie es zaghaft. „Filip und ich wollten nie miteinander ausgehen. Aber ich brauchte ein Alibi für die Treffen der Fischerkinder, und Filip … mein Vater war sein Vorgesetzter. Filip hätte alles getan, um es ihm recht zu machen. Also haben wir so getan, als wären wir ein Paar. Ich … ich habe nur nicht bemerkt, dass Filip irgendwann aufgehört hat, nur so zu tun.“ Und dann hatte Filip ihr und Chas auch noch das Leben gerettet und teuer dafür bezahlt. Er war gefangen genommen und des Hochverrats angeklagt worden. Ihretwegen. War es da nicht das Mindeste, ihm im Gegenzug auch zu helfen?
Mira sah zu Biene hinüber, die nachdenklich den Kopf hin und her wiegte. „Das klingt ziemlich kompliziert.“
„Ist es auch.“
„Und Chas?“
Mira brach hastig den Blickkontakt mit Biene ab, und ihre Augen huschten für einen Sekundenbruchteil zu Chas, der immer noch schlief. Ihm schuldete sie im Gegensatz zu Filip nichts. Sie verband auch keine langjährige Geschichte der Freundschaft und Vertrautheit. Überhaupt war sie nicht sicher, ob Chas jemals das Bedürfnis nach einem Freund oder Vertrauten verspürte. Sein Geheimnis hatte er ihr nicht etwa anvertraut. Nein, das war Ben gewesen, dem es vor Wut herausgerutscht war. Aber dass sie und Chas immer noch zusammen unterwegs waren, sprach doch für sich. Wenn es schon nicht bedeutete, dass sie Vertraute waren, so zeigte es zumindest, dass sie für einen Abschied noch nicht bereit waren.
„Ich mag ihn“, flüsterte Mira. „Ich mochte ihn von Anfang an. Und er …“ Sie dachte an den Kuss, wollte aber nicht, dass Biene davon erfuhr. Sie wusste ja selbst nicht, was dieser Kuss bedeutet hatte. Es war im Affekt geschehen, an dem Tag, an dem Chas Klein-Ararat hatte verlassen wollen. „Aus Chas wird man ja nicht schlau“, meinte sie vage. „Er spricht nicht über solche Dinge.“ Außer natürlich im Fieberwahn, aber auch davon konnte sie Biene nicht erzählen. Sie war sich nicht einmal sicher, ob Chas selbst sich noch daran erinnerte. Falls ja, so war sie überzeugt, dass es ihm so unangenehm war, dass er niemals auch nur ein einziges Wort darüber verlieren würde. Vielleicht hoffte er sogar, dass seine überschwänglichen Geständnisse nur Teil seines Fiebertraums gewesen waren.
„Was ist mit den anderen?“, fragte Mira, um ihre eigenen Gedanken zum Schweigen zu bringen. „Was ist aus ihnen geworden?“
Biene sah sie eine Weile nur an. Dann begann sie, mit einer Hand über Urs’ kurzes, borstiges Haar zu streicheln und zu erzählen: „Sie sind alle untergetaucht, nehme ich an. Als wir am nächsten Morgen noch einmal zum Buchladen kamen …“ Ihre Stimme kratzte und setzte kurz aus. „… da war niemand mehr da.“
Das Bild zugezogener Vorhänge schob sich ungebeten vor Miras Augen. Edmund Porter, der freundliche Buchladenbesitzer, wäre nicht der erste Mensch, der von einem Tag auf den anderen plötzlich nicht mehr da war. Der einfach so verschwand. Das passierte mit Menschen, die sich dem Staat widersetzten. Und darin war Edmund Porter ein Meister gewesen. Er hatte den flüchtigen Sohn des Königs versteckt, verbotene Literatur gelesen und unter die Leute gebracht, auf dem Schwarzmarkt gehandelt und eine sogenannte konspirative – und damit illegale – Kleinstgruppe unterhalten.
„Sie haben ihn nicht erwischt“, sagte Biene leise.
„Wie kannst du da so sicher sein?“
„Die Bücher.“ Bienes Mundwinkel zuckten. „Wir haben den Laden nach etwas Essbarem durchsucht, ehe wir die Stadt verlassen haben. Edmunds Lieblingsbücher fehlten.“
Etwas Warmes flutete durch Miras Eingeweide. Zuerst hielt sie es für bloße Erleichterung, aber dann wurde ihr klar, dass es Zuneigung war. Abgesehen von Chas, war Edmund Porter der einzige Mensch, den sie kannte, der Bücher ebenso sehr liebte, wie sie es tat. Sie waren seine Schätze. Es überraschte sie kein bisschen, dass er es nicht übers Herz gebracht hatte, sie allesamt zurückzulassen.
„Nathaniel und Theodore sind zurück in das staatliche Erziehungsheim gegangen.“ Biene schluckte. „Dort sind sie versorgt und … im Gegensatz zu den Vergessenen haben sie eine Zukunft. Eine mit Bändchen. Mit Identität.“
Unwillkürlich griff Mira nach dem Stück Plastik an ihrem Handgelenk. Bedeutete es so viel? Sie trug es nun schon so lange und hatte es als selbstverständlich hingenommen, dass es ihr Zugang und Güter verschaffte, wenn sie es brauchte. Ihr Blick fiel auf Chas’ leeren Arm. Sie hatte stehlen müssen, um ihn am Leben zu halten. Einfach nur deshalb, weil er kein Band hatte, das ihn befugte, in ein Staatsgesundheitszentrum zu gehen. Keine Berechtigung, etwas zu kaufen, zur Schule zu gehen, einen Beruf auszuüben oder auch nur zu existieren.
Plötzlich war sie ihren Eltern unendlich dankbar. Sie hatten Mira diese Rechte nicht genommen. Sie hatten sie nicht gemeldet. Das Plastikband an ihrem Handgelenk war nicht nutzlos. Sie war immer noch eine Bürgerin dieses Staates.
„Und Happy?“, fragte Mira.
„Sie und die Mädchen haben sich von Urs den Weg nach Torvald erklären lassen. Stella glaubt, dort Verwandte zu haben, bei denen sie bleiben können.“
„Stella glaubt?“
Biene biss sich auf die Unterlippe. „Genau genommen hat Stella überhaupt keine Verwandten. Jedenfalls nicht laut Definition des Staates.“
„Du meinst, weil sie eine Vergessene ist?“ Mira umklammerte ihr Bändchen fester. „Weil sie keine Identität mehr hat? Deshalb hat sie doch trotzdem …“
„Weil sie nie eine hatte“, unterbrach sie Biene. „Stella ist keine Vergessene. Um vergessen zu werden, musst du zuerst einmal erfasst gewesen sein. Aber das war sie nie. Sie wurde nicht einmal in einer staatlichen Einrichtung geboren, geschweige denn registriert. Eigentlich dürfte es sie gar nicht geben.“
Mira betrachtete ihre Hände, die immer noch die Glasflasche hielten. „Also haben ihre Eltern die Schwangerschaft gar nicht gemeldet? Sie waren nicht bei den Untersuchungen? Ich meine … ist das nicht unverantwortlich? Stella hätte krank sein können! Ihre Eltern wussten doch gar nicht …“
„Darum geht es denen doch gar nicht.“ Bienes Miene war steinern geworden. „Sie wollen nur die Kontrolle über die Einwohnerzahlen behalten. Und sicherstellen, dass sie Einfluss auf die ersten Lebensjahre der Kinder nehmen können. Hast du nicht gehört? Sie wollen die Kinder jetzt erst mit sechs Jahren bei ihren Familien leben lassen. Bis dahin sollen sie in den staatlichen Einrichtungen bleiben. Mit Besuchsrecht natürlich, wegen der Bindung zu den Eltern.“ Ihre Stimme triefte vor Sarkasmus. „Ihre ach so guten Absichten rechtfertigen es, dass sie die Familien zerstören.“
Mira hatte Biene noch nie so bitter erlebt. „Was ist eigentlich … was ist aus deinem Vater geworden?“, fragte sie, sich jäh erinnernd, dass auch Bienes Familie Opfer der Kontrollausübung des Staates geworden war.
„Sie haben ihn gehen lassen. Aber er hat keine Arbeitserlaubnis mehr und kann unsere Familie nicht ernähren. Ich habe drei kleine Geschwister.“ Sie starrte an Mira vorbei in den wolkenlosen Himmel. „Sie bräuchten mich zu Hause. Jede helfende Hand bräuchten sie. Aber wenn ich geblieben wäre, hätte ich sie alle in Gefahr gebracht. Wenn herauskommt, dass ich Teil der gesuchten Gruppe war …“ Sie verstummte.
Zuerst glaubte Mira, dass die Tränen ihr die Stimme abgeschnürt und ihr das Sprechen unmöglich gemacht hatten. Doch dann sah sie, wie Panik über Bienes Gesicht flackerte.
Mira wandte den Kopf, um Bienes Blick zu folgen, doch sie hörte es, noch bevor sie irgendetwas sah. Ein Auto. Keines der antriebslosen Wracks auf dem Schrottplatz um sie herum, sondern eines mit einem funktionstüchtigen Elektromotor.
Mira konnte die wenigen Male, die sie dieses Geräusch bisher gehört hatte, an einer Hand abzählen. In Leonardsburg gab es keine Fahrzeuge. Die Stadt war klein genug, um alles zu Fuß zu erreichen. Nur selten kamen Staatsbeamte von außerhalb.
Aber das leise Knirschen von Reifen auf rauem Untergrund hätte sie überall wiedererkannt. Als kleines Mädchen hatte sie aufgeregt darauf gelauscht. Das hatten alle Kinder. Sie waren auf die Straße gelaufen, um einen Blick auf das wundersame Gefährt zu werfen, wenn einmal eines in der Stadt gewesen war, und hatten es mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Faszination beobachtet.
Auch jetzt schlug Miras Herz ihr augenblicklich bis zum Hals. Nicht vor Aufregung, sondern vor Entsetzen. Ein Auto konnte nur eines bedeuten: Jemand war ihnen auf der Spur.
Kapitel 5
Unter der Oberfläche
Urs war hellwach, kaum dass Biene ihn sachte an der Schulter schüttelte. Mira konnte ihre geflüsterten Worte kaum verstehen, so leise wisperte sie sie in Urs’ Ohr. Darauf bedacht, sich ebenso lautlos zu verhalten, sprang Mira auf die Beine. Sie wussten nicht, wie nahe die Wachposten waren, noch, mit wie vielen sie es zu tun hatten. Einzig dass es sich um Wachposten handeln musste, das stand außer Frage. Wer sonst verfügte über ein funktionstüchtiges Fahrzeug?
Das Geräusch der Reifen verstummte, und Metall knallte auf Metall. Entweder Miras Gehör war vor Angst geschärft, oder sie waren ihnen tatsächlich ungeheuerlich nahe. Vielleicht gleich dort hinter dem windschiefen Haufen aus rostigen Autoteilen.
Auf halber Höhe des enormen Hügels war ein gelbes, größtenteils erhaltenes Fahrzeug eingeklemmt. Die Reifen fehlten, und sein Heck war völlig im Fundament des Schrotthaufens verschüttet. Aber die vordere Tür war zu erreichen.
„Da hinein!“ Urs und Biene folgten ihrem Nicken. Mira wartete nicht auf etwaigen Widerspruch. Natürlich war es riskant. Der gelbe Wagen war verbeult, die Tür womöglich völlig verkeilt, die Scharniere verrostet und der ganze Berg eine tödliche Falle, wenn er beim Versuch, ihn zu erklimmen, in sich zusammenbrach.
Irgendwo − schwer zu sagen, ob fern oder schon ganz nah − hörten sie gedämpfte Stimmen.
Urs rappelte sich auf und rannte in die von Mira gewiesene Richtung. Mira sah zu, wie er mit sorgfältigen Schritten prüfte, ob der Berg ihn halten würde, doch als er sich schließlich an der gelben Tür zu schaffen machte, ließ sie sich neben Chas auf die Knie fallen.
Es hatte keinen Sinn, ihn zu wecken und ihm die Situation zu erklären. Nach so langer Zeit ohne Bewusstsein, nach so heftigem Kampf mit dem Tod, war Chas nicht in der Lage, sich selbst in Sicherheit zu bringen. Er konnte den Berg nicht erklimmen und in den Innenraum des Wagens klettern. Vermutlich konnte er noch nicht einmal ohne ihre Hilfe laufen.
Stattdessen schob sie die Hände unter seine Schultern, griff ihn, so gut sie konnte, unter den Achseln und zerrte ihn über den staubigen Grund mit sich.
Noch ehe Biene mitanpacken konnte, riss Chas die Augen auf und setzte zu heftigem Protest an.
„Du musst still sein“, herrschte Mira ihn an. „Kein Wort! Wir retten dir gerade das Leben.“
Und tatsächlich biss Chas die Zähne zusammen und blieb stumm. Nur als sie ihn am Fuß des Schrotthaufens in eine aufrechtere Position ziehen wollten, entfuhr ihm ein schmerzvolles Stöhnen.
Einen halben Meter über ihnen war es Urs derweil gelungen, die Tür des gelben Wagens aufzubrechen. Sie knallte gegen die Wand aus rostigen Metallstücken und brachte einige davon zu Fall. Mit ohrenbetäubendem Scheppern rutschten sie den Hang hinab. Eines davon traf Mira am Knöchel, doch Schmerz spürte sie nicht.
Um den Lärm, den sie hier veranstalteten, nicht gehört zu haben, müssten die Wachmänner, die ihre Verfolgung aufgenommen hatten, vollständig taub sein. Sie packte Chas fester. Er biss sich auf die Unterlippe, während sie versuchte, ihn mit sich nach oben zu ziehen. Aber ihre Kraft reichte nicht aus. Ihre Hände rutschten ab, doch Chas konnte sich in letzter Sekunde selbst mit beiden Armen abfangen. Dieses Mal konnte er einen Aufschrei nicht unterdrücken. Die abrupte Belastung seines verletzten Arms musste ihm höllische Schmerzen bereiten.
„Es tut mir leid.“ Mira fühlte ein Brennen in ihrer Kehle, schluckte die Tränen jedoch mühsam hinunter. „Es tut mir so leid, aber ich muss …“
„Lass mich machen!“ Urs schob Mira so grob zur Seite, dass sie den Hang hinabrutschte und noch mehr Metallteile polternd zu Fall brachte. Biene kletterte hinter Urs durch die Tür des Wagens und half von dort, den vor Schmerz keuchenden Chas in das Innere des Autos zu zerren.
Auch Mira machte sich wieder an den Anstieg. Müssten die Wachmänner sie nicht längst erreicht haben? Jeden Augenblick konnten sie hinter ihrem Rücken auftauchen. Mira konnte dem Drang nicht widerstehen, einen Blick über die Schulter zu werfen. Ein Fehler, wie sich schnell herausstellte. Ihre Hand griff ins Leere, und eine Schreckenssekunde lang spürte Mira, wie ihr Körper den Halt verlor. Dann packten Urs’ kräftige Hände ihre Arme und zogen Mira durch die offene Wagentür.
Einen Moment lang stand alles still. Sie keuchten vor Anstrengung, Schmerz oder Panik und übertönten dadurch beinahe die Schritte, die draußen auf Kies und Schrott knirschten. Dann lehnte Biene sich vor, um die Tür hinter Mira zuzuziehen − und in diesem Moment zerriss die Welt um sie herum in Chaos.
Krachend schlugen Metallteile zusammen. Mira wurde über die fehlende Rückenlehne auf den Rücksitz des Schrottwagens geschleudert, Biene schrie, Urs schwerer Körper presste sich auf Miras, das Dach über ihnen knirschte, und Dunkelheit verschluckte sie.
Erst als der Grund, auf dem sie lag, zum Stillstand kam, wurde Mira klar, dass der Schrotthaufen, in dem ihr Auto wie ein Nagel in der Wand gesteckt hatte, in sich zusammengebrochen sein musste. Er hatte sie unter Schutt begraben, und nur hie und da spähte ein wenig Sonnenlicht von fern zu ihnen herein.
Mira hatte Mühe, Luft zu holen. Ihr Kopf hämmerte, und als sie die Hand hob und an die Stirn presste, griff sie in etwas Warmes, Klebriges. Es war Blut.
„Chas?“ Ihre Stimme kratzte und klang gleichzeitig unerwartet schrill. „Wo … seid ihr okay?“
„Scht.“ Ein immenses Gewicht wurde von ihrem Brustkorb gehoben, als Urs sich auf seine kräftigen Unterarme stützend, sich von ihr herunterrollte. Endlich konnte Mira wieder frei atmen. Sie setzte zu einer erneuten Frage an, doch Urs knurrte: „Seid still. Alle.“
Mira glaubte, Biene leise wimmern und dann verstummen zu hören. Dafür nahm sie nun andere Geräusche wahr. Geräusche, die von draußen kamen.
„Meinst du, es waren Rebellen?“ Das war eine Frau. Eine tiefere Stimme antwortete. Mira hatte Mühe, die Worte zu verstehen. „ … hier draußen herumtreiben. Jedenfalls glaube ich nicht, dass jemand überlebt hat.“
Mira hielt diese Schlussfolgerung für leichtsinnig, aber wenn sie es sich recht überlegte, lag sie nahe. Hätten sie sich nicht in einem festen Gestell aus Metall befunden, hätte der Berg Schrott sie bei seinem Zusammensturz unweigerlich erschlagen, zerquetscht oder zumindest so schwer verletzt, dass sie hier unten verblutet oder erstickt wären.
Nur mühsam widerstand sie dem Drang, erneut nach Chas zu fragen. Urs schien in Ordnung zu sein, und auch von Biene hatte sie zumindest ein Lebenszeichen vernommen. Aber Chas konnte sie in der Dunkelheit nicht einmal halbwegs verorten. Sie lauschte, ob sie sein Atmen unter dem der anderen heraushören konnte, aber sie war nicht sicher, ob die gepressten Züge von ihm oder von Biene kamen.
Stumm verharrten sie in ihrem finsteren Gefängnis und wagten kaum zu atmen. Etwas bohrte sich schmerzhaft in Miras Rücken, aber sie konnte es nicht riskieren, auch nur ihr Gewicht zu verlagern. Was, wenn das ganze wackelige Gebilde dann erneut in Bewegung kam und verriet, dass darunter noch jemand am Leben war?
So lauschten sie nur den Geräuschen, die von draußen hereinkamen. Gedämpfte Stimmen, manchmal Schritte und endlich, nach einer ganzen Ewigkeit, das Knirschen von Reifen.
Sie verharrten noch eine Weile − unsicher, ob es Minuten oder doch nur Sekunden waren −, dann richtete Mira sich langsam auf. Auch Urs neben ihr erwachte aus seiner Starre, und eine Bewegung zu ihrer Linken ließ Mira zusammenfahren. Eine Hand berührte im Halbdunkel ihre Stirn. Das Reißen von Stoff war zu hören, und jemand reichte ihr einen Stofffetzen. „Hier.“
Es war, als strömte die Luft erst jetzt wieder frei in Miras Lungen. Als hätte sie seit Minuten nur flach und unzureichend geatmet, während sie vergeblich auf den Klang dieser Stimme gewartet hatte.
Sie nahm den Fetzen aus Chas’ Hand und presste ihn auf die Wunde an ihrer Stirn. Der Druck linderte das Pochen ein wenig. „Bist du okay?“, krächzte sie schließlich.
Chas antwortete nicht. „Das war verflixt knapp“, sagte er stattdessen.
Niemand pflichtete ihm bei. Sie waren alle noch zu beschäftigt, den Schrecken zu verdauen. Urs war zu Biene gerobbt und redete beruhigend auf sie ein. Mira konnte mehr hören als sehen, wie die beiden sich aneinanderklammerten und einander hielten.
In der Dunkelheit spürte sie, wie Chas seine Finger sachte auf ihre freie Hand legte. Als hätte er ihre Gedanken gelesen.
Nachdem alle grundlegenden Fragen beantwortet waren − dass niemand ernstlich verletzt war und dass sie gerade noch einmal mit dem Schrecken davongekommen waren −, wurden sich die vier schnell in einem Punkt einig: Sie mussten so bald wie möglich von hier verschwinden.
Vermutlich würden die Wachen von Cem keinen großen Aufwand betreiben, um ihre vermeintlichen Leichen zu bergen. Aber sie konnten doch nicht sicher sein, ob sie nicht schon in Kürze zurückkehren würden.
Urs machte sich daran, ihnen einen Weg nach draußen freizuräumen. Alle Türen klemmten, und so schlug er das Heckfenster ein, um von dort aus mit der Arbeit zu beginnen. Es war kein leichtes Unterfangen. Immer wieder brach der schon geschaffene Tunnel über ihm zusammen und drückte einmal sogar die Decke des Wagens gefährlich ein. Von da an war Urs noch vorsichtiger bei dem, was er tat.
Zwar versuchte Chas anfangs, ihm zur Hand zu gehen, doch wurde schnell klar, dass er keine große Hilfe war. Im Gegenteil: Chas’ unsteter Gesundheitszustand war nicht nur beim Freiräumen eines Weges ans Tageslicht hinderlich.
„Es wäre das Beste, so schnell es geht so viel Distanz wie möglich zwischen uns und Cem zu bringen“, erklärte Urs, während er an einer Stoßstange rüttelte, die seinen weiteren Weg nach oben blockierte. Das Metall über ihnen ächzte dabei bedenklich. „Dein Job ist es jetzt ausschließlich, so schnell wie möglich zu Kräften zu kommen. Damit wir schnell weiterziehen können.“
Chas schnaubte verächtlich.
Mira konnte es ihm nicht verdenken. Er war nicht nur frustriert, Urs beim Bau ihres Fluchtweges nicht helfen zu können. Urs’ Rat war auch leichter gesagt als getan. Sie hatten hier drinnen weder Wasser noch Nahrung, die er gebraucht hätte, um sich von seiner Verletzung und der langen Zeit des Fiebers zu erholen.
„Wohin wollt ihr überhaupt gehen?“, fragte Mira. Sie kauerte im Kofferraum des Wagens und erledigte hin und wieder Handlangeraufgaben für Urs. Dass sie oder Biene zu ihm nach draußen in den instabilen Tunnel kletterten, wollte er partout nicht zulassen.
Urs hatte die Stoßstange mittlerweile aufgegeben und bahnte sich stattdessen einen Weg um sie herum. Er reichte Mira ein weiteres Stück rostiges Metall, das sie auf dem freien Teil der Rückbank ihres Wagens verstaute.
„In die Hauptstadt“, gab Biene an seiner Stelle Auskunft. „Zu den Rebellen.“
Mira wandte sich zu ihr um und gab sich alle Mühe, sie nicht anzustarren. „In der Hauptstadt … gibt es Rebellen?“
„Klar, am Puls des Geschehens. Sie sind viel mehr als die kleinen Grüppchen in den anderen Städten. Aber sie arbeiten alle zusammen. Sie wollen …“ Biene verstummte. Vielleicht war sie sich erst jetzt bewusst geworden, wie bereitwillig sie solch empfindliche Informationen an Mira ausgeplaudert hatte. Ausgerechnet an Mira, deren beste Freundin immerhin die Fischerkinder ans Messer geliefert hatte.
„Wir wollen ein neues System“, ertönte jedoch Urs’ Stimme von draußen. „Einen gerechten Staat. Ohne König.“
„Wir?“, hauchte Mira. Sie sah mit aufgerissenen Augen von Biene zu Chas, der grimmig nickte.
„Du bist die ganze Zeit über zweigleisig gefahren, nicht wahr?“, stellte er mehr fest, als dass er es fragte.
Das Klappern vor dem Heckfenster erstarb, und im Gegenlicht der mittlerweile mehr und mehr durchdringenden Sonne konnten sie sehen, dass Urs sich ihnen zugewandt hatte. „Ich war ein Fischerkind“, sagte er mit Nachdruck. „Und bin es immer noch. Aber noch ehe ich zum ersten Mal einen Fuß nach Klein-Ararat gesetzt hatte, gehörte ich schon zu den Rebellen.“
„Du?“ Ob ihrer gewisperten Einwortsätze kam Mira sich selbst albern vor und fügte hastig hinzu: „Deshalb hast du Rune gekannt.“ Langsam dämmerte ihr so einiges. „Er ist auch einer, oder? Deshalb hattest du etwas gut bei ihm. Und deshalb hast du auch das Medikament für deine Wunde bekommen!“
„Und deshalb sitzen wir nicht mehr im Gefängnis von Cem“, fügte Urs hinzu, ohne ihren vorwurfsvollen Unterton im Geringsten zu kommentieren.
„Gefängnis?“, schaltete sich Chas ein. „Du hast nie etwas von −“
Mira hob abwehrend die Hände. „Du willst jetzt nicht wirklich darüber streiten, dass ich dieses Detail für mich behalten habe, oder? Sieht so aus, als wäre mein Geheimnis hier von allen noch das harmloseste.“
Chas warf ihr einen warnenden Blick zu, und Mira ließ sich gegen die Seitenwand des Wagens sinken. „Ich kann nicht glauben, dass ihr uns das verschwiegen habt. Wir haben euch vertraut, und die ganze Zeit hast du mit Kerlen wie diesem Rune unter einer Decke gesteckt.“
Nun war es an Urs, beschwichtigend die Hände zu heben. „Immer mit der Ruhe.“ Er kletterte ins Innere des Wagens zurück, ehe er fortfuhr. „Ich gebe zu, manche von ihnen sind komische Kerle. Rune insbesondere. Aber sie verfolgen ein gutes Ziel. Wir verfolgen ein gutes Ziel.“
„Auttenberg zu stürzen?“ In Chas’ Stimme schwang nicht die leiseste Spur irgendeiner verräterischen Emotion mit. Keine Aufregung, keine Wut − gar nichts, was ihn hätte verraten können. Wenn überhaupt, dann klang er interessiert.
„Die ganze Monarchie abzuschaffen und den Menschen ihre Freiheit wiederzugeben. In der Hauptstadt haben die Rebellen große Pläne. Kommt mit und hört es euch selbst an! Wir können uns ihnen anschließen und …“
„Und was? Einen Bürgerkrieg anzetteln?“ Mira konnte nichts dagegen tun, dass all die längst vergangenen Vorträge ihres Vaters wieder in ihren Ohren hallten. Über den Frieden, den sie Nicholas Auttenberg verdankten, über das goldene Zeitalter, das anbrechen sollte, wenn erst die Anfangsschwierigkeiten überwunden wären. Natürlich, Auttenbergs Importverbot und der Grenzschluss sorgten für viel Leid. Aber ein Krieg konnte doch unmöglich besser sein! Und wozu sonst als zu einem Krieg sollte es führen, wenn das gesamte politische System ihres Landes gestürzt werden sollte? Sie müssten den König schon mit Gewalt …
Miras Blick huschte zu Chas. Bei all ihren sich überschlagenden Überlegungen wurde ihr erst jetzt wirklich bewusst, dass es sich bei dem, über den sie da sprachen, um seinen Vater handelte.
„Ich glaube nicht, dass das etwas für uns ist“, wehrte sie rasch ab. „Wir wollen eigentlich nur Filip helfen und dann so schnell wie möglich …“
„Warum eigentlich nicht?“, unterbrach Chas sie jedoch unerwartet. „Um ehrlich zu sein: Wir haben keinen besonders guten Plan. Im Hauptquartier der Rebellen wären wir nah am Geschehen und könnten uns unser Vorgehen überlegen.“
Mira zog die Augenbrauen hoch. Sie wollte Chas gerne fragen, ob das sein Ernst war. Ob er sich wirklich einer Gruppe anschließen wollte, die einen Hinterhalt gegen seinen Vater plante. Was erhoffte er sich davon? Wollte er sie aufhalten oder sie − im Gegenteil − gar unterstützen? Was hatte er vor?
Vor Urs und Biene allerdings konnte Mira ihre Zweifel nicht aussprechen. Sie hatten keine Ahnung, dass Chas Nicholas Auttenbergs Sohn war, und so sollte es, zumindest vorerst, auch bleiben.
Also starrte Mira nur in Chas’ goldene Augen und versuchte, aus ihnen schlau zu werden, während sie widerwillig zustimmte: „Schön, dann gehen wir also zu den Rebellen in die Hauptstadt.“
Es dauerte noch einige weitere Stunden, bis Urs seinen Fluchttunnel endlich für vollendet und einsturzsicher erklärte. Die Sonne hatte ihren Zenit längst überschritten, und selbst im Zwielicht ihres unterirdischen Verstecks bemerkte Mira die rötliche Färbung, die das Licht mittlerweile angenommen hatte.
„Wenn wir gut zehn Stunden am Tag laufen, sollten wir keine Woche mehr bis in die Hauptstadt brauchen.“ Urs brach mithilfe eines Metallstücks die scharfkantigen Reste des Heckfensters aus seiner Rahmung. „Also, wer mag zuerst zurück ans Tageslicht klettern?“
Mira warf einen raschen Blick zu Chas, der Urs und die Tunnelöffnung hinter ihm kritisch musterte. „Ich nicht.“ Seine Stimme klang so rau und trocken, wie Miras Kehle sich anfühlte.
„Wir brauchen zuerst Proviant.“ Biene schien einen ähnlichen Gedankengang wie Mira zu verfolgen. „Ohne Wasser kommen wir nicht weit. Und Chas ist geschwächt. Er braucht etwas in den Magen.“
Fast automatisch wanderte Miras Blick zu dem weißen Plastikband an ihrem Handgelenk. „Wenn wir Rationskarten hätten …“
„Die Rebellen werden uns mir allem versorgen, was wir brauchen“, widersprach Urs. „Wir sind daran gewöhnt, einander zu helfen. In der nächsten Ortschaft suchen wir einen ihrer Unterschlupfe.“
„Nein, Urs.“ Biene schüttelte den Kopf. „Hier in Cem. Wasser kann ich bei den Rebellenbotschaftern am Stadtrand holen. So wie gestern Abend. Aber Lebensmittel …“
„Gestern Abend hat es sich um einen Notfall gehandelt“, unterbrach Urs sie.
„Urs …“ Biene biss sich auf die Unterlippe. „Wir brauchen Wasser und Lebensmittel, bevor wir aufbrechen. Chas …“
„Blöd nur, dass keiner von euch Cem mehr betreten kann“, unterbrach sie dieser mit einem Hauch Spott in der Stimme. „Ihr seid aus einem Gefängnis ausgebrochen, wie ich kürzlich erfahren habe. Wahrscheinlich sucht man euch.“
„Also willst du gehen?“, fragte Mira angriffslustig. „Ohne Armband kommst du sicher sehr weit. Wir haben immerhin …“
„Ihr habt beide kein Zeichen.“ Urs hatte die Arme vor der Brust verschränkt. „Ich sagte, wir helfen einander. Kein Rebell wird einen anderen ohne Wasser und Nahrung auf der Straße stehen lassen. Aber für Außenstehende übernehmen wir keine Verantwortung.“ Zögerlich löste er die Verschränkung seiner Arme und streckte ihnen den linken entgegen.
Mira starrte auf Urs’ Arm und das weiße Band daran. Ihre Augen hatten sich längst an das Zwielicht gewöhnt, aber sie konnte nichts Besonderes erkennen. Das helle Band bildete einen starken Kontrast zu Urs’ sonnengebräunter Haut. Die winzige, ausgefranste Narbe, die Mira schon einmal bemerkt hatte, lag exakt zwischen Handballen und Armband.
Sie sah genauer hin. Für eine ganz normale Narbe war sie ungewöhnlich exakt. Sie bildete einen perfekten kleinen Kreis und wurde von einigen sehr feinen Linien durchkreuzt.
„Es ist unser Zeichen.“ Urs zog sein Handgelenk aus ihrem Blickfeld und verschränkte wieder die Arme. „Zeig es einem anderen Rebellen, und er weiß, dass wir auf der gleichen Seite stehen. Lass es versehentlich einen Wachmann sehen, und er kann rein gar nichts damit anfangen. Halte es unter einen Scanner, und ein Hilferuf wird an die Rebellen abgesetzt.“
„Also hast du im Gefängnis in Cem gar nicht dein Ausweisband gescannt!“ Mira hatte die ganze Zeit das Gefühl gehabt, dass etwas an ihrer geglückten Flucht faul gewesen war.
Aber Chas hatte noch etwas ganz anderes aus Urs’ Worten herausgehört. „Dann habt ihr also sogar das Sicherheitssystem des Staates unterwandert.“ Es war keineswegs eine Frage. Aber für eine nüchterne Feststellung lag zu viel Faszination in seiner Stimme.
Urs’ Mundwinkel zuckten. „Schon vor Jahren. Nichts, was sie wissen, das wir nicht auch wissen. Und − ohne größenwahnsinnig sein zu wollen − meistens noch ein bisschen mehr.“
Fassungslos ließ Mira ihren Blick hinüber zu Biene gleiten, die stumm an der Seite ihres Freundes saß. Wie hatte sie die beiden unterschätzt! Natürlich hatte sie schnell gemerkt, dass sie die Außenstadt von Leonardsburg kannten wie ihre Hemdtaschen. Auch dass Urs dort ausgezeichnete Verbindungen hatte, war kein Geheimnis gewesen. Aber dass er und die zart wirkende Biene neben den Fischerkindern noch einer zweiten illegalen Kleinstgruppe angehört hatten, und das die ganze Zeit schon, konnte sie einfach nicht glauben.
„Tatsache ist jedenfalls, dass nur Urs oder ich Hilfe von den Rebellen in Cem erwarten können“, fasste Biene zusammen.
„Und wir können uns da drinnen genauso wenig noch einmal blicken lassen wie Mira. Das ist ja wohl allen klar.“
„Na ja“, erwiderte Biene jedoch, und im Dunkeln funkelten ihre Augen so geheimnisvoll, dass Mira sich für den Bruchteil einer Sekunde doch vorstellen konnte, dass sie eine waschechte Rebellin war. „Das kommt darauf an.“
„Ganz habe ich die Flecken nie herausbekommen.“ Mira strich über den feinen Stoff ihrer Bluse. An Biene saß sie lockerer, aber das merkte man kaum. „Es sind dieselben Kleider, die ich während des Angriffs auf Klein-Ararat getragen habe.“ Beim Klettern an Felswänden, beim Robben über den staubigen Boden und einmal sogar beim Verstecken in einem modrigen Wasserrohr am Feldrand. Ein Wunder, dass die Bluse überhaupt noch ihren ursprünglichen Weißton hatte!
„Ach was.“ Auch Biene strich über die Bluse und sah an sich herab. „Jeder kann sehen, dass es Innenstädterkleider sind. Niemand aus den Armenvierteln hat Kleidung aus so feinem, hellem Stoff! Keiner wird die Flecken bemerken.“
„Großartig, dass du so optimistisch bist“, knurrte Urs. Er und Chas hatten sich höflich weggedreht, als Biene und Mira die Kleider getauscht hatten, aber jetzt starrte er Biene unverhohlen und ganz und gar nicht begeistert an.
„Dein Messer“, erinnerte ihn Mira. Sie hatten die Sache ein Dutzend Mal diskutiert. Sie wollte sich nicht auf eine erneute Debatte mit Urs einlassen. Biene hatte sich entschieden, und Mira fand ihren Plan gut. Sich zu verkleiden war einfach, aber wirkungsvoll.
Urs zog sein Taschenmesser hervor und reichte es Mira. „Du bist ganz sicher?“
„Klar. Oder hast du etwa schon einmal eine Innenstädterin mit einer derartigen Mähne gesehen?“ Bienes Stimme zitterte leicht, genauso wie Miras Hände, als sie das Messer an einer von Bienes schulterlangen Haarsträhnen ansetzte. Sie schlang sie zu einer Schlaufe um die Klinge, und mit einem kurzen, kräftigen Ruck durchtrennte sie sie.
Keiner von ihnen sprach, während Mira arbeitete. Irgendwann hörten ihre Hände auf zu zittern, und Bienes Atemzüge wurden gleichmäßiger. Vielleicht war es gut, dass sie immer noch im Halbdunkel saßen. Jedenfalls war Mira am Ende recht zufrieden mit dem Ergebnis ihrer Arbeit.
„Wie eine echte Innenstädterin“, befand sie und lächelte Biene zu. Deren Blick jedoch huschte schnell weiter zu Urs.
„Gefällt es dir?“, fragte sie zaghaft.
Urs streckte die Hand aus und berührte eine der blonden Strähnen, deren Spitzen nun oberhalb von Bienes Wangenknochen endeten. Wie die jedes anständigen, staatskonformen Bürgers. „Ich fand dein langes Haar schön.“ Er ließ die Strähne los, und Biene nickte. Vermutlich war nun auch sie dankbar für das Halbdunkel. Wortlos wandte sie sich ab.
„Du siehst toll aus“, versicherte Mira, deren Worte Urs’ abweisende Reaktion wohl kaum aufwiegen konnten. „Kaum wiederzuerkennen. Und das ist doch der Sinn der Sache. Dass du sicher bist.“
„Am sichersten wäre es, sie bliebe hier“, brummte Urs, aber niemand ging darauf ein. Es war beschlossene Sache: Biene würde in die Stadt und zu den dort lebenden Rebellen gehen. Wenn alles gut ging, wäre sie noch vor Beginn der Ausgangssperre zurück. Sie würden in ihrem Versteck ihre erste richtige Mahlzeit seit einer gefühlten Ewigkeit einnehmen, sich noch ein paar Stunden Schlaf gönnen und im Morgengrauen aufbrechen. Wenn alles gut ging.
Kapitel 6
In Flammen
Urs litt. Er hatte Biene nach draußen gebracht, und noch lange nachdem sie gegangen war, hatten Mira und Chas ihn auf dem freien Platz auf und ab laufen hören. Irgendwann, als die Sonne schon beinahe untergegangen war, war er wieder zu ihnen in das Innere des verschütteten Wagens geklettert. In der Dunkelheit, die mittlerweile hier drinnen herrschte, hatte er sich wortlos in den Kofferraum gesetzt und sich von dort nicht mehr wegbewegt.
Und nun warteten sie. Urs starrte durch das fehlende Heckfenster und ruckte unwillig mit dem Kopf, wenn einer von ihnen ein Geräusch verursachte, das ihn aus seinem angestrengten Lauschen riss. Deshalb schwiegen Chas und Mira, und nur hin und wieder kommunizierten sie lautlos − zuerst mit Blicken und, als es dafür zu dunkel wurde, durch eine rasche Berührung ihrer Hände, wann immer sie etwas zu hören glaubten.
Sie hatten keine Uhr, und ihr Zeitgefühl mochte sie trügen, aber es musste bereits nach Anbruch der Ausgangssperre sein. Biene hätte längst zurück sein müssen.
„Vielleicht musste sie bei den Rebellen in Cem untertauchen“, flüsterte Mira, weil sie es nicht ertragen konnte, Urs länger untätig zuzusehen.
Chas’ Finger streiften ihren Handrücken, und wenn Mira nicht alles täuschte, bedeutete seine Berührung dieses Mal: „Lass gut sein.“
Mira stieß die Luft aus. Natürlich hatte Chas recht: Ihre Worte waren leer und halfen Urs nicht weiter. Seine Freundin war möglicherweise in Gefahr, und er konnte nichts tun, um ihr zu helfen. Aus jüngster Erfahrung wusste Mira ganz genau, wie sich solch erzwungene Tatenlosigkeit anfühlte. Alles war erträglich gewesen, solange sie etwas hatte tun können − sich in die Stadt schleichen, in das staatliche Gesundheitszentrum einbrechen. Auch wenn es nur verzweifelte Versuche gewesen waren, Chas zu helfen, hatten sie Mira beschäftigt gehalten, Körper und Geist funktionieren lassen, weil sie noch gebraucht wurde. Aber im Gefängnis, als sie zum Stillstand verdammt gewesen war, da waren bei ihr sämtliche Sicherungen durchgebrannt.
Kurz vor diesem Punkt stand Urs. Mira fühlte seine Anspannung, als läge sie greifbar in der Luft. So wie manchmal die innige Verbundenheit zwischen Urs und Biene greifbar war, wenn sie einander ansahen, im Arm hielten oder nur stumm nebeneinandersaßen. Mira hatte nie zwei Menschen gesehen, deren Leben, ja deren ganze Wesen so untrennbar miteinander verwoben waren. Was würde mit Urs geschehen, wenn Biene nicht zurückkäme?
„Du wirst nicht in die Stadt gehen, oder?“, fragte sie leise.
Urs drehte ihr flüchtig den Kopf zu, dann starrte er wieder aus dem Heckfenster.
„Nicht vor dem Morgen jedenfalls“, setzte Mira hinzu. „Du bist Biene keine Hilfe, wenn sie dich während der Ausgangssperre draußen erwischen.“
„Hier bin ich ihr auch keine Hilfe“, knurrte Urs.
„Wenn sie bis Sonnenaufgang nicht zurück ist …“ Mira schluckte. Urs würde nicht bis Sonnenaufgang warten. Und wie könnten sie es von ihm erwarten? Er liebte Biene, er konnte sie einfach nicht verlieren. „Lass uns noch eine Weile warten“, flüsterte Mira. „Dann können wir …“
„Still!“ Urs hob die Hand, und als Mira verstummte, hörte sie es auch. Hastige Schritte draußen auf dem Schrottplatz.
„Warte“, raunte Chas. „Es könnten auch Wachen sein.“
Aber Urs hatte sich bereits durch das Heckfenster geschoben und begann, den Fluchttunnel emporzuklettern. Seine übliche Vorsicht und Selbstbeherrschung waren wie weggewischt.
Mira schloss ihre Hand um Chas’ Finger und lauschte. „Urs!“, ertönte endlich eine Stimme. Eindeutig die von Biene. Aber Mira wollte kein Stein vom Herzen fallen. Zu deutlich schwang die Angst in Bienes atemlosen Ruf mit.
„Ihr müsst euch das ansehen! Ihr müsst … Mira!“
Mira stürzte zum Heckfenster. Erst als sie schon halb draußen im Tunnel war, fiel ihr Chas wieder ein. Sie wandte sich zu ihm um. „Warte hier. Ich sehe nach, was los ist, und komme wieder.“
Sie wusste, dass es das einzig Sinnvolle war, aber es fühlte sich dennoch falsch an, Chas zurückzulassen. Dass er nichts erwiderte, machte es nicht besser.
Trotzdem kletterte Mira, so schnell sie nur konnte, aus ihrem Versteck.
Draußen war es heller. Mondlicht beschien den Autofriedhof, die Berge unnützer Metallteile und den freien Platz, auf dem Urs und Biene in inniger Umarmung standen.
Als Mira neben ihnen den Schrotthaufen hinabstolperte, löste Biene sich von Urs. „Ihr müsst mitkommen. Ihr glaubt nicht, was in der Stadt vor sich geht!“
„Aber die Ausgangssperre …“
„Glaubt mir, heute kümmert das keinen.“ Mira fiel auf, dass Bienes Gesicht ganz rot war. Das kurze Haar stand wild von ihrem Kopf ab. Sie stellte einen offenbar gut gefüllten Rucksack am Fuß des Schrotthaufens ab und nahm Urs bei der Hand. Er ließ sich ohne zu zögern von ihr mitziehen.
Mira brauchte ein wenig länger, aber sie folgte den beiden. In leichtem Trab näherten sie sich der Stadt und sprachen dabei nicht. Deshalb hörte Mira die Stimmen auch schon von Weitem. Dem Geräuschpegel nach zu urteilen, musste halb Cem auf den Beinen sein.
Die ersten Häuser, die in ihre Sichtweite kamen, bestätigten diesen Eindruck. Menschen standen in offenen Türen oder lehnten sich aus den dunklen Fenstern. Strom hatten die privaten Haushalte um diese Zeit längst nicht mehr, aber manche Leute hatten Taschenlampen oder sogar Kerzen bei sich, die dem weißen Licht des Mondes ein wenig nachhalfen und neugierige, aufgeregte und erschrockene Gesichter erhellten. Man reckte die Hälse, sah die Straße hinab und unterhielt sich dabei aufgeregt.
Die drei Neuankömmlinge beachtete niemand. Völlig unbehelligt folgten Urs und Mira Biene weiter die Straße hinab, wo das Aufgebot an nächtlichen Schaulustigen noch zunahm. Stellenweise hatte sich eine richtige Menschenmasse gebildet.
Dicht gedrängt standen sie in den Straßen. Erwachsene und Kinder, Mittellose und offensichtlich Bessersituierte, besorgt Tuschelnde und sich schaulustig Reckende. Die ganze Szene war von rötlichem Schein erhellt, der direkt aus dem Herzen der Menschenmenge zu dringen schien. Er ließ die Schatten der Versammelten tanzen und flackern. Jemand musste dort ein Feuer entzündet haben.
Mira musste sich strecken, weil die Leute hier so dicht standen, dass sie nur die Rücken einiger Frauen direkt vor sich sehen konnte. Eindeutig, Flammen. Mannshoch loderten sie bereits. In Miras Bauch zog sich etwas schmerzhaft zusammen. Warum machte niemand Anstalten, das Feuer zu löschen? Wussten die Menschen nicht, wie rasch solch ein Brand sich ausbreiten konnte? Die Armenviertel von Leonardsburg waren innerhalb einer einzigen schrecklichen Feuernacht nahezu dem Erdboden gleichgemacht worden.
„Nein!“
Mira fuhr herum, um dem Ursprung des gellenden Schreis nachzugehen. Aus einem Haus zu ihrer Rechten schleppten zwei Wachmänner eine Kiste. Eine Frau mit langem, grauem Haar machte es ihnen fast unmöglich, indem sie sich an ebendiese Holzkiste klammerte.
Ein junger Mann wiederum hielt die Frau am Arm zurück. „Mutter, bitte“, flehte er. „Lass sie ihre Arbeit machen. Sie werden dich sonst verhaften. Ich bitte dich!“
Aber die alte Frau dachte gar nicht daran. Was immer sich in der Kiste befand, es schien von enormem Wert für sie zu sein. Mit einer Kraft, die man ihren dünnen Armen kaum zugetraut hätte, zerrte sie daran. „Nehmen Sie sie mir nicht weg. Nicht ins Feuer, bitte, nicht ins Feuer!“
Die Umstehenden traten hastig einige Schritte zurück, als die Wachmänner die Kiste samt der Frau durch die Tür nach draußen zerrten. Aus dem Augenwinkel sah Mira, wie Urs zuckte, aber Biene legte ihm die Hand auf den Arm, und er blieb widerwillig, wo er war.
„Nicht verbrennen!“, flehte die Frau und zog mit aller Kraft an der hölzernen Kiste − ohne auch nur den geringsten Erfolg. Im Feuerschein blitzte es silbern auf, als einer der Wachmänner eine Schusswaffe zog.
„Mutter!“ Der Mann packte die Frau an beiden Schultern, um sie aus der Schusslinie zu ziehen, doch der Wachmann schien gar nicht vorzuhaben, auf sie zu schießen. Stattdessen rammte er den metallenen Kolben der Waffe so unvermittelt in ihre Rippen, dass die Frau von den Füßen gerissen wurde. Ihr Sohn stürzte sofort an ihre Seite. Mira wäre vielleicht auch zu ihr geeilt oder hätte sich zumindest vergewissert, ob die Frau wieder auf die Beine kam. Doch in diesem Moment traten die Menschen zur Seite, um den Wachleuten Platz zu machen, und Mira erhaschte einen Blick auf das Feuer.
Es mussten Hunderte sein, vielleicht Tausende. Manche waren aufgeklappt und offenbarten ein letztes Mal ihre dicht beschriebenen Seiten, die oft gelesenen, geliebten Worte, die mancher im Schein einer Taschenlampe in sich aufgesogen hatte, sie vor sich hingemurmelt, auswendig gelernt haben mochte. Andere waren verschlossen, doch auch die ledernen, leinenen, glänzenden Umschläge konnten das kostbare Gut aus dünnem, leicht entflammbarem Papier nicht schützen. Die Glut fraß sich in dicke Wälzer, verschlang dünne Heftchen und kroch über kunstvolle Titelbilder. Nichts blieb verschont.
Am Rande der Flammen drehten die beiden Wachmänner die Kiste um, und drei weitere Dutzend Bücher ergossen sich in das Inferno.
Mira schob sich an den Menschen vorbei, drängte sich so nahe an das Feuer, dass sie die Hitze auf ihrem Gesicht spürte. Die gleiche Hitze, die nur einen knappen Meter von ihr Millionen von kostbaren gedruckten Worten und Sätzen vernichtete. Unfähig, sich der glühenden Hitzequelle weiter zu nähern, ging sie in die Hocke und starrte in die Flammen. Die Luft flirrte vor Hitze und ließ Miras Blickfeld verschwimmen, aber dennoch glaubte sie, einen vertrauten Titel unter den frisch hinzugekommenen Büchern zu erblicken. Ein Buch, das sie selbst gelesen und geliebt hatte. Und Hunderte, die sie nicht kannte und nun vielleicht auch niemals kennen würde.
Der Rauch brannte in Miras Augen und Kehle, der beißende Geruch überdeckte jede Erinnerung an den unvergleichbaren Duft papierner Seiten und Druckerschwärze, der ihr in der Buchhandlung „Porters Höhle“ so vertraut geworden war.
„Und das sind alles verbotene Schriften?“, fragte eine der Frauen, an denen Mira sich vorbeigedrängt hatte. Sie hatte die Stimme gesenkt. „So viele?“
„Unsinn, ich denke, sie wollen auf Nummer sicher gehen.“ Ihre Begleiterin schnalzte mit der Zunge. „Hier und dort soll es noch verbotene Schriften gegeben haben, und so können sie sicher sein, dass sie alle erwischen. Längst überfällig, wenn du mich fragst. Es gehört sich sowieso nicht, zu lesen. Hat etwas Zwielichtiges, das musst du zugeben.“
„Und so viele unserer Nachbarn hatten Bücher! Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich nur daran denke.“
„Nun, ich habe gehört, die Hauptstadt ist schon seit Monaten völlig bücherfrei. Höchste Zeit, dass auch Cem mit dem Fortschritt geht. Heute Abend soll es in vielen Städten Bücherverbrennungen geben, wenn man den Gerüchten trauen kann. Macht die Welt um einiges sicherer.“
Langsam rückte Mira von den schwatzenden Frauen ab und näher ans Feuer. Nun hätte sie beinahe die Hand ausstrecken und einen der verkohlten Buchkadaver berühren können. Vielleicht war ein Teil davon noch lesbar …
„He, Mädchen!“
Mira schreckte ertappt zurück.
Ein Wachmann war dicht hinter sie getreten. „Mach, dass du da wegkommst! Gesindel“, wandte er sich dann an einen seiner Kollegen. „Will die Überreste wohl auf dem Schwarzmarkt zu Geld machen.“
Mit einem Gefühl, als würde ihr Magen in Sekundenschnelle im freien Fall nach unten sacken, wurde Mira sich bewusst, dass sie noch immer Bienes Außenstädterkleidung trug. Und das vermutlich noch zu ihrem Glück, denn das war ihre einzige Tarnung, die nicht einmal besonders gut war.
Sie erhob sich langsam, ließ den Blick aber geflissentlich auf den Boden gerichtet, damit die Wachmänner ihr nicht ins Gesicht sehen konnten. An ihre klobigen Stiefel gewandt, murmelte sie: „Entschuldigung.“ Sie wartete einen Augenblick, ob sie vorhatten, sie aufzuhalten, doch als nichts geschah, tauchte sie hastig wieder in der Menge unter. Sie stieß beinahe mit Biene zusammen.
„Lasst uns abhauen.“ Endlich konnte sie den Blick wieder heben. „Hier will ich keine Minute mehr bleiben.“
„Porters Höhle“ wollte Mira nicht aus dem Kopf gehen. Dieser wunderbare, fast verwunschene Ort voller Bücher, vom Boden bis zur Decke, fein säuberlich in alte, hölzerne Regale einsortiert. Eine Stille hatte stets über dem kleinen Buchladen gelegen, eine Stille, in der Mira, wenn sie die Augen geschlossen und tief in sich hineingelauscht hatte, hundert wispernde Stimmen gehört hatte, die ihre geheimnisvollen Geschichten erzählen wollten.
Wie oft hatte sie an diesem Ort stiller Heiligkeit nach einem neuen Abenteuer gestöbert, es mit nach Hause genommen in ihre damals so gar nicht abenteuerliche Welt. Unter der Bettdecke hatte sie die Geschichten gelesen und sie tags darauf nur schweren Herzens in den Buchladen zurückgebracht, nur um sich ein neues Buch auszusuchen, das sie noch nicht kannte.
Sie hasste den Staat von ganzem Herzen. Hasste ihn, weil er das Wunderbarste zerstört hatte, das in dieser abscheulichen Enge noch geblieben war. Die Bücher, in die sie sich so viele Jahre lang geflüchtet hatte.
Der Gedanke, dass sich vor Edmund Porters wunderbarem Buchladen eine ähnliche Szene abspielte wie die, deren Zeugen sie heute Nacht geworden waren, schnürte ihr die Kehle zu. Am liebsten hätte sie geweint, und sie sehnte sich wie nie zuvor nach Edmund Porters verstehenden Blick und seinen weisen Worten.
Sie legten den Weg zum Autofriedhof schweigend zurück. Mira war sicher, dass, wenn jemand das Wort an sie richtete, die Tränen doch noch die Oberhand gewinnen würden, und auch Urs und Biene schienen erschüttert von dem, was sie eben beobachtet hatten. Vielleicht nicht wegen des Verlustes, den Mira empfand, aber doch wegen der Angst vor dem, was es bedeutete. Die Netze zogen sich zu. Die tastende Hand staatlicher Kontrolle war ihnen mit einem Mal um so vieles näher gekommen.
Mira konnte es nicht erwarten, in die sichere Enge ihres unterirdischen Versteckes zu klettern. Die Welt hier draußen würde verschwinden, und Chas wäre dort. Sie sehnte sich nach seiner Anwesenheit, danach, ihm zu erzählen, was sie beobachtet hatten. Er sprach nie besonders viel, aber er war ein ausgezeichneter Zuhörer. Und er teilte ihre und Edmunds Liebe zu Büchern.
Nacheinander kletterten sie den Tunnel hinab und durch das Heckfenster. Hier drinnen war es dunkler, und Miras Augen mussten sich zuerst an die neue Umgebung gewöhnen. Einen schrecklichen Moment lang dachte sie, Chas wäre gar nicht da. Doch dann sah sie, dass er auf den Vordersitz des Wagens geklettert war, hinter das Lenkrad. Er starrte durch die noch intakte Frontscheibe hinaus in die unterirdische Schwärze. Ihre Rückkehr bedachte er kaum mit einem kurzen Blick.
Irritiert von seinem Desinteresse kroch Mira über die Rückbank auf den lehnenlosen Beifahrersitz neben ihm. „Alles okay?“
„Sicher.“ Chas sah sie nicht an. Er bewegte sich auch nicht. „Und bei euch?“
Mira warf einen hilfesuchenden Blick zu Urs und Biene, die hinter ihr in den Wagen geklettert waren. Sie hatte Chas von den hässlichen Dingen erzählen wollen, die in der Stadt geschehen waren, aber nun fehlten ihr die Worte. „In der Stadt verbrennen sie die Bücher“, murmelte sie nur ein wenig kläglich.
„Ja?“ Chas warf ihr nun doch einen flüchtigen Blick zu, dann drehte er sich zur anderen Seite und lehnte den Kopf gegen die Fahrertür. „Weißt du, es ist spät. Ihr wart ziemlich lange weg, und ich wollte eigentlich gerade schlafen.“
Fassungslos starrte Mira ihn an. „Okay.“ Ihre Kehle war eng geworden, und ihr „Gute Nacht“ kam nur gepresst heraus. Weil sie es nicht über sich brachte, sich erneut zu Urs und Biene umzuwenden, die stumm auf dem Rücksitz saßen, betrachtete sie Chas’ Rücken und tat es ihm irgendwann gleich, indem sie sich an den Fahrzeugrahmen zwischen den beiden rissigen Fenstern auf ihrer Seite lehnte und vorgab zu schlafen. In Wirklichkeit gab sie endlich den Tränen nach.
Chas’ Atemzüge und das Flüstern von Biene auf dem Rücksitz mussten sie in den Schlaf gewiegt haben. Mira erwachte von einem anderen Geräusch, einer anderen Stimme. Sie blinzelte ein wenig, fühlte sich aber zu erschlagen, zu ausgelaugt, um den Kopf zu heben, obwohl ihre Schultern von der seitlichen Haltung schmerzten.
„Das tut mir aufrichtig leid.“ Gesprächsfetzen drangen durch die Schwere zu Mira durch. Urs’ Stimme klang weich. Sie klang eigentlich fast immer weich, überlegte Mira schlaftrunken. Wie ein schwerer Samtvorhang. Ganz sicher nicht wie die Stimme eines Rebellen.
Rebellen. Biene. Flammen und Bücher. Bücher und Flammen. Bücher in Flammen. Die Geschehnisse des vergangenen Tages schlugen wie eine eisige Welle über Mira zusammen und zogen die samtige Wärme, die der Schlaf und der Klang von Urs’ Stimme hinterlassen hatten, schlagartig weg.
Mira riss die Augen auf und starrte regungslos in die bleierne Dunkelheit um sie herum. Sie wollte sich eben vorsichtig aufrichten, um die anderen nicht zu wecken, da ergriff erneut Urs das Wort. „Einer von uns hätte hierbleiben sollen. Bei den Rebellen …“ Er sog scharf die Luft ein. „Wir lassen nie einen Einzelnen zurück. Es widerspricht unseren Überzeugungen.“
Niemand antwortete, und Mira begann bereits, sich zu fragen, ob Urs am Ende mit sich selbst sprach.
„Sie war bei euch“, erklang jedoch endlich Chas’ Stimme, so viel näher an Mira als die von Urs, dass sie unwillkürlich zusammenfuhr. „In Außenstädterkleidung. Ich wusste nicht … wenn ihr nun etwas zugestoßen wäre.“
Ein glühender Stich fuhr Mira durch die Eingeweide, als ihr klar wurde, dass Chas von ihr sprach.
„Du hast dir Sorgen gemacht“, stellte Urs nüchtern fest. „Als Biene heute alleine in der Stadt war, bin ich vor Angst ebenfalls fast gestorben.“
„Ich hab keine Angst.“
„Aber du willst sie nicht verlieren.“
Es war eine Feststellung, keine Frage, doch Chas antwortete dennoch darauf, und so viel Offenheit sah ihm derart unähnlich, dass Mira unwillkürlich den Atem anhielt. „An dem Abend, an dem sie zum ersten Mal zu den Fischerkindern kam, wollte ich Klein-Ararat eigentlich verlassen. Und seitdem noch zwei weitere Male. Aber mir ist es nie gelungen, Mira zurückzulassen.“
Urs erwiderte nichts, aber Mira war sich beinahe sicher, dass er lächelte. Sie selbst lehnte regungslos an der Autokarosserie und spürte, wie ihr das Herz in der Brust hämmerte und eine so tiefe Zärtlichkeit für Chas in ihr aufstieg, dass alles in ihr danach verlangte, das Schlaftheater aufzugeben und sich ihm zuzuwenden.
„Ich weiß nicht“, sagte Chas, und Mira wurde sich bewusst, dass sie von ihren eigenen Gedanken und Gefühlen so abgelenkt gewesen war, dass sie überhört haben musste, was Urs gefragt hatte. „Es gibt ja auch noch Filip.“
„Aber er und Mira … sie sind nicht zusammen, oder?“
„Um ehrlich zu sein, weiß sie das wahrscheinlich selbst nicht einmal so genau.“ Chas lachte leise, aber es war deutlich zu hören, dass er diese verworrene Geschichte zwischen Mira und Filip nicht wirklich lustig fand. „Jedenfalls wird sie in mir niemals mehr als einen Freund sehen, ehe sie und Filip das nicht geklärt haben. Wahrscheinlich wäre es auch viel verlangt, solange Filip in Gefahr schwebt.“
„Und das auch noch ihretwegen“, murmelte Urs. „Weil er sie beschützen wollte.“
„Eigentlich meinetwegen.“
„Deinetwegen?“
Chas seufzte. „Er glaubt … er hat etwas gegen mich in der Hand. Um Mira zu schützen, hat er mich gedeckt. Ich befürchte, das ist der Grund, aus dem sie ihn verhaftet haben.“
Wieder folgte ein langes Schweigen. Mehr konnte Chas unmöglich preisgeben, wenn er Urs nicht verraten wollte, dass er in Wirklichkeit Carl Auttenberg war. Und dass Filip und sein Wachmannkollege ihn höchstwahrscheinlich erkannt hatten.
„Ist es wahr?“, fragte Chas unvermittelt. „Dass sie die Bücher verbrennen?“
„Ja.“
Auch dazu sagte Chas nichts. Er gab überhaupt keine hörbare Reaktion von sich. Doch Mira spürte seine Hand auf ihrem Arm. Er tastete sich vorwärts bis zu ihrem Hals und strich vorsichtig über ihr Haar.
Schnell presste Mira die Augen wieder zu und hoffte, dass Chas nicht bemerkte, dass ihr Atem viel zu hastig ging für eine Schlafende.
Als Mira das nächste Mal die Augen aufschlug, drang wieder Sonnenlicht in ihr Versteck. Ihr ganzer Körper fühlte sich steif und verspannt an. Der Hals schmerzte vom Lehnen an der Karosserie, und sie hatte einen metallischen Geschmack auf der Zunge, als hätte sie sich im Schlaf die Lippe blutig gebissen.
Chas’ Hand war von ihrem Haar verschwunden. Sie drehte den Kopf, um festzustellen, dass er noch immer neben ihr saß. Auch er war wach. In den Händen hielt er die Bibel, die Edmund ihnen beim Abschied geschenkt hatte. Die Bibel, mit der alles begonnen hatte, wegen derer Mira zur Diebin und zur Verräterin geworden und zu den Fischerkindern gekommen war.
Einem plötzlichen und heftigen Impuls folgend, streckte Mira die Hand aus und legte sie ebenfalls auf das raue Leder des Buches.
Überrascht sah Chas auf, zog seine Hand jedoch nicht weg.
„Wer weiß, wie viele nun noch übrig sind“, flüsterte Mira. „Vielleicht ist es das letzte.“
„Darüber habe ich auch gerade nachgedacht.“ Chas’ Stimme klang rau. Ob er die ganze Nacht wach gelegen hatte? Mira musterte sein Gesicht. Die blasse Haut, die unansehnlich lang gewordenen Bartstoppeln, die dunklen Schatten unter den karamellfarbenen Augen.
„Eine Welt ohne Bücher“, sagte sie leise, und der bloße Gedanke beschwor eine tiefe, fassungslose Leere in ihr herauf.
Aber Chas’ Züge hatten sich verhärtet. „Ein Land“, berichtigte er. „Es ist nur dieses verfluchte Land, das verrückt spielt. In Amerika … wenn ich erst dort bin …“ Er verstummte.
„Am liebsten würde ich mitkommen.“
Chas’ Augen fanden die ihren und hielten ihren Blick fest. „Dann komm mit.“
Einen wunderschönen, süßen Moment lang erlaubte sich Mira, es sich vorzustellen. Ein fremdes Land ohne Justizstaatsbeamte und Mauern, ohne hungernde Außenbezirke, heimliche Versammlungen und Angst vor dem Entdecktwerden. Dafür mit der Freiheit, zu gehen, wohin sie wollte, zu denken und zu sagen, was ihr in den Sinn kam, mit einem sicheren Zuhause für sie alle und mit Büchern. Und Chas.
„Filip“, presste sie jedoch über die Lippen. „Zuerst müssen wir Filip helfen.“
„Ja“, erwiderte Chas, und das knappe Wort sagte mehr als das. Als ahne er, dass Mira, wenn sie Filip erst befreit hatten, niemals mit ihm nach Amerika kommen würde. So einfach war es immerhin nicht.
Darmowy fragment się skończył.