Czytaj książkę: «Die Fischerkinder»

Czcionka:

Melissa C. Feurer

Die Fischerkinder

Das verbotene Buch

Roman


Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Widmung

Impressum

Kapitel 1 – Das Buch

Kapitel 2 – Familie Petersen

Kapitel 3 – Porters Höhle

Kapitel 4 – Der verbotene Turm

Kapitel 5 – Eine andere Welt

Kapitel 6 – Im Inneren des Berges

Kapitel 7 – Gegen das Gesetz

Kapitel 8 – Der Schleuser

Kapitel 9 – Unerwiderte Liebe

Kapitel 10 – Schwarz auf weiß

Kapitel 11 – Eine komische Art

Kapitel 12 – In Alarmbereitschaft

Kapitel 13 – Betäubt

Kapitel 14 – Aus dem Feuer

Kapitel 15 – Der Beschützer

Kapitel 16 – Auf der Spur

Kapitel 17 – Simon Petersen

Kapitel 18 – Fluchtpläne

Kapitel 19 – Carl Auttenberg

Kapitel 20 – Die Flucht

Kapitel 21 – Filip

Kapitel 22 – Feindesliebe

Kapitel 23 – Der Verrat

Danke ...

Für Jonathan, der von Anfang an

an diese Geschichte geglaubt hat.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-86506-821-7

© 2015 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Einbandgestaltung: sprengerbleilevens intergalactic GmbH, Duisburg

Satz: Brendow Web & Print, Moers

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

www.brendow-verlag.de

Kapitel 1

Das Buch

Mit einem Buch fing es an. Einem Buch, für das schon Menschen ihr Leben gegeben hatten, wegen dem andere verfolgt worden waren und durch das ein eigentlich recht gewöhnliches Mädchen eines Sommerabends zur Diebin wurde.

Nichts an diesem Abend deutete darauf hin, dass er in irgendeiner Weise anders war als die vorhergehenden. Eigentlich war es die Dämmerung eines geradezu leidig normalen Tages, an dem Mira Robins die Buchhandlung „Porters Höhle“ betrat. Vielleicht war sie unterwegs einem Wachposten mehr als sonst begegnet, hatte vielleicht ein paar Mal öfter als gewöhnlich innegehalten, um hier oder dort einen Nachbarn zu begrüßen und vielleicht kam sie deshalb ein paar Minuten später als sonst bei der Buchhandlung an. Vielleicht deutete aber auch rein gar nichts darauf hin, dass dieser Abend sich von allen vorherigen unterschied. Mira konnte, während sie in das schummerige Licht des kleinen Ladens trat, vermutlich wirklich nicht ahnen, dass sie noch heute zur Gesetzesbrecherin und schließlich zur Verräterin werden würde.

„Herein“, ertönte eine gemächliche Bassstimme aus dem Inneren einer Pfeifenrauchwolke, die einen staubigen Ohrensessel in der Ecke des Ladens einhüllte. „So später Besuch. Das kann nur Mira sein.“ Edmund Porter löschte seine Pfeife und erhob sich. „Das Buch schon wieder ausgelesen? Ich könnte schwören, dass du erst gestern hier gewesen bist.“

Mira sah zu Edmund hinauf, der nun kaum einen Meter vor ihr stand und immer noch nach süßem Tabak roch. „Beinahe“, sagte sie. „Es war vorgestern.“

„Dann willst du es wohl zurückbringen.“

Mira nickte, holte das Buch vorsichtig unter ihrer Jacke hervor und hielt es ihm entgegen. Es war ein schon vertrauter Schmerz, als Edmund Porter es ihr abnahm und der glatte Einband unter ihren Fingern wegglitt. Was für ein unvorstellbarer Reichtum, eine oder sogar mehrere von diesen papierenen Welten sein Eigen zu nennen! Aber wer konnte es sich heutzutage schon leisten, ein Buch zu besitzen? Miras Familie war gewiss nicht arm. Doch die hart verdienten Rationskarten in etwas so Nutzloses wie einen Abenteuerroman zu investieren, wäre Miras Vater nie in den Sinn gekommen. Es gehörte sich auch nicht. Was für ein falsches Bild hätte das von ihrer anständigen, rechtschaffenen Familie gegeben, wenn sie sich solch bedenkliche, ja fast unanständige Auswüchse wilder Fantasie zu Hause ins Wohnzimmer gestellt hätten?! Als wäre es noch nicht Aufsehen erregend genug, dass Mira so regelmäßig in „Porters Höhle“ anzutreffen war!

„Und was darf es heute sein?“ Edmund Porter schob seine schlichte, runde Brille zur Nasenwurzel und musterte seine Kundin erwartungsvoll. Rein gar nichts an ihm erschien ihr zwielichtig oder anstößig – vielleicht, weil sie auch an den Büchern nichts Verwerfliches fand, egal was ihr Vater davon halten mochte. Für Mira waren sie nur ein unermesslicher Reichtum, zu groß, als dass ein Mensch ihn hätte fassen können. Und fast schien es Mira auch, als besäße Edmund Porter die Bücher gar nicht wirklich, sondern verwalte sie nur. Als hüte er die niedergeschriebenen Abenteuer und Geschichten und insgeheim vielleicht einen noch viel größeren Schatz.

„Ich weiß nicht.“ Mira ging hinüber zu einem der deckenhohen Regale und strich mit der Hand über die Rücken der Bücher, die dort feinsäuberlich aufgereiht standen. „Etwas Spannendes. Eine andere Welt.“

Edmund Porter nickte. „Da wirst du hier fündig werden. Sieh dich nur in aller Ruhe um, ob du noch ein Buch findest, das du noch nicht gelesen hast.“ Kurz warf er einen sehnsuchtsvollen Blick zu seinem Ohrensessel, als hätte er sich gerne wieder dort niedergelassen, mit seiner Pfeife und dem Buch, das auf der Armlehne lag.

„Ist es gut?“, fragte Mira, die seinem Blick gefolgt war.

Der Buchhändler sah sie eine ganze Weile nur nachdenklich an. „Aber ja“, erwiderte er dann. „Meisterhaft. Voller Abenteuer und Weisheit. Doch im Augenblick lese ich es selbst.“ Er wog das Buch, das Mira ihm zurückgegeben hatte, in den Händen. „Du entschuldigst mich“, bat er und verschwand mit einem letzten Blick zu seinem Sessel im Hinterzimmer, um das wiedergebrachte Exemplar in eine seiner endlosen Listen einzutragen.

Mira blieb allein in der Stille und Wärme der Buchhandlung zurück. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass doch etwas anders war als sonst: Kein Wachposten sah ihr beim Stöbern in den hohen Regalen über die Schulter. Sie war so an den Anblick eines uniformierten Beobachters gewöhnt, dass es sich beinahe falsch anfühlte, so alleine in der Buchhandlung zu sein.

Die Luft roch nach Edmund Porters süßem Tabak, Druckerschwärze und altem Papier. Mira sog den vertrauten Duft tief in ihre Lungen und trat langsam an eines der zahlreichen Regale, die mit Büchern aus allen Epochen gefüllt waren. Am meisten lockten Mira die alten, ledergebundenen, denen man ihr Alter von weit her ansah. Es war seltsam: Jede Zeit hatte ihre Bücher anders gekleidet. Von Leineneinbänden mit goldener Prägung bis zu grellbunten Hüllen aus bedrucktem Papier. Mira fragte sich, wie die Bücher heute wohl aussähen, wenn es noch Verlagshäuser gäbe, die sie drucken würden. Aber das war ja absurd.

Nachdenklich ging sie am Schreibtisch und dem großen Ohrensessel vorbei, und ihr Blick streifte das dort aufgeschlagen liegende Buch. Es war klein und ledergebunden, mit goldenen Seitenrändern und abblätterndem Titel. Es sah gar nicht so aus, als berge es Abenteuer und Weisheit, doch wie es da so aufgeschlagen lag, zog es Mira wie magisch an. Sie war neugierig, aus welcher fernen Welt sie Edmund Porter mit ihrem Eintreten gerissen hatte. Er hatte ganz den Eindruck gemacht, als lasse er sie nur ungern zurück.

Sie blieb stehen und strich behutsam über den Einband. Er war rau und arg mitgenommen und die Seiten dazwischen zerfleddert. Edmund Porter pflegte seine Schätze sehr sorgfältig; alle anderen Bücher in „Porters Höhle“ waren in makellosem Zustand. Ganz sicher hatte Mira dieses Buch noch nie in einem der Regale stehen sehen, die sie beinahe in- und auswendig kannte. Warum mochte er es versteckt gehalten haben?

Hitze kroch über Miras Haut. Sie riss den Blick von dem Buch los und sah sich nach der Tür zum Hinterzimmer um. Von Edmund Porter keine Spur.

Was Mira dann tat, hatte sie sich nicht vorher überlegt. Es war nicht so, als hätte sie beschlossen, das Buch zu stehlen. Aber eine plötzliche Unruhe drängte ihre Hände dazu, es aufzuheben und unter ihre Jacke zu schieben. Sie stahl es ja auch nicht wirklich. Genau wie jedes andere Buch würde sie es nach dem Lesen zu seinem rechtmäßigen Besitzer – nein, Verwalter – zurückbringen.

Schon wenige Minuten später, als sie keuchend und nach Atem ringend zu Hause in den Flur schlüpfte und sich gegen die Haustür lehnte, hätte sie nicht mehr erklären können, was sie dazu gebracht hatte, das Buch mitzunehmen. Ihr Herz galoppierte wie ein durchgegangenes Pferd in ihrer Brust. Sie hatte nicht die Gelegenheit, ihren Puls oder Atem unter Kontrolle, geschweige denn ihr Diebesgut in Sicherheit zu bringen, denn vom Geräusch der zuschlagenden Tür aufgeschreckt, stürmte ihr Vater in den Flur.

„Bei der Verfassung!“, entfuhr es ihm, als er in Miras erhitztes Gesicht sah. „Es ist schon drei nach neun, und da besitzt du die Nerven, noch draußen herumzuschleichen! Wo um alles in der Welt warst du?“ Sein Gesicht war vor Zorn genauso rot wie das seiner Tochter geworden, die immer noch nach Atem rang und nicht antworten konnte.

„Wieder in dieser Buchhandlung?“, setzte ihr Vater die Befragung fort. Er hatte sich bei Miras Eintreten die schwarze Anzugjacke mit den Orden über den Schlafanzug geworfen, als hätte er sich schon halb für den Fall gewappnet, dass seine Tochter von einem Wachmann zu ihm gebracht wurde.

Mira war sich fast sicher, dass man sie nicht einfach verhaften würde, sollte man sie in der Sperrstunde draußen aufgreifen. Wenn die Wachmänner Mira erst einmal anhand des Ausweisbandes an ihrem Handgelenk als Gerald Robins‘ Tochter identifiziert hätten, würden sie ihn vermutlich fragen, wie in ihrem Fall vorzugehen war. Immerhin war er ihr Vorgesetzter. Die Frage war, ob das nicht schlimmer gewesen wäre, als ohne großes Federlesen ins Gefängnis geworfen zu werden.

„Hat jemand sie gesehen?“ Miras Mutter war aus dem Wohnzimmer und zu ihrem Mann getreten. „Ein Wachposten oder … einer der Nachbarn?“

Das sah ihnen ähnlich. Lieber wüssten sie ihre Tochter in Schwierigkeiten, ja sogar lieber unter Arrest als in Verruf. Der Meinung der Nachbarn galt die oberste Sorge in diesem Haus. Jedenfalls gleich nach dem Befolgen des Gesetzes. Und das eine war durchaus eng mit dem anderen verknüpft, denn wenn sie einen Ruf bei ihren Nachbarn zu verlieren hatten, dann den, durch und durch rechtschaffene, pflichtbewusste und gesetzestreue Bürger zu sein.

„Ruhig, Rose“, wehrte Miras Vater ab. „Wenn ein Wachposten sie gesehen hätte, stünde sie nicht hier.“

Durch den Körper von Miras Mutter ging ein erleichtertes Schaudern. „Gut. Das ist gut“, sagte sie, wie um sich selbst zu beruhigen. „Es ist ja auch erst drei nach neun.“ Hastig klappte sie den Mund zu und machte den Eindruck, als hätte sie ihre Worte gerne augenblicklich zurückgenommen.

Die Reaktion ihres Mannes folgte postwendend. „Erst drei nach neun?“, brüllte er. „Drei Minuten. Drei Minuten Gesetzlosigkeit. Drei Minuten Gelegenheit für jedermann, sie da draußen zu sehen. In der Sperrstunde!“

„Nur für jedermann, der selbst um diese Zeit noch nicht dort ist, wo er sein sollte“, wagte Mira zu entgegnen, als sie endlich wieder genug Luft bekam, um zu sprechen.

Ihr Vater bedachte sie mit einem Blick, den er sich sonst vermutlich für die Verbrecher aufhob, mit denen er beruflich zuhauf zu tun hatte. „Junges Fräulein.“ Er tippte an einen seiner Orden – das silberne Abzeichen des Gerichts, das ihn als Justizstaatsbeamten auszeichnete. „Ich bin ein wichtiger Mann in dieser Stadt. Ich bin ein Hüter des Gesetzes. Und ich prophezeie dir, dass es mit dir noch ein böses Ende nehmen wird, wenn du weiterhin diese gedankenlose Einstellung an den Tag legst.“

Mira wagte nicht mehr, zu widersprechen. Immer noch in ihre Jacke eingepackt, stand sie vor ihren Eltern, und eine unnatürliche Wärme kroch durch ihren Körper. Ging die Hitze von ihrem Diebesgut aus, oder war es die Angst, damit ertappt zu werden? Ihr Vater, der wegen eines dreiminütigen Verstoßes gegen die Ausgangssperre so außer sich war … sie mochte sich nicht ausmalen, was er zu dem gestohlenen Buch sagen würde.

„Du gefährdest meinen Ruf“, fuhr er hitzig fort, „und das ist der Ruf dieser Familie und damit dieses Staates. Du gehst jetzt auf dein Zimmer, ehe ich mich vergesse! Und ab sofort zollst du dem Staat, der dich erhält und dich mit Regelungen wie der Sperrstunde zu schützen versucht, ein bisschen mehr Respekt.“

Noch während Mira seinem Befehl folgte und sich nach oben in ihr Zimmer zurückzog, hörte sie ihn im Erdgeschoss wüten. Mira war es nur recht, dass er sie weggeschickt hatte. Unter ihrer Jacke war ihr mittlerweile unerträglich warm geworden, aber mit einem darunter versteckten Buch, das seine Verbotenheit geradezu herausschrie, hatte sie es nicht gewagt, sie abzunehmen.

Jetzt riss sie sich die Jacke vom Körper, und das gestohlene Buch fiel auf den Boden. Harmlos lag es da, mit seinen vergoldeten Seitenrändern und dem rissigen Ledereinband. Es schien nichtssagend, so alt und abgenutzt.

Aber vielleicht war es gerade das. Zerlesen sah es aus, geliebt und vielleicht ein wenig wie etwas, das schon oft hastig unter einem Stapel Notizen oder zwischen den Sesselpolstern versteckt worden war, damit es nicht entdeckt würde.

Noch in Stoffhosen und der kratzigen Bluse, setzte Mira sich auf ihr Bett und hob das Büchlein auf. Der Titel war nicht mehr zu lesen, nur abblätternde Reste der goldenen Prägung waren davon übrig geblieben.

Mira beschloss, sich nicht weiter mit dem Äußeren des Buches aufzuhalten. Sie schlug es auf, blätterte die ersten hauchdünnen Seiten um und begann zu lesen.

Der Strom war längst für die Nacht abgeschaltet worden. Mira las bei Taschenlampenlicht und mit zugezogenen Vorhängen. Der Nachbarn wegen. Die Frage, was sie wohl denken mochten, war ihr so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ihr Vater gar nicht leibhaftig neben ihr stehen musste, damit sie seine mahnende Stimme hörte: „Wonach sieht das aus, wenn mitten in der Nacht ein kleiner Lichtkegel durchs Zimmer hüpft? Als täten wir hier drinnen etwas Verbotenes!“

Mira tat wahrhaftig etwas Verbotenes, das ihre Taschenlampe den Nachbarn hätte verraten können. So viel hatte sie beim Lesen begriffen. Es war nicht erlaubt, dieses Buch zu lesen, und vor allem war es nicht erlaubt, es zu besitzen. Es war nicht wie die anderen Bücher in „Porters Höhle“, verpönt, aber akzeptiert, sondern ein Gegenstand, der Edmund Porter, sollte er je entdeckt werden, ans Messer liefern konnte.

Vielleicht würde sie eines Abends vergeblich an der Tür zu seinem kleinen Buchladen rütteln, und es wäre abgeschlossen. Der nach süßem Tabak riechende Mann mit dem runden Bauch und dem grau melierten Haar wäre einfach verschwunden.

Mira hatte Menschen auf diese Art verschwinden sehen. Da waren Nachbarn gewesen, mit deren Töchtern sie schon im staatlichen Erziehungshaus gespielt hatte. Später hatten sie die gleiche Klasse besucht, und manchmal, an Nachmittagen, an denen ihre beste Freundin Vera keine Zeit gehabt hatte, hatte sie mit ihnen im Garten gespielt. Eines Morgens waren sie wie vom Erdboden verschluckt gewesen. Das Haus verlassen, die Vorhänge zugezogen, das Ringewerfspiel noch im Vorgarten liegend, als warte es nur auf seine sommersprossigen, ungestümen Besitzerinnen. Und keiner wagte zu fragen, wo sie waren. Da hatte Mira begriffen, dass das Bestürzende, Schreckliche als normal hingenommen wurde, weil man nicht der Nächste sein wollte, der ein leeres Haus mit zugezogenen Vorhängen zurückließ.

Aber so würde sie Edmund Porters Buchladen nicht vorfinden. Zumindest vorerst nicht. Denn das Buch, das sein Verschwinden hätte auslösen können, lag hier, aufgeschlagen auf ihrem Kopfkissen.

Zuerst war es ihr ausgesprochen langweilig vorgekommen. Die alte, schwerfällige Sprache, die vielen Namen, die winzige Schrift auf den durchscheinend dünnen Seiten. Aber dann war eraufgetreten. Dieser Mann, dieser seltsame Protagonist, der Mira zugleich fasziniert und irritiert hatte. Fast wie den Figuren dieser sonderbaren Geschichte war es ihr ergangen, von denen die einen ihn als Anführer liebten und die anderen ihn so abgrundtief hassten, dass sie ihn töten wollten.

Sein sanfter und zugleich so bestimmter Charakter brachte sie dazu, gespannt weiterzulesen, so unerhört die Geschehnisse in diesem Buch auch wurden. Mira hätte keinen Staatsbeamten zum Vater haben müssen, um zu wissen, dass sie ein Buch, in dem solch ungeheuerliche Dinge geschahen, umgehend hätte melden müssen. Menschen, die sich ohne Zuhilfenahme technischer Mittel über die Naturgewalten hinwegsetzten, ja sie gar lenkten, Menschen, die, ohne Ärzte zu sein oder Medikamente zu verabreichen, Kranke heilten. Und vor allem: ein Mann, der Nachfolger um sich scharte, obwohl ein anderer König herrschte … Mira wusste, was ihr Vater mit diesem Buch getan hätte.

Und genau deshalb brachte sie es ihm nicht. Denn wie hätte sie je herausfinden sollen, was mit diesem seltsamen Mann mit den Wunderkräften und seinen Freunden geschah, wenn sie das getan hätte, was richtig gewesen wäre? Vielleicht hätte sie Edmund Porter schützen können, indem sie behauptet hätte, das Buch auf der Straße gefunden zu haben. Aber das Buch und seine verbotene Geschichte wären verloren gewesen.

Also blieb Mira, wo sie war, und verschlang Seite um Seite. Begierig, herauszufinden, wie der Protagonist seine Feinde am Ende doch noch besiegen würde.

Die Wanduhr zeigte elf Uhr, als Mira verwirrt innehielt. Der Grund dafür war, dass die Geschichte mit einem Mal endete.

Eben hatten seine Widersacher den Protagonisten in eine hinterhältige Falle gelockt und alle gegen ihn aufgehetzt, seine Freunde hatten ihn im Stich gelassen, und man hatte ihn grausam hinrichten lassen. Und dann war da nichts mehr. Die folgenden Seiten fehlten. Sorgfältig und gerade waren sie aus dem Buch herausgetrennt worden. Nur ein golden schimmernder Rest zeugte noch davon, dass es sie gegeben hatte. Die letzte Seite Text endete mitten im Satz. Rechts daneben begann eine neue Geschichte.

„Markus“, stand darüber. Was interessierte Mira Markus? Sie wollte wissen, wie die Geschichte endete. Ob der Mann wirklich tot war, ob seine Feinde tatsächlich triumphierten. Welcher Schriftsteller dachte sich denn so ein grauenhaftes Ende aus?

Sie blätterte zurück, las die letzten Seiten noch einmal, schürte verzweifelt die Hoffnung, sich getäuscht zu haben. Doch kein Zweifel: Der Protagonist – dieser beunruhigend besondere Mann – war tot.

Wütend über beides – die Wendung, welche die Handlung genommen hatte, und die fehlenden Seiten –, klappte Mira das Buch zu und zwängte es in ihren Kissenbezug. Sie rieb sich die müde gewordenen Augen und stellte erschrocken fest, dass ihr Tränen über die Wangen liefen. Sie konnte gar nicht recht sagen, ob wegen des Todes des Protagonisten oder wegen der Anspannung, die sie ergriffen hatte. Da saß sie mit einem verbotenen Buch in ihrem Zimmer und wusste nicht, was sie tun sollte. War ihr der Tag noch am Abend leidig gewöhnlich vorgekommen, so hatte sie jetzt eine schreckliche Vorahnung, ihr Leben würde nach der heutigen Nacht nie wieder das Gleiche sein wie zuvor.

Sie hatte eine der verbotenen Schriften gelesen, und das Schlimmste war, dass die Geschichte sie ganz und gar gefangen genommen hatte. Mira konnte sich nicht vorstellen, dass das Schicksal dieses Mannes und seiner Freunde sie je loslassen würde, solange sie nicht das Ende lesen konnte.

„Bei der Verfassung, Miriam!“ Aus dem Munde ihrer Mutter klang dieser Ausruf nicht sonderlich einschüchternd. Sie hatte ihn sich von ihrem Mann abgeschaut, aber ohne schwarzen Anzug, ohne Abzeichen an der Brust und ohne die gestrafften Schultern war es einfach nicht das Gleiche.

Statt dieser für Gerald Robins typischen Attribute hatte Rose Robins an diesem Morgen eine weiße Bluse, Hausschuhe und roten Lippenstift aufzuweisen. Dieser rote Lippenstift machte ihren mahnenden Ausruf besonders lächerlich, weil Gerald Robins ganz bestimmt noch viel erboster über ihn gewesen wäre als über Miras dreiminütiges Zuspätkommen am Vorabend.

Nicht nur dass es völlig unnötig war, nein, es war auch im höchsten Maße erniedrigend für eine Frau, ihre Weiblichkeit so unverschämt zu betonen. Männer beschmierten sich die Gesichter nun einmal auch nicht mit Farbe, und keine Frau, die etwas auf sich hielt, stellte ihre weiblichen Reize auf diese altmodische Art zur Schau.

Keine, außer Rose Robins.

Mira kannte dieses kleine Geheimnis ihrer Mutter schon seit Kindertagen: Am Wochenende, wenn sie zu Hause war und Miras Vater für gewöhnlich arbeitete, kramte sie das hinter den Handtüchern versteckte Make-up heraus und trug es mit größter Sorgfalt auf.

Mira hätte es abstoßen müssen, aber der Anblick ihrer Mutter mit leuchtend roten Lippen war ihr so vertraut wie der ihres Vaters in schwarzem Beamtenanzug mit Abzeichen. Genau wie Miras Liebe zu Abenteuerromanen war es nur ein kleines, lieb gewonnenes Schlupfloch aus dem sonst eintönigen Alltag. Nichts, was irgendjemanden verletzte oder aufhetzte.

„Liegst du etwa noch im Bett?“ Rose Robins stand mit gerunzelter Stirn im Türrahmen.

Mira befreite sich mühsam von der dünnen Bettdecke und strich sich mit beiden Händen durch das nur wenige Zentimeter lange, braune Haar. Ihre Augen schmerzten, und sie konnte sie kaum offen halten. Das war eine Nacht gewesen! Lange hatte sie noch in die Dunkelheit gestarrt, und als sie endlich eingeschlafen war, hatte sie Grauenhaftes geträumt von diesem …

Hektisch tastete Mira mit den Händen nach dem Kopfkissenbezug, in dem das Buch versteckt war, während ihre Mutter an ihr vorbeischritt und die Vorhänge aufzog. Offene Vorhänge. Sie waren noch da. Sie waren rechtschaffene Bürger, deren Haus ganz gewiss nie – niemals – mit zugezogenen Vorhängen und verlassenen Räumen vorgefunden werden würde. Miras Mutter stand vor Sonnenaufgang gemeinsam mit ihrem Mann auf, wenn dieser zur Arbeit ging, und noch lange bevor auch sie das Haus verließ, öffnete sie alle Vorhänge, damit, wenn die Nachbarn erwachten, auch ja kein Zweifel bestand: Familie Robins war noch da, und daran würde, daran konnte sich auch niemals etwas ändern.

„Hast du etwa die halbe Nacht gelesen?“ Ihre Mutter schürzte die Lippen, und als Mira ihrem Blick folgte, sah sie, dass das kleine ledergebundene Buch sich aus dem Kopfkissenbezug befreit hatte und neben ihr auf der Matratze lag. In ihren Augen sah es, jetzt, da sie den Inhalt kannte, nicht mehr im Geringsten harmlos oder nichtssagend aus.

„Miriam, was soll nur aus dir werden?“, seufzte ihre Mutter. „Was, wenn einer der Nachbarn in der Nacht das Licht gesehen hat?“

„Was, wenn einer der Nachbarn deinen Lippenstift sieht?“ Mira packte mit klopfendem Herzen das Buch und überlegte fieberhaft, was sie damit anstellen sollte. Wenn sie es wieder in den Kissenbezug steckte, würde ihre Mutter stutzig werden. Aber so offen konnte sie ihr gefährliches Diebesgut auch nicht herumliegen lassen.

Das Gesicht ihrer Mutter lief über und über rot an. Nicht vor Zorn wie bei Miras Vater, sondern vor Scham. „Aber das … das ist doch etwas ganz anderes“, wehrte sie ab und fuhr sich durch den ordentlichen Kurzhaarschnitt, zu dem der Lippenstift besonders unpassend wirkte. Die Heldinnen in Miras Büchern mochten langes, im Wind wehendes Haar oder ungestüme Locken haben. Spannend klang das und irgendwie wild. Aber nicht einmal Mira hätte sich mit einer solchen Frisur auf die Straße getraut. Männer wie Frauen ließen sich das Haar kurz schneiden – gleiche Rechte, gleiche Regeln. Langes, offenes Haar bei Frauen war genau wie roter Lippenstift eine unnötige Betonung von Geschlechtsunterschieden. Was für einen Eindruck das vermittelte, war kein Geheimnis: Frauen, die sich verkauften, liefen so herum, aber keine rechtschaffenen Bürger, die Wert auf das legten, was die Nachbarn dachten.

Ohne großes Federlesen zog Miras Mutter ihr die Bettdecke weg. „Ich verlasse das Haus ja nicht“, erklärte sie mit Nachdruck. „Niemand wird es je … Niemand wird mich so sehen.“

Aber vor ihrer Tochter verbarg sie es nicht. Einen winzigen Moment lang überlegte Mira, ob sie ihre Mutter einweihen, ob sie ihr von dieser ungeheuerlichen Geschichte erzählen sollte. Seit vielen Jahren schon teilten sie das Geheimnis des roten Lippenstiftes. Warum nicht auch ein zweites?

„Gleich kommt Iliona zum Putzen“, sagte allerdings ihre Mutter, ehe Mira sich entscheiden konnte. „Wie sieht das denn aus, wenn du noch im Bett liegst!“

Iliona war neben Mira der einzige Mensch, der Rose Robins je in diesem anzüglichen Aufzug, mit rot bemalten Lippen, gesehen hatte. Aber Iliona kam aus den Armenvierteln und zählte deshalb eigentlich gar nicht. Sie würde kein Wort darüber verlieren. Weder gegenüber Gerald Robins noch gegenüber irgendjemand anderem, egal ob Innen- oder Außenstädter. Sie war etwa in Miras Alter, vaterlos und auf die Rationskarten angewiesen, die sie für die Arbeit im Haus von Miras Familie bekam. Nur hohe Staatsbeamte konnten es sich leisten, eine Bedienstete aus den Außenvierteln einzustellen, und die Posten waren begehrt, weil sie ordentlich bezahlt und verhältnismäßig angenehm waren. Angenehmer jedenfalls als die Arbeit in den Fabriken. Über seinen innenstädtischen Arbeitgeber redete man nicht schlecht, wenn man seine Stelle behalten wollte.

„Ich steh schon auf.“ Mira presste das Buch fester an ihren Körper. Sie konnte ihrer Mutter nicht von ihrem Geheimnis erzählen, roter Lippenstift hin oder her. Ihr war klar, dass es einen Unterschied gab zwischen der kleinen Rebellion unschicklicher Farbe auf den Lippen und dem abgrundtiefen Verrat eines verbotenen Buches. Einen gewaltigen Unterschied. Den Unterschied zwischen Leben und Tod.

Vielleicht sah man es ihr an. Mira betrachtete ihr Spiegelbild kritisch. Nicht etwa um die tiefen Schatten unter ihren Augen zu ergründen oder um zu überprüfen, ob ihr Haar die Zehn-Zentimeter-Marke überschritten hatte und damit zu lang war. Nein, sie suchte nach einem verräterischen Anzeichen für das Geheimnis, das sie seit dieser Nacht wahrte.

Sie fand es in ihren Augen. Ein fiebriges Glitzern, vielleicht die Angst vor dem Entdecktwerden, vielleicht die Unruhe, die sie ergriffen hatte, der Drang, herauszufinden, wie die Geschichte endete. Wenn sie an den grausamen Hinrichtungstod des Protagonisten dachte, krampften sich ihre Eingeweide schmerzhaft zusammen. Er war nicht einfach gestorben – er war verspottet, misshandelt und brutal ermordet worden.

Da war so vieles gewesen, das sie nicht verstanden hatte. Aber eines wusste sie mit Gewissheit: Jesus von Nazareth war der außergewöhnlichste Romanheld, von dem sie je gelesen hatte, seine Geschichte die verwirrendste und wunderbarste, die ihr je untergekommen war, und ihr Ende das grässlichste, das sie sich hätte ausmalen können.

Obwohl die letzten Seiten fehlten, bestand kein Zweifel: Er war gestorben. Für ihn war es zu spät. Doch was mit seinen Freunden geschah – diese Frage konnte sie nicht abschütteln. Sie waren geflohen, sie hatten ihn verraten, verleugnet, im Stich gelassen. Was würden sie jetzt tun, da er tot war?

Die Tür wurde von außen aufgestoßen, und Mira machte vor Schreck einen Satz rückwärts. „Hast du mich …“, setzte sie an, verstummte aber, als sie nicht in das mit rotem Lippenstift bemalte Gesicht ihrer Mutter sah, sondern in das von Iliona.

„Entschuldigung … ich wollte das Badezimmer putzen … ich dachte … ich … bitte entschuldigen Sie“, stammelte das Mädchen verschreckt. Sie war zurückgewichen und machte bereits Anstalten, die Tür zu schließen.

„Ich hab dir doch gesagt, dass du mich nicht zu siezen brauchst“, sagte Mira, und als sie sich bewusst wurde, wie harsch ihre Worte klangen, fügte sie freundlicher hinzu: „Ich bin hier fertig.“ Sie trat zur Seite, aber offenbar wagte Iliona es nicht, einzutreten. In ihrer längst nicht mehr weißen Bluse und der viel zu großen Schürze sah sie schmächtig und verloren aus. Wenn Mira nicht gewusst hätte, dass Iliona beinahe so alt war wie sie, hätte sie das Mädchen für höchstens dreizehn gehalten.

„Ich wollte Sie nicht stören“, sagte Iliona. „Ich …“

„Du musst mich nicht siezen. Ich bin Mira. So nennen mich …“

„ … meine Freunde“, hatte sie sagen wollen, aber sie kam nicht dazu, weil ihre Mutter in diesem Moment die Treppe hinaufkam.

„Hast du noch immer nicht angefangen?“ Sie schnalzte ungeduldig mit der Zunge, und Iliona schien, sofern das überhaupt möglich war, noch kleiner zu werden. „Für zwei Brotrationen die Woche erwarte ich, dass du deine Arbeit zügig und ordentlich erledigst. Das wirst du verstehen, nicht wahr?“ Das hätte nachsichtig klingen können, wenn sie nicht so missbilligend auf Iliona herabgeblickt hätte.

„Ja, Frau Robins“, erwiderte das Mädchen, ohne etwas zu seiner Verteidigung vorzubringen.

Mira überlegte, ob es an ihr wäre, ihrer Mutter die Situation zu erklären, doch sie tat es nicht. Sie hatte gestern Abend schon den Ärger ihrer Eltern auf sich gezogen, indem sie zu spät nach Hause gekommen war. Und wenn sie bedachte, welch gefährliches Diebesgut unter ihrer Bluse steckte, hielt sie es für klüger, sich möglichst unauffällig zu verhalten.

Mira warf einen letzten Blick auf ihr müdes Gesicht im Spiegel. Dank des kurzen Haarschnitts sahen eigentlich alle Mädchen in ihrer Klasse mehr oder weniger gleich aus. Abgesehen vielleicht von Daphné Baron, deren honigblonder Schopf dafür sorgte, dass sie alle anderen überstrahlte. Miras Haar war dunkelbraun – nichts Besonderes, auch wenn ihr der warme Farbton nicht unlieb war. Weiche, fast noch ein bisschen kindliche Züge und große Augen. Grün waren sie immerhin. Die Farbe der Hoffnung – das gefiel Mira.

Sie fuhr sich durch das Haar und wandte sich vom Spiegel ab. Unter ihrer Bluse rieb das kleine Buch mit seinem rauen Ledereinband bei jeder Bewegung über ihre nackte Haut. Sie spürte es deutlich, als sie sich an Iliona vorbeischob und in den Flur zu ihrer Mutter trat.

„Und hast du nichts zu tun?“, wandte diese sich nun an sie, und Iliona atmete deutlich hörbar auf und schlüpfte ins Badezimmer, um sich an die Arbeit zu machen.

„Musst du nicht lernen? Hausaufgaben machen?“

Mira fühlte, wie sich der Gedanke an mathematische Formeln und Staatsgeschichte schwer auf ihre Schultern legte. Sie wusste, dass ihr Land Fachkräfte brauchte. Dass es ein Vorrecht und gleichsam ihre Aufgabe war, sich ausbilden zu lassen, um den Staat aus der wirtschaftlichen Krise zu führen. Damit sie eigenständig bleiben konnten und nicht auf Import angewiesen waren.

„Ihr, du und deine Altersgenossen, seid die Zukunft, Miriam“, proklamierte ihr Vater regelmäßig. „Unser Staat braucht Landwirte, Ingenieure, Lehrer – jeden klugen Kopf und jede starke Hand, um das Wohl unseres Landes zu garantieren. Wir haben es in der Hand, Miriam! Unsere Zukunft liegt nicht mehr in den Händen anderer Nationen und diffuser Bündnisse. Wir können für uns selbst sorgen. Das ist unser Privileg und unsere Pflicht.“

Also lernte Mira mit mehr Eifer als all ihre Mitschüler. Staatsgeschichte war ihr bestes Fach. Sie konnte alles auswendig: die Jahreszahlen von Anbeginn ihres Staates an. Jahr 0, Gründung. März 98, das Krönungsjahr ihres ersten Königs, des ehemaligen Präsidenten Nicholas Auttenberg. Sein größter Verdienst, die Beendigung jeglichen Imports im Oktober 107. Die Ernten waren ausgezeichnet gewesen, ein guter Zeitpunkt. Natürlich kämpften sie auch jetzt, eineinhalb Jahre später, noch für die Eigenständigkeit ihrer Versorgung. Es war noch ein weiter Weg, bis alle Ressourcen so genutzt wurden, dass alle Bürgerinnen und Bürger gut versorgt waren. Aber diese Übergangszeit war notwendig, und wenn sie nur alle mit anpackten, ihren Beitrag leisteten, dann würde König Auttenbergs große Entscheidung sie in ein paradiesisches Reich des Wohlstands und der Unabhängigkeit führen.

Mira hatte glänzende Noten im Staatsgeschichtsunterricht. Immerhin war die glorreiche Geschichte ihres Heimatlandes neben dem Gesetz und der Meinung der Nachbarn eines der Lieblingsthemen ihres Vaters. Wenn sie ihm zuhörte, dann erfüllte es Mira mit Stolz, hier leben und ihren Teil zum Gedeihen des Landes beitragen zu dürfen. Und so sollte es sein, fand ihr Vater. Sie sollten alle stolz auf das sein, was sie schon erreicht hatten. Ihre Unabhängigkeit, den über hundertjährigen Frieden. Stundenlang konnte ihr Vater darüber reden.

Kaum etwas musste Frau Dr. Steinlein Mira noch beibringen, und nur einmal hatte sie die Lehrerin verärgert, indem sie gefragt hatte, wann sie sich der älteren Geschichte, der Welt vor dem Jahr 0, widmen würden. Sie hatte keine Antwort, dafür aber eine schriftliche Mitteilung an ihren Vater bekommen, der sich bei seinem mahnenden Vortrag beim Abendessen so in Rage geredet hatte, dass er sich an einer Forellengräte verschluckt hatte.

Alles, wirklich alles, was sie über diese grausige, dunkle Zeit wissen müsse, hatte er ihr eingeschärft und sie mehrmals wiederholen lassen, sei die Tatsache, dass es furchtbar gewesen sei. Kriege und Korruption, Intrigen und Betrug. Kein Land ohne horrende Schulden, der internationale Markt ein einziges Druckmittel, Import und Export bis zum Ruin. Mit immer größeren Bündnissen hätten sich die Länder abzusichern versucht, wollten sich in Sicherheit wiegen. Aber dann hätten eben die Bündnisse gegeneinander Krieg geführt statt der einzelnen Länder.

„Alles, wirklich alles, was du wissen musst“, hatte er seinen Vortrag nach einem heftigen Hustenanfall beendet, „ist, dass wir es nun besser haben. Wir sind eigenständig. Wir sind in keinen Bündnissen gefangen und nicht von Importen abhängig. Dass du in der Sicherheit dieses Staates aufwächst und nicht in der Welt dort draußen, ist ein Privileg, und es sollte dein oberstes Ziel sein, diesen Staat zu unterstützen. Wiederhol es!“

„Es sollte mein oberstes Ziel sein, unseren Staat zu unterstützen“, hatte Mira sich beeilt, aufzusagen, damit er nur nicht wieder zu husten und zu schimpfen anfing.

Ihr oberstes Ziel, der Grund, warum sie sich ausbilden ließ und fleißiger als all ihre Mitschüler lernte. Natürlich wollte sie ihren Beitrag leisten. Aber heute hatte sie andere Dinge im Kopf. Dinge, die mit der Staatsgeschichte nicht zu vereinbaren waren und die für mathematische Formeln keinen Platz in ihren Gedanken ließen. Jesus von Nazareth. Seine Freunde. Die fehlenden Seiten. Das fehlende Ende. Sie konnte sich jetzt nicht hinsetzen und lernen.

„Ich gehe zu Vera.“ Mira wandte Iliona und ihrer Mutter den Rücken zu und ging zur Treppe. Trotzdem konnte sie sich rege vorstellen, wie ihre Mutter die rot bemalten Lippen schürzte.

„Es gibt da ein Staatsgeschichtsprojekt, an dem ich mit ihr arbeiten will“, fügte sie erklärend hinzu. Das war eine Lüge, aber doch war auch etwas Wahres daran. Es gab da etwas, an dem sie arbeitete. Etwas, wofür sie die Hilfe ihrer Freundin brauchte. Und Vera, die ganz gut in ihre liebenswerte, aber chaotische Familie passte, wäre froh darüber, dass es sich nicht um ein Schulprojekt handelte. Sie war nicht besonders gut in Staatsgeschichte und auch nicht in den anderen Fächern.

Dafür genoss Vera die Freiheit, zu gehen, wohin sie wollte, und zu tun, was auch immer sie wollte, weil ohnehin keiner danach fragte. Schon deshalb hätte Mira manchmal gerne mit Vera getauscht. Weil in ihrer Familie nicht alles, was Spaß machte, verboten war und weil man sich um die Meinung der Nachbarn oder um etwaige Spitzel unter ihnen herzlich wenig scherte. Und weil Mira sich bei den Petersens auf eine seltsame Art zu Hause fühlte. Obwohl sie so wenig pflichtbewusst und organisiert waren. Oder gerade deshalb.

Natürlich sagte man derlei Dinge nicht laut. Die Petersens wären gute Kandidaten dafür gewesen, eines Nachts spurlos zu verschwinden, wenn nicht zwei der Familienmitglieder für den Staat arbeiten würden.

„Dann sieh zu, dass du aus dem Haus kommst“, mahnte Miras Mutter, vom Wort „Staatsgeschichte“ schon versöhnlicher gestimmt. „Es ist nett von dir, dass du mit Vera Petersen zusammenarbeitest. Von ihren Eltern bekommt das Mädchen nun einmal nicht die Unterstützung, die sie für ein erfolgreiches Durchlaufen ihrer Ausbildung bräuchte.“

Mira schluckte jede Erwiderung zur Verteidigung von Veras Familie hinunter. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt für eine Diskussion. Was zählte, war, dass ihre Mutter den Plänen, die sich in ihrem Kopf formten, nicht im Weg stand.

Stattdessen nutzte sie die kurze Stille, um hinzuzufügen: „Es könnte sein, dass es später wird. Was meinst du, kann ich nicht einfach über Nacht bei Vera bleiben? Immerhin ist Wochenende.“

Ihr Vater hätte womöglich länger gezögert, doch ihre Mutter stimmte sofort zu. „Mach das. Nur vergesst über eurem Projekt nicht das Schlafen.“ Wahrscheinlich ahnte sie, dass im Haus der Petersens niemand ein Auge darauf haben würde, ob sie zu angemessener Zeit zu Bett gingen oder nicht. Seufzend fuhr Miras Mutter fort: „Es ist traurig, was diese Frau aus Simon Petersen gemacht hat. Früher ist er ein ehrgeiziger Staatsbeamter gewesen. Genau wie sein Sohn Filip.“

Mira verdrehte die Augen. An Veras Bruder Filip hatten ihre Eltern einen Narren gefressen. Nicht weil er nett war, manchmal sogar ein bisschen zu nett, sondern weil er dem Staat treu ergeben war.

„Für ihn hoffe ich das Beste“, fuhr ihre Mutter fort, während sie Mira die Treppe hinunter und zur Haustür folgte. „Er ist ein anständiger junger Mann, der sich seine Eltern nicht ausgesucht hat.“

Das konnte ja bekanntlich niemand. Auch Mira hatte es sich nicht ausgesucht, einen Staatsbeamten zum Vater zu haben. Bisher hatte es ihr auch nie etwas ausgemacht. Es brachte gewisse Privilegien und Ansehen mit sich. Aber während ihr Plan langsam Gestalt annahm und ins Rollen geriet, wünschte sie sich, sie hätte eine weniger pflichtbewusste und gesetzestreue Familie. Eine für ihr Vorhaben weniger gefährliche.

Kapitel 2

Familie Petersen

Miras Familie hielt nicht viel von den Petersens. So wie jeder, der etwas auf sich selbst hielt, nicht viel von dieser sonderbaren Familie halten konnte. Herr Petersen war wohl einmal ein hohes Tier im Staatsdienst gewesen – in seinen Blütetagen, als seine beiden Kinder, Filip und Vera, noch ganz klein gewesen waren.

Heute war Herr Petersen in erster Linie eines: hektisch. Den größten Teil seiner Zeit verbrachte er außer Haus, und wenn er einmal da war, dann verließ er sein Arbeitszimmer nur, um im Chaos seines Zuhauses verloren gegangene Dinge zu suchen. Seitdem er wegen eines peinlichen und deshalb totgeschwiegenen Vorfalls aus dem höheren Dienst entlassen worden war, setzte die Regierung der Stadt ihn als Springer ein, der mal hier, mal da aushalf, mal hierhin, mal dorthin reiste und mal mehr, mal weniger gut verdiente.

Mira mochte ihn gerne. Er erinnerte sie mit seinem schütter gewordenen grauen Haar, das vielleicht einmal vom gleichen rötlichen Blond wie das seiner Kinder gewesen war, an den zerstreuten Professor aus einem der Bücher, die sie gelesen hatte, und sie freute sich stets, ihm zu begegnen, was aber nicht oft vorkam.

Frau Petersen bekam sie ebenfalls nur selten zu Gesicht, obwohl sie viele Nachmittage bei Vera und ihrer Familie verbrachte. Meist schlief sie – „am helllichten Tag!“, entsetzte sich Miras Mutter –, und auch wenn sie wach war, erinnerte sie an eine Schlafwandlerin. Mira schien sie sehr weit weg, aber sie hatte Vera noch nie danach zu fragen gewagt, ob sie in ihrem Kopf vielleicht tatsächlich an einem ganz anderen Ort war.

Mira war den ganzen Weg zum Haus der Petersens gerannt und musste erst einmal zu Atem kommen und das Buch wieder sicher unter ihrer Bluse verstauen, als sie schließlich vor der wurmstichigen Eingangstür stand. Das ganze Haus hätte eine Renovierung bitter nötig gehabt, ein wenig Putz, eine Menge Farbe und frisches Holz. Aber das traf auf die meisten Häuser zu, wenn Mira auch zugeben musste, dass das Haus der Petersens besonders schäbig aussah.

In einigen Räumen waren die Vorhänge zugezogen – ein Missstand, den Miras Mutter nie geduldet hätte –, darunter auch das Elternschlafzimmer, das Refugium von Veras Mutter. Wie ein Bär hielt sie dort ihren immerwährenden Winterschlaf und quälte sich nur gelegentlich für kurze Ausflüge an das grelle Tageslicht, wobei sie die Augen fest zukniff, als wären sie nicht mehr an die Helligkeit gewöhnt.

Kaum hatte Vera die Tür geöffnet und Mira in den Flur treten lassen, legte sie schon einen Finger an die Lippen und wisperte kaum hörbar: „Wir müssen leise sein. Meine Mutter schläft.“

Das war nichts Neues für Mira. Eigentlich war es sogar der Normalzustand im Haus der Petersens, sich auf Zehenspitzen fortzubewegen, um Veras Mutter nicht zu wecken.

Insgeheim fragte Mira sich häufig, ob ihre Krankheit wohl tödlich war. Als sie Frau Petersen zuletzt gesehen hatte, hatte sie ausgesehen wie ein Geist. Die spröde Haut beinahe vom gleichen gräulichen Weißton wie das Nachthemd, das spitze Gesicht hinter einem fast kinnlangen Vorhang aus hellblondem Haar verborgen. So musste jemand aussehen, der im Sterben lag.

Ob ihr Mann und ihre Kinder und auch sonst jeder, den Mira kannte, deshalb so beharrlich darüber schwieg, was ihr fehlte? Mira hatte sie oft Medikamente nehmen sehen. Ein einziges Mal hatte sie Vera gefragt, wozu sie gut waren. Ihre Freundin hatte derart barsch reagiert, dass Mira es danach nie wieder gewagt hatte.

Mira folgte Vera durch den Flur, an Frau Petersens nur angelehnter Tür vorbei und ins Wohnzimmer. Es war das Herz des Hauses; von dort führte eine stets offene Tür in die Küche und eine Holztreppe ins Obergeschoss. Den meisten Raum nahm der große, runde Esstisch ein.

Schmutziges Geschirr von mehreren Tagen stapelte sich darauf, und der Geruch von etwas Angebranntem lag in der Luft. Die Petersens hatten keine Bedienstete aus den Armenvierteln, und abgesehen von Vera hatte Mira hier noch niemals jemanden putzen, spülen oder Staub wischen sehen. Und das, obwohl Veras Mutter nicht einmal berufstätig war!

Wie gut, dass Miras Eltern den Zustand von Veras Zuhause nicht sahen. Sie hätten auf der Stelle vorgeschlagen, Vera zurück in eines der Erziehungshäuser zu bringen, damit man sich dort „anständig um sie kümmerte“. Dass zumindest die ersten Jahre der Erziehung Sache des Staates waren, hielt ihr Vater in Fällen wie dem der Petersens für lebensrettend. Ihre Mutter fand es grausam; sie hätte Mira gerne von klein auf bei sich gehabt und nicht erst zu ihrem dritten Geburtstag – zumindest für die meiste Zeit – nach Hause geholt. Aber das war natürlich ihr Geheimnis, denn man widersprach den Regeln des Staates nun einmal nicht.

Im Gegensatz zu ihrem Bruder Filip sah man Vera ihre Herkunft an. Zwar achtete Filip darauf, dass ihre Kleidung ordentlich und ihr Haar kurz war, doch war eben nichts gegen nachlässig in die Hosen gesteckte Blusen, unheimlich schnell herauswachsende Ponyfransen und schlichtweg fehlendes Talent für Staatsgeschichte zu machen. Letzteres war besonders verdächtig. Vera konnte sich einfach keine Zahlen merken und hatte zudem ein Talent, die falschen Fragen zu stellen. Aber sie hatte die für jemanden ihrer Herkunft wertvolle Begabung, unauffällig zu sein. Bisher hatte sie es noch immer in die nächste Klassenstufe geschafft, indem sie einfach im Durchschnitt versunken war und es anderen überlassen hatte, sich positiv oder negativ hervorzutun. Klein, zierlich und schüchtern, wie sie war, konnte man sie manchmal tatsächlich fast übersehen.

„Geht es deiner Mutter wieder –“ Mira kam nicht dazu, die Frage zu beenden, weil trotz ihrer Bemühungen, leise zu sein, eine dünne Stimme aus dem Schlafzimmer drang: „Vera?“

Vera blieb wie angewurzelt stehen und bedeutete Mira, still zu sein. Sie lauschte, ob ihre Mutter noch einmal etwas sagen würde oder ob sie bereits wieder eingeschlafen war.

„Meine Tabletten“, krächzte Frau Petersens Stimme von drinnen. „Ich brauche … meine Tabletten.“

Vera schluckte hörbar, dann zog sie die Tür auf und schlüpfte in das abgedunkelte Schlafzimmer. „Nein, Mutter“, hörte Mira sie leise erwidern. „Du hast deine Medikamente vorhin schon genommen.“

„Aber es … tut so weh“, stöhnte Frau Petersen. Eine Weile atmete sie nur gequält ein und aus.

„Trink etwas.“ Das Geräusch einer Flüssigkeit, die in ein Glas gegossen wurde, war zu hören, kurz darauf das Husten von Frau Petersen. Mira nahm an, dass Vera versuchte, ihrer Mutter ein wenig Wasser einzuflößen, und sie musste den Kloß in ihrem Hals hinunterschlucken. Ihre Eltern mochten nicht perfekt sein; ihr Vater war ein Kontrollfanatiker, der seine Familie als eine Art Vorzeigemodell der Gesetzestreue betrachtete, und ihre Mutter eine heimliche Rebellin, deren größte Sorge die Meinung der Nachbarn war. Aber Mira musste doch zugeben, dass sie zu Hause stets gut umsorgt und aufgehoben gewesen war. Nicht wie Vera, die nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre kranke Mutter sorgen musste, wenn Vater und Bruder im Dienst des Staates außer Haus waren.

Veras Schritte näherten sich bereits wieder der Tür, als Frau Petersen noch einmal das Wort ergriff. „Sag … sag es nicht Filip. Sag ihm nicht, dass ich … von meinem Zustand“, flehte sie schwach. „Hörst du, Vera? Sag ihm nichts. Er … er regt sich immer so auf.“

Mira konnte nicht hören, ob Vera es ihr tatsächlich versprach, weil in diesem Moment die Haustür aufgeschlossen wurde und kein anderer als Filip den Flur betrat.

Er war das genaue Gegenteil von Vera: groß, beherrscht und stets sehr exakt. Sein rotblondes Haar war einwandfrei geschnitten und betonte seine kantigen Züge, seine Kleidung war sauber, und an seiner blauen Uniformjacke prangten bereits die ersten beiden Abzeichen, auf die Filip mächtig stolz war. Bis vor Kurzem hatte er Orden nur dann aus der Nähe gesehen, wenn seine Vorgesetzten sie ihm zum Polieren überlassen hatten.

Filips gepflegtes Äußeres und seine nur zu deutlich zutage tretende Gesinnung waren es, die ihn in den Augen von Gerald und Rose Robins trotz seiner zweifelhaften Herkunft zu einem rechtschaffenen Bürger und durchaus vorstellbaren zukünftigen Schwiegersohn machten. Jedenfalls wurde Miras Mutter nicht müde, das zu betonen.

„Du beehrst uns auch wieder?“, begrüßte er Mira mit gewichtiger Miene. Filip Petersen hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als nicht freundlich zur Tochter seines großzügigen Gönners und Vorgesetzten Gerald Robins zu sein. Trotzdem wurde Mira das Gefühl nicht los, dass er manchmal nicht allzu erfreut war, sie zu sehen.

„Wenn mich nicht alles täuscht“, fuhr er fort, nachdem sie sich die Hände geschüttelt hatten, „dann sitzt Vera über ihren Hausaufgaben. Vielleicht möchtest du später wieder …“

In diesem Moment hörte er Veras sanft flüsternde Stimme und das Rascheln von Laken, und Mira konnte regelrecht zusehen, wie das Lächeln aus seinem Gesicht purzelte. „Ist es Mutter?“

In Miras Bauch machte sich ein Eisklumpen breit. Mit seinen glänzenden Orden und der tiefblauen Uniform mochte Filip ein Wachmann sein. Genauso kalt und pflichtversessen wie all seine Kollegen und Vorgesetzten auch. Aber hier in seinem unordentlichen und etwas schäbigen Zuhause mit den niemals ganz geöffneten Vorhängen war er in erster Linie ein Sohn, der eine viel zu große Last zu tragen hatte.

„Ich …“, stotterte Mira. „Ich glaube, es geht ihr heute sehr schlecht.“

Filip presste die Lippen zusammen. Innerlich schien er sich für das Schlimmste zu wappnen, und Mira fragte sich einmal mehr, ob Frau Petersen wohl tatsächlich im Sterben lag. Ohne ein weiteres Wort schob Filip sich an Mira vorbei, doch in der Tür zum Schlafzimmer hielt Vera ihn auf.

„Schon gut“, versicherte sie hastig. „Alles ist gut. Sie schläft jetzt.“

„Hat sie Tabletten genommen?“, fragte Filip in einem Ton, den Mira nur als barsch bezeichnen konnte.

„Heute Morgen. Lass sie schlafen, bitte, Filip. Komm doch mit uns nach oben.“

Filips Blick wanderte von der Schlafzimmertür zu Mira. Einen Wachmann – und sei es Veras Bruder Filip – dabeizuhaben war nicht unbedingt eine Freude, selbst wenn man kein verbotenes Buch unter der Bluse stecken hatte und darauf brannte, es hervorzuholen. Aber Vera hing nun einmal an ihrem Bruder und wollte ihn offenbar auf andere Gedanken bringen. Also rang Mira sich zu einem, so hoffte sie, aufmunternden Lächeln durch. Filip stieß die Luft aus und ließ sich von seiner kleinen, zierlichen Schwester durch das Wohnzimmer zur Treppe schieben.

„Wird sie wieder gesund werden?“, platzte Mira heraus, als sie Veras Zimmertür erreichten. Veras Blick huschte zu Filip, ehe sie zu einer Antwort ansetzte. „Nein. Mira, weißt du …“

Aber Filip fiel ihr ins Wort: „Ich würde einen Themenwechsel sehr willkommen heißen.“ Umständlich dirigierte er die beiden in Veras Zimmer, wo sie sich auf das nicht gemachte Bett setzten. Auch hier waren die Vorhänge nur halb aufgezogen. Im gedämpften Tageslicht sah Mira einen Stapel Schulunterlagen, einen benutzten Teller und ein Paar Socken auf dem Boden liegen. Filip nahm die Unordnung mit gekräuselter Nase zur Kenntnis, sagte jedoch nichts.

„Wie sieht es aus?“, fragte Vera, während Filip weiterhin schweigend auf das Chaos starrte. „Hast du wieder etwas dabei?“

Miras Herz begann schneller zu schlagen, als sie an das Buch dachte, das unter ihrer Kleidung verborgen war. Aber natürlich musste es in Filips Anwesenheit dortbleiben. Genau wie ihr Vater war Filip geradezu besessen von der Verfassung und jedem Gesetz, das seit Staatsgründung erlassen worden war.

Und natürlich meinte Vera auch keineswegs das Buch unter Miras Bluse. „Kekse? Gummitierchen? Ersatzschokolade?“, fuhr sie hoffnungsvoll fort und bekam hinter ihrem zu langen, rotblonden Pony ganz große Augen. Vera liebte Süßes.

„Oh“, machte Mira. „Das habe ich ganz vergessen.“ Ihr Vater machte sich nicht viel aus den Zusatzprodukten, die man nur für die wertvollen Sonderrationskarten bekommen konnte. Für den Großteil der Bevölkerung rückten Dinge wie Süßigkeiten, Schmuck oder Tabak damit in unerreichbare Ferne. Nur Staatsbeamte und Wachmänner verfügten über ein monatliches Kontingent solcher Karten.

Gerald Robins, der von keinem dieser Luxusartikel viel hielt, überließ seine Sonderrationen meist Mira. Und die suchte mit Vorliebe nach etwas, das sie mit ihrer Freundin teilen konnte. Gebackene Kekse mit einer dünnen Schicht Ersatzschokolade, geröstete Sonnenblumenkerne in Honig oder die zähen Gummitierchen, die Vera besonders gerne naschte.

„Wie um alles in der Welt kann man Süßigkeiten vergessen!“, entsetzte sich Vera und schüttelte ungläubig den Kopf. „Wenn wir solche Schätze zu Hause hätten, würde ich den ganzen Tag an nichts anderes denken!“

„Glaub mir“, schaltete Filip sich ein, der stocksteif auf der Bettkante saß, „du würdest nicht nur an sie denken, sondern den lieben, langen Tag nichts anderes tun, als zu essen!“

Er machte ein verdutztes Gesicht, als Mira in Lachen ausbrach, stimmte dann aber sogar ein klein wenig mit ein.

„Du lässt mich von deinen Sonderrationen ja nie Süßigkeiten aussuchen“, schmollte Vera.

„Und gewiss muss ich dir nicht die Gründe dafür darlegen. Mir steht lediglich eine einzige Sonderration im Monat zu, und die benötigen wir für Mutters Tabletten.“

Schuldbewusst senkte Vera den Kopf, und während auch sie so nachdenklich dreinschaute, sah sie ihrem ernsten Bruder sehr ähnlich. Mira konnte es nicht erwarten, Vera von dem Buch zu erzählen. Ein Geheimnis würde Vera aufheitern. Eines, das sogar spannender war als unzugängliche Lebensmittel.

Aber noch war Filip da und machte ihr das Sprechen unmöglich, obwohl Mira zugeben musste, dass auch er dringend eine Aufmunterung hätte gebrauchen können. Seine Miene versteinerte endgültig, als Vera irgendwann aufstand, um nach ihrer Mutter zu sehen, und Mira fühlte sich unbehaglich, mit ihm alleine zu sein. Filip konnte stundenlang schweigen, und wenn er sprach, dann oft so gewählt und umständlich, dass einem vom bloßen Zuhören schwindlig wurde. Vera sagte, das sei nur der Stress und die viele Verantwortung, aber Mira wurde den Gedanken nicht los, dass ihr Vater und seine Kollegen einen schlechten Einfluss auf Filip hatten. Bevor er in den Staatsdienst getreten war, war er eigentlich recht unbekümmert gewesen, und sie hatten sein breites, zähneblitzendes Lächeln viel öfter zu Gesicht bekommen.

„Kann man denn wirklich gar nichts machen?“, rang Mira sich zu einer Frage durch, weil sie das Gefühl hatte, von Filips eisernem Schweigen geradezu taub zu werden. Aber der schüttelte nur starr den Kopf.

„Ich könnte meinen Vater –“

„Nein, Mira“, unterbrach Filip sie. Wenigstens sprach er jetzt. „Du weißt, ich halte große Stücke auf deinen Vater. Aber in diesem Fall …“ Er stockte. „In diesem Fall sind auch ihm die Hände gebunden. Ich sollte aufbrechen“, fügte er im gleichen Atemzug hinzu und sprang auf, kaum war Vera wieder ins Zimmer getreten. „Ich erwarte, dass du dich um Mutter kümmerst. Ich habe Nachtschicht.“

Egal, wie schweigsam und ernst er war, konnte Mira es sich nur schwerlich vorstellen, dass ausgerechnet Filip einer der Wachmänner sein sollte, die des Nachts durch die Straßen patrouillierten. Sie kamen ihr, wohl auch wegen der regelmäßigen Mahnungen ihres Vaters, Angst einflößend und Respekt heischend vor. Filip, mit seinem rötlichen Haar und der gestelzten Ausdrucksweise, war keines von beidem. Sie hätte ihn sich gut als Rationenverteiler oder als Verwaltungsangestellten vorstellen können. Aber ihr Vater hatte ihm die Stelle in der Rechtsabteilung vermittelt und machte keinen Hehl daraus, dass er Filip, machte dieser seine Sache gut, auch weitere Türen im Staatsdienst öffnen würde. Türen zu höheren Posten, zu wichtigeren Aufgaben und zu größerem Ansehen.

„Jemand muss sich des Jungens annehmen“, wehrte er brüsk ab, wenn seine Frau ihn für sein fürsorgliches Verhalten rühmte. „Sein eigener Vater ist dazu ja nicht imstande.“

Dass ihr Vater so über Herrn Petersen sprach, missfiel Mira. Aber sie war auch froh, dass er zumindest eine so hohe Meinung von einem Mitglied der Familie Petersen – und sei es nur Filip – hatte. Deshalb beschwerte sie sich nicht.

Herr Petersen war vielleicht ein komischer Kauz, aber er war auch einer der nettesten Menschen, denen Mira je begegnet war. Und heute zählte Mira sogar auf seine Zerstreutheit, die sich für ihren Plan als ausgesprochen praktisch erweisen konnte, denn Herr Petersen bekam beinahe ebenso wenig von dem mit, was um ihn herum geschah, wie seine meist schlafende Frau.

Erst einmal war Mira jedoch, nachdem Filip zum Dienst aufgebrochen war, mit Vera alleine. Kaum war die Haustür hinter ihrem Bruder ins Schloss gefallen, fragte diese: „Sagst du mir jetzt, was dir auf der Zunge brennt?“

Mira sog überrascht die Luft ein, und das raue Leder des Buches stieß dabei gegen ihren Bauch. Die meiste Zeit hatte sie es deutlich in seinem Versteck fühlen können.

Vera pustete sich die Ponyfransen aus der Stirn und lachte. „Wusste ich es doch, dass du ein Geheimnis hast! Wenn man dich kennt, bist du ein offenes Buch, Mira.“

Auf dieses Stichwort hin zog Mira ihre Bluse aus der Hose und ließ das kleine Büchlein auf die Bettdecke fallen. Vera sah ihr zuerst verwirrt, dann mit geweiteten Augen dabei zu. „Mira“, wisperte sie. „Ich werd verrückt! Sag nicht, dass das eine der verbotenen Schriften ist!“ Sie schien hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, das Buch zu berühren, und dem Impuls, möglichst weit von dem verbotenen Gegenstand wegzurutschen, der da auf ihrem Bett lag. Sie entschied sich dafür, wie versteinert dazusitzen und ihn anzustarren. „Wo hast du das her?“ Ihr Blick war fest auf das Buch geheftet.

Mira senkte die Stimme. Nur für den Fall, dass jemand sie belauschte. „Das kann ich dir hier nicht sagen.“ Mira konnte an Veras Reaktion ablesen, dass ihr Misstrauen sie verletzte, deshalb fuhr sie hastig fort. „Aber ich kann es dir zeigen. Ich muss noch einmal dorthin. Die letzten Seiten der Geschichte fehlen.“

Vera nickte langsam, und Mira fügte schnell den Rest ihres Plans hinzu: „Heute Nacht.“ Sie konnte Edmund Porter nicht auf ein verbotenes Buch ansprechen, während ein Wachmann in der Buchhandlung herumlungerte.

„Und da willst du, dass ich … nein, Mira. Ich kann nicht mitkommen!“ Vera wandte sich von dem Buch ab und sah Mira mit aufgerissenen Augen an. „Was ist mit der Ausgangssperre? Was ist mit meinen Eltern? Und meinem Bruder?“

„Filip arbeitet.“ Mira hatte sich alles genau überlegt. „Deine Mutter wird schlafen wie ein Stein, und dein Vater …“ Sie verstummte.

Vera nickte grimmig und sah wieder das Buch an. „Mein Vater interessiert sich kein bisschen dafür, ob wir uns nachts rausschleichen. Sag es ruhig. Es stimmt ja. Er wird es nicht einmal bemerken.“ Sie stieß die Luft aus. „Aber trotzdem, Mira, was ist mit den Wachposten? Es ist verboten, nachts draußen herumzuschleichen. Weißt du, was sie mit Leuten machen, die nach Ausgangssperre draußen erwischt werden?“

Es war kein Geheimnis, dass Vera nicht mutig war. Aber sie war auch eine zu treue Freundin, um Mira allein gehen zu lassen.

„Mit diesem Buch spielt es keine große Rolle, ob wir am Tag oder in der Nacht erwischt werden“, erwiderte Mira brüsk, aber auch ihr Herz klopfte bei dem Gedanken an die nächtlichen Straßen wie wild. Sie war, abgesehen von wenigen, kaum nennenswerten Minuten, noch nie innerhalb der Sperrstunde draußen gewesen. „Es ist eine der alten Geschichten. Du müsstest sie lesen! Sie ist …“

„ … so was von verboten!“, ergänzte Vera und hielt sich die Ohren zu, als Mira Luft holte. „Nein! Nein, nein, nein! Du musst mir wenigstens die Wahl lassen, ehe du mich da mit hineinziehst!“

Mira verstummte. „Oh … okay. Ähm … möchtest du mit hineingezogen werden?“, fragte sie leichthin.

„Mira!“, rief Vera aus – ein bisschen belustigt, aber größtenteils entsetzt. „Du redest darüber, als ginge es nur um verbotene Ersatzschokoladenkekse!“

Sie hatte recht: Mira versuchte, die Angelegenheit so harmlos wie möglich klingen zu lassen. Vera musste einfach mitkommen. Mira war nicht sicher, ob sie alleine den Mut aufbringen würde.

„Das ist viel besser als verbotene Kekse“, beharrte sie, immer noch flüsternd.

„Und gefährlich ist es obendrein“, entgegnete Vera. „Dein Vater würde …“

„Mein Vater hat damit überhaupt nichts zu tun“, fiel Mira ihr ins Wort. Sie wollte, während sie hier mit Vera und einem verbotenen Buch auf einem zerwühlten Bett saß, nicht einmal an ihn denken. Er hielt nichts von Büchern jedweder Art, und obwohl er wusste, wie gerne seine Tochter las, würde er sie nie für fähig halten, den Staat so zu hintergehen. Er wäre maßlos von ihr enttäuscht. Und wütend. Mira wusste nicht, was schlimmer war.

„Lass mich dir davon erzählen.“ Mira schob den Gedanken an ihren Vater so weit weg wie irgendwie möglich. „Dieses Buch ist …“

Doch Vera sollte vorerst nicht herausfinden, was an diesem Buch so besonders war und warum ihre Freundin dafür Kopf und Kragen riskieren wollte, denn Mira verstummte schlagartig, als sich ein schütterer, grauer Haarschopf und Bart samt dem dazugehörigen Kopf durch den Türspalt schoben. Der Körper, zu dem dieser Kopf gehörte, blieb hinter der Tür verborgen, war aber vermutlich genauso nachlässig gekleidet wie immer. Was Flecken, Risse und andere Makel an seiner Kleidung anging, schien Herr Petersen mit Blindheit geschlagen.

„Hallo, Mira“, begrüßte er sie. Im Gegensatz zu ihren eigenen Eltern nannte Herr Petersen Mira bei dem Namen, den sie sich selbst gewählt hatte. Mira gefiel das, und obwohl sie insgeheim vermutete, dass die Petersens schlichtweg nicht wussten, dass sie eigentlich Miriam hieß, erfüllte es sie mit dem warmen, heimeligen Gefühl des Willkommenseins.

„Ihr habt nicht rein zufällig meine Brille gesehen?“ Herr Petersen rieb sich die Nasenwurzel.

Vera schüttelte den Kopf und versuchte unauffällig so weit nach rechts zu rutschen, dass sie auf dem Buch saß, das immer noch zwischen ihnen auf der Bettdecke lag.

Herr Petersen zuckte die Schultern. „Sie ist nicht im Badezimmer, auch nicht im Kühlfach, und sie sitzt nicht auf meiner Nase“, zählte er auf. „Aber unter diesen Umständen will ich eure hochgeheimen Mädchengespräche nicht weiter stören.“ Er gluckste, und Vera sprang auf.

„Komm, Mira, lass uns meinem Vater helfen, seine Brille zu suchen. Sie könnte ja auch im Schlüsselkasten hängen. Da war sie letztes Mal“, plapperte sie, ohne auch nur ein einziges Mal Luft zu holen.

„Oh, lasst nur“, winkte Herr Petersen ab und zog schon den Kopf durch den Türspalt zurück. „Im Schlüsselkasten habe ich zuallererst nachgesehen. Aber weit kann sie nicht sein. So ein Haus verliert nichts.“ Seine Stimme entfernte sich bereits.

Vera stand noch einen Moment mit am ganzen Körper angespannten Muskeln in der Zimmermitte, ehe sie sich neben Mira und das verbotene Buch auf das Bett fallen ließ und sich den Pony aus der Stirn wischte. „Meine Güte, ich weiß noch nicht einmal, was in diesem Ding steht, und schon bringt es mich in Schwierigkeiten!“

„Dann lass mich dir die Geschichte erzählen“, nutzte Mira ihre Chance. „Bitte, Vera. Danach kannst du immer noch entscheiden, ob sie das Risiko wert ist.“

„Nichts ist dieses Risiko wert“, erwiderte Vera. Aber sie verschränkte die Arme vor der Brust und bedeutete Mira, zu erzählen.

Zum Abendessen setzte Herr Petersen ihnen gebratenes Brot und lauwarme Milch vor. Mira war nicht sicher, ob das ein Zeichen für die beschränkten Möglichkeiten einer Familie ohne nennenswerte Sonderrationen war oder schlicht darauf hinwies, dass es früher Frau Petersen gewesen war, die gekocht hatte.

Vera und Mira verschlangen das leicht angebrannte Mahl ohne Beschwerden und erklärten sich nur allzu übereifrig dazu bereit, den Abwasch zu übernehmen, damit Herr Petersen sich in sein Büro zurückziehen konnte. Keiner wusste so recht, was er darin eigentlich tat, aber Vera konnte versichern, dass er am Abend für gewöhnlich an seinem Schreibtisch einschlief.

„Und ihr kommt wirklich ganz und gar alleine zurecht?“, fragte er, nahm seine Brille – er hatte sie im Brotkorb wiedergefunden – ab und drehte sie in den Händen. Seine Nachfrage entsprang purer Freundlichkeit: Niemand hätte beim Anblick des sich türmenden Geschirrs von scheinbar mehreren Tagen Hilfe abgelehnt. Niemand, außer zwei Mädchen, die nur zu offensichtlich etwas im Schilde führten. Doch Herr Petersen atmete nur erleichtert auf, fischte ihnen einen frischen Lappen aus dem Putzschrank und stahl sich in sein Büro davon.

Kapitel 3

Porters Höhle

„Wir werden erwischt, wir werden erwischt, wir werden erwischt“, flüsterte Vera unablässig, während sie um kurz nach zwölf in dieser Nacht die Straße vor Veras Haus hinabschlichen.

Mira war vor Aufregung ganz schlecht, und sie war nicht in der Stimmung, Vera zu beruhigen. „Wenn du noch ein bisschen lauter sprichst, dann ganz bestimmt“, zischte sie nur und presste das Buch, das wieder unter ihrer Bluse steckte, so fest an sich, wie sie nur konnte. Sie war sich nicht mehr so sicher, ob es das Risiko wirklich wert war. Es schien ihr nahezu unmöglich, ungesehen zu „Porters Höhle“ zu gelangen.

Veras Flüstern ging in ein ängstliches Wimmern über, das einzige Geräusch, das, abgesehen von ihren verdächtig lauten Schritten, noch zu hören war. Mira hatte geglaubt, ihr Vorhaben sehr sorgfältig geplant zu haben, doch nun, da sie tatsächlich unterwegs waren, musste sie sich eingestehen, dass sie das größte Hindernis gründlich unterschätzt hatte. Sie hatte sich so sorgsam überlegt, wie sie sich aus dem Haus schleichen konnten und was sie Edmund Porter fragen wollte, wenn sie ihm schließlich gegenüberstand, dass ihr der Weg dorthin wie das geringste Problem erschienen war.

„Warum gehen wir noch einmal mitten in der Nacht?“, wisperte Vera, die Mira ganz nervös machte, indem sie sich alle zwei Schritte nach links und rechts und hinten umsah.

„Weil sie die Buchhandlung überwachen“, gab Mira wie die beiden vorangegangenen Male zur Antwort. „Sie dürfen uns nicht belauschen. Sonst wissen sie, dass Herr Porter eine verbotene Schrift besitzt und dass ich sie gelesen habe.“ Es war nicht erlaubt, während der Ausgangssperre draußen unterwegs zu sein. Wen sie erwischten, den stellten sie unter Arrest oder kürzten seine Rationen. Aber eine verbotene Schrift zu besitzen oder auch nur gelesen zu haben war schlimmer. Mit einer Gefängnisstrafe oder einer Rationskürzung käme man dabei nicht davon.

„Es wird schon gut gehen“, versicherte Mira ihnen beiden leise.

Sich aus dem Haus der Petersens zu schleichen war beinahe lächerlich einfach gewesen. Veras Mutter hatten sie den ganzen Abend nicht zu Gesicht bekommen, und ihr Vater war lange vor Mitternacht über seinen Unterlagen eingenickt. Vera hatte nach ihm gesehen und das Licht gelöscht, ihn aber schlafen lassen. Er hatte nichts von alledem – und auch nichts von ihrem Gehen – mitbekommen.

Obwohl ihnen beiden das Herz bis zum Hals schlug, kamen sie ohne größere Zwischenfälle bis in den Kern der Innenstadt. Sie begegneten niemandem, nur einmal hörten sie in der Ferne die Schritte eines Wachpostens. Als sie „Porters Höhle“ schon am jenseitigen Straßenende sehen konnten, hatten sie sich ein wenig entspannt und waren vielleicht auch ein bisschen unvorsichtig geworden.

Sie beschleunigten ihre Schritte, die hämmernd wie ein Herzschlag von den Wänden der umstehenden Häuser widerhallten. Erst im letzten Moment sahen sie den Lichtkegel der Taschenlampe, der sich aus einer Seitengasse näherte, während der Rest der Stadt in tiefster Dunkelheit lag, nachdem der Strom in den Privathaushalten schon vor Stunden für die Nacht abgeschaltet worden war. Eine Stimme bellte in die Stille der Nacht: „Wer ist da?“

Vera fuhr zusammen und bremste ihre Schritte, aber Mira erfasste die Situation schneller. Innerhalb von Sekunden packte sie Vera am Arm und rannte blindlings geradeaus los.

„Stehen bleiben!“, schrie die Stimme, und die Schritte ihres Verfolgers waren nun, da sie ihn bemerkt hatten, auf dem harten Kopfsteinpflaster deutlich zu hören. Sie kamen rasend schnell näher.

Die Eingangstür zu „Porters Höhle“ war verschlossen, die Fenster allesamt stockfinster. Das heißt … nein, in einem Fenster, das auf den Hinterhof hinausblickte, schimmerte ein blasses Lichtchen. Ein kleiner, tastender Lichtkegel, wie der, der Mira schon so oft hätte verraten können, wenn sie heimlich in ihrem dunklen Zimmer gelesen hatte.

„Hier rüber!“, flüsterte sie so laut, wie ihre zugeschnürte Kehle es zuließ. Sie zerrte Vera über das Mäuerchen und sprang mehr gegen die Fensterscheibe, als dass sie dagegenklopfte. Den heimlichen Leser dahinter erschreckte sie wahrscheinlich halb zu Tode. Die Taschenlampe erlosch schlagartig.

Der andere Lichtkegel hingegen hatte sie fast erreicht. Vera und Mira blieb keine andere Wahl, als sich bäuchlings hinter dem Mäuerchen auf den Boden zu pressen. Zwischen dem staubigen Pflaster und ihrem hämmernden Herzen spürte Mira das Buch, das ihr das alles eingebrockt hatte. Es drückte seine Lederstruktur in ihre schweißnasse Haut und erinnerte sie daran, wie schlecht es um sie stand, wenn der Mann mit den schweren Stiefeln, die nun unweit von ihnen innehielten, sie bemerkte. Sie waren keine normalen Ausreißer oder Leute, die verbotenerweise nach der Sperrstunde draußen herumwanderten. Mit einem Buch wie dem unter Miras Bluse kam man nicht mit einem Arrest oder einer Verwarnung davon.

Die Stiefel des Mannes knirschten bei jedem nun vorsichtiger gesetzten Schritt auf dem steinernen Grund. Der Lichtkegel tastete weiter über die Straße und in die Hauseingänge. Die weiße Wand von „Porters Höhle“ warf den Schein zurück auf den Mann, und Vera entfuhr ein Quieken.

Miras Hand schnellte über die Schulter ihrer Freundin und legte sich über deren Mund, während ihr Arm sie fest auf den Boden presste. Sie hatte gesehen, was Vera gesehen hatte: Es war Filip. Aber heute, hier, in dieser Situation änderte diese Tatsache rein gar nichts. Er war ein Wachmann, und sie waren Straftäter – Bruder und Schwester hin oder her.

Filip musste Vera gehört haben, denn er schnellte herum und hob die Taschenlampe höher, sodass sie nun über sie hinweg den hinteren Teil des Hofes beleuchtete. Mira glaubte fast, die Hitze des Lichts zu spüren, während es sich näher und näher tastete. Es hatte die beiden im Schmutz liegenden Mädchen fast erreicht.

Ein jähes Geräusch, nicht weit von ihnen, ließ den Lichtkegel zurückjagen. Mira hatte keine Ahnung, was Filip darin sah, aber es schien von größerem Interesse zu sein als der Rest des Hinterhofes.

„Hoppla“, ertönte ein tiefer Bass hinter ihr, und der Geruch von süßem Tabak ließ Mira das Herz in die Hose sinken. Nun war das Chaos komplett. Edmund Porter hatte sein Haus verlassen und stand nur wenige Meter hinter ihnen. Ihm allein musste sich die ganze Szene auf einen Blick erschließen. Filip mit Uniform, Abzeichen und Taschenlampe und zwei Mädchen, die sich in der Dunkelheit seines Hinterhofes auf den Boden pressten, als hinge ihr Leben davon ab. „Mir war doch, als hätte ich hier draußen einen Lichtschein gesehen“, sagte er nach kurzem Zögern.

„Edmund Porter.“ Filip tippte sich an den Hut. „Es ist spät. Sie sollten das Haus nicht verlassen.“ Seine knappen Feststellungen erinnerten nicht einmal entfernt an die umständliche Ausdrucksweise, die Mira von ihm kannte.

„Oh, das hatte ich doch nicht vor“, versicherte Edmund Porter ruhig. Vielleicht, überlegte Mira, konnte er sie gar nicht sehen. Vielleicht verbarg der Schatten des Mäuerchens sie auch vor ihm. „Ich bin nur ein neugieriger alter Mann, der nicht schlafen kann und beim Lesen einen Lichtschein in seinem Hof gesehen hat.“

„Das war ich. Sie können wieder hineingehen“, sagte Filip schroff. „Ich habe etwas gehört.“

„Und das wiederum könnte dann wohl ich gewesen sein“, erwiderte Edmund Porter, der keineswegs wieder nach drinnen gegangen war. „Sehen Sie, ich füttere die streunenden Katzen in der Nachbarschaft, und erst eben habe ich ihnen diese Schüssel nach draußen gestellt.“

Der Lichtkegel bewegte sich. Vermutlich leuchtete Filip in die von Edmund Porter gewiesene Richtung, und aufgeschreckt von der Helligkeit, stoben in der Tat zwei oder drei Straßenkatzen davon.

Filip zuckte zurück und richtete den Lichtkegel wieder auf Edmund Porter. „Streuner also.“ Seiner Stimme fehlte jede Herzlichkeit. „Ich schlage vor, dass Sie trotzdem wieder nach drinnen gehen. Und sich den Straßenkatzen in Zukunft besser am Tage erkenntlich zeigen. Sie bringen sich noch in ernste Schwierigkeiten.“

„Verzeihung“, sagte Edmund Porter, und dann herrschte Stille. Die Tür fiel ins Schloss, der Lichtkegel erzitterte ein wenig, dann zog er sich zurück und begleitete Filip die Straße hinab.

Als Vera sie zwickte, wurde Mira sich bewusst, dass sie ihr immer noch mit aller Kraft die Hand auf den Mund presste. Rasch ließ sie los und spürte, wie ein Kribbeln durch ihren vor Anspannung steif gewordenen Arm wanderte. Ihr ganzer Körper fühlte sich verkrampft an, und plötzlich war sie furchtbar erschöpft.

Ein Klicken ließ sie beide zusammenfahren. Die Tür hinter ihnen war aufgesprungen. „Schsch“, ertönte eine tiefe Stimme aus der Dunkelheit dahinter. „Hier rein. Schnell.“

Das ließen sich die Mädchen nicht zweimal sagen.

Mira hatte noch nie das Gesetz gebrochen. Mit einem Staatsbeamten zum Vater hatte sie dazu auch reichlich wenig Gelegenheit gehabt. Gerald Robins hatte stets zwei besonders wachsame Augen darauf gehabt, dass seine Tochter auf dem rechten Weg war und blieb.

Aber nach dem Diebstahl des Buches hatte eines zum anderen geführt. Innerhalb von kaum mehr als vierundzwanzig Stunden hatte sie gestohlen, eine verbotene Schrift gelesen, ihre Freundin zu einer Straftat angestiftet und die Ausgangssperre missachtet. Im blassen Licht einer Taschenlampe inmitten der Regale von „Porters Höhle“ zu stehen erinnerte sie einmal mehr daran, wie verboten es war, hier zu sein. Und wie unfassbar gefährlich.

Die Beleuchtung reichte gerade einmal aus, die Konturen der Einrichtung sichtbar zu machen und ihre Gesichter zu erhellen. Mira fragte sich, ob sie genauso verängstigt aussah wie Vera, deren Miene schreckensstarr war. Ihr Haar war staubig, und der Abdruck des Kiesbodens prangte auf ihrer Wange. Das Ausweisbändchen an ihrem Arm hatte auch ordentlich etwas abbekommen: Mitten durch den neunstelligen Code zog sich ein scharfer Knick.

Edmund Porter war die Ruhe selbst. Er zog die Vorhänge zu, zündete eine Kerze an, verstaute die Taschenlampe in einer Schublade und setzte sich in seinen Ohrensessel. „Es ist gefährlich“, sagte er dann, „um diese Zeit unterwegs zu sein.“

Vera stieß die Luft aus, als wollte sie ein sarkastisches „Wem sagen Sie das?“ loswerden. Doch außer dem Schnauben kam kein Laut über ihre Lippen. Überhaupt sah sie so aus, als wäre sie nicht fähig, jemals wieder ein Wort zu sagen.

„Uns zu helfen war ebenfalls sehr gefährlich.“ Mira straffte die Schultern. Edmund Porter hatte ihnen nicht den Hals gerettet, um sie nun ans Messer zu liefern. Und auch seine Ermahnung schien nicht wirklich von Herzen zu kommen. Mira wurde das Gefühl nicht los, dass er sie erwartet hatte. Vielleicht nicht jetzt, nicht mitten in der Nacht … aber doch erwartet.

Sie nestelte am Bund ihrer Bluse herum und zog schließlich das ledergebundene Buch hervor. „Es tut mir leid“, sagte sie aufrichtig. „Ich habe das hier gestern mitgenommen.“

„Ich weiß.“ Edmund Porter war nun dazu übergegangen, seine Pfeife zu stopfen. „Ich wusste, dass du dir kein Buch entgehen lassen würdest, das du noch nicht kennst. Schon gar keines voller Abenteuer und Weisheit.“ In seinen Augen glitzerte die Heiterkeit. Mira konnte es nicht fassen, wie gelassen er es hinnahm, dass sie mitten in der Nacht in seinem Laden stand und zugab, eines seiner Bücher gestohlen zu haben. Noch dazu ein so gefährliches.

„Es ist verboten“, würgte Vera schließlich heraus. „Dieses Buch müsste gemeldet werden!“ In ihrer Stimme vibrierte die Angst.

Edmund Porter nahm den ersten Zug von seiner Pfeife. „Zwei Mädchen, die des Nachts durch die Straßen wandern, müssten auch gemeldet werden.“

Vera sog die Luft ein und sah sich panisch um, als suche sie einen Fluchtweg.

„Ich habe kein Interesse daran, jemanden in Schwierigkeiten zu bringen. Aber dass ihr hier seid – noch dazu um diese Zeit –, zeigt mir, dass ihr das Risiko nicht scheut.“ Er stieß den Rauch aus. Nach wie vor machte er keine Anstalten, Mira das Buch abzunehmen. „Das ist gut. Dieses Buch bringt viele Probleme mit sich.“

Das erinnerte Mira an den eigentlichen Grund ihres Kommens. Sie holte tief Luft und fragte geradeheraus: „Wo ist der Rest der Geschichte?“

Vera neben ihr keuchte erschrocken. Wie zwei grüne Laternen flackerten ihre angsterfüllten Augen im Kerzenlicht.

„Ich konnte es nicht zu Ende lesen, weil die Seiten herausgerissen wurden. Das Ende fehlt.“

Edmund Porter nahm einen weiteren tiefen Zug von seiner Pfeife. „Ah. Ja.“ Er lächelte. „Matthäus. Du hast längst nicht alles herausgefunden.“

Es ärgerte Mira, dass er sie vergnügt anlächelte, so als wäre ihr etwas ungemein Wichtiges entgangen. Vera stand immer noch wie versteinert da und war auch keine besonders große Hilfe. „Das Ende“, fuhr Edmund Porter jetzt fort, „fehlt nur bei Matthäus.“

„Die anderen Geschichten interessieren mich nicht“, entgegnete Mira ärgerlich. Die Anspannung in ihr stieg ins Unermessliche. Sie war so kurz davor, das Geheimnis zu lüften und den Rest der Geschichte zu erfahren. „Ich will wissen, was mit seinen Freunden passiert. Können Sie es mir erzählen? Bitte“, fügte sie hastig hinzu, weil sie feststellte, dass ihre Frage mehr wie ein Befehl geklungen hatte.

„Natürlich kann ich. Aber ich bin fast ein wenig enttäuscht, dass du nach Matthäus aufgegeben hast. Markus und Lukas hätten dir alles verraten. Und Johannes.“

„Sie meinen, die gleiche Geschichte ist mehr als einmal in diesem Buch?“, fragte Mira.

„Viermal, um genau zu sein.“

Ein Kribbeln machte sich in Miras Bauch bemerkbar. Nun war auch bei Vera die Neugier der Angst über den Kopf gewachsen. „Aber wie können vier Schriftsteller die gleiche Geschichte aufschreiben?“, fragte sie.

„Ja, das scheint ungewöhnlich“, erwiderte Edmund Porter immer noch völlig entspannt. Wie er da in seinem Sessel lehnte, hätte man leicht meinen können, es wäre nicht mitten in der Nacht und sie sprächen nicht bei einem äußerst verbotenen Treffen über eine äußerst verbotene Geschichte.

Mira atmete tief ein. Die Luft roch nach süßem Tabak und der Kälte der Nacht. „Das alles ist wirklich passiert, nicht wahr?“ Irgendwie hatte sie es die ganze Zeit geahnt. Schon als sie tränenüberströmt die letzte grausige Szene gelesen hatte.

Edmund Porter löschte sorgfältig seine Pfeife, legte sie weg und stand auf. Jede Heiterkeit war aus seinem Gesicht gewichen. Seine Stirn lag in sorgenvollen Falten. „Wäre diese Geschichte ein Märchen“, sagte er, als er dicht vor ihnen stand, „hätte man sie nie verboten. Der Staat könnte nicht tun, was er tut, wenn die Leute um die Wahrheiten in diesem Buch wüssten.“

Vera gab ein Wimmern von sich, und auch in Mira regte sich bei diesen Worten Unbehagen. Beide waren sie dazu erzogen worden, den Staat und das, was er tat, nicht zu hinterfragen oder gar zu kritisieren. Man hatte es ihnen in den Erziehungshäusern, zu Hause und im Unterricht regelrecht eingeimpft.

Edmund Porter sah nicht aus wie ein Rebell. Natürlich, er besaß einen ganzen Laden voller Bücher, und das machte ihn nicht gerade zu einem vorbildlichen Staatsbürger. Aber ansonsten erschien er Mira recht friedlich. Er war doch nur ein ergrauter Mann mit rundem Bauch und Brille. Mira wollte hören, was er zu sagen hatte. Sie wollte das Ende der Geschichte erfahren. Deshalb schluckte sie ihre Beklommenheit hinunter.

„Du hast gelesen, wie Jesus starb?“

Mira nickte angespannt.

„Dann will ich dir erzählen, wie er auferstand“, sagte Edmund Porter.

„Aufer- was?“, fragte Vera.

Mira griff nach der zur Faust verkrampften Hand ihrer Freundin und drückte sie fest. Veras Panik durfte Edmund Porter nicht davon abhalten, die Geschichte zu Ende zu erzählen. „Das ist, wenn jemand Gestorbenes wieder ins Leben zurückkommt“, flüsterte sie hastig.

Vera starrte Mira an und stieß dann ein nervöses Lachen aus. „Das glaubst du aber nicht wirklich, oder?“

Sie sahen beide zu Edmund Porter, über dessen Gesicht ein Lächeln huschte. Ihr Entsetzen schien ihn zu amüsieren. „Es war am dritten Tag nach der Kreuzigung“, ergriff er wieder das Wort „als zwei Frauen zu seinem Grab kamen. Es war leer.“

„Vielleicht hat ihn einfach jemand gestohlen“, sagte Vera schnell. Sie hatte ihre Bewegungslosigkeit überwunden und zerrte an Miras Arm. „Komm schon, jetzt lass uns endlich gehen. Diese ganze Sache ist zu gefährlich! Nur wegen einer blöden Geschichte …“

„Gestohlen“, wiederholte Edmund Porter nachdenklich. „Ja, das haben einige böse Zungen damals auch behauptet. Aber die beiden Frauen berichteten des Weiteren, sie wären ihm begegnet. Und was deine ursprüngliche Frage angeht, Mira: Jesus traf auch noch einmal seine Freunde und sprach mit ihnen. Dann ging er zu Gott zurück.“

„Gott?“, echote Vera. Sie hatte die Augen weit aufgerissen und schien einem hysterischen Anfall nahe.

„Das ist sein Vater“, erklärte Mira. „Und er ist wohl so was wie ein … König?“ Sie sah mit gehobenen Brauen zu Edmund Porter.

Er lächelte. „Es ist doch alles recht viel, um es sofort zu begreifen“, sagte er ruhig. „Ich will nicht, dass auch nur eine eurer Fragen unbeantwortet bleibt. Aber dafür gibt es einen besseren Ort und ganz gewiss einen besseren Zeitpunkt als mitten in der Nacht.“

Nun schließlich nahm er Mira das Buch doch noch ab, und mehr denn je schmerzte es sie. Sie wollte es festhalten, es ihm nicht geben. Aber es glitt aus ihrer Hand, ohne dass sie Widerstand leistete.

„Du wirst alles erfahren“, versicherte Edmund Porter mit seiner ruhigen, fast trägen Stimme. „Kommt am Montag wieder, dann lasse ich euch Zeit und Treffpunkt wissen. Ich denke, ich brauche euch nicht zu sagen, dass alles, was wir innerhalb dieser vier Wände besprochen haben, unter uns bleiben muss. Das habt ihr verstanden, nicht wahr?“

Mira bejahte und sah zu Vera, die zögerlich nickte.

„Und jetzt geht. Nehmt den Weg durch die Kirschgasse – dort gibt es keinen Wachposten.“ Sie fragten nicht, woher er das wusste. Wenn sie eines begriffen hatten, dann dass der freundliche Buchladenbesitzer nicht der gesetzestreue und harmlose Mann war, der er zu sein vorgab.

Am Montag im Unterricht saß Mira wie auf Kohlen. Eigentlich hätte sie von den vergangenen Nächten übermüdet sein müssen, doch sie war hellwach und aufgedreht wie eine Spieluhr. Allerdings fiel es ihr schwer, diese Wachheit in Konzentration auf Staatswirtschaft umzuwandeln.

Professor Winkelbauer ließ sie Essays über die Fortschritte der Landwirtschaft schreiben. Während sie über ihren Heften brüteten, ging er mit kritischer Miene durch die Reihen und brachte die Schüler aus dem Konzept, indem er über ihre Schulter starrte und mitlas.

Staatswirtschaft war nicht gerade Miras Lieblingsfach, aber sie schlug sich doch ganz gut. Nur heute kam sie nicht recht voran, und während Professor Winkelbauer ihr zusah, konnte sie ihre Hand kaum dazu bewegen, auch nur ein einziges Wort zu Papier zu bringen. Minutenlang starrte sie auf ihren halb fertigen Satz: „Obwohl die Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln derzeit noch nicht zu hundert Prozent gewährleistet ist, machen sich auch in der Landwirtschaft die positiven Auswirkungen von König Auttenbergs Gesetz zur Einstellung des Imports bemerkbar, wo die Erträge dank der Reduktion minderwertiger Fremdware und …“

Vera hatte wohl etwas Ähnliches geschrieben. Allerdings hatte sie nicht ein ganz so glückliches Händchen für klangvolle Formulierungen wie Mira. Bei ihr hinterließ die ganze Geschichte einen etwas anderen Eindruck.

„ … gibt es seit dem Importverbot nach wie vor nicht genug Essen für die Bevölkerung.“ Professor Winkelbauer war einen Platz weitergegangen und las über Veras Schulter hinweg mit gekräuselten Lippen laut vor. „Obwohl alle Lebensmittel rationiert wurden, ist es den Landwirten bisher nicht gelungen, genug anzubauen, um alle Bürger zu versorgen. Was, wenn ich fragen darf, soll das heißen, Frau Petersen?“

Vera starrte auf ihr Heft und drückte den Kugelschreiber in ihrer Hand so fest, dass Mira befürchtete, er könnte jeden Moment zerspringen und seine Feder quer durch den Klassenraum schießen.

„Frau Petersen“, wiederholte Professor Winkelbauer. „Was wollen Sie damit sagen? Etwa, dass unser Staat nicht imstande ist, seine Bürger zu versorgen?“

„Nein, Professor“, murmelte Vera, aber der Lehrer hörte ihr gar nicht zu.

„Oder dass unsere Landwirte nicht hart genug arbeiten?“, fuhr er fort. „Ist es das, was Sie mit Ihrer kleinen Hetzschrift zum Ausdruck bringen wollen?“

„Nein, Professor Winkelbauer“, quiekte Vera ängstlich. Sie war in sich zusammengesunken und schon halb hinter der Tischplatte verschwunden. Mittlerweile hörte die ganze Klasse zu; manche betroffen, andere erleichtert, dass es nicht sie getroffen hatte, und wieder andere hämisch grinsend. Daphné Baron hatte ihren Stift weggelegt und sich zurückgelehnt, um ja nichts zu verpassen – eine Dreistigkeit, die abgesehen von ihr keiner gewagt hätte. Herr Baron war ein Arbeitskollege von Miras Vater im Gericht.

„Haben Sie schon einmal die Bedingungen gesehen, unter denen unsere Landwirte arbeiten?“ Professor Winkelbauer war noch längst nicht fertig. Sein krauser Schnurrbart vibrierte bei jedem Wort. „Waren Sie jemals dort draußen auf den Feldern und haben die Knochenarbeit gesehen, die unsere Arbeiter Tag für Tag verrichten, um diesem Volk ein Leben in Unabhängigkeit zu ermöglichen? Nun antworten Sie schon!“

„N … nein, Professor“, Vera schien nun den Tränen nahe. So aufgelöst war sie nicht einmal Samstagnacht gewesen, als sie beinahe nach Ausgangssperre mit einer verbotenen Schrift draußen auf der Straße erwischt worden wären. Alle hatten Respekt vor Professor Winkelbauer, doch Vera schien ihn regelrecht zu fürchten.

Kein Wunder; bei ihr schlug er einen ganz anderen Umgangston an als bei seinen übrigen Schülern. Rotgesichtig schritt er hinter Vera auf und ab, während er einen Vortrag über die harte Arbeit der Landwirte und ihre beeindruckenden Errungenschaften hielt. Vera wagte nicht, sich zu ihm umzudrehen, aber wahrscheinlich musste sie weder seine Gesichtsfarbe noch seine Miene sehen, um zu wissen, dass er kurz vor einer Explosion stand.

„Ich denke“, schloss der Professor schließlich und klang jetzt regelrecht gehässig, „dass es Ihnen nicht schaden könnte, ein zusätzliches Referat zu diesem Thema vorzubereiten. Ich erwarte es in einer Woche schriftlich auf meinem Schreibtisch und lasse Sie wissen, wann Sie Ihre gesamte Klasse mit Ihren Gedanken über die derzeitige Landwirtschaft beglücken können.“

Ein paar verhaltene Lacher lenkten ihn von Vera ab. „Wer hat Ihnen allen eigentlich erlaubt, mit dem Schreiben aufzuhören?“, blaffte er und beobachtete, wie sich die Schüler – abgesehen von Daphné Baron – wieder über ihre Arbeiten beugten. Aber Mira war sich fast sicher, dass er nicht erst jetzt bemerkt hatte, dass alle Anwesenden zuhörten, wie er wieder einmal Vera Petersen schikanierte.

„Ich komme nicht mit“, eröffnete Vera, als sie am frühen Nachmittag die Schule verließen. Es war Mitte März, und ein kühler Wind fegte durch die Straßen.

„Was?“ Mira musste sich beeilen, um mit Veras Tempo Schritt zu halten. Sie machte nicht gerade den Eindruck, als wolle sie hierbleiben. Hier, in der Schule, am Ort zahlreicher Demütigungen und Anfeindungen. „Der Unterricht ist vorbei“, setzte Mira an, aber Vera – fast einen Meter vor ihr – schnaubte.

„Bitte, Mira, stell dich jetzt nicht dumm. Ich sagte, ich komme nicht mit“, erklärte sie mit mehr Nachdruck, als Mira jemals in Veras dünner Stimme gehört hatte. „Nicht mit du-weißt-schon-wohin.“

„Was … doch!“ Mira verfiel in einen leichten Trab, um zu Vera aufzuschließen. „Doch, Vera, natürlich kommst du mit zu ‚Porters Höhle‘. Du musst einfach!“

„Ich muss genug andere Dinge“, entgegnete Vera. „Zum Beispiel dieses irrsinnige Referat vorbereiten. Als hätten wir mit den Hausaufgaben und dem Lernen nicht schon mehr als genug zu tun! Und vor der ganzen Klasse diesen Seiltanz vollführen, mich an die Fakten zu halten und es Winkelbauer recht zu machen. Und das alles, während Daphné Baron mich feixend beobachtet und zu Hause jedes falsche Wort, das ich gesagt habe, ihrem Vater erzählt, der es dann an Filip auslässt und es ihm im Staatsdienst noch schwerer macht. Das muss ich, und das reicht mir völlig. Ich kann nicht noch mehr Schwierigkeiten gebrauchen, Mira!“

Ihre Stimme überschlug sich, während das alles aus ihr heraussprudelte. Ein paar Mitschüler, die vor ihnen liefen, drehten sich nach ihnen um, aber Mira verzichtete darauf, Vera zu ermahnen, ihr Geheimnis nicht so herumzuposaunen. Sie wussten beide ganz genau, wie gefährlich diese Geschichte war. Wenn Mira sie dabeihaben wollte, durfte sie Vera nicht auch noch daran erinnern.

„Unsere Familien arbeiten im Staatsdienst.“, fuhr Vera leiser fort. „Und wir können froh darüber sein. Den Leuten draußen in den Armenvierteln geht es nicht so gut wie uns.“ Sie machte eine ungenaue Geste in Richtung Stadtmauer, welche die Innenstadt von den äußeren Bezirken trennte. „Willst du das alles wirklich für ein Buch aufs Spiel setzen?“

„Nein, aber … Vera, ich muss wissen, warum sie diese Geschichte verboten haben. Ich sehe nichts Gefährliches an einem Mann, der Kranke gesund gemacht und Menschen geholfen hat.“

„Dann vielleicht an einem Mann, der angeblich zuerst tot und dann wieder lebendig war?“, flüsterte Vera heiser. „Mira, bitte! Es ist nicht unsere Aufgabe, zu entscheiden, was gut für uns ist und was nicht. Das Komitee für verbotene Schriften wird schon wissen, warum sie dieses Buch nicht erlauben.“

Bis vor wenigen Tagen hätte Mira ihr zugestimmt. Ein bisschen wehmütig, weil sie zu gerne gewusst hätte, was es mit den verbotenen Schriften auf sich hatte, aber doch im festen Glauben, dass der Staat hier und in allem anderen im Recht war. Aber dieses Buch. Dieser Mann, dieser Jesus. Wie konnte Mira jetzt, wo sie seine Geschichte kannte, zur Normalität zurückkehren und es einfach so hinnehmen, dass er und seine wundersame Geschichte verboten waren?

„Was, wenn sie keinen guten Grund haben?“ Mira ballte die Hände zu Fäusten. „Oder einen Grund, mit dem ich nicht einverstanden bin? Was, wenn sie uns nur etwas vorenthalten wollen, das ihnen nicht gefällt?“

„Mira!“ Vera sah aus, als würde sie ihr am liebsten den Mund zuhalten. Sie blickte panisch nach links und rechts, ob jemand Miras aufbrausende Rede gehört hatte. „So kannst du nicht reden. Das kostet dich Kopf und Kragen. Und mich auch. Und deine Familie! Dein Vater arbeitet für den Staat, den du da hintergehst. Was meinst du, was sie mit ihm machen, wenn seine Tochter zur Gesetzesbrecherin wird? Bestenfalls verliert er nur seinen Job und nicht seinen Kopf.“

Mira schluckte. „Jetzt mach mal –“

„Halblang? Mira, schau dir meinen Vater an. Schau, was ihm passiert ist und was das mit meiner Familie gemacht hat.“ Auch Vera hatte die Fäuste geballt. Mira war nicht sicher, aber es hatte fast den Anschein, als schimmerten Tränen in ihren Augen.

„Filip hat so hart gearbeitet, um trotz der Fehler, die mein Vater gemacht hat, eine gute Stelle zu bekommen. Ich kann nicht alles riskieren, was er erreicht hat, nur um mir verbotene Geschichten anzuhören!“

Mira dachte an Filip, der so pflichtbewusst und so verbissen arbeitete, und daran, wie er manchmal völlig übermüdet von seinen zahlreichen Doppelschichten zurückkam, wenn sie und Vera gerade über ihren Hausaufgaben am Esstisch im Wohnzimmer der Petersens saßen. Sie dachte daran, wie er nach Dienstschluss Papierkram für die Staatsbeamten in der Verwaltung sortierte oder gar Orden polierte, um sich mit ihnen gutzustellen, und sie schämte sich dafür, dass sie ihn für seine Unterwürfigkeit verachtet hatte. „Du hast recht“, flüsterte sie traurig. „Das kannst du ihm nicht antun.“

Vera sah überrascht auf. Hinter ihren Ponyfransen glitzerten ihre Augen immer noch verdächtig. Fast glaubte Mira, ihre Freundin hätte darauf gehofft, sie würde sie überreden. Jedenfalls hatte sie nicht damit gerechnet, dass Mira nachgab.

„Es ist in Ordnung. Du musst tun, was du für richtig hältst. Aber ich muss auch tun, was ich für richtig halte. Und ich glaube, ich muss mir zumindest anhören, was Herr Porter zu sagen hat.“

Kapitel 4

Der verbotene Turm

Das winzige Glöckchen bimmelte, als Mira die Tür zu „Porters Höhle“ aufstieß. Das schrille Geräusch war ihr nie so bewusst aufgefallen wie heute. Ihre Nerven lagen blank, und ein inneres Zittern schüttelte sie.

Edmund Porter war am Tresen beschäftigt. Außer ihm befanden sich noch drei weitere Leute in der Buchhandlung. Ein hagerer Mann in blauer Uniform inspizierte diejenigen Buchreihen, die auf seiner Augenhöhe waren, als ließe seine steife Haltung es nicht zu, den Kopf in den Nacken zu legen oder sich gar zu bücken. Im linken Flügel des Ladens blätterte ein knapp eineinhalb Meter großer, dunkelhäutiger Junge in einem dicken Wälzer, während ein anderer, der wie eine etwas kleinere Ausgabe von ihm aussah, unablässig an seinem Ärmel zupfte und „Nathaniel, komm schon, Nathaniel“ jammerte. Beide hatten sie krauses, schwarzes Haar und Haut, die an die Farbe von Schokolade erinnerte. Nicht an die gelbliche Ersatzschokolade, sondern an richtige, echte Schokolade, wie es sie früher gegeben hatte. Mira hatte Bilder davon gesehen.

„Mira Robins“, begrüße Edmund Porter sie, und der blau uniformierte Wachmann drehte sich um und nickte ihr flüchtig zu. Vielleicht gehörte er zur Einheit ihres Vaters. Miras Herz flatterte noch ein wenig aufgeregter. „Wieder ein neues Buch?“, fragte Edmund Porter mit strahlendem Lächeln. „Sieh dich nur um.“

Mira machte den Mund auf, sagte aber nichts. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Wie um alles in der Welt wollte Edmund Porter ihr irgendwelche Informationen geben, während es in seinem Laden vor Kunden wimmelte und ein Wachmann durch die Regalreihen streifte und jedes Wort hören konnte, das sie sprachen?

Widerstrebend sah Mira sich nach einem Regal um, das sie durchkämmen konnte. Sie fand, dass es das Beste war, sich ganz normal zu verhalten. So wie an jedem anderen Tag, an dem sie ein Buch aus „Porters Höhle“ geliehen hatte.

Während sie mit den Fingerkuppen an den Buchrücken entlangstrich und nur recht selten ein Exemplar aus den Reihen zog, spürte sie, wie Edmund Porter sie beobachtete. Sie las nicht einmal die Titel, sondern lauschte auf die Geräusche im Laden. Edmund Porter notierte mit kratzendem Stift etwas auf Papier, der Wachmann studierte völlig geräuschlos Buchrücken, und einer der beiden Jungen tippelte mit den Füßen auf dem abgewetzten Holzboden. „Können wir jetzt gehen?“

Mira sah vorsichtig über ihre Schulter. Wenn die beiden Jungen gingen, wäre sie alleine mit Edmund Porter und dem steifen Wachmann. Doch sie bezweifelte, dass er den Laden zeitnah verlassen würde, auch wenn sein Interesse sich sichtlich in Grenzen zu halten schien. Er studierte die staubigen Buchrücken mit einer Mischung aus Neugier und Ekel.

„Pscht, Theodore.“ Der ältere Junge blätterte mit seiner dunklen Hand die blassen Buchseiten um. Das Rascheln des Papiers war für einen Moment das einzige Geräusch, dann drohte der kleinere Junge ungeduldig: „Dann geh ich alleine.“

Mira ließ sich in die Hocke sinken und zog ein großes, schweres Buch mit einem eingeprägten Elefanten auf dem Einband heraus. Sie konnte es ebenso gut aufschlagen und vorgeben, zu lesen.

„Die schimpfen, wenn du mich alleine gehen lässt“, erklärte der Junge vernehmlich.

„Dich, nicht mich“, gab sein großer Bruder zurück, aber Mira konnte hören, wie er das sperrige Buch zuschlug. Über die Seiten des Elefantenbuches hinweg sah sie zu, wie er es ins Regal zurückstellte und stattdessen scheinbar wahllos ein handlicheres Büchlein herauszog. Er brachte es geradewegs zu Edmund Porter an den Tresen.

„Ah“, sagte dieser lächelnd. „Eine gute Wahl. Ihr entschuldigt mich einen Moment.“ Er schob seine runde Brille zurecht. „Ihr wisst, die Listen … nichts geht hier ohne Listen.“ Er verschwand mit dem Buch im Hinterzimmer. Theodore, der jüngere der beiden Brüder, vergaß ganz sein ungeduldiges Auf-und-ab-Wippen. Er starrte Edmund Porter nach, bis Nathaniel ihn mit dem Ellbogen anstieß und er seine Aufmerksamkeit wieder den Regalen um sich herum zuwandte. Als er bemerkte, dass Mira sie beobachtete, zuckte er zusammen, entblößte dann aber hastig seine blitzweißen Zähne zu einem Grinsen.

Schnell senkte Mira ihren Blick wieder auf ihr Buch. Hinter ihr ging der Wachmann quer durch den Raum und betrachtete jetzt ein anderes Regal eingehend.

„Hier, bitte schön.“ Edmund Porter war zurückgekehrt und reichte Nathaniel und Theodore ihr Buch. „Ich wünsche viel Freude damit.“

„Danke.“ Der Kleinere schnappte sich das Buch, und seinem älteren Bruder blieb nichts anderes übrig, als Edmund schnell eine kleine, ausgestanzte Rationskarte auf den Tresen zu werfen und dem Jüngeren hinterherzueilen. Das Glöckchen bimmelte, und Mira sah den beiden durch die Glastür nach. Nathaniel hatte seinen Bruder eingeholt, nahm ihm das Buch ab und begann mit ziemlich ärgerlicher Miene auf ihn einzureden. Mira beobachtete ihren verbalen Schlagabtausch, bis sie außer Sichtweite waren.

Edmund Porter nahm die Rationskarte und steckte sie in seine Tasche. Er hatte sie nicht einmal angesehen, um etwa zu überprüfen, ob sie eine angemessene Bezahlung für ein geliehenes Buch war. Vielleicht gehörten die beiden Jungen genau wie Mira zu Edmunds Stammkunden und genossen eine gewisse Sonderbehandlung. Vielleicht war Edmund Porter aber auch einfach insgesamt nachlässig mit dem Entgegennehmen seines Lohns. Mira hatte oft gesehen, wie er im Tausch für ein Buch Verbrauchswaren statt Rationskarten angenommen hatte; Butter und Eier etwa oder den süßen Tabak, den er regelmäßig in seiner Pfeife rauchte. Auch besaß er nicht einmal einen der kleinen, silbernen Scanner, unter die man in jedem anderen Geschäft, das Mira kannte, sein Armband mit der neunstelligen Identifikationsnummer halten musste. Für jeden anderen Handel musste sie sich auf diese Art ausweisen, selbst wenn sie nur einen halben Laib Brot kaufen wollte.

„Nun?“ Sie zuckte zusammen, als Edmund Porters warme Bassstimme plötzlich dicht neben ihr erklang. „Du bist auch fündig geworden?“

„Ähm …“ Mira sah auf das Elefantenbuch hinunter. Sie hatte noch keinen vollständigen Satz gelesen. Vorsichtig hielt sie über die Schulter nach dem Uniformträger Ausschau. Er stand nahe genug, um jedes Wort zu hören, das sie mit Edmund wechselte.

Ohne jedoch eine Antwort abzuwarten, riss Edmund Porter ihr das Buch aus den Händen. „Ich trage es für dich ein“, erklärte er freundlich.

Ein leichter Anflug von Ärger breitete sich in Mira aus. Sie hatte den ganzen Tag darauf gewartet, hierherzukommen. Und jetzt komplementierte Edmund Porter sie einfach so wieder hinaus. Dabei hätte er sich denken können, dass ein Wachmann hier sein würde. Sie hatten ein sehr aufmerksames Auge auf die Buchhandlung und die Menschen, die hierherkamen. Er hätte wissen müssen, dass er Mira hier keine Informationen würde geben können.

Frustriert wartete sie auf seine Rückkehr und nahm ohne große Begeisterung das Buch mit dem Elefanten entgegen. Sie vergaß sogar ganz, Edmund dafür die Brotrationskarte zu überreichen, die sie mitgebracht hatte. Brotrationen gab ihr Vater nur selten und sehr ungern her. Meist bezahlte Mira Edmund mit den Sonderrationen, die Gerald Robins ihr ohne große Nachfragen überließ, und die waren so wertvoll, dass sie danach für eine ganze Weile nichts mehr mitzubringen brauchte.

„Ich möchte wetten“, lächelte Edmund Porter, als hätte er ihre missmutige Miene gar nicht bemerkt, „dass wir uns spätestens übermorgen wiedersehen.“

Mira sah von dem Elefanten zu Edmund Porter, der ihr für den Bruchteil einer Sekunde verschwörerisch zublinzelte. Dann wandte er sich dem Wachmann zu, der immer noch die Regale inspizierte: „Und kann ich Ihnen vielleicht auch behilflich sein?“

„Danke“, erwiderte der Mann so steif, wie er sich bewegte. „Ich sehe mich nur um.“ Natürlich tat er das. Allerdings gewiss nicht, um sich ein Buch zu leihen. Er war einzig und allein hierher beordert worden, um einen Laden, in dem mit so fragwürdiger Ware wie Büchern gehandelt wurde, im Auge zu behalten.

„Aber vielleicht kann ich Ihnen etwas empfehlen.“ Edmund Porter nickte Mira zu und ließ sie stehen. „Manchen dieser Bücher sieht man gar nicht an, was in ihnen steckt, ehe man sie nicht geöffnet hat.“

Obwohl er sie bei diesen Worten keines Blickes würdigte, fühlte Mira Aufregung in sich aufsteigen. Mit einem kurzen Blick vergewisserte sie sich, dass der Wachmann beschäftigt war, dann klappte sie den Deckel des schweren Buches in ihren Händen auf. Und tatsächlich: Auf der ersten gelblichen Seite lag ein kleiner, weißer Zettel, auf dem nur eine einzige Zeile notiert war: ein Tag, eine Uhrzeit und ein Ort.

Als sie an diesem Abend mit ihren Eltern zu Abend aß, fiel es Mira schwer, an etwas anderes zu denken als an die handschriftliche Notiz, die sie in ihrem geliehenen Buch gefunden hatte. Das war besonders gefährlich, weil ihre Aufmerksamkeit gefragt war. Ihr Vater fragte sie über den Abendbrottisch hinweg in Staatsgeschichte ab, während ihre Mutter sicherzustellen versuchte, dass Mira genug aß. Im Hintergrund schrubbte Iliona die Anrichte und behielt dabei Teller und Gläser der Familie im Auge, um rechtzeitig Nachschub zu bringen.

„Wem haben wir den Erlass zum Verbot konspirativer Kleinstgruppen zu verdanken?“, fragte Miras Vater zwischen zwei Bissen Schwarzbrot mit dünnen Schinkenscheiben, die ihre Mutter diese Woche von den Fleischrationskarten gekauft hatte.

„Joachim Burkhardt. Burkhardthausen ist nach ihm benannt“, antwortete Mira, konnte ihre Gedanken aber nicht von dem kleinen Zettel losreißen. „Mittwoch, 18 : 00 Uhr, Westturm“, hatte auf dem Papier gestanden, das Edmund Porter in den dicken Wälzer gelegt hatte, der das erste Buch sein würde, das Mira ungelesen zurückbrachte.

Mira hatte gewusst, dass sie unter der ständigen Überwachung und dem Schutz ihrer Eltern aufgewachsen war. Aber die Erwähnung des Westturms hatte ihr verdeutlicht, wie behütet sie wirklich lebte. Sie hatte das sichere Innenstadtviertel noch nie verlassen und war deshalb niemals auch nur in die Nähe des Westturms am Stadtrand gekommen. Er lag zwischen den Randvierteln und den Feldern. Niemals hätten ihre Eltern sie einen Fuß in eine solche Gegend setzen lassen.

Ihre Mutter, die schon eine Weile dabei zugesehen hatte, wie Mira ihr Brot auf dem Teller hin und her schob, runzelte die Stirn. „Iss endlich dein Schinkenbrot, Miriam. Du bist schon ganz schmal.“

„Zu welchem Zweck?“, fragte Miras Vater.

„Weil es ungesund ist, sich nicht ausgewogen und ausreichend zu ernähren!“, rief ihre Mutter, die Mira immer noch musterte, als könne sie jeden Moment aufgrund von Mangelernährung ohnmächtig oder tot vom Stuhl kippen.

„Meine Güte, Rose!“ Gerald Robins schüttelte unwillig den Kopf und nahm sich noch eine Scheibe Schinken. „Zu welchem Zweck das Verbot erlassen wurde.“

Mira antwortete lieber, als zu essen. Sie hatte beim Gedanken an Mittwochabend einen dicken Kloß im Hals und befürchtete, keinen Bissen hinunterzubekommen.

„Kleinstgruppen sind Minderheiten, deren Einstellungen nicht mit den Grundfesten unseres Staates einhergehen“, antwortete sie, als hätte sie das Staatsgeschichtsbuch verschluckt. „Gibt man solchen Gruppen die Gelegenheit, sich im Privaten zu treffen, ist das Risiko eines Aufstandes groß.“

„Was sind die Merkmale solcher Gruppen?“, fragte Gerald Robins weiter, was bedeutete, dass er mit Miras Antwort zufrieden war. Wenn er nicht nachhakte, war das meist ein Zeichen seiner Zustimmung.

„Kritik an Staat und König, regelmäßige Zusammenkünfte“, zählte Mira auf.

„Das Schinkenbrot“, erinnerte ihre Mutter und lehnte sich zurück, damit Iliona ihr Glas mit mehr trübem Apfelsaft füllen konnte.

„Unsinn, Rose! Was hat denn nun das Schinkenbrot damit zu tun?“

„Internationalitätsgedanken, Rituale, traditionelles Lied- und Schriftgut“, ratterte Mira weiter herunter. „Aufstellen eigener Anführer und Verehren anderer Autoritäten als dem König. Warum ist es eigentlich verboten, in die Außenviertel zu gehen?“, fragte sie dann, ohne Atem zu holen, möglichst beiläufig.

Iliona hielt beim Nachschenken inne, und ihr Vater ließ sein Schinkenbrot sinken. „Hat das etwas mit Staatsgeschichte zu tun?“, fragte er misstrauisch.

„Nein“, gab Mira zu. „Mir ist nur aufgefallen, dass ich noch nie dort draußen war.“

„Über welch unnütze Dinge du dir Gedanken machst, Miriam. Wozu solltest du dich denn dort draußen herumtreiben wollen?“ Er hob sein Schinkenbrot wieder an, als wäre die Sache damit erledigt.

„Es gibt sogar eine Mauer. Und Wachposten, die verhindern, dass jemand sich nach dort draußen verirrt“, beharrte Mira.

„Die Mauer“, sagte ihr Vater und fixierte Mira über den Tisch hinweg mit einem durchdringenden Blick, „ist in erster Linie dazu da, die Außenstädter davon abzuhalten, in die Innenstadt zu kommen, und nicht umgekehrt.“ Sein Blick wanderte zu Iliona, die das Glas hastig bis zum Rand füllte und sich dann wieder hinter die Anrichte zurückzog.

„Iliona kommt aus den Außenvierteln!“, stellte Mira fest, und das Mädchen zuckte beim Klang ihres eigenen Namens ertappt zusammen.

„Iliona arbeitet in der Innenstadt“, entgegnete ihr Vater. „Sie hat einen Passierschein.“

„Und den braucht man nur, wenn man von draußen hineinwill?“ Mira nahm den ersten richtigen Bissen von ihrem Schinkenbrot, um der Frage damit etwas Beiläufiges zu geben.

Ihr Vater seufzte. „Den brauchen nur die Außenstädter. Die Innenstädter haben überhaupt keinen Grund, nach dort draußen zu gehen.“

„Es ist ja auch viel zu gefährlich“, schaltete sich Miras Mutter ein.

„Muss man sein Ausweisband scannen, wenn man hinausgeht?“, fragte Mira, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie durfte sich nicht anmerken lassen, wie viel von der Antwort auf diese Frage abhing. Wenn sie ihre Identifikationsnummer brauchte, um das Stadttor zu passieren, konnte sie ihrem Vater ebenso gut gleich Bericht erstatten, wohin sie ging. Alle Daten wurden gesammelt – wer wann wie viele Rationskarten erhielt, gegen Lebensmittel oder Kleidung eintauschte, zur Arbeit oder zur Schule ging oder sich etwas zuschulden kommen ließ. Ihr Code würde eine nur allzu leicht verfolgbare Spur hinterlassen.

„Nein“, sagte ihr Vater jedoch. „Was für eine Verschwendung wertvoller Technik. Die Innenstädter gehen nicht nach dort draußen. Sie haben in den Außenvierteln nichts zu suchen, und kein Wachmann, der noch ganz bei Verstand ist, würde jemanden ohne einen sehr guten Grund passieren lassen.“

Unwillkürlich huschte Miras Blick zu Iliona, die den Lappen so fest umklammerte, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Dabei wagte sie nicht ein einziges Mal, den Blick zu heben. Vielleicht, weil sie nicht wollte, dass jemand die zornigen Tränen sah, die sich bei Gerald Robins abfälligen Worten in ihren Augen angesammelt hatten.

Mira versuchte mühsam, das Stückchen Brot, auf dem sie seit geraumer Zeit herumkaute, hinunterzuschlucken. Es kratzte in ihrer trocken gewordenen Kehle. Sie hustete und hätte am liebsten gefragt, was mit den Menschen in den Armenvierteln so verkehrt war. Immerhin war auch Miras Familie nicht sonderlich reich. Niemand war das. Sie alle waren auf die Rationen angewiesen, die ihnen vom Staat zugeteilt wurden. Und Miras Familie beschäftigte doch selbst jemanden aus den Außenvierteln.

Aber solche Fragen konnte Mira nicht stellen. Auch dann nicht, als sie den Bissen endlich hinuntergeschluckt hatte und wieder genug Luft bekam. Wenn sie ihrem Vorhaben für Mittwochabend keine Steine in den Weg legen wollte, war es sicher nicht klug, weiterhin so reges Interesse an den Armenvierteln zu äußern.

Am Dienstagmorgen im Unterricht studierte Mira ihr Staatswirtschaftsbuch besonders genau. Im hinteren Teil des Buches waren verschiedene Landkarten und Stadtpläne abgedruckt, darunter auch einer ihrer Heimatstadt Leonardsburg. Mira war weiterhin wild entschlossen, morgen Abend um sechs Uhr zum Westturm zu gehen, was auch immer sie dort erwartete. Was ihr noch fehlte, war ein handfester Plan, wie sie unbemerkt an den Wachposten vorbeikommen sollte, die an den Stadttoren stationiert waren.

„Wir sind auf Seite 93“, raunte Vera ihr zu, die sie aus dem Augenwinkel beobachtete. Sie hatte mit keinem Wort nach ihrem gestrigen Besuch in „Porters Höhle“ gefragt, und so hatte Mira Mittwochabend und den Westturm auch mit keinem Wort erwähnt. Je weniger Leute davon wussten, desto besser. Außerdem war es Veras eigene Schuld; sie hatte sich entschlossen, nicht mitzukommen.

„Ich weiß“, flüsterte Mira zurück und studierte weiter den Stadtplan. Die Innenstadt von Leonardsburg war ein ovaler Kern, der vor allem im Norden und Westen von einem breiten Band aus Randvierteln gesäumt war. Dahinter kamen nur noch Felder und dann brachliegendes Land.

„Ich meine nur“, wisperte Vera hinter vorgehaltener Hand, „weil du auf Seite 148 bist. Aber wir sind auf Seite –“

„Sie halten es nicht für nötig, meinem Unterricht zu folgen – nicht wahr, Frau Petersen?“

Vera sank beim Klang von Professor Winkelbauers Stimme in sich zusammen.

„Sie beherrschen Staatswirtschaft bereits aus dem Effeff. Ist dem nicht so?“, fragte Winkelbauer boshaft. „Weshalb Sie mir gewiss auch sagen können, welche Güter man jahrhundertelang unnütz importiert hat, obwohl man sie problemlos ersetzen oder hier anbauen kann.“ Er wandte sich zur Tafel um und schrieb: „Unnütze Importe.“

Vera schluckte vernehmlich. „Ja“, brachte sie dann heraus und starrte Winkelbauers knochigen Rücken an, den er ihnen beim Schreiben zuwandte. „Ähm … das Erdöl und …“ Sie sah Hilfe suchend zu Mira.

„Baumwolle“, wisperte diese. „Tabak. Kaffee. Kakao und Zucker.“

Vera schüttelte panisch den Kopf und formte ein „Was?“ mit den Lippen.

Winkelbauer wandte sich wieder zu ihnen um, und sein Mund kräuselte sich zu einem gehässigen Lächeln. „Das ist alles?“

Schnell griff Mira in ihre Tasche und zog eine winzige Packung Ersatzschokoladenkekse heraus. „Kakao und Zucker“, flüsterte sie und deutete unter dem Tisch auf die Süßigkeit.

Vera wagte kaum, einen kurzen Blick zu Mira zu werfen. Dann zwang sie sich sichtlich dazu, sich zu entspannen, und sagte mit lauter und bemüht fester Stimme: „Ersatzschokoladenkekse.“

Daphné, die sich umgedreht hatte, um Vera besser im Blick zu haben, prustete los. Professor Winkelbauer fand Veras Antwort jedoch gar nicht lustig. „Zählen die … Ersatzschokoladenkekse“ – er zog das Wort mit herablassender Stimme in die Länge – „Ihrer Meinung nach zu den primären oder den sekundären Rohstoffen?“

Vera wurde tiefrot und machte den Eindruck, als wäre sie nicht sicher, ob Winkelbauer eine Antwort erwartete oder nicht.

„Wir sprechen uns nach der Stunde“, fuhr er jedoch schon fort und wandte sich wieder seiner Tafelanschrift zu, als wäre Vera auch nicht eine einzige weitere Sekunde wertvoller Unterrichtszeit wert. „Frau Baron, seien Sie so freundlich.“

Daphné fuhr sich durch das honigblonde Haar und wandte sich provokativ langsam wieder nach vorne. Offenbar war sie enttäuscht, dass die Vorstellung schon beendet war.

„Günstige, baumwollfreie Stoffe gehören schon lange zur Standardherstellung in der Textilindustrie“, sagte sie langsam und deutlich. „Zuckerrüben zählen neben rund fünf verschiedenen Getreidesorten zum Hauptertrag unserer Landwirtschaft.“

„In der Tat.“ Winkelbauer notierte die Schlagworte und drehte sich wieder zur Klasse. „Auch Tabak kann in unseren Breitengraden angebaut werden und ist ohnehin genau wie Kaffee und Kakao ein völlig unnützer Luxusartikel. Dennoch“, seine Lippen kräuselten sich gehässig, „stellen wir Ersatzkakao auf Haferbasis her, der sich in der Tat auch in Ersatzschokoladenkeksen befindet.“

Ein paar Mitschüler lachten verhalten, und Vera sah aus, als würde sie am liebsten im Erdboden versinken. Trotzdem stand sie bemerkenswert aufrecht, als sie nach der Stunde an Winkelbauers Schreibtisch trat. Mira hatte absichtlich lange mit dem Einpacken ihrer Sachen herumgetrödelt und war, abgesehen von Winkelbauer und Vera, die letzte Person im Raum.

„Sie haben sich heute selbst übertroffen.“ Winkelbauer verstaute seine Unterlagen sorgfältig in der schwarzen Ledertasche, ohne dabei auch nur zu seinem Gegenüber aufzusehen. „Ich würde an Ihre Eltern schreiben, wenn ich nicht wüsste, dass das bei Ihrer Familie vollkommen nutzlos ist.“

Mira war fertig mit dem Einpacken, und ihr gingen die Entschuldigungen aus, warum sie den Raum noch nicht verlassen hatte. Aber bei so viel Boshaftigkeit, der Vera dort vorne ausgesetzt war, wagte sie nicht, einfach zu gehen. Sie klappte ihre Box mit Stiften vorsichtig auf und warf einen kurzen Blick zu Winkelbauer und Vera. Es schepperte gewaltig, als die Dose auf dem Boden aufschlug und die Stifte in alle Richtungen flogen.

Vera fuhr vor Schreck zusammen. Winkelbauer warf Mira einen finsteren Blick zu. „Jetzt aber schnell, Frau Robins“, mahnte er, hatte für seine Einserschülerin aber keinen bissigen Kommentar übrig.

Stattdessen wandte er sich wieder an Vera: „Ich will Ihnen eine Chance geben, Ihre erbärmlichen Leistungen in Staatswirtschaft zu verbessern. Nicht, dass Sie es verdient hätten.“ Er schnaubte. „Ein befreundeter Landwirt erwartet Sie morgen um vier Uhr, damit Sie ihn für Ihr Referat befragen können. Und ich bitte Sie inständig, Frau Petersen, blamieren Sie mich nicht mit dummen Fragen.“ Seine Stimme triefte nur so vor Zynismus, aber Vera nickte tapfer. „Vier Uhr, pünktlich. Er trifft Sie direkt an seinen Feldern am westlichen Stadtrand.“

Mira, die unter den Tischen über den Boden robbte und ihre Stifte einsammelte, zuckte zusammen. Der westliche Stadtrand. Die Felder hinter den Armenvierteln. Irgendwo dort draußen musste auch der Turm sein.

„Und jetzt sehen Sie zu, dass Sie wegkommen“, beendete Winkelbauer das Gespräch. „Und Sie auch, Frau Robins. Wie lange kann man brauchen, um eine Handvoll Stifte aufzuheben?“

„Lange genug“, dachte Mira mit klopfendem Herzen, „um den Schlüssel zum Westturm auf dem Silbertablett serviert zu bekommen.“

Kapitel 5

Eine andere Welt

Vera, die ohnehin eher schüchtern und still war, gab sich an diesem Tag besonders grüblerisch und in sich gekehrt. Wie automatisch ging sie neben Mira her zum Ausgang des Staatsgebäudes, in dem der Unterricht stattfand. An der Tür hatte sich wie immer eine kleine Schlange gebildet. Ärmel wurden zurückgeschoben und Armbänder unter den Scanner gehalten. Kein staatliches Gebäude durfte von jemandem ohne das Bändchen mit dem neunstelligen Identifikationscode betreten oder verlassen werden.

„Du hättest es wirklich schlimmer treffen können“, erklärte Mira betont vergnügt, während Vera ihr seit dem nächtlichen Ausflug übel zerknicktes Bändchen unter dem Scanner hin und her drehte. „Ein Interview mit einem Fachmann … ich meine, das ist spannend, oder?“

Veras sarkastisches Schnauben stand dem von Professor Winkelbauer in nichts nach.

„Ich würde das alles ja zu gerne einmal sehen“, fuhr Mira fort. Hinter ihnen reckten ihre Mitschüler schon die Hälse, um zu sehen, wer den Strom nach draußen so lange aufhielt. Endlich gelang es Vera, das ramponierte Band mit der freien Hand zu glätten und die Drehtür zu passieren. Hastig streckte Mira ihren eigenen Arm unter die blaue Lichtschranke und folgte ihrer Freundin.

„Wir können gerne tauschen“, brummte Vera.

Der Himmel über der Stadt war verhangen, und der Geruch drohenden Regens lag in der Luft. Die Kälte des Winters war endgültig verflogen, aber noch gab es nur wenige Vorboten des nahenden Sommers. Die Blumen in den Vorgärten und in den Kübeln vor so manchem Fenster hatten heute ihre Kelche geschlossen, und Mira fröstelte in ihrer dünnen Bluse.

„Warst du schon mal draußen auf den Feldern?“, fragte sie im Plauderton, damit Vera ihr die Anspannung nicht anmerkte.

„Klar. Als Kinder haben Filip und ich uns manchmal hinausgeschlichen und da draußen gespielt.“ Widerwillig wandte Vera sich Mira zu. „Wir wussten nicht, dass es verboten ist, sich dort draußen herumzutreiben“, setzte sie nach, als müsse sie sich rechtfertigen. Dabei war kein Wort des Tadels oder der Missbilligung über Miras Lippen gekommen. Im Gegenteil: Sie staunte. Aber mit einem Staatsbeamten als Vater hätte sie wahrscheinlich entsetzt sein müssen, dass Veras Eltern ihren Kindern nicht verboten hatten, dort draußen herumzustreunen.

„Die Leute sind arm dort“, fuhr Vera fort. „Sie tragen zerlumpte Kleider und strecken das Mehl mit Laub oder Stroh, weil sie nicht genug davon haben. Staatliche Erziehungshäuser gibt es nicht, aber dafür jede Menge Kinder. Sie spielen den ganzen Tag auf der Straße.“

Mira hing an Veras Lippen. „Das wusste ich nicht“, gestand sie. „Ich dachte, alle Kinder wachsen in Erziehungshäusern auf. Wie machen die Eltern das dort?“

„Die Mütter arbeiten nicht. Sie kümmern sich um die kleinen Kinder, aber für die größeren hat keiner Zeit. Sie hängen auf der Straße herum und gründen Banden.“

Miras lebhafte Fantasie malte ihr sofort eine wilde Szene vor Augen, in der einige nachlässig gekleidete Jugendliche mit schmutziger Haut und zu langem Haar einen Kampf mit aus Scherben gebastelten Waffen austrugen. „Woher weißt du das alles?“, fragte sie und schob den erschütternden Gedanken beiseite.

„Wir hatten Freunde unter den Jüngeren. Sie haben mit uns auf den Feldern gespielt.“ Sie hatten das Haus der Petersens erreicht, und Vera schloss die Tür auf. „Leider hilft mir solches Wissen nicht im Unterricht. Winkelbauer macht nichts lieber, als mich vor der versammelten Klasse zu schikanieren. Und die anderen genießen es.“

„Daphné genießt es“, sagte Mira. „Und Daphné ist nicht ‚die anderen‘.“

„Daphné ist so etwas wie die Klassenkönigin. Mit einem Justizstaatsbeamten als Vater ist sie wie geboren für diese Rolle.“ Vera warf ihre Schuhe auf einen chaotischen Haufen aus Zeitungen, Schuhen und Mänteln unter dem Garderobenhaken.

Mira stellte ihre daneben. „Mein Vater ist auch ein Justizstaatsbeamter.“

Nun sah Vera auf. „Ich weiß“, sagte sie, aber ihre Miene strafte sie Lügen. Für einen Moment schien sie es tatsächlich vergessen zu haben. Ausgelöscht, dass ihre beste Freundin eine von denen war. Dass Mira prädestiniert dafür war, an Daphné Barons Seite die weniger Angesehenen zu drangsalieren. Dass Mira und Daphné ein Herz und eine Seele sein könnten. Ihre Väter hatten sich das vom ersten Schultag an gewünscht. Aber Mira hatte sich eine andere Freundin gewählt. Eine, die nicht so gut zum Ruf ihrer Familie passte, die aber viel ehrlicher und vertrauenswürdiger war, als Daphné Baron es je sein würde.

„Lass die kleine Baronesse doch spotten, so viel sie will.“ Mira zuckte die Achseln. „Und ihrem Vater soll sie doch über dich erzählen, was auch immer ihr einfällt. Er ist nicht mal Filips Vorgesetzter.“ Genau wie Miras Vater hatte Baron eine Einheit Wachleute unter sich, die ihm auf Gedeih und Verderb folgen mussten. Aber Filip gehörte zur Einheit von Gerald Robins.

„Außerdem werden Winkelbauer und Daphné gar nichts gegen dich in der Hand haben. Mit einem Fachmann als Quelle wirst du ihnen überhaupt keine Gelegenheit zu spotten geben.“

Vera warf ihre Tasche in eine Ecke und nahm zwei Gläser aus dem fast leeren Küchenschrank. Das meiste Geschirr türmte sich schon wieder schmutzig am Spülbeckenrand. „Als würde Winkelbauer nicht trotzdem etwas finden, was ihm an meinem Vortrag nicht passt.“

„Nicht mit mir als Ghostwriter. Ich könnte das Referat für dich schreiben.“

Vera blieb der Mund offen stehen. „Du willst Winkelbauer hintergehen?“

Mira zuckte die Schultern, als sei nichts weiter dabei. „Wenn ich dir damit helfen kann.“ Sie zögerte gerade lange genug, um den Nachsatz nicht übereilt wirken zu lassen: „Natürlich müsste ich mit auf die Felder kommen. Morgen Nachmittag, wenn du den Landwirt triffst.“

Sie beäugte Vera aus dem Augenwinkel und fragte sich, ob sie wohl Verdacht schöpfte. Aber Vera war nicht misstrauisch, und das verursachte Mira fast ein schlechtes Gewissen. Stattdessen fiel ihre Freundin ihr um den Hals: „Ich will sowieso auf keinen Fall allein dorthin!“

Miras Angebot hatte Veras Stimmung erheblich gebessert. Sie kochten sich Nudeln zu Mittag, die sie aus Mangel an weiteren Zutaten mit einer Prise wertvollem Zucker verspeisten, den Vera erst am Vortag gegen gleich drei Rationskarten eingetauscht hatte.

Anschließend klappten sie ihre Schulbücher auf und machten sich an die Staatsgeschichtshausaufgaben. Immerhin verlangte Frau Dr. Steinlein nur selten Essays von ihnen. Die eigene Meinung hatte, wie sie stets betonte, im Staatsgeschichtsunterricht nichts verloren. Hier drehe sich alles um Fakten, Fakten und nochmals Fakten.

Stattdessen ließ sie die Schüler zu Hause ellenlange Texte lesen und zusammenfassen oder gab ihnen Rechercheaufgaben. Der heutige Text erstreckte sich über vierundzwanzig Buchseiten und war nur gelegentlich durch Fotografien wichtiger Dokumente und Personen unterbrochen. Bei solcherlei Aufgaben war es Mira und nicht Vera, die heilfroh war, dass sie die Hausaufgabe meist zusammen erledigten. Vera machte es nichts aus, laut vorzulesen, und Mira hörte ihr zur Hälfte zu und ließ zur anderen Hälfte ihre Gedanken schweifen, weil das meiste dank der regelmäßigen Vorträge ihres Vaters ohnehin nicht neu für sie war.

„ … nach Nicholas Auttenbergs Krönung unklar, ob die in der Verfassung grundgelegte Erbmonarchie in Kraft treten kann, da der Verbleib seines einzigen Sohnes, Carl Auttenberg, weiterhin unbekannt ist. Um die Zukunft der Monarchie zu sichern –“

„Das ist doch nicht zu fassen!“ Mira hatte die Knie angewinkelt und die Fersen auf die Stuhlkante gestützt, während sie sich mit den Knien vom Tisch wegdrückte, sodass ihr Stuhl gefährlich auf den beiden Hinterbeinen wankte. Jetzt ließ sie ihn so heftig nach vorne fallen, dass Vera vor Schreck das Buch zuklappte.

„Was ist nicht zu fassen?“, fragte sie atemlos, während sie die Seite wiederzufinden versuchte. Wahrscheinlich hatte auch sie begonnen, mit ihren Gedanken ein wenig abzuschweifen, doch jetzt waren sie beide hellwach.

„Dass sie dieses Thema wieder einmal nur anreißen!“, erwiderte Mira hitzig. „Weißt du noch, als ich Frau Dr. Steinlein damals gefragt habe, wie es sein kann, dass der Kronprinz eines Landes einfach so mir nichts, dir nichts verschwindet?“ Mira schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, und Vera verlor abermals die Seite, die sie eben erst wiedergefunden hatte. „Sie hat gesagt: Frau Robins, dieses Thema behandeln wir ein andermal zu geeigneterem Zeitpunkt. Und seitdem? Nichts, gar nichts!“

„Warum interessiert es dich denn so brennend?“ Vera ließ das Buch nun einfach zugeklappt auf dem Tisch liegen.

„Na, hör mal“, rief Mira aus. „Das lädt ja geradezu zu Spekulationenein! Ist er tot? Hat er sich einer konspirativen Kleinstgruppe angeschlossen und bekämpft sein eigenes Land als gesuchter Rebell? Hat sein eigener Vater ihn vielleicht verschleppen oder hinrichten lassen? An die Theorie mit der Entführung glaube ich jedenfalls nicht. Warum sollte ein anderes Land unseren Thronfolger entführen? Dann krönen wir eben einen anderen. Damit ist doch keinem geholfen!“

Vera pustete sich die Ponyfransen aus der Stirn und beobachtete Mira eingehend. Insgeheim interessierte es Vera bestimmt ebenso brennend wie Mira, was mit ihrem Thronfolger geschehen war. Aber Vera hatte gelernt, den Mund zu halten und sich nicht mit übermäßiger Neugier in Schwierigkeiten zu bringen. Ganz anders als Mira, mit der manchmal die Fantasie durchging.

„Überleg doch mal!“, ereiferte sie sich. „Wer weiß, was sie uns da verschweigen. Man findet ja kaum Informationen über ihn. Und wenn du mich fragst, ist das ganz schön verdächtig! Noch nicht einmal ein Foto haben sie uns je gezeigt!“

Nun begann Vera doch wieder, zu blättern. „Es gibt ein Foto. Hier in genau diesem Text.“

Sie beugten sich beide darüber und betrachteten die winzige Kopie eines Familienportraits, das Nicholas Auttenberg mit Frau und Sohn zeigte. Sie war blond und mager, Vater und Sohn hatten tiefschwarzes Haar in militärisch kurzem Schnitt und beide den gleichen harten Zug um den Mund.

„Hm … wie ein Rebell sieht er nicht gerade aus“, lenkte Mira ein. Zugegeben, er hatte schöne Augen. Dunkle Wimpern, wie die seiner Mutter, und einen nach innen gekehrten Blick, als wäre er in Gedanken ganz woanders. Aber Haltung, Kleidung und Gebaren erinnerten unverkennbar an seinen steifen Vater. Als König wurde Nicholas Auttenberg verehrt, aber insgeheim konnte Mira sich nicht vorstellen, dass irgendjemand ihn besondersgut leiden konnte. Eiskalt war er und reichlich wenig menschlich, nach allem, was man so hörte. Einer, der dazu geboren war, Befehle zu geben und im Reichtum zu leben, während sein Volk ums Überleben kämpfte.

„Auttenberg traue ich es trotzdem zu, seinen eigenen Sohn verschleppen zu lassen“, sagte sie entschieden. „Wenn es um den Thron geht, ist Blut bestimmt nicht dicker als Wasser. Und stell dir nur vor, wenn Carl Auttenberg andere Ansichten hatte als sein Vater. Da hätte der doch –“

Sie war gezwungen, ihre Ausführungen zu unterbrechen, weil Schritte im Flur ankündigten, dass sie nicht mehr alleine waren. Aber es war zu Miras Leidwesen nicht nur Veras liebenswerter, zerstreuter Vater, der sich zu ihnen gesellte, sondern auch Filip mit Uniform und Abzeichen.

„Dennoch heißt Pflichtbewusstsein nicht, dass man es jedem recht machen muss“, sagte Herr Petersen gerade, verstummte aber schlagartig, als er die Tür aufschwang und in die erstaunten Gesichter von Vera und Mira blickte.

Eisern schweigend zog er seine abzeichenlose Jacke aus, hängte sie auf und sah Vera eine Weile beim Lesen über die Schulter. Mit dem lauten Lesen und vor allem dem Debattieren über den Verbleib von Kronprinz Carl Auttenberg war es nun natürlich vorbei. Vera und Mira beugten sich still über ihre Bücher.

Filip holte unter lautem Poltern das Bügelbrett aus der Besenkammer und stellte es neben ihnen auf. Mira starrte noch eine Weile auf das Foto der Königsfamilie, ehe sie wieder zu lesen begann. Das Schweigen füllte jeden Winkel des Raumes. Nur hin und wieder ein Seitenrascheln, das Zischen des heiß werdenden Bügeleisens und Herrn Petersens schweres Atmen waren zu hören.

„Was machst du da?“, fragte er schließlich Filip, der eben ein schwarzes Jackett auf dem Bügelbrett ausbreitete.

„Antoine Herder hat mich gebeten, seinen Anzug in eine anständige Form zu bringen“, entgegnete er, ohne auch nur von seiner Arbeit aufzusehen. Mira dagegen hatte ihr Staatsgeschichtsbuch schnell vergessen. Sie sah zu Vera, die sich mit zusammengekniffenen Lippen unnötig tief über ihr Buch beugte. Ihre Nasenspitze berührte fast die Seiten.

„Seinen Anzug in eine anständige Form zu bringen“, echote Herr Petersen. Er stand immer noch hinter ihnen, weshalb Mira ihn nicht sehen konnte. Aber seiner Stimme nach zu urteilen, missfiel ihm, was er hörte. Sie war mit einem Mal entsetzlich dankbar, dass sich Iliona um die Wäsche, und damit auch um die Anzüge ihres Vaters, kümmerte. Sie würde sich in Grund und Boden schämen, wenn Filip eines Nachmittags das Jackett ihres Vaters mitbrächte, um es für ihn zu bügeln.

„Du bist jetzt ein Wachmann“, sagte Herr Petersen tonlos. „Kein Handlanger mehr. Sie können dich nicht mehr zwingen –“

„Keiner zwingt mich, Vater. Es handelt sich nur um eine Gefälligkeit.“

Mira beobachtete Filip unauffällig über ihr Buch hinweg. Er sah seinen Vater nicht einmal an, sondern pflügte nur weiter mit dem dampfenden Bügeleisen über den schwarzen Stoff.

„Antoine Herder kann seinen Anzug selbst bügeln“, sagte Herr Petersen mit Nachdruck. „Du bist nicht sein Diener. Was kommt als Nächstes? Dass du ihm die schmutzigen Stiefel putzt?“

Filips Gesicht nahm die rötliche Farbe seines Haars an, und er tat es Vera gleich, sich über seine Arbeit zu lehnen, als nehme er nichts um sich herum wahr.

„Um alles in der Welt!“, entfuhr es Herrn Petersen. „Sag, dass das nicht wahr ist!“

Nun stellte Filip das Bügeleisen doch zur Seite. Angriffslustig funkelte er seinen Vater über das Brett hinweg an. „Ich werde mir sicher keinen meiner Vorgesetzten zum Feind machen, weil ich mir zu schade dafür bin, seinen Anzug aufzubügeln.“ Er sah seinen Vater unverwandt an. „Und es wäre mir lieber, du hieltest dich heraus. Du hast deine Arbeitsmoral und ich meine. Und wir wissen alle, wohin deine dich geführt hat.“

Mira konnte nicht anders: Sie wandte sich zu Herrn Petersen um. Er hatte die Brille abgenommen und sah seinen Sohn an. Auf seiner gerunzelten Stirn standen die Schweißtropfen. Langsam nickte er. Dann legte er Vera, die ebenfalls gewagt hatte, den Kopf zu heben, die Hand auf die Schulter und sagte mit belegter Stimme: „Lern nur fleißig“, ehe er aus dem Zimmer schritt.

Mira begegnete Filips zornfunkelndem Blick und konzentrierte sich wieder auf ihre Hausaufgabe. Sie fühlte sich wie ein ungebetener Eindringling, nachdem sie diesen Streit im Haus der Petersens mitbekommen hatte. Normalerweise herrschte hier eine heimelige, friedliche Atmosphäre. Auf ihren Staatsgeschichtstext konnte sie sich nun natürlich nicht mehr konzentrieren, und als sie einmal zu Vera blinzelte, sah sie, dass auch sie auf die Buchseite starrte, ohne die Augen zu bewegen.

„Warum lässt Filip das mit sich machen?“, fragte sie ihre Freundin, als diese sie später zur Tür brachte.

Vera tat zuerst so, als wisse sie nicht, wovon Mira redete, dann jedoch ergriff sie schnell Partei: „Er hat ja keine Wahl.“ Sie sah Mira nicht an, während sie sprach. „Wenn er es im Staatsdienst zu etwas bringen will, muss er tun, was man ihm sagt.“

„Aber dein Vater hat recht!“, protestierte Mira. „Es ist nicht fair, dass sie von Filip verlangen, dass er –“

„Mein Vater hat seinen Posten und seinen Ruf schon vor Jahren verloren. Filip versucht nur, es besser zu machen. Um für uns zu sorgen. Von Vaters Rationen könnten wir gerade so überleben. Und das auch nur, wenn Mutter nicht … wenn wir nicht die Tabletten für sie bräuchten.“

Mira klappte den Mund auf, um abermals zu widersprechen, doch Vera schüttelte niedergeschlagen den Kopf. „Wir alle müssen tun, was man von uns verlangt. Filip muss Anzüge bügeln, und ich muss ein Zusatzreferat in Staatswirtschaft halten. Jemand mit unserem Ruf kann nicht so wählerisch sein wie …“ Sie verstummte schlagartig.

„Wie ich, meinst du.“ Mira umklammerte den Schulterriemen ihrer Tasche fester und sah Vera herausfordernd ins Gesicht. Aber Vera war niemand, der sich leicht provozieren ließ. Lieber nahm sie alle Schuld auf sich, als Feindseligkeit oder Streit in Kauf zu nehmen.

„Entschuldige“, murmelte sie. „Weißt du … ich rechne es dir hoch an, dass du mich morgen auf die Felder begleiten willst. Du müsstest das genauso wenig tun wie Filip das Bügeln dieser Anzüge.“

„Das ist doch etwas ganz anderes“, wehrte Mira ab, doch Vera schüttelte den Kopf. „Ich weiß, du tust es nicht nur für eine Beförderung oder eine gute Note. Sondern für mich. Und dafür bin dir sehr dankbar, Mira.“

Mira wusste, dass Veras Worte dazu dienen sollten, ihr schlechtes Gewissen wegen des scharfen Kommentars zu beruhigen. Dass sie Miras damit nur noch schürte, konnte Vera ja nicht ahnen.

Ihre Eltern waren nicht begeistert davon, dass Mira mit Vera hinaus auf die Felder gehen wollte. „Was denkt sich dieser Professor nur dabei, zwei Schülerinnen quer durch die Armenviertel zu schicken!“ Aber weil es sich um Staatswirtschaft handelte und das fast genauso wichtig war wie Staatsgeschichte, ließen sie Mira gehen. Ihre Mutter wies Iliona sogar an, ein paar belegte Brote und eine Packung Ersatzschokoladenkekse für Mira einzupacken. Falls es später werden sollte. Mira hatte mehrfach betont, dass sie zum Abendessen bestimmt nicht zurück sein würde.

„Die Landwirtschaft ist in der Tat eine spannende Angelegenheit“, lenkte ihr Vater ein, während ihre Mutter protestierte. „Ein Einblick in unser aufblühendes Versorgungssystem ist mit Sicherheit wichtiger als das Abendessen.“

Vera hatte zu Hause erst gar nichts von dem Referat erzählt. Ihre Mutter, so argumentierte sie, würde sich nur aufregen, und ihr Vater interessierte sich nicht dafür, mit welchen Lehrern Vera aus welchen Gründen aneinandergeriet.

Filip freilich wäre außer sich gewesen. Aber der schob mal wieder Überstunden im Staatsdienst.

So war Veras und Miras Aufbruch in Richtung Stadtrand doch recht unspektakulär. Mira tat ihr Bestes, ihre Nervosität zu verbergen. Immerhin hatte Vera keine Ahnung, warum sie wirklich so erpicht darauf gewesen war, sie zu ihrem Treffen mit dem Landwirt zu begleiten.

„Ich würde sagen, du stellst die Fragen und ich mache Notizen“, erklärte Mira fachmännisch. „Dann kann ich die Informationen gleich in Formulierungen bringen, die Winkelbauer entgegenkommen.“

„Und ich kann mich mit meinen dummen Fragen blamieren.“ Vera – ohnehin schon deutlich kleiner als Mira – sank sichtlich in sich zusammen. Mira musste wirklich geschickte Formulierungen finden, um Winkelbauer daran zu hindern, ihre Freundin vor versammelter Klasse vorzuführen.

„Winkelbauer hört am liebsten seine eigene Meinung“, erklärte Mira aufmunternd. „Wenn du ihn dann noch Glauben machst, du wärst selbst drauf gekommen, hast du schon fast gewonnen.“

Vera erwiderte nichts. Mit hängenden Schultern trottete sie vor sich hin, und Mira folgte ihr, während sie versuchte, sich eine gute Ausrede zu überlegen, sich in den Armenvierteln von Vera zu trennen. Nach dem Vortrag natürlich. Auch wenn sie aus eigennützigen Gründen mitgekommen war, wollte sie ihre Freundin nicht im Stich lassen.

Sie durchquerten das Zentrum von Leonardsburg, passierten „Porters Höhle“ und die Staatsgebäude: Schule, Rathaus und Gericht. Mira war schon viele Dutzend Male hier gewesen, und auch die Siedlung dahinter war ihr vage bekannt. Aber dann folgte sie Vera durch einen Torbogen in eine gepflasterte Gasse, und sofort war ihr klar, dass sie den Stadtkern hinter sich gelassen hatten.

Die Hausfassaden waren heruntergekommener, die Straßen schmaler, und ein Wachposten stand wie eine Statue auf der anderen Seite des Tores.

Augenblicklich versperrte er ihnen den Weg. „Ihr habt euch wohl verlaufen. Zwei junge Mädchen wie ihr!“ Er musterte sie von oben bis unten. „Ihr habt hier draußen nichts verloren.“

Obwohl sie einen guten Grund für ihren Spaziergang hatten, schlug Mira das Herz bis zum Hals, und die ihr von klein auf eingeimpfte Angst vor den städtischen Wachposten machte es ihr beinahe unmöglich, dem Mann in die Augen zu sehen. Auch Vera, der sie stattdessen einen Hilfe suchenden Blick zuwarf, starrte auf ihre Füße und machte nicht den Eindruck, als habe sie vor, zu antworten.

„Wir haben einen Termin.“ Mira reckte den Hals und zwang sich, dem Wachmann ins Gesicht zu sehen. Er konnte kaum älter als Filip sein, und das beruhigte Miras rasenden Herzschlag ein wenig. Vielleicht hatte auch dieser Mann Geschwister in ihrem Alter, und da war es doch natürlich, dass er sich um zwei Mädchen sorgte, die den sicheren Stadtkern verließen. Filip hätte Vera jedenfalls bestimmt nicht gerne hier draußen gewusst.

„Was für ein Termin soll das sein?“, fragte der Wachmann schroff, und Mira musste sich nun ernstlich bemühen, sein offensichtliches Misstrauen noch als Fürsorge zu entschuldigen.

„Herr Professor Winkelbauer“ – sie betonte den Namen mit Nachdruck – „schickt uns aus Recherchegründen zu einem Landwirt auf die Felder.“

Sie konnte sehen, wie der Wachmann beim Namen des Professors die Schultern noch ein wenig fester anspannte. Wahrscheinlich hatte er vor gar nicht allzu langer Zeit selbst bei Winkelbauer im Unterricht gesessen und wusste, dass man besser tat, was er einem auftrug.

„Viel zu gefährlich“, konstatierte er jedoch nach kurzem Ringen mit sich selbst. „Die Felder liegen jenseits der Armenviertel.“ Zwischen seinen buschigen Augenbrauen hatte sich eine steile Falte gebildet, und er wollte nicht aufhören, sie zu mustern. „Ohne eine erwachsene Begleitperson kann ich euch unmöglich passieren lassen.“

Miras Herz drohte ihr in die Hose zu rutschen. Aber nur für einen Moment. Dann straffte auch sie die Schultern und sagte langsam, als denke sie ernsthaft darüber nach: „Dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als Herrn Professor Winkelbauer zu bitten, uns zu begleiten.“

Veras Augen weiteten sich vor Entsetzen. Aus Angst, sie könne ausgerechnet jetzt ihre Sprache wiederfinden, legte Mira noch nach: „Oh, Vera, das wird ihm aber gar nicht gefallen, wenn wir ihn damit belästigen.“

Nun endlich flackerte Verstehen in Veras Augen auf, und mit etwas zittriger Stimme fiel sie in das Spiel ein: „Wo er doch immer so viel zu tun hat.“

Der junge Wachmann schien nun ernsthaft in der Zwickmühle zu stecken. Seine linke Augenbraue zuckte, während er von Mira zu Vera und wieder zurücksah. Offenbar hatte Winkelbauer selbst bei einem Schüler, dessen Noten gut genug gewesen waren, um in den Staatsdienst zu treten, einen bleibenden Eindruck hinterlassen. „Ich könnte euch wohl ein Stückchen begleiten. Um Herrn Professor Winkelbauer ein wenig Arbeit abzunehmen.“

Und so machten sie es. Der junge Wachmann begleitete sie energischen Schrittes die Straße hinab, während die Häuser zu beiden Seiten immer kleiner und immer schäbiger wurden.

„Ein Glück, dass dieses Staatswirtschaftsprojekt wirklich existiert!“, raunte Mira Vera zu. Sie gingen einige Schritte voraus. „Ich wäre vor Panik, aufzufliegen, gestorben, wenn ich einen Wachmann hätte anlügen müssen.“

Vera runzelte die Stirn, und Mira hätte sich auf die Zunge beißen können. „Wenn es das Referat nicht gäbe, hätten wir doch gar keinen Grund, hier herauszukommen.“

„Stimmt!“ Mira lachte leise auf, in einer Tonlage, die – wie sie hoffte – befreit und nicht hysterisch klang.

Je weiter sie sich von der Mauer, welche die Innenstadt säumte, entfernten, desto mehr Menschen tummelten sich in den schmalen Gassen. Je mehr Menschen, desto schäbiger sahen sie aus. Und je schäbiger sie aussahen, desto argwöhnischer betrachteten sie die beiden Mädchen in Begleitung eines blau uniformierten Wachpostens.

Zu Beginn bemühte Mira sich noch, den Blick gesenkt zu halten, doch schon bald sah sie sich ungeniert um und versuchte, jedes noch so kleine Detail der ungewohnten Umgebung in sich aufzusaugen.

Die Häuser standen dicht gedrängt; einen Garten hatte keines, dafür hingen schiefe Balkone an etlichen Stockwerken und von deren Geländern wiederum trockene Pflanzen. Vorhänge, die man hätte geschlossen lassen können, gab es hinter kaum einem Fenster. Frauen in gelblichen Schürzen fegten Vortreppen, ein bärtiger Mann bot lauthals Ware von einem klapperigen Wagen voller Krimskrams an. Ein Fahrradreifen war darunter, ein abgenutztes Schachbrett ohne Figuren und zahlreiche Töpfe und Pfannen mit Rostflecken.

„Günstige Gebrauchsware!“, rief er, als er sie erblickte. „Der Herr, die Damen, Töpfe heute im Sonderangebot! Oder eine Spieluhr für die jungen Damen!“

Mira hätte sich den Stand gerne angesehen. Nicht dass sie Rationskarten oder irgendetwas zum Tauschen gehabt hätte – außer der Notiz aus „Porters Höhle“ trug sie nichts bei sich. Aber sie war neugierig und überwältigt von all den fremden Eindrücken in dieser sonderbaren Welt, die jahrelang ohne ihr Wissen Seite an Seite mit der vertrauten Umgebung der Innenstadt existiert hatte. Es roch sogar anders als im Stadtkern: Eine Mischung aus feinem Staub, dem Duft, der durch unzählige offene Küchenfenster wehte, und dem salzigen Geruch von Schweiß lag in der Luft.

Sie überquerten eine hölzerne Brücke über einem Rinnsal von einem Fluss, wichen einer Horde von Kindern aus, die einem zerfledderten Ball nachjagten, und stiegen über zerbeulte Mülltonnen, die umgefallen waren und über die Straßen rollten.

„Kein Platz für Jugendliche wie euch“, sagte der Wachmann gerade, als aus einer Seitengasse ein greller Schrei ertönte: „Stehen bleiben! So halte jemand den Dieb auf!“

Ein Junge mit tiefschwarzen Locken stürmte die Straße entlang, die sich mit der kreuzte, auf der sie gingen. Unter einem Arm trug er ein winziges, braunes Bündel, während er mit dem anderen heftig ruderte, als könne er sich selbst dadurch antreiben, noch schneller zu rennen. Immer wieder wandte er den Kopf nach hinten, um die zeternde Frau im Auge zu behalten, die seine Verfolgung aufgenommen hatte. Er war so beschäftigt mit ihr, dass er Mira, Vera und den Wachmann gar nicht bemerkte und beinahe direkt auf Vera knallte, die ihm am nächsten stand.

Bevor das jedoch passieren konnte, machte der Wachmann einen Satz und packte den Jungen am Kragen. Sofort begann dieser, wild um sich zu schlagen. Das braune Bündel fiel zu Boden, und Mira hob es auf. Es war ein Laib Brot.

„Habe ich dich“, lachte der Wachmann, der offenbar eine diebische Freude verspürte, zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen zu sein. Weniger glücklich war die Frau, die in diesem Augenblick zu ihnen aufschloss. Sie riss Mira das Brot aus der Hand und begann, damit auf den Jungen, der wehrlos im Griff des Wachmanns festsaß, einzuprügeln.

„Du Rotzlöffel! Brot aus meinem Laden zu stehlen! Brot, das ich im Schweiße meines Angesichts gebacken habe!“

„Hören Sie sofort auf!“ Miras Einschreiten geschah so abrupt, dass nicht nur die Frau zurückwich, sondern auch der Wachmann den Griff um den Hemdkragen des Jungen lockerte. Das Kind stolperte einen Schritt zurück und geradewegs in Veras Arme, die in die Hocke gesunken war und es schnell an den Handgelenken festhielt. Intuitiv trat Mira halb zwischen die beiden und die aufgebrachte Frau.

„Schon gut“, beruhigte Vera hinter ihr den Jungen mit ihrer leisen Stimme. „Dir geschieht nichts. Es war ja nur ein Laib Brot. Du hast Hunger, was?“

„Nur ein Laib Brot!“, kreischte die Bestohlene. Mira fiel auf, dass sie keine verfärbte Schürze trug wie die anderen Frauen, die sie gesehen hatten. Überhaupt sah sie, bis auf ein paar Mehlspuren im dunklen Haar und den hochroten Kopf, sehr gepflegt aus. Sie trug eine weiße Bluse, deren Ärmel sie hochgekrempelt hatte, und unverkennbar glänzend neue Schuhe. Die meisten Menschen, denen Mira hier draußen begegnet war – einschließlich des schwarz gelockten Jungen neben Vera – trugen überhaupt keine Schuhe. Dabei war erst Frühjahr und das Wetter zwar trocken, aber kühl.

„Jedes einzelne Körnchen Getreide hat mein Mann eigenhändig auf den Feldern angebaut, geerntet und gemahlen!“, wetterte die Frau nun an den Wachmann gewandt. „Und nun ist das Brot nutzlos. Ich kann es nicht verkaufen, nachdem der da es mit seinen schmutzigen Händen angefasst hat!“ Angewidert nickte sie in Richtung des Kindes, über dessen staubige Wangen jetzt Tränen liefen. Trotzdem hatte sein Blick etwas unbestreitbar Trotziges. Mira ahnte, dass der Junge auf und davon wäre, sobald Vera ihn losließe. Fast wünschte sie, ihre Freundin täte es.

„Nur gut, dass ein Wachposten alles mitbekommen hat!“, fuhr die Frau fort. „In der Innenstadt verhängen sie lange Gefängnisstrafen für Diebstahl.“

„Aber er ist doch nur ein Kind!“ Miras entsetzter Ausruf wurde von einer Frauenstimme übertönt, die markerschütternd „Ari!“ schrie. Innerhalb von Sekunden war sie zu ihnen gestürzt.

Vera landete auf dem Hosenboden, so ungestüm fiel die Frau neben ihr auf die Knie und zog den Jungen an sich. Sie hatte die gleichen schwarzen Locken wie er, und ihre Kleidung war zerschlissen. In einem Tuch hatte sie sich einen Säugling umgebunden, der wie am Spieß brüllte.

„Ihr Sohn wurde auf frischer Tat beim Stehlen erwischt“, schaltete nun der Wachmann sich ein, während die Mutter ihr Gesicht in das zerzauste Haar des Jungen drückte und wehklagte. „Was machst du nur, Ari? Was machst du nur? Fünf Söhne, nichts als Sorgen! Nicht weinen. Es ist gut. Keiner darf dir wehtun, hörst du? Mama kümmert sich um alles.“

„Ich muss ihn mit in die Stadt nehmen“, sagte der Wachmann, als hätte er nichts von alledem mitbekommen, und griff nach Ari. Doch die Umklammerung der Mutter war stärker.

„Nein!“ Sie erhob sich und schob das Kind hinter ihren Rücken. „Nicht meinen Jungen mitnehmen. Ich zahle zurück, was er gestohlen hat. Ich verspreche es.“

„Zurückzahlen?“ Die Bestohlene bleckte die Zähne. „Richtiges Brot, ohne Laub oder Stroh, könntest du dir gar nicht leisten!“

Als wäre ihre kleine Menschenansammlung nicht schon aufsehenerregend genug gewesen, stieß in diesem Moment ein dickbäuchiger Mann zu ihnen. „Aber, aber“, sagte er und legte der Frau mit dem Brotlaib eine massige Hand auf den Rücken. „Was ist geschehen, Liebes? Warum bist du nicht in deinem Laden?“

„Wir wurden schon wieder bestohlen, Othmar.“ Seine Frau straffte die Schultern und hielt ihm anklagend das Brot entgegen. „Seit Monaten geht das nun so. Und immerzu sage ich dir, du musst härter durchgreifen. Aber dieses Mal …“ Sie sah zu Ari, der ihren Blick verbissen erwiderte. Die Tränen hatten glänzende Linien auf seinem schmutzigen Gesicht hinterlassen. „ … dieses Mal kommen sie damit nicht davon.“

„Sie wollen doch nicht etwa die Mutter dieser beiden Kinder mitnehmen?“, wandte der Dickbäuchige sich an den Wachmann.

„Den Jungen“, erwiderte dieser mit militärischer Knappheit. Die Frau quittierte dies mit einem grimmigen Nicken, und Aris Mutter begann wieder zu schluchzen, kniete neben ihrem Sohn nieder und drückte ihn so fest an sich, dass der Säugling zwischen ihnen noch lauter schrie.

„Meine Güte, wem ist denn damit gedient?“, entfuhr es Othmar. „Arbeitet dein Mann nicht auf meinen Feldern?“ Er wandte sich an die auf dem Boden kniende Mutter. Diese nickte mit steinerner Miene.

„Er soll die nächste Woche unentgeltlich arbeiten, und ich will die Sache vergessen.“

„Aber Othmar!“, protestierte seine Frau, doch er hatte schon ein ledergebundenes Notizbuch aus einer unter seinem mächtigen Bauch verborgenen Hosentasche gezogen und schrieb etwas darin auf.

„Ich wollte dich fragen, ob du Hilfe im Laden brauchst“, wandte Othmar sich schließlich wieder an seine Frau, als hätte er den Zwischenfall bereits vergessen. „Aber daraus wird nun nichts mehr. Ich muss schon in fünf Minuten wieder an der Scheune sein und Professor Winkelbauers Schülerin treffen.“

Mira riss den Blick von Ari und seiner Mutter los und besah sich Othmar genauer. Er trug Hemd und Stoffhosen wie jeder andere auch. Zwar zierten große Schweißflecken den Stoff unter seinen Armen, doch war er ansonsten kaum weniger gepflegt als jeder Staatsbeamte in der Innenstadt. Wie ein Landwirt sah er rein gar nicht aus.

„Das sind wir“, sagte Mira jedoch und streckte ihm die Hand entgegen. „Wir sind Professor Winkelbauers Schülerinnen.“

Othmar führte Vera und Mira durch eine Gasse, an deren Ende ein massiges Holzgebäude stand. Es hatte kein zweites Stockwerk, war dafür aber mehr als zehnmal so breit wie hoch. Neben den schmalen Häusern, die sich dicht an dicht in den Straßen des Armenviertels drängten, wirkte es geradezu lächerlich groß.

„Da wären wir.“ Othmar öffnete ein schweres Schiebetor und ließ sie in das Halbdunkel dahinter treten. Es handelte sich um einen Lagerraum. Leinensäcke, vermutlich voller Getreide, stapelten sich bis an die niedrige Decke; Fässer, Eimer, Bewässerungsschläuche und allerlei Gerätschaften lagen in gut sortiertem Chaos bereit. Alles sah ungeheuer alt und abgenutzt aus, abgesehen von dem blitzsauberen, silbernen Scanner neben der Hintertür und einem Schreibtisch, der in einer Ecke zu ihrer Rechten auf einem Teppich stand und nicht so recht zum Rest der Einrichtung passen wollte.

„Ich wusste nicht, dass ihr zu zweit kommt.“ Othmar ging geradewegs zu dem Tisch, auf dem Unterlagen zu ordentlichen Türmen gestapelt waren.

„Ich begleite Vera“, beeilte Mira sich zu erklären und versuchte, zu wiederholen, was ihr Vater gesagt hatte: „Die Landwirtschaft halte ich für eine spannende Sache. Ein Einblick in das aufblühende Versorgungssystem unseres Staates k-“

„Schon gut!“ Othmar lachte. „Ich dachte, die Jugend interessiere sich nicht für die Landwirtschaft. Aber wenn ihr das alles für so spannend haltet, will ich euch erst einmal herumführen.“ Er zerrte das ledergebundene Notizbuch aus seiner Hosentasche und legte es auf seinen Schreibtisch. „Muss mir alles aufschreiben“, meinte er, als er den Blicken der beiden Mädchen folgte. „Der Kopf ist das reinste Sieb. Wahrscheinlich würde ich am Morgen vergessen, zur Arbeit zu gehen, wenn ich es mir nicht notieren würde.“ Lachend tätschelte er das Notizbuch und kam schließlich um den Schreibtisch herum zu Mira und Vera. „Dann wollen wir mal!“

Sie folgten Othmar durch den Lagerraum und zur Hintertür. Mira staunte, als er die Torflügel aufschwang und stolz nach draußen wies. Aber es war kein gutes, beeindrucktes Staunen, auch wenn Othmar ihren Blick hoffentlich so deutete, sondern eines, das sich mit Entsetzen mischte.

Leonardsburg lag hinter ihnen. Auf der anderen Seite des Gebäudes erstreckten sich nur noch die Felder. Hellbraune, dunkelbraune, grüne und gelbliche Quadrate, die sich wie ein Flickenteppich bis zum Horizont aneinanderreihten. Kein Strauch, kein Baum, nichts, das in den heißen Sommermonaten Schatten spenden konnte oder bei Regen Schutz vor Wind und Wetter bot.

Nun wusste Mira auch, warum Othmar nicht aussah, wie sie sich einen Mann vorgestellt hatte, der sommers wie winters draußen auf den Feldern arbeitete, pflügte, pflanzte, pflegte, bewässerte und erntete. Die Wahrheit war, dass Othmar vermutlich einen Großteil seiner Zeit am Schreibtisch verbrachte und andere für sich schuften ließ.

Sie beugten die Rücken über ihre Arbeit. Ganze Reihen von ihnen tummelten sich dort draußen. Von Hand lockerten die einen mit kleinen Harken die Erde auf, während andere Unkraut ausrissen und in große Körbe warfen, die sie bei sich trugen. Mit Sensen wurden Wiesen gemäht, aus schwarzen Säcken Dünger verteilt und mit monströsen Spritzen winzige, grüne Pflänzchen mit Insektiziden besprüht.

„Wir sind eines der größten Unternehmen der Region“, erklärte Othmar stolz, „das fast zu hundert Prozent ohne Fahrzeuge auskommt. Es gibt Firmen, die alte Düngerstreuer, Mähdrescher und Traktoren zu Elektrofahrzeugen umbauen. Aber Strom ist teuer. Ich spare eine Menge durch die billigen Arbeitskräfte aus den Armenvierteln.“ Er lachte, sodass sein dicker Bauch wackelte. „Es gibt so viele, die Arbeit suchen, dass ich gar nicht alle einstellen kann. Und genügsame Menschen sind das. Verlangen nicht viel für ihre Arbeit.“

„Oder gar nichts“, überlegte Mira bitter und dachte an Aris Vater, der in der nächsten Woche umsonst hier draußen würde arbeiten müssen. Was würde aus der Familie werden, wenn er eine ganze Woche lang keine Rationskarten nach Hause brachte? Ari hatte einen Laib Brot gestohlen – sicher kein Lausbubenstreich. Wahrscheinlich reichten die Rationen, die Aris Vater für seine Arbeit auf den Feldern zugeteilt bekam, schon so kaum zum Leben.

Vera schien Ähnliches durch den Kopf zu gehen. Mit offensichtlicher Bestürzung beobachtete sie die Menschen, die Othmar für sich auf den Feldern schuften ließ. Sie sahen nicht einmal von ihrer Arbeit auf, gönnten sich kein Innehalten und keine Unterbrechung. In ewig gleichbleibenden Bewegungen verrichteten sie ihre mühsame Tätigkeit.

Wenn Othmar Vera ins Gesicht sah, würde er dort nichts sehen, das regem Interesse an seiner Arbeit auch nur nahekam. Und wenn er wirklich Winkelbauers Freund war, dann war es alles andere als ratsam, sich ihn zum Feind zu machen.

Mira gab sich einen Ruck. „Welche Getreidesorten bauen Sie an?“, fragte sie so interessiert wie möglich. „Und wann ist Zeit für die Ernte? Wie viele Bürger können Ihre Erträge mit Brot versorgen?“ Es spielte keine Rolle mehr, dass sie Vera die Aufgabe zugewiesen hatte, die Fragen zu stellen. Sie waren beide nicht auf das hier gefasst gewesen.

Nur allzu bereitwillig gab Othmar Auskunft. Er erklärte so ausführlich und redete so viel, dass er gar keine Gelegenheit hatte, den Blick zu bemerken, mit dem Vera immer noch seine Arbeiter musterte, oder mitzubekommen, wie sie angeekelt zur Seite trat, als der Wind eine feuchte, scharf riechende Wolke Insektizide in ihre Richtung wehte.

„ … arbeiten ganzjährig hier. Dazu kommen im Sommer über hundert Erntehelfer.“

„Und wie viele von ihnen lassen Sie umsonst für Sie arbeiten?“, fragte Vera unvermittelt.

Mira, die Othmars Antworten in Kurzform notierte, glaubte einen Moment, sich verhört zu haben. Othmar schien es ähnlich zu gehen.

„Umsonst?“, fragte er irritiert und sah Vera mit schief gelegtem Kopf an. „Ich sagte, die Leute aus den Armenvierteln verlangen nicht viel. Natürlich bekommen sie Lohn für jeden Arbeitstag.“ Er nickte durch das geöffnete Tor zum Ausweisscanner an der Wand. „Jeden Abend werden ihre Arbeitsstunden verbucht und an die Zuteilungsstelle für Rationen übermittelt.“

Ehe Vera an den Vorfall mit Ari und dem gestohlenen Brot erinnern konnte, platzte Mira mit der nächstbesten Frage heraus, die ihr einfiel: „Was machen die Sommerarbeiter im Winter, wenn Sie nichts für sie zu tun haben?“

„Sie suchen sich anderswo Arbeit“, erwiderte Othmar, warf Mira aber nur einen Seitenblick zu, während er weiterhin Vera musterte, die seinen Blick so fest erwiderte wie Ari vorhin den der wütenden Frau. So verbissen kannte Mira sie gar nicht. Vera musste ernstlich erschüttert sein über das, was sie hier sahen.

„Es gibt genügend Fabriken“, fuhr Othmar fort. „Auch wenn die Stellen dort nicht so beliebt sind wie die auf den Feldern. Fabrikarbeit ist undankbar. Vieles, was früher automatisch ablief, muss heute mühsam von Hand erledigt werden. Und manche der Arbeiter sehen nie etwas von ihrem Lohn.“ Er zuckte die Schultern. „Immerhin werden sie, wenn sie eine Stelle haben, in die Zuteilungslisten für die Grundrationen aufgenommen. Das sichert vielen Familien das Überleben.“

„Sie meinen, wer keine Stelle hat, bekommt auch keine Rationen?“

Othmar runzelte die Stirn. „Natürlich nicht. Warum sollte der Staat für jemanden aufkommen, der nichts zu seinem Erhalt beiträgt?“

„Aber was machen diese Leute?“

„Ich dachte, euch interessiert die Landwirtschaft“, sagte Othmar und erinnerte Mira wieder daran, dass er mit Winkelbauer unter einer Decke steckte und dass mit ihm deshalb – auch wenn er wesentlich freundlicher als der boshafte Staatswirtschaftslehrer schien – nicht zu spaßen war. Die falschen Fragen zu stellen konnte gefährlich sein; möglicherweise nicht nur für ihre Note in Staatswirtschaft.

Sie gaben sich wirklich Mühe. Vera kehrte zu ihrer gewohnten Schüchternheit zurück, doch wenn man sie so gut kannte wie Mira, konnte man in ihren Blicken und Gesten die Feindseligkeit erkennen, die sie dem Landwirt entgegenbrachte. Es war nicht schwer zu erraten, woran sie dachte: Sie konnte es nicht ertragen, welches Unrecht diesen Menschen, insbesondere Ari und seiner Familie, geschah.

Sie war ganz still geworden, als sie sich schließlich mit drei Seiten handschriftlichen Notizen und schwirrenden Köpfen von Othmar verabschiedeten. Er brachte sie zur hinteren Lagertür zurück, öffnete sie ihnen und verabschiedete sich herzlich, aber knapp. „Ihr findet den Weg alleine, nicht wahr?“, fragte er mit einem Blick auf seine schuftenden Angestellten. „Euer Professor meinte, ich könnte euch vielleicht jemanden mitschicken, der euch zum Rand der Innenstadt begleitet …“

Er verstummte, und Mira ergriff die Gelegenheit beim Schopf. „Aber nein“, winkte sie ab. „Sie brauchen vermutlich all Ihre Leute hier draußen auf den Feldern. Wir haben ja gesehen, wie beschäftigt alle sind. Den Weg zu finden ist kein Problem.“

Othmar schien das nur gelegen zu kommen. Kaum einige Sekunden später war er davongeeilt, so schnell sein Bauch es zuließ, und Mira und Vera fanden sich alleine im Lagerraum wieder.

Das Tor auf der anderen Seite ließ sich nur schwer öffnen. Mira musste sich mit aller Kraft dagegenstemmen. In Gedanken war sie bereits dabei, sich eine Ausrede zurechtzulegen, warum sie nicht mit Vera in die Innenstadt zurückging. Ihr Gespräch mit dem Landwirt hatte länger gedauert, als sie erwartet hatte. Mittlerweile war es halb sechs, und die Sonne stand tief. Draußen auf den Feldern hatten sie zusehen können, wie sie sich dem Flickenteppich aus verschiedenfarbigen Flächen genähert hatte.

„Warum hilfst du mir denn nicht?“ Mira, die sich immer noch mit der Tür abmühte, sah sich ärgerlich nach Vera um. Doch die war nicht wie vermutet direkt neben ihr. Ein paar Meter hinter Mira war sie stehen geblieben und starrte auf den Schreibtisch in der Scheunenecke, der so furchtbar deplatziert aussah. Othmars kleines Notizbuch lag zuoberst.

„Oh nein, denk nicht mal daran!“, flüsterte Mira. Ärger konnte sie jetzt wirklich nicht gebrauchen. In einer halben Stunde musste sie am Westturm sein, um mehr über das verbotene Buch herauszufinden. Vera durfte diesen Plan unter keinen Umständen durchkreuzen.

„Was soll aus Ari und seinen Geschwistern werden, wenn sein Vater nicht einmal den Lohn für seine harte Arbeit nach Hause bringt?“, fragte Vera. „Das alles ist eine schreiende Ungerechtigkeit! Wenn ein Kind so hungrig ist, dass es Brot stiehlt –“

„Was sollen wir denn machen?“

Vera schluckte hörbar und starrte wie gebannt auf den Schreibtisch. „Er hat gesagt, ohne sein Notizbuch kann er sich nichts merken.“

„Wir können es aber doch nicht einfach stehlen!“, sträubte sich Mira. „Ich weigere mich, sein Buch zu –“ Sie verstummte. Immerhin wäre das Notizbuch des Landwirts nicht ihr erstes gestohlenes Buch. Und Vera wusste das genau.

„Na schön!“ Sie ging an ihrer Freundin vorbei. Selbst würde diese ja doch nicht den Mut haben, sich dem Schreibtisch auch nur einen einzigen weiteren Schritt zu nähern. Sie keuchte bereits entsetzt auf, als Mira nach dem Büchlein griff und es aufklappte. Das Leder unter ihren Fingern fühlte sich samtig und teuer an. Wie alles an Othmar und seiner Frau passte es nicht in die karge Umgebung der Armenviertel.

Othmar schien sich tatsächlich einfach alles zu notieren: die Zeit des Abendessens, die Mengen an Saatgut und Insektiziden, die wann von wo geliefert wurden, und solche Dinge wie: „Rasieren und Haare kürzen.“

Auf der letzten Seite standen lediglich ein Termin mit einem anderen Landwirt und die Erinnerung, Aris Vater für die kommende Woche den Lohn zu streichen. Ohne länger zu zögern, packte Mira das dicke Papier und riss es mit einem lauten Ratschen aus dem Büchlein.

„So“, sagte sie zufrieden zu Vera und legte das kleine Buch wieder auf den Schreibtisch. Aber Vera schüttelte nur den Kopf und legte den Finger an die Lippen.

Wie erstarrt stand Mira auf dem weichen Teppich, der unter dem Schreibtisch verlegt war. Jetzt hörte sie es auch: die sich nähernden Schritte von der jenseitigen Hallenhälfte.

Wie auf ein unsichtbares Zeichen rannten sie beide los. Zu zweit und in Panik ließ sich das Tor beinahe mühelos aufschieben, und schon Sekunden später stürmten sie die Straße hinab.

„Du bist mir etwas schuldig“, keuchte Mira, als sie zwei Gassen weiter zum Stehen kamen und sich vorlehnten, um nach Luft zu schnappen. Sie hatte die Hände auf die Knie gestützt und sog die kühl gewordene Abendluft in ihre Lungen, bis ihr Atem wieder langsamer ging. Nur ihr Herzschlag wollte sich nicht beruhigen. „Ich habe Kopf und Kragen riskiert, um etwas zu tun, das dir am Herzen liegt.“ Sie sah Vera an, der die Ponyfransen an der Stirn klebten. In ihrem Blick lag etwas Ahnungsvolles, gemischt mit ein bisschen Furcht. „Jetzt“, sagte Mira jedoch ruhig, als hätte sie davon nichts bemerkt, „bist du an der Reihe.“

Kapitel 6

Im Inneren des Berges

Vera machte ein missmutiges Gesicht, während sie mit Mira im Schatten des Westturmes ausharrte. Mira konnte es ihr kaum verübeln – sie hatte sie ziemlich überrumpelt. Wahrscheinlich hatte es auch wenig Sinn, jetzt mit ihr darüber zu diskutieren oder sich gar zu entschuldigen. Mira war ohnehin vollauf damit beschäftigt, nach Edmund Porter Ausschau zu halten.

Sie starrte noch die Straße vor ihnen hinab, als unvermittelt jemand neben sie trat. „Ihr seht immens verdächtig aus, wie ihr hier herumlungert“, knurrte er, und Mira machte einen kleinen Satz zur Seite, so heftig fuhr sie zusammen.

Auch Vera riss die Augen auf und erstarrte zu Eis. Mira fuhr herum und erwartete felsenfest, sich Auge in Auge mit einem blau uniformierten Wachmann wiederzufinden. Ihr Gegenüber war tatsächlich im gleichen Alter wie die meisten Wachposten – vielleicht Anfang 20, gerade die Ausbildung beendet und ehrgeizig, spätestens bis zu seinem dreißigsten Geburtstag ein höheres Amt errungen zu haben. Allerdings trug er Hemd und Stoffhosen und einen Haarschnitt, der so raspelkurz und so hell war, dass er ebenso gut eine Glatze hätte haben können.

„Los, wir haben keine Zeit zu verlieren“, kommandierte er, ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten. „Viel auffälliger, als hier herumzustehen, geht es ja fast nicht mehr.“ Er wollte sich in Bewegung setzen, aber Mira hielt ihn auf. „Wer bist du?“, fragte sie. Ehe er sich nicht wenigstens vorstellte, war sie nicht bereit, ihm auch nur einen einzigen Schritt zu folgen. Vera zu überreden, sie zu begleiten, und sie dann in eine Falle zu locken – das konnte sie nicht riskieren.

Der Angesprochene drehte sich um und funkelte Mira an, als wäre sie ihm geradewegs in den Rücken gefallen. „Ben“, sagte er knapp.

„Schön.“ Mira ließ sich nicht einschüchtern. Das wäre ja gelacht! Nur weil er ein paar Jahre älter war und einen Befehlston wie die städtischen Wachmänner beherrschte, würde sie sich nicht alles gefallen lassen. „Das ist Vera. Und ich bin Mira –“

„Miriam Robins“, erwiderte er ungeduldig. „Ich weiß schon. Tochter eines erfolgreichen Staatsbeamten.“ Er verdrehte die Augen und sah dann mit wachsamem Blick die leere Straße hinab. „Und Vera Petersen. Tochter eines ehemals erfolgreichen Staatsbeamten. Können wir jetzt endlich gehen?“

„Wohin?“, fragte Vera und sah nun ihrerseits die Gasse hinab. Es war offensichtlich, dass sie nicht freiwillig hier war. Aber Ben hätte sich nicht weniger dafür interessieren können.

„Das werdet ihr schon sehen“, sagte er und setzte sich in Bewegung. Er war groß gewachsen und mit seinen langen Beinen so schnell, dass die beiden Mädchen in einen leichten Trab verfallen mussten, um zu ihm aufzuschließen. „Es ist ein Stück zu laufen, und ich schlage vor, dass ihr euch so still und unauffällig wie möglich verhaltet“, setzte Ben über die Schulter gewandt hinzu.

Er versprach nicht zu viel: Sie liefen eine ganze Weile und auf seinen Wunsch hin in absolutem Schweigen. Nur als sie die letzten Häuser der Stadt hinter sich ließen, wagte Mira die Frage: „Treffen wir Edmund Porter draußen auf den Feldern? Er hat dich doch geschickt, oder?“

Ben quittierte ihr Misstrauen mit einem genervten Blick und einer Geste, die sie zum Stillsein ermahnte. Also trottete Mira wortlos hinter ihm her und beschloss, es darauf ankommen zu lassen, ihm zu vertrauen. Trotz seines barschen Auftretens hatte er etwas an sich, dass es ihr abwegig erscheinen ließ, dass er sie hinters Licht führte.

Sie folgten einer Straße, bogen rechts in einen Feldweg ein, gingen eine Weile hügelaufwärts, dann über einen schmäler werdenden Pfad wieder hinab. Der Himmel über ihren Köpfen verlor zunehmend an Helligkeit. Schon war aus dem fast wolkenlosen Blau ein samtenes Lila geworden, und Mira konnte bereits den ersten Stern erspähen. Zu ihrer Linken erhob sich der felsige Grundriss des Klippenberges. Er überragte die hügelige Landschaft hier draußen ein gutes Stückchen. Mira erkannte ihn an seinen zerklüfteten Kanten, die man sogar von manchen höher gelegenen Punkten in der Innenstadt sehen konnte. Das Grau des Felsens hob sich in den Abendstunden nur noch schwach vom Dunkel des Himmels ab.

Wenn Ben sie hier zurückließe, würden sie sehen müssen, wie sie zurück in die Stadt fanden. Und das vor Beginn der Ausgangssperre in kaum drei Stunden. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, ihm zu vertrauen. Ja, vielleicht hätte sie erst gar nicht zu diesem ominösen Treffen am Westturm kommen dürfen. Schon gar nicht mit Vera, die eigentlich gar nicht hier sein wollte. Neben sich hörte Mira sie schnell und regelmäßig atmen. Ein Atemzug pro Schritt.

Als Ben plötzlich stehen blieb, rannte Mira fast in ihn hinein.

„Hört zu.“ Offenbar war das Redeverbot aufgehoben. Er gab sich nicht einmal sonderlich große Mühe, leise zu sprechen. „Sobald ihr einen Fuß in unser Hauptquartier setzt, gehört ihr genauso zu den Fischerkindern wie wir alle.“

„Hauptquartier?“, wiederholte Mira, und Vera fragte alarmiert: „Wer sind die Fischerkinder?“

Aber Ben dachte gar nicht daran, ihnen zu antworten.

„Es hat keinen Sinn, uns zu verraten. Sie lassen niemanden davonkommen, der mit drinsteckt, auch nicht wenn er den Rest der Gruppe persönlich ans Messer liefert.“

Nun endlich dämmerte es Mira, und ihr Magen zog sich mit einem heftigen Ruck zusammen. „Ihr seid eine konspirative Kleinstgruppe.“

Ben schnaubte. „Schön gesagt“, meinte er sarkastisch. „Hast du den Rest auch verstanden?“ Er sah zuerst Mira, dann Vera an und warf schließlich einen Blick über die Schulter. „Es hat keinen Sinn, uns –“

„Wir haben nicht vor, euch zu verraten“, erwiderte Mira ruppig. Bens Misstrauen begann, ihr gehörig auf die Nerven zu gehen. „Ich bin hier, um mehr über das Buch zu erfahren.“

„Und sie?“ Ben nickte zu Vera, die stumm neben ihnen stand.

„Für Vera lege ich meine Hand ins Feuer“, wehrte Mira ab, ehe diese selbst das Wort ergreifen konnte. Vera und sie verraten … sie waren Freunde seit der Zeit der Nachmittagsbetreuung im staatlichen Erziehungshaus, und die Jahre hatten sie zusammengeschweißt.

„Na, da bin ich ja beruhigt“, knurrte Ben, ließ sie aber endlich in Frieden und wandte sich um. Sie befanden sich jetzt am Fuße des Klippenberges. Die ersten Meter konnte man mit ein wenig Anstrengung bergan laufen, doch schon bald wurde der Hang so steil, dass es einer Kletterausrüstung bedurft hätte, um den Weg fortzusetzen. Der einzige halbwegs begehbare Pfad endete an der Tür einer Bruchbude von einer Hütte, die noch schäbiger aussah als die Behausungen in den Armenvierteln.

Ben steuerte direkt darauf zu. Mira konnte nichts Außergewöhnliches an dem winzigen Steinhäuschen finden. Es war moosbewachsen und windschief. Hinter dem einzigen Fenster klemmte etwas Schwarzes und versperrte ihnen die Sicht ins Innere.

Das konnte ja wohl unmöglich der geheime Treffpunkt sein! Niemand, der noch ganz bei Trost war, konnte auf die Idee kommen, ein verbotenes Treffen so offensichtlich abzuhalten. Eine Hütte außerhalb der Stadt war das letzte Versteck, das Mira zu einem solchen Zweck gewählt hätte. Selbst Edmund Porters Buchhandlung schien ihr ungefährlicher.

Daran änderten auch die Sicherheitsvorkehrungen nichts, die man offenbar getroffen hatte. Ben klopfte in einem geradezu lächerlich einprägsamen Rhythmus an die hölzerne Tür, und schon Sekunden später ließ eine Stimme von drinnen vernehmen: „Credo in unum Deum.“

Mira warf einen Blick zu Vera, um zu sehen, ob sie das Gesprochene verstanden hatte, doch ihre ängstlich geweiteten Augen ließen das Gegenteil vermuten.

Ben jedoch zögerte nicht einmal. „Et in unum Dominum Jesum Christum“, erwiderte er laut und deutlich.

Mira lauschte angestrengt, und das vertraute Wort ließ ihr Herz einen kleinen Hüpfer machen: Die Rede war von Jesus. Hatte in ihr noch irgendein Zweifel bestanden, ob sie Ben trauen konnte, hatte er sich nun in Luft aufgelöst. Unbestreitbar hatte Edmund Porter ihn geschickt, um sie abzuholen und hierher zu bringen.

Deshalb vergeudete Mira auch keine Zeit, als schließlich und endlich die Tür aufschwang. Direkt hinter Ben trat sie ein.

Der Innenraum der Hütte war winzig. Selbst ihr unscheinbares Äußeres strafte er Lügen. Von außen hatte es so ausgesehen, als könnten, dicht gedrängt, vielleicht acht oder neun Leute darin Platz finden. Doch als Vera sich als Letzte hineinzwängte, konnten sie sich kaum mehr rühren. Den meisten Platz brauchten ein rechteckiger Holztisch und Edmund Porter, der ihnen geöffnet hatte.

Mira war enttäuscht. Sicher, es hatte sie erschreckt, herauszufinden, dass sie sich auf dem Weg zum geheimen Treffen einer verbotenen Kleinstgruppe befanden; aber der Gedanke hatte auch etwas ungemein Spannendes und Anziehendes gehabt. Wie die Abenteuer in den Büchern, die sie gelesen hatte, war es gefährlich und aufregend zugleich. Dass die Gruppe lediglich aus Edmund Porter und dem unfreundlichen Ben bestand, entsprach rein gar nicht ihren Erwartungen.

„Mira Robins“, begrüßte Edmund Porter sie jedoch mit einem Schulterklopfen und so warmherzig, dass sie ihren Unmut hinunterschluckte. „Und Vera Petersen. Es ist gut, zu sehen, dass ihr sicher hier angekommen seid.“

Ben, der sorgfältig die Tür hinter ihnen verriegelt hatte, wandte sich zu ihnen um. Er stieß dabei an Mira und fegte mit dem Ellbogen beinahe eine flackernde Öllampe vom Tisch, deren Licht der schwarze Stoff schluckte, der in den Fensterrahmen geklebt war. Sie kam bedenklich ins Wackeln, aber Ben nahm sich kaum die Zeit, sie wieder in die Tischmitte zu schieben. „Bist du sicher, dass du ausgerechnet –“, setzte er an, doch Edmund Porter fiel ihm ins Wort: „Ganz und gar sicher. Ich vertraue ihr.“

„Das ist dein Problem“, brummte Ben. „Du verschenkst dein Vertrauen viel zu leichtfertig, Vater.“

„Vater?“ Mira sah im schwachen Licht der Öllampe von Ben zu Edmund Porter. Die dichten Brauen – bei Ben freilich in blond und nicht in grau – und die hellblauen Augen. Vielleicht noch die gerade, schmale Nase. Das waren die einzigen Ähnlichkeiten zwischen Edmund Porter und Ben.

„Also hat sich mein Sohn gar nicht vorgestellt“, seufzte Edmund Porter. „Nun, aber zum Kennenlernen ist heute Abend noch genug Zeit. Ihr wart die Letzten, also können wir gehen.“

Als Edmund Porter sich bückte und den Teppich aufzurollen begann, musste Mira einen Schritt zurücktreten. Sie versuchte, Ben nicht allzu nahe zu kommen – mit dem einzigen Ergebnis, dass sie ihm auf den Fuß trat und sich letzten Endes doch dicht an ihn pressen musste, um Edmund Porter Platz zu machen. Sie vermied es, Ben anzusehen, und beobachtete stattdessen jede von Edmund Porters geübten Bewegungen. Unter dem Teppich befand sich eine Falltür. Ein runder Metallgriff war mit einem Stück Schnur mit dem Läufer verbunden, und Mira ahnte, dass sie ihn über die verräterische Klappe ziehen würde, wenn man diese ruckartig genug zuzog.

Edmund Porter schloss sie auf und hob den Deckel an. Dahinter herrschte die schwärzeste Dunkelheit, die Mira je gesehen hatte. Zwei Leitersprossen waren im Schein der Öllampe zu erkennen, darunter verlor sich alles in bleierner Finsternis. Edmund Porter kletterte als Erster hinab, und das mit solcher Behändigkeit, wie man sie einem Mann in seinem Alter und mit seiner Statur niemals zugetraut hätte. Sie hörten seine Schritte auf den Leiterstufen, auch als sie ihn längst nicht mehr sehen konnten.

Mira wurde flau im Bauch. Der Schacht, der kaum breit genug für den rundlichen Mann gewesen war, schien weit in die Tiefe hinabzuführen. Irgendwo dort unten, in der dumpfen Enge eines unterirdischen Raumes, endete er. Sie musste zugeben, dass ein Versteck unter der Erdoberfläche geradezu genial war – wesentlich sicherer als die Hütte am Fuß des Klippenberges. Aber der Gedanke, metertief unter dem Berg festzusitzen, während die Luft immer dünner wurde und die Wände immer näher kamen, verursachte ihr einen leichten Anflug von Panik.

„Das Treffen findet doch nicht etwa da unten statt?“ In Veras Stimme klang die gleiche Beklommenheit, die Mira verspürte.

„Ich dachte, ihr wollt mehr über das Buch erfahren?“, fragte Ben. „Dafür gibt es keinen sichereren Ort als ein von vielen Metern massivem Felsen umgebenes Quartier.“ Er grinste. „Los jetzt! Ich kann die Falltür ja nicht ewig offen lassen.“

Weil er ungeduldig war und Mira sich nicht die Blöße geben wollte, ihre Angst zu zeigen, gab sie sich einen Ruck und setzte den ersten Fuß auf die Leiter. Schritt für Schritt, Handgriff für Handgriff arbeitete sie sich nach unten vor, während die Luft um sie herum immer kühler wurde und immer modriger roch. Viel früher als gedacht, fühlte sie festen Boden unter ihren Füßen.

„Sehr schön!“ Edmund Porter sorgte dafür, dass Mira Platz für Vera machte, die ihr flink und nahezu lautlos gefolgt war. Wahrscheinlich hatte sie ihre Scheu vor dem dunklen Schacht nur deshalb so schnell überwunden, weil sie nicht alleine mit Ben hatte bleiben wollen.

Als dieser ihnen folgte, verlosch das Licht, das durch das Quadrat über ihnen fiel, und schließlich klappte auch die Falltür mit ohrenbetäubendem Lärm zu. Der Knall hallte von den Wänden wider und machte Mira bewusst, wie nahe diese waren. Sie streckte die Hand aus und berührte beinahe sofort schroffen Stein.

Ben knipste eine Taschenlampe an, und zu Miras Erleichterung fiel der Schein nicht zu allen Seiten auf Wände, sondern hinter Edmund Porter auch in die Öffnung eines weitläufigen Tunnels. Die Wände waren nackter Fels, und Feuchtigkeit glänzte auf ihnen. Auch die Luft war feucht und schwer. Sie legte sich auf Miras Gesicht und trieb ihr trotz der Kühle den Schweiß aus den Poren, kaum setzten sie sich in Bewegung.

Sie ging dicht neben Vera, und jeder Schritt schnürte ihr mehr die Luft ab. Wie lange würde dieses Treffen wohl dauern? Eine Stunde, vielleicht zwei? Mira war nicht sicher, ob sie es so lange in der Enge des unterirdischen Geheimverstecks aushalten würde. Schon jetzt hatte sie das Gefühl, nicht ausreichend Luft zu bekommen. Sie war heilfroh, dass sie nichts zu Abend gegessen hatte. Allein der muffige Geruch dieses finsteren Verlieses ließ die Galle in ihrem Hals aufsteigen.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
23 grudnia 2023
Objętość:
481 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783865068217
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