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Meinrad Lienert

Schweizer Sagen und Heldengeschichten

Saga

Schweizer Sagen und HeldengeschichtenCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1914, 2020 Meinrad Lienert und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726683141

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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Vorwort.

Der Schweizerjugend, den Nachfahren jener starken Männer, die ihrer schönen Heimat bis auf den heutigen Tag die Freiheit zu sichern vermochten, widme ich diese Sagen und Heldengeschichten in erster Linie, dann aber auch der Jugend der ganzen Welt.

Ihr alle, ihr frischen Jungen und behenden Mägdlein, werdet in diesem Buche der Fee begegnen, die euch mit Glaube, Hoffnung und Liebe begnadet: mit dem Glauben an den treuen Gott und an die Kraft des Mutes, mit der Hoffnung auf den Sieg des Guten und mit der Liebe zu euerm Volk und Vaterlande, heisse es wie es wolle. Denn eines Helden Geschichte ist die Geschichte aller Helden, und aus den Sagen eines Volkes schauen die Traumaugen der ganzen Menschheit.

Ich gebe euch eine bunte Blumenlese aus dem Sagengarten der Schweiz, und ich tat auch noch ein kleines Märchensträusschen aus meiner engern Heimat dazu, das ich aus Sagen oder Sagenkeimen im allzeit freudig blühenden Gärtlein meiner Phantasie aufgehen liess. Mögen sich eure Herzen, die Herzen aller Welt daran erfreuen. Ich trommle aber auch die alten Eidgenossen aus den Gräbern und lasse sie ihre wahrhaften Schlachten noch einmal vor euch durchkämpfen. Hört ihr’s? Da rücken sie schon mit schwerem Berglerschritt heran. Hört ihr ihren Schlachtgesang?

Wir sind von guter Schweizerart,

Wohlauf zur heissen Welschlandfahrt,

Das Horn von Uri gellt!

Komm her, du treue Hellebart!

Und bin ich nur ein Hirtenknab,

Du bist mein starker Wandelstab,

Du bringst mich durch die Welt.

Haarus!

Meinrad Lienert.

Erster Abschnitt.

Die Pfahlbauer.

In nebelgrauen Vorzeiten, als noch fast die ganze Schweiz mit Urwäldern bedeckt war, hauste im Zürichgau ein uraltes Volk, das nur mit Fellen bekleidet war.

Aber jenes Volk wohnte nicht auf dem Lande, da die unabsehbaren Wälder voll von wilden Tieren waren, es wohnte auf den schönen blauen Seen, dem Zürichsee, dem Greifensee und dem Pfäffikonersee, die alle drei gar nahe, nur durch anmutige Höhenzüge getrennt, beisammen liegen.

Auf diese blauen Wasser hinaus hatten die alten Volksstämme, nicht weit von den Ufern ab, ihre Hüttendörfer auf unzählige Pfähle, über denen ein fester Bretterboden lag, gebaut.

Dort fühlten sie sich sicher. Allmorgendlich weckte sie das Waldhorn ihres Wächters aus dem ruhigen Schlafe, in den die Wellen ihr Schlummerlied sangen.

Dann erhoben sich die Pfahlbauer. Vergnügt schauten sie über ihre blauen Seen nach den Schneebergen aus und bestiegen ihre Kähne, um zu fischen, oder wagten sich ans dunkle Land, um mit ihren bronzenen Schwertern, Dolchen und Äxten auf die Jagd zu gehen.

Die Knaben und Mägdlein spielten um die Hütten und machten Fang mich! und allerlei Kampfspiele, dass der Bretterboden ob dem See krachte und die Hütten zitterten. Wenn aber die Wellen gar hoch gingen und sie der wilde Alpenwind, der Föhn, hetzte, stürzten sich die Pfahlbaujungen und die wilden Mägdlein in die hochgehenden Wogen und schwammen und tollten darin herum wie Nixen, denn das Schwimmen war ihnen schier angeboren.

Aber beim Zunachten wurden sie stiller. Sie setzten sich auf den Bretterboden vor die Hütten, liessen die Beine ins Wasser hangen und warteten mit Bangen auf die Heimkehr ihrer Väter. Wie jauchzten sie auf, wenn diese sicher am Pfahlbaudorf landeten mit ihren unförmlichen Einbäumen, in denen die Jagdbeute lag. Dann, bald darnach, sahen sie die wilden, greulichen Untiere aus der Tiefe des Urwaldes hervorbrechen und an den See kommen, in dem sie ihren Durst löschten. Riesenhafte Höhlenbären, Urochsen, Wisent und Elch und heulende Wölfe, alles wanderte dem Ufer zu.

Die Mägdlein schüttelten gruselnd ihre Schöpfe und Tierfellschürzchen. Die Knaben aber liessen wohl gar von ihren Eibenbogen einen Pfeil zu den Ungeheuern hinüberschnellen. Wenn die Kinder dann nachts in ihren schilfgedeckten Hütten lagen, ward es gar laut am Ufer. Der ganze Urwald schien aufzuheulen und zu brüllen. Dann freuten sich die Pfahlbaukinder ihrer sichern Hütten und dankten ihren heidnischen Göttern, die ihnen ein so sicheres Heim gegeben hatten.

Also lebten die Pfahlbauer lange, lange Zeiten hindurch auf ihren Pfählen in den drei blauen Seen.

Als sie aber nach und nach bessere Waffen herzustellen vermochten und immer zahlreicher wurden, wagten sie sich mehr und mehr ans Land, bis sie zuletzt ganz ans Ufer zogen. Dort begannen sie ihre Dörfer aufzubauen, wodurch dann auch allmählich die Stadt Zürich entstand, die zuerst nur ein kleines keltisches Jäger- und Fischerdorf war.

Die verlassenen Pfahldörfer in den Seen aber zerfielen nach und nach, bis sie die Wasser bei hochgehender Flut völlig zerrissen, oder bis sie irgendwie Feuer fingen und verbrannten.

Heute spielen dort die blauen Wellen, wo in grauen Vorzeiten einst die merkwürdigen Pfahlbaudörfer im See gestanden hatten. Aber aus der geheimnisvollen Tiefe heben die Fischer und Forscher heute noch zuweilen seltsame, goldig schimmernde Schwerter, Beile und Dolche, womit das verschollene Urvolk einst mit den wilden Tieren, mit den wilden Menschen und mit der ganzen wilden Zeit ums Leben rang.

Die Helvetier und die Römer.

Einst lebte in der Schweiz ein grosses keltisches Volk, die Helvetier. Ihre Städte und Dörfer standen vorab im mittleren und westlichen Schweizerland. Sie trieben Ackerbau und Viehzucht und waren glücklich dabei.

Unter ihnen lebte aber ein mächtiger Fürst, namens Orgetorix. Der war sehr ruhmsüchtig. Es gefiel ihm nicht, bloss ein Fürst in den Gauen Helvetiens zu sein. Er wollte nach Gallien ziehen, wo heute Frankreich liegt, und dann die Römer angreifen und Rom erobern. Von dort aus wollte er die Welt beherrschen. Er begann die Hirten in allen Gauen heimlich aufzuhetzen und liess ihnen sagen: „Warum wollt ihr denn in einem so kleinen und dürftigen Lande bleiben und zeitlebens arme Hirten sein? Lasst uns aufbrechen und das Land der Gallier erobern, wo der gute Feuerwein wächst. Niemand wird eurer Tapferkeit widerstehen können.“ Nach und nach stimmte ihm in geheimen Versammlungen fast alles Volk zu, und sie beschlossen, zusammen mit Weib und Kind zur Eroberung Galliens auszuziehen.

Aber endlich vernahmen die höchsten Fürsten des Landes doch seine Anschläge und luden ihn vor Gericht, damit er sich verantworte, denn sie bedrohten ihn als einen Landesverräter mit dem Feuertode. Jedoch Orgetorix kam zum öffentlichen Gerichtstage nicht allein, ihn begleiteten zehntausend Männer seines Gaues, die ihn vor seinen Feinden beschützen sollten. Doch da strömte das ganze helvetische Volk herbei, und es drohte ein furchtbarer Bruderkrieg auszubrechen. Da stürzte sich Orgetorix ins eigene Schwert und starb.

Nach seinem Tode vergassen aber die Helvetier seine grossen Pläne nicht mehr. Sie blieben unzufrieden in ihrem schönen Berglande. Und eines Tages beschlossen sie dennoch, in Gallien einzubrechen, um das fruchtbare Land zu gewinnen. Sie rüsteten also für drei Monate Lebensmittel. Darnach steckten sie ihre zwölf Städte und vierhundert Dörfer in Brand, denn nie mehr wollten sie nach Helvetien zurückkehren. Sieg oder Tod war ihr Losungswort.

Mit Frauen und Kindern, die sie in Wagenburgen mitschleppten, zogen sie am grossen Lemansee entlang gegen Genf, ihrer über zweimalhundertfünfzigtausend Menschen. Ihr oberster Anführer war der alte, schneeweisse Held Diviko, der einst als junger Mann die Römer zurückgeschlagen hatte.

Aber die Römer hatten den Anzug der Helvetier schon vernommen. In Eilmärschen rückte ihnen ihr berühmtester Feldherr, Julius Cäsar, entgegen und schlug sie in einer furchtbaren Schlacht bei Bibracte, nicht mit überlegener Tapferkeit, aber mit besseren Waffen und grösserer Kriegskunst. Über hunderttausend Helvetier bedeckten das Schlachtfeld. Die Überlebenden zwang der römische Feldherr, wieder in ihr eben verlassenes Land zurückzukehren, wo sie ihre Städte und Dörfer wieder aufbauen mussten. Aber Kraft und Mut des helvetischen Volkes war für immer gebrochen.

Bald rückten römische Besatzungen und Heere ins Land, die auch die tapfern Walliser und die wilden Rhätier im heutigen Graubündnerland unterwarfen. Diese gingen nach und nach in ihnen auf und nahmen sogar ihre Sprache an, die die Rhätier der wundervollen Bergtäler des Engadin heute noch sprechen. Grosse Städte entstanden, wovon Vindonissa im Aargau und Aventicum im Waadtland die grössten waren. Durch das ganze Land hinauf vom Lemansee bis zum Bodensee und bis ins Hochgebirge des Oberrheins gingen die römischen Türme.

Wenn nun die wilden deutschen Stämme jenseits des Rheins, die Alamannen und Sueben, ins Land der Helvetier einzubrechen drohten, flammte auf dem nächsten römischen Wachtturm am Rhein ein Feuer auf und dann auf dem etwas weiter abliegenden und dann auf dem noch weiter entfernten. Und so gingen nach und nach die Alarmfeuer von einem Wachtturm zum andern himmelan bis zu den Hauptlagern der römischen Soldaten, aus denen diese, sobald sie die Gefahr erkannten, mit Macht auszogen und zum bedrohten Rhein eilten, um die deutschen Völker von dem Fluss, der überall feste Grenzhäge hatte, abzuhalten.

Mehr als zweihundert Jahre beherrschten also die Römer das Land Helvetien, bis eines Tages die Alamannen und Sueben, wie ein langgestauter Bergstrom, über den Rhein hereinbrachen, alles vor sich niederwarfen und das schöne Land in Besitz nahmen. Die römischen und helvetischen Männer schlugen sie fast alle tot, aber ihre Frauen und Kinder liessen sie leben, und heute noch kann man manch einem träumerischen, hellen Kinderäuglein ansehen, dass sein Urahne einstmals zu jenem seltsamen verschollenen Volke gehörte, das einst aus Helvetien auszog, den sonnigen Süden zu erobern.

Die Herkunft der Schwyzer.

Vor alter Zeit begab sich im Lande der Schweden im kalten Norden eine grosse Teuerung und erwuchs daraus eine greuliche Hungersnot, so dass die Leute gar übel daran waren. Sie wussten sich nicht mehr anders zu helfen, als dass sie einen kleinen Teil des Volkes durch den Beschluss der Landsgemeinde zwangen, das Heimatland zu verlassen.

So zogen ihrer an die Fünftausend mit Weib und Kind aus dem mitternächtigen Lande und gelobten sich im Namen Gottes, dass sie sich nie verlassen wollten im Leben und Sterben. Sie gedachten durch alle Länder bis nach Rom zu ziehen, denn sie hatten vernommen, dass dort die Sonne beständig am Himmel stehe, und dass es statt der eisigen Schneekörner den Leuten süsse Früchte auf die Kappen schneie. Ihre Anführer aber waren zwei Brüder, die Swyt und Schej hiessen.

Also zogen sie durch ganz Deutschland und raubten und nahmen alles mit sich, was sie bekommen konnten. Zwar stellten sich ihnen viele Fürsten mit ihren Kriegsleuten entgegen, allein das wandernde Volk hielt sich männlich und schlug so unbändig drein, dass ihm überall der Weg freigegeben werden musste. Bei diesen Kämpfen verloren aber auch die Stämme Swyts und Schejs gar viel Volk. So kam es, dass sie überall, wo sie hinkamen, offene Pfade fanden, denn die Menschen in den Ländern, die sie durchzogen, hatten allenthalben von ihrer wilden Tapferkeit gehört und blieben vorsorglich in ihren wohlbefestigten Städten und Burgen. Diese aber liess das Wandervolk in Ruhe. Sie wollten nur ihren Weg nach Rom offen haben.

Sie kamen durch viel hundert deutsche Gaue bis an den grossen Vodensee, wo vor ihnen auf einmal die hohen Alpen und Schneeberge aufstiegen, die ihnen wie eine ungeheure Mauer den Weg zu versperren schienen.

Doch sie liessen sich nicht aufhalten, umgingen den See, wateten und schwammen über den Rhein und trieben sich durch rauhe Wälder und über Alpenweiden und blaue Seen, bis sie endlich dahin gelangten, wo heute nahebei, im Tale der Alp, das Salveglöcklein Unserer Lieben Frau zu Einsiedeln ertönt. Unerschrocken brachen sie in die dunklen Urwälder ein, bis auf einmal Swyt der Anführer mit seinem Haufen aus einem mächtigen Tannenwald heraustrat.

Da sah er über sich zwei gewaltige, turmartige Berge stehen, und unter sich erblickte er einen ungeheuren Nebelsee, über den das Schneegebirge herschimmerte. Und nun begann es im Nebel zu wallen und zu wogen. Er fing an, aus der Tiefe heraufzusteigen und sich aufzulösen, und siehe, da zeigte sich tief unten ein weites, grünes Tal, und darin lagen ein kleiner, blauer Bergsee und ein grosser, grüner, um den die Schneeberge standen.

Jetzt stiess Swyt in sein Horn, bis auch sein Bruder Schej mit seinem Volk herbeieilte. Alsbald stiegen sie mit all ihren Herden ins Tal herab und streiften bis an den grünen Bergsee, an dem ein einsamer Mann die Fähre hütete, von der aus man über den See und das Schneegebirge nach Rom gelangen konnte. Obwohl das wandernde Volk nun selber vorgehabt hatte, nach Rom zu ziehen, besann es sich jetzt doch eines andern. Die Anführer schauten nochmals zu den zwei Hakenbergen hinauf, die heute Mythen heissen, und dann kehrten sie mit allem Volk zu den grünen Weiden unter die beiden Berge zurück.

Und als sie am Fusse der beiden Riesentürme anlangten, trieben sie die Speere in den Boden und riefen: „Hier wollen wir wohnen in alle Ewigkeit!“

Also liessen sich Swyt und Schej im Tale nieder mit all ihren Leuten. Aber als sie dem Lande einen Namen geben sollten, gerieten die beiden Brüder in Streit, da jeder das Tal nach seinem Namen nennen wollte. Und sie sagten sich voneinander los, und wie sie sich früher geliebt hatten, so hassten sie sich jetzt.

Eines Abends, als das Alpenglühen auf den Schneebergen lag, fielen sie mit den Schwertern übereinander her und kämpften so lange miteinander, bis endlich Schej tot hinsank. Darnach wurde das ganze Tal nach dem siegreichen Anführer Swyt das Land Schwyz genannt, wovon dann in späterer Zeit die ganze Schweiz ihren Namen erhielt.

Das Drachenried.

Im Lande Unterwalden, am Vierwaldstätter See, hauste in unvordenklicher Zeit ein fürchterliches Untier. Ob dem Dörflein Wyl hatte es seine Höhle. Es war ein greulicher Lindwurm, der einen Schuppenpanzer um den Leib und messerscharfe Krallen hatte. Wenn er aus seiner Höhle durch die Luft schoss, sah er aus wie ein ungeheures fliegendes Krokodil. Aus seinem Rachen aber konnte er Feuer speien. Die ganze schöne Gegend um das Dörflein wurde von ihm verheert und in Furcht und Schrecken gehalten, also dass man das Dörflein Wyl zuletzt Ödwyl nannte.

Der Drache verschlang nicht nur das Vieh, sondern auch die armen Hirten. Und wenn ein Hirtenbühlein sich noch so sachte und still mit seinem vollen Milchtanslein den Hecken und Wäldern nach schlich, der Lindwurm sah es gewiss. Auf einmal schoss er heran, und weg war das Hirtenbüblein. Einmal suchten zwei arme Mägdlein Beeren in der Weid. Da schoss der Drache auch herbei und hätte gewiss beide verschlungen, wenn sie sich nicht ins Farnkraut hätten verstecken können. So war denn weder Mensch noch Vieh des Lebens sicher.

Da erbot sich ein ritterlicher Mann, namens Strutthahn, der aus dem Geschlecht der Winkelriede war, den Kampf mit dem Drachen aufzunehmen, wenn man ihn wieder in seine Heimat zurückkehren lasse, aus der er eines unbedachten Totschlages wegen verbannt worden war.

Die Unterwaldner nid dem Wald, die nicht mehr wussten, wie sie sich dess Lindwurmes erwehren sollten, sagten ihm’s feierlich zu.

Jetzt kam der Ritter Strutthahn Winkelried ins Land und ging nach Ödwyl, wo der Drache in seiner Höhle hauste. Er hatte ein Panzerhemd an, und seine Lanze umwand er mit einem Dornbusch.

Plötzlich schoss der Drache feuerspeiend aus seiner Höhle und geradewegs auf den Ritter los. Schon dachten alle Leute, die von weitem aus den Wäldern zuschauten, jetzt sei’s aus mit ihm. Doch Strutthahn Winkelried hielt dem Lindwurm die dornenumwundene Lanze entgegen, und blindlings fuhr dieser in seiner Drachenwut in sie hinein, also dass er nach kurzem heftigem Kampfe daran erstickte.

Jauchzend eilte nun alles Volk herbei. Aber als der Ritter, schweissdampfend, die Lanze aus dem Ungeheuer herauszerrte, rann ihm etwas von dem Drachenblut auf den blossen Arm. Obwohl er’s gleich wieder abwusch, musste er doch auch sterben.

Da trauerte das Volk um seinen Erretter aus grosser Not und baute ihm auf der Stelle, wo er den Drachen erlegt hatte, eine Gedächtniskapelle.

Drei Legenden.
1. Sankt Fridolin.

Einst fuhr ein Königssohn, namens Fridolin, aus dem grünen Irland über das Meer, bis er nach Frankreich kam. Von dort aus ging er weiter und predigte überall den Heiden das Christentum, bis er nach Säkkingen am Oberrhein gelangte.

Dort lebten auch zwei reiche Brüder, Urso und Landolph. Diese waren aber sehr ungleiche Brüder: der eine war wohltätig und der andere geizig. Da schenkte Urso, der wohltätige, dem heiligen Fridolin ein grosses Gut, das er in Glarus besass, wohin nun der Heilige zog.

Als er dort ankam, beschaute er mit grosser Verwunderung das Dorf Glarus, das unter einem schrecklichen Berge lag, dessen Schatten darüber hing. Weil die Glarner aber noch Heiden waren, fing er an, sie zum Christentum zu bekehren, was nicht so leicht ging, denn die Leute von Glarus glaubten an eine Göttin, die sie Frau Vrene nannten, und die hoch oben auf einem ganz von Felsen abgeschlossenen Gletscher wohnen sollte. Den Gletscher aber nannten sie Vrenelisgärtlein.

Aber nach und nach bekehrte er sie doch und liess sich unter ihnen nieder, ihnen von seinem geschenkten Gute grosse Wohltaten erweisend.

Als nun Urso, der wohltätige Bruder, in Säkkingen starb, ritt sein geiziger Bruder Landolph zum Gaugrafen Baldebert und klagte den heiligen Fridolin an, er habe sein grosses Gut im Glarnerlande widerrechtlich an sich gebracht, denn es sei eine Lüge, dass ihm’s sein Bruder Urso jemals geschenkt habe.

Der Graf Baldebert schickte sogleich nach Glarus zum heiligen Fridolin, er solle die Schenkung des Gutes durch Zeugen beweisen, ansonsten es an Landolph, den Bruder des Verstorbenen, falle.

„Ich will die Zeugen bringen,“ sagte der Heilige zu dem Boten. Alsobald reiste er mit ihm an den Rhein nach Säkkingen. Dort lud er das ganze Volk und den Grafen Baldebert ans Grab des verstorbenen Urso.

Wie nun alle beisammen waren, erhob sich der Heilige und rief mit lauter Stimme: „Urso, Urso, im Namen Gottes, der über Tote und Lebendige herrscht, stehe auf und zeuge für mich!“

Da bewegte sich die Erde; das Grab tat sich auf, und der tote Urso stieg heraus. Stillschweigend winkte er und ging der erschrockenen Menge voran zum Gericht, an dem eben die fünfzehn Gaugrafen tagten.

Dort trat er vor seinen todbleichen Bruder Landolph hin und redete ihn mit tiefer Grabesstimme an: „Landolph, Landolph! Was störst du meine Ruhe im Grab und beraubst mich also des Lohnes, den Gott mir für meine Schenkung gegeben hat?“

Voll Entsetzen fiel Landolph in die Kniee und bat ihn um Verzeihung und fügte auch noch sein Gut, das er im Glarnerlande besass, zu Ursos Schenkung hinzu. Darauf kehrte Urso wieder ruhig zu seinem Grabe zurück und legte sich hinein, und sofort schloss es sich für immer bis zum jüngsten Tage.

Die Glarner aber nahmen den heiligen Fridolin in ihr Landeswappen auf, das nachher in Hunderten von siegreichen Schlachten über ihren Reihen wehte.

2. Die Raben des heiligen Meinrad.

Nach der Zeit, als der heilige Gallus, der heilige Fridolin und der heilige Kolumban das heidnische Schweizerland mit Not und Mühe zum Christentum bekehrt hatten und überall Kirchen und Klöster gebaut wurden, lebte auf dem Etzelberge, da wo die Alpen der Urschweiz anfangen, ein gottesfürchtiger Einsiedler. Er hiess Meinrad und war aus dem Geschlechte der Grafen von Hohenzollern, das heutzutage das Deutsche Reich regiert.

Es war ihm in der Welt und im Kloster Reichenau zu laut geworden, darum hatte er sich auf den Etzel in die Einsamkeit zurückgezogen.

Da sass er nun vor seiner kleinen Kapelle, las in einem Buche und sah sinnend auf den knisternd blauen See, der tief unter lag, und schaute hinaus über unzählige, in Obstwäldern versteckte Dörflein zum verschneiten Säntis.

Nun hätte es ihm auf dem verschneiten Etzelberge gar gut gefallen, allein die Leute hörten von seiner grossen Frömmigkeit, und nach und nach stiegen sie von allen Seiten zu ihm hinauf, also dass er Gott und der Jungfrau Maria nicht mehr so dienen konnte, wie es doch allezeit sein sehnlichster Wunsch war.

Aber eines Tages, als die Leute wieder auf den Etzel kamen, fanden sie den Klausner nicht mehr. Er war über den wilden Sihlbach und tief, tief in die Wildnis hineingegangen, wo nur noch wilde Tiere lebten. Aber er fürchtete sich nicht. Auf dem Weg sah er in einer Tanne ein Nest, das ein Sperber bedrohlich umkreiste. Er jagte den Sperber vom Nest ab. Als er aber das Nest erstieg, fand er darin zwei junge Raben, die er sorgsam hinabtrug und mit sich nahm. Er ging, bis er an eine Quelle kam, die als ein eiskaltes Bächlein im finstern Walde entsprang. Bei ihr liess er sich eine Hütte und eine kleine Kapelle erbauen. Danach blieb er ganz allein in der Wildnis, die die Leute den finstern Wald nannten.

Da lag er schier Tag und Nacht im Gebet vor dem Muttergottesbilde, das ihm die fromme Äbtissin Hildegard von Zürich, die eine Königstochter war, hatte zutragen lassen. Um seine Hütte herum spielten seine zwei Raben. Und wenn nachts der Föhn von den Bergen kam und der Urwald um ihn herum krachte und Bären und Wölfe und ein greulicher Spuk von höllischen Geistern um sein Hüttlein tobte und heulte, fürchtete er sich doch nicht, denn die Engel eilten zu seiner Hilfe herbei und trösteten ihn.

Nach und nach, als er viele Jahre in der Wildnis gelebt hatte, wallfahrteten doch wieder Leute zu ihm, die von seinem heiligmässigen Leben gehört hatten. Einst aber schlichen sich heimlich zwei Räuber durch den Wald, die in der Hütte des Einsiedlers Schätze zu finden hofften. Doch er hatte sie im Geiste schon nahen sehen.

Wie sie nun in seine Hütte kamen, war er gar freundlich mit ihnen und bewirtete sie, so gut er vermochte. Aber auf einmal überfielen ihn die zwei Räuber und schlugen ihn mit ihren Keulen tot. Sie erschraken aber doch schier, als nun die zwei Raben St. Meinrads wie wild krächzten und um sie herumflatterten. Als sie aber die Kerze zu seinen Füssen anzünden wollten, wie er’s gewünscht hatte, brannte die von selber.

Jetzt packte sie ein grosser Schrecken. Sie erkannten, dass sie einen Heiligen ermordet hatten, und flohen durch die dichten Wälder davon, Stunden und Stunden weit. Aber hoch über den Riesentannen flatterten ihnen die Raben immer nach. Endlich sahen sie die Stadt Zürich. Dort glaubten sie sich nun wohlgeborgen. Sie gingen in eine Wirtschaft und wollten wegen ihrer Angst schon zu lachen anfangen, da schoss plötzlich das treue Rabenpaar durchs offene Fenster auf die Mörder los, und das bedünkte die andern Gäste gar seltsam. Sie nahmen die beiden Räuber fest, und siehe, bald erkannte man in den zwei Raben die Raben des Heiligen im finstern Walde. Die Mörder gestanden ihre Untat und mussten darnach auf dem Rade sterben.

Den heiligen Meinrad aber begrub man in der Wildnis, wo später das Kloster Maria Einsiedeln gebaut wurde.

Sein Herz jedoch wollte man ins Kloster Reichenau im Bodensee bringen, wo der Heilige einst Klosterherr gewesen war. Als man aber mit dem Herzen an der Kapelle auf dem Etzelberge vorbeifahren wollte, brachte man den Wagen so lange nicht weiter, bis man das Herz des heiligen Einsiedlers in der dortigen kleinen Kapelle beigesetzt hatte. Denn gar zu gerne war er früher vor der Kapelle gesessen und hatte von seinem Berge aus auf den blauen See und die schöne Welt hinuntergeträumt.

Die zwei treuen Raben St. Meinrads aber fliegen heute noch im Fähnlein der schwyzerischen Waldleute von Einsiedeln.

3. Das schlimme Krüglein.

Auf den Trümmern der grossen Römerstadt Vindonissa im Aargau, nahe beim heutigen Prophetenstädtchen Brugg, hauste einst ein heiliger Klausner, namens Teutbert. Er war aus dem fernen Schottland übers Meer gekommen und hatte überall fleissig das Christentum predigen und das heidnische Wesen abstellen helfen.

Als er nun alt geworden war, hatte er sich an die friedlichen Gelände der Aare zurückgezogen und auf den Trümmern der alten Heidenstadt ein schlichtes Kapellchen und eine kleine Hütte erbauen lassen. Darin führte er seit langem ein heiliges Leben und gedachte in süssem Gottesfrieden seine sage zu beendigen.

Eines Tages sass er in seiner Klause. Die Abendsonne erleuchtete seine Hütte also schön, dass die kahlen Wände, das harte Lager und der ungehobelte Tisch gar herrlich vergoldet wurden. Es war dem Heiligen, er sitze schon in der Wartstube des Himmels und alle Augenblicke müsste die Türe zum Paradiese aufgehen. Da begann er sein langes Leben zu überschauen. Und als er sah, wie es voll war von Mühsal und Kampf, von Geduld und Entsagung zur Ehre Gottes, wurde ihm wohl wie einer Blume im Sommermorgentau. Er war zufrieden mit sich, denn nun hatte er alle Sünde abgetan, und nichts sollte ihn mehr bewegen können, Gott zu missfallen, und wenn man ihm dafür die Grenzberge des ganzen Aargaus in Gold verwandelte. Und er freute sich in seinem Herzen, dass er die Welt so völlig überwunden und den Sieg über sich für immer davongetragen hatte. Nun durfte er ruhig, ja freudvoll sterben, denn die kleinen pausbackigen Englein würden ja wohl die Geigen frisch stimmen, wenn er durchs offene Himmelstor eintreten, wird. Ei, das wird ein Halleluja werden!

Wie er diesen lieblichen Gedanken noch so ausspann, klopfte es an die Türe der Klause, und jetzt ging sie auf, und ein schönes, rotwangiges Mägdlein trat über die Schwelle. Es schien ein Bauernmägdlein der Umgegend zu sein der Tracht nach, doch war es viel feiner, und er hatte es vordem noch nie gesehen. In der Hand trug es ein irdenes Krüglein.

„Gott zum Gruss, heiliger Vater!“ grüsste das Mägdlein.

„Sei mir gottwillkommen!“ antwortete der Einsiedler. „Was suchst du, Kind, in meiner armen Hütte?“

„Ich möchte bei Euch beichten, heiliger Vater,“ sagte das Mägdlein und senkte in holder Verschämtheit sein blondlockig Köpfchen, also dass es schöner war als ein frohlockender Sonnenstrahl in einem Weihbrunn.

Der heilige Teutbert hob seine Augen und sein Herz zu Gott und hörte an Gottes Statt die Beichte des lieblichen Mägdleins. Sie dauerte nicht lange, denn das Mägdlein wusste nichts Sündigeres zu bekennen, als dass es hie und da die Lust ankomme, die Leute ein bisschen zu necken. Als es der Heilige gesegnet hatte, sagte er freundlich lächelnd: „So geh nun, mein gutes Kind, und lass künftig deine Schelmerei.“

Nun erhob sich das Mägdlein, das bisan vor dem Einsiedler auf den Knieen gelegen hatte, und sagte zum Klausner: „Heiliger Vater, ich hätte Euch wohl gerne eine Gabe mitgebracht, wie es so Brauch ist, da Ihr arm seid und alt, aber ich habe nichts als dies irdene Krüglein, das will ich Euch gerne geben. Vielleicht, dass Ihr’s doch gut brauchen könnt, weil Ihr Euch gewiss schwer tut, wenn Ihr wie bisher das Wasser mit der Hand aus dem Bache schöpfen müsst, der zudem weit weg ist.“

Der Heilige lächelte und sagte gerührt: „Ich danke dir, mein Kind, aber das Krüglein kann ich nicht nehmen, denn zum ersten diene ich den Mitmenschen nicht um Lohn, und zum andern habe ich nun das Wasser dreissig Jahre lang mit der Hand aus dem Bach geschöpft; sie sei mein Becher, bis ich sterben darf.“

Damit tat er dem Mägdlein die Türe auf, und es machte sich still aus der Einsiedelei. Aber als es draussen vor der Hütte stand, stellte es das Krüglein hart an die Türe und verschwand dann im Gestäude.

Der heilige Teutbert aber sass noch ein Weilchen in der Hütte, die ein seltener Wohlgeruch erfüllte, also dass es ihm eine Zeit lang war, er sitze als ein honigsuchendes Bienchen in einem weissen Lilienkelch. Dann aber erhob er sich, um noch ein bisschen vor die Hütte zu gehen und die Abendkühle zu geniessen.

Wie er aber die Türe öffnete, schlug sie auf, und als er über die Schwelle trat, sah er das hübsche Henkelkrüglein vor der Hütte liegen. Es musste lächeln und freute sich des braven Mägdleins, das ihm durchaus sein Krüglein schenken wollte. Und als er’s so besah, fiel es ihm ein, dass er ein alter, bresthafter Mensch sei, und dass es ihm nichts schaden könnte, wenn er die fromme Gabe annehme und das Wasser künftig mit dem Krüglein, statt mit der blossen Hand zu seiner Labung schöpfe. Er sagte also der anmutigen und doch so demütigen Geberin in seinem Herzen Dank und machte sich gemächlichen Schrittes zum Bach. Dort füllte er das Gefäss an und kehrte dann heitern Sinnes, völlig zufrieden mit Gott und der Welt und sich, in seine Klause zurück.

Wie er in der Hütte ankam, stellte er das Krüglein aufs Fenstergesims. Aber kaum hatte er’s abgestellt, fiel es um, und das kühle Wasser, das er sich für die lange Hochsommernacht so bequem in der Nähe zu halten gedachte, floss in der Klause herum. Das bedünkte den alten Einsiedler lustig. Er lachte auf, nahm das Krüglein und machte sich so geschwind, als es ihm seine zitterigen Beine zuliessen, wieder zum Bach zurück, aus dem er’s von neuem füllte. Als er damit nach der Einsiedelei zurückkam, stellte er’s wieder aufs Fensterbrett, und als es wieder umzufallen drohte, nahm er’s flink zu Handen, holte ein paar Steinchen vor der Türe, ging wieder hinein und sagte: „Wenn du hinkst, so sollst du mir nun doch gerade stehen.“ Damit legte er die paar Steinchen aufs Fensergesimse und stellte das Krüglein auf der Seite darauf, wo er glaubte, dass es ein wenig schief sei. Aber kaum war er davon weg, so fiel das Krüglein wieder um, und das Wasser floss aus.

Jetzt wurde er aber ungeduldig. Brummend nahm er’s wieder auf, und da er sah, dass ein schweres Gewitter am Himmel stand, wollte er’s durchaus noch füllen, damit er nicht ins Gewitter hinaus laufen musste, wenn’s ihn in der heissen Nacht dürstete. Er machte sich also schwerfälligen Ganges zum Bach, der ziemlich weit weg war, und als er mit dem Wasser endlich wieder zurückkam, brummte er keuchend: „So, wenn du nicht stehen magst, so sollst du hangen!“ Und so hing er denn das Krüglein an einen Nagel an der Wand. Da blieb es auch ruhig hangen.

Bald legte er sich auf sein hartes Lager im dicht behaarten braunen Gewand und lauschte eine Weile dem Sausen und Brausen des Unwetters zu, das draussen eben losbrach. Mit Freude schlief er ein, denn wenn ihn auch in der Nacht dürften sollte, brauchte er doch nicht aus der Hütte zu gehen, das volle Krüglein hing ja am Nagel an der Wand.

Aber kaum war er eingeschlafen, gab es in der Klause einen Platsch und ein Gegluchz, und um ihn herum war ein Geschwemme, als schliefe er in einem Brunnentrog. Wie er aber um sich tastete, bekam er das Krüglein in die Hand. Es war also doch vom Nagel gefallen. Jetzt wurde er ernstlich zornig. Am liebsten hätte er’s zerschlagen, wenn er nicht gedacht hätte, der alte, rostige Nagel könnte schuld sein, dass das Krüglein bei dem Unwetter, das um die Hütte tobte, abfiel. Obwohl er nun in der schwülen Gewitternacht so fürchterlich zu dürften anfing, als hätte er ein Salzbergwerk im Leibe, wagte er sich doch nicht in das tobende Ungewitter hinaus.

Als aber der Morgen kam, beschaute er erst das Krüglein. Es war noch so ganz wie vorher. Dann blickte er nach dem Nagel, woran es gehangen hatte. Auch der Nagel stak noch fest in der Wand. Jetzt wurde ihm’s seltsam. Er ward unwirsch und böse auf das hinterhältige, tückische Krüglein. „Ich will einmal sehen, ob ich dich nicht zwingen kann,“ sagte er. In seinem grossen Verdrusse, den ihm das Krüglein machte, vergass er das Morgengebet, ja sogar die heilige Messe vergass er zu lesen und ging, so geschwind es ihm sein schwacher Körper gestattete, in den Wald, um Lehm zu holen. Aus diesem knetete er dann einen festen Fuss in seiner Klause. Und als er danach das Krüglein am Bache frisch angefüllt hatte und damit nach seiner Hütte zurückkam, stellte er’s auf den Lehmfuss und presste den weichen Lehm noch ringsum fest. Jetzt stand es endlich aufrecht und redlich da, und getroster werdend, wollte er sich eben auf seine geistlichen Pflichten zurückbesinnen, da hörte er ein Schütteln und Quirlen, und wie er sich umschaute, sah er das Krüglein schon wieder wackeln. Bevor er zuzuspringen vermochte, ging der Lehmfuss auseinander, und es fiel um, das kühle Wasser über seine Hände ergiessend.

Jetzt wurde der Heilige wütend. Er packte das Krüglein und schmetterte es also an die Wand, dass es in hundert Scherben zerstob.

Da wurde auf einmal seine Zelle taghell erleuchtet, und eine sanfte Stimme rief von oben: „O Teutbert, Teutbert! Du hast gemeint, die Hoffart, den Zorn und alle Laster der Welt für immer und ewig von dir abgetan zu haben, du hast gemeint, du könnest nicht mehr fallen, und hast dich in deinem Herzen für vollkommen gehalten. Und nun hast du dich schon um eines Krügleins willen, das nicht stehen kann, versündigt. O Teutbert, O Mensch, o schwacher Mensch!“

Zerknirscht und reueschwer sank der heilige Teutbert in die Kniee. Und als er nach langer Busse zu einem seligen Sterben kam, hatte er endlich das Böseste verlernt, die Hoffart, und das Beste erlernt, die Geduld.

Der Friesenweg.

Im Berner Oberland gibt es eine Gegend, das Saanenland, in der es nachts gar nicht geheuer ist. Da ist’s besser, wenn man nicht über Weg sein muss und im Guckauskämmerchen im sichern Laubbett liegen kann. Denn oft geht es draussen vor den Häusern und Stadeln fürchterlich zu mit Donnern, Dröhnen und Krachen, und es braust, heult, schellt und hornt durchs ganze Land. Wer’s aber hört, bekreuzt sich und macht sich unter die Decke, da er wohl weiss, dass das Friesenvolk über Weg ist.

Nämlich in alten Zeiten war vom Meer her ein Friesenvolk, das Hungersnot und Überschwemmungen aus der Heimat vertrieben hatten, in die schönen Täler des Saanenlandes eingezogen. Und da ihm diese grüne Bergwelt gar wohl gefiel, machte es sich darin heimisch. Die grünen Weiden wurden bebaut und die wilden Tiere in die Bergwälder zurückgetrieben.

Aber ihre alte Heimat konnten die Friesen doch nie vergessen bis auf den heutigen Tag. Darum steigt dies tote Volk oft in gewissen Nächten, besonders um die Winter-Sonnenwende, aus seinen Gräbern, schart sich zusammen und kehrt genau auf dem gleichen Wege, auf dem es einst ins Bernerland gezogen war, heim zu den fernen Ufern der grauen Nordsee. Und in der gleichen Nacht kehrt es auch wieder zurück, sobald es das Rauschen und Branden des Meeres vernommen hat, zurück in seine Grabhügel im bernischen Saanenlande.

Wehe aber jenen, die dem toten Friesenvolk seinen gewohnten Weg, von dem es keinen Finger breit abweicht, verlegen wollten! Häuser und Mauern zerfetzen die erzürnten Geister dann wie Garnknäuel und wischen alles aus ihrem Weg, als führen Lawinen vor ihnen her.

Vor vielen, vielen Jahren wurde einstmals dennoch auf einer Alp ein Viehstall aus Unbedachtsamkeit mitten auf den Friesenweg gebaut. Glücklicherweise waren aber durch Zufall seine beiden Türen gerade da angebracht worden, wo der Friesenweg ein- und ausmündete, also dass der unheimliche Geisterweg mitten durch den Stall gehen konnte. Daher liess der Senn vorsichtig alleweil, sobald das Vieh nach dem Melken wieder in die Nacht hinausgelassen worden war, die Türen sperrangelweit offen. So oft dann der Friesenzug durch den Stall brauste, wurde er doch nie verheert, noch geschah einem der mit Grausen auf dem Heulager liegenden Älpler etwas.

Eines Tages gedachte der Senn seine Lieben im Tale wieder einmal aufzusuchen, da er sie fast den ganzen Sommer über nicht mehr gesehen hatte. Er nahm also die Traggabel auf den Rücken und legte einen Buttersack darauf. Bevor er aber ging, rief er den Meisterknecht beiseite und empfahl ihm dringend, er möchte doch ja nie unterlassen, die Türen des Stalles während der Nacht sperroffen zu lassen, damit das tote Friesenvolk seinen Weg ungehindert durch den Stall nehmen könne, wenn es etwa umgehen sollte.

Als aber der Senn davongegangen und zu Tal gestiegen war, teilte der Meisterknecht den andern Knechten die Warnung des Sennen mit, und da hatten sie zusammen ein grosses Gelächter und verspotteten die Einfalt ihres Herrn. Sie trieben es so weit, dass sie übereinkamen, den Friesenweg zu versperren und daher die beiden Stalltüren zu schliessen. Gedacht, getan. Sie verriegelten beide Türen fest und legten sich danach lachend auf ihr Wildiheulager.

Draussen aber begann es zu winden, erst nur schwach und dann immer stärker, doch sie beachteten es nicht und schliefen ein.

Sie mochten noch nicht lange geschlafen haben, als sie auf einmal ein seltsames Murren wie fernes Donnern aufweckte. Erst glaubten sie an ein heraufziehendes Gewitter, aber durch die Spalten des Gadens schimmerten die Sterne. Und jetzt ward das Murren und Knurren stärker und ward daraus ein unheimliches Rauschen und Rollen. Und nun war es ihnen, sie vernehmen das Getute mächtiger Hörner, Pferdegewieher und Hundegebell und dröhnendes Waffenklirren.

Erschrocken richteten sie sich auf und lauschten. Deutlich hörten sie’s nun dahertraben und etwas wie ein unablässiges Peitschenknallen war ums Dach. Und jetzt fuhr’s an die Türe wie ein furchtbarer. Donnerschlag, von dem der Stall erbebte, und eine Stimme erscholl in der Nacht draussen: „Tüet uf die Tür, wan d’s Friesenvolch wott grad derdür!“ 1

Zu Tode erschrocken kauerten die Knechte auf ihren Heulagern. Aber keiner wagte es, den versperrten Weg freizumachen und die Türe zu öffnen.

Da gab es einen fürchterlichen Krach. Das ganze Stalldach samt den zentnerschweren Dachsteinen wurde emporgehoben, also dass die entsetzten Knechte eine Weile den Sternenhimmel über sich sahen. Doch legte sich das schwere Dach langsam wieder auf den Stall zurück.

Jetzt merkte der Meisterknecht mit Schrecken, dass es ihnen allen bös ergehen möchte, wenn die Türe nicht aufgetan würde. Und da er wohl wusste, dass sein Übermut und sein Ungehorsam die Hauptschuld an dem wilden Toben des Totenvolkes hatten, rief er hinunter in den düstern Stall: „In Gottesnamen tu’ ich auf!“ Zitternd machte er sich vom Wildiheu in den Stall hinab und tat dort die beiden Türen auf, soweit er nur konnte. Dann stellte er sich bebend, halbtot vor Angst, neben den Türeingang.

Kaum war der Durchgang offen, so gingen seltsame Männergestalten an ihm vorüber, die ihn alle um Haupteslänge überragten, und wünschten ihm freundlich guten Abend. Dann aber rauschte schnell wie ein Sturmwind ein ganzes Heervolk an ihm vorbei. Die Krieger waren in flatternde Stierfelle gekleidet, deren Hörner über die flachsfarbenen Locken der Männer drohend hinwegschauten. Auf der Schulter trugen sie lange Speere oder gewaltige Streitäxte, und an ihren Gürteln hingen breite Schwerter. An dem einen Arm aber hatten sie einen riesigen Schild. Kaum waren sie vorbei, so erschienen Reiter, die ihre wildschnaubenden Rosse kaum zu bändigen vermochten. In den geflügelten Helmen der Reiter spiegelten sich die Sterne. Wie der Sturmwind rasten sie durch den Stall. Ihnen folgte noch einmal Fussvolk, und nun rollten donnernd und mit Windesschnelle gewaltige Karren daher, in denen Weiber und Kinder mit goldblonden Haaren sassen. Flinke Jungen und zottige Hunde jagten neben ihnen her. Dann kamen wieder Krieger, und lange, lange ging es so fort und wollte kein Ende nehmen.

Mit Entsetzen und zitternd starrte der Meisterknecht auf den unendlichen Friesenzug. Das Lachen war ihm und den oben schreckensbleich lauschenden Knechten schon lange vergangen. Er konnte sich nicht von der Stelle bewegen. Und als endlich der ungeheuere Zug ein Ende nahm, glühten auch die windumbrausten Zinnen der Schneeberge auf, und es ward Tag.

Da schlich sich der Meisterknecht fröstelnd und schlotternd durch den Stall, stieg wieder aufs Heulager hinauf, wo die Knechte seiner voll Angst harrten. Dort legte er sich hin und erzählte mit tiefer Stimme, was er gesehen. Danach redete er kein Wort mehr. Am Abend war er eine Leiche.

Kaiser Karl der Grosse und die Schlange.

Der hochberühmte Kaiser Karl, der Mehrer des Deutschen Reichs und der gewaltige Feind des Heidentums, kam auch oft über den Rhein in die schweizerischen Vorlande, besonders nach dem weitbekannten Kloster St. Gallen geritten. Oft hatte er da mit den Klosterschülern seine Kurzweil.

Im Kloster lebte damals ein Mönch namens Tanko, der sehr geschickt war. Er soll der erste Glockengiesser des Deutschen Reiches gewesen sein. Ihn beauftragte nun der Kaiser Karl, er möchte für das Kloster eine Glocke giessen. Als nun der geschickte Meister die Glocke fertig hatte, liess er sie unter dem Dach neben der Kirche aufhängen. Da kam bald danach der Kaiser wieder in den Thurgau. Und als er nun eines Tages in die hochgelegene, schöne Stadt St. Gallen einritt, begrüsste ihn von der Klosterkirche her das Läuten der ersten Glocke.

Da freute sich der Kaiser sehr, denn die Glocke klang wie eine Orgel. In seiner Freude schenkte er dem Meister Tanko einen ganzen Zentner Silber, damit er eine Glocke von noch feinerem Klang giesse.

Aber obwohl nun der Mönch gar geschickt war, so war er doch nicht so gottesfürchtig wie seine Mitbrüder. Er behielt das Silber für sich und nahm nur Zinn und Kupfer für den Glockenguss. Als er nun die neue Glocke im Kloster neben der Kirche aufhängen liess, fiel der schwere Klöppel herab und erschlug den frevelhaften Meister auf der Stelle. —

Nun will ich aber ein Stücklein von der Gerechtigkeitsliebe Kaiser Karls erzählen.

Nämlich Kaiser Karl kam auch auf seinen Umzügen durch sein weites Reich in den Zürichgau und nach Zürich. Da hielt er in dem Haus zum Loch neben dem Grossmünster, von dem heute noch sein Steinbild auf die Stadt herabschaut, Hof und sprach Recht. Denn er hatte auf der Stelle, wo die Märtyrer Felix und Regula hingerichtet worden waren, eine Säule aufrichten lassen. An dieser hing ein Glöcklein, das jedermann ziehen durfte, der sich zu beklagen hatte, wenn der Kaiser bei Tische sass.

Eines Tages nun, als Kaiser Karl wieder frohgemut im Hause zum Loch Tafel hielt, hörte er das Klageglöcklein läuten. Er schickte einen Kriegsknecht hin, nachzuschauen, wer von ihm einen Rechtsspruch begehre. Aber der Kriegsknecht kam mit der Meldung zurück, dass niemand an der Säule beim Glöcklein zu sehen sei. Da ertönte das Glöcklein wieder und wieder. Jetzt ward es dem hohen Herrn unheimlich. Er befahl dem Kriegsknecht, sich in Hinterhalt zu legen und genau acht zu geben, was denn bei der Säule los sei. Der tat also, und da erblickte er zu seiner Verwunderung eine Schlange, die sich um das Glockenseil wand und es also läutete. Er meldete es sogleich seinem Herrn.

Jetzt erhob sich Kaiser Karl und machte sich mit mächtigen Schritten zu der Glockensäule. Da fand er die Schlange. Diese aber verneigte sich tief vor ihm und raschelte dann vor ihm her. Der Kaiser folgte ihr, und so führte sie ihn zum Ausfluss des Sees, wo sie im Schilf der Limmat ihr Nest hatte. Verwundert sah der Kaiser darin auf den Eiern der Schlange eine gewaltige Kröte kauern. Da befahl er, die scheussliche Kröte wegzunehmen, und da sie fremdes Eigentum und Leben hatte rauben wollen, verurteilte er sie zum Feuertode.

Einige Zeit nach diesem Rechtsspruch sass Kaiser Karl wieder im Hause zum Loch am Tische.

Da ging auf einmal die Türe wie von selbst auf. Der Kaiser und seine Gäste erschraken und dachten an Zauberei. Aber jetzt kroch die Schlange über die Schwelle. Sie kroch zum Kaiser heran, wand sich am Tischbein herauf auf den Tisch, stiess den Deckel am goldenen Becher des Kaisers auf und liess darein einen funkelnden Edelstein fallen, also dass man’s im Saale wie ein feines Läuten hörte. Dann verschwand sie und wurde nie mehr gesehen.

Karl aber, der dafür hielt, dass der Himmel seinen Sinn besonders habe prüfen wollen, liess über der Stelle, wo er der Schlange Nest gefunden, eine Kirche bauen, die das Volk die Wasserkirche nannte. Sie steht heute noch. Den Edelstein aber schenkte er seiner Gemahlin, die ihn zeitlebens in einer goldenen Kapsel auf dem Herzen trug.

Der Stier von Uri.

Auf der Surenenalp, die das Land Uri und das obwaldnerische Tal von Engelberg trennt, lebte einst ein blutjunger Schafhirte namens Urs im Ried. Die weite Alp gehörte dem Kloster Engelberg und trug ihm gar fette Einkünfte in goldgelber Butter und weissem Zieger ein. Zuweilen schlachtete der junge Schäfer ein Schaf und trug sein Fell ins Urserntal, wo er allerlei Sachen dagegen eintauschte.

Eines Tages, als er auch wieder dort war, zogen aus dem Welschland seltsame dunkelhaarige Männer durch das Hochtal. Sie trieben auserlesen schöne, hellhaarige Schafe vor sich her, wie sie der Hirtenbub noch nie gesehen hatte. Besonders ein kleines, schneetaubenweisses Lämmlein gefiel ihm also, dass er nicht mehr davon wegkam und die fremden Hirten flehentlich bat, sie möchten ihm doch das schöne Lamm schenken. Erst wollten sie nichts davon wissen. Aber endlich sagte ihm ihr Meister, er solle das Lämmlein haben, wenn er aufkniee und einen Rosenkranz bete. Willig tat er’s. Und danach überliess man ihm das weisse Lamm, und lachend gingen die welschen Hirten davon.

Urs im Ried aber, der junge Schäfer, kehrte im Flug nach der Surenenalp zurück mit seinem Lämmlein und wusste sich vor Freude über das schöne Schaf fast nicht zu fassen. Es musste immer um ihn sein, mit ihm essen und bei ihm schlafen. Er trieb es so weit mit seiner Abgötterei, dass er beschloss, das weisse Lämmlein zu taufen. Heimlich machte er sich über die Surenenecke nach Attinghausen ins Urnerland hinunter. Dort schlich er sich in die Kirche, erbrach den Taufstein und schöpfte Taufwasser daraus. Und heimlich machte er sich wieder auf die Alp zurück. Dort taufte er das vergötterte Tier nach christlichem Brauch.

Da war es, als ginge die Welt unter. Über die Berge herein kam es kohlenschwarz. Ungeheuerliche Wolkengestalten mit Köpfen und Armen jagten am Himmel hin, und dann begann es zu donnern, und ein Unwetter kam, davon die Erde erbebte. Ein Blitz schlug wie ein Riesenhammer in die Hütte, sie zerschmetternd. Als aber der junge Hirt, an nichts denkend als an sein weisses Lämmlein, sich ängstlich nach diesem umsah, um es zu retten, stand statt dessen ein entsetzliches schwarzes Ungeheuer in den Alpenrosen.

Zu Tode erschrocken wollte er davonhasten, aber das Ungeheuer stürzte ihm nach, und im Hui war er zerfetzt und zerrissen.

Von da ab war es nicht mehr geheuer auf der Alp. Menschen und Vieh schlug das grause Ungetüm, das die Hirten der Surenenalp das Greiss nannten. Nach und nach wollte kein Engelberger Äpler mehr auf der Alp sömmern, und sie wurde auch immer unfruchtbarer, also dass das Gotteshaus Engelberg sie den Urnern um einen Spottpreis verkaufte. Doch sie hatten auch nicht viel davon, denn auch sie schädigte das fürchterliche Greiss an Menschen und Vieh.

Da kam einmal ein Fahrender Schüler nach Altorf unter dem Bannwald. Der anerbot sich, den Urnern zur Erlösung der Alp von dem fürchterlichen Greiss einen guten Rat zu geben, wenn sie ihm den Geldbeutel mit Kronen füllen und ihm den Becher siebenmal mit dickrotem Welschwein ausebnen wollten. Als sie’s nun getan hatten, riet er ihnen, sie möchten ein silberweisses Stierkalb aufziehen und es neun Jahre lang mit reiner Milch tränken, und zwar das erste Jahr mit der Milch von einer, das zweite Jahr mit der Milch von zwei Kühen und so weiter bis auf neun. Dann sollten sie den erwachsenen Stier durch eine reine Jungfrau zu der Alp führen lassen, in der das Greiss umgebe.

Alles wurde so ausgeführt. Wie nun die neun Jahre um waren, bot sich Agnes, die Tochter des Freiherrn von Attinghausen, an, die Erlösung der Alp zu vollbringen. Und also zog sie eines Tages mutterseelenallein, weissgekleidet und bräutlich geschmückt, auf die Surenenalp. An einem seidenen Schnürchen aber, das in einem Nasenring hing, führte sie den silberweissen Stier hinter sich her, der ihr willig folgte.

Wie nun die Jungfrau um Sie Surenenecke bog, erhob sich ein schreckliches Gewitter. Der Sturmwind pfiff und schnob daher, als wollte er alle Berge über den Haufen stossen; schwarze Donnerwolken machten den Tag zur Nacht, und ganze Garben von Blitzen machten sie wieder zum Tag. Aber auf einmal war ein seltsames Brüllen in der Alp, und jetzt hüllten die daherfahrenden Wolken alles ein.

Als sich die Urner nach langem, bangem Warten unten zu Attinghausen endlich auf die Alp getrauten, da es droben still geworden zu sein schien, fanden sie auf den Alpenweiden ein unförmlich, schrecklich zugerichtetes Ungeheuer: es war das tote Greiss. Aber nicht weit daneben lag auch der siegreiche silberweisse Stier tot in seinem Blute. Doch entsprang unter ihm eine reiche Quelle, die man von da ab Stierenbach nannte. Schon wollte man in Jubel ausbrechen, da fragte einer nach Agnes, der Jungfrau von Attinghausen. Doch nirgends war sie zu finden, und wie man auch die Alp absuchte, sie blieb für immer verschwunden.

Da waren die Urner sehr unglücklich. Konnte auch das Greiss ihr Vieh nicht mehr schlagen, so hatten sie die Erlösung der Alp mit dem Leben der Jungfrau doch teuer bezahlt. Also hielten sie eine feierliche Landsgemeinde zu Altorf ab und beschlossen, den Kopf des siegreichen Stieres mit dem Nasenring in ihr Landeswappen aufzunehmen, das nachmals der Schrecken ihrer Feinde wurde.

Die Jungfrau von Attinghausen aber nahmen sie auf ewige Zeiten in ihre Herzen auf.

Das Neunuhrglöcklein von Schaffhausen.

Zur Zeit der Kreuzzüge, als viele Ritter und Kriegsknechte ins heilige Land gezogen waren, um das heilige Grab Christi den Ungläubigen zu entreissen, war auch ein Ritter aus der Stadt Schaffhausen, wo die schöne Erkerstrasse steht, mit ihnen über das Meer gefahren.

Schon lange Jahre war er aus der Heimat fort und dachte mit Schmerzen seiner lieben Frau, die er auf der stolzen Burg ob der Stadt, wo jetzt der Munot steht, zurückgelassen hatte. Und je mehr er ihrer und der schönen Heimat und der trauten Stadt am Rheinfall gedachte, desto schwerer wurde ihm zumute. Wie nun im heiligen Lande die Waffen eine Zeitlang ruhten, übernahm ihn das Heimweh völlig. Er liess sein Pferd satteln und zog mit seinen Kriegsknechten aus dem Lande Palästina fort, um heimzukehren.

Eine unendlich lange Zeit hatte er, bis er durch aller Herren Länder in die heimatlichen Gaue gelangte. Aber endlich sah er hie und da schon seine hochgelegene Burg aus den Hügeln auftauchen, und obwohl er noch weit von der Stadt Schaffhausen weg war, meinte er doch schon den Rheinfall rauschen und brausen zu hören. Das widerklang wie Musik in seinem Herzen. Er spornte sein Pferd und ritt, so rasch es sich bei den damaligen schlechten Prügelwegen tun liess, der Stadt am Rheine zu. Es ging schon der Nacht zu. Noch einmal sah er von weitem die Burg aufleuchten in der blutrot hinter dräuenden Wolkenbergen verschwindenden Sonne.

Dann geriet er wieder in düstere Wälder.

Noch nicht lange war er mit seinen Reisigen darin geritten, so donnerte es ob dem Walde. Und unversehens brach ein fürchterliches Gewitter los. Schnaubend und gluchzend fuhr ein Sturmwind durch die Bäume, und dann begann es aus allen Himmeln wie mit Eimern zu schütten. Und es wollte nimmer nachlassen. Die Bäume boten bald keinen Schuss mehr. Sie wurden selber zu Regentraufen, und mit Ach und Krach, nass wie Wasserschnecken, brachen der Ritter und seine Kriegsknechte durch das fürchterliche Dickicht, in das sie sich verirrt hatten, denn mittlerweile war es stockfinstere Nacht geworden. Wohl leuchteten ab und zu grelle Blitze ins Waldesdüster, aber die Verirrten konnten den rechten Weg gleichwohl nicht wiederfinden. Wie sie auch riefen, niemand antwortete ihnen, denn nun setzte der Sturmwind wieder ein, der die triefenden Bäume schüttelte und ihre krausen Wipfel also wild kämmte, dass die Zweige von den Ästen gingen.

Da machte der Ritter mit seinen Leuten ratlos Halt, denn er wusste nicht mehr, wo aus noch ein. Er hatte keine Ahnung, wo die Stadt Schaffhausen, wo seine Burgfeste stehen könnte. Wenn doch nur ein Hornruf oder ein Glockenklang von der hochgelegenen Burg in die Wildnis dringen würde, in der sie immer im Kreise herumzugehen schienen. Aber wie sollte der Türmer auf dem Schloss ins Horn stossen, da er keine Ahnung hatte, dass sein Herr, den er weit über dem Meer im heiligen Land glaubte, so nahe sei.

Jetzt aber begann es zu stürmen und zu wettern, fürchterlicher als je. Krachend fuhren die Blitze in die Bäume, und es wurde so finster, dass die Kriegsknechte ihrem Herrn hart auf dem Fusse folgen mussten, wollten sie ihn nicht verlieren.

Da hörte auf einmal der Wald auf. Jauchzend gab der Ritter seinem Pferd die Sporen. Es bäumte sich hoch auf und wollte nicht vorwärts. Er spornte es heftiger. Hoch auf sprang es nun. In diesem Augenblicke erleuchtete ein flammender Blitzstrahl die Gegend taghell, und mit Entsetzen gewahrte der Kreuzritter noch, dass er mit seinem Ross in die Fluten eines still, aber reissend dahingleitenden Baches hineinsprang. Er wollte aufschreien und das Pferd zurückreissen, da packten ihn schon die Wildwasser, und es versanken Reiter und Ross. Seine Knechte aber, die den hochgehenden Bach nicht gesehen hatten, fielen nun einer nach dem andern in die trübe Flut und ertranken. Nur der letzte wurde von den Wellen ans andere Ufer gerissen, wo er sich an einer Staude zu halten und aufs Bord zu ziehen vermochte. Jetzt wurde die Gegend wieder vom Blitze erhellt, und nun erkannte der gerettete Kriegsknecht, dass er sich am wilden Bach im Mühletal befand. Aber wie er auch Ausschau nach seinem Herrn und seinen Kriegsgefährten hielt, er sah nichts mehr von ihnen, und auf all sein Rufen antwortete nur das Brausen des Sturmwindes, der Donner des sich rasch verziehenden Gewitters.

Eine Weile noch wartete der Knecht. Doch als alles totenstill blieb, packte ihn ein Grausen. Er machte sich, so schnell er vermochte, auf den Weg nach dem Schlosse auf, der weithinsehenden Anhöhe, denn nun erkannte er, dass sie sich schon ganz nahe bei der Stadt Schaffhausen, ihrem heiss und lang ersehnten Ziele, befunden hatten, ohne dass sie’s gewahr worden waren. Dort wurde er gleich in die Burg eingelassen, und er berichtete der voll Jammer aufschreienden Burgfrau noch in der Nacht, welch schreckliches Unglück ihren Gatten betroffen hatte.

Am andern Morgen brachten ihre Hörigen, die die ganze Nacht den Bach abgesucht hatten, ihren Gemahl und die andern ertrunkenen Knechte ins Schloss, wo sie aufgebahrt und danach feierlich beerdigt wurden. Der Schmerz der Edelfrau war grenzenlos. Jahrelang hatte sie sich in Sehnsucht nach ihrem geliebten Ritter verzehrt, und nun er endlich unversehens kam und ihr die höchste Freude ihres Lebens geworden wäre, wurde ihr das grösste Leid. Und er war doch so nahe schon ihrer Burg, so nahe ihrem Herzen, er, den sie unendlich weit weg glaubte. Hätte sie doch eine Ahnung gehabt, sie hätte ihre Burgkatze, ein unförmliches Geschütz, Tag und Nacht abfeuern lassen, und der Turmwart hätte sich an seinem Horn schier tot blasen müssen. So hart vor seinem Hause musste ihr geliebter Mann sterben. Sie war kaum zu trösten.

Als aber ihr Kreuzritter und seine treuen Kriegsknechte im Grabe lagen, liess die Edelfrau ein silbernes Glöcklein giessen. Und von dem Tage an, da man’s im hohen Wendelstein ihrer Burg aufhing, musste es alle Nacht um neun Uhr geläutet werden, denn um neun Uhr war der Ritter ertrunken.

Von nun an hörten die einsamen Wanderer, die sich etwa zu Beginn der Nacht in der Wildnis des Mühletales verliefen oder sonstwo verirrten, um neun Uhr den silbernen Klang des Burgglöckleins und fanden sich, den traulichen Tönen nachgehend, bald in der guten Stadt Schaffhausen am Oberrhein.

Der listige Habsburger.

Mitten in der Schweiz, im schönen und fruchtbaren Kanton Aargau, steht das Stammschloss der Habsburger, der heute noch regierenden Kaiser von Österreich. Aber es wird schon ewig lange nicht mehr von ihnen bewohnt.

Ausgangs des dreizehnten Jahrhunderts hauste auf jener hochthronenden Burg Graf Rudolf von Habsburg, der nachmalige deutsche Kaiser. Er war ein einfacher Mann und im Lande überall bekannt wegen seiner Klugheit und beliebt wegen seiner Mannhaftigkeit in allen Dingen. Er war aber unablässig darauf bedacht, seines Hauses Macht und Ansehen zu mehren.

Nicht weit ab vom kleinen, lieblichen Kassensee, in dem sich die silberstämmigen Birken spiegeln, hauste ein anderer mächtiger Herr, der Freiherr Lüthold von Regensberg. Der sass auf seiner starken Feste an der Lägern und schaute über die Mauer seines kleinen Städtchens immer gen die nahe Stadt Zürich hin, die er gar gerne unter seine Herrschaft gebracht hätte. Rings um die Stadt hatte er feste Burgen, die sie wie ein steinerner Ring einschlossen, und die voll steckten von seinen Kriegsknechten. Erst wollten die Zürcher versuchen, mit dem hochmütigen Freiherrn gütlich auszukommen. Aber er verdarb es immer wieder mit ihnen, also dass zwischen ihm und der aufblühenden Nachbarstadt eine hartnäckige Fehde aufging.

Da der Freiherr gar mächtig war und auch starke Zuzüge der Adeligen hatte, wandten sich die Zürcher in ihren Nöten an den Grafen von Habsburg um Hilfe. Und der empfing schlicht und bescheiden ihre Boten und sagte ihnen seinen Beistand zu.

Als die Zürcher danach mit dem Regensberger den Streit begannen, erlitten sie zuerst manche böse Schlappe. Aber der Graf tröstete sie, und wie nach und nach der Adel des Aargaus und Thurgaus nicht mehr mit dem Freiherrn Lüthold lief, ging es ihnen und ihrem Schirmherrn besser. Es gelang ihnen, ihm eine Burg um die andere wegzunehmen, bis auf die feste Burg auf dem Berge Albis bei Zürich, die Baldern genannt, und bis auf die Ütliburg zuhöchst auf dem Ütliberg, von wo aus man schier über den ganzen See hinauf und den Zürchern in die Kamine hineinsehen kann. Solange sie aber diese zwei festen und unzugänglichen Schlösser nicht hatten, konnten sie die Herrschaft des Regensbergers nicht brechen. Mit Gewalt jedoch kamen sie nicht hinein.

Da versuchte es der Graf Rudolf von Habsburg mit List.

Eines schönen Abends — die Schneefelder der Glarnerberge waren blutrot in der untergehenden Sonne — ritt der Habsburger mit fünfunddreissig Reitern in die Nähe der Burg. Jeder hatte einen vollständig gerüsteten Mann hinter sich auf dem Pferde. Als sie nun unweit der Burg ins Unterholz kamen, sprangen die hintern fünfunddreissig Reiter ab und versteckten sich in einer kleinen Schlucht. Andern Tages kamen nun die fünfunddreissig Reiter wieder und streiften übermütig um die Burg, die Burgknechte zum Kampfe herausfordernd. Wie diese nun sahen, dass sie’s nur mit fünfunddreissig Reitern zu tun hatten, taten sie plötzlich die Tore auf und jagten dem anscheinend flüchtigen Grafen und seinen Reitern nach. Da sie jedoch weit genug von der Burg weg waren, stiegen die Reisigen, die sich abends vorher bei den Burgmauern in einer Schlucht versteckt hatten, rasch herauf und fielen durchs offene Tor in die Burg hinein. Rasch war das Gesinde überwältigt und das Schloss gewonnen, was vom Schlossturm mit Trompetenstössen dem auf Umwegen heranreitenden Grafen Rudolf kund gemacht wurde, worauf die ihn verfolgenden Reiter verstoben.

Aber noch trotzte zuoberst auf dem Berge, von wo einst schon das Urvolk der Kelten aus seinem Refugium über den See hingeschaut hatte, die feste Ütliburg. Ihr war gar nicht beizukommen, alle Stürme wurden abgeschlagen, obschon nur wenig Mannschaft darin steckte. Doch Graf Rudolf, der Habsburger, wusste Rat.

Die Burgknechte der Ütliburg hatten zwölf milchweisse Schimmel, auf denen sie schier alltäglich zur Jagd oder auf Raub ausritten. Nun liess der Habsburger durch die Bürger von Zürich ebenfalls zwölf schneeweisse Schimmel rüsten. Dann rückte er Heimlich, bei Nacht und Nebel aus, den steilen Berg hinauf und versteckte sich im Hochwald auf der zugänglichen Seite der Burg mit den zwölf Schimmelreitern. Bei ihm befand sich auch noch eine kecke Schar Zürcher Fussvolk. Also erwarteten sie den Morgen.

Als nun die Burgknechte am andern Tag um Mittag auf ihren weissen Schimmeln wie alle Tage zum Burgtor hinausritten, um zu jagen, gab der Graf von Habsburg mit seinen verborgenen Zürchern fein acht, wohin sie sich wenden, und als nun die Reiter weit weg waren, brach er mit seinen elf Reitern und ihren milchweissen Rossen aus dem Gebüsch und jagte auf die Ütliburg los, hinter ihnen drein aber rannte mit wildem Geschrei das zürcherische Fussvolk.

Jetzt erschraken die in der Burg zurückgebliebenen Knechte, denn sie glaubten, dass es ihre zwölf Schimmelreiter seien, die da, von den Zürchern gehetzt, gegen die Burg heraufsprengten. Weitauf taten sie das Tor, um sie rasch in die sichere Burg einzulassen. Und so jagten denn der Habsburger und seine Reiter in vollem Galopp durchs offene Tor ins Schloss binein.

Nun merkten die Schlossknechte den Irrtum, aber da flogen ihnen schon die Blechhauben und Sturmhüte von den Köpfen; die Zürcher kamen hintendrein, und bald war die Feste genommen. Gleich danach loderte das Feuer daraus himmelan, das den Zürchern drunten in der Stadt als ein willkommenes Freudenfeuer erschien.

Nur noch das Städtlein Glanzenberg, das ebenfalls dem Freiherrn von Regensberg gehörte, war jetzt der Stadt Zürich gefährlich. Es lag hart am Wasser der Limmat und verwehrte den Kaufleuten der Stadt die freie Fahrt auf dem Fluss ins Tiefland gen Basel. Auch da wusste der schlaue Habsburger zu helfen. Auf seinen Rat füllten die Zürcher schwere Warenschiffe mit Fässern, in denen sie Kriegsleute versteckten.

Als nun die Ruderknechte mit diesen Schiffen eines Tages den Fluss hinabfuhren und sich dem Städtlein Glanzenberg näherten, liessen sie im dichten Gebüsch die Bewaffneten aus den Fässern rutschen und ans Land steigen, wo sie sich mit Graf Rudolf vereinigten, der mit seinen Leuten schon im Gestäude steckte, denn er war nachts dahingeritten. Wie nun die Schiffe nahe beim Städtlein Glanzenberg waren, drängten sie die Ruderknechte ans Ufer, stiegen aus, ein fürchterliches Jammer- und Hilfegeschrei erhebend und allerlei Zeug, sonderlich Tuchwaren, in die schnellen Wasser der Limmat werfend.

Jetzt ging das Tor des Städtleins auf, und die Stadtknechte und das geringe Volk der Einwohner stürzte heraus, um alle die Waren, die im Wasser schwammen und die sie für gestrandet hielten, zu rauben. Aber die Schiffsknechte, die wohlbewehrt waren, empfingen sie mit Hieben und hielten sie so lange hin, bis aus dem Städtlein ein mörderliches Geschrei herausgellte. Da wussten sie, dass der Habsburger derweilen mit seinen Reitern und den Zürchern in das feste Wassernest eingefallen war. Des Städtleins Kriegsknechte aber und die Einwohner, die sich so unbesonnen von ihrer Habgier hatten hinauslocken lassen, machten sich voll Schrecken davon, als sie aus dem Städtlein einen roten Rauch aufgehen sahen. Also ward auch dies letzte Bollwerk des Regensbergers um die Stadt Zürich genommen und bis auf den Grund so völlig zerstört, dass heute in seinen wenigen Trümmern nur noch etwa ein einsamer Reiher nistet. Der einst so mächtige Regensberger aber musste zuletzt froh sein, dass ihn die Zürcher als ihren Bürger annahmen, und in der Stadt beschloss der Freiherr, dem einst der halbe Zürichgau gehörte, sein Leben.

Der einfache und leutselige Graf Rudolf von Habsburg aber hatte an der aufstrebenden Stadt Zürich einen guten Freund gewonnen. Später ward er zum deutschen Kaiser gekrönt und brachte als solcher sich und sein Haus zu grosser Ehre.

Von diesem deutschen König wäre gar viel Rühmliches zu erzählen. Ich will nur noch ein lustiges Stücklein von ihm berichten, das zeigt, was für ein gutmütiger Herrscher er gewesen ist.

Nämlich, einst hielt er Hoflager vor der Stadt Mainz. Da ging er, wie oft, als ein bescheidener Lanzenknecht gekleidet, in die Stadt. Weil es aber bitter kalt war, trat er in eine Bäckerei ein und machte sich an den Backofen, die Hände zu wärmen. Doch die Bäckerin wollte das nicht leiden und schnauzte ihn an: „Geh fort, du schäbiger Hund, zu deinem Bettelkönig, der mit seinen Reisigen und Knechten das ganze Land aufzehrt. Und wenn du dich nicht gleich rausmachst, so giesse ich dir diesen ganzen Kübel voll Wasser über den Kopf!“ Das schrie die Bäckerin mit noch ärgeren Schimpfworten. König Rudolf wollte sich einen Spass machen und ging nicht. Da goss ihm das Weib wahrhaftig den ganzen Kübel voll eiskalten Wassers über den Kopf, also dass er troff wie ein Regendach im Wolkenbruch. Jetzt eilte der König davon, ging ins Lager zurück vor der Stadt und kleidete sich um.

Bei Tische erzählte er lachend sein Abenteuer. Dann nahm er eine Flasche guten Weins vom Tisch und schickte sie samt einer Schüssel der auserlesensten Speisen durch einen Diener zu der unhöflichen Bäckerin. „Geh,“ sagte er zu ihm, „bring ihr das mit meinem Grusse und sage ihr, der alte Landsknecht, dem sie am Morgen so gastfreundlich den Kübel voll Wasser über den Kopf geleert habe, lasse sich bei ihr für das frische Bad schön bedanken.“

Wie erschrak die unfreundliche Bäckerin, als sie vom Diener vernahm, wem sie am Morgen solches Leid angetan hatte. Sie eilte ins Lager, warf sich vor dem König in die Kniee und bat ihn flehentlich um Verzeihung. Er aber sagte: „Ich will dir verzeihen, doch musst du nochmals alles so sagen, wie du’s mir am Morgen gesagt hast.“ Wohl oder übel musste sie’s tun, und wo sie ein Wort vergessen hatte, half ihr der König getreulich nach.

Da kamen die fürstlichen Herren, die um den Tisch sassen, nicht aus dem Lachen heraus. Das Volk aber, als es das hörte, liebte den König erst recht um seiner grossen Güte und Bescheidenheit willen.

Der Bundesschwur im Rütli.

Seit unvordenklichen Zeiten lebten die Leute der drei Waldstätten Uri, Schwyz und Unterwalden in Ruhe und Frieden um ihren vielarmigen Bergsee. Kein wildes Kriegsgeschrei ängstigte das Land. Von morgens früh bis abends spät klang durchs Land das Herdengeläute, und durch die Flühe schallte das Jauchzen der Talleute. Am Abend aber wurde durch die Volle von hoher Alp ins tiefe Tal der Alpsegen gerufen. Und wenn der Alpenwind, der Föhn, brausend von den Bergen zu Tal stieg und um die stillen Tätschhäuschen tobte, gingen die tröstlichen Klänge der Kirchenglocken durchs Land. Nur selten kam jemand an die Fähre zu Brunnen, um über den wilden grünen Urnersee, in dem sich der ewige Schnee des Urirotstock spiegelt, hinaufzufahren und nach Rom zu pilgern.

Als aber Albrecht, der Herzog in Österreich, deutscher König wurde, war es mit dem Frieden der drei Länder auf einmal aus. Bisher hatten die Kaiser des Deutschen Reiches das Alpenland in den Bergen im Frieden gelassen und hatten sich damit begnügt, die schuldige Reichsabgabe von den drei Ländern entgegenzunehmen. Und die Waldleute befanden sich wohl dabei und segneten Kaiser und Reich.

König Albrecht aber hatte heimlich im Sinn, das wohlgedeihende Land mit den schönen Bergseen seinem Herzogtum Österreich für immer einzuverleiben und das Hirtenvolk zu seinen Untertanen zu machen. Und wie nun die drei Länder das merkten und von ihm als dem deutschen Kaiser und König die Bestätigung ihrer alten Freiheiten verlangten, schickte er ihre Boten heim, und eines Tages kamen seine Reichsvögte ins Land, um dort zu wohnen und die Länder durch Bedrückung aller Art nach und nach für Österreichs Herrschaft kirre zu machen.

Der gewalttätigste und mächtigste war der Landvogt Gessler, der über Uri und Schwyz regierte. Obwohl er eine feste Burg zu Küssnacht hatte, fing er doch noch eine starke Feste im Lande Uri am Steg zu bauen an, die er höhnisch Zwing-Uri nannte. Ein anderer Landvogt, Beringer von Landenberg, sass auf seiner Burg zu Sarnen ob dem stillen See und Dorf und herrschte über Unterwalden. Auf der Burg Rotzberg nid dem Kernwald hielt er noch einen frechen Edelknecht, den Wolfenschiessen. Auch auf der kleinen Felseninsel im Lowerzersee unter der finstern Rigihochfluh wohnte ein Untervogt.

Diese Landvögte nun trieben es immer frecher. Sie plagten die Leute mit Zehntenabgaben und Frondiensten und machten ihnen auf jede Art das Leben schwer. Da verstummten die Jauchzer auf den Alpen, und der Alpsegen klang wie eine Klage durch die Bergwelt. Und wie’s auch die Vögte trieben, die Landleute konnten nirgends Recht bekommen, denn ihr Schirmherr, König Albrecht, hatte ja die Vögte selber ins Land gesetzt.

Eines Tages wollte der Landvogt Landenberg einem Bauer, namens Heinrich an der Halden im Melchtal, dessen Sohn er wegen einer Kleinigkeit gestraft hatte, das schönste Paar Ochsen wegnehmen lassen. Da ergrimmte sein Sohn Arnold, schlug einem Schlossknecht einen Finger von der Hand weg und floh. Racheschnaubend forderte der Landvogt den Sohn vom alten Vater. Doch der wusste nicht, wo sich sein Sohn hingeflüchtet hatte. Da schrie der Vogt: „Ist mir der Sohn entgangen, nehm’ ich den Alten!“ Und alsobald liess er dem alten Mann die Augen ausstechen, also dass das ganze Unterwaldnerland aufjammerte vor Entsetzen und verhaltener Wut.

Der Landvogt auf der Insel Schwanau aber war nicht besser. Er liess eine Jungfrau von Arth in der schönen Bucht am Zugersee, namens Gemma, abfangen, in die er sich verliebt hatte, die aber von ihm, weil er ein Bösewicht war, nichts wissen wollte. Die sperrte er nun in einen finstern Turm ein und schwor, sie erst herauszulassen, wenn sie ihn liebhaben wolle. Aber sie wollte immer noch nichts von ihm wissen. Da entzog er ihr alle Speise und Trank, also dass sie hätte verhungern müssen. Aber sie hatte in Arth einen Liebsten. Der fuhr eines Abends, als der Mond zwischen den beiden Mythen stand, heimlich an die Insel heran. Als er nun unter dem Turm in seinem Fischerkahn stand, warf er so lange mit Seerosen, die rings um die Insel wuchsen, nach dem Fensterlädlein der Jungfrau, bis sie heraussah und merkte, wer ihrer wartete. Aber wie sollte sie vom Turm herunterkommen? Doch weil sie gut schwimmen konnte, empfahl sie ihre Seele Gott und sprang zum Fenster hinaus in den See hinunter. Sie wäre auch glücklich davongekommen, hätten sie nicht die Schlingen der Seerosen unter Wasser gehalten. Als ihr Geliebter ihr nun beisprang und sie heraufzog, war sie schon tot. Da bettete er sie weinend in seinen Kahn und fuhr mit ihr leise, wie er gekommen, davon. Zu Arth aber stellte er sie vor der Kirche aus, denn es war eben Sonntagmorgen, als er mit der toten Braut heimkam. Da ergrimmten die Leute und schwuren in ihren Herzen dem Vogt auf Schwanau blutige Rache.

Am schlimmsten jedoch trieb es der Landvogt Gessler auf seiner Burg zu Küsnacht. Er sagte, er wolle die Bauern so windelweich machen, dass man sie um den kleinen Finger winden könne. Man solle nur warten, bis er die Burg Zwing-Uri fertig erbaut habe. Er brandschatzte die Leute, wie er konnte, und in Uri mussten sie ihm die Steine selbst zur neuen Burg ziehen. Er wurde so frech, dass er am Feste des heiligen Jakob zu Altorf im Lande Uri auf offenem Platze eine Stange aufrichten liess mit einem Hute darauf und befahl, wer immer vorübergehe, habe sich bei schwerster Strafe vor dem Hute zu beugen wie vor des Kaisers Majestät. Das erfüllte das Hirtenvolk mit tiefem Ingrimm.

Damals wohnte zu Steinen am kleinen See von Lowerz der Landammann des Tales von Schwyz, namens Werner Stauffacher. Dieser hatte an den Weg ein stattliches Holzhaus erbauen lassen. Als er nur eines Abends mit seiner Frau Margreth vor dem Hause auf einer Bank sass, ritt der Landvogt Gessler mit seinen in Leuten vorbei. Wie der nun das ansehnliche Holzhaus sah, hielt er an und fragte: „Wem gehört dies schöne Haus?“ Werner Stauffacher, der wohl wusste, wie ihm der Landvogt als dem Landammann von Schwyz übel wollte, antwortete vorsichtig: „Herr, es ist des Kaisers Haus und Eueres und mein Lehn.“ Aber der Landvogt runzelte die Stirne und sagte barsch: „Ich bin an meines Herrn Albrecht statt Regent im Lande und will nicht, dass die Bauern Häuser bauen ohne meine Bewilligung. Ich werde fürderhin nicht mehr dulden, dass ihr also frei lebt, als wäret ihr euere eigenen Herren. Ich werde euch’s künftig zu verwehren wissen.“ Damit ritt er hochmütig weiter.

Da sass nun der Stauffacher und grämte sich bitter. Aber seine Frau, eine aufrechte Schwyzerin, legte ihm die Hand auf die Schulter und begann ihm zuzureden, er und die starken Männer des Tales sollten doch diese Tyrannei nicht länger ertragen. Sie sollten sich zusammentun in allen drei Ländern um den See. Es gebe ja überall so viel zu klagen. Und dann sollten sie beraten, wie sie sich vom Joche der frechen Vögte befreien könnten.

Werner Stauffacher nahm sich die Worte seines wackeren Weibes zu Herzen, und eines Morgens, in aller Frühe, fuhr er in einem schweren Nauen über den Urnersee. Bald sass er zu Altorf unter dem Bannwald im Hause des Urner Landammanns Walter Fürst. Diesem klagte er seines Landes Elend und Bedrückung und offenbarte ihm, dass er nicht länger gewillt sei, des Landes Schmach mitanzusehen. Walter Fürst war von dem Besuche freudig überrascht. Er stimmte ihm in allem bei, da auch das Land Uri unter diesen fremden Schelmen leide, die des Kaisers Schirmrechte in Herrscherrechte verwandelten und sie bald zu Leibeigenen erniedrigten. Und da zeigte es sich, dass eben auch Arnold von Melchtal in Walter Fürsts Hause verborgen war, dessen Vater der Landvogt Landenberg die Augen hatte ausstechen lassen. Er wurde herbeigerufen, und er beteuerte hoch und heilig, dass auch das Land Unterwalden schon längst zum Aufstande gegen die Bedrücker bereit sei.

Nun gelobten sich die drei Männer feierlich in die Hand, alles daranzusetzen, um die Zwingherrschaft der Vögte zu stürzen und dem schwerbedrückten Land die alte gute Freiheit zurückzuerkämpfen. Also machten sie aus, dass nun ein jeder von ihnen, ihrem alten Bundesbrief vom Jahre 1291 getreu, der zu Schwyz heute noch im Turme liegt, in seinem Lande nach vertrauenswerten Talgenossen sich umschauen solle. Danach solle er mit ihnen eines Nachts auf der stillen Wiese beim Mythenstein, die man das Rütli nenne, sich einfinden. Dort wollten sie weiter raten und den alten Bund der Väter erneuern. Es solle aber sonst die Abrede geheim gehalten werden. Und sie setzten die Nacht fest, in der sie zusammenkommen wollten.

In einer kühlen Bergnacht, am sechsten Tag des Wintermonats nach Martini, da stieg von Seelisberg herab eine Schar Hirten auf die stille, vom Bergsee umwellte Wiese. Es war Arnold von Melchtal mit zehn Talgenossen aus Unterwalden, darunter der Keller von Sarnen und der Winkelried von Stans. „Hier ist das Rütli,“ sagte einer aus der Schar, „wir Unterwaldner sind die ersten auf dem Platze.“

Sie machten ein kleines Feuer an, um das sie sich herumsetzten, der Freunde aus den Ländern Uri und Schwyz gewärtig. Der Mond stand hoch ob den Schneebergen, und sein heller Schein baute einen goldenen Steg über den See. Auf einmal sprang ein Unterwaldner auf und zeigte auf die stillen Wasser hinab, in deren goldenen Schein eben ein schwerer Nauen stach. „Die Schwyzer kommen!“ sagte er. Und jetzt tauchte das Schiff vollends auf und näherte sich rasch dem grünen, felsenumzirkten Gelände. Da stieg als erster Werner Stauffacher, der Landammann von Schwyz, ans Ufer, und ihm folgten zehn Talmänner, von denen die Altlandammänner Konrad ob Yberg und Konrad Hunn in gar hohem Ansehen standen. Herzlich begrüssten sie einander am stillen Weidfeuer. Und nun erzählten sich die Hirten von der Länder Not und der Vögte Übermut.

Auf einmal zeigten sich im Gefelse ob der stillen Waldwiese wandelnde Lichtlein, und bald danach stieg Walter Fürst von Uri auf die Waldwiese herunter. Mit ihm kamen zehn Targenossen, deren angesehenste Werner von Attinghausen und der Meier von Silenen waren. Auch der gehörnte Träger des grossen Heerhorns von Uri, des Uristiers, erschien mit ihnen.

Mit Freuden wurden sie von den Männern von Schwyz und Unterwalden aufgenommen. Es war schon spät in der Nacht, als sie sich ob den drei Quellen, die auf der Wiese entspringen, zusammentaten und gemeinsam ratschlagten, wie sie ihre Länder von dem Joche der Landvögte befreien könnten. Und als sie nun einig waren in allem, erhoben die Talleute der drei Länder von Uri, Schwyz und Unterwalden die Hände und schwuren den ewigen Bund. Und sie schwuren bei Gott und allen Heiligen, was unser liebster deutscher Dichter nachmals so schön in Verse gebracht hat:

„ Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,

In keiner Not uns trennen noch Gefahr!

Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,

Eher den Tod als in der Knechtschaft leben.

Wir wollen trauen auf den höchsten Gott

Und unnicht fürchten vor der Macht der Menschen.“

Den Aufstand gegen die Landvögte aber hatten sie in offener Abstimmung wie an der Landsgemeinde bis zum kommenden Neujahrstag verschoben.

Jetzt fing es an zu tagen. Um die Bergfirsten glühte das Morgenrot, und auch die Firnen begannen sich allmählich zu röten, und langsam dämmerte es über den stillen Bergsee.

Da erhob der Landammann, der mitten im Kreise der Eidgenossen stand, das Schwert und zeigte nach den roten Bergen. „Es ist hohe Zeit, dass wir heimkehren!“ sagte er kurz.

Bald raschelte und knackte es im Wald, und von den schmalen Felsenpfaden rollten Steine in die Tiefe. Die Urner und Unterwaldner stiegen wieder über die Berge in ihre Länder zurück. Auf dem See aber, der nun leuchtete wie ein Fensterscheiblein im Sonnenaufgang, trieb der schwere Nauen der Schwyzer hurtig am Mythenstein vorbei gen das noch stille Gestade von Brunnen. Im Schiffe aber stand Werner Stauffacher, auf sein breites Schwert gestützt, und sah mit dräuenden Augen nach den beiden Hakenbergen ob Schwyz, ob denen der Morgenstern leuchtete.

Der Schütze Tell.

Es war an einem Sonntag nach St. Othmar. Da kam von Bürglen her, einem Dörflein am Eingang des wilden Schächentales, mit festem Berglerschritt ein Mann gegen Altorf hinuntergegangen. An der Hand führte er seinen jüngeren Knaben Walter. Auf der Schulter trug er seine schwere Armbrust. Das war Wilhelm Tell, der beste Gemsjäger im Lande Uri. Er wollte zu Besuch gehen bei seinem Schwiegervater Walter Fürst in Altorf.

Als er nun mit seinem Söhnchen vom Zeitglockenturm her über den Hauptplatz lief, machte ihn sein Knabe auf eine lange Stange aufmerksam, die mitten auf dem Platze stand, und die zwei Waffenknechte des Landvogtes Gessler bewachten. Auf der Stange aber hing ein Hut mit einer Pfauenfeder. Viele alte Weiber und Kinder, aber oft auch ein Mann, gingen am Hute vorbei und knicksten höhnisch oder neigten ihr Haupt, rauchend vor Scham.

Doch der Tell schien das alles nicht zu bemerken und wollte aufrechten Hauptes und festen Ganges mit seinem Büblein am Hut auf der Stange vorbeischreiten.

Da sprangen die beiden Wächter vor, streckten ihre Lanzen aus und liessen den Schützen nicht weiter. Und als er in ihre vorgehaltenen Spiesse griff und unwillig fragte, warum sie ihn nicht seines Weges gehen liessen, antworteten sie, er habe dem Hut nicht die schuldige Reverenz erwiesen und müsse nun mit ihnen zum Landvogt kommen, um als ein Verräter an der kaiserlichen Majestät seine Strafe zu gewärtigen. Der Hut sei vom Landvogt an die Stange gehängt worden, um den Sinn und Geist des Volkes zu prüfen, und er hätte sich vor ihm verneigen sollen wie vor dem Kaiser selbst.

Aber der Tell drückte ihre Spiesse zur Seite und sagte, er beuge sich vor niemand als vor Gott und lasse sich von ihren zwei Eisenstangen nicht aufhalten. Die Knechte rangen mit ihm, und sein Knabe rief um Hilfe, also dass die Leute von Altorf von allen Seiten herbeieilten, unter ihnen auch Walter Fürst, der Grossvater des kleinen Walter.

Eben wollte Tell den zwei Waffenknechten die Spiesse entreissen, da liess sich ein Pferdegetrappel vernehmen, das rasch die Dorfgasse heraufkam. Und auf einmal ritt Gessler, der Landvogt, heran mit seinem bewaffneten Tross und Gefolge. Als er nun bei dem aufgesteckten Hute stand, fragte er die Knechte, was sie mit diesem Manne hätten. Da schrie einer der Wächter: „Herr, er hat vor dem Hute das Haupt nicht geneigt!“

Jetzt blickte der Landvogt Gessler mit unheilverkündenden finstern Augen auf den Schützen Tell. Er kannte ihn gar wohl und hasste ihn, weil er nicht lange vorher einem Unterwaldner Bauer, der den frevelhaften Untervogt der Burg Rotzberg erschlagen hatte, über den sturmgepeitschten See half und ihn so vor seinen Verfolgern errettete.

„Warum hast du dem Hut nicht Respekt bezeigt?“ fragte er jetzt barsch den Schützen. Nun versuchte sich Wilhelm Tell zu entschuldigen und sagte: „Vergebt mir, Herr! Es geschah aus Unverstand, denn wäre ich klug, so hiesse ich nicht der Tell.“

Doch der Landvogt hatte Böses vor. Er dürstete danach, diesen aufrechten Mann, den er heimlich auch fürchtete, zu verderben. Und also fragte er ihn: „Tell, hast du Kinder?“ — „Ja, zwei, Herr,“, antwortete der Schütze. — „Welches ist dir das liebste?“ fragte Gessler weiter. „Es sind mir beide gleich lieb, Herr,“ sagte Tell, der Unheil zu merken begann. Da erblickte der Landvogt neben dem Schützen den kleinen Walter. Und jetzt sagte er, voll Bosheit lächelnd: „Tell, ich weiss, dass du ein berühmter Schütze bist. Du triffst ja die Gemse im Sprung, den Vogel im Flug. Wohlan, ich will dir nun ein Ziel geben, wo du deine ganze Schützenkunst zeigen kannst. Habe acht, dass du’s nicht verfehlst. Du sollst einen Apfel vom Haupte deines Kindes schiessen. Verfehl ihn ja nicht, sonst ist dein Leben verwirkt.“

Da schrie alles Volk auf. Die Frauen rangen jammernd die Hände und die Männer ergrimmten. Auch der Schütze Tell erbleichte und sagte: „Herr, es kann nicht Euer Ernst sein, solch Unmenschliches von mir zu verlangen. Wie sollte ich von meines Kindes Haupt einen Apfel schiessen können? Erlasst mir den Schuss, Herr, lieber will ich gleich sterben.“ Und er riss sein Wams auf und bot die Brust den Waffenknechten hin, dass sie ihn erstechen möchten.

Doch der harte Landvogt Gessler sprach: „Entweder tust du den Schuss, oder du und dein Kind, ihr beide müsst zusammen sterben.“

Als sich Wilhelm Tell nun nach seinem Büblein umschaute, sah er, dass es die rohen Waffenknechte schon an einen Baum gebunden hatten. Auf seinem flachshaarigen Scheitel aber lag ein Apfel. „Schiess nur, Vater,“ rief der kleine Walter, „ich fürchte mich nicht!“

Da sank der bäumige Gemsjäger in die Kniee vor Jammer und blickte mit stummem Entsetzen zum Landvogt auf. Doch der schaute ihn mit bösen, schadenfreudigen Augen an. Jetzt packte Tell die Armbrust, nahm zwei Pfeile heraus und steckte einen in den Göller. Aber Walter Fürst, der Grossvater des kleinen Walter, trat jetzt zum Landvogt und beschwor ihn bei seinem Seelenheil, von seinem schrecklichen Verlangen abzustehen Er kniete sogar vor ihm nieder und hob flehend die Hände zu dem Tyrannen auf, der ihn aber kalt und höhnisch ansah.

Auf einmal schrie eine Weiberstimme aus dem Volk: „Der Apfel ist gefallen, der Apfel ist gefallen!“ Und hundertstimmig jubelte es das Volk nach: „Der Apfel ist gefallen!“

Während der Landvogt auf den alten Landammann Walter Fürst hörte, hatte Wilhelm Tell rasch die schwere Armbrust gespannt, den Pfeil darauf gelegt, gezielt und geschossen. Da flog der Pfeil, und der Apfel war gefallen.

Aufjauchzend stürmte der kleine Walter auf seinen Vater zu, der noch fassungslos und wie im Traum am Boden kniete und die Armbrust krampfhaft in Händen hielt. Ein Knecht aber hatte den Apfel aufgehoben und zeigte ihn nun dem Landvogt Gessler. „Wahrhaftig,” sagte der, „der Apfel ist mitten durchgeschossen; es war ein Meisterschuss, ich muss ihn loben.“

Aber als der Tell, der langaufatmend und bebend vor Freude sein Kind ans Herz geschlossen hatte, sich erhob und mit dem jubelnden Volk abziehen wollte, fragte ihn plötzlich der Landvogt: „Höre, Tell, sag’ an, warum stecktest du den zweiten Pfeil in den Göller, bevor du den Schuss tatest?“ — „Herr, es ist so des Schützen Brauch,“ sagte dieser, der den Vogt und sein böses Herz durchschaute. Aber der Landvogt runzelte die Stirne und sagte: „Tell, bekenne nur die Wahrheit ohne Furcht, du sollst deines Lebens sicher sein. Warum stecktest du den zweiten Pfeil in den Göller?“

Jetzt stellte sich der Tell bolzengerade vor den Landvogt hin, sah ihn furchtbar an und rief, ihm den Pfeil entgegenstreckend: „Wohlan, Herr, da Ihr mir mein Leben zugesichert habt, will ich Euch die Wahrheit sagen: Hätte ich mit dem ersten Pfeil meines lieben Kindes Haupt getroffen, mit dem zweiten hätte ich Euer wahrlich nicht gefehlt!“

Der Landvogt erschrak innerlich sehr, denn nun erkannte er, wie ihn der Tell hasste, den er so schrecklich gequält hatte. Aber er liess sich nichts merken und sagte kalt: „Das Leben habe ich dir zugesichert, Tell, ich will es redlich halten. Aber da ich deinen bösen Willen gegen mich erkannt habe, will ich dich dahin führen lassen, wo weder Sonne noch Mond dich mehr bescheinen, auf dass ich vor dir Ruhe habe. Ergreift ihn!“

Sogleich packten die Waffenknechte den Schützen Tell und banden ihm, unter den Verwünschungen und unter dem Aufjammern des umstehenden Volkes, die Hände auf den Rücken. Dann rissen sie ihn von seinem Büblein los und schleppten ihn ins Herrenschiff nach Flüelen, um ihn über den Waldstättersee ins finstere Burgverliess nach Küssnacht zu bringen. Gessler selbst bestieg mit seinem Gefolge den Herrennauen.

Bald stiess des Landvogts Schiff ab, und noch lange schaute das entrüstete Volk nach seinem roten Dache. Im Nauen aber lag der Schütze Tell inmitten der Waffenknechte, und umsonst schaute er mit sehnsüchtigen Augen, wie die heimatlichen Gestade allmählich verschwanden, und umsonst blickte er sich nach der vorn im Schiff liegenden Armbrust um. Niemals mehr sollte er das Licht der Firnen sehen, niemals mehr das Schwirren seines sichern Pfeiles im Bergwalde hören.

Als sie aber ein gutes Stück über den See gefahren, sah man auf einmal das ewig lebendige Schneestaubwölkchen, das am Firnenhaupt der Grossen Windgälle hängt, stärker aufstieben. Auch kam ein unheimliches Summen und Knurren, wie das Murren des Volkes an der Maienlandsgemeinde, von den Firsten und Graten der Berge. Der Himmel ward tiefblau, als wollte er sich auftun, und die Bergwälder schienen nahe, als könnte man sie mit den Händen greifen. Und jetzt kräuselte sich der See; ein paar heftige Windstösse pfiffen um die Bergwände, und plötzlich tobte der Alpenwind, der wilde Föhn, von den Bergen herab und fuhr schnaubend, jauchzend und pfeifend daher, den See also aufpeitschend und aufjagend, dass die gehetzten Wellen wie wilde, wutschäumende Tiere auf das Herrenschiff lossprangen.

Da erschraken der Landvogt Gessler und seine Leute. Nirgends war eine Fähre, denn überall starrten sie die jähen Felsen an, und die Ruderknechte hatten eine harte Arbeit, das Schiff von den Bergwänden abzuhalten, an denen die Wogen donnernd aufsprangen und zerschellten. Und auf einmal packte der Sturmwind den tanzenden Nauen und zwang ihn durch den kochenden See gegen die vorspringenden Riffe des Axenberges.

Jetzt glaubten alle im Schiff ihr Sterbestündlein nahe. Sie hörten schon das Sterbeglöcklein auf dem Seelisberg läuten, das nur erschallte, wenn ein Schiff dem Untergange verfallen schien. In dieser höchsten Not baten die Waffenknechte den Landvogt, er möchte doch den Tell ans Steuerruder lassen, da er ein so starker Mann und im Rudern gar wohl bewandert sei. Der Landvogt, den die Todesangst übernommen hatte, erlaubte es mit stummem Nicken. Rasch band man den Schützen los, und da stand er schon am Steuerruder. Mit riesenstarker Faust zwang er das schwere, auf und ab springende Schiff um den Axenberg und brachte es so aus dem gefährlichsten Wogengang. Langsam, aber sicher lenkte er den immer noch wie ein gepeitschtes Ross steigenden Nauen der Felsplatte zu, die am Axen aus einem schmalen Gelände vorspringt.

Als er nun mit dem Schiff daran fast anstiess, packte er plötzlich seine Armbrust und sprang auf die Felsplatte, das Schiff im Abspringen mit einem gewaltigem Fusstritt in die zischende Flut zurückstossend. Dann verschwand er im Bergwald.

Lange Zeit wurde das Herrenschiff noch im empörten See herumgetrieben, und oft genug war es nahe am Versinken. Nur mit unsäglicher Mühe und Not brachten es die Ruderknechte bei Brunnen zum Landen, von wo aus dann Gessler nach seiner Burg Küssnacht reiten wollte.

Tell aber eilte über Sisikon und die Alpenweiden bei Morschach nach Arth und von dort gegen Küsnacht.

Gegend Abend ritt der Landvogt Gessler rachelchnaubend von Immensee her gegen seine Burg zu Küssnacht. Als er mit seinen Leuten durch die hohle Gasse kam, die von hohem Gebüsch und gewaltigen Eichen überwölbt und beschattet war, warf sich ein armes Weib, namens Armgard, mit ihren Kindern vor sein Pferd und schrie, sie gehe nicht von der Stelle, bis der Landvogt ihren gefangenen Mann aus dem finstern Burgverliess hinauslasse. Aber der herzlose Vogt ergrimmte und machte Miene, über das arme Weib und ihre Kinder hinwegzureiten.

Da schwirrte auf einmal ein Pfeil aus dem Busch und fuhr dem Landvogt mitten ins Herz. Schreckensbleich zuckte er zusammen, sank zurück und schrie auf: „Das ist Tells Geschoss!“ Da zeigte sich der Schütze Tell auf einen Augenblick und rief: „Du kennst den Schützen, suche keinen andern!“ Dann verschwand er im Gehölz. Der Landvogt Gessler aber starb in den Armen des Bettlerweibes, das ihn umsonst angefleht hatte.

Das ist die Geschichte des berühmten Schützen Tell, und heute noch kann man sie abgemalt sehen in der offenen Kapelle auf der Tellsplatte, die der grüne Bergsee umbrandet.

Die Befreiung der drei Länder.

Als die Landvögte der drei Länder Uri, Schwyz und Unterwalden den Tod Gesslers durch den Schützen Tell vernahmen, erschraken sie. Es wurde ihnen unheimlich in dem Lande, dessen Volk sie so lange auf jede Weise erniedrigt, geplündert und geknechtet hatten. Vergeblich suchten sie den Wilhelm Tell überall, er war nicht aufzufinden. Statt nun gerechter zu herrschen, glaubten sie die unbotmässigen Hirten erst recht mit unerbittlicher Strenge niederzwingen zu müssen. Also trieben sie’s ärger als zuvor.

Doch ihre Zeit war gekommen. Am Morgen des Neujahrstages 1308 erhoben sich auf einmal die Talleute von Schwyz und zogen mit ihrem blutroten Fähnlein unter Werner Stauffacher und den Führern des Volkes über den kleinen See von Lowerz auf die Felseninsel Schwanau los, denn der See war fest zugefroren.

Der Untervogt von Schwanau, ein Vetter des von Tell erschossenen Landvogtes Gessler, versuchte vergeblich die Stürme der wütend anrennenden Schwyzer abzuschlagen. Die Burg wurde erstiegen, und dann ergriffen die eindringenden Hirten den Untervogt, der so lange das Land bedrückt und die Leute in seinen tiefen Schlosskerkern hatte verhungern lassen, und stürzten ihn zum gleichen Fenster hinaus in den See, durch das sich einst die geraubte Gemma von Arth gestürzt hatte. Das Eis brach unter seiner Last, und nie mehr tauchte er aus der grünen Flut auf. Aber noch lange danach sah man ihn als ein Gespenst rings um die Burgmauer laufen, verfolgt von einer weissgekleideten Jungfrau, die eine brennende Fackel trug. Auch der Roggenberg, wie die Burg zu Küssnacht genannt wurde, fiel und ebenso die Burg zu Brunnen. Beide wurden niedergerissen. Ein kleiner Burgstall bei Schwyz zu Perfiden sank ebenfalls in Trümmer. Aber eine treue Dienerin trug den Burgvogt, in einem Tragkorb verborgen, aus dem brennenden Bau und rettete also ihrem Herrn das Leben.

Auch die Urner standen wider die Tyrannei auf wie ein Mann. Auf einmal tauchte der lange umsonst von den Vögten gesuchte Schütze Tell mit seiner Armbrust mitten auf dem Hauptplatze zu Altorf auf, und mit ihm erschien der Heerhornträger von Uri und blies mit Macht den Uristier. Das Volk rottete sich zusammen, und bald danach fiel das stolze, aber noch unvollendete Schloss Zwing-Uri und wurde dem Erdboden gleichgemacht.

An demselben Neujahrsmorgen unternahmen es auch die Leute von Unterwalden, der Vögte Joch abzuschütteln. Aber sie hatten es schwerer als ihre Bundesgenossen in den andern zwei Ländern. Denn auf der Burg zu Sarnen hauste der Landvogt Landenberg, ein mächtiger Herr, dem mit Gewalt nicht beizukommen war. Da versuchten es die Bauern von Obwalden mit List. Alle Neujahrstage mussten sie ihm Geschenke auf seine Burg zutragen. Diesen ihnen aufgezwungenen Brauch benutzten sie.

Als der Vogt mit seinen Gewaffneten auf seinem rabenschwarzen Pferde zur Frühmesse von seiner Burg herab ins Dorf ritt, begegneten ihm zwanzig Männer, die Kälber, Ziegen, Schafe, Wildpret mancher Art und fette Käse den Burgrain hinauftrugen und schleppten. Der Landvogt war freudig überrascht über die diesmal so überreichen Gaben. Er sagte zu den Bauern, sie sollten nur hinaufgehen auf sein Schloss und dort auf ihn warten, bis er aus dem Gottesdienste käme. Warum auch sollte er diese Leute nicht in seine Burg hinaufgehen lassen? Sie sahen ja alle so harmlos aus und trugen nichts als lange Stöcke bei sich, mit denen sie ihre Kälber und Ziegen antrieben. So ritt er getrost fürbas.

Aber als sich nun die Hirten des Schlosstors versichert hatten, nahmen sie unversehens Spiesse aus ihren Hirthemden und Wämsern hervor und steckten sie auf ihre Stöcke. Gleichzeitig stiess einer in ein Horn, das die Kuh von Unterwalden hiess.

Jetzt brachen aus einem neben der Burg stehenden Erlenholze dreissig weitere Talmänner hervor, die alle Hellebarden und Knüttel trugen, und eilten schnurstracks dem Burgtor zu. Wohl liefen nun die Schlossknechte und das Gesinde herbei, doch sie wurden mit leichter Mühe unschädlich gemacht.

Eben trat der Landenberg aus der Dorfkirche zu Sarnen. Da sah er aus dem Dache seiner Burg eine Flamme aufzüngeln. Und als er nun erschrocken, eine Feuersbrunst befürchtend, mit seinen Leuten hinaufreiten wollte, wurde er von dem zusammenströmenden Landvolke gefangen. Erst wollte man ihn erschlagen. Aber da er zitternd schwor und auf den Knieen versicherte, dass er das Land nie wieder betreten wolle, liessen ihn die Hirten mit seinem schwarzen Ross davonreiten, was er also eilig tat, dass die Weiber von Sarnen nachher erzählten, er sei auf einem vierbeinigen Teufel durch die Luft geritten. Die Burg aber verbrannte und würde gebrochen.

Auf der Burg Rotzberg nid dem Wald, wo ein Untervogt hauste anstatt des Ritters Wolfenschiessen, den ein Mann in Altzellen mit der Axt seiner Untaten wegen erschlagen hatte, lebte eine schöne Dienstmagd. Diese war in einen Unterwaldner Burschen verliebt, der auf dem Rütli den Bund mitgeschworen hatte.

Als nun die Neujahrsnacht anbrach, versteckte er sich mit zwanzig flinken und unerschrockenen Freunden beim Schloss Rotzberg. Er hatte mit der schönen Magd eine Abrede getroffen, dass er immer unter ihr hochgelegenes Fensterlein kommen wolle, wenn der Abendstern über den Bergen aufgehe. Dann liess sie allemal eine lange Strickleiter hinunter, und daran kletterte er zu ihr hinauf und unterhielt sich mit ihr.

Wie nun der Abendstern über den Schneebergen auftauchte, ging eben in der Burg ein Fensterlädlein auf, und langsam, wie eine Schlange, kam die Strickleiter von der hohen Burgmauer heruntergeglitten.

Flink kletterte der Bursche hinauf. Als er nun oben war und der schönen Magd in ihrem Kämmerlein anfing ein glückhaftiges Neujahr zu wünschen, stiegen auch seine unten harrenden Freunde die Strickleiter hinauf, und ehe die Magd recht wusste, was denn da werden solle, standen einundzwanzig kühne Unterwaldner Burschen in ihrem Kämmerlein. Doch merkte sie bald, was es geschlagen. Bevor sie um Hilfe rufen konnte, waren sie und das ganze Burgvolk samt dem Untervogt gebunden. Nicht lange nachher loderten die Flammen aus der Burg auf, und für immer sank sie zusammen.

Aber in der nächstfolgenden Nacht gingen überall in den drei Ländern Uri, Schwyz und Unterwalden gewaltige Höhenfeuer auf und verkündigten allerwärts mit ihrem roten Schein den wiederanbrechenden Tag der Freiheit und den Sturz der frechen Landvögte.

Jedes Jahr in der Nacht des 1. August, als dem Ausgang des Tages, da der Eidgenossen erster Bundesbrief besiegelt wurde, und als Andenken an den Bundesschwur im Rütli, flammen heute noch auf den Bergen des ganzen Schweizerlandes die Freudenfeuer himmelan, läuten alle Glocken und frohlocken alle Herzen.

Sag, Vater, was läuten die Glocken heut nacht?

Dass nimmer der Stolze den Stillen verlacht.

Sag, Vater, was gehen die Jauchzer durchs Land?

Weil immer ein Held noch den Drachen bestand.

Sag, Vater, was lodert am Berge im Wind?

Das heilige Feuer der Freiheit, mein Kind.

Zweiter Abschnitt.

Die Schlacht am Morgarten.

Als die Eidgenossen von Uri, Schwyz und Unterwalden den Bund im Rütli geschworen und die bösen Landvögte mit Gottes Hilfe vertrieben und vertilgt hatten, ergrimmte der österreichische Herzog Leopold und beschloss, die drei freiheitssüchtigen Länder mit einem grossen Heere zu überziehen und sie seiner Herrschaft für ewige Zeiten zu unterwerfen.

Deswegen rüstete er mit Macht, und von allen Seiten zogen ihm die Ritter, Herren und Städte mit ihren Fahnen und Fähnlein zu. Er wollte die drei Talschaften am Waldstättersee von vielen Seiten bedrängen, aber mit dem Hauptheer wollte er durchs Ägerital in das Land Schwyz einfallen.

Damit nun die wachbaren Schwyzer nichts merken sollten, brach er in aller Stille vom Städtchen Zug am Zugersee auf und zog mit seinem grossen Ritterheere hinauf an den kleinen, lieblichen Ägerisee.

Unterdessen hatte man in den drei Ländern vom Auszug eines so stolzen und wohlgerüsteten Heeres wider sie vernommen. Die Sturmglocken wurden geläutet, der Uristier und die Harsthörner von Unterwalden hornten durch die sonst so friedlichen Täler. Voll Bangen erwarteten alle das schreckliche Heer. Die Schwyzer aber schickten die jammernden Frauen und Kinder hinter die Spinnräder und in die Kirchen und zogen mit ihrem blutroten Fähnlein aus, um dem mächtigen, in Eisen starrenden Feind mutig entgegenzutreten. Sie legten sich mit starkem Zuzug aus den verbündeten Ländern Uri und Unterwalden hinter die Letzimauer bei Arth am Zugersee, da sie meinten, das herzogliche Heer werde dort ins Land einbrechen. Hinter der niedern Mauer, die die Talenge absperrte, erwarteten sie den Feind.

Aber ein Freund der Schwyzer, Ritter von Hünenberg, der wohl wusste, wo der Herzog Leopold ins Land einzudringen vorhatte, sah, wie sie am unrichtigen Orte lagen. Er erbarmte sich der Hirten, die, von aller Welt verlassen, ein kampfgeübtes Ritterheer bestehen sollten. Er begab sich heimlich an die Letzimauer und schoss einen Pfeil unter die lagernden Eidgenossen. Da diese nun den Pfeil gewahrten und einen Zettel daran hängen sahen, hoben sie ihn auf und lasen zu ihrem Erstaunen darauf: Hütet euch auf St. Othmars Abend am Morgarten!

Da merkten die Eidgenossen, wo das Milchtanslein rinnt, und da sie in der Schrift die Hand ihres Freundes Hünenberg vermuteten, brachen sie nach kurzem Ratschlag heimlich auf und legten sich in den Waldhängen im Engpass bei Morgarten ob dem Ägerisee auf die Lauer.

Derweilen zog Herzog Leopold mit seinem Heer in der Dämmerung des werdenden Tages am stillen Ägerisee entlang, und sein Kriegsvolk war so guter Dinge und so siegesgewiss, dass es zu singen anhub. Und waren österreichische Knechte darunter, die lachend lange Stricke schwangen, woran sie das geraubte Vieh aus den drei Ländern mit sich fortzuführen gedachten. Der Herzog aber sah finster vor sich hin, denn er hatte den freien Hirten fürchterliche Rache geschworen für die Niederwerfung seiner Vögte und ihrer Burgen. Nicht Weib, nicht Kind wollte er schonen. Als sie so dahinritten, fragte er unversehens seinen Hofnarren Kuoni von Stocken, wie ihm sein Plan gefalle, durch die Talenge von Morgarten ins Land Schwyz einzufallen. Da antwortete der Narr: „Vetter, er gefällt mir nicht recht.“ — „Warum denn nicht?“ fragte verwundert der Herzog. — „Darum,“ sagte der Narr, „weil du wohl ausgedacht hast, wie du ins Land hinein-, aber nicht, wie du wieder hinauskommen willst.“

Als nun das Heer in der Morgenfrühe des fünfzehnten im Wintermonat des Jahres 1315 an den gähen Halden ob dem Ägerisee auf Morgarten zurückte, um rasch die Talenge von Sattel zu gewinnen, tosten und donnerten auf einmal gewaltige Steinblöcke und Stämme die Abhänge herunter und fuhren ins voranziehende Reiterheer hinein. Eine heillose Verwirrung brach aus, die Rosse bäumten sich und stürmten dann geängstigt auseinander und ineinander. Die Reiter aber, die umsonst die Ordnung aufrecht zu erhalten suchten, sahen zu ihrem Erstaunen nur ein geringes Häuflein Männer am Waldrande auf der Höhe stehen, die unablässig Steine und Stämme auf sie herabwälzten. Doch als sie sich anschickten, den unerwarteten Überfall an dem Häuflein auf der Höhe schrecklich zu rächen, tauchten auf einmal von einer andern Anhöhe die drei Fähnlein von Schwyz, Uri und Unterwalden aus einem Eichenwald auf und fürchterlich brüllten die Hörner, und schrecklich widerhallte der Schwyzer Schlachtruf von den Flühen: „Haarus, haarus!“

Wie eine angelassene Lawine fuhren die Hirtenvölker der drei Länder zu Tal auf das überraschte und erschrockene Heer des Herzogs Leopold hinab. Umsonst versuchten die Reiter aus dem argen Wirrsal zu kommen, in das sie durch die herabrollenden Steine und Stämme gebracht wurden. Ging alles durcheinander und übereinander. Und jetzt fuhren die Eidgenossen als ein lebendiger Keil in das eiserne Gemengsel hinein und fingen an, mit wilder Kampfwut die verknäuelte Reiterei auseinanderzubauen. Vergeblich stellte sich das nachrückende Fussvolk der Städte. Die aufgepeitschten herzoglichen Reiter selber brachten es auseinander, und auf einmal wandte sich das ganze feindliche Heer zur Flucht.

Aber sie ward ihm nicht leicht. Steil und abschüssig waren auf der Landseite die Halden, und mit unheimlich grünen Augen dräute der See. Reiterei und Fussvolk, all das flüchtige Heer mengte sich zu einem Menschenbrei, den die Eidgenossen mit ihren blitzenden Hellebarden und gezähnten Knütteln gar tüchtig und erbarmungslos rührten, denn nun wollten sie einmal dem Herzog und seinen Heergesellen das Wiederkommen für lange verleiden. Viele Reiter setzten in den See und gingen darin unter. Ganze Haufen aber wurden von den Eidgenossen hineingetrieben. Einem einzigen Reiter soll es fast gelungen sein, ans andere Ufer zu kommen. Aber als sein Pferd schon Fuss fasste, habe er gerufen: „Nun bin ich davongekommen, sei’s dem Herrgott lieb oder leid!“ Da sei das Pferd ausgeglitten und mit seinem Herrn untergegangen.

In toller, unaufhaltsamer Flucht machte sich das so glänzend ausgerüstete Heer am Ägerisee entlang davon, und auch Herzog Leopold selbst, der mit Not den Hieben der Eidgenossen entkam, ruhte nicht eher, als bis er nach Winterthur gelangte, wo er hinter dem festen Mauerring sich endlich für sicher erachtete.

Die Hirtenvölker der drei Länder von Schwyz, Uri und Unterwalden aber, die Reiter und Rosse so blutig gestrählt und gestriegelt hatten, knieten auf dem Schlachtfeld nieder und dankten Gott mit aufgehobenen Armen für den grossen Sieg.

Der Alpsegen.

In den Alpenländern der Schweiz war es früher ein vielverbreiteter Brauch, am Abend in die eindämmernde Nacht hinaus den Alpsegen zu rufen. Vielerorts rief man ihn durch eine Art Holztrichter, die Volle geheissen, und mancherorts hielt man nur beide Hände an den Mund und rief ihn also über die Weiden. Aber auf einigen Alpen sang man den Segen in einer schwermütigen Weise und blies dazu wohl auch das Alphorn. Also hielten die Sennen und Hirten die bösen Mächte, die auf den entlegenen Bergweiden ihr Unwesen trieben, besonders die heimtückischen Buzen, von sich und ihrem Vieh ab. Soweit der Schall des Alpsegens reichte, hatte das Böse keine Gewalt.

Vor langer, langer Zeit hatte der Senn von Gredetsch im Walliser Alpenland den Alpsegen zu singen vergessen. Weil er sehr ermüdet war, hatte er sich ohne weiteres auf die Nistern ins Wildiheu gelegt und war fast am Einschlafen.

Da hörte er plötzlich das Läuten und Schellen seines Senntens. Es war gerade, als zöge seine grosse Viehherde auf einmal über die Alpenweiden auf und fort. Immer ferner schallten und klopften die vielstimmigen Kuhschellen.

Flink sprang der Senn auf und machte sich vom Gelager ins Freie. Aber schon hörte er das Läuten nur noch wie ein fernes Klingeln. Jetzt erschrak er, denn es kam ihm in den Sinn, dass er vergessen hatte, den Alpsegen zu singen. Also hatte ihm gewiss ein tückischer Alpbuzen das Vieh über Berg und Tal entführt. Es war höchste Zeit, dass er handelte, sonst verlor er sein schönes Sennten. Geschwind stellte er sich bei der Hütte unter einen Lärchenbaum und rief aus Leibeskräften: „Bleschi, chu, loba, loba!“ Auf diesen Anruf war das Vieh festgebannt. Und dann rief er nochmals mit mächtiger Stimme: „Zu-rück, wo du sie genommen!“

Nun war es sonderbar. Erst hörte er nur ein leises Klingeln und Summen, und dann ward allmählich ein fernes Schellen daraus. Aber immer mehr schwoll es an, immer deutlicher wurde es. Und auf einmal läutete das ganze Sennten wieder über die Weiden daher, und jetzt kamen die verloffenen Kühe in den Staffel. So hatte er seine ganze Herde wieder beisammen. An dem Lärchenbaum aber liess der Senn das Bild des Muttergottes anbringen, das dann völlig in den Baum einwuchs und also einen lebendigen Rahmen hatte.

Heute noch wird da und dort auf den Alpen der Alpsegen gesungen. Einer der schönsten ist wohl der Alpsegen des Hochtales von Engelberg im Obwaldner Land. Er wird allabendlich feierlich durch eine Volle gesungen und lautet:

„ O lobet, zu loben! In Gottesnamen lobet!

Gott und der heilig St. Antoni und Wendel,

Und der vielselig Landesvater Bruder Klaus,

Die wollen heut Nacht auf dieser Alp die lieb Herberg halten.

Das ist das Wort, das weiss der Liebgott wohl.

Hier über dieser Alp steht ein goldiger Thron.

Drin wohnet Gott und Maria mit ihrem allerliebsten Sohn,

Und ist mit vielen Gnaden übergossen,

Und hat die ganze heilig Dreifaltigkeit unter ihrem Herzen verschlossen.

Das eint ist Gott, der Vater;

Das andre ist Gott, der Sohn,

Und das dritt ist Gott, der lieb Heilig Geist.

Ave, ave, ave Maria! Amen.“

Der überlistete Teufel.
1. Die Teufelsbrücke in Uri.

Wer heute nach dem sonnigen Süden reisen will, nach Italien, „wo still die Myrte und hoch der Lorbeer steht,“ wie der Dichter so schön singt, der setzt sich einfach in die Eisenbahn und fährt im Hui durch das Gotthardgebirge hindurch, und wie er zum langen Tunnel hinauskommt, grüsst ihn schon das erste welsche Dörflein Airolo.

In alter Zeit ging’s aber nicht so rasch. Da mussten die Säumer und Italienfahrer, Pilger und Krieger, über den hohen, oft tiefverschneiten Gotthardberg steigen. Und in gar alten Zeiten konnten sie auch das nicht, denn in der grausen Schlucht der Schöllenen, durch die die Gletscherwasser der Reuss toben und schäumen, hörte jeder Weg auf. Der Wildstrom versperrte den Weg ins Welschland. Zwar baute man später einen elenden Steg den Felsabstürzen nach, den die Leute den stiebenden Steg nannten, aber das war ein gar gefährlicher, schwindliger und schmaler Übergang, den oft Wind und Wetter ungangbar machten.

Das verdross und bekümmerte besonders die Urner, die gar zu gern hin und wieder aus ihren rauhen Bergtälern ins schöne Land Italien hinuntergestiegen wären, um sich an dem dickroten süssen Wein und den andern guten Früchten und schönen Sachen zu erfreuen. Zudem ging über den Gotthard ihr einziger Weg nach Rom zum Heiligen Vater. Sie wünschten sich daher eine rechte Brücke, über die man auch nötigenfalls mit Ross und Wagen hinüberkommen könnte. Aber alle Mühe und aller Schweiss war umsonst; der wilde Bergstrom riss immer wieder alle Brückensätze weg, die sie ihm aufzwingen wollten.

Da rief man die Landsgemeinde zusammen, um diese Brückennot zu beraten. Jedoch niemand fand einen Ausweg. Endlich erhob sich der Landammann und sagte: „Zwar ist’s gefährlich, sich mit dem Bösen einzulassen, allein Not bricht Eisen, und kommt Zeit, kommt Rat. Meine Meinung ist, man solle mit dem Teufel einen Vertrag machen, dass er uns die Brücke erstelle.“

Erst erschraken die Landleute, und es war ihnen bei ihres Landammanns Rat nicht recht wohl. Aber der Landammann wusste ihnen den roten Wein im Welschland also zu zuckern, dass sie die Lippen danach leckten. Als daher der verwegene Landammann den Antrag zur Abstimmung brachte, siegte er mit einer ansehnlichen Mehrheit. Aber als es sich fragte, wer nun mit dem Teufel den Handel einfädeln sollte, wollte niemand die Hand aufheben. So musste der Landammann die Unterhandlung mit ihm besorgen, denn, sagten die Urner, er kenne sich bei den grossen Herren besser aus als bei den Bauern. Wie der Landammann das dann machte, hat nie jemand vernommen, denn es ist nicht protokolliert worden. Kurzum, der Teufel liess sich berichten und schloss mit dem Landammann das Geschäft ab, dahin lautend, dass die Brücke über Nacht fertig erstellt und mit Steinwerk wohlbefestigt sein müsse, dass jedoch der Erste, der sie überschreite, des Teufels sein solle.

„ Beim nächsten Tagesgrauen

Ging man dort nachzuschauen,

Und über Stromeswogen

Wölbt sich der Brücke Bogen.

Doch an der Brück’ auch schon

Passt Satan auf den Lohn.“

Am andern Morgen sahen also die Urner mit freudigem Staunen eine feste Steinbrücke über die wilde Reuss liegen, die ihre schäumenden Wasser wütend daran emporschlug. Doch verminderte sich ihr Jubel schnell, als sie an dem Brückenausgang gegenüber den Teufel gewahrten, der mit stechenden, grasgrünen Augen auf seinen Lohn wartete. Da erschien der beherzte Landammann, der den Vertrag mit dem Bösen abgeschlossen hatte, und rief diesem zu: „Hast deine Sache brav gemacht!“

Der Teufel nickte schmunzelnd mit dem gehörnten Kopf. In diesem Augenblick liess der Landammann einen bereitgehaltenen unbändigen Ziegenbock los, und als dieser nun den Teufel am andern Ufer gewahrte, hielt er ihn ebenfalls für einen Ziegenbock. Sogleich stürmte er wütend über die Brücke und fuhr auf den Teufel los. Da wurde dieser über die schlauen Urner also rasend, dass er den Ziegenbock packte und ihn in hundert Fetzen zerriss. Die Urner aber lachten eins heraus. Das machte den Teufel noch wilder. Er tanzte vor Wut, und dann fuhr er schnurstracks abwärts bis unterhalb Göschenen, wo gewaltige Felsblöcke in den Bergweiden herumlagen. Den grössten von allen packte er, lud ihn auf und keuchte damit wieder aufwärts, um die schöne, neue Brücke zu zerschmettern.

Als er nun mit seiner ungeheuren Last, schwer schnaufend, bergan ging, kam ein altes Mütterchen daher. Da setzte sich der Teufel eben ein wenig und legte den Felsblock nebenher. Er wollte etwas verschnaufen.

Wie aber das Mütterchen seinen Bocksfuss ersah, machte sie schnell das Kreuzzeichen über sich und auch gegen den Stein, der auf einmal im Rasen stecken blieb und trotz allem Reissen sich vom Teufel nicht mehr vom Fleck bringen liess. Nun merkte er, dass mit den Urnern bös handeln sei, und fuhr beschämt zur Hölle.

Seither heisst die Brücke in den Schöllenen die Teufelsbrücke und der riesige Stein in den Weiden am Weg unterhalb Göschenen der Teufelsstein.

2. Der schlaue Peterli.

Einmal waren zu Peist im Graubündnerland in einem Wirtshause viele junge Burschen zusammengekommen, die sich mit Spielen und Schmausen unterhielten und sich eine gar lustige Nacht zu machen wussten. Es mag etwas zu übermütig hergegangen sein. Als sie am lautesten und ausgelassensten taten, ging, wie von einem Windstoss aufgeblasen, lautlos die Stubentüre auf, und herein trat ein grüngekleideter Fremder, der um Herberge nachsuchte, die ihm die Wirtsleute auch bereitwillig gewährten.

Danach setzte sich der Grüne unter die übermütige Gesellschaft der Jungburschen und begann, es selber also toll zu treiben mit Spielen und Spässen, dass sie an ihm ihre heillose Freude hatten. Immer vertrauter wurde er mit ihnen, und zuletzt, als ihnen die Augenlider vom Weine schwer und der Sinn stumpf wurde, anerbot er sich lachend, die ganze grosse Zeche zu zahlen, wenn ihm der Letzte, der die Stube verlasse, künftig mit Leib und Seele dienen wolle. Er sei auch gerne bereit, diesem daraufhin so viel Geld zu geben, dass er sein Lebtag genug habe.

Jetzt wurde es den ausgelassenen Jungen doch etwas seltsam. Sie glotzten einander erst stumpfsinnig an, und dann ward es mit einemmal Tag in ihren Köpfen. Sie merkten nun, wer ihnen die Zeche zahlen wollte, und verwünschten den Augenblick, in dem der unheimliche Fremde zu ihnen in die Stube gekommen war. Aber nun kamen sie ihm nicht mehr aus, denn gutwillig wollte er nicht gehen, und ihn dazu zu zwingen, wagte keiner der vorher so tollen Burschen. Er sah bös aus, und alle zitterten für Leib und Seele.

Jedoch unter den Burschen war einer, dem immer noch etwas einfiel, wenn die andern nicht mehr wussten, wo aus und ein. Man hiess ihn nur den kleinen Peterli. Dieser erholte sich von seinem ersten Schrecken und dachte darüber nach, wie er der geängstigten Gesellschaft aus der Klemme helfen und dem Teufel, denn das war der Grüne, ein Schnippchen schlagen könnte. Auf einmal rief er, nachdem der Fremde die grosse Zeche bezahlt hatte, fröhlich lachend aus: „Du, Grüner, das ist leicht, aber dabei kommst du gewiss zu Schaden! Also das Licht gelöscht, und der Letzte, der die Stube verlässt, muss mit dir, basta!“

Jetzt wurde das Licht ausgelöscht, der Grüne stellte sich hart neben die Stubentüre, damit er den Letzten, der ihm gehören sollte, flugs packen könnte.

Schier taghell schien der Mond in die Stube. Es war eine herrliche Nacht. Aber die jungen Burschen zitterten und dachten, die Sache werde wohl ein böses Ende nehmen. Nun mussten sie, ob sie wollten oder nicht, zur Stube hinaus. Weil aber keiner der Letzte sein wollte, so losten sie um den Vortritt. Der kleine Peterli wusste es, ohne dass der Böse es merkte, einzurichten, dass das Los, die Stube zuletzt zu verlassen, ihn traf.

Einer um den andern verliess nun hochklopfenden Herzens die Stube. Schon war der Zweitletzte draussen, da kam noch der kleine Peterli gegen die Türe als der Letzte. Hohnlachend wollte sich der Teufel über ihn herstürzen, doch Peterli sagte: „Nur schön langsam, dort kommt noch mein Hintermann!“ Und damit zeigte er auf seinen Schatten an der Wand. Rasch liess der Satan von ihm ab und warf sich gierig auf den Schatten an der Wand. Aber als er den Betrug merkte, war der kleine Peterli schon draussen, und mit Blitz und Donner fuhr der dumme Teufel ab.

3. Die St. Jodernglocke.

Einst lebte in der kleinen Walliser Hauptstadt Sitten auf seinem hochgelegenen Schloss Turbillon ein heiligmässiger Bischof, der St. Jodern (Theodor) hiess. In einer Nacht nun hatte der Bischof einen seltsamen Traum. Es wurde ihm darin kund getan, dass der Heilige Vater in Rom in grosser Gefahr schwebe, falls er nicht sofort gewarnt würde. In Schweiss gebadet und in schweren Ängsten erwachte der Bischof. Sogleich sann er angestrengt darüber nach, wie er dem Heiligen Vater wohl die Warnung zu wissen tun könnte. Er stand auf, trat ans Fenster und starrte sorgenvoll in die stille Nacht hinaus.

Da sah er nicht weit von seinem bischöflichen Palaste weg einen seltsamen, ungewöhnlich hellen Schein, den sonst ringsum die Dunkelheit umschloss. Und wie er verwundert genauer hinschaute, sah er drei Teufel, die fröhlich mit ihren Pferdefüssen auf dem hellen Schein, wie auf einem Teppich, tanzten. Der Bischof rief sie an, und sie eilten sogleich gehorsam herbei.

„Wer von euch ist der Geschwindeste?“ fragte der Bischof.

„Ich,“ sagte der erste Teufel, ich bin geschwind wie der Wind.“

„Nein,“ rief der zweite, „ich fliege so geschwind wie die Kugel aus dem Rohr.“

„Das ist was Rechtes,“ höhnte der dritte, „ich durcheile die Welt wie ein Weibergedanke.“

„Du bist mein Mann,“ sagte erfreut der heilige Jodern. Und nun machten sie aus, der Bischof müsse dem dritten Teufel seine Seele zum Lohn geben, wenn er ihn in der Nacht nach Rom trage und auch noch zurück, bevor die Hähne den Tag beschrieen.

Zufrieden ging der Teufel den Handel ein. Flugs holte er einen schwarzen Hahn und setzte ihn als Wächter auf die Stadtmauer. Der heilige Bischof jedoch holte heimlich einen weissen Hahn und setzte ihn zuoberst auf die Kirchturmspitze. Jetzt lud der Teufel den Heiligen auf den Buckel und trug ihn über alle Berge im Hui nach Rom, der ewigen Stadt. Dort warnte der Bischof den Heiligen Vater. Dieser schenkte nun dem heiligen Jodern als Belohnung eine schöne Glocke, die der Bischof sogleich dem Teufel aufbürdete. Obwohl das für den Bösen eine gar schwere Last war, ging’s doch wieder im Flug heimwärts gen Sitten, also dass es noch finster war, als sie am Fusse des Bischofssitzes ankamen. Schon frohlockte der Satan, aber zu früh, denn noch bevor er den heiligen Bischof abzusetzen vermochte, fing der weisse Hahn auf der Kirchturmspitze aus Leibeskräften zu krähen an. Er hatte auf dem Turmspitz einen gar üblen Platz gehabt und immer wachbleiben müssen, um nicht herunterzufallen. Der schwarze Hahn dagegen, der es auf der breiten Stadtmauer gut hatte, war eingeschlafen. Aber wie er nun den weissen Hahn krähen hörte, wachte auch er auf und krähte mit. Der Böse schäumte vor Wut. Aber der Bischof war sogleich, wie er den Hahnenschrei gehört hatte, von des Teufels Rücken gesprungen und auf die Kniee gefallen. Da packte der Satan die Glocke und warf sie rasend vor Wut nach dem Heiligen, und zwar mit solcher Gewalt, dass sie neben dem Bischof neun Klaftern tief in die Erde hineinfuhr, dann machte er sich wie das böse Wetter davon. Der gerettete Bischof aber streckte die Arme aus und rief: „Dona, Dona läut!“ Und da fing die Glocke im Boden zu läuten an und stieg läutend empor bis zuhöchst in den Kirchturm, wo sie im Glockenstuhl hängen blieb.

Die St. Jodernglocke wird heute noch geläutet, wenn ein Ungewitter logbricht. Auf der Glocke aber ist der Heilige Bischof abgebildet, wie er neben dem Satan steht, der die Glocke auf dem Buckel trägt.

Der Fischer am Rheinfall.

Es war einmal ein junger Fischer, der wohnte bei Schaffhausen, der schönen Stadt am Rheinfall.

Eines Abends, als die blaue Dämmerung aus den Wäldern herausquoll und am leise ziehenden Rheinstrom die Nebelfrauen durch die überhängenden Weiden und Erlen huschten, fuhr der junge Fischer mitten in den Fluss hinaus, um sich von den klingenden Wellen gemächlich nach Hause treiben zu lassen. Er hatte seinen Fischkasten voll von feinen Fischen und durfte mit dem Tag wohl zufrieden sein. So legte er sich denn in seinem Kahn nieder und liess sich von dem immer dunkler werdenden Wasser ruhig davontragen. Nicht weit ob dem Rheinfall stand seine Hütte, an der er bald zu landen gedachte.

Wie er nun so dahintrieb und an allerlei sann, ward er schläfrig; auf einmal fielen ihm die Augen zu, und er schlief ein.

Da überkamen ihn denn allerlei Träume. Erst träumte er von seiner Geliebten. Ihm war, sie trete eben aus den Bäumen hervor, deren Rauschen er immer deutlicher zu hören vermeinte. Dann aber war ihm, er vernehme ein fernes Knurren, wie das Knurren eines Stieres. Und nach und nach ward daraus etwas wie ein fernes Donnern, und jetzt träumte ihm, ein fürchterliches Gewitter fahre daher, ein orkanartiger Sturm peitsche ihm die wolkenbruchmässig herabfallenden Wasser des Himmels, ins Gesicht, und die ganze Welt sei nur noch eine unaufhörlich brausende Donnerorgel.

Auf einmal fuhr er aus dem Schlafe auf und sah mit Entsetzen eben seinen Kahn von den ungeheuren Wassermassen des Rheinfalles gepackt und in die grauenhafte Tiefe gerissen. „Hilf Gott, der Rheinfall!“ schrie er noch. Dann ging’s mit ihm rundum. Ein Brüllen, Stäuben und Brausen um ihn. Er krampfte sich an den tanzenden Kahn mit beiden Händen, mit Leib und Seele an, dann vergingen ihm die Sinne.

Als er wieder zu sich kam, wurde sein Kahn von den zischenden Wogen eben ans Ufer geschleudert. Noch halbtot vor Schrecken, blieb er lange am Ufer liegen und staunte zu dem donnernden Rheinfall hinauf, den der aufgehende Mond eben geisterhaft beleuchtete. Es war, als stürzten unzählige Wildbäche flüssigen Silbers übereinander und miteinander in die grausige Tiefe, in der es kochte, stäubte und rauchte.

Aber als eine vorüberrollende Woge mit einem feinen Wassersprudel über ihn kam, schoss er auf, zog den Kahn vollends ans sichere Bord, lud ihn auf und machte sich dann damit so schnell als tunlich nach Hause. Dort legte er sich hurtig und schweigsam zu Bett. Im Schlafe noch donnerte ihm der Rheinfall schrecklich in die Träume.

Am Mittag des andern Tages sass der junge Fischer wohlgemut im Wirtshause unter anderem Fischervolk und erzählte prahlend seine grausige Fahrt über den Rheinfall. Die Fischer wollten es nicht glauben oder taten doch so, bis er, vom Weine betrunken, ausrief, es würde ihm nichts machen, auch wenn er die Fahrt ein zweites Mal zu unternehmen hätte. Da schwiegen alle und schauten ihn schier erschrocken an, denn zu einer solch tollen Tat wollten sie ihn nicht treiben. Doch an einem eigenen Tische in der Wirtschaft sass ein fremder Mann mit unheimlichen Augen. Dieser erhob sich, lachte schrill auf und rief: „Fischer, ich gebe dir hundert Gulden, wenn du die Fahrt ein zweites Mal wagst!“ Und gleich rief der junge Fischer in frevelhaftem Übermut: „Gut, es gilt, ich tu’s zum zweitenmal!“ Zu einem alten Manne aber, der ihn warnte und ihm zuredete, er solle Gott danken, dass er das erste Mal so gnädig davongekommen sei, sagte er lachend: „Ich wag’s dennoch. Was mir im Schlafe gelang, muss mir im wachen Zustande, wenn ich doch das Steuer lenken kann, erst recht gelingen.“

Jetzt fuhr er auf, und alle Leute, die in der Wirtschaft waren, voraus der unheimliche Fremdling, verliessen das Haus und folgten dem Fischer ans Rheinufer. Bevor ihn jemand zurückzuhalten vermochte, sprang er in seinen schwanken Kahn und stiess in toller Vermessenheit vom Bord ab, dem nahen Rheinfall zu, den man gar wohl donnern hörte. Mit lähmendem Entsetzen schaute ihm alles nach, nur der Fremde grinste seltsam.

Erst ruderte er, um das Schiffchen noch rascher vorwärts zu treiben. Aber auf einmal sprang er ans Steuer, denn unversehens begann sein Kahn zu tanzen und schneller dahinzutreiben. Es dauerte keine Vaterunserlänge, da fing er an zu hüpfen und zu eilen, als gälte es einen Hasen einzuholen. Immer näher kam er dem schrecklichen Fall. Das Steuer wollte dem kräftigen Fischer kaum noch gehorchen, und auf einmal fing der Kahn davonzuschiessen an wie rasend, und fürchterlich glucksten die Wirbel und Wellen um ihn herum.

Wie nun der junge Fischer plötzlich nichts mehr um sich sah als ein reissendes Wildwasser, packte ihn auf einmal eine entsetzliche Todesangst. Es war ihm, der Rhein habe sich in ein wildes Pferd verwandelt, das ihn mit Pfeilschnelle der tiefsten Hölle zutrage. Er versuchte mit der Kraft der Verzweiflung das springende Schifflein zu wenden, doch das Steuer gehorchte ihm nicht mehr. Er jagte an die Ruder, aber die rasende Flut schleuderte sie weg, und jetzt sah er vor sich den Rheinfelsen mitten aus dem Strom auftauchen. Ein jämmerlicher Aufschrei gellte ins Donnern der Wasser, und dann glitt der Kahn, schneller als ein gefällter Baum durchs Holzgeleit von der Bergwand, in die flatternden Wirbel des Wasserfalles hinein.

Wohl eilten jetzt die schreckensbleich zuschauenden Fischer hinunter an den Strom, wo der Rheinfall verkocht und ausschäumt. Sie schauten und schauten und harrten, aber weder Fischer noch Kahn tauchte jemals wieder aus der brausenden Flut. Und als sie sich nun zornig nach dem Fremden umsahen, der den trunkenen Fischerjungen zu der schrecklichen Todesfahrt aufgestachelt hatte, fanden sie ihn nicht mehr. Wie sie auch später das Land nach ihm absuchten, niemand ausser ihnen wollte ihn jemals gesehen haben. Da bekreuzten sie sich und dachten sich ihre Sache.

Seither sieht man in mondhellen Nächten oft ein nebelhaftes Schifflein mit einem Fährmann zwischen dem Doppelriff des Rheinfalls hinabgleiten und in den milchweissen, überschäumenden Wasserstürzen verschwinden.

Der Stiefelreiter.

In stürmischen Lenznächten rauscht die wilde Reuss ungestümer durch das Freie Amt im Aargau, denn da wälzt der Fluss die Schneewasser des Vierwaldstättersees der Aare zu. In solchen Vorfrühlingsnächten gehen die Bewohner der Gegenden um das Kloster Muri nicht gern aus. Da reitet der gespenstige Stiefelreiter auf schneeweissem Schimmel mit verkehrtem Kopf durch Berg und Tal, und oft hört man ihn an zwei Orten zugleich vorübersausen.

Einst, vor vielen, vielen Jahren, hatte das reiche Kloster Muri einen gar schlimmen Vogt zu seinem Hüter bestellt. Dem Abte schien’s der tüchtigste Mann von der Welt zu sein, denn er mehrte des Klosters Besitzstand und seine Wohlhabenheit von Jahr zu Jahr. Aber der gute Abt war mit Blindheit geschlagen, denn er wusste nicht, was für ein ganz anderes Gesicht der Vogt den Leuten ums Kloster zeigte. Da war er in allem der bösartigste Mensch, den man sich denken kann. Keine Bitten und keine Klagen vermochten sein hartes Herz zu erweichen, und der Tränen der Witwen und Waisen lachte er. Er trug gewaltige Stülpstiefel, die ihm bis weit über die Kniee reichten. Wenn nun die Leute den bösen Klostervogt in diesen hohen Stiefeln auf seinem weissen Schimmel, daherreiten sahen, versteckten sie sich ängstlich hinter den Häusern und Scheunen; die Kinder aber schrieen entsetzt: „Der Stiefelreiter kommt, der Stiefelreiter kommt!“ und liefen davon. Sie fürchteten sich besonders vor seinem unmenschlich grossen Kopf, seinen fürchterlichen Augen und seinem gewaltigen roten Barte.

So quälte er die Leute auf alle Art. Zu der zehnten Garbe, die seinem Kloster von rechtswegen zukam, nahm er immer gewaltsam auch eine elfte und zwölfte. Ja selbst das Heu stahl er nachts den Bauern von ihren Matten, liess ihre Holzscheiter wegtragen und schüttelte mit seinen Knechten ihr Obst von den Bäumen. Kurzum, er schädigte sie auf jede Weise. Wehe aber jenen, die ihm verschuldet waren und nicht sogleich zahlen konnten! Er stiess sie im harten Winter aus ihrem Heim und riss selbst den Kranken das Bettlaken unterm Leibe weg. Hielten ihm die Armen das Kreuz entgegen, so spuckte er danach.

Nahe bei Schongau, im Nachbarland Luzern, wohnte eine fromme Frau. Die hatte auf ihr Ableben hin dem Kloster Muri ihr Gut vermacht. Das gefiel dem Stiefelreiter. Er ritt zu der alten Frau, um ihr Besitztum zu besehen. Aber dann sagte er zu ihr, als sie eben ihre Suppe ass, sie müsse auch noch das kleine Gut, das den Besitz des grossen unterbreche, durch einen Zusatz im Testament dem Kloster vermachen. Da wurde die Frau böse und schickte den Stiefelreiter zum Hause hinaus, denn jenes kleine Gütchen gehörte ihrer Bruderstochter, die in einer ärmlichen Strohhütte darauf wohnte. Gerade ihretwegen hatte die fromme Frau ihr grosses Gut dem Kloster vermacht, damit die arme Brudertochter nach ihrem Ableben das angesehene Kloster Muri zum alleinigen Schirmnachbarn habe.

Doch der Stiefelreiter gab das Gütchen der Armen nicht auf. Er wollte zum grossen Gut durchaus auch das kleine haben. Er stahl das Testament der frommen Frau, und mit verstellter Schrift setzte er in jene Schenkungsurkunde noch die Worte hinein: samt dem Hüttlein und dem Gute, das bis dahin meines Bruders Tochter innegehabt.

Als nun die fromme Frau gestorben war, ritt der Stiefelreiter auf seinem Schimmel zum Gericht und zeigte das Testament der Seligen vor. Voll Schrecken lief auch die arme Bruderstochter der Verstorbenen hin und verwahrte sich unter Wehklagen gegen das lügnerische Testament. Aber der Stiefelreiter anerbot sich, auf die Schenkungsurkunde den Eid abzulegen. Sie gingen beide mit dem Richter auf das strittige Grundstück. Und nun schwor der Stiefelreiter, so wahr sein Schöpfer und Richter über ihm sei, so wahr stehe er auf Klosters Grund und Boden.

Kaum hatte er den Schwur getan, stiess er einen schrecklichen Schrei aus und fiel tot zusammen. Als man ihm schnell die Kleider auftat, sah man mit Entsetzen, dass er einen falschen Schwur getan habe. In seinen dickroten Haaren fand man nämlich Schöpfer und Richter (Löffel und Kamm) verborgen, und seine grossen Stulpstiefel waren in den Füssen mit Erde aus dem Klostergarten angefüllt. So hatte ihn Gott auf der Stelle gerichtet.

Heute noch, wenn die Kinder in jenen Gegenden an der Reuss unartig sind und der Grossmutter nicht gehorchen wollen, öffnet sie wohl das Fenster und ruft in die Dunkelheit hinaus: „Stiefelreiter, komm und hol mein böses Maiteli!“ Worauf sich die Kleinen rasch ins Ofenloch verkriechen und folgsamer werden als ein weisses Lamm am Schnürchen.

Der Türst.

Einstmals, vor gar alten Zeiten, lebte im Entlibuch, im Luzerner Hinterlande, eine schöne und reiche Tochter. Aber so schön und reich sie war, die Leute mochten sie doch nicht leiden, da sie ein wildes, unweibliches Leben führte. Statt wie andere Jungfrauen im Hauswesen tätig zu sein und sittsam und züchtig, wie es einem schmucken Mägdlein wohl ansteht, über Steg und Weg zu wandeln, pfiff sie durch die Finger ihrem Hund, stiess dann ins Horn und ging schon am frühen Morgen auf die Jagd in die Bergwälder. Entsetzt flohen der Hirsch und selbst der grimme Wolf vor ihr, wenn sie tobend und jauchzend mit ihrem Jagdspeer in den Wald einbrach und ihr Hund dabei kläffte, dass es allerorten ein Echo gab. Am schlimmsten aber war es, dass die wilde Maid nicht einmal den Sonntag, mehr heiligte. Während andere Leute zur Kirche gingen, wenn die Glocken riefen, griff sie zum Speer und rannte mit ihrem Hund in den Wald, um die armen Tiere, die doch vom Sonntag auch einige Ruhe erwarten durften, zu Tode zu hetzen. Nie sah man sie in eine Predigt oder in eine Messe gehen. Die Leute aber schüttelten die Köpfe und sagten, das könne kein gutes Ende nehmen, denn wenn man nicht tue wie die Leute, so ergehe es einem auch nicht wie den Leuten. Gewiss hole die frevelhafte Jungfer noch einmal der Türst, wenn er nachts im Sturmwind durchs Land jage.

Eines Tages, es war gerade der heilige Abend, klopfte es an dem grossen Hause an, wo die jagdlustige Jungfer wohnte. Als man nachsah, wer denn am heiligen Abend noch Einkehr halten wolle, stand ein junger, schlanker Ritter vor der Pforte und bat um Nachtherberge, da er morgen mit der Tochter des Hauses, die man im Tale ihrer Wildheit wegen nur die Sträggeln nannte, eine fröhliche Pirsch abhalten wolle. Die Knechte und Mägde im Hause erschraken ob diesen Worten, aber sie mussten den späten Gast einlassen, da er ein gar feiner Ritter zu sein schien.

Die wilde Sträggeln aber empfing ihn mit Hallo, und als er sagte, er liebe die Jagd wie sie über alles, wurde sie gar hellauf. Also beschlossen sie, zusammen am nächsten Morgen, als am Morgen des heiligen Christfestes, eine Wolfsjagd in den nahen Bergwäldern zu unternehmen. Zwar fiel es der Jungfer doch auf, dass der schlanke Ritter nicht sagen wollte, woher er komme, aber sie dachte nicht lange darüber nach. Die Hauptsache war ihr, dass sie einen so hübschen und flinken Weidgesellen für die morgige Wolfshatz gewonnen hatte.

Als nun am Morgen die Glocken im Tale das heilige Weihnachtsfest feierlich einzuläuten begannen, ging das Volk von allen Seiten her zur Kirche. Der Ritter stand am Fenster und sah es wohl. Grell auflachend sagte er zur Jungfer: „Lassen wir die Leute zur Kirche laufen. Komm, wir wollen lieber das lustige Weidwerk treiben!“

Und sogleich machten sie sich polternd und lachend zum Hause hinaus, mit Speer und Bogen wohl ausgerüstet, und begleitet von der grossen kläffenden Rüde. Scheu wichen die Kirchgänger dem wilden Paare aus und schauten mit bedenklichen Augen den Frevlern nach, die, unbekümmert um den heiligen Tag der Geburt Christi, den Wäldern zutollten und bald darin verschwanden.

Es dauerte auch gar nicht lange, so war die Sträggeln mit ihrem Genossen im dichten Bergwald. Eben wollte sie ihren Wurfspiess nach einer mit ihren Jungen aufspringenden Rehgeiss schleudern, da packte ihr seltsamer Jagdgefährte ihren erhobenen Arm und sagte mit einer todkalten Stimme und mit Augen, die wie Feuer brannten: „Mein Wild habe ich erjagt. Du hast auf das eigene Gewissen nie gehört; du hast gegen Gott gefrevelt! Nun bist du mein und sollst wie ich fürderhin der Menschen Schrecken sein.“

Jetzt reckte er sich empor und wuchs und wuchs zum Riefen auf, und mit Entsetzen erkannte die Jungfrau, dass sie der wilde Türst geholt hatte. Ach, wie schrie sie auf, wie gerne wäre sie jetzt zur Kirche geeilt! Doch es war zu spät. Unaufhaltsam wuchs der Jäger neben ihr, und, o Schrecken, auch ihre Glieder begannen sich zu strecken und zu recken, auch sie wuchs gespenstig empor und wuchs dem fürchterlichen Jäger nach, der schon über die Tannen hinausragte. Auch die kläffende Rüde neben ihr wuchs zum Ungeheuer heran. Und auf einmal fing der wilde Türst an, über Berg und Tal wegzustürmen, dass das Wild des Waldes in Todesängsten überall aufstob. Die Sträggeln aber trieb eine unsichtbare Gewalt ihm nach, und kläffend jagte der Riesenhund hinterdrein. Also fuhren sie mit Hallo wie ein Sturmwind im Land herum.

Die Leute aber, die noch überweg waren, sahen erbleichend den Umgang der Riesengestalten, und sie sahen auch, wie sie beim ersten Hahnenschrei gegen die Gadenmatt stürmten, und wie sich dort ein flammender Abgrund auftat, in dem sie spurlos versanken.

Als nach dem heiligen Tag die Jungfer nicht mehr heimkehren wollte und die Kunde von dem seltsamen Umgang des wilden Türst im ganzen Lande herumging, wussten die Leute, was sie zu denken hatten: der Türst hatte die Sträggeln geholt, und nun musste sie mit ihm nachts auf die wilde Jagd bis zum jüngsten Tage. Noch lange nachher, wenn’s in sternenhellen Winternächten ums Haus tobte, sahen sie die Riesengestalten mit ihrem Hund über die Hausdächer hinwegstürmen. Und wenn irgendwo eine Glocke ertönte, so hörten sie die Sträggeln-Jungfer stöhnen. Der Türst aber stiess dann wilder ins Horn, also dass sich die gewundrigen Leute schreckensbleich unter den Bettdecken verbargen.

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9788726683141
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