Czytaj książkę: «Erinnerungen»
Maximilien de Robespierre
Erinnerungen
Impressum
ISBN 978-3-940621-94-8 (epub)
ISBN 978-3-940621-95-5 (pdf)
Digitalisat basiert auf der auf der Ausgabe von ca. 1924/25 aus der Bibliothek des Vergangenheitsverlags; bibliografische Angaben:
Robespierre, Maximilien de, Erinnerungen. Von ihm selbst, Berlin o. J. (ca. 1924/25)
Bearbeitung: Mireya Hütsch / Ranka Zgonjanin
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Inhalt
EINLEITENDES ESSAY: „Morgenröte einer besseren Zeit“ - Die Französische Revolution in Robespierres „Erinnerungen“
Quellenteil: Maximilien de Robespierre - „Erinnerungen“
ERSTES KAPITEL
ZWEITES KAPITEL
DRITTES KAPITEL
VIERTES KAPITEL
FÜNFTES KAPITEL
SECHSTES KAPITEL
SIEBENTES KAPITEL
ACHTES KAPITEL
NEUNTES KAPITEL
ZEHNTES KAPITEL
ELFTES KAPITEL
ZWÖLFTES KAPITEL
DREIZEHNTES KAPITEL
VIERZEHNTES KAPITEL
FÜNFZEHNTES KAPITEL
SECHZEHNTES KAPITEL
SIEBZEHNTES KAPITEL
Laponneraye: Robespierres letzte Lebensjahre
Robespierres Reden
AN DIE VERBÜNDETEN
DAS BUNDESFEST VON 1792
ÜBER DIE ANKUNFT DER MARSEILLER IN PARIS
ÜBER DIE EREIGNISSE DES 10. AUGUST 1792
INTERESSANTE EINZELHEITEN AUS DEN EREIGNISSEN DES 10. AUGUST UND DER FOLGENDEN TAGE
ANTWORT MAXIMILIAN ROBESPIERRES AUF DIE ANKLAGE LOUVETS VOR DEM NATIONALKONVENT
ANTWORT ROBESPIERRES AN JEROME PÉTION
EINLEITENDES ESSAY: „Morgenröte einer besseren Zeit“ – Die Französische Revolution in Robespierres „Erinnerungen“
Maximilien de Robespierre ist ein berühmt-berüchtigter Name der Französischen Revolution. Sein Drang nach radikaler Demokratisierung der französischen Ständegesellschaft beeinflusste den Verlauf des revolutionären Aufbruchs im Ancien Régime nachhaltig. Als Vorsitzender des Jakobinerklubs forderte er das allgemeine, direkte Wahlrecht und beseitigte die Privilegien des Adels und des Klerus. Sein Ziel, die herrschende soziale Ordnung umzuwälzen, war eng an Jean Jacques Rousseaus Prinzipien geknüpft und forderte erhebliche Maßnahmen: Nach dem Sturz des französischen Monarchen Ludwigs XVI. und dessen Hinrichtung ging Robespierre als Mitglied des Nationalkonvents scharf gegen Republiksgegner vor und begründete damit die Zeit der „Schreckensherrschaft“. In dieser Epoche der „Grande Terreur“ organisierte Robespierre das gewaltsame Vorgehen gegen die Feinde der Revolution, das unzählige Menschen das Leben kostete. Tausende starben unter der Guillotine. Ein Schicksal, das ihn später schließlich selbst traf.
Die „Erinnerungen“ von Robespierre sind mehr als eine schlichte Autobiografie. Sie sind eher als ein historisches Dokument zu betrachten, das Einblick in eines der bedeutendsten Ereignisse der Menschheit, der Französischen Revolution, gibt. Robespierre erkannte, dass er „unter den größten Begebenheiten, welche je die Welt bewegt haben“, eine Rolle spielte und entschloss sich dazu diese in seinen „Erinnerungen“ festzuhalten. Das Buch beschreibt das Leben und Wirken Robespierres von seiner Kindheit bis zur Französischen Revolution, als er Vertreter des dritten Standes in der Nationalversammlung war. Seine eigenen Aufzeichnungen enden im Jahr 1791. Diesen schließt sich eine Darstellung über Robespierres letzte Lebensjahre des französischen Historikers Albert Dulin de Laponneraye an. Laponneraye sammelte zudem bedeutende Reden des Revolutionsführers, die in dieser Edition ebenfalls zusammengefasst werden.
Die autobiografische Schrift Robespierres bietet eine eindrucksvolle Einsicht in die Gefühls- und Gedankenwelt eines der „glühendste[n] Freund[e] der Menschheit“, wie Laponneraye ihn bezeichnete. Seine Gutwilligkeit gegenüber dem französischen Volk ging jedoch daran zu Bruch, dass er den Menschen eine Republik aufzwingen wollte, statt die Republik dem Volk anzupassen.
Wer war Robespierre?
Am 6. Mai 1758 wurde Maximilien Marie Isidore de Robespierre in Arras, einer Stadt im Norden Frankreichs, geboren. Als Kind eines Advokaten am Obergericht von Artois genoss er das Ansehen seiner Familie in der Heimatstadt. Noch in seiner Kindheit starben die Eltern Robespierres. Die frühe Konfrontation mit dem Tod prägte den Charakter des Heran- wachsenden. Er reifte unter diesen Umständen schnell heran und war entschlossen, sich seine Unabhängigkeit durch ein juristisches Studium zu sichern. Mit zwölf Jahren kam der junge Robespierre nach Paris an das Kollegium „Ludwig der Große“. Hier erfuhr er eine starke Prägung durch seinen Lehrer, einem enthusiastischen Republikaner, der ihn in die Ideen und Theorien der römischen Republik einführte. Die Lobeshymnen seines Lehrers auf die republikanischen Werte eröffneten Robespierre eine neue Welt und veränderten seine Gedanken. Nach seinen herausragenden Leistungen am Kollegium widmete sich Robespierre schließlich einem juristischen Studium. In seiner Zeit als Student machte er eine bedeutsame Begegnung mit seinem größten Vorbild, dem Philosophen Jean Jacques Rousseau. Sein Spaziergang mit dem Verfasser des „Gesellschaftsvertrages“ wurde für Robespierre zu einem einschlägigen Ereignis, dass den jungen Studenten Zeit seines Lebens nicht verließ, war er doch stets voller Bewunderung für Rousseaus Schriften und dessen Genie. Nach Beendigung seines Studiums ging Robespierre vorerst der Arbeit eines Advokaten in seiner Heimatstadt Arras nach. Seine kurze Karriere bei Gericht wurde bald von seiner zunehmenden politischen Tätigkeit überschattet. In der Zeit, als sich das aufklärerische Gedankengut in Frankreich verbreitete und der allgemeine Wunsch laut wurde, die Lage im Land zu verändern, bekannte sich auch Robespierre zum Kampf mit allen Mitteln für die Demokratisierung der Gesellschaft. Die starke Staatsverschuldung im Ancien Régime führte kurz bevor es zum Bankrott kam im Mai 1789 zur Einberufung der Generalstände, die seit über eineinhalb Jahrhunderten nicht mehr zusammengekommen waren.
Dieser Befehl des Königs löste im Land eine große Euphoriewelle aus, die auch Robespierre teilte. Er verfasste politisch-theologische Abhandlungen, in denen er entschieden demokratische Ideen vertrat. Robespierres letzter Prozess als gerichtlicher Verteidiger, markierte den Übergang seiner Karriere zur Politik. Neben der Klärung des eigentlichen Falls seines Mandaten, setzte sich Robespierre hier in seiner „heftigen Schlußrede“ – wie er sie selbst betitelte – für die politischen Belange seiner Nation ein. Er rühmte die Einberufung der Generalstände als „die Morgenröte eines neuen Tages“ und forderte von keinem geringeren als dem Monarchen selbst, den Anschluss an die Mitgestaltung der neuen Zukunft Frankreichs. Der Prozess wurde gewonnen und Robespierre erreichte dadurch hohes Ansehen. Dies begünstigte seine Wahl zum Abgeordneten des dritten Standes in die Generalstände.
In Versailles erlebte Robespierre die revolutionären Unruhen und betrachtete die Entwicklungen mit großer Freude, sah er doch bereits „[d]ie Aristokratie […] in den letzten Zügen“ und den „Hof […] in Todesangst“. Sein Vorhaben nach Freiheit und Gleichheit für das französische Volk zu kämpfen, machte Robespierre auch weiterhin in der Nationalversammlung öffentlich. Mit seinen linksradikalen Forderungen fand er sich bald auf Seiten der Jakobiner wider, einem politischen Club, der sich während der Französischen Revolution als Gegenpol zu den Girondisten etablierte. Der Jakobinerklub, dessen Präsident Robespierre 1790 wurde, war stark gefärbt vom rousseauschen Gedankengut und verfolgte eine Politik für das einfache Volk.
1792 wurde gegen den König unter Führung Robespierres Anklage wegen Hochverrats erhoben. Mit der anschließenden Hinrichtung des Monarchen, entbrannte die Zeit der Terreur, der Schreckensherrschaft, in der sowohl gegen die äußere Bedrohung des revolutionären Frankreichs als auch gegen potentielle Revolutionsfeinde gewaltsam vorgegangen wurde. Für Robespierre, der Mitglied des Nationalkonvents war, bedeutete der Terror eine Reinigung des Staates von jeglichen Gegnern, die zur Durchsetzung der republikanischen Tugenden unabdingbar war. Während der Zeit der Terreur wurde Robespierre am 27. Juli 1793 zum Mitglied des Wohlfahrtsausschusses, dem Exekutivorgan des Nationalkonvents, gewählt. Er baute die Macht des Wohlfahrtsausschusses soweit aus, dass dieser bald über uneingeschränkte Vollmachten verfügte. In den folgenden Monaten wurden dadurch unzählige Menschen auf Grund ihrer konterrevolutionären Meinungen zum Tode verurteilt, um den Aufbau der „Herrschaft der Tugend“, wie es Robespierres Ziel war, voranzutreiben. Doch der Widerstand gegen den Terror spitzte sich zu. Das beständige Verlangen Robespierres, den Staat weiter zu säubern und die Schreckensherrschaft nicht zu beenden, führten dazu, dass sich der Wohlfahrtsausschuss gegen Robespierre selbst richtete. Am 27. Juli 1794 wurde der Schreckensherrscher verhaftet und einen Tag später ohne Gerichtsverhandlung, ganz nach ehemaligem Vorgehen gegen die Revolutionsfeinde, hingerichtet. Der noch heute berühmte Ausspruch seiner girondistischen Gegner symbolisiert damit auch Robespierres eigenes Ende: „Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder.“
Die Rezeption Robespierres ist bis heute groß. Vor allem in der Literatur finden sich häufig Anknüpfungspunkte an sein Leben. Das Drama „Dantons Tod“ von Georg Büchner aus dem Jahr 1835 ist wohl das berühmteste Werk, das den historischen Stoff verarbeitet und Robespierre als Gegenspieler zu Danton zeigt.
Quellenteil:
Maximilien de Robespierre – „Erinnerungen“
ERSTES KAPITEL
Euch widme ich diese Schrift, ihr Manen des Bürgers von Genf, damit sie, wenn ihr das Licht der Öffentlichkeit bestimmt ist, unter dem Schutz des beredtsten und tugendhaftesten der Menschen stehe. Mehr als je bedürfen wir heute der Beredsamkeit und der Tugend. Göttlicher Mann, dir danke ich es, daß ich mich selbst erkannt habe. Daß ich in früher Jugend schon lernte, meine Menschenwürde hochzuhalten, über die großen Gesetze der sozialen Ordnung nachzudenken. Das alte Gebäude ist zerfallen. Die Pfeiler eines neuen Baus haben sich auf seinen Trümmern erhoben, und dank dir habe auch ich ihnen meinen Baustein eingefügt. Nimm meine Huldigung! So arm sie ist, darf sie dir gefallen: nie habe ich den Lebenden Weihrauch gestreut.
Ich habe dich am Ende deiner Tage gesehen, diese Erinnerung ist mir der Quell einer stolzen Freude; ich habe deine erhabenen Züge betrachtet, ich habe die Furchen des bitten Kummers gesehen, zu dem die Ungerechtigkeit der Menschen dich verdammt hat. Seitdem erkannte ich die Sorgen eines edlen Lebens, das sich dem Streben nach Wahrheit weiht. Sie haben mich nicht erschreckt. Das Bewußtsein, das Wohl seines Nächsten bezweckt zu haben, ist der Lohn des Tugendhaften; später erst folgt die Dankbarkeit der Volker, die seinem Andenken die Ehre gönnen, welche seine Zeitgenossen ihm versagt haben.
Wie du, möchte ich dieses Glück um den Preis eines mühevollen Lebens, selbst um den Preis eines frühzeitigen Todes erkaufen.
Bestimmt, mitten unter den größten Begebenheiten, welche je die Welt bewegt haben, eine Rolle zu spielen; im Begriff, die Gewitter losbrechen zu sehen, welche von allen Seiten sich zusammenballen, deren Wirkung kein menschlicher Verstand erraten kann, bin ich mir selbst, bin ich es bald auch meinen Mitbürgern schuldig, Rechenschaft von meinen Gedanken, meinen Handlungen abzulegen. Dein Beispiel ist da. ist vor meinen Augen; deine bewunderungswürdigen „Bekenntnisse“, freimütige Offenbarung der reinsten Seele, werden der Nachwelt ein Vorbild der Kunst, mehr noch ein Wunder der Tugend sein. Ich will deiner Spur folgen; sollte ich auch keinen Namen hinterlassen, nach dem künftige Jahrhunderte forschen werden; wohl mir, wenn ich in der gefährlichen Laufbahn, die eine unerhörte Umwälzung vor uns auftut, den Eingebungen treu bleibe, die ich aus deinen Schriften geschöpft habe.
Ich bin in Arras1) geboren; meine Familie stand daselbst in einem bedeutenden Ansehen: das Glück hatte sie nicht begünstigt, nur ihren Tugenden dankte sie die Achtung, deren sie genoß. Der Ahnherr meines Vaters war ein Irländer: der Sache der Stuarts ergeben, begleitete er den letzten Sprößling dieses königlichen Hauses nach Frankreich, und ließ sich, nachdem er die Pflicht erfüllt, die ihm sein politischer und religiöser Glaube auferlegt, im Artois2) nieder. Sein Grabmal ist noch in der Kirche von Carvin, einem Flecken bei Béthune.
Seine Kinder hatten die ehrenvolle Laufbahn der Rechte eingeschlagen; auch mein Vater war Advokat bei dem Obergericht von Artois. Seine Talente und seine Rechtlichkeit hatten ihm zahlreiche Klienten und ein unabhängiges Auskommen verschafft; seinem Glücke fehlte nichts als eine Gattin seiner Wahl, er suchte danach, nicht in den Reihen der Aristokratie, wozu seine Geburt ihn berechtigt hätte, sondern in den bescheideneren, tugendhafteren der arbeitsamen Bürger. Die Tochter eines Brauers, Marie Josephine Carreau, fesselte sein Herz; er trug ihr seine Hand an. Mein Großvater, den diese unstandesgemäße Verbindung verdroß, bemühte sich umsonst, sie zu hintertreiben. Die Liebe meines Vaters siegte über seinen Widerstand; die Tugend seiner jungen Gattin vollendete das Werk; bald gewann sie das Herz des Greises, der ihren Wert erkannte, seine Vorurteile vergaß, und nur noch die geliebte Tochter in ihr sah.
Ich war die erste Frucht dieser glücklichen Ehe, ein zweiter Sohn und noch zwei Töchter befestigten sie noch mehr. Ach! Wir sollten früh mit dem Unglück vertraut werden; unsre vortreffliche Mutter starb; nur ich kann von diesem traurigen Ereignis sprechen, dessen Erinnerung tief in mein Herz gegraben bleibt. Neun Jahre war ich alt, aber mein kindischer Verstand hatte bereits die ganze Liebe begriffen, die sie uns gewidmet hatte, die ihr schwaches Leben verzehrte. Ich weinte heftig; ich erriet, was der Tod sei, und war über meinen jüngern Bruder empört, der, mit aller Sorglosigkeit eines Kindes, neben dem Gemache spielte, in dem die teure Leiche ruhte.
Diesem ersten Schlage folgten andre nach; der Schmerz meines Vaters hatte keine Grenzen, seine Vernunft wurde irre, man war genötigt, ihn aus seiner Heimat zu entfernen, um seine Geisteskräfte und seine Gesundheit wiederherzustellen. Er durchreiste nach und nach Deutschland, England und Amerika, blieb einige Zeit in Köln und versuchte, als die dringenden Bitten der Familie ihn nach Arras zurückriefen, seinen alten Beruf wieder zu ergreifen; aber die traurigen Erinnerungen, welche seine Geburtsstadt in ihm erweckte, die tiefe Melancholie, welche seit seinem Wittum ihn beherrschte, machten ihm den Aufenthalt in Arras immer unerträglicher; er verließ die Stadt, um nie wieder zurückzukehren. Später erfuhr ich, daß er nach einem in Schmerz auf Reisen verbrachten Leben in München gestorben sei. —
Seit meiner frühsten Kindheit verwaist, empfand ich das Gewicht des Lebens, die lastende Knechtschaft der Wohltaten. Das Unglück hatte mir eine zeitige Reife gegeben; es trieb mich, mir meine Unabhängigkeit zu sichern, mit Eifer gab ich mich dem Studium hin, welches allein mir eine Aussicht darauf eröffnete. Mein Großvater hatte uns bei sich aufgenommen und die rührendste Sorgfalt an uns verschwendet; aber bald verloren wir auch diese letzte Stütze. Der Bischof von Arras, Herr von Conzié, der Freund meiner Familie, wurde mein Beschützer; er wachte über die Jahre meiner Kindheit und stellte mich zunächst als Chorknabe in der Kathedrale an: so erhielt ich die erste Grundlage des Unterrichtes. — Da ich glückliche Anlagen verriet, wollte Herr von Conzié sein Werk vollenden. Er stand in enger Verbindung mit dem Titular-Prälaten der Abtei von St. Vast, der, als solcher, über eine Freistelle im Kollegium „Ludwig der Große“ zu verfügen hatte. Herr von Conzié erbat und erhielt sie für mich.
Es war das Jahr 1770. Ich verließ zum ersten Male Arras, das so reich an herben Erinnerungen für mich war. Ich kam in Paris an, ich trat in das Kollegium ein, nicht mit der Traurigkeit des verzärtelten Kindes, das die Abwesenheit seiner Mutter, die Märchen seiner Amme und das Spielzeug beweint, womit es sich bis jetzt gefreut hat, sondern mit der Entschlossenheit des Mannes, den weder die Trauer der Vergangenheit, noch die Furcht vor der Zukunft verstört. Was hatte ich denn auch zu betrauern: ich, der arme, vom Mitleid Fremder abhängige Waisenknabe, der mitten unter Kinder kam, die, hier wenigstens, trotz der Reichtümer, der Auszeichnungen, der Ämter, welche ihrer warteten, noch meinesgleichen waren? Was hatte ich zu fürchten, ich, der ich von der Zukunft nur die Erziehung erwartete, die ich erhalten sollte? Unter andern Umständen hätten die Gitter meines neuen Aufenthaltes mir vielleicht den Atem beengt, die strenge Zucht, der ich mich unterwarf, wäre mir wie Tyrannei erschienen. Aber es handelte sich hier um mein ganzes Leben; überdies waren diese Gitter für jedermann geschlossen, diese Zucht lastete rücksichtslos auf uns allen; auch das war schon Gleichheit.
In Paris fand ich einen alten Oheim, Kanonikus in Notre-Dame; es war der Abbé3) de la Roche. Dieser wackre Mann nahm mich freundschaftlich auf; er war entzückt über das Gute, das man mir nachsagte, munterte mich zu Beharrlichkeit auf, und verschaffte mir von Zeit zu Zeit einige Zerstreuungen. Aber ich war bestimmt, alle meine natürlichen Beschützer zu verlieren, und lernte diesen fast nur kennen, um ihn zu beweinen. Er starb zwei Jahre nach meinem Eintritt in das Kollegium.
Von den Mitschülern, welche der Zufall mir beigesellt hat, haben einige sich einen Namen in der Welt erworben; mehrere habe ich in meinem politischen Leben wieder angetroffen, zum Teil als standhafte Verteidiger der Volksrechte, teils als furchtsame Stützen einer gemäßigten Meinung, oder als wütende Kämpen des Despotismus. Ich will ihrer kurz erwähnen.
Camille Desmoulins4) ist einige Jahre jünger als ich; er stammt von dem gelehrten Sachwalter Karl Desmoulins; dieser Adel ist mehr wert als der der Männer vom 4. August.5) Ein glühender Durst nach Ruhm verzehrt ihn; wäre er zu einer andern Zeit gekommen, hätte er, seines Großvaters gedenkend, wahrscheinlich seinen Namen durch einige glänzende juristische Arbeiten verherrlicht, und wäre ein höchst gewichtiger Mann geworden. Die Ereignisse, die eingetroffen sind, haben ihm eine andere Laufbahn eröffnet, für die er vorherbestimmt zu sein schien. Er hat sich mit seiner Feuerseele, mit der Begeisterung seiner Feder hineingestürzt — er wird es weit bringen. Dem Kapitel von Laon sind wir eigentlich die Erziehung schuldig, welche Camille erhalten hat; seine Familie war ohne Vermögen, die Kanoniker hatten ihm eine Freistelle im Kollegium „Ludwig der Große“ verschafft. Vielleicht werden sie es jetzt nicht bereuen, sich seiner angenommen zu haben. Camille ist häßlich im vollen Sinne des Wortes; sein dunkles, intelligentes Gesicht hat einen unedlen Ausdruck; er spricht mit Mühe, er stottert; doch bringt er es dahin, daß man ihn anhört, er fesselt, er bewegt das Volk: denn in seiner Rede ist die hinreißende Kraft natürlicher Überzeugung, welche weder Berechnung noch Schonung kennt. In seinen Schriften schmückt er diese volkstümliche Freimütigkeit mit aller Anmut eines sorgfältigen Stiles. Er ist ein furchtbarer Gegner, ein unbesonnener, verwegener, aber mächtiger Freund; sein Leben im Kollegium war, wie jetzt das des Mannes: heftig, unüberlegt, willkürlich. Sobald der erste leichte Funke der Empörung in die Herzen seiner Mitschüler fiel, konnte man sich darauf verlassen, daß er das Feuer anfachen und sich an die Spitze der Rebellen setzen würde. Ohne die Schwäche, der sich der Abbé Proyart in Hinsicht seiner nicht erwehren konnte, und welche die Kenntnisse, die Fortschritte, das gute Herz Camilles rechtfertigten, wäre er tausendmal fortgeschickt worden. Ich hängte mich an ihn: mein Alter, mein ernster, kalter Charakter gab mir ein Übergewicht über sein Gemüt, das nicht geschwächt worden ist. Damals, wie jetzt, brauchte er den Rat eines einsichtsvollen Führers, der die Verwirrungen seiner wilden Einbildungskraft regelte, die Schätze seines Geistes zu einem nützlichen Ziel leitete; er fühlte es, er fühlt es noch. Der gute Camille! Er liebte mich mit der Wärme der Schulfreundschaft: müßte ich ihn jemals auf die Probe stellen, ich bin gewiß, er würde sich bewähren.
Unter meinen Mitschülern habe ich, nach Camille, die engste Verbindung mit Fréron6), dem Redner des Volkes, erhalten. Ich hatte ihn seit der Zeit der Nationalversammlung7) kaum gesehen und mich ihm erst durch sein Journal wieder genähert. Als ich ihn im Kollegium kennenlernte, führte sein Vater noch das Zepter des Zeitungswesens: er setzte Voltaires8) beißenden Witzen eine unbeirrbare Kaltblütigkeit und erneute Angriffe entgegen, welche die Eigenliebe des reizbaren Dichters aufs höchste verwundeten. Dieser Kampf blieb uns nicht ganz unbekannt; der Geist der Unabhängigkeit und des Unglaubens, der bereits in unsem jugendlichen Gemütern schlummerte, riß uns mehr zu dem Banner des zweifelsüchtigen, spottenden Weisen hin. Fréron mußte es manchmal empfinden, daß seine Kameraden so wenig Geschmack für die rückschreitenden Lehren seines Vaters besaßen. Das Ansteckende des Beispiels, einige schlechte Scherze, deren Ziel er war, genügten, ihn aus der Bahn zu schleudern, auf die seine Geburt ihn hinzuweisen schien, und vereitelten die Lehren seines Vaters und die Ermahnungen seines Oheims, des Abbé Proyart. Fréron war nach seinem Austritt aus dem Kollegium lange Zeit gebunden und verhindert, die Lehren, welche er daselbst geschöpft hatte, frei zu entwickeln. Er begnügte sich, dem Vergnügen zu leben, etwas, was in den Augen der Aristokraten leicht zu dulden ist: Royou, Proyart und andere besorgten ohne ihn sein „Literarisches Jahrbuch“. Als Patenkind Königs Stanislaus, Schützling der Prinzeß Adelaide, unter der Aufsicht seiner frömmelnden Familie, lauter kriechenden Hofbedienten, konnte er sich erst durch die Revolution von 1789 losmachen. Jetzt schreitet er den eifrigsten Verbesserern voran und ist, wie ich glaube, der Sache der Freiheit aufrichtig ergeben. Sein Talent reicht nicht weit; ich habe keinen Grund, sein Herz für schlecht zu halten, doch hätte er mir nie die Teilnahme eingeflößt, welche ich für Camille hege.
Die glänzendste, aber auch die gefährlichste Rolle hat unter allen meinen Mitschülern Duport-Dutertre gespielt. Er ist einige Jahre älter als ich; als Kind habe ich nur in geringer Beziehung zu ihm gestanden. Erst als er gegen das Ende des Jahres 90 in das Justizministerium berufen wurde, erinnerte er sich, daß der für die Nationalversammlung gewählte Deputierte von Arras, dem seine Arbeiten einige Volkstümlichkeit verschafft hatten, wohl derselbe kleine Schüler sein könne, der mehr als einmal bei den Preisbewerbungen der Universität gekrönt worden war und mit ihm auf den Bänken des Kollegiums „Ludwig der Große“ gesessen hatte. Ich hatte, dank dieser Erinnerung, einigemal Gelegenheit, ihn in einigen schwierigen Verhältnissen zu sehen, die ich später berühren werde. Duport ist ein durchaus rechtlicher Mann, umgänglich, bescheiden und talentvoll. Sein Ruf als Advokat war groß, wohl verdient; er hatte unrecht, einen andern zu begehren. Nicht jedem ist es gegeben, ohne Vorbereitung ein geschickter Staatsmann zu werden; es gehört mehr dazu als Wissenschaft und Rechtlichkeit, und das war alles, was Duport hatte.
Noch ein Wort über zwei Männer, die heutigen Tages in verschiedener Hinsicht Aufsehen machen, deren Namen selbst ich ohne die widerhallenden Revolutionstribünen vergessen hätte. Den ersten, den ich zu meinem Erstaunen unter dem Namen Lebrun9) wiedertraf, kannten wir im Kollegium als Abbé Tondu. Obschon er damals das Bäffchen trug, war sein Leben doch durchaus abenteuerlich. Camille, den sein Alter mehr zu ihm führte, hat mich tausendmal mit der Beschreibung desselben zum Lachen gebracht; aber ich muß Verzicht darauf leisten, es mit allen Einzelheiten wiederzuerzählen, mit denen eine tolle Phantasie die Geschichte ausschmückte. Tondu wurde zuerst Geistlicher, warf dann die Kutte weg, wurde nacheinander Drucker, Soldat, Zeitungsschreiber und revolutionierte zuletzt das Lütticher Land. Als dessen Abgeordneten hörte ich ihn vor den Schranken der Nationalversammlung eine sehr patriotische Rede halten, die mir lieber gewesen wäre, wenn sie aus dem Munde eines guten Lüttichers gekommen wäre. Tondu-Lebrun ist gegenwärtig in den auswärtigen Angelegenheiten beschäftigt. Er ist ein durchaus hirnloses Subjekt, dem man, ich weiß nicht warum, diplomatische Kenntnisse zugeschrieben hat, und das höchstens zu einem Kabinettkurier fähig ist.
Der andere ist der politische Feind seiner ehemaligen Mitschüler geworden. Suleau nämlich, ein hitziger Kopf, der, weil er die Hoffnung aufgab, unter den Neuerern den ersten Platz einzunehmen, sich blindlings unter die Aristokraten geworfen hat. Sein Prozeß, die Giftigkeit seiner Blätter, seine Wut zu scherzen, haben ihn zur Genüge bekannt gemacht. Es würde mir übel stehen, ihm in einem Werke, das er nicht zu Gesicht bekommen wird, die Angriffe zurückzugeben, mit denen er mich beehrt hat. Handelte er aus Überzeugung, so verdient er noch den Haß der Patrioten, nicht ihre Verachtung. Aus den Reihen des Volkes hervorgegangen, verlassener Kämpfer der alten Herrschaft, arbeitet er umsonst für eine Partei, die nur wenige Tage noch mit dem Tode ringen und ihn in ihren Sturz hineinziehen wird. Sein gegenrevolutionäres Treiben, das niemandem mehr ein Geheimnis ist, hat ihn bereits dem Hasse des Volkes preisgegeben, welches nichts vergißt und früh oder spät Zeit findet, seine Feinde zu tüchtigen.
Ich habe mich bei diesen Namen aufgehalten, da sie sich an die Erinnerungen meiner Kindheit knüpfen, die durch die gewichtigen Ereignisse, mit denen sie sich seither vermischt haben, täglich erweckt und verdunkelt werden. Ich rufe sie mir gern ohne diese traurige Umgebung in das Gedächtnis zurück. Es gibt Pflichten, die mit Gewalt befehlen, die der tugendhafte Mann nicht vergessen kann, sollte er auch über dem Versuch umkommen. Aber die Seele bedarf auch der Ruhe, und in den noch frischen Eindrücken der Vergangenheit suche ich sie am liebsten. Nicht ohne lebhaften Genuß erinnere ich mich jener Zeit friedlichen Andenkens, wo ich keine Sorge hatte als die eines stets gespornten Wetteifers; keine Freude, als wenn mir ein Vers, der mir schwer geworden war, der wahre Sinn einer dunkeln Stelle, eine lateinische, des Tacitus würdige Wendung, eine heftige Rede im Stile Bossuets einfiel, mit der ich meine rhetorischen Ausarbeitungen schmückte; wo ich keinen andern Triumph kannte als einen Kranz, keine Belohnung als ein Buch. Nichts fehlte meinem Glücke, nichts als die Tränen, die Umarmungen einer Mutter, wenn ich als Sieger aus unsern gelehrten Kämpfen zurückkehrte.
Diese Vereinzelung hat mir frühzeitig eine Melancholie und Traurigkeit eingeflößt, die meine Kameraden falsch auslegten. So jung ich noch war, fühlte ich doch das Peinliche meiner Lage und floh ihrer Gesellschaft, die mich jeden Augenblick an das Glück mahnte, das ich auf immer verloren hatte. Sie warfen mir Menschenhaß, Eifersucht, und was weiß ich, vor: einer von ihnen, Fréron glaube ich, sagte es mir ins Gesicht. Ich gebe zu, daß sie mich nicht umgänglich finden konnten, aber ich war für die Gründe keine Rechenschaft schuldig, die mir den Wunsch einflößten, allein zu bleiben. Aber eifersüchtig? Gegen wen? Wen hatte ich denn seiner Fortschritte wegen zu beneiden? Wer fühlte eine größere Zukunft in sich?
Meine Lehrer würdigten mich richtiger; der eine besonders, Herr Hérivaux, hatte einen Geist, der mit dem meinen wunderbar übereinstimmte; dadurch, daß er seinen Schülern die schönen Taten der römischen Republik, Spartas strenge Sitten, die staunenswerten Werke der Künste und Beredsamkeit erklärte, welche die Freiheit unter den leichtlebigen, geistreichen Bewohnern Attikas geschaffen, lebte er zuletzt selbst nur in diesem Ideenkreise; als enthusiastischer Republikaner predigte er uns die Wohltätigkeit und die Wunder der Regierung, welche er sich gebildet hatte. Die Vorsteher des Kollegiums duldeten seine heftigen Lobeserhebungen, sie scherzten darüber wie über eine Verkehrtheit, die keine Folgen habe; aber wir, die wir eher als sie die scherzhafte Seite herausheben sollten, begingen die Verkehrtheit, die Sache sehr ernst zu nehmen. Bis jetzt hatte ich wenig Fähigkeit, mich zu regen, gezeigt : Ciceros fließende Reden waren für mich nicht ohne Reiz, aber der Teilnahme beraubt, die sich an die Wirklichkeit knüpft, ausgetrocknet durch pedantische Erläuterungen, ohne das Leben, das ihnen die Würdigung der Zeiten verleiht, erweckten sie nur eine unfruchtbare Bewunderung in mir. Die Worte des Herrn Hérivaux öffneten mir die Augen, er rief die alten Schatten der Gracchen herauf, stellte mitten im Forum die Rednerbühne oder den kurulischen Sessel wieder her, füllte den Senat, den Markt mit ehrwürdigen, im Dienste des Vaterlandes grau gewordenen Greisen oder mit einer unzähligen Menge, mit einem ganzen Volke an, welches über die Wahl seiner Abgeordneten ratschlagte, anklagte, richtete und strafte und dann, seine Obern an der Spitze, den Göttern seinen Dank abstattete und zum Pfluge zurückkehrte. Ich sah den Aventinischen Berg und beneidete das Los der mutigen Tribunen, welche die Eingriffe der Patrizier zügeln, die Rechte des Volkes schützen mußten.
Ich gestehe, diese neue Welt, in welche mein Lehrer mich einführte, bewirkte eine Umwälzung in allen meinen Ideen, aber bald brach das Licht hervor, kleine Unsicherheit schwand. Dieser ersten Unterweisung welche eigenes Studium hernach berichtigt hat, danke ich den Samen zu meinen unwandelbaren Ansichten. Herr Hérivaux bemerkte den tiefen Eindruck, den sein Enthusiasmus in meinem Geiste zurückgelassen hatte; er freute sich darüber und gab mir im Scherze den Beinamen des Römers.
Später mußte ich mich herabstimmen; mein Lehrer in der Philosophie verstand keinen Spaß bei diesen Gegenständen, ich mußte meine republikanischen Ideen in mich verschließen. Dieser Lehrer war der berüchtigte Abbé Royou, der kürzlich (im Juni 1792) in dem Verstecke gestorben ist, in welchem er sich vor dem Haftbefehl verborgen hielt, den die Versammlung gegen ihn erlassen hatte. Royou, der frömmelnde Abbé, der Schwiegersohn Frérons, Professor der Philosophie, war der Mann nicht, meine Ausfälle gegen den Despotismus, meine Verehrung der Freiheit zu dulden. Royou hatte sich, mit bedeutenden schriftstellerischen Talenten begabt, zum Kämpen einer Idee aufgeworfen, die gegenwärtig nur noch bei Narren oder unredlichen Leuten in Ansehen stehen kann. Zuerst mit Fréron für die Redaktion des literarischen Jahrbuches verbunden, gründete er später das Journal de Monsieur und durfte es ohne große Unannehmlichkeit versuchen, die Literatur zum Rückwärtsgehen zu zwingen; das Unnütze seines Versuches hätte ihm wenigstens über das Vorschreiten des menschlichen Geistes die Augen Öffnen sollen, aber die Erfahrung trägt denen, die nicht sehen wollen, keine Früchte! Royou hat sich auf die Politik geworfen, und sein „Freund des Königs“ wird ein unwiderleglicher Beweis für die Armseligkeit unserer Natur, für die Verirrungen sein, zu denen sie sich hinreißen lassen kann.
Der Abbé Proyart, Untervorsteher des Kollegiums, war mein Landsmann; als solcher wurde ich mit Liebe von ihm behandelt; denn im Grunde ist es ein vortrefflicher Mensch, den nur die Vorurteile seines Rockes und ein für kräftige Entschlüsse nicht sehr empfänglicher Charakter zur Hofpartei geworfen haben.
Auch in meinem Professor der Rhetorik, Herrn von Fousseux, hatte ich einen Landsmann und Freund gefunden. Ich habe ihn später in einem andern Kreise wieder angetroffen und erst dann die Vaterlandsliebe erkannt, die in seinem Herzen lebte.
ZWEITES KAPITEL
Ich werde mich hier nicht über die Fortschritte auslassen, die ich während meiner Studien machte; das Gedächtnis meiner Mitschüler und Lehrer, die Akten der Preisbewerbungen bezeugen sie zur Genüge. Mit einer leichten Fassungsgabe, besonders mit einer Ausdauer bei der Arbeit ausgestattet, wie man sie nur sehen bei der Jugend antrifft, wußte ich mir den ersten Platz in meiner Klasse zu erringen und mich darauf zu behaupten. Welch süße Genugtuung war es für mich, vor einer riesigen Versammlung von Gelehrten, Schriftstellern und Hofleuten den Siegespreis zu erringen, nicht nur über meine Mitschüler, sondern über die besten Zöglinge aller Pariser Kollegien. Lange erfüllte die Erinnerung jenes Triumphs mich mit Stolz, und selbst jetzt noch denke ich freudig daran zurück, weil ich durch sie an Selbstvertrauen gewonnen, mich zu würdigen gelernt habe und in das Leben wie ein Mann eingegangen bin, der seines Weges gewiß ist, dem es nie fehlen würde. Im Grunde jedoch sind diese Bewerbungen eine regelrechte Irreführung, und auf einen Schüler, der wie ich die Hoffnungen rechtfertigt, die seine frühen Erfolge zeitigten, kommen wer weiß wie viele, die unproduktiv bleiben und zu deren Mittelmäßigkeit sich nur der ganze Hochmut und törichte Ehrgeiz gesellt, den die Lobpreisungen ihrer Lehrer in ihnen erweckt haben; wie viele, die vortreffliche Finanzmänner und ertragliche Sachwalter geworden wären, verlegen sich dadurch auf Schöngeisterei und halten sich für einen neuen Montesquieu10) oder Voltaire, weil sie die Anrede des Regulus an seine Krieger ziemlich artig übertragen haben.
Ich habe mich ausgenommen; es wäre Torheit, falsche Bescheidenheit gewesen, wenn ich es nicht getan hätte; gewiß, der von zwei Akademien Preisgekrönte, der Advokat, der sich die Achtung, den Beifall seiner Mitbürger erworben, der Abgeordnete des Volkes, dessen Stimme nicht immer machtlos war, der öffentliche Ankläger des Tribunals der Seine, der Redner, der Schriftsteller, der Journalist, der sich die allgemeine Gunst errungen hat, ist dem gekrönten Zögling des Kollegiums von 1775 nichts schuldig geblieben, und wenn dieser etwas versprach, sind die Versprechungen gehalten worden.
In den letzten Augenblicken meines Aufenthaltes im Kollegium wurde ich noch bei einem ziemlich bemerkenswerten Ereignis ausgezeichnet. Es war im Monat Juni 1775, als Ludwig XVI. in Reims gesalbt worden war und bei seiner Rückkehr seinen Einzug in Paris feiern sollte. Alle gesetzlichen Behörden hielten eine Anrede an ihn. Auch die Universität gehörte dazu. Es war der Gebrauch, daß außer der gewöhnlichen Rede des Rektors, welcher den Lehrkörper repräsentierte, auch die Studenten sich vorstellen ließen, und daß einer derselben, der von allen seinen Kameraden gewählt worden war, zum Könige sprach. Ich wurde dazu bestimmt und führte das Wort. Ich habe durchaus nichts von der Rede behalten, die ich gesprochen habe; ich erinnere mich nur, daß die, welche ich entworfen hatte, dem Abbé Proyart vorgelegt wurde, der bei jeder Zeile, die er las, ununterbrochen ausrief: Da seh einer! Der kleine Tollkopf! Es ist unglaublich! Darauf strich er, verbesserte, strich wieder; alles mußte über die Klinge springen, und dabei zankte der Abbé! Als er fertig war, gab er mir mein unglückliches, von einem Ende zum andern durchstrichenes Manuskript zurück und sagte: „Das ist recht schön, mein Herr Römer, recht schön für den Tribun Tiberius Gracchus11), der den zum Konsul ernannten Nascia anredet. Oh! Oh! Junger Mann, was für ein Republikaner würden Sie sein! Aber Sie hätten Ihre Zeit besser wählen sollen: warten Sie es ab. Diesmal werde ich die Rede selbst machen!“ Ich folgte dem Rate des Abbés, ich wartete.
Seine Rede wurde vom Könige beifällig aufgenommen; mit der Freundlichkeit, welche ihn charakterisiert, sagte er uns einiges Schmeichelhafte; der Pater Proyart brüstete sich damit und nahm den größten Teil der Lobeserhebung ohne Umstände für sich in Beschlag. Ich hätte sie ihm gern samt und sonders abgetreten. Damals begriff ich, wie es den Menschen demütigt und verächtlich macht, wenn er mit gekrümmtem Rücken herablassenden Worten lauscht, die ihm zugeworfen werden wie Almosen. Für den guten Abbé freilich war es höfisches Weihwasser.
Bald darauf verließ ich das Kollegium: mein Bruder Augustin kam von Arras an und nahm die Freistelle ein, die durch mich ledig wurde. Um ihm diese Begünstigung zu verschaffen, stellte ich mich dem Kardinal von Rohan12) vor, der als Abbé von St. Vast darüber verfügte. Der Prälat empfing mich freundlich. Der glückliche Erfolg, der meine Studien gekrönt hatte, schmeichelte seiner Eigenliebe; „er schätze sich glücklich“ sagte er, „Ludwig dem Großen ein neues Geschenk machen zu können.“ Er fragte nach meinen Plänen, ich teilte ihm den Wunsch meiner Familie mit, daß ich mich den Rechten widmen möge. Er versicherte mich seines Schutzes und lud mich ein, ihn wieder zu besuchen. Ich habe ihn in der Tat öfters gesehen und werde Gelegenheit haben, dies zu berühren. Er ist ein Mann von schönem Wüchse und angenehmen Zügen; großmütig aus Prahlerei; vergnügungssüchtig; Sklave der Gunst; stets bereit, alles zu opfern, um einen Blick vom Throne zu erhaschen. Man weiß, daß er in dieser Beziehung unglücklich gespielt hat; übrigens ist er ein Mann von Geist und Welt und mehr dazu geschaffen, ein Schwert umzugürten, als seinen jetzigen Rock zu tragen.
Endlich ward ich Mann; Herr meiner selbst, konnte ich mich in meiner bescheidenen Studierstube frei den Arbeiten hingeben, die mir einen Rang in der Welt verleihen und die Keime entwickeln sollten, die ich in dem Unterrichte des Kollegiums und in meinen eigenen Betrachtungen geschöpft hatte. Ich hatte einen entschiedenen Sinn für die Wissenschaften und besonders liebte ich ernste, gewichtige Gegenstände, welche die ersten Interessen des Menschen und ihre Beziehung auf die Gottheit und auf diejenigen berühren, welche herrschen. Die Aufmerksamkeit war wieder auf diese wichtigen Fragen gerichtet; dank dem philosophischen Geiste, es hatte sich in Frankreich eine öffentliche Meinung gebildet. Die armen Bürger, welche unter Ludwig XIV. kaum den Intendanten ihrer Provinz bei Namen kannten, und von der Macht nichts kannten als den Unterbeamten, der sie aussog, machten nach und nach die Beobachtung, daß sie für den Staat von Bedeutung wären; sie lasen Montesquieu und J. J. Rousseau13), besprachen sich über die öffentlichen Angelegenheiten, beunruhigten sich über die Wahl der Minister und bezeichneten die, welche ihnen die Würdigsten schienen. Der Hof stellte sich taub; überdies sprach man noch so leise, daß man nicht klagen konnte, er vernachlässige und übergehe die Warnungen; allein man sprach doch, und auch das war schon ein Fortschritt.
Bei meiner geistigen Eigenart war es mir unmöglich, dieser Bewegung nicht zu folgen, ja ihr nicht vorauszueilen. Gierig verschlang ich alle philosophischen und politischen Werke. Bald konnte ich mir von dem Eindrucke Rechenschaft ablegen, den diese Bücher auf mich machten; ich hielt dafür, daß, wenn die politischen Arbeiten unserer Enzyklopädisten, Verbesserer der Staatswirtschaft und anderer, mit Ausnahme Rousseaus, der für sich allein dasteht, sehr schwach, sehr matt, sehr weit vom Wahren entfernt sind, ihre philosophischen Schriften dagegen (auch hier mit Ausnahme jenes großen Mannes) über das Ziel hinausgegangen wären, das Wahre mit dem Falschen niedergerissen und dem Bewußtsein des Menschen nichts als eine traurige Absonderung und der Gesellschaft nichts gelassen hätten als den schlechtesten Führer: die Vernunft ohne Religion und Glauben.
Meine Zeit teilte sich in diese Studien und meine juristischen Arbeiten ein. Mit Eifer ergab ich mich dieser trocknen Wissenschaft; ich wollte mein Leben vor Not und fremder Unterstützung sichern. Dieser Grund hätte hingereicht, meinen Mut aufrechtzuerhalten, aber ich hatte einen noch wichtigeren: das Krachen unserer alten Regierungsmaschine kündigte eine nahe Auflösung an; schon sprach man unter gebildeteren Leuten das Wort: Generalstaaten aus. Ich hatte es zuerst von Gerbier gehört, als dieser sich eines Tages mit Ferrieré in dem Kabinett dieses letztern unterhielt; plötzlich flammte in meinem Geiste eine Idee auf. Der feste Wille, an diesen großen Volksversammlungen teilzunehmen, bemächtigte sich meiner; um dahin zu gelangen, mußte ich mich unter meinen Mitbürgern bemerklich machen: in einem Lande, das der Pressefreiheit beraubt ist, blieb aber nur ein Rednerstuhl — die Schranken des Gerichtshofes. Ich begriff sogleich, daß man von dem Augenblicke an, wo die Nation mit denen, die am Ruder saßen, Abrechnung halten werde, alles durch eine neue Gesetzgebung umgestalten würde; um aber würdig bei diesem großen Werke mitwirken zu können, war es nötig, mit vollendeten Studien, mit zuverlässiger Kenntnis der Lage der Dinge, die man umstoßen mußte, in die Versammlung zu treten. In der Laufbahn aber, der ich mich gewidmet hatte, mußte ich das Mittel finden, den höchsten Beweis von Zutrauen zu erhalten, der einem Bürger nur erteilt werden kann, und das Mittel, mich auch dessen würdig zu machen. Man glaube nicht, daß ich auf diese Schlüsse erst hinterher gekommen bin. Man fasse eine bessere Meinung: mein ganzes Leben bezeugt meine Voraussicht; erstaune wer will: Robespierre konnte in seinem achtzehnten Jahre erraten, wovon sich der alte Maurepas14) nichts träumen ließ.
Von meinen vielen Beschäftigungen eingenommen, hatte ich weder Zeit noch Lust, meine Jugend durch Zerstreuungen und Vergnügungen zu zersplittern, wie sie das Leben in Paris den jungen Leuten bietet. Die mäßige Unterstützung die ich von meiner Familie erhielt, genügte meinen eingeschränkten Wünschen; mein Stäbchen im fünften Stock der Straße St. Jaques verließ ich nur, wenn ich zu Ferrieré ging, dem ich empfohlen war, oder wenn ich der Sitzung des Gerichts beiwohnte. Einmal wöchentlich nahm ich an den Verhandlungen teil, welche zu dieser Zeit der Abbé Rattier, geistlicher Rat im Parlament, eingeführt hatte. Mit derselben Sorge, womit andere danach streben, vermied ich jedes nähere Verhältnis mit Frauen. Die Verführungen, welche Gattinnen von ihrer Pflicht abziehen, habe ich immer für verbrecherisch, eines rechtlichen Mannes unwürdig gehalten; weniger streng urteile ich über Verhältnisse, die sich zwischen Personen, welche frei von allen Verbindlichkeiten sind, anknüpfen; aber kaum aus dem Kollegium geschlüpft, ohne Vermögen, ohne wirkliches Auskommen, hätte ich keine Frau an mein Schicksal fesseln mögen. Von den jungen Leuten meines Alters sah ich nur wenige, und diese selten; bis zur Zeit, wo Camille das Kollegium verließ, schloß ich mich an keinen meiner Kameraden an.
Ich war häufig in den Gerichtssälen und suchte dort Vorbilder, die ich einst vor Augen haben wollte, wenn auch mir sich die Schranken öffnen würden. Ferriére war ein vortrefflicher Jurist, von geradem Verstand und gelehrt; aber er hatte sich, wie sein Oheim beratenden Andenkens, auf seine Stubenarbeit beschränkt und nie öffentlich vor Gericht gesprochen. Zwei Männer machten sich damals in Paris den ersten Rang als Sachwalter streitig; ich spreche von Gerbier und Linguet. Beide haben Aufsehen gemacht, und wenn ich nicht irre, in umgekehrtem Verhältnisse zu ihren Verdiensten; der unruhige, streitsüchtige, aufhetzerische Linguet, dessen groben Verstoß gegen die Volksvertreter wir später gesehen haben, hat abwechselnd bald boshafte Pamphlets, bald gerichtliche Verteidigungen geliefert, die eines Pamphletschreibers würdig waren. Dieser Mensch hat nie etwas mit der Würde und der Haltung, die der Toga ziemt, weder tun noch reden können; und hat es dahin gebracht, daß er, von seinen Kollegen mehr noch verabscheut als gefürchtet, von der Liste ausgestrichen wurde. Als ich ihn zuerst sah, war er in offenem Kriege mit Gerbier und schob ihm die ärgsten Plackereien zu. Das Parlament, das bis jetzt Gerbier geliebt und bewundert hatte, war gerade gegen ihn gestimmt und bot dem eifersüchtigen Hasse Linguets die Hand. Der Grund dieser Veränderung war schon einige Jahre alt: als der Kanzler Maupeou das Parlament verbannt hatte, ernannte er eine Kommission, die Gerichtspflege zu verwalten; der größte Teil der Advokaten weigerte sich, vor diesem aus dem Stegreif eingerichteten Hofe zu plädieren; aber Gerbier, der vom Kanzler gewonnen war und ohne Zweifel glaubte, daß sein würdiger Stand ihm jederzeit die Pflicht auflege, mit seinem schönen Talente Mitbürgern beizustehen, führte seine Prozesse vor diesen eingedrungenen Richtern und zog sich dadurch die Feindschaft der alten Parlamentsglieder zu. Gerbier war ein wahrhaft bewunderungswürdiger Mann! Niemals hat die Macht der Rede so gewaltig auf mich gewirkt! Er starb für seinen, für Frankreichs Ruhm einige Jahre zu früh. Unsere beratende Beredsamkeit hätte einen Meister mehr gehabt. Es war nicht dieser heftige, plötzliche Schwung, den wir bei Mirabeau15) bewunderten; es war mehr der Attizismus, die Feinheit des gebildeten Vortrages, der Reichtum an Bildern und Abwechslung, wie er sich in den unvorbereiteten Reden des jungen Advokaten von Bordeaux Vergniaud widerspiegelt; aber es war außerdem noch eine würdevolle, eindringliche Sprache, eine edle, sich mitteilende Wärme in seiner Darstellung und ein Gebärdenspiel, wie es nie ein Redner besessen hat. Hätte ich jemals wünschen können, etwas anderes zu sein als ich selbst, so war Gerbier der Mann, dem ich am liebsten gleichen mochte: er war rechtlich, uneigennützig, voller Ehrgefühl; die Eigenschaften des Herzens vereinigten sich in ihm mit allen Gaben der Natur. Linguet ist weit entfernt, dies Lob zu verdienen, und wenn man dem Genius im Gefolge der Tugend Altäre errichten muß, so soll man das Talent, das Genie selbst mit heilsamem Tadel strafen, wenn es nicht in der Tugend wurzelt.
Diese juristischen Kapazitäten, denen der künftige Advokat hohe Wichtigkeit beimaß, waren beim Publikum weniger angesehen. Hier wandten sich aller Blicke auf zwei Männer, die den größten Glanz auf die Wissenschaften geworfen, ihren Namen an das Jahrhundert geknüpft haben. Voltaire und Rousseau waren damals ihrem Ende nah; der Neid und der Haß, der sie im Leben verfolgt hatte, verschonte auch ihre letzten Stunden nicht. Aber ein allgemeiner Ruf des Lobes und der Bewunderung erstickten das unziemliche Geschrei ihrer Feinde. Es war ihnen vergönnt, noch lebend ihres Ruhmes zu genießen: der eine in der Zurückgezogenheit, im Frieden des Landlebens; der andere im Geräusch, in Festen, unter Akademikern, großen Herrn, Schauspielern und Hofdamen. Beide genossen, mit einem Fuße fast schon im Grabe, zum letzten Male noch die Freuden, die sie während ihrer ruhmvollen Laufbahn am meisten berauscht hatten. Der Eigenliebe Voltaires blieb nichts mehr zu wünschen, Rousseaus Seele war befriedigt. Beide schienen sich nach einem wechselreichen, irrenden Leben, das sich durch Achtungen und Triumphe, durch mächtigen Haß und erhabene Freundschaften auszeichnet, verabredet zu haben, den letzten Atemzug an dem Orte auszuhauchen, der die Fackel ihrer Unsterblichkeit entzündet hatte.
Ganz Paris beschäftigte sich mit diesen beiden berühmten Männern; besonders war Voltaire der Gegenstand der staunenden Bewunderung der Bürger geworden. Seit 27 Jahren durch ein Gutdünken des Königs aus der Hauptstadt verbannt, kam er nicht wie ein großer Mann zurück, gegen den man sein Unrecht wieder gutmacht, sondern bloß geduldet, wie ein Schuldiger, zu dessen Gegenwart man ein Auge zudrückt. Der Hof sah in ihm nur den achtzigjährigen Greis, dessen Kräfte zu erlöschen begannen, und darum schien sein Aufenthalt nicht gefährlich mehr: als ob die Menge eines neuen Trauerspiels, wie Mahomet, nötig gehabt hatte, um den Fanatismus zu hassen, eines neuen Versuches über die Sitten, um die von der Macht geheiligten Mißbräuche zu bemerken. Voltaire brauchte sich nur zu zeigen, um elektrisierend auf die Masse zu wirken; sein Name war ein Banner, um welches sich freiwillig die Anhänger der neuen Philosophie scharten. Atheisten, Deisten, Protestanten, politische Neuerer und Verbesserer der Staatswirtschaft, alles, was sich regte, alles, was dem freigewordenen Denken einen Schwung gab, erkannte in ihm den Führer; denn bei der unversiegbaren Fruchtbarkeit seiner Feder, bei der Mannigfaltigkeit seiner Kenntnisse, der Biegsamkeit seines Geistes dürfte schwerlich ein Streitsatz zu prüfen sein, der nicht in dem Arsenal seiner Werke mehr oder minder gestählte Waffen fände.
Es war ein schöner Tag für Voltaire, als er seiner eigenen Apotheose beiwohnte und von den Schauspielern der Comedie francaise, in Gegenwart eines zahllosen Publikums, das die Hallen des Hauses durch seinen Beifallssturm erschütterte, gekrönt wurde. Niemals ward der Eigenliebe eines Mannes eine so köstliche Huldigung; niemals zahlte ein schönerer Lohn mit größerem Wucher die Last eines ganzen Lebens. Was war jetzt für ihn das Andenken an Friedrichs Liebkosungen, an Katharinens Schmeicheleien? Welcher Fürst kann je eine Ehre erzeigen, die der vom Volke zuerkannten gleicht? Ich werde diesen herrlichen Auftritt nicht beschreiben; so viele andere haben es bereits getan, die so wie ich zugegen waren und die, von den äußern Gegenständen mehr eingenommen, die Einzelheiten besser behalten haben. In mir hatte dieses Schauspiel alle Kräfte meiner Seele erweckt, und das Nachdenken, welches mich abzog, ließ für mich von allem, was mich umgab, nichts übrig, als ein dumpfes Geräusch, welches vor meinen Ohren erstarb, einen Lichtglanz, der mich die Augen schließen ließ. Wie!, sagte ich, das sind also die Kronen, welche das Volk erteilt? Das Volk! Und wo ist es denn in dieser Versammlung? Diese von Diamanten, Jugend und Schönheit strahlenden Frauen, diese jungen, mit goldenen Ketten beladenen Männer, dieses ausgewählte, aufgeklärte, geist- und kenntnisreiche, talentvolle Publikum soll das Volk sein? Ist das nicht ein aus einer ungeheuren Ernte zufällig ausgelesener Haufen Körner? Ist es nicht die ganze Aristokratie? Die Aristokratie des Namens, des Vermögens, der Bildung? Ja. So ist es; für diese bevorrechtigten Geschöpfe allein, für diesen kleinen Bruchteil der großen Gesellschaft hat also Voltaire seine Meisterstücke geschaffen! Und welche Triumphe weiht man ihm? Wie berauscht man ihn mit Ruhm?
Doch man muß gerecht sein: Voltaires Schriften haben, vielleicht ohne sein Wissen, ungemein zur Mündigsprechung des Volkes beigetragen. Er wendete sich nicht an das Volk, weil es noch nicht reif war, ihn zu verstehen; aber er hatte in den höheren Sphären die Umwälzung begonnen, die später in die tieferen hinabgestiegen ist; er mußte sich den unveränderlichen Naturgesetzen unterwerfen und sein Publikum so hinnehmen, wie es ihm die früheren Jahrhunderte hinterlassen haben. Man muß seine Täuschungen, seine Verirrungen, seine unselige Leichtfertigkeit verzeihen, er war ein Werkzeug der Vorsehung und hat die Vollziehung ihrer Beschlüsse vorbereitet.
Im Jahre 1778 hatten meine Ideen noch nicht durch die Zeit, durch die Betrachtungen meines Studiums jene weisen Verbesserungen erfahren. Ich hatte, anfangs mit der Glut eines jungen, lernbegierigen Kopfs, später mit dem Widerwillen eines Gemütes, das des Glaubens bedarf, die Werke Voltaires gelesen. Seine entsetzliche Zweifelsucht, seine Wut, mit allem sein Spiel zu treiben, nichts mit seinem Witze zu verschonen, seine niedrige Anbetung der Fürsten, sein hochmütiger Ton, die Unsittlichkeit einiger seiner Produkte hatten mich empört und verblendeten mich für alles Erhabene und dem Volke Nützliche, das seine Schriften enthielten. Was ich ihm jedoch am wenigsten verzieh, und was mir heute noch der unauslöschlichste Flecken in seinem Andenken erscheint, war sein eifersüchtiger Haß gegen Rousseau, die niedrigen Angriffe, mit denen er diesen großen Mann verfolgt hat.
Der Verfasser des „Gesellschaftsvertrages“ war damals, wie jetzt, der Gegenstand meiner ganzen Bewunderung. Ich hatte beim Lesen jene Übereinstimmung der Gefühle und Gedanken empfunden, vermöge der man vertrauensvoll jede Handlung hinnimmt, die sich noch sehr zu einer Prüfung eignet. Ich bewunderte sein Genie und liebte seinen Charakter. Ihm danke ich die ersten festen Begriffe, die in mir Eingang fanden. Trotz der Mühe meiner Erzieher verließ ich das Kollegium als schlechter Katholik, und mit geringer Neigung, sogar nur an eine Offenbarung zu glauben. Rousseau bekehrte mich nicht; aber wenn die verwirrten Stimmen des Gewissens nicht laut genug sprachen, um für sich meiner Vernunft das Dasein eines höchsten Geistes zu beweisen, so kräftigte doch das mächtige, religiöse Wort dieses großen Schriftstellers diese früheren Spuren, und ich verdanke ihm meinen festen Glauben an eine belohnende Vorsicht, einen Glauben, der mich in einer mit Prüfungen erfüllten Laufbahn erhalten und getröstet hat, durch den ich dem Widerwillen wie den Gefahren getrotzt, den Verführungen widerstanden habe, die mich von dem Wege ablenken konnten, den mein Gewissen mir vorgezeichnet hatte.
Wenn ich die Vorliebe der Pariser für Voltaire nicht teilte, so überstieg dafür die Bewunderung, die ich für den Einsiedler von Ermenonville16) gefaßt hatte, die seiner eifrigsten Anhänger. Das Verlangen, den berühmten Mann zu sehen, hatte sich meiner bemächtigt und ging bald in eine förmliche Leidenschaft über. Durch meinen Enthusiasmus ermutigt, beschloß ich, mich nach seiner Einsiedelei zu begeben, auf den Fall hin, nur seine Stimme zu hören, nur seine geliebten Züge zu sehen. Ich teilte niemandem mein Vorhaben mit, man hätte es närrisch genannt, und reiste an einem schönen Junimorgen allein nach Ermenonville. Ich machte den Weg zu Fuß; die Betrachtungen, die mich beschäftigt hatten, ließen mich ihn nicht lang finden; überdies kommt man, wenn man, 19 Jahre alt, von einer Idee beherrscht ist, eine offene Straße vor sich, seine Zukunft im Kopfe hat, immer schnell an sein Ziel. Ein Jüngling meines Alters hätte, um in die Augen einer Frau zu sehen, denselben Weg gemacht, den ich einschlug, einen Philosophen zu sehen.
Das Herz schlug mir bei meiner Ankunft; je näher man dem gewünschten Gegenstande ist, je furchtsamer wird man. Aber jetzt konnte ich nicht mehr umkehren, und ich wäre vor Ärger gestorben, wenn ich aus einer unwürdigen Schwäche mich selbst des Glückes beraubt hätte, das ich aufgesucht hatte. Ich trat in den schönen Park von Ermenonville ein und irrte einige Zeit umher, ohne daß mir etwas aufstieß. Jemand vom Schlosse, dem ich begegnete, fragte mich, wen ich suche; ich stammelte den Namen J. J. Rousseau. Der Mann lächelte, indem er mich musterte: „Ich zweifle“, sagte er, „daß es Ihnen gelingen wird, Herrn Rousseau zu sehen, er liebt die Besuche nicht und würde Ihnen seine Tür verschließen, indessen, wenn es Ihnen nicht darauf ankommt, einige Stunden zu opfern, so wenden Sie sich dort nach dem kleinen Hügel, den Sie rechts von den Pappeln bemerken: dort ist die Einsiedlei; Herr Rousseau begibt sich täglich dahin, um zu botanisieren; vielleicht begegnen Sie ihm“
Ich wendete mich um so schneller nach jener Seite, da mir die Schamröte in das Gesicht stieg und ich das freche Gelächter der Bedienten zu vernehmen glaubte, die über den unbärtigen Schüler des Philosophen spotteten. Ich wartete lange in der Gegend der Einsiedlei, bald auf einem künstlichen Felsblock sitzend, bald mit kurzen Schritten auf- und abgehend und wieder stillstehend, um besser nachzudenken. Endlich sah ich am Füße des Hügels einen Mann erscheinen, der, das Auge zur Erde gerichtet, eine große Krauterkapsel unter dem Arme, jeden Augenblick stehenblieb, rasch eine Blume, eine Pflanze pflückte und sie sorgfältig aufbewahrte. Ich hätte ihm entgegen gehen sollen, aber eine heilige Ehrfurcht ergriff mich, ich blieb auf meiner Stelle. Indessen näherte er sich mir, von seinen Gegenständen so eingenommen, daß er bald nur wenige Schritte noch von mir entfernt war. Ich konnte ihn, da er mich durchaus nicht bemerkte, nunmehr ruhig betrachten: er war von mittlerer Größe, seine Augen lebhaft und melancholisch; seine Stirn bezeichnete zugleich Nachdenken und Leiden, sein Gang verkündete deutlich den von einem Übel und von dem Bewußtsein des Übels mitgenommenen Mann. Ein Blitz der Freude erhellte für Augenblicke sein Gesicht; es geschah, wenn er einen neuen Schatz für seine Kräutersammlung entdeckte.
Er war dicht neben mir; ich hatte mich nicht gerührt, er mich nicht bemerkt. Ich sah, wie er sich bückte, um eine Primel zu pflücken; schnell stürzte ich hin, griff nach der Blume und überreichte sie ihm; er nahm sie und sah mich an; „Das ist Stanislaus nicht“, sagte er. „Nein“, antwortete ich, „es ist ein junger Mensch, der jetzt, da er das Glück gehabt hat, Sie zu sehen, nichts mehr vom Schicksal zu wünschen hat.“ Er sah mich aufmerksamer an. „Sie verstehen schon zu schmeicheln, junger Mann; schlimm genug für Sie.“ „In meinem Alter schmeichelt man nicht, aber man empfindet in meinem Alter die volle Glut des Enthusiasmus, und gern geht man zehn Stunden zu Fuß.“ — „Wirklich? Zehn Stunden zu Fuß! Sie haben gute Füße, junger Mann; das muß man im Merkur17) von Frankreich angeben. Zehn Stunden! Sie wissen, ich verstehe mich auch darauf, und eine Fußreise schüchtert mich nicht ein.“ — Ich errötete und biß mich auf die Lippen. — „Nun, nun, lieber Freund, Sie müssen nicht bös sein; Sie wollten mich sehen, nicht wahr? Ich bin das Wundertier von ganz Paris: von den großen Herren bin ich auf die Stadt übergegangen, und man redet sich gar nicht mehr anders an als: Haben Sie schon den verrückten Jean Jacques gesehen? Sind Sie schon in Ermenonville gewesen? Besonders seit Voltaire tot ist, muß ich auch für diesen herhalten; es ist ein Zustand, der nicht auszuhalten ist. Doch gilt das Ihrem Besuche nicht; die Gesichtsbildung der Menschen hat mich oft getäuscht, aber ich glaube in der Ihrigen eine höhere Richtung, eine wahrhafte Offenheit zu entdecken.“ — Ich beteuerte ihm die Reinheit meiner Ergebenheit und wies jeden Gedanken einer kindischen, unrechten Neugierde weit von mir ab. „Ich glaube Ihnen“, sagte der große Mann, „und schätze Sie deshalb noch höher. Wissen Sie, was man mit dieser wilden Neugierde bewirken wird? Umbringen wird man mich.
Nachdem sie mich verfolgt, gejagt wie ein Wild, ersticken sie mich jetzt mit ihren Umarmungen! Wollen sie mich zwingen, auch diesen Zufluchtsort zu verlassen? Ich könnte hier so glücklich sein! Er ist so reizend, er gleicht allem, was ich mir geträumt habe, und da Sie meine Werke kennen, so wissen Sie, was das sagen will. O nein, solange ich lebe, verlasse ich ihn nicht; ich habe mir meine Ruhestätte schon erwählt.“ — „Wenn ich mich mit der ganzen Freimütigkeit meines Alters ausdrücken dürfte, würde ich Sie anflehen, diese düstern Gedanken zu verbannen. Ein Mann wie Sie darf ein Leben, das seinen Nebenmenschen nützlich ist, so nicht hingeben; nie vielleicht bedurfte unser Vaterland so sehr Ihrer beredten Lehren.“ — „Ja“, sagte er, „der Horizont Frankreichs umzieht sich, ich hoffe (denn ich liebe es wie mein eigenes Vaterland), ich hoffe, daß der nahende Sturm nicht von langer Dauer sein, daß die Sonne milder und heller wieder strahlen wird. Aber das ist meine Sache nicht, andere werden kommen, die Vollendung des großen Werks zu beschleunigen; ihre Aufgabe wird herrlich sein. Die meine ist geschlossen; ich habe das Feld bereitet, ich habe das Korn gesäet, das wachsen und gedeihen soll.“ — Ich wollte antworten, er unterbrach mich. — „Nichts mehr, junger Mann. Sehen Sie, wie schön, wie geschmückt die Erde ist! Lassen wir die Kämpfe der Menschen, freuen uns mit der Natur, sie ist eine Geliebte, die oft lächelt, die nie treulos ist, die man gütig wiederfindet, wenn man sie verlassen hat. Wollen Sie mich auf meinem Spaziergange begleiten? Nehmen Sie meine Pflanzenkapsel, bleiben Sie mir zur Seite und sprechen Sie von nichts als von den schönen Blumen, die wir treffe, ich werde Ihnen eine Stunde in der liebenswürdigsten aller Wissenschaften geben.“
Ich folgte ihm und verbrachte zwei köstliche Stunden. — „Stanislaus hat mir heut nicht Wort gehalten; ich bin wie alle alten Leute, ich hänge an meinen Gewohnheiten; gewöhnlich habe ich ihn bei meinen botanischen Spaziergängen bei mir; seine Abwesenheit hat Ihnen, ohne Kompliment, einen bessern Empfang verschafft, als er sonst ausgefallen wäre.“ — Ich bat ihn um die Erlaubnis, ihn wiedersehen zu dürfen. „Nein“, sagte er, „ich würde mich an Sie anschließen, und ich fühle, daß ich an dem Punkte, den ich auf meiner Reise erreicht habe, daran denken muß, mich von allem loszumachen, was ich noch liebe, und mir jede neue Neigung zu untersagen.“ Ich drang stärker in ihn und erhielt endlich die Erlaubnis, den nächsten Monat nach der Einsiedlei zurückkehren zu dürfen, um, wie er sagte, noch eine botanische Stunde zu nehmen.
Ich verließ ihn mit Tränen in den Augen und mit der Hoffnung auf die nächste Zusammenkunft; ach! Den Monat darauf war er nicht mehr; ich fand nur seine Asche wieder, die friedlich auf der Pappelinsel ruht. Der Besuch bei diesem Manne, dessen Genius mir vor allen der Bewunderung und der Ehrfurcht seiner Mitbürger würdig scheint, hat Erinnerungen in mir zurückgelassen, die noch nicht ermattet sind. Alle Einzelheiten sind meinem Geiste mit der Frische eines Eindruckes von gestern gegenwärtig, und der Klang seiner Stimme tönt noch in meinen Ohren wieder.
Jahre verflossen, meine Studien neigten sich zum Ende. Als ich Advokat wurde, begann Camille, der das Kollegium verließ, seinen Kursus. Ich sah ihn freudig wieder und knüpfte von neuem ein Verhältnis mit ihm an, welches seither durch nichts zerrissen worden ist.
DRITTES KAPITEL
Indessen war mein Rechtskursus beendet; ich hatte die Grade erlangt und konnte die Gönnerschaft eines ältern Juristen entbehren und mit eigenen Flügeln fliegen. Das einzige, worüber ich mich noch nicht entscheiden konnte, war der Ort, an dem ich das Amt ausüben sollte, dem sich schon mein Vater und Großvater gewidmet hatten. Ich schwankte zwischen Arras und Paris. Die Hauptstadt bot mir einen weitern Schauplatz, auf dem die handelnden Personen, unter den Augen eines unzähligen Publikums, auf einem sichern Wege zum Ruhme gelangen konnten; auf dem jedes beredte Wort in den Blättern, welche den gerichtlichen Verhandlungen geweiht waren, aufbewahrt wurde. Der Gedanke an Cochin, die Gegenwart Gerbiers spornten mich an. Aber wenn ich auf der andern Seite kälter überlegte, verschwanden die Täuschungen meiner Einbildungskraft. Was hatte ich, in Paris fast unbekannt, für Mittel, durch den Haufen junger Advokaten zu dringen, welche die Sitzungen von 10 Uhr versperrten und allesamt dem kleinsten Prozesse auflauerten? Durfte ich bei dieser Not an Beschäftigung meine ganze Zukunft dem Schicksale der ersten Sache preisgeben, die mir zuerkannt wurde? Doch war dies nicht der einzige Beweggrund, der auf meine Entscheidung einwirken mußte; ich war durchaus ohne Vermögen; meine Familie und die Personen, die Teil an mir nahmen, hatten bereits beträchtliche Opfer gebracht, um mir einen Beruf zu verschaffen; blieb ich in Paris, hatte ich noch lange keine Hoffnung, mir selbst genug zu sein; und der Gedanke widerstand mir, noch jemand, wer es auch sei, zur Last zu sein. Ich beschloß also, nach Arras zurückzukehren.
Im Schoße meiner Familie, von Freunden unterstützt, die Trümmer aus meines Vaters Praxis sammelnd, war ich durch den Ruf, den mir die Fortschritte meiner Kindheit gemacht, durch das Wohlwollen, das sich an meinen Namen heftete, sicher zu steigen und konnte vernünftigerweise hoffen, wenn auch kein Vermögen (ich habe niemals danach getrachtet), doch Auskommen und Achtung, den Lohn einer ehrenvollen Arbeit, mir zu gewinnen. Der Kreis, in dem ich mich bekannt machen wollte, war beschränkt, aber ich war, jede Eitelkeit beiseite gelegt, gewiß, mein Ziel zu erreichen, und besser war es für mich, der Erste in Arras zu sein, als der Zweite in Paris, überdies lag mir daran, vor allem unter meinen Mitbürgern bekannt zu werden; es kam mir zu, unter ihnen meinen ersten Kampf für die erhabenen Grundsätze der gesellschaftlichen Ordnung anzutreten: von ihnen allein erwartete ich damals meinen Lohn.
Meine Berechnung und meine Hoffnungen waren nicht irrig; von dem ersten Jahre meines Aufenthalts in Arras ab begann ich das Vertrauen meiner Mitbürger zu erhalten, die mir mehrere Prozesse übertrugen. Obgleich ich vom Parlamente zu Paris als Advokat aufgenommen worden war, mußte ich mich dennoch vom obern Gerichtshofe von Artois bestätigen lassen, was jedoch nur eine fiskalische Zeremonie und darum sehr nach dem Geschmacke der Herren Gerichtsschreiber war.
Der oberste Gerichtshof war eine Appellationsbehörde, deren Bezirk ziemlich ausgedehnt war. Der erste Präsident war zugleich Königlicher Kommissär bei den Pro- vinzialständen und vereinigte auf diese Art zwei Ämter, die bei einer verständigen Einrichtung der gesellschaftlichen Verwaltung hätten getrennt sein müssen, denn die Gerechtigkeit verlangt Unparteilichkeit, Unabhängigkeit als erste Eigenschaften ihrer Vertreter, und die ausübende Macht, jäh und eigensinnig ihrer Natur nach, duldet dieselbe Eigenschaft nicht in ihren Beamten.
Erster Präsident des Gerichtshofes war damals Herr Briois de Beaumetz18); er hat dieses Amt bis zu dem Augenblicke verwaltet, wo die Nationalversammlung die mannigfaltigen Rangordnungen der Gerichtsbarkeit unterdrückte, um diese letztere nach einem einfachern, gleichförmigen Plane umzuschaffen. Dieser Beamte bewies sich anfangs wohlwollend gegen mich; ohne Zweifel fand er einiges Verdienst in mir und hätte mich gern zu seinem Geschöpfe gemacht. Sein freundliches Benehmen dauerte jedoch nicht lange; mehr als einmal hatte ich Gelegenheit, mich über die Art des Verfahrens der Stände von Artois sowie über die seinige als Königlicher Kommissär auszusprechen. Ich tat es freimütig; ich beschwerte mich über die zahllosen Veruntreuungen dieser Provinzialveziere; ich klagte über ihre Gewalttätigkeiten, über die willkürlichen Bedrückungen, welche sie sich in der Verwaltung ihrer Ämter erlaubten. Es war von meiner Seite freilich nur Gerede. Aber es kam zu den Ohren des ersten Präsidenten, der mich von nun an kaltsinnig behandelte und sich keine Gelegenheit entgehen ließ, mir die Sitzungen peinlich zu machen. Ich frug nichts danach und tat mehr; ich machte, wie ich an seinem Orte berichten werde, im Jahre 1789 eine Denkschrift bekannt, die Herrn von Beaumetz aufs höchste entrüstete und ihn zu meinem erklärten Feinde machte. Ich habe seither mehr als einmal Gelegenheit gehabt, ihm auf meinem Wege zu begegnen, und ich weiß nicht, ob er sich innerlich über den kleinen Krieg freute, den er gegen mich zu führen suchte, als wir beide Mitglieder der konstituierenden Versammlung waren. Es ist eine wichtige Begebenheit in meinem Leben; ich werde darauf zurückkommen.
Zur Zeit, von der ich jetzt spreche, genoß ich noch seines ganzen Wohlwollens; er schien einen lebhaften Anteil an meinen ersten Versuchen zu nehmen und sich über meinen Erfolg zu freuen. Ich plädierte zu wiederholten Malen und empfing die Glückwünsche meiner Richter und, was seltener ist, die meiner Amtsbrüder. Doch war es das nicht, was ich wollte; ungeduldig wartete ich auf die Gelegenheit, welche die Augen des Publikums auf mich richten sollte. Ein sonderbarer Rechtshandel, der mir im Jahre 1783 übergeben wurde, verschaffte mir diese: hier der Tatbestand, der übrigens einige Erörterung verdient.
Franklin19) war nach Paris gekommen, um bei der französischen Nation um Hilfe für die empörten Amerikaner zu bitten. Die Sache, welche er verteidigte, war so schön, der Geist des Volkes für diesen edlen Schwung der Neuen Welt so günstig gestimmt, daß alle Augen teilnehmend auf den Freund Washingtons gerichtet waren. Die öffentliche Meinung sprach sich mit einer solchen Kraft aus, daß die Minister, zum ersten Male vielleicht, ihr weichen mußten. Die Unterhandlungen Franklins waren von Erfolg: Französische Schiffe und Regimenter wurden ausgerüstet, um die Rechte des Volkes zu verteidigen; ein hochsinniger Enthusiasmus bemächtigte sich der Gemüter; Freiwillige boten sich in großer Zahl für diese ruhmvolle Sache an, und die Freiheit Nordamerikas ward errungen.
Unter der Hülle des Politikers wußten die Franzosen, trotz ihres sorglosen Leichtsinnes, den weisen, den uneigennützigen Freund der Menschheit herauszufinden. Franklin hatte uns für unsere großmütige Gastfreundschaft gelohnt, indem er die Erde unter unserm Freiheitsbaume auflockerte; indem er die Keime ausstreute, die später gereift sind; er lohnte uns noch, indem er Frankreich eine bewunderungswürdige Entdeckung, die Frucht seines beobachtenden Genius, vermachte. Durch die Erscheinungen der Elektrizität war er auf ein eben so einfaches als sinnreiches Verfahren geleitet worden, Gebäude und Schiffe vor dem Blitz zu bewahren. Die amerikanischen Freistaaten nahmen die Anwendungen dieser elektrischen Eisenstangen mit Enthusiasmus auf. Franklin sprach davon mit den Parisern, bezeigte sein Erstaunen, daß ihnen diese heilsame Erfindung noch fremd geblieben sei. Seine Ermahnungen blieben nicht fruchtlos; bald wurde der Eifer allgemein, die Dächer der Häuser, der Paläste wurden mit diesen leichten Blitzableitern versehen.
Die Provinz Artois nahm diese Entdeckung nicht zuletzt auf; aber hier, wie überall, setzte der Geist des Aberglaubens und der Unwissenheit alles in Bewegung, die Bestrebungen der Freunde der Menschheit scheitern zu lassen. Man stellte den leichtgläubigen Gemütern der Landbewohner vor, daß eine solche Erfindung das Werk des Teufels und daß es eine Beleidigung für die Gerechtigkeit des höchsten Wesens sei, Vorsichtsmaßregeln zur Abwendung des Blitzes zu ergreifen, der die erhabenste Offenbarung seiner Macht sei. Diesem religiösen Schrecken fügte man noch die Sprache des immer gern gehörten Privatinteresses hinzu; man behauptete mit einer seltenen Frechheit, daß der Blitz häufiger in die Häuser schlüge, die mit dem elektrischen Drahte versehen, als in die, welche ohne dergleichen wären; und daß, wenn er auch jene Häuser selbst nicht träfe, er dafür die in der Nähe gelegenen verheere. — Diese boshaften Urteile wurden von einigen ununterrichteten Leuten aufgefangen, die bald ihre Widersetzlichkeit deutlich zeigten. Bei folgender Gelegenheit nämlich: Herr von Vissery von Boisvallé, ein reicher Eigentümer von St. Omer, der aus Liebe zu den Naturwissenschaften einige Versuche angestellt hatte, um sich von dem Nutzen der Gewitterableiter zu überzeugen, beeilte sich nach den glücklichen Ergebnissen, einen solchen auf seinem Eigentum anzulegen. Die Nachbarn erschraken, beklagten sich; zuletzt kamen sie bei dem Schöffen von St. Omer um Abschaffung dieses Blitzableiters ein. Große Beratschlagung unter diesen ehrlichen Amtspersonen, die kein Wort von dieser Sache verstanden, sie schlichteten, wie es Richter des 15. Jahrhunderts getan hätten, und Herrn von Vissery verurteilten, die unglückliche Stange herunterzureißen. Herr von Vissery hielt sich nicht für geschlagen; er fragte mich um Rat, und ich forderte ihn auf, zu appellieren, um dieses lächerliche Urteil umstoßen zu lassen. Ich wurde beauftragt ihn vor dem Obergerichtshofe zu verteidigen. Da es sich um einen Gegenstand handelte, der damals alle Gemüter einnahm, so wollte ich die öffentliche Meinung für meine Sache in Anspruch nehmen, weil ich überzeugt war, daß meine Richter, welche Lust sie auch hatten, im alten Geleise zu bleiben, doch fürchten würden, gegen die Meinung zu verstoßen, die bereits zu einer Macht angewachsen war. Ich gab eine Denkschrift heraus, welche ich in Arras und Paris reichlich verbreiten ließ. Ich behandelte darin die gesetzliche Aufgabe, beschäftigte mich aber auch, was eine Neuerung in unserm Provinzialrechte war, zu gleicher Zeit mit der physischen, die ich von allen Seiten untersuchte. Meine Denkschrift fand Beifall und brachte mir schmeichelhafte Briefe von ausgezeichneten Gelehrten ein. Von da an war meine Sache gewonnen und der glückliche Erfolg vor Gericht erleichtert. Der Hof stieß durch seinen Spruch vom 31. Mai 1783 das Urteil der Schöffen von St. Omer um und erlaubte Herrn von Vissery, seinen Blitzableiter wieder aufzurichten.
Dieser Prozeß gründete vollends meinen Ruf und breitete ihn selbst über den Bezirk meiner Geburtsstadt aus; der Kardinal Rohan, der übrigens ein eifriger Anhänger alles Neuen war, ließ sich schriftlich bei mir für die Zusendung meiner Druckschrift bedanken; er war für die Entdeckung Franklins ebenso voller Enthusiasmus, wie er es für Mesmers20) wunderbaren magnetischen Kasten und für die Zaubereien Cagliostros21) gewesen war. Bei einer Geistesrichtung, wie die seinige, findet man spät oder früh notwendigerweise einen Betrüger, von dem man geprellt wird22).
Mein Geschäftszimmer bekam Zulauf; die Arbeiten nahmen überhand, ich hatte mich eines glücklichen Lebens zu freuen; meine Schwester wohnte bei mir und bewies mir, worin sie nie aufgehört hat, die zärtlichste Zuneigung. Ihr sanfter, hochherziger Sinn, ihre duldsame, aufgeklärte Frömmigkeit, die Reinheit ihrer Sitten hatten ihr Ansehen und Achtung bei allen ihren Bekannten verschafft und machten sie mir von Tag zu Tag teurer. Einige geistesverwandte Freunde bildeten unseren engeren Kreis. Ihrer unbedingten Vertrauenswürdigkeit durfte ich alle Ideen offenbaren, die in meinem Kopfe gärten; und bald bildete sich, sei es, daß ich ihrer Überzeugung folgte, sei es, daß dieselben Betrachtungen zu ähnlichen Schlüssen führten, eine völlige Gleichheit der Ansichten über politische Gegenstände unter uns.
Aus der Zahl derer, welche meine gewöhnliche Gesellschaft bildeten und am meisten mit mir übereinstimmten, muß ich die beiden Gebrüder Carnot hervorheben, welche vermöge der Vollmacht, die sie von den Wählern des Pas-de-Calais erhalten hatten, jetzt an der gesetzgebenden Versammlung teilnehmen. Beide zeichneten sich damals als treffliche Genieoffiziere durch eine Vaterlandsliebe aus, die sich niemals verleugnet hat. Der älteste, ein Mann von hervorragenden Verdiensten, hat über die Befestigungskunde eine bemerkenswerte Schrift herausgegeben. Seine gegenwärtigen Arbeiten beweisen, daß er in allen Zweigen der Kriegskunst gründlich erfahren ist, und daß man nicht General gewesen zu sein braucht, um eine Armee kommandieren zu können. Daß Carnot aber auch sehr hübsche Verse, selbst Liebes- und Trinklieder macht, wird das große Publikum, das ihn nur als den mit ernster Würde auftretenden Verwalter der öffentlichen Angelegenheiten kennt, vielleicht nie erfahren. Mein ehemaliger Professor der Rhetorik, Fosseux, befand sich zu dieser Zeit in Arras; im Kollegium hatte er sich für verpflichtet gehalten, seine patriotischen Meinungen, die dort nicht gang und gäbe waren, zu verbergen; als er aber wieder frei war, benutzte er auch sein Recht, wieder zu denken und in dem Kreise einiger Freunde seine nichts weniger als monarchischen Ideen zu propagieren. Er war ein hervorragender Schriftsteller, gleich begabt für Prosa wie für Verse, und die Akademie von Arras, der er angehörte, besaß kein glänzenderes Mitglied als ihn.
Unsere gewöhnlichen Zusammenkünfte mit den eben genannten Personen und einigen andern jungen Leuten, die die gleichen Ideen vertraten, wurden immer häufiger; um ihnen ein Siegel aufzudrücken und einen feierlichen, geheimnisvollen Charakter zu verleihen, der schwachen Geistern imponieren könne, hatte ich den Gedanken, aus unserer Gesellschaft eine Art Freimaurerloge zu bilden. Diese Art Vereine war damals geduldet, oder die Behörden druckten doch wenigstens ein Auge zu, um die Gefahr nicht zu sehen, die ihnen von dieser Seite drohte.
Schon der Name der Gesellschaft, die wir errichteten, war eine bittere Ironie. Man nannte sie die Gesellschaft der Rosati, als ob wir die aufgerufen hätten, welche mit rosenbekränzter Stirn in berauschendem Wohlgeruche schwelgen und nachlässig zum Feste gelagert, den Becher an die Lippen setzen und keine andere Sorge kennen als die, ihre Gelage zu verlängern und ein neues Bankett an das eben geendete anzuschließen! Aber nein, es war kein Aufruf an entnervte Schwelger — es war eine Verschwörung gegen sie.
Unsere Gesellschaft war nur zum Schein ausgelassenen Zusammenkünften gewidmet, man sang die unschuldigsten Lieder von der Welt, denn der Gott des Weines, die Göttin der Liebe, die Grazien, die Nymphen, Sylen, und was weiß ich, der ganze mythologische Troß mußte der Reihe nach herhalten; man hätte uns für die fröhlichen Schüler Collés halten können, und ich glaube wahrhaftig, wir hätten ihm Ehre gemacht. Der muntere Ton, der sich am wenigsten der Empörung nähert, ward ohne Schwierigkeit an unserer Tafel zugelassen. Ich erinnere mich in dieser Hinsicht eines Liedes von Carnot, es heißt, glaub’ ich, die Denn und die Aber, das in seiner Art ein kleines Meisterstück war; nur mußte er es nicht selbst singen; so sehr er sich anstrengte, er konnte aus seinem Ernste nicht herauskommen. Auch ich lieferte meinen Beitrag, zwar nur armselige Kleinigkeiten, aber ich erwähne ihrer, um denen, die ein wildes reißendes Tier aus mir gemacht haben, zu zeigen, daß ich niemals Feind einer unschuldigen Freude war, und daß auch ich mich aufheitern konnte. Aber dies war nur der scheinbare Zweck unserer Gesellschaft; wir hatten noch andere Sachen zu tun, als zu trinken, zu essen, zu singen. Die Eigenschaft eines Bürgers, deren Wert wir vollkommen fühlten, legte uns ganz andre Pflichten auf. An bestimmten Tagen kamen wir zusammen, um uns über die wichtigsten Gegenstände zu besprechen. Anfangs beschäftigten uns die Theorien; die Schriften der Philosophen, besonders die Rousseaus, boten uns deren eine große Anzahl, die zu großen Auseinandersetzungen führten. Darauf suchten wir die Mittel auf, welche den Bürgern zum Handeln freigelassen waren, um sich von einer nicht mehr zu ertragenden Lage loszumachen und der guten Sache und der Wahrheit den Sieg zu verschaffen. Als später für die Gewalt der Horizont sich verfinsterte, für das Volk aber aufklärte, brachten wir Streitsachen von dem regsten Interesse vor: über das Recht, Kopf für Kopf zu stimmen, die Verdoppelung des dritten Standes23) und die Befugnisse der Generalstaaten. Da wir wenig Zutrauen zu den Grundsätzen der Staatsbeamten hatten, so setzten wir unter der Hand die Angriffspläne fort, die den Volks- rechten den Triumph sichern sollten, und bestrebten uns, unsern Mitbürgern die kraftvolle Vaterlandsliebe einzuhauchen, die in uns glühte; der Erfolg krönte unsere Bemühungen, die Mehrheit der Abgeordneten von Artois verteidigte in der Nationalversammlung die Grundsätze der Freiheit und Gleichheit.
Unter den zahlreichen Ursachen, denen man den einmütigen Trieb des französischen Volkes nach seiner Wiedergeburt zuschreiben darf, sind, glaube ich, auch die Gesellschaften von großer Wichtigkeit, welche sich, nach Art der unsrigen, durch das ganze Reich verbreitet, gleichzeitig die Massen aufgeregt und eine große Anzahl Menschen an die Staatsgeschäfte gewöhnt haben. Freilich war der Weg noch weit von da bis zu unserm Jakobinerklub24), seiner widerhallenden Rednerbühne und seinem überwiegenden Einflüsse auf unsre Versammlungen; aber es offenbarte und erhielt sich hier doch wenigstens das Bedürfnis der Tätigkeit, in welcher das Leben der freien Staaten besteht; hier bildete sich der Gemeingeist. Bei dem Charakter unserer Nation, die Widerstand anregt, Genuß ermüdet, mußten diese geheimnisvollen Gesellschaften bewundernswürdige Ergebnisse hervorbringen.
VIERTES KAPITEL
Wir hatten in Arras eine Akademie, wie es deren in jeder bedeutenden Stadt Frankreichs gab. Die unsrige war nicht besser, aber auch nicht schlechter als die übrigen in der Nachbarschaft, das heißt, sie bestand aus sehr wackern Leuten, als Kanonikern, Ärzten, Advokaten, Richtern, hohen Beamten, welche einmal wöchentlich zusammenkamen, um sich gelinden Beifall zu geben und sich untereinander bei verschlossenen Türen eine kleine Berühmtheit zu verleihen; übrigens war kein einziger Gelehrter dabei, und zwar aus dem einfachen Grunde, daß ein ausgezeichneter Gelehrter, der sich einzig und allein dieser Aufgabe gewidmet hätte, nicht in Arras geblieben wäre, sondern in Paris Ruhm und Vermögen gesucht haben würde. Dieser Mangel an hervorragenden Köpfen war nicht unserer Akademie bloß eigentümlich, sie hatte denselben mit allen Provinzialakademien gemein.
Ich weiß nicht, ob diese Art von Gesellschaften, gegründet worden ist, um bedeutende Gelehrte zu bilden; wenn es aber der Fall ist, so haben sie ihren Beruf gar sehr verfehlt. Welchen Akademiker von Dijon, Chalons, Rouen, Amiens, Caen, Lyon, Metz, Nancy hat denn jemals die Unsterblichkeit überlebt, die seine Amtsbrüder ihm bei seinen Lebzeiten verehrt hatten?
Wir dürfen uns nicht täuschen, sie hatten einen andern Zweck, den sie erfüllt haben; den, den Geschmack an den Wissenschaften in der Provinz zu verbreiten, die Literatur daselbst zu Ehren zu bringen, Ackerbau und Künste blühend zu machen. In dieser Beziehung sind sie frei von aller Lächerlichkeit und verdienen unsere Anerkennung. Nehmt diesen arbeitsamen, überdies aufgeklärten Männern die törichten Anforderungen ihrer Eigenliebe; betrachtet sie nur als das Echo alles Herrlichen, was die französische Literatur darbietet, als das Echo, welches sich über ganz Frankreich ausdehnt und in das Ohr des Volkes übertönt; dann habt ihr den rechten Maßstab für ihre Dienste.
Die Provinzialakademien waren also eine gute Einrichtung. Sie haben vielleicht mehr Nutzen gestiftet, als man auf den ersten Blick glauben sollte. Denn es ist in erster Linie ihnen zu danken, daß die öffentliche Meinung sich mit der Literatur beschäftigte. Und von da bis zu einer öffentlichen Meinung über Politik ist nur ein Schritt. Die Männer, die den Kampf, um Fragen rein literarischer Natur entfesselten, haben es sich sicher nicht träumen lassen, daß sie damit auch den Streit um weit schwerer wiegende Gegenstände förderten. Aber es ist ja das Schicksal unserer Pläne, daß wir nur selten das ersehnte Ziel erreichen, ohne daneben auch Ereignisse zu zeitigen, an die wir nie gedacht hatten
Jetzt wären diese Provinzialakademien eine Überfülle von Segen, wenn sie nicht zugleich gefährlich wären. Ich sehe nicht, wozu selbst die Académie fransaise, diese aristokratische Spitze unserer Literatur dienen soll. Im allgemeinen erkenne ich nur das für gut an, was der Mehrheit der Bürger nützt; eine weise, im Sinne der Wohlfahrt aller eingerichtete Regierung darf nur solche Körperschaften anerkennen, fördern oder gar belohnen, die sich das Wohl der Allgemeinheit und den Nutzen des Individuums zum Grundsatz gemacht haben. Dürfen wir das aber jetzt von den Akademien erwarten?
Als man die Menschen zur Aufklärung treiben und ihnen dazu das Lockmittel einer leichtfertigen Literatur vorhalten mußte, waren sie nützlich, sie hatten einen Beruf, den sie erfüllt haben. Aber darf man jetzt noch jenen alten Götzenbildern der alten Verfassung Altäre errichten, Lieder und Witzworte widmen, kurz das zu Ehren bringen, was die Sittlichkeit, die Würde einer großen Nation verwirft? Wie? wenn die Rednerbühne des Volkes von den wichtigsten Gegenständen widerhallt, während man über Krieg und Frieden verhandelt und Weltenschicksale erörtert, sollen vierzig Personen eine lächerliche Versammlung halten, um den Gehalt einer Phrase abzuwiegen, einen Satz zu runden, schmeichlerische Verse zu messen? Nein! der Franzose soll lesen können; seine Einsicht sei frühzeitig durch die Bekanntschaft mit den großen Schriftstellern ausgebildet, die sich mit den Rechten und dem Glücke des Menschengeschlechts beschäftigt haben; er gewöhne sich an die ernsten Verhandlungen unserer beratenden Versammlungen; er verachte als eine geistige Erholung die Erbärmlichkeiten der Dichtkunst, die knechtischen Formen der akademischen Schreibart; er verbanne die Dichter, die ihre Muse nicht dem Vaterlande widmen, und die Lobredner des Hofes unter Gaukler und Histrionen, an denen man sich manchmal ergötzt, aber die man immer verachtet.
Ich will nicht behaupten, daß die Ansicht, welche ich hier aufstelle, genau dieselbe ist, welche ich 1783 hatte, aber ich weiß, daß ich schon damals keine besondere Achtung für die Akademien fühlte. Als Herr von Fosseux, der damals Präsident in der Akademie von Arras war, mich fragte, ob ich mich nicht wollte vorschlagen lassen, scherzte ich anfangs über diesen Antrag, da wir uns bereits in unsern heimlichen Zusammenkünften oft auf Kosten der würdigen Versammlung lustig gemacht hatten. Mein Entschluß war jedoch bald gefaßt, ich sagte zu.
Ich darf, ohne mich zu schämen, die Beweggründe eingestehen, die mich dazu bestimmt haben: es war eine Berechnung von meiner Seite, aber diese Berechnung entsprang aus einem edlen Ehrgeize aus einer glühenden Liebe zum Vaterlande. In der Akademie zu erscheinen, um dort als Schriftsteller zu glänzen; für den Intendanten, den Bischof, den Minister, den König ein zeitgemäßes Kompliment auszuarbeiten und dies besser oder weniger schlecht zu machen als meine ehrwürdigen Kollegen: das war freilich die Rolle nicht, zu der ich mich berufen fühlte. Ich strebte nach einer ruhmvollern Bestimmung; mein Name sollte unter meinen Mitbürgern so volkstümlich werden, daß zur Zeit der Wiedergeburt aller Augen sich gerade auf mich wenden mußten. Alles, was mich zu diesem Ziele führen konnte, schien mir wünschenswert. Die Akademie war schon eine Erhöhung, und ich war überzeugt, daß eine gute Zahl wackerer Leute mich höher achten würde, wenn ich zu ihr Zutritt gefunden hatte.
Ich wurde demnach von Herrn von Fosseux vorgeschlagen, und am 15. November 1783 nahm mich die Versammlung in ihren Schoß auf. Kein Haß war bis jetzt gegen mich aufgeregt; viele, welche die Geradheit meines politischen Lebens seither zu meinen Feinden gemacht hat, beeiferten sich, mir ihre Stimme zu geben und bezeigten mir ihre Freude, mich als Kollegen zu haben.
Der Gebrauch verlangte, daß der neugewählte Akademiker in einer öffentlichen Sitzung aufgenommen werde und eine Rede hielt. Seit der Neuerung, die Voltaire bei der Académie fransaise eingeführt, hatten sich auch einige Kandidaten in der Provinz erlaubt, das eingetretene Geleise zu verlassen und in ihren Antrittsreden, statt sich in pomphafte Lobeserhebungen eines abgeschiedenen Mitgliedes, des Stifters, der Verwalter zu versenken, interessante Gegenstände zu behandeln; dieser Gebrauch sprach meinen Geist zu sehr an, als daß ich ihn nicht angenommen hätte. Meine Rede drehte sich durchaus um das Vorurteil, welches die Schmach die auf der Todesstrafe ruht, auch auf die Verwandten des Verbrechers überträgt. Trotz der Kühnheit und Neuheit meiner Ansichten fand ich Beifall.
Diese Arbeit war nur der Auszug einer viel ausführlicheren, die ich soeben, und zwar bei folgender Gelegenheit, vollendet hatte.
Seit der bekannten Abhandlung Rousseaus, welche von der Akademie zu Dijon gekrönt wurde, hielten die Provinzialakademien es für eine Ehrensache und suchten dadurch mit der Hauptstadt selbst zu wetteifern, daß sie Probleme zur Diskussion stellten, welche die Aufmerksamkeit erwecken und die geschicktesten Ringer auf den Kampfplatz rufen sollten. Auf diese Art haben La Harpe, Chamfort und viele verdienstvolle Schriftsteller es nicht verschmäht, bei unbedeutenden Akademien sich um einen Preis zu bewerben und Kronen zu gewinnen. Die Mode mischte sich darein: man stritt sich um die Rose des Blumenspiels von Toulouse25), um eine Medaille von La Rochelle. Der Merkur26) zeichnete die Namen der Sieger auf, und für die Jugend war das schon ein Weg zum Ruhme.
Die Wahl der Gegenstände war nicht immer glücklich; aber da die Richtung zu dem Studium der Philosophie und der Staatswissenschaften in Frankreich damals vorherrschend war, da die wichtigsten Fragen täglich in Gesellschaften und Versammlungen in Anregung gebracht wurden, mußte die Literatur notwendigerweise den Charakter der Gesellschaft selbst annehmen und würdevoll, ernst werden.
Die Königliche Gesellschaft der Künste und Wissenschaften zu Metz hatte die Blicke auch auf ihre Arbeiten lenken wollen. Sie hatte zur Preisbewerbung folgende Fragen aufgestellt, über die im Jahre 1784 entschieden werden sollte: 1. Woher entspringt die Meinung, welche über alle Glieder einer Familie einen Teil der Schande verbreitet, die an den entehrenden Strafen eines Verbrechens klebt? 2. Ist diese Meinung mehr schädlich als nützlich? 3. Welcher Mittel bedarf es, die Bejahung dieser Frage vorausgesetzt, um den daraus hervorgehenden Übelständen vorzubeugen?
Dieser Gegenstand sprach mich außerordentlich an: ich beschloß, ihn zu bearbeiten, und fragte deshalb den kleinen Kreis der Freunde um Rat, die meine engere Gesellschaft bildeten; sie billigten mein Vorhaben und versprachen mir, es geheim zu halten, da ich über alles den Schimpf einer Schlappe fürchtete. Vor allem ermutigte mich Carnot: „Schreibe“, sagte er, „mit aller Glut deiner patriotischen Seele; mit blutiger Schrift grabe die Wahrheiten ein, welche du deinen Mitbürgern sagen wirst; entreiße diesem gräßlichen Vorurteil wenigstens ein Opfer, und du bist reich belohnt.
Ich schrieb meine Abhandlung fast in einem Zuge nieder. So stark war ich im Banne meiner Ideen, daß ich vor der Versammlung viel lieber gegen die entehrenden Strafen gesprochen hätte, als für eine Abgrenzungslinie. Ich hätte als Seitenstück zu, ich weiß nicht welchem Charakter im „Advokat Pateli“ gelten können, der bunt durcheinander von Kleiderstoffen und Hammeln spricht. Während der ganzen Dauer meiner Arbeit mied ich deshalb die Sitzungen.
Endlich wurde mein Werk, überlesen, gefeilt, durchgearbeitet. seiner Bestimmung übergeben. Ich will die Unruhe nicht verhehlen, die mich in der Zwischenzeit von der Übersendung bis zu dem Augenblicke, wo ich mein Schicksal erfuhr, zu bestehen hatte. Nicht immer jedoch war sie peinlich; oft mischten sich süße Träume hinein; man ist nicht ungestraft 25 Jahre alt. Jetzt kann ich mir kaltblütig Rechenschaft davon ablegen. Ich dachte keinen Augenblick an den Geldgewinn; die Liebe zum Golde ist ein unsittlicher Durst, den ich nie empfunden habe; der süße Kitzel, den ein Triumph der Eigenliebe gewährt, war nicht ganz aus meinen Gedanken verbannt: dies war eine Schwäche, ich gebe es zu; aber wo ist der Mann, der in ähnlicher Lage sagen könnte, er sei mehr Philosoph als ich? Doch die Idee, welche mich am meisten beherrschte, war die, daß ich meinen Namen an ein nützliches Werk knüpfte, außer dem Kreise bekannt wurde, in welchen das Geschick mich verpflanzt hatte, und ein Anrecht mehr an die Achtung meines Vaterlandes erhielt. Ich wiederhole es, diese Ansicht greift der Zukunft, späterer Nachrechnung vor; ich will mich nicht verteidigen, nicht bereuen. Mein Weg ist seit langer Zeit vorgezeichnet: ich wollte Staatsmann werden, die Interessen des Volkes aufrechterhalten; dieser Gedanke hat bis zu dem Augenblicke seiner Verwirklichung mich keinen Augenblick verlassen.
Endlich wurde mir das Urteil der Akademie bekannt: ich bekam den Preis nicht! Doch hatte meine Abhandlung dem Areopage27) einer ganz besondern Auszeichnung würdig geschienen: man hatte mir eine Medaille von 400 Livres zuerkannt. Dies hieß meine Abhandlung durchaus auf eine Stufe mit dem Werke stellen, dem der Preis zugesprochen wurde, denn die Medaille war ganz dieselbe. Die beiden Denkschriften fanden also beinahe gleichen Beifall, mein Nebenbuhler hatte nichts vor mir voraus als den armsel’gen Gewinn der Ehre des Vortritts. Das war wenig; aber immer genug, meine Freude zu trüben.
Ich erfuhr, daß ich Lacretelle28), einen jungen Literaten aus Paris, der dort an verschiedenen Zeitschriften arbeitete, zum Mitbewerber hatte: wir haben gesehen, wie er sich später vergebens bemüht hat, sich auf der politischen Schaubühne, zu der er wenig Patriotismus und (trotz den Akademikern von Metz) wenig Talent mitbrachte, einen Namen zu erwerben. Er ist gegenwärtig Mitglied der Versammlung, in der er auf der rechten Seite sitzt29).
Die Abhandlung Lacretelles wurde mir von ihm selbst zugeschickt; ich dankte ihm für diese Höflichkeit, die ich dadurch erwiderte, daß ich ihm die meinige zusandte, welche ich soeben herausgegeben hatte. Ich konnte jetzt die beiden Werke miteinander vergleichen und wußte nun, was ich von dem Scharfsinn meiner Richter zu halten hatte. Man wird mir ohne Zweifel Glauben beimessen, wenn ich sage, daß ich das meinige besser fand; aber was auch für Vorurteile natürlicherweise auf mein Urteil einwirken mußten, so bleibe ich doch dabei, es für gegründet zu halten. Wenn man die beiden Abhandlungen miteinander jetzt besonders vergliche, wo Künstelei der Worte der Wissenschaft der Dinge gewichen ist, würde man vielleicht meiner Meinung sein.
Man suche in der umständlichen Ausführung Lacretelles einen gediegenen Gedanken, eine kräftig geschriebene Stelle; man suche einige Sätze, einige Ideen, die das Gepräge eines edlen, aus dem Herzen, nicht aus dem Kopfe hervorgehenden Unwillens tragen: man wird sie nicht finden. Es ist ein Mann von Geist, nicht ein Bürger, welcher denkt; ein Redner, nicht ein Philosoph, welcher schreibt. Man trifft gerundete Sätze, gesuchte Phrasen, einen künstlichen Stil bei ihm; man glaubt, er sei immer auf der Lauer nach Formen und kümmere sich nicht um den Grund; sein Werk ist eine reiche Stickerei, die auf dem gröbsten Gewebe nicht weniger glänzen würde wie auf dem zartesten Stoffe.
Ich beurteile ihn jetzt, da die Sache von keiner Bedeutung mehr ist; er hat nicht so lange gewartet, seine Meinung über meine Arbeit auszusprechen: der Merkur von Frankreich lieferte im Laufe des Jahres 1785 einen ausführlichen und höchst vorteilhaften Bericht über sein Werk; später rückte er einen Brief ein, den ihm Thomas, der Lobredner, geschrieben hatte. Es war ein Stückchen von seiner alten Kunst; ihm zufolge glich nichts der Beredsamkeit Lacretelles. Dieser schämte sich vermutlich, daß er so viel von sich sprechen ließ, während man kein Wort von einem Werke erwähnte, das dem seinigen gleich geschätzt worden war, wollte mir Gerechtigkeit widerfahren lassen und ließ sich beikommen, selbst von mir zu sprechen.
Der Artikel, welchen er im Dezemberhefte 1785 über mein Werk lieferte, ist eine wahre Merkwürdigkeit; zuerst fühlt man sich über eines betroffen, nämlich, daß zwei Drittel des Artikels von Zitaten aus seinem eigenen Werke eingenommen werden. Er hat auf das Geratewohl, und der Form wegen, einige Stellen aus meiner Abhandlung, und zwar nicht die besten, herausgehoben, um sie andern aus seiner Denkschrift gegenüberzustellen, die ihm am geeignetsten schienen, die gehörige Wirkung hervorzubringen. Darauf erteilte er mir mit einem gewissen Beschützeransehen, das mich nicht sehr entzückte, guten Rat und Aufmunterung.
Ich denke, daß viel Eigendünkel dazu gehört, wenn man sich dazu hergibt, einen Mitbewerber zu belehren, wo gewiß die Untergeordnetheit des Schülers neben dem Meister nicht zu erkennen war. Wenn Lacretelle die Einfachheit meines Stiles, und was er meine Alltagsideen nennt, tadelt, so bin ich durchaus nicht versucht, seinem Rat Glauben beizumessen noch ihn zu befolgen, wenn er recht hätte. Denn der belehrende, absprechende Ton, den er annimmt, ist in seinem Munde übel angebracht und keineswegs überzeugend; sein Tadel gibt mir eine geringe Idee von seinem Geistes umfange. Ich sah in ihm den Redner, nie den Philosophen. Alltagsideen! Aber, großer Gott, waren sie nicht in aller Herzen, waren sie nicht so aufgeschossen, daß sie die bürgerliche Gesellschaft beherrschten und der Regierung Achtung geboten? Und was kümmerte es mich, daß andere dieselben Ideen gehabt hatten, die ich aussprach, wenn jene sie fruchtlos ausgesprochen hatten? Hat man denn im Schreiben keinen andern Zweck, als zu schreiben?
Lacretelle hatte eine Phrase aufgefunden, die ihm passend schien, seinen Artikel damit zu beschließen; ich habe ihn nicht zur Hand, es tut mir leid, ich hätte sie gern wörtlich angeführt. Der Sinn war, daß meine Abhandlung um so bemerkenswerter wäre, da ich noch ein junger Mann, ein gewöhnlicher Advokat aus der Provinz wäre, der niemals die Hauptstadt gesehen habe. Er fügte hinzu, glaube ich, daß dieser Anfang zu großen Hoffnungen Grund gäbe, und ermahnte mich, fortzufahren.
Ich sah in diesen lobpreisenden Phrasen etwas ganz anderes, als was sie zu enthalten schienen; mir kam es vor, als ob jedes Wölkchen Weihrauch, das mir erteilt wurde, doch nur Lacretelles Kopf umzog. Überdies fühlte ich mich ein wenig gekränkt, daß man mir die Provinz vorwarf. Wenn man meinen Kunstrichter hörte, verdiente ich eher Aufmunterung als Lob; mein Werk müßte nicht an und für sich, sondern im Verhältnis zu den Umständen gewürdigt werden, unter denen es entstand, und die seinen Unvollkommenheiten zur Entschuldigung dienten. Alles dies war von Seiten meines Richters um so ungeschickter oder um so hinterlistiger, da das Falsche deutlich für jeden hervorspringen mußte, dem es bekannt war, daß ich in Paris erzogen worden und diese Stadt erst im 20. Jahre verlassen hatte.
Ich schrieb an Lacretelle, dankte ihm für seinen Artikel und benachrichtigte ihn bloß, ohne mich in einen unnützen Streit mit ihm einzulassen, daß ich die Hilfsquellen, welche die Hauptstadt den jungen Männern bietet, die sich den Wissenschaften ergeben, nicht so ganz entbehrt hätte, wie er es gedacht habe. Ich war höflich, nichts weiter. Unser Briefwechsel hörte damit auf.
FÜNFTES KAPITEL
Die Zeit, in der wir uns damals befanden, war reich an denkwürdigen Begebenheiten, die sich auf die Weltbühne drängten, um das unerhörte Schauspiel unserer Revolution vorzubereiten. Die größte, die wichtigste jener Begebenheiten ereignete sich auf der andern Halbkugel und war eben, dank der edelmütigen Mitwirkung Frankreichs, zu ihrem Ende gediehen. England hatte, müde des Krieges und immer erneuter Unfälle, seinen überseeischen Provinzen den Frieden bewilligt, und diese hatten, da sie endlich die Freiheit erhielten, ihre Regierung selbst zu führen, im Angesichte Europas die heiligen Rechte bekanntgemacht und in Kraft gesetzt, für welche sie seit fünf Jahren gekämpft und ihr bestes Blut vergossen hatten. Glückliches Land, wo eine kaum begonnene Zivilisation den Lastern unserer alten Reiche noch nicht gestattet hat, sich in den Herzen zu verwurzeln, die, jungfräulich und fruchtbar, sich dem segenbringenden Samen der Freiheit öffnen, in denen kein parasitisches oder giftiges Unkraut die keimenden Sprossen erstickt, deren Früchte dereinst die Mühen der Aussaat lohnen sollen!
Ein bewunderungswerter Mann, den der Zufall an die Spitze eines heldenmütigen Volkes geschleudert hatte, vollendete das große Werk. Washington30), ehrwürdiger Name, vor dem jeder Freund der Menschheit das Haupt beugen sollte! Ein Mann, der Huldigungen der Nachwelt tausendmal würdiger als die aufgereihten Namen der Könige und Eroberer. Ein einfacher Landmann, ein Mann, den das Alter schon niederdrückt, den die Täuschungen der Jugend nicht mehr reizen, umfaßt mit der Wärme eines jugendlichen Herzens die Sache der Freiheit; er opfert alles, seine Ruhe, sein Vermögen, sein Leben; mit dem Enthusiasmus der Krieger vereint er die Kaltblütigkeit des Feldherrn, mit dem glühenden Eifer des Patrioten, den Takt, die Tiefe, den Weitblick des bürgerlichen Gesetzgebers. Und als dies Gebäude in Jugend und Frische strahlend sich erhoben, nachdem ein ganzes Volk, welchem seine Bestrebungen die natürliche Würde zurückgegeben haben, seinen Namen zu den Dankgebeten fügt, die es an das höchste Wesen richtet, hat dieser Heros etwas sehr Schlichtes getan: Seinem Geiste waren große Taten so selbstverständlich, daß diese eine ihn nicht stolz machte; mit römischer Gelassenheit zog er sich in die Stille seiner Scholle zurück, größer als Cincinnatus31), der sein Vaterland nur verteidigt hatte.
Und doch ist dieser erhabene Bürger verleumdet worden. Man konnte sich nicht zur Überzeugung bringen, daß er, wenn er den Gipfel des Ruhmes erreicht hätte, sich entschließen würde, wieder herabzusteigen; man murmelte den Namen Cromwell32) um ihn her, als ob dieser heuchlerische Machträuber der Volksrechte ein Muster wäre, das Washington nachahmen könne! Es liegt etwas Niedriges, Gemeines in dem unseligen Gepräge, welches die Knechtschaft der neuern Gesellschaft aufgedrückt hat, daß wir unaufhörlich selbst das edelste Leben beschmutzen, indem wir ihm, nach dem Maß unserer Kleinheit, den Kreis, in dem es sich bewegen, das Ziel vorzeichnen, nach dem es streben soll.
Washington hat jene beleidigende Furcht zunichte gemacht; er hat im Schatten des Freiheitsbaumes, der ihm sein bestes grünendes Laub verdankt, fünf Jahre den Frieden, den seine schöne Seele verdiente, den Segen seiner Mitbürger genossen. Er ist jetzt zu den Staatsgeschäften zurückgerufen und wird, der erste unter seinesgleichen, sein Werk kräftigen und der Macht mit derselben Ruhe entsagen, mit der er sie wieder ergriffen hat. Ein lebendiges Beispiel für seine Zeitgenossen, die eine unerhörte Revolution in dieselbe Laufbahn schleudern kann!
Niemand hat sich der moralischen Vollkommenheit, welche den tugendhaften Menschen ausmacht, so genähert als Washington: wir suchen nach einem Fleckchen seines Lebens, um uns über unsre eigene Schwäche zu trösten, und das, welches wir finden, ist so leicht, daß es in einem andern Charakter nicht bemerkt werden würde. Ich meine den Cincinnatus-Orden33), auf dessen Schöpfung er verfallen war. Einem so erhabenen Geiste wie dem seinigen, konnte es nicht unbekannt sein, wie unvereinbar diese aristokratischen Abzeichen, dieser monarchische Flitterkram mit der republikanischen Einfachheit ist; er wußte, daß es wertvollere Belohnungen gibt als Bänder und Kreuze. Aber er hatte einen Haufen Franzosen, leichtfertige, flatterhafte Hofmänner, wie sie damals waren, um sich; Männer, die gewohnt waren, für ein Ludwigskreuz sich den Kopf zerschmettern zu lassen, und sich unglücklich gedünkt hätten, wenn sie ohne ein rotes oder blaues Band in Versailles eingezogen wären. Er warf ihnen deshalb diesen Orden hin, wie man den jungen Mädchen ein Kleid gibt, und gewann sie durch ihre Eitelkeit.
Washington gab der Klagen wegen, welche strenge Republikaner sich erlaubten, selbst diese Erklärung; aber da er einsah, daß er zu weit gegangen sei, beschränkte er sein eignes Institut und erteilte den Rittern kein Erbanrecht mehr. Ich bekenne, daß ich ihn nicht ohne Verdruß in einem neugebornen Staate diese Schattenbilder des Adels schaffen sah. An seiner Stelle hätte keine Rücksicht mich vermocht, etwas so Widersinniges zuzugeben, und ich hätte den französischen Edelleuten auch diese Lehre nicht erspart.
Die Mündigsprechung der Neuen Welt war das gewöhnliche Thema unserer vertraulichen Gespräche; Washington war unser Held; mehrere meiner Freunde haben ihn in Gedichten gefeiert, welche die Vergessenheit, der wir sie bestimmt hatten, wohl verdient haben mögen.
Andre Gegenstände, die, wenn auch nicht die Bewunderung, doch die Neugierde in Anspruch nahmen, brachten damals alle Geister in Anregung. Ein Papierfabrikant von Annonay, Herr Montgolfier34), hatte damals das Mittel entdeckt, einen Ballon in die Luft steigen zu lassen und ihn oben zu erhalten; nach diesem ersten Schritte kam er auf den Gedanken, einen Kahn daran zu befestigen, der einen Menschen aufnehmen könne; auch dieser Versuch glückte. Die Entdeckung diente zuerst zu einem königlichen Spiele, bald nachher riß sich das Volk darum, und ganz Frankreich wollte Luftschiffer haben; die öffentlichen Blätter sprachen von nichts als von aufsteigenden Ballons und herabgelassenen Fallschirmen. Die Namen der Herren Blanchard35), Pilastre- Durosier36) nahmen mehr Platz darin ein als die Katharinas und Josephs; bald jedoch legte sich auch diese Wut wieder. Einige Unglücksfälle, wie der, welcher den armen Pilastre-Durosier traf, entzauberten das Publikum; die sichere Überzeugung, daß es unmöglich sei, die Ballons zu lenken, stellte diese Entdeckung unter die glänzenden und gefährlichen Überflüssigkeiten. Man gab sie auf, und mit Recht.
Eine noch sonderbarere Neuigkeit, die durch die unendlichen Folgen, welche davon zu erwarten waren, bei weitem größere Wichtigkeit hatte, stürzte Paris in eine Art von Taumel, den auch die Provinzen teilten. Ein deutscher Arzt war zu uns gekommen und hatte sich als den Besitzer eines wunderbaren Geheimnisses angegeben, welches alle Wißbegierigen in Erstaunen setzte: Mesmer nämlich, der Entdecker des tierischen Magnetismus37), welcher, für einige ein Mann Gottes, für andere ein abgefeimter Betrüger, vermittels seines magnetischen Kastens die Krüppel gehen lehrte, dem Tauben das Gehör, dem Blinden das Gesicht wiedergab. Der künstliche Zustand, in welchen er seine Kranken versetzte, bewirkte in ihnen eine vollkommene Verjüngung, brachte den Urstoff des Übels zum Vorschein, zerstörte ihn und verließ sie nicht vor der gründlichen Heilung. So sprach in ganz Frankreich der Ruf über Mesmers Kuren.
Obgleich ich diesem Wunder nicht völlig Glauben beimaß, konnte ich mich doch einer gewissen Hinreißung nicht erwehren, welche weder Zeit noch Erfahrung zerstört haben. Ich sah sogleich ein, daß die Fakultät es sich würde angelegen sein lassen, ein System zu verwerfen, welches das ganze Gerüst der medizinischen Wissenschaft über den Haufen stößt. Übereinstimmung und Vorurteil bewogen mich also, es günstig aufzunehmen.
Man brauchte durchaus nicht Arzt zu sein, um sich mit der großen Tagesentdeckung zu beschäftigen; jedermann mischte sich darein und auch unsre kleine Gesellschaft folgte der Mode und widmete ihr einige Abende. Einer unsrer Freunde, der Advokat B ..., der soeben aus Paris zurückgekehrt war und dort Mesmer hatte operieren sehen, weihte uns in die Geheimnisse seiner Künste ein. Carnot, Rusé, Fosseux und andre Mitglieder der Gesellschaft machten Versuche, die ohne Erfolg blieben. Ich wollte es meinerseits auch prüfen; aber da ich es zuerst nach einer Probe an mir selbst beurteilen wollte, so nahm ich mir keine Zeugen dazu. Ich kam damals häufig mit einem jungen Mädchen, namens Susanna F...., zusammen; es hatte sich zwischen uns — ich hielt es wenigstens dafür, und was mich betrifft, so täuschte ich mich auch nicht — eine jugendliche Freundschaft gebildet. Die unschuldige Vertraulichkeit, welche unter uns herrschte und die ihre Mutter durchaus nicht zu stören suchte, gestattete mir oft, mit ihr allein zu sein; sie war lebhaft und geistreich. Wir hatten uns oft vom Magnetismus unterhalten; der Gedanke eines Heilmittels, das eine allgemeine Kur werden sollte, sprach ihre kühne, reiche Phantasie an. Ich benutzte ihren Enthusiasmus und schlug ihr eines Tages vor, mich die Probe an ihr machen zu lassen; sie schien über meinen Wunsch zu erstaunen, sah mich fest an, errötete, blickte um sich und machte mir dann ein Zeichen, daß sie einwillige. Ich machte mich sogleich an das Werk, nahm die Miene eines Doktors an, strich mit den Händen vor ihren Armen und ihrem Gesichte vorbei, ohne es jedoch zu berühren; meine Augen waren auf ihre schönen blauen Augen gerichtet; nach und nach wurde sie beklommen, sie zog die Arme an wie jemand, der dem Schlafe erliegt, ihr Kopf sank herab, sie schlummerte ein.
Nun folgte eine wunderbare Szene. Niemals haben meine Freunde ein Wort davon erfahren. Ich werde sie nicht erzählen, es ist Robespierres Geheimnis, es soll mit ihm sterben. Jemand öffnete die Türe, sie stieß einen Schrei aus, erwachte und fiel unter den heftigsten Zuckungen in Ohnmacht. Ich fragte sie aus, als sie sich erholt hatte; sie erinnerte sich keines einzigen Wortes, das sie im Schlafe gesprochen hatte. Der einzige Eindruck, der ihr geblieben, war ein unbeschreibliches Unbehagen, das sie empfunden hatte, als sie wieder zu sich kam. Alles übrige war ihr entflohen wie ein Traum, keine Spur davon hatte sich erhalten.
Mehrere Tage lang ließ mir der Gedanke an diesen Abend keine Ruhe. Ich ging zu Susannen und fragte sie nur immer: „Wie, erinnern Sie sich denn nicht?“ „Nein“, antwortete sie, errötete und sah mich an. Ich hätte meine Versuche gern erneuert, aber sie schlug es beharrlich ab. Ich merkte, daß ihr Schamgefühl aufgeschreckt sei, und daß sie ein zu zärtliches Gefühl für ihren Magnetiseur zu fassen fürchtete. Ich drang nicht mehr in sie, suchte auch keine Gelegenheit mehr, meine Kunst auszuüben, und verschloß Susannens Worte in meine Brust. Hätte ich sie damals gering schätzen können, mein ganzes Leben hätte mich gezwungen, ihnen Glauben beizumessen.
Meine literarischen Arbeiten füllten währenddessen die Muße, welche das Gericht mir ließ. Die Akademie von Amiens hatte für das Jahr 1785 als Thema zu einer Preisbewerbung eine Lobrede auf Gresset38) aufgegeben; der Gegenstand war unbedeutend, und doch erlaubte ich mir, ihn zu behandeln; es betraf einen Mann, der durch gefällige Gedichte, durch seine geschmackvollen Scherze mich in meiner Jugend bezaubert hatte. Ich trat daher in die Zahl der Mitbewerber; allein dieser zweite Versuch lief nicht so glücklich ab als der erste. Will man den Gründen nachforschen, welche die Akademiker bewogen haben, mein Werk mit dem Banne zu belegen: jeder der sich die Mühe nähme, es zu lesen, würde sie, glaube ich, leicht herausfinden.
Zwei Männer mußte ich ins Auge fassen, als ich mich mit Gresset beschäftigte, denn Voltaire sagte von ihm:
Dem Gresset ward das Doppelrecht, daß man
In jeder Schul’ als Mann von Welt und Geist,
Als Schulmann in der Welt ihn preist.
Sonst macht’ er Spaß, stimmt jetzt Gebete an,
Durch seinen Widerruf heilig gesprochen.
Zerknirschten Herzens gesteht er ein,
Daß er Theaterstücke hat verbrochen,
Und fleht zur Jungfrau, ihm zu verzeih’n.
Ich möchte beinahe fortfahren und eine große Unziemlichkeit gegen meinen Helden begehen und, was noch schlimmer ist, mich als Mitschuldigen einer mutwilligen Unwahrheit bloßstellen. Wie wunderbar ist doch oft die Verführung des Geistes, die uns, trotz der Vernunft, hinreißt. Ich weiß diese Verse Voltaires auswendig, ich führe sie an, als ob ich sie mir zur Studie gewählt hätte, als ob sie eine unwiderrufliche Erkenntnis aussprächen, und doch verhüllen sie unter ihrem dreifachen Spottbesatze nur ein durchaus unrichtiges, falsches Urteil. Voltaire, Voltaire, wie geschickt bringst du Verachtung und Verspottung zuwege, wie leicht wird man von dir getäuscht!
Aber in Gressets Leben war wirklich etwas von dem Doppelgesichte, welches Voltaire in jenen Versen scherzhaft berührt hat; Gresset war bald Weltmann, bald Frömmler und hatte seinen Büchern und seiner Lebensart etwas von beiden entgegengesetzten Charakteren eingeprägt. In dieser Beziehung bot diese Lobrede wahrhafte Schwierigkeiten. Die Gelehrten der damaligen Zeit, welche sämtlich von der Ungläubigkeit angesteckt waren, betrachteten die Bekehrung Gressets nur als eine Schwäche, als eine Zaghaftigkeit der Seele; höchstens ließen sie zu, daß man in einer Lobrede den zweiten Abschnitt aus Gressets Leben mit Stillschweigen übergehen oder leichthin entschuldigen könne: aber niemals hätten sie gewagt, eben diesen zu erheben, ihn über sein literarisches Schaffen zu setzen, ihn in dieser Beziehung wie einen Mann hinzustellen, der dem Gewissen sein Talent und sein Glück opfert; ebensowenig konnten sie sehen, daß ein anderer sich dazu hergebe, ohne über Heuchelei zu schreien. Aber doch hatte ich dies getan.
Es schien mir nicht allein in literarischer Hinsicht effektvoll, sondern auch wahrhaft moralisch, Achtung für jeden Glauben zu verkündigen, für den sowohl, der glaubt, als den, der leugnet; für den, der schwindet, wie für den, der sich wieder erkräftigt; also gerade der damaligen Philosophie entgegengesetzt, welche eine Unduldsamkeit, die kaum im Katholizismus ein Muster finden dürfte, in die Untersuchung der Religionslehren legte. Denn wenn es irgend etwas Ehrwürdiges, Heiliges gegeben hat, so ist es der Glaube des rechtlichen Mannes, der mit voller Gewissensfreiheit sich das Religionsbekenntnis auswählt, zu dem ihn seine Überzeugung hinführt. Die Bekehrung Gressets, die frei von jedem heuchlerischen Vorbehalt war, verdient also, mit Nachsicht betrachtet und als eine kräftige Betätigung der Überzeugung, die er trotz aller Schwierigkeiten von Seiten der Welt und seiner Eigenliebe ins Werk setzte, selbst gerühmt zu werden.
Die Verwegenheit, die ich hatte, herrschende Ansichten so keck anzugreifen, hatte das Schicksal, auf das ich gefaßt sein mußte; mein Werk wurde von den Philosophen, denn es gab solcher Herren selbst in der Akademie von Amiens, ausgepfiffen und verhöhnt. Wenn sie sich wirklich an das Geheimnis der versiegelten Namenzettel gehalten haben, so müssen sie lange in ihren Vermutungen über den Verfasser der von mir überreichten Denkschrift geschwankt haben. Denn wenn einige Stellen deutlich eine religiöse Färbung, einen unverstellten Haß gegen die Lehren jener Männer verrieten und ihnen den Glauben einflößen konnten, daß sie es mit einem jungen Abbé zu tun hatten, in dem noch der theologische Unterricht des Seminars glühe, so offenbarte ihnen auf der anderen Seite die Kühnheit einiger wissenschaftlichen Theorien und einiger politischen Begriffe, die sich ganz natürlich an meinen Gegenstand angeschlossen hatten, einen Geist, der frei von jeder Kette und bereit war, seine Unabhängigkeit zu zeigen.
So hatte ich mich bei Gelegenheit der Beurteilung des Dramas Sydney39) bewogen gefunden, mich über eine Gattung auszusprechen, die man, trotz der Meisterstücke des Lachaussée, eine mißgestaltete Abart nannte, und nicht angestanden, meine Ansicht aufzudecken, die man leicht für eine Lästerung unserer großen Dichter halten könnte, die aber dennoch um nichts weniger wahr ist. So nahm ich auch Veranlassung, als die lebenslängliche Präsidentschaft der Akademie von Amiens Gresset angetragen und von ihm abgelehnt wurde, über die Diktatur im Staate auf eine Art zu sprechen, die gewiß nicht das Seminar verriet.
Wie dem auch sei, meine Frömmigkeit mag nun dem Philosophen oder meine Philosophie dem Frommen mißfallen haben, mein Werk erhielt den Preis nicht, und ich beschloß, von nun an nicht mehr in den Schranken der literarischen Preisbewerbungen zu erscheinen.
SECHSTES KAPITEL
In den bisher erzählten Ereignissen habe ich selbst so gut wie gar keine Rolle gespielt, oder sie haben höchstens die bedeutungslosen Einzelheiten meines literarischen Lebens berührt; wenn ich mich aber der Nachwelt mit nichts anderm vorzustellen hätte als mit dem leichten Gepäck des Advokaten oder akademischen Schriftstellers, so dürfte sie andere Sachen zu tun haben, als sich um mich zu kümmern, und ihre Zeit besser anwenden wollen, als meine Memoiren zu lesen. Aber der Augenblick naht, in dem mein Name sich nicht ohne einigen Ruf den interessantesten Umwälzungen anschließen wird, welche je die Weltbühne in Bewegung gesetzt haben.
Das Bedürfnis einer Verbesserung unserer bürgerlichen Lage, das ich immer mehr empfand, je mehr ich nachdenken lernte, war endlich das Bedürfnis aller aufgeklärten Menschen geworden. Man nahm sich nicht mehr die Mühe, es zu verbergen, der Ausdruck des allgemeinen Wunsches blieb nicht mehr in den Herzen verschlossen, die öffentliche Meinung hatte einen Schwung genommen, welcher die alten Leute, die an das Geflüster am Kamine und an die Furcht vor der Bastille gewöhnt waren, in Erstaunen setzte, uns aber, die ganze Jugend, die sich voller Zuversicht in unsere Zukunft der Erfüllung des Berufes widmete, der unserer wartete, mit Enthusiasmus füllte.
Man tat sich selbst in Gegenwart der hohen Herren keinen Zwang an, welche die alten Überlieferungen des Despotismus mit einem Scheine von Unverletzbarkeit eingehüllt hatten. Die Geschichte mit dem Halsbande bewies, wie sehr sich die vernünftigen Bürger bereits von diesen Vorurteilen frei gemacht hatten. Ich weiß nicht, inwieweit die Königin in dem Listgewebe, welches zu diesem Ärgernis Anlaß gab, bloßgestellt werden konnte; aber die Kenntnis, welche ich von dem Charakter des armen Kardinals von Rohan habe, flößt mir die Überzeugung ein, daß er in diesem Handel nur den Geprellten, nicht den Betrüger gespielt hat. Der außerordentliche Leichtsinn Marie Antoinettens, ihre Neigung, mehr als Frau wie als Königin zu leben, gaben zu Beschuldigungen Stoff, die man ihr mit Unrecht vorgehalten hat. Was auch an jenen schuldvollen Ränken sein mag, ich habe ihnen nur in der Beziehung einige Wichtigkeit beigelegt, daß sie dazu beigetragen haben, die öffentliche Meinung mündig zu sprechen.
Diese fing schon an, sich vernehmen zu lassen. Die Ratgeber des Fürsten mußten, wie gern sie sich auch die Ohren verstopft hätten, trotzdem etwas tun, die Wünsche der Bürger zu befriedigen. In dem beklagenswerten Zustande unserer damaligen Finanzen fand das Volk den besten Beistand, den es nur haben konnte, denn die Fürsten, die bei ihren Willkürakten ihr Volk so gern vergessen, erinnern sich seiner gewöhnlich nur, wenn Geldmangel fühlbar wird.
Der Staat war verschuldet, und alle Gewandtheit Calonnes40) brachte es nicht dahin, die Bresche zu verstopfen. Man riet als Mittel dagegen eine Versammlung der Notabeln an; kläglicher Behelf, der bloß die Größe der Wunde offenkundig machen mußte, da es dazu nur eines mutigen Mannes bedurft, der den Finger darauf legte, während nichts heilen, nichts vernarben durfte, weil der rechte Arzt, das ganze Volk, nicht aufgerufen war. —
Diese Versammlung großer Herren, denen man noch, um die Täuschung zu vollenden, einige Schöffen, Maires41) und Munizipalbeamte der wichtigsten Städte des Königreichs beigefügt hatte, die unter dem Vorsitze der Prinzen von Geblüt in Bureaus verteilt wurden und über Fragen ihre Meinung abgaben, die wohlverstanden, den Umsturz der angemaßten Macht herbeiführen mußten — war eigentlich eine regelrechte Farce: Vertreter, die nur sich selbst vertraten, die nichts verfügten, keiner Beschwerde Genüge taten, keinen Mißbrauch abschafften.
Ich bemerkte mit reger Freude, daß die Versammlung der Notabeln nur ein so geringes Ergebnis bot und den alten Zustand mit seinen Vorurteilen, Mißbräuchen und Ungerechtig- keiten förmlich wieder aufleben ließ. Gewiß, wenn der Nation ein großes Unrecht drohte, so mußte sie es von der Seite jener ungesetzlichen Versammlung fürchten. Eine halbe Gerechtigkeit hätte vielleicht alles verdorben. Wenn dieser angesehene mächtige Adel von dem schönen Feuer der Menschlichkeit und des Edelmutes beseelt gewesen wäre und einem Teile seiner angemaßten Rechte entsagt hätte; wenn er, die Rechte des Landes begreifend, für dessen materielle Interessen alle Opfer gebracht, die seine Stellung ihm erlaubte, und dadurch die Stimme des Volkes erstickt hätte: so wären die geistigen Belange vielleicht unschwer beiseite zu schieben gewesen; der Franzose hätte seine unverjährbaren Rechte vergessen, sich mit einem schwankenden Wohlstande begnügt und seinen Kindern nicht, wie er es jetzt tun kann, die Rechte des Bürgers, die Würde des Menschen hinterlassen können. Wie dem auch sei, die Aristokratie zeigte sich damals, wie sie immer gewesen ist, hartnäckig, hochmütig, sorglos; ihr müssen wir es danken, daß der mögliche Vergleich zwischen der Macht und dem Volke verworfen wurde.
In dieser Zeit wurde Calonne gestürzt, die Zügel des Staates gingen in die schwachen Hände des starrsinnigen Brienne42) über. Die einzige Stimme, welche damals mit Eindruck für das Volk sprechen konnte, war die der Parlamente; sie entledigten sich mit einiger Würde, obwohl ohne bestimmtes Programm, dieser Pflicht; jeder wollte eigentlich nur die Volksgunst für sich haben, und darum versuchten auch die alten Körperschaften, die verfault waren wie die alte Monarchie, welche sie stützten, den Hof anzugreifen, der Meinung zu schmeicheln und sie dadurch für sich zu gewinnen. Es gelang ihnen; aber sie sahen nicht ein, daß man nicht sie liebe, sondern ihre Feinde nur verabscheue. Der Despotismus war ein solcher Greuel geworden, daß man sich drängte, die Räte, welche durch größern Eifer sich vorzugsweise seinen Haß zugezogen hatten, mit allen möglichen Triumphen und Festen zu feiern.
Mittlerweile zog sich Brienne mit dem Fluche Frankreichs, mit Gunstbezeigungen des Hofes belastet, aber nur erst nach zahllosen Krisen, in denen mehr als einmal das Blut des Volks vergossen wurde, von dem Steuer zurück und Necker43) wurde bestimmt, seine Stelle zu ersetzen.
Einige ansehnliche Finanzoperationen hatten die Teilnahme der Nation für ihn erregt; man kannte ihn als Feind der Hofleute, und schon das war ein Anrecht an die Liebe des Volkes. Sein Name wurde mit einstimmigem Zujauchzen begrüßt; endlich hoffte man die Entwicklung des Dramas erfolgen zu sehen, das schon so manches Jahr spielte.
Brienne hatte, als er sich zurückzog, seinem Nachfolger die mächtigste Stütze, die Volksgunst, entziehen wollen und vom Könige als einziges Mittel gegen die finanziellen Übel, welche den Staat niederdrückten, die Zusammenberufung der Generalstaaten für den Monat Mai des Jahres 1789 erwirkt.
Dieser Befehl verursachte eine unaussprechliche Freude in Frankreich; ich würde es vergebens versuchen, die meinige zu beschreiben: ich fühlte mich von diesem Tage an einem neuen Leben erstanden; ich glaubte, daß ich von jetzt an wieder in meine Rechte als Bürger eingesetzt sei, daß ich mein ganzes Dasein daran wagen müsse, allen diese schönen, unvertilgbaren Rechte zu erkämpfen.
Die erste Wirkung dieser großen Maßregel war, daß die Presse, welche so lange verstummt war, einen Schatten von Freiheit erhielt. Jeder Bürger war berechtigt, das Ergebnis seiner Untersuchungen, Erforschungen und Gedanken über die Art der Zusammenberufung und der Dauer der Generalstaaten bekanntzumachen. Schnell benutzte ich diese Erlaubnis, die unter diesen Umständen zu bedeutender Anwendung und zu unendlicher Ausdehnung gebracht werden konnte.
Ich gab eine Denkschrift über die Notwendigkeit heraus, die Stände von Artois umzuformen, und widmete sie dem Volke von Artois. Ich faßte auf diese Art die Frage bei der Wurzel an; man beschäftigte sich damals viel mit den Provinzialversammlungen, da es darauf ankam, ob wir für die Generalstaaten wirkliche Volkserwählte oder nur Abgesandte unserer großen Herren aus den Provinzen erhalten sollten.
Der dritte Stand aus Artois war eine lächerliche Einrichtung; wir brauchten einen andern, und ich hatte mir vorgesetzt, dies zu beweisen. Er bestand aus den Munizipalbeamten der Provinz, welche von den Abgeordneten der Stände gewählt worden waren.
Wer waren aber die Abgeordneten der Stände? Neun Männer, die, je zu drei, aus jeder der drei Klassen gewählt wurden. Drei Abgeordnete des Adels und drei der Geistlichkeit kamen also mit drei Abgeordneten des Bürgerstandes zusammen, um die Beamten, d. h. die Wähler des dritten Standes zu bestimmen!
Und einer solchergestalt zusammengesetzten Körperschaft wollte man die Wahlen für die Abgeordneten des dritten Standes bei den Generalstaaten anvertrauen! Die Falle war zu grob, ich machte meine Mitbürger darauf aufmerksam. Ohne an die Gefahr, der ich mich aussetzte, an den Haß zu denken, den ich gegen mich aufreizte, entschleierte ich ihnen die Geheimnisse der aristokratischen Verfassung, die sie ihrer Rechte beraubt und diese in die Hände weniger gelegt hatte, welche die Macht nur zu ihrem eigenen Besten benutzten. Ich bemühte mich, ihnen zu zeigen, wie die zwei bevorrechteten Klassen in ihrer Verwaltung allmächtig seien, die dritte verachtet, nichtig, von ihren Vertretern verkauft wäre; ich erinnerte sie, wie seit 1883 der Adel und die Geistlichkeit sich verbunden und von den durch die alten Gesetze von Artois ihnen aufgebürdeten Aufgaben frei gemacht haben, indem sie beide den Grundsatz einer gleichmäßigen Steuer anerkannt und zuletzt über den schwachen Widerstand der Abgeordneten des dritten Standes, weil diese käuflich waren, gesiegt hatten. Ich sprach von den schmählichen Geschenken, die unsere Abgeordneten sich untereinander machten; von der Freigebigkeit, mit der sie sich ihre eigenen Arbeiten vergüteten, die ohnehin schon so freigebig bezahlt wären, während sie in ihrer Großmut 400 Livres für die Armen der Provinz auswürfen! Kurz, ich schonte nichts, mit dem Mute der Rechtlichkeit entlarvte ich die Ränkemacher44), welche sich an die Spitze der öffentlichen Angelegenheiten gestellt hatten, um für ihre eigenen zu sorgen.
Man kann sich keinen Begriff machen, welche Wirkung diese Schrift hervorbrachte; die gewissenhaften Bürger, die Freunde des Vaterlandes waren erstaunt und dankbar; aus alter Gewohnheit hatten sie die Augen zu den Mißbräuchen zugedrückt, von denen sie umgeben waren; aber die Mißbräuche waren so ungeheuer, daß man sie ihnen nur zu nennen brauchte, um von ihrer Empörung schnelle Gerechtigkeit zu erhalten Einstimmig war das Lob auf dieser Seite für den wichtigen Dienst, den ich der Provinz geleistet hatte; aber von den Herren vom Stande und ihren Anhängern wurde mein Werk nicht so liebevoll aufgenommen; ein Schrei des Hasses, der Wut lief durch ihre Reihen. Ärgere Mißbräuche sind seitdem vernichtet worden; die, welche sich auf Kosten der Provinz und mehr noch auf Kosten des Staates gemästet, haben ihrer ungeheuren Vergeudung und schuldvollen Trägheit entsagen müssen; das Andenken an Opfer, zu denen man sie gezwungen hat, sollte, meint man, sich jetzt in eines verschmelzen und ein Gefühl des Hasses wecken, aber dem ist nicht so: mit Schmerz, mit Verdruß denken sie an die Verordnung, die ihnen das Gestohlene entrissen, aber voller Zorn, mit einer entschiedenen Wut, mit dem festen Wunsche, an diesem Gedanken ihren Rachedurst zu erfrischen, erinnern sie sich noch der Schrift, welche ich gegen die Stände von Artois bekanntmachte. Dieser Haß, mit dem sie mich vor andern ehren, ist ein Anrecht mehr an die Gunst des Volkes; ich danke ihnen dafür. In Tagen, wie die jetzigen, gibt es Feinde, die man gern hat; einen Haß, auf den man stolz ist.
Seit dem Erscheinen meiner Denkschrift suchten die Gewalthaber der Provinz den Unwillen meiner Mitbürger gegen mich zu richten. Von diesem Tage an begannen die schändlichen Verleumdungen, von denen man noch jetzt nicht gelassen hat, obgleich die Achtung aller guten Bürger mir zeigt, daß sie nicht die gehofften Früchte getragen haben. Schon damals, wie es später in so vielen Schmähschriften geschehen ist, nannte man mich ehrgeizig ohne Scham und Schranke, den Heuchler der Volksliebe, einen aufrührerischen und zerstörungssüchtigen Schriftsteller; und was weiß ich, was für schändliche Eigenschaften jene Feinde meinem Namen noch anzuhängen versuchten! Ehrgeizig? Ja, wie es Brutus45) und Washington waren, wie es nur wenigen Menschen vergönnt ist! Ehrgeizig ohne Eigennutz, mit unüberwindlicher Verachtung eigener Wohlfahrt, aber mit einem unerschütterlichen Eifer, dem Volke die geheiligten, unverjährbaren Rechte zu verschaffen, die man ihm geraubt hatte!
Heuchler! alle meine Schritte lagen sonnenklar da; alle meine Schriften, alle meine Reden strebten unveränderlich nach einem Ziele, nach einem offenen Ziele! Finde, wer kann, in ihnen einen Widerspruch mit meinem Leben! Aufrührerisch! Zerstörungssüchtig! Ich, der ich in einem zerstörten, aufgelösten, verfaulten Körper die Wiederherstellung der ewigen Ordnung predigte, die der menschlichen Geselligkeit nötig ist; ich, der ich stets nur durch Gesetze zur Herrschaft der Gesetze gelangen wollte! So falsch, so böswillig diese Beschuldigungen auch waren, so machten sie doch einigen Eindruck, da man in den wichtigen Grundsätzen noch nicht erfahren genug, und der Einfluß der Männer, die ich angriff, noch zu mächtig war. Ich bemerkte dies leicht aus der Beziehung, in der ich durch mein Geschäft mit dem Bürgerstander von Artois lebte: das menschliche Herz verschließt so viele Kleinlichkeiten, daß ich mir die Schwierigkeit nicht verhehlte, von Leuten, die höchstens die Güte hatten, mich für ihresgleichen zu nehmen, die gewünschten Stimmen zu erhalten, um zur Generalversammlung der Nation berufen zu werden. Ein Mann, der vor ihren Augen in seiner Hingebung für die allgemeine Sache aufgestanden war, mußte ihren Verdacht erwecken, und eben durch diese Hingebung, mit der er seine eigenen Angelegenheiten, sein Vergnügen, seine Ruhe aufopferte, ihnen ehrgeizig scheinen. Ich sah ein, daß diese guten Leute einen völlig unbedeutenden Mann wählen würden, wenn er nur rechtschaffen und geneigt wäre, dem allgemeinen Schwünge zu folgen, ohne durch einen Schritt diesen zu lenken oder ihm vorzueilen. Schnell war mein Entschluß gefaßt: ich wendete mich zu den Wählern vom Lande, mit denen mein Stand mich häufig in Berührung gebracht hatte, und die mir bei mehr als einer Gelegenheit eine Ehrerbietung, eine Achtung bezeigt hatten, die ich ohne Scheu meiner Rechtlichkeit, meiner Uneigennützigkeit zuschreiben darf. Ihr friedfertiges, arbeitsames Leben verhinderte die Täuschung und die Verführung, ihren gesunden Verstand, ihre vorurteilsfreien Ansichten zu fälschen. Kaum erkannten sie die Wohltaten, die eine neue Ordnung über ihren nützlichen und verkannten Stand verbreiten mußte, so hielten sie sie fest wie ihr Eigentum, und nichts brachte sie mehr von dem Wege ab, den der Wunsch, ihre Menschenwürde wiederherzustellen, ihnen vorgezeichnet hatte.
Es gelang mir leicht, mich ihnen begreiflich zu machen, und bald hatte ich die Gewißheit, die Mehrheit der Stimmen auf meiner Seite zu haben. Es fand sich eine Gelegenheit, die mich von dem Einflusse überzeugte, welchen ich auf diese wackern Landleute hatte. Die Bezirksversammlungen traten zusammen; dazu mußten die Vorschriften aufgesetzt werden, an welche die Abgeordneten bei ihrem Verfahren sich halten sollten. Ich wurde von meinem Bezirk beauftragt, dies abzufassen; ich machte mich dieses ehrenvollen Berufes würdig, sprach die ersten Grundsätze der Oberherrlichkeit des Volkes aus und bezeichnete im Kreise dieser Schranken die Vollmachten, welche es seinen Abgeordneten erteilte. Ich verlangte freie, jährliche Abstimmung für die Abgaben; gleiche Beisteuer aller Bürger zu den öffentlichen Lasten; unbegrenzte Freiheit für die Person, den Glauben, die Presse; Einschränkung der zu großen Macht, welche dem erblichen Vertreter der Oberherrschaft verliehen worden war; strenge Verantwortlichkeit der Beamten, welche er einsetzt usw.
Meine Arbeit wurde hier gelobt, dort verleumdet; denn wer in der Öffentlichkeit steht, kann nun einmal nicht jeder Meinung nachgeben, jede Leidenschaft besänftigen, jedermanns Interesse fesseln. Er darf nur seinem Gewissen folgen und muß sich selbst genug sein. So habe ich es gehalten und hin dabei wohl gefahren!
SIEBENTES KAPITEL
Einige Monate vor der Eröffnung der Generalstaaten hatte die Akademie von Arras mich zu ihrem Präsidenten erwählt: ich würde dieser nichtigen Ehrenbezeigung nicht erwähnen, wenn sie mir nicht die Achtung bewiesen hätte, welche, trotz den widersprechenden Gerüchten, an deren Verbreitung man seither ein Vergnügen gefunden, trotz den Verleumdungen, mit denen man mich verfolgt hat, die ausgezeichnetsten und aufgeklärtesten Männer der Provinz für mich fühlten. Gewiß gab es unter ihnen mehr als einen, der mich nicht für seinen politischen Freund halten konnte, der, infolge meines Charakters, der mich nichts, was ich der Wohlfahrt des Vaterlandes ersprießlich hielt, zurückhalten ließ, sich sogar über mich beschweren zu können glaubte, und doch erhielt ich bei der freien Wahl für die Besetzung einer friedlichen Ehrenstelle unserer Akademie die Mehrheit der Stimmen.
Ich widmete damals den Wissenschaften nur sehr wenige Zeit und beschäftigte mich, einige kleine Gelegenheitsgedichte ausgenommen, die ich weil es die Mode verlangte, von Zeit zu Zeit meinen Freunden mitteilte, nur mit den großen Interessen, welche alle Gemüter in Bewegung setzten. — Das Gericht gab mir noch einen Prozeß in die Hand, welcher dem glücklichen Erfolge, der mir in diesem Fache zuteil geworden war, das Siegel aufdrücken und die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich richten sollte. Ich muß diesen Handel näher beschreiben, da das Aufsehen, welches er in der ganzen Provinz erregte, mehr als mein früheres Leben dazu beitrug, meine Wahl zum Abgeordneten zu befördern. Die Sache war folgende: Ein Einwohner von Ilesdin, namens Dupont, war das Opfer der schmählichsten Beraubung geworden; Bruder, Schwager, Verwandte, Freunde, kleine Dorfrichter und große Herren, alles schien sich vereinigt zu haben, dem Unglücklichen Freiheit und Vermögen zu entziehen. Nach einer Abwesenheit von 26 Jahren wollte er bei seiner Rückkehr sich wieder in den Besitz seiner Güter setzen. Seine gerechten Anforderungen wurden zuerst mit Stillschweigen, Ausflüchten, endlich mit einer Eingabe um seine bürgerliche Totsprechung aufgenommen; aber da die Verwandten vor der heilsamen Langsamkeit, welche die Gesetze in die Einleitung eines solchen Prozesses legen, mehr aber noch vor der Unzulänglichkeit ihrer Hilfsmittel erschraken, so hielten sie es für zweckmäßiger, um eine Lettre de cachet46) gegen den unglücklichen Ankömmling einzukommen. Von einem Gönner gelangten sie zu einem andern und endlich zum Minister, der, wie gewöhnlich, lieber den zudringlichen vornehmen Leuten in seiner Nähe glaubte, als daß er sich nach den wahren Verhältnissen der Verfolgten erkundigt hätte. Eine Lettre de cachet wurde gegen Dupont geschleudert, er selbst in eine Bastille der Provinz, in Armantires, gesperrt, in der er zwölf Jahre lang geschmachtet hat; durch ein Wunder war er dieser abscheulichen Höhle entkommen und flehte schon seit zehn Jahren vergebens um Gerechtigkeit. Darauf wendete er sich an mich. Ich sah in dieser Reihe von Unbilligkeiten, mit denen man ihn erdrückt hatte, nicht eine Sache, für die gewöhnliche Schadloshaltungen genügen würden. Ich behauptete, daß die ganze bürgerliche Gesellschaft gekränkt sei, und daß sie eine in die Augen fallende Rache begehre. Nachdem ich daher die Gerechtigkeit der Ansprüche meines Klienten, die unendlichen Beschwerden und Leiden auseinandergesetzt hatte, die er ertragen mußte, damit während der Zeit seine gierigen Verwandten ruhig in ihrem Raube schwelgen könnten, ging ich zur allgemeinen Untersuchung der Lettres de cachets über. Es war ein an wichtigen Folgerungen und Betrachtungen fruchtbarer Gegenstand. Ich bewies leicht, daß alles, was man zugunsten dieser schmachvollen Erfindung des Despotismus angeführt habe, nichts als elende Spitzfindigkeiten wären; ich ging weiter, ich begnügte mich nicht damit, das Ungesetzliche, Verbrecherische der Staatsgefängnisse festzustellen, ich zeigte, daß die königliche Macht selbst davon keinen Gewinn zöge, und daß sie nur für deren untergeordnete Geschäftsführer von Nutzen waren, die stets mit größerm Eifer als ihr Herr selbst durch kleinliche Rache oder auf gräßlichere Art ihre niedrigen Leidenschaften, ihre Begierden, ihre Ausschweifungen zu befriedigen suchten.
Von diesem besonderen Satze ging ich zu einem noch allgemeineren über. Die Abschaffung jener geheimen Verhaftsbefehle, die bei der nunmehrigen Gestaltung der Dinge nahe bevorstand, sollte nicht die einzige Wohltat der Verwaltung sein, welche jetzt vorbereitet wurde; das ganze alte Gebäude der Mißbräuche sollte zusammenstürzen, um einem jungem, großartigeren Denkmale Platz zu machen. Ich hielt mich also nicht an den besondern Angriff, in den der Rahmen meiner Sache mich einzuspannen schien; freimütig behandelte ich die großen politischen Fragen und stellte in der heftigen Schlußrede ein Gemälde von dem künftigen Glücke Frankreichs auf, wenn es von nun an nach weisen, volkstümlichen Gesetzen regiert würde; ich stellte es über alle andern Staaten Europas, mit denen ich es einzeln verglich, und bezeichnete die Zusammenberufung der Volksdeputierten als die Morgenröte eines neuen Tages.
Ich ließ mich von meinem Gegenstande hinreißen und zollte, mit dem aufrichtigen Wunsche, daß das Oberhaupt des Staates sich ernstlich an das Werk unserer Wiedergeburt anschlösse, auch ihm sein Lob, das eher eine Lehre war, da ich weniger von der Vergangenheit als von den Pflichten sprach, die Frankreichs Zukunft ihm auferlege. Ich hielt, um einer Sitte der frühern Regierung nachzukommen, ihm die Namen seiner Ahnen vor, die noch einige Spuren in dem Andenken des Volkes zurückgelassen hatten; ich bat ihn, das Werk Karls des Großen und Heinrichs IV. zu betrachten und das Glück und die Freiheit Frankreichs zu verwirklichen. Allen, die sich durch Bewährung ihrer Unabhängigkeit oder Liebe zur Freiheit der Erkenntlichkeit des Volkes würdig gemacht hatten, spendete ich den Dank, den ihre Kühnheit verdiente, und ermutigte sie, in der gefährlichen Bahn, die sie eingeschlagen hatten, zu beharren. So wurden; Monsieur, der Bruder des Königs, der Minister Necker, Desprémenil höchlich gepriesen. Seit der Zeit glaubte ich, daß in meiner Meinung einige Übereinstimmung mit den Wünschen des Volkes liege, und daß ich sein natürlichster Wortführer sei.
Die Männer, die ich soeben erwähnt, haben seitdem das Vertrauen, das die Nation in sie gesetzt hatte, zuschanden gemacht; aber man mußte ihnen zu jener Zeit das Beispiel, welches sie gaben, anrechnen und ihren kühneren Nachahmern, denen man mit der Hoffnung auf die Belohnungen des Volkes schmeichelte, Kraft und Geduld einflößen.
Ich habe mich bei diesem Werke aufgehalten, weil es Epoche in meinem Leben gemacht hat und mir noch eine der süßesten Erinnerungen ist; es bezeichnet den Punkt, an dem meine beiden Laufbahnen zusammenlaufen; ich hänge daran, weil es meine letzte gerichtliche Arbeit und die beste unter meinen früheren politischen Versuchen ist.
Ich habe noch mehr Ursachen, mich dessen mit Vergnügen zu erinnern. Sein Erscheinen in Arras fiel auf wie ein großes Ereignis. Niemals hatte man vor den Gerichtsschranken so frei sprechen hören. Niemals hatte man bei einem besonderen Falle eine solche Masse von wichtigen Allgemeinheiten berührt. Das Publikum war anfangs betroffen, später über meinen Mut entzückt; denn die Mißbräuche, welche ich angriff, waren so schreiend, die Sache, die zu meinem Ausfall Gelegenheit gegeben, von so überzeugender Gerechtigkeit, daß selbst die Zaghaftesten zu meiner Meinung hingerissen wurden. Von allen Seiten sagte man mir Schmeichelhaftes; die selbst, welche meine Klageschrift am meisten aufgebracht hatte, wagten es nicht, mir ihr Mißfallen zu bezeigen.
Mein Prozeß wurde gewonnen; es war viel, da einem Unglücklichen endlich eine so teuer erkaufte Wiedererstattung zuteil wurde; aber ein süßerer Lohn als der Segen meines Schützlings zahlte mich reichlich für alle meine Mühe. Die geringen Hindernisse, welche meiner Wahl noch entgegengestanden hatten, wurden durch die energischen Versicherungen meiner Denkschrift gehoben, ich erhielt die schönste Bestallung47), welche die Arbeiten eines Wohlmeinenden krönen kann: ich wurde zum Abgeordneten des dritten Standes meiner Provinz erwählt.
Ich kann die Freude nicht beschreiben, die ich bei meiner Ernennung empfand. Alle Träume meines Lebens waren verwirklicht, ich stand auf einer Bühne, auf der ich meine Stimme für die so lange verkannten Rechte des Volkes und nicht mehr fruchtlos erheben durfte. Mein Geist wuchs bei dieser Aussicht, ich war auf der Höhe meines erhabenen Berufes.
Fünfzehn von drei Klassen erwählte Abgeordnete vertraten die Provinz Artois bei den Generalstaaten; wenige davon haben die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Herr von Beaumetz und Karl von Lameth, zwei Mitglieder aus dem Adel, haben allein ihre Laufbahn als Gesetzgeber durch einige Reden bezeichnet, die der Aufbewahrung wert waren.
Der erstere war infolge meiner Schrift über die Stände von Artois von jener Zeit an mein erklärter Feind. Ich hatte die entehrenden Kunstgriffe, mit denen die Mitglieder der Stände die Güter der Provinz verschleuderten, in jener Denkschrift gebrandmarkt. Herr von Beaumetz hatte sich als Königlicher Kommissär, ein ungesetzliches Gehalt aussetzen lassen. Ich hatte dieses angeführt; Herr von Beaumetz war zwar nicht genannt, aber jeder verstand es. Er hat mir das nie verziehen; so erhielt ich unter meinen Amtsgenossen einen Widersprecher, der alles mit Bitterkeit aufgriff, was ihm in meinem Verfahren oder meinen Reden tadelnswert erschien.
Ich fürchtete diese Aufsicht nicht; welche Larve Herr von Beaumetz auch vornehmen, welchem Banner er auch wirklich oder scheinbar folgen mochte, ich hatte die Überzeugung, daß wir uns nicht auf einem Wege begegnen würden. Ich war entschlossen, festen Schrittes in der einzigen Laufbahn fortzuschreiten, die sich der Vaterlandsliebe der Volksvertreter eröffnet hatte, alles meinen Pflichten zu opfern, mich nicht um die Anklagen, mit denen man mich verfolgen konnte, noch um die verleumderischen Ausdeutungen zu kümmern, durch die man meine Absichten vergiften würde; nur in der Stimme meines Gewissens, nur in der des Volkes, das man nie täuscht, suchte ich die Billigung meines Verfahrens. Diesen beiden Mächten allein war ich verpflichtet; und gern wollte ich alles tun, damit sie an meinem Leben nichts auszusetzen fänden. Die Volksgunst, wie ich nach derselben strebte, sollte nur eine förmliche Billigung meiner Grundsätze, eine Aufmunterung sein, darin zu beharren.
So wie ich dem Volke geben war, konnte ich kein anderes Interesse als das seinige, keine andere Freude als die seinige, keine andere Zukunft vor Augen haben als die, welche die Wiedergeburt, zu der ich es führte, ihm bereiten würden. Freiheit, Gleichheit, dies waren die beiden Eroberungen, zu denen die Nation berufen war. Ich durfte mich von diesem Ziele nicht entfernen und knüpfte mein ganzes Leben daran. Es lag mir wenig daran, durch Beredsamkeit zu glänzen, meine Gegner durch spitzfindige Schlüsse in Erstaunen zu setzen, vor allem mußte ich dem Volke gefallen und darum für den Triumph seiner Sache streiten.
So war die Stimmung meines Geistes, als mir die Ehre zuteil wurde, als Stellvertreter des Volkes aufzutreten. Man begreift bei dieser Denkungsart die Strenge meiner Ansichten und die gründliche Beharrlichkeit, mit der ich während der Sitzungen der konstituierenden Versammlung deren Sieg zu erringen strebte.
Sobald meine Wahl beschlossen war, machte ich mich fertig, nach Versailles, das für die Zusammenkunft der Generalstaaten bestimmt war, abzureisen. Mein Bruder war damals in Paris und hatte eben sein juristisches Studium beendet; das Wiedersehen machte mir eine unaussprechliche Freude. Der gute Augustin! Er hatte meinen Triumph geteilt, seine Freude war ein wahrer Taumel. Das wenige, was ich in meiner Verpflichtung als Haupt der Familie für ihn getan, hatte einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, daß die Freundschaft, welche er von seiner frühesten Kindheit an für mich hegte, fast an Verehrung grenzte. Bei seinem vortrefflichen Herzen, seiner sanften, liebevollen Seele, bei seiner Leidenschaft für Tugend und Vaterland war seine Anhänglichkeit mir immer der teuerste Trost in Leiden, seine Achtung mein Stolz, die Schöpferin meines inneren Friedens. Wäre ich jemals vom Pfade der Tugend abgewichen, mein Bruder hätte mich schnell bedeutet und, wenn Rat vergeblich gewesen wäre, sich von mir entfernt. Möge dieser treffliche Bürger, dieser glühende Patriot bald einen glänzenden Beweis von der Achtung des Volkes erhalten! Möge er, wenn neue Versammlungen neue Wahlen herbeiführen, mit mehr Glück als im vergangenen Jahre die immer neuaufschießenden Ränke meiner Feinde zu schänden machen, die sich an ihn, als an mein zweites Ich, gehängt haben.
Versailles bot damals, als ich dort eintraf, ein bewunderungswürdiges Schauspiel dar. Aus allen Enden Frankreichs sah man die Neuerwählten herbeieilen, Advokaten, Großhändler, Landleute, lauter ehrenwerte Männer, die von ihren Mitbürgern hochgeachtet, aber nicht an das Geräusch der Hauptstadt und noch weniger an die Ränke des Hofes gewöhnt waren. Ich übergehe die Abgeordneten des Adels, größtenteils Hofleute, Parlamentsmitglieder, Offiziere, Männer mit großen Titeln oder Pensionen. Die unendliche Muhe, die sie sich gaben, von dem dritten Stande getrennt zu bleiben, zeigte schon im voraus, wie wenig die Nation von ihnen zu erwarten, wie viel sie von ihnen zu fürchten habe. Unter dem Klerus zählten wir viele Freunde, alle Geistlichen, die keine Pfründen48), sondern nur eine kleine Pfarrei besaßen: sie waren das Volk, der dritte Stand ihrer Klasse; aus Rücksicht für ihr Kleid waren sie ängstlich und zurückhaltend, aber wir kannten ihre Stimmung.
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