Czytaj książkę: «Die Anbetung der Könige»

Czcionka:

DIE ANBETUNG DER KÖNIGE
MAXIMILIAN MONDEL

unveränderte eBook-Ausgabe

© 2022 Seifert Verlag

1. Auflage (Hardcover): 2021

ISBN: 978-3-904123-59-4

ISBN Print: 978-3-904123-46-4

Umschlaggestaltung: Maximilian Helten & Michi Schwab, Union Wagner, unter Verwendung eines Fotos von http://www.zeno.org/nid/20004130715

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INHALT

Danksagung

Personen

Ein lukratives Angebot

Infrarote Einblicke

Ungebetene Gäste

Eine ereignisreiche Nacht

Der Schlange auf der Spur

Ein arger Imageschaden

Ein herber Verlust für die Kunstwelt

Spritztour Richtung Mittelmeer

Angst vor Alleingängen

Ein perfekter Arbeitsplatz

Eine kulturelle ­Katastrophe ersten Grades

Warten auf eine ­Lösegeld­forderung

Mausetot

Kulturbanausen an ­vorderster Front

Der erste Arbeitstag

Was man über die Gemälde­restaurierung wissen muss

Verdachtsmomente

Vertrauensstiftende Maßnahmen

Entschleunigung im Kloster

Millionenforderung

In der Ruhe liegt die Kraft

Ausflug ins Grüne

Im Garten Eden

Ein Sonntag im Labor

Wie original ist ein Original?

Die drei ­unverdächtigen Verdächtigen

Stimmungstief

Gewissheit

Farben im Kopf

Auf der Zielgeraden

Gedankenspiele

Showdown mit Panoramablick

Die Nadel im Heuhaufen

Einsame Entscheidungen

Ein Ausbruch mit Folgen

Eine Beretta in der Berlinetta

Tagsüber im Museum

Das wird ja immer bunter!

Späte Einsicht

Landpartie

Verpackt und zugeklebt

Ein wehleidiger Baulöwe

Unverhofft kommt oft

Ein Leonardo geht auf Reisen

Ein Rückschlag und ein Lichtblick

Wiedersehen

Das Comeback des Jahres

Rätselhafte Rückgabe

Gartenspaziergänge

DANKSAGUNG

Ich danke meinen Eltern, Margaretha Mondel und Manfred Mondel, sowie meiner Ehefrau, Mag. Ulla Ornauer-Mondel, die mir beim Zustandekommen der »Anbetung der Könige« mit Rat und Tat zur Seite gestanden sind. Außerdem danke ich meiner Verlegerin Dr. Maria Seifert für das mir und meiner Arbeit entgegengebrachte Vertrauen.

PERSONEN

Benedetti Moreno: dienstältester Gemälderestaurator des Opificio delle Pietre Dure e laboratori di Restauro OPD

Bruzzo Gianni: Chefportier des OPD

Collocini Maurizio: Direktor des OPD

Collocini Marcella: Tochter des OPD-Direktors

Fiore Giovanni: Nachtportier des OPD

Gasperini Stefano: Portier des OPD

Poletti Massimo: Kaufmännischer Leiter des OPD

Rizzoli Cesare: Assistent des OPD-Direktors Maurizio Collocini

Bianchi Alessio: Experte für Riesenschlangen

Schillaci Gabriele: Kunststudent

Bertini Giuliano: Vice Brigadiere der Autobahnpolizei

Calabrese Enrico und De Luca Gianni: zwei ­Carabinieri

Carbone Davide: Chef der Spurensicherung der ­Carabinieri

Dal Fiesco Domenico: Capitano der Carabineri

Donati Marcello: Brigadiere der Carabineri

Frattini Chiara: Ermittlerin der Versicherungsgesellschaft Art Exhibition Insurance of Europe AEIOU

Ferro Giuseppe: Direktor der Uffizien

Fusso Dario: Leiter der permanenten Ausstellungen der Uffizien

Corridori Vincenzo: Brigadiere des Comando Carabinieri Tutela Patrimonio Culturale TPC

De Gennaro Colonello Andrea: Polizeipräsident von Florenz

Lezzerini Luca: Capitano des TPC

Moretti Antonio: Brigadiere des TPC

Stronati Tenente Michele: Sekretär des Polizeipräsidenten De Gennaro

Mancini Guido: Kulturminister

Marchetti Michele: Ministersekretär

Hammond Darren Francis »Francesco«: Journalist, Immobilienhändler und Kunstfreund

Hammond Sofia: Hammonds Ehefrau

Laura: Hausmädchen der Hammonds

Park Chung Hee: Lieferant des Sushi-Restaurants Pagoda

Coppola Giuseppe: Lieferant des Malereibedarfs­unternehmens Piccini

Forchetti Claudio: Marcella Collocinis Freund

Forchetti Alessandro: Bauunternehmer und Vater des Claudio Forchetti

Galuzzi Simone: Chronik-Redakteur »La Nazione«

EIN LUKRATIVES ANGEBOT

Francesco«, stellte sich der so um die 60 Jahre alte, groß gewachsene Mann bei ihm vor, nachdem Gabriele Schillaci dem nicht mehr ganz taufrischen Fiat Cinquecento seiner Freundin Giulia entstiegen war. Auf dem ebenso unscheinbaren wie verwaisten Parkplatz des rund 75 Kilometer von Bologna entfernten Provinzflughafens von Forli standen nur vereinzelt Autos. Ohne Umschweife wollte der Fremde von Schillaci wissen, ob es denn seine persönlichen Lebensumstände erlaubten, dass er sich in den kommenden drei bis sechs Monaten einzig und allein diesem einen Projekt widme. Davon war am Telefon, als ein Treffen wegen »eines lukrativen Auftrags« vereinbart worden war, freilich keine Rede gewesen. Nur davon, dass es sich um eine aufwändige und diffizile Kopie eines Renaissancegemäldes handle. Und dass man ihn, Schillaci, empfohlen habe, da er an der Fakultät für Restaurierung von Kulturgütern an der Universität Bologna zu den besten Studenten seines Fachs gehöre und mit gelungenen Kopien alter Werke von sich reden gemacht habe. Wenn das Honorar stimmt, male ich dir, was immer du willst, hatte sich Schillaci damals gedacht. Und wenn er sich darüber hinaus in der Wiederherstellung von alten Gemälden weiterentwickeln könnte, umso besser. Warum ihn Francesco, der eine unaufdringliche Eleganz ausstrahlte, für 23.00 Uhr auf den Parkplatz des Flughafens von Forli beordert hatte, war dem angehenden Restaurator allerdings schleierhaft. Aber gut, wer zahlte, schaffte schließlich an.

»Signore Schillaci!«, holte ihn der Mann namens Francesco wieder ins Hier und Jetzt und blickte rundum, als wollte er sich vergewissern, dass niemand in der Nähe sei. »Können Sie sich vorstellen, für mich zu arbeiten? Wenn ja, kann es in einigen Tagen losgehen.«

Die volle Konzentration auf dieses eine Projekt, das, wie Francesco ausdrücklich betonte, mit einem sehr gut dotierten Honorar belohnt werden würde, bedeutete zum einen, dass niemand auch nur ein Sterbenswörtchen darüber erfahren dürfe. Zweitens würde die Arbeit an besagtem Gemälde fernab von Bologna vonstatten gehen, und drittens müsste er sich für die Zeit des Projekts aus seinem normalen Leben ausklinken.

»Inwiefern ausklinken?«, wollte der schlanke, hochgeschossene Kunststudent von Francesco wissen.

»Sie sind für die Zeit des Projekts an einen Ort gebunden und werden keinen Kontakt nach außen haben«, erklärte Francesco. »Erzählen Sie Ihrer Freundin etwas von einem Forschungspraktikum in Buenos Aires. Dort hat Ihre Fakultät doch eine Außenstelle, oder?«

Dieser Francesco hatte sich anscheinend vorbereitet. Und das gefiel Gabriele Schillaci.

Die Geschichte hatte nun eine Wendung genommen, an der geklärt werden musste, was Francesco unter einem sehr gut dotierten Honorar verstand.

»50.000.«

»Wie bitte?«, wäre es fast aus Schillaci hervorgesprudelt. Stattdessen fragte er nur: »Euro, oder?«, um irgendetwas Sinnvolles von sich zu geben. »Natürlich. Netto. Bar auf die Hand. Und steuerfrei«, konterte Francesco trocken.

Gegenüber Giulia würde ihm schon eine glaubwürdige Ausrede einfallen, dachte sich Schillaci. Und außerdem müsste es doch möglich sein, Mittel und Wege zu finden, um ab und an mit seiner Freundin in Kontakt zu treten. Schließlich sah ihm dieser Francesco nicht gerade wie jemand aus, der sein Tun auf Schritt und Tritt verfolgen würde. Andererseits könnte sein Arbeitsort auf einer Bohrinsel liegen oder auf einem Frachtschiff oder in einer Höhle in den Bergen, einem Zelt in der Wüste … egal, 50.000 Euro waren ein Argument, das man nicht in den Wind schlagen konnte, und schließlich würde auch Giulia davon profitieren. Für eine jener Miniaturen berühmter Gemälde, die er an Wochenenden in der Innenstadt von Florenz oder in San Gimignano an Touristen verkaufte, bekam er gerade mal 150 Euro. Und davon musste er schließlich noch Material- und Fahrtkosten abziehen. Selbst die eher seltenen Aufträge, eine originalgetreue Kopie eines Caravaggio, Raffael, Leonardo oder Filippo Lippi herzustellen, brachten ihm bestenfalls 500 Euro ein. Aber er wollte sich nicht beklagen, immerhin musste er nicht für 7,50 Euro die Stunde Bistecca florentina mit Pommes frites servieren oder für noch weniger im Weingarten schuften. Brutto, wohlgemerkt, sinnierte Schillaci, während sich Francesco daranmachte, den Ort des Geschehens zu verlassen. Wie er ihn erreichen könne, wollte Schillaci noch von ihm wissen, während sie vom Lichtkegel eines Autos gestreift wurden, das gerade in den Parkplatz eingefahren war.

»Ich melde mich bei Ihnen, wenn es so weit ist«, erklärte Francesco knapp, wünschte ihm einen schönen Abend, setzte sich in einen schwarzen Jeep Cherokee und entschwand in Richtung Autobahn.

Und wenn dem jungen Schillaci die 50.000 Euro im Laufe der Wochen zu wenig sind, dann erhöhe ich eben um 10.000 Euro, dachte er sich. Und dann noch einmal um 10.000, und wenn es sein muss, um weitere 10.000. Am Geld sollte es nicht liegen. Schillaci hatte auch im persönlichen Gespräch einen guten Eindruck bei ihm hinterlassen. Sein Auftritt bestätigte nur das, was er schon über ihn in Erfahrung gebracht hatte. Und die Arbeit des 25-jährigen jungen Mannes sprach ohnehin für sich. Auch sonst wirkte der Kunststudent solide und formbar. Und Linkshänder war er auch noch. Als er zwei Stunden später in die Einfahrt zu seinem Anwesen einbog, hatte Francesco ein rundum gutes Gefühl.

INFRAROTE EINBLICKE

Die Werkstätten des Opificio delle Pietre Dure e laboratori di Restauro befinden sich in der Fortezza da Basso im Zentrum von Florenz. Die Festungsanlage aus dem 16. Jahrhundert liegt an der Viale Filippo Strozzi, in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs Santa Maria Novella. Neben der renommierten Restaurationswerkstatt beherbergt die Fortezza da Basso mit ihrer imposanten Festungsmauer auch Konzert- und Veranstaltungssäle für Kongresse und Konferenzen.

Der Vormittag des 4. April war ein Vormittag wie viele andere im toskanischen Frühjahr. Noch etwas kühl, aber freundlich. Es war fünf Minuten vor elf, als sich Darren F. Hammond, freier Redakteur der britischen Tageszeitung »The Guardian«, beim Portier des Opificio delle Pietre Dure einfand und diesem den ausgedruckten E-Mail-Verkehr mit Cesare Rizzoli aus dem Direktionssekretariat sowie einen britischen Presseausweis präsentierte. Er habe um elf Uhr einen Termin bei Direttore Collocini, erklärte Hammond, der einen dunkelgrauen Zweiteiler und ein hellblaues Button-down-Hemd ohne Krawatte trug. Nachdem der Portier den Journalisten ordnungsgemäß angekündigt und in der Besucherliste eingetragen hatte, stand Hammond – groß gewachsen, schlank und das mittelbraune kurze Haar exakt gescheitelt – Minuten später mit einer voluminösen Aktentasche unterm Arm und einem Besucherschild am Revers seines Sakkos im Büro von Direttore Maurizio Collocini. Nach der Begrüßung und dem Austausch von Höflichkeiten begab man sich gemeinsam und ohne Umschweife ins Labor für die Restaurierung von Gemälden auf Leinwand und Holz.

»Wie lange schreiben Sie schon für den ›Guardian‹?«, wollte Collocini, bekleidet mit einem perfekt sitzenden dunkelbrauen Anzug und einem rosafarbenen Hemd, auf dem Weg ins Labor wissen.

»Seit knapp drei Jahren«, antwortete Hammond. »Ich liefere regelmäßig Reportagen für die Wochenendausgabe.«

Vor allem Kultur und Reisen seien seine Themenfelder, ab und zu auch Kulinarik, ließ der Brite Collocini wissen. Vor zweieinhalb Monaten hatte Hammond eine Anfrage an den Leiter des OPD geschickt. Daraufhin hatte man ihn gebeten, eine Kopie seines Presseausweises und eine unterfertigte Beauftragung der Chefredaktion per E-Mail zu übersenden. Man würde sich bei ihm melden und bekanntgeben, wann ihm ein Termin in der Restaurationswerkstatt gewährt werde.

Nach wenigen Minuten standen der englische Journalist und der Direktor des Opificio delle Pietre Dure nun vor jenem Gemälde, über dessen Restaurierung Hammond im »Guardian« eine Reportage zu verfassen gedachte.

»Wir haben die ›Anbetung der Könige‹ jetzt seit dreieinhalb Jahren bei uns. Und ich gehe davon aus, dass wir nur noch ein paar Tage, höchstens ein bis zwei Wochen für die vollständige Wiederherstellung benötigen«, erklärte ­Collocini. »Woher kommt es eigentlich, dass Sie perfekt Italienisch sprechen?«, fuhr er fort und kniff dabei die Augen zusammen.

»Wissen Sie, ich lebe seit 15 Jahren in Italien, und meine Frau ist Italienerin, da hat man keine andere Wahl, als die Sprache zu erlernen«, schmunzelte Hammond.

»Verstehe«, lächelte Collocini wissend zurück.

Gelbe Lüftungsrohre, Infrarotkameras, große Bildschirme und gigantische Mikroskope prägten den loftartigen Raum, der ein Stockwerk unterhalb der Chefetage lag. Auf den Tischen standen zahllose Fläschchen, Tuben und Dosen, daneben lagen Pinsel, Pinzetten, Skalpelle und anderes Werkzeug in den unterschiedlichsten Größen und für die unterschiedlichsten Verwendungszwecke aufgereiht. Penible Sauberkeit und eine ebensolche Ordnung wurden hier offensichtlich großgeschrieben. Hammond fühlte sich eher an einen Operationssaal oder an ein Forschungslabor der Pharmaindustrie erinnert als an eine Restaurationswerkstätte. Wäre da nicht in der Mitte des fabrikshallengroßen Raumes der drei Meter hohe Holzrahmen, in den das aus zusammengeklammerten Holzplanken bestehende Gemälde montiert war, Hammond hätte die komplett in Weiß gekleideten Restaurateure ohne Weiteres für Krankenhauspersonal gehalten. Als er der restaurierten »Anbetung der Könige« in seiner vollen Pracht gegenüberstand, ließ er sich weder seine Ehrfurcht vor dem Meisterwerk anmerken, noch dass ihm sein Herz bis in den Hals schlug.

»Wunderschön«, entfuhr es ihm dann aber doch, und das war vor allem darauf zurückzuführen, dass er das Gemälde, das er schon Dutzende Male in den Uffizien bestaunt hatte, nun zum ersten Mal so sah, wie es Leonardo da Vinci selbst gesehen hatte: vollständig vom Schmutz der Jahrhunderte und dem vergilbten Firnis, der immer wieder zum Schutz des Bildes aufgetragen worden war, befreit.

»Finden Sie nicht auch, dass Leonardos Genie, das sich hier vor allem in der Bildkomposition und der perspektivischen Darstellung zeigt, jetzt noch deutlicher zum Vorschein kommt?«, sinnierte Collocini, ohne wirklich auf eine Antwort von Hammond zu warten.

»In der Tat«, flüsterte Hammond und tauchte immer tiefer in das Holzbild ein. Fast zu tief.

»Signore Hammond! Vorsicht!«, mahnte Collocini den Journalisten, der nahe an das Meisterwerk herangetreten war.

Hammond machte eine entschuldigende Geste, trat einen Schritt zurück und betrachtete das Werk nun aus sicherer Entfernung.

»Was würden Sie denn gerne über die Restaurierung des Bildes wissen?«

Hammond war fast geneigt, »Alles!« zu rufen, besann sich dann aber eines Besseren.

»Erzählen Sie mir doch bitte zu Beginn, wie es überhaupt zur Restaurierung des Gemäldes kam.«

Daraufhin begann Collocini zu schildern, wie ein privater Mäzen die Mittel für die Restaurierung bereitgestellt hatte, wie das Opificio delle Pietre Dure von den Uffizien – wie in solchen Fällen üblich – mit dem Projekt betraut worden war, unter welch strengen Sicherheitsvorkehrungen die »Anbetung der Könige« in die nur wenige Straßenzüge entfernte Restaurierungswerkstätte gebracht worden war, und dass sich ein Team von rund einem Dutzend Experten mit den unterschiedlichsten Spezialisierungen seit knapp 1.300 Tagen intensiv um die Wiederherstellung des Gemäldes bemühte.

»Ich kann Ihnen sagen, es ist gar nicht so einfach zu definieren, was man eigentlich restaurieren, also wiederherstellen soll. Cesare Brandi meint in seiner ›Teoria del Restauro‹, einem Standardwerk: ›Die Restaurierung muss sich die Wiederherstellung der potenziellen Einheit eines Kunstwerks zum Ziel setzen, unter der Voraussetzung, dass dies möglich ist, ohne eine historische oder künstlerische Fälschung zu begehen und ohne die Spuren der Zeit auf dem Kunstwerk zu löschen.‹ Wir, die wir für die Restaurierung des Bildes zuständig sind, tragen demnach eine riesengroße Verantwortung. Vor allem, weil es sich nicht um irgendein Bild handelt, das auf einem Dachboden gefunden worden ist und das im Zuge der Restaurierung in einen möglichen Original­zustand zurückversetzt werden soll. Hier handelt es sich um ein Gemälde, das die ganze Welt kennt und das – obwohl es unvollendet ist – eines der bedeutendsten Gemälde von Leonardo da Vinci ist, weil es für eine ganz bestimmte Phase seines Schaffens steht.«

Direttore Collocini war deutlich anzusehen, welche Bedeutung die Arbeit an der »Anbetung der Könige« für ihn und das gesamte Labor hatte und wie sehr ihn das Projekt gefangen nahm – und das obwohl schon die Werke vieler großer Renaissancekünstler durch seine Hände gegangen waren.

»Wenn Sie wollen, Signore Hammond, zeige ich Ihnen, was man zu sehen bekommt, wenn man dem Bild mit der Infrarotlampe zu Leibe rückt«, verkündete er jetzt. Und da ihm bewusst war, dass Hammond sich das Schauspiel nicht entgehen lassen würde, wies er noch im Reden einen seiner Mitarbeiter per Fingerzeig an, die Infrarotlampe in Position zu bringen und einzuschalten.

»Betrachten Sie etwa die Ruine im Hintergrund, Signore Hammond«, sagte er, und zu seinem Mitarbeiter gewandt: »Gianni, dreh das Licht bitte kurz weg und dann wieder auf das Bild. Sehen Sie, Signore Hammond, hier kann man ganz klar eine darunterliegende Skizze erkennen.«

»Faszinierend«, staunte Hammond.

»Unsere Aufgabe neben der eigentlichen Restaurierung«, fuhr Collocini mit zusammengekniffenen Augen fort, »ist es, zu dokumentieren, was wir vorgefunden und welche Eingriffe wir vorgenommen haben. Dokumentation ist im Rahmen der Restaurierung das Um und Auf. Alle unsere Eingriffe in das Werk müssen nachvollziehbar sein, sodass man die original erhaltenen Partien klar und deutlich von den restaurierten Partien unterscheiden kann. Und vor allem verbringen wir sehr viel Zeit damit, uns das Werk unter dem Mikroskop anzuschauen und zu analysieren, welche Maßnahmen wir setzen wollen und welche nicht.«

Hammond nickte, ohne Collocini zu unterbrechen.

»Und wissen Sie, was die effizienteste Form der Restaurierung ist?« Collocini drehte sich auffordernd zu Hammond: »Die Konservierung. Damit meine ich die ideale Luftfeuchtigkeit und Beleuchtung sowie die Vermeidung von direkter Sonneneinstrahlung, Staub und Umwelteinflüssen, so weit dies eben möglich ist.«

Dies gelte im Übrigen für jedes Kunstwerk, ob im Museum oder zu Hause an der Wand oder im Büro, fügte Collocini hinzu, während er sich kurz mit den Fingern durch die Haare fuhr: »Ich erzähle Ihnen damit wahrscheinlich nichts Neues, aber im Grund beginnt der Verfallsprozess jedes Kunstwerks genau in dem Moment, in dem es erschaffen wird.«

Hammond nickte wissend, während sein Blick weiter auf dem Gemälde ruhte.

Fünfundvierzig Minuten später war Collocini mit seinen detaillierten Ausführungen über das aufwändige Restaurierungsprojekt fertig.

»Sie würden dem Opificio delle Pietre Dure natürlich einen unheimlichen Gefallen tun, wenn Sie das, was wir hier zu leisten imstande sind, ins rechte Licht rückten«, ließ der Direttore anklingen.

»Wie Sie wissen, hat der Wettbewerb auch vor unserem Wirtschaftszweig nicht Halt gemacht. Für uns sind Projekte wie die Restaurierung der ›Anbetung der Könige‹ von hoher Bedeutung, weil sie die Aufmerksamkeit der Fachöffentlichkeit auf uns richten und wir damit unter Beweis stellen, dass wir in Italien und auch in Europa eine der ersten Anlaufstellen für die Restaurierung von Gemälden sind.«

Hammond versicherte Collocini mit einem wissenden Lächeln, dass er die Würdigung des Opificio delle Pietre Dure nicht zu kurz kommen lassen werde. Dann bedeutete er dem OPD-Direktor mit einem Fingerzeig auf seine Armbanduhr, dass er nun langsam aufbrechen müsse. Auf dem Weg die Treppe hinunter zum Eingangsbereich vereinbarten die beiden, dass sich Hammond jederzeit telefonisch bei Collocini melden dürfe, sollten noch weitere Fragen auftauchen. Es war 12.40 Uhr, als sich die beiden vor der Portiersloge des Opificio delle Pietre Dure voneinander verabschiedeten, Hammond beim Portier seinen Besucherausweis abgab und das Gebäude durch den Haupteingang verließ.

UNGEBETENE GÄSTE

Gerade als Gianni Bruzzo, der leicht übergewichtige Chefportier des Opificio delle Pietre Dure, damit beschäftigt war, in der Besucherliste zu vermerken, dass Darren Hammond das OPD verlassen hatte, betraten zwei Männer mit einer Hartplastikkiste, die in etwa die Ausmaße eines Mikrowellenherdes hatte, das Gebäude. Die beiden stellten sich als Angestellte einer Tierhandlung in Prato in der Nähe von Florenz vor und erklärten, dass sie eine Lieferung für Signore Massimo Poletti hätten. Man solle Poletti doch bitte rasch rufen, erklärte der eine der beiden, da die eben vor der Portiersloge abgestellte Transportkiste möglicherweise einen Sprung habe, man könne für nichts garantieren. Bruzzo hatte in seinem Portiersdasein schon vieles erlebt und rief gelassen Poletti an, der natürlich prompt nicht in seinem Büro war, sondern irgendwo im Haus umherschwirrte. Nein, sein Mobiltelefon habe Poletti nicht mitgenommen, das liege auf seinem Schreibtisch, erklärte man Bruzzo. »Na, bestens!«, schoss es dem Portier durch den Kopf.

Die beiden Männer von der Tierhandlung Mondo ­Animali beäugten die Transportkiste inzwischen von allen Seiten, schienen aber mit ihrer Grobanalyse der Situation zufrieden.

»Signore Poletti wird in ein paar Minuten hier sein«, erklärte Bruzzo den beiden Männern und fragte beiläufig: »Was ist denn überhaupt in der Kiste drin?«

»Eine Boa constrictor. Aber eine kleine. Keine Sorge«, erwiderte der Größere der beiden.

Von Sorglosigkeit angesichts einer lateinamerikanischen Würgeschlange war Portier Buzzo ungefähr so weit entfernt wie von einer Beförderung zum Direktor des Opificio delle Pietre Dure. Nicht nur seiner Angst vor Schlangen wegen, sondern auch, weil er sich gar nicht ausmalen wollte, was einer seiner Vorgesetzten sagen würde, wenn dieser wüsste, dass im Eingangsbereich des Hauses eine Riesenschlange in einer vermutlich angebrochenen Transportkiste lauerte. ­Poletti musste her, und zwar schnell.

Angespannt griff Bruzzo zum Telefon und machte sich daran, die Telefonliste von oben nach unten abzuarbeiten. Er war gerade bei »G« angelangt, genauer bei Signora Gentile aus der Buchhaltung, die ebenfalls keine Ahnung hatte, wo sich der kaufmännische Direktor aufhielt, als Darren Hammond, der Journalist von eben, wieder vor der Portiersloge auftauchte. Er habe sein Aufnahmegerät oben in der Werkstätte liegen lassen, erklärte er. Bruzzo war bewusst, dass es nicht den Vorschriften entsprach, aber er hatte jetzt wirklich andere Sorgen, und so gestattete er Hammond, alleine zur Werkstätte hochzugehen, nicht jedoch ohne den Journalisten vorher oben in der Werkstatt anzukündigen und im selben Atemzug nachzufragen, wo denn Poletti verblieben sei. Der sei eben noch dagewesen, habe die Werkstätte aber vor drei Minuten verlassen, erklärte man ihm. Möglicherweise spaziere er noch mit der Delegation vom Chinesischen Nationalmuseum in Peking durch das Gebäude, schließlich träume Poletti vom ganz großen Geschäft mit den Chinesen.

Dass es in der grünen Transportkiste plötzlich raschelte und unrhythmisch klopfte, trug nicht gerade dazu bei, dass sich Bruzzo entspannte. Bei seinem Telefonrundruf war er mittlerweile bei Cesare Rizzoli, dem Sekretär von Direktor Collocini, gelandet. Doch auch der wusste nicht, wo sich Poletti aufhielt. Man möge ihn bitte nicht mit derartigen Dingen belästigen, er habe Wichtigeres zu tun. Und selbst wenn sich Poletti einen lebendigen Säbelzahntiger liefern ließe, würde es ihn, Rizzoli, nicht im Geringsten interessieren. Damit legte er grußlos auf.

Bruzzo rollte die Augen und wischte sich mit dem Handrücken ein wenig Schweiß von der Stirn. Er konnte und wollte sich jetzt nicht mit diesem aufgeplusterten Pfau aufhalten. Vielmehr wollte er diese Riesenschlage aus seinem Einflussbereich befördert wissen. Die beiden Männer von der Tierhandlung, die er während des Telefonats durch die Glasscheibe sehen konnte, bedeuteten Bruzzo gestikulierend, dass sie weiterfahren müssten. Der eine der beiden hatte bereits ein Formular und einen Stift in der Hand und drängte Bruzzo, die Lieferbestätigung zu unterfertigen, schließlich hätten sie noch zwei weitere Lieferungen zu erledigen.

»Und was soll ich Ihrer Ansicht nach tun, wenn die Schlange aus der Kiste kriecht?«, fragte Bruzzo die beiden Lieferanten.

»Dann rufen Sie uns an! Hier ist unsere Telefonnummer«, meinte der mit dem Lieferschein.

Damit machten sich die beiden auf den Weg zum Ausgang. Bruzzo wollte sie gerade noch zurückhalten, als das Telefon in der Portiersloge läutete. Es war Poletti. Was denn so wichtig sei, dass das ganze Haus nach ihm suche, wollte Poletti, der im Opificio delle Pietre Dure für die möglichst gewinnbringenden Beziehungen zu Museen und anderen Kultureinrichtungen zuständig war, wissen. Als Bruzzo in seinen Schilderungen beim Wort Riesenschlange angelangt war, brüllte Poletti »Ich komme!« ins Telefon und knallte den Hörer auf die Gabel. Aus dem Augenwinkel bemerkte der Portier, wie sich die Hartplastikkiste mit der Schlange mehrmals sanft hob und wieder senkte.

Im nächsten Moment kam Massimo Poletti mit der chinesischen Delegation langsam die Treppe herab, blieb mitten im Eingangsbereich kurz stehen und ging dann, ohne ­Bruzzo eines Blickes zu würdigen, auf die Hartplastikkiste zu. »Mondo Animali« stand auf der Kiste in grünen Lettern zu lesen, und dann war da noch ein Sticker mit seinem Namen: »Sign. Massimo Poletti, Opificio delle Pietre Dure, Fortezza da Basso«.

»Wer hat die Kiste hergebracht? Und warum haben Sie mich nicht gleich gerufen?«, zischte Poletti, nachdem er sich in einem gefühlt zehn Minuten dauernden Ritual von der sechsköpfigen Delegation aus China verabschiedet hatte.

»Vorsicht«, ereiferte sich Bruzzo, als Poletti die Kiste auf die Seite drehte, wo nun Luftschlitze erkennbar waren.

»Bruzzo, bitte, was soll schon sein? Es ist eine Babyschlange, haben Sie doch gesagt«, schnaubte der studierte Zoologe verächtlich.

Die Kiste war auffällig leicht, fand Poletti, und dann sah er den rund 40 Zentimeter langen Sprung quer über die Luftschlitze. Ohne zu zögern, hob er die Kiste in die Höhe und schüttelte sie. Ein wenig Stroh rieselte heraus, ansonsten bewegte sich nichts.

Vorwurfsvoll blickte er zum Portier: »Bruzzo, bei allem Respekt: Zuerst lassen Sie mich im ganzen Haus suchen wie einen Schwerverbrecher. Und jetzt das! Wo, zum Henker, ist die Schlange? In der Kiste ist sie nämlich nicht!«

EINE EREIGNISREICHE NACHT

Es war knapp nach halb elf. Die Dunkelheit legte sich über die Restaurationswerkstatt im Zentrum von Florenz. Der Nachtportier Giovanni Fiore hatte um zehn nach zehn den letzten noch im Haus befindlichen Mitarbeiter verabschiedet und seine Runde durch das Gebäude vollendet. Boa constrictor hatte er, nicht anders als vermutet, keine gesehen. Der Schürhaken in seiner rechten Faust war nicht zum Einsatz gekommen. Soll sich doch Bruzzo tagsüber darum kümmern, dachte sich der schmächtige Enddreißiger, der von seinen Kollegen oft als »unser Philosoph« tituliert wurde, weil er stets mit dicken Schmökern zur Arbeit erschien. Der Chef der Portierstruppe war ganz aufgelöst gewesen, als Fiore sich um 21.50 Uhr zum neunstündigen Nachtdienst bei der Portiersloge eingefunden hatte. Die auch gegenüber Bruzzo mehrfach geäußerte Theorie von Fiore lautete: »Es handelt sich um einen üblen Scherz, und in der Kiste war gar keine Schlange.« Und nachdem die Belegschaft in einer improvisierten Mitarbeiterversammlung über die angebliche Babyriesenschlange informiert und zu Vorsicht sowie Stillschweigen gegenüber der Presse angehalten worden war, war man wieder zur Tagesordnung übergegangen. Die lokale Tierrettung und ein Riesenschlangenexperte aus Rom waren jedenfalls für den kommenden Morgen um acht Uhr ins OPD bestellt worden. Er, Fiore, würde dann allerdings bereits im Land der Träume weilen, seine Schicht endete schließlich um sieben Uhr, inklusive Übergabe spätestens um 7.15 Uhr. Schon erstaunlich, wofür es alles Experten gibt, schoss es ihm durch den Kopf. Ein Riesenschlangenexperte in Italien. Absurd. Vielleicht sollte er auch Experte für irgendetwas werden und saftige Honorare kassieren, dann müsste er nicht vier Tage in der Woche als Nachtportier im Opificio delle Pietre Dure schuften. Experte für Alarmanlagen war er ja schon, murmelte Fiore zu sich selbst, während er die Anlage kontrollierte. Er registrierte keine Unregelmäßigkeiten und machte es sich darauf mit der von Bruzzo hinterlassenen »Gazzetta dello Sport« in der Portiersloge bequem.

Zuvor warf er noch einen kurzen Blick auf das interne Memo, in dem die Geschäftsführung nachdrücklich darauf hinwies, dass unternehmensfremde Personen – auch Angehörige – unter keinen Umständen von der Boa constrictor erfahren dürften, auch und vor allem, weil man sich angesichts der Konkurrenz aus Turin keine negativen Presseberichte leisten könne. Unterzeichnet hatte das Memo Direttore Collocini, der nicht nur unter den Portieren weitaus beliebter war als der mitunter pedantische kaufmännische Direttore Poletti. Fiore würde jetzt noch eine Stunde Zeitung lesen, danach einen Rundgang machen – mit dem Schürhaken bewaffnet – und sich anschließend aufs Ohr hauen.

Zur gleichen Zeit setzte sich zwei Stockwerke oberhalb der Portiersloge in einem Raum mit Putzutensilien ein Mann in einem dunkelgrünen Overall eine Schirmkappe auf. Sowohl der Overall als auch die Kappe wiesen ihn als Mitarbeiter von Mondo Animali aus. »Lorenzo Di Pasquali« stand auf einem Namensschild mit Logo zu lesen. Die vergangenen Stunden hatte der Mann unter anderem damit zugebracht, aus Kunststoffstäben und Steckvorrichtungen sowie einer Kunststoffplane eine 30 Zentimeter tiefe, 260 Zentimeter lange und 260 Zentimeter breite Transportkiste zu basteln. Die Vorderseite zierte das grüne Logo von Mondo ­Animali, auf der Rückseite prangte in großen Lettern »Attenzione, Serpente soffocato!« – »Achtung, Würgenschlange!«

Di Pasquali, der Baumwollhandschuhe trug, öffnete nun vorsichtig die Tür der Putzkammer, trat auf den Gang hinaus, versicherte sich noch einmal, dass sein Tun von keiner Sicherheitskamera und keinem Bewegungsmelder verfolgt wurde, und warf einen prüfenden Blick auf die verschlossene Tür des Labors, hinter der die Gemälde auf Leinwand und Holz restauriert wurden. Die überdimensionale Transportkiste hatte er in der Putzkammer zurückgelassen. Er zog einen walnussgroßen Stein aus der Jackentasche, zielte und traf. Als das Türglas zerbarst, hatte der Stein ein Loch von rund vier Zentimeter Durchmesser hinterlassen, und zwei Stockwerke tiefer schlug, um exakt 22.40 Uhr, in der Portiersloge die Alarmanlage an. Di Pasquali hatte sich unterdessen gleich wieder in sein Putzkämmerchen verzogen und wartete nun, dass der Nachtportier auf den Plan trat.

Giovanni Fiore wollte sich gerade den Vorbericht zum morgigen Meisterschaftsspiel von Florentina gegen Bologna durchlesen, da heulte die Sirene los. In weniger als drei Sekunden landete die »Gazzetta dello Sport« auf dem Tisch, und Fiore hatte den Entwarnungsknopf für die Eingangstür zur Restaurationswerkstatt an der Alarmanlage gedrückt. Dass die Carabinieri ausgerechnet heute bei ihm aufkreuzten, musste er unter allen Umständen vermeiden: Erstens wäre das mit mühseliger Schreibarbeit verbunden, zweitens würde ihn Chefportier Bruzzo elendslang befragen, warum es notwendig gewesen sei, die Polizei ins Haus zu holen, und drittens durfte die Geschichte mit der abhanden gekommenen Boa constrictor keinesfalls an die Öffentlichkeit dringen. War die Polizei erst mal im Haus, würde die lokale Presse in Windeseile von der entkommenen Boa erfahren, und das Opificio delle Pietre Dure wäre zumindest für einen Tag das Gespött von ganz Florenz. Mit diesen wenig erquicklichen Gedanken machte sich Fiore auf den Weg zum Labor in die zweite Etage: Bewaffnet mit einer Taschenlampe in der linken und dem Schürhaken in der rechten Hand, nahm er jeweils drei Stufen auf einmal. Diesem Biest würde er es zeigen! Ihm die Nachtruhe stehlen und Arbeit ohne Ende aufbürden! Diese verdammte Boa! Fiore schnaubte entschlossen und nahm den Schürhaken noch etwas fester in die Hand.

Als das Licht der Taschenlampe die Tür zum Labor für die Gemälderestaurierung erfasste, sah Fiore sofort das golfballgroße Loch in der Milchglasscheibe. Im Nu hatte er seinen Schlüsselbund hervorgekramt, die Tür geöffnet und sämtliche Lichtschalter betätigt. In Türnähe war der Boden mit Glassplittern übersät, aber sonst schien alles normal zu sein. Das Da-Vinci-Gemälde, dessen Inhalte in den vergangenen Monaten von Tag zu Tag deutlicher zum Vorschein gekommen waren, befand sich noch immer in seinem Holzrahmen. Und auch sonst gab es nichts, was Fiore, der nun immer weiter ins Labor vordrang, verdächtig schien. Ein Knacken hinter seinem Rücken ließ ihn herumfahren. Er bog um eine Staffelei, umrundete einen Schreibtisch, und da lag sie: eine Maus, deren Zustand mit mausetot ziemlich treffsicher beschrieben werden konnte. Ein, zwei Schritte noch, und Fiore war wieder bei der Tür angelangt. War da nicht was? Diese Boa kann was erleben, fluchte er vor sich hin, während seine Faust den Schürhaken so fest umklammerte, dass die Adern auf dem Handrücken hervortraten. Fiore warf einen Blick nach links und rechts und entschied sich, den Gang nach rechts zu nehmen. Zwanzig Meter weiter lag erneut eine T-Kreuzung vor ihm. Noch bevor er sich ein weiteres Mal mit der Links-oder-rechts-Frage auseinandersetzen konnte, schrillte erneut die Alarmanlage. Fiore machte auf dem Absatz kehrt, hetzte an der noch immer offenstehenden Tür zur Restaurationswerkstätte vorbei und nahm im Stiegenhaus drei Stufen auf einmal, inständig hoffend, seine Portiersloge rechtzeitig zu erreichen, bevor der verdammte Alarm an die Carabinieri und den Securitydienstleister des Opificio delle Pietre Dure weitergeleitet wurde.

Zwei Etagen höher machte sich unterdessen der Mann in der Mondo-Animali-Uniform daran, die »Anbetung der Könige« mit flinken und routinierten Handgriffen aus dem Holzrahmen zu entfernen. Behutsam berührte er das jahrhundertealte Gemälde mit seinen Baumwollhandschuhen, genau dort, wo dies auch die Restauratoren des OPD tun würden, und beförderte es in weniger als sechs Minuten in die Transportbox von Mondo Animali. Vorbereitung ist die halbe Miete, wusste Di Pasquali: Er hatte nichts dem Zufall überlassen und Eckenschoner aus Styropor mitgebracht, die das Bild in der mit Rädern ausgestatteten Transportbox schützen und zugleich stabilisieren sollten. Weitere 45 Sekunden benötigte er, um einen maßstabgetreuen Farbdruck der »Anbetung der Könige« so am Holzrahmen zu befestigen, dass man bei hastigem Hinsehen annehmen konnte, das Original hänge ebendort. Kurz darauf war die Restaurationswerkstätte wieder menschenleer, Di Pasquali hatte den Ort des Geschehens verlassen und sich mit dem in der Kunststoffbox verstauten Gemälde in die Putzkammer zurückgezogen.

Fiore hatte im allerletzten Moment die Portiersloge erreicht und schaltete jetzt den neuerlichen Alarm ab, der von einem Bewegungsmelder im zweiten Stock ausgelöst worden war. Eine Sekunde lang überlegte er, den Chef der Portiertruppe anzurufen, entschied sich dann aber dagegen. Er würde die Sache selbst in Ordnung bringen und sich nicht von einer Babyschlange aus dem Konzept bringen lassen. Bruzzo mochte keine nächtlichen Störungen, und der Gedanke an Bruzzos mögliche Sticheleien über seine Jagd nach der Boa bestärkte Fiore außerdem darin, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Die Kopie des Lieferscheins von Mondo Animali war schnell zur Hand, und Fiore schnappte sich den Telefonhörer. Wie erwartet, hob bei Mondo Animali niemand ab, schließlich war es 45 Minuten vor Mitternacht. Eine freundliche Frauenstimme forderte den Anrufer auf, eine Nachricht zu hinterlassen. Fiore schilderte das Problem in wenigen Worten, betonte die Bedrohlichkeit der Lage und bat dringend um ehestbaldigen Rückruf.

Seinen Plan von einem Schläfchen hatte er für diese Nacht längst begraben. Der Bericht der Ereignisse für die Unternehmensleitung und Bruzzo war zwar bereits fertig, aber es stand ihm noch ein letzter halbstündiger Rundgang bevor. Doch der brachte keine neuen Erkenntnisse. Sollen sich doch die Kollegen am Tag mit der blöden Schlange auseinandersetzen, dachte sich Fiore, der nun, gegen Ende seines Dienstes, angesichts des Schlafmangels deutlich müder war als sonst. Während aus dem Transistorradio Frankie Valli mit »Oh, What A Night« erklang, wünschte sich Fiore nur mehr eines: sein kuscheliges, warmes Bett.

DER SCHLANGE AUF DER SPUR

Aber die Leute von Mondo Animali sind doch schon im Haus, oder?«, meinte Stefano Gasperini, Fiores Kollege vom Tagdienst, nachdem der ­Nachtportier die Ereignisse des Vortages und der Nachtstunden in den buntesten Farben geschildert hatte.

»Wie kommst du denn darauf?«, entgegnete Fiore verwirrt.

»Weil ein Lieferwagen von Mondo Animali gleich um die Ecke steht«, erklärte der muskelbepackte 39-Jährige mit Vollglatze.

Der nun schon etwas übernächtigte Fiore atmete einmal tief durch und ging kurz nach draußen. An der Häuserecke links vom Opificio delle Pietre Dure sah Fiore tatsächlich einen grünen Lieferwagen von Mondo Animali. Das Auto war allerdings, soweit er sehen konnte, leer. Er blickte auf sein Smartphone. Es war 7.10 Uhr und damit wirklich allerhöchste Zeit, den Heimweg anzutreten. Genug Stress für einen Arbeitstag.

»Keine Ahnung, wo die Typen von Mondo Animali stecken. Vielleicht schauen Sie sich ja schon mal draußen um, wo die Schlange ist«, meinte Fiore, während er in der Portiersloge seine Sachen zusammenpackte. »Und tut mir bitte einen Gefallen: Sorgt dafür, dass die Schlange heute Abend zu meinem Dienstantritt nicht mehr da ist. Wir sehen uns morgen früh um sieben Uhr.«

Zehn Minuten später, Stefano Gasperini war gerade damit beschäftigt, Milch in seinen Kaffee zu gießen, klopfte es an der Scheibe der Portiersloge. Gasperini erblickte einen in einem grünen Overall gekleideten Mitarbeiter von Mondo Animali, neben dem ein kastengroßer, mit kleinen Rädern ausgestatteter Kunststoffbehälter mit der Aufschrift »Attenzione, Serpente soffocato!« stand. Der Mann mit dem Wohlstandsbäuchlein stellte sich als Lorenzo Di Pasquali von Mondo Animali vor.

»Wir sind wegen der entkommenen Boa constrictor hier. Ist denn mein Kollege schon bei Ihnen gewesen?«

»Also ich bin erst seit 20 Minuten hier, aber mein Kollege vom Nachtdienst hat niemanden von euch hereingelassen. Wir haben uns schon gewundert, wo ihr bleibt.«

Der Mann im grünen Overall blickte kurz auf seine Uhr und schien nachzudenken.

»Na gut, dann schau ich kurz nach draußen. Der Kollege wollte schnell Zigaretten kaufen. Vielleicht hat er außerhalb des Gebäudes mit der Suche begonnen. Die Schlangenfalle nehme ich wieder mit.«

Und schon rollte Di Pasquali den Kunststoffbehälter in Richtung Ausgang. Eine sonderbare Truppe, dachte sich Gasperini, rührte seinen Kaffee um und trug Lorenzo Di Pasquali in die Besucherliste ein. Dann machte er sich an die Lektüre von Fiores Bericht vom Nachtdienst und stellte sich seufzend auf einen ereignisreichen Tag ein.

Gerade als Gasperini 15 Minuten später die eben eingetroffenen Mitarbeiter des Reinigungsdienstes von der Babyriesenschlange unterrichtete, trafen ein angespannt wirkender Chefportier Bruzzo, der aus Rom angereiste Riesenschlangenexperte Alessio Bianchi und zwei junge Mitarbeiter der Florentiner Tierrettung bei der Portiersloge ein. Bruzzo bat den kräftigen, unausgeschlafen wirkenden Bianchi, einen Mitdreißiger mit Dreitagesbart, sowie die beiden jungen Tierretter nach einer kurzen Unterredung mit Gasperini in sein Büro. Mit Fiores Bericht unter dem Arm nahm Bruzzo Platz und schilderte den Anwesenden, was sich seit dem Nachmittag des Vortages im OPD abgespielt hatte und dass er sich nichts mehr wünsche, als dass der Spuk endlich ein Ende habe.

»Das oberste Gebot lautet: Kein Wort an die Presse! Das können wir uns nicht leisten, meine Herren«, beendete ­Bruzzo seine Ausführungen.

Die beiden Burschen von der Tierrettung hatten keine weiteren Fragen und begaben sich zu ihrem Van, um die Ausrüstung zum Einfangen und den Transport von Schlangen zu holen. Bianchi warf einen Blick auf den Lieferschein von Mondo Animali. Neue Aufschlüsse über das angeblich entwichene Tier bot ihm dieser allerdings nicht. Ob er die beschädigte Transportkiste noch kurz inspizieren dürfe, bevor er sich an die Arbeit mache, wollte Bianchi wissen. ­Bruzzo nickte, wiewohl er sich insgeheim wünschte, dass Bianchi endlich zur Tat schreiten und ihm dieses verdammte Tier aus dem Haus schaffe möge.

Nachdem er Bianchi die Transportkiste überreicht hatte, wandte Bruzzo sich Gasperini zu: »Ich bin sofort wieder da. Ich zeige Signore Bianchi das Labor, damit er die Fährte aufnehmen kann. Schick die beiden Herren von der Tierrettung bitte hinauf. Danke!«

Genau in dem Moment, als Bruzzo zwei Etagen höher dem Schlangenexperten Bianchi die Tür zur Restaurationswerkstatt aufsperrte, läutete das Telefon in der Portiersloge, und eine Dame von Mondo Animali meldete sich.

»Wir haben Ihren Anruf von vergangener Nacht abgehört. Die zwei Kollegen von gestern sind in 45 Minuten bei Ihnen.«

Gasperini verschlug es kurz die Sprache. Dann erklärte er der Telefonistin, dass die Herren von Mondo Animali bereits seit sieben Uhr vor Ort seien und offenbar entlang der Außenmauern nach der Schlange suchten.

»Davon weiß ich nichts«, erwiderte die Dame: »Wie heißen denn die beiden Kollegen?«

»Einer der beiden heißt Di Pasquali. Den anderen habe ich noch gar nicht …«

Die Stimme am anderen Ende der Leitung unterbrach ihn.

»Di Pasquali? Di Pasquali arbeitet schon seit zwei Jahren nicht mehr bei uns. Wieso sollte der bei Ihnen sein und eine Schlange einfangen wollen?«

Gasperini erklärte der Dame von Mondo Animali, dass er sie sofort zurückrufen werde, und machte sich daran, die Fortezza da Basso durch den Vordereingang zu verlassen. Auf dem Weg nach draußen wählte er Bruzzos Mobiltelefonnummer, aber sein Chef schien beschäftigt zu sein, denn er nahm das Gespräch nicht an. Während sich Gasperini noch darüber wunderte, was seinen Chef wohl davon abhielt, ans Telefon zu gehen, musste er feststellen, dass der grüne Lieferwagen mit dem markanten Schriftzug, der noch vor einer Stunde vor der Fortezza die Basso gestanden hatte, verschwunden war. Gasperini wurde plötzlich heiß und kalt zugleich.

EIN ARGER IMAGESCHADEN

Das Da-Vinci-Gemälde ist weg! Gestohlen! Die Polizei ist bereits alarmiert! Sie müsste in zehn Minuten hier sein. Es ist eine Katastrophe«, brüllte Bruzzo ins Telefon, nachdem ihn Gasperini angerufen hatte, um ihm zu erklären, dass die Mitarbeiter von Mondo Animali verschwunden seien. Bevor Gasperini auch nur reagieren konnte, ließ Bruzzo eine Serie wüster Fäkalausdrücke auf seinen Mitarbeiter niederprasseln, atmete einmal tief durch und beendete dann das Telefonat grußlos.

Als Direttore Collocini wenige Sekunden später erfuhr, dass die »Anbetung der Könige« entwendet worden war, sagte er erst einmal gar nichts. Zu viele Gedanken auf einmal schwirrten ihm durch den Kopf, und nach Sekunden, die sich wie eine halbe Ewigkeit anfühlten, bat er Bruzzo, den Notfallplan in Kraft zu setzen: Poletti solle umgehend informiert, die Polizei herbeigerufen und die Versicherung in Kenntnis gesetzt werden. Er malte sich schon die Häme der Presse und der Konkurrenz und den Niedergang des Opificio delle Pietre Dure aus. Was für eine verdammte Scheiße, dachte sich auch Bruzzo und schickte ein Stoßgebet in Richtung Himmel, dass ihn der dreiste Diebstahl und die animalischen Umstände nicht den Job kosteten.

Eine Stunde später fand sich im großzügigen Büro von Maurizio Collocini eine illustre Runde ein: Neben dem Direktor des Opificio delle Pietre Dure, dem kaufmännischen Direktor Massimo Poletti und Chefportier Bruzzo waren Domenico Dal Fiesco, Capitano der Carabinieri, sowie Marcello Donati, Brigadiere der Carabinieri, zugegen. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde erläuterte Collocini die Ereignisse der vergangenen 20 Stunden im Zeitraffer. »Ein aus jetziger Sicht simpler Trick: Man stiftet Verwirrung und schlägt dann unerwartet zu«, zog er eine erste Bilanz.

Bevor die Polizeibeamten auch nur eine Frage stellen konnten, flehte der kaufmännische Direktor Poletti die beiden förmlich an: »Helfen Sie uns! Für das Opificio delle Pietre Dure ist der Verlust des Bildes eine Katastrophe, für die Kunstwelt sowieso. Unser Image steht auf dem Spiel. Kein Museum und kein Sammler der Welt wird uns jemals wieder ein Gemälde zur Restaurierung überlassen, wenn sie Angst haben müssen …«

Mit höflicher, aber nachdrücklich abwehrender Handbewegung schaltete sich nun Capitano Dal Fiesco, ein gertenschlanker, mittelgroßer Mann mit pechschwarzem Bürstenhaarschnitt und perfekt sitzender Uniform, ins Gespräch ein.

»Im Fall von Kunstraub ist Zeit ein ganz entscheidender Faktor. Brigadiere Donati und meine Wenigkeit werden jetzt in aller Detailliertheit die Fakten aufnehmen und dazu jeden Einzelnen von Ihnen befragen. Wir würden uns auch gern die Überwachungsvideos der – sagen wir – vergangenen 24 Stunden anschauen. Und dafür werden wir Verstärkung herbeiholen.«

Ein Blick in Richtung Donati verdeutlichte diesem, dass er sich darum zuallererst zu kümmern hatte.

»Ja, und dann sollten wir wohl die Jäger des verlorenen Schatzes hinzuziehen«, konstatierte Dal Fiesco, noch immer Donati fixierend.

Und weil Dal Fiesco bemerkte, dass ihn Bruzzo, Collocini und Poletti fragend anstarrten, erklärte er: »Eine Sondereinheit zum Schutz des kulturellen Erbes, das Comando Carabinieri Tutela Patrimonio Culturale, kurz TPC. Die Kollegen bekämpfen den illegalen Handel mit Kunst- und Kulturgütern und sind in dieser Hinsicht ziemlich ausgeschlafene Burschen. Die meisten sind ausgebildete Kunsthistoriker. Wenn ein Kunstwerk auf dem Schwarzmarkt ist, dann bekommen die ganz schnell Wind davon und …«

Mit einem deutlich hörbaren Quietschen sprang die Tür zum Büro von Direttore Collocini auf. Herein marschierte eine Dame Mitte dreißig mit langen dunklen Haaren. Sie trug einen dunkelblauen Hosenanzug und eine weiße Bluse. Ein leichter Trenchcoat hing über ihrer Armbeuge. Und noch während sie ihre Sonnenbrille im dazugehörigen Etui verstaute, ergriff sie das Wort.

»Guten Morgen, meine Herren! Chiara Frattini, ich bin Ermittlerin der Versicherungsgesellschaft Art Exhibition Insurance of Europe, kurz AEIOU. Wer von Ihnen ist Direttore Collocini?«

Collocini löste sich aus der Gruppe, begrüßte Frattini höflich und begann die Herren reihum vorzustellen. Als er bei Dal Fiesco ankam, lächelte die Frau.

»Wir hatten bereits einmal das Vergnügen. Guten Morgen, Capitano. Sie erinnern sich an den Raub des Perugino-Gemäldes?«

»Wie könnte ich den Fall je vergessen!«, antwortete Dal Fiesco.

»Wir haben uns meines Wissens damals darauf geeinigt, dass wir beide unseren Anteil daran hatten, dass das Bild wiederbeschafft wurde«, erklärte Frattini mit einem Zwinkern.

»So ist es: Ohne Sie hätten wir das Gemälde nie wieder gesehen«, bestätigte Dal Fiesco.

An dieser Stelle unterbrach Collocini die beiden und kniff die Augen zusammen. »Dann wollen wir alle hoffen, dass Sie beide auch diesmal so erfolgreich sind. Nicht auszudenken, wenn die ›Anbetung der Könige‹ verschwunden bliebe: für das Opificio delle Pietre Dure, für die Uffizien und für die Kunstwelt.«

»Und für die AEIOU! Bei allem Respekt, aber auch wir als Versicherung würden einen enormen Schaden davontragen«, gab Frattini zu bedenken.

»Natürlich, natürlich«, beschwichtigte Collocini.

»Machen wir es doch so, dass Sie sich gleich an mich dranhängen, Signora Frattini«, drängte Dal Fiesco. »Dann erfahren Sie alles aus erster Hand. Signore Bruzzo und Signore Collocini, mit Ihnen beiden machen wir den Anfang.«

Bei Brigadiere Donati, der stets in seiner Näher stand, erkundigte sich Dal Fiesco noch schnell über die Fortschritte bei den Ermittlungen: »Die Kollegen, die sich die Überwachungskameras zu Gemüte führen sollen, sind schon am Weg?«

»So ist es«, erwiderte der dunkelhaarige Jungfamilienvater.

»Und die Kulturschützer sind auch informiert?«, wollte Dal Fiesco noch wissen.

»Ja, sie sollten in spätestens 15 Minuten hier sein.«

»Gibt’s schon etwas Neues von den Kollegen von der Spurensicherung oben in der Werkstatt?«

»Capitano! Die sind doch erst seit einer Viertelstunde an Ort und Stelle«, warf Donati ein, obwohl ihm durchaus bewusst war, dass Dal Fiesco mit seinen stakkatoartig vorgetragenen Fragen vor allem zum Ausdruck bringen wollte, dass er alles im Griff habe.

»Bevor wir loslegen und möglicherweise in die falsche Richtung galoppieren: Können Sie für Ihren Nachtportier, Giovanni Fiore, die Hand ins Feuer legen?«, begann Dal Fiesco mit der Befragung. Sofort protestierte Chefportier Bruzzo entschieden: »Diese Spur können Sie gleich wieder vergessen. Fiore ist seit sieben Jahren bei uns, absolut integer und sehr verlässlich. Aber von mir aus: Wecken Sie ihn auf! Holen Sie ihn aus dem Bett!«

Der von der Situation vollkommen überforderte Poletti war nicht weniger erbost: »Capitano, aus meiner Sicht verlieren wir hier Zeit mit sinnlosen Verdächtigungen!«

»Direttore Poletti, ich muss Sie das fragen. So gut wie bei jedem zweiten Überfall auf einen Geldtransporter sind die Fahrer auf die eine oder andere Art involviert. Wir müssen einfach in alle Richtungen ermitteln«, blieb Dal Fiesco gelassen. »Und noch etwas würde mich brennend interessieren: Kommt es öfter vor, dass man Ihnen südamerikanische Würgeschlangen ins Büro liefert? Und warum sind Sie nicht gleich stutzig geworden, als Sie eine Kiste mit einer Schlange zugeschickt bekommen haben? Als kaufmännischer Direktor eines Unternehmens, das auf die Restauration von Kunstgegegenständen spezialisiert ist, haben Sie ja wohl nicht sehr oft mit lebenden Schlangen zu tun, oder liege ich da falsch?«

Der kaufmännische Direktor Poletti atmete tief durch und faltete seine Hände.

»Capitano, Sie haben recht. Es ist ungewöhnlich, dass man mir eine Kiste mit einer Schlange ins OPD liefert. Aber ansonsten werden mir laufend Pakete geschickt. Für mich war die Geschichte mit der Schlange in dem Moment abgehakt, als in der Kiste keine Schlange war. Ich war am gestrigen Tag in erster Linie mit der Delegation aus China beschäftigt. Wir stehen kurz vor dem Abschluss eines lukrativen Deals mit den Chinesen. Die wollen einerseits, dass wir ihnen bei der Restaurierung von Gemälden zur Hand gehen, und andererseits, dass wir ihnen beim Neuaufbau ihrer Restaurationswerkstätte mit Know-how zur Seite stehen. Angesichts der zu erwartenden Zusatzeinnahmen von mehreren Millionen Euro bringt mich eine Babyschlange nicht so schnell aus dem Konzept. Ich wollte mich heute damit beschäftigen, wer mir eine Kiste mit einer Schlange geschickt hat, und vor allem warum. Aber heute haben sich die Ereignisse, wie Sie wissen, überschlagen.«

»Gutes Stichwort: Signore Bruzzo und Direttore Collocini, schildern Sie uns bitte in aller Breite, was sich seit gestern Mittag zugetragen hat«, wandte sich Capitano Dal Fiesco den anderen beiden zu.

Die Versicherungsermittlerin Frattini und Brigadiere Donati befüllten derweil eifrig die Seiten ihrer Notiz­bücher, während Bruzzo und Collocini abwechselnd die Ereignisse der vergangenen 20 Stunden wiedergaben. Nur einmal deutete Dal Fiesco zwischendurch an, dass er kurz telefonieren müsse, und verließ Collocinis Büro. Nach wenigen Minuten war er wieder zurück, und sechs Kilometer Luftlinie entfernt setzte sich ein Seat Leon mit zwei Polizeibeamten in Bewegung, die nachsehen sollten, ob der Nachtportier Fiore tatsächlich in seiner Wohnung schlief.

Chiara Frattini hatte der von Collocini und Bruzzo abwechselnd vorgetragenen Schilderung der Ereignisse andächtig gelauscht und nur einmal eine Zwischenfrage gestellt: Ob man noch genauer auf das Aussehen des vermeintlichen Mitarbeiters von Mondo Animali eingehen könne, der anscheinend seelenruhig mit einem der berühmtesten Gemälde der Welt durch den Vordereingang entschwunden war. Chefportier Bruzzo hielt übers Telefon kurz Rücksprache mit seinem Kollegen Gasperini, aber auch der konnte nur eine vage Personenbeschreibung abgeben: Recht groß sei er gewesen, mit dunklen, vollen und halblangen Haaren, einem dichten Schnauzbart und einem Bäuchlein. Und eine leicht abgedunkelte Brille sowie eine Mondo-Animali-Kappe und einen grünen Overall habe er getragen. Unabhängig davon sei alles sehr schnell gegangen, ertönte Gasperinis Stimme durch das Mobiltelefon.

»Fragen Sie ihn, ob der Mann einen ungewöhnlichen Akzent hatte«, bat Frattini den Chefportier, der die Frage eilends weitergab.

»Wie gesagt, es ging alles so schnell, ich war erst ein paar Minuten hier«, ließ sich Gasperini vernehmen. »Er hat ganz normal gesprochen. Und sehr viel hat er ja nicht gesagt. Da ist mir nichts aufgefallen.«

EIN HERBER VERLUST FÜR DIE KUNSTWELT

Capitano Dal Fiesco und Brigadiere Donati von der Polizei, Chiara Frattini von der Versicherungsgesellschaft AEIOU, Chefportier Bruzzo sowie Collocini und Poletti aus der Chefetage des Opificio delle Pietre Dure machten sich gemeinsam auf den Weg in die Restaurationswerkstatt. Am Eingang wurden sie von einem der drei Mitarbeiter der Spurensicherung höflich, aber bestimmt gebeten, vor der Werkstatt zu warten, bis ihre Arbeit beendet war. Als Dal Fiesco zum Protest ansetzte, erwiderte der Beamte im Schutzanzug lapidar:

»Bis jetzt haben wir gar nichts. Wer auch immer hier am Werk war, hat extrem sauber gearbeitet. Domenico, sei so gut und gedulde dich noch fünf Minuten. Dann könnt ihr hereinkommen.«

Dal Fiesco drehte sich resignierend zu Donati um, kam aber nicht dazu, ihn zu fragen, wo denn eigentlich die Kollegen vom Comando Carabinieri Tutela Patrimonio Culturale geblieben seien, da in diesem Augenblick der Riesenschlangenexperte Alessio Bianchi mit den zwei Mitarbeitern der Florentiner Tierrettung um die Ecke bog.

»Hier geht es zu wie in einem Taubenschlag«, raunte Dal Fiesco Donati zu.

Dieser lächelte säuerlich und nickte.

»Na, schon etwas gefunden?«, fragte Bruzzo in Richtung Bianchi.

»Nein, nichts. Aber ich habe auch kaum Anhaltspunkte, und das Gebäude ist riesig. Boas sind dämmerungs- und nachtaktiv. Tagsüber ziehen sie sich in Hohlräume zurück. Wenn sich hier im Gebäude tatsächlich eine Boa befindet und sie nicht nach draußen entwichen ist, dann finden wir sie am ehesten in der Nacht, denn irgendwann muss die Schlange Nahrung aufnehmen. Und das ist dann unsere Chance.«

Deutlich leiser, mit einem Fingerzeig in Richtung Dal Fiesco und Donati, flüsterte Bianchi dem Chefportier noch augenzwinkernd zu: »Aber wer weiß, vielleicht liefert mir ja die Kavallerie den entscheidenden Hinweis.«

»Wohl kaum«, meinte darauf Bruzzo, ebenfalls mit gedämpfter Stimme. »Die Herren jagen nicht die Schlange, sondern sind hinter einem Kunstdieb her.«

Und dann klärte Bruzzi Bianchi in wenigen Sätzen auf, welches noch viel folgenschwerere Problem ihn und die Chefriege aktuell beschäftigte.

»Dann werde ich mich mal bemühen, dass ich den Herren nicht in die Quere komme und ihnen die Boa vom Leibe halte.« Bianchi strich sich über den Dreitagesbart und machte sich wieder an die Arbeit.

In der Werkstatt waren die drei Spurensicherer mittlerweile am Gehen. Man werde die wenigen Erkenntnisse in einem Bericht zusammenfassen und am Nachmittag übermitteln, erklärte der Beamte, der zuvor Capitano Dal Fiesco um Geduld gebeten hatte und sich den anderen nun als Davide Carbone vorstellte.

»Wir haben kaum verwertbare Fingerabdrücke gefunden. Und auch sonst haben wir wenig bis nichts, was Aufschluss über den Täter geben könnte. Das Bild wurde professionell aus dem Rahmen genommen, der Farbdruck professionell eingespannt. Auch auf dem Fußboden gibt es keine Spuren. Wir werden die Fingerabdrücke durch die Datenbank jagen. Dann wissen wir mehr, aber ich nehme an, dass die Fingerabdrücke jene der Mitarbeiter vor Ort sind. Alles andere würde mich wundern. Was die eingeschlagene Scheibe und die tote Maus anbelangt, weiß ich noch nicht, was ich davon halten soll: Schlägt eine Schlange eine Scheibe ein, um eine Maus zu fangen, die sie dann liegen lässt? Wohl eher nicht. Wir haben die Maus jedenfalls mitgenommen und lassen sie untersuchen.«

Davide Carbone und sein Spurensicherungsteam hatten kaum die Werkstatt verlassen, da läutete Direttore Coloccinis Mobiltelefon. Es war Gasperini von der Portiersloge, der ankündigte, dass Giuseppi Ferro, der Direktor der weltberühmten Uffizien, in wenigen Augenblicken in der Restaurationswerkstätte erscheinen werde. Und er wirke nicht sehr entspannt. Coloccini lockerte seinen Krawattenknoten und machte sich auf das Schlimmste gefasst.

Aber statt ein Donnerwetter loszulassen, machte sich Uffizien-Direktor Ferro nach einer raschen Vorstellung daran, den Anwesenden so viel wie möglich über das geraubte Gemälde zu erzählen, wohl wissend, dass sich der Fahndungserfolg bei einem Kunstraub am ehesten dann einstellt, wenn man die Ermittlungen schnell aufnimmt und seine Fühler in alle möglichen und unmöglichen Richtungen ausstreckt.

»Die ›Anbetung der Könige‹ war einer der ersten größeren Aufträge für den noch jungen Leonardo da Vinci«, eröffnete der weißhaarige Ferro seinen Monolog und zog eine schallplattengroße Farbkopie des Werkes aus seiner Sakko­tasche. »Das Gemälde, das den Altar der Kirche San Donato a Scopeto vor den Stadttoren von Florenz schmücken hätte sollen, wurde nie fertiggestellt. Die Mönche des Augustiner-Klosters betrauten den damals 27-jährigen Da Vinci, ich glaube, es war 1497, damit, ein rund zweieinhalb Meter langes und ebenso breites Bild mit dem damals geläufigen Thema zu malen. Triebfeder hinter der Beauftragung war übrigens Leonardos Vater, Ser Piero di Antoni da Vinci, der in Florenz als Notar tätig war. Leonardo nahm die ›Anbetung der Könige‹ mit großem Elan in Angriff: Eine ganze Reihe von Skizzen, die in namhaften Museen – unter anderem im Louvre – ausgestellt sind, zeugen von der intensiven Vorbereitung auf das Gemälde. Aber: Es kam nie zur Fertigstellung des Bildes. Ich will jetzt nicht auf die Details eingehen. Nur so viel: Leonardo wollte weg aus Florenz und übersiedelte nach Mailand, wo er fortan für Lodovico Sforza, den Herzog von Mailand, arbeitete. Die ›Anbetung der Könige‹ blieb in halbfertigem Zustand zurück: als monochrome Ölzeichnung, mit teilweise sehr detailliert ausgeführten, teils aber auch nur grob skizzierten Figuren sowie architektonischen Elementen im Hintergrund.«

Brigadiere Donati war der Erste, der es wagte, den Direktor der Uffizien in seinem Redeschwall zu unterbrechen: »Aber es gibt doch sicher berühmtere Gemälde von Leonardo da Vinci, oder? Warum hat es der Dieb auf genau dieses abgesehen? Warum stiehlt er nicht eines, das schon fertig ist?«

Ferro verdrehte die Augen und wandte sich vorwurfsvoll an Coloccini: »Zuallererst möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass Kunstobjekte im Opificio delle Pietre Dure anscheinend ungleich weniger gut geschützt und weniger gut bewacht sind als in unserem Haus. Es ist unvorstellbar, dass jemand aus den Uffizien mit einem Gemälde unterm Arm hinausspaziert …«

Direttore Collocini wollte dies keinesfalls auf sich beruhen lassen und warf protestierend ein: »Sie wissen genau, dass das Ganze eine Verkettung unglücklicher Umstände ist. Niemand kann ins Opificio delle Pietre Dure hineinspazieren und Kunstobjekte einfach so mitnehmen. Dagegen verwehre ich mich!«

»Die Umstände werden noch zu klären sein, und vor allem hoffe ich, dass wir die ›Anbetung der Könige‹ bald wieder in Händen halten werden. Unser Ruf steht auf dem Spiel. Wir sind schließlich unseren Sponsoren gegenüber verpflichtet. Was meinen Sie, was derartige Katastrophen für das Spendenaufkommen bedeuten?«, verschärfte Ferro seinen Ton.

Nach einem kurzen »Direttore!« aus dem Munde von Capitano Dal Fiesco kehrte Uffizien-Direktor Ferro wieder zu seinen Ausführungen über das entwendete Gemälde zurück.

»Wenden wir uns wieder dem Gemälde zu: Die Darstellung der Anbetung der Heiligen Drei Könige ist ein traditionelles Sujet der christlichen Malerei. Das Besondere an diesem Bild von Leonardo ist der Aufbau. Vor Da Vinci wurden die Könige und Hirten in horizontaler Aufreihung nebeneinander angeordnet. Leonardo hat die Figuren aber um die Madonna als Mittelpunkt herumgruppiert. Die scheinbare Willkür der Verteilung findet einen Ausgleich in der strengen Dreieckskomposition, in der die Hauptfiguren eingebettet sind.«

Mit einem hörbaren Räuspern versuchte Capitano Dal Fiesco dem Direktor der Uffizien klarzumachen, dass zum gegebenen Zeitpunkt vor allem Fakten, die für die Ermittlungen relevant seien, im Vordergrund stünden. Ferro, der es nicht gewohnt war, sich an den Bedürfnissen anderer zu orientieren, warf Dal Fiesco dafür einen missbilligenden Blick zu.

»Dass die ›Anbetung der Könige‹ unvollendet ist, tut ihrer Bedeutung für die Renaissancekunst und darüber hinaus also keinen Abbruch. Das Bild ist typisch für die frühe Schaffensperiode Da Vincis. Und was hinzukommt: Eine Figur in dem Gemälde, ein junger Hirte, der rechts aus dem Bild blickt, ist das einzige bekannte jugendliche Selbstbildnis von Leonardo da Vinci. Wenn die ›Anbetung der Könige‹ nicht wieder auftaucht, wäre das ein unschätzbarer Verlust für die Uffizien, für Florenz, für Italien, für die abendländische Kultur und die gesamte Kunstwelt.«

Die Versicherungsermittlerin Chiara Frattini war die Erste, die sich nach Ferros Vortrag zu Wort meldete: »Sie haben recht. Der Verlust für die Kunstwelt ist unschätzbar. Sollte das Bild nicht mehr auftauchen, wäre das eine Katastrophe. Nicht nur für die Uffizien, für das OPD, für Florenz und für Italien, sondern auch für die AEIOU. Denn obwohl wir rückversichert sind, bringt uns dieser Diebstahl in eine brenzlige Lage. Noch befinden sich der oder die Täter in einem Umkreis von höchstens 300 Kilometer. Das Window of Opportunity, die ›Anbetung der Könige‹ zurückzubekommen, ist also noch sperrangelweit offen. Aber mit jeder Stunde schließt sich dieses Zeitfenster um ein paar Zentimeter. Da stellt sich mir vor allem eine Frage: Wo sind eigentlich die Kollegen vom Comando Carabiniere Tutela Patrimonio Culturale?«

»Die müssten jeden Augenblick da sein«, versicherte Brigadiere Donati. »Ich habe drei Minuten zuvor eine Textnachricht erhalten. Ein Capitano des Tutela Patrimonio Culturale befindet sich bereits in unmittelbarer Nähe des Opificio delle Pietre Dure.«

»Gut möglich, dass demnächst eine Lösegeldforderung der Täter eingeht. In diesem Fall wissen die Kollegen vom TPC am ehesten, wie man vorzugehen hat«, erklärte Dal Fiesco. »Es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass ein gestohlenes Bild durch die Bezahlung eines angemessenen Lösegeldes wiederbeschafft worden ist.«

»Wie recht Sie haben, Capitano Dal Fiesco. Genau dafür sind wir da.«

Alle Augen richteten sich auf den schlanken Mitvierziger in Uniform, der eben in der Tür aufgetaucht war. »Ich darf mich vorstellen: Luca Lezzerini, Capitano des Comando Carabinieri Tutela Patrimonio Culturale, kurz TPC.«

Er schüttelte reihum die Hände. Mit Dal Fiesco und Donati war er ebenso bekannt wie mit Uffizien-Direktor Ferro. Während der Capitano des TPC in Stichworten auf den allgemeinen Stand gebracht wurde, winkte Dal Fiesco Brigadiere Donati zu sich.

»Habt ihr schon mit dem Nachtportier, diesem Giovanni Fiore, gesprochen?«

»Ja, die Kollegen meinen, sie hätten ihn aus dem Tiefschlaf geholt. Es weist nichts darauf hin, dass er mit dem Diebstahl etwas zu tun hat. Kann natürlich sein, dass er der Komplize des Täters ist, aber Sie haben ja gehört: Fiore ist unbescholten und arbeitet schon lange hier«, erwiderte der Brigadiere.

»Hm«, quittierte Dal Fiesco die Ausführungen Donatis. »Und was haben die Videos der Sicherheitskameras ergeben?«, bohrte er gleich weiter.

»Noch nicht viel. De Luca und Calabrese arbeiten sich in einem Aufenthaltsraum für das Personal hinter der Portiersloge durch das Videomaterial. Sie haben mit den Kameras vor und in der Restaurationswerkstatt sowie mit den Kameras im Eingangsbereich innen und außen begonnen. Anscheinend wusste der Täter ganz genau, wo die Kameras postiert sind. Man sieht bloß Schatten vorbeihuschen. Nicht mehr. Nur in dem Moment, als der Mann mit dem Mondo-Animali-Outfit und der vermeintlichen Schlangenfalle vor der Portiersloge auftaucht, ist er etwas länger im Bild. Aber er hat seine Kappe so tief ins Gesicht gezogen, dass man nicht wirklich viel erkennen kann«, schloss Donati. »Der wusste, was er tut …«

Donatis Mobiltelefon vibrierte. Der Brigadiere nahm das Telefongespräch entgegen.

»Guten Morgen, Carabinere Pinardi, was habt ihr?«

Ein Lieferwagen von Mondo Animali sei um 7.55 Uhr mit einer der Verkehrskameras in Höhe der Autobahnabfahrt Firenze Nord in Richtung Bologna erfasst worden, erfuhr Donati.

»Ein erster Anhaltspunkt«, schöpfte Capitano Dal Fiesco Hoffnung und strich sich über den Kopf. »Schreib den Lieferwagen bitte im Umkreis von 300 Kilometer zur Fahndung aus. Und frag bei Mondo Animali nach, ob ihnen ein Lieferwagen abgeht. Unabhängig davon sollen die Kollegen von der Autobahnpolizei jeden Mondo-Animali-Lieferwagen inspizieren, der ihnen unter die Augen kommt. Ich gehe zwar davon aus, dass der Täter längst das Fahrzeug gewechselt hat, aber vielleicht finden wir in dem Wagen Hinweise.«

SPRITZTOUR RICHTUNG MITTELMEER

Marcello, haben die Kollegen von der Spurensicherung ihren Bericht schon geschickt«, erkundigte sich Capitano Dal Fiesco bei Brigadiere Donati, während der gesamte Tross von Collocinis Büro wieder in Richtung Restaurationswerkstätte marschierte.

»Nein, noch nicht«, erklärte Donati. Wie sollten sie denn auch – Carbone und sein Team hatten den Ort des Geschehens doch erst vor 30 Minuten verlassen. Ungeduld bringt uns jetzt auch nicht weiter, dachte Donati bei sich, unterließ es aber, seinen sichtlich angespannten Chef mit dieser Lebensweisheit zu konfrontieren. Just in dem Moment läutete sein Mobiltelefon erneut. Die Kollegen von der Autobahnpolizei wollten wissen, was sie denn in dem Lieferwagen von Mondo Animali, der auf der Autobahn auf der Höhe von Pistoia wenige Autolängen vor ihnen in Richtung Lucca unterwegs sei, erwarte.

Brigadiere Donati beschränkte sich in der Schilderung der Umstände auf das Notwendigste: »Kurz gesagt geht es um einen Kunstraub. Wir vermuten in dem Lieferwagen ein wertvolles Renaissancegemälde, das bei einem etwaigen Einsatz keinesfalls Schaden nehmen darf. Versuchen Sie, den Wagen anzuhalten, ohne dass es zu einem wie auch immer gearteten Unfall kommt. Zwei Kollegen vom Comando Carabinieri Tutela Patrimonio Culturale machen sich in dieser Minute auf den Weg. Und halten Sie uns bitte auf dem Laufenden.«

Luca Lezzerini von der Carabinieri-Dienststelle zum Schutz des italienischen Kulturerbes verließ das Opificio delle Pietre Dure im Laufschritt und deutete dem noch immer telefonierenden Donati per Fingerzeig, dass man per Mobiltelefon in Kontakt bleiben solle. Fünfundzwanzig Minuten – so schätzte Lezzerini – werde er trotz Blaulicht und Sirene bis Pistoia im Nordwesten von Florenz schon benötigen. Wäre doch zu schön, wenn man das Gemälde sofort seinem Besitzer zurückbringen könnte. So ganz wollte Lezzerini aber nicht daran glauben: Zu professionell waren der oder die Täter bisher vorgegangen. Sie würden doch nicht so einfallslos sein und stundenlang mit dem Fluchtauto durch die Gegend fahren? Vielleicht war das zweite Fluchtauto nicht am verabredeten Ort gewesen. Vielleicht hatte es mit dem zweiten Wagen eine Autopanne gegeben. Auch Kriminelle waren schließlich nicht davor gefeit, dass eine Zündkerze den Geist aufgab oder die Batterie ihr Leben aushauchte. Beim Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio am Eingang zum Opificio delle Pietre Dure angekommen, schwang sich Lezzerini auf den Beifahrersitz. Neben ihm hatte wenige Sekunden davor Brigadiere Vincenzo Corridori Platz genommen, das Blaulicht am Dach des 150 PS starken Boliden platziert und die Sirene eingeschaltet. Der Alfa brauste los, und da Corridori ein guter und sicherer Fahrer war, rasten die beiden schon nach wenigen Minuten auf der A11 dahin. Noch hatten die Kollegen von der Autobahnpolizei keinen Zugriff vermeldet, schließlich galt es nicht nur, den Lieferwagen und dessen Inhalt zu schützen, sondern auch Unfälle auf der Autobahn zu vermeiden.

»Eine Zivilstreife hat sich unmittelbar vor dem Lieferwagen eingereiht. Der Fahrer des Vans, der übrigens keine Mondo-Animali-Uniform trägt, schöpft diesbezüglich also sicher keinen Verdacht«, erklärte Vice Brigadiere Bertini via Funk: »Und wir sind ungefähr fünf Autos hinter dem Fahrzeug und warten auf einen günstigen Zeitpunkt. Mag sein, dass uns der Fahrer gesehen hat, muss aber nicht sein. Nach der Ausfahrt nach Pistoia werden wir aller Voraussicht nach zuschlagen, also in rund drei bis fünf Minuten.«

»Sehr gut«, lobte Lezzerini: »Wenn Sie das Fahrzeug gestoppt haben und der Fahrer in Gewahrsam ist, stellen Sie sicher, dass niemand im Laderaum ist. Aber betreten Sie den Van unter keinen Umständen und fassen Sie um Gottes willen nichts an. Es handelt sich um ein Kunstwerk von sehr hohem Wert. Und halten Sie uns bitte über alle Entwicklungen auf dem Laufenden.«

Das Comando Carabinieri Tutela Patrimonio Culturale, eine Sektion im italienischen Kulturministerium zum Schutz des nationalen Kulturerbes, hatte sich seit seiner Gründung im Jahr 1969 nicht nur national, sondern auch international einen Namen gemacht, etwa bei der Ausbildung von Polizei- und Zollbeamten in Ländern, die eine ähnliche Institution aufbauen wollten. Erst kürzlich hatte Lezzerini einen Vortrag über die Arbeit des TPC vor albanischen Kollegen gehalten. Vordringlichste Aufgabe des TPC war es, illegal exportierte oder in ausländischen privaten Sammlungen und Museen befindliche italienische Kulturgüter nach Italien zurückzuführen sowie die illegale Ausfuhr von italienischen Kulturgütern aus Italien zu verhindern.

Eineinhalb Kilometer nach der Autobahnausfahrt nach Pistoia erfolgte schließlich der Zugriff der Autobahnpolizei: Die Zivilstreife drosselte auf der vierspurigen Autobahn unmittelbar vor dem Mondo-Animali-Van die Geschwindigkeit. Das Einsatzfahrzeug der Autobahnpolizei hatte sich rechts neben dem Van eingereiht, um dem Lieferwagen den Weg zu versperren. Blaulicht und Sirene waren mittlerweile eingeschaltet. Die drei Fahrzeuge wurden immer langsamer und kamen schließlich komplett zum Stillstand. Plötzlich öffnete sich die Fahrertür, ein Mann im Jogginganzug sprang aus dem Wagen. Fast zeitgleich wurde die Beifahrertür aufgerissen, und ein bärtiger Mann in Shorts und T-Shirt setzte zur Flucht an. Der Mann im Jogginganzug rannte in Fahrtrichtung davon und wurde wenige Meter nach seinem Ausstieg von einem Beamten der Zivilstreife zu Boden gerissen. Der Bärtige lief gegen die Fahrtrichtung und kletterte flink über die Mittelleitschienen. Lautes Hupen und quietschende Reifen begleiteten den Flüchtenden, während er sich Fahrspur um Fahrspur auf die andere Seite der Autobahn vorkämpfte. Vice Brigadiere Giuliano Bertini von der Autobahnpolizei hatte die Verfolgung aufgenommen, musste aber aufpassen, nicht überfahren zu werden, während er den Flüchtenden im Auge behielt. In der nächsten Sekunde stieg auf dem Pannenstreifen der A11 Richtung Florenz ein beherzter Autofahrer aus einem Toyota Van aus und stellte sich dem Flüchtenden entgegen. Er vermochte ihn zwar nicht zu stoppen, aber doch so weit abzulenken, dass Bertini sich auf den Mann stürzen konnte.

Wenige Minuten später saßen die beiden Verdächtigen bereits in Handschellen im Polizeiauto, und vier Polizeibeamte – zwei in Zivil, zwei in Uniform – postierten sich mit gezückten Dienstwaffen vor der Tür zum Lieferraum des Vans. Vorsichtig öffnete einer der Polizisten die Tür. Der Van war, abgesehen von ein paar Befestigungsgurten und zwei Wolldecken, leer. Nach einer kurzen Schrecksekunde funkte Bertini die Kollegen vom TPC an.

»Die gute Nachricht ist, dass wir den Van gestoppt und die zwei Insassen verhaftet haben. Die schlechte Nachricht ist, dass sich in dem Van kein Gemälde befindet. Bis sie hier sind, knöpfen wir uns mal die zwei Burschen aus dem Van vor. Wir haben den Van übrigens nur geöffnet und hineingeschaut, aber sonst nichts angefasst. Das überlassen wir den Kunstprofis.«

Lezzerini atmete tief durch.

»Trotzdem, gute Arbeit. Ich glaube, wir sehen schon den Rückstau, den ihr verursacht. Wir fahren am Pannenstreifen zu euch vor.«

Beim Fahrer und beim Beifahrer des Mondo-Animali-Vans handelte es sich, wie sich schnell herausstellte, um zwei Autostopper, die auf Höhe der Autobahnraststation Firenze Nord einen Mondo-Animali-Mitarbeiter dabei beobachtet hatten, wie er den Lieferwagen abgestellt, ein großes Paket entnommen, dieses in einen weißen Van umgeladen und den Autoschlüssel schließlich in einen Mülleimer versenkt hatte. Mit dem Gemäldediebstahl hatten sie, wie es aussah, nichts zu tun. Sie hatten wohl bloß die Gunst der Stunde genutzt, die Schlüssel aus dem Mülleimer geholt, und wollten eine Spritztour in Richtung Mittelmeer unternehmen. Wie der weiße und fensterlose Van, mit dem der Mondo-Animali-Mann weitergefahren war, genau ausgesehen hatte, konnten die beiden nicht sagen. Weder die Marke noch das Modell und schon gar nicht das Kennzeichen hatten sie sich gemerkt.

»Und was konnten die zwei über den Mann sagen?«, wollte Lezzerini wissen.

»Nichts, was wir nicht auch schon wissen: Recht groß, Mondo-Animali-Kluft, Schnauzbart, Wuschelkopf«, antwortete Bertini.

»Große Hilfe sind uns die zwei also nicht. Außerdem haben sie eventuelle Spuren in der Fahrerkabine verwischt«, knurrte Lezzerini. »Wir lassen jetzt mal den Mondo-Animali-Van abschleppen und von der Spurensicherung untersuchen. Die zwei Typen gehören Ihnen. Wenn wir sie noch einmal vernehmen müssen, wende ich mich an Sie. Halten Sie die beiden also ein paar Tage fest. Jetzt sollten wir hier aber keine Zeit mehr verschwenden. Schließlich hat der Kunsträuber ohnehin schon einen Vorsprung von mehreren Stunden.«

ANGST VOR ALLEINGÄNGEN

Nachdem ihm von Brigadiere Donati mitgeteilt worden war, dass die Autobahnpolizei den Lieferwagen von Mondo Animali leer vorgefunden hatte, widmete sich OPD-Direktor Maurizio Collocini erstmals dem Gedanken an eine Presseerklärung. Collocini war bewusst, dass nun eine Heerschar an Wichtigtuern auf kommunaler, regionaler und staatlicher Ebene auf den Plan treten würde. Ihm graute vor den politischen Würdenträgern, die sich in einem Fall wie dem vorliegenden in den Vordergrund spielen und ihre mehr als entbehrlichen Meinungen von sich geben würden. Besonders ekelte ihn vor den Assistenten und Aktenträgern, die fast noch unsympathischer waren als die eigentlichen Politiker. Er hasste diese Nichtsnutze, die das Unglück anderer weidlich ausnutzten, um ihre Profilierungssucht zu befriedigen. Gemeinsam mit dem kaufmännischen Leiter Massimo Poletti und seinem Sekretär Cesare Rizzoli tüftelte Collocini nun seit 30 Minuten an einer geeigneten Kommunikationsstrategie.

»Wir müssen Capitano Dal Fiesco und Capitano Lezzerini davon überzeugen, dass von den Begleitumständen des Diebstahls so wenig wie möglich an die Öffentlichkeit dringt. Man hört und liest doch immer von ›ermittlungstaktischen Gründen‹, deretwegen man auf keine Details eingehen könne«, schlug Poletti vor. »Und vor allem müssen wir die anderen Beteiligten darauf einschwören: die gesamte Belegschaft, den Schlangenexperten Bianchi, Uffizien-Direktor Ferro, die Leute von Mondo Animali sowie die Dame von der AEIOU. Es geht jetzt um Schadensbegrenzung auf der ganzen Linie.«

Cesare Rizzoli, der zuvor im Büro von Collocini die Visitenkarten aller handelnden Personen eingesammelt hatte, schrieb dienstbeflissen mit und gelobte seinem Vorgesetzten, die notwendigen Schritte zu tun.

»Als Ersten holen Sie mir bitte Capitano Dal Fiesco ans Telefon«, gab Collocini seinem Assistenten mit auf den Weg.

Eine Viertelstunde später fand sich das Direktorenduo Collocini und Poletti wieder in der hell erleuchteten Restaurationswerkstätte des Opificio delle Pietre Dure ein. Capitano Dal Fiesco hatte Collocini im Telefongespräch versichert, dass es auch im Interesse der Polizei war, »den Ball so flach wie möglich zu halten«, wie er sich ausgedrückt hatte.

»Weder dem OPD noch den Uffizien und schon gar nicht den ermittelnden Behörden ist gedient, wenn die Institutionen der Lächerlichkeit preisgegeben werden«, hatte Direttore Collocini gegenüber dem Capitano betont. »Genauso wünsche ich mir von Ihnen, dass es zu keinerlei Alleingängen kommt. Und wollen wir gemeinsam hoffen, dass auch Signora Frattini nicht die Pferde durchgehen. Ich kenne sie nicht, aber bei einem Diebstahl dieser Größenordnung kann es schon mal sein, dass der eine oder andere in den ­Medien ganz groß rauskommen will, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Capitano Dal Fiesco verstand zwar, was Collocini meinte, teilte dessen Meinung allerdings nicht. »Ich glaube, im Fall von Signora Frattini können Sie einigermaßen unbesorgt sein. Aber ich gebe Ihnen recht: Man kann nie vorsichtig genug sein. Ich werde sie beobachten.«

»Cesare, wo sind eigentlich Signora Frattini und Signore Bianchi abgeblieben? Sind die beiden noch im Haus?«, wollte Direttore Collocini gleich darauf von seinem Sekretär Rizzoli wissen.

»Signora Frattini ist meines Wissens unten bei den Portieren und schaut sich die Videoaufnahmen der Sicherheitskameras an. Und Signore Bianchi hat das Haus vor rund einer Stunde verlassen. Die Transportkiste von Mondo Animali hat er mitgenommen. Er wollte sie hier in Florenz in einem Labor untersuchen lassen. Und die beiden jungen Herren aus dem Tierheim sind auch schon weg. Sie stimmen sich aber mit Bianchi ab, und eventuell kommen sie heute um 18 Uhr wieder, um gemeinsam mit ihm Ausschau nach der Schlange zu halten. Natürlich ist es in hohem Maße wahrscheinlich, dass es nie eine Schlange gegeben hat – aber ganz ausschließen kann man es nicht, hat auch Bianchi gemeint. Von der Analyse der Transportkiste erwartet er sich weitere Anhaltspunkte.«

»Ok, danke, Cesare«, sagte Collocini, fixierte Poletti und raunte ihm zu: »Und wir zwei müssen jetzt bei Uffizien-­Direktor Ferro zu Kreuze kriechen. Sonst bekommen wir von ihm nie wieder einen Auftrag. Sei so gut und schlage ihm vor, dass er sich morgen Mittag um 13 Uhr in der Cantinetta Antinori mit mir treffen möge.«

Zwei Etagen tiefer blätterte Chiara Frattini in der Besucherliste des Vortages und ließ sich von Chefportier Bruzzo erläutern, aus welchen Beweggründen jeder Einzelne in der Liste das Opificio delle Pietre Dure besucht hatte. Frattini lauschte aufmerksam und machte sich zu diesem oder jenem Besucher Notizen. Auf den ersten Blick erschien ihr – und da ging sie mit Bruzzo konform – nichts und niemand auffällig. Sämtliche eingetragene Besucher waren aus der Liste auch wieder ausgetragen worden.

»Gestern war eigentlich ein ganz normaler Tag, wenn man von der Lieferung der Boa constrictor absieht«, zuckte der korpulente Chefportier mit den Schultern. »Ins OPD wird ja alles Mögliche geliefert: Gemälde, Vasen, Möbel, Lampen, Skulpturen, Material für Restauratoren, Bücher, Unterlagen und natürlich auch mal eine Pizza oder Sushi. Aber schauen Sie sich ruhig auch die Besucherlisten vergangener Tage an! Die sehen ganz genau so aus. Ich kann da keine Abweichungen erkennen.«

Frattini dankte Bruzzo, erbat vom Chefportier lediglich eine Kopie der Besucherliste vom Vortag und gesellte sich zu den Carabinieri Gianni De Luca und Enrico Calabrese, die sich seit fast zwei Stunden mit den Überwachungsvideos beschäftigten: Aufzeichnungen vom Eingangsbereich innen und außen sowie Aufzeichnungen von der Etage, auf der sich die Restaurationswerkstätten befanden. Nach einem groben Scan der Videos im Schnelldurchlauf achteten De Luca und Calabrese nun in der Feinanalyse auf jedes Detail und drückten nur an jenen Stellen auf »Fast Forward«, wo offensichtlich gar nichts geschah. Das Hauptaugenmerk der beiden Carabinieri lag – und das war der erklärte Auftrag ihrer Vorgesetzten Dal Fiesco und Donati – auf den Abend- und Nachtstunden. »Findet heraus, ob jemand das Gebäude zwischen 18.00 und 22.40 Uhr über den Haupteingang betreten hat. Denn um 22.40 Uhr ging der erste Alarm beim Nachtportier ein«, lautete ihre Mission.

»Na, wie geht’s euch? Schon etwas gefunden?«, wollte Frattini von den beiden Jungpolizisten wissen, die ihre Uniformjacken und ihre Kappen abgelegt hatten.

»So richtig aufschlussreich war das jetzt noch nicht«, meinte Calabrese. »Aber ein paar Dinge sind doch interessant. Erstens: In der Transportkiste von Mondo Animali war sehr wohl etwas Lebendiges, und die Wahrscheinlichkeit, dass es eine kleine Schlange oder zumindest ein Tier mit einem langen, dünnen Schwanz war, ist sehr groß. In einer Einstellung ist ganz klar zu sehen, dass sich etwas aus der Kiste in Richtung Treppenhaus bewegt. Wenn ich es richtig verstanden habe, kommt der Schlangenexperte aus Rom heute Abend ohnehin noch einmal hierher. Zumindest kennen wir die Richtung, aus der der Gemäldedieb mitten in der Nacht in die Werkstatt gekommen ist. Es ist zwar nur ein undeutlicher Schatten, den man bei genauem Hinsehen erkennen kann, aber wenn man sich dort oben umsieht und dann noch einmal den Nachtportier interviewt, dann sollte man eruieren können, wo sich der Dieb versteckt hat. Und wenn man erst einmal sein Versteck gefunden hat, dann stößt man im Idealfall auch auf Spuren«, ereiferte sich Calabrese.

Dass er und De Luca vergleichsweise offen mit Chiara Frattini plauderten, hatte seinen Grund: Capitano Dal Fiesco hatte die beiden dahingehend gebrieft, dass man mit der Versicherungsdetektivin eng zusammenarbeiten solle, da sie sich erstaunlich gut in Kunstdiebe hineinversetzen könne.

»Wenn wir mit ihr kooperieren, wird sie auch mit uns kooperieren, und vor allem wissen wir dann immer, wo sie gerade ist und welche Spur sie gerade verfolgt«, hatte Dal Fiesco mit einem Augenzwinkern angemerkt.

EIN PERFEKTER ARBEITSPLATZ

Seit rund zehn Minuten starrten die beiden nun auf das 246 x 243 Zentimeter große Bild. Weder der Mann, der sich Francesco nannte, noch Gabriele Schillaci machten Anstalten, die feierliche Stille an diesem April-Abend zu stören. Bevor die beiden das Bild vorsichtig aus der Transportkiste genommen und auf die vorbereitete Staffelei gestellt hatten, hatte Francesco einen Chianti Classico Riserva aus Lamole geöffnet, zwei Gläser eingeschenkt, und die beiden hatten sich zugeprostet. Die unterschiedlichsten Gedanken schossen Schillaci durch den Kopf. Vor allem aber stellte er sich die Frage, was wohl seine Aufgabe in Zusammenhang mit dem weltbekannten Gemälde sein werde.

»So könnte die ›Anbetung der Könige‹ tatsächlich einmal ausgesehen haben«, meinte Schillaci schließlich. »Wer immer diese Kopie angefertigt hat, versteht etwas von seinem Handwerk, vor allem, weil er die längst fällige Restaurierung des Gemäldes vorweggenommen hat.«

»In der Tat«, erwiderte Francesco, dessen Blick sich noch immer nicht von Leondardo da Vincis Meisterwerk gelöst hatte. Er strahlte über das ganze Gesicht. Jeden Quadrat­millimeter des Gemäldes schien er mit seinen glänzenden Augen abzutasten.

Seit zwei Stunden war Schillaci nun bereits vor Ort, wobei der schlacksige Kunststudent keine Ahnung hatte, wohin ihn Franceso denn nun eigentlich gebracht hatte. Ein paar Tage zuvor hatte dieser ihn mit unterdrückter Telefonnummer angerufen und erklärt, dass er ihn am 5. April pünktlich um neun Uhr Vormittag am Flughafen in Bologna abholen werde, dass er sich auf einen Aufenthalt von zumindest drei Monaten einstellen und sein Umfeld entsprechend von einem Forschungsaufenthalt in Südamerika informieren solle.

Als Schillaci dann zum vereinbarten Zeitpunkt mit seinem Koffer vor dem Ankunftsbereich des Flughafens von Bologna wartete, fuhr ein fensterloser weißer Lieferwagen vor. Francesco saß am Steuer des Vans, wies ihn an, vorne einzusteigen und sich anzuschnallen, und reichte ihm, nachdem sie losgefahren waren, eine Flasche Wasser zur Erfrischung. Wenige Minuten später hatte ihn die Müdigkeit übermannt. Das Nächste, woran er sich erinnern konnte, war Francesco, der vor der geöffneten Beifahrertür stand, ihn anstupste und sagte: »Signore, wachen Sie auf! Wir sind da.«

Instinktiv blickte Schillaci auf seine Armbanduhr und sah, dass fast zwei Stunden vergangen waren, seit er in Bologna in den Van gestiegen war. Er griff in seine Jackentasche nach dem Smartphone. Es war nicht mehr an seinem Platz.

»Keine Sorge, ich habe es Ihnen vorsorglich abgenommen. Sie bekommen es wieder«, beschwichtigte Francesco, der Schillaci beobachtet hatte, und half ihm gleich darauf mit dem Gepäck. Schillaci war zu müde, um zu protestieren. Seine Augen gewöhnten sich nur langsam an das Tageslicht. Und schließlich hatte er noch ein zweites Mobiltelefon im Koffer.

Der Van parkte vor einem inmitten einer Gartenlandschaft gelegenen Haus, das – so erklärte ihm Francesco – in den nächsten Wochen seine Heim- und Arbeitsstätte sein würde. Schillacis Schlafzimmer lag im ersten Stock, gleich daneben befand sich das Badezimmer, und wenn er es richtig verstanden hatte, durfte er es sich auch in den unteren Räumen bequem machen, schließlich würde er das Haus für die Zeit seines Aufenthalts ganz alleine bewohnen.

»Richten Sie sich ein, verstauen Sie Ihre Sachen. In einer halben Stunde essen wir zu Mittag.« Und schon hatte Francesco die Fahrertür des Lieferwagens – eines Fiat Talento mit Hochdach – geschlossen, sich ans Steuer gesetzt und war davongebraust. Von dem Mittel, das man ihm offensichtlich verabreicht hatte, noch leicht benommen, blickte Schillaci dem weißen Van hinterher. Rund 20 Meter vom Haus entfernt, fuhr das Auto in eine Kurve und war wenige Sekunden später zwischen einigen Zypressen verschwunden. Exakt 30 Minuten danach stand hinter dem Haus auf einem hölzernen Gartentisch das Mittagessen bereit. Wie es dorthin gekommen war, wusste Schillaci nicht. Es war einfach da. Und es war gut.

Als Francesco wieder zurück war, aßen sie Panzanella und tranken Wasser und Weißwein – einen Capsula Viola von Antinori. Schillaci begann sich wohlzufühlen. Es war angenehm warm, und er hatte ein rundum gutes Gefühl. Allerdings fragte er sich langsam, welcher Auftrag nun eigentlich auf ihn wartete.

»Gemach, gemach, Signore Schillaci. Jetzt trinken wir noch einen Cappuccino, und dann zeige ich Ihnen Ihren Arbeitsplatz. Ich hoffe, dass er Ihnen gefallen wird. Und noch was: Bitte, bitte, verzeihen Sie meine kleinen Sicherheitsmaßnahmen. Sie werden sehen, dass sie zu Beginn einfach notwendig sind.«

Gabriele Schillaci war mit der Ausstattung des anscheinend eigens für ihn eingerichteten Ateliers mehr als zufrieden. Er hatte zwar seine eigenen Malereiutensilien mitgebracht, die würde er aber wohl gar nicht brauchen. Das im Keller seiner Unterkunft gelegene, über eine steinerne Treppe erreichbare Atelier ließ keine Wünsche offen: Mehrere mächtige Staffeleien waren aufgebaut, unzählige Farbtuben lagen bereit, Pinsel und Skalpelle in allen Größen harrten ihrer Verwendung. Francesco hatte an alles gedacht. An einer Wand stand ein Bücherschrank mit rund 40 Bänden einschlägiger Fachliteratur. Das Ganze erinnerte Schillaci an einen Malereibedarfsladen. Und wenn der Keller je modrig gewesen war, dann war ihm jetzt jegliche Muffigkeit ausgetrieben worden: Eine Klimaanlage sorgte für eine angenehme Temperatur, Abzugsrohre beförderten die verbrauchte Luft nach draußen, das Licht ließ sich stufenlos verstellen, und in der Ecke stand sogar eine Infrarotlampe für die Analyse verschiedener Farbschichten bereit. Hier würde es sich vorzüglich arbeiten lassen, überlegte Schillaci, die professionelle Ausstattung und die Aussicht auf das fürstliche Salär würden ihn über die paar Wochen in Einsamkeit und Abgeschiedenheit hinwegtrösten. Mit Francesco, den er für einen kunstsinnigen Experten und einen geradlinigen Zeitgenossen hielt, würde er gut auskommen, und dass dieser ihn eindringlich gebeten hatte, sich nur im Umkreis des Nebenhauses der Villa zu bewegen, bereitete ihm kein Kopfzerbrechen. Warum auch. Rund um das ihm zugewiesene Häuschen ließ es sich sicher gut leben, auch wenn es hier weder Fernseher noch Computer gab. Irgendwie kommt mir das alles wie ein bezahlter Urlaub am Land vor, schmunzelte Schillaci bei sich und schüttelte den Kopf. Francesco würde sich auf ihn verlassen können. Wieder und wieder vergegenwärtigte er sich dessen Worte:

»Signore Schillaci, malen Sie mir ein möglichst perfektes Abbild dieser Kopie der ›Anbetung der Könige‹! Ich will zwischen den beiden Bildern keinen wie auch immer gearteten Unterschied erkennen können! Überraschen Sie mich! Und lassen Sie sich ruhig Zeit.«

EINE KULTURELLE ­KATASTROPHE ERSTEN GRADES

Auftritten römischer Politiker blickt man in der toskanischen Hauptstadt ungefähr so freudig entgegen wie dem Antreten von Juventus Turin im Stadio Artemio Franchi, der Heimstätte des AC Florenz. Als um 14.10 Uhr der italienische Kulturminister Guido Mancini mit seiner Entourage am Aeroporto Amerigo Vespucci landete, waren die Vorbereitungsarbeiten für die eilig einberufene Pressekonferenz im Museum des Opificio delle Pietre Dure im Zentrum von Florenz, rund zehn Autominuten vom OPD in der Fortezza da Basso entfernt, voll im Gange. Acht Kamera­teams waren bereits vor Ort. In dem repräsentativen Saal mit wunderschönen Intarsien hatten sich rund 35 Journalisten eingefunden. Am Rednerpult waren Dutzende Mikrofone platziert. Grüppchenweise standen die Journalisten beisammen und tuschelten über den möglichen Grund für die Pressekonferenz.

Dass es sich um eine Krise nationalen Ausmaßes handelte, war den Journalisten im Rahmen der Einladung erklärt worden, ebenso wie dass Kulturminister Mancini höchstpersönlich aus Rom anreisen werde. Beide Umstände sorgten für unterschiedlichste Spekulationen von Seiten der Medienvertreter: Die einen rechneten mit einem erneuten Wasserschaden und dem Verlust wertvoller Exponate im Keller des OPD-Museums, die anderen mutmaßten, dass man im Zuge der Restauration eines bekannten Gemäldes auf einen argen Kunstbetrug aufmerksam geworden war. Als unter lautem Quietschen eine Doppeltüre aufsprang, klemmten sich die Kameramänner hinter ihre Kameras, die Journalisten zückten ihre Schreibblöcke, die Tontechniker setzten ihre Kopfhörer auf. Es erschien, und nur als Erscheinung lässt sich der Auftritt des Ministers umschreiben, Guido ­Mancini, klein, dicklich und umweht von der Aura eines Intellektuellen. Flankiert wurde er von dem die ausgedruckte Rede in Händen haltenden Ministersekretär Michele Marchetti sowie OPD-Direktor Maurizio Collocini. Danach folgten, Sekundanten gleich, die ermittelnden Beamten Domenico Dal Fiesco von den Carabinieri und Luca Lezzerini vom Comando Carabinieri Tutela Patrimonio Culturale sowie, als oberster Repräsentant des Innenministeriums in Florenz, Colonello Andrea De Gennaro. Uffizien-Direktor Giuseppe Ferro betrat den Raum mit etwas Abstand, gesellte sich aber nicht zu den anderen, die sich rund um Minister Mancini gruppiert hatten, sondern stellte sich etwas abseits zu den Journalisten. Beachtet wurde Ferro dabei kaum. Alle Augen waren auf die fünf Herren gerichtet, die sich hinter den Mikrofonen aufgereiht hatten. Einzig Ministersekretär Marchetti stand etwas abseits und betätigte sich als Zeremonienmeister. Abrupt begrüßte er die Pressevertreter, dankte allen für ihr Erscheinen zur kurzfristig angesetzten Pressekonferenz und stellte, ohne auf Sinn und Zweck der Pressekonferenz einzugehen, der Form halber Kulturminister Mancini vor. Danach übergab er ohne weitere Erklärungen an seinen Chef, der mit ernster Miene und großem Gestus von einer »kulturellen Katastrophe ersten Grades« sprach und davon, dass »jetzt ganz Italien zusammenhalten« und man »alles unternehmen müsse, um ein beispielloses Verbrechen aufzuklären«. Als der Spannungsbogen dermaßen gestrafft war, dass selbst der abgebrühteste Journalist endlich wissen wollte, was denn nun überhaupt passiert sei, rückte der für seine melodramatischen Auftritte bekannte Minister mit der nackten Wahrheit heraus.

»Das bekannte Renaissancegemälde ›Die Anbetung der Könige‹ von Leonardo da Vinci wurde heute Nacht unter noch im Detail zu klärenden Umständen aus der Restaurationswerkstatt des Opificio delle Pietre Dure in der Fortezza da Basso in Florenz gestohlen. Der oder die Diebe haben sich anscheinend über Nacht in das OPD einschließen lassen und das Gemälde frühmorgens entwendet. Danach sind sie mit einem bereitstehenden Lieferwagen, wie es scheint, in Richtung Bologna geflohen.«

Dann ließ Mancini von seinem Sekretär einen Poster des berühmten Gemäldes ausrollen und hochhalten, und dieser versicherte den Journalisten auch gleich, dass in wenigen Minuten eine Presseinformation mit dem hochauflösenden Foto des Gemäldes per Mail an alle Anwesenden sowie alle relevanten Redaktionen in Italien verschickt werde. Bevor Minister Mancini an die anderen Redner übergab, nutzte er die ihm entgegengebrachte Aufmerksamkeit und wies noch einmal darauf hin, welch »dreistes Verbrechen« hier begangen wurde und dass man »kollektive Anstrengungen« unternehmen müsse, um des »einzigartigen Kunstschatzes aus der Hand des großen Meisters« wieder habhaft zu werden.

Nach dem groß inszenierten Auftritt des Ministers und während die Mikrofone für den nächsten Redner vorbereitet wurden, informierten einige Journalisten bereits hektisch ihre Redaktionen: Titelseiten mussten freigeschaufelt, die Nachrichtensendungen um 15 Uhr neu geplant werden. Minister Mancini stehe nach der Pressekonferenz selbstverständlich für kurze Einzelinterviews zur Verfügung, ließ Ministersekretär Marchetti noch wissen und betonte, dass die TV-Sender und Radiostationen dabei Vorrang haben würden.

In das Gemurmel der Printmedienvertreter mischte sich im nächsten Moment die Stimme von Colonello Andrea De Gennaro, dem obersten Exekutivbeamten der Stadt. De Gennaro beeindruckte mit mehr Sachlichkeit und weniger Pathos als sein Vorredner, erbat die Beteiligung der Bevölkerung bei der Aufklärung des Verbrechens und gab eine Hotline für Hinweise aller Art bekannt. Auch auf Anfrage waren ihm jedoch keine Details zum genauen Ablauf des Diebstahls zu entlocken. Dal Fiesco und Lezzerini wechselten während seiner Rede den Bruchteil einer Sekunde die Blicke: Auf De Gennaro war eben Verlass. Sein Hinweis auf »ermittlungstaktische Gründe« sollte primär den Druck von den Carabinieri und dem Comando Carabinieri Tutela Patrimonio Culturale nehmen, die nach ihm an die Reihe kamen. Niemandem war schließlich gedient, wenn Details rund um »Snakegate«, den Begriff hatte De Gennaro in der 25-minütigen Vorbesprechung geprägt, an die Öffentlichkeit gelangten. Wenn der Coup mit der Schlange zu früh nach draußen drang, bestand nämlich nicht zuletzt auch die Gefahr der Solidarisierung der Bevölkerung mit dem gewitzten Kunstdieb. Dal Fiesco war zwar bewusst, dass De ­Gennaro nicht der gewiefteste Polizeibeamte in der Geschichte von Florenz war, aber für delikate Angelegenheiten, wie das geschickte Aussteuern von Inhalten nach außen, war er eben eine absolute Top-Besetzung. Auch OPD-Direktor Collocini, der unmittelbar neben Dal Fiesco stand, war erleichtert. Wie mühelos De Gennaro die Formulierungen über die Lippen kamen, schoss es ihm durch den Kopf. Wenn man in derartigen Situationen mit Politikern zu tun hat, die nicht paktfähig sind oder ihre ganz eigene Agenda haben, können Karrieren und Unternehmen innerhalb weniger Sekunden vernichtet werden.

Direttore Collocini nutzte den ihm zugedachten Time­slot für eine kurze und präzise Vorstellung des Opificio delle Pietre Dure und einen Appell an die Öffentlichkeit, sich an der Suche nach der ›Anbetung der Könige‹ zu beteiligen und die kurz zuvor verlautbarte Hotline auch im leisesten Verdachtsfall zu nutzen. Auch Lezzerini und Dal Fiesco spulten ihre Auftritte souverän ab: Lezzerini berichtete vom Aufspüren des Mondo-Animali-Vans, ohne den Firmennamen zu erwähnen. Und Dal Fiesco betonte gegenüber den anwesenden Journalisten, dass im Fall von Kunstdiebstählen die Zeit eine ganz entscheidende Rolle spiele. Ein paar Fragen von Journalisten wurden noch zugelassen, dann wurde die Pressekonferenz für beendet erklärt.

WARTEN AUF EINE ­LÖSEGELD­FORDERUNG

Ich hoffe, dass sich die Medien mit den Fakten, die wir ihnen fürs Erste geliefert haben, zufriedengeben«, raunte Lezzerini seinem Kollegen Dal Fiesco zu, nachdem es sich die beiden nach der Pressekonferenz auf der Rückbank eines Polizeiwagens bequem gemacht hatten.

»Ich denke schon«, antwortete Dal Fiesco und schlug die Autotür zu.

Sowohl der Minister als auch der Polizeipräsident hatten ihre Sache aus Sicht der beiden Polizeibeamten gut gemacht.

»Aber ewig Zeit wird uns die Öffentlichkeit für die Suche auch nicht lassen: Außerdem gehe ich davon aus, dass einige Medien gezielt Redakteure auf den Fall ansetzen, wobei man da nur hoffen kann, dass sie dafür gute Leute abstellen und nicht solche, denen die Fantasie davongaloppiert.«

Dal Fiesco lächelte sauer.

»Das hoffe ich auch, und zwar für uns alle. Aber was ist eigentlich Ihre Einschätzung? Wie viel ist das Gemälde auf dem Markt wert? Und wen wird der Dieb aus Ihrer Sicht ansprechen? Ist die ›Anbetung der Könige‹ denn überhaupt verkäuflich?«

Lezzerini lehnte sich zurück und zog die Augenbrauen hoch.

»Tja, mein verehrter Capitano Dal Fiesco, das sind die großen Fragen in unserem Betätigungsfeld. Beginnen wir mal mit der Markttauglichkeit. Grundsätzlich gibt es für nahezu alles einen Markt. Werke von Leonardo da Vinci sind auf dem Kunstmarkt allerdings eigentlich nicht verfügbar, da sich sein gesamtes Œuvre seit Jahrhunderten in Museen und anderen institutionellen Sammlungen befindet. Natürlich tauchen ab und an Skizzen auf, die angeblich oder aber auch tatsächlich von Leonardo stammen. Und wenn diese Skizzen von anerkannten Experten renommierter Museen als echte Leonardos eingestuft werden, dann klettert deren Marktwert in schwindelerregende Höhen. Da wechseln dann – wie im Fall einer rund A5-großen Skizze von Leonardo da Vinci – schnell einmal 15 Millionen Euro den Besitzer.«

Wenige Häuserblöcke vom Museum des Opificio delle Pietre Dure entfernt, auf der Rückseite der Uffizien, blieb der Wagen im Innenhof der Carabinieri Comando Stazione Firenze Uffizi stehen, Dal Fiesco und Lezzerini stiegen aus, dankten dem Fahrer und begaben sich in Dal Fiescos Büro.

»Wenn für eine kleine Skizze 15 Millionen Euro bezahlt werden, dann müssten für ein weltberühmtes Gemälde wie die ›Anbetung der Könige‹ wohl hunderte Millionen Euro hingeblättert werden«, mutmaßte Dal Fiesco, während die beiden Polizeibeamten die Treppe in die erste Etage hinaufstiegen.

»Ist wohl anzunehmen«, erwiderte Lezzerini. »Vor einiger Zeit wechselte das Bild ›Salvator Mundi‹, von dem man nicht einmal zu 100 Prozent sagen kann, dass es von Leonardo da Vinci gemalt wurde, um sagenhafte 450 Millionen Euro den Besitzer. Im Grunde geht es immer um Angebot und Nachfrage. Die entscheidende Frage in diesem ganz speziellen Fall ist allerdings, was ein Kunstverrückter für ein weltberühmtes Gemälde zu zahlen bereit ist, wenn er es eigentlich weder ausstellen noch als in seinem Besitz befindlich präsentieren kann. Aber aus leidvoller Erfahrung wissen wir, dass die Welt der Kunst mitunter irrational ist und dass Verrückte Dinge tun, die man so nicht erwartet hätte. Wussten Sie eigentlich, dass der Kunsthandel weltweit jährlich 50 Milliarden US-Dollar umsetzt? 50 Milliarden US-Dollar! Es kommt nicht selten vor, dass Originale, die über dunkle Kanäle erworben wurden, in Privatsammlungen aufgehängt werden, ausschließlich zur persönlichen Erbauung des – unrechtmäßigen – Besitzers, der sie gegenüber Dritten eiskalt als Kopien ausgibt.«

Im ersten Stock angekommen, wurden die beiden bereits von Brigadiere Donati erwartet.

»Gibt es etwas Neues, Marcello?«

»Nein. Der Riesenschlangenexperte aus Rom macht es spannend und will uns gegen 17 Uhr im OPD treffen. Er meint, dass er keine voreiligen Schlüsse ziehen will und sich das Videomaterial noch einmal vergegenwärtigen möchte, bevor er uns seine Gedanken präsentiert«, erklärte Donati.

»Na gut, soll er seine ›15 minutes of fame‹ genießen. Hoffentlich hat er auch wirklich interessante Nachrichten.« Und mit einem Blick auf seine Armbahnduhr ergänzte Dal Fiesco: »Ich würde sagen, dass wir uns in einer Stunde auf den Weg zurück ins OPD machen.«

Lezzerini und Donati nickten. Der Arbeitstag der beiden war bis dahin schon ziemlich lang und aufregend gewesen. Und es war nicht davon auszugehen, dass er bald zu Ende sein würde. Schließlich wurden auch die Spurensicherer für 17 Uhr im OPD erwartet. Aber Hauptsache, es ging in dem Fall etwas weiter.

Lezzerini, Dal Fiesco und Donati machten es sich mit drei Espressi an dem kleinen Konferenztisch in Dal Fiescos Büro bequem.

»Wenn ich ehrlich bin, erwarte ich mir weder von dem Schlangenbeschwörer noch von der Spurensicherung bahnbrechende Erkenntnisse«, nahm Lezzerini den Gesprächsfaden wieder auf. »Erstens gehe ich davon aus, dass der Dieb sehr sauber gearbeitet und kaum Spuren hinterlassen hat. Zweitens – und das sagt mir meine Erfahrung – wird demnächst eine Lösegeldforderung eingehen. Ich weiß nicht, ob Sie sich an den Raub von 17 Renaissance- und Barockgemälden aus dem Castelvecchio in Verona erinnern? Die Diebe ließen damals aus dem spärlich gesicherten Museum unter anderem Gemälde von Caroto, Rubens und Tintoretto mitgehen. Diebe wie jene, die das Castelvecchio ausgeräumt haben, machen sich gar nicht erst die Arbeit, die heiße Ware auf dem Markt zu platzieren. Zu groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir davon Wind bekommen würden. Weder ein Tintoretto noch ein Rubens und schon gar kein Leonardo da Vinci werden auf dem Markt angepriesen, ohne dass man davon erfährt. Da ist die Forderung von Lösegeld für die millionenschweren Gemälde die viel effizientere Methode, um an einen Haufen Kohle ranzukommen.«

Brigadiere Donati blickte kurz zu Dal Fiesco hinüber, als ob er sich eine Sprecherlaubnis einholen wollte. »Und was dann? Dann kommt das TPC mit prall gefüllten Geldkoffern, und die Diebe geben Ihnen das Gemälde wieder zurück?«

»Na ja, ganz so einfach ist das nicht. Wir verhandeln da schon«, versicherte Lezzerini. »Aber im Prinzip läuft das so ab. Es kommt natürlich auch vor, dass wir den oder die Diebe bei der Lösegeldübergabe erwischen. Dabei handelt es sich aber im Normalfall um die kleinen Fische. Wen wir nicht erwischen, das sind die Hintermänner. Kunst ist längst ein genauso schmutziges Geschäft wie andere Wirtschaftszweige. Denn überall dort, wo viel Geld im Spiel ist, gibt es dunkle Kräfte, die ein großes Stück vom Kuchen haben wollen, und zwar ein möglichst großes.«

Donati schenkte Lezzerini und Dal Fiesco aus einer Karaffe Wasser in die bereitgestellten Gläser ein.

»Was, wenn keine Lösegeldforderung eingeht?«

Capitano Lezzerini lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme. »Kunstdiebe sind im Normalfall Kriminelle, die zuvor in anderen Bereichen Karriere gemacht haben: Sie haben Autos geknackt, mit Drogen gedealt, Handtaschen geraubt, Handys gestohlen, gefälschte Luxusartikel unters Volk gebracht und sind in Wohnungen und Häuser eingebrochen. Dort kennen sie sich aus. Dort leben sie ihre kriminelle Ader aus. Das ist ihr Metier. Und dann lesen sie in der Zeitung, dass in diesem oder jenem Museum Gemälde hängen, die Millionen Euro wert sind. Diese Leute sind durchaus talentiert im Klauen von Dingen. Und sind wir mal ehrlich: Die Sicherheitsmaßnahmen in den Museen in unserem Land könnten besser sein. Da wird viel zu wenig investiert: sowohl in die Technik als auch ins Personal. Aber ich schweife ab. Worauf ich hinaus will: Der durchschnittliche Kunstdieb plant seinen Raubzug hochprofessionell. Was er selten plant, ist das Marketing und den Vertrieb. Er überlegt sich nicht im Detail, wie er die entwendeten Kunstobjekte zu Geld macht. Gestohlene Handys, Autos, Kameras, Laptops, Fernseher oder Schmuckstücke sind schnell verkauft und spülen innerhalb kürzester Zeit Bargeld in die Kassa. Auch weil die Käufer teilweise gar nicht genau wissen wollen, wo die Ware herkommt, da sie vom vergleichsweise guten Preis profitieren. Mit einem in der Kunstwelt weithin bekannten Gemälde sieht das etwas anders aus. Das verkauft man nicht einfach schnell am Schwarzmarkt. Im Gegenteil: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein angeblicher Interessent ein Ermittler, ein Versicherungsdetektiv oder ein Informant der Behörden ist, ist einfach sehr groß. Mit einem Wort: Geschickte Kunstdiebe sind nicht unbedingt ausgefuchste Geschäftsleute.«

Gerade als sich Donati erkundigen wollte, ob Lezzerini und Dal Fiesco auf einen kleinen Imbiss Wert legen würden, läutete Lezzerinis Mobiltelefon. Brigadiere Vincenzo Corridori, Lezzerinis engster Mitarbeiter, war am anderen Ende der Leitung und teilte dem Capitano mit, dass das Gemälde Recherchen des TPC-Teams zufolge noch nicht auf dem Schwarzmarkt platziert worden sei.

Nach dieser Information verzehrten Dal Fiesco, Donati und Lezzerini je ein Tramezzino und versicherten einander, dass ihre Behörden bei den Ermittlungen eng kooperieren würden. Man ging von einer demnächst eintreffenden Lösegeld­forderung aus, wollte aber dennoch in alle möglichen Richtungen ermitteln. Und vor allem wollte man die Kompetenzen und das Wissen von Chiara Frattini anzapfen.

»Die gute Chiara«, wie es Dal Fiesco formulierte, »sollte man nicht aus den Augen lassen. Sie hat eine clevere Herangehensweise. Aber natürlich verfolgt sie die Interessen ihres Auftraggebers. Manchmal sind ihre Methoden unkonventionell, aber sie hat in der Vergangenheit bewiesen, dass sie damit Erfolg hat. Und deshalb sollten wir sie stets in den aktuellen Ermittlungsstand einweihen, am besten schon um 17 Uhr, wenn wir alle wieder im OPD zusammentreffen.«

MAUSETOT

Wenige Minuten nach 17 Uhr war die Schicksalsgemeinschaft wieder im Opificio delle Pietre Dure vereint. Die Polizeibeamten Domenico Dal Fiesco, Marcello Donati, Luca Lezzerini und Vincenzo Corridori saßen am Konferenztisch im Büro von OPD-Direktor Maurizio Collocini dem Schlangenexperten Alessio Bianchi, Davide Carbone von der Spurensicherung sowie Chiara Frattini von der Versicherungsgesellschaft AEIOU gegenüber. Ebenfalls mit von der Partie waren Collocinis ­Sekretär Cesare Rizzoli, Massimo Poletti, der kaufmännische Direktor des OPD und Chefportier Gianni Bruzzo.

»Hinter uns allen liegt ein langer Tag«, eröffnete Capitano Dal Fiesco. »Kommen wir also gleich zur Sache. Signore Bianchi wird uns jetzt zu Beginn erklären, ob nun eine angehende Riesenschlage durch das OPD kriecht oder nicht. Danach wird uns Signore Carbone, der den Bericht der Spurensicherung mitgebracht hat, auf den letzten Stand bringen. Und dann steht uns allen noch der Nachtportier – wie hieß der noch …«

»Giovanni Fiore«, ergänzte Donati.

»… richtig, Giovanni Fiore, dann steht uns also noch Signore Fiore Rede und Antwort. Er war schließlich am unmittelbarsten an den Ereignissen der vergangenen Nacht beteiligt. Wir wollen die Dinge also nicht künstlich in die Länge ziehen.« Dal Fiesco nickte in Richtung Alessio Bianchi, um dem Schlangenexperten das Wort zu erteilen.

»Um die Geschichte kurz zu machen: Wir haben die Transportkiste im Labor der Universität für Veterinärmedizin in Bologna untersuchen lassen, und obwohl wir alle einen langen Tag hinter uns haben, sei den Kollegen dort gedankt, dass sie derart schnell zu einem Ergebnis gekommen sind. Fakt ist: In der Transportkiste war seit der letzten gründlichen Reinigung unter keinen Umständen eine wie auch immer geartete Schlange.«

Ein Raunen ging durch die Runde. »Wie wir aus den Schilderungen von Chefportier Bruzzo wissen«, fuhr Bianchi fort, war aber in der Transportkiste, die auf der rechten Querseite einen Sprung von 40 Zentimetern aufweist, sehr wohl ein Lebewesen, das sich auch bemerkbar gemacht hat. Wie mir die Kollegen aus Bologna versichern, deuten die Spuren in der Transportkiste – Haare und Exkremente – auf eine Gelbhalsmaus hin. Mäuse sind zwar nicht mein Spezialgebiet, aber ich habe mir sagen lassen, dass die Gelbhalsmaus ohne Schwanz bis zu 13 Zentimeter misst und einen Schwanz hat, der ungefähr noch einmal so lang ist. Ich habe mir mit Ihren Kollegen das Video der Überwachungskamera oberhalb der Portiersloge genau angesehen, und man kann – wir haben da mehrmals vor- und zurückgespult – tatsächlich einen entsprechenden Schatten erkennen, der sich von der Transportkiste wegbewegt. Das ist sozusagen der visuelle Beweis. Was da in Richtung Treppenhaus huscht, kann einfach keine Schlange sein. Die vermeintliche Boa constrictor ist also eine Gelbhalsmaus, und meine Arbeit ist hiermit getan.«

Sekretär Rizzoli schnaubte verächtlich und blickte missbilligend zu Bruzzo, aber der Schlangenexperte nahm den Chefportier sofort in Schutz: »Signore Bruzzo ist kein Vorwurf zu machen, schließlich war die Situation eine komplett neue für ihn. Man hat es nicht jeden Tag mit einer Riesenschlange zu tun. Wenn ich zu einem Einsatzort gerufen werde, an dem eine Boa, ein Python oder eine Anakonda entkommen ist, bin ich selten jemandem begegnet, der kühlen Kopf bewahrt hat. Schlangen haben einfach seit dem Alten Testament ein ziemlich mieses Image, dabei sind sie aus meiner Sicht faszinierende Geschöpfe. Aber ich will Sie nicht mit meinen Ausführungen langweilen.«

Donati durchbrach als Erster das Schweigen. »Wir haben bereits ausführlich mit der Geschäftsführung von Mondo Animali konferiert. Zum Auftraggeber, der hinter der Lieferung der Transportkiste steht, erzähle ich Ihnen in ein paar Minuten mehr. Eines noch vorweg: Was wissen wir über die tote Maus, die in der Restaurationswerkstatt lag? War das diese Gelbhalsmaus? Oder eine andere? Und wie ist die Maus zu Tode gekommen? Nicht, dass ich hier in einem Mäusemord ermitteln will, aber ganz unerheblich ist es natürlich nicht.«

»Inwiefern?«, fragte OPD-Direktor Collocini.

»Weil es uns einiges über den Täter verrät«, antwortete Brigadiere Donati. »Durch eine Schlange kann die Maus in der Werkstatt ja nicht umgekommen sein. Und irgendwie hat mich von Anfang an gestört, dass die Schlange ihre Beute nicht mitgenommen hat. Die tote Maus diente einfach dazu, den Nachtportier seine Schlüsse ziehen zu lassen. Zuerst schrillt der Alarm los, dann zerbricht eine Scheibe, und schließlich liegt eine tote Maus in der Werkstatt. Nachtportier Fiore konnte also gar keinen anderen Schluss aus den Ereignissen ziehen. Deshalb ist ihm – und wir werden ja dann gleich hören, wie er alles erlebt hat – kein Vorwurf zu machen. Aber zurück zum Täter. Er hat das Ganze bis ins kleinste Detail geplant. An den früheren Kleinganoven, der den ganz großen Coup landen will, kann und will ich nicht ganz glauben.«

Während Capitano Dal Fiesco seinem Mitarbeiter einen anerkennenden Blick zuwarf, meldete sich David Carbone von der Spurensicherung zu Wort.

»Auch wenn ich Ihnen keinen konkreten Täter präsentieren kann, ich kann Ihnen zumindest sagen, welche ­Spezies für den Mord der Maus in der Werkstatt verantwortlich zeichnet: eine Katze. Der armen Maus wurde mit einem Biss das Genick gebrochen, und dann hat die Katze wohl auch noch ein wenig mit ihrer Beute gespielt. Danach hat man ihr die Maus offenbar weggenommen, um sie hier am Tatort zu platzieren.« Und in Richtung Alessio Bianchi: »Obwohl es der Bestätigung ihrer Expertise eigentlich nicht bedarf, haben auch wir keinerlei Spuren einer Schlange entdeckt, zumal das golfballgroße Loch in der Glasscheibe der Tür eindeutig von einem Stein stammt. Der Täter hat die Scheibe also mit einem Stein eingeschlagen. Den Gefallen, besagten Stein zu hinterlassen, hat er uns aber nicht getan. Und das ist für mich auch ein Indiz, dass es sich um einen insgesamt sehr konzentriert vorgehenden Täter handelt.«

»Ich danke Ihnen. Hiermit darf ich offiziell den Themenschwerpunkt Fauna und Flora für beendet erklären«, konnte sich Capitano Dal Fiesco ein Lächeln nicht verkneifen und erntete dafür das eine oder andere Schmunzeln: »Bevor wir uns den Aussagen der Geschäftsführung von Mondo Animal zuwenden: Welche Erkenntnisse habt ihr noch aus der Sicherung der Spuren am Tatort gewonnen, Davide?«

»Viel mehr haben wir, ehrlich gesagt, nicht. Das Gemälde wurde fachmännisch aus dem Rahmen genommen und der maßstabgetreue Farbdruck sorgfältig hineinmontiert. Auf dem Rahmen haben wir einige Fingerabdrücke sichergestellt, und morgen besorgen wir uns dann die Fingerabdrücke sämtlicher Mitarbeiter in der Werkstatt. Ich gehe zwar davon aus, dass die Fingerabdrücke auf dem Rahmen Mitarbeitern des OPD zuzuordnen sind, aber angesichts der Dimension dieses Verbrechens fühle ich mich zu dieser Fleißaufgabe verpflichtet. Wir sollten hier einfach nichts unversucht lassen, gerade weil wir so wenige Spuren haben. Auch auf dem Boden sind Spuren übrigens Mangelware. Der Täter hat anscheinend profillose Schuhe getragen«, schloss Carbone.

Nun mischte sich erstmals Chiara Frattini in das Gespräch.

»Der große Unbekannte muss sich also im Laufe des gestrigen Tages im Haus versteckt haben, um dann mitten in der Nacht wieselflink das Bild zu entwenden, sich erneut für ein paar Stunden zu verstecken und dann um sieben Uhr in der Früh mit dem Gemälde – Verzeihung, lieber Direttore – seelenruhig aus dem OPD hinauszuspazieren.«

»Signora Frattini, bitte!«, protestierte Direttore Collocini.

Capitano Dal Fiesco beruhigte die Gemüter: »Wenn Signora Frattini auch etwas blumig formuliert, so hat sie doch im Kern recht, Direttore. Aber hören wir uns nun an, was uns der Nachtportier, Giovanni Fiore, zu erzählen hat.«

Nachdem der Schlangenexperte Bianchi und der Spurensicherer Carbone das Büro des Direttore und das OPD verlassen hatten, ließ Chefportier Bruzzo den Nachtportier in Collocinis Büro rufen.

Schüchtern betrat Giovanni Fiore, der bereits seine dunkelblaue Uniform für den anstehenden Nachtdienst übergestreift hatte, den Raum. Dal Fiesco forderte ihn auf, die Ereignisse der vergangenen Nacht noch einmal im Detail zu schildern. »Konzentrieren Sie sich bei Ihren Ausführungen vor allem auf den ersten und den zweiten Alarm!«, ergänzte er.

Um seinen Mitarbeiter zu schützen und die Erwartungen im Zaum zu halten, warf Bruzzo ein: »Wir sollten bei Giovannis Ausführungen eines nicht vergessen: Er war gestern Nacht nicht darauf eingestellt, dass hier ein Gemäldedieb sein Unwesen treibt. Er fürchtete vielmehr, dass jeden Augenblick eine Würgeschlange aus dem Urwald um die Ecke kriechen würde. Sein Fokus war also ein ganz anderer.«

»Lass nur, Gianni, ich werde mich bemühen, kein Detail zu vergessen!«, beteuerte Fiore und begann mit seiner Schilderung der Ereignisse. Während seines Berichts taute er von Minute zu Minute mehr auf. Dem einstigen Philosophiestudenten an der hiesigen Universität wurde nicht oft eine derartige Bühne geboten.

»Verzeihen Sie, Signore Fiore. Zum Alarm habe ich noch eine Frage«, unterbrach Chiara Frattini seine Ausführungen. »Habe ich es richtig verstanden, dass Sie bei einem Alarm zuallererst die Alarmanlage abdrehen, damit der Alarm nicht an die Polizei und nicht an einen privaten Sicherheitsdienstleister weitergeleitet wird?«

Chefportier Bruzzo blickte verlegen zu Direttore Poletti, der widerwillig in die Bresche sprang. »Signora Frattini, wir bewegen uns hier innerhalb eines straffen budgetären Rahmens. Wir können nicht ziellos mit Geld um uns werfen. Wissen Sie eigentlich, was uns ein Einsatz von Polizei und Security kosten würde?« Ohne die beschwichtigende Geste von Direttore Collocini zu beachten, fuhr er fort. »Obwohl wir unsere Alarmanlage vorschriftsmäßig warten lassen, kommt immer wieder mal ein Fehlalarm vor: Ein unachtsamer Lieferant versucht, eine Sicherheitstür zu öffnen, ein Mitarbeiter raucht in der Nähe eines Brandmelders, ein Windstoß rüttelt an einem Fenster und so weiter. Und dann gilt es für unsere Portierstruppe als Erstes, die Alarmanlage abzudrehen, also zu entschärfen, sodann nachzusehen, worum es sich handelt, und danach die Alarmanlage für diesen oder jenen Gebäudeabschnitt wieder scharfzustellen. Wir vom OPD wollen nicht, dass dauernd Polizei und Security mit quietschenden Reifen bei uns vorfahren, um dann für jeden Einsatz die Hand aufzuhalten. Das können wir uns nicht leisten. Weder finanziell noch imagemäßig. Und deshalb hat Signore Fiore grundsätzlich vorschriftsmäßig gehandelt.«

Chiara Frattini hob kurz ihren Zeigefinger und erteilte sich darauf selbst das Wort. »Ob das clever und zielführend ist, will ich jetzt gar nicht beurteilen, aber wenn ich den Gedanken weiterspinne, dann ist das Verhalten Ihrer Portierstruppe im Alarmfall vorhersehbar. Wenn die Alarmanlage losschrillt, wird zumindest ein Portier – in der Nacht eben der einzige – zuallererst die in der Portiersloge gelegene Alarmanlage ausschalten, dann Nachschau an der Stelle halten, wo der Alarm ausgelöst wurde, und anschließend die Alarmanlage für diesen Bereich wieder scharfstellen. Was macht der Täter daher: Er schlägt eine Scheibe ein, der Nachtportier schaltet die Alarmanlage aus, begibt sich in den zweiten Stock in die Restaurationswerkstätte, sieht die eingeschlagene Scheibe, öffnet die Tür zur Restaurationswerkstätte und versichert sich gleich einmal, dass das aktuell wichtigste Stück, nämlich die ›Anbetung der Könige‹, in seinem Rahmen hängt. Plötzlich geht der nächste Alarm los: Der Nachtportier hat gar nicht die Zeit, die Tür zur Werkstatt wieder abzuschließen, hastet erneut zwei Etagen hinunter, hantiert an der Alarmanlage herum und läuft dann wieder zurück in die Werkstatt. Und die wenigen Minuten nutzt der Täter, um das Gemälde aus dem Rahmen zu nehmen und den täuschend echten Druck in den Rahmen zu montieren. Was ich damit sagen möchte: Der Täter hat die Reaktion von Nachtportier Fiore zu hundert Prozent vorhergesehen. Auch hier gilt es, ermittlungstechnisch anzusetzen.«

Brigadiere Donati wollte schon zu einer Protestnote ansetzen, da fasste ihn Dal Fiesco sanft, aber bestimmt am Handgelenk und ergriff selbst das Wort. »Danke, Signora Frattini, das werden wir beherzigen. Und bei allem nötigen Respekt: An dem Punkt, wo sie jetzt gedanklich angelangt sind, waren wir auch schon. Was für Sie alle aber wahrscheinlich noch von hohem Interesse ist, sind die Äußerungen von der Mondo-Animali-Geschäftsführung. Brigadiere Donati, ­bitte!«

»Danke, Capitano!«, der Brigadiere straffte sich: »Mondo Animali spielt in diesem ganzen Schauspiel eine ungewollt zentrale Rolle. Die zwei Mitarbeiter, die die Kiste angeliefert haben, handelten im Auftrag einer Firma namens DataTusc aus Scandicci, ganz in der Nähe der hiesigen Gucci-Fabrik gelegen. Das Interessante ist aber: Vereinbart war ursprünglich, dass die Transportkiste um 11.15 Uhr abgeholt wird. Tiere von A nach B zu bringen, ist übrigens nicht unbedingt die Kernkompetenz von Mondo Animali, aber da man eine Kiste mit einer Schlange nicht ohne Weiteres mit einem Taxi befördern kann, übernimmt Mondo Animali derartige Botenfahrten gegen Bezahlung. Um elf Uhr rief ein Signore Ventura von DataTusc bei Mondo Animali an und erklärte, dass sich die Abholadresse kurzfristig geändert habe: Die Transportkiste stehe aus terminlichen Gründen um 11.15 Uhr im ungefähr eineinhalb Kilometer von DataTusc entfernten Hilton Florence Metropole beim Concierge zur Abholung bereit. Und so war es dann auch: Der Concierge hielt nicht nur die Kiste, sondern auch die Unterlagen zur Lieferung und einen 100-Euro-Schein – die Kosten für die Fahrt und ein großzügiges Trinkgeld – bereit. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass man bei DataTusc nichts, aber auch gar nichts von der Transportkiste mit der angeblichen Schlange wusste. Der Firmenname war vom Täter einfach nur benutzt worden. Und da der Fahrer und der Beifahrer von Mondo Animali die Anweisung hatten, die Kiste mit der Schlange exakt um 12.45 Uhr im Opificio delle Pietre Dure abzuliefern, und der Auftraggeber nicht mit Trinkgeld gegeizt hatte, gönnten sie sich mal ein ausgiebiges Mittagessen.«

Darmowy fragment się skończył.

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341 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783904123594
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Bookwire
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