Czytaj książkę: «Im Auto um die Erde»

Czcionka:

MAX REISCH

IM AUTO UM DIE ERDE

PIONIERFAHRT DURCH BURMA,

THAILAND, LAOS, VIETNAM UND CHINA

Mit 10 Landkarten, 4 Briefen und 207 Bildern

Den Förderern in der Heimat und den Freunden in der Ferne

ENNSTHALER VERLAG STEYR

Bildnachweis:

Übersichtskarte Vor- und Nachsatz: Christoph Ennsthaler, Steyr

Fotos Farbbildteil: Gerda Eichholzer, Innsbruck

Alle übrigen Abbildungen stammen aus dem Orient-Archiv von Prof. Dr. Max Reisch

www.ennsthaler.at

1. Auflage 2013

eISBN 978-3-7095-0011-8 (EPUB)

eISBN 978-3-7095-0027-9 (MOBI)

Alle Rechte vorbehalten

Max Reisch · Im Auto um die Erde

Alle Rechte vorbehalten

Copyright ©1984 by Ennsthaler Verlag, Steyr

Ennsthaler Gesellschaft m.b.H. & Co KG, 4400 Steyr, Österreich

Satz: Ennsthaler Verlag Steyr

Umschlaggestaltung: Christoph Ennsthaler, unter Verwendung einer Illustration von Walter Gotschke, Stuttgart

Landkarten

Durch die syrische Wüste

Durch Iran

Durch Afghanistan

Durch Indien

Durch Hinterindien

Durch China

Durch Japan

Übersicht über die gesamte Asienroute

Durch Nordamerika

Vorwort zum 100. Geburtstag von Max Reisch


Dr. Max Reisch, Fernreise-Pionier, Schriftsteller und Verkehrsgeograph, * 2.Oktober 1912

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Das Leben von Max Reisch war geprägt durch Reisen.

Nordafrika, der Orient, der Nahe Osten Arabiens und der Ferne Osten Asiens waren seine Spezialgebiete.

Die motorisierten Expeditionen auf dem Motorrad und mit dem Automobil wurden schon zu seinen Lebzeiten legendär, denn der Erfolg seiner Fernreisen begann bereits 1932, als er 19-jährig seine Nordafrika-Fahrt unternahm.

Die Erkenntnisse seiner Forschungsfahrten hat Max Reisch in zahlreichen Büchern veröffentlicht, seine beiden erfolgreichsten Bücher sind reich bebildert und seit Jahrzehnten in den Buchhandlungen zu finden.

Das Buch »Transasien« ist seit 1939 im Handel, mit vielen Bildern versehen und überarbeitet unter dem Titel »Im Auto um die Erde«.

Die Reisebeschreibung »Indien – lockende Ferne« steht seit 1949 ununterbrochen im Verkauf, heute im Verlag Ennsthaler unter ISBN 978-3-85068-131-5.

Nicht nur als Buchautor, sondern auch als gewandter Redner zog Max Reisch sein Publikum in seinen Bann.

Etliche Film-Produktionen hatten als Thema die Reisen des bekannten österreichischen Reise-Pioniers: »Auf den Spuren von Sven Hedin«, »Bis ans Ende der Welt«, »Ein Leben im Reisefieber« und »Max Reisch – Autopionier«.

Die Lebensreise von Max Reisch ging 1985 zu Ende, doch sein einzigartiger Schreibstil fasziniert noch immer die Generationen, die mit ihm in die Ferne fahren.

Peter H. Reisch, Juli 2012

Bittere Pillen und ein neuer Plan

Prüfungssorgen • Ein Exposé •

Zwischen Furcht und Hoffnung • Der Herr Generaldirektor lässt bitten

Jetzt war man wer. Man war in der Sahara gewesen und das Jahr darauf in Indien – auf den Spuren Alexander des Großen – als Erster mit einem Motorrad. Eine verkehrsgeographische Pioniertat hatte die Presse vermerkt und Professor Bruno Dietrich, Ordinarius für Verkehrs- und Wirtschaftskunde, war mit den Ergebnissen der beiden Kundfahrten zufrieden.

Der Pedell der Hochschule grüßte sehr freundlich und gab mir so manchen guten Tipp: »Der Professor X ist gut aufgelegt, treten Sie heute an. Diesmal kann es nicht schiefgehen!«

Ja, es ging. Mit Ach und Weh schaffte ich die eine und die andere Prüfung. Eben Glück gehabt. Aber das Glück bleibt auf die Dauer nur dem Tüchtigen treu. Das merkte ich bald.

Was hatte man davon, wenn der Pedell gute Tipps gab, wenn die Mädchen sich bemühten, dem »berühmten Kollegen« einzusagen – aber das Wissen doch so kümmerlich war, dass man trotz aller Hilfen durchfiel …

Ein paar schwere Versager brachten mich aus dem indischen Himmel auf den Boden der Wirklichkeit zurück. Und besonders ein Erlebnis zeigte mir, wie schwer es ist, zwei Herren zu dienen. In der Welt herumfahren und kein Semester verlieren wollen – das vertrug sich nicht.

Die »Warenkunde« war mir besonders unsympathisch und ich hatte kaum jemals eine Vorlesung besucht. Mein bescheidenes Wissen in diesem Fach hatte ich mir beim »Einpauker« im »Cafe Hochschule« erworben. Damit ausgerüstet, meldete ich mich zur Prüfung. Im Vorzimmer des Institutes für Warenkunde stand ein Mann im Arbeitsmantel und ordnete Bücher in einem Regal. Offenbar der Institutsdiener.

»Kann ich bitte den Herrn Professor sprechen?«

»Ja, was wollen Sie?«

»Ich möchte mich zur Prüfung anmelden.«

»So, wie heißen Sie?«

Ich nannte meinen Namen. Mit einem gewissen Selbstbewusstsein, denn man war ja schließlich in der Sahara und Indien gewesen. Und auch mit einem gewissen Ärger, denn was hatte der Diener viel zu fragen. Ich wollte den Professor sprechen.

»So, so, zur Prüfung wollen Sie sich anmelden? Ich will Ihnen was sagen, werter Herr Reisch: Wenn Sie bei mir ein ganzes Semester gehört haben wollen und mich nicht einmal kennen, kann ich Ihnen nur dringend raten, in frühestens einem halben Jahr wiederzukommen.«

Das war ein trauriges Erlebnis. In die Faschingszeitung der Hochschule kam es auch. Alle haben furchtbar gelacht. Nur mir war nicht danach zumute. Um mein seelisches Gleichgewicht wieder herzustellen, beschäftigte ich mich mit einem neuen Reiseprojekt: »Auf dem Motorrad nach China.« Eigentlich ganz naheliegend: Auf der großen Karawanen-Route durch Asien, die südlich des Himalajas vom Mittelmeer zum Chinesischen Meer läuft, hatte ich bisher die Hälfte zurückgelegt: am Landweg nach Indien. Nun war der zweite Teil fällig – von Indien nach China. Professor Dietrich, der meine bisherigen Pläne aus seiner wissenschaftlichen Sicht gefördert hatte, sagte: »Ein verkehrsgeographisch interessantes Projekt! Es gilt, den langen Seeweg um Singapore herum zu vermeiden und stattdessen am Landweg an der Wurzel von Hinterindien eine Verbindung zwischen Vorderindien und China zu suchen.«

Solchermaßen angeregt, arbeitete ich aufgrund der vorhandenen Unterlagen im Institut ein Exposé aus, um der Industrie, die ja das Geld liefern sollte, das Projekt schmackhaft zu machen. Es war eine hübsch gebundene Broschüre mit Landkarten, Diagrammen, Zeit- und Kostenberechnungen. Es galt die Direktoren zu begeistern.

Gerne hätte ich das Projekt persönlich vorgelegt und erläutert. Aber das Sekretariat ließ mich wissen, der Direktor sei verreist, ich möge doch bitte alles schriftlich einreichen. Das schätzte ich gar nicht, denn da kam dann vielleicht ein kurzer, unpersönlicher Brief, man bedaure usw. Das war tatsächlich eine Gefahr, denn es herrschte eine große Wirtschaftskrise just in jener Zeit.

Aber es blieb mir nichts anderes übrig. Ich reichte schriftlich ein. Vorher schrieb ich das ganze Expose noch einmal um. Präziser, schärfer, selbstbewusster und die Kosten setzte ich höher an. Dann wartete ich, ziemlich lange und ich war mit mir, Gott und der Welt, allen Professoren und Direktoren in höchstem Maße unzufrieden. Und mein Gewissen wurde immer schlechter: Hatte ich in den Lichtbildvorträgen oder in einem Zeitungs-Interview etwas Dummes gesagt? Es war mir schon nahegelegt worden, in meinen Stegreifvorträgen vorsichtiger zu sein. Über den Sekretär des Konsulats in Bagdad zum Beispiel hatte ich eine bissige Bemerkung gemacht und der persische Schah hatte durch seine Wiener Gesandtschaft Protest gegen ein Bild eingelegt: eine Kamelkarawane vor dem persischen Justizministerium in Teheran. Welche Unverschämtheit! Wo doch Persien so modern ist und es in den Straßen der persischen Metropole keine Kamele gibt … Hatte ich über meine treue »Indien-Puch« etwas Unrechtes gesagt? Ja, die Speichen waren gerissen, die Sattelfeder gebrochen, das habe ich gesagt! Ein Vierganggetriebe und eine Federung des Hinterrades hatte ich energisch gefordert. Hatte ich sonst noch etwas gesagt, das österreichische Werkmannsarbeit geschmäht haben konnte?

Ich war mir keiner Schuld bewusst. Trotzdem hatte ich ein schlechtes Gewissen.

Schließlich kam die Antwort. Nicht vom Herrn Direktor. Nanu? Ich musste zweimal lesen, bis ich erfasste: »Der Herr Generaldirektor erwartet Sie am 2. Oktober um 15 Uhr zu einer Besprechung.« Das war ein schicksalsschwerer Brief: Sollte ich mich freuen? Oder würde mir von allerhöchster Stelle eine Strafpredigt gehalten werden? Mein Gewissen war infolge der langen Wartezeit immer schlechter geworden.

15.10 Uhr. »Der Herr Generaldirektor lässt bitten.« Wie furchtbar das klang!

Der Weg war endlos lang. Ich glaube, nach China ist er kürzer. Man hat von Diktatoren gelesen, dass sie über ein Arbeitszimmer verfügen, dessen Durchschreitung einem Canossagang gleichkommt. Mir ging es ähnlich. Ich wurde klein und immer kleiner. Ich dachte: Du hättest die Reisekosten nicht erhöhen sollen. Verringern hättest du sie sollen, du Tor!

Dann hörte ich wie aus weiter Ferne eine Stimme: »Die Ergebnisse Ihrer Indienreise haben uns recht befriedigt.«

Ich verbeugte mich stumm.

»Aber nun haben wir genug Werbung für unser Motorrad gehabt.« Der Herr Generaldirektor machte eine Kunstpause, (während der mir das Herz endgültig in die Hose rutschte) und dann fuhr er fort: »Muss es unbedingt ein Motorrad sein? Warum wollen Sie eigentlich keinen Wagen nehmen?«

Das »Eigentlich« des Generaldirektors half mir.

Ja, warum eigentlich nicht? Ich riss mich zusammen und sagte: »Das wäre ein großartiger Plan, kühner als ich ihn je geträumt habe.«

Der Generaldirektor lächelte. »Wir sehen das Problem aus einer größeren Perspektive. Unser neues Modell Steyr 100 liegt uns am Herzen. Es soll sich in der Welt bewähren. Trauen Sie sich zu, unser neues Modell durch China zu steuern?«

»Ja, Herr Generaldirektor.«

»Die von Ihnen genannten Kosten würden sich natürlich für den Wagen entsprechend erhöhen.«

»Ja, Herr Generaldirektor.« (Es war wie im Märchen.)

»Sagen wir das Doppelte des Vorschlages von Ihrem Exposé?«

»Ja, Herr Generaldirektor.« (So etwas kommt eigentlich nur im Kino vor.)

»Wir legen aber größten Wert auf Serienmäßigkeit. Nichts darf mechanisch verändert werden! ›Herr Jedermann‹ muss das Gefühl haben, auch er könne mit einem Steyr 100 nach China fahren.«

»Ja, Herr Generaldirektor.«

»Wann wollen Sie fahren?«

»Im Mai«, sagte ich aufs Geratewohl. Jetzt nur keine Unsicherheit zeigen.

»Gut. Bis dahin erhalten Sie eine Limousine unserer neuen Type, damit Sie sich mit dem Wagen vertraut machen können. Alles Weitere besprechen Sie mit Direktor X, Direktor Y und Ingenieur Z. Viel Glück!«

Die Unterredung hatte etwa zehn Minuten gedauert. Ich wankte aus dem Saal hinaus. Im Kopf schwirrte es: im Auto nach China, Reisekosten zuerst schon erhöht, dann nochmal verdoppelt, Limousine zum Privatgebrauch …

Im Auto vom Mittelmeer zum Gelben Meer!

Ist das leichter oder schwerer als mit dem Motorrad? Ich wusste es selbst nicht.

Auf vier Rädern

Die prächtige Limousine • Wer fährt mit? • Der richtige Partner • Helmuth

Hahmann, Chefingenieur und Kameramann • Karosserie nach eigenen Ideen •

Expeditionsgepäck in Hülle und Fülle • Aber die Erleuchtung kam zu spät

Ich war noch wie betäubt und wusste nicht, ob ich mich freuen sollte. Im Resselpark, hinter dem Verwaltungsgebäude der Steyr-Daimler-Puch AG, stürmten die Gedanken auf mich ein. Lach ein bissl, drängten sie. Jetzt wirst du dir nicht mehr die Knie zerschinden und die Waden verbrennen am heißen Auspuff und Gepäck kannst du mitnehmen, soviel du willst! Sogar den Tennisschläger! Du bist ein Schuft, mahnten sie dann gleich darauf; hat dich dein Motorrad nicht treu und brav bis nach Indien gebracht? War es nicht dein guter Freund? Und jetzt lässt du es im Stich! Dieser Gedanke war mir schmerzlich. Denn ich war verliebt in mein Motorrad, in die vielen gemeinsamen Erinnerungen und auch in seine kraftvolle Sprache. Ob dem Motor zu heiß war oder zu kalt, ob er freudig arbeitete oder widerwillig, ob das Benzin gut war oder schlecht, ob ihn ein geheimnisvolles Leiden zu quälen begann, das alles sagte mir sein Klang. Und nun sollte ich mein sprechendes Motorrad mit einem lautlosen Automobil vertauschen. Das war mir neu und fast unheimlich. Außerdem konnte ich nicht Autofahren.

Das Motorrad beherrschte ich, das Auto war ein großes Fragezeichen und in ein paar Monaten sollte ich damit nach China fahren …

Der Generaldirektor musste ein beachtliches Vertrauen haben. Er dachte sich wohl: Auto oder Motorrad ist im Grunde dasselbe. Viele Leser dieses Buches werden ähnlicher Auffassung sein.

Ich war es von allem Anfang nicht und versuchte mich umzustellen. Trotzdem beging ich einige prinzipielle Fehler, die mir auf der Reise zu schaffen machten. Das wird sich im Näheren noch zeigen.

Während ich so durch den herbstlichen Resselpark wanderte und der Zweifel an mir nagte, sah ich die Vision des Expeditionswagens in der Wüste, im Dschungel, in China und schließlich eine glückliche Heimkehr. Hatte ich nicht immer einen guten Stern gehabt? Meine Mutter behauptete es. Und war es nicht mehr als ein Zufall, dass ich gerade heute, am 2. Oktober, zum Generaldirektor bestellt worden war? An meinem Geburtstag!

In den folgenden Monaten hatte ich reichlich zu tun. Wie durch ein Wunder war mir der »Knopf zum Studium« aufgegangen und ich legte eine Prüfung nach der anderen ab. Ich machte schnell den Führerschein und übte fleißig. Urkomisch eigentlich: Jemand wird mit einer Auto-Expedition betraut und kann nicht Autofahren …

Die Limousine, die der Herr Generaldirektor »zum Üben« bereitstellen ließ, war der letzte Schrei der Automobil-Technik: ein robuster Motor, Vier-Zylinder, 1360 ccm, 32 PS, in einem sehr soliden Rahmen mit Schwingachsen an allen Rädern, Öldruck-Bremsen und Zentralschmierung. Der Druck auf ein Pedal genügte und alle Gelenke wurden gleichzeitig mit Öl versorgt. Die Karosserie war die erste serienmäßige Stromlinien-Karosserie der Welt und die beiden Türen auf jeder Seite wurden durch keinen Mittelpfosten eingeengt. Der »Hunderter Steyr« war genial. Konstruktion des Porsche-Schülers Ing. Jentschke in den Steyr-Werken.

Für die Expedition hatte ich mir vom Werk nur das Chassis erbeten. Bezüglich des Aufbaues wollte ich meine eigenen Ideen verwirklichen: Auf die damals üblichen Trittbretter, die den Fahrgastraum in seiner Breite einschränken, verzichtete ich und nützte die ganze Breite, um drei Sitze nebeneinander unterzubringen. Fast nebeneinander, muss ich verbessern, denn der mittlere Sitz war um etwa einen Viertel Meter zurückgesetzt. Das gab für alle drei mehr Schulterraum und außerdem war trotz Schalt- und Bremshebel in der Mitte genügend Platz für die Beine des Mittelsitzers. Diese Anordnung ergab ferner, dass hinter den beiden Außensitzenden zwei sehr praktische Kästen für Kleinkram angeordnet werden konnten. – Auf Türen verzichtete ich zur Gänze. Zwei, wie mir schien, sehr elegante Ausnehmungen in den Seitenwänden, an deren »Schwung« ich lange und mit Liebe gezeichnet hatte, ermöglichten einen erträglich bequemen Einstieg. Das Ganze sah, wie später festgestellt wurde, einem Jeep recht ähnlich. Freilich, der Jeep ist erst 5 Jahre später erfunden worden.

Warum drei Sitze: um dann und wann einen Begleiter oder Dolmetscher mitnehmen zu können. Eine Zeit lang fuhr sogar ein amerikanischer Arzt mit uns.

Im hinteren Teil des Wagens war viel Platz für Wassertanks, Benzinkanister, Ersatzteile und persönliches Gepäck. Es war sogar zu viel Platz vorhanden! Dadurch wurde ich verleitet, nach der Kargheit auf den beiden Motorradreisen, nun den Maßstab zu verlieren und manchen Luxus an Bord zu nehmen, den ich jetzt glaubte, mir leisten zu können. Das gab Schwierigkeiten! Der Wagen war nun mit Ersatzteilen und persönlichem Kram schwer überladen. Dieser entscheidende Fehler hätte die Expedition fast zum Scheitern gebracht.

Doch nochmals zurück zur schönen Limousine und meinen Fahrübungen. Ich wagte es nicht, mit diesem Luxuswagen vor der Universität aufzukreuzen; ich ließ ihn in der Nähe in einer Seitengasse stehen und ging brav zu Fuß die letzten paar hundert Meter. Denn ich wollte nicht den Neid oder zumindest die Missgunst der Dozenten und Professoren erregen. Das Auto kostete damals öS 7.000,- und nur Schwerverdiener konnten es sich leisten. Mit der Straßenbahn fuhr man um 12 Groschen und ein Mittagessen in der Mensa kostete 90 g. Ich erinnere mich genau, dass kein einziger Professor ein Auto besaß. Ich war der Einzige und begreiflicherweise ließ ich es niemanden wissen. Außer natürlich meinen Reisebegleiter, Helmuth Hahmann, der ein sehr geschickter Techniker war. Er hatte sich auch der Mühe unterzogen, einen Spezialkurs bei den Steyr-Werken zu machen. Das haben wir dann auch dringend gebraucht, denn nicht weniger als dreimal brach das Differenzial. Einmal schon in Arabien, dann im Dschungel von Thailand und das dritte Mal in Mexiko. Diese bei einem Schwingachswagen sehr schwierigen Reparaturen und die ganze laufende Pflege des Fahrzeugs hat Helmuth Hahmann in mustergültiger Weise gemeistert. Dafür bin ich ihm dankbar, ebenso für die gewissenhafte Führung des Bordbuches und die Überlassung seiner Tagebücher, die mir viele Einzelheiten wieder nahegebracht und den vorliegenden Bericht bereichert haben. Auch hat er mir seine Filme überlassen, sodass schließlich im Jahre 1983 aus unseren beiden Filmen vom ÖAMTC der neue Tonfilm »Auf den Spuren Sven Hedins« geschaffen werden konnte.

Sven Hedin. – Ja, wir fuhren am ersten Teil der Reise auf den Spuren des großen schwedischen Geographen, der mir immer Vorbild gewesen war. Er und natürlich auch mein Lehrer für Verkehrs- und Wirtschaftsgeographie, Prof. Bruno Dietrich, haben meine Reisen inspiriert und ihnen zum Start verholfen.

Wie lautete der Auftrag, was hatte Generaldirektor Götzl gesagt: Nehmen Sie doch unsere neue Type 100, fahren Sie damit quer durch Asien, vom Mittelmeer zum Gelben Meer.

Dass daraus ab Shanghai eine Reise rund um die Erde werden sollte, stand noch in den Sternen. Die »Transasien-Expedition« von Haifa bis Shanghai mit einer Länge von ca. 23.000 km hatte ich mit 9 Monaten berechnet, es wurden 14 Monate daraus und die ganze Reise um die Welt hat schließlich 19 Monate gedauert, genau vom 23. April 1935 bis 7. Dezember 1936.

Es ist gut, dass wir diesmal noch vieles nicht wussten, besonders, dass wir allein für Hinterindien ein halbes Jahr brauchen würden. Es war allerdings auch die absolut erste Durchquerung von Burma und den Shansaaten (Goldenes Dreieck), Thailand, Laos und heutigem Vietnam.

Bildteil 1


Die »Seidenstraße« und die »Südroute« vermittelten im Altertum und Mittelalter den Austausch materieller und geistiger Güter zwischen dem Abendland und dem Fernen Osten.

Diese berühmten Karawanenstraßen werden nun dem motorisierten Verkehr erschlossen.


1933: Erstes Motorrad am Landweg nach Indien. Die berühmte »Indien-Puch« wurde auf vielen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt. Ein neues Projekt sollte nun die Strecke von Indien nach China unter die Räder nehmen. Aber der Generaldirektor fragte: Warum schon wieder mit dem Motorrad? Nehmen Sie doch unseren neuen Wagen und fahren Sie damit auf der Südroute quer durch ganz Asien …


»Vom Mittelmeer zum Gelben Meer« lautete der Auftrag. Und dann weiter, rund um die Erde. Der funkelnagelneue A2020 ahnt noch nicht, wie viele Sorgen wir auf dem 40.000 km langen Weg miteinander haben würden. Technische Daten: Vierzylinder-Motor, 1385 ccm 6/32 PS, Vierganggetriebe. Schwingachsen vorne und hinten, Fahrgestell und Motor vollständig serienmäßig; das war eine strikte Bedingung der Fabrik. »Jedermann sollte mit dieser neuen Konstruktion quer durch Asien fahren können.« Die Karosserie war eine Spezialanfertigung, die sich als zu schwer erwies und in Bagdad geändert wurde. Der Wagen verfügte über drei Sitze; der mittlere war zurückgesetzt, sodass für alle drei bequem Platz war. Hinter den beiden Außensitzen befanden sich Staukästen. Im rückwärtigen Laderaum waren Behälter für Wasser, Benzin und Öl, Ersatzteile, Konserven, Feldbetten und das persönliche Gepäck untergebracht.


Tel Aviv. In der neu gebauten Stadt verkehrten mehr Kamele als Automobile.



Palästina 1935 – Schon damals die großen Gegensätze zwischen orthodoxen Juden und modernen Arabern. Ist es heute etwa umgekehrt?


Vorbereitungen: Jeder der 14 Staaten stellte über Antrag des österreichischen Außenministeriums allerbeste Empfehlungsschreiben zur Verfügung und informierte auch die diplomatischen Vertretungen in den einzelnen Ländern, sodass wir überall angemeldet waren. – Interessant ist der Hinweis auf die Waffenlosigkeit der Expedition. Weitere Vorbereitungen betrafen die Einrichtung von Reifen-, Ersatzteil- und Benzindepots in einzelnen Stützpunkten.


Englische Luftaufnahme aus dem Jahr 1935 von der großen Oasenstadt Kerbela, nach Nedjef das zweitgrößte schiitische Heiligtum im Irak.


Die Menschen der Wüste sind immer hilfsbereit. Im Unterbewusstsein wissen sie, dass auch sie vielleicht schon morgen Hilfe brauchen werden. – Ausschaufeln des Wagens am Weg in die heilige schiitische Wüstenstadt Nedjef.


Sandsturm in der syrischen Wüste zwischen Damaskus und Bagdad. Die Luft ist mit Elektrizität geladen, Mensch und Tier sind nervös. Plötzlich wälzt sich mit hoher Geschwindigkeit die unheimliche Sandwand heran. Die Kamele kauern sich eng zusammen, die Karawanenleute legen sich, in ihre Burnusse gehüllt, im Windschatten der Warenballen unter ihre Decken. Der Autofahrer stellt den Wagen in die Richtung des Sturmes und wartet … es sei denn, die nächste Oase ist nahe.


Diesen Wüsten-Waran, das »Landkrokodil Herodots«, erlegte Helmuth Hahmann am Weg zwischen Bagdad und En Nedjef.


Die riesigen Schöpfräder am Tigris heben das Wasser in kleinen Tonkrügen nach oben. Über Aquädukte fließt es den Gärten zu.


Im Sommer war es in Bagdad üblich, mit dem Motorboot flussauf zu fahren und sich dann den relativ kühlen Fluten anzuvertrauen. Dabei geschah das Unglück, das durch die Presse – einigermaßen übertrieben – zuhause bekannt wurde und für die Expedition ein zweites Unglück war. Denn die Förderer waren der Ansicht, dass ich mich auf ein so unnötiges Abenteuer nicht hätte einlassen dürfen.


Die Altstadt von Bagdad. Hier ging schon Harun al Raschid in Verkleidung, um sein Volk zu belauschen.


Die Pferdebahn von Bagdad nach Kadimain war bis zum Jahre 1946 in Betrieb.


Die Anfänge des Autoverkehrs. Die kleinen Ford Lastwagen, Modell T, wurden maßlos überladen.

Aber für ein paar »Passagiere« war immer noch Platz.


Begräbnistürme im »Tal des Todes« der arabischen Wüstenstadt Tadmor (Palmyra), einst beherrscht von der Königin Zenobia.


Unser Grammophon in der Wüste. Ein winziges zusammenklappbares Grammophon, das Normalplatten tragen konnte, erfreute unsere arabischen Freunde in der Wüste.


Karawanenführer in der syrischen Wüste.

Noch beherrschen die Kamelkarawanen mit ihren selbstbewussten Führern das Bild der Wüste.

Auf der Ölstraße nach Bagdad

Am Toten Meer • Weltmacht I.P.C. •

Wir werden weitergereicht • Ein Wüstenfest auf H. 2

Auf der Motorradtour nach Indien war ich mit Herbert Tichy vorsorglich am Rande der Wüste und fast stets den Ufern des Euphrat folgend nach Bagdad gefahren. Jetzt wollten wir den kürzesten Weg durch die Wüste wählen. Je mehr ich mich erkundigte, desto verwirrender gestalteten sich unsere Pläne. Es kostete viel Geduld und Nerven, alle verlangten und unverlangten Ratschläge entgegenzunehmen und auf ihren Ernst zu prüfen. »Hundertsiebzig Pfund sind zu erlegen, wenn Sie die Wüste allein durchqueren wollen. Das Geld dient zur Sicherstellung der Kosten, wenn Sie mit Flugzeug gesucht werden müssen«, sagte der Zolldirektor in Haifa. Diese Bestimmung besteht tatsächlich, doch wird sie umgangen, indem sich mehrere Autos zu einer Kolonne zusammenschließen.

Mr. Nairn, Besitzer der größten Transportgesellschaft durch die Wüste, will uns richtig bange machen. Er spricht von allerhand Unglücks- und Überfällen. Am besten sei es wohl, »this funny little car« auf einen seiner großen Lastwagen zu verladen. Fünfunddreißig Pfund. Ausnahmsweise so billig, weil er ein sportliches Herz habe. Wir aber sind gekränkt. Die Zumutung, die »Transasien-Expedition« huckepack durch die Wüste zu schleppen, ist doch zu schimpflich. Das geht zu weit, Mister Nairn, good-bye.

Beim »Automobilclub of Palestine« suchen wir als nächstes Rat. Ein ältliches englisches Fräulein empfängt uns in den vornehmen Klubräumen im King David Hotel. Sie wisse nicht recht, wie das zu machen sei. Landkarten, Streckenbeschreibungen habe sie auch nicht. Aber morgen sei ein Gymkhana, ein Autogeschicklichkeits-Wettbewerb, auf dem arabischen Sportplatz. Ob wir da nicht mitmachen wollten?

So geht das weiter und wir wundern uns: Fast täglich fahren Autos durch die Wüste zur »Stadt von Tausend und einer Nacht«, und niemand weiß, wie man das macht. Mit Ausnahme von Mr. Nairn, der lebt ja davon.

Tipp Nr. 4 gibt uns Chaim Nathaniel und sein Rat ist nicht der schlechteste: »Schließen Sie sich meinem Konvoi an. Das ist eine Autokarawane unter militärischer Bedeckung. Nächsten Donnerstag ab Damaskus. Ich bin bereit, Sie mitzunehmen, obwohl ich sicher Ärger haben werde, denn nur gute Wagen sollen in der Wüste fahren.« Wir fragten erst gar nicht nach dem Preis, weil mich die letzte Bemerkung wurmte.

Es war Helmuths ausgezeichnete Idee, der Niederlassung der »Iraq Petrol Company« in Jerusalem einen Besuch abzustatten. Im Trubel unserer Sorgen hatte ich ganz vergessen, dass ich einen Empfehlungsbrief an diese Ölgesellschaft besaß.

Um es gleich vorwegzunehmen: Dieser Besuch war Balsam auf die Wunden, die uns Mr. Nairn, Chaim Nathaniel und das sauertöpfische Fräulein im Autoklub zugefügt hatten.

»Wo bleiben Sie denn so lange? Wir warten schon seit Wochen auf Sie!«

Wir sind sprachlos.

Mr. MacPherson, der Allgewaltige der I.P.C., blättert in dem Aktenumschlag, auf dem fein säuberlich geschrieben steht: Austrian Transasian Expedition. Briefe aus Wien und London und Zeitungsausschnitte über die geplante Reise liegen geordnet in der Mappe. Ich fühle, dass hier die Geschicke unserer Reise in eine weltumspannende Organisation verwoben sind und dass uns nun ein guter Stern führen wird.

»Was also kann ich für Sie tun?«

»Wie kommen wir am besten nach Bagdad?«

»Oh – das ist alles schon vorbereitet. Sie sind Gäste der I.P.C. und erhalten die Erlaubnis, unsere Privatstraße durch die Wüste zu benützen. Die Straße ist nur für die Dienstautos der I.P.C.; jeden anderen Verkehr weisen unsere Patrouillen zurück. Aber hier sind Ihre Ausweise.« Damit eröffnen sich für die Wüstendurchquerung völlig neue Perspektiven. Wir werden nicht den üblichen Weg über Damaskus und die Oase Rutbah Wells nehmen, sondern entlang der Erdölleitung bis El Hadithe am Euphrat und von dort auf bekanntem Weg nach Bagdad.

Sofort gehen fünf Telegramme an die entsprechenden Pumpstationen in der Wüste und liebenswürdig verabschiedet uns Mr. MacPherson: »Sie werden staunen, wie angenehm wir Engländer auch in der Wüste zu leben verstehen.«

Voll hochgespannter Erwartungen und guter Laune treten wir noch am selben Nachmittag die Fahrt in die Wüste an. Über siedend heißen Asphalt gleitet der Wagen durch die Schluchten Judäas abwärts, bis eine Tafel auf Arabisch, Hebräisch und Englisch das Wort »Meereshöhe« verkündet. Vierhundert Meter geht es dann noch tiefer und es ist ein eigenartiges Gefühl, »über sich« Berge vom Wasser aller Weltmeere zu wissen.

Nun stehen wir an der bleiern schweren Fläche des Toten Meeres. Kann man darin wirklich nicht untergehen? Wir machen einen praktischen Versuch. Regungslos, gleich einem Kork, liegt man auf dem Wasser. Schwimmen im üblichen Sinn ist kaum möglich, weil man mit Händen und Füßen mehr in der Luft als im Wasser herumrudert. »Man raucht eine Zigarette, liest ungestört die Zeitung oder beschattet sich mit einem Schirm«, so steht es in den Prospekten. Solche Ansichtskarten kann man kaufen und in dieser Pose kann man sich fotografieren lassen. Ein jüdischer Fotograf wartet ständig auf neue Opfer. Wie wird doch Miss Liddledale in Nashville, Tennessee, staunen über das Bild von Mrs. Tucker: »Myself in the Dead Sea, in the beautiful Holy Land!«

Indessen ist das gemütliche Zeitunglesen nur geschäftstüchtige Theorie. Schon nach wenigen Minuten tut das Salz seine Wirkung. Es kribbelt und brennt in den Poren und man hat nur einen Wunsch: Heraus aus der Tunke! Zwanzig Prozent Salzgehalt wollen mit Vorsicht genossen sein. Schnell in den Jordan hinein und die Salzkruste gründlich abgespült! Mag sein, dass just an dieser Stelle einst Johannes Jesum Christum taufte. Sicher ist, dass dort, wo einst der tüchtige englische General Allenby den Fluss überquerte, jetzt eine schöne Brücke, nach diesem General benannt, den Fluss überspannt. Wir sind ihm weniger für seine Taten als für diese Brücke dankbar. Damit hört aber auch alles auf, was mit Straßenbau und Zivilisation zusammenhängt. Wir verlassen Palästina und treten ein in das selbständige Emirat Transjordanien.

Damit beginnt endlich das wirkliche Asien.

Steinig und steil steigt der Weg aus der Depression des Toten Meeres an den Hängen des Jordantales aufwärts. 1200 Meter Höhe sind im El-Barka-Gebirge zu überwinden bis nach Amman, der Hauptstadt Transjordaniens. Mörderisch brennt die Maisonne auf die kahlen Felswände und schwer arbeitet sich der Motor im ersten Gang höher. Das Kühlerthermometer zeigt schon über 90 Grad.

»Der Wagen ist viel zu schwer!«

Helmuth nickt schweigend. Ich schiele zu ihm hinüber und sehe sein besorgtes Gesicht. Die überlasteten Federn ächzen auf dem holprigen Weg.

100 Grad. Der Kühler pfeift und kocht. Ich halte den Wagen an. Helmuth kramt eine Landkarte von Asien hervor: »Da ist Palästina und da ist China. Etwa 400 Kilometer sind wir schon gefahren und rund 23.000 sind es noch.«

Wir saßen lange grübelnd nebeneinander, die große Asienkarte auf den Knien. Wir waren beide sehr bedrückt und ich dachte mit einer gewissen Wehmut an die Indienfahrt mit dem Motorrad zurück. Damals gab es keinen kochenden Kühler und keine Möglichkeit, Berge von Gepäck mitzuschleppen …

Unser Ballast war die Ursache allen Übels und in dieser Erkenntnis sagte ich schließlich: »Wir müssen uns bescheiden! Der hintere Teil der Karosserie muss radikal beschnitten und das Gepäck nochmals reduziert werden.«

Ob das aber gegen die Überhitzung des Motors bei diesem Klima entscheidend hilft? Im Bordbuch steht: »Warum hat der Motor keine Wasserpumpe?« Dazu ist zu sagen: »Die serienmäßige Thermosiphon-Kühlung war für Europa sicher ausreichend. Aber für diese Expedition? Warum hat die Fabrik keine Wasserpumpe eingebaut? – So schiebe ich die halbe Schuld auf andere: Andererseits wäre es wohl meine Aufgabe gewesen, die Fabrik auf die Klima-Probleme aufmerksam zu machen. Und wiederum andererseits: Die Direktion hatte darauf bestanden, dass nichts geändert werde; ein serienmäßiger Wagen, wie ihn jeder Kunde kaufen kann, soll Asien durchqueren! Das war sicherlich ein gewichtiges Werbeargument. Aber wir hatten darunter zu leiden.


Durch die Syrische Wüste

Helmuth lächelte, aber er sagte nichts. Wir wurden uns einig, dass in Bagdad der Umbau der Karosserie erfolgen sollte.

Zumindest seelisch erleichtert fuhren wir bei Einbruch der Dunkelheit weiter. Schön sind die Nachtfahrten im Orient. Ein satt funkelnder Sternenhimmel, fast greifbar nahe, wölbt sich über der Landschaft. In den Felsen der Schlucht sitzen eng beisammen Scharen von Störchen. Wie Schneeflächen leuchten sie auf, wenn das Licht auf ihr Gefieder fällt. Sie scheuen nicht auf, denn sie sind müde von der langen Reise. Vom Sudan kommen sie und wissen, morgen geht es weiter, den nordischen Gefilden, dem europäischen Frühling entgegen. Einige heben verschlafen den Kopf aus dem Gefieder und sehen uns mit den ernsten Philosophenaugen lange nach. Vielleich denkt einer: Komische Menschen, jetzt nach dem Süden zu reisen!

Um elf Uhr abends schlagen wir das Zelt auf. Es ist das erste Nachtlager der Expedition unter freiem Himmel. Auf den Feldbetten schläft es sich herrlich und ich dachte an die vielen, endlos langen Nächte zurück, die ich auf früheren Motorradfahrten auf nackter Erde verbracht hatte. Aber ich konnte mich meines weichen Bettes nicht richtig freuen. Dieser Komfort war teuer erkauft.

Wir schlafen kaum, als grelles Licht uns weckt. Aus einem Auto springen verwegene Gestalten und eilen auf uns zu. Auch wir springen von den Betten hoch. Arabische Stimmen reden auf uns ein, bis wir uns auf Englisch einigen: Nein, wir sind keine Briganten und Räuber. Nein, wir fühlen uns ganz sicher hier und brauchen keinen Schutz. Vielen Dank!

Die Militärpatrouille des Emirs Abdullah salutiert, besteigt ihren Wagen und ist bald im Dunkel der Nacht verschwunden.

Sechzig Kilometer nördlich von Amman verläuft in ziemlich genauer Ost-West-Richtung die Ölleitung. An sie wollen wir baldmöglichst Anschluss gewinnen. Mehrmals quert die sandige Piste die Schienen der berühmten Hedschasbahn, auf der jetzt nur mehr einmal die Woche ein Zug bis Maan in Südtransjordanien fährt. Früher verkehrte diese Bahn 1300 Kilometer lang bis Medina, heute besteht sie nur mehr auf der Karte. Schwellen, Schienen, Signalanlagen, ja selbst die Stationsgebäude wurden stückweise von den Beduinen verschleppt. Ich möchte kein Aktionär der Hedschasbahn sein, schon lieber von der Iraq Petrol Company, deren Ölleitung jetzt vor uns in der gleißenden Wüste liegt. Sehen kann man sie freilich nicht. Nur ein endlos langer Erdwall deutet an, dass unter ihm das dreißig Zentimeter starke Stahlrohr liegt, durch das das »flüssige Gold« pulsiert. Von unserem Standort sind es achthundert Kilometer bis nach Kirkuk, wo das Erdöl aus der Tiefe quillt. Nach der anderen Seite hundertfünfzig Kilometer bis zum Mittelmeer.

Nach Osten wendet sich der Blick. Immer kleiner und kleiner werden die Masten der Telegraphenleitung, schließlich verschwinden sie am flimmernden Horizont.

Noch sechshundert Kilometer Wüste bis Bagdad. Werden wir uns verirren? Brauchen wir einen Kompass? Ist die Wüstenfahrt ein Wagnis? Nein, dreimal nein.

Wir haben drei gute Freunde als Begleiter: über uns die Telegraphendrähte, unter uns die Erdölleitung und mit uns der Brief der I.P.C. Solcherart ist eine Wüstenfahrt ein Kinderspiel. Wir brauchen nur einen Draht an einen Stein binden und diesen über die Leitung werfen. In spätestens einem halben Tag wird ein Störtrupp der I.P.C. zur Stelle sein.

Von der gebauten Straße, von der MacPherson sprach, ist nicht viel zu sehen: Hart und felsig ist der Wüstenboden, man muss den Spuren der I.P.C.-Dienstautos folgen. Oft geht der Weg weitab von der Telegraphenleitung, aber immer wieder kehrt er zu ihr zurück.

Am Abend des 30. Mai tauchen aus dem Dunst der Steppe zwei schlanke Türme auf. Bald erkennen wir auch die Antenne, die sich zwischen ihnen spannt; Mauern und Häuser nehmen Gestalt an. Die erste Pumpstation, »H.5«, liegt vor uns. Ein stacheldrahtartiges, hohes Gitter, wohl einige hundert Meter im Quadrat, umschließt die weitläufige Anlage. Der Wachposten lässt uns passieren, weiße Männer sind keine Räuber, das weiß er.

Trotz der abendlichen Stunde ist es noch drückend heiß. Mr. Meadows, der Leiter der H.5, sitzt in Hemdsärmeln in seinem Bungalow. Whisky-Soda wird aufgetragen und der kreisende Ventilator peitscht einen wohltuenden Luftstrom in die weit offenen Hemden.

»Gute Fahrt gehabt?«, fragt der Manager und dann übergibt er uns ein Telegramm:

»Hoffe Sie gut in H.5 angekommen, wünsche gute Weiterreise. MacPherson.«

Einfach rührend und englisch sportlich ist die Fürsorge, mit der man uns umgibt. Das stellen wir fest, als wir wohlig in der Badewanne sitzen und den Wüstenstaub vom Körper spülen. Mit kristallklarem Wasser tun wir das, aus beträchtlicher Tiefe holen es Pumpen herauf. Man darf sich überhaupt unter diesen Stationen der Ölleitung nicht etwa ein einsames Häuschen in der Wüste vorstellen. Es sind fünf Wüstenstädte, die wie ein Ei dem anderen gleichen. Um die Maschinenhäuser, Kraftanlagen und Pumpen gruppieren sich die Reparaturwerkstätten, die Garagen für Transport-, Personen- und Panzerautos, die Hangars, die Funk- und Telegraphenstationen und die Zelte der eingeborenen Arbeiter. Eine einigermaßen grün aussehende Gartenfläche mit ein paar kümmerlichen Bäumchen ist auch vorhanden. Sie trennt die technischen Anlagen der Stationen von den Bungalows der Ingenieure, dem gemeinsamen Speise- und Aufenthaltsbungalow und dem Gästehaus. Die Bungalows sind flach geduckt in die Breite gebaut, um den Wüstenstürmen möglichst wenig Angriffsflächen zu bieten. Doppelfenster sind in Stahlrahmen verpasst und sorgfältig mit Filzleisten gedichtet. Ein engmaschiges Drahtnetz soll vor Moskitos schützen. Wie diese den Weg in die einsame Station gefunden haben, erscheint rätselhaft. Mit Karawanen und an windgeschützten Stellen der Autos machen sie offenbar als blinde Passagiere die Reise durch die Wüste. Nachts hat man die Wahl, entweder unter dem kreisenden Ventilator zu schlafen und sich dabei ein Rheuma zu holen oder aber sich zerstechen zu lassen. Die Wahl zwischen beiden Übeln schafft wenigstens Abwechslung.

Bald hätte ich über Kleinigkeiten die Hauptsache der Pumpstation vergessen, das Fort! Es liegt inmitten der Wüstenstadt und sein massiger Turm ist das einzige mehrstöckige Gebäude. Man staunt über die starke Befestigung der Anlage und Mr. Meadows scheint mich für einigermaßen naiv zu halten, als ich fragte, ob eine solche Festung überhaupt notwendig sei.

»Es sind häufig Überfälle vorgekommen auf die Ölleitung«, werde ich aufgeklärt. »Bei Unruhen kann sich die ganze europäische und eingeborene Besatzung der Station in das Fort zurückziehen, wo Wasser und Lebensmittel für drei Monate aufgespeichert sind.«

So gemütlich, wie Mr. MacPherson in seinem sicheren Büro in Jerusalem die Wüste geschildert hat, scheint sie also doch nicht zu sein.

Ibn Saud, der Beherrscher fast ganz Arabiens, wird immer anspruchsvoller. Man erzählt uns, dass erst kürzlich zwei englische Flugzeuge durch einen Sturm in sein Gebiet abgetrieben wurden. Sie wurden abgeschossen und Ibn Saud sandte die beiden Leichen dem High Commissioner von Palästina.

Die Weltmacht I.P.C. aber lässt sich nicht abschrecken. Ihre Zehn-Millionen-Pfund-Ölleitung schützt sie mit allen Mitteln. Panzerwagen und mit Maschinengewehren bewaffnete Lastwagen versehen den Sicherheitsdienst. Von all dem ist freilich nichts zu merken, als wir abends mit den Ingenieuren beim Essen sitzen. Würde draußen nicht ein Sturm rasen und feiner Sand an den Fensterscheiben herunterrieseln, so könnte man glauben, sich im Speisesaal des »King David« in Jerusalem aufzuhalten. Genauso geborgen fühlt man sich. Die Aufmachung lässt noch viel weniger vermuten, dass wir uns mitten in der Wüste befinden. Lautlos serviert ein in tadelloses Weiß gekleideter Araberboy. Eine in der Druckerei der Station hergestellte Speisekarte verkündet Genüsse, die zum Teil per Flugzeug frisch herangeschafft worden waren.

Trotz solcher Genüsse und eines hohen Monatsgehaltes möchte ich doch kein Ingenieur der I.P.C. sein. Die Langeweile frisst die Seele bei lebendigem Leibe auf. Drei Jahre in der Wüste sind keine Kleinigkeit. In der nächsten Station ist alles so wie in H.5. Das Bad ist gleich erfrischend, das Essen gleich gut, der Boy gleich sauber, die Ingenieure gleich freudlos. So ist es auch im H.3; Zimmer Nummer 2 und 3, das Bad gleich erfrischend und so weiter. Er ist schon fast langweilig, dieser Komfort der Wüste. So undankbar ist der Mensch.

Mr. Taylor, der Manager der Pumpstation H.2, überreichte uns eine gedruckte Einladung zu seiner Wüsten-Party: »Es sind die geselligen Zusammenkünfte, die alle zwei Monate abwechselnd in einer der fünf Pumpstationen stattfinden; sie sind die einzige Erholung von dem nerventötenden Dienst auf den weltvergessenen Stationen.«

»Siehst du, wie gut, dass wir unseren Smoking mithaben«, sagte Helmuth. Es war rührend, wie er mich tröstete über den unsinnigen Haufen Gepäck, der wie ein Alptraum auf meinem Gewissen lag.

Das Wüstenfest überstieg die kühnsten Erwartungen. Von den anderen Pumpstationen kamen die Ingenieure viele hunderte Kilometer mit geländegängigen Autos angefahren und noch am späten Abend landete ein Flugzeug, das den Generaldirektor und sechs Damen aus Haifa brachte.

Wir kamen aus dem Staunen nicht heraus. Die Damen waren in Abendkleidern und festlich gekleidete arabische Diener servierten ein erlesenes Essen. Auch an Getränken wurde nicht gespart. Wäre nicht das Surren der Ventilatoren gewesen und die engen Fliegengitter vor den Fenstern, man hätte völlig vergessen, mitten in der Wüste zu sein. Dann wurde getanzt. Es waren allerdings vierzehn Herren, die sechs Damen gegenüberstanden. In später Stunde holten wir unsere Platten und die Wiener Walzer fanden großen Beifall.

»Siehst du…«, sagte Helmuth.

»Ja, ich weiß schon«, unterbrach ich ihn. »Es ist nett von dir, dass du mich immer trösten willst; trotzdem, es bleibt dabei.«

Zum Abschied übergaben wir Mr. Taylor all unsere Walzerplatten als kleinen Dank für die große Gastfreundschaft.

Wieder ein paar Kilo weniger. Das Koffergrammophon getrauten wir uns nicht zu verschenken, weil die Ingenieure alle so schöne elektrische Plattenspieler hatten. Aber in Bagdad wollten wir uns des Grammophons entledigen. Auch die Smokings, die wir in der Wüste einmal in Ehren getragen hatten, mussten nun über Bord. Klugerweise hatten wir beim Fest auf H.2 Photos machen lassen. Wir, smokingbekleidet, mit den smokingbekleideten Ingenieuren in Arabien. Bei nächster Gelegenheit konnten wir sagen: »Bitte sehr: Wir hatten Smoking mit, hier ist der bildliche Beweis, aber leider sind diese (für englische Begriffe) unentbehrlichen Kleidungsstücke den Strapazen der Expedition zum Opfer gefallen.« Mit diesen Photos hofften wir, auch ohne Smoking in der englischen Kolonialwelt salonfähig zu bleiben. In der Brieftasche wohlverwahrt und doch stets griffbereit trugen wir unsere Smoking-Photos stets bei uns. Lächerlich mag dies erscheinen, aber es ist englisch.

In der letzten Station H. 1, in El Hadithe am Euphrat, trennten wir uns von der Ölleitung und all ihrem Komfort.

Mit einer gewissen Wehmut nahmen wir das letzte englische Frühstück ein und waren dann wieder allein. So sicher und bequem war diese Wüstendurchquerung, dass ich mich ihrer fast schäme.

Weidmannsheil – ein Wüstenwaran

Bagdad und allerlei Versuchungen • Radikale Verjüngungskur •

Versteckenspiel unter dem Auto • Er ist erlegt • In einem Wadi festgefahren •

Die rettende Karawane • Schwierige Verständigung

Ja, mir ist es nichts Neues mehr, dass Bagdad zunächst eine Enttäuschung bedeutet, wenn man mit Träumen von Orientzauber und Kalifenpracht hierherkommt. Ich weiß, dass nicht die Silhouetten von kuppelgekrönten Moscheen und schlanken Minaretten am Horizont auftauchen, wenn man gespannt über die Weite der Wüste blickt, sondern ein hoher Mast mit einer Windfahne, Hangars und ein moderner Betonturm – die Wahrzeichen einer Welt, in der man von Bagdad aus in zwei Tagen in London und in drei Tagen in Kalkutta sein kann. Ist es nicht lächerlich, in dieser Welt noch mit dem Auto herumzufahren? Aber was hätten wir in drei Tagen schon von dem Land gesehen, das jetzt weit und verlockend vor uns liegt?

Auch Helmuth hat den Schock über die unromantische Einfahrt nach Bagdad schon überwunden, freut sich über die üppigen Palmengärten, die all die modernen Villen umgeben, an denen wir vorbeirollen, hält sich aber dann die Ohren zu, als wir in die New Street einbiegen. Limonadenverkäufer schreien, Autos hupen, die vielen Pferdedroschken vollführen ein wahres Klingelkonzert und eine ganz besondere Note erhält das bewegliche Leben in der »Neuen Straße« durch die Bagdader Omnibusse. Es sind Personenwagen mit einer Art großer Badewanne als Karosserie, in der knapp sieben Leute Platz finden. Für ein paar Groschen kann man in diesen Klapperkästen länger fahren, als ein Europäer auf den winzigen Holzbänken überhaupt zu sitzen vermag.

Rücksichtslos haben die Türken diese große, moderne Geschäftsstraße mitten durch das alte, winklige Bagdad gesprengt, aber auch als ihre Absicht längst bekannt war, wurden, so erzählt man, die Häuser, die der Aktion zum Opfer fallen sollten, noch in großen Mengen aufgekauft. Die Käufer spekulierten mit der altbekannten Tatsache, dass die Leute im Orient nicht selten Geld und Kostbarkeiten in den Wänden, Zimmerdecken und Böden ihrer Häuser verstecken und in ihrem üblichen Misstrauen erst in allerletzter Minute ihren Angehörigen davon Mitteilung machen. Kommt jene allerletzte Minute unerwartet, dann ruhen eben die Schätze weiter in ihrem sicheren Versteck und es bleibt einem findigen Spekulanten überlassen, beim Abbruch des Hauses vorsichtig zu Werke zu gehen. Solche Mühe soll sich schon häufig gelohnt haben.

Wie überall in Bagdad schläft man auch im Tigris Palace Hotel, sobald die heiße Jahreszeit angebrochen ist, auf einfachen eisernen Bettgestellen draußen im Freien. Nach europäischen Begriffen gleicht das Hotel in diesen Nächten mehr einer Heil- als einer Gaststätte. Eins neben dem anderen stehen die Betten auf den großen Terrassen, nur hin und wieder durch eine »Mauer« aus Topfpflanzen getrennt, und man kann seine Zimmernachbarn ungehindert in ihren Pyjamas bewundern. »Nachbarinnen« gibt es keine – europäische Frauen vertragen die Hitze in Bagdad sehr schlecht und fliehen aus der Stadt, sobald der Sommer beginnt.

Gern lassen wir uns so oft wie möglich in das kühlste Haus Bagdads einladen: das deutsche Konsulat. Schon der Anblick eines gewaltigen Gemäldes der eisbedeckten Zugspitze in der Eingangshalle wirkt erfrischend, mehr noch das deutsche Tropenbier, das aus Hamburg hierhergeschickt wird. Wenn eine frische Ladung eintrifft, erfährt das gesellige Leben auf dem Konsulat jedes Mal eine beachtliche Steigerung und wenn dort auch nicht so rauschende Feste gefeiert werden wie bei der I.P.C. in der Wüste, so doch zumindest stimmungsvolle.

Unsere Post haben wir in Bagdad ebenfalls an das Konsulat beordert. Darunter war auch jene sagenhafte Sattelfeder, an die sich der Leser von »Indien, lockende Ferne« noch erinnert: Auf der Motorradfahrt nach Indien war Herbert Tichys Sattelfeder gebrochen und von Poststation zu Poststation warteten wir vergeblich auf den bestellten Ersatz. Jetzt, nach zwei Jahren, war die Sattelfeder endlich da – und war auch wertlos. Ich versenkte sie andachtsvoll in den Tigris. Helmuth meinte allerdings, ich hätte besser getan, sie im Basar zu verkaufen, wo alles und jedes Verwendung finde. Vielleicht nicht gerade eine technische – aber wären die vernickelten Dinger nicht ein origineller Halsschmuck für eine Beduinenschönheit gewesen? Und sah man nicht allerorten, wie man sich im Basar alter Zahnräder bediente oder einer Getriebewelle statt geeichter Gewichte, die einen kleinen Schwindel unnötig erschwerten? Ganz war der Orient natürlich doch nicht aus Bagdad verschwunden und wer von der New Street in die kleinen Seitengassen abbog, der konnte noch allerhand orientalische Romantik erhaschen. Allerdings nie ungemischt, denn in das Gekreisch arabischer Frauen mengt sich amerikanische Grammophonmusik und die »Briefschreiber«, die für Analphabeten Briefe und Schriftstücke aufsetzen, verwenden eine Schreibmaschine mit arabischen Lettern, deren Wagen höchst ungewohnt von links nach rechts läuft.

Der Versuchungen, in den Basaren sich das oder jenes zu kaufen, sind viele. Wir dürfen ihnen nicht erliegen, denn wo würde es enden, wenn wir auch noch Gebetsteppiche, Wasserpfeifen und Burnusse mitschleppen wollten! Im Gegenteil, der Aufenthalt in Bagdad soll dazu benützt werden, um das Gewicht des Wagens ganz radikal zu reduzieren. Im großen Hof der Arab Bus Company ging die Operation vor sich. Einstmals lagerten hier die Karawanen, heute starten von diesem »Autobahnhof« die Busse nach allen Richtungen. In den großen Gewölben, die den Hof umsäumen, sind Werkstätten untergebracht. Kühlerklempner, Motormonteure, Elektriker, Vulkaniseure, Karosseriebauer flicken die gebrechlichen Klapperkästen hier wieder zusammen. Wir leihen uns das nötige Werkzeug und nach einem Plan, den wir oft durchbesprochen haben, machen wir uns ans Werk. Die Blechplatten werden vom Holzgerippe der Karosserie gelöst und der Wagenkasten mit Säge und Stemmeisen so lang zurechtgestutzt, bis er uns klein genug erscheint. Dann werden auch die Platten der neuen Form angepasst, angeschraubt und alles, was an Holz und Blech übrig geblieben ist, an die herumstehenden Araberjungen verteilt. Ein Schneider im Basar schnitt uns dann die Plane auf das neue Maß zusammen und nach dieser Verjüngungskur war aus unserem plumpen »Lieferwagen« ein schnittiges Fahrzeug geworden, das gute achtzig Kilogramm Gewicht verloren hatte. Wichtiger aber war, dass wir nach dieser Operation die Erkenntnis gewonnen hatten: Unser Gepäcksraum ist nun um die Hälfte kleiner. Was wir darin nicht unterbringen, muss zurückgelassen werden! Ein Zwang, wie man ihn sich nicht heilsamer denken kann.

Das überflüssige Gepäck verschickten wir in zwei Richtungen: Unnötiger Luxus ging in die Heimat. Darunter auch das Grammophon und die Smokings. Eine Kiste mit Ersatzteilen und Konserven trat den Seeweg über Basra nach Hanoi in Indochina an. Dort und in Kalkutta würden wir also ein Depot vorfinden. Was waren wir doch für Optimisten!

Immerhin war uns jetzt leichter. Uns und dem Wagen. Das merkten wir bereits auf dem kleinen Abstecher, den wir in den nächsten Tagen von Bagdad aus unternahmen. Einmal schon, auf meiner Indienfahrt, hatte ich als »Ungläubiger« es gewagt, eine Stätte zu besuchen, die für die schiitische Welt des Islams ein ganz besonderes Heiligtum bedeutet: die Stadt Kerbela. Diesmal wollen wir über Kerbela zu einer noch heiligeren Stätte vordringen, denn glücklich, wer in der Erde von Kerbela begraben liegt, glücklicher, wer seine letzte Ruhestätte in En Nedschef findet. Dort birgt die Moschee die Gebeine des Kalifen Ali, eines nahen Verwandten des großen Propheten, und wer ihren Mauern am nächsten bestattet wird, hat am meisten Aussicht, beim Jüngsten Gericht der Fürbitte Alis teilhaftig zu werden. So sagen wenigstens die Mollahs und lassen sich für ein Grab am Fuß der Moschee entsprechend viel bezahlen. Reiche schiitische Kaufleute sind auch gerne bereit, für einen bevorzugten Platz große Summen zu opfern, und Religion und Geschäft gehen die alte, bewährte Verbindung ein.

Die hundertzwanzig Kilometer zwischen Kerbela und En Nedschef fahren wir fortwährend durch tiefen Sand. Nur im ersten und zweiten Gang kommen wir vorwärts. Plötzlich springt vor uns etwas auf: echsenartige Tiere, ähnlich kleinen Krokodilen, aber mit einem viel dickeren, kürzeren, gepanzerten Schwanz. Vier oder fünf Stück sind es.

»Wüstenwarane!«, schreit Helmuth, »so ein Biest müssen wir haben!« Es sind zum Teil ganz respektable Tiere, etwa eineinhalb Meter misst wohl das größte. Schon Herodot gab diesen Waranen den Namen »Landkrokodile«. Ein paar verschwinden in Sandmulden und Löchern, aber einer findet keinen Unterschlupf und saust mit erstaunlicher Geschwindigkeit vor uns her. Wir fahren ihm nach und stellen schadenfroh fest, dass es kein Hase ist, der die Kunst versteht, plötzlich Haken zu schlagen. Der Waran eilt in Schlangenlinien durch die Wüste und wir haben Mühe, ihm zu folgen. Schließlich geht ihm die Puste aus und plötzlich bleibt er stehen. Es ist eine komische Situation. Etwa zwanzig Meter vor uns steht wie angewurzelt die Bestie und glotzt das Auto an. Deutlich sieht man die fliegenden Flanken des keuchenden Tieres.

Helmuth hat einen Revolver. Jetzt ist er in der Eile natürlich nicht greifbar.

Da geschieht etwas Unerwartetes: Der Waran saust mit letzter Kraft wieder los, direkt auf uns zu. Mir wird etwas flau zumute. Regungslos vor Schreck sitzen wir im offenen Wagen, der noch dazu türlos ist, die nackten Schenkel jedem mutigen Angriff preisgegeben. Jetzt ist das Biest da und – saust unter das Auto! Wir drehen uns um, blicken nach allen Seiten, kein Waran ist zu sehen. Er liegt unter dem Wagen und rührt sich nicht.

Wir beide schauen uns verdutzt an. Wir wollen diese Jagdbeute haben, sitzen sozusagen auf ihr und haben sie doch nicht. Unter uns das pfeifende Atmen der Bestie. Helmuth kramt nach seinem Revolver. Dann muss er ihn erst laden. Jetzt ist es so weit.

»Kitzel ihn mit einem Staberl.«

»Ich habe keines.«

»Nimm den Spaten.«

Vorsichtig schnalle ich ihn von der Seite los, beuge mich hinaus und stochere unter dem Auto herum. Der Waran flitzt auf der anderen Seite heraus. Bum! und noch einmal bum! und dann ist der Waran tot. Helmuth ist etwas erstaunt über diesen verblüffenden Erfolg. Jetzt wird der Wüstenwaran in Ruhe besichtigt. Kopf, Rücken und Schwanz sind mit starken Hornschuppen gepanzert. Ich glaube nicht, dass die Wüstenwarane dem Menschen gefährlich werden, aber ihre Größe ist imponierend. Wir schnallen das Tier über die Reserveräder. In Nedschef soll das ein guter Braten werden und der Panzer muss als »Jagdtrophäe« nach Hause. Wo sind die guten Vorsätze? Das kann ja heiter werden, wenn wir jetzt schon wieder beginnen, den Wagen zu überlasten!

Weiter nach En Nedschef, das die Araber auch Nedschef-Mesched nennen, die Stadt des Grabmals.

Aber wie geht es weiter?

Durch die Jagd auf den Waran haben wir Spuren und Orientierung verloren. Wo ist die Autopiste? Rechts oder links von uns? Abseits der großen Verkehrsstraße Bagdad - Damaskus hat sich schon manche Tragödie verirrter Autofahrer ereignet. Einmal verdurstete die Besatzung eines Wagens ganze acht Meilen von der Piste entfernt. So etwas passiert nur Europäern. Die Araber haben einen geradezu unheimlichen Orientierungssinn. Versucht man aber mit Karte und Kompass eine Oase anzusteuern, so ist unbedingte Voraussetzung, dass man genau den Ausgangspunkt der Berechnung kennt. Hat man sich erst einmal verfahren, dann wird jede weitere Orientierung ein Spiel mit dem Glück. Man weiß wohl: Hier an dieser Stelle der Karte muss ich mich beiläufig befinden. In diesem »beiläufig« aber liegt die Gefahr, denn eine Oase ist nur ein winziger Punkt in dem Sandmeer der Wüste. In den Annalen der modernen Wüstenerschließung sind Fälle verzeichnet, wo Expeditionen eine Oase anpeilten und sie nie erreichten. Sie waren nur einige Dutzend Kilometer links oder rechts daran vorbeigefahren, in die verderbenbringende Leere der Wüste hinaus.

Auf der Fahrt nach En Nedschef ist das zum Glück nicht so tragisch. Es herrscht Autoverkehr, Karawanen ziehen nach der heiligen Stadt und irgendwie werden wir schon wieder auf die richtige Spur stoßen. Durch ein tiefes, sandiges Wadi wollen wir versuchen, den Wagen mit Schwung hindurchzutreiben, aber es ist erstaunlich, wie sehr eine auch nur dreißig Zentimeter tiefe Sandschicht zu bremsen vermag. Der Motor schnauft ein paar Mal heftig, man kann gerade noch auskuppeln, um ihn nicht abzuwürgen, und schon sitzen wir fest. Noch dazu an einer besonders bösartigen Stelle. Zwar ist der Wagen nicht »bis über die Achsen eingesunken«, wie es in der Kraftfahrersprache so schön heißt, aber der Motor hat einfach nicht die Kraft, den großen Widerstand des Sandes zu überwinden. Da gibt’s nur eins: abladen! In einer Hitze, die unsere Hundstagetemperaturen bei weitem übertrifft, wird das Gepäck mühsam nach vorn bis an den Rand des Wadis geschleppt. Sogar die Reserveräder rollen wir hin und schleppen den toten Waran hinüber.

Wird es jetzt gehen? Der Motor springt an, aha, die Räder drehen sich – aber am Fleck! Keinen Zentimeter rührt sich der Wagen von der Stelle. Wir versuchen, Gummimatten unter die Hinterräder zu legen, aber es nützt nichts. Fast senkrecht brennt die Sonne auf uns herunter, zwei Stunden sind schon verloren und En Nedschef ist noch weit.

Unbemerkt hat sich der Führer einer Karawane genähert. Wir schauen erst auf, als er knapp vor uns steht, und begreifen nicht, was er sagen und uns bedeuten will. Immer wieder weist er heftig gestikulierend abwechselnd auf das Auto und dann längs des Wadis in östlicher Richtung. Nun probieren wir es unsererseits mit der Zeichensprache. »Helft uns doch!«, bitten wir mit der ganzen Beredsamkeit unserer Hände und Mimik und schon graben kräftige braune Arme im Sand und legen den Wagen frei. Zum ungeschriebenen Gesetz der Wüste gehört eine unbedingte Kameradschaftlichkeit und Hilfsbereitschaft, die sich auch hier wieder einmal bewährt. Binnen kurzem werden wir flott und stehen bald auf festem Boden. Wieder deutet der Anführer in die gleiche Richtung wie vorhin und dann auf das Auto. Sollten wir uns ganz verfahren haben?

»En Nedschef?«, fragte ich und zeigte ebenfalls in die angegebene Richtung.

Der Araber nickte eifrig mit dem Kopf, was so viel wie »Nein« bedeutet. Ein Glück, dass wir mit diesem orientalischen Brauch vertraut sind. Sonst wären wir sicher am Wadi entlanggefahren, um mit leeren Benzintanks irgendwo stecken zu bleiben. Vielleicht hätte man uns nach Tagen gefunden, vielleicht auch nicht – was kann doch alles von einem missverstandenen Kopfnicken abhängen!

Die Toten suchen Allahs Nähe

Nach En Nedschef • Gräber, soweit das Auge reicht • Einbalsamierte und nasse

Leichen • Vertraute Klänge in der Wüste • Wieder in Bagdad • Schwimmen im

Tigris ist gefährlich • Zehn Tage Krankenhaus retten uns das Leben • Es war

Kismet • Über die 3.000 m hohen Pässe Persiens • Das persische Schilda

Gegensätzliche Dinge bezeichnen so einen Weg durch die Wüste. Das Skelett eines Kamels – ebenso häufig heutzutage, aber auch das Wrack eines alten Chevrolets. Abgenagte Knochen und leere Benzinkanister. Wann wird man nur mehr Kotflügel, Wagenkästen und Räder längs einer Karawanenstraße finden? Sauber sind kleine viereckige Plätze da und dort mit Steinen abgegrenzt; wenn mohammedanische Reisende zur Stunde des Gebets vorbeikommen, nehmen sie ihren Teppich vom Kamel oder aus dem Auto, breiten ihn zwischen den Steinen aus und verrichten ihre Andacht.

Wird so für die Bedürfnisse der Seele gesorgt, so gibt es auch ähnliche abgegrenzte Stellen für die Bedürfnisse des Lebens. Entnimmt man bei uns einem hölzernen Kästchen zusammengefaltetes Papier, so greift man hier nach einem der runden, kleinen, glatten Steine, die säuberlich innerhalb der Abgrenzung zu zwei Pyramiden geschichtet sind. Man muss nur darauf achten, keinen der Steine zu erwischen, die an der Oberfläche liegen und der vollen Sonnenbestrahlung ausgesetzt sind. Lästige Verbrennungen wären die Folge. Nach Gebrauch legt man ihn auf die andere Pyramide zurück (welche die Pyramide der gebrauchten Steine ist, lässt sich meist erkennen) und nach wenigen Tagen haben Sonne und Wind so gründlich gearbeitet, dass er wieder glatt und sauber ist wie zuvor. Dann kann die hoch angewachsene Pyramide wieder langsam abgetragen werden, auf die andere Seite hinüber, und es bleibt den praktischen Wüstenbewohnern erspart, an das Nachfüllen hölzerner Kästchen zu denken.

Kein Zweifel mehr, dass wir auf dem rechten Weg nach En Nedschef sind. Immer wieder begegnen wir Leichenkarawanen, die in Asche einbalsamierte Mumien nach dem heiligen Ort bringen. Monatelang sind sie oft unterwegs, um Tote der schiitischen Sekte, die bei Lebzeiten reich genug waren, sich diesen Luxus zu leisten, nach diesem ersehnten Ziel zu schaffen; sie kommen aus Persien, Usbekistan, Ferghana, Afghanistan. Wer aber den althergebrachten Transportmitteln selbst im Tode untreu wird, der lässt seinen Sarg in ein Auto, ja selbst in ein Flugzeug verladen, das dann mitten in der Wüste, in der Nähe En Nedschefs, mit seiner seltsamen Fracht zu Boden geht. Beim Inhalt dieser Särge handelt es sich allerdings meist um nicht einbalsamierte, sogenannte »nasse« Leichen, deren Transport im Grunde genommen überhaupt verboten ist. Aber darum kümmert sich niemand, man trachtet begreiflicherweise nur, ihn so rasch als möglich ans Ziel zu bringen.

Noch zittert die Kuppel der Moschee von En Nedschef in weiter Ferne im Sonnenglast, aber schon fahren wir zwischen Tausenden und Tausenden von Gräbern hindurch, ein unabsehbarer Friedhof, der in zwei Kilometer breitem Gürtel die Stadt umsäumt. Völlig ungeordnet liegen flache Grabsteine eng nebeneinander, dazwischen Mausoleen aus Ziegeln oder gebrannten Kacheln in Form einer Miniatur-Moschee. Armselige Ruhestätten, reichere, prunkvolle, darin ein Meer von Toten, alle gleich in der Hoffnung, an diesem Ort das Heil zu finden.

Glühendrot, keine Kugel, sondern ein seltsam abgeplatteter Ball, versinkt die Sonne eben am Horizont, als wir vor dem Nordtor von En Nedschef halten. Es ist zu eng, um dem Wagen Einlass zu gewähren, und ein Polizist in sauberer Khakiuniform bringt uns zum Polizeigebäude außerhalb der Stadtmauern. Wie eine kleine Festung liegt es mitten zwischen den Gräbern. Der junge Kommandant ist stolz auf sein Englisch, stolz auf den Telegraphenapparat, der ihm unsere Ankunft bereits gemeldet hat, stolz auf das Festmahl, das er uns zu geben die Absicht hat. Wie freut er sich aber, wie freuen sich seine Soldaten, als wir den erlegten Waran dazu beisteuern, der in diesen Breiten als ganz besonderer Leckerbissen gilt.

Während wir so im Hof unter freiem Himmel tafeln, hören wir hinter uns militärischen Marschtritt und dann ein lautes »Habt Acht!«

Haben wir recht gehört?

Eine Musikkapelle ist aufmarschiert. Der Kommandant der Festung gibt ein Zeichen und die Kapelle schmettert los. Es war nicht leicht zu erraten und manche arabische Dissonanz mischte sich hinein, aber es war »Fest steht die Wacht am Rhein …« Wir waren sehr überrascht und der Kapellmeister grinste von einem Ohr zum anderen. Dann spielte er »Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus …«

Wir sangen mit und die allgemeine Begeisterung kannte keine Grenzen. Der Herr Chefmusikus hatte bei den Türken gedient, diese wieder hatten im Ersten Weltkrieg, offenbar auch auf musikalischem Gebiet, deutsche Instruktoren gehabt und so waren die vertrauten Klänge bis in die arabische Wüste vorgedrungen. Wir versuchten uns für diesen Gruß aus der Heimat mit dem jüngsten heimatlichen Schlager: »Wir Kameraden der Berge« zu revanchieren. Ob es gut war, weiß ich nicht, einen Beifall hatten wir jedenfalls wie zwei Operntenöre.

Inzwischen ist längst die Nacht hereingebrochen, eine jener tief blauen, sternenübersäten Orientnächte, die flimmernd die dunkle Silhouette der Moscheenkuppel und der vier schlanken, hohen Minarette umschließen. Unter dem Sternenzelt, mitten unter den Soldaten, betten wir uns im Hof der Polizeistation zur Ruhe. Das ist gut so, denn an keinem anderen Ort in dem heiligen En Nedschef wäre es ratsam …

Unter polizeilicher Bedeckung wandern wir am nächsten Tag in die Stadt vor das goldbeschlagene Tor der Moschee des Kalifen Ali. Aber unseren Begleitern ist erst wohl zumute, als wir mit ihnen in den Basaren untertauchen. Zu drohend waren die Mienen der Priester, die das Tor der Moschee bewachten, und es ist gar kein Zweifel, dass man jeden Versuch, dort einzudringen, schmerzlich büßen müsste. Nur weil sie photographische Aufnahmen machten, sind Europäer hier sogar ums Leben gekommen.

Wir sind sehr erfreut, dass eine Karawane, die draußen vor den Toren der Stadt lagert, keine Bedenken trägt, sich im Bild verewigen zu lassen. Bei den jungen unverschleierten Mädchen siegt die Neugier über die Scheu. Ihr Gang ist ein schönes, wiegendes Schreiten und sie sehen prachtvoll aus mit ihren dunklen, brennenden Augen und fein geschnittenen Zügen, mit goldenen Ohrringen und einer goldgefassten Perle im Nasenflügel als einzigem Schmuck. Abstoßend hässlich allerdings sind die alten Beduinenfrauen und sie wehren sich (mit Recht) kreischend gegen jeden Versuch, sie zu photographieren.

Noch wird ringsum über Feuern aus Kamelmist gekocht und auf flachen, erhitzten Steinen Brot gebacken. Noch sind die Lasten und Sättel um das Lager aufgestellt und die Kamele – darunter weiße, sehr wertvolle Rennkamele – an den Vorderbeinen gefesselt, aber am Abend soll die Karawane losmarschieren, in Richtung Innerarabien, nach Mekka, das nahezu elfhundert Kilometer entfernt liegt! In sechsunddreißig Tagen will sie ihr Ziel erreicht haben.

Wir aber kehren nach Bagdad zurück.

Es war nicht kühler geworden in der Stadt Harun al Raschids und begeistert ließen wir uns im Motorboot des Konsulats den Tigris hinauffahren, sprangen ins Wasser und trieben mit den Wellen stromab. Viele Europäer erfreuten sich dieser Erfrischung – aber wenige werden dabei solches Pech haben wie ich. Beim Schwimmen verspürte ich plötzlich einen heftigen Riss und schon färbte sich das Wasser ringsum verdächtig rot. Ich konnte gerade noch das Ufer erreichen und wurde dort mit einer langen, klaffenden Wunde am Bauch herausgezogen. Was war geschehen? Hatte sich ein Haifisch aus dem Persischen Golf in den Tigris verirrt, was selten, aber doch vorkommen soll? Nein, meine Verletzung hatte eine »technische« Ursache. Ich war beim Schwimmen dem Ufer zu nahe gekommen, knapp unter Wasser hatte sich dort ein aufgeschnittener Benzinkanister mit zackigen Rändern verfangen und mir die hässliche Wunde beigebracht. Ich musste genäht werden und zehn Tage in Rückenlage verbringen. Da konnten auch Thermosflaschen voll Eiscreme, mit denen Helmuth mich zu trösten versuchte, meine Laune nicht heben.

Zu allem Unglück kam die Nachricht auch noch in die Wiener Zeitungen – ich weiß bis heute nicht, wie. »Max Reisch in Bagdad verunglückt«, so lautete die fette Überschrift über dem großen Dreispalter. Das hatte gerade noch gefehlt, um der Expedition den letzten Kredit zu nehmen.


Durch den Iran

War dieser Unfall im Tigris wirklich ein Unglück? Zehn Tage wurden wir durch meine Verwundung in Bagdad aufgehalten und retteten dadurch unser Leben. Es war Schicksal, höhere Fügung, Fatum, Kismet – die Vorbestimmung allen Lebens und Sterbens, wie es Allah bestimmt und Mohammed gepredigt hat.

Ich hatte einen guten Freund in Indien, Lativ Hamid, der bei unserer Motorradfahrt damals sogar die Lichtmaschine versteckt hatte, weil er fand, wir müssten noch ein paar Tage länger bei ihm bleiben. Es war selbstverständlich, dass ich ihn in Quetta wieder besuchen würde. Wir hatten uns häufig geschrieben und er wartete auf unsere Ankunft. Wegen des Unfalls in Bagdad kamen wir verspätet in Quetta an. Vier Tage zuvor hatte das größte Erdbeben des Jahrhunderts die Stadt dem Erdboden gleichgemacht. Zehntausend Tote! Die englischen Soldaten halfen uns, aber wir fanden nicht einmal die Straße, in der Lativs Haus gestanden hatte.

Ich war sehr traurig und sehr nachdenklich. Meine Gedanken kehrten zurück nach Bagdad, wo ich missgelaunt im heißen Spital gelegen hatte. Wäre mir das damals erspart geblieben, so läge ich heute unter den Trümmern von Quetta.

Einen dicken Verband habe ich noch um den Bauch, als wir Bagdad verlassen, aber lieber kleine Unannehmlichkeiten auf sich nehmen, als noch länger in den Mauern dieser Stadt eingesperrt sein, die eine wahre Höllenglut ausströmen. Jetzt geht es endlich den persischen Bergen zu, dem kühlen Lufthauch der Höhe.

In tiefen Zügen atmen wir die frische Gebirgsluft ein, die Lungen weiten sich, begierig blicken wir zur Höhe empor. Im zweiten Gang kriecht der Wagen die steilen Kehren des Pa-i-Tak-Passes hinauf. Eine leidlich gute, von den Russen im Ersten Weltkrieg angelegte Straße verbindet die Hauptstädte Iraks und Irans und die Strecke von 980 Kilometern, die früher von den Karawanen in vier Wochen zurückgelegt wurde, bewältigen die Autobusse jetzt in drei bis vier Tagen.

Dennoch waren schon früher einmal, in der Blütezeit des großen Perserreiches der vorchristlichen Ära, der »Postdienst« und die Schnelligkeit der Verständigung zwischen den einzelnen Orten des riesigen Landkomplexes vorbildlich gewesen. Dort unten, wo in den Schluchten des Pa-i-Tak die Spuren eines verfallenen Weges zu sehen sind, jagten einst die Postreiter von Darius und Xerxes dahin und ohne all die technischen Hilfsmittel, auf die wir heute so stolz sind, wurden vor Jahrtausenden Leistungen vollbracht, vor denen man alle Achtung haben kann. Weder Hochgebirge noch Schluchten, weder die Sandwüste der Lut noch die Salzsümpfe der Kewir waren ein Hindernis, Tausende von Farsach (ein Farsach ist etwa sieben Kilometer) zogen sich die Poststraßen durch das Land, um überallhin die Kunde von der Macht und Größe des Reiches der Achaemeniden zu bringen. Wie primitiv müssen die Mittel gewesen sein, mit denen man vor urdenklichen Zeiten dem Gelände den bescheidenen Weg da unter uns abgerungen hat! Kaum zwei Meter ist er breit, aber über diese Steine, die Hunderttausende von Sandalen glattscheuerten, über diesen Fels, in den ungezählte Wagen tiefe Rillen kerbten, zogen die Heerscharen Alexanders des Großen nach Indien, fegten die Reiterstafetten Dschingis-Khans von der innersten Mongolei bis ans Mittelmeer, vermittelten endlose Karawanen den Austausch der Güter zwischen den beiden Kulturzentren Mesopotamien und Turkestan. Dort stieß ihr Weg dann auf die bekannte Seidenstraße, die durch Jahrhunderte die Überlandverbindung von Europa nach China gewesen ist. Was man heute von dem alten Weg erkennen kann, abgerutscht, von Steinlawinen begraben, von Disteln überwuchert, ist ein trauriger Überrest früherer Herrlichkeit.

Beim Wiederaufbau des neuen Iran wurde von der alten Erkenntnis ausgegangen, wie notwendig die Straßen sind, um ein ausgedehntes Reich zusammenzuhalten. Hunderte von Autos rollen täglich über die neuen Straßen Persiens und befördern Waren und Menschen, Post und Zeitungen bis ins kleinste Dorf. Die bedeutendsten Verbindungslinien werden, wie die unsere, durch Polizeistationen gesichert. Oben auf den Hügeln sehen wir sie stehen, einer kleinen Festung gleich, mit Wachtturm und gepanzerten Fahrzeugen im Hof. Man macht alle Anstrengungen, um mit dem Räuberunwesen aufzuräumen, das in manchen Teilen des Landes noch in voller Blüte stehen soll. So wie eh und je, denn wir kommen an einer Höhle vorbei, in die Schah Abbas vor dreihundert Jahren als abschreckendes Beispiel vierzig Räuber lebendig einmauern ließ. Wohl eine Erinnerung an Ali Baba.

Die Motorisierung schreitet ständig fort, das Kamel aber hat seine Rolle durchaus nicht ausgespielt, sondern im Gegenteil eine neue Aufgabe bekommen. Es transportiert, nebst anderen Waren, die nicht rasch befördert werden müssen, in der Hauptsache Benzin. Vier Kanister mit je achtzehn Liter Inhalt trägt jedes Kamel. Wochenlang sind solche Benzinkarawanen unterwegs, um auch in den entlegensten Dörfern und Oasen die Depots aufzufüllen. Die Marke »BP« ist jedem Kanister eingestanzt. »Britisch Petrol« sagen die Engländer in den Raffinerien von Abadan in Südpersien. »Benzine Persane« nennen es die Perser. Beide Teile haben recht: Der Schah verdient genauso an der Konzession wie die Anglo-Iranian Oil Company am Benzin. So ist »BP« allen von Nutzen und nur die Kamele stöhnen unter seiner Last.

Wie wir da in unserem schönen Wagen sitzen und die romantische persische Landluft genießen, sage ich zu Helmuth: »Siehst du, hier gerade an dieser Stelle ist der Platz, wo vor zwei Jahren unser winziges Motorradzelt stand, und darin lag Herbert Tichy mit einer schweren Blutvergiftung in wilden Fieberphantasien …«

Ja, das waren Zeiten! Und nun reisen wir bequem im Automobil.

Kaswin, die Stadt, die wir auf unserem Weg nach Teheran durchfahren, ist in Persien das, was Schilda mit seinen Schildbürgern für Deutschland bedeutet. Von den vielen köstlichen Geschichten, die man über ihre Bewohner erzählt, hat mir am besten die »moderne« Legende von dem Kaswiner gefallen, der zum ersten Mal in seinem Leben einen Fabrikschornstein zu Gesicht bekam. »Was ist das?«, fragte er ganz verblüfft. Und da man ihm seine Herkunft gleich ansah, bekam er zur Antwort:

»Ein Brunnen, den man aus der Erde gezogen hat, damit er trocknet.«

In Teheran gibt es ein freudiges Wiedersehen mit Freunden aus der Zeit der Motorradfahrt (»Indien – lockende Ferne«). – Am Konsulat ist einige Post, auch von unseren Auftraggebern …. Man hoffe, dass es nun schneller vorangehe. An uns soll es nicht liegen!

Die im Vertrag vorgesehene Überweisung war in Teheran eingetroffen und wir machten sie in der persischen Staatsbank »Melli« zu einem Bündel neuer Toman-Scheine. Gerne sagten wir unseren Freunden und der eher farblosen Hauptstadt des »Silbernen Löwen« Lebewohl und fuhren durch das Osttor hinaus, in Richtung Kevir-Wüste, Meschhed und hoffentlich Afghanistan …

Die Nacht verbringen wir schon weit draußen in einer der Auto-Karawansereien auf dem Weg nach Meschhed. Die Unterkunft ist mehr als dürftig, aber es gibt ein kräftiges persisches Landessen mit Tee, Reis, Hammelfleisch, Gemüse und Wassermelonen. Wir nehmen dieses Mahl im Kreis persischer Wagenführer ein, einige sprechen ein paar Worte Englisch, Arabisch, Hindostani. Viele von ihnen sind vor ein paar Jahren noch mit Karawanen gezogen und haben sich nun umgestellt. Nicht wenig verlangen die Lastautobesitzer von ihren Fahrern. Bis zu sechzehn Stunden sitzen sie täglich am Lenkrad der schweren Lastwagen und nicht selten muss ihnen Essopium über die Anfälle schwerster Müdigkeit hinweghelfen. Dafür schlafen sie dann in den Karawansereien wie die Toten, meist neben ihren Wagen. Nie aber vergessen sie, die Federn des Autos zu entlasten. Es wird hochgebockt, sodass die Federn frei und unbeschwert sind und sich von des Tages harter Mühe auf persischen Straßen erholen können. Natürlich ist diese Arbeit höchst umständlich, aber man musste früher ja auch allmorgendlich die Kamele von ihren Lasten befreien, nachdem sie einen langen Marsch durch die nächtliche Wüste hinter sich hatten. Genauso sorgt man heute für das Auto. Es wäre freilich nicht notwendig, wenn die Wagen nicht so sinnlos überlastet würden. Zweitonner schleppen das Doppelte! Dadurch biegen sich die Federn derart durch, dass die Räder oft an den Kotblechen anstreifen. Kein Wunder, dass die gemarterten Federn nach Entlastung schreien.


Persischer Empfehlungsbrief, ausgestellt von der iranischen Gesandtschaft in Bagdad, geschrieben mit persischer Schreibmaschine

Dichterworte und dichter Staub

Das Grabmal des Dichters • Ein Kleinod hinter Lehmmauern •

Nächtlicher Sandsturm und eine Reifenpanne • Gastmahl in Nischapur •

Persischer Knigge

»Viele gingen schon den letzten Gang, den schweren,

zurück kam keiner, Wahrheit uns zu lehren.

Hüt dich in dieser Herberg Welt vor dem Begehren,

lass nichts zurück, nie wirst du wiederkehren.«

Aus weiter Ferne schon sahen wir im Dunst der Wüste die Kuppel jenes Bauwerks bläulich schimmern, das dem Besucher diesen Spruch mahnend entgegenhält. Es ist das Grabmal Omar Chajjams, das für mich am schönsten und vollkommensten alles verkörpert, was man sich unter »orientalischem Zauber« nur irgend vorstellen kann. Chaj-jam heißt »Zeltmacher«. Dieser Beiname muss sich auf ein sehr frühes Stadium seines Lebens beziehen, denn später wurde Omar Astrologe, Weiser und vor allem Schöpfer einer blühenden Fülle lyrischer Strophen, die immer noch im persischen Volk lebendig sind und nicht nur für dieses Volk, sondern für alle Menschen eine verständliche, zu Herzen gehende Sprache sprechen.

Seinem großen Sohn hat Persien im 14. Jahrhundert, etwa dreihundert Jahre nach seinem Tod, eine unvergleichliche Gedenkstätte geschaffen. Wir fahren an einer unscheinbaren, aus Lehmziegeln bestehenden Mauer entlang und niemand würde vermuten, welches Kleinod sich dahinter verbirgt. Aber schon das geschmiedete Gittertor, das den ersten Blick in das Innere eines lieblichen Gartens freigibt, ist ein vollendetes Kunstwerk. Es öffnet sich, fünfzig Meter trennen uns von der Hauptfassade des Grabmals und dieser fünfzig Meter lange Weg ist umrahmt von Blumenbeeten in den leuchtendsten Farben, Rosen, Narzissen, Zyklamen, tief goldgelben Dotterblumen, Stiefmütterchen und viele andere Arten, deren Namen mir so fremd sind wie die Blumen selbst. Die Beete formen Ornamente, arabische Schriftzeichen, den Baum des Lebens und in ihrer Mitte spielen Goldfische in einem blau glasierten Wasserbecken. Dieses einzigartige Blau wiederholt sich hundertfach am Bauwerk selbst, das Portal ist ganz aus blau glasierten Kacheln mit Arabesken, Blüten und Blumenmustern, blaue Säulchen teilen die Doppelfenster der beiden Fensterreihen oben und unten und über dem Bau schwebt zierlich und elegant geschwungen die Kuppel, ebenfalls aus glasierten Kacheln. Sie überdacht den großen Hauptraum, dessen Mauern mit Verzierungen aller Art übersät sind, Einlegearbeiten aus zugeschliffenen Steinen in allen Farben. Der Boden ist mit den herrlichsten weichen Teppichen belegt und durch bemalte Fensterscheiben fällt gedämpftes, farbiges Licht gerade auf den mächtigen Sarkophag aus rötlichem Gestein, auf dem in arabischen Lettern die Lebensgeschichte des großen Dichters verzeichnet ist. Andächtige Stille herrscht in diesem Raum, der trotz aller Buntheit, trotz überreicher Verzierung nicht unruhig wirkt und nicht überladen.

Nebenan kann man in kleineren Gemächern prachtvoll in Leder und Metall gebundene Bücher und Schriften bewundern, Sammlungen von Miniaturen, Schmuck und Specksteinschnitzereien.

Ganz benommen noch von dem Gesehenen, lassen wir uns draußen unter einem Aprikosenbaum nieder, dessen Zweige sich unter der Last der Früchte tief herunterbiegen. Der Perser, der uns begleitet, lädt mit einer Handbewegung zum Essen ein. Und sicher war es ganz im Sinn des Dichters, wenn wir angesichts seines zauberhaften Grabmals ein wenig von des Lebens Köstlichkeiten genossen. Er war sich der Vergänglichkeit aller Dinge sehr bewusst, aber gerade darum trachtete er, sie in vollen Zügen auszukosten, und seiner Liebe zum Wein danken die östlichen Sänger so reizende Verse wie diese:

»Ihr wisst, o Freunde, lange schon bedacht,

ward neu ein Hochzeitsfest bei mir gemacht:

Vernunft, die dürre, bannt’ ich aus dem Bett

und hab’ des Weinstocks Tochter hingebracht!«

Die Oase blühender Schönheit bleibt hinter uns und wieder umfängt uns die Wüste in ihrer einzigartigen Öde. Schon seit Tagen ist der Himmel bleiern grau und eine dicke, schwere Nebelschicht scheint sich beklemmend auf die Lungen zu legen. Ist es überhaupt Nebel? Nicht an die Sprüche der Dichter, wohl aber an die Worte der Bibel müssen wir jetzt denken: »Und die Sonne verdunkelte sich …« Genauso geschieht es, als der Nebel sich nun als aufgewirbelter Sand entpuppt, der pfeifend und singend über die Steppe jagt. Urplötzlich ist der Sturm gekommen, wir haben kaum noch Zeit, das Dach überzuziehen und die Seitenteile einzuhängen.

In unregelmäßigen, wirbelnden Stößen umheult der Sturm das einsame Fahrzeug in der weiten Wüste. Böen packen es an und wollen es zur Seite schleudern. Fest müssen die Hände das Lenkrad umklammern. Langsam füllt sich unsere Kabine mit Staub, der durch alle Ritzen dringt. Es gibt keinen Schutz gegen den feinen Wüstensand. Wir sind um die Film- und Photoapparate besorgt. Was wird das wieder für Überraschungen geben! Dem Vergaser wird es zu dumm, er beginnt trotz der Filter zu streiken. Mit viel Gas und gleichzeitigem Auskuppeln versuche ich immer wieder, ihm Leben einzuhauchen. Armer Motor, wie viel Staub bekommst du zu schlucken! Aber wir können die Nacht nicht hier in dieser Einöde verbringen und setzen trotz der tobenden Naturgewalten die Fahrt langsam fort. Noch immer zeigt sich kein Dorf, keine Karawanserei. Nur verlassene Ruinen ehemaliger Unterkünfte, die durch den Autoverkehr überflüssig geworden sind.

An ein Übernachten im Freien ist nicht zu denken. Wir müssen so bald als möglich ein schützendes Dach erreichen, um uns und den Wagen vor dem peitschenden, beißenden Sand zu sichern. Also weiter!

Welche Windstärke unserem Sturm zukommt, kann ich nicht sagen, aber die Windsbraut fasst den Wagen und wirft ihn oft mehrere Meter zur Seite, ohne dass die Hände am Steuer auch nur die leiseste Drehung gemacht hätten.

Sand und Salzstaub prasseln gegen die Scheiben. Im Lichtkegel der Scheinwerfer funkeln Tausende von Salzkristallen, die der wütende Sturm uns entgegenpeitscht. Heftiges Jucken wird durch Salz und Staub hervorgerufen – aber sonst ist es im Wagen ganz gemütlich. Der Rauch süßer persischer Zigaretten erfüllt die Kabine und erzeugt sogar ein gewisses Behagen. Soll doch der Sturm rasen, uns kann kaum etwas geschehen. So schlimm wird es auch mit dem Versanden der Kameras nicht sein. Gelesen hat man ja allerhand über solche Dinge, aber – na ja.

Der Wagen bahnt sich seinen Weg durch Wind und Nacht. Die Gedanken aber eilen zurück: Ich entdecke mich dabei, wie ich eine Hand löse und das Steuerrad tätschle: guter, treuer Weggefährte! Fünftausend Kilometer waren seine Reifen schon über spitzes Geröll und heißen Sand in Asien gelaufen und nicht einmal einen »Plattfuß« verzeichnet das genau geführte Bordbuch.

»Erstaunlich, welches Glück wir haben!«, sage ich zu Helmuth.

Das hätte ich nicht tun sollen. Kaum ist der Satz zu Ende, poltert und stößt es, der Wagen rollt auf der Felge.

»Das ist ja lustig«, meint Helmuth. Wir rauchen die Zigarette noch ruhig zu Ende, auf ein paar Minuten kommt es nicht an. Dann aber heraus! Der Sturm reißt uns fast zu Boden. Schwarze Nacht breitet sich um uns. Zum Überfluss ist der Absuchlampe kein Fünkchen zu entlocken. Ich setze den Wagenheber unter die Achse, schraube und schraube; aber der Wagenheber versinkt im Sand. Helmuth bringt ein Brett, jetzt hebt sich der Wagen, das Rad wird frei. Der salzige Sand peitscht gegen unsere Gesichter, läuft unter dem Hemd den Rücken hinunter. Schweiß mischt sich dazu. Die Augen schmerzen und triefen, als wir nach einer halben Stunde das Rad gewechselt haben und in den Wagen zurückklettern.

Weiter! Mit neuer Kraft stemmt sich der willige Motor gegen die feindliche Natur und spät, spät nachts fahren wir endlich in einen Ort, in eine geschützte Karawanserei ein.

Der nächste Reisetag bringt eine erfreuliche Abwechslung. Wir besuchen mit einer Empfehlung des Hauptbüros der Anglo-Iranian Oil Company in Teheran Abdul Hussein, den Benzinagenten dieser Gesellschaft in Nischapur. Ein Polizist bringt uns zu einem unscheinbaren Haus. Und wieder erleben wir wie bei Omar Chajjams Grabmal das Wunder, dass sich hinter öden, ausgedörrten Lehmmauern ein wahres Paradies verbirgt. Wasser plätschert, Blumen leuchten und duften. Der Hof ist von einer Säulenreihe umsäumt. Wider Erwarten gelangen wir in einen kleinen Palast.

Ein Diener bietet uns Platz an, wir übergeben ihm unsere Karten. Vorsorglich sind sie englisch, französisch und arabisch gedruckt. Es dauert nicht lange und der dienstbare Geist kommt zurück: Abdul Hussein lässt bitten. Wir treten ins Innere des Hauses. Der Hausherr erhebt sich von seinem Sitzkissen hinter dem niedrigen Rauchtisch. Sorgfältig studiert er den an ihn gerichteten Empfehlungsbrief. Das Schreiben ist der Länge nach in zwei Hälften geteilt: Auf der linken steht der englische, auf der rechten der persische Text. Auch dieser ist mit der Schreibmaschine abgefasst.

Abdul Hussein führt uns auf die Terrasse hinaus und wir nehmen in bequemen Stühlen nach westlicher Art Platz. Obwohl wir von stundenlanger Fahrt reichlich verstaubt sind, wagen wir doch nicht, um Wasser zu bitten, denn vorerst muss der unvermeidliche Begrüßungstee getrunken werden, der in winzigen Gläsern dargeboten wird.

Vor uns lockt der große Teich zu einem Bad, kaum können wir der Versuchung widerstehen, uns hineinzustürzen, um den Wüstenstaub vom Körper zu spülen. Herrlich wäre es – aber es ist unmöglich. »Wenn ich mir wenigstens die Hände waschen könnte«, stöhne ich zu Helmuth hinüber. Er blickt auf seine verstaubten Hände und Arme, über die der Schweiß schmutzige Rillen gezogen hat. Das Haar klebt an der Stirne, der Staub juckt auf der Kopfhaut. Körperliches und auch seelisches Unbehagen erfüllt uns, während wir immer neue Schalen Tee in uns hineingießen müssen.

Ein Diener bringt die Wasserpfeife. Verfluchtes Ding, denke ich, während ich den langen Schlauch an die Lippen führe: Waschen, waschen wollen wir uns! Das allein und sonst gar nichts! Sollen wir darum bitten? Nein, das dürfen wir nicht, es wäre vielleicht sehr unhöflich. Ergeben wir uns unserem verstaubten Schicksal!

Neue Gäste kommen: der Polizeikommandant und der Arzt. Der »Hakim« spricht etwas Deutsch, das er aus seinen medizinischen Büchern gelernt hat. »Wir sind sehr glücklich in deinem Haus«, lassen wir Abdul Hussein sagen.

Darauf er, mit verhaltener Befriedigung: »Mein Haus ist nur klein und Allah war ungnädig, dass er mich eure Ankunft nicht eher wissen ließ.« So plätschern die Lobesbeteuerungen und Entschuldigungen von unseren Lippen. Die »Nargileh« kreist, der Rauch gurgelt durch den gläsernen Wasserbehälter, um dann mit tiefen Zügen in die Lunge eingesogen zu werden. Gewaschen sind wir noch immer nicht.

So geht das einige Stunden – rauchen und Tee trinken, Tee trinken und rauchen.

Halt – jetzt tut sich was: Ein Diener bringt ein Kännchen und bleibt abwartend vor mir stehen. Ich begreife, strecke die Hände hin, reibe sie erwartungsvoll: Ein fadendünner Strahl rinnt darüber hin – und schon ist die »Reinigung« vollendet. Ich sehe eben noch, wie Helmuth ein paar Wassertropfen liebevoll in seinen ausgetrockneten Handflächen verreibt, dann hält schon der Hakim seine spitzen Finger hin. Auch er bekommt nicht mehr als einen Teelöffel voll, wie ein Wiesel eilt der Diener weiter zum Polizeioffizier und endlich zu Abdul Hussein. Die Waschung von fünf Personen hat kaum eine Minute gedauert. Doch scheint jedermann sehr zufrieden zu sein – nur wir nicht.

Mit dieser Zeremonie ist der Auftakt zum Abendmahl gegeben. Fruchtschalen werden gebracht. Leider sind wir nicht sattelfest im persischen Knigge, wissen nicht: Dürfen wir anfangen oder sollen wir noch warten. Wir entscheiden uns für das Letztere. Mit uns aber warten alle! Heimlich spähe ich nach der Uhr. Eine geschlagene Stunde sitzt die Gesellschaft vor den Schalen mit lockenden Trauben, Marillen und Granatäpfeln, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken. Die Unterhaltung beginnt langsam zu stocken. Alles scheint sich nach den Früchten zu sehnen. Der Polizeioffizier hat schon mehrmals danach geblickt, der Hakim rutscht unruhig auf seinem Sessel hin und her. Helmuth und ich tun das schon lange. Verzweifelt sogar. Wie schön war es doch gestern im »Auto-Hotel«, wo man für ein paar Krans tun und lassen konnte, was man wollte.

Abdul Hussein ist der Einzige, der Würde zu wahren versteht, lässig hat er sich zurückgelehnt, raucht aus der Nargileh. Damit aber ist die Unterhaltung ganz versiegt. Die Stimmung scheint gewitterschwül, ja geradezu feindselig zu werden. Bald muss irgendetwas geschehen, der Hakim hat mich so herausfordernd angeblickt.

»Zum Teufel noch einmal«, denke ich – und sage es auch und nicht eben leise. Mit dem Mut eines gequälten Tieres reiße ich mich hoch, greife nach der schönsten Marille und beiße herzhaft hinein.

Alles wartete auf diese befreiende Tat und wie eine Erlösung geht es durch die Reihen. In wenigen Minuten sind die Schalen geleert. In rascher Folge werden nun Reis, Hammelkeulen, Brotfladen, Eier, Hühnerhaschee und Melonen aufgetragen. Abdul Hussein lässt sich stets von mir nötigen zu essen.

So ist das also in Persien! Gewaschen aber sind wir immer noch nicht und das ausgerechnet in jener Stadt, die den Erlös aus dem Lebenswerk des größten aller persischen Dichter auf seinen Wunsch dazu verwendete, großzügige Bewässerungsanlagen zu schaffen.

Erlebt hat Firdusi, der »Paradiesische«, ihre Ausführung allerdings nicht mehr. In 60.000 Doppelversen hatte er in seinem ungeheuren Epos »Schah-name« alle alten persischen Heldensagen zusammengefasst und ihnen die unsterbliche dichterische Form gegeben. Von Sultan Mahmud I. war ihm für jeden Doppelvers ein Goldstück versprochen worden – aber seine Neider wussten den Sultan gegen ihn einzunehmen und der greise Dichter fiel in Ungnade. Spät erst erkannte der Sultan seinen Fehler. Zu spät, denn die Karawane mit den 60.000 Goldstücken, die nach Nischapur, Firdusis Heimat, unterwegs war, begegnete bei ihrem Einzug in die Stadt dem Leichenzug des Dichters. Er selbst allerdings hatte keiner äußeren Ehrung bedurft, um ewigen Ruhmes sicher zu sein, denn das Nachwort zu seinem Epos lautet:

»Wer immer Geist hat, Glauben und Verstand,

von dem werd’ ich mit Lob und Preis genannt,

der ich die Saat des Wortes ausgesät.

Ich sterbe nicht, wenn auch mein Leib vergeht!«

Fremde Teufel

Ostpersische Höhlendörfer • Meschhed • Drei Polizisten warten auf den

Zwischenfall • Helmuth sitzt im Käfig – ein Spaß für alle Beteiligten •

»Und sie haben doch ein Maschinengewehr!«

Die Straße, die jetzt so lange Zeit eintönig gerade verlief, bekommt Kurven, sie steigt und fällt, die Wüste wird hügelig. Wir nähern uns Meschhed, dem großen Pilgerort, dem Mekka der schiitischen Welt.

Auf der letzten Anhöhe zeichnen sich eine Unmenge kleiner Steinpyramiden als Silhouetten gegen den Himmel ab. Was mögen sie bedeuten? Erst als wir oben halten, finden wir die Erklärung dafür: Hier ist die Stelle, wo man Meschhed zum ersten Mal in seiner ganzen Ausdehnung überblickt. Ein Häusermeer, viele Gärten und Bäume dazwischen und alles überragend die vergoldete Kuppel der großen Moschee. Soweit man sehen kann, dehnt sich um die Stadt herum ein Gürtel blühender Felder, Pappelwälder und Dörfer. Kein Wunder, dass dieser Anblick die Pilger trifft wie eine Botschaft aus den Gefilden des Paradieses! Sie haben vielleicht wochenlange Reisen auf dem Rücken der Kamele hinter sich, nichts als Mühsal und Anstrengung, nichts als Hitze, Sand, Staub, eintönige gelbbraune Ebene, trockene Salztümpel. Und nun auf einmal liegt diese strahlende Stadt vor ihren Augen! Dieser Stunde muss ein Gedenkzeichen errichtet werden, hier muss man seinem Gott für die überstandene Mühsal danken. Und so entstehen die kleinen Steinpyramiden und daneben kleine, von niederen Mauern umgebene Plätze, wo der Gebetsteppich ausgebreitet werden kann.

Wie viele mögen nicht nur das Ende einer langen, beschwerlichen Reise hier feiern, sondern den Augenblick, wo in ihr Leben überhaupt zum ersten Mal eine Ahnung von Glanz und Herrlichkeit tritt! Wir denken an die Armseligkeit mancher Behausungen, die wir auf der Fahrt von Teheran nach Meschhed angetroffen haben.

Von ostpersischen Dörfern ist nichts zu erblicken als etwa zwei Meter hohe Kuppeln aus einer Mischung von Lehm und Stroh. Keine Gasse führt durch das Dorf, eng schließt eine Kuppel an die andere an.

Jede hat eine Öffnung in ihrer Mitte, Rauch steigt daraus auf und verrät, dass sich unterirdisch das dörfliche Leben abspielt.

In welchen Formen? Es lässt uns keine Ruhe, wir klettern erst zwischen den Kuppeln herum, dann einen engen Lichtschacht hinunter, in dem kleine Fensteröffnungen ausgespart sind. Die sogenannten Wohnungen, die wir auf diese Art erreichten, waren schrecklich! Finster, dumpf, von Rauch und einem unbeschreiblichen Gestank erfüllt. Zunächst konnten wir überhaupt nichts erkennen, so geblendet waren unsere Augen noch von der grellen Sonne, aber bald sahen wir, dass Frauen, Kinder, junge Hunde da unten auf dem Boden herumtollten und sich nur jetzt vor Staunen alle ganz still verhielten, um uns wie ein Wunder anzustarren.

Ein Mann fand sich, um uns durch dieses eigenartige Höhlendorf zu führen. Raum reihte sich an Raum; in dem einen lagen alte Leute, in Lumpen gehüllt, in dem anderen Werkzeuge und primitive Geräte, der nächste diente einer Familie als Schlaf- und Wohnraum, der vierte als Stall. Ein Fettschwanzschaf stand darin, wahrscheinlich hatte es sein gewichtiges Anhängsel verletzt, denn es trug den Schwanz in einem hölzernen Gestell auf den Rücken gebunden. Dieser Körperteil dient als »Vorratskammer« für magere Zeiten und die Tiere bieten einen grotesken Anblick, wenn sie ihn prall gefüllt hinter sich herschleppen. Die Räume des unterirdischen Dorfes waren alle durch Türlöcher miteinander verbunden, die nur selten mit einem schmutzigen Lappen verhängt wurden. Besonders heiß war es nicht, manche Räume schienen sogar irgendeinen Zugang zu frischer Zugluft zu haben – aber wir kamen uns vor wie in einem Labyrinth. Gerade als die Beklemmung, die sich uns auf die Brust legte, ins Unerträgliche wachsen wollte, stieß unser Führer ein Türchen auf und wir standen plötzlich im Freien. An der Straße, dicht neben unserem Wagen. Wir hatten vorhin absolut nicht bemerkt, dass sich dort ein Eingang befand. Jetzt blickten wir noch einmal zurück – Kuppel an Kuppel, auf einem Fleck von fünfzig Metern im Quadrat zusammengedrängt. Unverständlich, diese Art Siedlung in der heißen, trockenen Steppe.

An ihre Bewohner denken wir hier angesichts der leuchtenden Weite von Meschhed – was müssen erst solche Leute an dieser Stelle empfinden! Langsam rollen wir hinunter und auch uns fällt es nicht schwer, uns wie im Paradies zu fühlen. Gartenanlagen überall, die Straßen feucht und staubfrei, an ihren Seiten mächtige, schattenspendende Bäume.

An einem hübschen, gepflegten Haus lesen wir die Inschrift »British Consulate«. Sehr gut – in der nächsten Karawanserei werden wir uns rasieren und umziehen und dann dem Herrn Konsul unsere Aufwartung machen. Unsere Einreisevisa für Indien müssen ohnehin überprüft werden und außerdem – der englischen Überwachung würden wir ja doch nicht entgehen. Ich muss zugeben, dass sie auf eine außerordentlich diskrete und angenehme Weise durchgeführt wird. Mr. Humber, der Konsul, ist über unsere Reise, über Zweck und Ziel selbstverständlich schon genau unterrichtet. So wie er sie bekommen hat, wird er die Information an seine Kollegen in den nächsten Städten weitergeben. Und genau wie von seinen anderen Kollegen erhalten wir auch von ihm sofort eine Einladung zum Tee, wo man bekanntlich am besten und ganz zwanglos dem Gast auf den Zahn fühlen kann.

Wir wissen schon, dass die vielen offiziellen Einladungen, die wir auf unserer Fahrt von amtlichen Stellen und Konsulaten erhalten, kein Anlass sind, sich besonders geehrt zu fühlen. Manches lichtscheue europäische Gesindel, Abenteurer, auch politische Agenten, treiben sich in Asien herum und es ist daher verständlich, dass jeder Europäer erst einmal gründlich unter die Lupe genommen wird.

Woher? Wohin? Warum? Das interessiert anscheinend nicht nur die Vertreter der europäischen Behörden, sondern auch die Ortsgewaltigen. Denn kaum sind wir mit Mr. Humber bei einer Tasse Tee richtig ins Gespräch gekommen, als ein Polizeibeamter erscheint. Wir haben es unterlassen, uns sofort nach der Ankunft bei der Polizei zu melden – ein arger Verstoß gegen die sehr strikten persischen Vorschriften! Mr. Humber redet uns zu: »Gehen Sie lieber gleich mit, sonst haben Sie nur Schwierigkeiten!«

Ungern unterbrechen wir die gemütliche Teestunde und müssen Mrs. Humber versprechen, morgen wiederzukommen, um das Erlebnis mit den lockenden Früchten bei Abdul Hussein fertig zu erzählen. Auf der Polizei werden wir einem langen Verhör unterzogen und endlich wieder entlassen. Die Pässe behält man zurück.

Im Büro der Anglo-Iranian Oil Company gibt man uns einen Führer zur Besichtigung der Stadt mit. Die berühmte Moschee Imam Risas wollen wir unbedingt sehen und vielleicht auch eine Aufnahme machen. Menschenmassen stauen sich vor den Toren, bunt mischen sich Trachten aus Luristan und Usbekistan, aus Anatolien und Bachtiarien durcheinander. Alles stößt und drängt vorwärts zum Eingang der Moschee.

Ich frage Dschämschid, unseren Führer: »Glaubst du, dass wir hineindürfen?«

»Ausgeschlossen! Selbst in Verkleidung würdet ihr entdeckt werden. Und dann …«

Was dann wäre, wird uns klar, als wir der misstrauischen und bösen Blicke gewahr werden, die uns die Pilger zuwerfen. So richtig unbehaglich fühlen wir diese Blicke, auch von rückwärts scheinen sie uns durchbohren zu wollen, fragend, was wir hier zu suchen haben. Von allen Seiten sind wir umgeben von Gläubigen, die von fern hergekommen sind, um zum großen Gott der Wüste und zu seinem Propheten zu beten.

»Auch wenn ihr unerkannt hineingelangen würdet, so würde euch Mohammed Imam Risa, der Schutzpatron der Moschee, auf seine Art noch prüfen. In der Moschee ist ein Stein, nicht schwer, jeder kann ihn aufheben, wenn er gläubig ist! Da ihr das nicht seid, könntet ihr den Stein nicht heben und wäret verraten …«

Nein, solchen Prüfungen wollen wir uns lieber nicht unterziehen. Aber die große Pilgerschar vor der Moschee im Bild festzuhalten, das kann doch den Zorn des Propheten nicht entflammen?

Dschämschid glaubt, dass wir es wagen können. Wir ziehen uns etwas aus der wogenden Masse zurück bis unter einen der Bäume, die den großen Platz einfassen. Von hier können wir die vielen Menschen und die Moschee übersehen. Mächtig ragen das große Hauptportal und die Minarette gegen den Himmel. Blau und gelb glasierte Kacheln spiegeln das Sonnenlicht. Eine elektrische Uhr von riesigen Ausmaßen ziert das Portal. Sie wirkt wie ein Faustschlag gegen asiatische Zeitlosigkeit.

Helmuth hebt seine Kamera, will abdrücken und fährt erschreckt zusammen: »Aks! Aks!«, brüllt es von allen Seiten. Überall gellen die Rufe: »Bild! Bild!« Die Menge stößt drohend gegen uns vor. Aber schon sind die drei Polizisten zur Stelle, die uns die ganze Zeit beobachteten und scheinbar nur auf einen Zwischenfall gewartet haben. Der erste sagt mit finsterer Miene kurz angebunden »Chavaz«, Helmuth reicht ihm den Ausweis, die unerlässliche Photographiererlaubnis, hin. Der Brave kann aber leider nicht lesen, denn er hält das Schreiben verkehrt und tut nur so, als würde er es durchstudieren. Helmuth dreht freundlich den Chavaz um und zeigt mit dem Finger auf den Anfang der Schrift. Das war ganz falsch, denn jetzt hat er den Polizisten beleidigt! Er packt Helmuth unsanft am Arm und zu dritt machen sie sich daran, ihn abzuführen. Die Menge brüllt vor Begeisterung und zieht in Scharen hinterdrein.

Bis zu dem kleinen Polizeigebäude darf ich Helmuth begleiten, dann wirft man mir die Tür vor der Nase zu und es bleibt mir nichts übrig, als zum englischen Konsul zu fahren. Der Konsul war nicht da, der Konsul spielte Golf.

Weit draußen in der Wüste fand ich ihn. Er war erst beim vierten Loch angelangt, kam aber bereitwillig mit. Helmuth wurde, wie er später erzählte, in einen Hof gebracht, der rings von vergitterten Zellen umsäumt war. Man schob ihn in einen der freien Käfige, schloss ihn ein und er hatte Muße, das üble Gesindel zu betrachten, das in den anderen untergebracht war. Vorher steckte er ganz in orientalischer Ruhe und Manier dem einen Polizisten ein paar Münzen zu und sagte »Tschai«, worauf er promptest mit Tee und Weintrauben versorgt wurde. Als er sich dazu noch eine Zigarette anzündete, erschien auf einmal vor dem Gitter eine Hand – der Nachbar bettelte um Zigaretten. Helmuth machte sich den Spaß, ihm eine ganze Menge in die schmutzigen Finger zu drücken und sah bald, dass es unter den »Verbrechern« gerecht zuging. Zigaretten und Feuer wurden durch die Gitterstäbe weitergereicht, bald rauchten alle, lachten und winkten ihm zu – es war ein Mordsspaß.

Das fand auch der britische Konsul, der das Lachen kaum verbeißen konnte, als er meinen armen Reisegefährten so sitzen sah. Die persischen Polizeioffiziere im Hauptkommando machten viele Verbeugungen und stammelten viele Entschuldigungen. Im Büro bekam Helmuth feierlich seinen Chavaz zurück, dazu wurden Tee und Zigaretten gereicht und man teilte ihm aufs Höflichste mit, überall könne er filmen, nur nicht mehr bei der Moschee.

Nirgends mehr in der Stadt Meschhed hat ein Polizist Helmuth nach seinem Chavaz gefragt, soviel er auch photographierte – sie scheinen auf allen Revieren von dem Vorfall erfahren zu haben.

Dafür sammelten sich immer wieder Scharen von Neugierigen um unseren Wagen und soweit sie englisch oder französisch sprachen, bestürmten sie uns mit Fragen. Ob der Wagen auch schwimmen könne? Selbstredend. Fliegen auch? Na, das ist doch klar. So hatten wir unseren Spaß mit den gläubigen Persern. Einer sagte, das Auto sähe wie ein Panzerwagen aus. Da packte mich der Übermut und ich antwortete: »Ist ja auch einer, hinten steckt unser Maschinengewehr.«

O weh, das hätte ich nicht sagen dürfen! Diesen Scherz benützten die Mollahs, um gegen uns zu hetzen. Sie waren uns gewiss noch gram, dass wir uns in das heilige Geviert der Moschee gewagt hatten. Sie fürchteten für die Schätze von Gold, Silber und Edelsteinen, die dort angesammelt sind. Man hat in Meschhed wohl nicht vergessen, dass noch vor zwanzig Jahren turkmenische Reiter die Moschee stürmten und entheiligten.

Eine höchst aufgeregte Menge umringt uns am nächsten Nachmittag. Sie will das Maschinengewehr sehen! Es hilft nichts, dass wir versichern, wir hätten keins. Es hilft nichts, dass die Polizei die Plache aufhebt und feststellt, wie harmlos der Inhalt unseres Gepäcksraumes ist. Das Volk lässt sich nicht beruhigen. Und die Mollahs tuscheln: »Sie haben doch eins … Und ein Aks, ein Bild von der Moschee, haben sie auch gemacht, die fremden Teufel!«

Es bleibt den fremden Teufeln schließlich nichts übrig, als aus der heiligen – ach, so heiligen! – Stadt schleunigst abzureisen.

Bildteil 2


Schah Reza Khan Pahlewi sorgte mit einem großen Einsatz von Militär für Straßen im ganzen Land.

Das Elburs-Gebirge wurde über den Dehno-Pass in 3.200 m Höhe überwunden. Heute ist der Pass in 2.600 m Höhe untertunnelt.


Das Ost-Tor in Teheran. Kamele und Auto hier noch friedlich beisammen. Der Karawanenweg von Teheran nach Mesched am Rande der Wüste Kewir war eine schwierige Pistenfahrt von rund 1.000 km Länge. Dieses schöne Stadt-Tor ist leider schon lange der Vergrößerung Teherans zum Opfer gefallen.


Empfehlungsbrief der iranischen Gesandtschaft in Bagdad, geschrieben mit persischer Schreibmaschine.


Das vermutlich erste Auto in Teheran: ein russischer Panzerwagen aus dem Ersten Weltkrieg.


Persischer Fakir, wie er trotz aller Modernisierungs-Bestrebungen der Regierung in mehreren Klöstern Südpersiens lebt, wie z. B. hier im Kloster Mahum in der Dascht i Lut Wüste.


Schah Abbas, 17. Jahrhundert, mit Recht »der Große« genannt. Er war der bedeutendste Herrscher der Kadjaren-Dynastie, er baute zahlreiche Karawansereien und Straßen. Zu seiner Zeit reiste man sicher im ganzen Land.


Persien war in seinem nördlichen Teil lange Zeit von den Mongolen besetzt, die ihre Lebensweise in Form von Jurten und riesigen »Wohnwagen« ins Land brachten.


Iran – Islamische Kampfspiele während des Muharrems.


Diese Windtürme, »Badgirs« genannt, bringen kühle Luft in die Häuser der Wüstenstädte Jast, Kerman und Bam.


Der Islam hat in Persien die alte Religion Zarathustras fast zur Gänze ausgerottet. Viele Zaradosten, auch Feueranbeter genannt, flohen nach Indien und nur in der zentralpersischen Oase Jast hat sich eine Minderheit erhalten, die in diesem Tempel das ewige Feuer hütet.


Das große Kulturland Persien mit seinen berühmten Dynastien der Achämeniden und der Sassaniden wurde schon früh von europäischen Archäologen erforscht: Zeichnung des Franzosen Texier aus dem Jahre 1852 von den Königsgräbern in Nakch-i-Rostam, bei Persepolis.


Schattenspiel am Abend in Persien – Hinter kahlen Mauern meist ein blühender Garten.

Urlajat

Roman um das afghanische Visum • Eine düstere Grenzfestung und feindselige

Blicke • Ein Empfehlungsbrief wirkt Wunder • Wie benimmt man sich in

Afghanistan? • Afghan, eine eigenartige Automarke • Kühlerreparatur mit

Honig, Filz und Mehl

Von Meschhed an die afghanische Grenze: 280 Kilometer, die beste Straße, die wir in ganz Persien trafen. Vielleicht deshalb, weil sie als strategische Straße sehr gut gebaut war, aber kaum in Anspruch genommen wird. Der Verkehr zwischen den beiden »Brudervölkern« ist kaum der Rede wert. Ja, ihre beiden Reiche trennt ein etwa dreißig Kilometer breiter Streifen Niemandsland, durch den wir jetzt ohne Weg und Steg mühselig dahinholpern. Der ausgetretene Karawanenpfad, ein paar sichtlich schon alte und verwehte Autospuren und die Telegraphenleitung zeigen uns die Richtung an. Was wird uns Afghanistan bringen, dieses Land, von dem wir so viel Widersprüchliches gehört haben?

In unserer Bord-Bibliothek ist auch das Buch über die Citroen-Expedition mit Raupenautos, »La croisiere jaune« von J. P. Dauliac. Über die persisch-afghanische Grenze schreibt er auf Seite 22: »In Kariz, dem persischen Grenzposten, zeichnete der iranische Begleiter der Expedition, Oberst Esfandiari, ein düsteres Bild von Afghanistan: ›Keine Straßen, keine Brücken über die größeren Flüsse, Unsicherheit auf den Karawanen wegen Krieg mit den Usbeken und dauernde Kämpfe der Nomaden untereinander. Wissen Sie,‹ fährt er fort, ›dass wir ohne Nachricht sind von fünf Europäern, die vor zwei Jahren in Kariz persischen Boden verlassen haben, in Richtung Herat und Kabul?‹«

Ist es wirklich so schlimm? Immerhin waren wir in Meschhed gefragt worden: »Was, Sie haben ein afghanisches Visum?« Großes Kopfschütteln, denn seit Monaten saß ein Australier in Meschhed fest und wartete auf die Einreise. Und hatte ich sie etwa bekommen, als ich vor zwei Jahren so gern auf dieser kürzeren und viel abenteuerlicheren Strecke mit dem Motorrad nach Indien gefahren wäre?

Diesmal hatte es geklappt! Allerdings könnte man einen Roman darüber schreiben, angefüllt mit einer Fülle angestrengter Bemühungen und aufreibender Ungewissheit. Es war eben, wie sich nun herausstellte, doch etwas wert, in Wien die Universität zu besuchen. Man gewann dadurch Studienfreunde, wenn man Glück hatte, stammte einer davon aus Afghanistan, verfügte über Beziehungen zum Kriegsminister, nützte diese Beziehungen zugunsten seiner Kollegen aus und …

So einfach war es aber nun doch nicht. Noch in Teheran hatten wir nicht gewusst, ob unser Gesuch wirklich bewilligt werden würde. Viele Telegramme waren zwischen den beiden Hauptstädten hin und her gegangen, ehe wir endlich die Visa abholen konnten. Ganz nebenbei, mit gespielter Gleichgültigkeit, ließ ich beim Abschiedsbesuch im afghanischen Konsulat von Teheran die Worte fallen: »Mit dem Wagen werden wir doch keine Schwierigkeiten haben?«

Die Befürchtung lag nahe, dass dieses umfangreiche »Gepäckstück« die Einreisebewilligung erheblich erschweren würde, und deshalb hatten wir es anfangs gar nicht erwähnt.

»Ah, Sie wollen ein Auto mitnehmen?«, meinte jetzt der Konsul und wiegte bedenklich den Kopf. »Da kann ich Ihnen gar nicht sagen, ob Sie Schwierigkeiten haben werden. Das hängt einzig von dem Zollamt an der Grenze ab.«

Noch haben wir kein Zollamt gesehen, aber nach dreistündiger Fahrt durchs Niemandsland taucht jetzt am Horizont ein großes Fort auf. Wir halten an und verstauen Photo- und Kinoapparate in den Proviantkammern hinter den Sitzen. In dem so strenggläubigen Afghanistan ist es sicher besser, die »Bildmaschinen« nicht zu zeigen.

Einen langen Schatten wirft der Wagen über die Ebene, als wir uns dem afghanischen Grenzfort nähern. Bald wird die Dämmerung zur Nacht geworden sein. Die große Befestigungsanlage ist halb verfallen und gleicht einer riesigen Ruine. Im Hof brennen gespenstische Feuer. Afghanen braten Fleisch. Gewehrläufe blinken im Widerschein der Flammen. Pferde scheuern mit den Hufen und zerren an den Strängen, dunkel heben sich die Gewölbe und Mauern gegen den Abendhimmel ab. Von einem Soldaten werden wir in das Innere der Festung geführt.

Zum ersten Male auf der Reise fühle ich so etwas wie Beklemmung. Die rohen Gesellen, die um die Feuer lagern, verstummen, Hände, die gerade eine blutige Fleischkeule zum Munde führen wollten, erstarren auf halbem Wege. Alles blickt feindselig auf die fremden Eindringlinge. Totenstille herrscht, nur die Pferde scharren unbekümmert weiter.

Das Herz klopft mit heftigen Schlägen: Das ist nun wirklich jenes Asien, wie man es in der Kindheit erträumte. Wild und unberechenbar, von Hass erfüllt gegen alles, was ungläubig ist. Das ist das wahre Asien, wie man es als Knabe miterlebt hat in den Taten Hadschi Halef Omars …

Ich nehme allen Mut zusammen und will etwas sagen, aber es bleibt mir in der Kehle stecken. Dann würge ich es doch heraus, ein einsames »Salam« hallt unsicher über den Hof. Niemand antwortet. Aber der Mann vor mir, in der Pluderhose und dem weiten Burnus, führt seine Hammelkeule zum Mund. Die Starrheit löst sich und alle wenden sich wieder ihrem Mahl zu. Niemand nimmt mehr Notiz von den beiden Fremden, die nicht an Allah glauben. Der Soldat führt uns durch die Reihen der Krieger hindurch zum rückwärtigen Teil der Festung. Und verschwindet darin mit dem afghanischen Empfehlungsschreiben, das von unserem Studienfreund Mahmudi aus Wien stammt.

Wir warten. Sehr lange warten wir. Auf einmal aber wird die Tür aufgerissen und ein blendend aussehender, tadellos gekleideter afghanischer Offizier eilt auf uns zu und begrüßt uns mit den Worten: »Glad to meet you!« Wir sind mehr als erstaunt. Aber schon fährt er in gutem Englisch fort: »Denken Sie, welcher Zufall! Mahmudi, der Ihnen diesen Brief mitgab, ist ein guter alter Freund von mir.«

Wir lassen die wilde asiatische Romantik des Hofes mit den fleischbratenden Afghanen und den Gewehrpyramiden hinter uns und sitzen bald in einem behaglich ausgestatteten Raum, in dem es sich gut plaudern lässt. Aus Andeutungen entnehmen wir, dass auch der Mann vor uns mit den intelligenten Augen und dem etwas schmerzlichen Zug um den Mund nicht immer zwischen so rauen Kriegern geweilt hat und dass sein Aufenthalt auf der Festung einer Art Strafversetzung gleichkommt. Sicher hat er sich selbst, vielleicht sogar seine Wohnung, erst noch rasch auf Glanz herausgeputzt, ehe er uns als Boten aus einer anderen Welt empfing – deshalb haben wir so lange warten müssen.

Jetzt erzählt er uns von Afghanistan und seinen Bewohnern Dinge, die für uns bei späteren Begegnungen sehr wertvoll werden sollten. Die Afghanen sind ein freiheitsliebendes Volk. Waffen zu tragen ist für jeden Mann selbstverständlich – aber auch davon Gebrauch zu machen, sowie auch nur die leisesten Anhaltspunkte dafür gegeben sind. Deshalb rät Gulam Ali, unser freundlicher Gastgeber, eindringlich, nur ja anzuhalten, wenn wir auf berittene Afghanen treffen. Sollte ein Pferd durch das Auto scheu werden und seinen Reiter abwerfen, so empfände ein Afghane das als eine Schmach, die Rache fordert. Noch besser sei es, die Landessöhne gleich zu einer Zigarette einzuladen. Das Gesetz der Gastfreundschaft wird so heilig gehalten, dass damit praktisch jeder schon entwaffnet ist und nie daran denken wird, die Hand gegen den Gastgeber zu erheben.

Friedlich schlummern wir in der Nacht in unseren Feldbetten, die wir in Gulam Alis Schreibzimmer aufschlagen. Draußen wachen die wilden Gesellen über die Sicherheit des Forts und damit auch über die unsere. Ob sie von dieser zusätzlichen Aufgabe besonders entzückt sind, wissen wir nicht. Der Kommandant hat es jedenfalls so befohlen. Am nächsten Morgen warte ich gespannt, ob nun die Rede auf die Zollabfertigung kommen wird – ein Thema, das wir am gestrigen Abend ängstlich vermieden haben. Denn Gulam Ali war zwar sehr freundschaftlich, aber man konnte doch nicht wissen …

Beim Frühstück, zu dem wir unsererseits Konserven beisteuern, fragen wir nach den Pässen und bitten um einen recht schönen Stempel. Darüber freut sich fast jeder asiatische Zöllner und fühlt sich geschmeichelt. Bei Gulam Ali ist indessen eine derartige Regung nicht zu bemerken. Sie wäre für eine günstige Zollabwicklung von Wert! Er gibt uns die Pässe und erklärt: »Ich möchte gerne Ihren Wagen sehen.« Unangenehme Ahnungen beschleichen mich. Er betrachtet das Fahrzeug und beweist ein erstaunliches technisches Wissen. Dann sagt er: »Ich würde Ihnen raten, bald weiterzufahren, sonst kommen Sie in die große Hitze des Tages, bevor Sie in Herat sind.«


Durch Afghanistan

Das lassen wir uns nicht zweimal sagen. Wir schütteln ihm die Hand und bedanken uns. Dann springen wir in den Wagen, der Motor läuft an.

»Auf Wiedersehen und gute Fahrt!«, ruft er noch, dann rückt die Kupplung ein, wir fahren, sind in Afghanistan.

Das ist ein Land! Kein Triptyk, kein Carnet, kein Zolldepot, keine Gepäcksdurchsuchung – es ist, als wären wir barfuß über die Grenze gekommen.

Nach der völligen Weglosigkeit im »Niemandsland« gibt es jetzt wieder so eine Art Straße, die sich bald rechts, bald links vom Heri-Rud dahinschlängelt. Jedes Mal, wenn der Weg auf hoher, gewölbter Steinbrücke von fast biblischem Alter den Fluss kreuzt, machen wir halt und tauchen in die Fluten. Man wird diese »Wassersucht« kaum verstehen können, wenn man nicht selbst in der glühenden Julisonne durch das »Urlajat« gezogen ist. Urlajat, das Stammland, nennen die Afghanen ihr Land. Wir machen eine neue Erfindung: Sie besteht darin, auch die Hemden einzutauchen und dann klitschnass überzuziehen. Im Fahrtwind kühlt das den ganzen Körper lange.

Herat, mit seinen 50.000 Einwohnern, sieht wie eine Festung aus, so zahlreich sind die hohen, alten Mauern, die den eigentlichen Stadtkern umschließen. Erfreulich sauber sind die Straßen, deren Reinigung auf recht originelle Weise geschieht. Ein Mann trägt eine Ziegenhaut prall mit Wasser gefüllt auf seinem Rücken wie einen Rucksack und was einst ein Ziegenbein gewesen ist, wird jetzt als Schlauch benützt, aus dem schlenkernd ein Wasserstrahl auf die Straße spritzt.

Weniger genau nimmt man es mit der Reinhaltung des Benzins. Wir erkunden, dass eine Karawanserei begonnen hat, sich auf Autos umzustellen – in Afghanistan spielen sie noch nicht annähernd die gleiche Rolle wie in Persien –, und wirklich, man bringt uns einige offene Kannen. Im Sieb des Trichters sammelt sich alles Mögliche: kleine Steinchen, Stroh und grober Schmutz – der feine macht es sich im Tank bequem. Immerhin, wir hatten Benzin. Doch jetzt ging es ans Zahlen. Sechzig Liter Benzin kosten 748 Stück Afghani-Münzen. Wehe dem, der beim Zählen nervös wird! Es kann ihm passieren, dass er knapp vor dem Ende noch einmal anfangen muss. Wir hatten unsere liebe Not mit diesen Münzen. Vier persische Hundert-Toman-Noten trugen wir in die Wechselstube von Herat und zwei Säcke und ein Kistchen mit Münzen schleppten wir heraus.

Ganz klug bin ich mit den Münzen nie geworden. Da gibt es die »Afghani«, die zu den »Kabuli« im praktischen Verhältnis von 9:10 stehen. Ein Kabuli wieder teilt sich ausgerechnet in 66 Kani. Da gehört schon ein guter Kopfrechner dazu oder eine gewisse Großzügigkeit, sich begaunern zu lassen. Papiergeld gibt es in Afghanistan noch nicht.

So ähnlich die Karawanserei den persischen Autostationen ist, so verschieden waren die Fahrzeuge, die wir erblickten. Ja, sogar eine Marke war vertreten, die sonst nirgends auf der ganzen Welt vorkommt: »Afghan«. Bei näherer Betrachtung stellte sich allerdings heraus, dass es sich um einen Geschäftstrick der tüchtigen Amerikaner handelt, die auf den Kühler und die Motorhaube eines GMT (General Motor Truck) diesen Namen hatten setzen lassen. Was nach Afghanistan geliefert wird, sind im Übrigen meist nur die Fahrgestelle. Alles andere bauen die Söhne des Stammlandes selbst dazu. Karosserien aus schwerem Holz, in Form eines Omnibusses, nicht schön, aber haltbar. Statt der Fenster Drahtgitter, statt der Lederstühle Holzbänke der Länge nach an beiden Seiten. Nicht bequem, aber raumsparend. Und nur selten für die Passagiere gedacht, denn auf dem Boden des Wagens werden so viel Güter aufgestapelt, dass für die afghanischen Reisenden zwischen Gepäck und Dach gerade ein Raum von etwa einem Meter Höhe frei bleibt, in den sie sich brav wie die Sardinen hineinschachteln. Dafür ist die Holzkarosserie außen bunt bemalt, mit Landschaften, Moscheen, Ornamenten – damit können wieder wir in Europa nicht konkurrieren.

Und auch nicht im Entferntesten mit der Findigkeit afghanischer Chauffeure. Sind wir doch einmal vorbeigekommen, als gerade einer dieser Kerle zwischen die Lamellen seines lecken Kühlers eine Masse von zerriebenem Filz, Honig und Mehl strich. Der Kühler hielt dicht! Wir sind dem Wagen zufällig am nächsten Tag noch einmal begegnet und konnten uns selbst davon überzeugen, dass er völlig gebrauchsfähig war.

Im Großen und Ganzen aber ist der Afghane dem Auto nicht freundlich gesinnt. Die vielen Kamelkarawanen und Eselherden, denen wir auf der Weiterreise von Herat nach Kandahar begegnen, sind mit besonderer Vorsicht zu genießen. Wir sind Eindringlinge in ihre jahrtausendalten Rechte und vorläufig – ganz im Gegensatz zu Persien – noch die Schwächeren. Die stolzen Bewohner des Urlajat sind sich ihrer Wichtigkeit als Kameltreiber noch voll bewusst und es ist eine deutliche Ablehnung des Motors bei Mensch und Tier zu spüren. Nur behutsam können wir die Karawanen überholen und befleißigen uns besonderer Höflichkeit.

Bildteil 3


Das große Fragezeichen an der persisch-afghanischen Grenze: Wird die Einreise mit dem Auto gelingen? Denn internationale Dokumente gab es für Afghanistan nicht.


Afghanistan ist ein streng islamisches Land, das anderen Religionen keine Missionierung (Ausübung) gestattet. Misstrauisch blickt dieser Grabwächter auf die »fremden weißen Teufel«.


Raffiniert: Die Kornschnitter haben eine »verlängerte Hand«, mit der sie mit einem Griff ein großes Bündel Getreide fassen können.


Die meist großen Afghanen sitzen auf meist kleinen Eseln; wenn der Esel müde wird, kann der Reiter mitlaufen, ohne abzusteigen. Man spricht von »sechfüßigen Menscheneseln …«


Windmühle bei Herat. Die Achse ist senkrecht und Matten aus Stroh bilden die Windflügel.

Fachleute sagen, dies sei die älteste Form der Windmühle, stammend aus Zentralasien.


Die »Ark« (Burg) von Herat, in den dreißiger Jahren eine fast uneinnehmbare Festung im Zentrum von Herat. Heute ist sie nur mehr ein Schutthaufen.


Schwieriges Ausweichen auf dem Schotterpfad! Die Esel transportieren Buschwerk der Wüste als Brennmaterial für die Zelte der Nomaden.


Sommer-Residenz des Bürgermeisters von Girischk. Die Hütte aus Reisig wird ständig mit Wasser begossen und ist deshalb erstaunlich kühl.


Webstuhl, primitiv, halb in die Erde hineingebaut (vorne der Sitz des Webers).


Der Hilmend, einer der vielen brückenlosen Flüsse in Afghanistan. Orientalischer Kismet und westliches Glück standen Pate bei der Auffahrt auf solche vorsintflutliche Fähren.


Das waren die Räuber, die afghanische Soldaten aus dem dunklen Verlies zum Fotografieren herauszogen.


In den Dörfern hatten die Leute noch nie ein Auto gesehen; die sonst so mutigen Afghanen hatten Angst vor dem seltsamen Tier, von dem sie wussten, dass es sich plötzlich und sehr rasch bewegen könne. Daher der »Respektabstand« vor dem Expeditionswagen.


Die Schikari-Enge (Jägerschlucht) im Hindukusch. Solche Brücken zu überqueren ist stets ein Glücksspiel.


Stecken geblieben im lockeren Schotter des Überschwemmungsgebietes des Heri-Rud Flusses zwischen Herat und Kandahar.


Unendliche Genügsamkeit in der Dascht-i-Margo, der »Wüste des Todes«; aber gerade hier ist die Kraft der Religion am stärksten.


Am Weg von Kabul zu den berühmten, heute verfallenen buddhistischen Bamian-Klöstern im Hindukusch. Hier gab es schon einen ordentlichen Fahrweg und Telegrafenleitungen.


Afghanischer Geiger bei einer Nomadenhochzeit.


Die Moschee in Mazar i Scharif, (»Grab des Propheten«) heiligste Stadt von Afghanistan. Erste Versuche der Technik scheitern meist an einer kleinen Panne oder fehlendem Ersatzteil. Die Dampfwalze wurde aus dem Norden, aus der Sowjet-Union, importiert.


Kleider machen Leute: Max Reisch in der Tracht der Afridi. Der Bart beginnt schon zu wachsen. In China sollte er von beträchtlichem Nutzen sein …


In der Nähe der Stadt Kabul, Herat, Kandahar und Ghazni begann in den 30er-Jahren ein erster Autobusverkehr. Vorne beim Chauffeur war die 1. Klasse, im Wagenkasten die 2. Klasse und am Dach in der Sonnenglut die 3. Klasse untergebracht. In der primitiven Leiter hängt ein Holzklotz mit Stiel, der als Starthilfe bei starken Steigungen dient.


Turkomenen-Frau in Nord-Afghanistan. – Viele Turkomenen-Stämme sind nach dem Ersten Weltkrieg aus der Sowjet-Union geflohen und brachten ihre hochentwickelte Teppich-Knüpferei Karakul-Schofgercht mit (»Persianer«).


Kabul: König Amanullah ließ 1924 die erste – und einzige – Straßenbahn in Afghanistan bauen. Nach seinem Sturz wurden die Waggons als Ziegenställe zweckentfremdet. – Amanullah hatte sich den türkischen Diktator Atatürk zum Vorbild erkoren, scheiterte aber am Widerstand des islamischen Klerus. – Vorher hatte Amanullah Deutschland besucht, 2 Junkers-Flugzeuge gekauft und nie bezahlt. 1926 ging er nach Rom ins Exil.


Habibullah-Khan (Mitte) wurde 1919 ermordet, worauf sein Sohn Amanullah (links) sich zum König ausrufen ließ, jedoch schon 1926 fiel er seinen modernen Reformversuchen zum Opfer.


Die stolzen Söhne des »Urlajats«, des »Stammlandes«, dem »Nabel der Welt«, wie die Afghanen ihre Heimat nennen. Die Afridis, Waziris und Ghilzais sind die bedeutendsten Stämme.


Grenzfestung, gleichzeitig Getreidespeicher des kriegerischen Stammes der Afridi am Khyber-Pass.


Verkehrsregelung am Khyber-Pass. Die schwerfälligen, langsamen Karawanen dürfen aus strategischen Gründen nicht die neue Autostraße benützen.


Britisch-indische Sikh-Truppen bei Gefechtsübungen im Grenzgebiet der »North-Western-Frontier«.

Hier leben die besonders freiheitsliebenden und kämpferischen Afridis.


Ewig unruhiger Khyber-Pass. Zum Schutz der »North-Western-Frontier« zwischen Indien und Afghanistan hatten die Engländer Eisenbahn und Straße ins Gebirge vorgetrieben.


Die Grenze zwischen Afghanistan und Indien am Khyber-Pass. Die Fahrbewilligung wurde nur selten erteilt, Motorräder waren bis 1933 überhaupt verboten, seit der in Indien lebende deutsche Dr. Stratil-Sauer durch den Lärm seines Motorrades den Sturz und Tod eines Reiters verursachte.


Bewilligung Nr. 24 für die Reise durch die North-West Frontier Provinz für Max Reisch und seinen Wagen Steyr 100, ausgestellt in Kabul, 25.7.1935.

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Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
506 str. 227 ilustracji
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9783709500118
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