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Czcionka:

Max Pechmann

Rauhnacht

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog: 25. Dezember 1981

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Impressum neobooks

Prolog: 25. Dezember 1981

Tim Bardin öffnete die Augen. Die Leuchtziffern des Radioweckers zeigten wenige Minuten vor Vier. Der Wind heulte um das Haus. Das war es jedoch nicht, was ihn aus seinem Schlaf gerissen hatte. Ein anderes Geräusch drang an seine Ohren, ein Geräusch, das es um diese Uhrzeit überhaupt nicht geben durfte. Anna lag neben ihm und atmete gleichmäßig. In dem hereinfallenden Mondlicht wirkte seine Frau wie eine Figur aus Alabaster. Er hatte ihre Schönheit schon immer bewundert. Und seit ihrer Hochzeit vor sieben Jahren hatte sie davon kein bisschen eingebüßt.

Er rüttelte sie sanft an der Schulter.

Anna murmelte irgendetwas und drehte sich um.

„Anna“, sagte er. Seine Stimme klang um diese frühe Stunde überraschend laut.

Endlich wachte sie auf. „Was ist?“

„Draußen ist etwas.“

Anna drehte sich auf den Rücken und schaute ihn skeptisch an. „Es ist mitten in der Nacht. Was soll draußen schon sein?“

Tim warf die Bettdecke zurück und stand auf. „Das Läuten. Jemand läutet die Friedhofsglocke.“

Anna schaute auf die Anzeige des Radioweckers. „Es ist nicht einmal vier Uhr früh.“

Tim schlich ans Fenster. „Wir sollten die Kinder wecken.“

„Bist du jetzt völlig verrückt?“

Er blieb ihr die Antwort schuldig. Vorsichtig bewegte er den Vorhang einen Spalt zur Seite. Das weiße Mondlicht erhellte die Winterlandschaft wie eine Filmkulisse. Der Schnee bedeckte einfach alles. Die Straße, die zwischen seinem Haus und dem gegenüberliegenden Friedhof verlief, schlängelte sich einsam bis zum Ortseingang. Von den Bewohnern des Ortes schien bisher noch niemand den Klang der Totenglocke wahrgenommen zu haben.

Die dunklen Konturen des Friedhofs wirkten wie das Negativ einer bizarren Fotographie. Sein Augenmerk richtete sich auf die windschiefe Kapelle. Er konnte nicht erkennen, ob sich die Glocke in dem schmalen Turm bewegte, aber das Läuten musste dort seinen Ursprung haben.

„Siehst du etwas?“, fragte Anna.

Steinfiguren, Grabsteine und steinerne Kreuze warfen längliche Schatten auf dem glitzernden Schnee. Nichts regte sich. Aber aus welchem Grund ertönte die Glocke?

„Nichts.“

„Dann ist es bloß der Wind“, versuchte Anna, ihn zu beruhigen. Ihre Besonnenheit hatte schon immer im vollen Gegensatz zu seinen eigenen Charaktereigenschaften gestanden. Tim war derjenige, der leicht außer sich geriet. Auch dieses Mal hatte Anna wohl Recht.

Er wollte soeben den Vorhang zuziehen, als er auf der Friedhofsmauer einen seltsamen Schatten wahrnahm.

Eine Steinfigur, die er übersehen hatte?

Die Konturen besaßen Ähnlichkeiten mit einer Eule, die auf der Mauer hockte. Die Schwärze des Umhangs absorbierte das Mondlicht. An eine solche Figur konnte sich Tim beim besten Willen nicht erinnern. Vielleicht hatte Gustav, der Friedhofswärter, eine neue Statue aufgestellt. Möglich wäre es.

Sein Blick blieb an dem eigenartigen Ding haften. Irgendetwas stimmte daran nicht.

Plötzlich wusste er auch, warum.

Die Figur bewegte sich. Zuerst erzitterte der schwarze Umhang, so als erwecke eine kräftige Windböe ihn zum Leben. Dann richtete sich die Gestalt unerwartet auf. Die Kapuze rutschte von ihrem Kopf.

Tim öffnete seinen Mund, brachte aber keinen Ton heraus. Das Blut in seinen Adern gefror zu Eis. Das bleiche Mondlicht beschien einen runzeligen Kopf, von dessen Schädel wirres, graues Haar abstand. Das Gesicht glich einer Fratze, deren verstörendes Aussehen durch eine Hakennase und spitze Zähne, die zwischen den Lippen herausragten, verstärkt wurden. Grünlich schimmernde Augen starrten direkt zu ihm empor.

„Anna“, hauchte Tim.

Seine Frau stand endlich auf. Sie trat zu ihm ans Fenster. Kaum hatte sie das grässliche Wesen bemerkt, taumelte sie entsetzt zurück.

„Eine Lamia“, flüsterte Tim. „Hast du dich nicht an den Brauch gehalten?“

Anna funkelte ihn zornig an. „Natürlich habe ich das! Das Essen steht unten auf dem Küchentisch.“

Als er wieder aus dem Fenster schaute, packte ihn das schiere Grauen. Nun waren es zwei dieser Kreaturen. „Die Kinder! Wir müssen die Kinder in Sicherheit bringen!“

Er lief zur Kommode und öffnete die oberste Schublade. Anna verwahrte darin ihre Halstücher. Er hob ihr Lieblingstuch an. Darunter erschien der Lauf eines Revolvers. Schnell nahm er die Waffe und suchte zugleich nach der Schachtel, in welcher er die Silberpatronen aufbewahrte. Als er sie gefunden hatte, lud er damit den Revolver und steckte sich eine weitere Handvoll in die Hosentasche seines Pyjamas.

Eine Fensterscheibe klirrte.

Anna schrie auf und stürzte aus dem Zimmer. Tim folgte ihr, wobei er den Revolver entsicherte.

Das Zimmer, in dem Lisa und Thomas schliefen, lag am anderen Ende des Flurs.

Anna riss die Tür auf.

Ein eisiger Windhauch wehte ihr entgegen.

Thomas, ihr zweijähriger Sohn, kreischte, dass es in den Ohren schmerzte. Irgendetwas wirbelte auf sie zu. Ein kräftiger Schlag traf sie ins Gesicht. Sie stolperte zurück.

Tim kam sich vor wie in einem krankhaften Albtraum. Eines der Wesen, das zuvor noch an der Friedhofsmauer gelauert hatte, packte Thomas und zerrte ihn aus dem Bett.

Ein plötzlicher Gedanke hinderte ihn daran, etwas zu unternehmen.

Wo war Lisa?

Er konnte sie nirgendwo sehen. Stattdessen erblickte er die zweite Lamia. Sie ließ von seiner Frau ab und stürzte mit wehendem Gewand auf ihn zu. Reflexartig hob er den Revolver und schoss.

Die Kugel zerschmetterte ihren Schädel.

Sogleich zielte Tim auf die andere Hexe. Mit einem gackernden Kichern hielt sie ihm seinen Sohn entgegen. Thomas wimmerte. Auf einmal packte das Unwesen den kleinen Kopf und biss gierig in den Hals. Ein Knacken ertönte, als würde jemand einen Ast entzweibrechen. Thomas fiel wie eine Marionette aus ihren Händen.

Tim brüllte wie ein wild gewordener Stier. Er betätigte den Abzug und schoss die ganze Trommel leer. Bei jedem Treffer stolperte die Lamia weiter zurück. Der letzte Schuss schleuderte sie aus dem Fenster.

Tim eilte zu seinem Sohn. Um Gotteswillen!

Er schaute sich im Zimmer um. „Lisa?“

Keine Antwort.

Anna lag benommen am Boden. Blut rann aus ihrer Nase.

„Lisa? Wo bist du?“

Statt eines Lebenszeichens von ihr, vernahm Tim das gackernde Kichern weiterer Hexen. Es erinnerte an das unrhythmische Klappern von Kastagnetten. Der Boden knarrzte, als sich drei Lamien durch die Tür ins Zimmer schlichen. Zwei weitere hingen wie Fledermäuse vor dem Fenster.

Er wich zurück.

Mit zitternden Händen griff er in seine Hosentasche und holte eine Handvoll Silberpatronen heraus.

Die Albtraumwesen beobachteten ihn dabei. Ihr höhnisches Grinsen verhieß nichts Gutes.

Tim schwitzte, obwohl der eisige Wind durch das zersprungene Fenster blies. Er lud den Revolver. In seiner Aufregung fielen ihm zwei Patronen aus der Hand.

Das Gackern der Lamien wurde lauter.

Er wusste, dass sie nur die Vorhut waren von dem, was noch kommen würde.

Seine Frau kam langsam wieder zu sich.

„Bleib wo du bist, Anna!“

Ihre Bewegung lockte die Aufmerksamkeit der Lamien auf sich. Sie durften ihr nichts tun! Wo war Lisa, verflucht?

Nur vier Kugeln steckten in dem Revolver. Er hatte keine Zeit mehr, nach den anderen beiden zu suchen. Er musste seine Frau und seine Tochter vor diesen schrecklichen Kreaturen in Sicherheit bringen.

„Bleib ganz ruhig, Anna!“

Doch seine Frau hörte nicht auf ihn. Sie erhob sich unsicher. Als sie die Lamia, die sich ihr näherte, wahrnahm, zuckte sie schockiert zusammen.

„Nicht!“, schrie Tim.

Doch es war zu spät. Die Hexe stürzte sich auf sie.

Tim feuerte aus seinem Revolver.

Zugleich lösten sich die übrigen Kreaturen aus ihrer abwartenden Starre.

Ein heller Schrei drang unter dem Bett hervor.

„Lisa!“

Und dann brach die Hölle los.

1

Ein schrilles Pfeifen hallte durch den Tunnel. Kurz darauf preschte der Zug aus der Dunkelheit in eine schneebedeckte Berglandschaft. Mehrere Krähen flatterten aufgeschreckt davon.

Titus beobachtete ihre Flucht über die dunklen Tannen hinauf in den graublauen Himmel. Die Wolken hingen tief. Er konnte nur hoffen, dass er sein Ziel noch erreichte, bevor es wieder schneite. Sein Freund hatte ihn bereits davor gewarnt, dass der Zug in den letzten beiden Dezemberwochen öfters im Schnee stecken blieb und die Passagiere dann keine andere Möglichkeit hatten, als in den Wagons auszuharren. Manchmal dauerte es nur wenige Stunden, manchmal eine ganze Nacht, bis die Schienen wieder frei waren und der Zug weiterfahren konnte.

Titus lehnte sich zurück und blickte auf seinen aufgeschlagenen Notizblock. Außer einem sinnlosen Gekritzel hatte er nichts zustande gebracht. Er hatte gehofft, die Zugfahrt dazu nutzen zu können, um ein paar Ideen aufzuschreiben, aber diese Hoffnung hatte sich inzwischen in Luft aufgelöst.

Das schrille Pfeifen kehrte wieder. Die Winterlandschaft wich einer weiteren Schwärze, als der Zug einen anderen Tunnel durchquerte.

„Nächster Halt Tiefenfall.“

Außer ihm gab es nur drei andere Fahrgäste. Keiner reagierte auf die Durchsage. Titus war wohl oder übel der einzige, der in Tiefenfall ausstieg.

Bis vor kurzem hatte er überhaupt nicht gewusst, dass es einen Ort dieses Namens gab. Doch dann hatte ihn sein Freund Gregor Kranz angerufen und gemeint, ob er über Weihnachten und Neujahr nicht zu ihm kommen wolle. „Der Ort liegt mitten in den Alpen, es gibt keine lästigen Touristen und ein Tapetenwechsel wird dir sicherlich gut tun.“

Gregor hielt sich seit zwei Monaten in Tiefenfall auf. Er war Professor für Volkskunde und, wie er behauptete, auf die Spur eines seltsamen Brauchs gekommen, den es anscheinend nur in Tiefenfall gab. Um seine Forschungen ungestört betreiben zu können, hatte er sich das Wintersemester über frei genommen. Er hatte ein Haus gemietet. „So ziemlich alle Zimmer stehen dir zur Verfügung. Such dir das aus, wo du am besten schreiben kannst.“

Für einen Schriftsteller gab es nichts Schlimmeres als eine Schreibblockade. Brachte man keine Sätze mehr zusammen, begannen irgendwann unweigerlich die Depressionen. Darauf folgten der Alkohol und schließlich die Schrotflinte. Titus hatte die vorletzte Stufe bereits erreicht. Und alles nur, weil er sich abhängig von einer Muse gemacht hatte. Seitdem sie ihn grundlos verlassen hatte, hatte er kein Wort mehr auf Papier gebracht.

Gregor hatte gemeint, die Berglandschaft hätte bereits viele Künstler und Dichter inspiriert. Vielleicht war es so. Titus kannte jedenfalls keinen. Vielleicht aber verhalf ihm die neue Umgebung wenigstens zu einer neuen Idee. Daher hatte er zugesagt. Und aus demselben Grund klappte er nun sein Notizbuch zu und steckte es zurück in seine Laptoptasche. Als er aus dem Fenster blickte, sah er bereits den Bahnsteig von Tiefenfall auf sich zukommen.

2

Der Zug hielt an dem Mittelbahnsteig, der wie eine eckige Betoninsel aus dem Schienenbett ragte. Das Namensschild, an dem das zweite L des Ortsnamens fehlte, klapperte im Wind. Auf dem Dach des Bahnsteigs türmte sich eine riesige Menge Schnee.

Das Licht der mit Fliegendreck verklebten Neonröhren vermischte sich mit der noch verbliebenen Helligkeit des Nachmittags.

Titus hatte Gregor seit fast drei Jahren nicht mehr gesehen. Für Treffen hatte einfach die Zeit gefehlt. Entweder war Gregor zu sehr beschäftigt oder Titus hatte mit einem Abgabetermin gehadert.

Gregor erwartete ihn mit einem breiten Grinsen. Er trug einen hässlich violetten Anorak. Sein Kopf bedeckte eine rote Wollmütze. Auf seiner Nase saß eine große, runde Brille. „Titus!“

Beide schüttelten sich die Hände.

„Meine Güte, Titus, du weißt gar nicht, wie schön es ist, dich endlich wieder zu sehen.“

„Du hättest sagen sollen, dass wir uns hier im Nirgendwo befinden.“

Gregor lachte auf. „Ganz der Alte, Titus. Ständig am Nörgeln. Genau das hat mir die ganzen Jahre über gefehlt.“

„Tja, auf jeden Fall gleicht es schon fast einem Wunder, dass wir uns überhaupt wieder treffen.“

Gregor stieß ihn gegen die Schulter. „Du sagst es, Titus. Und genau aus diesem Grund sollten wir feiern. Du wirst es nicht glauben, aber ich habe eine Haushälterin. Sie kocht gerade das Abendessen.“

„Ich meine, bevor wir hier festfrieren, sollten wir sie aufsuchen.“

Gregor kicherte. „Deine trockene Art ist unübertrefflich, Titus. Meine Güte, es gibt so viel zu erzählen. Also, worauf warten wir noch? Nimm deinen Koffer und ab geht die Post.“

Der Zug, der etwa eine halbe Minute an dem Bahnsteig gehalten hatte, fuhr mit einem quietschenden Ruck wieder los. Das Stampfen des Triebwagens entfernte sich rasch. Nach wenigen Augenblicken verglühten auch die roten Rücklampen des letzten Wagons in der diesigen Ferne. Die ersten Schneeflocken fielen. Erst jetzt nahm Titus die schneidende Luft wahr. Er zog seinen braunen Schal fester, hob seinen Koffer an und folgte Gregor über den hölzernen Bahnübergang zu dem verlassenen Bahnhofsgebäude, dessen kaputte Fenster mit Pressspanplatten zugenagelt waren.

„Der wird schon seit einer Ewigkeit nicht mehr benutzt“, erklärte Gregor. „Wie ich dir schon sagte, Touristen gibt es hier nicht. Ein Kommen und Gehen suchst du hier vergeblich. Die Leute von Tiefenfall bleiben unter sich. Sie mögen keine Fremden. Das wirst du bald selbst merken.“

„Hinterwäldler“, bemerkte Titus. „Du hättest ganz einfach Hinterwäldler sagen sollen.“

Gregor deutete mit dem Zeigefinger auf ihn. „Die Sicht eines Großstädters. Aber ich denke, dir wird es hier gefallen. Ich bin sogar davon überzeugt, dass du hier einen neuen Bestseller schaffen wirst.“

Titus Muskeln verkrampften sich bei dem Wort Schreiben. Eine ätzende Säure brannte in seiner Brust. Trotz der Kälte trat Schweiß auf seine Stirn.

Sie umrundeten das düstere Gebäude. Dahinter lag ein Parkplatz, auf dem nur ein einziges Auto stand. Ein schwarzer Geländewagen, auf dem sich das fahle Licht einer Straßenlaterne spiegelte.

„Ich nehme an, der gehört dir.“

Gregor schloss die Fahrertür auf. „Fast. Ich habe ihn gemietet.“

„Gemietet?“

Gregor nahm Titus den Koffer ab und verstaute ihn auf der Rückbank. „Allerdings. Von einer Autowerkstatt. Ich bin wie du mit dem Zug hierher gekommen. Die klassische Art zu reisen, wenn du so willst.“

Titus öffnete die Beifahrertür und stieg ein. „Und seit wann genau bist du in Tiefenfall?“

Gregor setzte sich hinter das Steuer. Nachdem er den Motor angelassen hatte, sagte er: „Seit Mitte Oktober. Ich ging jedes Mal zu Fuß in den Ort. Ein Spaziergang von etwa zehn Minuten. Aber ich dachte mir, ein Auto zu haben ist besser. Für den Notfall.“ Er fuhr los.

„An was für eine Art Notfall dachtest du denn?“

Gregor lenkte den Wagen vom Parkplatz auf eine schmale Straße. Der Schnee knirschte unter den Reifen. „Der Ort ist klein. Für den Fall, dass ich eine Luftveränderung brauche.“

Die Straße führte in einer langen Kurve zum Ortseingang. Im Licht der Straßenlaternen schälten sich alte Fachwerkhäuser aus der zunehmenden Dunkelheit. Mit dem Schnee auf ihren Dächern glichen sie Lebkuchenhäusern mit einer gehörigen Portion Zuckerguss. Aus der Mitte des Ortes ragte ein spitzer Kirchturm in die Höhe. Titus hatte keine Ahnung von Architektur, aber der Turm vermittelte den Eindruck tiefsten Mittelalters.

Die Straße am Ortseingang wirkte verlassen. Gregor lenkte den Wagen bei einer Kreuzung nach links.

Titus riss erstaunt die Augen auf. Die Scheinwerfer erfassten eine Gruppe Männer, die große Baumstämme auf ihren Schultern transportierten. „Was geschieht denn hier?“

Gregor zuckte mit den Schultern. „Die Leute haben vor drei Tagen damit angefangen. Sie tragen diese Stämme ans nördliche Ende von Tiefenfall. Anscheinend errichten sie dort eine Art Palisade.“

„Und sonst haben die keine Probleme?“

Als sie die Gruppe überholten, erkannte Titus skeptische Blicke, die versuchten, die Insassen des Fahrzeugs auszumachen. Die Männer trugen dicke Daunenjacken, manche von ihnen auch dunkle Wollmäntel. Ihren Gesichtern haftete eine Ernsthaftigkeit an, die beinahe ins Sakrale reichte. Titus fühlte sich wie bei der Teilnahme an einer seltsamen Prozession. Das Ganze hatte etwas Unheimliches an sich. Er erkannte, dass die Stämme an beiden Enden zugespitzt waren. Das rindenlose, glatte Holz verlieh ihnen eine gewisse Nacktheit. Titus zählte neun Männer. Jeweils drei von ihnen schleppten einen Stamm.

Als sich Titus wieder nach vorne drehte, fragte er: „Zählt diese Eigenart zu dem geheimnisvollen Brauchtum, das es nur in diesem Ort geben soll?“

Gregor zog seine Mundwinkel auseinander, was wirkte, als immitiere er eine Kröte. „Ich weiß es nicht. Die Leute reden mit mir nicht darüber. Nicht einmal der Pfarrer.“

„Und deine Haushälterin?“

„Die erst recht nicht. Eine abergläubische Frau. Ich will es einmal so ausdrücken. Seit der ersten Dezemberwoche verspüre ich in diesem Ort eine gewisse Unruhe. Das energische Schweigen der Bewohner von Tiefenfall bestärkt mich darin, dass irgendetwas vorgeht.“

„Dass etwas vorgeht, haben wir ja soeben wohl oder übel gesehen.“

Gregor nickte nachdenklich.

Den Rest der Strecke legten sie schweigend zurück.

3

Das Haus, in dem Gregor wohnte, stand etwas außerhalb von Tiefenfall. Es handelte sich um ein Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert. Aus dem Schornstein qualmte Rauch, der von dem Wind davon geweht wurde. Das behagliche Aussehen des Gebäudes stand im vollen Gegensatz zu dem gegenüberliegenden Ort. Ein von einer verwachsenen Hecke eingerahmter Friedhof. In der Dämmerung erkannte Titus Steinkreuze und Grabsteine sowie eine alte Kapelle, deren windschiefe Konstruktion die Kälte des beginnenden Abends einzusaugen schien.

Das Tor der Garage, die an das Gebäude angebaut war, öffnete sich automatisch. Gregor fuhr den Wagen hinein und schaltete den Motor aus. „Willkommen daheim.“

Hinter ihnen rollte das Tor wieder herunter. „Hier hast du es auf jeden Fall ruhig.“

Gregor öffnete die Tür. „Du meinst wegen des Friedhofs? Ja, dort drüben macht bestimmt niemand Radau.“

Titus stieg aus und nahm seinen Koffer von der Rückbank. „Ein ganzes Haus nur für dich allein. Hat es die ganze Zeit über leer gestanden?“

„Soweit ich weiß, hat hier seit langem niemand mehr gewohnt.“ Gregor zuckte mit den Achseln. „Kein Wunder. Wie gesagt, in diesen Ort verirrt sich niemand.“

„Und von den Bewohnern des Ortes zog niemand hierher?“

Gregor trat an die Tür, die in das Haus führte. „Willst du in der Garage übernachten? Das Haus stand leer. Es interessiert mich nicht, wer oder ob jemand vor mir hier gelebt hat. Das Gebäude ist hervorragend für meine Arbeit. Wenn du dich mit der Geschichte des Hauses auseinandersetzen willst, dann findest du vielleicht etwas darüber in der Bibliothek.“

„Bibliothek?“

Gregor trat durch die geöffnete Tür in die Diele. „Hier im Erdgeschoss. Eine durchaus ansehnliche Büchersammlung.“

Titus folgte ihm. Er kam in einen weitläufigen Eingangsbereich, in dem eine Holztreppe hinauf in das Obergeschoss führte. Mehrere Türen öffneten sich in angrenzende Zimmer.

An einer der Wände hing ein großes Gemälde. Es zeigte eine düstere Berglandschaft, bedeckt von einem dichten Wald. Im Hintergrund erkannte Titus so etwas wie eine dunkle Gewitterwolke. Erst bei genauerem Hinsehen stellte er fest, dass die Wolke aus einer Unzahl dunkler, schemenhafter Teufelsfratzen bestand. Nicht gerade ein typischer Beitrag zur Landschaftsmalerei.

Es roch nach frisch zubereitetem Essen. Titus’ Magen knurrte. Seit er seine Reise früh am Morgen begonnen hatte, hatte er lediglich ein belegtes Brötchen und einen Becher Kaffee zu sich genommen.

„Ich zeige dir kurz dein Zimmer“, sagte Gregor. „Danach genehmigen wir uns ein großartiges Essen.“ Er geleitete Titus über die Treppe ins Obergeschoss.

Das Zimmer, in dem Titus übernachten sollte, war großräumig und besaß zudem ein eigenes Bad. Titus stellte den Koffer ab und legte seine Laptoptasche auf den Schreibtisch. Eine Glastür ging hinaus auf einen Balkon. Die Möbel entsprachen dem geläufigen Landhausstil.

„Gib es ruhig zu, du hast etwas anderes erwartet“, meinte Gregor.

„Was hätte ich erwarten sollen? Es ist schön hier.“

„Ich lasse dich für einen Moment alleine“, erwiderte Gregor. „Treffen wir uns unten wieder.“

Nachdem sein Freund gegangen war, schaltete Titus das Licht aus und trat ans Fenster. Natürlich. Es zeigte in Richtung Friedhof. Von hier aus sah er einzelne Grabkerzen leuchten. Er ließ seinen Blick durch die Ferne schweifen. Tiefenfall lag in einem Tal. Die hohen, zerklüfteten Berge umgaben den Ort wie die Mauern einer gewaltigen Festung. Das restliche Licht des Tages zeichnete sich als orangerote Flecken auf ihren Spitzen ab. Titus benutzte die Toilette und wusch sich Hände.und Gesicht. Er fühlte sich schwer wie Blei. Er war das Reisen nicht gewöhnt. Aus dem Erdgeschoss hörte er Gregor mit einer Frau sprechen. Wohl oder übel handelte es sich dabei um seine abergläubische Haushälterin. Titus blieb noch einen Moment in dem Zimmer stehen, bevor er hinaus in den Flur trat und im Erdgeschoss nach dem Esszimmer suchte.

„Da bist du ja schon!“, rief Gregor ihm zu. Er stand vor einem großen Kamin und schürte das Feuer. Funken stoben empor.

Die Mitte des Raumes nahm ein ovaler Tisch ein, der für zwei Personen gedeckt war. Es gab eine weiße Porzellanschüssel mit Suppe und einen Teller, auf dem ein dampfender Rinderbraten Titus’ Appetit anregte. Dazu gab es Kartoffeln und Rotkraut.

Gregor zeigte auf die Speisen. „Lisa hat bereits alles vorbereitet.“

„Lisa?“

„Meine Haushälterin.“

„Ist sie noch in der Küche?“

„Sie ist soeben nach Hause“, erklärte Gregor und trat an den Tisch. „Seit gestern will sie nicht länger als bis kurz nach Sonnenuntergang bleiben. Frag mich nicht, aus welchem Grund.“

„Hängt wahrscheinlich mit ihrem Aberglauben zusammen“, bot Titus eine Erklärung an.

„Da kannst du Recht haben. Aber was soll’s. Setz dich lieber. So wie du aussiehst, kannst du sicherlich eine Menge vertragen.“

Titus nahm sich von der Suppe. „Das kannst du laut sagen. Ich habe einen Bärenhunger.“

Gregor lächelte. „Das hört sich schon einmal gut an. Vielleicht vertreibt das Essen ja deine trüben Gedanken.“

Titus stockte in seiner Bewegung. „Merkt man mir das so sehr an?“

„Anmerken? Man braucht nicht einmal Licht dazu. Hör einmal auf deinen ältesten und besten Freund. Deine Muse war nicht die einzige Frau auf diesem Planeten.“

„Das sagt einer, der seit Jahren mit seiner Mutter zusammen lebt und noch nie eine Freundin gehabt hat.“

Gregor schmunzelte. „Oh, da kennst du nur die halbe Wahrheit.“

„Halbe Wahrheit? Sollte innerhalb der Zeit, in der wir uns nicht gesehen haben, ein Wunder geschehen sein?“

Gregor lachte auf. „Wunder? Nicht wirklich. Eine meiner Studentinnen, Titus. Sie ist jetzt meine Assistentin.“

Titus probierte die Suppe. Gut war kein Ausdruck. Sie schmeckte göttlich. Eine Kürbissuppe wie sie nicht besser hätte sein können. „Ich kann mir denken, aus welchem Grund.“

„Jetzt wirst du geschmacklos, Titus. Sie hat das Zeug zu einer hervorragenden Wissenschaftlerin.“

„Und ist zufällig auch gut im Bett.“

Gregor rückte verlegen seine Brille zurecht. „Ihre Brüste, Titus …“

„Jetzt fängst du damit an. Und wieso ist sie nicht mit hierher gekommen?“

„Sie kommt morgen.“

Titus schaute von seiner Suppe auf. „Ich dachte, ich sei dein einziger Gast.“

„In Ordnung, ich hätte es dir schon früher sagen sollen. In deiner Lage war es sicher unfein. Aber ich brauche sie hier bei mir.“

„Als Betthäschen oder als intellektuelle Unterstützung?“

„Es gibt zu viele Dinge zu untersuchen. Alleine werde ich nicht damit fertig.“

Titus löffelte seinen Teller aus. „Ich brauche Ruhe. Eine fremde Person …“

Gregor seufzte. „Streiten wir nicht, Titus. Sie kommt morgen und damit basta. Sie wird dich nicht stören. Theresa ist ein äußerst sanftmütiger Mensch.“

„Theresa heißt die Gute?“

„Theresa Chambers.“

„Engländerin?“

„Sie kommt aus den USA. Spricht aber hervorragend deutsch.“

Titus stellte den Suppenteller zur Seite. „Ich werde mir Mühe geben.“

„Mühe? Bei was?“

„Freundlich zu sein. Und jetzt schneide mir etwas von dem Braten ab. Am besten gleich zwei Scheiben. Lisa kocht hervorragend.“

Nach dem Essen holte Gregor die Kanne Kaffee, die auf der Kommode gestanden hatte. „Die gute Fee hat an alles gedacht. Setzen wir uns damit vor den Kamin. Du schaust übrigens müde aus.“

Titus unterdrückte ein Gähnen. „Die Fahrt war nicht gerade kurz.“ Er setzte sich in einen der beiden Lehnstühle, die Gregor vor den Kamin gerückt hatte.

Gregor legte Holz nach, bevor er in dem anderen Stuhl Platz nahm. Er betrachtete gedankenverloren die tanzenden Flammen. Schließlich richtete er seine Augen auf Titus. „Über sie hast du mir so gut wie gar nichts erzählt.“

Titus verkrampfte sich. Er beobachtete die Spiegelung der Flammen auf der Kaffeeoberfläche, während er sagte: „Was soll ich dir über sie erzählen? Sie inspirierte mich. In dem Zeitraum, in dem wir zusammen waren, schrieb ich zwei meiner besten Romane. Seit sie weg ist, bringe ich absolut nichts mehr zustande.“

„Sie ist einfach auf und davon?“

Titus nickte. „Ohne Grund. Ich wachte eines Morgens auf und sie war nicht mehr da. Keine Nachricht, kein Anruf, keine Email.“

„Eindeutig ein billiges Flittchen, das sich von seinen Liebhabern aushalten lässt.“

„Du musst es ja wissen.“

Gregor schenkte sich Kaffee nach. „So hört sich das für mich an. Du solltest ihr nicht nachtrauern.“

„Elvira Mohn war wie eine Droge.“

Gregor horchte auf. „Sagtest du soeben Mohn?“

„Ihr Nachname. Wieso?“

Sein Freund runzelte die Stirn. „Nur so. Ich kenne einen Wissenschaftler mit diesem Namen. Er ist … Wir sind das, was man schlechthin als Rivalen bezeichnet. Er zieht meine Artikel durch den Dreck und ich seine. Mohn versucht alles, um dahinter zu kommen, an was ich gerade forsche.“

Titus zuckte mit den Achseln. „Und wenn schon. Was hat er davon, wenn er es herausfindet?“

Gregor hob seinen Zeigefinger. „Eine ganze Menge, Titus. Er würde versuchen, mir Konkurrenz zu machen, indem er schnell irgendwelche Artikel über meine Forschungen veröffentlicht. Damit würde er meine Arbeit zunichte machen. Um es auf den Punkt zu bringen, er ist das, was man gemeinhin als Arschloch bezeichnet.“

„Und was ist so besonders an deiner derzeitigen Forschung? Ich meine, außer Männer dabei zu beobachten, wie sie Holzstämme durch den Ort schleppen.“

Gregor zog seine Mundwinkel auseinander und runzelte die Stirn. „Ich bin in einem alten Dokument auf eine sonderbare Spur gestoßen. Es handelt sich dabei um den Brief eines Gelehrten namens Theophilus Gotthelf aus dem 18. Jahrhundert. Auf seinen ausgedehnten Reisen durch Europa kam er eines Tages nach Tiefenfall. In seinem Brief erwähnt er eine rätselhafte Tradition, die im Zusammenhang mit etwas steht, dass im Volksmund als Wilde Jagd bekannt ist.“

Titus reichte ihm seine leere Tasse, damit Gregor sie nachfüllte. „So, so. Auch wenn dieser Begriff im Volksmund so heißt, habe ich trotzdem keine Ahnung, was es damit auf sich hat.“

Gregor griff nach der Kanne, die neben ihm auf einem Rauchertischchen stand. Während er nachschenkte, erklärte er: „Die Wilde Jagd ist reiner Aberglaube. Es soll sich dabei um ein Heer aus Monstern, Dämonen und Untoten handeln, die zwischen Weihnachten und Neujahr die Nächte unsicher machen. Diese Vorstellung ist in den Alpen nicht gerade unbekannt. Aber hier in Tiefenfall scheint sie eine ganz andere Dimension angenommen zu haben.“

„Das alles erwähnte er in dem Brief?“

„Er erwähnte eigentlich nur, dass er das Haus des Pfarrers besucht habe. Dieser besaß eine eigene Waffenkammer, die voll gestellt war mit Musketen, Schwertern, Sprengstoff und weiß der Teufel was noch. Gotthelf erstaunte diese Ansammlung von Waffen bei einem Pfarrer natürlich. Daher wollte er wissen, was das zu bedeuten habe. Der Pfarrer zögerte ein wenig. Er gab schließlich preis, dass Tiefenfall gelegentlich heimgesucht werde. Auf die Frage, wer oder was diesen Ort heimsuche, antwortete der Pfarrer lakonisch: ‚Die Wilde Jagd’.“

Titus nippte an seiner Tasse. „Ich nehme an, dieser Theophilus Gotthelf hielt den Pfarrer für unzurechnungsfähig?“

„Das weiß ich nicht. Mehr hat der gute Mann nicht notiert. Es gibt nur diese eine Stelle in seinen unzähligen Briefen. Keine ähnlichen Bemerkungen in seinen Tagebüchern. Nichts. Verwunderlich, nicht wahr?“

„Nur dann, wenn man dem Aberglauben der Bergleute skeptisch gegenübersteht.“

Gregor lachte laut auf. „Seit wann glaubst du an Spuk oder Hexerei?“

„Ich glaube an gar nichts. Daher bin ich für alles aufgeschlossen.“

„Ein interessantes Paradoxon. Aber zurück zum eigentlichen Thema. Es gibt keinen einzigen Ort in den Alpen, in dem sich die Bewohner gegen die Wilde Jagd im wahrsten Sinne des Wortes wappnen. Es gibt natürlich gewisse Bräuche, mit denen sich die Bewohner versuchen zu schützen. Aber nicht mit Pistolen, Gewehren, Schwertern und dergleichen. Die Rituale sind dadurch gekennzeichnet, dass als Dämonen verkleidete Männer durch die Straßen ziehen und Häuser aufsuchen, um deren Bewohner vor dem Bösen zu schützen. In manchen Gegenden achtet man auch darauf, dass nach Sonnenuntergang keine Kinder mehr auf den Straßen spielen. Aber damit hat es sich. Im Grunde genommen ist es ein Spiel, eine Art Karneval oder Fasching. Keiner hortet irgendwo Waffen, um sich gegen diese Bedrohung zu schützen.“

Titus zeigte ein flüchtiges Grinsen. „Die Leute von hier sind eben Pragmatiker.“

„Oder etwas völlig Anderes steckt dahinter. Ich hatte ein Gespräch mit dem Pfarrer. Der einzige Mann, der relativ aufgeschlossen mir gegenüber ist. Wahrscheinlich, weil er noch nicht lange die Gemeinde in diesem Ort leitet. Ich fragte ihn nach dieser Kammer. In der Tat zeigte er mir einen kleinen Raum, der ihm als Abstellkammer dient. Keine Waffen. Er lagert darin nur alte Kartons.“

„Wenn es nichts gibt, wieso hast du dann vorhin gemeint, es gebe zuviel zu untersuchen?“

„In der Kirche lagern alte Dokumente. Walter Dorn, der Pfarrer, hat sie sich noch nicht genau angesehen. Mir hat er jedoch erlaubt, die Schriften zu studieren. Auch hier in der Bibliothek gibt es ein paar Bücher, die für meine Arbeit wichtig sein könnten. Du siehst, ich stehe mit meinen Forschungen noch völlig am Anfang. Irgendetwas geht hier vor. Es kommt mir vor, als habe dieser Ort ein dunkles Geheimnis, das von seinen Bewohnern aufs strengste bewahrt wird. Wie gesagt, außer dem Pfarrer redet niemand mit mir. Und Dorn weiß so gut wie nichts über die Geschichte des Ortes.“

Titus und sein Freund saßen noch bis kurz vor Mitternacht am Kamin. Da Titus bereits ein paar Mal in seinem Stuhl beinahe eingeschlafen war, beschlossen sie, sich beim Frühstück weiter zu unterhalten.

Als Titus wieder sein Zimmer betrat, ließ er das Licht zunächst aus und ging zur Balkontür. Der Friedhof lag ruhig und vergessen inmitten der Winterlandschaft. Die Berge waren in der nächtlichen Dunkelheit nicht mehr zu erkennen.

Er öffnete die Tür und trat hinaus auf den Balkon. Die Kälte erfrischte ihn. Noch immer wehte ein Wind. Im gesamten Ort herrschte eine fast gespenstische Stille. Es gab nur ein einziges Geräusch, das seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein regelmäßiges Hämmern und Schlagen, so als wären mitten in der Nacht mehrere Zimmerleute am Werk.

Titus dachte an die großen Holzstämme. Gregor hatte wahrscheinlich Recht. Tiefenfall hatte ein Geheimnis.

4

Als Titus erwachte, war es draußen bereits hell. Er warf einen flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr, die er neben dem Bett auf den niedrigen Kasten gelegt hatte. Es war kurz nach Zehn. Die Fahrt hatte ihn wohl mehr erschöpft, als er angenommen hatte. Schnell stieg er aus dem Bett, duschte sich und verließ das Zimmer.

Aus der Küche hörte er ein emsiges Klappern von Töpfen. Lisa hatte demnach wieder ihren Posten als Haushälterin aufgenommen. Als er das Speisezimmer betrat, stellte er überrascht fest, dass Gregor nicht am Tisch saß. Es war lediglich für eine Person gedeckt. In einem Korb lagen fünf Brötchen. Es gab mehrere Marmeladen zur Auswahl, dazu Honig und Schinken. Eine Kanne Kaffee stand auf einem Porzellanstövchen mit kitschigem Blumenmuster. Neben dem Teller lag eine zusammengefaltete Tageszeitung.

Titus setzte sich. Ohne sich weiter über den Verbleib seines Freundes Gedanken zu machen, nahm er sich ein Brötchen, schnitt es auf und bestrich es mit Butter und Erdbeermarmelade.

Gerade als er sich Kaffee einschenken wollte, sagte eine sanfte Stimme hinter ihm: „Herr Kranz ist bereits außer Haus.“

Titus drehte sich um.

In der Tür zur Küche stand eine überaus hübsche Frau. Als Titus die Bezeichnung Haushälterin vernommen hatte, war in ihm das Bild einer kleinen, buckligen Alten entstanden, welche die Atmosphäre mit ihrer griesgrämigen Laune vergiftete. Die schlanke Frau, deren Äußeres eine irritierende Sinnlichkeit ausstrahlte, erstaunte ihn. Sie betrachtete ihn mit einer interessanten Mischung aus Neugierde und Zurückhaltung. Sie hatte langes, schwarzes Haar und kastanienbraune Augen. Ihre Kleidung bestand aus einer orangeroten Bluse und einer blauen Jeans. Sie faltete ihre Hände wie zum Gebet.

„Hat er gesagt, wohin er wollte?“, fragte Titus. Er hatte ganz vergessen, dass er noch immer die Kanne in der Hand hielt.

„Ich glaube, zum Bahnhof, um seine Assistentin abzuholen.“

Titus’ Stimmung verdüsterte sich augenblicklich. „Sie kommt schon in der Früh?“

„Das dürfte wohl der Fall sein.“

Titus wandte sich wieder seinem Frühstück zu. Er trank einen Schluck Kaffee und biss daraufhin in das Brötchen.

„Ich hoffe, es schmeckt Ihnen.“

Titus drehte sich wieder um.

Die Frau wirkte auf eine merkwürdige Art verunsichert. Zugleich schien sie darauf aus zu sein, mit Titus ein kurzes Gespräch zu führen.

„Schmeckt sehr gut“, antwortete er. „Ist die Marmelade von Ihnen?“

Ein zurückhaltendes Grinsen huschte über ihre Lippen. Sie trat an den Tisch, wobei sie sich hinter einen der Stühle stellte und dessen Lehne festhielt. „Alle Marmeladen sind von mir. Die Rezepte stammen von meiner Mutter.“

Titus nickte. „Wirklich gut. Mein Name ist übrigens Titus Hardt.“

„Der Schriftsteller, ich weiß.“

Titus hob seine Augenbrauen. „Sie haben schon etwas von mir gelesen?“

„Um ehrlich zu sein, nein. Aber Herr Kranz erzählte mir bereits viel über Sie. Was schreiben Sie denn?“

„Lesbenthriller.“

Die Frau errötete. „Und … können Sie davon leben?“

„Noch“, antwortete Titus. „Ich befinde mich zurzeit in einer Schaffenskrise. Seit mehreren Wochen bringe ich nichts mehr zustande. Es kommt mir vor, wie wenn ich von einer Sekunde auf die andere das Schreiben verlernt hätte.“

„Das tut mir Leid.“

Titus nickte. „Wenn ich nicht mehr schreiben kann, kann ich klarerweise nicht mehr davon leben.“

„Wahrscheinlich klingt meine Frage sehr aufdringlich, aber gibt es einen Grund dafür?“

„Dass ich nicht mehr schreiben kann?“ Titus trank einen Schluck, bevor er fortfuhr: „In der Tat, den gibt es. Meine Muse hat sich auf und davon gemacht. Eine Frau namens Elvira Mohn. Genauso wie in einem kitschigen Drama.“

Die Haushälterin schwieg. Sie betrachtete verunsichert die Tischoberfläche. Schließlich sagte sie: „Ich bin übrigens Lisa Bardin. Sie können mich einfach Lisa nennen. Ich … Nun ja, ich verwalte dieses Haus.“

Titus hielt im Kauen kurz inne. „Das ist ja interessant. Gregor meinte nämlich, er wisse nicht, wer vor ihm in diesem Haus gewohnt habe.“

„Das stimmt auch. Herr Kranz hat sich lediglich gewundert, weswegen das Haus leer stand.“

„Und weswegen stand es leer?“ Titus ließ Lisa bei der Frage nicht aus den Augen.

Die Haushälterin wich seinem Blick aus. „Die Leute glauben, dass es hier spukt. Deswegen stand es die ganze Zeit über leer.“

„Oh, der Friedhof lässt grüßen.“

„Das ist es wahrscheinlich“, erwiderte Lisa schnell. „In diesem Sinne liegt das Haus wirklich ungünstig. Es gehört meiner Familie seit mehr als zweihundert Jahren.“

„Tatsächlich? Und aus welchem Grund leben Sie mit Ihren Angehörigen nicht darin?“

„Ich lebe alleine. Mein Mann hat mich vor drei Jahren verlassen. Und meine Eltern leben nicht mehr. Was soll ich also alleine in solch einem großen Haus?“

Titus zuckte bei dem Wort Mann leicht zusammen. Er schätzte Lisa auf Anfang dreißig. Wieso verließ jemand eine solch hübsche Frau? „Haben Sie Kinder?“

„Nein.“

Titus stopfte sich den Rest des Brötchens in den Mund. Nachdem er es mit einem Schluck Kaffee hinuntergespült hatte, sagte er: „Gregor hat behauptet, dass sich so gut wie keine Touristen nach Tiefenfall verirren. Ist das richtig?“

„Touristen suchen Sie hier vergeblich. Sie und Herr Kranz sind seit längerer Zeit die ersten Besucher, die wir in diesem Ort haben.“

Titus schüttelte den Kopf. „Ein seltsames Kaff.“

Lisa betrachtete ihn furchtsam. „Wie meinen Sie das?“

„Gestern beobachteten wir eine Gruppe Männer, die Pfähle an die Nordseite des Ortes trugen. Gregor zufolge errichten sie dort einen Zaun.“

Die Haushälterin verkrampfte ihre Hände, sodass sie wie zwei weiße Knorpel wirkten, die aus der Stuhllehne ragten. „Ich habe davon gar nichts mitbekommen.“

Titus stand auf. Es war offensichtlich, dass Lisa nicht die Wahrheit sagte. „Vielleicht sehe ich mir heute Vormittag die Konstruktion einmal an.“

Lisa trat abrupt hinter ihrem Stuhl hervor. „Tun Sie das lieber nicht, Herr Hardt. Die Leute mögen es nicht, wenn man sich in ihre Angelegenheiten einmischt.“

„Dann erklären Sie mir, was hier vorgeht.“

„Sie hätten besser gar nicht nach Tiefenfall kommen sollen. Das ist das Einzige, was ich Ihnen sagen kann. Sie sollten in den nächsten Zug steigen und von hier wieder verschwinden. Zusammen mit Herrn Kranz.“

„Wollen Sie damit andeuten, dass wir in irgendeiner Gefahr schweben?“

Lisa trat zurück an die Küchentür. „Bald wird es zu spät sein.“ Damit ließ sie Titus alleine.

5

Als Titus das Haus verließ, vernahm er aus der Küche wieder das Klappern der Töpfe. Es fiel ihm schwer, Lisas Bemerkungen aus dem Kopf zu bekommen. Welche Art von Gefahr hatte sie gemeint? Titus bezweifelte, eine Antwort zu erhalten, wenn er die Küche aufsuchte, um sie danach zu fragen. Lisa war eigenartig. Mindestens soviel stand fest. Dennoch musste er sich eingestehen, dass ihn ihre Erscheinung faszinierte.

Vor dem Haus zündete er sich eine Zigarette an. Die Kälte schnitt wie eine Rasierklinge in sein Gesicht. Der Schnee blendete in den Augen, obwohl der Himmel mit graublauen Wolken verhangen war.

Er hatte vor, einen Rundgang durch den Ort zu machen, bevor Gregor mit seiner Assistentin zurückkam. Vielleicht führte ihn sein Spaziergang auch in die Nähe des obskuren Zauns, den die Bewohner aus Holzstämmen errichteten.

Während er rauchte, fiel sein Blick auf den Friedhof, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite lag. Der Schnee, der in der Nacht gefallen war, hatte auf den ungepflegten Hecken einen weißen Wall errichtet. Er wusste nicht, was er sich davon versprach, doch als er seine Zigarette ausdrückte, beschloss er, dem Gottesacker einen kurzen Besuch abzustatten. Er kannte einen Autor, der sich von Grabsteinen inspirieren ließ. Vielleicht hatte Titus ja dieses Mal auch Glück und kam beim Anblick der Gräber auf eine neue Romanidee.

Er überquerte die verlassene Straße und öffnete das schwarz lackierte Tor. Die moosbedeckten Grabsteine mit der windschiefen Kapelle im Hintergrund erschienen wie das Motiv für das Plakat eines klassischen Gruselfilms. Gelegentlich ragten verwitterte Skulpturen in Form trostloser Engel aus dem Schnee.

Während Titus an den Gräbern vorbeischlenderte las er die Namen der Verstorbenen. Seltsamerweise stand auf mehreren Grabsteinen dasselbe Sterbedatum: 25.12.1981. Hatte damals eine Epidemie den Ort heimgesucht? Vor einem der Grabsteine blieb er abrupt stehen. Bardin. Besaß nicht die Haushälterin denselben Nachnamen? Tim Bardin 1952-1981 und Anna Bardin 1950-1981. Unterhalb dieser beiden Namen stand: Thomas Bardin. 1979-1981. Es musste sich dabei um den Sohn der beiden handeln. Lisas Eltern und ihr Bruder waren hier begraben. Er zog seinen Mantel fester, da es ihn plötzlich fröstelte.

Er spazierte weiter bis zur Kapelle. Die Holztür hing schräg in den Angeln. Dem Aussehen nach hatte sich nie jemand die Mühe gemacht, diese zu reparieren. Er drückte dagegen. Sie öffnete sich, wobei sie über den Steinboden schabte. Fünf hölzerne Kirchenbänke reihten sich hintereinander. Am gegenüberliegenden Ende stand ein Altar. Darüber hing ein schweres Steinkreuz. Es gab keine Verzierungen, nichts, das sich lohnte, näher in Augenschein zu nehmen. Also schloss er die Tür wieder und drehte sich um.

Titus zuckte zusammen. Er blickte direkt in das mürrische Gesicht eines alten Mannes. Der Kerl musste sich regelecht von hinten angeschlichen haben. Er trug eine dunkelblaue Wollmütze und einen schäbigen Anorak. Sein grauer Stoppelbart verlieh ihm ein ungepflegtes Aussehen.

„Was machen Sie hier?“, fuhr ihn der Mann an.

Titus versuchte, sich seinen Schrecken nicht anmerken zu lassen. „Mich umsehen.“

„Sich umsehen? Wer sind Sie überhaupt? Ich kenne Sie nicht.“

Titus begann sich, über diese grobe Art zu ärgern. „Darf ich fragen, wer Sie sind?“

„Sie sind fremd hier, nicht wahr?“, fuhr der Mann fort, so als ob er Titus’ Frage nicht gehört habe. „Fremde in Tiefenfall sind nicht gut. Wir mögen keine Leute von außerhalb. Besonders nicht, wenn sie sich auf unserem Friedhof aufhalten.“

Titus räusperte sich. „Gibt es dafür auch so etwas wie eine Erklärung?“

Der Mann glotzte Titus verdutzt an. „Eine Erklärung? Hören Sie, junger Mann, ich weiß noch immer nicht, wer Sie sind und was Sie hier wollen. Daher rate ich Ihnen, sich von hier fernzuhalten.“

Titus trat an dem Mann vorbei auf die Reihe von Grabsteinen zu, in welche dasselbe Sterbedatum eingemeißelt worden war. „Können Sie mir nicht einmal sagen, weswegen so viele Leute an Weihnachten einundachtzig gestorben sind?“

Die Augen des Mannes funkelten zornig. „Wer sind Sie? Ein verdammter Reporter? Hauen Sie von hier ab!“

„War nur eine Frage“, erwiderte Titus, drehte sich um und verließ den Friedhof.

Um auf der rutschigen Straße in den Ort zu kommen, benötigte er mehr als fünfzehn Minuten. Kein Mensch kam ihm entgegen. Wenn er Glück hatte, traf er in Tiefenfall auf Gregor, damit er sich den Fußmarsch zurück ersparte. Vielleicht wusste sein Freund noch nichts darüber, dass es am ersten Weihnachtstag 1981 auffällig viele Sterbefälle gegeben hatte. Normalerweise hätte er ihn mit seinem Handy anrufen können. Gregor aber gehörte zu einer Minderheit von Handy-Gegnern. Daher blieb Titus nichts anderes übrig, als abzuwarten.

Er kam nicht gerade an vielen Geschäften vorbei. Es gab unter anderem ein kleines Antiquariat, das jedoch geschlossen hatte. Titus blieb kurz vor dem Schaufenster stehen, in dem Bücher über Geister- und Hexenglauben auslagen. Anscheinend beschäftigten sich nicht wenige Leute mit Esoterik.

„Was auch immer das zu bedeuten hat“, murmelte Titus vor sich hin.

Endlich erreichte er das Ortszentrum von Tiefenfall. Direkt vor ihm ragte die Kirche wie ein abstruses Artefakt aus dem mit unebenen Pflastersteinen belegten Platz. Ihre schmutzigbraune Fassade sowie die gotischen, teils blinden Fenster trugen nicht gerade dazu bei, dass er sich in dieser Gegend wohl fühlte. Erst jetzt erkannte er auf dem Kirchturm eine dornenähnliche Spitze. Auch auf dem Dach des Kirchenschiffes ragten in regelmäßigen Abständen große, silberfarbene Dornen in die Höhe. Diese Auffälligkeiten machten ihn neugierig.

6

Im selben Augenblick, als Titus das unverzierte Kirchenportal öffnete, wurde er von einem dicken, kräftigen Mann zur Seite gestoßen, der die Kirche in rasendem Tempo verließ.

„Gehen Sie aus dem Weg, verdammt!“

Titus schaute dem Mann überrascht nach. Er trug einen dunkelgrauen Anzug und um seinen Hals hatte er einen rotbraunen Wollschal gewickelt. Die Kälte schien ihm nichts auszumachen, ansonsten hätte er wohl einen Mantel getragen. Sichtbar verärgert stapfte er über den rutschigen Platz und verschwand schließlich in einer schmalen Straße.

Sein Gesicht hatte Titus nicht richtig erkennen können. Er glaubte aber, sich an einen dichten Schnauzbart zu erinnern sowie an eine breite Nase. Er zuckte mit den Schultern und betrat die Kirche.

Vor ihm erstreckte sich ein breites Kirchenschiff. Es gab keine Säulen. Das Längsschiff sowie der Chor wirkten wie aus einem Guss. Rechts und links verliefen zwei Bankreihen. Es roch nach Weihrauch und altem Gemäuer.

Direkt neben dem Altar erhob sich ein Weihnachtsbaum, der von zwei Männern geschmückt wurde. Ein Adventskranz stand auf einem Stahlgestellt, das Ähnlichkeiten mit einem Folterinstrument besaß. Neben dem Eingang lagen auf einem Tisch mehrere Faltzettel. Einer davon trug die Überschrift St. Georg – Geschichte unserer Kirche. Der Inhalt des kurzen Textes erwies sich als mehr oder weniger belanglos. Der Architekt der Kirche war unbekannt.

Der Bau wurde zum ersten Mal in einem Dokument aus dem achten Jahrhundert erwähnt. Das einzig wirklich Interessante an der Kirche hatte mit einem Wandgemälde zu tun, das auf der Nordseite angebracht war. Kunsthistorikern zufolge stammte es aus dem 15. Jahrhundert. Der Künstler konnte bisher nicht identifiziert werden, nach Art des Gemäldes aber könnte es sich um einen Maler aus dem Umfeld von Hieronymus Bosch handeln.

Titus legte den Zettel zurück auf den Tisch. Die beiden Männer waren weiterhin in ihre Arbeit vertieft. Er spazierte an den Holzbänken vorbei und hielt nach dem erwähnten Gemälde Ausschau. Ob Gregor davon wusste? Wahrscheinlich. Immerhin hatte sein Freund bereits mit dem Pfarrer Bekanntschaft geschlossen und demzufolge die Kirche bereits aufgesucht.

Nach wenigen Metern blieb Titus stehen. Das Kunstwerk besaß größere Ausmaße, als er sich vorgestellt hatte. Es war etwa zwei Meter hoch und einen Meter breit. Direkt daneben befand sich eine aus Holz geschnitzte Figur des Heiligen Georg, der mit einer Lanze den Hals eines Drachen durchbohrte. Die Farbe war fast vollkommen abgeblättert. Die Schnitzarbeit wirkte unbeholfen.

Titus richtete seine Aufmerksamkeit auf das Gemälde. Es zeigt eine kleine Stadt oder ein Dorf, dessen Bewohner von einer Horde Dämonen heimgesucht wurde. Die Ungeheuer saßen rittlings auf den Dächern der Gebäude, jagten Menschen durch den Ort, fraßen Kinder und brieten Körperteile über Lagerfeuern. Manche Personen wurden von den Angreifern durch die Luft gezerrt. Die vor Schreck verzerrten Gesichter der Betroffenen ließen erahnen, dass diesen der Spaß rein gar nicht gefiel.

Das Werk zeichnete sich durch seine durchweg düsteren, bis ins Schwarz hineingehenden Farben aus. Die Augen der Dämonen besaßen auch nach Jahrhunderten ein glühendes Rot. Manchmal ähnelten ihre Gesichter denen verwester Leichname, manchmal waren sie halb menschlich, halb tierisch und dann gab es welche, deren bizarres Aussehen Titus nicht einordnen konnte.

„Ein interessantes Gemälde, nicht wahr?“

Der Mann, der auf einmal neben ihm stand, erwies sich als einer der beiden, die vorhin den Christbaum geschmückt hatten. Mit Ausnahme seines weißen Priesterkragens war er ganz in Schwarz gekleidet. Das Hemd und die Hose, die aufgrund ihres Schnitts eine gewisse konservative Strenge ausstrahlten, passten nicht zu seinem jungen Aussehen und seiner modischen Frisur.

„Der Künstler ist tatsächlich unbekannt?“, hakte Titus nach.

„Sie haben also bereits unser Faltblatt studiert“, bemerkte der Mann mit einem süffisanten Grinsen. „Es stimmt. Kunsthistoriker können dieses Werk niemandem zuordnen. Allerdings befürchte ich, dass die Wissenschaftler gerade aus diesem Grund das Bild für belanglos halten.“

„Hat es Ihrer Meinung nach einen gewissen Wert?“

Der Mann legte den Kopf leicht schief. „Nun, es ist Teil unserer Kirche. Daher besitzt es jedenfalls für mich einen bestimmten Wert, auch wenn dieser rein persönlicher Natur ist. Mein Name ist übrigens Walter Dorn. Ich bin der Pfarrer dieser Gemeinde.“

Titus schüttelte ihm die Hand. „Titus Hardt. Wahrscheinlich kennen Sie meinen Freund Gregor Kranz.“

Dorn öffnete überrascht die Augen. „Aber ja! Sind Sie etwa auch Volkskundler?“

„Ich bin Schriftsteller. Gregor hat mich über Weihnachten zu sich eingeladen. Wir wohnen in dem Haus neben dem Friedhof.“

„Ich weiß, das Haus der Bardins. Wahrscheinlich sind Sie Lisa bereits begegnet.“

„Ich hatte ein kurzes Gespräch mit ihr.“

Der Pfarrer seufzte. „Arme Lisa. Sie tut mir richtiggehend leid. Sie ist völlig alleine.“

„Ihr Mann hat sie verlassen“, bemerkte Titus.

Dorn machte ein betroffenes Gesicht. „Nicht nur das. Ihre Eltern sind ums Leben gekommen als sie noch ein kleines Kind war. Aber trotz ihrer Schicksalsschläge lässt sie sich nicht unterkriegen. Sind Sie vielleicht schon in den Genuss Ihrer Kochkunst gekommen?“

„Sie kocht gut. So viel steht fest.“

Dorn lachte auf. „Gut? Sie kocht erstklassig. Und das Beste daran ist, es sind ihre eigenen Rezepte. Wirklich schade, dass es in Tiefenfall keine Touristen gibt. Wenn schon nicht unsere Kirche, so würde Lisas Küche die Besucher scharenweise hierher locken.“

„Sie kennen Gregors Haushälterin anscheinend recht gut.“

Dorn errötete leicht. „Sie backt die Kuchen für unsere diversen Feiern. Sonst aber mischt sie sich nur ungern in das Leben unserer Gemeinde ein. Das große Bild in ihrem Haus. Haben Sie es bereits gesehen?“, wechselte er abrupt das Thema.

„Sie meinen das mit dem Wald und der dunklen Wolke?“

„Es stammte von ihrem Vater. Er war Künstler.“

Titus betrachtete wieder das Gemälde. „Künstler.“

„Tim Bardin. Anscheinend zählte er sich zu den Surrealisten. Genau kann ich es Ihnen nicht sagen. Vielleicht hat Herr Kranz bereits erwähnt, dass ich mich erst seit etwas mehr als einem Jahr in Tiefenfall aufhalte.“

„Das hat er. Sie wissen demnach nichts von den Gerüchten, die sich um diesen Ort ranken?“

Dorn schaute flüchtig in Richtung des Weihnachtsbaums. Der andere Mann war noch immer dabei, Strohsterne an die Zweige zu hängen. „Herbert ist zum Glück taubstumm. Aber ich muss Sie dennoch warnen, nicht so laut darüber zu sprechen. Die Bewohner kennen in dieser Hinsicht keinen Spaß.“

„Können Sie mir erklären, wieso?“

Dorn richtete seinen Kragen, so als würde er ihn zu sehr drücken. „Genau kann ich Ihnen das nicht sagen. Es ist nur so, dass sich die Bewohner zwischen Weihnachten und Dreikönig recht eigenartig verhalten. Es hat etwas mit Aberglauben zu tun. Sie errichten Feuer, feiern seltsame Rituale und …“

„Und bauen eine Palisade aus Eichenstämmen“, beendete Titus den Satz.

„In meinen Augen ein nicht weniger heidnisches Ritual. Kennen Sie die volkstümliche Bedeutung der Eiche?“

Titus schüttelte den Kopf.

„Sie soll vor dem Bösen schützen.“

„Und aus welchem Grund errichten sie den Zaun auf der Nordseite?“

Dorn deutete auf das Gemälde. „Ich befürchte, aus demselben Grund, weswegen sich dieses Bild an der Nordwand befindet. Mehr kann ich allerdings nicht dazu sagen.“

Titus erschauerte. Erst jetzt fiel ihm eine weitere Eigentümlichkeit des Gemäldes auf. Diese hatte mit der mysteriösen Lebendigkeit zu tun, die von den Figuren ausging. Es machte nicht den Eindruck, als hätte der Maler seiner Fantasie freien Lauf gelassen. Vielmehr erschien es, als hätte er etwas geschaffen, was er mit eigenen Augen gesehen hatte. „Kam es letzte Weihnachten zu ähnlichen Reaktionen unter den Bewohnern?“

Dorn überlegte kurz. „Es herrschte eine gewisse Anspannung. Die Leute versteckten sich in ihren Häusern und gingen nur hinaus, wenn es unbedingt sein musste. Das heißt, wenn ich genau überlege, kam es zu ein paar seltsamen Zwischenfällen.“ Er hielt kurz inne. „Drei Kinder verschwanden spurlos. Mir persönlich sind die Gründe dafür unklar. Sie tauchten jedenfalls nicht wieder auf. Damals schlug ich vor, die Polizei einzuschalten. Doch mein Vorschlag stieß auf strickte Ablehnung.“

„Sagten die Betroffenen auch, weshalb?“

Vom Chorraum ertönte ein lautes Stöhnen. Herbert stand neben dem Christbaum und deutete energisch auf denselben.

Dorn zeigte ein sanftmütiges Lächeln. „Er ist mit dem Schmücken fertig. Es tut mir Leid, dass ich unser Gespräch hier abrupt beenden muss. Aber ich darf Herbert nicht weiter warten lassen. Er wird schnell unwirsch.“ Dorn reichte Titus die Hand. „Es hat mich sehr gefreut, Sie kennen zu lernen, Herr Hardt. Grüssen Sie Herrn Kranz von mir. Und sagen Sie auch Lisa schöne Grüsse.“ Er machte kehrt und eilte zu dem taubstummen Mann.

Titus blieb noch einer Weile vor dem unheimlichen Gemälde stehen. Es fiel ihm schwer, das eben geführte Gespräch einzuordnen. Er gehörte nicht zu den Leuten, die alles für bare Münze nahmen. Im Gegenteil, Titus gehörte zu den Zweiflern und Skeptikern. Andererseits besaß er genug Toleranz, um nicht sogleich Dinge als absurd abzutun, nur weil er sie nicht verstand. Er glaubte weder an das Übernatürliche noch glaubte er nicht daran. Er wusste einfach nicht, ob es Dinge dieser Art gab. So lange es weder Beweise dafür noch dagegen gab, lag alles, was damit zu tun hatte, im Bereich des Möglichen.

Dennoch konnte er nicht verhindern, dass er sich in diesem Ort nicht sonderlich wohl fühlte. Was passierte in Tiefenfall zwischen Weihnachten und Dreikönig? Eigentlich hatte sich Titus mit Gregors Forschung nicht weiter abgeben wollen. Nun aber kreisten seine eigenen Gedanken um dieses Thema. Was hatten die verschwundenen Kinder zu bedeuten? Waren sie vielleicht längst wieder aufgetaucht, ohne dass Dorn etwas davon mitbekommen hatte? Kinder spielten gerne Streiche. Gelegentlich büchsten sie auch von zuhause aus.

Titus holte einmal tief Luft und stieß den Atem langsam aus. Er sollte erst einmal einen Kaffee trinken, um sich aufzuwärmen.

Als er vor der Kirche stand, konnte er beim besten Willen nicht sagen, durch welche der Gassen er auf den Platz gekommen war. Aber egal. Um seinen Rückweg zu finden, hatte er noch genug Zeit. Im schlimmsten Fall konnte er den Pfarrer fragen. Zunächst brauchte er etwas Warmes zu trinken. Er entdeckte ein Café, das sich ihm direkt gegenüber befand, und schlenderte darauf zu.

Die Glastür wurde plötzlich aufgerissen.

„Titus!“ Gregor stand am Eingang des Cafés und winkte ihm zu. „Ich hab dich gerade durch eines der Fenster gesehen.“

Er versuchte, sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen. „Ich dachte, du holst, deine Freundin ab.“

„Sie sitzt da drinnen.“

Titus zögerte. „Dann lasst euch nicht stören.“

Gregor lachte auf. „Du wirst sie sowieso kennen lernen. Wieso also nicht gleich jetzt?“

Titus suchte vergeblich nach einer Ausrede. „Da hast du auch wieder Recht.“

„Bist du den ganzen Weg hierher zu Fuß gekommen?“, wollte Gregor wissen, als mit Titus das Café betrat.

Der Duft nach Kaffee und Sahnetorten schlug ihm entgegen. „Geflogen bin ich jedenfalls nicht.“

Gregor lachte. „Eine dumme Frage, ich weiß.“

„Ich habe mit dem Pfarrer gesprochen.“

Sein Freund blieb stehen. „Du warst in der Kirche?“

„Hätte ich nicht sollen?“

„Doch, doch. Natürlich.“

„Das Gemälde …“

Gregor wies ihn mit einer flüchtigen Handbewegung an, zu schweigen. „Nicht jetzt“, flüsterte er. „Später können wir darüber reden.“ Darauf setzte er sich wieder in Bewegung.

Titus zuckte mit den Schultern und folgte ihm. Die Inneneinrichtung verblüffte durch ihr Jugendstildesign. Ein völliger Gegensatz zu dem mittelalterlichen Ambiente des Ortes.

Gregor steuerte auf einen der Tische zu, die direkt neben dem Fenster standen. Eine junge Frau saß dort und blätterte in einem Buch.

„Das ist Theresa“, stellte Gregor sie ihm vor.

Gregors Assistentin blickte auf und zeigte dabei ein entspanntes Grinsen. Sie trug einen engen braunen Pullover, der ihre Rundungen voll zur Geltung brachte. Ihr langes, blondes Haar reichte ihr bis über die Schultern. Ihr dunkler Lidschatten und ihre kirschroten Lippen erhöhten ihre attraktive Ausstrahlung.

Sie reichte Titus die Hand. „Nett, Sie kennen zu lernen, Herr Hardt.“

Titus versuchte, nicht auf ihren Busen zu schielen. „Ganz meinerseits.“ Er setzte sich. Die plötzliche Wärme, die ihn umgab, juckte auf seiner Haut. Er bestellte sich eine Tasse Kaffee.

„Keinen Kuchen?“, wunderte sich Gregor.

„Ich hasse Süßkram.“

„Gregor erwähnte, dass Sie Schriftsteller sind“, eröffnete Theresa pflichtbewusst die Konversation.

„Ich versuche damit, mein Geld zu verdienen.“

Theresa runzelte die Stirn. Seine Antwort war wohl etwas zu grob ausgefallen.

„Er ist manchmal ein bisschen griesgrämig“, schaltete sich Gregor in das Gespräch ein. „Aber man gewöhnt sich relativ schnell daran.“

Theresa lächelte wieder, wenn auch etwas verunsichert. „Sie sind erst gestern hier angekommen?“

Titus hasste solche rhetorischen Fragen. Mit Sicherheit wusste sie die Antwort schon. Wahrscheinlich hatte ihr Gregor bereits seine ganze Biographie erzählt. „Gregor lud mich ein, über Weihnachten hier zu bleiben. Allerdings frage ich mich, ob ich die Einladung inzwischen nicht bereue.“

„Oh.“

„Ich glaube, mit dem Ort stimmt etwas nicht.“

Gregor forderte ihn mit einer Geste auf, leiser zu sprechen. „Du befindest dich gerade in der Höhle des Löwen, Titus. Wieso schreist du nicht gleich deine Bedenken laut heraus, sodass alle es mithören können?“

„Also gut, ich war auf dem Friedhof“, flüsterte Titus.

„Auf dem Friedhof?“, staunte Gregor.

„Wieso nicht? Ich dachte, vielleicht würden mich die alten Gräber auf irgendeine neue Idee bringen. Aber nichts dergleichen. Stattdessen stellte ich etwas recht Sonderbares fest. Am ersten Weihnachtstag 1981 kam es hier zu mehreren Todesfällen.“

„Ist das wahr?“ Theresa betrachtete Titus erschrocken.

„Irgend so ein Typ aus dem Ort lauerte mir auf dem Friedhof auf. Ich fragte ihn, ob er wisse, was damals geschehen sei. Er sagte nur, ich solle abhauen.“

Gregor meinte: „Das Gespräch sollten wir besser zuhause weiterführen. Reden wir so lange lieber über etwas Anderes.“

„Und sieh dir einmal diese bizarren Dornen auf dem Kirchendach an …“

„Titus!“ Gregor hob warnend seinen Zeigefinger. „Wenn wir zuhause sind. Dann reden wir darüber.“

Titus zuckte mit den Achseln und trank einen Schluck Kaffee. „Was haben Sie da für ein Buch?“

Theresa klappte es zu und zeigte ihm das Cover. „Eine kulturwissenschaftliche Analyse über Dämonen und Wiedergänger.“

„Oh ha.“

„Wie Sie sicherlich bereits wissen, arbeite ich mit Gregor zusammen. Ich beschäftige mich mit den sozialen und historischen Hintergründen von Legenden und Aberglauben.“

„Vorhin sah ich im Schaufenster eines Antiquariats ganz ähnliche Bücher.“

„Ich liebe Bücher“, bemerkte Theresa erfreut. „Können wir nachher dort vorbeischauen?“

„Es hat geschlossen“, sagte Titus. „In Gregors Haus gibt es allerdings eine Bibliothek.“

„Ist das wahr?“, wandte sie sich an Titus’ Freund.

„In der Tat, meine Liebe. Ein ganzer Raum voller Bücher. Es wird eine unsere Aufgaben sein, dort nach brauchbaren Werken zu suchen.“

„Am besten, wir fangen gleich heute damit an.“

„Sie sind wirklich tüchtig“, stellte Titus fest.

Theresa strich sich verlegen eine Haarsträhne zurück. „Da müssen Sie Gregor fragen, ob ich wirklich so tüchtig bin. Die Arbeit macht mir jedenfalls Spaß. Ein stupider Bürojob wäre nichts für mich. Ich mag es, Neues hinzuzulernen. Es ist so, als würde man auf einem staubigen Dachboden in alten Kisten wühlen und dabei faszinierende Gegenstände entdecken.“

„Wie zum Beispiel Bücher über die Wilde Jagd?“

Gregor hob erneut seine Hände, um Titus dazu zu drängen, leiser zu sprechen. Doch es war bereits zu spät. Ein paar der Gäste spähten mit stechenden Augen zu ihnen herüber.

Theresa, die von alldem nichts merkte, antwortete: „Bücher, Briefe, alles mögliche. Das Thema wird zwar immer wieder erforscht, aber Gregor ist durch Zufall auf eine neue, recht eigenartige Spur gestoßen. Sie wissen, was die Wilde Jagd ist?“

Titus blieb nicht die Möglichkeit, etwas darauf zu erwidern. Im selben Moment trat eine der Kellnerinnen an ihren Tisch. Ihr erbostes Gesicht, ließ nicht gerade darauf schließen, dass sie ihnen noch Kaffee nachschenken wollte. „Ich muss Sie bitten, das Lokal umgehend zu verlassen.“

„Wir haben noch nicht einmal ausgetrunken“, bemerkte Titus und erntete dafür einen giftigen Blick.

„Es ist mir egal, ob Sie ausgetrunken haben oder nicht. Sie beunruhigen unsere Gäste.“

Titus wechselte mit Gregor und Theresa fragende Blicke. „Wegen der Wilden Jagd?“

Die Kellnerin zuckte zusammen. Ihr Gesicht lief dunkelrot an. „Ich meine es ernst damit. Gehen Sie auf der Stelle.“

Titus konnte es nicht lassen zu fragen: „Ist unsere Bestellung dafür umsonst?“

„Auf Ihr Geld verzichte ich gerne. Ich möchte lediglich, dass Sie unser Lokal sofort verlassen. Ich habe keine Ahnung, wer Sie sind oder was Sie hier wollen. Auf jeden Fall reden Sie über Dinge, von denen Sie keine Ahnung haben.“

Gregor tippte Titus leicht an den Arm. „Gehen wir lieber.“

Theresa nahm ihr Buch und steckte es in ihre Handtasche. „So etwas habe ich ja noch nie erlebt.“

Während Titus sich den Mantel anzog, sagte er: „Betrachten Sie es doch einfach aus einer anderen Perspektive. Immerhin war das Essen umsonst.“

Die Kellnerin folgte ihnen bis zum Ausgang, als wollte sie sich dadurch vergewissern, dass alle drei auch wirklich das Café verließen.

7

Das Garagentor senkte sich mit einem leisen Summen herab und verbannte das trübe Licht des Winternachmittags nach draußen. Mit einem leichten Klicken rastete das Tor ein.

Titus war froh, wieder in dem Haus zu sein, das Gregor für seine Forschungsarbeit gemietet hatte. Zum einen fühlte er sich durch seinen langen Spaziergang noch immer durchfroren, zum anderen verspürte er eine Art Erleichterung, zwischen sich und den paranoiden Bewohnern von Tiefenfall eine gewisse Distanz zu wissen.

Er trat in die Diele, zog seinen Mantel aus und hängte ihn in die Garderobe. Gregor half Theresa, ihre beiden Koffer nach oben zu tragen. Danach wollten sie sich in der Bibliothek treffen, um über ihr weiteres Vorgehen zu diskutieren. Titus glaubte nicht, dass er zu den Forschungsplänen etwas beitragen könnte, hatte sich jedoch dazu entschlossen, an dem Gespräch teilzunehmen.

Während Gregors und Theresas Schritte vom Obergeschoss widerhallten, trat Lisa aus der Küche. Sie wirkte angespannt, so als befürchtete sie schlechte Nachrichten. „Wie war Ihr Ausflug?“

„Anstrengend.“

„Ist etwas geschehen?“

Titus betrachtete Lisa nachdenklich. „Geschehen? Wir wurden aus einem Café hinausgeschmissen. Ich persönlich halte die Bewohner für geisteskrank.“

„Ich habe gesehen, wie Sie zum Friedhof gegangen sind.“

Titus nickte. „Die Gräber. Ich persönlich finde es äußerst sonderbar, dass zu Weihnachten 1981 mehrere Menschen ums Leben gekommen sind. Leider stellte ich fest, dass Ihre Eltern dort ebenfalls ihre letzte Ruhe gefunden haben. Eine Epidemie?“

Lisa drückte ihre Hände fester zusammen. „Meine Eltern und mein kleiner Bruder. Es … Es war keine Grippewelle. Hat Ihnen Gustav etwas gesagt?“

„Gustav?“

„Der Mann, mit dem Sie kurz geredet haben. Er ist der Friedhofswärter.“

Titus gab ein ironisches Lachen von sich. „Er wollte, dass ich von hier verschwinde. Anscheinend hielt er mich für einen Reporter.“

Lisa senkte betroffen ihren Blick. „Seine Art ist etwas grob. Und wie Sie wissen, mögen die meisten Leute von Tiefenfall keine Besucher.“

„Was ist mit den Gräbern?“, unterbrach Titus ihre schüchtern vorgetragenen Bemerkungen. „Was geschah damals?“

Gregor und Theresa kamen die Treppe herunter.

Lisa wandte sich wieder der Küche zu. „Haben Sie nicht bereits mitbekommen, was die Leute von Tiefenfall so sehr aufregt?“

Titus machte einen Schritt auf sie zu. „Sie wollen doch nicht behaupten, dass …?“

Doch Lisa war bereits wieder in der Küche verschwunden.

Gregor klopfte ihm auf die Schulter. „Bist du hier festgefroren? Gehen wir in die Bibliothek. Ich sage Lisa, dass sie den Kaffee dorthin bringen soll.“

Sein Freund verschwand hinter der Küchentür.

Theresa schaute sich in dem Eingangsbereich neugierig um. „Haben Sie sich dieses Gemälde schon einmal angesehen?“

„Wie bitte?“, fragte Titus.

Theresa lachte. „Sie scheinen ziemlich verwirrt zu sein. Hat Sie unser vorheriges Erlebnis so sehr mitgenommen?“

„Ich fürchte eher, dass mich etwas anderes mitgenommen hat.“

„Und das wäre?“, wollte Gregor wissen, der soeben zurück in die Diele kehrte. Mit einer lockeren Handbewegung wies er beide an, ihm zu folgen.

Sie traten durch eine Tür in eine Welt voller Bücher. Der staubige Geruch nach altem Papier beruhigte Titus ein wenig. Die dunkelbraunen Regale der Bibliothek maßen etwas mehr als zwei Meter. Die darin stehenden Bücher besaßen ein teils unbeschreiblich hohes Alter. Auf den Regalen türmten sich weitere schriftliche Werke. Durch ein Erkerfenster drang das trübgelbe Licht des Nachmittags herein. Auf dem Fenstersims lagen ebenfalls mehrere Bücher, eines davon aufgeschlagen.

Gregor hatte diese wahrscheinlich dahin getragen, um sie genauer unter die Lupe zu nehmen. Ein dicker Teppich bedeckte den Boden. Ungefähr in der Mitte des Zimmers stand ein runder Tisch, flankiert von vier eckigen Korbstühlen.

Lisa folgte ihnen mit einem Tablett, auf dem sie eine Kaffeekanne, drei Tassen und einen Keksteller balancierte. Nachdem sie alles abgestellt hatte, sagte sie: „Herr Kranz, bevor ich es vergesse. Ich werde jetzt gleich gehen. Das Abendessen ist bereits vorbereitet.“

Titus schaute instinktiv auf seine Armbanduhr. Es war kurz nach Vier.

Gregor nickte. „In Ordnung, Lisa. Dann bis morgen.“

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ sie das Zimmer.

Titus schaute ihr nach und trat anschließend ans Erkerfenster. Vor ihm erstreckte sich eine weite, schneebedeckte Fläche, die nach mehreren hundert Metern an einem Wald endete. Die einsame Straße, die an dem Haus und dem Friedhof vorbeiführte, verlief in Schnörkellinien bis zur ersten Baumreihe. In größerer Entfernung schimmerten die Berge. Die Bücher vor ihm auf dem Fenstersims handelten von Aberglauben im Mittelalter, Berichten über Dämonen- und Geistererscheinungen und von ungeklärten Phänomenen, die irgendein Pater aus dem achtzehnten Jahrhundert aufgeschrieben hatte.

„Und jetzt zurück zu dir, Titus“, nahm Gregor den Faden wieder auf. „Was hat dich mitgenommen?“

Titus wandte sich um. „Das, was Lisa vorhin zu mir gesagt hat.“

„Darf man auch wissen, was sie gesagt hat?“

Titus durchquerte den Raum und blieb vor dem Cafétisch stehen. Gregor und Theresa hatten es sich in den Korbstühlen bereits bequem gemacht. „Die Nervosität, die unter den Bewohnern herrscht, wenn man sie auf gewisse Dinge anspricht oder diese direkt erwähnt. Der Begriff Wilde Jagd wird hier ziemlich ernst genommen. Unser vorheriges Erlebnis zeigt sogar, dass die Menschen in Tiefenfall Angst davor haben. Was haben die Gräber zu bedeuten? Was ist damals geschehen?“

Gregor betrachtete die volle Kaffeekanne, so als blicke er in die Glaskugel einer Wahrsagerin. „Das ist genau der Punkt, der mich dazu gebracht hat, hierher zu kommen. Das habe ich dir gestern bereits erzählt. Von den Gräbern wusste ich nichts. Wahrscheinlich hätte ich selbst auf die Idee kommen sollen, den Friedhof aufzusuchen. Es ist wichtig, dass wir in der Öffentlichkeit nicht mehr darüber reden. Die Reaktionen, die dies hervorruft, hast du bereits mitbekommen. Vielleicht sind die Bewohner paranoid. Vielleicht aber, und das bringt uns zurück auf meine Forschung, ist ihre Angst nicht ohne Grund.“

„Der Grund wäre nichts anderes als die Wilde Jagd“, erwiderte Titus.

„Was würde das deiner Meinung nach bedeuten?“

Titus stützte sich mit den Handflächen auf der Tischplatte ab. „Was das bedeuten würde, Gregor? Die Antwort darauf ist, wie du selbst weißt, völlig absurd.“

Theresa verschränkte ihre Arme. „Sie finden es absurd, dass es die Wilde Jagd tatsächlich geben könnte?“

Titus nickte. „Wer glaubt schon an ein Heer aus Dämonen, Geistern, Hexen und Untoten, das zur Weihnachtszeit durch die Lüfte zieht? Das sind Ammenmärchen. Damit können Sie kleine Kinder erschrecken.“

„Dennoch hat Sie Lisas Hinweis ein klein wenig aus der Fassung gebracht.“

Titus setzte sich. „In der Tat, es hat mich ein wenig aus der Fassung gebracht. Es bedeutet nämlich, dass die Bewohner von Tiefenfall glauben, dass es die Wilde Jagd tatsächlich gibt. Sie halten die Legenden und Erzählungen für echt.“

Gregor und Theresa schwiegen.

Titus legte zunächst ihr Schweigen dahingehend aus, dass beide nach weiteren Antworten suchten. Doch dann dämmerte es ihm zunehmend. „Einen Moment mal. Ihr beide glaubt doch nicht etwa auch an diesen Hokuspokus?“

„Glauben ist übertrieben“, erklärte Gregor. „Es ist die Intensität, mit der dieser Aberglaube in Tiefenfall herrscht. Die Angst vor einer außergewöhnlichen Bedrohung ist so stark ausgeprägt, dass man nicht anders kann, als die Meinung zu vertreten, dass die Bewohner sich tatsächlich vor etwas Ungewöhnlichem fürchten. Die Leute, die wir gestern Abend sahen, haben sicherlich nicht aus purer Lust und Laune heraus schwere Eichenstämme durch den Ort getragen. Ihr Handeln diente einem bestimmten Zweck. Dem Zweck nämlich, sie vor einer unheimlichen Gefahr zu schützen, die jederzeit über sie hereinbrechen kann. Meiner Meinung nach muss es sich um eine reale Bedrohung handeln.“

Titus erhob sich und trat zurück ans Fenster. Die menschenleere Landschaft wirkte auf ihn alles andere als beruhigend. Er drehte sich um und sagte: „Die Leute glauben, dass es in diesem Haus spukt. Ist dir bisher irgendein Geist begegnet?“

„Nein.“

„Die Leute glauben, dass sie von einer Horde übernatürlicher Wesen bedroht werden. Bist du bereits einem von ihnen begegnet?“

Gregor seufzte. „Nein.“

„Da hast du es.“

„Sie würden keinen guten Volkskundler abgeben“, meinte Theresa.

Ihre Aussage verwirrte ihn. „Wie meinen Sie das?“

„Jede Vorstellung beruht letzten Endes auf einer realen Begebenheit. Um die Aspekte eines Brauchs verstehen zu können, muss man ihn zurück bis zu seinen Anfängen verfolgen. Sie wehren sich allerdings schon allein gegen die grundlegende Möglichkeit, dass etwas Wahres dran sein könnte.“

„Ich wehre mich nicht dagegen“, stellte Titus richtig. „Ich stelle die Theorie lediglich in Frage. Aber Sie haben Recht, als Wissenschaftler tauge ich nichts. Ein Grund, weswegen ich damals mein Studium abgebrochen habe.“

Theresa wirkte interessiert. „Sie haben studiert?“

„Ich weiß, dass sieht man mir nicht an. Es gibt auch nichts Brotloseres als Literaturwissenschaft. Die Professoren langweilten mich zudem mit ihrer Rechthaberei.“

„Brotloser als dein Fach ist Volkskunde. Das schlägt so ziemlich alles“, wandte Gregor ein. „Wenn man keine Stelle an einer Uni bekommt, ist man für den Rest seines Lebens arbeitslos. Aber zurück zu unserem eigentlichen Thema. Wie du weißt, kenne ich die Geschichte des Hauses nicht. Das heißt jedoch nicht, dass ich mich nicht umgesehen habe. Du hattest bisher noch nicht das Vergnügen, das Gebäude durch die Eingangstür zu betreten. Hättest du es gemacht, dann wären dir sieben Silberschlösser aufgefallen. Silber ist schädlich für Werwölfe.“

Gregors Ausführung wirkte nicht gerade überzeugend. „Vielleicht gibt es hier Diebe. Deswegen die Vorkehrung. Mich würde es nicht wundern, wenn die Fenster aus irgendeinem Sicherheitsglas bestünden. Das Haus liegt völlig alleine. Ich halte das für die logischere Erklärung.“ Titus’ letzter Satz blieb zunächst ohne Widerhall.

Nach einer Weile fragte Theresa: „Hat Ihnen Gregor einmal etwas über die Wilde Jagd erzählt?“

„Ein Heer aus albtraumhaften Kreaturen. Und dass es hierzu verschiedene Bräuche gibt.“

Theresa strafte Gregor mit einem tadelnden Blick. „Dann ist Ihre Einstellung natürlich zu verstehen.“

Gregor setzte zu einer Verteidigung an, doch Theresa stoppte ihn mit einer sanften Handbewegung.

„Der genaue Ursprung der Wilden Jagd verliert sich in grauer Vorzeit. Bereits in der Antike findet man Berichte über ein sonderbares Brausen in der Luft, dem schreckliche und albtraumhafte Phänomene folgen. In der Regel ist ihr Auftreten verbunden mit einer Frau, welche die Wilde Jagd anführt. Entweder handelt es sich dabei um Diana oder um Pharaildis. Manchmal tauchen auch die Namen Satia und Holda auf. In manchen Gegenden glaubt man, dass diese Frauen die Toten und Verfluchten um sich scharen. Diese Armee, die aus Wiedergängern, Werwölfen, Hexen und Dämonen besteht, bezeichnet man als ihr Gefolge. In einem Konzil, das 314 nach Christus in Ankara abgehalten wurde, wird zum ersten Mal offiziell auf diese Frauen und ihr Gefolge hingewiesen. Sie werden schlicht und ergreifend als Frauen der Nacht bezeichnet.“

Theresa war voll und ganz in ihrem Element. Ihre Augen strahlten, während sie über die bisherigen Erkenntnisse referierte, die mit diesem sonderbaren Glauben im Zusammenhang standen.

„Ist mit Diana etwa die römische Göttin gemeint?“, wunderte sich Titus.

Gregor kam Theresa zuvor. „Eher nicht. Es handelt sich dabei wahrscheinlich um eine Waldgöttin, die bis ins fünfte Jahrhundert von den Bauern angebetet wurde. Ihr Ursprung liegt in einer keltischen Gottheit namens Di Ana. Pharaildis dürfte dir bekannt sein. Sie ließ Johannes den Täufer enthaupten. Einer Legende zufolge wurde sie dazu verdammt, in den Nächten durch die Lüfte zu fliegen. Pharaildis wollte mit Johannes dem Täufer in die Kiste. Ihr Vater verbot es ihr allerdings. Als sie schließlich das Haupt des Heiligen küssen wollte, blies er ihr ins Gesicht, was dazu führte, dass sie durch eine Öffnung des Dachs hinauskatapultiert wurde. Bis heute rätseln Volkskundler, wohin es diese Hexe verschlagen hat. Über ihren weiteren Verbleib in Literatur und Folklore sucht man vergeblich und dies, obwohl sie als Mutter der Hexen bezeichnet wird. Selbst Theologen machen sich über diese Figur Gedanken, da sie im Gegensatz zu dem steht, was man als heilig verehrt. Ich war erstaunt, dass sogar der örtliche Pfarrer über diese Legende Bescheid weiß.“

„Es ist zudem unklar, ob Satia und Holda alternative Namen dieser Frau sind oder ob sie für verschiedene Persönlichkeiten stehen“, übernahm Theresa wieder das Wort. „Betrachtet man die Frauen der Nacht unabhängig von ihren Namen, so handelt es sich bei ihnen schlicht und ergreifend um einen Geist, der in Gestalt einer Frau auftritt. Manchen bringt er Glück, anderen Unglück. Daher die Riten. Die Leute schützen sich vor den nächtlichen Gestalten, indem sie über Nacht eine gewisse Anzahl an Speisen auf dem Esstisch stehen lassen. Andere verbieten ihren Kindern, abends und nachts das Haus zu verlassen. Denn mit diesem Geist kommen auch die Lamien. Dabei handelt es sich um grässliche, alte Hexen, die kleine Kinder fressen. Es gibt Berichte, dass manche von ihnen auch in die Häuser eindringen, um die Kinder zu stehlen. Wie gesagt, kommt es darauf an, die Regeln des Brauchs einzuhalten, damit so etwas nicht geschieht.“

Titus lehnte sich gegen den Fenstersims. „Das klingt schon wieder so, als würde die Wilde Jagd tatsächlich existieren.“

Gregor hob seinen rechten Zeigefinger. „Im Mittelalter war der Glaube an die Armee der Nacht so stark, dass die Kirche diesen als Bedrohung für ihre eigene Existenz betrachtete. Die Folgen muss ich dir wohl nicht nennen.“

„Inquisition?“, hakte Titus nach.

Theresa nickte. „Die Kirche versuchte, durch brutale Strafen und strenge Regeln dem Aberglauben Herr zu werden. Berthold von Regensburg mahnte in einer Predigt, dass man unter keinen Umständen an die Frauen der Nacht, an Gespenster, Kobolde, Untote und ähnliche Kreaturen glauben sollte.“

„Aber wie sollte der Glaube eingedämmt werden, wenn es immer wieder Augenzeugenberichte gab?“, fügte Gregor hinzu.

„Augenzeugenberichte?“

„Wir finden diese über das gesamte Mittelalter verstreut. Zum Beispiel berichtet ein gewisser Sulpicius Severus darüber, dass ein Kloster von einer Horde Dämonen heimgesucht wurde. Er schreibt von Schrittgeräuschen, Stimmen und Lichterscheinungen. Sein Bericht muss ungefähr 400 nach Christus erschienen sein. Im Jahr 1092 nach Christus erschien ein Bericht über die Heimsuchung der weißrussischen Stadt Polock. Es wurde notiert, dass eines Nachts plötzlich hässliche Dämonen durch die Stadt gerannt seien und jeden mitgenommen haben, der sich auf die Straße traute.“

Titus kamen nun doch wieder Zweifel. „Schön und gut. Aber diese angeblichen Augenzeugenberichte stammen aus dem Mittelalter, einer Zeit, in welcher der Aberglaube Hochkonjunktur hatte. Wie sieht es mit heutigen Berichten aus?“

Theresa und Gregor versanken abrupt in ein betretenes Schweigen.

„Dachte ich mir’s doch. Keine Spur von alldem.“

„Tiefenfall ist der einzige Ort, wo sich die Gerüchte über die Wilde Jagd aufrechterhalten haben“, sagte Gregor.

„In anderen Dörfern oder kleinen Städten gibt es lediglich noch die Percht“, meinte Theresa. „Es handelt sich dabei um eine Art Faschingsumzug. Menschen in Kostümen marschieren durch die Straßen und versuchen durch Glockenläuten und Peitschenknallen die Wintergeister zu vertreiben. Der Name ist übrigens ebenfalls ein Synonym für die Frauen der Nacht. Man spricht auch von Frau Percht oder Perchta.“

„Hinzu kommen immer wieder Warnungen vor Geistermessen“, setzte Gregor seinen Vortrag fort. „In den Rauhnächten sollte man nach Mitternacht keine Kirche aufsuchen, da dann die Toten darin ihre Messen feiern.“

„Gibt es dazu etwa auch Augenzeugenberichte?“

„Aus dem Mittelalter.“ Gregors Antwort hätte sich Titus eigentlich denken können.

„Woher sonst“, gab er zurück.

„Und dann ist da noch die Sache mit den sprechenden Tieren“, zeigte Theresa auf. Sie machte aber keineswegs einen so selbstsicheren Eindruck wie zuvor. „Also Tiere, die plötzlich beginnen …“

„Ich habe schon verstanden.“

Gregor nahm seine Brille ab und massierte sich den Nasenrücken. „Jetzt weißt du jedenfalls ungefähr, was es mit der Wilden Jagd auf sich hat.“

„Eine Horde Monster, die von einer Frau angeführt wird. Hinzu kommen Geistermessen und sprechende Tiere.“

Gregor grinste. „In einer meiner Klausuren hätte ich dir dafür eine Eins gegeben.“

„So einfach ist das also?“, gab Titus zurück.

Theresa kicherte. „Gregor ist bei seiner Benotung stets äußerst großzügig.“

Das konnte sich Titus gut vorstellen. Gut aussehende Studentinnen erhielten bei ihm mit Sicherheit auch dann gute Noten, wenn sie leere Blätter abgaben.

Gregor stand auf. „Ich weiß nicht, wie es euch geht. Aber langsam bekomme ich Hunger. Ich bin der Meinung, wir sollten hiermit unsere Diskussion beenden und lieber nachsehen, was Lisa für uns vorbereitet hat.“

„Die Idee klingt verlockend“, gab Theresa zurück. „Was meinen Sie, Herr Hardt?“

„Lisas Kochkünste lass ich mir nicht entgehen. Wilde Jagd hin oder her.“

„Mindestens beim Essen sind wir einer Meinung“, erwiderte Gregor und verließ als erster die Bibliothek.

8

Das Essen hatte seine Erwartungen bei weitem übertroffen. Lisa hatte Lammbraten mit Champignonsauce zubereitet. Dazu gab es Kartoffeln und gedünstetes Gemüse. Der Braten war auf der Zunge zergangen. Obwohl Titus Saucen nicht mochte, hatte er den Teller blitzblank gelöffelt. Sowohl die Kartoffeln als auch das Gemüse besaßen einen Geschmack, den Titus bei solch gewöhnlichen Beilagen nicht für möglich gehalten hatte. Er fand es überaus schade, dass Lisa nicht anwesend war. Ihre Kochkünste hatten ein eindeutiges Lob verdient.

Nachdem sie den Abend vor dem Kamin bei einer Tasse Kaffee hatten ausklingen lassen, hatte sich Titus wieder zurück in sein Zimmer begeben. Inzwischen zeigte die Wanduhr kurz nach zwei. Titus fühlte sich alles andere als müde. Er hatte versucht, zu lesen, doch die Buchstaben waren vor seinen Augen zu sinnlosen Mustern verschwommen. Seine Gedanken kehrten immer wieder auf das Gespräch mit dem Pfarrer zurück. Die Erinnerung an das Verhalten der Kellnerin ließ ihn nicht los.

Für ihn ergab das alles keinen Sinn. Obwohl er von Gregor und Theresa ein paar Dinge über die Wilde Jagd erfahren hatte, konnte er sich nicht vorstellen, dass es Menschen gab, die vor diesen abergläubischen Ideen wirkliche Angst empfanden. Bestand die Möglichkeit, dass es sich hierbei um eine Massenhysterie handelte? Titus war kein Psychologe, doch diese Erklärung erschien ihm näher liegend als die Angst auf das Vorhandensein übernatürlicher Wesen zurückzuführen.

Aus einem der Zimmer drang Theresas lautes Stöhnen. Gregor und seine Assistentin trieben es bereits zum dritten Mal. Alle Achtung. In dieser Hinsicht hatte er Gregor völlig unterschätzt.

Titus öffnete die Balkontür und trat hinaus. Er zog eine Zigarette aus seiner Schachtel und zündete sie an. Vielleicht verhalf ihm dies dazu, seinen Kopf leer zu bekommen. Aus der Ferne hallte auch jetzt noch das emsige Hämmern. Der Zaun schien demnach immer noch nicht fertig zu sein. Der Wind hatte zugenommen. Teils kräftige Böen wirbelten den Schnee auf. Das Licht des Vollmonds ließ die kleinsten Kristalle erkennen, die durch die Luft fegten. Die Kälte tat gut. Er schaute hinüber zum Friedhof.

Und erstarrte.

Zwei Schatten bewegten sich zwischen den Gräbern. Titus konnte es nicht schwören, aber er glaubte, dass sich die beiden Gestalten vor den Grabsteinen aufhielten, in die das Todesjahr 1981 eingraviert war. Obwohl der Mond genug Licht spendete, um einen Faden in eine hauchdünne Nadel einfädeln zu können, leuchtete einer von ihnen mit einer Taschenlampe. Sie schlichen von einem Grab zum nächsten. Vor jedem Grabstein blieben sie ein paar Minuten stehen. Es sah aus, als würde einer von ihnen etwas auf einem Schreibblock notieren. Danach zuckte das Blitzlicht eines Fotoapparats auf. Titus lehnte sich über das Geländer, um besser sehen zu können. Die Gesichter der beiden Gestalten verbargen sich in den hochgezogenen Kapuzen ihrer Daunenjacken. Wieso trieben sie sich mitten in der Nacht auf dem Friedhof herum? Wie Grabschänder sahen sie nicht aus. Ihr Verhalten erinnerte eher an das von Archäologen oder Historikern, die an einer neuen Fundstelle Daten sammelten.

Titus drückte die Zigarette aus und warf sie über den Balkon. An Schlaf war nun sowieso nicht mehr zu denken. Er ging zurück ins Zimmer, schloss die Glastür und lief hinunter in die Eingangshalle. Dort griff er sich seinen Mantel und verließ das Haus. Er wusste selbst nicht, aus welchem Grund er sich plötzlich in diese Angelegenheit hineinsteigerte. Er war nach Tiefenfall gekommen, in der Hoffnung, einen schriftstellerischen Neuanfang zu starten, und nicht, um sich mit nächtlichen Herumtreibern, abergläubischen Alpenbewohnern und den gewagten Theorien seines Freundes herumzuplagen.

Vielleicht bewirkte ja auch Lisas Essen seinen ungewohnten Tatendrang. Wenn er es genau bedachte, fühlte er sich nach jedem Verzehr ihrer Kochkünste regelrecht aufgemuntert. So kannte er sich gar nicht. Essen hatte bisher auf ihn noch nie eine psychische Auswirkung gehabt. Wie dem auch sei. Er hatte sich plötzlich in den Kopf gesetzt, zu ergründen, was auf dem Friedhof vor sich ging.

Der Schnee knirschte unter seinen Füßen. Zusammen mit dem Hämmern, das kontinuierlich durch die Nacht hallte, ergab sich daraus ein ungewöhnlicher Rhythmus. Er schaute zwischen den Gitterstäben des Friedhofstors hindurch, um zu ermitteln, wo sich die beiden Personen aufhielten. Enttäuscht stellte er fest, dass er sie nirgendwo sah.

Er öffnete das Tor.

Der Friedhof lag still und friedlich vor ihm. Keine Schatten huschten zwischen den Gräbern umher. Hatten die beiden Besucher ihn bemerkt und sich aus dem Staub gemacht? Das Geräusch, das seine Schuhe im Schnee verursachten, war laut genug gewesen, um sie vor seiner Ankunft zu warnen.

Titus ging an den Grabsteinen vorbei, bis er zu der Reihe aus dem Jahr 1981. Der Schnee wies an dieser Stelle mehrere Spuren auf. Er erkannte die Abdrücke schwerer Schuhe und schmaler Stiefel. Ein Mann und eine Frau?

Aus der Kapelle drang auf einmal ein gedämpftes Niesen. Soviel zum Thema Versteckkunst. Titus schritt auf das schiefe Tor zu, an dem der eisige Wind rüttelte.

„Ist da jemand?“ Eine tiefe Stille folgte seiner Frage.

Er legte seine rechte Handfläche gegen die Tür und drückte sie auf. Die untere Kante schabte über den grauen Steinboden. Das Licht des Mondes fiel schräg in den Eingangsbereich. „Sind Sie hier drin?“

Die Bewegung eines Armes lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich. Plötzlich blendete ihn das grelle Licht einer Taschenlampe. Schritte hinter ihm. Etwas Hartes knallte gegen seinen Hinterkopf. Dann fühlte er nichts mehr.

Mit heftigen Kopfschmerzen kam Titus wieder zu sich. Ihn fröstelte. Der Geruch nach feuchtem Holz und altem Gemäuer drang in seine Nase. Das Mondlicht sickerte in schmalen Streifen durch die Türritzen.

Er lag ausgestreckt auf einer der Holzbänke. Vorsichtig richtete er sich auf. Die Schmerzen in seinem Kopf nahmen zu. Mit was hatte dieser Jemand auf ihn eingeschlagen? Mit einer Stahlstange?

Die Antwort darauf konnte warten. Was er benötigte, war eine Tasse heißen Kaffee, um sich aufzuwärmen. Die Kälte war tief in seinen Körper eingedrungen. Arme und Beine fühlten sich starr an. Er rieb an seinen Gelenken, um sie wieder einigermaßen bewegen zu können.

Er tastete sich die Kirchenbank entlang. Kaum hatte er das Ende der Bank erreicht, als er ein seltsames Gurgeln vernahm. Dem folgte ein gespenstisches Ächzen.

„Bist du das?“, ertönte eine raue Stimme.

Titus blieb mucksmäuschenstill.

„Bist du das, Lisa?“

Er blieb wie festgewurzelt am Ende der Bank stehen. Wer war dieser Mensch? Einer der beiden Friedhofsbesucher? Das Mondlicht reichte nicht dazu aus, um die gesamte Kapelle in Augenschein zu nehmen. Titus sah sich einem undurchdringlichen Schatten gegenüber.

„Du bist es doch, Lisa. Nicht wahr? Ich kann dich doch riechen.“

Ein Verrückter? Die Stimme hatte etwas Bedrohliches an sich. Schlurfende Schritte bewegten sich direkt in seine Richtung.

„Du bist es, Lisa. Nicht wahr?“, wiederholte der Mann.

Titus wich zurück. In seiner Aufregung hatte er völlig die Orientierung verloren. Was wollte dieser Mann von ihm? Wieso hielt er ihn für Lisa?

Sein Rücken berührte die Wand der Kapelle. Die Schritte kamen näher.

„Lisa? Du bist es doch, nicht wahr?“

Titus brachte keinen Laut hervor. Vermutlich hätte es überhaupt nichts gebracht, die Vermutung des Mannes zu dementieren. Der Stimme zufolge war dieser entweder völlig betrunken oder wahnsinnig.

„Lisa?“

Die Schritte hörten nur wenige Zentimeter vor ihm auf. Danach herrschte Stille. Trotzdem verspürte Titus weiterhin die Präsenz des Unbekannten. Aus welchem Grund bewegte er sich nicht mehr?

Vorsichtig griff Titus in seine Manteltasche. Seine Hand umfasste das Feuerzeug, das ihm vor langer Zeit seine Muse geschenkt hatte. Es besaß die Form eines Kugelschreibers, und Elvira hatte es ihm zum Erfolg eines seiner Bücher gegeben. Er zog seine Hand behutsam wieder heraus und streckte sie in Kopfhöhe von sich, sodass sein Arm weiterhin angewinkelt blieb. Mit dem Daumen betätigte er den Zünder. Kleine Funken sprühten. Als die Flamme seine Umgebung erhellte, hätte er vor Schreck das Feuerzeug beinahe fallen gelassen.

Titus blickte in das verzerrte Gesicht eines Mannes, dessen Augen wie milchigweiße Marmorkugeln auf ihn starrten. Aus seinem offenen Mund ragten verfaulte Zahnstummel.

„Lisa?“

Er stieß den Mann von sich und sprang auf die Tür zu. Riss sie auf und rannte über den Friedhof. Er wagte nicht, zurückzuschauen. Das entstellte Gesicht des Mannes hatte etwas Grauenhaftes an sich. Er schlüpfte durch das Eisentor, hetzte über die Straße und warf sich wie ein erschöpfter Marathonläufer gegen die Haustür. Natürlich hatte er keinen Schlüssel dabei. Hektisch betätigte er die Klingel und klopfte gleichzeitig gegen die Tür. Er spürte, wie sich ihm die Nackenhaare aufstellten. War ihm der Mann etwa gefolgt? Stand er gerade hinter ihm? Titus wagte nicht, sich umzudrehen. Er klingelte und klopfte unermüdlich weiter. Wieso brauchte Gregor so lange? Trieb er es bereits zum vierten Mal? Endlich wurde die Tür geöffnet. Titus sprang hindurch, warf sie hinter sich zu und schob die sieben Riegel vor.

9

Titus lehnte sich mit seinem Rücken gegen die Tür, wie wenn er dadurch verhindern wollte, dass der unheimliche Mann sie auframmte. Sein Atem ging stakkatoartig. Noch immer schmerzte sein Kopf. Hinzu kamen ein intensives Frösteln und ein rasender Herzschlag.

Gregor betrachtete ihn verwirrt und mürrisch zugleich.

Theresa stand auf der untersten Treppenstufe. Wie Gregor trug sie einen Bademantel. Ob sie darunter nackt war, konnte Titus nicht erkennen. Aber das spielte für ihn gerade wirklich keine Rolle. Ihre Miene zeigte weniger Verärgerung als vielmehr Sorge.

„Es ist vier Uhr früh!“, wies Gregor ihn empört darauf hin.

„Was ist passiert?“, fragte Theresa besorgt.

Unter Titus’ Schuhsohlen bildete sich eine Pfütze aus Schmelzwasser. „Ich habe zwei Typen auf dem Friedhof gesehen. Sie betrachteten sich die Gräber von den Leuten, die im Winter einundachtzig gestorben sind.“

„Und da hat Titus Hardt ein wenig Detektiv spielen wollen.“ Gregors Ironie war nicht zu überhören.

„Die Typen haben mir eins übergezogen.“

„Sie wurden geschlagen?“, rief Theresa erschrocken. „Gregor, was stehst du hier noch rum? Wir müssen uns um ihn kümmern!“

Eine solche Initiativbereitschaft hatte Titus gar nicht von ihr erwartet.

„Wie du siehst, lebt er ja noch.“

„Ich brauche erst einmal etwas Warmes“, entgegnete Titus.

Als er mit einer Tasse Instantkaffee in der Küche auf einem der dunklen Holzstühle saß, fühlte er sich schon etwas besser. Normalerweise mochte er dieses Gebräu nicht, da es ihm Sodbrennen verursachte. Aber dieses Mal machte er eine Ausnahme. Es erwärmte ihn und er musste nicht warten, bis der Kaffee durch den Filter getropft war.

Theresa und Gregor saßen ihm gegenüber. Theresas Bademantel hatte sich ein klein wenig gelockert. Sie war nackt darunter. Beide tranken ebenfalls Kaffee.

„Du wurdest von den beiden Typen tatsächlich niedergeschlagen?“, fragte Gregor auf eine Weise, als hätte er erst jetzt Titus’ Bericht verstanden. Immerhin war seine schlechte Laune verflogen. Er zeigte auf einmal sichtbares Interesse.

Titus ließ seinen Blick durch die Küche schweifen. Herd und Arbeitsfläche bildeten in der Mitte des Raumes eine Insel. Von dem Rauchabzug, der darüber wie der Saugrüssel einer außerirdischen Maschine schwebte, hingen diverse Töpfe und Pfannen. An den Wänden standen Geschirr- und Vorratsschränke. Fast alle Möbel wiesen ein tiefes Rot auf. Der eckige Esstisch, an dem sie saßen, stand direkt vor dem Fenster. Lisas Welt, dachte Titus. Er wusste nicht einmal, ob sie eine ausgebildete Köchin war oder sie sich ihre Kochkünste selbst angeeignet hatte. Er wusste fast gar nichts über sie. Was hatte sie mit jenem Mann zu schaffen, der ihn mit seinen blinden Augen angestarrt hatte?

„Titus?“ Gregor rüttelte ihn am Arm.

„Die Typen haben mir irgendetwas auf den Kopf geschlagen“, antwortete er schließlich. „Aber das ist noch nicht das Schlimmste.“

„Noch nicht das Schlimmste?“ Theresa betrachtete ihn erstaunt. „Man hat Sie niedergeschlagen und das bezeichnen Sie nicht als schlimm?“

„Im Gegensatz zu dem, was danach geschehen ist, auf jeden Fall. Als ich wieder zu mir kam, lag ich in der Kapelle auf einer der Bänke. Aber ich war nicht allein. Ein eigenartiger Mann kam auf mich zu. Ob du es glaubst oder nicht, er hielt mich für Lisa.“

Gregor kicherte. „Gib’s zu, du trägst Damenunterwäsche.“

Theresa stieß ihn mit ihrem Ellenbogen in die Seite. „Das ist nicht witzig, Gregor. Es ist … unheimlich.“

„Ihr hättet den Mann sehen sollen. Seine Augen waren völlig weiß …“ Auf einmal legte er eine Pause ein. Dann sagte er: „Wenn ich es mir genau überlege, sah er aus wi, als wäre er soeben aus einem Grab gestiegen.“

„Und er hielt dich für Lisa?“

„Er sagte ständig, Du bist es, Lisa, nicht wahr?“

Theresa zog ihren Bademantel enger um sich. „Das klingt wie eine dieser urbanen Legenden, die an Unis und Schulen erzählt werden.“

„Für mich klingt das eher wie nach einem Verrückten, der in der Kapelle übernachten wollte“, gab Gregor zurück.

„Wer er auch immer ist, er kennt Lisa“, erwiderte Titus. „Seinem Tonfall nach zu urteilen, scheint er nicht wirklich Sympathien für sie zu empfinden.“ Er trank die restliche Tasse in einem Zug leer. Der Kaffee begann zunehmend, seinen Körper zu erwärmen.

Gregor wirkte gelangweilt. „Walter Dorn sagte mir, Lisa sei eine Außenseiterin. Es ist also kein Wunder, dass niemand sie gerne hat.“

„Trotzdem erklärt es nicht, wer dieser Mann ist.“

„Interessiert es dich so sehr?“, zog Gregor ihn auf.

„Ob es mich interessiert? Der Typ sah alles andere als harmlos aus. Wenn ich nicht abgehauen wäre, hätte er mich vielleicht umgebracht.“

„Sollen wir nicht einmal nachsehen, ob er sich dort noch aufhält?“, schlug Theresa vor.

„Es ist vier Uhr“, wiederholte Gregor seine Worte, die er bereits Titus gegenüber geäußert hatte. Viel Sinn ergaben sie in diesem Zusammenhang allerdings nicht.

„Vielleicht ist er mir gefolgt“, gab Titus zu bedenken. „Wenn er nicht ins Haus kann, dann versteckt er sich jetzt weiß Gott wo. Am liebsten hätte ich jetzt ein heißes Bad und dazu ein Glas Brandy. Ich fühle mich wie ein durchfrorener Hund. Würde mich nicht wundern, wenn mein nächtlicher Ausflug mit einer Grippe endet.“

„Und was ist mit den beiden Kerlen, die Ihnen eins übergezogen haben?“, empörte sich Theresa. „Sie müssen das der Polizei melden.“

„Ich habe nicht einmal ihre Gesichter gesehen. Den Fußabdrücken zufolge aber schätze ich, dass es nicht zwei Kerle, sondern ein Mann und eine Frau gewesen sind. Vielleicht Wissenschaftler wie ihr beide?“

„Wissenschaftler, die nächtlichen Spaziergängern eins über den Schädel ziehen?“ Die Skepsis war Theresas Frage durchaus anzuhören.

Gregor schwieg. Sein Blick verriet, dass er gerade auf einen unangenehmen Gedanken gekommen war. „Mohn“, sagte er nach einer Weile. „Es könnte dieser Bastard Mohn gewesen sein. Zusammen mit seiner Assistentin.“

„Nehmen neuerdings alle Wissenschaftler ihre Assistentinnen mit auf Reisen?“, konnte sich Titus die Frage nicht verkneifen.

Theresa grinste zweideutig.

Gregor wurde rot. „Du bist kein Wissenschaftler, Titus. Lass deine Sprüche. Aber falls es tatsächlich Mohn ist, dann haben wir hier sehr bald ein unangenehmes Problem.“

„Inwiefern?“, wollte Titus wissen.

„Er wird versuchen, unsere Forschungen zu sabotieren. Mohn, dieser beschissene Egomane. Er schreckt vor nichts zurück, um andere auszustechen. Ich kann nur hoffen, dass er es nicht ist. Ansonsten kann ich mein Projekt an den Nagel hängen.“

10

Bevor sich Titus ins Bett legte, schaute er nochmals hinüber zum Friedhof. Wolken zogen über den Himmel und der Wind heulte in Böen um das Haus. Noch immer machte das Mondlicht die Nacht zum Tag. Die Tür der Kapelle stand offen. Von dem Mann fehlte jede Spur.

Als Titus aufwachte, konnte er sich nicht daran erinnern, irgendetwas geträumt zu haben. Es war kurz nach neun. Er hatte demnach gerade einmal viereinhalb Stunden geschlafen. Sein Kopf brummte, als hätten über Nacht Hornissen ein Nest darin gebaut. Er duschte sich heiß. In dem Moment, als er das Zimmer verlassen wollte, klopfte es an die Tür.

Er öffnete.

Vor ihm stand Lisa. Sie trug einen violetten Pullover und eine blaue Jeans. In ihren Händen hielt sie ein Tablett, auf dem sich eine kleine Kaffeekanne, Marmelade und ein Korb mit Brötchen befanden. Zudem gab es einen Teller mit Schinken und ein weich gekochtes Ei. „Ich bringe Ihnen das Frühstück.“

Titus trat zur Seite. „Ist das ein spezieller Service von Ihnen?“

Als sie an ihm vorbeiging nahm er einen Hauch ihres Parfums wahr. Sie stellte das Tablett auf dem Schreibtisch ab. „Ich habe gehört, was Ihnen gestern widerfahren ist. Daher dachte ich, Sie fühlen sich nicht sonderlich wohl.“ Sie stand mit gefalteten Händen neben dem Schreibtisch und blickte Titus aus nervösen Augen an. Sie war seltsam. Aber sie war auch überaus attraktiv.

Titus zögerte. „Ist Gregor bereits auf?“

„Er und seine Assistentin frühstücken im Speisezimmer.“

„Gut, dann geselle ich mich zu ihnen.“

Lisa zuckte zusammen. Über ihr Gesicht huschte ein flehender Ausdruck. „Warten Sie bitte. Ich möchte mit Ihnen reden.“

„Etwa über diesen Mann?“

Lisa holte hörbar Atem. „Was genau ist Ihnen passiert?“

„Ich dachte, Sie wissen bereits darüber bescheid?“

„Setzen Sie sich bitte und erzählen Sie es mir noch einmal.“ Sie schob den einfachen Holzstuhl zurück, über den Titus’ Mantel hing. Ihre Augen röteten sich.

Titus gab schließlich nach. Er setzte sich auf den Stuhl, während Lisa ihm Kaffee einschenkte. Sie wirkte erleichtert.

„Wer ist dieser Mann?“, fragte er.

Lisa stellte die Kanne ab und trat hinter ihn. Mit ihren Fingern berührte sie sanft seinen Hinterkopf. „Tut es sehr weh?“

Titus irritierten ihre Berührungen. Er verspürte ein elektrisierendes Kribbeln. „Es war ein schwerer Schlag. Ich muss etwa zwei Stunden bewusstlos gewesen sein.“

Lisa trat wieder zur Seite.

„Wollen Sie sich nicht auch setzen?“, fragte er.

Sie zog den zweiten Stuhl heran und ließ sich darauf nieder. „Wie sah der Mann aus?“

Titus überlegte. Danach beschrieb er ihr das Gesicht des Fremden so gut er konnte. Je mehr er sich an den Anblick erinnerte desto stärker wurde in ihm der Eindruck, dass dieser Mann ausgesehen hatte wie ein Toter.

„Hat er Ihnen etwas getan?“, wollte sie daraufhin wissen.

„Er kam auf mich zu und blieb direkt vor mir stehen. Das war alles. Gregor meint, es sei ein Verrückter gewesen. Aber er muss Sie kennen. Immerhin nannte er Ihren Namen. Was mich allerdings am meisten wundert ist, dass er sagte, er würde Sie riechen. Er war blind, nehme ich an. Das mit dem Riechen verstehe ich trotzdem nicht.“

Lisa schaute gedankenverloren vor sich hin.

„Wer ist dieser Mann?“

Sie zuckte mit den Achseln. „Ihr Freund hat wahrscheinlich Recht. Es muss sich um einen Verrückten handeln.“

Titus stellte die leere Kaffeetasse zurück auf das Tablett. „Können Sie mir verraten, wieso ich Ihnen das nicht glaube? Er kannte Sie. Er hielt mich für Sie.“

Lisa runzelte die Stirn. „Sie sollten in der Nacht nicht mehr alleine hinausgehen. Heute ist der 21. Dezember. Ab heute beginnen die Rauhnächte. Manchmal geschieht nichts. Manchmal kommt es nur zu ein paar Zwischenfällen. Aber hin und wieder wird es äußerst gefährlich.“

Titus verstand nicht, aus welchem Grund sie plötzlich auf die Wilde Jagd anspielte. „Was hat das mit jenem Mann zu tun?“

Lisa erhob sich. „Er begegnete Ihnen in der Kapelle?“

„Sagte ich das nicht bereits?“

„Folgte er Ihnen bis zum Haus?“

Titus konnte seine Gereiztheit nicht länger verbergen. „Wieso stellen Sie mir diese Fragen? Wenn Sie wissen, um wen es sich bei dem Mann handelt, dann sagen Sie es doch einfach!“

Lisa ging zur Tür. Kurz davor blieb sie stehen und wandte sich um. „Sie waren in meiner Küche, nicht wahr?“

Titus nickte erbost. „Ist das verboten?“

„Ich möchte nicht, dass Sie noch einmal meine Küche betreten, wenn ich nicht da bin. Niemand darf das. Wenn Sie nachts gerne Kaffee oder Tee trinken oder eine Kleinigkeit essen wollen, dann sagen Sie es mir vorher. Ich werde Ihnen alles in das Esszimmer stellen. Aber gehen Sie bitte nicht noch einmal in meine Küche.“ Sie trat hinaus in den Flur und schloss die Tür hinter sich.

Titus blieb ratlos zurück.

11

„Unser Abenteurer weilt wieder unter den Lebenden?“, rief Gregor.

Titus setzte sich zu ihm und Theresa an den Tisch im Esszimmer.

Sein Freund faltete die Zeitung zusammen und legte sie neben den Teller, auf dem sich Brotkrumen mit Marmeladenklecksen vermischten.

Theresa kaute noch an ihrem letzten Stück Brot. „Was macht Ihre Beule?“

Titus berührte seinen Hinterkopf. Die Stelle, an der ihn der Knüppel oder die Stange oder was auch immer getroffen hatte, schmerzte nicht mehr. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er keine Kopfschmerzen mehr hatte. „Es geht.“

Gregor beugte sich leicht über den Tisch und flüsterte: „Was hat Lisa mit dir getrieben?“

Titus wandte seinen Kopf zur Küchentür. Sie war geschlossen. Kein Laut drang dahinter hervor. „Sie wollte mich über den Mann ausfragen.“

„Und?“

„Nichts und. Sie hüllt sich in Schweigen, was ihre Beziehung zu diesem Kerl anbelangt.“

Gregor grinste. „Aus Lisa ist nichts herauszubekommen. Das hätte ich dir schon früher sagen können. Aber vielleicht weiß Walter Dorn ja über diesen Mann Bescheid. Ich möchte ihm heute einen Besuch abstatten. Vielleicht können wir schon heute ein paar der Dokumente durchgehen.“

„Und du hast mir versprochen, dass wir bei dem Antiquariat vorbeischauen“, fügte Theresa hinzu.

„Gut, dann komme ich mit“, sagte Titus.

„Sie fühlen sich wirklich dazu in der Lage?“, sorgte sich Gregors Assistentin. Erneut machten sie ihr dunkler Lidschatten und ihre kirschroten Lippen äußerst reizvoll.

„Wieso nicht?“

„Wolltest du nicht schreiben?“

„Keine Ideen.“

„Dann halten wir uns hier nicht länger auf.“

Das Antiquariat hatte geöffnet.

Die Besitzerin entpuppte sich als eine Frau von Anfang Vierzig mit roter Strickjacke und brauner Kordhose. Sie hatte kurze blonde Haare und einen humorlosen Gesichtsausdruck. Statt Schuhen trug sie graue Filzpantoffeln. Sie beobachtete Titus, Gregor und Theresa mit missmutigen Blicken, während diese die Regale durchstöberten.

Theresa und Gregor wurden sofort fündig und hatten im Nu einen ganzen Stapel Abhandlungen über Geister, Dämonen und andere nächtliche Kreaturen zusammengetragen.

Titus sprach die Auswahl der Bücher weniger an. Es gab kaum Romane. Allerdings entdeckte er unter dem Buchstaben H tatsächlich ein zerlesenes Exemplar eines seiner Lesbenthriller mit dem Titel Stadt am Meer. Es ging darin um zwei Studentinnen, die einem düsteren Geheimnis auf die Spur kamen. Titus hielt es für eines seiner besten Romane, auch wenn Kritiker behauptet hatten, dass die Leser dieses Buch vor allem wegen der deftigen Sexszenen kaufen würden. Vielleicht taten sie das. Ihm war es eigentlich egal. Die Hauptsache bestand darin, dass seine Geschichten Anklang fanden.

Eine dunkle Wolke trübte plötzlich seine Erinnerungen. War sein Können tatsächlich mit seiner Muse verschwunden? Resigniert stellte er den Roman zurück und setzte seine Suche nach brauchbarer Literatur fort. Schließlich nahm er ein Buch über Untote.

Die Verkäuferin, welche die ganze Zeit über hinter der Theke gestanden hatte, tippte den Preis in die altertümliche Kasse ein. „Gehören Sie zu den anderen Touristen?“, wollte sie wissen.

Titus horchte auf. „Welche anderen Touristen?“

„Vor Ihnen kamen ein Mann und eine Frau herein. Kauften allerdings nichts.“

„Ein Mann und eine Frau?“, fragte nun Gregor.

„So ein bulliger Typ mit Schnauzbart und dicker Nase …“

Gregor fielen beinahe die Bücher aus den Händen. „Mohn.“

„Wie bitte?“

„Der Name des Mannes lautet Mohn.“

„Sie gehören also zusammen?“

Gregor gab ein höhnisches Lachen von sich. „Um Gotteswillen! Mit diesem Mann möchte ich nichts zu tun haben.“

„Und wer war die Frau?“, fragte Titus.

„Bestimmt seine Assistentin“, behauptete Gregor. „Dann war er es, der dich gestern niedergeschlagen hat.“

Titus bezahlte sein Buch.

„Sie wurden niedergeschlagen?“, wollte die Besitzerin wissen.

„Am Friedhof.“

Die Antiquarin wich erschrocken zurück. „Was suchen Sie auf dem Friedhof?“

„Es geht um die Gräber …“

Gregor stieß Titus in den Rücken.

„Sie wollen also auch hier herumschnüffeln?“

„Wir schnüffeln nicht herum“, erwiderte Theresa ernst. „Wir sind Wissenschaftler.“

„Sie mischen sich in unsere Angelegenheiten ein“, gab die Frau zurück. „Das ist nichts anderes als herumzuschnüffeln.“

„Wie Sie das bezeichnen, ist mir im Grunde genommen egal“, meinte Gregor. „Auf jeden Fall führen wir hier wissenschaftliche Studien durch.“

Die Antiquarin tippte mürrisch die Preise der Bücher ein, die Gregor auf die Theke gelegt hatte. „Wo wohnen Sie eigentlich? In Tiefenfall gibt es keine Hotels.“

„Neben dem Friedhof“, antwortete Theresa.

Die Frau stockte beim Eintippen. „Im Haus der Bardins?“

„Genau da“, bestätigte Gregor, einen warnenden Blick auf seine Assistentin werfend. „Lisa Bardin vermietet uns das Haus für längere Zeit.“

In den Augen der Frau züngelten Flammen. „Lisa Bardin.” Der Name kam zischend über ihre Lippen. Sie machte ein Kreuzzeichen und spuckte auf den Boden. „Verflucht soll sie sein, diese verdammte Hexe. Sie stiftet nur Unruhe in unserer Gemeinde. Wenn es nach mir ginge, hätte ich sie schon längst aus Tiefenfall vertrieben.“ Sie nahm das Geld, das Gregor ihr reichte. „Niemand kann sie leiden. Wahrscheinlich nicht einmal unser Pfarrer.“

„Was genau hat sie denn angestellt?“, wollte Titus wissen.

Die Antiquarin grübelte nicht lange. „Ihr Mann ist von ihr abgehauen. Er hielt es mit ihr nicht mehr aus. Da bin ich mir sicher. Sie steht mit dem Teufel im Bunde. Manche Leute behaupten, in der Nacht, in der ihr Mann geflohen ist, haben sie furchtbare Schreie gehört. Das sagt doch wohl alles. Er schrie vor Angst. Vor Angst, hören Sie?“

Titus nickte unmerklich. Die Gerüchteküche in einem kleinen Ort wie Tiefenfall war besser als jeder Kinofilm. Die Leute hatten nichts zu tun, also erzählten sie sich gegenseitig Ammenmärchen. Dass einer dabei in den Fokus der Aufmerksamkeit geriet und somit zum Opfer wurde, war ihnen egal. Jedenfalls so lange, bis sie selbst von zwielichtigen Gerüchten heimgesucht wurden.

„Wow“, sagte Gregor, als er den Motor anließ.

Theresa reichte Titus ihre Bücher, die er neben sich auf die Rückbank legte. „Wow?“, wiederholte sie.

„Lisa führt hier wirklich kein einfaches Leben“, erklärte Gregor. „Mit Postkartenromantik hat es jedenfalls nicht viel zu tun.“

„Du glaubst das mit den Schreien nicht?“, fragte seine Assistentin.

Gregor setzte den Wagen in Bewegung. „Du etwa?“

„Ich fand es auf jeden Fall unheimlich.“

Gregor warf einen Blick in den Rückspiegel. „Was ist mit dir, Titus? Glaubst du’s oder nicht?“

Titus unterdrückte ein Gähnen. „Die Bewohner bestehen in der Hauptsache aus Spießern und Kleinbürgern. Was will man da anderes erwarten?“

Gregor lachte. „Das ist mein Titus wie ich ihn kenne und liebe. Misanthropisch bis zum Gehtnichtmehr.“

„Sagtest du nicht, du hättest etwas in der Kirche zu tun?“, entgegnete Titus.

Die Kirche war geschlossen.

Gregor, gefolgt von Titus und Theresa, umrundete das Gebäude, bis er zum Pfarrhaus gelangte. Er klingelte mehrmals. Eine ältere Frau mit kurzen grauen Haaren öffnete. Sie trug einen einfachen Hauskittel mit Blümchenmuster. Sie schien Gregor bereits zu kennen, denn sie sagte lapidar: „Der Pfarrer ist nicht hier.“

Gregor machte ein enttäuschtes Gesicht. „Ich hatte einen Termin bei ihm.“

Während die Frau ihren Blick neugierig über Theresa und Titus gleiten ließ, antwortete sie: „Es kam etwas dazwischen.“

„Und wo ist er jetzt?“

Sie deutete mit einem Nicken hinter ihn. „Er weiht den Schutzwall ein.“

Gregor wandte sich sofort um. „Das dürfen wir uns nicht entgehen lassen.“

„Warten Sie lieber hier auf ihn“, mahnte ihn die ältere Frau. „Das geht nur die Bewohner des Ortes etwas an.“

Gregor ließ sich nicht aufhalten. „Ich bin Forscher wie Sie wissen. Ich muss einfach sehen, was dort vor sich geht.“

Die Frau zuckte mit den Schultern und schloss die Tür.

Titus bekam ein mulmiges Gefühl. „Du willst wirklich da hin?“

Gregor klopfte ihm auf die Schulter. „Es ist die einzigartige Gelegenheit, etwas von diesem Brauch mitzubekommen. Gehen wir.“

Erst bei ihrem weiteren Gang durch die Stadt fiel Titus auf, dass die einzigen Leute, die ihnen begegneten, ausnahmslos Frauen waren. Das hob nicht unbedingt seine Stimmung. Es bedeutete nämlich, dass nur der männliche Teil der Bewohner bei dem Ritual anwesend sein durfte. Wahrscheinlich handelte es sich um ein Massenbesäufnis. Titus’ Nervosität nahm zu. Auf ein Rudel betrunkener Hinterwäldler zu stoßen, hatte nicht gerade etwas mit dem zu tun, was er sich von dem Ausflug erhofft hatte.

„Hier entlang.“ Gregor deutete auf eine gepflasterte Gasse, die zwischen schmalen Fachwerkhäusern steil hinab führte. Bei dem Schneematsch eine wahre Rutschpartie. Titus hätte es zweimal beinahe hingeschlagen. Als Stadtmensch hatte er natürlich nicht daran gedacht, geeignetes Schuhwerk mitzunehmen. Die glatten Sohlen seiner schwarzen Halbschuhe erwiesen sich als völlig ungeeignet. Gregor und Theresa trugen schwere Wanderstiefel. Dementsprechend schritten sie gelassen über die rutschigen Pflastersteine.

Das Ende der Gasse war gleichbedeutend mit dem Ortsende. Die letzten Häuser sahen sich einer weiten, schneebedeckten Ebene gegenüber. Normalerweise hätte er diese Fläche bis zu den Bergen verfolgen können. Im Sommer gab es hier sicherlich Wiesen und Felder.

Doch Titus´ Blick reichte gerade einmal zweihundert Meter weit. Voller Staunen betrachtete er das kolossale Bauwerk, das dort aus dem Schnee ragte. Es kam ihm vor, als trennte diese kurze Distanz das Mittelalter von der Antike.

Die Palisade erinnerte an eine römische Bastion. Die aneinander gereihten Stämme waren an ihren oberen Enden angespitzt und wirkten wie riesige Pfähle, die ein größenwahnsinniger Vampirjäger angefertigt hatte. Jeder zehnte Stamm ragte um etwa fünfzig Zentimeter über die übrigen Pfähle empor. Die Höhe der Palisade betrug ungefähr acht Meter. Sie erstreckte sich über die gesamte Nordseite des Ortes. Ein breiter, platt getrampelter Weg führte zu dem Bauwerk, vor dem sich eine größere Versammlung gebildet hatte.

Titus erkannte Walter Dorn, der auf einem Podium stand, während neben ihm der taubstumme Herbert apathisch einen Weihrauchkessel hin und her schwang. Seine Augen weiteten sich, als er Titus erkannte. Er hörte mit den Schwingen des Weihrauchkessels auf, streckte aufgeregt seine rechte Hand aus und gab unverständliche Laute von sich.

Pfarrer Dorn stoppte in seiner Predigt.

Erst wandte einer, dann zwei und schließlich alle Köpfe in ihre Richtung. Wie Titus bereits befürchtet hatte, handelte es sich bei den Anwesenden ausnahmslos um Männer. Sie hatten soeben einen Ritus unterbrochen, bei dem Frauen, so wie es aussah, in der Tat ausgeschlossen waren. Titus hoffte, dass die Bewohner sie nicht gleich teeren und federn würden. Immerhin hatten sie Theresa dabei.

„Was soll das?“, hallten bereits die ersten Rufe herüber. Gefolgt von: „Wer ist das?“, „Woher kommen die denn?“ und „Was machen die da?“. Der ausschlaggebende Satz aber lautete: „Die sind nicht von uns!“

Während Walter Dorn vom Podium aus versuchte, die Gemüter zu beruhigen, trampelten bereits die ersten Bewohner Tiefenfalls auf sie zu. Die beiden Anführer trugen blaue Latzhosen und rotweißkarierte Hemden. Sie hatten die Ärmel hochgekrempelt. Eine Art von Kälteempfinden schien es für sie nicht zu geben, auch wenn ihre Köpfe und Hände rot angelaufen waren. Sie hatten beide blondes Haar und glichen sich, als sei der eine der Doppelgänger des anderen.

„Für einen Rückzug dürfte es wohl zu spät sein“, bemerkte Theresa.

Titus fiel es schwer, zu beurteilen, ob sie dies ironisch gemeint hatte.

Gregor beobachtete mit einer gewissen Faszination das Herannahen der Einheimischen. Wäre er auch noch so fasziniert darüber, wenn sie ihm den Schädel einschlugen?

Die beiden Latzhosenträger bauten sich direkt vor ihnen auf. Sie verschränkten ihre Arme vor der Brust, sodass ihre Muskeln voll zur Geltung kamen. Titus wirkte ihnen gegenüber wie ein Streichholz, das jemand vor einem Ochsen in den Boden gesteckt hatte. Ihre Augen rollten von ihm zu Theresa und dann zu Gregor, um kurz darauf erneut auf Theresa zu blicken. Hinter ihnen versammelten sich Schaulustige und Empörte. Aber nicht alle waren gekommen. Ein paar von ihnen hielten sich weiterhin vor der Palisade auf. Pfarrer Dorn kletterte unbeholfen vom Podium. Herbert folgte ihm.

„Ihr seid nicht von hier.“ Der Satz, den einer der beiden Latzhosenträger ausstieß, besaß mehr den Charakter einer Feststellung als den einer Frage. Seine Stimme klang rau und aggressiv.

„Da haben Sie nicht Unrecht“, bemerkte Gregor. Titus beeindruckte seine Gelassenheit. Eine Ruhe, die wohl jedem Forscher irgendwie im Blut stecken musste. Selbst Zoologen, die in Afrika von einem Rudel Löwen angegriffen wurden, fanden darin noch immer etwas Interessantes.

„Frauen nicht hier erlaubt“, fügte der andere hinzu, ohne auf die Grammatik zu achten. Seine Stimme besaß einen überraschend hohen Ton und passte keinesfalls zu seinem bulligen Aussehen.

Beide Männer starrten missbilligend auf Theresa.

Gregors Assistentin zuckte mit den Schultern. „Ist das ein Problem?“

„Das ist es“, übernahm der Mann mit der tieferen Stimme das Wort.

„Dann störe ich nicht weiter.“

„Du bleibst hier.“

Theresa blieb stehen.

„Fremde und Frauen dürfen bei diesem Ritual nicht anwesend sein“, fuhr er fort. „Ihr habt zwei Regeln auf einmal gebrochen.“

Titus verhielt sich mucksmäuschenstill. Er hasste solche Kerle. Egal, was man ihnen erwiderte, sie waren nur auf Ärger aus.

„Was ist denn daran so schlimm, wenn Fremde und Frauen bei Ihrem Ritual anwesend sind?“

Beide Männer starrten Gregor an, als hätte sich dieser auf einmal in ein Pferd verwandelt. Auf eine solche Frage waren sie wohl oder übel nicht vorbereitet gewesen.

„Brauchst nicht wissen“, sagte schließlich der mit der hohen Stimme und der fehlenden Grammatik.

„Ihr habt die Regeln gebrochen“, wiederholte der andere.

Hinter ihnen nickten die übrigen Männer zustimmend. Eine Mischung aus einfachen Handwerkern und Bauern. Titus erkannte nur wenige, bei denen es sich um Büroleute oder Verkäufer handelte. Es wunderte ihn, dass ausgerechnet in einem solchen Ort ein Antiquariat überleben konnte. Vielleicht durfte man Menschen dieses Schlages nicht unterschätzen. Oder das Antiquariat betrieb zusätzlich einen Online-Shop.

„Wer die Regeln bricht, muss bestraft werden“, erklärte der Mann weiter. „Ihr bringt uns alle in Gefahr.“

„Niemand bringt irgendjemanden in Gefahr!“

Titus spürte so etwas wie Erleichterung, als sich Walter Dorn zwischen den beiden Latzhosenträgern hindurchzwängte. Herbert humpelte hinter ihm her. Er hielt noch immer den Weihrauchkessel in der Hand.

„Uli! Hannes!“, ermahnte der Pfarrer die beiden. „Es sind Gäste. Wie sollen sie von unseren Regeln wissen?“

„Das Ritual kann man nur einmal durchführen“, bemerkte Hannes, der Mann mit der tiefen Stimme.

„Wir haben noch nicht einmal damit begonnen“, machte Dorn ihn darauf aufmerksam. „Es sind Gäste. Und wir sollten sie wie Gäste behandeln.“

Hannes schaute auf Theresa. „Und was ist mit der Frau?“

„Sie zählt auch als Gast“, erklärte Dorn geduldig. „Wie der Mann neben ihr ist sie Wissenschaftlerin.“

„Und dieser Typ da?“ Hannes nickte in Titus’ Richtung.

„Er ist Schriftsteller …“

„Dann krallen wir uns eben den!“ Uli und Hannes packten Titus an den Armen. Sein Herz rutschte ihm beinahe in die Hose.

Dorn schüttelte den Kopf. „Er ist ebenfalls Gast hier in unserem Ort.“

„Aber die Strafe …!“

„Keine Strafe“, unterbrach Dorn Hannes. „Gäste werden nicht bestraft. Das Ritual hat noch nicht begonnen. Niemand ist zu Schaden gekommen.“

„Ehrwürden, Ihr wisst, dass das Ritual nicht funktioniert, wenn Fremde und Frauen daran teilnehmen. Die drei bringen uns in Gefahr. Heute beginnen die Rauhnächte. Wir brauchen den Schutz.“

„Da hast du ganz recht, Hannes. Deswegen werden wir unsere drei Gäste bitten, diesen Platz wieder zu verlassen. Dann können wir ungestört mit dem eigentlichen Ritual beginnen.“

„Hat überhaupt schon einmal ein Fremder an dem Ritual teilgenommen?“, wollte Gregor wissen.

„Nein“, antworteten Uli und Hannes wie aus einem Mund.

„Dann wissen Sie nicht, ob unsere Anwesenheit Ihrem Ritual schadet“, schlussfolgerte der Volkskundler.

„Natürlich schadet es!“, fuhr Hannes ihn an. „So steht es im Gesetz!“

„Strafe machen?“, fragte Uli.

Walter Dorn hob seine Hände in die Höhe, als wollte er wie Moses das Meer teilen. „Ich sagte, niemand wird bestraft. Gilt mein Wort oder euer Wort?“

Uli und Hannes senkten ihre Köpfe. „Ihr Wort, Ehrwürden.“

„Und ich sage, wir lassen sie gehen.“

Auf einmal trat ein Mann nach vorne, dem Titus schon einmal begegnet war. „Dieser Kerl hier wohnt bei Lisa!“ Der Friedhofswärter. Auch jetzt trug er einen schäbigen Anorak und eine Wollmütze. Sein Ausruf führte zu erneuter Unruhe. Uli und Hannes packten erneut Titus’ Arme.

„Bei der Hexe?“, raunte Hannes.

„Müssen Strafe machen!“, rief Uli.

„Bestrafen!“, grölte es nun von allen Seiten. Hände wurden in die Höhe gereckt wie bei einer Protestaktion.

„Ruhe!“, brüllte Dorn. Auf einmal hörte man nur noch den Wind über die Landschaft streifen. „Ich sagte, niemand wird bestraft. Wenn ich die Regeln richtig deute, dann würde eine Bestrafung dazu führen, dass diejenigen, welche diese Untat durchführen, ihrerseits bestraft werden. Und zwar von jenen, vor denen wir uns eigentlich schützen wollen.“

Uli und Hannes ließen Titus augenblicklich wieder los.

Gustav, der Friedhofswärter, starrte Titus weiterhin voller Hass an.

„Und was Lisa betrifft, sie ist keine Hexe“, stellte der Pfarrer klar. „Oder hat sie einen von euch schon einmal verhext?“

„Sie hat als einziges Mitglied ihrer Familie einen Angriff von Lamien überlebt“, sagte Gustav. „Und wie wir alle wissen, ist ihr Mann eines Nachts schreiend aus ihrem Haus geflohen und nie wieder zurückgekehrt. Lisa steht mit denen im Bunde. Damals wurde sie von den Lamien nicht einmal angefasst.“

Zustimmendes Raunen erfüllte die Runde.

„Und“, fügte Gustav bedeutungsvoll hinzu, „es ist kein Geheimnis, dass Lisa vor einem Jahr versuchte, mich zu verhexen. Nur mit Mühe gelang es mir, mich von ihrem Zauber zu befreien. Wir hätten bereits damals Lisa zusammen mit ihrem Haus verbrennen sollen.“

Erneut zustimmendes Gemurmel. Aber auch den ein oder anderen höhnischen Lacher.

„Und wenn Leute in ihrem Haus wohnen, dann sind diese schon allein dadurch gebrandmarkt. Besonders, wenn sie wie dieser Mann einfach auf unserem Friedhof herumschnüffeln.“

Titus sah sich einer Vielzahl weit aufgerissener Augen gegenüber. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als unsichtbar zu sein. Die Leute meinten es ernst mit dem, was sie sagten. So irrsinnig und abgehoben es auch erschien. Diese Typen glaubten daran. Von Vernunft keine Spur. Vielleicht war es doch besser, Tiefenfall so schnell wie möglich zu verlassen.

Walter Dorn breitete seine Arme in einer umarmenden Geste aus. „Seid nicht zu voreilig. Lisa vermietet ihr Haus an Gäste, auch wenn, wie ich zugeben muss, diese lange auf sich warten lassen. Und esst ihr nicht ihre Torten und Kuchen, die sie extra für unsere kirchlichen Veranstaltungen backt?“

„Na ja …“, kam es kleinlaut aus manchen Kehlen.

„Da habt ihr es. Lasst Lisa einfach in Ruhe. Sie tut niemanden etwas. Und habe ich nicht einmal gehört, Gustav, dass du Lisa in gewisser Weise verhexen wolltest?“

Gelächter.

Gustavs Kopf wurde dunkelrot. Mit zorniger Miene machte er kehrt und stapfte zurück zur Palisade.

„Und jetzt zu unseren Gästen“, kam der Pfarrer auf das eigentliche Thema zurück. „Wir lassen sie in Ruhe gehen. An Heilig Abend werden sie an unserer Messe teilnehmen. Dann kann jeder von euch sich ein Bild von ihnen machen. Bei der anschließenden Vesper kommt ihr wahrscheinlich sogar schnell ins Gespräch und werdet euch für euer jetziges Verhalten schämen. Es sind schließlich Menschen wie wir. Ich habe bereits mit ihnen gesprochen und kann keinerlei Makel an ihnen feststellen. Im Gegenteil, die Unterhaltung war jedes Mal äußerst interessant und bereichernd. Ich habe viel dazugelernt. Wann kommt man schon in direkten Kontakt mit Wissenschaftlern und Schriftstellern?“

Uli und Hannes zögerten. Auch wenn sie jetzt nachgaben, so war es offensichtlich, dass die Stimmung sofort wieder kippen konnte. Titus, Gregor und Theresa galten von nun an als Zielscheiben, wenn es darum ging, ein Opfer zu suchen. Sie mussten sich hüten. Ein falsches Wort, eine falsche Bewegung, ein falscher Blick konnten dazu führen, dass man sie erneut jener ominösen Bestrafung zuführen würde. Und was Lisa betraf, daran wollte Titus erst gar nicht denken. Am liebsten würde er sie in seinen Koffer stecken und heimlich aus Tiefenfall tragen. Wieso hatte sie diesen Ort nicht schon längst verlassen?

Walter Dorn schüttelte ihnen nacheinander die Hände. „Entschuldigt bitte diese Unannehmlichkeit. Es sind im Grunde genommen gute Menschen. Machen Sie sich lieber wieder auf den Weg. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen ein zweites Mal beistehen kann.“

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350 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783754180815
Wydawca:
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Bookwire
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