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Mit Fahrrad durch Corona-Europa

Impressum
Mit Fahrrad durch Corona-Europa
4000 km - 60 Tage - 7 Länder - Reisetagebuch
Mattis Lühmann

© Mattis Lühmann 2020

Alle Rechte vorbehalten.

Autor: Mattis Lühmann

mattis.luehmann@hotmail.com

www.die-welt-bereisen.de

Einleitung

Am 30. September 2020 startete der Autor Mattis Lühmann seine 60 Tage lange Fahrradreise von Bremen in Norddeutschland bis ans Cabo da Roca in Portugal. Auf seinem Weg fuhr er durch ganz Deutschland, durch die Schweiz, durch einen Teil von Italien, die Mittelmeerküste entlang bis nach Monaco, durch Südfrankreich, durch ganz Spanien und dann bis ans Cabo da Roca in Portugal, was der westlichste Punkt des Festlandes von Europa ist. Insgesamt legte er etwa 4000 Kilometer zurück. Lesen Sie von seinen positiven Erlebnissen, wie zum Beispiel netten Begegnungen, schönen Ausblicken und glücklichen Zufällen, aber auch von den Schwierigkeiten durch die Regierungsmaßnahmen oder durch schlechtes Wetter. Außerdem gibt es viele Fotos von der Reise zu sehen.

30.09.2020


Etwa 11:45 Uhr: Ich kurz vor dem Start


17:43 Uhr: Meine erste richtige Pause

17:44 Uhr

Hallo, mein Name ist Mattis Lühmann und ich habe heute, am Mittwoch, dem 30. September 2020, meine Fahrradtour von Bremen bis ans Cabo da Roca in Portugal gestartet. Um etwa zehn vor zwölf bin ich, nachdem ich mich von meiner Freundin verabschiedet hatte, von mir zu Hause aus, dem Zentrum von Bremen, losgefahren. Ich habe jetzt schon ungefähr 85 Kilometer hinter mir und mache meine erste richtige Pause in einem Holzhäuschen. Ich bin durch Bassum und durch den Landkreis Diepholz gefahren, meistens auf Radwegen an Straßen entlang, aber auch schöne und ruhigere Wege durch Felder, auch Kürbisfelder und an einem kleinen Kürbishof vorbei. Das Wetter ist bis jetzt perfekt, zwischen 15 und 20 Grad, schätze ich mal und die Sonne scheint.

Ich will ans Cabo da Roca, weil es der westlichste Punkt des Festlandes von Europa ist, natürlich habe ich auch noch Zwischenziele, wie Monaco, Freunde in Südfrankreich und el Punto de Tarifa in Spanien, was wiederum der südlichste Punkt des Festlandes von Europa ist. Ich habe nämlich vor drei Jahren schon mal so eine Radtour gemacht, damals bis ans Nordkapp in Norwegen, aber jetzt möchte ich mal in den Süden. Meine Navi-App von Komoot sagt mir, dass es 4260 Kilometer sind. Dazu kommt aber auch noch, wenn ich mich verfahre oder so.

Ich habe meinen Job als Essensausfahrer gekündigt, nachdem ich mir etwas Geld für diese Tour zusammensparen konnte, etwa 1500 Euro habe ich jetzt zur Verfügung. Glücklicherweise habe ich vorgestern noch eine meiner Malereien (ich bin Künstler) für 800 Euro verkaufen können, was genau zum richtigen Zeitpunkt passiert ist.

Geplant habe ich, dass ich etwa zwei Monate unterwegs sein werde. Leider muss ich die Tour aber Ende Oktober für ein paar Tage unterbrechen, da dann die Beerdigung meines Opas sein wird, der vergangenen Samstag gestorben ist.

Windmühlen: 3

Tote Tiere an der Straße: 7

19:40 Uhr

Jetzt liege ich in meinem kleinen Zelt für eine Person in einem kleinen Wald neben einer Straße. Ich habe heute 96 Kilometer geschafft. Das ist nicht schlecht für den ersten Tag, da ich ja nicht so früh losgefahren bin. Mein Ziel ist es immer mindestens 100 Kilometer zu schaffen, außer heute. Mein Fahrrad habe ich mir im Juli oder August für 70 Euro bei Ebay Kleinanzeigen gekauft und dann noch geölt und einen neuen Lenker rangemacht. Es fährt gut, aber der Schlauch hinten muss wohl bald gewechselt werden, denn er war total platt, sodass ich ihn eben an einer Tanke aufpumpen musste. Gerade habe ich noch mit meiner Freundin telefoniert und jetzt werde ich noch etwas lesen.

01.10.2020


07:21 Uhr: Mein erster Schlafplatz

09:28 Uhr

Ich sitze gerade an einer Tankstelle, hier gibt es eine Steckdose und Internet, auch wenn die Leute komisch gucken, wenn ich hier rumsitze. Eigentlich habe ich ja so ein Solarzellending an meinem Rucksack zum Handy aufladen, aber irgendwie funktioniert das nicht, darum lade ich jetzt hier mein Handy und meine Powerbank auf. Mein Hinterreifen war heute Morgen komplett platt. Gestern bin ich noch an so einem Automaten für Fahrradschläuche vorbeigefahren, da dachte ich aber noch, dass es nicht so schlimm ist mit dem Reifen. Na ja, beim nächsten Mal kaufe ich mir einen, solange muss ich ihn immer aufpumpen.

Ich bin schon ein paar Kilometer gefahren und habe unterwegs einen Apfel und eine Birne gefrühstückt, frisch vom Baum, beziehungsweise vom Boden. Ich habe auch schon die ersten kleinen Berge gesehen. Endlich kein Flachland mehr.

Die Nacht im Zelt war nicht so angenehm. Vielleicht ist es doch etwas zu klein. Und feucht war es auch, wegen des Morgentaus. Vielleicht kann ich besser schlafen, wenn sich mein Rhythmus angepasst hat. Um zehn vor acht bin ich heute losgefahren.

Geld gebe ich unterwegs eigentlich nur für Essen, Fahrradersatzteile und die Hin- und Rückfahrt zur Beerdigung meines Opas aus. Das teuerste ist die Miete meiner Wohnung in Bremen.

13:09 Uhr

Ich mache gerade Pause auf einer Bank irgendwo in Herford neben einem Fluss im Park. Ich bin über die ersten kleinen Berge gefahren und muss gleich zum dritten Mal meinen Reifen aufpumpen. Eben haben mich zwei Radfahrer an der Ampel gefragt, ob ich auf großer Tour bin und wo es hingehen soll. Ich sagte: „Nach Portugal.“ Und sie sagten: „Ach du Scheiße, willst du da dieses Jahr noch ankommen?“


13:49 Uhr: Pause am Fluss


13:50 Uhr: Der Fluss in dem ich drin war und der Weg den ich vor mir hatte


16:30 Uhr: Schlauchwechsel

17:15 Uhr

Kurzer Zwischenstand: Vorhin als ich aus Herford rausgefahren bin, bin ich die ganze Zeit an dem Fluss da entlanggefahren. Dort war es wirklich schön, ich war mich auch untenrum ein bisschen im Fluss abkühlen. Erst kam ich nicht wieder raus, weil das Ufer so hoch war, aber dann hab ich mich irgendwie am Gras hochgezogen. Jetzt habe ich an Bauch, Brust und Gesicht Brennesselstiche, das juckt.

Dann habe ich noch einen neuen Fahrradschlauch gekauft in irgendeinem Ort und eben habe ich den raufgezogen. Ging leichter als ich dachte, nur das ich jetzt schwarze Hände habe.

Eben bin ich an einer Dr. Oetker-Fabrik vorbeigefahren, da hat es voll nach Keksen gerochen. Und gerade noch durch Oerlinghausen, was auf einem Berg liegt, wo es auch echt schön ist. Ein Künstlerort.

18:47 Uhr

Okay heute habe ich nur 71 Kilometer geschafft, aber dafür habe ich jetzt einen neuen Schlauch drauf. Es hat eben noch ein bisschen geregnet. Ich schlafe heute auf einem Fußballplatz in so einem Häuschen an der Seite, dann ist es egal, ob es regnet oder nicht. Ich muss nur noch warten, bis es dunkel wird.

Tote Tiere an der Straße: 2

02.10.2020


08:58 Uhr: Pause unter dem Dach am Fußballplatz in Espeln

09:06 Uhr

Fußballplätze sind echt praktisch. Es war zwar ein bisschen kalt in der Nacht und neblig heute Morgen, aber es ging. Ich musste nur gestern warten, bis alle Fußballspieler gegangen waren.

Jetzt bin ich bei einem anderen Fußballplatz in Espeln. Hier gibt es Strom, Internet und Wasser. Solange mein Handy lädt habe ich eben noch versucht meinem Reifen zu richten, denn seit der neue Schlau drauf ist, eiert er die ganze Zeit.

10:59 Uhr

Ich schreibe beim Fahren. Beim Handy laden kam plötzlich ein Mann um die Ecke. Er hat nur gefragt, ob ich Pause mache, aber als er gesehen hat, dass ich den Wasserhahn benutzt hatte, weil die Spüle nass war, hat er mich böse angekuckt. Ich habe dann schnell zusammengepackt, tschüss gesagt und bin losgefahren.

Das Tolle an so einer Reise sind die ganzen Eindrücke und kurzen Momente. Man sieht so viel, dass man kaum einen Gedanken zu Ende denken kann. Menschen die einen grüßen, die man noch nie gesehen hat und die man nie wiedersieht, einen Hund der mitten auf der Straße liegt, schöne kleine Dörfer mit schönen kleinen Kirchen, besondere Gärten, kleine Läden, Alpakas, ein Lama und so weiter.

Mir als Norddeutscher, fällt es immer noch schwer nicht mit „Moin“ zu grüßen.


11:23 Uhr: Auf dem Weg


12:29 Uhr: Heute gibt’s Bio-Eier


13:39 Uhr: Jetzt geht’s bergab


15:43 Uhr: Pause und kochen

16:09 Uhr

Ich sitze auf einer Bank und Blicke über die hügelige Landschaft. Es geht jetzt immer auf und ab und an vielen Flüssen entlang. Ich wusste echt nicht, dass Deutschland so bergig ist.

Eben habe ich zum ersten Mal meinen Gaskocher benutzt und mir zwei Freilandeier, die ich unterwegs an einem Stand gekauft habe, mit koreanischen Nudeln und Soße gekocht.

21:04 Uhr

Ich bin jetzt in Winterberg, einem Skiort. 96 Kilometer habe ich wieder geschafft. Mein Zelt steht gegenüber vom Bahnhof in so einem Gebüsch hinter einem Haus. Da hat mich ein Hund angebellt. Ich hoffe, der ist jetzt weg. Eben war ich noch Pizza essen und einkaufen. Morgen schreibe ich mehr, mein Akku ist gleich leer. Ach ja, Brilon ist ein schöner Ort.

03.10.2020
8:59 Uhr

Ich bin immer noch in Winterberg und lade mein Handy auf. Gefrühstückt habe ich auch. Winterberg ist kein Skiort, sondern so ein Ferienort mit vielen Radwegen, Bars und so weiter. Ich habe vergessen zu schreiben, dass ich meinen Reifen gestern repariert bekommen habe, er eiert jetzt nicht mehr, dennoch ist 100 Kilometer am Tag glaube ich zu viel für mich, gerade wenn es so hügelig ist. Ich musste gestern mindestens fünfmal schieben. Mein Navi sagt, dass es noch 3997 Kilometer sind, das heißt ich muss 50 mal 80 Kilometer fahren, ich fahre aber ja immer noch ein bisschen weiter, um einen Schlafplatz zu finden. Also ist 80 Kilometer jetzt mein Tagesminimum.

Die Nacht hier war nicht besonders erholsam, aber ich konnte ein bisschen schlafen. Jetzt fangen auch langsam meine Beine und mein Arsch an zu schmerzen.

Hier kam eben ein Behinderter vorbei und hat mir erzählt, wie schlimm alles mit Corona ist und dass die Leute überall ihren Müll hinwerfen.


12:00 Uhr: Schöne Aussichten


13:26 Uhr: Pause


13:56 Uhr: Frisch gepflückte Pflaumen


14:27: Das Wetter wird düsterer

20:15 Uhr

Alles ist ein bisschen nass hier im Zelt. Morgen muss ich unbedingt alles richtig trocknen. Die ersten 15 Kilometer heute waren der Hammer, von Winterberg bis Züschen und weiter ging es nur bergab durch schöne Landschaft. Danach war die Strecke auch okay und es ging viel bergab, nur als es anfing zu regnen war es blöd. Ich bin am Fluss entlang durch Marburg gefahren und jetzt bin ich in Gießen in irgendeinem nassen Gebüsch.

Komisch, dass ich in Gießen bin, denn hier habe ich beim Spazierengehen mit Freunden vor über drei Jahren den Gedanken bekommen eine Reise mit dem Fahrrad zu machen. Damit meine ich meine erste Radtour ans Nordkapp.


Tote Tiere heute: 1

Tote Tiere gestern: 3

04.10.2020
09:00 Uhr

Ohne meinen guten Bundeswehrschlafsack würde ich so eine Reise gar nicht überleben. Es hat ab und zu geregnet in der Nacht und alles war nass, auch mein Schlafsack von außen, aber von innen war er schön warm und kuschelig. Da merkt man mal wieder wie essenziell es ist es trocken und warm zu haben.

Jetzt lade ich bei einer Aral-Tankstelle gerade alles auf. Bei einer anderen Tankstelle wurde ich eben weggeschickt. Ich brauche unbedingt etwas was unterwegs Strom erzeugt. Es gibt glaube ich so kleine Propeller fürs Fahrrad, die durch den Fahrtwind Strom erzeugen, nur heute ist Sonntag. Morgen schaue ich mal nach so etwas in einem Elektrokrammarkt.


13:32 Uhr: Pause und trocknen im Wind

13:56 Uhr

Ich koche mir gerade Tortellonis und eben ist mir mein Kochtopf und Kocher umgeweht, weil es so windig ist. Ich muss immer mit meiner Isomatte den Wind abschirmen beim Kochen, darum ist eben ein Stück davon angekokelt, als alles umgefallen ist. Aber wenigstens kann ich dafür gut meine Sachen trocknen, die in so einem Rosenbogen hängen neben meiner Bank. Schweinfurt heißt es hier. Gestern und heute war alles irgendwie wie ausgestorben. Immer, wenn ich durch ein Dorf fahre, sehe ich höchstens mal jemanden mit einem Hund spazieren gehen oder ein paar andere Radfahrer oder zwei kleine Mädchen mit einem wiehernden Pony mitten auf der Straße. In Hessen bin ich, hier gibt es viele Felder, Hügel und eine Burg habe ich auch gesehen, aber keine Bänke mit Tisch dran.


15:31 Uhr: Eine der Gradierbauten, von denen ich nicht wusste, was es ist, sie dienen dazu frische Luft zu erzeugen


15:41 Uhr: Turm in Friedberg


18:05 Uhr: Skyline von Frankfurt

19:53 Uhr

Es ist dunkel und mein schön trockenes Zelt steht. Genau 80 Kilometer habe ich geschafft. Ich habe viele Leute unterwegs gesehen, die Drachen steigen lassen haben, einen Golfplatz und singende betrunkene Männer auf Bänken. Die Stadt Bad Nauheim oder so war echt schön, da standen so merkwürdige, aber schöne Bauten aus Holz rum, so hohe Wände, die voller Gestrüpp waren, an denen Wasser runterlief. Das muss ich mal googeln morgen, was das war. Danach habe ich noch einen schönen Turm in Friedberg, glaube ich, gesehen. Und dann habe ich für bestimmt 20 Kilometer die Skyline von Frankfurt vor mir gehabt. Als Frankfurt dann anfing, saßen da die singenden Männer und ich musste grinsen, als ich sie sah. Dann bin ich durch Frankfurt gefahren und habe von der Brücke aus, die über den Main geht, ein Foto von den Hochhäusern dort gemacht. Jetzt bin ich aber schon wieder raus aus Frankfurt, in so einem kleinen Landschaftsschutzgebiet nahe der Straße.

Mein Arsch tut so weh! Zum Glück hat meine Mama mir eine Zinksalbe mitgegeben, und ich wollte die erst nicht mitnehmen, damit habe ich mich jetzt erst mal eingecremt.


Tote Tiere an der Straße: 1 (Ich zähle übrigens nur Tiere mit, die größer sind als eine Maus, zum Beispiel Vögel, Igel, Rehe, Waschbären, Wiesel und so. Diese sind dann vermutlich immer angefahren oder überfahren worden.)

05.10.2020


07:27 Uhr: Hier bin ich aufgewacht

15:10 Uhr

Ich schreibe gerade wieder beim Fahren. Heute habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Fahrrad-Schnellstraße gesehen, ein paar Kilometer vor Darmstadt. In Darmstadt habe ich eingekauft und bin dann schnell wieder aus der Stadt rausgefahren.

Heute Morgen habe ich in einem Fahrradladen nach einer Lademöglichkeit durch Windkraft oder so gefragt, gab’s nicht, darum musste ich mein Handy draußen bei einer Seniorenresidenz laden. Auch in dem Supermarkt in Darmstadt oder bei einem XXL-Euronics, wo ich eben war, gab es so etwas nicht. Mist. Das Warten auf die Akkuladung nervt.

Na ja, vor einer Stunde ungefähr habe ich die erste Weinplantage gesehen und jetzt sind hier ganze Weinberge in Heppenheim.


16:19 Uhr: Auf dem Weg


18:34 Uhr: Beschreibung zur Europalinde, unter der ich geschlafen habe, leider war mein Akku leer und ich konnte kein besseres Foto mehr machen


18:34 Uhr: Die Europalinde

18:48 Uhr

Mein Tagesminimum habe ich erreicht. Ich bin jetzt in Oftersheim neben einem Friedhof auf einer Bank und koche mir Nudeln mit Spinat. Neben mir steht die Europalinde, unter der ich schlafen werde. Heute war ich ein bisschen genervt, denn ich fahre immer gegen den Wind, es zogen ständig Schauer über mich hinweg, ich habe die ganze Zeit schon was im Auge und mein Rahmspinat, den ich in Darmstadt gekauft hatte, lag unten im Fahrradkorb, ist aufgetaut und wurde von den anderen Sachen zerquetscht, sodass er aus dem Korb auf mein Fahrrad tropfte.

Die Landschaft sieht schon ganz anders aus, die Häuser sehen anders aus und die Menschen sprechen schon kein hochdeutsch mehr, aber egal wo man in Deutschland ist, die deutschen bleiben Weltmeister im doof gucken.


Tote Tiere an der Straße: 2

06.10.2020
09:37 Uhr

Ich bin den ganzen Morgen durch die Gegend geirrt, um Strom zu finden, jetzt bin ich in Walldorf und habe eine Steckdose gefunden. Ich muss gleich erst mal schauen, ob ich überhaupt noch richtig bin.

In der Nacht hatte es die ganze Zeit geregnet, da konnte mir die Europalinde auch nicht mehr genug Schutz bieten. Alles ist wieder nass und ich fühle mich total matschig. Ich muss später wieder alles trocknen und ordnen.

11:59 Uhr

Beim Fahren. Eben kam mir zum ersten Mal so einer wie ich entgegen, nur nicht mit ganz soviel Zeug und professioneller ausgerüstet. Ich hab ja alles nur so zusammengewürfelte Sachen dabei. Wir haben uns angelächelt und gewunken.

Vorhin beim Handy laden kam ein Mann an, der einen anderen aus dem Gebäude, in dessen Steckdose mein Ladekabel steckte, herausrief. Sie unterhielten sich fünf Meter von meinem Handy entfernt, ohne es zu sehen und gerade als sie sich verabschiedeten klingelte es. Sie so: „Hö Handy?!“ und ich rief: „Das ist meins.“ Zum Glück sagten sie nichts weiter dazu. Jedenfalls war es mein Stiefvater, der mir sagen wollte, dass die Beerdigung meines Opas am 22. Oktober ist. Das heißt, dass ich jetzt ein bisschen planen muss.


15:14 Uhr: Trocknungspause


16:49 Uhr: Ankunft in Karlsruhe

20:15 Uhr

Nachdem ich heute für ungefähr 20 Kilometer nur geradeaus durch einen riesigen Wald gefahren bin, bin ich in der wirklich schönen Stadt Karlsruhe angekommen. Schöne Gebäude und Menschen. Einmal standen drei Männer auf der anderen Straßenseite mit einer Kamera auf Stativ. Ich glaube ich wurde fotografiert und der eine hat sich gefreut und eine so kopfnickende Geste gemacht, um mich anzufeuern.

Jetzt bin ich in der ebenfalls schönen Stadt Gaggenau. Ich wollte über eine Fußgängerbrücke auf die andere Seite des Flusses hier fahren, aber die ist gerade gesperrt und über die Schnellstraßenbrücke für Autos wollte ich nicht, da mein Licht irgendwie nicht funktioniert. Darum liege ich jetzt hier an meinem bisher schönsten Zeltstellplatz mit Blick auf den Fluss, die Sterne, die Autobrücke und ein paar Häuser. Im Hintergrund höre ich Menschen Fußball spielen. Nur dass meine Waden wehtun und ziemlich verkrampft sind und ich heute nur 76 Kilometer geschafft habe.

07.10.2020
07:28 Uhr

Es hat wieder in der Nacht auf mein Zelt geprasselt und jetzt immer noch, alles ist wieder nass und ich will nicht raus ins Nasse.


07:47 Uhr: Morgens an der Murg in Gaggenau


10:39 Uhr: Irgendwo an der Murg, in dem Ort wo ich mein Handy aufladen konnte

12:18 Uhr

Es regnet die ganze Zeit. Meine Füße und Klamotten sind durchnässt. Ich steh hier im Regen an einer E-Bike-Ladestation und lade mein Handy. Ich will weiter!


15:41 Uhr: Endlich ein bisschen Sonne

15:42 Uhr

Ich werde heute wohl wieder nicht viele Kilometer schaffen, dafür habe ich einen guten Platz zum Trocknen und Ordnen gefunden. Ein Häuschen mit Bank drin an der Murg. Der Fluss, der durch das ganze Murgtal fließt und an dem ich letzte Nacht auch geschlafen habe. Wunderschön ist es hier, sowas kenne ich eigentlich nur aus Skandinavien oder Kanada. Deutschland ist schon ein schönes und abwechslungsreiches Land.

19:17 Uhr

Ich bin jetzt in Freudenstadt, oder am Rande davon, ganz oben auf einem Berg und habe den perfekten Schlafplatz gefunden. Es regnet, aber ich bin unter Dach. Ich weiß nicht genau was das hier ist, aber vorne dran steht Duftrosengarten. Und hier ist ein Turm und so mehrere Bänke unter Überdachungen. Wie Zuschauertribünen, na ja egal, Hauptsache trocken und eine Steckdose. Jetzt kann ich alles schön durchladen und trocknen und Morgen richtig was schaffen. Heute habe ich nicht genau drauf geachtet wie viel ich geschafft habe, aber ich schätze mal so etwas über 30 Kilometer. Langsam hänge ich durch. Liegt aber auch daran, dass ich ständig Strom suchen muss.

Inzwischen verschwimmen alle Tage ineinander. Manchmal fühlt sich ein Tag auch an wie mehrere Tage oder ich habe einen Moment vor Augen, kann aber nicht mehr sagen welcher Tag es war. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Frau im Garten, die neben sich eine einen halben Meter große Spinne aus Metall an der Wand hängen hatte, ich glaube das war vor Winterberg. Oder gestern, glaube ich, war eine Oma im Gebüsch ohne Hose, die sich da erleichtert hat, weil sie wohl dachte, dass da keiner vorbeikommt.

08.10.2020


07:22 Uhr: Einer meiner unheimlichsten Schlafplätze, im Sommertheater am Rande des Schwarzwaldes


10:02 Uhr: Neue Eier

13:14 Uhr

Es war ein Sommertheater wo ich letzte Nacht geschlafen habe. Am Rande des Schwarzwaldes, durch den ich heute Morgen größten Teils durchgerollt bin.

Ich musste jetzt ein bisschen umplanen. Ich habe eben zwei Flixbusse über das Netto-WLAN gebucht, und zwar am 18.10. von Genova in Italien nach Bremen zur Beerdigung und am 23. wieder zurück, um meine Radtour fortzusetzen. Meine Freundin hat eine Freundin in Genova, vielleicht kann ich mein Fahrrad so lange da lassen. Ich fahre von Italien, weil es dort nicht so viele Reisebeschränkungen von den Regierungen gibt wie in Frankreich. Meiner Meinung nach ist das mit dem Corona-Virus total übertrieben. Wir leben schon immer mit weitaus schlimmeren Krankheiten und da gab es auch nie solche Maßnahmen, die überhaupt nichts mit Gesundheit zu tun haben. Jedenfalls sind es nicht mal mehr 600 Kilometer bis nach Genova und ich habe noch elf Tage Zeit. Das heißt, ich muss nur etwas über 50 Kilometer am Tag schaffen. Endlich etwas entspannter fahren. Und wenn es dann weitergeht lasse ich den Punto de Tarifa in Südspanien wahrscheinlich auch weg, dann sind es nur noch etwa 2300 Kilometer.

Ein kleines Gedicht: Ich fahr’ unverzüglich zügig nach Zürich, es ist zwar hüglig, aber ich lüg’ nicht, wenn nicht sogar bergig, aber ich sterb’ nicht.

20:37 Uhr

Ich bin in einem Gebüsch im Zelt neben einem Fußgängerweg mit Blick über eine Wiese auf die Stadt. Welche weiß ich nicht. Gerade kam hier einer mit bellendem Hund und Taschenlampe vorbei. Der Hund hat an der Leine gezogen und wollte nicht an mir vorbeigehen, ich musste hallo sagen, sonst wäre der Typ hier noch ins Gebüsch gekommen, um zu sehen, was hier ist. Bei einer Pause vorhin hat mich zum ersten Mal eine Frau gefragt, wo ich herkomme, hinwill und wie viel ich am Tag schaffe.

Und vorhin habe ich bei einer Kirche mein Handy geladen und mir Nudeln mit Champignons gekocht, die ich auf einer Wiese gefunden hatte, bis Leute mit Musikinstrumenten in die Kirche gingen und komisch geguckt haben, da bin ich lieber weggegangen.

Ich konnte heute schon die Alpen sehen und morgen komme ich wohl in der Schweiz an.

09.10.2020


10:07 Uhr: Pauseplatz mit laufendem Wasser

10:46 Uhr

Ich habe jetzt schon über 25 Kilometer geschafft. Es geht hier immer bergauf und bergab, entlang der Grenze zur Schweiz. Gerade mache ich eine kleine Pause auf einer Bank inmitten von Feldern und mit einem kleinem laufenden Brunnen, wie sie hier überall zu finden sind, und lasse mein Zelt und meinen Schlafsack trocknen.


16:18 Uhr: Ankunft in der Schweiz, auf einer Brücke über den Rhein


18:48 Uhr: Die Stadt Baden

19:55 Uhr

Heute war ein ziemlich schöner und erfolgreicher Tag. Ich habe von meinen vorgenommenen 50 Kilometern 82 geschafft. Es ging einfach ziemlich viel bergab und es war schönes Wetter, außer, dass es heute Morgen etwas frisch war. Bergauf musste ich aber auch einige Male schieben. Ich bin in der Schweiz angekommen und wurde erstmal mit einer ewig langen Steigung begrüßt, oben auf dem Berg waren dann zwei Grenzwachen und haben Autos angehalten, aber mich als unschuldigen Fahrradfahrer haben sie nur einmal komisch angeguckt. Eben gerade war am Ende der Stadt Baden noch eine Polizeikontrolle, aber ich bin dann einen Umweg gefahren, weil ich ja kein Licht am Fahrrad habe.

Auf dem Weg zum Rhein, der ja auch die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz ist, habe ich viel gesehen und bin die meiste Zeit an einem Fluss entlanggefahren. Bei einer Baustelle musste ein Baggerfahrer extra aus dem Weg fahren, damit ich weiter konnte. Ich war auch nochmal einkaufen, weil es hier in der Schweiz so teuer ist. Mit meinem Tarif nach Deutschland zu telefonieren, kostet 54 Cent pro Minute. Als ich dann eingekauft hatte, mich an den Fluss gesetzt hatte, wo wenig Menschen waren und mein Handy bei einem geschlossenen Fußballvereinsheim, neben dem Fluss in die Steckdose auf der Terrasse an der rechten Seite des Gebäudes gesteckt hatte, zu der man ein paar Stufen hochgehen musste, kamen zwei nette Frauen mit Hund vorbei. Die eine hat mich gefragt, wo ich herkomme und sich kurz mit mir unterhalten. Außerdem kam ein Mann in einem Radlader angefahren, parkte neben dem Fußballvereinsheim, schloss es auf und ging rein. Zum Glück ging er nicht zur rechten Seite des Gebäudes. Er kam wieder raus und fuhr weg. Kurze Zeit später kam aber noch ein anderer Mann, ging in das Gebäude und danach einmal rum, aber zum Glück sah er mein Handy nicht, weil er gerade in dem Moment, als er dran vorbeiging auf sein eigenes schaute. Das reichte mir dann aber und ich wollte losfahren, doch als ich gerade loswollte, kamen die beiden netten Frauen wieder, wünschten mir alles Gute und schenkten mir eine Tüte voll Walnüsse, die sie gerade gesammelt hatten. Und wenn ich sie knacke, dann werde ich an sie denken, sagten sie.

Danach bin ich dann weiter gefahren und als ich endlich am Rhein ankam, bemerkte ich, dass mein Navi mich zu einer Stelle geführt hatte an der keine Brücke war, sondern nur ein kleines Boot auf der anderen Seite, aber es war kein Mensch zu sehen. Deshalb musste ich erst mal eine Brücke finden.

Das Blöde war es heute einen Schlafplatz zu finden. Ich wollte unbedingt in so einer Wanderhütte schlafen, aber die sind nie zur rechten Zeit da. Dann war ich auf einmal in Baden und es wurde schon dunkel. Na ja, jetzt bin ich auf so einem unbewirteten Feld mit hochgewachsenen Pflanzen zwischen Baden und noch einer Stadt, auf dem man mich hoffentlich nicht sehen kann. Man wird irgendwie immer dreister.

Ich habe die letzten Tage gar keine überfahrenen Tiere mehr gesehen, aber ich fahre auch selten an der Straße. Aber Alpakas habe ich wieder gesehen und zum zweiten Mal eine Straußenfarm.

Gerade ist jemand an mir vorbeigeritten.

10.10.2020


16:30 Uhr: Cecilia und ich


17:17 Uhr: Blick aus dem Fenster nach draußen

20:34 Uhr

Heute Morgen bin ich mal wieder im nassen Zelt aufgewacht, im Regen. Ich habe den Tag verflucht. Es war extrem kalt und es hat die ganze Zeit geregnet. Eine Steckdose habe ich auch nicht gefunden, bis ich in Hausen am Albis, an einem Supermarkt, eine gefunden hatte. Ich stand da klitschnass bis auf die Haut zwischen komisch guckenden Leuten und wartete auf meine Handyladung. Doch dann kam eine nette ältere Frau vorbei und fragte besorgt, ob ich mich irgendwo trocknen kann und wo ich schlafe. Sie sagte, dass ich mit zu ihr kommen könne, nachdem sie noch ein paar Erledigungen gemacht hat. Ich wartete noch etwas, aber entschied mich dann weiterzufahren, aber an ihrem Haus vorbei, welches sie mir beschrieben hatte. Na ja, ich weiß nicht welches, dachte ich und wollte gerade weiter, als sie aus einem Fenster rief und fragte, ob ich reinkommen will. Und jetzt liege ich im Gästezimmer im warmen und trocknen Bett. Sie heißt Cecilia, hat für mich gekocht, ich konnte duschen und sie hat meine Sachen gewaschen und getrocknet. Ich habe ihr dafür fünf Stühle zusammengebaut, was sie schon lange erledigen wollte. Sie hat mir, manchmal auf schwer verständlichen Schweizerdeutsch, ihre ganze Lebensgeschichte erzählt und von ihren Kindern und dass einer ihrer Söhne mit Frau und Kind auch schon solche Fahrradtouren gemacht hat, von Neuseeland bis in die Schweiz, wobei sie aber einige Länder übersprungen haben. Deshalb hatte sie ein Herz für mich. Sie hat mir außerdem gesagt, dass der Weg nach Süden über den Berg Gotthard führt und dass der im Moment wegen Erdrutschen gesperrt ist, deshalb muss ich wohl ein Stück mit dem Zug durch einen Tunnel fahren. Wir haben uns viel unterhalten und verstehen uns gut, sie hat mich auch eingeladen wiederzukommen.

Unglaublich, dass ich jetzt hier liege!

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
08 lipca 2025
Objętość:
175 str. 159 ilustracji
ISBN:
9783985224319
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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