Czytaj książkę: «Christ sein – was ist das?»

Czcionka:

Matthias Beck

Christ sein

Was ist das?

Glauben auf den Punkt gebracht


Inhalt

Cover

Titel

Vorwort

SCHLAGLICHTER – Eine kurze Gegenwartsanalyse

1. Worum geht es?

2. Braucht der Mensch Religion?

3. Die „Werte“ Europas

Was ist Ethik?

Die Frage nach dem Glück

Zum Begriff der Menschenwürde

4. Judentum und Christentum

CHRISTENTUM – Zentrale Inhalte

1. Erster Zugang

2. Die Zwei-Naturen-Lehre Jesu

3. Trinität – die Dreifaltigkeit Gottes

Dreifaltigkeit vor Erschaffung der Welt

Dreifaltigkeit in der Welt

4. Was ist christliche Spiritualität?

Unterscheidung der Geister – erster Zugang

Unterscheidung der Geister – konkret

Die inneren Stimmungen im Menschen

5. Die Freiheit des Menschen

6. Erlösung

Erlösung durch das Kreuz?

Auferstehung

7. Das Leid in der Welt

8. Maria

9. Sakramente als Symbole der Integration

Taufe

Kommunion – Eucharistie

Firmung

Beichte – Sünde und Schuld

Krankensalbung

Ehe

Priesterweihe

CHRISTENTUM – Alltag und Wissenschaften

1. Christentum und die Reifung des Menschen

Geburt – Kindheit – Pubertät

Lebensmitte und Alter

2. Wie treffe ich eine gute Entscheidung?

Hinführung

Was behindert eine gute Entscheidung?

Was macht eine gute Entscheidung aus?

3. Christentum und Psychologie

4. Christentum und Medizin

5. Christentum und Naturwissenschaft

6. Christentum und Bildung

Allgemeines

Sachverstand und Empathiefähigkeit

Spiritualität und Ethik

7. Christentum und Politik

8. Christentum und Wirtschaft

9. Christentum und interreligiöser Dialog

Resümee

Anmerkungen

Literatur

Weitere Bücher

Impressum

Vorwort

Demokratieverdrossenheit, der Austritt der Briten aus der Europäischen Union, Terroranschläge, die Flüchtlingsproblematik, ungerechte Ressourcenverteilung, wirtschaftliche Probleme, Bankenkrisen, Armut, Arbeitslosigkeit, Orientierungsnot, Überforderung vieler Jugendlicher, Fragen der Bildung, Säkularisierungsprozesse und die Integration von Migranten lassen Europa nicht zur Ruhe kommen. Mehr noch, sie stellen den Kontinent und seine Bürger vor die Aufgabe, sich ihrer selbst bewusst zu werden. Gerade das bei vielen Menschen gegenwärtig vorhandene Gefühl der Bedrohung durch den Islam fordert heraus, sich der eigenen Wurzeln zu besinnen. Manche Menschen haben Angst vor einer „Islamisierung“ Europas. Andersherum fragen Muslime, was das Christentum eigentlich ist. Vielfach bekommen sie darauf kaum Antworten. Christen wissen oft wenig über ihre eigene Religion.

Es gilt, ein neues Bewusstsein dafür zu entwickeln, aus welcher Tradition heraus die Werte einer freiheitlichen Demokratie gewachsen sind. Es besteht die Gefahr, dass der Europäischen Union das geistige Fundament der errungenen demokratischen Werte langsam abhandenkommt. Die Wirtschaft allein kann diese Grundwerte nicht aufrechterhalten. Auch die Rechtssysteme können dies nur bis zu einem gewissen Grad leisten und eine Wirtschaftsgemeinschaft allein genügt nicht als Grundlage. Zum Erhalten des Errungenen bedarf es eines tieferen Verständnisses der geistigen Hintergründe Europas. „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“,1 heißt es bei Goethe. Der letzte Grund der Werte muss immer neu erschlossen werden, sonst geht das Erworbene langsam verloren.

Immer mehr Menschen stellen sich die Frage nach einem einheitlichen Wertesystem unseres Kontinents. Gleichzeitig suchen sie über eine allgemeine Ethik hinaus nach persönlicher Orientierung, Lebenssinn und Spiritualität. Orientierungslosigkeit, Unübersichtlichkeit, Pluralismus der Meinungen und die allgemeine Beliebigkeit führen dazu, dass viele wieder nach dem „starken Mann“ rufen, der Ordnung schafft.

Das Christentum ist in der Krise, zumindest in Europa. Viele Menschen haben die Kirchen verlassen, nicht wenige sagen, dass es ohne Religionen friedlicher sei, und der Dalai Lama hält Ethik für wichtiger als Religion.2 Allerdings zitiert er oft die Bergpredigt aus dem Neuen Testament und dort ist von Gewaltverzicht (Mt 5,5) und Feindesliebe (Mt 5, 43 – 48) die Rede. Etliche Menschen wissen gar nicht mehr, was das Christentum ist, und es interessiert sie auch nicht. Kaum jemand erhofft sich Antworten aus dem Christentum für das eigene Leben. Man spricht nicht darüber oder schämt sich, ein Christ zu sein. Und doch sind viele auf der Suche nach Spiritualität und Ethik. Das vorliegende Buch versucht diese Lücke zu schließen, das heißt eine Verbindung zwischen Ethik und christlicher Spiritualität herauszuarbeiten und in kurzen Skizzen darzustellen, was das Christentum in seinem Zentrum darstellt. Es soll für den Alltag taugen und gegenüber der säkularen Welt einen Mehrwert darstellen.

Dieses Buch ist keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern der Versuch einer komprimierten Zusammenfassung der wichtigsten Glaubensinhalte des Christentums. Natürlich kann das Buch nicht der ganzen Komplexität des christlichen Glaubens gerecht werden. Aber es will die zentralen Aussagen herausstellen und Anregungen geben, wie der Einzelne weiterdenken und die Inhalte für den Alltag fruchtbar machen kann. Insofern hat es eher eine praktische Ausrichtung.

Jeder Leser hat seine eigenen Erfahrungen mit dem christlichen Glauben. Den einen interessiert er gar nicht. Der andere mag alles schon kennen und das tiefere Eindringen in die Glaubensinhalte vermissen. Ein Weiterer hat mit der Kirche abgeschlossen, sie ist ihm fremd geworden und hat ihm vielleicht sogar Verletzungen zugefügt. Ein Vierter befindet sich in solch einer Krise, dass ihm das alles zu fern und abgehoben erscheint. Der Nächste fühlt sich vielleicht intellektuell unterfordert. Manch einer wird sagen: Das Buch ist fragmenthaft. Ja, das ist es. Es ist nur eine Bauanleitung, das Haus muss jeder selbst bauen. Der rote Faden ist die Reflexion über das Christentum in seiner Auswirkung auf den Menschen und den Staat. Vielleicht kann der Einzelne im Buch Passagen finden, die ihn ansprechen und seine Sehnsucht wecken. Womöglich kann es helfen, sich einzulassen auf die tiefe und revolutionäre Botschaft des Christentums. Sie ist einfach und klar. Sie ist für jeden Menschen da.

SCHLAGLICHTER

Eine kurze Gegenwartsanalyse


1. Worum geht es?

Wenn über Europa gesprochen wird, geht es immer um die Menschen, die dort leben. Vom Gelingen ihres Lebens hängt auch das Gelingen der Staaten und Kontinente ab. Daher wird im Buch nicht über Politik gesprochen, sondern über das menschliche Leben. Es wird über die innere Befreiung des Menschen gesprochen, über persönliche Selbstwerdung, Reifung durch Lebenskrisen hindurch, das Finden der eigenen Berufung. Es wird aber auch reflektiert über die äußere Freiheit mit den Vorstellungen von Menschenwürde und Menschenrechten. Die innere und äußere Befreiung von Unterdrückung hat wiederum mit dem christlichen Gottes- und Menschenbild zu tun.

Es wird über das Christentum nachgedacht, das mit seinem dreifaltigen Gottesbild Pluralität und Polarität in sich vereinigt. Es zeigt die Freiheit Gottes, die sich im Menschen und in der Gesellschaft als innere und äußere Befreiung erweisen sollte. Es wird ein Christentum beschrieben, das den Menschen zu seinem tiefsten Wesen führen will und damit für das Leben etwas „bringt“. Es wird über Grundwerte wie Nächstenliebe und Feindesliebe gesprochen, die auch die Sorge um den Armen, Kranken und Gefangenen beinhaltet. Es wird ein Christentum dargestellt, das aufgrund seines Aufrufs zur Selbstreflexion zur Säkularisierung neigt, das die Errungenschaft der Trennung von Kirche und Staat aufweisen kann und eine gute Grundlage für die moderne Demokratie darstellt.

Ohne diese Grundlagen, die zunächst in jedem Menschen selbst zu legen sind und dann in den Strukturen der Gesellschaft, werden weder die einzelnen Staaten Europas noch Europa als Ganzes auf Dauer zusammenhalten. Die Einheit kommt aus dem Geist, nicht aus der Materie. Aber auch das Christentum selbst braucht eine Vertiefung des Geistes im Sinne einer Re-Spiritualisierung, die dem Menschen den Sinn des Christentums für den Alltag erschließt. Spirituelle und intellektuelle „Nachrüstung“ ist gefordert. Diese Grundlage ist auch notwendig, um mit anderen Religionen ins Gespräch zu kommen. Dazu sollte man die eigenen Grundlagen kennen.

Im ersten Kapitel geht es um eine kurze philosophische Reflexion, aus welchen Quellen sich das Wertesystem Europas speist. Im zweiten großen Kapitel werden zentrale Inhalte des Christentums in seiner menschenprägenden Kraft dargestellt. Schließlich wird in einem dritten Kapitel erläutert, was das Christentum dem Einzelnen für sein konkretes Leben „bringt“ und wie sein Verhältnis zu den Wissenschaften ist. So ist der Weg des Buches ein Dreischritt: Zunächst wird die aktuelle Lage der gewordenen Wertüberzeugungen dargestellt, dann das Thema zu den Grundfragen des Seins vertieft, um von da aus verändert wieder aufzutauchen in den Alltag.

In der heutigen pluralistischen Gesellschaft geht es vor allem um die geistigen Auseinandersetzungen zwischen den Menschen. Wenn die Grundbedürfnisse nach Nahrung, Wohnung und Arbeit einigermaßen gestillt sind, geht es um den geistigen Dialog der Kulturen. Wie sich zeigt, ist Religion keine Privatsache, sondern zum Teil höchst politisch. Menschen werden durch Religionen geprägt und prägen ihrerseits Gesellschaften. Der Frieden zwischen den Menschen und den Religionen kann nur gewahrt werden, wenn Gemeinsamkeiten und Unterschiede der jeweiligen Religionen benannt werden. So ist es notwendig, bereits in den Schulen über unterschiedliche Grundwerte, religiöse Hintergründe sowie Grundstrukturen der Demokratie zu sprechen. Frühzeitig sollten Reflexionsprozesse über Menschenbilder, Gottesbilder, Normen, ethische Tugenden eingeleitet werden. Autoritätsargumente wie „Gott will das so“ oder „Das ist der Wille Allahs“ haben in einer aufgeklärten Gesellschaft keinen Platz. Das theologische Argument muss – soweit möglich – philosophisch durchreflektiert und vernünftig begründet werden.3

Für das Christentum waren dazu Einflüsse von außen hilfreich. Im ausgehenden Mittelalter und der beginnenden Renaissance waren es die kosmologischen Entdeckungen des Nikolaus Kopernikus, die eine Hinwendung zum heliozentrischen Weltbild herbeiführten. Dieses besagt, dass die Sonne als Lichtquelle im Mittelpunkt des Sonnensystems steht und nicht die dunkle Erde. Das hat auch theologisch mit der Lehre von Christus als dem Licht der Welt sehr viel mehr Sinn gemacht als jene von der dunklen Erde im Mittelpunkt. Die deutsche Aufklärung appellierte an die Vernunft des Menschen und rief ihn auf, sich aus seiner „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zu befreien (Immanuel Kant). Auch das entspricht der Vernunftstruktur des Christentums. Die Französische Revolution, wiewohl sie blutig verlief, trat für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ein. Auch dies sind christliche Werte. Da die Kirche nicht immer ihre eigenen Werte verwirklicht hat, waren Inspirationen von außen für die Fortentwicklung des Christentums von großer Bedeutung.

2. Braucht der Mensch Religion?

Wie eingangs erwähnt, glauben manche Menschen, Ethik sei wichtiger als Religion, da religiöse Überzeugungen oft zu Aggressionen führten. Es wird gesagt, monotheistische Religionen neigten wegen ihres Absolutheitsanspruches zur Gewalt. Umgekehrt ist vermerkt worden, der Mensch brauche Religion, da er sonst mit dem Leben nicht zurechtkomme. Er schaffe sich Götter als Erklärung für das Unerklärliche, die er dann anbeten und gnädig stimmen könne.4 Hier soll es um etwas anderes gehen, nämlich um die Frage, ob der Mensch nicht „von Haus aus“ schon auf das Absolute ausgerichtet ist.

Offensichtlich steht der Mensch als Wesen des Geistes immer schon im Raum des Absoluten. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831) hat formuliert, dass der Mensch das Relative überhaupt nur als relativ erkennen könne, weil er immer schon im Raum des Absoluten stehe. Stünde er nicht in diesem Raum des Absoluten, könnte er das Relative nicht als relativ und das Endliche nicht als endlich erkennen. Dieses Absolute zeigt sich indirekt als „Hintergrund“ und Horizont, der in allem ganz still „da“ ist. Es ist der Horizont des Seins.

Etwas konkreter: Überall dort, wo der Mensch nach Wahrheit sucht oder die Lüge als Abweichung von der Wahrheit erkennt, hat er eine Ahnung von Wahrheit. Dort, wo er etwas als ungerecht bezeichnet, hat er eine Ahnung von Gerechtigkeit, ohne diese womöglich genau definieren zu können. Wo er Unglück als Unglück wahrnimmt, hat er eine Ahnung von Glück. Er spürt auch, dass in der irdischen Welt in allem ein Zuwenig ist. Er will über die Welt hinauswachsen. Im Sport heißt es: höher, schneller, weiter! Er will auch mehr als das irdische Glück, da dieses immer wieder entschwindet. „Alle Lust will Ewigkeit“, heißt es im „Zarathustra“ von Friedrich Nietzsche (1844 – 1900). Und Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832) lässt seinen „Faust“ ebenfalls nach einer tieferen Erkenntnis streben: „Werd’ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!“5

Die Sehnsucht des Menschen geht über das Endlich-Relative hinaus. „Der Mensch übersteigt unendlich den Menschen“, heißt es bei Blaise Pascal (1623 – 1662).6 Selbst der Rauschgiftsüchtige sucht etwas, was sein innerweltliches Erleben übersteigt. Allerdings findet er auf Dauer nicht das Absolute und das Glück, sondern das Endliche und Tötende. In mancher Suche nach dem besonderen „Kick“ steckt eine richtige Sehnsucht nach dem „Mehr“. Wenn aber die falschen Mittel angewendet werden, zeigt sich nicht das Große, sondern der Untergang.

Das Stehen im Raum des Absoluten und die Suche nach dem ganz anderen gehört zum Wesen des Menschen. Es abzuschneiden hieße, ihn nicht in seiner Ganzheit zu erfassen. Dieses Absolute kann es-haft sein wie ein Schicksal, a-personal wie vielfach in Asien, aber auch ganz explizit Du-haft wie in den monotheistischen Religionen. Aus deren Sicht hat das Absolute die Gestalt eines personalen Gegenübers. Dieses nennen die Juden Jahwe, die Christen Gott und die Muslime Allah. Ob es ein und derselbe Gott ist, bleibt zu hinterfragen, zumindest haben die Religionen unterschiedliche Gottesbilder.

Wenn es diesen Gott „gibt“, stellt sich die Frage, ob es sich um einen fernen Gott handelt, von dem man sich kein Bild machen und dessen Namen man nicht nennen darf, oder um einen nahen Gott, der mit dem Menschen nahezu auf Augenhöhe kommunizieren will. Ist es ein jenseitiger Gott, dem man sich blind unterwerfen muss, ohne ihn zu kennen, oder ist es ein gütiger, liebender und barmherziger Gott, den der Mensch kennenlernen kann? Ist er ein strenger Richter, der den Menschen beobachtet, klein macht und aburteilt, oder ein Gott, der den Menschen groß machen und zum Leben verhelfen will. Wenn der Mensch sich auf diesen Gott einlassen will, sollte er ungefähr wissen, welche „Eigenschaften“ er hat. Bevor auf diese Fragen eingegangen wird, sollen zunächst einige philosophische Fragen zum Leben beantwortet werden.

3. Die „Werte“ Europas

Europa hat sich durch eine lange Geschichte hindurch mit Kaiser- und Königreichen, mit Diktaturen und Kriegen, mit Vernichtung und Neuaufbau langsam durchgekämpft zu einigermaßen stabilen Demokratien, die allerdings in Osteuropa noch relativ jung sind und erst seit 1989 anfangen zu wachsen. Allerdings sind in manchen Teilen (zum Beispiel in der ehemaligen DDR) infolge des Kommunismus keine christlichen Grundwerte vermittelt worden. Der Wertekanon der europäischen Demokratien beruht meist auf den Vorstellungen der Menschenwürde und den daraus abgeleiteten Menschenrechten, der Gewaltenteilung im Staat mit Legislative, Exekutive und Judikative, der Presse- und Meinungsfreiheit, Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit, Wahlfreiheit, dem Demonstrationsrecht. Auch die Werte der katholischen Soziallehre wie Personalität, Solidarität und Subsidiarität finden Berücksichtigung, ebenfalls jene von der Gleichberechtigung von Mann und Frau, der Trennung von Kirche und Staat sowie die Verpflichtung zur Hilfeleistung und zur Unterstützung der Armen, Kranken, Gefangenen. Viele von diesen Werten gehen auf christliche Grundüberzeugungen zurück.

Was ist Ethik?

Alle Menschen haben durch ihre Eltern, ihre Kultur und ihre Umgebung eine bestimmte Moral gelernt. Man schlägt einander nicht ins Gesicht, man sagt „Guten Tag“ und geht fair miteinander um. „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu“, lautet die sogenannte „Goldene Regel“, die in vielen Kulturen Geltung hat. So gibt es für den Alltag Verhaltensregeln. Über diese Handlungsweisen kann man nachdenken und fragen, warum wir so handeln und nicht anders. Die Ethik ist der philosophisch-theologische Bereich, in dem darüber nachgedacht wird. Ethik ist die wissenschaftliche Reflexion auf gelebte Moral, so eine Kurzdefinition.

In jeder Ethik steckt eine bestimmte Auffassung vom Menschen. Wenn von Menschenwürde und der Gleichheit aller Menschen die Rede ist, hängt dies mit einem bestimmten Menschenbild zusammen. Wenn von Nächstenliebe oder Feindesliebe gesprochen wird und davon, auch dem Armen, Bedürftigen und in Not Geratenen zu helfen – unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Alter –, hat dies ebenfalls mit einem bestimmten Menschenbild zu tun. Auch der von Immanuel Kant (1724 – 1804) entwickelte „kategorische Imperativ“ mit dem Begriff der Menschenwürde hat ein solches Menschenbild im Hintergrund. Kant war der Meinung, dass eine Ethik universal gültig sein müsse und nicht haltmachen dürfe bei der eigenen Bevölkerung, Nationalität oder Religion.

Vor allem zwei Begriffe sind im Kontext von Ethik bedeutsam: Ethos und Aethos. Ethos ist die Sitte und bezeichnet eher das, was Gesellschaften betrifft und durch Normen sowie Gesetze zu regeln ist. Aethos wiederum meint den Charakter des Menschen. Hier geht es um innere Haltungen. Der Charakter bildet sich durch das tägliche Handeln: „Es bildet ein Talent sich in der Stille, ein Charakter sich im Strom der Welt“,7 heißt es bei Goethe. Ein gerechter Mensch wird man, indem man immer wieder gerecht handelt, hat schon Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) sinngemäß formuliert. Diese inneren Haltungen werden auch als Tugenden bezeichnet. Tugend ist ein etwas veraltetes Wort, es hat mit Tauglichkeit zu tun. Ethik soll für das eigene Leben taugen, aber auch für das der anderen und der Gemeinschaft. Ethik ist für den Menschen da, damit sein Leben gelingt, aber auch für Gesellschaften, damit sie funktionieren. So gibt es philosophische Ethiken, die rein mit der Vernunft erarbeitet werden können, und theologische Ethiken, die religiöse Hintergründe mitberücksichtigen.

Ethik vollzieht sich im Alltag. Die Entscheidung, dieses Buch zu lesen, ist auch eine ethische Entscheidung. Wenn ein Anruf käme, dass ein geliebter Mensch im Sterben läge, würde wahrscheinlich jeder das Buch beiseitelegen und dorthin eilen. Wenn etwas Wichtigeres an die Stelle tritt, wird eine neue Entscheidung getroffen. Ethik hat mit Güterabwägungen und Entscheidungen zu tun. Auch Lesen und Schreiben zu lernen ist eine ethische Entscheidung. Ohne dieses Vermögen kann man nur wenige Berufe ergreifen und verliert an Wahlmöglichkeiten.

Der Mensch muss sich ständig entscheiden und dafür braucht er Kriterien. Dieses Entscheiden-Müssen hat Jean-Paul Sartre (1905 – 1980) zu der Einsicht gebracht, dass der Mensch zur Freiheit verdammt sei. Er hat zur Freiheit selbst keine Wahl, er muss immer wieder neu entscheiden. Auch wenn er nicht entscheidet, entscheidet er. Woran soll der Einzelne sich dabei orientieren? An anderen Menschen, an der eigenen Intuition, an der Religion, an einer säkularen Ethik? Das immer wieder neue Finden einer guten und richtigen Entscheidung ist ein zentraler Punkt für ein gelingendes Leben.

Die erste ethische Entscheidung, die unser Leben betrifft, haben andere für uns getroffen: Die Eltern haben uns gezeugt. Keiner ist gefragt worden, ob er leben will. Der Philosoph Martin Heidegger (1889 – 1976) hat es so formuliert, dass der Mensch ein ins Leben Hineingeworfener sei. Religiöse Menschen würden eher sagen, dass das Leben ein Geschenk Gottes ist. Aber viele können mit dieser Formulierung nichts mehr anfangen. So kommt der Mensch fremdbestimmt auf die Welt und muss sich dann immer mehr zum eigenen einmaligen Leben durchringen. Er sucht nach der Schule nach einer richtigen Ausbildung, einem guten Beruf, einer eigenen Familie. Manchen Menschen genügen diese Lebensinhalte, andere fragen tiefer nach dem Sinn des eigenen Lebens und nach dem Weg zum Glück. Aristoteles ist dieser Frage nach dem Glück in seiner „Nikomachischen Ethik“ nachgegangen. Er fragt darin, wonach Menschen im Tiefsten ihres Herzens streben, und kommt zu dem Ergebnis, dass sie glücklich werden wollen. Was aber heißt das? Wie findet der Einzelne den Weg zum Glück?

Die Frage nach dem Glück

Jeder Mensch muss täglich Entscheidungen treffen. Dazu braucht er Kriterien, äußere Normen und innere Haltungen. Den inneren Haltungen hat sich Aristoteles zugewendet. Er entwickelte seine „Nikomachische Ethik“ in einer Krisenzeit des Staates. Krise kommt vom Griechischen krinein und bedeutet „unterscheiden/​entscheiden“. Der Mensch muss unterscheiden lernen, was zu tun ist.

Wenn Aristoteles – wie erwähnt – der Meinung war, dass Menschen glücklich werden wollen, und niemand will, dass sein Leben misslingt, stellt sich die Frage, wie der Weg dorthin zu finden ist. Glück kann man nicht machen, Glück stellt sich ein. Einen schwachen Stern kann man nur sehen, wenn man ihn nicht direkt fixiert. So kann man auch das Glück nicht direkt anzielen. Es stellt sich ein, wenn man „richtig“ lebt. Was aber ist das richtige Leben? Das griechische Wort für Glück heißt Eudaimonia. Eu heißt „gut“ und daimon ist der Geist. Also frei übersetzt: Das Glück findet der Mensch, wenn er dem guten Geist folgt. Was aber ist dieser gute Geist? Aristoteles gibt darauf eine erste Antwort: Glück kann sich einstellen, wenn der Mensch tugendhaft lebt. Tugenden sind tauglich zur Lebensbewältigung. Der Mensch auf dem Weg zum Glück soll vier Tugenden verwirklichen: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß.

Klugheit heißt zunächst, dass der Mensch all das, was er tut und entscheidet, im Blick auf das Ende bedenken soll: quidquid agis prudenter agas et respice finem8 (Was immer du tust, tue es klug und bedenke das Ende). Selbst wenn man den Lauf der Dinge nicht voraussehen kann, gibt es doch Kriterien für kluge Entscheidungen. Gerade im Bereich der Politik und der Wirtschaft besteht die Gefahr, zu kurzfristig zu denken. Der Kluge denkt langfristig. Ein kleiner Gedankenfehler am Anfang kann zu einer Katastrophe am Ende führen, so hat es Thomas von Aquin (um 1225 – 1274) sinngemäß formuliert.

Ignatius von Loyola (1491 – 1556) hat dazu im ausgehenden Mittelalter eine wichtige Entscheidungsformel entwickelt. Wenn du heute eine wichtige Entscheidung zu treffen hast, dann versetze dich in die Stunde deines Todes und überlege, wie du aus der Perspektive des Lebensendes die heutige Entscheidung hättest treffen wollen. „Als wäre ich in der Todesstunde, bedenke ich die Form und das Maß, das ich dann hinsichtlich der jetzigen Wahl wünschte eingehalten zu haben; und danach richte ich mich und treffe im Ganzen meine Entscheidung.“9 Dahinter steht ein bestimmtes Menschenbild, dass jeder Mensch einmal Rechenschaft ablegen muss über sein Leben. Der Mensch weiß zwar nicht, was in den nächsten zehn Minuten geschieht, aber es gibt doch Anhaltspunkte, in welche Richtung sich das Leben entwickeln sollte. Dazu ein Beispiel: Wenn jemand immer nur viel Geld verdienen will, aber dabei seine menschlichen Beziehungen ruiniert, ist das langfristig nicht segensreich. Spätestens auf dem Sterbebett kommen all diese Fragen hoch und es fragt sich, was am Ende bleibt. Untersuchungen sagen: vor allem gute menschliche Beziehungen. Man könnte auch sagen: Am Ende bleibt nur die Liebe. So schaut der Kluge auf das Ganze.

Die Gerechtigkeit hat mehrere Aspekte: Es geht zum einen um eine Sachgerechtigkeit, die sich auf die angemessene Kenntnis dessen bezieht, was zu bearbeiten ist. Der Mensch muss mit seinen Entscheidungen dem Sachstand gerecht werden. Dann gibt es die Tauschgerechtigkeit, die darauf abzielt, faire Geschäfte zu tätigen und den anderen nicht zu übervorteilen. Hinzu kommt die Verteilungsgerechtigkeit, welche eine gerechte Verteilung endlicher Güter im Auge hat. Schließlich gibt es eine personenbezogene Gerechtigkeit, die darin besteht, dem einzelnen Menschen in seiner jeweiligen Situation gerecht zu werden. Man soll in dem Sinne „jedem das Seine“ geben, suum cuique. Dabei ist Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln.

Alle Menschen haben dieselbe Menschenwürde und sind von daher auch vor dem Gesetz gleich, und doch ist ein Kind anders zu behandeln als ein Erwachsener. Außerdem sind bei ähnlichen Biografien die Umstände einer konkreten Situation unterschiedlich. Deshalb gilt es oft um der größeren Gerechtigkeit willen besondere Einzelfallentscheidungen zu treffen. Dies nennt die Tradition von Aristoteles her Epikie. Außerdem hat Gerechtigkeit immer mit Barmherzigkeit und Vergebung zu tun. Barmherzigkeit ist eigentlich eine göttliche Eigenschaft, die dem Menschen vergebend entgegenkommt, aber der Mensch sollte diese göttliche Barmherzigkeit auch an den anderen weitergeben: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, heißt es im großen christlichen Gebet, dem Vaterunser. Allerdings ist zwischen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit die rechte Mitte zu finden: „Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit; Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist die Mutter der Auflösung“10 – auch von Strukturen, so hat es Thomas von Aquin formuliert.

Die beiden letzten aristotelischen Tugenden von Tapferkeit und Maß können zusammen gesehen werden. Maß heißt nicht Mittelmaß, sondern Maß bedeutet, die rechte Mitte zwischen zwei Extremen zu finden. Aristoteles macht dies fest am Begriff der Tapferkeit. Tapferkeit ist die rechte Mitte zwischen dem Handeln des feigen Soldaten, der im Straßengraben liegen bleibt und sich nicht heraustraut, und dem Tollkühnen, der blind ins Feld rennt. Das rechte Maß der Mitte ist die Feigheit, etwas zu überwinden und doch nicht blind ins Feld zu rennen, sondern klug zu entscheiden. Diese Mitte ist nicht nur die Mitte zwischen zwei Extremen, sondern im Maße, in dem der Mensch diese Mitte lebt, findet er auch seine eigene.

Das Gegenteil dieser Tugenden sind die sogenannten Laster, die schon im vierten Jahrhundert von Evagrius Ponticus (345 – 399) zusammengefasst worden sind. Sie sind für viele Fehlentwicklungen verantwortlich. Es sind dies Hochmut (Eitelkeit, Stolz, Übermut), Geiz (Habgier), Wollust (Ausschweifung, Genusssucht), Zorn (Rachsucht, Vergeltung, Wut), Völlerei (Gefräßigkeit, Maßlosigkeit, Selbstsucht), Neid (Eifersucht, Missgunst) und Acedia (Faulheit, Feigheit, Ignoranz, Trägheit des Herzens). Dieser Lasterkatalog liefert den Hintergrund für die sieben Wurzelsünden (oft fälschlich als „sieben Todsünden“ bezeichnet), weil in ihnen die Abkoppelung des Menschen von Gott zum Ausdruck kommt und sie die Wurzel für viele andere Sünden in sich bergen. Ein Großteil des Fehlverhaltens von Menschen hat Maßlosigkeit zum Hintergrund. Vor allem aber stellen der Stolz, die Rachsucht und Vergeltung sowie der Verlust an geistiger Spannkraft und innere Erschlaffung (Acedia) eine große Gefahr für den Menschen dar.

Dies ist ein erster philosophischer Zugang zur Frage, was Menschen im Tiefsten suchen und wie innere Haltungen auf dem Weg zum Glück helfen können. Es wird zu zeigen sein, dass das Christentum über diese Tugenden hinausgeht. Thomas von Aquin knüpft im Mittelalter an der aristotelischen Tugendethik an und erweitert diese um die christlichen Tugenden von Glaube, Hoffnung und Liebe. Glauben heißt dabei Vertrauen finden in den tragenden Grund des Lebens. Hoffnung bedeutet, über die Endlichkeit des Lebens hinauszublicken und darauf zu vertrauen, dass das Leben nicht im Nichts endet. Liebe meint die Liebe zu sich selbst, zum Nächsten, zu Gott.

Ebenfalls im Übergang vom vierten zum fünften Jahrhundert hat Augustinus (354 – 430) über den freien Willen und über die Herkunft des Bösen nachgedacht: Der Mensch ist frei, sonst wäre jedes Lob für einen Schüler sinnlos11 und das Böse kommt seiner Meinung nach aus dem Menschen selbst, lässt man den Engelsturz einmal beiseite. Pico della Mirandola (1463 – 1494) wiederum nimmt im ausgehenden Mittelalter den freien Willen des Menschen als Zugang zur Beschreibung der Menschenwürde. Schließlich ist es Immanuel Kant, der im ausgehenden achtzehnten Jahrhundert den Begriff der Menschenwürde genauer entwickelt. Die Menschenwürde wird zum zentralen ethischen Argumentationspunkt für die Menschenrechte und vieler Rechtssysteme. Der Einzelne steht im Mittelpunkt, ganz im Unterschied zu der sich in England am Beginn des neunzehnten Jahrhunderts unter der Federführung von Jeremy Bentham (1748 – 1832) und John Stuart Mill (1806 – 1873) entwickelnden Ethikrichtung, die als Utilitarismus bezeichnet wird. Sie fragt nach dem größten Nutzen für die größte Zahl. Das klingt verlockend, lässt aber den Einzelnen weitgehend außer Acht. Gegenwärtig wird über eine Diskursethik von Jürgen Habermas (geb. 1929) gesprochen, die für einen herrschaftsfreien Diskurs eintritt. Ein solch herrschaftsfreier Diskurs auf Augenhöhe sollte auch zwischen den Religionen möglich werden. Darüber hinaus haben sich Bereichsethiken wie Medizinethik, Wirtschaftsethik, Medienethik, politische Ethik herausgebildet.

Zum Begriff der Menschenwürde

Den Begriff der Menschenwürde kann man auf die Stoa und das jüdische Denken zurückführen, aber auch im Römischen Reich kommt er bei Cicero (106 – 43 v. Chr.) vor. Dort galt, dass der Mensch sich diese Würde durch ein bestimmtes Amt oder gutes Verhalten verdienen kann. Er konnte diese Würde erlangen, aber auch wieder verlieren, sie war abstufbar. Neben dieser römischen Tradition kommen aus der religiösen Dimension des Judentums Aussagen über den Menschen als Ebenbild Gottes, und bei Paulus heißt es, dass vor Gott alle Menschen gleich sind. „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ‚einer‘ in Christus Jesus“ (Gal 3,28). Die hier beschriebene Gleichheit aller Menschen war für Römer und Griechen so nicht gegeben. „Im Mittelpunkt des antiken Denkens fanden wir die Annahme von der natürlichen Ungleichheit.“12

Wie erwähnt wird im ausgehenden Mittelalter die Würde des Menschen an seinem freien Willen festgemacht, und schließlich ist es Immanuel Kant, der den Begriff der Würde im Unterschied zum Wert herausarbeitet. Dinge haben ihren Wert und ihren Preis, sie werden Sachen genannt, Vernunftwesen aber, die Personen genannt werden, haben Würde. Sie fallen aus der Wertkategorie heraus. „Im Reiche der Zwecke hat alles entweder einen Preis oder eine Würde. Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes als Äquivalent gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde.“13

Ein Glas, das einen Euro kostet und zu Boden fällt, kann durch ein anderes Glas ersetzt werden. Wenn aber ein Kind vom Wickeltisch fällt und stirbt, wäre es zynisch, den Eltern zu sagen: Ihr könnt ja ein neues Kind zeugen. Der Mensch hat keinen Preis und in diesem Sinn keinen Wert, er ist über jeden Preis erhaben, er hat Würde. Er ist einmalig und unersetzbar, er ist nicht ver-wert-bar und nicht be-wert-bar. Dinge und vernunftlose Wesen haben „nur einen relativen Wert, als Mittel, und heißen daher Sachen, dagegen vernünftige Wesen Personen genannt werden, weil ihre Natur sie schon als Zwecke an sich selbst“14 achtet. Personen sollen also um ihrer selbst willen geachtet werden. „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel gebrauchst.“15 Diese sogenannte „Selbstzwecklichkeitsformel“ Kants bedeutet, dass der Mensch nicht für andere Zwecke missbraucht werden darf, als um seiner selbst willen geachtet zu werden. Man spricht vom Verbot der Totalverzweckung. Diese vollständige Verzweckung wäre gegeben, wenn ein Mensch nur dafür gezeugt würde, um ihm später alle Organe zur Transplantation zu entnehmen. Das wäre eine Totalverzweckung und widerspräche der Würde des Menschen. Dem Begriff der Würde ist der Begriff der Person an die Seite gestellt. Der Personbegriff stammt auch aus dem Römischen Reich. Im Lateinischen von personare abgeleitet, meint er die Maske des Schauspielers, durch die die Stimme des Schauspielers hindurchtönt (per-sonare). In Bezug auf den Menschen könnte man sagen, dass durch ihn eine andere (göttliche) Stimme hindurchtönen soll.

Beide Begriffe der Würde und der Person zusammengenommen sagen etwas über die Hochschätzung des Individuums aus, das nicht verzweckt und nicht aufgrund seiner Herkunft, Geschlecht, Alter diskriminiert werden darf. Diese Auffassung von der Menschenwürde, die jedem Menschen aus sich heraus zukommt und ihm nicht von außen zugeschrieben oder aberkannt werden kann, liegt vielen Gesetzen moderner Staaten zugrunde.

So lautet zum Beispiel Artikel 1 des Deutschen Grundgesetzes (und etwas anders in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union): „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ (Art. 1 GG), und der zweite Artikel, der daraus folgt, lautet: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich“ (Art. 2 GG). Der erste Artikel des Deutschen Grundgesetzes beinhaltet eine Selbstbeschränkung des Staates. Er hat sich selbst auferlegt, niemals mehr so tief und vernichtend in die menschliche Intimsphäre einzugreifen, wie es zum Beispiel im Nationalsozialismus geschehen ist. Folgerichtig ist im Artikel 2 das Recht auf Leben und körperliche sowie in der Grundrechte-Charta auf geistige Unversehrtheit festgehalten. Ging es bei den Tugenden des Aristoteles um die innere Haltung des Menschen, geht es bei Kant und der Menschenwürde darum, etwas „Absolutes“ im Menschen festzumachen, das ihm niemals genommen werden kann. Daher kann auch der Artikel über die Menschenwürde im Deutschen Grundgesetz selbst mit hundertprozentiger Mehrheit des Deutschen Bundestages nicht aufgehoben werden. Er hat „Ewigkeitscharakter“. Daher wird der Artikel 79, Abs. 3, des Deutschen Grundgesetzes auch als „Ewigkeitsklausel“ bezeichnet. Eine Änderung dieses Artikels 1 ist unzulässig.16

4. Judentum und Christentum

Bis hierher wurde die Herleitung des Begriffes der Menschenwürde vornehmlich philosophisch dargestellt. Dabei zeigte sich aber, dass im Hintergrund auch die Vorstellungen des Judentums von der Gottebenbildlichkeit des Menschen sowie der christlichen Auffassung von der Gleichheit aller Menschen eine Rolle spielten. Auch das christliche Gebot von der Nächsten- und Feindesliebe kommt im Kant’schen Begriff von der Achtung des Menschen um seiner selbst willen zum Ausdruck.

Im Folgenden soll nun dieser Hintergrund des Judentums noch einmal aus einer anderen Perspektive betrachtet werden, um dann überzuleiten zu den zentralen Aussagen des Christentums. Denn das Christentum ist ohne das Judentum nicht verstehbar. Etwa 1500 Jahre vor Christi Geburt findet ein interessanter Umbruch in der Weltgeschichte statt. Aus einem Vielgötterglauben, der auch in Israel herrschte, entwickelt sich langsam ein Ein-Gott-Glauben. Schon im Hinduismus und später in der griechischen Philosophie gab es einen solchen Vielgötterhimmel, von dem Feuerbach vermutlich sagen würde, dass diese Götter Projektionen des Menschen seien. So zeigt es sich auch in der Erfahrung des Volkes Israel. Sie spüren, dass die vielen Götter, die es auch in ihrer damaligen Glaubenswelt gab, eigentlich keine Kraft und Macht haben. Jetzt aber erfahren sie etwas ganz anderes, nämlich das machtvolle Wirken des einen Gottes, den sie Jahwe nennen. Sein Name darf nicht ausgesprochen werden und sie dürfen sich kein Bild von ihm machen. Aber er erweist sich als ein wirkmächtiger Gott. Er kann etwas. Er befreit das Volk Israel aus der Knechtschaft Ägyptens. Mit starker Hand führt er das Volk aus der Unterdrückung Ägyptens heraus in die Freiheit.

So erlebt das Volk das mächtige Wirken Jahwes. Diese Erfahrungen werden aufgeschrieben in den Texten der fünf Bücher Mose und anderer Schriften. Diese Schriften, die über einen Zeitraum von achthundert Jahren entstanden sind, nennen die Christen das „Alte Testament“. Für viele Juden ist diese Bezeichnung nicht zutreffend, da es für sie kein „Neues Testament“ gibt. Sie warten bis heute auf das Kommen des Messias. Wenn er noch nicht da war, gibt es auch kein „Neues Testament“. Denn dort sind die Berichte über Jesus Christus, von dem die Christen glauben, dass er der Messias sei, aufgeschrieben.

Das Volk Israel erfährt also seinen Gott als jemanden, der zum Volk spricht und an ihm handelt. Er zeigt sich dem Moses in der Wüste. Moses sieht einen Dornbusch brennen, der nicht verbrennt. Er weiß nicht, was das bedeutet. Dann hört er eine Stimme, die spricht: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs“ (Ex 3,6), und dann später: „Ich habe die Klage meines Volkes gehört, ich will sie der Hand der Ägypter entreißen“ (Ex 3,8). Auf die Frage des Mose, wie er denn heiße, sagt er: „Ich bin der Ich-bin-da“ (Ex 3,14). Hier beginnt die sogenannte Selbstoffenbarung Gottes. Gott sagt etwas über sich selbst aus, frei interpretiert: Ja, es gibt mich. Ich bin da, ich bin für euch da (Ex 3,14). Er bestätigt, dass die Suche des Menschen nach dem letzten Grund allen Seins nicht sinnlos ist. Die Selbstoffenbarung Jahwes beginnt mit einer philosophischen Antwort auf die Frage des Menschen nach seiner Existenz. Er ist da, er tritt aus seiner Verborgenheit ans Licht, er spricht und handelt befreiend am Volk. So beginnt die Befreiungsgeschichte des Volkes Israel.

Für den Menschen bedeutet das, dass seine Suche nach dem ganz Anderen und Absoluten nicht ins Leere läuft. Anders gesagt: Das Absolute erweist sich als ein personales Gegenüber, dem der Mensch vertrauen kann. Allerdings „gibt“ es diesen Gott nicht so, wie es Menschen und Dinge gibt. Jahwe ist der „ganz Andere“ und der ferne Gott, von dem der Mensch sich kein Bild machen soll und dessen Name niemand aussprechen darf. „Einen Gott, den ‚es gibt‘, gibt es nicht“,17 hat Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945) formuliert. Gott ist anders, er erscheint indirekt in dieser Welt, niemand hat Gott je gesehen, seine Macht ist groß. Wer Gott sieht, stirbt, heißt es im Alten Testament. „Du kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben“ (Ex 33,20).

Möglicherweise war der Mensch erst in dieser weltgeschichtlichen Zeit in der Lage, überhaupt mit diesem mächtigen Gott in eine personale Beziehung zu treten. Er musste sich erst auf diese Begegnung hin entwickeln. Aber sehen durfte er ihn nicht. Offensichtlich ist die Macht Gottes, der diesen riesigen Kosmos geschaffen hat, zu groß, als dass der Mensch seine Nähe aushalten könnte. Hier spürt man, welche kosmischen Dimensionen im Spiel sind. Der griechische Begriff Ho Antropos für „Mensch“ deutet in eine ähnliche Richtung. Frei übersetzt bedeutet er: Der Mensch ist das Wesen, das schaut und staunt. Er steht aufrecht, schaut in den Himmel, sieht die Sterne und staunt über die Größe des Kosmos. Immanuel Kant hat es in seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ sinngemäß so ausgedrückt: Was mich am meisten mit Ehrfurcht erfüllt, ist der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Diese gewaltige und zugleich stille Kraft des Kosmos deutet auf den Gott hin, der sich dem Menschen zuwendet. Dies geschieht zunächst aus der Ferne. Niemand hat Gott je gesehen, der Mensch soll sich kein Bild von ihm machen und nicht in seine kleine menschliche Vorstellungswelt pressen. Gott ist anders und größer. Das gilt bis heute.

Das Alte Testament ist ein Erfahrungsbericht von Menschen, die das Wirken Gottes im konkreten Leben erlebt haben. Es ist auch ein Bericht über die Vorstellung des Menschen von der Erschaffung der Welt, von der Entstehung des Menschen und seinem Abfall von Gott. Menschen berichten, inspiriert vom göttlichen Geist, wie sie glauben, dass Gott die Welt aus dem Nichts geschaffen hat und aus dem Chaos Ordnung werden ließ. Tohuwabohu ist das hebräische Wort für Chaos. Aus dem Chaos wird Kosmos.

Der göttliche Geist schafft die Welt so, dass Ordnung herrscht im gesamten Weltall, in der Natur, im Menschen. Der Mensch kann diese Ordnung schrittweise entziffern lernen. Er findet Naturgesetze und kann mithilfe der Kosmologie, der Naturwissenschaften und vielen anderen Zugängen immer besser verstehen, wie der Kosmos, die Natur, die Lebewesen, die Menschen „funktionieren“. Naturwissenschaftlich gesprochen meint diese Ordnung keine starre Ordnung einer mechanischen Maschine, sondern die dynamische Ordnung des Lebendigen, das auch das Chaos und den Zufall kennt. Es braucht die Ordnung der Planetenbahnen und jene des Organismus, aber auch die Flexibilität des Zufalls. Ohne Ordnung gäbe es keinen Zufall. Wenn alles Zufall wäre, gäbe es den Zufall nicht und die Welt würde kollabieren. Ordnung und Zufall gehören zusammen, sie ermöglichen „Freiheitsgrade“.

Auf der Seite der Theologie geht es um die Reflexion der Selbstoffenbarung des Schöpfergottes, der die Welt – womöglich mit dem Urknall – ins Sein gebracht hat. Es geht um die Beschreibung seines befreienden Handelns und um die Übergabe der Zehn Gebote. Sie sind dazu da, dem Menschen zu helfen, seine erlangte Freiheit nicht wieder zu verlieren. Der Normenkatalog der Zehn Gebote dient der Freiheit. In der Präambel zu den Zehn Geboten heißt es: „Ich bin Jahwe, Dein Gott, der Dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus“ (Ex 20,2). Schon im Volk Israel wird klar, dass das Volk Gefahr läuft, aus der Freiheit wieder in die alte Knechtschaft und Unfreiheit zurückzufallen. Diese Unfreiheit des Menschen hatte in der Paradiesgeschichte mit der Abwendung des Menschen von Gott begonnen. Vertreibung aus dem Paradies, Brudermord, Gewalt, Sintflut waren die Folgen dieser Abkoppelung. Jetzt wird von Gott her ein neuer Anfang gemacht zur äußeren Befreiung des Volkes. Dieses befreiende Handeln Gottes wird fortgesetzt und vertieft im Neuen Testament mit der inneren Befreiung jedes einzelnen Menschen.

Die Normen der Zehn Gebote dienen der Freiheit, so wie die Tugenden des Aristoteles dem Glück dienten. Beide Zugänge werden im Neuen Testament vertieft: die aristotelischen Tugenden hin zu den christlichen Tugenden von Glaube, Hoffnung und Liebe und die äußere Freiheit hin zur Befreiung des inneren Menschen, der zu sich selbst befreit werden soll. Die Normen des Gesetzes werden zur „Norm“ der Liebe, in der alles zusammengefasst ist.

Im Fortgang des Buches wird nicht einfach erklärt, was die Tugenden von Glaube, Hoffnung und Liebe bedeuten, sondern es werden in einem ersten Schritt die allgemeinen Glaubensinhalte in ihren wesentlichen Punkten dargestellt, um von dort aus zum persönlichen Glaubensvollzug überzugehen. Der inhaltlich bestimmbare und persönlich zu lebende Glauben führt als Hoffnung über den Tod hinaus und offenbart in allem die göttliche und menschliche Liebe. Es geht um die gegenseitige Durchdringung der drei Tugenden.

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Ograniczenie wiekowe:
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Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
164 str. 7 ilustracji
ISBN:
9783990404362
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