Czytaj książkę: «Das Tal der Untoten»

Matthias Albrecht wurde 1961 in Leipzig geboren. Ab 1978 als Bühnentechniker an den Städtischen Theatern Leipzigs beschäftigt, wechselte er 1983 zum Untersuchungshaftvollzug und wurde 1992 in das Beamtenverhältnis übernommen.
In seiner Freizeit widmete er sich unter anderem der Ölmalerei und stand dem Studentenfilmstudio einer Leipziger Universität eine Zeit lang als Kameramann und Schnitt-Techniker zur Verfügung.
Erst die politische Wende ermöglichte es ihm, der Leidenschaft, seinen Gedanken in prosaischer und belletristischer Form Ausdruck zu verleihen, nachgehen zu können, ohne das Damoklesschwert der Zensur fürchten zu müssen.
Matthias Albrecht ist Mitglied im Freien Deutschen Autorenverband (FDA) – Schutzverband Deutscher Schriftsteller e.V. – (Landesverband Sachsen)
Matthias Albrecht
DAS TAL
DER UNTOTEN
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2018
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar
Personen und Schauplätze sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit tatsächlich existierenden Personen wären rein zufällig und sind unbeabsichtigt.
Für Risiken und Nebenwirkungen (Albträume, Wahnvorstellungen und Herzattacken) übernehmen sowohl Autor als auch Verlag keine Haftung!
Copyright (2018) Engelsdorfer Verlag
Alle Rechte beim Autor
Coverillustration: T. Hemmann
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Ein paar Worte vorab
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Ein paar Worte vorab
Mein Name ist Walter Albers, und mein Leben ist zerstört. Mein Ruf ruiniert. Meine Beziehung zerbrochen. Und meine Zukunft sieht für mich aus wie das Stoffwechselendprodukt, das allmorgendlich ein jeder von uns nach mehr oder weniger erfolgreicher Sitzung der Kanalisation zuführt.
Keine Sorge, ich werde Sie im Weiteren nicht mit Selbstmitleidsbekundungen nerven. Über diesen Punkt bin ich längst hinweg. Und inzwischen dort angelangt, von wo aus es nicht noch weiter bergab gehen kann. Irgendwie ein beruhigendes Gefühl für jemanden, der, wie ich, ein paar Milligramm Sarkasmus zu viel im Blut hat.
Ich erwarte nicht, dass Sie mir auch nur zehn Prozent von dem glauben, was ich Ihnen erzählen werde. Denn selbst meine Verwandten und ehemaligen Freunde – gar nicht zu reden von meinem Rechtsanwalt, den Bediensteten der Justizvollzugsanstalt und meinem Psychiater –, geben keinen verdammten Penny auf den Wahrheitsgehalt meiner Einlassungen. Ich habe mich längst damit abgefunden, für einen Lügner und Spinner gehalten zu werden. Jeder kann sich, nachdem er meine Notizen gelesen hat, in der Abgeschiedenheit seiner vier Wände totlachen, bis irgendwann die Wahrheit doch noch ans Licht kommt. Vielleicht wird man mich dann postum rehabilitieren. Bei Galileo Galilei hat es hunderte Jahre nach seinem Widerruf ja auch geklappt.
Ich habe Kopien meiner Aufzeichnungen an mehrere Verlage geschickt mit der Bemerkung, dass sie damit tun können, was sie wollen. Vielleich finden sie ja einen Ghostwriter. Oder einen Lektor, der seinen Namen dafür hergibt und ein Buch daraus macht. Meinetwegen als Fantasie-Roman unter dem Titel: „Aus dem Leben eines Wahnwitzigen“.
Für den Fall, dass solch ein Buch tatsächlich einmal veröffentlicht wird, dann mögen den Lesern, im Gegensatz zu mir, durchwachte Nächte und Albträume erspart bleiben!
I
Ich hatte Zeit. Verdammt viel Zeit. Konnte, wenn mir der Sinn danach stand, stundenlang aus dem Fenster schauen und die Autos zählen, die in die Einfahrt zum Parkplatz der Justizvollzugsanstalt bogen. Und die Menschen, die ihnen entstiegen: Beamte, Besucher, Anwälte, Vernehmer, Postboten …
Es war mir zwar nicht möglich, den gesamten Platz zu überblicken, aber einen Großteil schon; immerhin „wohnte“ ich im obersten Stockwerk des Hafthauses.
Ich konnte mir auch vorstellen, einen Garten in der angrenzenden Anlage zu besitzen, Gäste eingeladen und gerade den Grill angefeuert zu haben. Bald bedeckte weiße Asche die Glut der Holzkohlebriketts und ich legte die ersten Fleischstücke auf. Saft und Fett tropften vom Rost – der Duft, den mir der Westwind herüber wehte, gab meiner Tagträumerei einen realistischen Kick. Ich schloss die Augen und schmeckte das frisch gebrutzelte Steak, das kühle Bier, den scharfen Senf – und schluckte schlussendlich die Traumwelt mitsamt dem sich in meinem Mund unwillkürlich gebildeten Speichel wie eine bittere Pille, während ich mich vom Gitter löste und in die Realität meiner „Bude“ zurückkehrte.
Seit knapp fünf Monaten war ich jetzt Gefangener. Ich teilte mein Los mit rund vierhundertachtzig weiteren Insassen. Nicht dass ich mich mit ihnen identifizierte. Wobei es natürlich welche gab, die – wie ich – glaubten, unschuldig eingesperrt worden zu sein. Das waren die wenigsten, wenn sie es zumeist auch nicht laut äußerten. Der Großteil fand sich in sein Schicksal und hielt die Füße still. Einige allerdings probten den Aufstand. Sie provozierten und beleidigten die Beamten oder griffen sie und ihre Mitgefangenen tätlich an, verstießen permanent gegen die Hausordnung, zerschlugen ihr Mobiliar, ritzten sich Wunden ins Fleisch, legten Feuer … Es handelte sich oftmals um Ausländer aus dem arabischen Raum, welche „auf Droge waren“ oder Inhaftierte anderer Nationalitäten, vor allem Osteuropäer, die sich nicht mit der deutschen Mentalität und den hier herrschenden Umständen anzufreunden vermochten. Doch auch Deutsche befanden sich darunter. Das muss ich der Fairness und Vollständigkeit halber einräumen.
Für solche Eventualitäten gab es seitens des Vollzugs spezielle Maßnahmen. In akuten Fällen der Selbstverletzungsgefahr oder gar Suizidandrohung reagierte man prompt mit der Verlegung des betreffenden Gefangenen in den sogenannten „Suizidpräventionsraum“. Einer Zelle, welche mit einer bruchsicheren Scheibe ausgestattet war, durch welche ein Beamter im Nachbarzimmer sämtliche Aktivitäten des zu Beobachtenden verfolgen konnte. Und die über eine reißfeste Matratze, widerstandsfähige Fensterscheibe, ein unzerstörbares Edelstahl-WC und ähnlich robustes Mobiliar verfügte. In extremeren Fällen griff man auch schon mal zum „Besonders gesicherten Haftraum ohne gefährdende Gegenstände“, kurz „BGH“, zurück, der aus einem mit Fußbodenheizung versehenen, gefliesten, nackten Raum bestand. Eine in ebenfalls reißfestes Material eingenähte Matratze und ein Loch im Boden, in welches man seine Notdurft verrichten musste – das waren die wenigen Einrichtungsgegenstände. Und das einzige Bekleidungsstück bestand aus einer superdünnen Unterhose, die in Fetzen riss, sofern man sie beim Anziehen nicht mit der nötigen Feinfühligkeit behandelte.
Auch ich habe leider meine Erfahrung mit dieser Räumlichkeit machen müssen, doch dazu später.
Jetzt wird Ihnen vor allem unter den Nägeln brennen, zu erfahren, weshalb ich in den Knast kam. Ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen. Allerdings muss ich dafür etwas weiter ausholen. Aber ich habe ja jede Menge Zeit. Und Sie wohl auch. Sonst hätten Sie doch wohl nicht ernsthaft in Erwägung gezogen, sich diesen meinen geistigen Ergüssen zu widmen …
Am dreizehnten September des Jahres 1996 befand ich mich zwei Stunden vor regulärem Dienstende auf der A9 in Richtung Eisenberg. In der Ferne grummelte es: Eine Gewitterfront zog auf. Meine letzte Adresse lautete „Mühltal 6 – Waldgasthof Naupoldsmühle“. Zwei Pakete waren auszuliefern. Ich hätte mein Ziel mit verbundenen Augen finden können; das Mühltal war mir seit meiner Jugend durch zahlreiche Ferienaufenthalte bekannt.
Ich nahm die Abfahrt nach Bad Klosterlausnitz, durchquerte den Ort und schlug dann in Weißenborn den Mühltalweg zur Meuschkensmühle ein, der einer schmalen, improvisierten Straße glich. In der Zeit meiner Kindheit war diese unbefestigt und für Kraftfahrzeuge tabu; lediglich Anwohner, Zulieferer, Polizei, Feuerwehr, forstwirtschaftliche Fahrzeuge, die „Schnelle medizinische Hilfe“, wie die Rettungswagen früher hießen, und noch einige wenige Fahrzeuge mehr besaßen die Erlaubnis, sie zu nutzen. Ansonsten begegneten dem Wanderer lediglich Fahrradfahrer und Kremser. Und andere Wanderer.
War die Straße bereits für kleinere Personenkraftwagen nicht ohne stete Konzentration des Fahrers zu meistern, stellte sie für mich und meinen UPS-P45-Sprinter geradezu eine Herausforderung dar. Begegnen sich in einer der zahlreichen Kurven, ja selbst auf gerader Strecke, zwei Lieferwagen, heißt es für einen von beiden, bis zur nächsten Straßenverbreiterung zurückzusetzen, um den anderen vorbeifahren lassen zu können. Ohne Beifahrer als Einweiser ein Kunststück. Nebenbei nicht ungefährlich – die Rauda, der Mühlenbach, folgt der Straße unmittelbar zur Rechten oder Linken – je nachdem, in welche Richtung man sich bewegt. Außerdem ist das Ganze mit erheblichem Zeitaufwand verbunden.
Das Gewitter zog rasch näher; aufgewirbelter Staub und Tannennadeln nahmen mir die Sicht. Mit einem Schlag brach Dunkelheit herein, hin und wieder von Blitzen erhellt, und als ich die Meuschkensmühle passiert hatte, begann es wie aus Kübeln zu gießen. Der Sturm heulte. Kiefern- und Fichtenzapfen prasselten aufs Dach. Man konnte die Hand vor Augen kaum sehen, geschweige denn die Straße. Oder das, was die Eingeborenen und die hiesige Straßenbaumeisterei dafür hielten.
Ich schaltete in den zweiten Gang herunter und nahm den Fuß vom Gas, bereit, sofort mit beiden Füßen auf Kupplung und Bremse zu steigen, so es notwendig werden sollte. Die Scheibenwischer auf schnellstes Intervall gestellt und die Nase fast an der Frontscheibe, tastete ich mich voran. Jeder Fußgänger hätte mich jetzt überholt. Trotz Wetterkapriolen.
Nach der Wende hatte man die Straße nicht nur asphaltiert, sondern auch ein paar bauliche Maßnahmen gegen Erdrutsche unternommen. Dennoch waren solche nicht auszuschließen. Und gegen Windbruch gab es auch keine Versicherung. Wenn mir jetzt ein umstürzender Baum auf den Sprinter oder gar in die Frontscheibe krachte …
Gleißende Helligkeit schoss bis in die hintersten Winkel meines Hirns; ein Donnerschlag unmittelbar darauf, als sei eine Bombe detoniert. Der Wagen wankte. Instinktiv zog ich den Kopf ein, schloss die Augen. Mein rechter Fuß trat das Bremspedal durch das Karosserieblech, der linke rutschte von der Kupplung. Es war, als prallte der Sprinter gegen ein unsichtbares Hindernis, mein Oberkörper ruckte nach vorn – dann erstarb der Motor. Ich konnte es fühlen, doch nicht hören; das Inferno der entfesselten Naturgewalten ließ solches nicht zu. Und die Granaten, die zu Hunderten in meinem unmittelbaren Umfeld einzuschlagen schienen, wollten mir überdies die Trommelfelle zerreißen …
Bereits ein paar Minuten später ebbte das Blitzlichtgewitter ab. Ich kam allmählich zu mir. Der erste Gedanke: „Ich habe es überlebt!“ Der zweite: „Bis jetzt jedenfalls.“ Der dritte: „Bin ich noch auf der Straße?“ Diese Frage schien Vorrang zu haben und berechtigt zu sein, stand doch der Sprinter, wie ich jetzt bemerkte, seltsam schief, als sei mir der Motor bergauf verreckt. Badete der Transporter womöglich mit dem Hinterteil im Bach? Trotz der Schwüle in meiner Kabine rieselte es mir eiskalt den Rücken hinunter. Wenn dem so sei, könnte ich mich aus eigener Kraft nicht befreien. Allradantrieb hin oder her. Der P45 war kein Jeep, der sich mittels eines um einen Baumstamm gewundenen Drahtseils und einer Winde – wie Baron von Münchhausen an den eigenen Haaren mitsamt Gaul – selbst aus dem Sumpf herauszuziehen vermochte.
Ich fingerte eine Zigarette aus der Brusttasche meiner Dienstbekleidung, brannte sie an, zwang mich zur Ruhe und begann, Selbstgespräche zu führen: „Wenn ich aufgeraucht habe, werde ich nachsehen. Ich steige aus und mache mir ein Bild von der Situation. Stecke ich wirklich mit dem Arsch in der Rauda, ist wenigstens die Straße für andere frei. Die Ladung ist auch sicher. Vorausgesetzt – es ist nicht allzu viel zu Bruch gegangen und die Hecktür ist nicht aufgesprung …“
Ich zog die Notlampe aus der Halterung und leuchtete in den Durchgang zum Laderaum. Die Hecktür war zu. Die Pakete zum Teil aus den Regalen gerutscht. Egal. Höhere Gewalt. Beschädigungen zahlen die Versicherungen im Schadensfall. Derartige plötzlich auftretende Wetterkapriolen kann man ja schließlich nicht vorhersehen. Und ich habe mich den Bestimmungen gemäß verhalten. Bin kein Risiko eingegangen. Stattdessen Fuß vom Gas, rechts ran und abgewartet, bis die Gefahr vorüber war. Ja gut, rechts ran war in diesem Fall nicht machbar. Das besorgte die Böschung des Bachs von allein. Wie gesagt – höhere Gewalt …
Die Scheibe der Fahrerseite ließ sich nicht mehr per Knopfdruck absenken, trotz eingeschalteter Zündung. Ich musste die Tür öffnen, um die Kippe hinauszuwerfen. Erst als ich sie wieder schloss, verarbeitete mein Hirn den Gedanken: Ja, die Zündung war eingeschaltet, doch keinerlei Anzeige zeugte davon. Der Sprinter war tot, als habe jemand die Batterie abgeklemmt. Kein Abblendlicht, keine Instrumentenbeleuchtung. Ob sich infolge des Rucks, mit dem das Fahrzeug zum Halten kam, eine der Batterieklemmen gelöst hatte? Unwahrscheinlich. Oder – hatte der Blitzschlag die Elektronik lahmgelegt? Schon eher möglich.
Es regnete noch immer. Nicht mehr so stark wie noch vor Minuten, doch ausreichend. Sei’s drum, ich musste raus, um mir ein Bild zu machen! Ich beleuchtete mein linkes Handgelenk. Vier Minuten vor sechs Uhr nachmittags. Und es herrschte noch immer finstere Nacht! Das Gewitter zog zwar ab, dennoch schien sich die massive Wolkendecke hartnäckig halten zu wollen.
Ich stieg aus dem Sprinter, rutschte auf glitschigem Moos aus und schlug der Länge nach hin. „Prima“, dachte ich und raffte mich auf. „Wenn es dicke kommt, dann richtig!“ Immerhin hatte ich mir nichts getan. Im Widerschein der vereinzelten Blitze vermochte ich meine Umgebung nur schemenhaft wahrzunehmen. Ich schaute zunächst nach der Batterie. Die Klemmen saßen fest auf den Polen. Für jede weitere Ursachenforschung fehlte mir das fachliche Wissen. Also ließ ich die Hände vom Motorraum und sah mich um.
Ich steckte nicht im Bach. Von dem war weit und breit nichts zu entdecken. Das beruhigte mich ein wenig. Die Straße konnte ich von hier aus allerdings auch nicht erkennen. Was das eben so positive Gefühl relativierte.
Ich folgte dem Weg, den meine Räder in den Boden gefräst hatten, zurück. Nach gefühlten zwanzig Metern blieb ich ratlos stehen. Keine Straße weit und breit. Wie war der Wagen auf die kleine Lichtung gekommen, auf der er jetzt stand? Wieso war ich nicht mit einem Felsen oder Baum kollidiert? Ich war nicht abgebogen. Hatte stets den Weg vor Augen gehabt. Nicht gerade deutlich. Aber doch so, dass ich mir sicher sein durfte …
Die Erkenntnis, die ich in diesem Augenblick gewann, durchfloss mich wie ein Stromschlag: Die Spuren meines Sprinters endeten abrupt an einem wilden Brombeerdickicht mit angrenzendem, undurchdringlichem Unterholz! Ein paar Meter dahinter erhob sich ein hoher, dichter Fichtenbestand, der noch vor wenigen Jahrzehnten eine Schonung gewesen sein mochte. Keine Chance, sich von dort aus eine Schneise zu bahnen. Nicht einmal mit einem Panzer. Schon gar nicht mit einem UPS-Mercedes-Sprinter. Und – das kam erschwerend hinzu – von einer Schneise im eigentlichen Sinn gab es auch nicht die leiseste Andeutung …
Ich starrte auf die Reifenspuren, derweil meine Lampe zunehmend schwächer strahlte. Um alle Eventualitäten auszuschließen (ich hätte es ja auch mit frischen Abdrücken eines Forstfahrzeugs zu tun haben können), folgte ich ihnen zurück in Fahrtrichtung und achtete darauf, nicht deren Verlauf aus den Augen zu verlieren. Als ich wenig später auf das Heck meines Sprinters stieß, war ich der Verzweiflung nahe. Was in aller Welt war geschehen? Wie kam ich hierher? Und wo, in des Teufels Namen, war die verdammte Mühltalstraße?
Mit dem letzten Licht der Lampe betrachtete ich den Boden vor dem Fahrzeug. Der Waldboden war unberührt. Keine Reifenspuren.
Ich war völlig durchnässt und zitterte. Ob vor Kälte, Angst oder Verzweiflung, weiß ich im Nachhinein nicht zu sagen. Wahrscheinlich war es ein Konglomerat aus allen drei Empfindungen. Obendrein stand ich nun vollends im Dunkeln. Die Lampe hatte ihren Geist aufgegeben.
Im Fahrzeug war es zwar nicht warm, aber ich fühlte mich hier doch wohler als draußen. Was nun tun? Wie sollte es weitergehen? Mir fiel mein Handy ein. Ich öffnete das Handschuhfach und tastete nach ihm. Fand es und wählte die Nummer der Firma. Kein Netz! Auch das noch. Vielleicht befand ich mich in einem Funkloch, oder das Gewitter hatte einen der Mobilfunkmasten lahmgelegt. Ich hoffte auf ersteres, verspürte jedoch wenig Lust, zu Fuß durch den Wald zu irren in der Hoffnung, irgendwo eine Verbindung zu bekommen. Wahrscheinlich hätte ich nicht wieder zum Sprinter zurückgefunden.
Wo war diese verfluchte Straße? Wieso stand ich mitten im Wald? Ja und – weshalb hatte ich anfangs das Gefühl gehabt, der Sprinter würde schief stehen? Er stand doch völlig gerade!
Es hatte keinen Sinn, mir diese Fragen zu stellen; es gab hier niemanden, der sie mir beantworten konnte. Mit Logik kam ich nicht weiter. Sie war angesichts der soeben gemachten Feststellungen wenig hilfreich. Andere Theorien jedoch ins Kalkül zu ziehen, fiel mir erst recht nicht ein. Mein Verstand – damals hatte ich noch welchen – sträubte sich gegen jedwede utopische Argumentation, bevor sie sich in meinem Hirn manifestieren konnte. Stattdessen beschäftigte sich letzteres mit pragmatischeren Überlegungen: Ich musste aus den durchnässten Klamotten raus. Je eher desto besser. Bevor ich mir eine Lungenentzündung holte. Ich hatte zwar keine anderen, dafür aber eine alte Decke, in die ich mich wickelte, nachdem ich mich ausgezogen hatte.
Allmählich wurde mir warm. Der Gewitterguss war in einen leichten Landregen übergegangen, der einschläfernd wirkte. Ich fand mich gedanklich damit ab, hier die Nacht verbringen zu müssen. Wenn der Morgen graute, würde ich weitersehen. Es blieb mir ja eh nichts übrig …
II
„Es ist nicht dein Job. Und auch nicht meine Mutter. Und schon gar nicht diese beschissene Bruchbude hier!“ Nadine erhob sich derart abrupt vom Frühstückstisch, dass ihr Stuhl umkippte. Sie gab ihm einen Tritt, dann stellte sie ihn wieder auf die Füße. Allerdings mit allem Nachdruck.
„Ja“, knurrte ich. „Poltre nur rum. Dass die da unten auch was von haben.“
„Is’ mir scheißegal“, sagte sie etwas ruhiger und wandte sich dem Geschirrspüler zu.
„Was is’ dann der Grund? Etwa ich?“
Sie fuhr herum. „Was glaubst du wohl?“
Ein paar Sekunden lang überlegte ich, ob es sinnvoll sei, mit ihr zu streiten. Ach was, es würde nur ein Wort das andere ergeben. Ich kannte diesen Gesichtsausdruck. Er bedeutete Krieg. Und sie würde diesen Krieg gewinnen. Wie immer.
Ich stand auf und ging zur Küchentür.
„Wo willst du hin?“
„Ins Bad.“
„Ziehst du wieder den Schwanz ein, statt endlich mal Farbe zu bekennen? Wann wachst du eigentlich auf aus deiner Traumwelt? Wann kann man mal vernünftig mit dir reden?“
Ich antwortete nicht, zog die Badezimmertür hinter mir zu und schob den Riegel vor. Sie donnerte mit den Fäusten gegen die Füllung. „Du Ignorant! – Hey, aufgewacht! Hallo! Is’ mit Ihnen alles okay da drin?“
Und ich wachte auf. Sicherlich infolge des Lärms. Vielleicht aber auch, weil Nadine mich plötzlich siezte. Ich blinzelte in die Helligkeit. Einen Moment später wusste ich, wo ich war. Ich drehte den Kopf nach links, aber das Gesicht hinter der Seitenscheibe verschwand zu schnell, um mich dessen Züge erkennen zu lassen. Die Decke war verrutscht. Ich zog sie empor und öffnete die Tür.
„Mann, ich hab echt gedacht, Sie sann tot. Hierher, Harris, Fuß!“ Sie nahm ihren Hund an die Leine, wendete sich dann wieder mir zu. „Alter, ich hab vielleicht gegen die Türe gehämmert. Mir tun noch die Hände weh. Und Harris hat gekläfft, was das Zeug hielt. Hamm Sie sich verfahr’n oder so?“
„Ja“, sagte ich, noch nicht recht bei Sinnen. „Ja, so könnte man’s nennen.“
„So könnte man’s?“, lachte sie. „Sie wissen’s also net genau. Alter, Sie hamm geratzt wie ’n Bär. Hamm Sie sich irgendwas reingezogen gestern Abend?“
„Was – reingezogen?“
„Hey, Sie wissen schon.“ Sie fuhr sich mit dem Rücken des linken Zeigefingers an der Nase entlang.
„Ah, eh – nein, nein, ich habe mir nichts – reingezogen. Wer, wer sind Sie?“
„Ich bin Patty“, sagte sie. „Und das hier ist Harris.“
Wie auf Kommando begann der Hund wieder zu kläffen.
„Mein Name ist Albers.“
„Aus, Harris! Platz!“ Der Köter legte sich gehorsam hin, hechelte und wedelte mit dem Schwanz, während er mich fixierte.
„Albers? Komischer Vorname.“
„Mein Familienname“, sagte ich. „Mein Vorname ist Walter.“
„Walter?“ Sie legte den Kopf zur Seite und schaute mir ins Gesicht, als ob ich einen Witz gerissen und sie die Pointe nicht verstanden hätte. „So sehn Sie gar net aus.“
„Was denken Sie“, fragte ich amüsiert, „wie jemand aussehen müsste, der Walter heißt?“
„Na – jedenfalls viel älter. Sie sann doch höchstens Mitte dreißig.“
„Volltreffer“, sagte ich und staunte. „Genau fünfunddreißig. Sie können gut schätzen.“
„Man kriegt hier draußen mit der Zeit ’nen Blick dafür. Jedenfalls klingt Walter altmodisch.“
„Das müssen Sie meinen Eltern sagen. Die fanden den Namen toll. Mein Großvater hieß auch so.“
„Sorry, ich wollt Ihnen net zu nahe treten; Sie könn’ ja nischt dafür.“
„Richtig“, lächelte ich und fragte, um das Thema zu wechseln: „Is’ ’n das da für ’ne Sorte?“
Mein Gott, Walter, tausend andere Fragen wären wichtiger gewesen! Ich war eben noch immer nicht ganz bei mir.
Patty zuckte mit den Schultern. „Weiß net. Hab ich von Mello, was mein Bruder is’. Wohl irgend ’ne Mischung aus Dobermann und Bulldogge.“
„Ja? So. Ich hab keine Ahnung von Hunderassen.“
„Na ja“, gluckste sie. „Rasse is’ gut …“
Eine unbedachte Bewegung – meine Decke fiel aus dem Wagen. Ich wollte schnell die Tür schließen, erwischte jedoch den Griff nicht sofort.
„Oh Mann“, sagte sie mit großen Augen, ohne den Blick von meinem nackten Hintern zu wenden. „Sie sann net allein da drin, was?“
Die Tür fiel ins Schloss, dann erinnerte ich mich der toten Batterie, die mich die Scheibe nicht herunterfahren ließ und öffnete die Tür wieder einen Spalt.
„Hören Sie – eh – Patty – könnten Sie mir die Decke geben, ja? Meine Sachen sind sämtlich durchgeweicht worden letzte Nacht. Tut mir leid, dass ich Ihnen so …“
Sie lachte, kam heran, hob die Decke auf und reichte sie mir durch den Spalt. „Mann, Sie brauchen sich net zu schähnieren. Sann net der erste, den ich so zu sehen krieg’. Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann, sagen Sie’s nur.“
„Ich bin von der Straße abgekommen. Gestern Abend. Während des Gewitters.“
Und dann erzählte ich ihr in Kurzform von mir und meinem Pech. Als ich fertig war, stand sie noch eine Weile mit leicht geöffnetem Mund und abwesendem Gesichtsausdruck da, als fiele es ihr schwer, das eben Gehörte zu verdauen.
Die Sekunden, bevor sie aufzutauen begann, langten zu, sie mir näher zu betrachten: Sie trug schulterlanges, dunkelblondes, gelocktes Haar, war schlank, ja fast schon dünn zu nennen, hatte ein Allerweltgesicht und so gut wie kein „Holz vor der Hütte“. Darüber hinaus schien sie nicht viel von modischer Kleidung zu halten. Verblichene hellblaue Jeans, ein rot-weiß-kariertes Holzfällerhemd, dem man das Streunen durch Wald und Unterholz deutlich ansah und ein paar derbe Freizeitschuhe waren ihr Outfit. Alles in allem fühlte man sich als Mann von ihrem Anblick weder abgestoßen noch übermäßig angezogen. Sie war das, was man umgangssprachlich als „Graue Maus“ bezeichnet.
„Alter Falter“, entfuhr es ihr schließlich. „Wenn Sie das der Versicherung erzählen, kriegen Sie keinen Pfennig.“ Sie reckte den Kopf und betrachtete sich die Gegend hinter dem Wagen. „Reifenspuren sann da jedenfalls net. Das müssen Sie geträumt haben.“
Ich sprang aus dem Fahrzeug, lief ein paar Schritte zum Heck und blieb wie angewurzelt stehen. Sie hatte recht: Weit und breit keine Spuren zu sehen. Wie war das möglich? Hatte sich der Waldboden über Nacht bereits derart regeneriert, dass …
„Soll ich Ihnen wieder Ihre Decke bringen?“, hörte ich es hinter mir glucksen. „Oder kommen Sie auch so klar?“
Ich fuhr herum, bedeckte eine gewisse Stelle meines Körpers mit den Händen. Ein besonders geistreiches Gesicht mochte ich dabei nicht gemacht haben, denn sie lachte laut auf.
„Hören Sie, ich mache Ihnen einen Vorschlag: Bis zur Mühle isses net allzu weit. Ich laufe zurück und hole Ihnen trockene Sachen. Sie bleiben hier und überlegen sich derweilen eine neue Erklärung. Denn mit der, die Sie mir da gerade auftischten, können Sie keinen Preis gewinnen. Höchstens ’nen lebenslangen Aufenthalt in ’ner Klappse. Komm, Harris, bei Fuß!“
Ich starrte ihr nach, in diesem Moment nicht ahnend, wie nahe sie der Wahrheit kam und hielt noch immer die Hände vor meinen – Sie wissen schon.
So stand ich eine ganze Weile, bis mir einfiel, wieder nach dem Handy zu sehen.
Kein Netz! Ich hatte nichts anderes erwartet. Und der Sprinter sagte auch keinen Ton. Meine Hoffnung, die Batterie könnte sich über die Stunden etwas erholt haben, wurde schmählich enttäuscht. Doch wozu das Fahrzeug starten wollen? Ich stand mitten im Wald auf einer kleinen Lichtung, rings umgeben von undurchdringlichem Dickicht. Wohin hätte ich fahren sollen?
Die Stunden verrannen, und Patty ließ sich nicht blicken. Irgendetwas musste sie aufgehalten haben, wo doch die Mühle ganz in der Nähe liegen sollte. Ich gewann allmählich den Eindruck, dass sie gar nicht gewillt war, zurück zu kommen. Möglicherweise war ich ihr nicht geheuer. Wie auch die Situation, in der ich mich befand. Jedenfalls hatte ich nun genug Zeit, mir darüber klar zu werden, dass ich tief in der Scheiße saß. In der ich die letzten zwei Zigaretten rauchte und an Nadine dachte, die jetzt wohl meinen Umschlag auf dem Küchentisch gefunden haben mochte.
Hallo Nadine,
ich habe über alles gründlich nachgedacht. Ich werde dir den Gefallen tun. Wenn du eine Auszeit willst – bitte. Ich weiß zwar nicht, wofür die gut sein soll, da ich meine Meinung ohnehin nicht ändern werde, aber okay. Ich bin der Letzte, der sich dir – uns – in den Weg stellen will. Kann nur sein, dass diese Auszeit am Ende länger dauert, als du es dir wünschst. Hauptsache, du bereust es eines Tages nicht …
Die letzte Bemerkung hätte ich mir verkneifen können, das wurde mir gerade bewusst. Sie klang irgendwie kindisch. Nein, eher wie eine Drohung. Wie etwas nicht Umkehrbares. Und darüberhinaus wirklich reichlich albern. Was sollte sie an einer Auszeit – wie lange diese auch währen möge – bereuen? Sie hatte sie ja selbst gewollt. Ja, wenn ich vorhätte, niemals zu ihr zurückzukehren, dann bekäme dieser Zusatz immerhin einen gewissen …
… Sinn?!
Hundegebell riss mich aus dieser verzweifelten Rückbetrachtung. Ich war irgendwie dankbar dafür. Zunächst gewahrte ich Harris, der vorausrannte, sich wie toll gebärdete und an der Fahrertür hochsprang. Dann Patty mit einer Tüte in der Hand. Und schließlich ihren Begleiter.
Komische Konstellation der Gefühle: Eigentlich hätte ich mich mehr vor ihr als vor ihm genieren müssen, und doch wäre es mir lieber gewesen, wenn ich es nach wie vor mit ihr allein zu tun gehabt hätte. Und meinetwegen mit Harris.
„Ich hab hier was zum Anziehen. Nischt Besonderes, aber bis heim zu uns wird’s gehen. In der Mühle sehen wir dann zu, dass Ihre Sachen trocken werden.“ Sie schob mir die Tüte durch den Türspalt.
„Ich dachte schon, Sie hätten mich vergessen.“
„Ach woher denn. Aber ohne Harris hätt ich net mehr hergefunden. Und der war für einige Zeit net auffindbar.“
„Er war nicht – auffindbar?“, staunte ich.
„Na, Harris is nu mal kein Schoßhündchen. Der kann sich frei bewegen im Tal. Und wann er auf ’n interessantes Wild trifft oder Hunde, die er net leiden kann, da is er nu mal hin und weg. Ich hab ’ne Zeitlang gebraucht, ihn zu finden. Was glauben Sie, wo er war?“
„Ich denke, das entzieht sich meiner Kenntnis.“
„An den Fischteichen!“
„Ach was.“
„Ja, wirklich. Er hatte wohl gerade ’ne Spur verfolgt, die …“
„Patty!“
„Ja?“
„Das ist ja alles sehr interessant, aber Sie werden verstehen, dass ich jetzt andere Sorgen habe, als zu erfahren, was Harris bewegte, sich …“
„Oh, natürlich. Sorry. Da rede ich und rede und vergesse dabei …“
„Patty!“
„Hm?“
Ich nickte in Richtung des Mannes, der ein paar Meter vor dem Sprinter stehengeblieben war und die Szene misstrauisch und zugleich neugierig betrachtete.
„Ach – eh – mein Bruder“, lächelte sie. „Der war ganz begierig, den Typen kennenzulernen, der da nackt und mit ’nem Lieferwagen aus’m Nichts kommend einfach so im Wald rumsteht.“ Und flüsternd setzte sie hinzu: „Mello is’ ganz harmlos, es sei denn, dass er denkt, man würde ihn verarschen woll’n. Also überlegen Sie, was Sie sagen.“
Na toll, dachte ich, während ich eine verblichene, doch wenigstens saubere, graue Freizeithose und ein ebenso farbenfrohes T-Shirt aus dem Beutel zog – Unterwäsche war nicht dabei – und mir diesen Mello nebenbei betrachtete. Er war, wie seine Schwester, keine Schönheit, um es gelinde auszudrücken. Mit seinem Bullterrier-Gesicht, der plattgedrückten Nase und dem leicht vorgeschobenen Unterkiefer, vermittelte er keinen vertrauenserweckenden Eindruck. Auch schien er von Ordnung und Sauberkeit nicht allzu viel zu halten. Insgeheim vermutete ich eine heimliche, Jahrzehnte zurückliegende, Liaison seiner Vorfahren mit denen des allerliebsten Harris.
So schmuddelig er auch aussah – auf ein Accessoire schien er stolz zu sein, und das war seine auffällige Gürtelschnalle, über welche seine Linke liebevoll strich: Ein handtellergroßes Oval mit ineinander verschlungenen Schlangenreliefs aus matter Bronze. Die tiefer gelegenen Stellen schimmerten wie schwarzer Onyx.
„Wenn Sie soweit sann, können wir los“, sagte Patty und setzte schmunzelnd hinzu: „Den Transporter müssen Sie allerdings hierlassen.“
„Kann ihn mir ja auch schlecht untern Arm klemmen“.
Ich hatte mich „in Schale“ geworfen und stieg aus. „Eigentlich müsste ich hierbleiben. Ich hab da jede Menge Pakete drin, und wenn jemand kommt und den Sprinter ausräumt, kann ich mich frischmachen.“
„Dann schließen Sie ihn doch ab.“
Ich musste angesichts ihrer Naivität lachen. „Das werde ich auch, aber wenn ihn jemand findet, hat er alle Zeit der Welt, ihn aufzubrechen und leerzuräumen.“
„Was ist denn so Wertvolles in den Paketen?“
„Keine Ahnung, ich liefre nur aus. Jedenfalls nichts, das wir nicht befördern dürften. Aber es geht ums Prinzip. Und wenn da nur Altpapier drin wäre – ich bin meinen Job los, wenn am Ende was fehlt.“ Und still bei mir dachte ich, dass mein Job wohl schon jetzt keinen Pfifferling mehr wert war.
„Wer sollte hier schon herkommen?“
Ich nahm meine Unterlippe zwischen die Zähne, zog die Brauen empor und sah sie mit schiefgehaltenen Kopf fragend an. Sie kam jedoch nicht auf das Naheliegende.
„Was denn?“, fragte sie.
„Na was wohl. Sie haben doch auch hierher gefunden.“
„Oh“, lachte sie. „Das lag nur an Harris. Der hatte wohl ’n Reh oder so was aufgescheucht und ist ihm nach. Ich kam kaum hinterher. Na, und dann standen wir vor Ihrem Fluggerät.“
„Fluggerät?“
„Wenn das Ding …“, sie zeigte auf den Sprinter, „… net fliegen kann, wie sann Sie dann hier gelandet? Oder hat Sie ’n Hubschrauber abgesetzt?“
Ich lächelte gequält. „Die Frage haben wir bereits unbeantwortet bleiben lassen müssen. Denken Sie, ich habe inzwischen eine Erklärung dafür? Sagen Sie mir lieber, wo die Mühlenstraße ist.“
Sie deutete über die Schulter hinweg schräg hinter sich, ohne den Blick von mir zu lassen. „Irgendwo dort hinten. Is aber ’n ganzes Stück weg.“
Ich folgte ihrer Geste und schüttelte gedankenverloren den Kopf.
„Na“, meinte sie, „vielleicht klärt sich ja später alles auf. Hierbleiben können Sie jedenfalls net.“
„Nein“, gab ich zu. „Warten Sie noch ’ne Minute, ja? Mir ist da gerade ’ne Idee gekommen.“
Ich riss ein Blatt aus meinem Notizblock, schrieb ein paar Zeilen darauf und heftete den Zettel gut sichtbar an die innere Seite der Frontscheibe. Dann kramte ich meine nassen Sachen zusammen, steckte Handy und Brieftasche ein und verschloss die Türen.
Patty trat näher an das Fahrzeug heran und reckte den Kopf. „Nicht berühren – Polizei ist informiert!“, las sie und ließ ihr allerliebstes Glucksen hören. „Alter Schwede! Wenn die Karre jetzt jemand findet, macht er bestimmt ’nen großen Bogen drum rum.“
Ich runzelte die Stirn. „Haben Sie ’ne bessre Idee?“
Patty wurde schnell wieder ernst. Nur ein verschmitztes Lächeln blieb. „Klar. Tarnung! Doch dafür ist die Kiste zu groß. Wir müssten den halben Wald abholzen.“ Sie wandte sich zum Gehen. „Komm, Harris, machen wir, dass wir heimkommen. Damit wir dem Onkel seine Sachen trocken kriegen.“
Seufzend setzte ich mich in Bewegung, gefolgt von dem Bullterriergesicht, dem bisher noch kein Wort über die Lefzen, pardon, Lippen, gekommen war.
„Wenn wir in Ihrer Mühle sind, rufe ich die Firma an“, sprach ich gegen Pattys Rücken und tastete nach dem Handy. „Die werden schon wissen, was zu tun ist. Es sei denn, ich kriege noch unterwegs ein Netz.“
„Wir hamm kein Telefon“, knurrte Mello hinter mir.
Ah, dachte ich, sprechen kann er auch. Dann stutzte ich. „Sie haben kein Telefon?“
„Brauch ’n mar nich.“
„Auch kein Handy?“
„Nee.“
Einen Augenblick lang war ich sprachlos, während ich weiterging. Dann kam mir eine Erleuchtung: „Oh, ich weiß. Sie kommunizieren lediglich übers Internet per Mail und so. Okay, geht natürlich auch. Dennoch ist es verwunderlich, dass …“
„Hammar ooch nich“, fiel mir dieses Unikum ins Wort.
„Ach …“ Wieder war ich sprachlos, dann kratzte ich den Rest logischen Verstandes hervor, der noch in mir schlummerte. „Aber die Reservierungen beispielsweise. Wie sollen die funktionieren? Etwa nur durch Briefpost?“
Mello schwieg. Er schien seine Tagesration an Worten für heute aufgebraucht zu haben. Statt seiner fragte Patty, ohne sich umzudrehen: „Welche Reservierungen?“
„Na, Sie sprachen doch von einer Mühle. Gibt es da denn keinen Gaststättenbetrieb und keine Übernachtungsmöglichkeiten wie in vielen anderen Mühlen auch?“
„Ah, jetzt versteh ich“, lachte Patty und ich atmete auf. „Sie meinen die Gastwirtschaften im Mühltal.“
„Ja. Klar.“
„Da muss ich Sie enttäuschen. Mit denen haben wir nichts zu tun.“
Zu früh aufgeatmet, Walter!
„Ich dachte, Sie wären in einer der Mühlen angestellt, und …“
„Wir sann net angestellt. Die Mühle gehört uns selbst. Sie werden sie gleich sehen. Ist net mehr weit!“
Ich beschloss, es dem stumpfsinnig hinter mir her trottenden Mello gleichzutun und zu schweigen. Mir wären auch keine Fragen mehr eingefallen, auf die ich befriedigende Antworten hätte erhalten können.
Auf unserem Weg durch den Forst berührten wir weder Straßen noch regelrechte Wege. Nur ausgetretene Pfade und mitunter kleine Lichtungen. Ich blieb meinem Vorsatz treu und äußerte mich nicht dazu. Sicherlich handelte es sich um eine Abkürzung, deren Richtung der Hund vorgab. Und der sollte ja nun weit davon entfernt sein, sich zu verlaufen. Selbst wenn ihm, wie sich Patty ausdrücken würde, „ein interessantes Wild“ in die Quere käme.
Apropos: weit entfernt. Ich traute weder Patty noch Mello zu, etwas mit Einsteins Relativitätstheorie anfangen zu können; deren Prinzip indes schienen beide unterbewusst verinnerlicht zu haben: Es bedeutete noch eine geschlagene halbe Stunde Fußmarsch durch den Wald, bis sich die Worte Pattys „… net mehr weit!“ erfüllten.
Ich weiß nicht, ob die Aufregung der letzten Stunden oder mein leerer Magen schuld waren – mir wurde plötzlich übel. Das Unwohlsein ging jedoch schnell vorüber; innerhalb von Sekunden. Dafür wollten mich meine Beine im Stich lassen. Sie fühlten sich an, als seien sie aus Gummi. Ich bekam es mit einer unerklärlichen Angst zu tun. Angst, weiterzugehen.
„Is’ ’n los?“, fragte Mello hinter mir, der mein Zögern bemerkte und ebenfalls stehenblieb.
„Ich – ich weiß nicht“, antwortete ich. „Ich würde am liebsten wieder umkehren.“
Patty wendete sich nach mir um, tauschte einen Blick mit ihrem Bruder und nickte verstehend. „Glauben Sie mir, Ihr Fahrzeug ist gut aufgehoben, dort, wo es steht.“
„Darum geht es nicht. Irgendwie ist mir flau im Magen. Und ich habe …“ Ich traute mich nicht, zuzugeben, Angst zu haben. Ich hätte nicht begründen können, wovor.
„Sie haben lange nichts gegessen und getrunken, nicht?“
Ich nickte.
„Okay. Machen wir ’ne Pause.“ Sie nestelte an ihrer Umhängetasche herum, öffnete sie und holte eine kleine Flasche hervor. „’n Schluck Cola? Was anderes hab ich leider nicht.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Oder ’ne Zigarette?“ Sie hielt mir ein Plastiketui hin. „Beruhigt den Magen.“
Ein Internist hätte ob dieser im Brustton der Überzeugung hervorgebrachten Behauptung die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, doch Patty meinte es gut, und mir waren die Zigaretten ohnehin ausgegangen, also griff ich zu.
„Danke. Oh, das ist die letzte, wie ich sehe.“
„Macht nichts, hab noch ’n Päckchen.“
Wir setzten uns auf einen liegenden Baumstamm und rauchten. Mello hockte abseits, spielte mit seiner Gürtelschnalle, kraulte Harris und warf dann und wann einen Blick zu uns herüber.
Bereits nach den ersten drei Zügen wich der Druck in mir, und ich fühlte mich mit jeder Sekunde etwas besser.
„Okay“, sagte ich schließlich und erhob mich. „Ich glaube, wir können weiter. Keine Ahnung, was mit mir los war.“
Sofort setzte sich Harris, als hätte er meine Worte verstanden, wieder an die Spitze unserer Gruppe.
„Wahrscheinlich nur Nikotinentzug“, schmunzelte Patty. „In der Mühle können Sie sich mit Zigaretten versorgen.“
„Haben Sie da auch was zu essen? Bezahl ich natürlich.“
„Sie werden bald was Kräftigendes bekommen. Da vorn ist schon das Teufelstal.“ Sie nickte mit dem Kopf in die Richtung. „Keine zweihundert Meter mehr.“
Sie hakte sich bei mir ein und zog mich mit sich. Dabei redete sie ununterbrochen auf mich ein. Das unerklärliche Gefühl der Angst war vollständig gewichen. Ich fühlte mich zwar noch immer mau, doch wollte ich mir vor einer jungen Frau keine Blöße geben und nicht als Schlappschwanz dastehen. Also riss ich mich zusammen. In meinem Rücken hörte ich Mello grunzen.
Der dichte, kalte Nebel, der das Tal – von der Anhöhe aus betrachtet – wie ein breiter, milchiger Fluss durchzog, lichtete sich zusehends, und als wir die Sohle erreichten, war er fast völlig verschwunden. Der Anblick, der sich mir jetzt bot, ließ mich den Schritt verhalten und die Hand mitsamt des – noch immer kein Netz findenden – Handys senken: Mittelalterlich wirkende Holzhütten und langgestreckte, einstöckige Blockhäuser zogen sich wie eine Kette durch den engen Grund, hier und da von Gattern und Gehegen unterbrochen, in denen sowohl Ziegen als auch andere Nutztiere gehalten wurden. Aus der Mitte der Dächer vieler größerer Häuser – Schornsteine im eigentlichen Sinne sah ich keine – quoll dünner Rauch und mischte sich in der Höhe mit dem Nebel. Unsere Sonne sah ich als matten Fleck am Himmel prangen, welcher das Auge nicht blendete. Die Lichtverhältnisse hier unten ähnelten somit denen, wie sie eine Morgendämmerung bei leichtbewölktem Firmament hervorzubringen imstande ist. Ein paar abgemagerte Hunde streunten umher und verzogen sich schleunigst mit eingezogenen Schwänzen, als Harris kurz Laut gab. Sie hatten wohl schlechte Erfahrung mit ihm gemacht.
„Weiter!“, knurrte es hinter mir, dann fühlte ich einen zwar sanften, doch mit allem Nachdruck geführten Stoß im Rücken. Mir lag eine Entgegnung auf der Zunge, doch als ich mich nach Mello umblickte, verkniff ich sie mir und wandte meinen Blick wieder nach vorn. Er hatte ein Grinsen aufgesetzt, das wohl jovial und um Nachsicht bittend wirken sollte, doch gerade diese Emotion nicht in mir auslöste. Es war das Lächeln eines Menschen, der es seit Jahrzehnten nicht mehr praktiziert hatte und nun spontan zur Schau zu stellen versuchte.
„Unsere Mühle“, sagte Patty in diesem Moment und zeigte in Richtung eines größeren Fachwerkhauses, welches durch einen langgezogenen, überdachten, fensterlosen Übergang mit einem etwas niedrigeren Gebäude gleicher Bauart verbunden war. Rechts davon verbreiterte sich das schmale Tal zu einem kleinen Kessel mit mehreren Teichen inmitten üppig grüner Wiesen. Waren das die Fischteiche, die Patty erwähnt hatte?
„Die beiden einzigen Gebäude, die halbwegs in die Zeit zu passen scheinen“, sagte ich. „Alles andere wirkt uralt und etwas deplatziert. Als habe der Bauherr dieser Schauanlage nicht richtig recherchiert. Vielleicht war es ja auch nur eine Frage des Geldes.“
Patty sah mir eine Sekunde lang verwirrt ins Gesicht, dann vernahm ich ihr lang vermisstes Glucksen. „Oh, ich ahne, was Sie meinen, aber nein, das hamm wir alles selbst gebaut. Wir und unsere – Gehilfen. Hier soll nischt zur Schau gestellt werden. Die zwei Mühlengebäude standen allerdings schon, als wir das Anwesen übernahmen.“
Jetzt dämmerte es mir. „Verstehe. Hätte auch gleich drauf kommen können: Es ist ein Experiment, nicht wahr? Ich meine, so eines wie das der Marsmission, als eine Handvoll künftiger Astronauten, von der Außenwelt abgeschirmt, ein Jahr lang durchhalten und sich selbst versorgen mussten. In gewächshausähnlichen, abgeschotteten …“
„Ich weiß, was Ihnen da vorschwebt, doch es ist kein Experiment“, unterbrach sie mich.
„Oh, dann – dann seid ihr Aussteiger, ja?“
„Aussteiger?“
„Aus der Gesellschaft. Leute, die sich mit den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen nicht arrangieren können oder wollen. Deshalb kein Telefon und keine Computer.“
Ich blickte mich demonstrativ um.
„Und wie ich vermute auch kein Strom, keine Autos, Zentralheizungen oder Ähnliches. Nur mit und von der Natur leben. Ohne technischen Schnickschnack. Ohne den geringsten Luxus. Na, ehrlich gesagt, das wäre nichts für mich.“
„Aussteiger“, sagte Patty mit in sich gekehrtem Blick. „Ja, so könnte man’s nennen.“ Dann sah sie mich an und lächelte. „Ja, Aussteiger. Das ist sogar treffend formuliert. Oh – Sie werden uns ja noch kennenlernen und sicherlich Ihre Meinung ändern. Warten Sie’s nur ab.“ Sie wollte weitergehen, doch ich ergriff einen Augenblick lang ihr Handgelenk.
„Hören Sie, Patty, ich bin Ihnen …“ Ich blickte mich kurz nach Mello um. „… beiden wirklich sehr dankbar. Und ich akzeptiere euer Konzept, ich meine, eure Weltanschauung oder wie man das nennen will. Aber – ich muss unbedingt mit der Zivilisation Verbindung aufnehmen, verstehen Sie? So schnell wie möglich.“
„Das sollen Sie ja auch“, nickte sie. „Aber ’n paar Minuten werden Sie sich noch gedulden müssen. Sobald Sie sich etwas ausgeruht und gestärkt haben und Ihre Sachen trocken sann, bringt Sie Mello hoch zur Autobahn. Einverstanden?“
Ich atmete durch. „Ja. Was bleibt mir auch übrig. Ich meine, nicht dass ich Ihre Gastfreundschaft nicht zu schätzen wüsste, aber …“
Eine Hand legte sich auf meine Schulter. Langsam drehte ich mich um. Mellos Grinsen entbehrte noch immer jeglicher Anziehungskraft, doch wirkte es nicht mehr so aufgesetzt wie zuvor. Ich nickte ihm zu und ergab mich in mein Schicksal.
III
Auf dem Weg zur Mühle trafen wir ein halbes Dutzend Gestalten, die, wie ich, graue Freizeitanzüge trugen. Der Unterschied: Mit dem meinen hätte ich auf dem Wiener Opernball wohl nur mäßige Aufmerksamkeit erregt. Es war jedoch nicht nur der Schmutz, der mich frappierte, sondern auch das Verhalten der Männer. Sie nahmen keine Notiz von uns, ja schienen uns überhaupt nicht zu bemerken. Diese abwesenden, stumpfsinnigen, in die Ferne oder auf den Boden gerichteten Blicke, die halb offenstehenden Münder, die bleichen, ausdruckslosen Gesichter, die langsamen, gleichförmigen Bewegungen – all dies wirkte roboterhaft, als stünden sie unter dem Einfluss von Medikamenten oder Drogen. Sie erinnerten mich an meinen Großvater im Altenpflegeheim. Er litt an Alzheimer und fortgeschrittener Demenz. Ein halbes Jahr vor seinem Ableben lief er genau so ziellos umher wie diese Typen. Nur dass er es auf dem Gang des Heims tat. Mit dem Rollator.
Ich hatte keine Zeit, diese Betrachtungen zu vertiefen. Auf meine Frage hin meinte Patty nur, dass es Bergarbeiter wären, die eine schwere Schicht gehabt hätten und nun nach Hause gingen, um ihren wohlverdienten Feierabend zu genießen.
„Wonach graben die denn?“, fragte ich.
„Oh, nach allem Möglichen. Ich weiß das selbst net so genau. Mit den Bergleuten hab ich net so viel zu tun. Kümmre mich eher um die Korbflechterei. Jetzt kommen Sie erst mal rein, damit wir Ihre nassen Klamotten trocken kriegen.“
Wir betraten das Mühlengebäude. Über der Tür war eine Inschrift aus verschnörkelten Buchstaben angebracht. Ich hatte keine Zeit, sie zu entziffern. Von einem engen Flur aus zweigten einige Türen ab. Patty wandte sich einer steilen, hölzernen Treppe zu und begann sie zu erklimmen. Es lag ein dumpfer, säuerlicher Geruch in der Luft.
„Stoßen Sie sich net den Kopf am Sturz. Hier sann die Decken sehr niedrig.“
„Sie arbeiten also in der Korbflechterei?“ Ich fragte nur, um etwas zu sagen. Um meine Sicherheit wieder zu gewinnen. Denn ich fühlte mich hier irgendwie deplatziert.
„Ja. Geht mit der Zeit ganz schön über die Finger. Und die Zehen.“
„Die Zehen?“ Ich war überrascht. „Ich wusste gar nicht, dass man die dafür benötigt.“
„Dann haben Sie noch nie gesehen, wie ’n Weidenkorb entsteht, net wahr?“
„Ehrlich gesagt nicht. Ich nehme an, ihr verkauft die Körbe. Alles könnt ihr ja bestimmt nicht selbst herstellen, was zum Leben so benötigt wird.“
„Richtig. Aber auch Gemüse, Obst, Eier und Fleisch bieten wir auf den Märkten an. Dafür kaufen wir dann Salz, Seife, Werkzeuge und so ’n Zeugs. Ansonsten sind wir sehr genügsam. Wir brauchen keinen Luxus.“
„Ja, davon bin ich überzeugt“, sagte ich und folgte ihr in einen kleinen Raum im ersten Stock. Er war recht spärlich eingerichtet. Das Mobiliar schien obendrein bunt zusammengewürfelt zu sein – kaum etwas passte geschmacklich zueinander. Überdies gab es nichts, das unbeschädigt war. Ich hatte den Verdacht, dass Patty und ihre Gesinnungsgenossen regelmäßig die Sperrmüllplätze plünderten, denn selbst im An- und Verkauf wären hochwertigere Möbelstücke zu ergattern gewesen. Doch dafür reichte wohl das Geld nicht.
Ein Kaminofen, der auch bessere Tage gesehen haben mochte, verbreitete wohlige Wärme.
„Ruhen Sie sich aus“, sagte Patty und wies auf eine Couch, die allem Anschein nach ebenfalls von anno dazumal stammte. Immerhin lag eine saubere Decke darauf. Ich setzte mich, während Patty meine feuchten Sachen auf eine vor den Ofen gespannte Leine hing.
„Ich denke, in etwas über einer Stunde sann sie trocken. Möchten Sie was essen und trinken?“
„Ich will Ihnen keine Umstände machen“, sagte ich. „Den Hunger habe ich wohl übergangen, doch wenn Sie ’n Schluck Wasser hätten …“
„Haben wir“, lächelte sie und blickte in Richtung Tür, durch die eben eine Kreatur trat, bei deren Anblick ich unwillkürlich an die Hexe Baba Jaga aus den russischen Märchen erinnert wurde. Sie schien an die hundert Jahre alt zu sein und ging so gebückt, dass ich fürchtete, sie könne jeden Augenblick vornüber fallen. Der faltige Mund dieses Wesens hatte längst alle Zähne verloren, dünne, graue Haarsträhnen ragten zu beiden Seiten eines noch graueren Kopftuchs hervor, und sowohl Strickjacke als auch Rock waren wohl seit Jahrzehnten nicht gewaschen worden; es war unmöglich, die Farben zu deuten, welche diesen Kleidungsstücken ursprünglich eigen gewesen waren. In den klauenartigen Händen balancierte die Alte ein Tablett, auf dem ein Krug aus Steingut und ein ebensolcher Becher standen. Sie ging barfuß oder in Strümpfen – genau konnte ich das in Anbetracht des eingetrockneten Schlamms an ihren Füßen nicht erkennen.
„Das ist Melly“, sagte Patty. „Die gute Seele des Hauses. Sie hat was ganz besonders Leckeres für Sie.“
Ich bezweifelte angesichts der Attraktivität der Serviererin, dass es sich bei dem Inhalt des Kruges um etwas Leckeres im wörtlichen Sinne handeln könne und zog ein entsprechendes Gesicht, welches Patty Anlass bot, ihr Glucksen hören zu lassen. Sie nahm der Alten das Tablett ab und stellte es vor mir auf den Tisch.
„Danke Melly, du kannst gehen.“
Melly ließ ein Grunzen hören, welches in einem zischenden Laut endete, als habe jemand den Stöpsel aus einem Schwimmring gezogen. Dabei nickte sie mir zu und verzog den Mund zu einer Grimasse, die wohl ein Lächeln darstellen sollte. Dann drehte sie sich um und schlurfte davon. Mich fröstelte.
Patty hatte indes den Becher gefüllt und setzte ihn mir vor. Dabei schnalzte sie mit der Zunge. „Kennen Sie Kumys?“
Na bitte. Meine Ahnung, den Inhalt des Kruges betreffend, hatte mich nicht getäuscht.
„Kuhmist?“, fragte ich mit gelindem Entsetzen in der Stimme.
Patty lachte. „Kumys! Vergorene Stutenmilch. In der Mongolei ist es Grundnahrungsmittel und Lebenselixier zugleich. In Ermangelung von Pferden nehmen wir die Milch der Ziegen dafür und würzen das Ganze mit Zitronenschalen und einer Priese Ingwer.“
Ich besah mir den Inhalt des Bechers und schnupperte an dessen Rand: Eine weißlich-graue, leicht schäumende Flüssigkeit, welche nach schimmeliger Hefe mit der süßsäuerlichen Note überlagerten Federweißers roch. Wenn dieser Duft auf den Geschmack schließen ließ, zöge ich abgestandenes Wasser aus einer Pfütze vor.
„Nur Mut“, gluckste Patty, die meine Gedanken erriet. „Es schmeckt besser als es riecht.“
„Ich weiß nicht“, zögerte ich. „Hat die – die gute Seele von eben diesen Kuhmi…, eh, Kumys zubereitet?“
„Natürlich. Melly ist die einzige, die das bis zur Perfektion beherrscht. Kein Kumys ist so gut wie ihrer.“
„Trinkt sie ihn auch selbst?“
„Na klar doch. Alle trinken ihn. Nur zu, kosten Sie!“
„Wie alt ist sie?“
„Wer? Melly?“
„Ja.“
„Keine Ahnung.“ Parry zuckte die Schultern. „Weit über neunzig, denke ich.“
Soviel zum Lebenselixier! Ich nahm all meinen Mut zusammen und probierte einen Schluck. Das Zeug schmeckte wie Kefir mit einem Schuss Wodka und ein paar Tropfen Zitronensaft. Etwas bitter mit leichter Schärfe im Nachgang, aber durchaus trinkbar. Möglicherweise lag es ja auch am Durst, der mich das Gesöff positiver beurteilen ließ als es verdiente. Ich nahm noch einen Schluck. Und noch einen. Und …
„Und?“, lauerte Patty auf mein Urteil.
Ich musste unwillkürlich an Nadine denken. Sie hatte – wie wohl alle Frauen – die Angewohnheit, mich mit Fragen zu bombardieren, während ich trank. Da half es auch nicht, ihr klarzumachen, dass ich nicht einfach mittendrin aufhören und ihr antworten konnte, wenn ich so recht „im Zuge“ war. Sie tat es dennoch immer wieder.
Endlich setzte ich den Becher ab und schnappte nach Luft.
Patty griente. „Was sagen Sie, ist das was?“
Ich nickte. „Besser als ich dachte. Ehrlich.“
„Freut mich“, sagte sie und schenkte nach.
„Da ist Alkohol drin, nicht?“
„Nur ’n paar Prozent. Weniger als Bier hat.“
Ich trank noch einen Becher aus. Dann setzte ich ihn ab und rülpste.
„Oh, ’tschuldigung, das – das ist mir so rausgerutscht. Liegt wohl an der Kohlensäure.“
Patty kicherte und stellte den Becher auf das Tablett. „Ein Zeichen, dass es geschmeckt hat. Jetzt legen Sie sich etwas hin. Ich komme bald wieder und schaue nach, ob Ihre Sachen trocken sann.“
„Und dann bringt mich Mello hinauf zur Autobahn? Gibt es nicht irgend eine Ansiedlung in der Nähe?“
„Die nächste Mühle ist über vier Kilometer weit weg. Bis zur Autobahn sann es nur knapp zwei, wenn Sie den kürzesten Weg über den Hang nehmen. In der Nähe ist ein Rastplatz mit einer von diesen Notrufsäulen. Sie wissen schon, wenn man ’n Unfall hatte oder so. Was in Ihrem Fall ja zutreffen dürfte. Mello zeigt Ihnen den Weg.“
Sie ging und ließ mich mit meinen Gedanken allein: Eine Stunde! Zusammen mit dem Fußmarsch höchstens zwei. Ich schaute zur Uhr. Wenn alles glatt läuft, bin ich am frühen Abend zu Hause. Vorher muss ich natürlich in die Firma. Der Wagen! Wie den aus dem Wald kriegen? Finde ich den überhaupt wieder? Ach was, der Hund kennt den Weg. Harris wird uns schon hinbringen. Mich und die Kollegen. Und das Technische Hilfswerk. Und wen sonst noch …
Ich legte mich auf die Couch. Mir war etwas schwindlig. Hatte ich einen Schwips? Diese Müdigkeit. Ich starrte zur holzgetäfelten Decke. Die Balken begannen sich zu drehen. Erst langsam, dann immer schneller.
Weniger als Bier – Nur ’n paar Prozent – Nich der Rede wert – Weit über neunzig – Baba Jaga – Kuhmist –Besser als gedacht – Lebenselixier …
Patty nimmt meine Sachen von der Leine. Ich sehe sie deutlich vor mir. Sie sieht ernst aus. Nicht so fröhlich wie sonst. Und die anderen? Wer sind die? Wieso kann ich mich nicht bewegen? Ich höre mich atmen, aber ich fühle es nicht. Oder atmet ein anderer für mich? Sie reden miteinander, doch verstehe ich ihre Worte nur undeutlich. Als stäke mein Kopf unter Wasser.
Was nun? Wieso legt man mich auf eine Trage und – bringt mich fort? Hinaus aus dem Raum – die Treppe hinab – durch endlose Gänge – ins Freie …
Ich will reden, Fragen stellen, aber ich vermag es nicht. Mein Mund ist wie zugenäht.
Es ist Nacht. Da sind Fackeln und zwei, nein, drei Feuer. Meine Augen brennen, wenn ich direkt in die Lichter schaue. Ich höre Trommeln und sehe nackte, bemalte Körper, die um mich herum tanzen. Masken. Und unmaskierte, aber bemalte Gesichter, die zu Fratzen verzerrt sind. Einige von ihnen halten federgeschmückte Stäbe in den Händen. Zeremonienstäbe? Wer sind diese Leute? Was wollen sie? Was machen sie da?
Da steht ein – Sarg! Was in aller Welt soll ein Sarg hier? Er wird geöffnet. Man legt mich hinein. Bespritzt mich mit einer Flüssigkeit. Einer der Maskenmänner tritt hinzu und wedelt mir mit einem Federbüschel im Gesicht herum, während er Worte in einer mir fremden Sprache murmelt. Ich weiß nicht, was er in der anderen Hand hält. Ich erkenne es nicht.
Ich liege in einem – Sarg?! Warum liege ich in einem Sarg? Denken die, ich sei tot? Bin ich denn tot? Und warum – warum bin ich tot?
Der Sarg wird geschlossen. Dunkelheit umgibt mich. Ich will schreien, aber ich kann nicht. Ich fühle, dass ich wieder getragen werde. Dann abgelegt. Dumpfe Klänge, als schaufle jemand Erde auf den Sargdeckel. ERDE! Sie begraben mich. Sie begraben mich lebendig!
Ich kann mich nicht bewegen. Nicht den kleinen Finger rühren …
Ich bin nicht tot! Lasst mich raus! Ich will nicht sterben! Warum hört mich keiner?
Wie lange reicht die Luft zum Atmen in einem Sarg? Zwei Stunden? Drei, vier, fünf …
Wohl nicht so lange.
Niemals so lange. Niemals so …
IV
Zwanzig Hiebe mit der Hacke gegen den Fels. Dann rückten andere vor, während mein Nachbarkumpel und ich zur Seite traten, zurückgingen und uns in die Schlange der Dutzend Hauer einreihten, bis wir wieder an der Reihe waren. Alles lief schweigsam ab. Was sollten wir auch reden? Nicht dass es verboten gewesen wäre, doch wir hatten uns nichts zu sagen. Nur in Ausnahmefällen. Und dann so wenig wie möglich. Warum sollten sich Verstorbene auch miteinander unterhalten? Sie hatten ihre Arbeit zu tun hier im Totenreich. Und wenn sie diese zufriedenstellend erledigten, wurden sie eines Tages dafür belohnt: Mit dem Vergeben all ihrer Sünden. Und dem Einzug ins Paradies!
Niemand wusste, woraus es bestehen sollte. Was einen da erwartete. Aber die Aufseher wussten es. Sie sagten, dass im Paradies niemand mehr arbeiten müsse. Dass man für immer schlafen könne. Bis in alle Ewigkeit.
Schlafen! Nach getaner Arbeit in das Ruhehaus gehen, seine nach nichts schmeckende Mahlzeit hinunterschlingen, sich auf seinen Platz legen, die Medizin einnehmen (den „Drink“, wie es hier hieß) und dann – schlafen. Es war tagtäglich wie ein Vorgeschmack auf das Paradies. Nur dass dieser Schlaf leider nicht ewig währte. Stunden später wurde man geweckt und ging wieder an die Arbeit. Irgendwann, so sagten die Aufseher, würde man dann nicht mehr geweckt werden. Dann hielte man Einzug in den Garten Eden. Oder besser: Man sinke für alle Ewigkeit in Morpheus’ Arme.
Oh, wenn es doch nur schon so weit wäre …
Der Drink, so sagte man uns, wirke leistungssteigernd. Und wer mehr Leistung brächte, käme dem Paradies mit jedem Tag ein Stück näher. Außerdem sollte die Medizin Aggressionen, Wutausbrüche und Streitigkeiten jeglicher Art zwischen den Arbeitern unterdrücken helfen. Ich habe noch nie erlebt, dass ein Untoter einem anderen etwas getan hätte, und vielleicht war das ja gerade der Verdienst dieser Medizin. Sie hieß Atropin, und so nannte sich die Schwester, die sie uns täglich verbreichte, Atty. Es war überhaupt so, dass alle männlichen Namen der Lebenden auf O und alle weiblichen auf Y endeten. Und die der Haustiere, die nicht zum Schlachten vorgesehen waren, auf S. Wir Untoten trugen nur Nummern.
In den Ruhehäusern, jeweils an der Stirnseite nach Norden hin, gab es große Tafeln hinter einer Gitterwand, an denen Schilder mit den Nummern der Arbeiter angebracht waren. Die Oberaufseher waren die einzigen, die darauf Zugriff hatten. Manchmal, wenn in der Nacht zuvor wieder die Fackeln und Feuer gebrannt hatten und die Trommeln und Gesänge erklungen waren, kamen neue Nummern hinzu. Und mitunter verschwanden auch welche. Wenn eine Nummer nicht mehr an der Tafel stand, wusste derjenige, dem sie gehörte, dass er am Abend darauf ins Paradies einziehen dürfe. Dennoch musste er auch jetzt gewissenhaft seine Arbeit verrichten. Tat er das nicht, wurde seine Nummer wieder angehängt. Und dann konnte es dauern, bis er wieder an die Reihe kam. Und wenn er gar selbstverschuldet zur Hölle fuhr, weil er unachtsam gewesen war oder grob fahrlässig gehandelt hatte, wurde seine Nummer auf den Kopf gestellt. Zur Abschreckung und als Warnung für andere.
Mein Name übrigens lautete: M203. Und ich hoffte inständig, er würde nie verkehrt herum an der Tafel stehen!
Die Hölle, so wurde uns eingetrichtert, sei ein Ort, an dem man niemals schlafe. Man würde dort wachgehalten werden, bis es schmerzt. Und dann weil es schmerzt. Auf Ewigkeit! Es sei so, als ob man atmen wolle, aber nicht könne. Als Lebender fiele man irgendwann in Ohnmacht. Als Untoter jedoch würde die Qual des Erstickens niemals aufhören. Sie steigerte sich sogar ins Unendliche.
Versuchen Sie es getrost: Atmen Sie aus und halten Sie dann die Luft an. Solange Sie es vermögen. Und darüber hinaus! Noch ein paar Sekunden. Weiter, nicht aufhören! Weiter, weiter – spüren Sie es? Nein, nicht – oh, jetzt haben Sie geschummelt. Ja, atmen Sie ruhig. Sie dürfen es ja. Sie sind nicht in der Hölle der Untoten. Aber Sie haben einen kleinen Vorgeschmack bekommen, nicht wahr? Nur einen klitzekleinen …
Nach der Schicht wurde man gewaschen. Man konnte das nicht selbst tun, denn niemand von den Hauern, Huntstößern, Karrenläufern, Gemüsebauern, Ziegenhirten, Korbflechterinnen und anderen Arbeitern wusste, wie das ging. Keiner kannte sich damit aus. Nur die Schwestern. Jede von ihnen kümmerte sich um zehn Untote. Stets um dieselben. Sie wechselten nie die zu Betreuenden. Nur in Ausnahmefällen. Das hatte Gründe. Die Schwestern kannten ihre Untoten. Jede Veränderung wäre ihnen sofort aufgefallen. In Ermangelung labortechnischer Analyseverfahren durften ihnen auch die kleinsten Anzeichen für Abweichungen der Norm nicht entgehen. Die Untoten reagierten verschieden auf die Medizin. Der eine benötigte eine höhere, der andere eine niedrigere Dosis Atropinsulfat.
Nach getaner Arbeit, völlig ausgepumpt und müde, nahm man die Schwestern und die weiblichen Untoten, die ihnen bei den Untersuchungen assistierten und uns allabendlich die Medizin einflößten, kaum zur Kenntnis. Für mich sahen sie ohnehin alle gleich aus. Ich hätte nicht einmal zu sagen vermocht, ob beide weiblich oder männlich waren. Erst mit der Zeit lernte ich, sie voneinander zu unterscheiden.
Die Schwestern kamen als Wäscherinnen wieder, wenn man tief schlief. Diesmal ohne Begleitung untoter Assistentinnen. Und vor Beginn der nächsten Einfahrt war man dann sauber und gesalbt. Gesalbt hieß hier: verarztet. Man trug plötzlich Verbände und Pflaster, wo zuvor noch keine gewesen waren. Es kam ja immer wieder vor, dass man sich verletzte. Sei es durch Steinsplitter, welche die Haut ritzten, wenn man mit der Hacke gegen den Fels schlug. Durch unaufmerksame Huntstößer, die einem die schwere Lore gegen die Beine schoben. Oder durch Steinschläge, hereinbrechende Stöße und einstürzende Schalungen. Man bekam das selbst ja kaum mit. Spürte höchstens ein leichtes Ziehen oder Kribbeln, nie jedoch Schmerz. Nur wenn es tiefer ging. Wenn einem ein Bein abgetrennt oder der Unterleib zerquetscht wurde. Oder man unglücklich fiel und sich die Spitze der Hacke in den Brustkorb bohrte. Dann spürte man das.
Ich hatte es einmal miterlebt. Nicht am eigenen Leibe. Aber ich hatte gesehen, wie Nummer M156 von einem angespitzten Holzpfeiler durchbohrt wurde, als ein Teil der Joche und Kappen einer verlorenen Zimmerung infolge des Einbrechens eines Stoßes nachgab. Nein, falsch. Ich hatte nicht wirklich mitbekommen, wie es passiert war. Nur dass der Kumpel dann am Boden gelegen und sich im diffusen Schein der Grubenlampen gewunden hatte. Halb begraben von zentnerschwerem, lockerem Gestein. Dabei war ein Fauchen von seinen, mit schaumigem, blaugrauem Blut bedeckten Lippen gekommen. Seine Arme hatten sinnlose, zuckende Bewegungen vollführt. Das Weiße in seinen Augen war erst rosa, dann violett geworden. Schließlich hatte er mit dem Kopf immer wieder gegen den harten Boden geschlagen, bis sein Schädel brach. Es hatte sich angehört, als habe einer der Gemüsebauern eine Melone auf den steinigen Weg fallen lassen. Und dann hatte er sich nicht mehr bewegt. Nur ein kurzes Röcheln noch …
Die Aufseher sagten, er werde nie ins Paradies einziehen, denn er war unaufmerksam gewesen, habe die Zimmerung beschädigt, so den Unfall verursacht und sich damit selbst gerichtet. Sie ließen ihn ins Haupthaus bringen; darauf bekam ihn niemand mehr zu Gesicht. Nach Ende der Schicht hing sein Nummernschild verkehrt herum an der Tafel. Und sein geborstener Schädel steckte am nächsten Tag auf dem Zaun am Richtplatz. Ohne Zeremonie und Opfermahl.
Zurück zu den Schwestern: Man munkelt, dass diese – die wie die Aufseher nicht zu den Untoten zählten –, mit den schlafenden Arbeitern mitunter Sachen machten, welche weit über das Waschen und Salben hinausgingen. Ich habe das von Nummer W188 erfahren, auf die ich noch kommen werde. Sie wollte es aus einem Gespräch zwischen zwei Aufsehern erlauscht haben. Näheres wusste sie auch nicht zu berichten, doch die Aufseher sollen gelacht haben, als sie davon sprachen. Sie gönnten den Schwestern ihren Spaß. Wie sie selbst den ihren mit den weiblichen Untoten aus der Gärtnerei und Korbflechterei hätten. Und ab und zu auch mit den männlichen. Es schien dies eines von vielen Gerüchten zu sein, welche sich um unser Dasein im Lager rankten. Und wenn man auch gemeinhin davon ausging, dass an jedem Gerücht etwas dran sei, so wusste ich nicht, worin die Wahrheit bestehen sollte. Dazu fehlten mir jegliche Vorkenntnisse. Wie die Bereitschaft und Fähigkeit, darüber tiefgründig nachzudenken.
Das Nachdenken übrigens gehörte auch zu den Dingen, welche ein Arbeiter tunlichst zu vermeiden hatte, wenn er ins Paradies kommen wollte. Abgesehen davon, dass er es – bis zu einem gewissen Grad – gar nicht erst fertigbrächte. Worüber hätte er auch nachdenken sollen? Das Einzige, das mir und meinen Gefährten tagtäglich durch den Kopf ging, war der Gedanke an den wohlverdienten Schlaf nach getaner Arbeit. Nur darum drehte sich alles. Sonst um nichts! Und natürlich an den Einzug ins Paradies. Aber – das hatten wir ja schon …
Wenn ein Hauer, Schachtzimmerer oder Huntstößer nicht mehr in der Lage war, seine Norm zu erfüllen, wurde er zu anderen, leichteren Arbeiten eingesetzt. Keiner der Lebenden wäre auf den Gedanken gekommen, einen Simulanten in ihm zu vermuten. Untoten war es ja von Natur aus verwehrt, freie Entscheidungen treffen zu können, wären doch solche wieder mit Denkprozessen verbunden gewesen. Ein Arbeitswechsel bedeutete allerdings, dass sich dadurch sein Einzug ins Paradies verzögerte. Es sei denn, der Betreffende war anderen gegenüber geschickter und schneller und konnte so beim alles entscheidenden Voodoo-Meister Pluspunkte sammeln. Den bekam man nicht zu Gesicht. Nur seine Gestalt, die in eine weiße Tunika gehüllt war. Mit weit überhängender Kapuze und einer Maske. Er äußerte selbst nie ein Wort; nahm lediglich Besitz vom Bokor, dem Schwarzmagier, wenn er Lebenden und Untoten etwas mitteilen wollte und sprach dann durch ihn wie ein Geist in einer spirituellen Sitzung, der in den Körper des Mediums fährt.
Was Bestrafungen betraf, so bekam man es nur mit zwei Arten zu tun, welche es allerdings in sich hatten: Man konnte auf dem Weg zum Paradies zurückgestellt werden. Einmalig oder immer wieder, je nachdem, wie viele Verfehlungen man in welcher Zeit beging. Und man konnte gleich zur Hölle fahren. Mit Pauken und Trompeten. Oder besser gesagt: Mit Trommeln und Fackeln. Und dem Sägemesser.
Andere Formen der Maßregelung gab es nicht. Sie hätten auch keinerlei Wirkung gehabt. Für Lebende vielleicht. Nicht jedoch für uns Untote.
Zurückgestellt zu werden war schlimm. Doch ganz gleich, wie oft es passierte – man durfte noch immer Hoffnung haben, eines Tages ins Paradies zu kommen. Anders bei der finalen Bestrafung, der Hinrichtung. Diese war endgültig.
Der Richtplatz war weiträumig von einem niedrigen, hölzernen Zaun umgeben. Jeder Pfeiler am Ende eines Zaunfeldes überragte dessen oberen Riegel um einen halben Meter und war angespitzt.
Fiel ein Untoter der finalen Bestrafung anheim, wurde ihm eine bestimmte Medizin verabreicht, die ihn in einen tiefen Schlaf versetzte. Dennoch wurde er gefesselt. Aus rein psychologischen Gründen, wie ich später erfuhr. Niemand sollte denken, er habe sich mit seinem Schicksal abgefunden und ließe alles freiwillig über sich ergehen.
Dann wurde er bäuchlings auf den Opferstein gelegt. Nun traten die Gehilfen des Scharfrichters herbei – vier an der Zahl – und hielten den Delinquenten fest. Unmittelbar neben ihnen sorgten sechs Fackelträger dafür, dass die Zuschauer das Ritual in all seinen schrecklichen Details wahrnehmen konnten. Der bis dahin abseits wartende Scharfrichter zog sein „Instrument“ aus der Scheide. Dieses bestand aus einer Art Machete mit Sägezähnen an der Schneide. Ähnlich einer achtzig Zentimeter langen Säge, welche man zum Ausästen verwendet. Am unteren Ende befand sich der sogenannte Vorschneider. Ein fünfundzwanzig Zentimeter langer, nicht gezahnter, dafür aber rasiermesserscharfer Abschnitt der Klinge, mit welchem zunächst Haut, Sehnen und Muskeln des Halses durchtrennt werden mussten, bevor mit dem eigentlichen Sägen begonnen werden konnte. Dieser Vorschnitt durfte nur mittels eines einzigen Zuges geschehen.
Nachdem die Trommeln und Gesänge verstummt waren, verkündete einer der sieben Oberaufseher, der zuvor vom Voodoo-Meister zum Bokor bestimmt worden war, das Urteil, dem eine kurze Begründung folgte. Die Versammelten schrien nach der Urteilsverkündung: „Houay, hou-ay, hou-ay!“ Der Bokor führte nun die Gesetzestexte auf, gegen welche der Delinquent verstoßen hatte, worauf die Anwesenden abermals ihr dreimaliges Hou-ay brüllten. Er schloss mit den Worten: „Vollstrecker – walte deines Amtes!“ Wieder erklangen die Trommeln. Mit jedem feierlichen, gemessenen Schritt, den der Scharfrichter in Richtung des Opfersteins tat, wurden die Intervalle kürzer, bis der Trommelwirbel abrupt endete. Der Vollstrecker setzte sein Instrument an und trennte mit genau sieben Hüben zwischen dem vierten und fünften Nackenwirbel den Kopf vom Körper des Verurteilten, der dabei nur einen kurzen, brennenden Schmerz verspürte und Mund und Augen weit aufriss, bis seine Grimasse in Sekundenbruchteilen regelrecht versteinerte. Das soll wohl bei allen Hinrichtungen so gewesen sein.
Der Vollstrecker musste penibel darauf schauen, dass er die ganze Länge des Sägeblatts – beim ersten und siebten Schub zudem mittels Vorschneider – unter mäßigem Druck, mal schiebend, mal ziehend, ausnutzte, um die vorgeschriebene Zahl der Sägeschnitte einzuhalten. War er zu schnell und der Druck zu groß, trennte er den Kopf bereits mit sechs oder gar fünf Hüben ab. War er zu langsam und der Druck zu schwach, benötigte er mehr als er durfte. Je nach Laune des Oberaufsehers wurde er dann selbst bestraft: Mit teilweisem bis völligem Ausschluss vom Opfermahl oder der Zurückstellung der Paradies-Erlangung für eine mindere bis längere Zeit. Diese konnte im schlimmsten Fall sieben Monate währen.
Der Vollstrecker war also darauf bedacht, sorgsam zu Werke zu gehen. Er konnte ja nicht üben. Das wäre auch nicht sinnvoll gewesen. Selbst für den Fall, dass er zur nächsten Höllenfahrt erneut berufen wurde, war es ihm unmöglich, sich an die letzte zu erinnern, sofern der Abstand mehr als drei Wochen betrug. Und daran, was er unter Umständen falsch oder richtig gemacht hatte. Oftmals half ihm deshalb der Oberaufseher, welcher selbst von einer gelungenen Hinrichtung profitierte, indem er zuvor die richtige Stelle am Hals des tief schlafenden Opfers mit dem Strich eines Permanentmarkers versah. Mehr konnte er nicht tun.
Ich habe vier solcher Hinrichtungen miterlebt. Miterleben müssen. Wenn über einen Delinquenten in der sogenannten „Kammer“ Recht gesprochen wurde, war keiner der Untoten anwesend. Zur Vollstreckung allerdings schon. Aus Gründen der Belehrung und Abschreckung wurden dann nach Sonnenuntergang sämtliche Arbeiterinnen und Arbeiter zusammengetrommelt. Sie mussten sich auf dem Opferplatz hinter den Fischteichen einfinden und hatten ihre Hocker aus den Schlafbaracken mitzubringen. Die Arbeit ruhte in dieser Zeit bis zum Morgengrauen. Die Bergleute fuhren aus, die Korbflechterinnen unterbrachen ihre Tätigkeit, und die Gemüsebauern, Viehhirten und Bediensteten kamen gar nicht erst in den wohlverdienten Schlaf. Alle Untoten hatten an der Zeremonie teilzunehmen. Alle mit Ausnahme derer, die im Krankenrevier lagen. Aber das war stets nur eine Handvoll.
Der Richtplatz war hell erleuchtet. Besonders der weiße Altar. Es schien, als phosphoresziere er. Als käme das Licht aus seinem Inneren. Es wäre wohl ein Zauber, der ihn so leuchten ließ, munkelte man. Hinter ihm befand sich die „Tribüne“, ein langes Podest, auf welchem der Bokor stand, seine Anweisungen gab und die Exekution überwachte. Der Platz zwischen Opferstein und erster Zuschauerreihe, die sogenannte „Bühne“, maß acht Meter und war den „Beschwörern“ vorbehalten, welche die Zeremonie mit absonderlichen Tänzen, maskiert und körperbemalt, einleiteten. Sechs Trommler, je zu dritt an den Seiten, gaben den Takt vor. Auch sie waren martialisch mit groben Zeichnungen beschmiert; die Farben rot und schwarz dominierten hierbei.
Das Makaberste allerdings bestand in der Auswahl des exekutiv Richtenden. Nie war es einer der Lebenden. Kein Aufseher. Keine Schwester. Keiner von jenen, die hier das Sagen hatten. Es handelte sich stets um Untote, die Untote ins Jenseits beförderten. In die Hölle. In die ewige, schlaflose Verdammnis. Wer Glück hatte und seines Amtes ordnungsgemäß waltete, dem konnte eine zuvor ausgesprochene Zurückstellung erlassen werden. Verrichtete er die Vollstreckung allerdings nicht zur Zufriedenheit des Meisters, so verlängerte sich die Wartezeit bis zum Eintritt ins Paradies um ein Vielfaches.
Wer hinrichten „durfte“, respektive musste, bestimmte der Voodoo-Meister, der durch den Bokor zu den Anwesenden sprach, indem er von diesem für die Dauer der Zeremonie Besitz ergriff. In jedem Fall war der Bokor ein Lebender. Zumeist handelte es sich um einen der Oberaufseher. Seltener um Oberschwestern. Doch auch das kam schon mal vor. Von den übrigen Oberaufsehern und -schwestern wurde eine Person für das Amt des Ritualleiters oder der Ritualleiterin zwei Stunden vor der Zeremonie vom Bokor berufen. Es war dies eine Ehre, welche es den Auserwählten gestattete, in der Folge besondere Vergünstigungen zu erhalten: Doppelte Essensrationen, zusätzliche freie Tage, Teilnahme an den Beratungen des „Obersten Rats“ mit Stimmrecht für mindestens drei Jahre und einiges mehr.
Als Untoter konnte man sich nicht weigern, das Amt des Vollstreckers zu bekleiden. Nicht aus moralischen oder mitfühlenden Gründen heraus; Untote kennen solcherlei Empfindungen anderen gegenüber nicht. Das liegt in ihrer Natur. Sie verweigerten das Amt des Vollstreckers nur deshalb nicht, weil sie jeden Befehl mechanisch ausführten. Im völligen Unvermögen, darüber nachdenken zu können, was man da von ihnen verlangte. Untote sprängen, ohne zu zögern, von einer Brücke oder einem Turm, sofern es ein Aufseher verlangte. Sie handeln wie Roboter. Völlig willenlos. Wie dressierte Affen, die auf Kommando Kunststücke vollführen, ohne zu wissen, was sie da eigentlich tun. Jedoch – kein Aufseher setzte das „Leben“ eines Untoten aus einer bloßen Laune heraus aufs Spiel. Schließlich wurde der ja noch gebraucht.
Nachdem der Kopf vom Rumpf getrennt war, wischte der Vollstrecker sein Instrument an der Kleidung des Dahingeschiedenen sauber, steckte es in die Scheide, packte den Kopf mit beiden Händen – der Trommelwirbel erklang abermals –, ging hinüber zum Zaun und spießte den frischen Schädel rechts vom letzten, inzwischen mumifizierten oder zumindest verfaulenden, auf den angespitzten Pfeiler. Ein paar Schläge mit der Faust auf den Kopf – dann steckte dieser unverrückbar auf dem Pfahl. Damit war die Zeremonie für den Vollstrecker beendet. Er konnte, sofern er alles richtig gemacht hatte, aufatmen. Die Gunst des Meisters sollte ihm nun gewiss sein.
Derweil trugen die Untoten, welche den Delinquenten kurz vor der Hinrichtung festgehalten hatten, dessen Körper zum Scheiterhaufen, platzierten ihn in der Mitte und entfachten das Feuer, welches den kopflosen Rumpf innerhalb weniger Stunden verzehrte. Das war das Zeichen, dass der Opferschmaus beginnen konnte. Daran nahmen alle teil.
Wenngleich wir Untoten im Allgemeinen keinen Geschmackssinn besaßen, so hatten wir in jenen Nächten doch welchen. Und großen Appetit auf frisch gebratene Ziegen und Hühner, im Feuer gebackene Kartoffeln und Obst aller Art. Und Bier. Ein besonderer Zauber, so munkelte man, machte dies möglich.
Und während der Kadaver im Feuer des Scheiterhaufens zischte und Mund sowie Augen des abgetrennten Kopfs auf dem Zaunpfeiler in versteinertem Schrei weit geöffnet waren, begann ein jeder von uns mit jedem Bissen zu erahnen, dass es noch andere Gelüste geben mochte als die nach ewigem, tiefem, erholsamem Schlaf am Ende des Tagwerks. Bevor sich diese Ahnung jedoch zu einem regelrechten Gedanken zu manifestieren vermochte, war das Fest vorüber, und man versank wieder in den herbeigesehnten Schlummer auf der Strohmatte seines Ruheplatzes. Nur ein Traum, der blieb. Vage und diffus. Bis man zur nächsten Schicht geweckt wurde. Ein Festmahl? Gestern in der Nacht? Mit Ziegenfleisch und Gerstensaft? War ja wohl lachhaft …
Frühmorgens fuhren wir also wieder stupide in den Berg ein, derweilen der Kopf des ehemaligen Kumpels auf dem Zaunpfeiler am Opferplatz hinter den Fischteichen steckte und noch immer die schaurige Totengrimasse schnitt, indes seine Nummer an der Tafel verkehrt herum hing …
Spätestens an dieser Stelle – wenn nicht längst zuvor – werden Sie sich fragen, wie ich dies alles als Untoter, der ja kaum zu denken, noch sich zu erinnern vermag, so genau beschreiben kann. Ich sehe mich gezwungen, es kurz zu erklären, um nicht schon jetzt für unglaubwürdig gehalten zu werden. Es wird den Lesefluss im Weiteren nicht wesentlich beeinträchtigen, bin ich doch eh an einer Zäsur angelangt. So können wir uns diese kleine Pause gönnen.
Wäre ich auch heutzutage noch in dieser Welt zwischen Leben und Tod gefangen oder ins Paradies oder die schlaflose Hölle gekommen, hätten Sie nie von mir erfahren. Das ist ein Fakt! Ein Untoter ist nun mal nicht in der Lage, seine Erlebnisse zu rekapitulieren oder sich darüber gar Notizen zu machen. Es müssen also Umstände eingetreten sein, die es mir ermöglichten, gerade dies zu tun.
Keine Sorge, ich greife damit nicht vor. Sie werden sich nach dieser Passage bezüglich des Fortgangs meiner Erlebnisse genauso im Unklaren befinden wie ich damals.
Ein Fakt, den auch Sie kennen, und der Licht ins Dunkle bringt, ist der Zusammenhang von Schlaf und Traum. Wenn Sie schlafen, haben Sie keine Kontrolle mehr über Ihren Körper und Geist. Kein Zeitgefühl. Keinen eigenen Willen. Kein Bewusstsein. Sie leben zwar, bekommen es aber nicht mit. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes untot! Und wenn Sie träumen, ist Ihnen nicht klar, dass Sie es tun. Sie bewegen sich während des Traums in einer Welt, von der die glauben, sie sei real. Und handle es sich auch um noch so kunterbunten geistigen Dünnschiss.
Es gibt Regeln, die allen Träumern eigen und nicht zu leugnen sind: So können Sie vor einem bissigen Hund davonlaufen – es wird Ihnen scheinen, als kämen Sie nicht von der Stelle. Als bewegten Sie sich in Zeitlupe. Fallen Sie in eine Schlucht oder aus dem zwanzigsten Stock eines Wolkenkratzers, spüren Sie keinen Aufprall oder gar Schmerz und erwachen stattdessen. Ihre Katze kann sprechen (und hat einen Kopf, der Ihrer Schwiegermutter gleicht), und Sie halten das – während des Traums! – für völlig selbstverständlich. Nur einige Beispiele von vielen.
Mitunter können Sie sich nach dem Erwachen an Ihren Traum erinnern. Wenn Sie sich dann einzelne, besonders beeindruckende, Sequenzen immer wieder vor Augen führen, kann es passieren, dass Sie diese gar ins Langzeitgedächtnis übernehmen und für alle Zeiten abrufbar speichern. Das hat wohl ein jeder von uns schon erlebt.
Als Untoter empfindet man ähnlich. Man glaubt, dass alles, was man tut und erlebt, durchaus der Normalität entspricht. Nur mit dem Unterschied, dass es einem nicht vergönnt ist, zu erwachen. Man wundert sich nicht über Absurditäten – man empfindet sie als „realistisch“ und völlig normal. Ein Untoter sägt seinem ehemaligen Kumpel den Kopf vom Körper und ist in diesem Moment der festen Überzeugung, etwas zu tun, was selbstverständlich und logisch ist. Er baut im Bergwerk Gestein ab, ohne zu wissen, wozu das gut sein soll. Schürft er Edelmetall? Erz? Kohle? Oder gräbt er lediglich einen Tunnel? Er weiß es nicht und fragt nicht danach. Es ward ihm so aufgetragen, also tut er es. So wie Sie in Ihrem Traum Dinge tun, auf die Sie im wachen Zustand nie kämen.
Untot zu sein bedeutet also, einen immerwährenden Traum zu träumen, in welchem man Bergbau betreibt, Gemüse anbaut, Ziegen melkt oder Körbe aus Weidenruten flicht, dann und wann einem Kumpel den Kopf absägt und am Ende des Arbeitstages mit erholsamem Schlaf belohnt wird.
Die Schicht war für heute zu Ende, und wir gingen auf kürzestem Weg in unsere Unterkünfte. Die Langhäuser sahen alle gleich aus. Damit man sich zurechtfand, waren an den Stirnseiten neben der Tür Nummern angebracht worden. Ich hatte meine Schlafstatt im Ruhehaus „RH M150 – 210“. Unter dieser Bezeichnung hing seit zwei Tagen eine Schiefertafel und der mit Kreide aufgemalte Zusatz: „Außer M167 und M189. Diese jetzt in H4.“ Das hieß, dass 167 und 189 zu anderen Aufgaben abgestellt waren und jetzt in einer Hütte mit der Nummer 4 schliefen. Aus welchen Gründen auch immer. Die zusätzliche Beschilderung war nur aus dem Grund angebracht worden, damit alle Aufseher und Schwestern Bescheid wussten und sich M167 und M189 an ihre neue Behausung gewöhnen konnten, falls sie nach getaner Arbeit anfangs noch immer ihr altes Ruhehaus ansteuern sollten.
Wenn wir Untoten auch nicht zu geistigen Höhenflügen fähig waren, so kam es doch nur selten vor, dass wir uns im Gelände regelrecht verliefen oder unsere Unterkunft nicht gleich fanden. Jeder kannte seinen „Namen“ und konnte die betreffende Nummer im Schlaf herbeten. Und für den Fall, dass sich wirklich mal einer verirrte, gab es Streifenposten, die ihn wieder auf den rechten Weg brachten.
Auch an den hölzernen, mit Strohmatratzen und Decken ausgestatteten Betten waren Schilder mit unseren Nummernamen angebracht worden. Noch nie war es vorgekommen, dass sich jemand versehentlich ins Bett des Nachbarn gelegt hatte. Absichtlich schon gar nicht. Nicht dass ich wüsste.
Die Betten standen zu jeweils dreißig Stück an beiden Längsseiten des Hauses im Abstand von einem Meter zueinander. Nur in der Mitte gab es einen größeren, freien Raum, welcher der Feuerstelle in Form eines durchlöcherten Stahlfasses vorbehalten war. Hier wurde in den kälteren Monaten ein Feuer unterhalten, das die Temperaturen im Haus nicht unter zehn Grad Celsius sinken ließ. So seltsam es klingen mag – auch Untote konnten in sehr kalten Wintern erfrieren. Die Feuerstelle war von einem Käfig aus Streckmetall umgeben, der fast bis zum Dach reichte, in welchem sich der Rauchabzug befand. Der Job des Heizers war den Lebenden vorbehalten. Kein Untoter durfte mit offenem Feuer in Berührung kommen. Einzige Ausnahme: Das Geleucht der Bergmänner. Doch die Ölfunzeln und Kerzenstumpen waren im Vergleich zu den brennenden Holzscheiten in den Ruhehäusern ja auch recht harmlos.
Ein Aufseher entfachte und unterhielt den Brand, bis spätabends die Glut im Fass eine Höhe von einem halben Meter erreicht hatte und die Arbeiter in tiefen Schlaf gesunken waren. Dann schloss er die Käfigtüre ab und ging seiner Wege. Im Dunkeln glühte der untere Teil des Fasses dunkelrot. Durch die Belüftungslöcher sah man die grelle Glut funkeln. Die Untoten, deren Schlafstätten in der Nähe der Feuerstelle lagen, starrten kurz vor dem Einschlafen wie hypnotisiert auf dieses Fass, ohne recht zu wissen, worum es sich bei diesem eigentlich handelte. Unser Wärme- und Kälteempfinden war ohnehin nur sehr schwach ausgeprägt.
V
Eines Morgens wollten wir die Unterkunft verlassen, um unserer Arbeit nachzugehen. Noch in der Tür zögerten die Vorderen. Die Landschaft draußen hatte sich verändert. Die Ruhehäuser waren weg. Die Wege, Gatter, Hütten, Bäume – wie vom Erdboden verschwunden.
So etwas Ähnliches hatten wir erst kürzlich erlebt: Als sich vor zehn Tagen dicker Nebel ins Tal wälzte, dass man die Hand vor Augen nicht erkennen konnte. Da fanden sich nicht mal die Lebenden zurecht, und wir blieben bis zum nächsten Tag in unseren Häusern. Irgendwie schafften es die Schwestern am Abend, bis zu uns vorzudringen und uns wenigstens den Drink zu verabreichen. Deshalb wurde auch niemand aggressiv und streitsüchtig.
Dennoch – wir sollten jetzt eigentlich im Bergwerk sein und Höchstleistungen vollbringen. Schnell wurden wir unruhig. Wir wollten raus. Raus und an die Arbeit. Wir waren es so gewohnt. Einige begannen, ziellos im Raum umherzulaufen. Andere saßen auf ihren Betten und wippten mit dem Oberkörper vor und zurück. Wieder andere, darunter auch ich, puhlten das Stroh aus ihren Matratzen, nur um etwas zu tun.
Die Schwestern wussten sich keinen Rat, und eine ging, den Oberaufseher zu holen. Es dauerte eine Weile, ehe sie mit ihm zurückkehrte. Als er dann in der Tür stand, erfasste er die Situation mit einem Blick. Ich weiß nicht, wie er es schaffte, doch plötzlich waren wir alle Huntstößer. Als Hauer hätten wir im Ruhehaus auch schlecht beschäftigt werden können. So stellte sich auf Weisung des Oberaufsehers nun ein jeder vor sein Bett, schwenkte es um neunzig Grad herum, und schob dann das Gestell gegen den Uhrzeigersinn durch das Haus. Immer einer hinter dem anderen. Auf gerader Strecke kein Problem. In den engen Kehren an den Stirnseiten des Hauses jedoch kamen wir ins Schwitzen. Es war ein Kraftakt, die schweren Betten herum zu wuchten. Zu Beginn kam es öfter zur Staubildung, weil man warten musste, bis der Vordermann um die Kurve war. Doch bald hatten wir den Dreh raus. Die Geschwindigkeit erhöhte sich. Der Oberaufseher stand mit verschränkten Armen grinsend in der Tür, derweil sich die Schwestern die Ohren zuhielten. Im Quietschen und Kreischen, mit denen die grob gearbeiteten, hölzernen Füße von sechzig Betten über die Dielen schabten, wäre selbst der Lärm eines Presslufthammers untergegangen.
Am frühen Nachmittag waren wir am Ende. Wir nahmen unseren Brei zu uns und fielen auf die Betten, die wir mit letzter Kraft wieder an ihren angestammten Platz geschoben hatten. Und Sekunden später in tiefen Schlaf.
Würde es heute wieder so kommen? Niemand traute sich, die Schwelle zu überschreiten. Die Schwestern redeten uns gut zu. Ob wir nicht das Lämpchen über der Tür des Nachbarhauses sehen würden, fragten sie und lachten. Es sei diesmal kein Nebel sondern Schnee. Dann zeigten sie auf die Gemüsebauern, die während des Winters anderweitig beschäftigt werden mussten. Sie räumten die Wege, damit wir zum Bergwerk gelangen konnten. Wir atmeten auf. Schnee kannten wir – aber solch eine Menge hatten wir noch nicht gesehen. Auf dem Weg zur Arbeit staunten wir über die aufgetürmten, mannshohen Wälle aus Schnee zu beiden Seiten unseres Weges. Die Bauern hatten ganze Arbeit geleistet.
Nicht dass Missverständnisse aufkommen: Wir staunten über jene Schneemassen nicht so, wie es Lebende tun würden, aber wir bemerkten sie immerhin und ahnten das Ausmaß dieses Naturphänomens zumindest im Ansatz. Das war für uns Untote bereits eine unerhörte geistige Leistung. Als wir einfuhren, waren diese Eindrücke allerdings schon wieder aus unseren Hirnen gelöscht.
Im Berg war es, verglichen mit der Außentemperatur, regelrecht warm. Wir hauten drauflos, dass es eine Art hatte. Die Huntstößer schoben ihre vollen Loren mit einer Geschwindigkeit zum Förderschacht, als gäbe es kein morgen. Die Spurlatten vibrierten regelrecht auf den geraden Strecken. Und um die Kurven bellten die Hunte, wenn sich Holz auf Holz rieb, wie kläffende Terrier. Ein quietschendes, nervenzerreißendes Bellen.
Wir wollten den Rückstand aufholen. Die Norm erfüllen. Übererfüllen! Pluspunkte sammeln. Jeder Einzelne von uns. Das war sogar den Oberaufsehern suspekt. Nur mühsam gelang es ihnen, unsere Arbeitswut zu zügeln. Was hatten sie davon, wenn uns ein Unfall zustieß oder wir einen Schwächeanfall erlitten? Wenn wir für Tage, gar Wochen, ausfielen? Und vor allem: Was hatten wir davon? Eine Zurückstellung vom Paradieseintritt – wie lange auch immer – wäre wohl noch das geringere Übel gewesen …
An diesem Tag gab es nur acht leicht und zwei mäßig stark Verletzte. Keine Toten. Das war das Verdienst der Aufseher, die uns beizeiten gestoppt hatten.
Kurz vor dem Zubettgehen kamen die Schwestern mit ihren untoten Helferinnen. Jetzt gab es den Drink. Ich spürte den Napf an meinen Lippen und schluckte automatisch. Wenig später fiel ich in tiefen, traumlosen Schlaf. Doch währte dieser nicht lange. Geraume Zeit vor dem Wecken lag ich mit offenen Augen auf meiner Lagerstatt und starrte in die Dunkelheit. Irgendetwas war anders als sonst. Ich schwitzte, obgleich ich mich weitab vom Ofenfass befand. Mein Herz raste, und meine Kehle war trocken. Ich hatte Durst. Meine Handgelenke, Oberarme und Schenkel schmerzten. Das war mir noch nie passiert. Waren das Symptome einer Krankheit? Ich war doch noch nie krank gewesen. Wie sollte ich als Kranker meine Norm schaffen?
Ich setzte mich auf. Mir schwindelte, und ich fühlte mich schwach. Also doch krank? Also doch!
Nach und nach beruhige ich mich. Es würde schon wieder werden. Ich durfte mir nichts anmerken lassen und legte mich wieder hin. In meinem Kopf herrschte ein buntes Durcheinander. Gedanken kamen und gingen, bevor es mir gelang, deren Sinn zu erfassen. Es strengte mich an, und bald ließ ich es bleiben. Es machte mir Angst, hatte ich mir doch nie zuvor soviel Gedanken gemacht. Endlich schlief ich doch ein.
Meine Hacke trifft das Gestein nicht im rechten Winkel und wird mir beinahe aus der Hand geschlagen. Splitter verletzen meinen Nachbarkumpel an der rechten Wange und der Schläfe. Dunkles Blut läuft ihm über das Gesicht. Er bemerkt es nicht. Sein Blick streift mich nur kurz und teilnahmslos. Dann führt er seinen letzten Schlag, dreht sich nach links und geht zum Ende der Schlange. Ich folge ihm. Der Aufseher tritt zu mir heran. Fragt, was los sei mit mir. Er hat alles gesehen. Ich gebe keine Antwort.
„Das ist nicht professionell, M203“, sagt er. Nicht professionell heißt: Nicht der Norm entsprechend. Und damit ist nicht die Arbeitsleistung, sondern das Verhalten gemeint.
Er zieht mir das rechte Lid empor, leuchtet mir ins Auge und runzelt die Brauen. „Du bist doch nicht krank, 203?“
Ich zucke die Schultern. „Heute Nacht …“
„Was war in der Nacht?“
„Ich, ich weiß nicht. Irgendwie anders.“
„Versuche es zu beschreiben.“
Ich schließe die Augen und tue mein Bestes, doch die Erinnerung will nicht kommen. Der Aufseher klopft mir auf die Schulter. „Ihr seid beide wieder dran. Reiß dich jetzt zusammen.“
Ich nicke, hebe die Hacke und schlage zu. Diesmal trifft die Breitseite des Blattes den Fels. Prallt zurück und gegen meine Stirn. Ich gehe zu Boden.
„Ausfahren!“, befiehlt der Aufseher. Mühsam komme ich auf die Beine, torkle zum Ende der wartenden Hauer und breche erneut zusammen. Der Huntstößer wird angewiesen, mich aufzuladen. Er schafft es nicht allein. Ich bin ein Doppelzentner schlaffes, kraftloses Fleisch.
„Helfen!“Andere packen mit zu und wuchten mich rücklings auf die Lore. Dann werde ich ausgefahren. Ich sehe noch die Verschalung über mir vorübergleiten, dann schwinden mir die Sinne.
Was für ein Traum! Oder war es gar keiner? Ich sah mich um. Und wusste plötzlich, wo ich mich befand: In der Sanitätsbaracke! Hier herrschte nicht gerade Hochbetrieb. Untote wurden nur selten krank. Und ausgerechnet mich musste es erwischen. Außer mir lagen hier noch zwei „Versager“ in ihren Betten und schienen mehr tot als lebendig zu sein. Sie bewegten sich kaum und waren blass wie eine frisch gekalkte Wand. Wäre es mir möglich gewesen, meine Gedanken zu ordnen, hätte ich über diesen Witz schmunzeln können. Halbtote Untote im Krankenrevier! Zum Totlachen.
Auf den ersten Blick unterschied sich diese Baracke nicht wesentlich von unseren Unterkünften. Nur dass sie kleiner war. Kürzer. Kein Langhaus. Statt dreißig Betten lediglich zehn auf jeder Längsseite. Der obligatorische Ofen mit dem Drahtkäfig drum herum stand auch hier inmitten des Hauses. Doch links neben jedem Bett befand sich ein kleines Schränkchen, welches nur die Schwestern zu öffnen vermochten. Manchmal, wenn eine von ihnen ans Bett des Kranken trat, entnahm sie diesem Schränkchen etwas und – tja, ich weiß nicht, was sie dann damit machte, aber irgendwie hatte es wohl mit der Pflege oder Betreuung zu tun. Vielleicht handelte es sich um Medizin. Oder Verbandsmaterial. Etwas in der Art.
Anfangs war ich sehr nervös. Eigentlich lag es nicht in unserer Natur, nervös zu sein oder diese Empfindung auch nur im Ansatz zu fühlen. Geschweige denn, sie in unser Bewusstsein zu lassen. Doch ich spürte es. Etwas Fremdes schien von mir Besitz ergriffen zu haben. Ich spürte auch, dass es mit der Zeit nachließ. Und wieder von mir Besitz ergriff, als ich die untote Helferin meiner Schwester erkannte. Die, welche mir gestern den Drink gereicht hatte.
Normalerweise empfanden männliche Untote nichts beim Anblick von weiblichen. Und umgekehrt. Das dürfte kaum verwunderlich sein, nicht wahr? Und damit hatte ich nun ein Problem. Denn ich erkannte diese Untote nicht nur – ich empfand auch etwas, das ich nicht in Worte kleiden konnte. Es ist ja schon für einen Lebenden schwer genug, seine Gefühle für das andere Geschlecht zu beschreiben, wie viel mehr dann für einen Untoten?!
Als sie mir an diesem Abend die Medizin verabreichte, wollte ich ihr eine Frage vorlegen. Allerdings kam mir kein Wort über die Lippen. Nicht dass ich die Fähigkeit, zu sprechen, eingebüßt hätte, obgleich das kein Wunder gewesen wäre, denn im Allgemeinen reden Untote ja nicht viel. Ich hatte das, glaube ich, bereits erwähnt. Es ist nur so, dass ich in diesem Moment nicht in der Lage war, meine Frage in Worte zu fassen.
Sie spürte meinen verzweifelten Versuch, ihr etwas mitzuteilen, berührte – mit einem schnellen Seitenblick auf die Schwester – ihre Lippen mit dem Zeigefinger und drückte meinen Oberkörper mit sanfter Gewalt auf die Lagerstatt. Dann legte sie die Hände flach aneinander, hielt sie sich an die Wange, neigte den Kopf zur Seite, schloss dabei kurz die Augen und nickte mir zu, als wollte sie sagen: „Schlaf nun oder tu wenigstens so.“ Die Schwester bekam von alldem nichts mit, denn sie war dabei, meine Schnittverletzungen an den Unterschenkeln zu verarzten. Tatsächlich entspannte ich mich und schlief kurze Zeit später ein.
Irgendwann in der Nacht – der Heizer war bereits gegangen – wurde ich wachgerüttelt. Ich öffnete die Augen und erkannte im diffusen Schein einer Öllampe „meine“ untote Assistentin. Wieder hielt sie sich den Finger an die Lippen, dann flüsterte sie: „Sprich leise und bewege dich nicht! Erkennst du mich?“
Ich nickte.
„Wie fühlst du dich?“
Diese Frage überforderte mich. Was meinte sie? Was wollte sie hören? Was sollte ich antworten? Es wäre besser gewesen, sie hätte mir die Antworten in den Mund gelegt. Als Alternativen, meine ich.
„Ich – eh …“
„Spürst du etwas Merkwürdiges?“
„Etwas Merkwürdiges?“ Ich verstand sie nicht. Worauf wollte sie hinaus?
„Ich meine etwas, das du zuvor nicht gefühlt hast. Ist irgendwas anders als sonst?“
Ein paar Sekunden lang unternahm ich den krampfhaften Versuch, zu denken. Dann sagte ich: „Ich – ich sollte jetzt schlafen.“
Sie lächelte. „Richtig. Und warum?“
Wieder so eine Frage. Warum? Na, weil, weil …
„Weil es so sein muss?“
„Genau. Und wieso schläfst du dann nicht?“
Mir wurde warm. Nicht deshalb, weil sie eigentlich ganz hübsch war. Dies bemerken zu können, verwirrte mich zusätzlich. Aber diese Fragen! Sie zu beantworten fiel mir schwerer, als in einer Stunde einen Zentner Gestein zu hauen. Als hätte ich unmittelbar vor einer mündlichen Prüfung die falsche Frage gezogen.
Mündliche Prüfung? Wie kam ich darauf?
„Wie-so-bist-du-wach?“ Sie betonte die einzelnen Silben, indem sie zwischen jeder eine kleine Pause machte.
Ich hatte das Gefühl, dass von dieser Frage mein Eintritt ins Paradies abhängen würde und strengte mich an, die Antwort zu finden. Jetzt schwitzte ich regelrecht.
„Weil – weil du – mich – geweckt hast?“
„Gut“, sagte sie und schaute sich um. Die beiden Kranken hielten die Augen geschlossen und schliefen. Oder waren zumindest nicht in der Lage, ihr Umfeld wahrzunehmen. „Das wollte ich hören. Du machst schnell Fortschritte. Das ist ausgezeichnet.“
Ich lächelte und atmete auf. Ich hatte wohl die richtige Antwort gegeben. Natürlich rein zufällig. Wie ein Lottospieler, der spontan die richtigen Zahlen tippt.
Was, zum Teufel, ist ein Lottospieler …
„Hier, trink das!“
Ich fühlte einen Becher an meinen Lippen und schluckte mechanisch. Es schmeckte bittersüß wie die Medizin, die wir alltäglich bekamen.
„Ich habe doch schon am Abend …“
„Das hier ist etwas anderes“, unterbricht sie mich. „Eine andere – eh – Medizin.“
„Eine andere?“
„Jetzt höre mir jetzt genau zu, 203. Dein Leben hängt davon ab!“
Mein Leben? Nicht das Paradies? Was ist denn Leben? Was kann ein Untoter mit Leben anfangen? Mein irritierter Blick schien Bände zu sprechen, denn sie sagte: „Du hast vor deiner Zeit als Hauer ein Leben gehabt, 203. Wie jeder andere Untote auch. Kannst du dich daran erinnern?“
Ich schüttelte den Kopf. Diese Behauptung kam mir lächerlich vor.
„Nein“, sagt sie und atmete desillusioniert auf. „Soweit bist du noch nicht. Aber bald. Bald wirst du wissen, was ich meine.“
„Gut“, hörte ich mich sagen. „Ich bin müde. Kann ich jetzt schlafen?“
„Gleich“, sagte sie. „Erst muss ich dich noch instruieren.“
Ich hatte dieses Wort noch nie gehört, verband jedoch etwas Unwiderrufliches damit. Etwas Schlimmes.
„Willst du mir den – den Kopf absägen?“
Sie hielt sich die Hand vor den Mund. Beinahe hätte sie laut aufgelacht. Mir war nicht klar, was so lustig an einer Hinrichtung sein sollte.
„Nein du Dummerchen. Ich muss dir aber ein paar Verhaltensregeln einhämmern, damit du dich nicht verrätst.“
„Was meinst du?“
„Beantworte mir zunächst folgende Frage: Bist du schon einmal lebendig begraben worden?“
„Be-gra-ben?“
„Mit Trommeln, Fackeln, Gesängen, Beschwörungsformeln und so. Kannst du dich daran erinnern?“
„Die Trommeln. Ja. Und die Gesänge …“
„Und die bemalten Gesichter und Masken. Und der Kumys, den du zuvor getrunken hast.“
„Der Kuhmist?“ Jetzt musste ich schmunzeln. „Die alte Melly hat ihn …“
Weniger als Bier – Nur ’n paar Prozent – Nich der Rede wert – Weit über neunzig – Baba Jaga – Kuhmist –Besser als gedacht – Lebenselixier …
Ich setzte mich so schnell auf, dass mir schwindlig wurde.
„Ich – ich war in einem … man hat mich in einen Sarg …“
„Jeden von uns“, sagte sie und hielt sich wieder den Finger vor den Mund. „Aber sprich leiser!“ Sie sah zu den anderen Patienten hinüber, die sich nicht bewegten. „Du kannst dich also erinnern?“
Ich nickte. Mein Mund war plötzlich so trocken. Und der Kopf brummte, als beherbergte er ein Hornissennest.
„Daran – ja. Aber nicht an das, was davor war.“
„Auch nicht an deinen richtigen Namen?“
„M203 …“
„Nein. Deinen Namen vor deiner, eh, Verwandlung.“
„Welche Verwandlung? Und was sind Hornissen?“
„Hornissen? Wie kommst du denn auf die?“
„Ich – ich weiß nicht …“
Sie schüttelte den Kopf und flüsterte. „Vergiss das jetzt! Und begreife endlich: man hat dich und uns zu Zombies gemacht“. Ich spürte ihren warmen Atem. „Verstehst du? Zu Zombies. Zu willenlosen Werkzeugen.“
„Zombies …“, wiederholte ich und schaute sie fragend an. „Was sind Zombies?“
„Jedenfalls nicht Leichen fressende, halb verweste, teils skelettierte, mit eitrigen Binden umwickelte Kreaturen, wie man sie aus Büchern oder Filmen kennt. Es ist ein bestimmter Voodoo-Zauber. Wenn ein Mensch mit Gift vermischten Kumys trinkt, lebendig begraben und nach kurzer Zeit wieder ausgebuddelt wird, glaubt er, in einer Zwischenwelt gefangen zu sein. Nicht mehr lebendig, aber auch noch nicht wirklich tot. Ein Erdgebundener, dem eigene Entscheidungen verwehrt bleiben. Sein Erinnerungsvermögen an früher ist gleich null. Er hat keinen Willen mehr und tut alles, was man von ihm verlangt.“
Ich gab mir Mühe, ihr zu folgen. Es gelang mir nur teilweise, doch immerhin in einem Umfang, der mich ahnen ließ, was mit mir passiert war.
„Natürlich“, fuhr sie fort, „funktioniert das nur, wenn man ihm regelmäßig Atropinsulfat in Verbindung mit anderen Wirkstoffen verabreicht. Sonst wacht er wieder auf. So wie du jetzt.“
„Die – Medizin, die ich jeden Abend …“
„Ja. Aber ich habe sie ausgetauscht.“
„Aus-ge-tauscht? Seit – wann?“
„Seit gestern. Du hast seitdem bestimmt schon einige Dinge bemerkt, die ungewöhnlich waren.“
„Ich bin in der Nacht aufgewacht. Das ist noch nie passiert. Und ich – ich fühlte mich nicht gut.“
„Das war nur der Anfang. Ich bin dabei, dich aufzutauen. So nennen wir die Rückverwandlung eines Zombies in einen Menschen. Ich sorge dafür, dass du bald wieder zu dem wirst, der du einmal warst.“
„Du – du meinst – doch nicht etwa – zu einem Lebenden?“
„Genau das meine ich.“
„Aber – aber – ich will das nicht. Ich will nicht auftauen. Das – das Paradies! Der ewige Schlaf. Werde ich dann immer noch nach – nach dort kommen?“
„Oh Gott, du Armer!“ Sie tupfte mir den kalten Schweiß von der Stirn. „Du wirst etwas viel Besseres gewinnen als ewigen Schlaf. Na ja, zumindest in deinem wirklichen Leben.“
Ich schwieg und starrte zur Decke. Begann allmählich zu begreifen. Und auch wieder nicht.
„Kriegen die – die anderen auch die neue Medizin?“
„Nein. Nur ganz wenige. Kaum eine Handvoll. Du bist voraussichtlich der letzte von ihnen.“
„Wieso ich? Wieso gerade ich …“
„Du scheinst mir noch der Hellste zu sein unter all deinen Kumpels. Ich habe dich lange beobachtet.“
„Der Hellste?“ Ich schaute auf meinen Unterarm und fand, dass dessen Haut sich farblich nicht von der meiner Kameraden unterschied. Die Schwestergehilfin lachte leise.
„Wir sind – mit dir – insgesamt sechs. Allein können wir es weder wagen noch schaffen, zu fliehen. Deshalb brauchen wir dich. Aber du musst dich zusammenreißen. Musst dich weiterhin so geben und verhalten, als wärest du ein waschechter Zombie. Sonst fliegt deine Tarnung auf und wir mit ihr. Was das bedeutet, muss ich ja wohl nicht erläutern.“ Sie führte ihre angewinkelte Hand zum Hals und machte eine schnelle Bewegung, während ich es in Worte fasste:
„Kopf ab?“
Sie nickte.
„Oh …“
„Du sagst es. Die ewige Verdammnis. Kein Paradies. Kein Schlaf. Kein Leben. Nur bleierne, schmerzende, erstickende Müdigkeit bis zum Tag des Jüngsten Gerichts.“
Ich glaubte ihr in diesem Moment. Ich hätte alles geglaubt.
„Wann – wann gehen wir von hier weg?“
„Nicht heute und nicht morgen. Du wirst es erfahren, wenn es soweit ist. Durch mich oder einen meiner Kameraden.“
„Wie erkenne ich ihn, wenn – wenn du es nicht selbst bist?“
„Er oder sie wird dich mitten in der Nacht wecken und zum Sammelpunkt bringen. Ich kann dir nicht garantierten, dass ich es sein werde. Wir können die Aktion auch nur nachts starten. Am Tage wäre es zu gefährlich.“
„Und was soll ich nun tun?“
„Ich werde es dir nach und nach sagen. Und du wirst dich strikt daran halten. Kleine Schritte am Anfang. Keine großen. Das ist ganz wichtig, damit du keine Fehler machst. Und dann … Dann wird in Kürze dein bisheriges Dasein als Untoter Geschichte sein.“
Ich schluckte und nickte. „Wie heißt du?“
„Prima“, lächelte sie.
„Prima? Hast du keinen – keinen Nummernamen?“
Sie biss sich auf die Lippen. „Klar hab ich ’ne Nummer. W188. In Wirklichkeit heiße ich aber Yvonne. Und mit prima meinte ich, es ist schön, dass du jetzt auch mal von dir aus ’ne Frage stellst, die nicht unmittelbar im Zusammenhang mit dem Thema steht. Das gibt Grund zur Hoffnung.“
Ich griff mir an den Kopf. „Ich verstehe nicht viel. Also, von dem, was du da sagst. Und ich kann nicht gut sprechen. Also – eh – reden.“ Dann sah ich ihr in die Augen. „Ist das schlimm?“
„Nein. Gar nicht. Ganz normal für jemanden, der seit Jahren kaum gesprochen und sich Gedanken gemacht hat. Und der gerade die ersten Schritte zurück ins Leben tut. Ganz kleine Schritte. Bei mir hat es Monate gedauert.“
„Und was soll ich jetzt tun?“
Sie nahm bedeutungsvoll meine Hand, schaute sich kurz um und kam mir dann so nahe, dass ich ihren warmen Atem spürte.
„Hör genau zu, was ich sage: Es gibt streng genommen kein Paradies. Das, was die euch weismachen, ist nichts anderes als der Zustand nach dem Tod. Nichts, nichts und abermals nichts. Bis in alle Ewigkeit.“
„Was ist – nichts? Ist es …“
„Psst!“ Sie fuhr herum, beruhigte sich aber gleich wieder. Einer der Schläfer hatte sich nur auf die andere Seite gedreht.
„Kannst du dich an die Zeit vor deiner Geburt erinnern?“
Ich schüttelte den Kopf. „Was ist Geburt?“
„Okay“, lächelte sie. „Mein Fehler. Ich meine an die Zeit, bevor du hierher kamst.“
Wieder versuchte ich etwas Unmögliches: Nachzudenken. Dann schüttelte ich den Kopf.
„Siehst du“, sagte sie. „Du kennst ja nicht mal deinen richtigen Namen als Mensch. Und so ist es auch nach dem Sterben. Es ist wie ein traumloser Schlaf. Keine Fähigkeit, zu denken oder etwas zu empfinden. Nur dass man eben nicht mehr erwacht. Niemals mehr.“
„Aber – ist das nicht so wie im Paradies?“
Sie lehnte sich zurück. In ihrem Blick lag etwas Merkwürdiges, das ich nicht zu deuten wusste.
„Ja“, sagte sie leise. „Wenn man es so sieht …“
Sie schwieg einige Sekunden lang. Ich wurde ungeduldig. Und immer müder.
„Was willst du denn nun, was ich machen soll?“
„Du hast recht. Ich kann dir während der paar Minuten, die wir jetzt Zeit haben, nicht das ganze Universum erklären. Für dich und uns ist jetzt nur eines wichtig: Du musst auch weiterhin so tun, als ob du die Zombie-Medizin bekommst. Darfst dir nicht anmerken lassen, dass du plötzlich anders bist als deine Kumpels. Dieses Gespräch zwischen uns hat es nie gegeben! Nur für dich. Im Geheimen, verstehst du?“
Ich atmete tief durch, nickte – und schüttelte dann wieder den Kopf.
„Oh Gott“, sagte sie und holte ihrerseits Luft. „Ich merk schon – ich bin keine gute Lehrerin.“
„Ich bin müde“, sagte ich.
„Okay, du hast recht. Ich muss jetzt ohnehin gehen. Also tu einfach das, was deine Kumpels tun. Beobachte sie genau. Denke anfangs nicht tiefgründig über alles nach. Stell keine Fragen. Und wenn du gefragt wirst, dann antworte nicht zu schnell und sprich monoton. So als hättest du Mühe, die Frage zu verstehen. Halt so wie immer. Weißt du, was monoton heißt?“
„Ohne Gefühl?“, riet ich aufs Geradewohl.
„Etwas in der Art, richtig. Du darfst keine Gefühle zeigen. Im Übrigen haben Untote keine besonders gute Auffassungsgabe. Merke dir das! Bewege dich langsam, aber zielgerichtet. Den Blick immer nach vorn oder unten. Schau keinem direkt in die Augen. Sie würden bemerken, dass was nicht stimmt. Jedenfalls die Aufseher und deine Schwester. Vor allem die! Und komm bald wieder zu Kräften. Wenn du für sie wertlos wirst, weil du nicht mal mehr leichte Arbeiten verrichten kannst, werden sie dich entsorgen.“
„Du meinst – köpfen?“
„Ja.“
Sie erhob sich und drückte mir zum Abschied die Hand. „Schlaf jetzt. Ich komme morgen früh wieder. Na ja, oder nachher, wie man’s nimmt.“
„Ach – eh – Hundert… – Hundertacht.“
„Yvonne!“
„Ja. Yvonne. Was ist wenn – wenn ich es nicht kann?“
„Du kannst es. Ich konnte es ja auch. Es darf nicht schiefgehen!“ Sie blies das Flämmchen der Öllampe aus. „Und wenn, dann – dann helfe uns Gott!“
Einen Augenblick später war ich wieder allein. Wer war Gott? Der Vodoo-Meister? Wie konnte der helfen?
Ich lag auf meiner Bettstatt und starrte in die Richtung, in der ich die Decke des Hauses vermutete. Sehen konnte ich sie nicht. In meinem Kopf drehte sich alles. Ein buntes Gewimmel.
Nichts verraten! Die Kumpel beobachten. Keine Fragen stellen. Zielgerichtet bewegen. Und langsam. Ganz langsam!
Mit kleinen Schritten.
Ich begann wieder zu schwitzen.
Ich wollte, ich wäre tot.
Ich wollte, ich wäre im Paradies.
Darmowy fragment się skończył.