Czytaj książkę: «Nominalstil»
Mathilde Hennig
Nominalstil
Möglichkeiten, Grenzen, Perspektiven
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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© 2019 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
www.narr.de • info@narr.de
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ISBN 978-3-8233-8270-6 (Print)
ISBN 978-3-8233-0208-7 (ePub)
Inhalt
Abkürzungsverzeichnis
Einleitung
Grundbegriffe
Nominalstil: Eine erste Annäherung Nominal + Stil Grammatische Merkmale des Nominalstils Nominalstil: Begriffsverständnis Nominalstil im engeren und weiteren Sinne Zusammenfassung Anwendung: Textanalyse
Nominalstil zwischen verbaler und nominaler Syntax Satz und Nominalgruppe als strukturelle Domänen Nominalisierung und Valenzvererbung Satzbaupläne und Nominalgruppenbaupläne Zusammenfassung Anwendung: Textanalyse
Nominale Komplexität Nominale vs. verbale Komplexität Anwendung: Textanalyse Von der Komplexität zur Komplikation Zusammenfassung
Ausbau nominaler Syntax Verbalkomplexe als Partizipialattribute Verknüpfungen im Bereich der Attribution Zusammenfassung
Anhang Nominalstil: Begriffsverständnis Nominalstil zwischen verbaler und nominaler Syntax Nominale Komplexität
LiteraturverzeichnisPrimärquellenSekundärliteratur
Register
Abkürzungsverzeichnis
Satzglieder
| adjpräd | = adjektivisches Prädikativ |
| akkob | = Akkusativobjekt |
| akkpräd | = prädikativer Akkusativ |
| datob | = Dativobjekt |
| genob | = Genitivobjekt |
| kausadv | = kausales Adverbial |
| konjpräd | = prädikative Konjunktionalphrase |
| lokadv | = Lokaladverbial |
| modadv | = Modaladverbial |
| nompräd | = nominales Prädikativ (Nominativ) |
| präd | = Prädikat |
| präpob | = Präpositionalobjekt |
| präppräd | = prädikative Präpositionalgruppe |
| sub | = Subjekt |
| tempadv | = Temporaladverbial |
Attribute bzw. nominale Ergänzungen
| adjatt | = Adjektivattribut |
| advatt | = adverbiales Attribut |
| als/wieapp | = als/wie-Apposition |
| gendob | = Genitivattribut für Dativobjekt |
| gengob | = Genitivattribut für Genitivobjekt |
| genob | = Genitivus obiectivus |
| gensub | = Genitivus subiectivus |
| possart | = possessives Determinativ |
| präpatt | = Präpositionalattribut |
semantische Rollen
(nach von Polenz)
| AG | = AGENS/HANDELNDER |
| AOB | = AFFIZIERTES OBJEKT/BETROFFENES |
| BEN | = BENEFAKTIV/NUTZNIESSER |
| CAG | = CONTRAAGENS/PARTNER |
| CAU | = CAUSATIV/URSACHE |
| COM | = COMITATIV/BEGLEITENDER |
| DIR | = DIREKTIV/ZIEL |
| EOB | = EFFIZIERTES OBJEKT/RESULTAT/PRODUKT |
| EXP | = EXPERIENS/ERFAHRENDER |
| LOC | = LOCATIV/ORT/RAUM |
| PAT | = PATIENS/BETROFFENER |
| PO | = POSSESSIV/BESITZ |
| TE | = TEMPORATIV/ZEIT |
(ergänzend):
| POS | = POSSESSOR/BESITZENDER |
| MOD | = MODIFICATIV |
Prädikatsklassen
(nach von Polenz)
| EIGEN | = EIGENSCHAFT |
| GATT | = GATTUNG |
| HAND | = HANDLUNG |
| VORG | = VORGANG |
| ZUST | = ZUSTAND |
Konstituentenstrukturen
(nach Eisenberg)
| AdjGr | = Adjektivgruppe |
| Adv | = Adverb |
| attr | = Attribut |
| hd | = Kopf (head) |
| K | = Konjunktion |
| N | = Nomen (im Sinne von: deklinierbare Wortart) |
| NGr | = Nominalgruppe |
| nuk | = Kern (nucleus) |
| Pr | = Präposition |
| PrGr | = Präpositionalgruppe |
Dependenzstrukturen
(nach Eroms)
| Adjqual | = Adjektiv (qualifizierend) |
| Adjquant | = Adjektiv (quantifizierend) |
| Advmod | = Adverb(ial) (modal) |
| Advtemp | = Adverb(ial) (temporal) |
| Det | = Determinierer (Artikel) |
| Epräp | = präpositionale Ergänzung |
| NEK | = Nektiv, Satzteilkonjunktion |
| N | = Nomen (im Sinne von: Substantiv oder Nomen) |
| PartI | = Partizip I |
| PartII | = Partizip II |
| Präp | = Präposition |
| Pronrefl | = Pronomen (reflexiv) |
Einleitung
Anliegen und Gegenstand
‚Nominalstil‘ ist ein weit verbreiteter Begriff. Eine Googlesuche ergibt aktuell knapp 50.000 Treffer, sie führen uns in Lehr- und Lernkontexte (bspw. „Nominalstil – Verbalstil – Grammatiktraining“), aber auch in den Bereich der Sprachkritik („Nominalstil – die Mutter aller Stilsünden“) und Sprachberatung („Nominalstil vermeiden! So schreiben Sie verständlicher“). Nominalstil ist im Grunde genommen ein vorwissenschaftlicher Begriff, der breite Verwendung findet, bislang aber keine systematische linguistische Aufarbeitung erfahren hat. Als Indiz dafür wird hier gewertet, dass es in der grammatischen Bibliographie des Instituts für deutsche Sprache (grammis) kein Suchwort ‚Nominalstil‘ gibt und die Recherche im Onlinesuchsystem der Deutschen Nationalbibliothek nur zwei Treffer zu DaF-bezogenen Publikationen mit ‚Nominalstil‘ im Titel liefert (Punkki-Roscher 1995, Järventausta / Schröder 1997). Und in der Tat bildet die linguistische Auseinandersetzung mit dem Konzept in keinster Weise den breiten Rekurs auf das Phänomen in der Sprachgemeinschaft ab (eine Ausnahme bildet bspw. Ziegler 2009). Das bedeutet natürlich nicht, dass es keine breite linguistische Forschung zu Nominalstilmerkmalen gäbe, vielmehr sind die einzelnen Phänomene, die gemeinhin als nominalstilistisch eingeordnet werden (bspw. Nominalisierung, Komposition, Attribution), durchaus Gegenstand elaborierter linguistischer Forschung.
Aus dieser Einschätzung ergibt sich das Anliegen des vorliegenden Studienbuches quasi von selbst. Es besteht in einer linguistischen Aufarbeitung des Konzepts ‚Nominalstil‘ auf der Basis der einschlägigen linguistischen Forschung. Dabei – das sei ausdrücklich betont, um Missverständnissen vorzubeugen – liegt der Schwerpunkt auf der grammatischen Seite des Phänomens, d. h. auf ‚Nominal-‘. Anliegen des Buches ist es, einen Überblick über das grammatische System des Nominalstils zu bieten. Außen vor bleibt hier also weitestgehend die mit ‚-stil‘ verbundene Verbindung zum Text: Nominalstil ist ein Phänomen bestimmter Kommunikationsbereiche (etwa: Wissenschaftssprache, Rechtssprache, Behördensprache) und Textsorten. Eine systematische Aufarbeitung des Beitrags von Nominalstil zur Textqualität in diesen oder benachbarten Bereichen bleibt folglich anderen Darstellungen vorbehalten. Die vorgenommenen Analysen zu einschlägigen Textbeispielen werden aber möglicherweise trotzdem einen Eindruck des Beitrags von Nominalstil zur Textprofilbildung vermitteln.
Der Untertitel des Buches, „Möglichkeiten, Grenzen, Perspektiven“, ist wie folgt zu verstehen: Primäres Ziel ist die Aufarbeitung nominalstilistischer Möglichkeiten des Ausdrucks von Satzinhalten. Eine zentrale Prämisse besteht dabei darin, dass Inhalte, die auch in Sätzen mit Vollverben ausgedrückt werden können, in nominale Strukturen überführbar sind. Die zentrale Frage lautet hier folglich: Wie können die Möglichkeiten der Überführung von Satzinhalten von verbalen in nominale Strukturen charakterisiert werden? Es wird aber auch darum gehen, welche Grenzen der nominalen Ausdrucksseite gesetzt sind. Was kann nicht nominal ausgedrückt werden und woran liegt das? Schließlich sind auch die Perspektiven des Ausbaus nominaler Syntax Gegenstand der Darstellung, also solche Bereiche, in denen im aktuellen Sprachgebrauch zu beobachten ist, dass bestimmte Arten von Satzinhalten, die eigentlich Sätzen mit Vollverben vorbehalten zu sein scheinen, nominalstilistisch realisiert werden.
Zielgruppe
Zielgruppe eines Studienbuchs zur germanistischen Linguistik sind zuallererst Studierende der Germanistik. Das Buch ist allerdings nicht als Lehrbuch konzipiert, d.h., es folgt keiner Progression und enthält keine Übungen. Dennoch kann es für das Selbststudium genutzt werden. Empfohlen sei dabei insbesondere eine intensive Auseinandersetzung mit den Beispielanalysen sowie eine Anwendung des Analyseinventars auf selbst gewählte Beispiele. Darüber hinaus richtet sich das Studienbuch an Lehrende der germanistischen Linguistik, die in ihren Vorlesungen oder Seminaren Nominalstil systematisch aufarbeiten oder einzelne nominalstilistische Phänomene besprechen wollen.
Das Buch möchte über die Zielsetzung einer Grundlage für die germanistische Hochschullehre hinaus aber auch zur weiterführenden linguistischen Auseinandersetzung mit dem Konzept des Nominalstils anregen. Es richtet sich deshalb durchaus auch – obwohl es keine wissenschaftliche Monographie ist – an Kolleginnen und Kollegen.
Aufbau und Nutzung
Das Studienbuch entwickelt ein Konzept von Nominalstil. Folglich sind die einzelnen Teile des Buches aufeinander bezogen. Das bedeutet aber nicht, dass das Buch nur linear gelesen werden kann. Folgendes erwartet Sie bei der Lektüre der einzelnen Kapitel:
Im Kapitel „Grundbegriffe“ werden die folgenden grundlegenden Begriffe erarbeitet: Nomen/Substantiv, Nominalisierung, Nominalgruppe, Attribut, Satz, Satzinhalt. Hier wird dasjenige Begriffsverständnis dieser grundlegenden Begriffe entwickelt, das den Ausführungen in den weiteren Kapiteln zugrunde liegt. Das Kapitel kann also als ein Nachschlagewerk bei der Lektüre der weiteren Bausteine des Buches genutzt werden. Da diese Begriffe für die Arbeit in allen Kapiteln zentral sind, erschien es ratsam, sie in einem eigenständigen Kapitel zusammenzutragen.
Das Kapitel „Nominalstil – eine erste Annäherung“ bietet einen Einstieg in die Beschäftigung mit dem Nominalstil. Ausgehend von den Begriffsbestimmungen in zwei einschlägigen linguistischen Lexika werden in einem ersten Schritt die wichtigsten grammatischen Merkmale des Nominalstils besprochen. Auf der Basis der Diskussion des qualitativen Beitrags dieser Merkmale zum Nominalstil wird anschließend ein eigenes Begriffsverständnis entwickelt, das Nominalstil als Ergebnis einer Überführung von Satzinhalten in nominale Strukturen begreift. Vor diesem Hintergrund kann die Rolle der einzelnen grammatischen Merkmale neu bewertet werden. Schließlich werden in diesem Kapitel auch die Auswirkungen des Nominalstils auf die syntaktische Ausgestaltung von Sätzen beleuchtet.
Das Kapitel „Nominalstil zwischen verbaler und nominaler Syntax“ bietet einen Ansatz zur grammatiktheoretischen Verortung des Phänomens. Zentrale Theoriebausteine sind Cziczas Konzept der strukturellen Domäne (2015), das eine Gegenüberstellung der grundlegenden syntaktischen Funktionsweisen von Satz und Nominalgruppe erlaubt, sowie Welkes Konzept der Valenzvererbung (2011), das als grammatiktheoretischer Rahmen für die Analyse der Überführung von Satzinhalten aus verbalen in nominale Strukturen fungiert. Mit der Übertragung des valenzgrammatischen Konzepts der Satzbaupläne auf die nominale Domäne (= „Nominalgruppenbaupläne“) wird schließlich ein Ansatz für Bestandsaufnahmen zu grundlegenden nominalstilistischen Strukturen vorgeschlagen.
Das Kapitel „nominale Komplexität“ bringt mit ‚Komplexität‘ einen weiteren Erklärungsansatz für Nominalstil ins Spiel: Ein einzelnes Attribut oder eine einzelne Nominalisierung macht noch keinen Nominalstil, vielmehr entsteht erst durch die gehäufte Verwendung solcher grammatischen Merkmale der Eindruck von einem nominalstilistischen Text. Es wird ein Komplexitätsverständnis vorgestellt, mit dem nominale Komplexität analysiert und mit verbaler Komplexität verglichen werden kann. In diesem Kapitel geht es aber auch um die Grenzen des Nominalstils, d. h. darum, was passiert, wenn die nominale Komplexität zu stark ausgereizt wird.
Das Kapitel „Ausbau nominaler Syntax“ schließlich bietet mit Verbalkomplexen als Partizipialattributen und Verknüpfungen im Bereich der Attribution zwei Beispiele für weiterführende Übertragungen von Satzinhalten auf nominale Strukturen, mit denen sozusagen die Grenzen des nominal Sagbaren weiter ausgelotet werden. Indem auf diese Weise das Spektrum der nominal realisierten Satzinhalte erweitert wird, werden neue Perspektiven für die nominalstilistische Ausdrucksweise eröffnet.
Zentrales Anliegen des vorliegenden Buches ist eine möglichst verständliche und nachvollziehbare Entwicklung eines Konzepts von Nominalstil. Aus diesem Grunde kann nicht der Anspruch erhoben werden, sämtliche Sekundärliteratur, die sich mit einzelnen Nominalstilphänomenen beschäftigt, zu berücksichtigen bzw. ausführlich zu dokumentieren und zu besprechen. Vielmehr wird in den einzelnen Kapiteln mit zentralen Theoriebausteinen gearbeitet, die möglichst detailliert dargelegt werden, damit sie gewinnbringend für die Entwicklung des Nominalstilverständnisses genutzt werden können.
Ein Studienbuch steht aus Sicht der Autorin vor einem grundsätzlichen Dilemma: Es sollte einerseits ergebnisorientiert sein, um der Zielgruppe ein Handwerkszeug für die Analyse der behandelten Strukturen zur Verfügung zu stellen. Es kann also den eigenen Ansatz nicht in der gleichen Ausführlichkeit aus einer Diskussion der vorliegenden Forschungsansätze entwickeln, wie es in einer wissenschaftlichen Monographie der Fall ist. Andererseits wird natürlich auch in einem Studienbuch das Rad nicht neu erfunden, d.h., es profitiert vom wissenschaftlichen Diskurs zum behandelten Themenfeld. Um einerseits die Einbettung in den Diskurs transparent zu machen und andererseits eine möglichst gute Lesbarkeit zu gewährleisten, werden hier an einigen Stellen Ausführungen zum Diskurs in gesonderte Abschnitte ausgelagert. Diese Abschnitte sind mit dem Hinweis „Diskurs“ gekennzeichnet und vom Fließtext abgehoben. Sie als Leser oder Leserin können also selbst entscheiden, ob diese Informationen für Sie relevant sind, oder ob Sie diese Textteile überspringen möchten, weil für Sie vordergründig die ergebnisorientierte Entwicklung des Nominalstilverständnisses von Belang ist.
Abbildungen, Analysen, Anhang
Sowohl für die Entwicklung des Konzepts von ‚Nominalstil‘ als auch für die potentielle Nutzbarkeit des Studienbuches in Lehrkontexten sind die exemplarischen Analysen von zentraler Bedeutung. Das Buch arbeitet insgesamt zwar nur mit wenigen Beispieltexten, die jedoch unter den jeweiligen Gesichtspunkten ausführlich und detailliert betrachtet werden. Bitte beachten Sie diesbezüglich die folgenden beiden Hinweise:
1 Analysen folgen immer bestimmten Vorannahmen und basieren auf im jeweiligen Kontext getroffenen Festlegungen. Es gibt folglich keine allgemeingültige, einzig richtige Analyse. In diesem Studienbuch wird versucht, die Kriterien und Hintergründe für die Analysen so transparent wie möglich zu gestalten. Andere Analyseentscheidungen und -wege hätten zu anderen Analyseergebnissen geführt.
2 Die Beziehungen der Bestandteile von Nominalgruppen zueinander können teilweise vielschichtig und komplex sein. Den Möglichkeiten der Darstellung dieser Beziehungen (etwa durch Tabellen oder typographische Hervorhebungen) sind Grenzen gesetzt. Um dennoch eine möglichst transparente Analyse zu gewährleisten, bietet ein Anhang kleinschrittige tabellarische Analysen zu solchen Phänomenbereichen, deren detaillierte Darstellung den Fließtext möglicherweise langatmig und wenig prägnant machen würde.
Exemplarische Analysen beinhalten nicht immer die Analyse vollständiger Beispieltexte, sondern können sich auch auf einzelne Satz- oder Nominalgruppenbeispiele beziehen. Um die interne Struktur der jeweiligen Sätze und Nominalgruppen nachvollziehbar zu analysieren, wird auf zwei Typen von Darstellungsformaten zurückgegriffen:
1 Konstituentenstruktur: Die Konstituentenstrukturanalysen folgen dem Modell von Eisenberg (2013b).
2 Dependenzstruktur: Die Dependenzstrukturanalysen folgen dem Modell von Eroms (2000).
Beide Typen von Strukturanalysen folgen den jeweiligen Modellen. Das bedeutet, dass die Terminologie in den Strukturanalysen nicht den für dieses Studienbuch getroffenen Festlegungen folgt, sondern den Vorgaben von Eisenberg und Eroms. So ist etwa ‚Nomen‘ in den Konstituentenstrukturbäumen à la Eisenberg Oberbegriff für alle deklinierbare Wortarten; in den Dependenzstrukturanalysen à la Eroms hingegen Oberbegriff für das, was hier als Nomen und Substantiv differenziert wird. Dieser Unterschied in der Nutzung des Terminus ‚Nomen‘ illustriert, dass Analysen immer auf Vorannahmen beruhen und dass es unumgänglich ist, Festlegungen zu zentralen Grundbegriffen zu treffen.
Dank
Ich danke allen, die zum Entstehen dieses Studienbuches beigetragen haben. Für anregende Diskussionen und hilfreiche Kritik danke ich allen voran Dániel Czicza, aber auch Daniel Holzhacker und Robert Niemann. Nilüfer Cakmak-Niesen danke ich für die kritische Lektüre des gesamten Manuskripts. Das gilt gleichermaßen für Vanessa Langsdorf, der ich darüber hinaus für die Endkorrektur und vor allem für die Erstellung der Abbildungen zu Dank verpflichtet bin. Schließlich möchte ich mich herzlich beim Narr Verlag für die Aufnahme in die Reihe „Narr Studienbücher“ bedanken sowie bei Valeska Lembke für die kompetente Betreuung bis zur Drucklegung.
Schauenburg-Hoof, September 2019
Grundbegriffe
Überblick
Das Kapitel verfolgt das Ziel, das dem Studienbuch zugrunde liegende Verständnis zentraler grammatischer Termini zu erarbeiten. Elementar für eine Auseinandersetzung mit Fragen des Nominalstils sind die Grundbegriffe rund um Nomen/Substantiv und Nominalgruppe. Um die Möglichkeit eines Vergleichs von Nominalstil und Verbalstil zu schaffen, wird aber auch ein Verständnis von ‚Satz‘ benötigt sowie Grundbegriffe zur Beschreibung von Satzinhalten.
Die vorliegende Darstellung folgt nicht einer bestimmten Grammatiktheorie. Das bedeutet nicht, dass keine grammatiktheoretischen Vorannahmen getroffen werden (müssen). Einen zentralen Theoriebaustein bilden die Überlegungen zum Zusammenspiel syntaktischer Kategorien, Strukturen und Relationen bei Peter Eisenberg (also das Kapitel „Grundbegriffe“ im Teil „Satz“ seines zweibändigen „Grundriss der deutschen Grammatik“ 2013b). Aber auch die Dependenzsyntax von Hans Werner Eroms (2000) und die Valenzgrammatik von Klaus Welke (2011) bilden einen wichtigen theoretischen Hintergrund für die Modellierung nominaler Strukturen. Schließlich wird auch auf andere wichtige Grammatiken des Gegenwartsdeutschen – insbesondere die IdS-Grammatik (1997), Dudengrammatik (2016) sowie Ágels „Grammatische Textanalyse“ (2017) – regelmäßig zurückgegriffen. Für die satzsemantische Perspektive ist die Satzsemantik von von Polenz (2008 [1985]) zentral.
Nomen Nomen/ SubstantivSubstantiv
In einem Buch zum Nominalstil ist der Begriff des Nomens bzw. Substantivs natürlich ein Zentralbegriff. „Nomen bzw. Substantiv“ suggeriert einen gewissen Grad an Synonymität. So spricht man in der Dudengrammatik auch einfach von „Substantiven oder Nomen“ (2016: 149) und verwendet dann weiterhin den Terminus ‚Substantiv‘. Andere Autoren und Grammatiken hingegen verwenden die Termini ‚Nomen‘ und ‚Substantiv‘ für begriffliche Unterscheidungen.
Diskurs: Nomen oder Substantiv?
Eisenberg bezeichnet als Nomen „in Anlehnung an eine traditionelle Redeweise die Wörter des Deutschen, die in Hinsicht auf Kasus Kasusflektieren“ (2013b: 14f). ‚Nomen‘ werden dadurch „kategorial von den Flexionstypen ohne Kasusmarkierung Kasusmarkierungab[gegrenzt]“ (Eisenberg 2013b: 17). Eisenberg unterscheidet auf diese Weise zwischen ‚Nomen‘ und ‚Substantiv‘: „Wir werden uns ebenfalls dieses weiten Begriffs von Nomen bedienen und ihn nicht, wie es häufig auch geschieht, synonym mit Substantiv verwenden (s.u.).“ (Eisenberg 2013b: ebd.) Eine völlig andere begriffliche Differenzierung nimmt die IdS-Grammatik vor:
„Die prototypische PrototypFunktion des SUBSTANTIVS besteht in seinem zentralen Beitrag zum Ausdruck von Argumenten, während die prototypische Funktion von VerbVerben der Ausdruck des Prädikats Prädikatist. […] Hingegen nennen wir ‚Nomen‘ (N) den Kopf Kopfeiner ‚NominalphraseNominalphrase‘ (NP), sei er durch ein Substantiv oder Adjektiv (die Kleinen) gebildet oder die Nominalisierung Nominalisierungeines Elements einer anderen Klasse, insbesondere eines Verbs (das Singen), aber auch eines Adverbs (das Heute), eines Subjunktors Subjunktorbzw. Konjunktors (kein Wenn und kein Aber) oder einer Interjektion (das Ach und Weh) usw.“ (IdS-Grammatik 1997: 28)
In der IdS-Grammatik wird folglich ein syntaktischer Begriff ‚Nomen‘ von einem lexikalisch-funktionalen Begriff ‚Substantiv‘ abgegrenzt. Auf diese Weise kann unterschieden werden zwischen solchen Sprachzeichen, die als Substantive Bestandteil des Lexikons sind und solchen, die erst im syntaktischen Kontext nominale Eigenschaften annehmen. Als ein Unterscheidungsmerkmal kann das feste Genus Genusdes Substantivs angesehen werden (IdS-Grammatik ebd.; Dudengrammatik 2016: 149). Eisenberg verwendet dafür den Begriff der WortkategorieWortkategorie:
„Jedes substantivische Paradigma Paradigmaund damit jedes substantivische lexikalische Wort gehört also einem grammatischen Geschlecht an und umgekehrt kann man sagen, dass die Genera eine Klassifizierung der Substantive als lexikalische Wörter abgeben.“ (Eisenberg 2013b: 19)
Wortkategorien Wortkategoriesind keine Flexionskategorien Flexionskategorieund so ist das Genus Genusam Substantiv – als lexikalischem Wort – fest. Natürlich ist auch bei Nomen (im syntaktischen Sinne) das Genus nicht beliebig. Die Genuszuweisung folgt aber den allgemeinen Regeln der Derivation Derivationund Konversion Konversion(siehe Fleischer/Barz 2007: 146ff.): Bspw. sind Verbalabstrakta Verbalabstraktumauf -ung und Adjektivabstrakta Adjektivabstraktumauf -keit feminin (die Wanderung, die Besichtigung, die Enteignung, die Heiterkeit, die Tätigkeit), die morphologische Konversion Konversionmorphologischaus einem Verb Verbmaskulin (der Lauf, der Schlaf) und die syntaktische Konversion Konversionsyntaktischneutral (das Laufen, das Schlafen, das Wandern). Das Genus ist hier also morphosyntaktisch indiziert und nicht – wie es bei lexikalischen Substantiven häufig der Fall ist – arbiträr (das Pferd, die Katze, der Hund).
Die Entscheidung für ein Begriffsverständnis sollte immer in Abhängigkeit davon getroffen werden, was der Kontext und der Zweck der Verwendung des Begriffs ist. Für unsere Überlegungen zum Nominalstil erscheint es mir sinnvoll, eine begriffliche Unterscheidung zwischen ‚Nomen‘ und ‚Substantiv‘ vorzunehmen, mit der wir den Unterschied erfassen können zwischen solchen Lexemen, die im Wörterbuch bzw. in unserem mentalen Lexikon Lexikonals Substantive gespeichert sind, und solchen, die eigentlich einer anderen Lexemklasse Lexemklasseangehören und erst durch die Verwendung als Kern Kerneiner Nominalgruppe Nominalgruppenominale Eigenschaften annehmen.
SubstantivSubstantiv
Ein SUBSTANTIV ist eine Lexemklasse Lexemklasse(WortartWortart). Die Zuordnung eines Lexems zur Klasse der Substantive ist nicht abhängig von der syntaktischen Umgebung. Es handelt sich um die Wortartzuordnung, die dem jeweiligen Lexem Lexemin einem Wörterbuch zugeordnet wird. Substantive haben ein festes GenusGenus, das in vielen Fällen (außer bei einigen Personenbezeichnungen) arbiträr ist (das Pferd, die Katze, der Hund).
Nomen Nomen
Ein NOMEN ist ein KernKern einer NominalgruppeNominalgruppe. Als Nomen können sowohl Substantive Substantiv(das alte Auto, die Hochzeitsfeier) und Pronomen Pronomen(wir beide, manches davon) fungieren als auch Nominalisierungen von Lexemen anderer Lexemklassen (das Ich, das Wenn und Aber, die Durchführung der Untersuchung). Das Genus Genuseines nominalisierten Nomens hängt vom Wortbildungstyp ab (bspw. Infinitivkonversion Infinitivkonversion= neutrum: das Zittern und Bangen; deverbale Derivation Derivationmit -ung = femininum: die Wanderung).
Wichtig erscheint an dieser Stelle noch der Hinweis darauf, dass ‚Substantiv‘ und ‚Nomen‘ ja auch Bestandteile von fachwissenschaftlichen Komposita bzw. Ableitungen sein können: Nominalstil, Nominalgruppe und Nominalisierung vs. Substantivstil, Substantivgruppe Substantivgruppeund SubstantivierungSubstantivierung. Auf der Basis der soeben eingeführten begrifflichen Unterscheidung zwischen Substantiv und Nomen legen wir uns hier auf die Termini Nominalstil, Nominalgruppe und Nominalisierung fest. Mit von Polenz lässt sich diese Entscheidung darüber hinaus wie folgt begründen: „Der sog. ‚Substantivstil‘ ist eigentlich ein Nominalisierungsstil oder Nominalgruppenstil als hauptsächliche Ausprägung des komprimiertenkomprimiert/verdichteten/kondensierten Ausdrucks.“ (von Polenz 2008: 42) Wenn Autoren zitiert werden, die die Termini Substantivstil, Substantivgruppe und/oder Substantivierung verwenden, wird ihre jeweilige Redeweise beibehalten. Die Verwendungen der genannten Termini werden dann mit einem Hinweis auf die jeweilige Quelle versehen.
NominalisierungNominalisierung
Die Unterscheidung zwischen Substantiven Substantivund Nomen Nomenhaben wir deshalb vorgenommen, weil für die Auseinandersetzung mit dem Nominalstil gerade die Nomen interessant sind: Der Eindruck, dass ein Text im Nominalstil verfasst ist, entsteht nicht einfach dadurch, dass viele Substantive verwendet werden, sondern in der Regel erst, wenn es sich um Nomen – meist deadjektivische oder deverbale Nominalisierungen Nominalisierungdeverbal– handelt:
| (1) | Die SPD wäre gut beraten, die Sache genau zu studieren, manches davon könnte ihr in den kommenden Gesprächen zur Anbahnung einer Sondierung zur Herbeiführung von Koalitionsverhandlungen zur Ermöglichung einer schwarz-roten Regierung wieder begegnen. (Die ZEIT, 30.11.2017) |
| (2) | Bis jetzt konnte also von Elektrizität gar keine Rede sein, und der Wagenführer hatte nicht das geringste mit irgendwelchen Kurbeln und Hebeln zu tun, sondern er hielt in der linken Hand die Zügel und in der rechten die Peitsche. (Erich Kästner: Emil und die Detektive) |
Beispiel (1) enthält 33 Wortformen, davon zehn Nomen (die drei Substantive SPD, Sache, Gespräch, das Pronomen manches sowie die sechs deverbalen NominalisierungNominalisierungdeverbalen Anbahnung, Sondierung, Herbeiführung, Koalitionsverhandlung, Ermöglichung, Regierung). Der Anteil der Nomen beträgt also 30,3%. In Beispiel (2) kommen neun Nomen auf 39 Wörter. Die meisten der neun Nomen sind gleichzeitig auch Substantive; der Wagenführer bspw. ist zwar ein deverbales Nomen Nomendeverbal(einen Wagen führen → der Wagenführer), deverbale Personenbezeichnungen wie diese gelten aber (wahrscheinlich aufgrund ihrer starken LexikalisierungLexikalisierung) nicht zwingend als Nominalstilphänomen (der Lehrer, die Verkäuferin). Der Anteil der Nomen in Beispiel (2) ist mit 23,08% zwar etwas niedriger als in Beispiel (1), der Abstand ist aber nicht so groß, wie man aufgrund der ganz unterschiedlichen Wirkung der Beispiele erwarten könnte. Der Eindruck, dass es sich bei Beispiel (1) um einen nominalstilistischen Satz handelt, entsteht folglich stärker auf der Basis der Qualität der Nomen als allein aufgrund ihrer Quantität. Dabei ist es sicherlich kein Zufall, dass alle sechs Nominalisierungen in Beispiel (1) deverbale Nominalisierungen sind.
Die zahlreichen Möglichkeiten, durch Derivation Derivationoder Konversion KonversionLexeme aus einer anderen Lexemklasse Lexemklassein die nominale Domäne Domänenominalzu überführen, ist also offenbar eine wichtige Grundlage für den Ausbau des nominalen Stils: Nominalisierungen sind sozusagen das Herzstück des Nominalstils. Werfen wir also einen genaueren Blick auf den Begriff der Nominalisierung:
Diskurs: ‚Nominalisierung‘ als morphologischer und syntaktischer Begriff
Wie so viele andere Termini wird auch dieser unterschiedlich gebraucht. In der Dudengrammatik bspw. wird der Terminus ‚SubstantivierungSubstantivierung‘ nur für die Bildung von Substantiven durch Konversion Konversion(langes Anstehen, die Neuen) verwendet (2016: 678f., 809); Eisenberg hingegen benutzt ihn sowohl für die Bildung von Substantiven durch Konversion als auch durch Affigierung Affigierung(2013a: 280). Der Terminus ‚NominalisierungNominalisierung‘ wird in der Fachliteratur etwa von Ehrich (1991) und Lübbe/Trott (2017) für deverbale NomenNomendeverbalbildungen verwendet. Deverbale Nominalisierungen werden traditionell ‚VerbalabstraktaVerbalabstraktum‘ genannt. Für Nominalstilfragen relevant sind aber auch sogenannte ‚AdjektivabstraktaAdjektivabstraktum‘, die durch Affigierung mit Suffixen Suffixwie -heit oder -keit gebildet werden (Beschaffenheit, Heiterkeit).
Bei ‚Nominalisierung‘ geht es aber nicht nur um die morphologischen Prozesse der Bildung von Nomen Nomenaus Lexemen anderer Wortklassen, sondern auch um die syntaktischen Konsequenzen der Verwendung der Nominalisierungsprodukte als Nomen (vgl. Welke 2011: 250ff.). Man kann folglich zwischen einer morphologischen und einer syntaktischen Perspektive Perspektiveauf den Begriff ‚Nominalisierung‘ unterscheiden. Für Analysen zum Beitrag von Nominalisierungen zum Nominalstil ist vor allem ihr syntaktisches Verhalten relevant. Zentral für die „SubstantivitätSubstantivität“ (Eisenberg 2013a: 328) ist: „Die Verwendung des Substantivs innerhalb der NGr ist bestimmt durch seine Funktion als Kern Kern(nuk).“ (Eisenberg 2013a: 329) Auch in der Dudengrammatik heißt es: „Substantive bilden den Kern von Nominalphrasen.“ (2016: 149)
Nominalisierung Nominalisierung
Mit dem Terminus NOMINALISIERUNG bezeichnen wir den Prozess der Überführung eines Lexems einer nicht-substantivischen Lexemklasse Lexemklassein die nominale DomäneDomänenominal. Aus morphologischer Perspektive Perspektivebezeichnet ‚Nominalisierung‘ den Wortbildungsprozess, der diesem Lexemklassenwechsel zugrunde liegt (Derivation Derivationdie Wanderung, Konversion Konversiondas Wandern). Der Lexemklassenwechsel führt zu einer Veränderung der syntaktischen Eigenschaften: Das Nomen Nomenals Produkt der Nominalisierung ist Kern Kerneiner NominalgruppeNominalgruppe.
Die Begriffsbestimmung kann prinzipiell auf alle Arten der Nominalisierung Nominalisierungangewendet werden und ist also unabhängig davon, aus welcher Lexemklasse das nominalisierte Nomen stammt. Für die Beschäftigung mit dem Nominalstil in diesem Studienbuch sind deverbale Nominalisierungen Nominalisierungdeverbalvon besonderem Interesse. Deshalb seien hier die morphologischen Möglichkeiten der deverbalen Nominalisierung mit Welke (2011: 256) explizit aufgeführt:
Im Deutschen gibt es unterschiedliche Arten der deverbalen AbleitungAbleitung: explizite Derivation Derivationexplizitmit dem Suffix Suffix-ung [a] und dem Suffix -e [b], implizite Derivation Derivationimplizit[c], Stammkonversion Stammkonversion[d], Infinitivkonversion Infinitivkonversion[e].
1 verwandeln – Verwandlung
2 bitten – Bitte, liegen – Liege
3 springen – Sprung, stehen – Stand
4 laufen – Lauf
5 verlangen – das Verlangen
Für deverbale Nominalisierungen Nominalisierungdeverbalverwenden wir in diesem Studienbuch häufig die gängige Bezeichnung ‚VerbalabstraktumVerbalabstraktum‘. Parallel dazu kann eine deadjektivische Nominalisierung Nominalisierungdeadjektivischals ‚AdjektivabstraktumAdjektivabstraktum‘ bezeichnet werden.
An dieser Stelle sei noch darauf hingewiesen, dass im Sinne der hier erfolgten Begriffsbestimmung und des mit diesem Studienbuch verfolgten Anliegens diejenigen Nominalisierungen von Interesse sind, die sinnvoll auf eine verbale Struktur zurückgeführt werden können. Das ist dann nicht der Fall, wenn sich das Produkt der Nominalisierung durch Lexikalisierung Lexikalisierungvom Geberlexem Geberlexemzu weit entfernt hat. Die Übergänge sind natürlich fließend. Als Beispiel sei hier das deadjektivische Nomen NomendeadjektivischAllgemeinheit genannt: Formal ist das Nomen als deadjektivische Nominalisierung Nominalisierungdeadjektivischan der expliziten Derivation Derivationexplizitmit -heit gut erkennbar. Eine Rückführung auf einen Satz wie X ist allgemein ergibt hier aber keinen Sinn, weil sich die Bedeutung des Derivats von diesem Ursprung entfernt hat (vgl. Duden Universalwörterbuch: Öffentlichkeit, Gesamtheit, alle). Um auf einen in diesem Sinne engeren Begriff von Nominalisierung zu verweisen, wird in diesem Studienbuch an den entsprechenden Stellen auch von ‚satzwertiger NominalisierungNominalisierungsatzwertig‘ gesprochen.
NominalgruppeNominalgruppe
Bei der Begriffsbestimmung von Nomen und Nominalisierung haben wir bereits auf den Begriff der Nominalgruppe zurückgegriffen. Mit dem Hinweis auf die Einschätzung von von Polenz, dass mit ‚Nominalstil‘ eigentlich ‚Nominalgruppenstil‘ gemeint sei, ist bereits deutlich geworden, dass es sich bei ‚Nominalgruppe‘ um einen Zentralterminus für die Beschäftigung mit Nominalstil handelt.
Diskurs: Nominalgruppe oder NominalphraseNominalphrase?
Wie auch andere hier diskutierte Terminologiepaare sind ‚Nominalphrase‘ und ‚Nominalgruppe‘ keineswegs synonym. Häufig geht es bei der Entscheidung für einen der beiden Termini um die Verortung in einem grammatiktheoretischen Kontext. So ist ‚Nominalphrase‘ bspw. ein fester Grundbegriff der Generativen Grammatik. Alternativ dazu kann auch zwischen ‚Gruppe‘ als losere Verbindung und ‚Phrase‘ als grammatikalisierte Verbindung mit festen phrasenstrukturellen Eigenschaften unterschieden werden (vgl. Eroms 2016). Gerade für die Beschäftigung mit Grammatikalisierung ist diese Unterscheidung hilfreich, weil mit ihr die Entwicklung von einer loseren Verbindung hin zu einer Struktur mit festen Phraseneigenschaften eingefangen werden kann (vgl. Eroms 2016). Eine solche diachrone Perspektive nimmt das vorliegende Studienbuch aber nicht ein. Da bei der Modellierung syntaktischer Grundstrukturen hier vordergründig auf Eisenbergs Grammatik zurückgegriffen wird, verwenden wir in Anlehnung an Eisenberg den Terminus ‚Nominalgruppe‘.
Für eine Annäherung an den Begriff der Nominalgruppe ist zweierlei relevant: ihre interne Struktur sowie ihre syntaktische Funktion. Für die Erfassung der internen Struktur von Nominalgruppen greifen wir hier auf den Begriff des ‚WortgruppengliedsWortgruppenglied‘ von Ágel (2017: 20ff.; 691ff.) zurück. Dabei handelt es sich um einen Terminus, der gezielt eine Analogie Analogiezum Terminus ‚SatzgliedSatzglied‘ herstellt: Satzglieder sind satzgrammatische Funktionen von grammatischen Formen, Wortgruppenglieder sind wortgruppengrammatische Funktionen von grammatischen Formen (Ágel 2017: 23). Hinter dieser Analogie steckt die folgende Grundidee: Wenn etwas (in unserem Fall: eine grammatische Form) Bestandteil einer größeren Einheit (in unserem Fall: eines Satzes oder einer WortgruppeWortgruppe) ist, dann muss es eine Funktion in Bezug auf diese größere Einheit haben. Salopp formuliert: Es gibt keine Aliens in Sätzen oder Wortgruppen. Diesen wichtigen Kerngedanken wollen wir hier in Bezug auf die Glieder von Nominalgruppen weiter verfolgen. Als Nominalgruppenglieder betrachten wir hier Kerne (NomenNomen), Köpfe Kopf(ArtikelArtikel) und Attribute. Da ‚Attribut‘ ein Zentralbegriff für die Beschäftigung mit Nominalstil ist, widmen wir diesem Wortgruppenglied einen eigenen Abschnitt.
Diskurs: Köpfe Kopfund Kerne
Es ist bereits deutlich geworden, dass das Nomen eine zentrale Funktion in der Nominalgruppe übernimmt. Diese zentrale Funktion wird in manchen Darstellungen mit dem Terminus ‚Kopf‘ und in anderen mit dem Terminus ‚KernKern‘ erfasst. So bezeichnet die IdS-Grammatik das „strukturelle und funktionale Zentrum einer WortgruppeWortgruppe“ als Kopf (1997: 72). Das ist in Bezug auf die Nominalgruppe nicht unproblematisch, weil das Nomen nicht gleichzeitig strukturelles und funktionales Zentrum ist. Es ist vielmehr „nur“ das lexikalische Zentrum (Eisenberg 2013b: 53; Ágel 2017: 698). Die Rede von einem lexikalischen Zentrum ergibt Sinn, wenn man diesen Begriff vom Artikel Artikelals grammatischem Zentrum der Nominalgruppe abgrenzt (Eisenberg u. Ágel ebd.). Der Artikel wird in dieser Tradition als ‚Kopf‘ bezeichnet. Diese Verwendung des Terminus ‚Kopf‘ ist also nicht identisch mit der Verwendung des Terminus ‚Kopf‘ in der IdS-Grammatik. Mit der Unterscheidung von Köpfen und Kernen knüpft Eisenberg an die syntaktischen Grundüberlegungen von Oliver Teuber (2005) an (die dieser seiner Dissertation zu analytischen Verbformen als Begriffsapparat voranstellt). Köpfe und Kerne werden bei Teuber und Eisenberg ebenso wie die klassischen Satzgliedbegriffe Satzgliedbegriffals syntaktische Relationen Relationsyntaktischerfasst. An diese Tradition knüpft auch Ágel an (2017), der – wie bereits ausgeführt – für die syntaktischen Relationen in der Wortgruppe in Analogie Analogiezu den syntaktischen Relationen im Satz Satzden Terminus ‚WortgruppengliedWortgruppenglied‘ einführt. Die Dudengrammatik verwendet ebenso wie Eisenberg den Terminus ‚Kern‘ für das Nomen in einer Nominalgruppe (dort aber NominalphraseNominalphrase). Für die Funktion des Artikels verwendet Peter Gallmann, der Autor des Satzkapitels in der Dudengrammatik, keinen gesonderten Terminus. Auf sein Konzept des Hauptmerkmalträgers werden wir unten genauer eingehen.
Es erweist sich als wichtig, die Wortgruppenfunktion Wortgruppenfunktiondes Nomens Nomenvon der Wortgruppenfunktion des Artikels Artikelabzugrenzen. Was mit der Redeweise vom Artikel als grammatisches Zentrum gemeint ist, sollen die folgenden Beispiele illustrieren:
| Maskulinum (stark) | Maskulinum (schwach) | Femininum | ||||
| Nominativ | der Mann | die Männer | der Automat | die Automaten | die Frau | die Frauen |
| Genitiv | des Mannes | der Männer | des Automaten | der Automaten | der Frau | der Frauen |
| Dativ | dem Mann | den Männern | dem Automaten | den Automaten | der Frau | der Frauen |
| Akkusativ | den Mann | die Männer | den Automaten | die Automaten | die Frau | die Frauen |
Tab. 1:
Exemplarische Paradigmen deutscher Substantive
Die Beispiele zeigen, dass die grammatischen Kategorien Kategoriegrammatischder Nominalgruppe (GenusGenus, KasusKasus, NumerusNumerus) am Artikel Artikeldeutlich häufiger sichtbar werden als am SubstantivSubstantiv: Das starke Maskulinum MaskulinumMann hat im Singular Singularnur im Genitiv Genitiveine eindeutige Kasusendung, sie ist allerdings mit der Endung des Artikels identisch und dadurch redundant. Im Plural Plurallässt sich nur der Dativ Dativvon den anderen Kasus unterscheiden. Beim schwachen Maskulinum Automat ist nur der Nominativ NominativSingular von den anderen Kasus unterscheidbar, alle anderen Kasus im Singular sowie alle Kasus im Plural tragen die schwache Endung -en. Beim Femininum FemininumFrau schließlich sind nur Singular und Plural unterscheidbar. Für die Maskulina bietet der Artikel im Singular unterschiedliche Formen für alle vier Positionen im ParadigmaParadigma, im Plural sind immerhin nur Nominativ und Akkusativ Akkusativsynkretistischsynkretistisch, also mehrdeutig.
In Bezug auf die Funktion der Kennzeichnung der nominalen Kategorien Kategorienominaldurch den Artikel spricht Gallmann in der Dudengrammatik von einem ‚HauptmerkmalträgerHauptmerkmalträger‘ (2016: 955). Das muss nicht unbedingt ein Artikel sein, auch ein stark dekliniertes DeklinationAdjektiv Adjektivkann diese Funktion übernehmen, wenn kein Artikel mit entsprechender Endung vorhanden ist:
D-er starke schwarze Kaffee hilft da sicher.
Dies-er starke schwarze Kaffee hilft da sicher.
Mein stark-er schwarz-er Kaffee hilft da sicher.
Ein stark-er schwarz-er Kaffee hilft da sicher.
Stark-er schwarz-er Kaffee hilft da sicher.
(Dudengrammatik 2016: 956)
In der Terminologie von Eisenberg ist der Hauptmerkmalträger HauptmerkmalträgerKopf Kopfeiner NominalgruppeNominalgruppe. Die Konsequenz dieser Auffassung ist im Grunde genommen, dass auch die Flexionsendung eines stark deklinierten DeklinationAdjektivs Kopffunktion übernimmt. Meist werden aber nur Artikel Artikelals Köpfe betrachtet. Wir werden es in diesem Studienbuch aus Gründen der Überschaubarkeit auch bei diesem kurzen Hinweis auf die Kopffunktion der Flexive Flexivstark deklinierter Adjektive Adjektivbelassen. Die Adjektive stark und schwarz sind in den Beispielen darüber hinaus als Wortgruppenglieder Wortgruppengliedauch Attribute. Der Attributstatus ist dabei unabhängig davon, ob ein Adjektiv stark oder schwach dekliniert ist, ob es also gleichzeitig Hauptmerkmalträger ist oder ob ein Artikel als Hauptmerkmalträger fungiert.
Als zweites Standbein der Annäherung an den Begriff der Nominalgruppe Nominalgruppewurde eingangs ihre syntaktische Funktion benannt. Nominalgruppen sind dadurch gekennzeichnet, dass sie im Satz eine Satzgliedfunktion Satzgliedfunktionübernehmen können:
| (3) | Der verliebte Paul will der glücklichen Paula rote Rosen schenken. |
Dieser Satz enthält drei Nominalgruppen: der verliebte Paul, der glücklichen Paula und rote Rosen. Alle drei Nominalgruppen sind Satzglieder Satzgliedin diesem Satz: Der verliebte Paul ist SubjektSubjekt, der glücklichen Paula ist Dativobjekt und rote Rosen ist AkkusativobjektAkkusativobjekt. In der Grammatik von Eisenberg sind Nominalgruppen deshalb KonstituentenkategorienKonstituentenkategorie. Das bedeutet, dass sie unmittelbare Bestandteile des Satzes sind. Das lässt sich in Anlehnung an Eisenberg wie folgt abbilden:
Abb. 1:
Nominalgruppen als Satzkonstituenten
Wichtig ist dabei aber: Als Konstituentenkategorien in Bezug auf Sätze kommen nicht nur Nominalgruppen in Frage, sondern beispielsweise auch Präpositionalgruppen Präpositionalgruppeund NebensätzeNebensatz.
Umgekehrt können auch Nominalgruppen nicht nur als Konstituenten von Sätzen fungieren. Sie können auch Konstituenten von Präpositionalgruppen sein:
| (4) | Der verliebte Paul wartet hinter der Mauer auf die glückliche Paula. Er überrascht sie mit roten Rosen. |
Im Gegensatz zu Beispiel (3) ist hier die glückliche Paula nicht unmittelbare Konstituente Konstituenteunmittelbardes Satzes und folglich auch kein Satzglied, sondern Konstituente Konstituenteder Präpositionalgruppe. Bei Eisenberg ist sie der Kern Kernder Präpositionalgruppe (die Präposition Präpositionist der KopfKopf). Die Präpositionalgruppe ist hier die Konstituente des Satzes und ein Satzglied (Präpositionalobjekt). Das Gleiche gilt für roten Rosen: Auch diese Nominalgruppe ist Konstituente einer Präpositionalgruppe (mit roten Rosen), ebenso wie die Nominalgruppe der Mauer Konstituente der Präpositionalgruppe hinter der Mauer ist.
Abb. 2:
Nominalgruppen als Konstituenten von Präpositionalgruppen
Schließlich können Nominalgruppen auch Konstituenten von Nominalgruppen sein:
| (5) | die erste Durchsteigung der Nordwand der großen Zinne auf der Direttissima im Winter 1989 durch Kurt Albert und Gefährten im Rotpunkt-Stil (IdS-Grammatik 1997: 1927) |
Mit diesem Beispiel illustrieren die Autoren der IdS-Grammatik, dass eine Nominalgruppe Nominalgruppesehr komplex sein kann. Es handelt sich zunächst insgesamt um eine Nominalgruppe, weil sie als Konstituente Konstituenteeines Satzes fungieren kann:
| (6) | Die erste Durchsteigung der Nordwand der großen Zinne auf der Direttissima im Winter 1989 durch Kurt Albert und Gefährten im Rotpunkt-Stil war eine Sensation. |
Die Nominalgruppe fungiert in diesem Satz als SubjektSubjekt. Da, wie wir gerade diskutiert haben, Nominalgruppen auch Konstituenten von Nominalgruppen sein können, ist es hilfreich, einen Terminus zu haben, mit dem wir solche komplexen Nominalgruppen wie (5) benennen können. In Anlehnung an Mertzlufft (2013: 230) nennen wir Nominalgruppen, die Konstituenten von Sätzen sind und eine Satzgliedfunktion Satzgliedfunktionübernehmen, in diesem Studienbuch „maximale NominalgruppeNominalgruppemaximaln“. Die Nominalgruppe mit dem deverbalen Kern KerndeverbalDurchsteigung ist deshalb so komplex, weil sie weitere Nominal- und Präpositionalgruppen Präpositionalgruppeals Attribute enthält. Die Attributstruktur Attributstrukturschauen wir uns im Abschnitt zu Attributen näher an.
An dem Beispiel haben wir nachvollzogen, dass eine Nominalgruppe sehr umfangreich sein kann. Was ist aber die untere Grenze für die Annahme einer Nominalgruppe, d.h., was muss minimal vorhanden sein, damit von einer Nominalgruppe ausgegangen werden kann?
Diskurs: Gibt es eingliedrige Nominalgruppen?
Die Grundsatzfrage lautet: Wieviele Elemente sind notwendig, damit man von einer Gruppe sprechen kann? Mit dieser Frage gehen die Grammatiken unterschiedlich um. Die Dudengrammatik und die IdS-Grammatik sprechen auch bei einzelnen Substantiven Substantivvon Nominalphrasen: Kühe fressen Gras (Dudengrammatik 2016: 808); Julia weint (IdS-Grammatik 1997: 1928). In der IdS-Grammatik spricht man hier von ‚Einwort-Nominalphrasen‘. Eisenberg hingegen unterscheidet als Konstituentenkategorien KonstituentenkategorieNomen Nomenund Nominalgruppen und benennt als Bedingung für eine NominalgruppeNominalgruppe, dass diese mindestens zwei Nomina (im Sinne des Begriffsverständnisses: deklinierbare Wörter) enthalte (2013b: 22). Nach diesem Verständnis wären im Beispiel Paul liebt Paula zwei Nomen Konstituenten des Satzes, im Beispiel der junge Paul liebt die alte Paula zwei Nominalgruppen. Wir müssen hier nicht unbedingt eine Festlegung bezüglich der Frage treffen, ob auch einzelne Nomen als Nominalgruppen zu betrachten sind. Für eine Beschäftigung mit dem Nominalstil sind allerdings einzelne Nomen als Satzkonstituenten Satzkonstituentenicht besonders interessant. Für den Nominalstil sind vielmehr komplexe Nominalgruppen konstitutiv.
Nominalgruppe Nominalgruppe
Eine NOMINALGRUPPE ist eine WortgruppeWortgruppe, die ein NomenNomen als Kern Kern(lexikalisches Zentrum) enthält. Eine Nominalgruppe enthält maximal je einen Kern und einen Kopf Kopf(grammatisches Zentrum; in der Regel ein ArtikelArtikel). Hingegen kann eine Nominalgruppe durch beliebig viele Attribute erweitert werden. Nominalgruppen können Konstituenten von Sätzen sein, also Satzgliedfunktion Satzgliedfunktionübernehmen. Sie können aber auch Konstituenten von Präpositionalgruppen Präpositionalgruppesein (sie fungieren dann als Kerne) oder Konstituenten von Nominalgruppen (hier fungieren sie als Attribute).
Das Vorhandensein eines Kerns ist die Grundbedingung für eine Nominalgruppe. Diese Bedingung kann allenfalls durch Koordinationsellipsen ausgehebelt werden:
| (7) | Die neue Freundin von Paul ist hübscher als die alte. |
An der Oberfläche besteht die Nominalgruppe die alte nur aus Kopf und AdjektivattributAdjektivattribut; Freundin ist sozusagen als Kern mitzudenken.
Wichtig ist, dass eine Nominalgruppe nur einen Kern hat. Dabei können aber mehrere Nomen zu einem komplexen Kern Kernkomplexkoordiniert werden:
| (8) | Die Eltern und Kinder besuchen den Zoo. |
AttributAttribut
Attribute spielen eine zentrale Rolle bei der Konstitution von Nominalstil, weil sie zum Ausbau der Nominalgruppen und somit auch zum Aufbau nominalstilistischer Komplexität Komplexitätbeitragen. Laut Ágel ist „[a]lles, was in einer Wortgruppe Wortgruppenicht Kern Kernund nicht Kopf Kopfist, […] syntaktisch abhängige, lexikalische Spezifizierung/Modifikation Modifikationdes Kerns. Diese Spezifizierungen/Modifikationen werden traditionell […] Attribut genannt.“ (2017: 698) Bevor wir uns mit Beispielanalysen der Frage nähern, was für Typen von Attributen es gibt und welche Rolle Attribute beim Ausbau des Nominalstils spielen, sei auch hier wieder ein kurzer Blick in die Diskussion um den Attributbegriff in der Forschung geworfen.
Diskurs: Was ist ein Attribut?
Der Begriff des Attributs gehört wie auch der Satzgliedbegriff Satzgliedbegriffzu den zentralen Konzepten der Schulgrammatik. Eine genauere theoretische Betrachtung zeigt jedoch, dass die Antwort auf die Frage, was ein Attribut ist, alles andere als trivial ist. Die hier bereits getroffene Unterscheidung zwischen Attribut, Kopf Kopfund Kern Kernals verschiedene Typen von Wortgruppengliedern Wortgruppengliedbietet bereits eine wichtige Eingrenzung des Attributbegriffs. Hingegen kam es in der Diskussion um den Attributbegriff im 20. Jahrhundert zeitweise auch zu einer Gleichsetzung von Attribut und Gliedteil. Der Terminus ‚Gliedteil‘ wurde von Glinz (1968 [1952]) in die germanistische Linguistik eingeführt; im Grunde genommen war sein Verständnis vergleichbar mit dem, was wir hier Wortgruppenglied nennen (1968: 489). In der Folge ist teilweise ‚Attribut‘ mit ‚Gliedteil‘ gleichgesetzt und auch auf Artikel Artikelausgedehnt worden (Fuhrhop/Thieroff 2005: 313). Diese Entwicklung kann man sehr gut an der Dudengrammatik nachvollziehen: In der vierten Auflage (1984: 592) wurden auch die Artikel den Attributen zugeordnet. In der aktuellen achten Auflage (2016) ist der Possessivartikel Possessivartikelnach wie vor Attribut, weil dieser auch als Aktant Aktant(= ErgänzungErgänzung) fungieren kann (vgl. Sie lacht → ihr Lachen).
Eine weitere zentrale Frage der Attributdiskussion ist die, auf was sich Attribute beziehen können und was als Attribut in Frage kommt. Einen hervorragenden Überblick über diese Frage bietet der Aufsatz „Was ist ein Attribut?“ von Fuhrhop/Thieroff (2005). Wir können dem entnehmen, dass gegenüber der traditionellen Auffassung, Substantive Substantivseien die Bezugselemente von Attributen, nach heutigem Verständnis im Grunde fast jede Wortart Attribute an sich binden kann (bspw. AdjektivAdjektiv: der sehr begabte Schüler, PronomenPronomen: Ich Idiot, SubjunktorSubjunktor: Kurz bevor er einschlief …; das Attribut ist jeweils fett markiert). Es liegt nahe, dass für unsere Beschäftigung mit Nominalstil nach wie vor das Substantiv/Nomen Nomender zentrale Bezugsbereich von Attributen ist; allerdings können auch durch Attribute erweiterte Adjektive bzw. adjektivisch verwendete Partizipien Partizipstark zum Ausbau von Nominalgruppen beitragen.
Eine zentrale Rolle in der Attributdiskussion spielt auch die Unterscheidung zwischen Komplementen und SupplementenSupplement, also valenzgebundenen valenzgebundenund nicht valenzgebundenen Attributen (Fuhrhop/Thieroff 2005: 325). Das ist für unsere Thematik insofern relevant, als deverbale Nominalisierungen Nominalisierungdeverbalhäufig auch Ergänzungen als Attribute an sich binden, die zur Valenzpotenz Valenzpotenzdes zugrunde liegenden Verbs in einem Satz gehören (bspw. Wir hoffen auf Frieden → unsere Hoffnung auf Frieden). Für die quasi einem Satzglied analoge Verwendung eines Attributs hat bereits Blatz (1896) den Begriff ‚sekundäres SatzgliedSatzgliedsekundär‘ verwendet (den Hinweis darauf verdanke ich dem Text von Fuhrhop/Thieroff 2005: 310). Ágel spricht in Bezug auf die Wiederverwertung von Satzgliedern als Attribute von ‚RecyclingRecycling‘ (2017).
Ein weiterer interessanter Diskussionspunkt findet sich im Text von Fuhrhop/Thieroff: Die beiden Autoren weisen darauf hin, dass es nicht selbstverständlich ist, davon auszugehen, dass sich ein Attribut auf ein Wort bezieht. Vielmehr könnte es sich auch auf eine Wortgruppe Wortgruppebeziehen. So komme für die Interpretation des Bezugs von in Buchholz in die Brücke über den Kanal in Buchholz u.a. die Lesart Lesartin Frage, dass sich dieses Attribut auf die gesamte bisherige Nominalgruppe bezieht (also auf die Brücke über den Kanal) und nicht nur auf Brücke oder Kanal (2005: 330).
Wie genau Attribute in einer Nominalgruppe zu bewerten sind, hängt vom grammatiktheoretischen Kontext der Begriffsbestimmung ab: So ist etwa die folgende Auffassung die Folge des konstituenzgrammatischen Ansatzes von Eisenberg: „Attribute sind unmittelbare KonstituenteKonstituenteunmittelbarn von Nominalgruppen und dem Kernsubstantiv Kernnomennebengeordnet.“ (Eisenberg 2013b: 235) In einem dependenzgrammatischen DependenzgrammatikAnsatz hingegen sind Attribute nicht dem Kernnomen nebengeordnet, sondern hängen von diesem ab (vgl. die Abbildungen 3 und 4).
Wie angekündigt wollen wir uns nun über eine Analyse des bereits zitierten Beispiels einer komplexen Nominalgruppe aus der IdS-Grammatik weiter an den Attributbegriff annähern.
| (5) | die erste Durchsteigung der Nordwand der großen Zinne auf der Direttissima im Winter 1989 durch Kurt Albert und Gefährten im Rotpunkt-Stil (IdS-Grammatik 1997: 1927) |
Um eine Grundlage für die Interpretation der Bezüge der Attribute zu haben, sei die Nominalgruppe zunächst in einen Satz „übersetzt“:
| (5‘) | Kurt Albert und Gefährten durchsteigen die Nordwand der großen Zinne auf der Direttissima im Winter 1989 zum ersten Mal im Rotpunkt-Stil. |
Der Umformulierung können wir entnehmen, dass es mehrere Konstituenten gibt, die sich auf das Verb durchsteigen beziehen:
Kurt Albert und Gefährten sind diejenigen, die durchsteigen (= SubjektSubjekt);
die Nordwand wird durchstiegen (= AkkusativobjektAkkusativobjekt):
mit auf der Direttissima wird die Route benannt, auf der die Durchsteigung erfolgt (= lokales AdverbialAdverbial);
mit im Winter 1989 wird der Zeitpunkt der Durchsteigung benannt (= temporales TemporalitätAdverbialAdverbial);
die Durchsteigung erfolgt zum ersten Mal (= Frequenzadverbial);
mit im Rotpunkt-Stil wird die Art und Weise der Durchsteigung beschrieben (modales AdverbialAdverbial).
Diese Satzgliedanalyse ist deshalb ein wichtiger erster Schritt bei der Bestimmung der Attribute, weil wir daraus schlussfolgern können, dass sich all diese „recycletenRecycling“ Attribute auf den Kern KernDurchsteigung beziehen. Sie sind folglich Attribute ersten Grades. Das Ergebnis ist, dass nur die Nominalgruppe Nominalgruppeder großen Zinne übrigbleibt. Es handelt sich also um ein Attribut zu Nordwand als Kern des ersten Attrib uts ersten Grades. Das Genitivattribut Genitivattributder großen Zinne ist deshalb ein Attribut zweiten Grades. Das Adjektivattribut Adjektivattributgroßen wiederum kann, da es sich auf Zinne als Kern des Attributs zweiten Grades bezieht, als Attribut dritten Grades eingeordnet werden.
Ich wähle im Folgenden zwei Darstellungsformate, mit denen die Beziehungen der Attribute in dieser Nominalgruppe systematisch erfasst und visualisiert werden. Das erste Darstellungsformat ist eine dependenzgrammatische DependenzgrammatikAnalyse in Anlehnung an die Dependenzgrammatik von Eroms (2000), s. Abbildung 3. In dieser Darstellung ist Dependenz Dependenzdaran erkennbar, dass eine (schräg verlaufende) Linie nach unten eingezeichnet ist. Wenn sich mehrere Elemente auf einer Ebene befinden – wir hatten ja bereits festgestellt, dass es in diesem Beispiel mehrere Attribute ersten Grades gibt –, bedeutet das, dass sie auf einer Ebene in der Dependenzstruktur Dependenzstrukturliegen. Die runden Bögen über Det (ArtikelArtikel) und N (NomenNomen) kennzeichnen, dass die beiden Bestandteile einer Nominalgruppe zusammengehören, ohne dass eine Dependenzrelation Dependenzrelationzwischen ihnen besteht. Die gepunkteten Linien ordnen die grammatischen Kategorien Kategoriegrammatischden Wortformen im Beispiel zu. Bei Verschmelzungen aus Präposition Präpositionund Artikel (hier: im) erfolgt in diesem Studienbuch in der Analyse immer eine Aufteilung in den präpositionalen Teil und den Artikelteil (hier: i und m), damit beide Teile für die Analyse der Wortgruppengliedfunktionen zur Verfügung stehen.
Abb. 3:
Attributanalyse im Format der Dependenzgrammatik (Eroms 2000)
Abb. 4:
Attributanalyse im Format der Konstituentenstrukturgrammatik (Eisenberg 2013)
Mit ‚DependenzDependenz‘ ist gemeint, „dass im Satz Wörter (bestimmter WortartenWortart) Wörter (anderer Wortarten) regieren“ (Eroms 2000: 76). Der Begriff Dependenz ist also weiter und erfasst nicht nur AttributrelationenAttributrelation. In der Darstellung sehen wir das daran, dass auch die Abhängigkeit von Nominalgruppen von Präpositionen Präpositionals Dependenzrelation Dependenzrelationdargestellt ist.
Ergänzend sei das Beispiel nun im Konstituentenstrukturformat nach Eisenberg analysiert (s. Abbildung 4). Der Vorteil dieser Form der Darstellung besteht darin, dass wir alle Konstituentenkategorien Konstituentenkategoriebenannt sehen und wir auf diese Weise gleich nachvollziehen können, welche formale Gestalt die Attribute aufweisen. Das ist für uns vor allem deshalb relevant, weil es allgemein üblich ist, Attribute auf der Basis ihrer formalen Realisierung zu klassifizieren. Auf diese Weise können wir in diesem Beispiel die folgenden Attribute bestimmen:
Adjektivattribut Adjektivattribut(= Adjektiv als Attribut): erste als Attribut zu Durchsteigung und großen als Attribut zu Nordwand;
Genitivattribut Genitivattribut(= Nominalgruppe im Genitiv als Attribut): der Nordwand als Attribut zu Durchsteigung und der großen Zinne als Attribut zu Nordwand;
Präpositionalattribut Präpositionalattribut(= Präpositionalgruppe Präpositionalgruppeals Attribut): auf der Direttissima, im Winter 1989, durch Kurt Albert und Gefährten und im Rotpunkt-Stil als Attribute zu Durchsteigung;
Apposition Apposition(Nominalgruppe mit Kasuskongruenz Kasuskongruenzals Attribut): 1989 als Apposition zu Winter.
Die Analyse im Konstituentenstrukturformat macht die hierarchischen hierarchischVerhältnisse als Einbettungen sichtbar: Beispielsweise ist die Nominalgruppe der großen Zinne in die Nominalgruppe der Nordwand eingebettetEinbettung, die wiederum – wie auch die anderen Attribute ersten Grades – in die maximale Nominalgruppe Nominalgruppemaximaleingebettet ist.
Das Grundprinzip der Benennung eines Attributs auf der Basis seiner formalen Gestalt – also etwa der WortartWortart- oder Wortgruppenkategorie Wortgruppenkategorie– kann auch auf weitere Typen von Attributen angewendet werden. Ich verzichte deshalb hier auf den Versuch einer Gesamttypologie an Attributen und verweise diesbezüglich auf die Darstellungen in den Grammatiken (bspw. Dudengrammatik 2016: 812f.; Ágel 2017: 768ff.).
Abschließend sei hier jedoch noch auf das Partizipialattribut Partizipialattributhingewiesen, weil stark erweiterte Partizipialattribute Partizipialattributerweitertzweifelsohne zum Eindruck von Nominalstil beitragen können:
| (5‘‘) | die von Kurt Albert und Gefährten im Winter 1989 auf der Direttissima im Rotpunktstil durchgeführte erste Durchsteigung der Nordwand der großen Zinne |
Auf das Kernnomen KernnomenDurchsteigung wurde hier als Partizipialattribut das Partizip PartizipII des Verbs durchführen bezogen. Als Partizipialattribut verhält es sich insofern wie ein AdjektivattributAdjektivattribut, als es wie ein Adjektivattribut vor dem Bezugsnomen Bezugsnomensteht und wie ein Adjektiv dekliniert Deklinationist. Auf das Partizipialattribut durchgeführte beziehen sich von Kurt Albert und Gefährten, im Winter 1989 und auf der Direttissima als quasi recyclete RecyclingPräpositionalattributePräpositionalattribut. Wenn auch auf andere Weise als Nominalisierungen, so können doch auch Partizipialattribute stark zum Ausbau von Nominalgruppen und somit eines Nominalstils beitragen (ausführlicher dazu im Kapitel „Grammatische Merkmale des Nominalstils: Erweiterte Partizipialattribute“).
Attribut
Ein ATTRIBUT ist ein WortgruppengliedWortgruppenglied, das den Kern Kerneiner Wortgruppe Wortgruppeerweitert/modifiziert. Das Attribut schränkt den Geltungsbereich des durch den Kern Bezeichneten ein (vgl. das grüne Auto = nur ein Auto mit der Farbe Grün; das Auto mit dem Kennzeichen KS H 9693 = nur das Auto mit genau diesem Kennzeichen). Ein Attribut kann sich auf verschiedene WortartWortart- und Wortgruppenkategorien Wortgruppenkategoriebeziehen. Prototypisch bezieht es sich auf ein NomenNomen. Eine Nominalgruppe Nominalgruppekann beliebig viele Attribute enthalten.
SatzSatz
Wozu braucht man in einem Buch zum Nominalstil ein Begriffsverständnis von ‚Satz‘? In diesem Studienbuch wird ‚Nominalstil‘ als Komplementärkomplementärbegriff zu ‚VerbalstilVerbalstil‘ ausgearbeitet. Das bedeutet, dass die Funktionsweise des Nominalstils systematisch mit der Funktionsweise des Verbalstils verglichen wird. Zentrale Frage ist dabei, was eigentlich die Konsequenzen sind, wenn eine Information, die auch in verbalstilistischer Form ausgedrückt werden könnte, nominalstilistisch kodiert wird. Da sich der Verbalstil in der Domäne Satz entfaltet, benötigen wir als Basis für den angestrebten systematischen Vergleich ein Verständnis von ‚Satz‘.
Diskurs: Verschiedene Perspektiven auf den Satzbegriff
Es ist naheliegend, dass es eine besondere Herausforderung darstellt, ein für die Grammatik so zentrales Konzept wie ‚SatzSatz‘ zu bestimmen. Laut Müller (1985), der sich in einer Monographie mit dem definitorischen Problem des ‚Satz‘ auseinandergesetzt hat, waren bereits in den dreißiger Jahren über 200 Satzdefinitionen bekannt. Die Anzahl ist seitdem natürlich stetig weiter gestiegen. Das ist kein Wunder, denn, so begründet Müller seine Auseinandersetzung mit dem Satzbegriff im Vorwort seiner Monographie: „Es zeigte sich dann indessen bald, dass im Grunde jede sprachtheoretische und jede über das Morphemniveau hinausgehende linguistische Probemstellung direkt oder indirekt zurückweist auf die Frage nach der Identität des Satzes – und dass gerade diese Frage noch immer einer Lösung harrt.“ Müller selbst definiert den Satz wie folgt: „Der Satz ist ein Zeichen, dessen signifiant signifiantdurch seine komplexe Struktur genau einen illokutiven Anspruch völlig signalisiert.“ (Müller 1985: 150)
Dabei kann man nicht behaupten, dass Müller die Frage ein für allemal gelöst hätte. Vielmehr lässt sich in Bezug auf ‚Satz‘ besonders gut Saussures Gesichtspunkt-Gegenstand-Theorem nachvollziehen: „vielmehr ist es der Gesichtspunkt, der das Objekt Objekterschafft“ (Saussure 1916: 9). Jede Syntaxtheorie hat ihren eigenen Satzbegriff; aber auch im Allgemeinen werden für unterschiedliche linguistische Zwecke unterschiedliche Satzbegriffe benötigt. An Müllers Satzdefinition können wir nachvollziehen, was mit ‚Gesichtspunkt‘ bei Saussure gemeint sein könnte. So vereint diese Definition insgesamt drei Perspektiven auf den Satzbegriff: Mit signifiant verweist Müller auf ein zeichentheoretisches Verständnis; mit komplexe Struktur auf seine formale Gestalt und mit illokutivem Anspruch auf den pragmatischen pragmatischKontext seiner Verwendung. Damit sind zweifelsohne wesentliche Aspekte eines Satzes erfasst. Dennoch hängt die Verwendbarkeit einer Satzdefinition von ihrem Verwendungskontext ab, sodass sich die Frage stellt, ob es überhaupt ein realistisches Ziel ist, das Definitionsproblem lösen zu wollen.
Wir werden hier die Grundidee weiter verfolgen, dass ein Satz eine Form- und eine Inhaltsseite hat. Für die Bestimmung der Formseite reicht allerdings der allgemeine Hinweis auf eine „komplexe Struktur“ nicht aus. In Grammatiken des Gegenwartsdeutschen wird die Formseite meist über ‚PrädikatPrädikat/finites VerbVerbfinit‘ und ‚VerbvalenzVerbvalenz‘ bestimmt: „Ein Satz ist eine Einheit, die aus einem Prädikat mit einem finiten Verb und den zugehörigen Ergänzungen Ergänzungund Angaben Angabebesteht.“ (Dudengrammatik 2016: 776) „Sätze sind übergreifende Konstruktionsformen, die mindestens aus einem finiten Verb und dessen – unter strukturellen und kontextuellen Gesichtspunkten – notwendigen Komplementen bestehen.“ (IdS-Grammatik 1997: 91) Eine solche Herangehensweise ist dann hilfreich, wenn man den Satzbegriff operationalisieren will, d.h., wenn man aus einer Satzdefinition Kriterien für die Identifikation von Sätzen in natürlichsprachlichen Texten ableiten will. Dass das alles andere als trivial ist, zeigen die Unterschiede in den beiden Definitionen: In der IdS-Grammatik-Definition ist nur vom finiten Verb die Rede, in der Dudengrammatikdefinition vom Prädikat mit finitem Verb. Dabei ist es eigentlich nur das Vollverb Vollverb(das nicht das finite Verb sein muss), das über eine Valenzpotenz Valenzpotenzverfügt. Darüber hinaus ist offensichtlich, dass die auf den ersten Blick so eindeutig erscheinenden Definitionen eigentlich eine komplette Valenztheorie Valenztheoriemit genauen Bestimmungen zur Unterscheidung von Ergänzungen (Komplementen) und Angaben (SupplementenSupplement) voraussetzen. Vor diesem Hintergrund mag sich die Frage ergeben, ob es nicht am einfachsten ist, den Satz orthographisch orthographischals durch Satzschlusszeichen Satzschlusszeichenabgeschlossene Einheit zu bestimmen. Das ist für grammatische Analysen keine zufriedenstellende Lösung, weil in Abhängigkeit von der Äußerungsabsicht nicht jeder grammatische Satz mit einem Satzschlusszeichen abgeschlossen wird (vgl. Ágel 2017: 120).
Der Tatsache, dass es wegen der Multiperspektivik auf den Satzbegriff schwierig ist, den Satz in einer eindimensionalen Definition zu bestimmen, tragen die Autoren der Dudengrammatik und der IdS-Grammatik wie folgt Rechnung: In der Dudengrammatik werden der bereits zitierten Definition zwei weitere Definitionen gegenübergestellt. Eine dieser Definitionen hebt auf die pragmatisch-funktionale Perspektive ab: „Ein Satz ist die kleinste Einheit, mit der eine sprachliche Handlung vollzogen werden kann.“ (2016: 777) In der IdS-Grammatik ist die funktionale Perspektive nicht Gegenstand der Satzdefinition, sondern Bestandteil der Bestimmung des übergeordneten Begriffs der ‚kommunikativen Minimaleinheit‘. In der IdS-Grammatik ist ein Satz ebenso eine kommunikative Minimaleinheit kommunikative Minimaleinheitwie auch eine EllipseEllipse. Folglich gelten die Definitionskriterien der kommunikativen Minimaleinheit auch für den Satz. Sie lauten: „Kommunikative Minimaleinheiten sind die kleinsten sprachlichen Einheiten, mit denen sprachliche Handlungen vollzogen werden können. Sie verfügen über ein illokutives Potential und einen propositionalen GehaltGehalt, propositional.“ (IdS-Grammatik 1997: 91) Zum pragmatischen pragmatischBegriff der Illokution Illokutionkommt hier also noch der satzsemantische SatzsemantikBegriff der Proposition Propositionhinzu.
Der umfangreichen Diskussion zum Satzbegriff können wir entnehmen, dass wir nicht davon ausgehen können, dass es möglich ist, eine allgemeingültige Satzdefinition vorzulegen. Eine Begriffsbestimmung kann folglich nur jeweils mit Bezug auf den angestrebten Verwendungskontext der Satzdefinition erfolgen. Ich denke, es ist bereits klar geworden, was eine Satzdefinition in diesem Studienbuch in erster Linie leisten muss: Sie muss eine Vergleichbarkeit von Verbalstil Verbalstilund Nominalstil Nominalstilgewährleisten. Das bedeutet:
1 Das Satzverständnis muss eine funktionale Perspektive aufweisen, damit die Annahme einer Vergleichbarkeit der Domäne Satz mit der Domäne Nominalgruppe begründet werden kann. Deshalb werden wir dem Satzinhalt Satzinhalteinen eigenen Abschnitt zur Begriffsbestimmung widmen.
2 Das Satzverständnis muss eine formale Perspektive aufweisen, die so gestaltet ist, dass Sätze in natürlichsprachlichen Texten identifizierbar sind, damit auch quantifizierbare Aussagen möglich werden wie etwa „Der nominalstilische Text enthält kürzere Sätze als der verbalstilististische Vergleichstext“.
Die unter 2. beschriebene Herausforderung soll nun an einem Beispiel illustriert werden:
| (9) | Am Morgen blieb der alte Mann lange im Bild liegen, um neun läutete das Fotoalbum, der Mann stand auf und stellte sich auf den Schrank, damit er nicht an die Füße fror, dann nahm er seine Kleider aus der Zeitung, zog sich an, schaute in den Stuhl an der Wand, setzte sich dann auf den Wecker an den Teppich, und blätterte den Spiegel durch, bis er den Tisch seiner Mutter fand. (Peter Bichsel [1995]: Ein Tisch ist ein Tisch) |
Das Beispiel enthält genau einen orthographischen SatzSatzorthographisch, denn es hat genau ein SatzschlusszeichenSatzschlusszeichen. Dabei könnte man sicherlich mehrere Punkte setzen (beispielsweise nach liegen oder nach Fotoalbum), was darauf hindeutet, dass wir es mit mehreren grammatischen Sätzen Satzgrammatischzu tun haben. Doch wie viele sind es genau? Das hängt davon ab, was man als Kriterium festlegt. Wir haben hier also (mindestens) die folgenden Möglichkeiten:
1 Man geht vom Finitum Finitumaus und betrachtet als Sätze Einheiten mit einem finiten Prädikat Prädikatund seinen Ergänzungen Ergänzungunabhängig davon, ob es sich um Einfachsätze, HauptsätzeHauptsatz, Nebensätze Nebensatzoder Koordinationsellipsen handelt. Der orthographische Satz Satzorthographischenthält dann 11 grammatische SätzeSatzgrammatisch.
2 Man betrachtet Satzgefüge Satzgefüge(bspw. stellte sich auf den Schrank, damit er nicht an die Füße fror) als jeweils einen Satz. Die Anzahl der Sätze reduziert sich dann auf 9.
3 Man betrachtet die Koordinationsellipsen (bspw. […] und stellte sich auf den Schrank) nicht als Sätze. Man könnte dann je nach Umgang mit 1. und 2. von 6 oder 4 Sätzen und 5 Koordinationsellipsen sprechen.
Wie gesagt hängt die Entscheidung darüber, welches Kriterium als wichtig angesehen wird, immer von der vorgesehenen Verwendung des Begriffs ab. Für unsere Zwecke ist die Diskussion um Koordinationsellipsen nicht zentral. Für den Vergleich von Verbalstil Verbalstilund Nominalstil Nominalstilist das Vollverb Vollverbdie zentrale Größe im SatzSatz, denn es kann Gegenstand einer Überführung von Verbalstil in Nominalstil sein (NominalisierungNominalisierung). Sein Vorhandensein ist deshalb für unsere Zwecke die wichtigste Bedingung für die Annahme eines Satzes. Die Satzhaftigkeit wird in dieser Hinsicht nicht durch das Vorliegen einer KoordinationKoordinationsellipse Koordinationsellipseeingeschränkt; ohnehin ist die koordinationselliptische Konstituente Konstituenteim syntaktischen Kontext vorhanden. In Bezug auf den Vergleich der Möglichkeiten 1 und 2 ist anzumerken, dass Nebensätze Nebensatzsich in der Regel in die Satzgliedstruktur des Satzgefüges Satzgefügeeingliedern. Ich lege mich deshalb hier auf Möglichkeit 2 fest.
Satz Satz
Ein SATZ ist eine selbstständige syntaktische Einheit, die über einen Satzinhalt Satzinhaltund eine prototypischePrototyp lineareLinearstruktur und hierarchische Struktur Struktur, hierarchischeverfügt. Die hierarchische Struktur ist dadurch gekennzeichnet, dass das Vollverb Vollverbauf der Basis seiner Valenzpotenz Valenzpotenzbestimmte Ergänzungen Ergänzungverlangt. Der Satz kann darüber hinaus auch nicht valenzgebundene valenzgebundenAngaben Angabeenthalten. Da Ergänzungen und Angaben (= SatzgliederSatzglied) auch in Form eines Nebensatzes realisiert werden können, gilt nach diesem Verständnis auch ein Satzgefüge Satzgefügeals Satz.
Die Definition verweist u.a. auf die prototypische Prototyplineare linearund hierarchische Struktur. Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass wir auch bei der Begriffsbestimmung von ‚Attribut‘ auf Prototypik zurückgegriffen haben. Unter einem Prototyp versteht man in der Linguistik den besten Vertreter einer Klasse. Mit dem Hinweis auf ein prototypisches Verständnis gibt man an, dass man mit einer Begriffsbestimmung nicht den Anspruch erhebt, das gesamte Spektrum des Begriffsfelds zu erfassen. Man kann das als eine Verlegenheitslösung betrachten; der Vorteil besteht aus meiner Sicht darin, dass diese Strategie es ermöglicht, einen Kernbereich eines Begriffs in den Blick zu nehmen. In diesem Sinne könnten wir die diskutierten Koordinationsellipsen beispielsweise als Abweichung vom Prototyp beschreiben, wir schließen sie dadurch aber nicht aus der Begriffsbestimmung aus.
Die Definition enthält auch einen Hinweis auf die Linearstruktur Linearstrukturdes Satzes. Sie ist m.E. konstitutiv für das Satzverständnis, da das reine Vorhandensein eines Vollverbs Vollverbund seiner Ergänzungen Ergänzungnoch nicht automatisch zu einem grammatischen Satz führt (bspw. der Mutter Rosen der Junge schenkt). Die Linearstruktur wird in der Germanistik gewinnbringend mit dem sogenannten Felderstrukturmodell Felderstrukturmodellbeschrieben. Dieses muss hier aber nicht ausführlicher dargestellt werden, weil für den Vergleich von Verbalstil Verbalstilund Nominalstil Nominalstildie hierarchische hierarchischSatzstruktur Satzstrukturvon zentralem Interesse ist.
Die Definition enthält darüber hinaus keine Anhaltspunkte dazu, was mit ‚Satzinhalt‘ gemeint ist. Diesem Bereich wird nun ein eigener Abschnitt gewidmet.
SatzinhaltSatzinhalt
Zur Motivation für die Festlegung eines Grundverständnisses von ‚Satz‘ hatte ich bereits angeführt, dass es in diesem Buch um einen Vergleich von Nominalstil und Verbalstil und somit auch von Nominalgruppe und Satz geht. Wenn man etwas vergleichen will, benötigt man eine Vergleichsgrundlage. Als ein solches tertium comparationis dient hier die Inhaltsseite, und zwar ausgehend von folgendem Grundverständnis:
Abb. 5:
Inhaltsseite als tertium comparationis
Nominalstil bedeutet in diesem Sinne: Ein Inhalt, der auch durch einen Satz ausgedrückt werden könnte, wird durch eine Nominalgruppe ausgedrückt. Deshalb benötigen wir eine Vorstellung davon, was als Inhalt von Sätzen und Nominalgruppen in Frage kommt.
Wir setzen dabei beim Satzinhalt Satzinhaltan, weil wir davon ausgehen, dass Nominalstil die Überführung eines Satzinhalts in eine Nominalgruppe bedeutet. Außerdem gibt es zur Beschreibung von Satzinhalten eine etablierte Forschungstradition, auf die wir zurückgreifen können; eine vergleichbare Tradition zur Beschreibung von Nominalgruppeninhalten gibt es nicht.
Was also kommt als Satzinhalt in Frage und was davon ist in eine nominale Struktur überführbar, was nicht? Wie auch bereits Jürgens (1994) stützen wir uns hier bei der Beschreibung der Satzinhalte auf das satzsemantische SatzsemantikModell von Peter von Polenz (2008; erste Auflage 1985). Von Polenz geht davon aus, dass der Satzinhalt aus zwei obligatorischen Teilen besteht:
In der Sprechakttheorie Sprechakttheoriewird nach dem Vorbild der sprachanalytischen Philosophie die Prädikation Prädikationauch ‚PropositionProposition‘ genannt. Eine oder mehrere Propositionen bilden den propositionalen GehaltGehalt, propositional/Aussagegehalt Aussagegehaltals die eine Hälfte des SatzinhaltsSatzinhalt. Dies ist sozusagen der nichtpragmatische oder vorpragmatische Teil im Sinne von Bühlers „Darstellungsfunktion“ […]. Der eigentliche pragmatische Gehaltpragmatischer Gehalt/Handlungsgehalt Handlungsgehalt(im engeren Sinne von Pragmatik) bildet die andere, ebenso obligatorische Hälfte des Satzinhalts. (2008: 92)
Mit der folgenden Übersicht fasst von Polenz die Inhalte zusammen:
Abb. 6:
Satzinhalte (von Polenz 2008: 93)
Um Missverständnisse zu vermeiden, sei hier darauf hingewiesen, dass der Begriff des Prädikats Prädikathier aus der Prädikatenlogik Prädikatenlogikübernommen wurde und wie in der Abbildung durch die Gleichsetzung mit ‚Aussagekern‘ erkennbar satzsemantisch Satzsemantikbestimmt ist, er darf also „nicht im Sinne der traditionellen Satzgliederung in ‚Subjekt Subjektund Prädikat‘ verstanden werden“ (von Polenz 2008: 91). Für das schulgrammatische Satzgliedverständnis von Prädikat verwendet von Polenz den Terminus ‚PrädikatsausdruckPrädikatsausdruck‘. Ein Prädikat bzw. Prädikatsausdruck allein macht noch keinen Satz. Von Polenz nennt die das Prädikat komplettierenden ArgumentArgumente/Ergänzungen Ergänzung„im Anschluß an den ReferenzReferenz-Begriff der Sprechakttheorie SprechakttheorieReferenzstelleReferenzstelle(n)/BezugsstelleBezugsstelle(n)“ (ebd). Die folgende Übersicht ordnet die verschiedenen Termini den Verwendungstraditionen sowie einem Beispiel zu:
| Bsp. | Schulgrammatik | Valenztheorie | Prädikatenlogik/Sprechakttheorie | Satzsemantik (von Polenz) |
| Das Kind | Subjekt | Ergänzung | Referenz | Referenzstelle |
| malt | Prädikat | Valenzträger | Prädikat | Prädikat |
| ein Bild. | Objekt | Ergänzung | Referenz | Referenzstelle |
Tab. 2:
Bestandteile von Sätzen, Verwendungstraditionen von Termini
Wir wollen nun die Modellierung des Satzinhalts bei von Polenz an einem einfachen Beispiel nachvollziehen:
| (10) | Ich habe dich doch darauf hingewiesen, dass Feuer gefährlich ist! |
| Art des Satzinhalts | Realisierung im Beispiel | ||
| Propositionaler Gehalt | Proposition I | Prädikat | hinweisen |
| Referenzstelle I | Ich | ||
| Referenzstelle II | dich | ||
| Referenzstelle III | darauf, dass… | ||
| Proposition II | Prädikat | gefährlich sein | |
| Referenzstelle I | Feuer | ||
| Pragmatischer Gehalt | Illokution | Hinweis | |
| Perlokution | Verzicht auf gefährliche Aktion | ||
| Propositionale Einstellung | FÜR WAHR HALTEN | ||
Tab. 3:
Satzinhalte im Beispielsatz
Der zitierten Begriffsbestimmung der Satzinhalte Satzinhaltvon von Polenz können wir entnehmen, dass ein Satz mehrere Propositionen enthalten kann. Das ist hier deshalb der Fall, weil eine Proposition Propositionin eine andere eingebettet Einbettungist. Der Nebensatz Nebensatzwird dabei als Strukturformat für die Einbettung genutzt. Das bedeutet aber nicht, dass auch die Bausteine des pragmatischen pragmatischGehalts pragmatischer Gehaltmehrfach auftreten: Der gesamte Satz hat nur je eine IllokutionIllokution, Perlokution Perlokutionund propositionale EinstellungEinstellung, propositional. Diese beziehen sich auf die übergeordnete Proposition, eingebettete Satzinhalte haben keinen eigenen HandlungsgehaltHandlungsgehalt.
Wenn wir nun versuchen, den Beispielsatz in eine Nominalgruppe zu überführen, erhalten wir das folgende Ergebnis:
| (10‘) | Mein Hinweis an dich auf die Gefahr des Feuers |
Der propositionale Gehalt Gehalt, propositionalbleibt erhalten:
| Art des Satzinhalts | Realisierung im Beispiel | ||
| Propositionaler Gehalt | Proposition I | Prädikat | Hinweis |
| Referenzstelle I | Mein | ||
| Referenzstelle II | an dich | ||
| Referenzstelle III | auf X | ||
| Proposition II | Prädikat | Gefahr | |
| Referenzstelle I | Feuer | ||
Tab. 4:
Satzinhalte in der Beispielnominalgruppe
Die Nominalgruppe hat aber keinen HandlungsgehaltHandlungsgehalt. Für einen Handlungsgehalt müsste die Nominalgruppe in einen Satz Satzeingebettet Einbettungsein:
| (10‘‘) | Mein Hinweis an dich auf die Gefahr des Feuers schlug leider wieder fehl. |
Wie in der ersten Beispielvariante der NebensatzNebensatz, so ist auch hier die Nominalgruppe mit ihrer nominalisierten Prädikation Prädikationnominalisiertin einen Satz eingebettet. Einen Handlungsgehalt hat der einbettende Satz, nicht die eingebettete Nominalgruppe Nominalgruppeeingebettet(vgl. auch Jürgens 1994: 54). Ein eigenständiger Handlungsgehalt könnte einer Nominalgruppe nur bei selbstständigem Gebrauch zugeschrieben werden (bspw. auf Schildern oder als Schlagzeilen; vgl. Czicza 2017 sowie Sandig 1971).
Wir können daraus schlussfolgern, dass sich der Überschneidungsbereich der Inhalte von Satz und Nominalgruppe auf den propositionalen Gehalt Gehalt, propositionalbeschränkt. Ein klares Indiz dafür, dass der pragmatische Gehalt pragmatischer Gehalteines Satzes sozusagen bei der Überführung eines Satzinhalts Satzinhaltin eine nominale Struktur auf der Strecke bleibt, ist, dass solche Partikeln, die oberflächenstrukturelle Hinweise auf Komponenten des pragmatischen Gehalts darstellen (in 10 ist das die Abtönungspartikel Abtönungspartikeldoch), in der Regel keinen geeigneten Platz in der Nominalgruppenstruktur finden:
| (10‘‘‘) | *Mein doch Hinweis an dich auf die Gefahr des Feuers |
Dabei handelt es sich um eine logische Konsequenz der bereits getroffenen Feststellung, dass eine Nominalgruppe in der Regel in eine Struktur mit Handlungsgehalt eingebettet ist und in diesem Fall keinen eigenständigen Handlungsgehalt hat.
Für den Vergleich von Sätzen und Nominalgruppen ist folglich der Aussagegehalt Aussagegehaltentscheidend. Von Polenz bezeichnet das Referieren Referierenund das Prädizieren Prädizierenals die „beiden wichtigsten gegenstandsbezogenen Teilhandlungen des Satzinhalts (im Sinne von Bühlers ‚Darstellungsfunktion‘)“ (2008: 91). Diese beiden Komponenten des Aussagegehalts sind darüber hinaus deshalb interessant für unsere Auseinandersetzung mit dem Nominalstil, weil wir damit rechnen können, dass das Referieren prototypisch Prototypder Domäne Nominalgruppe zugeordnet werden kann, das Prädizieren prototypisch der Domäne Satz (vgl. Czicza 2015: 129). Da das Prädikat Prädikatim Satz Referenzstellen Referenzstellebenötigt, um Prädikate zu Propositionen zu vervollständigen (IdS-Grammatik 1997: 730), ändert die prototypische Zuordnung des Referierens zur Domäne Nominalgruppe nichts daran, dass das Referieren auch zu den Satzinhalten gehört. Nominalgruppen mit einem deverbalen Kern Kerndeverbalkönnen wiederum auch prädizieren. Mit anderen Worten: Die beiden zentralen Teilhandlungen sind sowohl für Satz als auch für Nominalgruppe relevant. Andererseits kann bezüglich der Relevanz dieser Inhaltskomponenten von Unterschieden zwischen Satz und Nominalgruppe ausgegangen werden.
Da Prädikat Prädikatund Referenz Referenzfolglich Zentralbegriffe eines Vergleichs zwischen verbalen und nominalen Ausdrucksvarianten eines Satzinhalts Satzinhaltsind, sei hier noch auf die semantischen Klassen verwiesen, die von Polenz für diese beiden Inhaltskomponenten annimmt. Prädikatsklassen Prädikatsklassebei von Polenz sind (2008: 159ff.):
HANDLUNG: Peter öffnet die Tür. Als Kriterium für Handlungs- bzw. Aktionsprädikate benennt von Polenz „die Möglichkeit, einen Imperativ zu bilden“ (2008: 160): Öffne die Tür!
VORGANG: Die Rose blüht auf. „VorgangsprädikatVorgangsprädikate sind Aussagen über ein Geschehen, das – im Unterschied zu Handlungsprädikaten Handlungsprädikat– nicht aus der Absicht eines Handelnden entspringt, sondern sich an einem Gegenstand (‚Lebewesen‘, ‚Sache‘, ‚Abstraktbegriff‘) ohne dessen Einwirkung vollzieht.“ (2008: 161)
ZUSTAND: Meine Kehle ist trocken. „Zustandsprädikate Zustandsprädikatsind Aussagen über grundsätzlich veränderliche, also irgendwann eintretende und irgendwann endende physische oder psychische Zustände von Lebewesen, Sachen oder Abstraktbegriffen.“ (2008: 163) Wichtig ist hier der Hinweis auf die Affinität zu adjektivischen und substantivischen Prädikatsausdrücken.
EIGENSCHAFT: Der Wein ist trocken. „Eigenschaftsprädikate sind Aussagen über Zustände von Lebewesen, Sachen oder Abstraktbegriffen, die grundsätzlich unveränderlich sind, also zu ihren dauernden Merkmalen gehören.“ Ein wichtiges Kriterium ist deshalb, dass bei Eigenschaftsprädikaten Eigenschaftsprädikatkeine Orts- und Zeitangaben stehen können. (2008: 163)
GATTUNG: Er ist Franzose. „GattungsprädikatGattungsprädikate sind Aussagen über die Zugehörigkeit eines Objekts Objektzu einer Gattung/Klasse. Sie werden ausschließlich durch prädikative Substantive Substantivausgedrückt.“ (2008: 164)
Die semantische Klassifikation der Referenzstellen Referenzstelleerfolgt mit Hilfe der sogenannten semantischen Rollensemantische Rolle. Am Beispiel einiger Sätze mit HandlungsHandlungsprädikat- und Zustandsprädikaten Zustandsprädikatseien einige wichtige semantische Rollen illustriert:
[Der Dozent] AGENS [prüft] HANDLUNG [die Studenten] PATIENS
[Susi] AGENS [gibt] HANDLUNG [Egon] BENEFAKTIV [ein Buch] AFFIZIERTES OBJEKT
[Anton] AGENS [pflanzt] HANDLUNG [einen Baum] EFFIZIERTES OBJEKT
[Das kleine Kind] EXPERIENS [ist müde] ZUSTAND
[Mich] EXPERIENS [ekelt] ZUSTAND [vor dem Essen] CAUSATIV
Diskurs: denotativ-semantische denotativ-semantischvs. signifikativ-semantische signifikativ-semantischRollen
Die Beschreibung der Semantik der Referenzstellen Referenzstellemit sogenannten semantischen Rollen semantische Rollegeht zurück auf Charles Fillmore (1968). Auf ein Grundinventar an semantischen Rollen wird in vielen Zweigen der Linguistik zurückgegriffen (zu einer Übersicht vgl. auch Lehmann [o.J.]). In der germanistischen Linguistik wird in jüngerer Zeit kritisch diskutiert, inwiefern es gerechtfertigt ist, sich mit semantischen Rollen – quasi unabhängig von ihrer oberflächensyntaktischen Realisierung – auf die Bezeichnung außersprachlicher Sachverhalte zu beziehen (= denotativ-semantisch). Einige Autoren (Welke 2011, Ágel 2017, Höllein 2017) weisen darauf hin, dass nicht nur der bezeichnete Sachverhalt selbst relevant ist, sondern auch, wie die Sachverhalte durch die jeweiligen strukturellen Ausprägungen einzelsprachlich perspektiviert sind (vgl. Ágel 2017: 5). Der Unterschied der beiden Betrachtungsweisen sei mit Hinweis auf Ágel (2017) und Welke (2011) an folgendem Beispielklassiker erläutert:
| (1) | X öffnet die Tür mit dem Schlüssel. |
| (2) | Der Schlüssel öffnet die Tür. |
Im ersten Beispiel hat mit dem Schlüssel die semantische Rolle eines Instruments. Wenn man nun für das zweite Beispiel für der Schlüssel ebenso die Rolle eines Instruments annimmt – so die Argumentation der Verfechter eines signifikativ-semantischen Ansatzes –, missachtet man die Auswirkungen der unterschiedlichen Strukturformate auf die Semantik. Welke beschreibt die unterschiedliche Perspektivierung folgendermaßen: „Wollte man den stilistischen Unterschied beschreiben, so könnte man sagen, dass der Sprecher in (2) den Schlüssel als eine Art von Agens Agensdeutet, d. h. als Agens im prototypischen PrototypSinne. […] Der Sprecher drückt es so aus, als sei der Schlüssel der Urheber.“ (2011: 146) Denotativ-semantisch würde man also von einer außersprachlichen Situation ausgehen, in der eine Tür mit einem Schlüssel geöffnet wird, und die Beispiele (1) und (2) als syntaktische Realisierungsvarianten dieses Sachverhalts einordnen. Signifikativ-semantisch integriert man die Überlegung, dass sich ein Sprecher bewusst für eine Variante entscheidet, um den Sachverhalt entsprechend zu perspektivieren, in die semantische Beschreibung.
Für den in diesem Buch erfolgenden Vergleich von Verbalstil Verbalstilund Nominalstil Nominalstilsind natürlich die mit den oberflächensyntaktisch unterschiedlichen Ausdrucksvarianten verbundenen Unterschiede in der Perspektivierung von Sachverhalten relevant. Andererseits benötigen wir ein tertium comparationis für den Vergleich von satz- und nominalgruppenförmigen Realisierungen von Inhalten.
Da die Satzsemantik Satzsemantikvon von Polenz hier den theoretischen Hintergrund für die Bestimmung von Satzinhalten Satzinhaltbildet, wird mit seiner Modellierung der semantischen Rollen semantische Rollegearbeitet (eine Liste an semantischen Rollen (die allerdings keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt) findet sich bei von Polenz 2008: 170ff.). Eine auch für unsere Ausführungen zum Nominalstil wichtige Grundannahme bildet die Einschätzung von von Polenz, dass es keine 1:1-Entsprechung zwischen der semantischen Rolle und dem nominalen Kasus Kasusgibt. So illustriert er an den folgenden Beispielen, dass Subjekten Subjektim Nominativ Nominativverschiedene Inhaltstypen entsprechen können (Auswahl):
Person, die eine Handlung Handlungsprädikatausführt: „Gott redete“ […]
Person, die einen Vorgang Vorgangsprädikatan sich erfährt: „die unter … gelitten haben“ […]
Person oder Sache als von einer Handlung betroffenes ObjektObjekt: „Sie werden daher gebeten …“ […]
Sache als durch eine Handlung hergestelltes ObjektObjekt: „Diese Rede wurde von seinem Ghostwriter geschrieben.“ (von Polenz 2008: 168)
Im ersten Beispiel ist das Subjekt Subjektalso ein AGENS/HANDELNDER, im zweiten Beispiel EXPERIENS/ERFAHRENDER, im dritten Beispiel AFFIZIERTES OBJEKT/BETROFFENES und im vierten EFFIZIERTES OBJEKT/RESULTAT/PRODUKT. Die Beispiele illustrieren darüber hinaus, dass von Polenz nicht nur davon ausgeht, dass eine grammatische Form/ein Satzglied Satzglieddem Ausdruck mehrerer satzsemantischer SatzsemantikRollen dienen kann, sondern dass es umgekehrt auch möglich ist, eine satzsemantische Rolle auch durch verschiedene grammatische Formen zu realisieren. So handelt es sich bei den beiden Sätzen, in denen das Subjekt als AFFIZIERTES bzw. EFFIZIERTES OBJEKT fungiert, um Passivsätze. Diese Rollen hätten sie auch dann, wenn sie in einem Aktivsatz als Objekt Objektim Akkusativ Akkusativrealisiert wären: Wir bitten Sie daher /Der Ghostwriter schreibt diese Rede.
Satzinhalt Satzinhalt
Mit einem Satz Satzwird eine Aussage getroffen; im Sinne der Sprechakttheorie Sprechakttheorievollzieht der Sprecher damit eine HandlungHandlungsprädikat. Sätze haben folglich einen propositionalen und einen pragmatischenpragmatisch Gehalt. Nominalgruppen sind in der Regel in Sätze eingebettet Einbettungund stellen deshalb keine selbstständige Sprechhandlung dar. Folglich sind für den Vergleich von Sätzen und Nominalgruppen vor allem die Inhaltskomponenten relevant, die zum propositionalen Gehalt Gehalt, propositionalbeitragen. Zentrale Bestandteile der Propositionen (auch: PrädikationenPrädikation) sind das Prädikat Prädikat(= der Aussagekern) sowie die das Prädikat komplettierenden ReferenzstellenReferenzstelle.
NominalstilNominalstil: Eine erste Annäherung
Überblick
Das Kapitel beinhaltet eine erste Annäherung an den Begriff des Nominalstils ausgehend von Definitionen in linguistischen Lexika. Nach einer Analyse der Definitionsbausteine und einer Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Grammatik und Stil werden diejenigen grammatischen Merkmale genauer betrachtet, die in den Definitionen als Kennzeichen von Nominalstil genannt werden. Im Anschluss daran wird das diesem Studienbuch zugrunde liegende Verständnis von Nominalstil eingegrenzt; vor diesem Hintergrund wird die Relevanz der gemeinhin als Nominalstilkennzeichen angenommenen grammatischen Phänomene erneut bewertet. Die Begriffsbestimmung wird abgerundet durch Überlegungen zu Nominalstil im engeren und weiteren Sinne.
Nominal + Stil
Für eine erste Annäherung an den Begriff des Nominalstils erscheint es sinnvoll, gängige sprachwissenschaftliche Lexika zu Rate zu ziehen. Im „Metzler Lexikon Sprache“ sowie in Bußmanns „Lexikon der Sprachwissenschaft“ finden wir die folgenden Angaben:
Nominalstil Nominalstil(auch: Substantivstil) Kein Terminus; ungenaue Bez. für die stilist. Charakterisierung von Sach- und Fachprosa in Technik, Wiss., Recht, Verwaltung (Fachsprache) und Presseveröffentlichungen nach dem Merkmal des Auftretens komprimierter komprimiertSätze, die einer ökonom. und rationellen Kommunikation dienlicher erscheinen, obwohl sie das Verstehen u.U. erschweren; Amtssprache. Der N. ist gekennzeichnet durch Nominalisierungen, FunktionsverbgefügeFunktionsverbgefüge, die Häufung von (SubstantivSubstantiv-) Komposita Kompositum(z.B. Rückerstattungsmöglichkeitsausschluss), erweiterte Attribute (z.B. der ehemals in Paris tätige Botschafter). Komplexe Sätze und subordinierte Attributhäufungen werden durch den N. in komprimierte Konstruktionen verwandelt (z.B. Die Inkraftsetzung der Maßnahme des Bundesamtes für Verkehrssicherung zur begleitenden Förderung des Ausschusses des Bundesrates zwecks Sicherstellung eines unfalltotenfreien Schulanfangs) und können durch Paraphrasen verständlicher gemacht werden. – Der N. ist beliebtes Objekt von Sprachpflege und Sprachkritik und der normativen Stilistik. (Glück/Rödel 2016: 467)
NominalstilNominalstil. Bezeichnung eines Stils, dessen grammatisches Hauptmerkmal der häufige Gebrauch abstrakter Substantive Substantivist. An die Stelle von selbstständigen oder untergeordneten Sätzen mit einem finiten Verb Verbfinittreten nominale Satzglieder Satzgliedmit einer Nominalisierung Nominalisierungals KernKern: Das Scheitern der Gespräche war erwartet worden statt Es war erwartet worden, dass die Gespräche scheiterten. Dem abstrakten Substantiv können weitere Informationsteile angegliedert werden, z. B. als Adjektivattribute Adjektivattribut(widerwillige elterliche Zustimmung statt Die Eltern stimmen widerwillig zu), Genitivattribute Genitivattributmit mehrfacher Subordinierung (die Zustimmung der Mitglieder des Vorstands der Reederei), erweiterte Partizipialattribute Partizipialattributerweitert(die damals vom Vorstand beschlossene Erklärung) oder als Kompositionsglieder (Verkehrsberuhigungsmaßnahme). Von Sprachpflege und normativer Stilistik wurde der N. oft als „Papierstil“ oder „Hauptwörterseuche“ kritisiert, doch empfiehlt sich unter funktionalem Aspekt ein differenzierteres Urteil: Syntaktisch-morphologische Verdichtung und das Implizitbleiben der semantischen Beziehungen (Anklage des Ministers, Gesetzesvorlage) erschweren zwar die Verständlichkeit, doch ermöglicht der Nominalstil konzentrierte Informationsvermittlung, abstrahierende Begriffsbildung (vgl. Verantwortlichkeit, Rechtsmittelbelehrung) und mit dem Funktionsverbgefüge Funktionsverbgefügesystematische semantische Differenzierungen des Aspekts. Der N. ist daher ein funktional durchaus angemessener Stilzug informationsvermittelnder Textsorten, besonders in den Fachsprachen von Technik, Wissenschaft und Verwaltung. (Bußmann 2002: 472)
Diesen beiden Begriffsbestimmungen können wir zunächst entnehmen, dass es sich bei ‚NominalstilNominalstil‘ um ein vielschichtiges Konzept handelt:
Es handelt sich um einen ‚StilStil‘: Das deutet erstens, wie das Metzler Lexikon sagt, darauf hin, dass es kein Terminus im engeren Sinne ist. ‚Stil‘ bedeutet zweitens immer, dass wir es mit Wahlmöglichkeiten innerhalb eines Systems zu tun haben.
Im Sinne von Wahlmöglichkeiten steht das Credo „SubstantiveSubstantiv (resp. Nomen) statt VerbVerben“ im Mittelpunkt des Konzepts; offenbar geht es darum, dass wir in Kontexten, in denen wir auch Verben verwenden könnten, auf Substantive bzw. Nomen zurückgreifen.
‚NominalstilNominalstil‘ ist Gegenstand der Sprachkritik: Nominalstil wird häufig kritisch diskutiert; einschlägige Ratgeber zielen deshalb auf „VerbVerben statt SubstantiveSubstantiv“ ab.
Von der Wahlmöglichkeit des Nominalstils wird nur in bestimmten kommunikativen DomäneDomänekommunikativn Gebrauch gemacht, offenbar vor allem in Fach- und Wissenschaftssprache, juristischer Sprache und Behördensprache. Gemeint sind damit zweifelsohne die geschriebensprachlichen Ausprägungen dieser Kommunikationsbereiche. Nominalstil Nominalstilist folglich kein Phänomen der Alltagskommunikation und der gesprochenen Sprache.
Nominalstil Nominalstilist kein Selbstzweck, sondern hat in den genannten kommunikativen DomäneDomänekommunikativn eine funktionale Dimension: Die damit verbundene komprimierte komprimiertSyntax wird mit einem Ökonomiegebot in Verbindung gebracht.
Die schreiberseitige Wahl eines nominalen Stils hat Auswirkungen auf die RezeptionRezeption: Ökonomie führt offenbar nicht zu Einfachheit, sondern die komprimierte komprimiertSyntax erschwert das Verstehen. Zumindest aus dieser Perspektive haben wir es also auch mit Komplexität Komplexitätzu tun.
Vor diesem Hintergrund müssen wir zunächst eine Eingrenzung vornehmen: Das vorliegende Studienbuch behandelt nicht alle hier genannten Perspektiven auf das Konzept des Nominalstils. Insbesondere verzichtet es auf eine systematische Berücksichtigung textlinguistischer Fragestellungen. Das bedeutet: Auf Textbeispiele greifen wir zurück, beschäftigen uns aber nicht dezidiert mit der Frage, inwieweit Nominalstil zur Textprofilbildung in solchen Kommunikationsbereichen beiträgt, wie sie in den beiden Begriffsbestimmungen genannt werden.
Der Schwerpunkt des Studienbuches liegt vielmehr auf der grammatischen Dimension des Nominalstils. Das führt zunächst zu der Frage: Was ist eigentlich Stil Stilund wie passen ‚Nominal-‘ und ‚-stil‘ zusammen? ‚Nominal‘ ist ja ein grammatisches Phänomen, wie passt das zu ‚Stil‘?
Diskurs: Stilbegriff
‚StilStil‘ ist ein viel gebrauchter und schwer zu fassender Begriff. Bußmann definiert ‚Stil‘ zunächst einfach als „charakteristische[n] Sprachgebrauch“ (2002: 651). Sie weist darauf hin, dass der Begriff im Deutschen zunächst „für die individuelle, als Ausdruck der Person geltende Schreibweise eines Autors“ verwendet wurde (vgl. auch die Ausführungen von Eroms zu Epochenstil und Individualstil 2014: 17f.), später dann „als neutraler Begriff für „Art und Weise, wie man schreibt“ (ebd.). Den Zusammenhang von Stil und „Schreibart“ erklärt Köller damit, dass der „Terminus Stil […] auf das lateinische Wort stilus zurück[geht], mit dem ursprünglich der Griffel für die Beschriftung von Wachstafeln bezeichnet worden ist“ (2009: 1213). Die Stilistik war ursprünglich eine Teildisziplin der Rhetorik (vgl. Eroms 2014: 13). Der Terminus ‚Stil‘ ist verschiedenen funktionalen Anwendungsfeldern von Sprache zugänglich, man spricht diesbezüglich von „Funktionalstilen“ (vgl. Eroms 2014: 111ff.; Hoffmann 2007). Eroms unterscheidet in diesem Kontext Alltagssprachstil, Gebrauchssprachstil und Kunstsprachstil. Innerhalb der Funktionalstile kann Stil in verschiedenen Textsorten variieren. Stil hat also auch eine textlinguistische Dimension. Grundlegende Zusammenhänge zwischen Stil und Text bringen Fix/Poethe/Yos wie folgt auf den Punkt (2003: 27):
„- Stil ist Information des Produzenten an den Rezipienten über die dem Text zugrunde liegende Situation.
- Stil ist auch immer Selbstdarstellung des Textproduzenten.“
Die Tatsache, dass ein Textproduzent mit Stil Effekte der Selbstdarstellung erzeugen kann, impliziert, dass er Wahlmöglichkeiten hat. So ist Stil ein „Wahl-Akt“ (Eroms 2014: 23). Bei der Entscheidung für einen bestimmten Stil geht es letztendlich darum, „ein Kommunikationsziel adäquat zu erreichen“ (ebd.). Zum Wahl-Akt und zur Selbstdarstellung gehört auch, dass Stil quasi eine Gratwanderung zwischen Norm und Abweichung bedeutet. Eroms spricht von einem „Doppelcharakter“, einem „Janusgesicht“ des Stils: Wir erwarten „einerseits die Einhaltung der Normen […] andererseits aber bis zu einem gewissen Grade gerade deren Durchbrechung“ (2014: 16).
Das Besondere am Begriff ‚Nominalstil‘ gegenüber dem übergeordneten Konzept ‚Stil‘ ist nun, dass ‚Stil‘ – eigentlich ein Terminus, den wir mit Rhetorik, Texten, Epochen, Gattungen etc. in Verbindung bringen – hier zusammen mit einem Terminus für einen grammatischen Phänomenbereich gebraucht wird. Köller stellt die Verbindung in seinem Überblicksartikel zu „Stil und Grammatik“ wie folgt her:
Erstens können wir die beiden Phänomene als natürliche Teilgrößen der Gesamtgröße Sprache ansehen. Dann lässt sich das Phänomen Stil als ein Ordnungszusammenhang verstehen, der sich methodisch auf der Betrachtungsebene der parole erschließt, und das Phänomen Grammatik als einer, der methodisch auf der der langue zugänglich wird. In diesem Denkrahmen kann dann der Stil eines Texts als eine spezifische personen-, epochen- oder textsortenbedingte Auswahl von Formen aus einem vorgegebenen sprachlichen Formenrepertoire verstanden werden. (Köller 2009: 1212)
Zentral erscheint mir der Hinweis auf die „Auswahl von Formen“. Die folgende Übersicht versucht, das zu veranschaulichen:
Abb. 7:
Nominalstil und Verbalstil als auf Auswahl basierende Bündelungen sprachlicher Formen
Das bedeutet: Das grammatische System stellt uns ein Formenrepertoire zur Verfügung. Aus diesem Formenrepertoire treffe ich in der Kommunikation auf der Basis der Rahmenbedingungen eine Auswahl. Das folgende Beispielpaar aus der Begriffsbestimmung des Nominalstils von Bußmann veranschaulicht das:
| (11) | Das Scheitern der Gespräche war erwartet worden |
| (11‘) | Es war erwartet worden, dass die Gespräche scheiterten. |
Beide Sätze sind systemkonform, d.h., beide Sätze entsprechen den Regeln der deutschen Grammatik. Es handelt sich also um Ausdrucksvarianten, die mir zur Wahl stehen. In beiden Sätzen wird eine Aussage (PropositionProposition) in eine Bezugsstelle Bezugsstelleeiner anderen Aussage eingebettet Einbettung(von Polenz 2008: 232ff.). D. h., die Aussage ‚X war erwartet worden‘ ist übergeordnet, die Aussage ‚die Gespräche scheiterten‘ ist eingebettet. In (11‘) geschieht die Einbettung mit einem NebensatzNebensatz, in (11) mit einer NominalisierungNominalisierung. Da (11‘) einen Nebensatz mit einem Verb enthält, wird man dieses Beispiel als verbalstilistischer Verbalstilempfinden als die Variante (11), in der die Nominalisierung dazu führt, dass die Einbettung innerhalb eines Einfachsatzes vonstatten geht und die eingebettete Aussage folglich kein Verb beinhaltet. Die Wahl der einen oder anderen Variante führt zur Nutzung weiterer Formmerkmale: Beispielvariante (11) enthält neben der Nominalisierung als Kern Kernder Nominalgruppe Nominalgruppeden bestimmten Artikel Artikeldas sowie das Genitivattribut Genitivattributder Gespräche. Gemeinsam bilden Artikel, Kern und Attribut eine Nominalgruppe. Diese weist die folgenden nominalen Kategorien Kategorienominalauf: Neutrum, Singular, Nominativ. In Variante (11‘) ist der Nebensatz mit dem Subjunktor Subjunktordass eingeleitet. Die Nebensatzform wird darüber hinaus durch die Endstellung des finiten Verbs Verbfinitkodiert. Das finite Verb lässt sich wie folgt in Bezug auf die verbalen Kategorien Kategorieverbalbestimmen: 3. Person Plural Indikativ Aktiv Präteritum. Der Unterschied zwischen (11) und (11‘) liegt folglich nicht nur in der Wahl eines Nomens resp. Verbs, vielmehr sind mit dieser Wahl verschiedene Konsequenzen in Bezug auf das genutzte Formenrepertoire verbunden. Wir haben es also jeweils mit Formenbündeln zu tun und können vor diesem Hintergrund Nominalstil Nominalstilund Verbalstil als eine Menge an Formen einer nominalen resp. verbalen Ausdrucksweise verstehen.
Auf diese Weise dürfte auch deutlich geworden sein, wie die beiden scheinbar so unterschiedlichen Bereiche Grammatik und Stil im Nominalstil oder auch Verbalstil zusammentreffen: Die Grammatik stellt das Formenrepertoire zur Verfügung, Stil hingegen ist das Ergebnis einer Auswahl aus diesem Repertoire.
Grammatische Merkmale des Nominalstils
Die beiden Begriffsbestimmungen der sprachwissenschaftlichen Lexika nennen weitestgehend übereinstimmend die folgenden Merkmale des Nominalstils:
Nominalisierungen
FunktionsverbgefügeFunktionsverbgefüge
KompositaKompositum
Attribuierbarkeit und AttributionAttribution
Subordinierte Attribute
Erweiterte PartizipialattributePartizipialattribut
Es fällt auf den ersten Blick auf, dass Attribute offenbar eine wichtige Rolle bei der grammatischen Ausgestaltung von Nominalstil spielen. Das lässt sich leicht begründen: Bei einer Nominalisierung Nominalisierungwird häufig nicht einfach nur ein Nomen aus einem Verb Verbabgeleitet. Vielmehr geht es in vielen Fällen auch darum, aus einem Satz Satzneben dem Verb auch seine ErgänzungErgänzung(en) oder ggf. auch Angaben Angabein eine nominale Struktur zu überführen. Die Attribute sind das Strukturformat für die Überführung von Satzgliedern Satzgliedin eine nominale Struktur. Die Satzglieder werden quasi als Attribute „recycletRecycling“ (Ágel 2017: 35).
Die Nominalstilmerkmale sollen nun anhand eines Beispiels nachvollzogen werden:
| (1) | Die SPD wäre gut beraten, die Sache genau zu studieren, manches davon könnte ihr in den kommenden Gesprächen zur Anbahnung einer Sondierung zur Herbeiführung von Koalitionsverhandlungen zur Ermöglichung einer schwarz-roten Regierung wieder begegnen. (Die ZEIT, 30.11.2017) |
Abgesehen von Funktionsverbgefügen sind alle von den beiden Lexika genannten Merkmale enthalten:
Nominalisierungen: Anbahnung, Sondierung, Herbeiführung, Koalitionsverhandlung, Ermöglichung, Regierung;
KompositumKompositum: Koalitionsverhandlung;
PartizipialattributPartizipialattribut: kommenden;
GenitivattributeGenitivattribut: Anbahnung einer Sondierung, Ermöglichung einer Regierung;
PräpositionalattributePräpositionalattribut: zur Anbahnung, zur Herbeiführung, von Koalitionsverhandlungen, zur Ermöglichung;
SubordinationSubordination der Attribute (bis zum siebenten Grad)
Die Subordination der postnominalen Attribute Attributpostnominalzu Gespräche bis zum siebenten Grad wird in der folgenden Abbildung dargestellt:
Abb. 8:
Attributstruktur in Beispiel (1)
Die Abbildung illustriert die Unterordnung Unterordnungder einzelnen Attribute als Treppenstruktur, weil auf diese Weise die mehrfache Unterordnung sowie die sich daraus ergebenden Unterordnungsgrade transparent sichtbar gemacht werden können. Die sieben Treppenstufen entsprechen hier je einem Unterordnungsgrad. Lediglich das Attribut ersten Grades zur Anbahnung bezieht sich auf das Kernnomen Kernnomender maximalen Nominalgruppe NominalgruppeGespräche; alle anderen Attribute beziehen sich auf nominale KernKernnominale, die selbst bereits Teile von Attributen sind. Mehrere Attribute sind aber nicht immer in einer solchen Treppenstruktur aufeinander bezogen; vielmehr können sich Attribute auch gemeinsam auf einen Kern beziehen (siehe Kapitel „Nominale Komplexität“).
Mit den vielen Nominalisierungen und Attributen macht der Satz von den Möglichkeiten des Nominalstils starken Gebrauch, und ganz offenbar hängen die Dinge zusammen: Die Nominalisierungen bilden Kerne von Nominalgruppen, die attributiv Attributerweitert werden können. Das Prinzip ist rekursivrekursiv, d.h., die Kerne von attributiven Erweiterungen können selber wieder Nominalisierungen sein, die auch wiederum erweitert werden können.
Um nachvollziehen zu können, was genau passiert, wenn wir uns für eine nominalstilistische Formulierung entscheiden, bietet sich ein Vergleich mit einem verbalstilistischen Pendant an. Wenn man nun aus (1) alle Nominalisierungen auflöst und dennoch das Ziel beibehält, alle Informationen in einem Satz unterzubringen, so erhält man in etwa:
| (1‘) | [Die SPD wäre gut beraten, die Sache genau zu studieren], manches davon könnte ihr in den Gesprächen wieder begegnen, die kommen sollen, in denen angebahnt werden soll, wie man sondieren kann, wie man herbeiführen kann, dass über eine Koalition verhandelt wird, wodurch ermöglicht werden soll, dass Schwarz-rot regieren. |
Was ist zusätzlich zum Auflösen der Nominalisierungen passiert? Wir beschränken uns in der Analyse auf den Teil, der mit manches beginnt, denn streng genommen enthält der orthographische SatzorthographischAusgangssatz (1) zwei grammatische Sätze Satzgrammatisch(erkennbar daran, dass nach studieren auch ein Punkt stehen könnte). Die folgenden Unterschiede lassen sich feststellen:
(1) enthält 24 Wortformen, (1‘) 38 Wortformen;
(1) enthält 8 Nomen (ein Pronomen [manches], ein lexikalisiertes LexikalisierungDerivat [Gespräch], sechs ung-Nominalisierungen, s.o.), (1‘) 4 Nomen (ein Pronomen und ein lexikalisiertes Derivat [vgl. (1)], ein entlehntes Nomen [Koalition], ein durch Konversion Konversionnominalisiertes Adjektiv Adjektivnominalisiert[Schwarz-rot]);
(1) enthält 1 finites Verb, (1‘) 8 finite Verben;
bei (1) handelt es sich um einen einfachen Satz, d.h., er enthält keine Nebensätze. (1‘) hingegen enthält sieben Nebensätze;
es gibt in (1‘) nur noch Attributsätze Attributsatzund keine Genitiv- und Partizipialattribute mehr.
Die kleine Gegenüberstellung lässt bereits erkennen, dass die Entscheidung für Verbal- oder Nominalstil erhebliche Konsequenzen für den gesamten Satzbau hat: Es geht nicht nur um „Substantive statt Verben“, vielmehr führt der vermehrte Rückgriff auf Substantive/Nomen zu einer Vielzahl an Folgeerscheinungen.
Im Folgenden sollen die einzelnen, in den Begriffsbestimmungen der sprachwissenschaftlichen Lexika angenommenen Merkmale des Nominalstils genauer betrachtet werden. Die Frage ihres Beitrags zum Nominalstil kann erst im folgenden Teilkapitel im Anschluss an eine eigene Begriffsbestimmung diskutiert werden. Von den zu Beginn dieses Teilkapitels genannten Merkmalen werden hier die Merkmale FunktionsverbgefügeFunktionsverbgefüge, Komposita Kompositumund Partizipialattribute Partizipialattributherausgegriffen. Da ‚Nominalisierung‘ und ‚Attribut‘ bereits Gegenstand des Kapitels „Grundbegriffe“ sind und insbesondere im Kapitel „Satzbaupläne und Nominalgruppenbaupläne“ umfangreich auf den Zusammenhang von Nominalisierung und Attribuierung Attribuierungeingegangen wird, kann hier auf eine erneute Begriffsbestimmung verzichtet werden. Attribute werden ohnehin im Studienbuch an vielen Stellen eine wichtige Rolle spielen (vgl. u.a. das Kapitel „Nominalstil zwischen verbaler und nominaler Syntax“). Partizipialattribute werden hingegen hier in den kurzen Überblick über grammatische Merkmale des Nominalstils einbezogen.
FunktionsverbgefügeFunktionsverbgefüge
Diskurs: Zur Terminologie
Der Terminus ‚Funktionsverbgefüge‘ geht zurück auf Engelen (1968). Vorreiter der Beschäftigung mit den Funktionsverbgefügen war von Polenz (1963) mit seinem Aufsatz zu „Funktionsverben im heutigen Deutsch“. In diesem Text spricht von Polenz noch von „Funktionsverbformeln“. Der Ausgangspunkt seiner Auseinandersetzung mit dem Phänomen sind „Substantivformen“ mit einer „Nominalisierung Nominalisierungdes Verbalausdrucks“ (1963: 11). Später unterscheidet er zwischen Nominalisierungsverbgefügen Nominalisierungsverbgefüge(NVG) und Funktionsverbgefügen (FVG) (1987). Dabei ist Nominalisierungsverbgefüge der Oberbegriff, er bezeichnet einen „heterogenen Bereich“, der wie folgt gekennzeichnet werden kann: „Mit Hilfe einer Verb Verb+ SubstantivSubstantiv-Verbindung wird hier ein Verb oder Adjektiv Adjektivdurch Nominalisierung in substantivischer Form als Prädikatsausdruck Prädikatsausdruckverwendet.“ (1987: 1970) FVG sind bei von Polenz eine näher bestimmbare Teilmenge der NVG mit solchen NominalisierungsverbenNominalisierungsverb, „die eine systematisch beschreibbare Eigenbedeutung in ganzen Gruppen von NVG haben“ (ebd.) (zur Art der Eigenbedeutung s.u.). Die IdS-Grammatik übernimmt die terminologische Unterscheidung zwischen NVG und FVG von von Polenz. Die meisten Grammatiken (bspw. Dudengrammatik 2016 und Eisenberg 2013b) verwenden hingegen nur den Terminus ‚Funktionsverbgefüge‘. Eisenberg bezieht sich damit aber nur auf Verbindungen aus Funktionsverb und Präpositionalgruppe Präpositionalgruppe(auch in Eisenberg 2006b). Die Forschungsliteratur knüpft vereinzelt an den Differenzierungsvorschlag von von Polenz an (bspw. Storrer 2006), der Terminus ‚Funktionsverbgefüge‘ ist aber insgesamt häufiger anzutreffen. Da die genaue Bestimmung der Klasse der Funktionsverbgefüge problematisch ist und von den in den jeweiligen Arbeiten getroffenen Festlegungen abhängt, kann nicht allgemein gesagt werden, ob die als Funktionsverbgefüge bezeichneten Nomen-Verb-VerbindungNomen-Verb-Verbindungen den von Polenz’schen NVG und/oder FVG entsprechen. Wir verwenden hier den Terminus ‚Funktionsverbgefüge‘ als den gebräuchlicheren Terminus; auf die Definitionsschwierigkeiten gehen wir im Folgenden ein.
Funktionsverbgefüge Funktionsverbgefügegelten als Kennzeichen des Nominalstils schlechthin. Das liegt anscheinend auch auf der Hand, da diese nominale Ausdrucksalternativen zu Verben darstellen:
| (12) | beweisen – unter Beweis stellen abschließen – zum Abschluss bringen versprechen – ein Versprechen geben angewendet werden – zur Anwendung kommen sterben – im Sterben liegen |
Die Gemeinsamkeit zwischen den Beispielen besteht darin, dass ein Verb durch eine syntaktische Fügung aus einer Nominalisierung Nominalisierungdes Verbs und einem bedeutungsarmen Verb ersetzt wird. Außer Frage steht laut van Pottelberge der kategoriale Aufbau von Funktionsverbgefügen (2001: 448):
Verb + (Präposition +) Nomen
Eine solche Verbindung allein macht aber noch kein Funktionsverbgefüge. Die folgenden Belege der Wortverbindung brachte zum Abschluss aus dem Deutschen Referenzkorpus (DeReKo) sollen dies illustrieren:
| (13) | BRZ07/APR.10945 Braunschweiger Zeitung, 16.04.2007; Dann aber wurden auch die Gäste nach vorne gefährlicher. Einen stark ausgeführten Spielzug brachte Bernd Mittendorf zum Abschluss, doch SSV-Keeper Göral Graf machte es seinem Gegenüber nach und hielt mit einer Glanzparade. BRZ12/NOV.00723 Braunschweiger Zeitung, 02.11.2012; Sein Leben geriet schon früh aus dem Ruder: Die Hauptschule beendete er nach der 7. Klasse, eine Lehre brachte er nicht zum Abschluss, erste Drogenerfahrungen sammelte er im Alter von 13 – schmiss Ecstasy, zog Koks, rauchte Heroin und blieb auf Cannabis hängen. BVZ08/OKT.03922 Burgenländische Volkszeitung, 29.10.2008; Der bekannte Kinder- und Jugendbuchautor Christoph Mauz brachte zum Abschluss der Loipersdorf-Kitzladener „Kulturwoche“ erstmalig ein musikalisches Kabarett in den Kultursaal des Gemeindezentrums. M03/MAI.33460 Mannheimer Morgen, 20.05.2003; Zwei Kompositionen von Josef Gabriel Rheinberger brachte die Kantorei zum Abschluss des Konzerts vor ihr fasziniertes Publikum. |
In den ersten beiden Beispielen wird die Wortverbindung als Funktionsverbgefüge Funktionsverbgefügeverwendet; als Indiz dafür kann die häufig als Kriterium angeführte Ersetzbarkeit durch das gleichlautende Vollverb Vollverbangebracht werden:
| (13a‘) | Einen stark ausgeführten Spielzug schloss Bernd Mittendorf ab. |
| (13b‘) | Die Hauptschule beendete er nach der 7. Klasse, eine Lehre schloss er nicht ab. |
Für die anderen beiden Beispiele gilt diese Analyse nicht: Hier ist das Verb bringen Vollverb mit einer Akkusativergänzung und einer Direktivergänzung:
| (13c‘) | Der Autor brachte das Kabarett in den Kultursaal. |
| (13d‘) | Die Kantorei brachte zwei Kompositionen vor ihr Publikum. |
Laut dem Elektronischen Valenzwörterbuch (E-VALBU) lautet die Paraphrase Paraphrasefür diese Lesart Lesartvon bringen
| (13e) | jemand sorgt dafür, dass jemand/etwas irgendwohin gelangt, um dort behalten zu werden oder eine Zeit lang zu verbleiben |
Die drei Ergänzungen ErgänzungSubjektSubjekt, Akkusativobjekt Akkusativobjektund Adverbial Adverbial(direktiv) sind laut E-VALBU obligatorische Ergänzungen. Zum Abschluss gehört hingegen nicht zur Valenz Valenzdes Verbs bringen, es ist in (13 c,d) ein temporales TemporalitätAdverbial, das hier zufällig für die formale Gleichheit der beiden Verbindungen aus Verb Verbund Präpositionalgruppe Präpositionalgruppesorgt:
| (13c‘‘) | Der Autor brachte das Kabarett zum Abschluss/am Abend in den Kultursaal. |
| (13d‘‘) | Die Kantorei brachte zwei Kompositionen zum Abschluss/zu Beginn vor ihr Publikum. |
Daraus ergibt sich folgende Frage: Was unterscheidet die beiden Beispielgruppen voneinander, was unterscheidet also ein Funktionsverbgefüge Funktionsverbgefügevon einer rein kompositionalen Verbindung aus Verb und Nominal- oder Präpositionalgruppe?
Funktionsverbgefüge sind als grammatische Kategorie Kategoriegrammatischsehr umstritten (s.u.), als einen gemeinsamen Nenner der Diskussion fasst Helbig jedoch zusammen:
Es besteht Konsens darüber, dass es sich bei den FVG immer um die Verbindung von einem verbalen Bestandteil (einem Funktionsverb, das arm ist an lexikalischer Bedeutung) und einem nominalen Bestandteil (zumeist einer Nominalgruppe im Akkusativ […] oder einer Präpositionalgruppe […], abgeleitet von korrespondierenden Verben oder Adjektiven) handelt, der die hauptsächliche (lexikalische) Bedeutung trägt, dass beide erst zusammen eine semantische Einheit und ein Satzglied (das Prädikat des Satzes) bilden. (Helbig 2006: 166)
Die folgende Übersicht versucht, die zentralen Komponenten dieser Bestandsaufnahme zu veranschaulichen:
Abb. 9:
Funktionsverbgefüge: Grundstruktur und Funktion
Wie die verwendeten Beispielgruppen erkennen lassen, gibt es zwei große Gruppen von Funktionsverbgefügen: Funktionsverbgefüge mit einer Nominalgruppe im Akkusativ als Kern sowie solche mit einer Präpositionalgruppe als Kern (vgl. Fabricius-Hansen 2006: 261ff.; Dudengrammatik 2016: 225). Für die Eingrenzung des Phänomenbereichs hat sich aber insbesondere die semantische Struktur der Funktionsverbgefüge als wichtig erwiesen. Für eine Annäherung an diese Thematik greifen wir auf den folgenden Vergleich eines einfachen Vollverbs mit einem Funktionsverbgefüge bei Fabricius-Hansen (2006: 260) zurück:
Abb. 10:
Vollverb vs. Funktionsverbgefüge (Fabricius-Hansen 2006: 260)
Die Übersicht veranschaulicht den semantischen Mehrwert des Funktionsverbgefüges gegenüber dem VollverbVollverb, den Fabricius-Hansen hier mit „KausativitätKausativität“ benennt. ‚Kausativität‘ heißt hier: In einem Satz wie
(14) Fritz bringt Anna zum Lachen
verursacht Fritz das Lachen von Anna. Zum Lachen bringen ist also nicht einfach nur ein nominales Äquivalent von lachen, sondern das Funktionsverbgefüge Funktionsverbgefügeführt dazu, dass zusätzlich ein Verursacher genannt wird.
Bei Kausativität handelt es sich also um eine „beschreibbare Eigenbedeutung“ (von Polenz 1987: 170) des Funktionsverbs. Neben Kausativierung Kausativierungist die Aktionsartdifferenzierung der zweite Zentralbereich der beschreibbaren Eigenbedeutung. Mit ‚AktionsartAktionsart‘ werden „Zusammenhänge zwischen dem vom Verb bezeichneten Geschehen oder Sachverhalt und dem damit verbundenen internen Zeitverlauf“ beschrieben (Dudengrammatik 2016: 415). Laut Eisenberg läuft es in Bezug auf die FVG Funktionsverbgefüge„auf ein binäres Aktionsartsystem hinaus“ (2006b: 304):
| 15 | inchoativinchoativ bringen, gelangen, geraten, kommen, setzen, stellen durativdurativ halten, liegen, stehen (Eisenberg 2006b: 304) |
‚Inchoativ‘ bedeutet ‚eintretend‘ bzw. ‚beginnend‘ (Dudengrammatik 2016: 416). Mit Funktionsverbgefügen wie zur Aufführung bringen/kommen oder zur Diskussion stellen wird also das Eintreten des durch das Verbalabstraktum Verbalabstraktumbezeichneten Sachverhalts thematisiert. Durative Funktionsverbgefüge wie im Sterben liegen oder zur Diskussion stehen hingegen bezeichnen das Andauern des genannten Sachverhalts. Auf die Relevanz der Aktionsarten Aktionsartwird häufig auch insbesondere deshalb verwiesen, weil sich durch die Verbindung eines nominalen Kerns Kernnominalmit verschiedenen Funktionsverben u.U. Bedeutungsunterschiede auf der Basis der Aktionsarten ergeben können, vgl. in Verbindung treten (= inchoativinchoativ) vs. in Verbindung bleiben (= durativdurativ).
Trotz dieser auf den ersten Blick recht klaren Anhaltspunkte ist die genaue Bestimmung des Gegenstandsbereichs an Nomen-Verb-VerbindungNomen-Verb-Verbindungen, die als Funktionsverbgefüge Funktionsverbgefügeeingeordnet werden können, schwierig. Während die Beispielgruppe 13 lediglich illustriert hat, dass nicht jede in Frage kommende Nomen-Verb-Verbindung automatisch ein Funktionsverbgefüge ist, dabei aber klar abgrenzbare Beispieltypen beinhaltete, erweist sich insbesondere die Abgrenzung von Funktionsverbgefügen zu sogenannten Kollokationen und Phraseologismen Phraseologismusals Herausforderung für die Forschung (vgl. dazu insbesondere Helbig 2006 sowie Heine 2006: 55ff.). Phraseologismen lassen sich noch relativ leicht von Funktionsverbgefügen abgrenzen, wenn man von einer „Unmöglichkeit, die Gesamtbedeutung aus den Bedeutungen der einzelnen Bestandteile und deren syntaktischer Verknüpfung zu erschließen“, ausgeht (IdS-Grammatik 1997: 1067). Typische Beispiele sind (ebd.): am Hungertuch nagen, unter dem Pantoffel stehen. Mit einem Funktionsverbgefüge wie zur Diskussion stehen wird tatsächlich auf den Vorgang des Diskutierens Bezug genommen; unter dem Pantoffel stehen hingegen ist nicht im wörtlichen Sinne auf Pantoffel zu beziehen, sondern kann eher mit ‚unterdrückt werden‘ paraphrasiert werden. Schwieriger ist die Abgrenzung der FVG von Kollokationen, weil hier das Abgrenzungskriterium der wörtlichen vs. übertragenen Bedeutung nicht greift. ‚KollokationKollokation‘ meint im weiteren Sinne zunächst nur das „erwartbare[…] Miteinandervorkommen von Lexemen“ (Helbig 2006: 169). Der Terminus ist also nicht auf Nomen-Verb-Verbindungen festgelegt. Beispiele für kollokative Substantiv-Verb-VerbindungSubstantiv-Verb-Verbindungen sind etwa: Tisch decken, Zähne putzen, den Nagel einschlagen. Die Kollokationen sind somit auch feste Verbindungen (vgl. *den Tisch legen, *Zähne waschen, * den Nagel einhauen; vgl. dazu Feilke 1996). Der entscheidende Unterschied zwischen Funktionsverbgefügen und Kollokationen dürfte darin bestehen, dass das Verb in den entsprechenden Kollokationen seinen Vollverbcharakter beibehält mit der folgenden Konsequenz: „Bei den FVG bilden Verb und nominaler Teil zusammen das (komplexe) PrädikatPrädikat, bei den Kollokationen nicht: Bei ihnen bildet das Verb allein das Prädikat, der nominale Teil ist Objekt Objektoder AdverbialAdverbial.“ (Helbig 2006: 171)
Diskurs: Gibt es eine grammatische Kategorie Kategoriegrammatisch‚FunktionsverbgefügeFunktionsverbgefüge‘?
Auch wenn wir uns in der oben stehenden Diskussion darum bemüht haben, klare Anhaltspunkte für die Bestimmung der Funktionsverbgefüge und damit auch für die Zuordnung einzelner Vorkommen von Nomen-Verb-VerbindungNomen-Verb-Verbindungen zu dieser Klasse herauszuarbeiten, sei hier noch darauf verwiesen, dass die Kategorie Kategoriedurchaus umstritten ist. Eisenberg spitzt wie folgt zu: „‚Funktionsverbgefüge‘ ist mit Sicherheit keine grammatische KategorieKategoriegrammatisch.“ (2013b: 305) Er spielt damit auf die Schwierigkeiten einer genauen Eingrenzung an, die dazu führen, dass FVG als grammatische Kategorie immer wieder in Frage gestellt werden, bleibt aber selbst dabei, FVG als Terminus zur Bezeichnung einer „besondere[n] syntaktische[n] Beziehung zwischen PrGr und FV“ zu verwenden (ebd). Der prominenteste Kritiker der FVG ist van Pottelberge (2001). Mit Formulierungen wie „Die Kategorisierung verbonominaler Konstruktionen: Sinn und Unsinn“ (2001: 435), „Die Grammatikalisierung von Funktionsverbgefügen: ein Spuk“ (2001: 438) und „Das gescheiterte Ringen um ein sprachliches Zeichen“ (2001: 448) fasst er seine Einschätzung provokativ zusammen. Ein zentraler Kritikpunkt ist dabei die fehlende Deckung formaler und inhaltlicher Merkmale (ebd.). So zeigt sich bei den FVG in besonders deutlicher Weise ein Grundsatzproblem grammatischer Kategorienbildung: Ein semantisch motiviertes Begriffsverständnis setzt syntaktische Kriterien zur Zuordnung von Elementen zur jeweiligen Kategorie voraus; andererseits können die syntaktischen Kriterien im Grunde genommen aber erst aus dem Grundverständnis der Kategorie abgeleitet werden. Van Pottelberge spricht in Bezug auf die FVG von einer „deutliche[n] Konkurrenz zwischen einem syntaktischen und einem semantischen Kriterium“ (2001: 449). So zeigt sich letztendlich: Das Ausgehen von einem Inventar an Nomen-Verb-Verbindungen, dem ein Begriffsverständnis von Funktionsverbgefügen zuzuordnen ist, führt zwangsläufig zu einer heterogenen Gruppe an Kriterien. Wenn hingegen die Klasse der FVG auf der Basis eines einheitlichen Kriteriums bestimmt wird, hängt es vom jeweiligen Kriterium ab, welche Kandidaten am Ende als FVG betrachtet werden und welche nicht (vgl. dazu Harm 2020). Van Pottelberge gelangt zu dem Schluss, dass die Beschreibung und Erfassung von Funktionsverbgefügen Aufgabe der Stilistik und Lexikographie sei (2001: 455). Man solle die Bezeichnung ‚Funktionsverbgefüge‘ nur „als intuitive Charakterisierung“ verwenden (ebd.). Eisenberg kontert: „Vielleicht können wir unsere Grammatiken um einige Seiten kürzen, aber vielleicht müssen wir nur etwas mehr Aufwand treiben, um die FVG ordentlich zu beschreiben“ (2006b: 300), und spricht sich für einen Prototypenansatz Prototypenansatzaus (2006b: 307ff.). In der hier kurz zusammengefassten Diskussion um den kategorialen Stellenwert der Funktionsverbgefüge geht es im Grunde genommen auch um die Frage, ob die Funktionsverbgefüge eine grammatische Kategorie oder Einheiten des Lexikons sind. Gerade weil sich die Konstruktionsgrammatik Konstruktionsgrammatikzum Ziel setzt, die starren Grenzen zwischen Grammatik und Lexikon Lexikonzu überwinden, dürften von ihr neue Zugänge zum Phänomen der Funktionsverbgefüge zu erwarten sein.
KompositaKompositum
Das Deutsche gilt als „kompositionsfreudige Sprache“ (Schlücker 2012). Der Grund für die hohe Anzahl an Komposita im Deutschen ergibt sich quasi automatisch aus einem Blick auf die Struktur unseres Wortschatzes. Die 27. Auflage des Rechtschreibdudens enthält 145.000 Einträge. Dem stehen nur ca. 2000 selbstständige Substantive gegenüber (Eisenberg 2013a: 32). Laut Fleischer/Barz bilden Substantive mit ca. 50-60% den Hauptteil des Wortschatzes (2007: 84). Wenn man die niedrige Anzahl an einsilbigen Substantiven mit der Anzahl an Lexemen in unserem Aktiv- und Passivwortschatz oder in einem Rechtschreibwörterbuch vergleicht, wird nachvollziehbar, dass die große Lücke nicht allein durch Neuwortbildungen und Entlehnungen überbrückt werden kann. So weist Eisenberg darauf hin, dass das Substantivkompositum Substantivkompositum„der verbreitetste Worttyp des Deutschen überhaupt ist“ (2013a: 217).
Die Termini Komposition (= der Wortbildungsprozess) sowie Kompositum Kompositum(= das Wortbildungsprodukt) legen einen Zusammenhang mit der Kompositionalität Kompositionalitätund dem Kompositionalitätsprinzip Kompositionalitätsprinzipnahe. Eichinger definiert Komposition wie folgt: „Bei der Komposition werden zwei Einheiten mit lexematischer Bedeutung zu einem neuen Text- oder Lexikonwort Lexikonwortzusammengefügt.“ (2000: 115) Als Beispiel führt er an:
| (16) | [Ameise]subst + n + [Bau]subst |
Die beiden Einheiten mit lexematischer Bedeutung Ameise und Bau werden hier zu einem neuen Lexem Lexemzusammengefügt; quasi ergibt hier 1+2=3. Komposition ist also offenbar ein Paradefall für das sogenannte Kompositionalitätsprinzip:
Die Bedeutung eines komplexen Ausdrucks ergibt sich eindeutig aus der lexikalischen Bedeutung seiner Komponenten, aus deren grammatischer Bedeutung und aus seiner syntaktischen Struktur. (Löbner 2015: 14)
Was aber ist die grammatische Bedeutung und die syntaktische Struktur eines Kompositums? Betrachten wir dazu erneut den Ameisenbau: -bau ist eine morphologische Konversion Konversionmorphologischvon bauen. Dem Verb Verbbauen liegt die Grundstruktur jemand baut etwas zugrunde. Man könnte nun damit rechnen, dass der zweite Teil des Kompositums eine Ergänzung Ergänzungdes Verbs bauen beinhaltet, also dass damit entweder der Jemand oder das Etwas in das Kompositum eingeführt wird. Das ist hier offensichtlich der Fall: Bei einem Ameisenbau handelt es sich um ein Bauwerk, das Ameisen errichtet haben. In Hausbau hingegen geht nicht das Jemand, sondern das Etwas in das Kompositum ein. Als welche Art der Ergänzung wir das Erstglied Erstgliedeines Kompositums mit -bau zu interpretieren haben, können wir folglich an der Oberfläche nicht erkennen, d.h., wir sehen den beiden Komposita Ameisenbau und Hausbau nicht an, dass die Beziehung zwischen Erst- und Zweitglied Zweitgliedhier jeweils eine andere ist. Hinzu kommt, dass wir unter Ameisenbau sicherlich nicht nur ein Bauwerk verstehen, das Ameisen gebaut haben, sondern ein Ameisenbau ist ja gleichzeitig ein Bau für Ameisen, also ein Bauwerk, in dem Ameisen leben und arbeiten. Einige weitere Beispiele mit -bau als Zweitglied dienen der weiteren Diskussion:
| (17) | Mauerbau Bau der Mauer Neubau 1.a) das Bauen, Errichten (eines neuen Bauwerks); b) das Wiedererrichten eines schon einmal vorhanden gewesenen Bauwerks 2.a) im Bau befindliches Gebäude; b) neu gebautes od. verhältnismäßig neues Gebäude; c) (Technik) neu gebautes Modell Unterbau 1.a) unterer, meist stützender Teil von etw., auf dem etw. aufgebaut ist; Fundament; b) Grundlage, Basis 2. Sockel, Postament 3.a) (Straßenbau) Tragschicht; b) (Eisenbahn) Schicht, die den Oberbau trägt Bergbau systematische Gewinnung von Bodenschätzen |
Zu den Komposita Kompositumsind hier jeweils Bedeutungserläuterungen (Paraphrasen) aus dem Duden Universalwörterbuch (2011) aufgeführt. Interessant ist daran Folgendes: Wenn das Kompositionalitätsprinzip Kompositionalitätsprinzipuneingeschränkte Geltung für Komposita hätte, müsste es gar keine Einträge im Wörterbuch geben, denn wir könnten die Bedeutung ja einfach als Summe der Bedeutung der Bestandteile verstehen. Dass es bei Neubau und Unterbau mehrere Bedeutungsvarianten gibt, spricht auch gegen eine uneingeschränkte Geltung des Kompositionalitätsprinzips, denn wenn das der Fall wäre, dürfte es nur eine Bedeutungsvariante geben.
Zur Beziehung zwischen den Kompositionsgliedern lässt sich sagen: Nur das Kompositum Mauerbau enthält ein ErstgliedErstglied, das eine der Ergänzungen Ergänzungdes Verbs bauen ist. Dabei deutet der bestimmte Artikel Artikelin der Paraphrase Paraphraseaber darauf hin, dass eine reine Addition Additionvon bauen und Mauer noch nicht die Bedeutung von Mauerbau ergibt: Gemeint ist eben nicht irgendeine Mauer, sondern die Berliner Mauer. Bei den anderen drei Komposita geht keine Ergänzung des Verbs bauen in die Komposition ein. Bergbau ist natürlich nicht der Bau eines Bergs, sondern das Abbauen von Bodenschätzen im Berg; das Erstglied ist hier also quasi eine Lokalangabe. Das gilt im Grunde genommen auch für Unterbau. In Neubau wiederum wird mit dem Erstglied die Modalität Modalitätdes Bauens bezeichnet bzw. die Qualität des Produkts spezifiziert.
Dass die Komposita Kompositumim Lexikon aufgeführt sind, dass sie alle Bedeutungen haben, die sich nicht einfach auf die Grundstruktur des Verbs bauen mit seinen Ergänzungen Ergänzungzurückführen lassen, dass einige von ihnen sogar mehrere Bedeutungsvarianten haben, zeigt uns, dass die Art der Beziehung zwischen Erst- und Zweitglied Zweitgliedunterschiedlicher Natur sein kann. Die hier aufgeführten Komposita sind folglich Lexeme in dem Sinne, dass sie lexikalisiert Lexikalisierungund dementsprechend Bestandteile des Lexikons sind. Sie sind also, wie Eichinger es formuliert hat, „Lexikonwörter“.
Der auf diese Weise gewonnene Eindruck von den Grenzen des Kompositionalitätsprinzips wird untermauert durch eine empirische Analyse zur Dekodierung Dekodierungvon Substantivkomposita Substantivkompositum(Klos 2011). Klos hat Versuchspersonen Komposita vorgelegt mit der Aufgabe, sie zu definieren. Wenn das Kompositionalitätsprinzip Kompositionalitätsprinzipreibungslos anwendbar wäre, dürfte es nur je eine Lesart Lesartgeben, denn jeder kompetente Sprecher des Deutschen müsste aufgrund der 1+2=3-Formel das Kompositum auf gleiche Weise verstehen. Das ist aber offensichtlich bei vielen Komposita nicht der Fall: Die Definitionen ergaben je 10 unterschiedliche Lesarten für Klatschguru und Herdprämie, 11 für Gardinenpredigt, 18 für Heuschreckendebatte, 27 für Krebspersönlichkeit und 32 für Pinguin-Effekt. Klos schlussfolgert, dass das Kompositionalitätsprinzip mehr verspricht, als es leisten kann:
Während die lexikalischen Bedeutungen der unmittelbaren KonstituenteKonstituenteunmittelbarn bei der Dekodierung Dekodierungnicht-nennfester Komposita immer eine zentrale Rolle spielen, dienen das Wissen über ihre grammatischen Bedeutungen sowie das Wissen über die syntaktische Struktur von Substantiven Substantivnicht immer als verlässliche Interpretationsquellen, die bei der Bedeutungsbestimmung zu Rate gezogen werden können. (2011: 287)
Kommen wir von den einführenden Bemerkungen zu Komposition und Kompositionalität nun zu der Frage, welche Arten von Komposita gemeint sein könnten, wenn ein Zusammenhang zwischen Nominalstil Nominalstilund Komposition hergestellt wird. Es kann hier natürlich nicht darum gehen, das Phänomen der Komposition flächendeckend aufzuarbeiten; dazu sei auf die Darstellungen in den Standardwerken zur Wortbildung verwiesen (bspw. Fleischer/Barz 2007; Eichinger 2000). Vielmehr steht hier die Frage im Mittelpunkt, inwiefern Komposition zum Nominalstil beiträgt. In der Begriffsbestimmung von Bußmann wird darauf hingewiesen, dass „dem abstrakten Substantiv Substantiv[…] weitere Informationsteile angegliedert werden [können], z. B. als […] Kompositionsglieder (Verkehrsberuhigungsmaßnahme)“. (2002: 472) Im Metzler Lexikon Sprache werden Komposita als grammatisches Merkmal des Nominalstils mit Komprimierung in Verbindung gebracht (Glück/Rödel 2016: 467). Um im Anschluss an die folgende eigene Begriffsbestimmung von ‚Nominalstil‘ klären zu können, welche Aspekte der Komposition einschlägig für den Nominalstil sind, sollen hier erst einmal die dafür nötigen Grundlagen erarbeitet werden.
In der Dudengrammatik werden Komposita Kompositumals „komplexe Wörter aus wortfähigen unmittelbaren KonstituenteKonstituenteunmittelbarn“ definiert (2016: 675). Mit „unmittelbar wortfähige Konstituente“ ist gemeint, dass die Konstituenten eines Kompositums auch jeweils als selbstständiges Wort vorkommen können (bspw. Haustür – Haus ist „wortfähig“ und Tür auch). Das unterscheidet Komposita von anderen Wortbildungprodukten wie etwa durch Derivation Derivationgebildete Lexeme: Von den Konstituenten von Heiterkeit ist nur heiter wortfähig, -keit hingegen nicht. Komposition ist prinzipiell verschiedenen Wortarten Wortartzugänglich. Das Studienbuch zur Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache von Fleischer/Barz (2007) enthält Teilkapitel zur Komposition auch in Bezug auf VerbVerben (spazierenfahren, kopfstehen, liebäugeln), Adjektive Adjektiv(entscheidungsfreudig, ordnungsliebend, schwerkrank) und Adverben (kurzerhand, hinterher, landauf). Einige der Beispiele lassen bereits erkennen, dass auch Wörter verschiedener Wortarten Konstituenten eines Kompositums sein können. Bspw. setzt sich das Kompositum entscheidungsfreudig aus dem (seinerseits deverbalen) Nomen NomenEntscheidung und dem Adjektiv freudig zusammen. Schwerkrank hingegen ist ein AdjektivkompositumAdjektivkompositum, das aus zwei Adjektiven besteht. Entscheidend für die Klassifikation ist am Ende immer die Wortart des Zweitglieds, also krank in schwerkrank und freudig in entscheidungsfreudig. Das Zweitglied Zweitgliedverhält sich wie ein Adjektiv: Es wird dekliniert Deklinationwie ein Adjektiv und ist die Grundlage dafür, dass das Adjektivkompositum in einer einschlägigen syntaktischen Funktion im Satz vorkommt.
Im Kontext der Auseinandersetzung mit dem Nominalstil konzentrieren wir uns im Folgenden auf SubstantivkompositaSubstantivkompositum. Laut Eisenberg kann der erste Bestandteil substantivisch (Schulheft, Regierungsauftrag), adjektivisch (Falschgeld, Niedrigstpreis) oder verbal sein (Mischehe, Rasierapparat); vereinzelt auch eine Präposition Präposition(Nebenfrau, Durchgang) (2013a: 217). Dabei gilt für alle Substantivkomposita gleichermaßen, dass sie den substantivischen Wortschatz erweitern und zur Verdichtung beitragen. Dennoch sind zweifelsohne für Fragen des Nominalstils die Substantivkomposita mit einem deverbalen Bestandteil besonders interessant. Dabei kann keineswegs nur – wie in den Beispielen Mischehe und Rasierapparat – das Erstglied Erstglieddeverbal sein, sondern es ist auch möglich, dass ein deverbales Nomen Nomendeverbalals Zweitglied Zweitgliedzum Grundwort Grundworteines Kompositums Kompositumwird (Wärmebehandlung, Grammatikalisierungsforschung).
Unabhängig davon, ob ein Verb VerbBestimmungswort Bestimmungswortoder Grundwort eines Substantivkompositums ist, gilt, dass zumindest theoretisch auch Sätze gebildet werden können, in denen das Verb als solches gebraucht wird:
| (18) | Mischehe – Die Ehe ist gemischt Rasierapparat – Ich rasiere mich mit dem Apparat Wärmebehandlung – Der Patient wird mit Wärme behandelt Grammatikalisierungsforschung – Die Linguistin erforscht die Grammatikalisierung |
Den Beispielen können wir entnehmen, dass die Art der Beziehung zwischen dem Verb und dem Substantiv/Nomen auch bei Komposita mit einem deverbalen Glied sehr unterschiedlich sein kann. Besondere Aufmerksamkeit erfahren in diesem Zusammenhang sogenannte RektionskompositaRektionskompositum. Rektionskomposita sind solche Komposita, „deren Zweitglied Zweitgliedein „relationales“ Subtantiv ist, das einer grammatischen Ergänzung Ergänzungbedarf, z. B. -abfahrt, -leser. Als Rektionskomposita lassen Zugabfahrt, Romanleser nur eine Lesart Lesartzu: ‚Abfahrt des/eines Zuges‘, ‚Leser des Romans/von Romanen‘.“ (Fleischer/Barz 2007: 95) Mit anderen Worten: „Die Bedeutungsrelation zwischen den Konstituenten ist daher nicht frei interpretierbar, sondern durch das zugrunde liegende Verb bestimmt.“ (Schlücker 2012: 8) Die RelationRelation zwischen Erst- und Zweitglied „entspricht genau der Relation, die das Verb in einem Satz für die entsprechende Verbergänzung vorsieht“ (Dudengrammatik 2016: 731). Laut Eisenberg ist die „charakteristische Rektionseigenschaft eines transitiven Verbs Verbtransitiv[…] die Bindung des direkten (akkusativischen) ObjektsObjekt.“ (2013a: 221) Er bezieht sich damit auf Beispiele wie Geldwäscher oder Banknotenfälschung. Bei intransitiven Verben Verbintransitivist hingegen eine „Subjektlesung“ (2013a: 222) typisch (Körperstrahlung, Linguistentagung).
Substantivkomposita Substantivkompositummit deverbalen Bestandteilen und dabei insbesondere Rektionskomposita sind für die Beschäftigung mit Nominalstilfragen wichtig und interessant, weil sie eine unmittelbare Vergleichbarkeit eines Kompositums Kompositum(NominalstilNominalstil) mit einer syntaktischen Verbindung aus Verb und Substantiv (VerbalstilVerbalstil) ermöglichen. Das bedeutet aber nicht, dass wir es mit einer freien Wahlmöglichkeit (im Sinne von Abbildung 7) zu tun haben. Das liegt daran, dass Komposita Einheiten des Lexikons sind. D. h., gerade häufig verwendete Komposita speichern wir in unserem mentalen Lexikon Lexikonab und sie sind auch Gegenstand der Lexikographie, also werden sie in Wörterbüchern verzeichnet. Gaeta/Zeldes belegen mit einer Korpusstudie, dass zu einigen besonders häufig gebrauchten Rektionskomposita keine ObjektObjekt-Verbverbindungen in ihrem Korpus auftreten. So kommen bspw. die folgenden Rektionskomposita sehr häufig vor, die äquivalenten Objekt-Verbverbindungen hingegen gar nicht (2012: 211):
| (19) | Krankheitserreger – 5481; Krankheit erregen – 0 Wirtschaftsprüfer – 5347; Wirtschaft prüfen – 0 Handelsvertreter – 3009; Handel vertreten – 0 Automobilhersteller – 2923; Automobile herstellen – 0 Medienvertreter – 2506; Medien vertreten – 0 |
Die Angaben basieren auf der Analyse eines Ausschnitts aus dem deWaC-Korpus (= deutsch: Web as Corpus) mit einem Umfang von 170 Millionen Token. Gaeta/Zeldes schlussfolgern: „Diese [RektionskompositaRektionskompositum] stellen lexikalisierte LexikalisierungAusdrücke dar, die die Verwendung des entsprechenden Syntagmas blockieren oder zumindest sehr markiert erscheinen lassen“ (ebd.). In den konkreten Beispielen ist das auch gut nachvollziehbar: Es handelt sich hier um Handlungen mit einem abstrakten oder unbekannten Agens Agens– Komposita Kompositumbieten sich als deagentivierende Strukturformate hier also sehr gut an.
Die Beispiele aus der Studie von Gaeta/Zeldes können also eindeutig als Lexikonwörter im Sinne von Eichinger eingestuft werden. In seiner Begriffsbestimmung zur Komposition war darüber hinaus von Textwörtern Textwortdie Rede. Was ist damit gemeint? Ein Kompositum kommt sozusagen nicht bereits als Lexikoneinheit Lexikoneinheitauf die Welt: „Die Genese substantivischer Komposita vollzieht sich in unterschiedlichen Bildungsprozessen, gesteuert von unterschiedlichen kommunikativen und kognitiven Bedürfnissen.“ (Fleischer/Barz 2007: 91) Für den Prozess der Bildung von Komposita verwendet man im Allgemeinen den Terminus ‚UniverbierungUniverbierung‘, der „eine morphosyntaktische Transformation [beschreibt], bei der unterschiedliche Phrasen mit oder ohne Bindemittel aus verschiedenen Gründen näher aneinander treten und somit zu einem Wort zusammenwachsen“ (Baché 2012: 27):
| (20) | Acht Stunden währender Arbeitstag → achtstündiger Arbeitstag → Achtstundentag (Fleischer/Barz 2007: 90) |
Fleischer/Barz demonstrieren hier, wie man sich den Prozess der Univerbierung vorstellen kann. Im vorliegenden Fall handelt es sich um die Rekonstruktion eines abgeschlossenen Prozesses, d.h., der Achtstundentag ist inzwischen ein LexikonwortLexikonwort, als solches ist es im Duden Universalwörterbuch verzeichnet. Der Terminus ‚Univerbierung‘ bezeichnet aber nicht nur das Ergebnis einer ZusammenrückungZusammenrückung, sondern auch den Vorgang (Bußmann 2002: 722). Mit einer Fokussierung auf den Vorgang der Zusammenrückung wird die Wortneubildung in den Blick genommen. Man bezeichnet diese als ‚Augenblicksbildung‘ oder auch ‚ad-hoc-Bildung‘. Bußmann definiert diese wie folgt: „Spontane, meist stark kontextgebundene Wortneubildungen zur Bezeichnung von neuen oder bisher nicht benannten Sachverhalten“ (2002: 105). Ad-hoc-BildungAd-hoc-Bildungen sind also Textwörter Textwortim Sinne von Eichinger. Wie man sich eine solche kontextgebundene Wortneubildung vorstellen kann, illustrieren anschaulich die folgenden Rekonstruktionen von Wildgen (1982: 243):
| (21) | Stern (80, S. 60) (1) Herr X „entdeckte rings um das bayrische Atomkraftwerk Ohu zahlreiche Spatzen mit weißen Federn“ (Voraustext) (2) „die weißen Spatzen von Ohu“ (Spalte 3) (3) „die Atomspatzen“ (Textdistanz zu (2): 2 Sätze). Stern (27, S. 144f.) (1) Herr X gibt sich eine Spritze in den Fuß (2) Er schlägt sich mit dem Hammer auf den Fuß (3) Der Fuß schwillt an (4) Herr X fährt ins Krankenhaus (5) Er kassiert 14598 DM Krankenhaustagegeld (H) Herr X hatte sehr hohe Krankenhaustagegeldversicherungen mit mehreren Versicherungsanstalten abgeschlossen. In Zwischentiteln erschienen die Komposita: Hammergeld, Hammermann |
Die Beispiele Atomspatzen, Hammergeld und Hammermann sind Augenblickskomposita Augenblickskompositumgeblieben, sie haben also den Übergang vom Textwort Textwortzum Lexikonwort Lexikonwortnicht vollzogen.
Die Augenblickskomposita könnten deshalb interessant für Nominalstilfragen sein, weil sie eine Möglichkeit bieten, den Prozess eines Übergangs aus einer verbalen in eine nominale Struktur zu betrachten. Besonders gut sichtbar ist das in sogenannten „PhrasenkompositaPhrasenkompositum“ (Baché 2012: 53):
| (22) | Kauf-ohne-Risiko-Garantie Bauen-und-ruhig-schlafen-Finanzierung Das Fasse-dich-kurz-Prinzip Das Verdrängte-Aggressionen-Syndrom |
Die Beispiele lassen erkennen, dass es bei einer spontanen, kontextgebundenen Wortneubildung im Grunde genommen keine Grenzen dafür gibt, was zusammengerückt werden kann. Die Bindestriche können dabei als Kennzeichen der ad-hoc-Bildung verstanden werden. Für Nominalstilfragen sind nicht nur Phrasenkomposita interessant, sondern auch Phrasenderivate (Baché 2012: 57ff.) wie Ausderreihetanzer und Phrasenkonversionen wie Nichtmehrarbeitenkönnense (Baché 2012: 60). Der Übergang zwischen Phrasenkomposita und Phrasenderivaten ist dabei fließend. So wäre etwa ein Aus-der-Reihe-Tänzer ein Phrasenkompositum; wenn man davon ausgeht, dass der Ausderreihetänzer von einem Verb Verbausderreihetanzen abgeleitet ist, müsste man diese Univerbierung Univerbierungals Phrasenderivat Phrasenderivatbetrachten. Eine genaue Abgrenzung ist für unsere Belange aber nicht erforderlich; wichtig ist – und das belegen die Beispiele –, dass durch Ad-hoc-BildungAd-hoc-Bildungen prinzipiell die Möglichkeit gegeben ist, eine verbale Struktur unmittelbar, d. h. im Kommunikationsakt selbst, in eine nominale zu überführen.
Erweiterte Partizipialattribute
Erweiterten Partizipialattributen wird hier ein gesondertes Teilkapitel gewidmet, weil es sich bei erweiterten Partizipialattributen Partizipialattributerweitertum ein spezifisches Mittel der Überführung von Satzinhalten Satzinhaltin eine nominale Struktur handelt: „Jedem erweiterten Attribut liegt sozusagen ein Satz Satzzugrunde.“ (Dang 2004: 5) „Das erweiterte Attribut ist das Ergebnis der EINBETTUNG Einbettungeines Satzes in einen anderen Satz.“ (Weber 1971: 63) Die Beschäftigung mit dem Phänomen geht zurück auf die Studie von Weber (1971) zum erweiterten Adjektiv- und Partizipialattribut im Deutschen. Erweiterte Adjektivattribute Adjektivattributwie mit einer sehr großen Mehrheit (Weber 1971: 9) oder eine um sieben Euro höhere Abgabenlast (Dang 2004: 1) werden im Folgenden aber nicht in die Betrachtung eingeschlossen, da sie weniger interessant für Nominalstilfragen sind. Gegenstand der Betrachtung sind vielmehr erweiterte Partizipialattribute wie
| (23) | die seinen Optimismus begründende Fähigkeit (Weber 1971: 9) das gerade in einer informellen großen Koalition beschlossene Gesundheitspaket (Dang 2004: 1) der im Irrgarten der Liebe herumtaumelnde Kavalier (Lötscher 1990: 14) die sich überraschend schnell zum Kauf des Autos entschließende Familie (Eroms 2000: 277) |
Fett gedruckt ist hier jeweils das Partizipialattribut Partizipialattributmit seinen ErgänzungenErgänzung. In den Beispielen bezieht sich jeweils ein Partizip Partizip(Partizip I in a, c und d; Partizip II in b) wie ein Adjektiv Adjektivals Attribut auf ein SubstantivSubstantiv/NomenNomen. Es wird wie ein Adjektiv dekliniertDeklination; die Ergänzungen hingegen lassen sich durch das zugrunde liegende Verb Verberklären. Einer solchen Nominalgruppe Nominalgruppemit erweitertem Partizipialattribut Partizipialattributerweitertliegt die folgende Grundstruktur zugrunde:
Abb. 11:
Grundstruktur einer Nominalgruppe mit erweitertem Partizipialattribut (Lötscher 1990: 14)
Der Abbildung ist zu entnehmen, dass die Nominalgruppe aus einem ArtikelArtikel, einer Adjektivgruppe Adjektivgruppeund einem nominalen Kern Kernnominalbesteht, wobei die Adjektivgruppe wiederum Erweiterungen und Kern als unmittelbare KonstituenteKonstituenteunmittelbarn enthält. Die Bezeichnungen ‚Adjektivgruppe‘ und ‚adjektivischer Kern‘ beziehen sich auf das adjektivische Verhalten (Deklination). Inwiefern es sich bei im Irrgarten der Liebe herumtaumelnde um eine Adjektivgruppe handelt, warum also davon auszugehen ist, dass im Irrgarten der Liebe eine Erweiterung zum adjektivischen Kern herumtaumelnde ist, kann man am besten nachvollziehen, indem man die Adjektivgruppe in eine verbale Struktur überführt:
| (23c‘) | Der Kavalier taumelt im Irrgarten herum. |
Herumtaumeln ist nun Prädikat Prädikatdes Satzes; im Irrgarten ist lokales AdverbialAdverbial. Das Partizipialattribut Partizipialattributherumtaumelnde in 23c „schleppt“ also quasi ein sich auf das Verb im Satz 23c‘ beziehendes Satzglied Satzgliedmit in die Adjektivgruppe und aufgrund ihrer Einbettung Einbettungauch mit in die Nominalgruppe. Das Subjekt Subjektdes Satzes 23c‘ ist Kern Kernder Nominalgruppe in 23c: „Die attributive AttributBeziehung zwischen dem Partizip Partizipoder AdjektivAdjektiv, das den Kern eines erweiterten Attributs bildet, und dem übergeordneten Substantiv Substantivhat auf der Inhaltsebene dieselbe Funktion wie die Beziehung des Prädikats zu seinem Subjekt.“ (Weber 1971: 63)
Eine genauere Abbildung der Verhältnisse bietet die folgende dependenzgrammatische DependenzgrammatikDarstellung von Beispiel 23d durch Eroms (2000: 277):
Abb. 12:
Dependenzstruktur erweitertes Partizipialattribut (Eroms 2000: 277)
Dieser Darstellung kann man entnehmen, welche Arten von Erweiterungen sich auf das Partizipialattribut Partizipialattributbeziehen. Aus der Perspektive des dem Partizipialattribut entschließende zugrunde liegenden Verbs handelt es sich nur bei der Präpositionalgruppe Präpositionalgruppezum Kauf des Autos um eine Ergänzung Ergänzung(hier gekennzeichnet als präpositionale Ergänzung), denn nur diese Erweiterung ist in der Valenzpotenz Valenzpotenzdes Verbs angelegt (vgl. dazu den Eintrag zum Verb entschließen im Elektronischen Valenzwörterbuch E-VALBU). Überraschend und schnell hingegen sind – valenzgrammatisch Valenzgrammatikgesprochen – AngabenAngabe, d. h., sie sind nicht in der Valenzpotenz des Verbs angelegt. Auch hier kann eine Überführung in eine Satzvariante das Verständnis der Struktur erleichtern:
| (23d‘) | Die Familie entschließt sich überraschend schnell zum Kauf des Autos. |
Es wird nun nachvollziehbar, warum in der Dependenzstrukturdarstellung von Eroms überraschend als modales und schnell als temporales Adverbial Adverbialeingeordnet wird: Es handelt sich dabei um die Satzgliedfunktionen, die überraschend und schnell in der Satzvariante in 23d‘ haben: „Die untergeordneten Erweiterungen haben natürlich keine SatzgliedfunktionSatzgliedfunktion, sie stehen ja in der Stufung wesentlich tiefer. Dennoch entsprechen die Form und Reihenfolge genau den Satzgliedern Satzglieddes einfachen Satzes.“ (Heringer 1989: 313)
In Bezug auf die beiden diskutierten Beispiele lässt sich die Überführung eines Satzinhalts Satzinhaltvon einer verbalen in eine nominale Struktur wie folgt zusammenfassen:
Abb. 13:
Überführung Satz → Nominalgruppe Bsp. 23c
Abb. 14:
Überführung Satz → Nominalgruppe Bsp. 23d
Das Reflexivpronomen Reflexivpronomenbildet in 23d eine weitere Klammer mit dem Partizip Partizip(vgl. Eroms 2000: 277). Da es sich dabei um eine spezielle Eigenschaft bei reflexiven Verben handelt, wurde das in Abbildung 14 nicht gesondert erfasst, weil es hier darum geht, die allgemeinen Prinzipien der Überführung eines Satzinhalts in eine Nominalgruppe mit Partizipialattribut Partizipialattributzu beschreiben. Die beiden Beispielen gemeinsame Grundstruktur kann wie folgt zusammengefasst werden:
1 Kopf Kopfund Kern Kerndes Subjekts Subjektdes Satzes bilden nun die Klammer der Nominalgruppe;
2 Das Prädikat Prädikatdes Satzes (Position 2 im Aussagehauptsatz) wird zum Partizipialattribut Partizipialattributund steht als solches vor dem nominalen KernKernnominal;
3 Die übrigen Satzglieder Satzgliedrücken als Erweiterungen des Partizipialattributs in die Position zwischen Kopf und Partizipialattribut.
Beispiel 23d lässt darüber hinaus erkennen, dass auch eine höhere Anzahl an Erweiterungen in die Struktur mit Partizipialattribut überführt werden kann. Das erhöht die Komplexität Komplexitätder nominalen Struktur (vgl. Kapitel „Nominale Komplexität“).
Was ist nun der Nutzen dieser Operation? Die komprimierte komprimiertNominalgruppe kann als Satzglied Satzgliedeines Trägersatzes fungieren:
| (23c‘‘) | Ich beobachte den im Irrgarten der Liebe herumtaumelnden Kavalier. |
| (23d‘‘) | Die sich überraschend schnell zum Kauf des Autos entschließende Familie musste einen hohen Kredit aufnehmen. |
Die komprimierte Form des Partizipialattributs ermöglicht es, eine Prädikation Prädikationin eine andere einzubetten. Ohne Partizipialattribut Partizipialattributbräuchten wir folglich zwei Sätze (oder einen Satz mit Relativsatz), um den gleichen Inhalt auszudrücken:
| (23c‘‘‘) | Ich beobachte den Kavalier. Er taumelt im Irrgarten der Liebe herum. |
| (23d‘‘‘) | Die Familie entschließt sich überraschend schnell zum Kauf des Autos. Sie musste einen hohen Kredit aufnehmen. |
Erweiterte Partizipialattribute Partizipialattributstellen folglich eine produktive Möglichkeit dafür dar, Satzinhalte Satzinhaltzu verdichten. Auf Möglichkeiten und Grenzen dieses Verfahrens wird im Kapitel „Verbalkomplexe als Partizipialattribute“ ausführlicher eingegangen werden.
NominalstilNominalstil: Begriffsverständnis
Die Ausführungen zu den grammatischen Merkmalen, die laut den zitierten Definitionen kennzeichnend für Nominalstil sind, könnten den Eindruck entstehen lassen, dass Nominalstil quasi als Summe dieser Merkmale zu verstehen ist. Offenbar ist auch davon auszugehen, dass die Merkmale in einer gewissen Häufung auftreten müssen, damit ein Text als nominalstilistisch eingeordnet werden kann. So geht Ziegler davon aus, „dass sich ein Nominalstil in Texten insbesondere auch durch eine Tendenz zur Komplexität Komplexitätin der Verwendung der Nominalphrasen gegenüber einfachen Nominalphrasen ausdrückt“ (2009: 259). Mit anderen Worten: Ein einzelnes nominalstilistisches Phänomen und eine Nominalgruppe allein machen noch keinen Nominalstil. Der Frage des Zusammenhangs von Nominalstil und Komplexität werden wir deshalb ein gesondertes Kapitel widmen.
In diesem Studienbuch verfolgen wir aber keinen quantitativen Ansatz zur näheren Bestimmung von Nominalstil, sondern vielmehr einen qualitativen. Es geht folglich nicht um die Frage, in welcher Anzahl die genannten Merkmale vertreten sein müssen, sondern in welcher Qualität: Welche Arten von Häufungen von Nominalgruppen, Komposita Kompositumund Attributen führen dazu, dass von Nominalstil gesprochen werden kann? Den Ausgangspunkt der Auseinandersetzung mit dieser Frage bildet die folgende Einschätzung aus der Definition von Bußmann:
An die Stelle von selbstständigen oder untergeordneten Sätzen mit einem finiten Verb treten nominale Satzglieder mit einer Nominalisierung als Kern. (Bußmann 2002: 472)
Die folgenden Beispielpaare aus Welkes Ausführungen zu Valenzvererbung Valenzvererbungund Nominalisierung Nominalisierungsollen dies illustrieren:
| (24) | Wallander verhaftet den Dieb. – die Verhaftung des Diebes durch Wallander Wallander freut sich über das Geschenk. – die Freude Wallanders über das Geschenk Wallander fährt nach Stockholm. – die Fahrt Wallanders nach Stockholm Wallander schläft. – der Schlaf Wallanders Wallander beharrt auf seinem Irrtum – das Beharren Wallanders auf seinem Irrtum Wallander verfolgt den Mörder – Wallanders Verfolgung des Mörders (Welke 2011: 250) |
Die Beispielpaare lassen erkennen, dass es nicht nur darum geht, dass Nominalisierungen und Attribute vorhanden sind, sondern es geht darum, dass diese nominalen Phänomene systematisch für die Überführung des Satzinhalts von einem Satz in eine Nominalgruppe genutzt werden: Das nominalisierte Verb Verbnominalisiertist als Kern Kernder Nominalgruppe gleichermaßen Zentrum des grammatischen Geschehens wie das Vollverb Vollverbim Satz. Wir sprechen hier vom Vollverb und nicht wie Bußmann vom finiten Verb, weil nicht die Finitheit Finitheitentscheidend ist, sondern die Fähigkeit des Vollverbs, über seine Valenz ValenzErgänzungen Ergänzungan sich zu binden. Das finite Verb ist im Deutschen auch in vielen Fällen „nur“ ein Hilfsverb Hilfsverb(bspw. im Perfekt Perfektoder im PassivPassiv). Wenn eine solche Satzstruktur Satzstrukturin eine nominale Struktur überführt wird, spielt das finite Verb keine Rolle:
| (25) | Wallander hat den Dieb verhaftet. – Die Verhaftung des Diebes durch Wallander. Der Dieb wurde durch Wallander verhaftet. – Die Verhaftung des Diebes durch Wallander. |
Auch die Attribute haben einen zentralen Stellenwert bei der Überführung des Satzinhalts in eine nominale Struktur: Sie ermöglichen die Überführung der Ergänzungen in die nominale Struktur. Beispielsweise wird das Subjekt SubjektWallander in der Beispielgruppe (24) entweder als postnominales Genitivattribut realisiert (b, c, d, e) oder als pränominales Genitivattribut Genitivattributpränominal(f) oder als Präpositionalattribut Präpositionalattribut(a). Die Überführung der Satzglieder Satzgliedin Attribute folgt bestimmten Prinzipien, die im Kapitel „Nominalstil zwischen verbaler und nominaler Syntax“ näher erläutert werden.
Wichtig ist hier noch der Hinweis darauf, dass nicht nur Sätze mit Vollverben Vollverbin eine nominale Struktur überführt werden können, sondern auch solche mit Kopulaverben und einem Adjektiv als Prädikativ:
| (26) | Wallander ist ängstlich. – die Ängstlichkeit Wallanders Wallander ist wütend über seinen Misserfolg – Wallanders Wut über seinen Misserfolg Wallander ist stolz auf seinen Erfolg – Wallanders Stolz auf seinen Erfolg |
Wie die Beispiele erkennen lassen, ist das prädikative Adjektiv AdjektivprädikativGegenstand der NominalisierungNominalisierung, nicht das KopulaverbKopulaverb. Theoretisch wären zwar auch Komposita Kompositumaus Adjektiv und Kopulaverb wie Ängstlichsein, Wütendsein, Stolzsein möglich; da aber reguläre Muster der Adjektivderivation zur Verfügung stehen (Ängstlichkeit, Wut, Stolz), wird das Kopulaverb für die Überführung des Satzes in eine nominale Struktur nicht benötigt. An das jeweilige Adjektivabstraktum Adjektivabstraktumschließen sich dennoch die als Attribute realisierten Satzglieder der Ausgangssätze an. Dadurch wird deutlich, dass das sogenannte Prädikativ eine herausragende Rolle für die Prädikation Prädikationspielt.
Aus den vorgestellten Überlegungen ergibt sich das folgende Begriffsverständnis von ‚Nominalstil‘:
NominalstilNominalstil
‚Nominalstil‘ wird in diesem Buch als Oberbegriff für diejenigen syntaktischen Phänomene verwendet, die sich unmittelbar oder mittelbar aus einem Übergang von verbalen in nominale Organisationsformen der Realisierung von Satzinhalten Satzinhaltergeben. ‚Nominalstil‘ wird folglich als Komplementärkomplementärbegriff zu ‚VerbalstilVerbalstil‘ verstanden.
Diskurs: Was ist ein Übergang?
Das Duden Universalwörterbuch definiert ‚Übergang‘ als einen „Wechsel zu etw. anderem, Neuem, in ein anderes Stadium“. Ein solcher Wechsel beinhaltet folglich stets ein Vorher und ein Nachher. Die folgenden Vorher-Nachher-Konstellationen sind für den Übergang von verbalen in nominale Organisationsformen zentral:
a) PhylogenetischPhylogenetisch: Vorher-Nachher kann bedeuten, dass sprachhistorisch eine Ausdrucksvariante der anderen folgt. Das ist ganz offensichtlich der Fall; verschiedene sprachhistorische Arbeiten dokumentieren die Abfolge Verbalstil-Nominalstil (bspw. Eggers 1973; 1983, Braun 1993 [erste Auflage 1979], Möslein 1981, Sommerfeldt 1988, von Polenz 1984 und 1999, Admoni 1990, Jürgens 1994). Das heißt aber nicht, dass der Nominalstil den Verbalstil verdrängt oder gar abgelöst hat; vielmehr haben wir es mit einer quantitativen Verschiebung von Ausdruckspräferenzen zu tun. Allerdings führt die quantitative Verschiebung hin zu mehr Nominalstil durchaus auch zu einem qualitativen Ausbau nominalstilistischer Möglichkeiten. Die genannten Studien bieten daher wichtige Anhaltspunkte für die Beschreibung von Nominalstil.
b) Ontogenetisch: Entwicklungen finden immer auch in der Ontogenese Ontogenesedes Einzelnen statt. Da bestimmte Kontextbedingungen dafür verantwortlich sind, dass von nominalstilistischen Wahlmöglichkeiten Gebrauch gemacht wird, ist die Voraussetzung für ein Verbalstil-Nominalstil-Vorher-Nachher in der Ontogenese, dass ein Eintauchen in eine Domäne stattfindet, die Nominalstil begünstigt. Das ist zweifelsohne der Fall beim Erwerb wissenschaftssprachlicher Schreibkompetenz. Die diesbezügliche Studie von Pohl (2007) bietet deshalb auch einen wichtigen Ideengeber für eine Auseinandersetzung mit den Übergängen von Verbalstil zu Nominalstil; zu weiteren Ergebnissen zur Ontogenese des wissenschaftlichen Schreibens sei aber auch auf Steinhoff (2007) und Kaiser (2002) verwiesen.
Im Folgenden wird es nun um die Frage gehen, wie das hier entwickelte Begriffsverständnis von Nominalstil mit den im vorhergehenden Teilkapitel diskutierten grammatischen Phänomenen in Einklang zu bringen ist. ‚Nominalstil‘ wird hier als Ergebnis eines Übergangs von verbalen in nominale Organisationsformen der Realisierung von Satzinhalten Satzinhaltverstanden. Es geht deshalb nun folglich um die Frage, welchen Beitrag die gemeinhin als Nominalstilmerkmale angenommenen grammatischen Phänomene zu diesem Übergang leisten.
Die Diskussion der Beispiele aus Welkes Valenzgrammatik Valenzgrammatikhat gezeigt, dass Nominalisierung Nominalisierungund Attribution Attributionzentrale Bausteine des hier entworfenen Begriffsverständnisses von ‚Nominalstil‘ sind: Mit der Nominalisierung eines Verbs und der sich daraus ergebenden Verwendung des deverbalen Nomens Nomendeverbalals Kern Kerneiner Nominalgruppe Nominalgruppeerfolgt sozusagen die Grundsteinlegung für den Nominalstil. Durch Attribute bietet sich uns die Möglichkeit, nicht nur das Verb Verbselbst in die nominale Domäne Domänenominalzu überführen, sondern auch seine Ergänzungen Ergänzungund Angaben Angabequasi im Schlepptau mitzuführen. Wie wir gesehen haben, ist dies gerade bei Partizipialattributen im besonderen Maße der Fall. Die Beispiele aus Welke enthielten aber weder Komposita Kompositumnoch FunktionsverbgefügeFunktionsverbgefüge. Wie ist also die Rolle dieser Merkmale in Bezug auf das hier verfolgte Nominalstilverständnis zu bewerten?
Funktionsverbgefüge stehen insofern in engem Zusammenhang mit dem Nominalstil, als sie häufig eine deverbale oder deadjektivische Nominalisierung als Kern enthalten. Von Polenz spricht deshalb auch von „NominalisierungsverbgefügenNominalisierungsverbgefüge“ (1987: 170). Van Pottelberge vertritt die Auffassung, dass Funktionsverbgefüge kein Gegenstand der Grammatik sein sollten und ordnet sie als stilistisches Merkmal explizit dem Nominalstil zu (2001: 455).
Funktionsverbgefüge leisten aber m.E. keinen nennenswerten Beitrag zum Nominalstil im hier vertretenen Sinne. Das liegt vor allem daran, dass es sich bei Funktionsverbgefügen um lexikalisierteLexikalisierung, verfestigte Strukturen handelt (Helbig 2006: 172, IdS-Grammatik 1997: 1069). So sind Funktionsverbgefüge in der Grauzone von Grammatik und Lexikon Lexikonanzusiedeln, da sie teilweise als Lexikoneinheiten gespeichert werden können (vgl. das kleine Funktionsverbgefügelexikon von Heine 2008), teilweise aber auch reihenbildend sind und eine gewisse Varianz bei den Funktionsverben zulassen (vgl. bspw. außer/in Betrieb nehmen/setzen; in Verbindung bringen/treten/setzen/stehen, siehe Heine 2008). Als Indizien für die Verfestigung der FVG können die folgenden in der Dudengrammatik aufgeführten Kriterien genannt werden (2016: 426):
Die Artikelwahl liegt beim nominalen Teil des FVGs fest. […]
Der nominale Teil lässt sich nicht frei durch Attribute erweitern.
Das zweite Kriterium ist der entscheidende Grund dafür, dass die Verfestigung der Funktionsverbgefüge Funktionsverbgefügedazu führt, dass sie kein zentrales Merkmal des Nominalstils im Sinne des hier vorgeschlagenen Begriffsverständnisses sein können: Attribute waren ja gerade als zentrale Grundlage für die Überführung von Satzinhalten Satzinhaltin die nominale Domäne Domänenominalbenannt worden, weil sie die Möglichkeit bieten, die im Satz Satzals Satzglieder Satzgliedrealisierten Inhalte im nominalen Bereich zu realisieren. Am Beispiel der Nominalisierung NominalisierungVerbindung und den damit in Frage kommenden Funktionsverbgefügen in Verbindung bleiben/setzen/treten sei dies illustriert. Das elektronische Valenzwörterbuch (E-VALBU) sieht für sechs der sieben Lesarten des Verbs verbinden jeweils drei obligatorische Ergänzungen Ergänzungvor: eine Nominalgruppe im Nominativ Nominativ(SubjektSubjekt), eine Nominalgruppe im Akkusativ Akkusativ(ObjektObjekt) sowie eine Präpositionalgruppe Präpositionalgruppemit der Präposition Präpositionmit (Präpositionalobjekt). Beispiele sind:
| (27) | 1. S93/H20.02315 Der Spiegel, 17.05.1993, Wir verbinden jetzt häufiger das Praktische mit dem Schönen. 2. T10/JAN.02727 die tageszeitung, 21.01.2010, Der 18-jährige Georg interessiert sich vor allem für weit entfernte Sterne und Planeten. Diese Leidenschaft verbindet ihn mit seinem früh verstorbenen Vater. |
Es stehen also potentiell drei Ergänzungen Ergänzungfür eine Überführung in eine nominale Struktur zur Verfügung, vgl. etwa:
| (27) | a‘ Unsere Verbindung des Praktischen mit dem Schönen b‘ Seine Verbindung mit seinem früh verstorbenen Vater durch diese Leidenschaft |
Wie die einzelnen Attribute zu erklären sind, werden wir im Kapitel „Satzbaupläne und Nominalgruppenbaupläne“ ausführlicher diskutieren. Hier kommt es jetzt erst einmal nur darauf an, dass es ein Grundprinzip des Nominalstils ist, dass einer Nominalisierung NominalisierungAttribute zur Realisierung der durch die Valenzpotenz Valenzpotenzgeforderten Ergänzungen zur Verfügung stehen.
Um zu überprüfen, inwiefern von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht wird, habe ich eine kleine Stichprobe im „Deutschen Referenzkorpus“ (DeReKo) untersucht. Die Suche nach dem Verbalabstraktum VerbalabstraktumVerbindung ergab fast eine halbe Million Treffer. Das klingt nach einem enormen Vorkommen des Wortes Verbindung. Beim aktuellen Umfang des DeReKo von 42 Milliarden Wortformen ist das aber nur knapp jedes 90.000ste Wort. Als Grundlage für unsere Diskussion soll die qualitative Durchsicht der ersten 50 Treffer genügen. Von den 50 Treffern sind immerhin 17 Belege für FunktionsverbgefügeFunktionsverbgefüge, davon 13 mit setzen, zwei mit bringen, je ein Treffer mit bleiben und treten:
| (28) | A97/APR.01067 St. Galler Tagblatt, 29.04.1997, Personen, welche Angaben zu den Unfällen machen können, werden gebeten, sich mit der Stadtpolizei, Tel. 224 60 00, in Verbindung zu setzen. A97/APR.00410 St. Galler Tagblatt, 24.04.1997, Kummer: Ich habe immer Wert darauf gelegt, mit den Leuten zu reden und in Verbindung zu bleiben. Das hat sich auch mit der Wahl in den Gemeinderat nicht geändert. A97/APR.01202 St. Galler Tagblatt, 30.04.1997, Es werden dadurch oftmals Arbeitsplätze gesichert, die mit den SBB nicht direkt in Verbindung gebracht werden. A97/APR.00355 St. Galler Tagblatt, 24.04.1997, Schliesslich wurden die betroffenen Oberbürer Laden- und Restaurantbesitzer aufgefordert, bei Problemen künftig direkt mit der Zentrumsleitung Thurhof oder der Polizei in Verbindung zu treten. |
Es bleiben 33 Treffer, in denen Verbindung nicht Kern Kerneines Funktionsverbgefüges ist. Davon haben 17 Treffer je eine als Attribut realisierte ErgänzungErgänzung. Meist handelt es sich dabei um ein PräpositionalattributPräpositionalattribut, es finden sich aber auch zwei Genitivattribute Genitivattribut(Genitivus obiectivusGenitivus obiectivus):
| (29) | A97/APR.01173 St. Galler Tagblatt, 29.04.1997, Grundsätzlich kann sich aber die Liebesgöttin Venus im sinnlichen Stier bestens entfalten, und die Verbindung mit Jupiter stimmt sie gar etwas liebeshungrig. A97/APR.00336 St. Galler Tagblatt, 24.04.1997, Der Stadtrat hat die Bauprojekte Ausbau und Kanalerneuerung Birkenstrasse (Verbindung der Wilen- und Rosenstrasse) mit Gesamtkosten von 315000 Franken genehmigt. |
Die übrigen 16 Treffer enthalten nur das Verbalabstraktum Verbalabstraktumohne Attribut (wobei es häufig um Telefon- oder Internetverbindungen geht) oder ein Attribut, das nicht eine der drei in der Valenzstruktur angelegten Ergänzungen realisiert (bspw. Adjektivattribut Adjektivattributoder AttributsatzAttributsatz).
Dieser kurze Blick in authentisches Belegmaterial ergibt das folgende klare Ergebnis: Keiner der 17 Belege der Verwendung von Verbindung in Funktionsverbgefügen enthält ein Attribut. Die Analyse hat folglich die von der Dudengrammatik festgehaltene Restriktion bestätigt. Daraus können wir schlussfolgern: Funktionsverbgefüge Funktionsverbgefügeverstärken als nominale Äquivalente zu Vollverben Vollverbmöglicherweise den Eindruck eines nominalen Charakters eines Textes. Da die nominalen Bestandteile von Funktionsverbgefügen gemeinsam mit dem Funktionsverb das Prädikat Prädikateines Satzes bilden und sich somit auch in die Satzstruktur Satzstruktureingliedern (vor allem durch die Kongruenz Kongruenzdes finiten Funktionsverbs mit dem Subjekt Subjektdes Satzes), agieren sie im Grunde genommen aber nur als eine Art nominalere Variante des Verbalstils. Insbesondere die Tatsache, dass ihre ggf. deverbalen Kerne Kerndeverbalnicht qua Attribution AttributionErgänzungen Ergänzungan sich binden können, unterscheidet Funktionsverbgefüge fundamental von solchen deverbalen NominalisierungNominalisierungdeverbalen, die hier als Herzstück des Nominalstils verstanden werden.
Die Diskussion abschließend seien zwei Beispiele aus einem Lebensbericht eines Kannengießers aus dem 17. Jahrhundert zitiert (Güntzer 1657: 42v; 78r), die Funktionsverbgefüge enthalten. Es handelt sich um einen Schreiber mit einer sehr guten Erzählkompetenz, aber geringen Schreiberfahrung. Sein Lebensbericht ist folglich kein Text, von dem man eine Neigung zum Nominalstil erwarten würde. Dass Güntzer dennoch auf Funktionsverbgefüge zurückgreift, kann m.E. nur so erklärt werden, dass sie ihm als Lexikoneinheiten resp. strukturelles Varianzformat zur Verfügung stehen:
| (30) | Gab ihme darauff zurr Andwordt: Ich trag meinen Busser undt Gewoehr nicht auff das Gewilt in meiner Wandterschafft, sonder auff die Straßenreiber undt Merdter, dieweill es sonderlich vil in dißem Walt gibet, wie man dan der Zeichen undt Holzheiffen vil sicht, da die reißetn Leidt ermoerdtet sindt worden. Mache also den Merdter die Sell so haiß durch Reden, wie ewiglichen darinen Martter undt Plag werdten leidten undt austehen, wafehrn sie nicht werden Buße thun. Durch die Merdergrub, daß Holterloch, bin ich glicklig durchkomen, wahr froeliges Gemiedt, aber daß unnitzliches Gleiderfich name bey mihr in Hoßen und Wames Qwattire. Mit der Cost hielte ich mich sehr gering, name mit eim groben Stuck Brodts und einem Trunk Regen- oder Bachwaßers verlieb, da zu Zeitten die Wirm und ander Unziffer ihren Dumelplatz hielten. |
Für Funktionsverbgefüge wie Komposita Kompositumgilt gleichermaßen, dass es sich um Phänomene handelt, die im Übergangsbereich von Grammatik und Lexikon Lexikonanzusiedeln sind. Darin unterscheiden sie sich von den Nominalstilphänomenen Nominalisierung Nominalisierungund AttributionAttribution. So spricht in Bezug auf Komposita die teilweise sehr fortgeschrittene Lexikalisierung Lexikalisierungdagegen, dass sie als ein Phänomen des Übergangs von Verbalstil zu Nominalstil betrachtet werden können. Dennoch sind im Teilkapitel zur Komposition auch einige Aspekte diskutiert worden, die Zusammenhänge mit dem Nominalstil nahelegen.
Für eine zusammenfassende Betrachtung der Nominalstilqualitäten von Komposita erscheint es sinnvoll, systematisch den Prozess der Komposition und die daraus hervorgegangenen Komposita zu unterscheiden. Synchron ist der Prozess der Komposition für uns nur dann nachvollziehbar, wenn er für Wortneuschöpfungen genutzt wird. Beobachtbar ist das Phänomen sicherlich am ehesten bei den Ad-hoc-BildungAd-hoc-Bildungen. Ob diese tatsächlich als nominalstilistische Variante zu einem verbalstilistischen Äquivalent betrachtet werden können, sei anhand der im Teilkapitel zu Komposita aufgeführten Beispiele zu Phrasenkomposita Phrasenkompositumdiskutiert:
| (22) | a. Kauf-ohne-Risiko-Garantie b. Bauen-und-ruhig-schlafen-Finanzierung c. Das Fasse-dich-kurz-Prinzip d. Das Verdrängte-Aggressionen-Syndrom |
Zur Erläuterung des diesem Buch zugrunde liegenden Begriffsverständnisses von Nominalstil wurden Beispielpaare von Welke (2011: 250) zitiert (hier: Beispielgruppe 24), in denen Nominalgruppen klar als Produkte einer systematischen Überführung eines Satzinhalts Satzinhaltin die nominale Domäne Domänenominalbetrachtet werden können. Gelingt das in Bezug auf die Beispiele für Ad-hoc-Komposita Kompositumgleichermaßen?
| (22) | a‘. Garantie dafür, dass man etwas ohne Risiko kauft b‘. Finanzierung, die es ermöglicht, dass man ruhig schläft, obwohl man baut c‘. Prinzip „Fasse dich kurz!“ d.‘ Syndrom, das Ergebnis verdrängter Aggressionen ist |
Im Vergleich zur Beispielgruppe (24) fällt auf, dass es kein einheitliches Schema für eine Gegenüberstellung von Satzvarianten und Nominalgruppenvarianten gibt. Außerdem belegen die Reformulierungen einen gewissen Interpretationsbedarf. Die Beispiele belegen ja gerade auch, dass Augenblicksbildungen im Grunde genommen keine Grenzen gesetzt sind: Der Bindestrich kennzeichnet die Intention der ZusammenrückungZusammenrückung; gleichzeitig signalisiert er, dass man mit der Kreation noch keinen Anspruch auf einen potentiellen Lexikoneintrag erhebt. Aber auch die in (21) zitierten Beispiele Atomspatzen, Hammermann, Hammergeld, die die Möglichkeiten der Ad-hoc-Bildung Ad-hoc-Bildungweniger stark ausreizen als die Beispielgruppe (22), illustrieren, dass Ad-hoc-Komposita nicht zwingend als Nominalstilphänomen im Sinne eines Übergangs von Verbalstil in Nominalstil betrachtet werden können: Paraphrasen wären hier etwa durch atomare Verschmutzung mutierte Spatzen oder Mann, der mit einem Hammer Versicherungsgelder erschleicht. Die Paraphrasen lassen erkennen, dass die Kenntnisse des Textes bzw. der Vorgeschichte notwendig sind, um den Zusammenhang zwischen den Kompositionsgliedern zu erklären. Es handelt sich also nicht einfach um einen in ein Kompositum überführten Inhalt, für den eine systematische verbale Ausdrucksalternative bereitsteht.
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