Czytaj książkę: «Loslassen lernen»
Loslassen lernen
Martine Batchelor
Übersetzung Ursula Richard
Über die Autorin
MARTINE BATCHELOR lebte zehn Jahre lang als voll ordinierte Nonne in einem Zen-Kloster.
Sie ist Autorin mehrerer Bücher und international eine renommierte Meditationslehrerin.
Mit ihrem Mann leitet sie weltweit Retreats. Sie leben gemeinsam in Südfrankreich und sind Schirmherren der Buddha-Stiftung.
www.martinebatchelor.org
Der Verlag Mittlerer Weg und die Buddha-Stiftung
Der Verlag Mittlerer Weg ist ein Projekt der Buddha-Stiftung.
Die gemeinnützige und unabhängige Buddha-Stiftung möchte Menschen die zentralen und ursprünglichen Einsichten des Buddhismus und deren praktische Anwendung im Leben in einer verständlichen Form zugänglich machen.
Das Fundament bildet dabei ein säkulares Verständnis des Buddhismus, das ohne kulturhistorisch entstandene Dogmen oder Glaubensinhalte auskommt.
Die Buddha-Stiftung fördert
den Aufbau eines säkular buddhistischen Netzwerks
den Dialog zwischen Buddhismus, Philosophie, Wissenschaft, Kunst und Religionen sowie den Dialog zwischen den verschiedenen buddhistischen Traditionen
Angebote buddhistischer Meditation als Alltagspraxis, insbesondere als Methode zur Entwicklung von Einsicht, Achtsamkeit, Offenheit und zur Bewältigung von Stress im Alltag.
Dazu veranstaltet die Buddhastiftung Symposien, Diskussionen, Retreats, Kurse Meditationsabende und veröffentlicht Inhalte in gedruckter Form und in digitalen Medien.
Die Stiftungsarbeit erfolgt auf ehrenamtlicher Basis.
Die Stiftung ist komplett unabhängig, finanziert sich nur aus Spenden und ist keiner Organisation weder finanziell, organisatorisch oder inhaltlich verpflichtet. Spenden sind steuerlich absetzbar.
www.buddhastiftung.org
Loslassen lernen
Mit buddhistischer Achtsamkeit Gewohnheiten transformieren
Martine Batchelor
Übersetzung Ursula Richard
www.buddhastiftung.org
1. Auflage, 2021
© 2021 Alle Rechte vorbehalten.
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel »Let go« bei Wisdom Publications, Boston, USA.
Dieser Titel erschien zuletzt 2016 im Knaur-Verlag
Vollständige deutsche Neuausgabe 2021
Verlag Mittlerer Weg
© 2021 Martine Batchelor
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2021Verlag Mittlerer Weg
Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
Redaktion: Jochen Weber, Saskia Graf
Umschlaggestaltung: Claudia Tröscher, München
Umschlagabbildung: nn
ISBN 9783754158494
Verlag Mittlerer Weg, Heidelberg
www.buddhastiftung.org
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Muster
Meditation
Greifen und Festhalten
Geistige Gewohnheiten
In Emotionen verloren
Körpersignale
Die Sucht besiegen
Liebe
Mitgefühl
Ethik
Ein kreativer Pfad
Nachwort
Danksagung
Bibliographie
Anmerkungen
Einleitung
Loslassen, was uns festhält. Mit Achtsamkeit aus alten Mustern ausbrechen ist ein Buch über die Umwandlung zwanghafter Gewohnheiten und darüber, wie Meditation diesen Prozess der Veränderung unterstützen kann. Ich bin seit mehr als zwanzig Jahren Meditationslehrerin und habe in Kursen und Retreats Hunderte von Menschen getroffen, und die meisten von ihnen fühlten sich zur buddhistischen Meditationspraxis hingezogen, weil sie sich in irgendeiner Weise blockiert vorkamen oder an irgendeiner Art von Schmerz litten. Sie hofften, die Meditation werde ihnen zu mehr Stabilität und Klarheit verhelfen und sie befähigen, besser mit ihren Schwierigkeiten umzugehen. Betroffen war ich besonders darüber, wie viele Menschen unter bleibenden Verhaltensmustern litten, die ihr gesamtes geistiges, körperliches und emotionales Leben dominierten und denen gegenüber sie sich vollkommen machtlos fühlten. Es inspirierte mich sehr, wie Menschen sich verändert haben, die ihre Gewohnheitsmuster durch die Anwendung verschiedener buddhistischer Meditationsformen besser verstehen und wandeln konnten.
Die in diesem Buch beschriebenen Meditationen entstammen unterschiedlichen buddhistischen Traditionen: Die Achtsamkeitspraxis beschreibe ich als Mittel, den Geist auszurichten, um klarer zu sehen, was in jedem Augenblick geschieht. Sie wird durch die Zenpraxis der meditativen Frage ergänzt. Diese lässt uns tiefer verstehen, was an der Wurzel sich ständig wiederholender Verhaltensweisen liegt und was dieses Verhalten jeweils auslöst. Jedes Kapitel schließt mit einer Übung oder einer geleiteten Meditation ab. Dies gibt Ihnen ein Werkzeug an die Hand, mit negativen Gewohnheiten in einer neuen und kreativen Weise zu arbeiten.
Zu Beginn dieses Buches geht es darum, wie sich Verhaltensmuster durch Lernen und Wiederholung herausbilden. So kann zum Beispiel Angst, ein emotionales Muster, das wir alle kennen, sowohl positive als auch negative Wirkungen hervorrufen. Diese reichen von einem gesunden Überlebensmechanismus bis hin zu blinden Reaktionen, welche die Wirklichkeit der Situation, in der wir uns befinden, verzerren. Das führt mich zu der Frage: Welche Muster müssen wir ändern und welche nicht? Und wenn sie verändert werden sollen, wie können wir das bewerkstelligen? Meditation ist für mich ein positives und konstruktives Muster, das die Kraft hat, unsere schmerzvollen Gewohnheiten zu transformieren. Ein Schlüsselelement buddhistischer Meditation ist Konzentration. Sie hilft, den Geist zu beruhigen und die Macht blinder Reaktionen zu mindern. Ein anderes wesentliches Element ist das Fragen und Erkunden. Es erklärt uns unsere unterschiedlichen Erfahrungen und löst damit die Starre auf, die so oft aus zwanghaftem Verhalten resultiert. Zusammen praktiziert, verschmelzen Konzentration und Erforschung zu einem nichtwertenden Gewahrsein, das uns ermöglicht, in veränderter Weise auf uns und die Welt zu schauen.
Betrachten wir unsere Erfahrungen mit einem solchen Gewahrsein, können wir vielleicht entdecken, dass Greifen all unseren negativen Gewohnheiten zugrunde liegt. Ich zeige die Gefahren »positiven« Greifens auf - wenn wir etwas sehr stark wollen und begehren - und »negativen« Greifens - wenn wir voller Hass und Ablehnung sind. Indem wir uns auf das reduzieren, was wir begehren oder ablehnen, begrenzen beide Formen des Greifens unsere Möglichkeiten, kreativ und frei auf eine Situation zu antworten. Meditation lässt uns erfahren, wie Greifen geschieht, wenn unsere Sinne angeregt sind. Indem wir auf meditative Weise zuhören, können wir lernen, selbst unangenehme Geräusche auf eine ruhige und weite Weise zu hören. Schon das bloße Hören kann der Ausgangspunkt für negatives Greifen (»ich kann den Lärm nicht ertragen«) oder für die Freiheit vom Greifen (»ich kann mit diesem Lärm kreativ umgehen«) sein.
Geistige Gewohnheiten haben die Tendenz zur Wiederholung, sie machen uns flach und zweidimensional. In diesem Buch beleuchte ich einige dieser Gewohnheiten wie das Tagträumen oder Urteilen näher. Ich erforsche auch die inneren Sprachen, in denen wir uns unsere Erfahrungen selbst erzählen, und wie sie unsere Erfahrungen beeinflussen. Gewahrsein hilft zu erkennen, welch großen Einfluss gewohnte Denkmuster auf Gefühle haben. Solche Gewohnheiten prägen die Persönlichkeit und sperren in starre Verhaltensweisen ein. Durch meditatives Fragen können wir eine neue Beziehung zu unseren Gedanken herstellen und so beginnen, unsere Denkweise und dann allmählich auch unser Verhalten zu verändern. Ich beschreibe, wie Dr. Jeffrey Schwartz Meditation benutzt, um im Umgang mit Zwangsstörungen, Obsessive-Compulsive Disorder (OCD), neue Wege aufzuzeigen. Des Weiteren führe ich aus, dass es bei unseren geistigen Gewohnheiten drei Ebenen zu geben scheint, die ich »heftig«, »gewohnheitsmäßig« und »leicht« nenne - und ich stelle drei unterschiedliche Meditationstechniken vor, um mit diesen unterschiedlichen Ebenen von Verhaltensmustern umzugehen.
Der Moment, in dem ein angenehmes oder ein schmerzliches Gefühl sich in eine störende Emotion wandelt, ist der Punkt, an dem meditatives Gewahrsein am wirkungsvollsten ist. So kann zum Beispiel ein einfaches Gefühl von Traurigkeit leicht in einen dunklen und schmerzvollen emotionalen Zustand übergehen, in dem wir uns in einem »Ich-Arme/r«-Syndrom verlieren und davon überzeugt sind, ungeliebt und allein in der Welt dazustehen. Ich gehe auf häufig erfahrene, emotionale Gewohnheiten ein, die mit Wut, Depression, Langeweile, Einsamkeit und Angst verbunden sind. Weiter stelle ich eine Meditationspraxis über Gefühlstönungen (Wohlgefühl, Schmerz, Gleichgültigkeit) vor. Sie ist ein machtvolles Instrument, unsere Gefühle unmittelbarer zu erfahren, sie so zu akzeptieren, wie sie sind, und mit ihnen in einer Weise umzugehen, dass sie nicht zu störenden Emotionen werden. Ich beschreibe die Arbeit von John Teasdale, Mark Williams und Zindel Segal, die die Methode der Achtsamkeitsbasierten Kognitiven Therapie, Mindfulness-Based Cognitive Therapy (MBCT), entwickelt haben, um Rückfällen bei Depressionen vorzubeugen.
Zusätzlich zu unseren geistigen und emotionalen Gewohnheiten, entstehen auch Gewohnheiten körperlicher Art. Oft sind sie das Ergebnis einer ungesunden Beziehung zu unserem Körper; wir ignorieren oder verdrängen vielleicht wichtige Signale unseres Körpers, weil wir es gewohnt sind, uns in Gedanken zu verlieren oder von Gefühlen beherrscht zu sein. Ich stelle eine Praxis der Körper-Achtsamkeit vor, die einen besseren Zugang zu unseren Empfindungen ermöglicht. Ich gehe zudem auf die Arbeit von Dr. Jon Kabat-Zinn ein. Dessen innovative Methode, Achtsamkeitsmeditation zur Stressbewältigung zu verwenden, hat sich als außerordentlich wirkungsvoll erwiesen.
Als Nächstes untersuche ich die Frage, was wir tun können, wenn unsere geistigen, emotionalen und körperlichen Gewohnheiten so starr und machtvoll geworden sind, dass sie zu einem Suchtverhalten geworden sind. Meditation hat sich hier als wertvoller Ansatz erwiesen, um von der Sucht loszukommen. Sie vermittelt die wesentlichen Elemente von Stabilität und Spiritualität. Ich zeige, wie Menschen erfolgreich Meditation mit dem Zwölf-Schritte-Programm verbunden haben (siehe Kapitel 7), und stelle das buddhistische Konzept der Zehn Vollkommenheiten als Leitlinie vor, die Menschen bei der Heilung von der Abhängigkeit unterstützen kann.
Ungute Gewohnheiten können auch unser Potenzial für liebevolle Beziehungen zu anderen Menschen hemmen. Solche zerstörerischen Gewohnheiten können selbst Gefühle für unseren Partner, unsere Kinder, Familie oder Freundinnen und Freunde untergraben. Meditation kann uns befähigen, diese Muster klarer zu sehen, und uns damit zu der Einsicht und dem Mut verhelfen, sie zu verändern. Sie kann uns auch zeigen, dass Annehmen und Vertrauen die Wurzel der Liebe sind. Diese Praxis lässt uns mehr Selbstvertrauen entwickeln.
Das macht uns unabhängiger von anderen und verringert die Angst, die möglicherweise daran hindert, gesunde und vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen. Meditation führt nicht dazu, dass wir unnahbarer und abgeklärter werden, sondern sie spielt auch eine wichtige Rolle im Bereich von Intimität und Sexualität.
Denn unser aller Leben hat eine soziale Dimension. Wir sind allein und gleichzeitig unausweichlich mit anderen Menschen verbunden.
Von daher ist die Frage, wie wir andere Menschen behandeln, von äußerster Wichtigkeit. Ist unser Verhalten von tiefsitzenden egozentrischen Gewohnheiten getrieben? Wie können wir von einer vorwiegend ichbezogenen Beziehung zur Welt zu einer Sichtweise gelangen, die sich zunehmend auf andere ausrichtet? Indem wir uns auf unsere fundamentale Gleichheit besinnen, können wir eine emphatische Identifikation mit anderen spüren, die wir dann in mitfühlendes Handeln auf allen Ebenen transformieren können. Meditation und mitfühlende Ethik führen dazu, auf neue, unbekannte Situationen in kreativer, fürsorglicher Weise zu reagieren, statt blind aus unseren Gewohnheiten heraus zu handeln.
Schließlich untersuche ich, wie wir Meditation in unserem geschäftigen und hektischen Leben praktizieren können. Ich glaube daran, dass wir die negative Kraft unserer unguten Gewohnheiten aufzulösen vermögen, sie transformieren können und dabei unser Potenzial für ein weises, mitfühlendes, kreatives Leben hervorbringen können. Im Zen-Buddhismus werden die »zehn Ochsenbilder«, die Stadien des meditativen Weges, mit der Suche eines Hirten nach dem widerspenstigen Ochsen des Geistes und dessen Zähmung verglichen. Ich interpretiere diese Bilder aus der Perspektive des Verstehens und Zähmens unserer eigenen destruktiven Muster. Auch wenn diese Bilder aus dem alten China stammen, sind sie auch heute noch Wegweiser für eine radikal neue Weise, unser Leben in der heutigen Zeit zu leben.
Muster
Wiederholung und Anpassungsfähigkeit
Einmal habe ich in einem Stück Bernstein eine vier Millionen Jahre alte Ameise entdeckt. Sie sah genauso aus wie jede Ameise in meinem Garten heutzutage. Statt sich an veränderte Umweltbedingungen anpassen zu müssen, sind Ameisen in ihrer äußeren Erscheinung über Millionen Jahre hinweg weitgehend gleich geblieben. Ameisen sind sowohl extrem unverwüstlich als auch anpassungsfähig, und sie konnten von daher für so lange Zeit in fast der gleichen Form überleben.
Alles Lebendige hat sich durch Reproduktion entwickelt. Die Entstehung und die Wandlung des Lebens sind durch konstante Muster in Verbindung mit gelegentlichen Mutationen möglich geworden. Gäbe es keine stabilen, wiederkehrenden Muster und Strukturen, könnte kein Geschöpf in einer konsistenten Form bestehen. Doch gäbe es nur Wiederholung und keine Variationsmöglichkeiten, dann wäre der lebendige Organismus unfähig, sich an Veränderungen anzupassen. Wiederkehrende Muster und Strukturen sichern Stabilität, während zufällige Mutationen die Möglichkeit der Anpassung an neue Umstände ermöglichen.
Wiederholung und Anpassungsfähigkeit sind für das Bestehen und die Entwicklung des Lebens gleichermaßen essenziell.
Robert Wright vertritt in seinem Buch Nonzero: The Logic of Human Destiny die Ansicht, dass sich Kulturen durch die Verbreitung von Informationen und den Ausbau des Handels entwickelt haben. Diese Kooperation beruhte natürlich auch auf Eigennutz. Wright sagt weiter, dass autoritäre Regierungssysteme Wandel oft verhindern wollen. Die Unterdrückung von Wandel aber führt zu Stagnation oder rückläufiger Entwicklung, die letztendlich nur durch Zusammenbruch und Chaos aufgehoben werden können. Ähnlich ist es, wenn wir in starren Verhaltensmustern feststecken und jeglicher Veränderung widerstehen, dann werden auch wir stagnieren oder uns zurückentwickeln.
Doch wir haben die Wahl. Wollen wir Veränderung als Folge eines chaotischen Zusammenbruchs, oder wollen wir verantwortlich und kreativ mit dem Fluss und Wandel unseres eigenen Lebens verbunden sein?
Neurowissenschaftler sagen, dass kreative Problemlösungsstrategien mit der rechten Gehirnhälfte verknüpft sind, während Routinehandlungen mit der linken verknüpft sind. Sowohl Neues als auch Bekanntes sind für unser Lernen essenziell. Lernen beginnt da, wo wir Lösungen für unbekannte Situationen finden; dadurch entstehen Verhaltensmuster, mit denen wir, sobald wir ähnlichen Situationen wiederholt ausgesetzt sind, reagieren. Als Menschen bewegen wir uns ständig zwischen neuem und routiniertem Verhalten. Ein Kind wächst und entwickelt sich dadurch, dass es Verhaltensmuster ausbildet und lernt, wie man isst, läuft, liest oder schreibt. Muster prägen unser Leben. Einige, wie essen, sind für unser Überleben unabdingbar. Andere, wie Auto fahren, sind erlernte Aktivitäten, die unser Leben vereinfachen. Beides sind Fähigkeiten, die wir besitzen oder erworben haben. Doch sie können sich auch in eine jeweils positive oder negative Richtung entwickeln: Sie können bedachtsam essen oder voller Gier. Sie können ein verantwortlicher Autofahrer sein oder eine Gefahr für die anderen Verkehrsteilnehmer darstellen. Welche Verhaltensmuster wollen Sie pflegen? Ist Ihnen bewusst, wie Muster negative Wirkungen nach sich ziehen können? Und wollen Sie etwas dagegen tun?
Angst vor der Dunkelheit
Ich hatte immer schreckliche Angst im Dunkeln. Als ich als buddhistische Nonne in Korea lebte, waren die Lebensumstände sehr einfach, und die Toiletten befanden sich außerhalb des Gebäudes. Ich hatte große Angst davor, nachts rauszumüssen, weil ich die Vorstellung hatte, ein Mann mit einem Messer würde sich von hinten anschleichen und mich angreifen. Eines Winters beschlossen meine Mit-Nonnen und ich, fünf Nächte lang zu meditieren und nicht zu schlafen. Ich war sehr beunruhigt. Wie sollte ich es schaffen, nachts zur Toilette zu gehen? Ich ging also zu meinem Zen-Meister Kusan Sunim und bat ihn um Rat. Er sagte mir, dass ich immer dann, wenn die Angst hochkäme, zum Kern meiner Meditation zurückkehren sollte, und das ist im koreanischen Zen die Frage: »Was ist das?«
Ich dachte, die Frage des Zen-Meisters würde wie eine Art Talisman funktionieren und mich von daher vor jeder Gefahr beschützen. Es funktionierte gut. Meine Angst schwand, wenn ich hinaus zur Toilette ging, und ich überstand diese Nachtsitzungen. Einige Zeit später dämmerte es mir, dass es sich dabei überhaupt nicht um einen Zaubertrick gehandelt hatte. Mein Lehrer hatte mir die Aufmerksamkeit für den gegenwärtigen Augenblick als Geschenk gemacht. Sobald ich auf dem Weg zur Toilette zu meiner Frage »Was ist das?« zurückkehrte, fühlte ich keine Angst mehr, sondern spürte, wie meine Füße den Boden berührten, und realisierte, dass ich mich tief in den Bergen in einem großen koreanischen Kloster befand. Wer sollte überhaupt wissen, dass ich da war, geschweige denn mich mitten in der Nacht angreifen wollen?
Solche Gefühlsmuster haben uns oft im Griff, und wir verstärken sie dann durch vertraute Gedankenmuster. Es ist ganz natürlich, im Dunkeln Angst zu haben. Es ist ein guter Überlebensmechanismus und eine wertvolle Anpassungsstrategie. Weil wir im Dunkeln nicht gut sehen können, ist unser autonomes Nervensystem aktiviert, und wir sind bereit, beim leisesten Anzeichen von Gefahr zu fliehen. Auch heute noch ist dieser Mechanismus für eine Frau, die sich allein in einem ihr unbekannten Stadtteil bewegt, wichtig. Doch im ländlichen Korea war ich des Nachts viel sicherer als am Tage, wenn sich alle möglichen Menschen auf dem Klostergelände aufhielten. Einige Verhaltensmuster sind instinktive Reaktionen, die eigentlich nicht länger sinnvoll sind. Doch wenn Sie uns im Griff haben, erleben wir die Angst und den Stress, die sie auslösen.
Wer verändert sich?
Mein Neffe und meine Großmutter kamen nicht gut miteinander zurecht. Einmal mussten beide für vier Wochen allein im Haus meiner Mutter zubringen, und ich wurde gerufen, um als Friedensstifterin zu wirken. Als ich kam, war der Krieg bereits erklärt, und beide sprachen nicht mehr miteinander. Da meine Großmutter 85 war und mein Neffe 24, dachte ich, dass mein Neffe leichter einlenken könnte als meine Großmutter. Ich nahm ihn beiseite und fragte ihn, was ihn denn so an ihr aufrege. Er sagte, er habe Schwierigkeiten mit der Art und Weise, wie sie die Dinge tue, und selbst wenn sie über etwas sprächen, wären sie nie einer Meinung.
Ich fragte ihn, ob er glaube, es sei realistisch, von unserer Großmutter zu erwarten, sie würde sich ihm zuliebe ändern. Er dachte eine Weile darüber nach und stimmte dann zu, dass Großmutter zu alt und festgefahren sei, um sich zu ändern. Er akzeptierte, dass er nichts anderes tun könne, als sich an sie anzupassen und sich anders zu verhalten. Ein Waffenstillstand wurde erklärt und ein Frieden hergestellt, der für die Dauer von drei Wochen auch zu halten versprach. Und ich konnte leichten Herzens wieder abreisen. Ein paar Monate später hörte ich zufällig, wie mein Neffe meiner Mutter, die gerade Probleme mit der Großmutter hatte, erklärte, dass sie wirklich nicht von ihrer Mutter erwarten könne, ihr Verhalten zu ändern, und dass sie stattdessen selbst flexibler sein solle.
Wenn Menschen übereinstimmende Muster haben, dann neigen sie zu einem harmonischen Miteinander. Sind die Muster nicht kompatibel, kommt es leicht zu Spannung und Streit. Vor allem aus diesem Grund entwickeln sich soziale und kulturelle Strukturen. Im Allgemeinen mögen Menschen es nicht, wenn ihre Muster zerstört werden. Sie haben es lieber, wenn die Dinge in gewohnter Weise vor sich gehen. Damit fühlen sie sich wohl. Doch führt das auch zu der Art von Stagnation und Starre, gegen die jüngere Generationen rebellieren, um ihre eigene Identität zu finden. Trotzdem wird selbst ein rebellischer Teenager einige tradierte elterliche Verhaltensmuster übernehmen, während er auf der anderen Seite neue Gewohnheiten und neue Wege, mit Dingen umzugehen, entwickelt. Mit der Zeit existiert Altes und Neues nebeneinander und bereichert sich sogar. Stabilität und Wandel sind für das Wachstum und die Entwicklung eines Menschen und einer Gesellschaft gleichermaßen notwendig. Und so findet man beim Hinterfragen der eigenen Verhaltensmuster einige, die vollkommen zweckmäßig sind, und andere, die man radikal ändern sollte.
Ich beobachte oft die schmerzvollen Auswirkungen, die durch die negativen Muster eines Menschen verursacht werden, und wünsche ihm so sehr, dass er sieht, was er tut - und sich dann ändert. Der Schmerz, den Menschen sich selbst und anderen bereiten, ist so offenkundig, dass man sich wundert, warum sie dieselben Dinge immer wieder sagen oder tun. Eingefleischte Verhaltensmuster sind nicht so einfach zu überwinden, ungeachtet dessen, wie wohltuend es für den Betreffenden wäre, sein Verhalten zu ändern. Das erste Problem, dem wir uns stellen müssen, ist, dass es sehr schwierig sein kann, eigene Gewohnheiten klar zu erkennen. Einige mögen uns bewusst sein, während wir blind für andere sind, bis uns jemand darauf stößt.
Blind für Gewohnheiten
Als junge Nonne in Korea gehörte es zu meinen Aufgaben, mich um die westlichen Besucher zu kümmern, die gelegentlich unser Kloster aufsuchten, und ihre Fragen zum Buddhismus zu beantworten. Unglücklicherweise war es für mich immer schwierig, mich an die vielen Begrifflichkeiten und Lehrsätze zu erinnern, auf die der Buddhismus oft so stolz ist. Eines Nachmittags versuchte ich die Vier Edlen Wahrheiten zu erklären (und mich an sie zu erinnern!) - die Grundlage der buddhistischen Lehre. Ich war erleichtert, als mir wenigstens die ersten beiden einfielen: die Wahrheit des Leidens und, als dessen Ursprung, die des Begehrens. Doch ich konnte nicht die dritte nennen, obwohl sie mir auf der Zunge lag. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie ein Mönch einen Eimer voller Kaki-Früchte davontrug, die ich am Nachmittag gepflückt hatte. Ich sprang auf, lief zu ihm hin, riss ihm den Eimer aus der Hand und machte ihm unmissverständlich klar, wem die Kaki-Früchte gehörten. Als ich zu unseren Gästen zurückkehrte, fielen mir die letzten beiden edlen Wahrheiten ein: Es kann ein Ende des Begehrens geben, und es gilt den Edlen Achtfachen Pfad zu kultivieren.
Nachdem die Besucher gegangen waren, fragte mich eine Nonne, die in der Nähe gesessen und die ganze Situation beobachtet hatte, ob ich etwas Seltsames bemerkt hätte. »Seltsames?«, sagte ich.
»Ja, in deinem Verhalten«, erwiderte sie.
»In meinem Verhalten?«
»Ja, du wurdest so wütend, als du bemerkt hast, dass der Mönch deinen Eimer mit den Kaki-Früchten davongetragen hat, während du gerade dabei warst, die Vier Edlen Wahrheiten zu erklären. Das war seltsam.«
Erst als sie das so sagte, wurde mir bewusst, was ich getan hatte. Ich hatte gedankenlos und blind auf den »Dieb« »meiner« Kaki-Früchte reagiert.
Ein Verhaltensmuster kann uns so zur Gewohnheit werden, dass wir kaum noch bemerken, zu was es uns treibt. Man fühlt automatisch, denkt automatisch und handelt automatisch. Gefühle, Gedanken und körperliche Empfindungen sind so miteinander verwoben, dass nur schwer zu erkennen ist, welches das automatische Verhalten ausgelöst hat. In solchen Momenten wissen wir vielleicht nur, dass wir uns im Klammergriff eines Verhaltensmusters befinden, das für uns und andere schmerzvolle Folgen hat. Wir verstärken diese Muster oftmals durch unser sich wiederholendes Denken und Fühlen und kommen dadurch zu der Überzeugung, dass wir keine Wahl haben, als so zu sein, wie wir sind. Wie oft denken oder sagen wir, um uns für irgendetwas, das wir getan haben, zu rechtfertigen: »So bin ich einfach. Da kann ich nichts dran machen.« Doch sind wir wirklich so in unseren Gewohnheiten gefangen, wie wir glauben?
Wenn etwas Unerwartetes geschieht, was tun wir dann? Oft sind wir in dem uns vertrauten Drehbuch gefangen und identifizieren uns damit, aber das muss nicht so sein. Kleine Veränderungen können einen interessanten und entscheidenden Unterschied machen.
Vor kurzem verbrachte ich einige Stunden damit, ein Manuskript zu korrigieren, und dann löschte ich versehentlich alle Korrekturen, weil ich einen Befehl meines Computerprogramms falsch verstanden hatte. Das Wort »dumm« kam mir sofort in den Sinn. Doch obwohl ich etwas Dummes getan hatte, hieß das nicht, dass ich mich mit der inneren Stimme in meinem Kopf identifizieren musste, die mir sagte, welch dumme Person ich sei. Solche Dinge passieren aufgrund verschiedener Bedingungen und Ursachen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt Zusammentreffen. Doch es wäre falsch, sich mit auch nur einem dieser Umstände zu identifizieren. Es ist leicht und vielleicht auch verführerisch, sich zu sagen: »Ich bin wirklich dumm.« Doch sobald wir uns mit so etwas wie Dummheit identifizieren, fixieren wir uns auf eine enge und unvollständige Wahrnehmung unserer selbst.
Von Angst gepackt
»Da ist Angst in meinem Kopf« beschreibt eine Erfahrung. »Ich bin ängstlich« ist der Beginn einer Identifikation mit dieser Erfahrung. »Ich bin ein ängstlicher Mensch« verfestigt die Erfahrung. Zu anderen Zeitpunkten benutzen wir diese Sätze dann vielleicht, um eine ähnliche Erfahrung zu beschreiben. Doch jede erfasst eine für sich allein stehende Wahrnehmung, die wir von uns haben und die uns unterschiedlich empfinden lässt. Je öfter wir solche Sätze wiederholen, desto mehr verdrängen wir diese Wahrnehmung und dieses Gefühl.
»Wovor habe ich Angst?«, »Woher kommt die Angst?«, »Wer hat Angst?«. Solange wir uns diese Fragen stellen, erhalten wir uns die Möglichkeit, den Ursprung und die Bedingungen der Angst anzuschauen. Das wiederum lässt uns die Dinge anders wahrnehmen und die Identifikation und Erstarrung damit zu reduzieren. Es wird leichter möglich, mit uns selbst auszukommen, wenn wir weniger starre Ansichten darüber besitzen, wer wir sind. Denn sobald wir davon überzeugt sind, dass wir von Natur aus ein ängstlicher Mensch sind, stecken wir fest. Dann können uns die harmlosesten Dinge ängstigen. Es kommt uns dann so vor, als wäre Angst der natürliche Zustand.
Alle paar Jahre gehe ich nach Südafrika, um Meditation zu lehren. Durch die Bilder und Berichte in den Medien könnte man leicht meinen, dass dies ein sehr gefährliches Land sei. Und tatsächlich ist Südafrika das auch für einige Menschen an einigen Orten. Doch auf all meinen Reisen, die mich durch das ganze Land führten, war ich kein einziges Mal in Gefahr. Dennoch hatte ich in Südafrika große Angst. Warum?
Nach einer Weile erkannte ich, dass das, was mich in Angst versetzte, nicht die Gegenwart irgendeiner realen Gefahr war, sondern die Angst anderer Leute. Wann immer ich mit Südafrikanern zusammen war, die nervös und ängstlich waren, wurde auch ich nervös und ängstlich. Es war ein ansteckendes Gefühl. Doch war ich mit starken, optimistischen Leuten zusammen, die auch gegen die Apartheid gekämpft hatten, dann hatte ich überhaupt keine Angst. Seitdem strebe ich nach einer Furchtlosigkeit, die ich auch an andere weitergeben kann. Welch größeres Geschenk ist möglich, als sich und anderen geistigen Frieden zu geben?
Südafrika ist ein ausgezeichneter Ort, um zu lernen, mit Angst umzugehen. Solange ich keine auffälligen oder teuren Dinge trage oder mit mir herumschleppe und solange ich mich angemessen kleide, kann ich sicher sein, alles Nötige gemäß meinen Überlebensinstinkten getan zu haben. Dann kann ich das Leben genießen, wie es gerade kommt. Bei meinen Besuchen sozialer Projekte in den Townships oder meinen Treffen mit Menschen in ihren kleinen, rauchigen Hütten habe ich viel gelernt und erfahren. Ich treffe sie als Menschen, die ihr eigenes Leben führen, die leiden und sich freuen, so wie ich. Ich habe kein bedrohliches, eindimensionales Bild mehr von ihnen im Kopf. Sie sind einfach Menschen wie ich selbst, die versuchen, ein erfülltes Leben inmitten schwieriger Umstände zu führen.
Manchmal unterrichte ich auch Meditation in einem Männergefängnis in der Nähe von Kapstadt. Die meisten der Insassen, mit denen ich meditiere, sind Mörder oder haben andere Gewaltverbrechen verübt. Aber sie haben meditieren gelernt und praktizieren das sehr fleißig. Die Meditation hilft ihnen, ihre destruktiven Verhaltensmuster klarer zu erkennen und zu verstehen, warum sie da sind, wo sie jetzt sind. Viele von ihnen sehen die Zeit im Gefängnis als Gelegenheit zur persönlichen Veränderung. Sie sind vielleicht im Gefängnis eingesperrt, aber sie müssen nicht das Gefühl zu haben, auch geistig eingesperrt zu sein.
ÜBUNG
Sich der Gewohnheiten bewusst werden
Setzen Sie sich mit Papier und Stift an einen Tisch und versuchen Sie, sich einiger Ihrer Gewohnheiten in einer nichtwertenden Weise bewusst zu werden. Bevor wir unsere Gewohnheiten verändern können, müssen wir sie deutlich, in einer neutralen Weise sehen. Wir sind keine schlechten Menschen, weil wir bestimmte Gewohnheiten haben - wir sind nur Menschen. Manche Gewohnheiten sind schön und nützlich, andere sind schmerzlich und destruktiv. Und die meisten Menschen haben von beiden etwas. Menschen, die uns kennen oder die uns nahestehen, haben uns vielleicht bereits auf einige hingewiesen.
Diese Übung ist eine Einladung, für einige Muster einfach offen und präsent zu sein. Das müssen nicht alle sein. Sie sollen sich nur einiger Muster bewusst werden, sanft, freundlich und, wenn möglich, mit etwas Humor.
Schreiben Sie zwei positive Gewohnheitsmuster von sich auf, zum Beispiel Freundlichkeit und Aufmerksamkeit. Es ist wichtig, dass Sie Ihre positiven Gewohnheiten ebenso sehen wie Ihre negativen Gewohnheiten.
Beschreiben Sie eine negative Gewohnheit, vielleicht eine Tendenz zu Ärger oder Ängstlichkeit. Versuchen Sie, unvoreingenommen und freundlich zu sich selbst zu sein. Versuchen Sie, zu sehen, dass Sie nicht immer aus der Gewohnheit heraus handeln, und dass diese Gewohnheit, wie alle anderen auch, aus bestimmten Bedingungen heraus entsteht.
Wenn Sie in Stille dasitzen, können Sie sich eines gewohnheitsmäßigen Gedankens bewusst werden - eines alltäglichen, häufig wiederkehrenden Gedankens oder einer Geschichte? Werden Sie sich der Gedanken, die sich relativ häufig wiederholen, bewusst. Seien Sie wie ein wissbegieriger Forscher, mit frischem, offenem Geist.
Spüren Sie ein bestimmtes gewohnheitsmäßiges Gefühl im Brustbereich? Fühlen Sie sich normalerweise freudig, friedvoll, traurig, ärgerlich oder ziemlich okay? Selbst gewohnheitsmäßige Gefühle verändern sich, sie kommen und gehen.
Was fühlen Sie im Körper?
Spüren Sie irgendwelche gewohnheitsmäßigen Empfindungen? Erleben Sie inmitten von oder nach bestimmten Situationen regelmäßig eine Art Unbehagen? Wodurch schwindet es wieder? Versuchen Sie nicht, sich mit der Empfindung zu identifizieren oder sie zu verfestigen. Atmen Sie durch sie hindurch.
Beenden Sie die Übung, indem Sie aufstehen und Ihren täglichen Aktivitäten nachgehen. Versuchen Sie während des Tages, die gewohnheitsmäßigen Gedanken, Gefühle und Empfindungen, die Sie erleben, sanft wahrzunehmen. Es ist wichtig, diese Übung als eine objektive, aber freundliche Beobachtung zu verstehen. Sie halten nicht nach einem Übeltäter Ausschau, sondern versuchen, Ihre Lebensumstände kennenzulernen und zu verstehen.
Meditation
Die Vier Großen Bemühungen
Viele der Lehren in diesem Buch stützen sich auf buddhistische Unterweisungen und Traditionen. Der Buddha hat seine Anhänger immer wieder ermutigt, sich in den vier großen Bemühungen zu üben:
negative Geisteszustände, die noch nicht entstanden sind, nicht entstehen zu lassen;
negative Geisteszustände loszulassen, sobald sie entstanden sind;
positive Geisteszustände herbeizuführen, die noch nicht entstanden sind;
positive Geisteszustände aufrechtzuerhalten, sobald sie entstanden sind.
In den Vier Großen Bemühungen wird die Entwicklung und Kultivierung positiver Muster also als ein Mittel verstanden, um negative zu überwinden. Doch obwohl sie einfach sind, sind sie dennoch überhaupt nicht leicht.
Es geht dabei nicht nur darum, das zu verbannen, was negativ ist, und das zu bestätigen, was positiv ist. Der Buddha empfiehlt, dass wir mit der Zeit bewusst die Bedingungen schaffen, die verhindern, dass negative Gedanken und Emotionen überhaupt aufkommen. Er empfiehlt ebenso die Bedingungen, die positive Gedanken und Emotionen entstehen lassen, ganz natürlich zu befördern.
Die buddhistischen Lehren betonen, dass alles im Leben die Konsequenz von Ursache und Wirkung ist, und diese Vier Großen Bemühungen sollen uns dabei helfen, sich die Ursachen und Bedingungen für mehr Frieden, Stabilität, Freude und Offenheit zu erschließen.
Unter der Oberfläche unseres Bewusstseins liegen viele geistige und emotionale Muster, die, wenn bestimmte Bedingungen eintreffen, sehr leicht aktiviert werden und uns in einer destruktiven und sinnlosen Weise agieren lassen. Wenn wir stattdessen konstruktive und positive Reaktionen entwickeln und kultivieren, werden wir entdecken, dass diese nicht nur die Macht der negativen Muster schwächen, sondern auch den Auslösemechanismus außer Kraft setzen, der sie in Gang setzt. Ein Großteil der buddhistischen Meditation besteht aus einer systematischen Entwicklung von positiven Mustern, die es uns ermöglichen, mit den negativen, leidbereitenden Mustern auf kreative Weise umzugehen.
Geistige Sammlung
Die buddhistische Meditation umfasst zwei wesentliche Elemente: die Konzentration oder »Geistige Sammlung« und das Erkunden. Die Geistige Sammlung bezeichnet die Fähigkeit, sich für eine gewisse Zeitspanne auf ein Objekt zu fokussieren. Einige Lehrerinnen und Lehrer raten zu einer vollkommenen Einsgerichtetheit auf ein einziges Objekt. Ich selbst empfehle die Fokussierung auf eine Art von Objekt aus der eigenen Erfahrung, aber mit einem sehr offenen Gewahrsein, um eine stabile und offene Konzentration zu entwickeln.
Konzentration, geistige Sammlung, führt zu Ruhe und Stille von Geist und Körper. Erkunden ist die Fähigkeit des Geistes, klar wahrzunehmen, was geschieht, und eingehend dessen Natur zu betrachten. Das führt zu Einsicht und Weisheit. Es gibt traditionell vier Haltungen der Meditation: Sitzen, Stehen, Gehen und Liegen. Wenn Sie im Sitzen meditieren können, sollten Sie dies in einer aufrechten, entspannten Haltung tun. Sie werden Ihres Körpers gewahr, der auf dem Stuhl sitzt, des Gesäßes auf dem Kissen, der Füße auf dem Boden. Müssen Sie im Liegen meditieren, so legen Sie sich bequem auf Ihren Rücken und werden Sie dann Ihres Körpers gewahr, wie er auf dem Bett oder dem Boden liegt.
Seien Sie sich in diesem Moment bewusst, dass Sie sicher sind, nichts anderes geschieht, Sie atmen und sind lebendig. Konzentrieren Sie sich dann auf den Atem, lassen Sie Ihre Aufmerksamkeit sanft auf dem Rhythmus des Ein- und Ausatmens ruhen. So wirkt der Atem als Anker in den gegenwärtigen Moment. Achten Sie zur gleichen Zeit auf die Geräusche, Empfindungen und Gedanken im Hintergrund Ihres Bewusstseins. Meditation schließt nichts aus. Die Konzentration auf den Atem im Rahmen eines weit offenen Gewahrseins hält Sie im gegenwärtigen Moment und verhindert, dass Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit hierhin und dahin springen und Ihren Geist in alle Richtungen wandern lassen. Im Vordergrund sind Sie auf den Atem fokussiert, im Hintergrund tauchen Dinge auf und verschwinden wieder. Schon bald werden sich Gefühle oder Gedanken, die fesselnder und interessanter scheinen als der Atem, dazwischendrängen und Aufmerksamkeit fordern: etwas, was Ihre Kollegin auf der Arbeit zu Ihnen gesagt oder was sie getan hat, Pläne für den Rest des Tages, Sorgen oder Erinnerungen.
Wir alle verbringen eine Menge Zeit mit solchen Gedanken. Es ist sowohl aufschlussreich als auch erholsam, sie einfach sein zu lassen und ihnen nicht nachzugehen, sondern einfach zum Atem zurückzukehren, sobald sie uns ablenken. Haben Sie sich wieder in Ihren Gedanken verloren oder sind abgelenkt, dann kehren Sie erneut zum Atem zurück. Was könnte wesentlicher und ursprünglicher sein, als mit dem Atem zu sein, der Basis unseres Lebens?
Führen Sie diese Übung regelmäßig durch, dann können Sie Stille, innere Weite und Offenheit entwickeln und kultivieren. Es ist eine einfache, aber wirkungsvolle Übung. Solange Sie auf den Atem ausgerichtet sind, so lange können Sie sich nicht auf Ihre geistigen, emotionalen und körperlichen Muster konzentrieren. Indem Sie immer und immer wieder zum Atem zurückkehren, können Sie die Macht Ihrer Gewohnheiten auflösen. Durch die Konzentration auf den Atem schaffen Sie einen Raum zwischen der Erfahrung und Ihrer Identifikation mit ihr und schwächen dabei den Prozess, der Gewohnheiten überhaupt erst hervorbringt.
In der Meditation fliehen Sie nicht vor Erfahrungen, aber Sie lernen, sich selbst und die Welt in größerer innerer Weite zu erfahren.
Erkunden
Das zweite zentrale Element der Meditation ist das Erkunden. Damit ist die Fähigkeit gemeint, eindringlich das zu befragen, was geschieht. Wie ein Lichtstrahl, der die flüchtige und sich wandelnde Natur der Erfahrung beleuchtet. Ein übliches Muster des menschlichen Geistes ist es, in einer rigiden und starren Sicht auf uns selbst und die Welt zu verharren. Die meditative Erforschung ermöglicht es uns, das, was geschieht, tief und eingehend zu betrachten und seine sich verändernde, bedingte Natur zu erkennen. Wir beginnen zu verstehen, in welchem Ausmaß wir blind für diese Merkmale unserer Existenz sind und stattdessen in emotionalen und geistigen Gewohnheiten gefangen bleiben, die auf der Illusion gründen, dass wir uns niemals ändern. Eines meiner Muster ist, schnell gereizt zu sein und ärgerlich zu reagieren. Meditatives Erkunden hat mir geholfen, diese Gewohnheit direkt zu sehen und zu erfahren, und zwar genau in dem Moment, in dem sie in Körper und Geist stattfindet. Ich erkannte, wie sinnlos es ist, sie sich nur wegzuwünschen, und wie schmerzvoll, sich immer wieder in ärgerlichen Gefühlen zu verlieren.
Einmal hatte ich eine hitzige Auseinandersetzung mit einer Freundin über die Herrichtung einiger Gästezimmer in unserer Gemeinschaft. Da ich noch zu kochen hatte, mussten wir das Gespräch kurz halten. Bei der Essensvorbereitung merkte ich plötzlich, wie wütend ich war, und ich begann das zu untersuchen. Mein Herz hämmerte, und meine Beine und Arme zitterten. Ich erkannte, dass niemand außer mir selbst diese körperlichen Reaktionen verursachte. Ich allein war die Schöpferin dieser leidvollen Erfahrung. Sobald ich das einsah, beruhigte sich mein Körper, und ich entspannte mich. Dann schaute ich auf meine Gedanken, die noch immer in meinem Kopf herumrasten. Ich wiederholte immer und immer wieder: »Ich habe recht. Sie hat unrecht.« Und ich erkannte, dass meine Freundin vielleicht gerade dasselbe dachte. Sobald ich die Absurdität dieses Gedankenmusters sah, löste es sich auf.
Ich brauchte eine ganze Weile, um das alles zu erkennen: Als Erstes musste ich das Muster der Gereiztheit sehen und annehmen. Danach musste ich seine Ursachen und Bedingungen entdecken. Als ich schließlich tief in dieses Muster eintauchte, konnte dessen Macht gebrochen werden. Doch auch wenn wir das Muster nur sehen und annehmen, wird sich schon die Zeit verkürzen, in der es wirksam ist. Wenn wir darüber hinaus seine Ursachen und Bedingungen kennenlernen, werden wir seine Macht weiter schwächen können. Im Lichte des Gewahrseins verstand ich schließlich, wie sinnlos es ist, mich durch solche Sätze in meinem Kopf zu definieren. Inmitten eines Gesprächs ist es oft sehr leicht, sich mit der eigenen Meinung zu identifizieren. Wenn jemand dann diese Meinung in Frage stellt, ist das für uns so, als ob er uns in Frage stellen würde und nicht nur eine Vorstellung in unserem Kopf, die letztlich nicht mehr ist als das Feuern von Neuronen. Wollen wir uns selbst wirklich darauf reduzieren? Wir sind in jedem Augenblick weit mehr als das. Wir neigen dazu, uns mit unseren Ideen zu identifizieren. Doch Ideen sind nur ein kleiner Teil dessen, was unser Gehirn zu denken vermag. Darüber hinaus ändern sie sich wieder und wieder.
Von daher erscheint es viel zu begrenzt, wenn wir uns nur durch eine Vorstellung definieren. Wir können so viele verschiedene haben. Wenn wir uns in eine Idee wie »ich habe recht« einsperren, die zu »ich habe immer recht« führen kann, sind wir nicht offen für die Ideen anderer, deren Ideen unsere eigenen bereichern können.
Annahme
Wenn wir Konzentration und Erkunden zusammen kultivieren, so können wir ein meditatives Gewahrsein entwickeln, das durch Annahme gekennzeichnet ist. Diese Annahme oder Akzeptanz entsteht daraus, dass wir uns selbst in einer stabilen und gleichzeitig offenen Haltung kennenlernen. Wir sehen direkt und aus eigenem Erleben, was ist, und begrüßen es voll und ganz. Diese Annahme führt zu einem kreativen Umgang mit dem, was in uns und um uns herum geschieht. Sie ermöglicht uns, uns neu zu begegnen. Der Raum, die Stille und Offenheit eines solchen Gewahrseins halten uns davon ab, uns nur mit einem einzigen Aspekt unseres Erlebens zu identifizieren. Oft urteilen wir sehr schnell über uns und andere, doch wenn wir uns mit diesen Urteilen identifizieren, verkleinern wir das Feld unseres Gewahrseins und das unseres Handelns. »Ich bin so. Sie sind so.« - Solche Beteuerungen halten uns davon ab, uns auf die Gesamtheit unserer Erfahrung wirklich ganz einzulassen.
Die Konzentration lässt uns Erfahrungen aus einer Beständigkeit heraus direkt betrachten. Das Erkunden zeigt uns die Möglichkeiten, die wir in diesem Augenblick haben. Die Akzeptanz schließlich lässt uns sagen: »Ja, ich sehe, dass ich in einer bestimmten Weise handle, aber woher kommt das? Wie ist diese Handlung, dieses Gefühl, diese Empfindung entstanden? Welche Folgen hat mein Handeln für andere?«
Dieser Prozess hat nichts mit einer Fixierung auf uns selbst zu tun, sondern ist eine Begegnung mit der Gesamtheit unseres Erlebens. Eine Fixierung auf die eigene Person würde beinhalten, alles ausschließlich auf sich selbst zu beziehen. Meditative Annahme aber lässt uns unser Selbst in einem größeren Zusammenhang, der nicht nur durch unsere eigene Existenz und unsere Bedürfnisse definiert ist, erkennen. So werden wir auch mehr an der Existenz anderer und an unserer Wirkung auf sie interessiert sein. Das Gewahrsein und die Annahme, die wir in der Meditation entwickeln, beinhalten nicht nur Gewahrsein und Annahme für uns, sondern auch für andere. Darüber hinaus wird diese Art der Praxis Ihnen helfen, klarer zu sehen und anzunehmen, was gut, geschickt und freundlich in Ihnen ist: Ihre positiven Muster. Damit das Gute in Ihnen lebendig werden kann, müssen Sie es erkennen, fühlen und bestätigen. Der Buddha sagte, dass unsere Gutherzigkeit sich nur dann weiterentwickeln kann, wenn wir sie nähren.
Als Jugendliche hatte ich immer Journalistin werden wollen, doch dachte ich nie daran, Schriftstellerin zu werden, da ich in der Schule stets schlechte Noten im Schreiben und in der Aufsatzgestaltung hatte. Meine Übersetzung der Unterweisungen Zen-Meister Kusan Sunims aber führten zu deren Veröffentlichung und dies dann zur Mitherausgabe eines Buches über Buddhismus und Ökologie. Das mündete wiederum darin, dass ich selbst zu schreiben begann. Wenn ich mich anfänglich mit der Wahrnehmung meiner selbst als schlechter Schreiberin vollkommen identifiziert hätte, dann hätte ich wohl kaum positiv auf die Vorschläge, Bücher herauszugeben und zu schreiben, reagiert.
Wenn Sie sich in ständig wiederkehrenden Mustern verfangen, ist es schwierig, sich zu entwickeln. Denn dann sind Sie davon überzeugt, dass Sie keine Möglichkeit haben, anders zu sein. Doch wenn Sie sich selbst erlauben, anders zu sein, säen Sie damit einen Samen aus, der, wird er kultiviert, zu unerwarteten und bemerkenswerten Entwicklungen führen kann. Ein Samen ist winzig klein, doch eingepflanzt, gewässert und umsorgt, kann ein großer Baum daraus erwachsen. Wird er nicht ausgesät, wird der Samen so bleiben, wie er ist. Das ist der Prozess des Lebens und der Entwicklung.
Sind wir in unserem Geist eng und starr, wird unser Horizont klein. Wir verschließen uns in uns selbst, und niemand und nichts kann uns mehr erreichen. Das ist Selbstversunkenheit, das Gegenteil von Meditation. Wir haben, als wir jung waren und unser Schicksal noch nicht selbst in der Hand hatten, viele Gewohnheitsmuster als Überlebensstrategie entwickelt. Solche Muster - extreme Vorsicht, ständiges Urteilen, Problemen durch Tagträumerei entkommen - haben uns vielleicht einmal sehr dabei geholfen, schwierige Situationen zu überstehen und den Kopf über Wasser zu halten. Als Erwachsene aber brauchen wir diese Schutzmechanismen möglicherweise gar nicht mehr. Wir haben uns jedoch so sehr an sie gewöhnt, dass sie längst zu tiefverwurzelten Gewohnheiten geworden sind.
Eine Freundin von mir hatte eine schreckliche Kindheit. Ihr Weg, damit umzugehen, war der, sich wegzuträumen. Als Erwachsene führt sie nun ein ruhiges und friedliches Leben, doch es ist sehr schwierig für sie, in der Gegenwart zu bleiben, auch wenn diese glücklich ist. Tatsächlich können diese Gewohnheiten im Erwachsenenalter einen gegenteiligen Effekt wie in der Kindheit besitzen. Sie werden zu Hindernissen und kommen uns in die Quere, wenn wir andere Dinge tun wollen. Sie haben negative Folgen, aber wir können nicht damit aufhören. Sie sind uns zu vertraut. Wir haben Angst davor, etwas zu tun, was wir uns niemals zuvor zu tun getraut haben.
Die Kraft des Gewahrseins
Regelmäßige Meditationspraxis ist eine gute Möglichkeit, die Kraft des Gewahrseins zu entwickeln, eine Kraft, die schließlich stärker als die Kraft unserer negativen Gewohnheiten werden kann. Die Kraft des Gewahrseins verleiht die Stärke, die Dinge einmal anders anzupacken, und den Mut, über die gewohnten Begrenzungen hinauszugehen.
Viele Jahre lang habe ich unter einem starken Gefühl der Ablehnung gelitten, wenn jemand mich verletzte. Ich habe dann über Tage nicht mit demjenigen, der mich gekränkt hatte, gesprochen oder ihn nicht angesehen. Eines Tages beobachtete ich die Entstehung dieses Musters. Ich sah deutlich, wie ich mich einem anderen gegenüber verschloss. In diesem Moment war die Kraft des Gewahrseins stark genug, um mich zu stoppen und anders zu reagieren. Mich erschreckte das Unbekannte, in das ich mich dadurch begeben wollte, tief, aber ich entschloss mich, über die Angst hinauszugehen, zu lächeln, mich der anderen Person zuzuwenden und mich nicht vor ihr zu verschließen. Mich überraschte das gute Gefühl im Herzen, das dadurch entstand. Ich fühlte mich so friedlich. Was mich dagegen wirklich schockierte, war die plötzliche Erkenntnis, wie schmerzlich es für Menschen gewesen sein musste, wenn ich sie in der Vergangenheit abgelehnt und zurückgewiesen hatte.
Konzentration und Erkunden zu entwickeln und zu kultivieren lässt Sie Ihre Gewohnheiten deutlicher erkennen. Anfangs bemerken Sie vielleicht erst dann ein Muster, wenn es sich wiederholt. Jemand tut etwas, das Ihnen missfällt - Sie reagieren in gewohnter Weise negativ und werden schnell von der Kraft des Musters überwältigt. Nach dieser negativen Reaktion werden Sie erkennen, dass Sie sich wieder einmal von Ihrem Muster haben einfangen lassen. Aber mit der Zeit werden Sie die Gewohnheit schneller erkennen und sogar Interesse an ihr gewinnen. Es gibt ein Stadium, in dem Sie das Muster nach der Hälfte seines Kreislaufs erkennen, Ihnen kommen die Abläufe dann bekannt vor- doch Sie sind noch nicht imstande, der Kraft Ihrer gewohnheitsmäßigen Gefühle oder Gedanken etwas entgegenzusetzen. Das ist das schwierigste Stadium. Sie wissen, wie negativ und ungeschickt es ist, sich in dieser Weise zu verhalten, aber Sie können es nicht ändern. Mit der Zeit wird die Dauer und Intensität dieser Gewohnheit abnehmen, einfach, weil Sie ihrer gewahr sind.
Meditatives Erkunden hilft, die Worte, Gefühle oder Bedingungen zu erkennen, die unsere Gewohnheiten auslösen. Diese klare, fokussierte Aufmerksamkeit ermöglicht es, diese Gewohnheiten bereits am Beginn des Kreislaufs zu erkennen und zu stoppen. Wir erinnern uns an die Vier Großen Bemühungen und denken darüber nach. Wir kommen in diesem Moment zurück zu unserem Atem und Körper. Wir untersuchen die Situation und versuchen, uns für die Beteiligten zu öffnen. Danach können wir nach Möglichkeiten Ausschau halten, wie wir von unseren automatischen Reaktionen Abstand nehmen können. Vielleicht machen wir einen Spaziergang, rufen jemanden an, lesen, schreiben oder tanzen. Das schwächt die Kraft des Auslösers, der die Gewohnheit in Gang setzt, und wir betreten den Pfad zur Freiheit. Schließlich werden wir das Muster erkennen können, noch bevor es entsteht, und wir finden die Freiheit, eine andere Richtung zu wählen. Dann öffnet sich unser Herz, und unser Geist klärt sich. Was wir nicht zu hoffen gewagt haben, ist möglich geworden.
ÜBUNG
Atemmeditation
Sitzen Sie in entspannter Haltung mit aufrechtem Rücken auf einem Stuhl oder einem Kissen am Boden, halten Sie Ihre Augen halb geöffnet, fixieren Sie aber nichts.
Wie fühlt es sich an zu atmen? Versuchen Sie, Ihren Atem bewusst wahrzunehmen.
Lassen Sie ihre Aufmerksamkeit ruhig auf Ihrem Ein- und Ausatmen ruhen.
Spüren Sie, dass der einströmende Atem etwas kühler ist. Spüren Sie, dass der ausströmende Atem etwas wärmer ist. Warten Sie, dass der Atem fließt, und folgen Sie ihm, wenn er kommt und geht.
Kommen gewohnte Gedanken über Pläne für den Tag in Ihnen hoch, dann kehren Sie sanft, aber beharrlich wieder zum Atem zurück. Erinnern Sie sich daran, dass Sie in diesem Augenblick bewusst und wach sein wollen.
Kommen gewohnte, ungute Gefühle hoch, lassen Sie sie einfach durch sich hindurchziehen, während Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit beim Atem verweilen.
Spüren Sie eine Spannung, einen Schmerz im Rücken, so versuchen Sie, dies offen wahrzunehmen, ohne sich damit zu identifizieren. Bemerken Sie, wie der Schmerz kommt und geht, während Sie auf den Atem fokussiert sind.
Wann immer Sie zum Atem zurückkehren, kehren Sie zum vollen Gewahrsein dieses Augenblicks zurück.
Eins mit dem Atem zu sein bedeutet, eins mit dem Leben und der Welt zu sein.
Öffnen Sie am Ende der Meditation wieder vollständig Ihre Augen und spüren Sie Ihren aufgerichteten Körper.
Stehen Sie dann bewusst auf, und versuchen Sie das Gewahrsein, das Sie während der Meditation entwickelt haben, in jede Aktivität und in jede zwischenmenschliche Begegnung an diesem Tag mitzunehmen.
Greifen und Festhalten
Nicht-Denken bedeutet, alles mit einem Geist zu sehen und zu kennen, der frei davon ist, nach etwas zu greifen. Wenn Nicht-Denken geschieht, durchdringt es alles und bleibt doch nirgends haften.
DER SECHSTE PATRIARCH HUINENG
Anhaften oder nicht anhaften?
Greifen und Festhalten ist ein ursprüngliches, primitives Muster. Wir haben oft das Gefühl, dass die Welt irgendwie klebrig ist, oder dass wir es sind, und dass die Dinge an uns hängen bleiben. Jedes Mal, wenn wir durch unsere Sinne in Kontakt mit einem Objekt kommen - einem visuellen Objekt, Geräuschen, Gerüchen, Geschmäcken, Empfindungen oder Gedanken -, dann hat das Muster des Greifens und Festhaltens die Gelegenheit, sich zu manifestieren. Sobald wir zum Beispiel etwas betrachten, identifizieren wir uns damit: »Ich« sehe eine Blume, wird schnell zu »ich« mag diese Blume, »ich« will diese Blume für »mich«. Wir sagen nicht innerlich: »Da ist eine Blume, die Blume existiert, oder die Blume wird wahrgenommen.« Wenn »ich« einen Gedanken habe, sage ich weder zu mir: »Da ist ein Gedanke«, noch erfahre ich es so. Stattdessen ist es sofort »mein« phantastischer Gedanke oder »mein« schrecklicher Gedanke. Ein Problem wird sofort »mein« Problem und das einzige, was in diesem Augenblick in meinem Leben existiert.
Wenn wir nicht mehr greifen und festhalten, dann kann unsere Erfahrung weiter werden, und wir können uns auf die Welt in einer offenen Weise einlassen. Auf diese Weise reinigen wir unseren Geist. Diese Reinigung hat nichts damit zu tun, perfekt oder heilig zu werden, noch nicht einmal damit, alle Unreinheiten loszuwerden. Diese Art der Reinigung bedeutet, mit der Welt in Kontakt zu sein, ohne festzuhalten, sie bedeutet, Ereignissen und Bedingungen zu begegnen, ohne an ihnen zu haften oder von ihnen gestört zu werden.
Durch Identifikation mit dem, was wir wahrnehmen und erfahren, verfestigen wir uns und das Objekt der Wahrnehmung. Dadurch reduzieren wir uns auf das, nach dem wir greifen. Indem wir uns auf das reduzieren, nach dem wir greifen, messen wir dem Objekt eine größere Bedeutung bei als nötig, und dann kleben wir wirklich fest. Wir fühlen uns gelähmt und unfrei. Der Gedanke besitzt mich, anstatt dass ich einen Gedanken habe.
Durch solches Tun und Denken vergrößern wir die Macht eines Gedankens ungemein.
Dieser Mechanismus wird auch an folgendem Beispiel gut deutlich. Ich besitze eine kleine goldene koreanische Schale, die mir sehr viel bedeutet. Weil sie mir gehört und kostbar ist, halte ich sie fest. Körperlich halte ich sie in meiner Hand, ich umschließe sie mit meiner Faust. Wenn ich das eine Zeitlang mache, werde ich einen Krampf im Arm bekommen. Darüber hinaus kann ich meine Hand für nichts anderes benutzen, was bedeutet, dass ich an dem festklebe, was ich festhalte. Die Lösung für dieses Muster des Greifens und Festhaltens liegt natürlich nicht darin, die greifende Hand oder das festgehaltene Objekt loszuwerden. Das wäre zu drastisch. Das Objekt hat nicht danach verlangt, festgehalten zu werden, selbst wenn es durch Werbung und Aufmachung ungemein verführerisch gemacht wurde. Meditation kann mir dabei helfen, die Hand sanft zu öffnen: Das Objekt kann dann in meiner Hand ruhen; darin liegt die Möglichkeit von Bewegung und Freiheit.
Negatives Greifen
Wir greifen auf zweierlei Weise: durch Wollen und durch Zurückweisen. Wenn wir etwas ablehnen und zurückweisen, dann greifen wir danach mit umgekehrtem Vorzeichen, und derselbe Prozess der Identifikation, Verfestigung, Isolation, Begrenzung und des Aufbauschens vollzieht sich. Erinnern Sie sich daran, als Sie das letzte Mal jemanden gehasst haben. Sie konnten es nicht ertragen, diesen Menschen zu sehen. Begegneten Sie ihm zufällig, so fielen Ihnen sofort all seine Fehler auf, und er ging Ihnen ständig im Kopf herum. Wenn wir ablehnend greifen, dann klammern wir uns eng an das Objekt oder den Menschen und wenden dabei viel Energie auf. Dieser Mechanismus ist der Grund für einiges an Anspannung und Erschöpfung in unserem Leben.
Vor einigen Jahren nahm ich in einem neuen Meditationszentrum in den USA an einem einmonatigen Retreat teil. Wie es dabei üblich ist, musste ich täglich eine Stunde lang arbeiten. Da ich gern Gemüse schneide, entschied ich mich dafür, um acht Uhr morgens zu arbeiten und das Gemüse für das Mittagessen, unsere tägliche Hauptmahlzeit, vorzubereiten. Es gab dreißig Retreat-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer, so dass eine Menge Gemüse zu schneiden war.
Ich habe einen schwachen Magen und kann überhaupt keine Paprika essen - doch unsere Köche schienen eine große Vorliebe gerade für dieses Gemüse zu haben, und so wurde ich jeden Tag von dem Anblick eines neuen Berges von Paprikaschoten begrüßt. Ich wusste dann auch, dass es mindestens ein Hauptgericht gab, das ich nicht würde essen können. Da sich das täglich wiederholte, hatte ich ausreichend Gelegenheit, mich aufzuregen. Ich bemerkte, dass ich die Wahl hatte, nach den Paprikaschoten zu greifen oder nicht, sie als Hindernis für meine Meditation zu identifizieren oder nicht.
Eines Nachmittags beobachtete ich, wie die Wolken am Himmel dahinzogen. Da erkannte ich, dass die Paprikaschoten für mich wie die Wolken am Himmel sein könnten. Ich könnte ihrem Anblick in ebenso offener Weise begegnen wie den Wolken. Die geistige Sammlung ermöglichte es mir, eine innere Weite zu finden, wenn ich mit den Paprikaschoten in Kontakt kam, und das Erkunden half mir, die negativen Konsequenzen zu erkennen, die mein Greifen hatte. So konnte ich mit ihnen in leichterer Weise umgehen.
Als ich aus Korea zurück in Europa war und dann in England in einer buddhistischen Gemeinschaft lebte, war ich dort zehn Jahre lang für die Reinigung des Hauses zuständig.
Zu den gefürchtetsten Momenten gehörte für mich das Reinigen der Bäder, speziell der Toiletten: Was würde ich in der Toilettenschüssel vorfinden? Wenn dort noch Reste waren, wandte ich mich in großem Ekel ab und spülte sie schnell hinunter. Eines Tages, während eines gemeinschaftlichen Meditations-Retreats, begann ich wie üblich meinen Putzjob. Ich kam ins Bad, war sehr ruhig, hob den Toilettendeckel und sah einen großen, braunen Haufen in der Schüssel liegen. Diesmal regte ich mich nicht auf. Ich nahm ihn sorgfältig mit Interesse und Unvoreingenommenheit wahr und sah, dass er nur Materie war - nicht mehr und nicht weniger. Ich spülte ihn hinunter, da es mein Job war, ihn wegzuschaffen.
In diesem Moment gab es keinen Aufruhr in mir - nur Klarheit und Offenheit. Es gab auch keine Übertreibung. Die Meditation hatte in mir die innere Weite geschaffen, aus der heraus ich die Dinge anders sehen konnte.
Das Problem haben wir nicht mit einer Sache als solcher, sondern mit deren Übertreibung als etwas Schreckliches.
Das konnte ich ebenfalls ganz deutlich sehen, als meine Großmutter krank und inkontinent war. Ich kümmerte mich einige Tage allein um sie, und eines Morgens hatte sie auf dem Teppich in ihrem Schlafzimmer überall kleine Häufchen hinterlassen. Als ich ins Zimmer kam, um ihr aufzuhelfen, sah ich diese nicht, trat hinein und verteilte alles überall hin, bis ich schließlich merkte, was sie getan hatte und was ich. Für einen Moment fühlte ich mich wie gelähmt und spürte den gewohnten inneren Aufruhr an Panik, Wut und Hilflosigkeit angesichts einer unerwarteten und schwierigen Situation. Doch ich erkannte, dass er unnötig war. Ich brauchte ihn nicht, und er würde mir auch nicht helfen, besser mit der Situation umzugehen. Im Gegenteil, er würde alle Weisheit und alles Mitgefühl abtöten.
Ich maß dem, was ich da vor mir sah, keine zu große Bedeutung bei, sondern entschied mich, die Situation so zu bewältigen, wie sie war. Ich erkannte, dass man sogar mit einer solchen Situation geschickt und mitfühlend umgehen kann. Es war nur notwendig, eins nach dem anderen zu erledigen - zuerst die Großmutter waschen, dann das Schlafzimmer putzen, danach das Esszimmer und zum Schluss die Küche. Ich war überrascht, dass ich all das in einer Stunde geschafft hatte, ohne mich abzuhetzen. Wenn ich nicht festhielt und nicht übertrieb, dann konnte ich, so meine Erfahrung in dieser Situation, effizienter und entspannter sein.
Der Welt der Sinne begegnen
Unsere Begegnung mit der Welt geschieht auf mehreren Ebenen: Wir sehen eine Blume, wir erkennen sie als eine Blume, wir sehen ihre Farbe, wir fühlen ihre Blütenblätter, und wir können ihren Duft riechen.
Doch können wir, wenn wir etwas sehen, es wirklich sehen, ihm auf eine nicht festhaltende, nicht übertreibende Weise begegnen? Wenn wir uns mit dem Gesehenen in irgendeiner Weise identifizieren, ergibt sich daraus der Prozess des Greifens und Festhaltens - gefolgt von Abgrenzung, Beschränkung, Aufbauschen und Übertreiben.
Wenn ich in einem Schaufenster ein schickes, aber teures Kleid sehe, sehe ich es dann als Kleid, das total »in« ist und das »ich« unbedingt haben muss, um mich besser zu fühlen und meine Freundinnen zu beeindrucken? Oder sehe ich es als schickes, farbenfrohes, gut geschnittenes Kleid, das ich anprobieren könnte, wenn ich das nötige Geld und die Zeit dazu habe? Im ersten Fall werden sich viele Gedanken und Gefühle um dieses Kleid ranken. Im anderen Fall wird mehr Leichtigkeit und Offenheit vorhanden sein, da wir dem Objekt nicht so besessen begegnen. Unsere Identität hängt schließlich nicht davon ab, ob wir es kaufen und besitzen.
Als Zen-Nonne besuchte ich regelmäßig zwei koreanische Zen-Meister. Bemerkenswert an ihnen war für mich, dass sie nie angespannt wirkten. Ich nahm eine große innere Weite an ihnen wahr. Oft kam ich mit etwas zu ihnen, das mich belastete, doch es verflüchtigte sich während meines Besuchs. Ihre innere Weite und Offenheit, ihr »Nicht-Festhalten« schienen ansteckend zu sein. Uns kann es auch so gehen, wenn wir nach nichts greifen und unser Herz offen ist. Wir können dann dem Augenblick kreativ begegnen und uns ganz auf ihn einlassen.
Sehen
Im Jahr 2004 kehrte ich nach vielen Jahren wieder einmal nach Korea zurück. Alles hatte sich verändert, Hochhäuser waren überall aus dem Boden geschossen, selbst auf dem Gelände eines kleinen Tempels in einem Außenbezirk von Seoul, der einem befreundeten Mönch gehörte. Dieser Tempel hatte sich einmal in ländlicher Umgebung, inmitten von Hügeln und Kiefernwäldern, befunden. Im Hintergrund waren zwar immer noch die grünen Hügel zu sehen, doch vorne blickte man nun auf hohe Gebäude, die zehnmal höher als der Tempel waren. Ich wunderte mich, wie mein Freund dort leben konnte. Doch es wäre natürlich sinnlos und schmerzlich, diese Hochhäuser zu hassen, weil sie dort nicht mehr verschwinden werden. Mein Freund sieht sie stattdessen als das, was sie sind, groß und hoch mit einer Menge von Menschen darin, die eine Wohnung brauchen und ebenfalls die Buddha-Natur, das Potenzial des Erwachens, besitzen.
Meditation ermöglicht es, hinter die einfache, unmittelbare Erscheinung der Dinge, auf die Bedingungen ihres Entstehens zu schauen. Dadurch wird unser Kontakt mit der Welt reicher und vielfältiger.
Während eines Retreats in Massachusetts unternahm ich jeden Tag auf den verschneiten Pfaden lange meditative Spaziergänge. Im Wald wuchsen hier und da Birken. Ich liebe diese Bäume, sie sind so hochgewachsen, aufrecht und weiß. Ich schaute sie mir an, wie sie im Schnee standen. Für eine Weile kommunizierte ich mit ihrer Schönheit, ohne dass dies in meinem Geist etwas in Bewegung setzte, doch dann begann ich, festzuhalten und es ausufern zu lassen. »Hmm, ich mag diese Bäume einfach. Es wäre schön, sie in meinem Garten zu haben. Der müsste eigentlich groß genug dafür sein. Wo kann ich solche Bäume herbekommen? Vielleicht gibt es sie in dem Gartencenter in der Nähe von Bordeaux?« - Zu diesem Zeitpunkt war ich schon nicht mehr bei den Bäumen, ich war in Frankreich, in der Zukunft.
Ich will damit keineswegs sagen, dass wir Schönheit nicht wahrnehmen und wertschätzen sollten, sondern dass Wahrnehmung und Wertschätzung verschwinden, sobald wir greifen, festhalten und planen, denn das Greifen, Festhalten und Planen entfernt uns von der eigentlichen Erfahrung.
Was wir in Bezug auf sichtbare Dinge oftmals tun, ist, visuell nach etwas zu greifen, was gar nicht da ist. Das ist besonders schädlich: Im Jahr 2000 zogen mein Mann und ich von England nach Frankreich. Unser neues Haus musste renoviert werden. Im Dachgeschoss richteten wir das Büro meines Mannes und einen kleinen Meditationsraum ein, aber wir benötigten eine Treppe, um in diese Räume zu gelangen. Ich hatte die Vision von einer wunderschönen Holztreppe. Es war jedoch schwierig, einen guten Zimmermann zu finden, und in unserer Verzweiflung fragten wir den einzigen, den wir finden konnten. So bekamen wir nicht die erträumte Treppe, sondern eine sehr funktionale aus Kiefern mit steilen Stufen.
Wann immer ich sie benutzte, hatte ich ein zwiespältiges und eher widerwilliges Gefühl, bis ich dem Aufmerksamkeit schenkte. Ich bemerkte, dass ich jedes Mal, wenn ich sie sah, - de facto zwei Treppen nah beieinander sah - die eine, die da war, und die andere, erträumte, die nicht da war. Ich begegnete der vorhandenen Treppe nicht, wie sie war, sondern wie sie hätte sein sollen. Die Enttäuschung war also vollkommen selbstgeschaffen und unnötig. Sobald ich nun erkannte, dass ich nach etwas griff und an etwas festhielt, was nicht da war, konnte ich loslassen und friedlich die bescheidene Treppe hinaufsteigen. Sie erfüllte ihre Aufgabe immerhin gut.
Nehmen Sie wahr, wenn Sie nach etwas greifen oder etwas festhalten wollen, das nicht da ist. Gehen Sie vielleicht auch mit einer doppelten Sicht auf die Dinge umher? Es ist schmerzlich, so zu leben, denn es schafft in Ihrem Leben ein unterschwelliges Gefühl der Enttäuschung.
Eines der Dinge, an denen wir vielleicht festhalten, ist unser Aussehen. Wir haben meist eine bestimmte Vorstellung davon, wie wir aussehen, und sind dann beim Blick in den Spiegel ganz überrascht, feststellen zu müssen, dass das Spiegelbild nicht mit unserem vorgestellten Bild übereinstimmt. Es kann sogar gefährlich sein, an einem solchen vorgestellten Bild festzuhalten. Magersucht scheint von einer extremen Form des Festhaltens an dieser Sicht herzurühren. Die magersüchtige Person hat eine falsche, verzerrte Körperwahrnehmung. Das, was sie im Spiegel sieht, entspricht nicht dem Bild in ihrem Kopf. Um diese beiden Körperbilder in Übereinstimmung zu bringen, hungert sie. Dies ist sicher ein extremes Beispiel, doch viele von uns erleben Varianten einer solchen verzerrten Körperwahrnehmung.
Lauschen
Einer der permanenten Stressfaktoren des modernen Lebens ist Lärm: Umgebungslärm, Straßenlärm, Lärm von anderen Menschen.
Als wir nach Frankreich zogen, gab es im Garten einen großen Betonbrunnen, den wir entfernen lassen wollten, doch die Wände waren extrem dick, und so musste ein Arbeiter sie mit einem Presslufthammer aufbrechen. Es war ein wunderschöner Tag, als der Arbeiter kam, und ich wollte im Garten arbeiten, ganz in seiner Nähe. Doch der Lärm war so durchdringend, dass ich mich entschied, mit meditativem Lauschen zu experimentieren.
Bei dieser Meditation lauscht man den Geräuschen, ohne sie zu analysieren, sie zu benennen, nach ihnen zu greifen oder sie zurückzuweisen. Man folgt dabei nicht den Geräuschen, sondern lässt sie zu sich vordringen. Sobald sie aufkommen, fokussiert man sich mit einem weit offenen Gewahrsein darauf.
Diese Meditation habe ich in meinem Garten praktiziert. Als ich die Blumenzwiebeln eingrub, versenkte ich mich in die Geräusche des Presslufthammers. Es war ein allumfassendes Geräusch, aber es war nicht nur ein Geräusch. Als ich dem wirklich Aufmerksamkeit schenkte und intensiv lauschte, konnte ich hören, wie diese Geräusche sich fortwährend veränderten. Ich bemerkte, dass ich mehr Gelegenheiten hatte, mich gestört zu fühlen und an dem ohrenbetäubenden Lärm festzuhalten, wenn ich mich von ihm abwandte und meine Blumenzwiebeln setzen wollte. Kehrte ich wieder zu ihnen zurück und versenkte mich in die Geräusche, ging es mir gut. Die fokussierte Aufmerksamkeit ermöglichte mir, den Lärm in großer innerer Weite zu erfahren. Doch sobald ich eine Trennung zwischen mir und den Geräuschen schuf und mich von ihnen abgesondert fühlte, entstanden Bewertungen und Abneigung. Ich konnte ganz deutlich sehen, dass ich eine Wahl hatte - Raum innerhalb des Lauschens zu schaffen oder mich und die Geräusche als zwei getrennte Dinge zu verstehen und zu fixieren, wodurch Enge und Anspannung entstanden.
Einmal unterwies ich eine Gruppe in Meditation, als ein Nachbar plötzlich bei lauter Rockmusik den Rasen zu mähen begann. Ich lud die Menschen zum meditativen Lauschen ein. Am Ende des Tages sagten mir einige, dass sie sich durch den Lärm furchtbar gestört gefühlt hätten, während andere erzählten, dass sie sich sehr offen und weit gefühlt hätten, nachdem sie sich für die Geräusche geöffnet hätten. Die Geräusche waren für alle die gleichen gewesen, ihre Haltung zu den Geräuschen aber machte den Unterschied aus. Einige, die in negativer Weise nach den Geräuschen gegriffen hatten, hatten das Gefühl, dass diese in ihren Raum, in ihr Bewusstsein eindrangen. Für sie waren die Geräusche zutiefst unangenehm. Die anderen, die sich den Geräuschen mehr öffnen konnten, schwächten dadurch deren ruhestörende Macht.
Wir müssen darauf achten, Meditation nicht mit dem Sitzen in einem stillen Raum gleichzusetzen. Ich heiße jedes Geräusch, wenn ich meditiere, als Werkzeug des Gewahrseins willkommen. Es hilft mir, im Sitzen, Stehen, Gehen und Lauschen zum gegenwärtigen Moment zurückzukehren und mich lebendig zu fühlen. Lausche ich meditativ, dann sind Geräusche nicht störend. Sie werden Teil der Musik des Lebens. Sie erinnern mich an meine Verbindung zur Welt.
Auf der anderen Seite müssen wir vorsichtig damit sein, eine laute Umgebung nicht als Mittel zu nutzen, um uns davon abzubringen, uns unserer Gedanken, Gefühle und Empfindungen bewusst zu werden und ihnen zu lauschen. Die moderne Welt scheint so voller Geräusche und Musik zu sein, um uns abzulenken oder einzulullen, dass Stille dann durchaus bedrohlich wirken kann. Wie können wir Freiheit und Wohlbefinden sowohl im Lauschen der Stille als auch im Lauschen der Geräusche des Lebens erlangen?
Einflussreiche Worte
Wann immer jemand etwas zu Ihnen sagt, versuchen Sie wahrzunehmen, wie sehr Sie von diesen Worten beeinflusst werden. In einem Augenblick geht es Ihnen gut, im nächsten sind Sie wütend auf jemanden, der ihnen zwar persönlich nichts getan hat, doch über den eine Freundin Ihnen ständig in den Ohren liegt. Wenn Ihnen jemand etwas Negatives über eine andere Person erzählt, wird Sie das beeinflussen, es sei denn, Sie sind sehr stark. Kritisiert jemand Sie wiederholt, müssen Sie schon außergewöhnlich selbstbewusst sein, um nicht von diesen Worten negativ beeinflusst zu werden und sich schlecht zu fühlen. Es ist eines der Geschenke der Meditation, Ihnen dabei zu helfen, stabil und beständig präsent zu sein. Sie ermöglicht Ihnen, so geerdet zu sein wie ein Berg und zur selben Zeit so unermesslich weit wie ein Ozean. Diese Qualitäten sollten wir zu kultivieren versuchen, wann immer wir einem anderen Menschen zuhören.
Einmal warf mir jemand bei einem Treffen vor, rechthaberisch zu sein, und sagte mir wiederholt, ich solle aufhören, immer alles zu organisieren. Es war sehr schmerzlich, das zu hören, doch ich nahm es an und versuchte, mich deswegen nicht schlecht zu fühlen, sondern die Situationen zu betrachten, in denen es sinnvoll war, zu organisieren, und solche, in denen es besser war, dies nicht zu tun. Als ich diese Gewohnheit von mir untersuchte, konnte ich sehen, dass ich sehr praktisch und bodenständig war, was oft sehr passend sein konnte. Doch übertrieb ich es, dann konnte das auf andere sehr störend wirken, was mich wiederum gereizt und angespannt werden ließ.
Ein anderes Mal beschuldigte mich ein Mitarbeiter in sehr harten Worten aller möglichen Dinge. Während er sprach, wurde mir klar, dass dieser Ausbruch nichts mit irgendetwas zu tun hatte, was ich gesagt oder getan hatte. So hörte ich ohne inneren Aufruhr zu, denn ich konnte mich mit dem Gesagten nicht identifizieren. Zur gleichen Zeit konnte ich sehen, wie er in Fahrt war und dass nichts, was ich sagen könnte, ihn stoppen würde, und so wartete ich, bis er zu Ende geredet hatte. Am Ende seiner Attacke sagte ich ruhig, dass ich nicht seiner Meinung sei, und ging. Später entschuldigte er sich bei mir, und ich nahm seine Entschuldigung an.
Was kann Ihnen helfen, ruhig und offen zu bleiben? Unter welchen Bedingungen sind Sie stark und zuversichtlich, unter welchen nicht? Die geistige Sammlung in der Meditation wird Ihnen helfen, allgemein ruhiger zu werden und sich stärker und stabiler zu fühlen. Wenn Sie das Erkunden kultivieren, wird Sie das befähigen, Situationen nicht mehr in einer eindimensionalen, sondern in einer mehrdimensionalen Weise zu begegnen. So können Sie kreativ antworten und reagieren.
Riechen
Auch nach Düften und Gerüchen können wir greifen und sie festhalten. Wenn unser Riechsinn gut funktioniert, dann eröffnet sich uns ein wahrer Reichtum an Gerüchen. Das kann ein großes Geschenk sein, wenn wir aufmerksam dafür sind. Wir können uns zum Beispiel am berauschenden Duft von Blumen erfreuen, dem würzigen Parfüm eines nahen Freundes oder dem intensiven Geruch von frischgebackenem Brot. Durch Meditation können wir uns der Gerüche bewusster werden. Wenn wir nicht nach ihnen greifen, werden sie für uns präsenter.
Ich probiere gern neue Sachen aus und liebe Parfüms und Düfte, doch ich reagiere allergisch auf Parfüm und kann keins auf meiner Haut vertragen. Wann immer ich an einem Flughafen durch die Parfümabteilung des dortigen Duty-free-Shops gehe, werde ich von diesen beiden kombinierten Mustern von Ausprobieren und Anziehung herausgefordert. Komme ich durch meinen Riechsinn in Kontakt mit den Parfüms, ist die Versuchung, sie auszuprobieren und aus Spaß etwas auf mein Handgelenk zu sprühen, groß. Ich kann den starken Impuls, das zu tun, deutlich spüren, es ist wie ein Sog. Meine Flughafen-Meditation ist es dann, der Verlockung der Düfte zu widerstehen und mir ihrer gleichzeitig voll bewusst zu sein. Das ist der Test, den Gerüchen zu begegnen und sie wahrzunehmen, ohne sie besitzen zu wollen, ohne nach ihnen zu greifen und sie festzuhalten.
Wir können auch mit unangenehmen Gerüchen praktizieren. Eine Nachbarin von mir verbrennt regelmäßig Plastikabfall in ihrem Garten. Wir haben sie gebeten, das nicht zu tun, doch es scheint das Einzige zu sein, was sie gesetzeshalber mit dieser Art Plastikmüll tun darf. So ist das zu meiner Geruchsmeditation geworden. Wenn der Geruch des verbrennenden Plastiks zu mir herüberweht, nehme ich wahr, wie er kommt und geht. Ich übertreibe ihn nicht - bin allerdings, wie wohl jede und jeder andere auch, froh, wenn das Feuer niedergebrannt ist und ich wieder frische Luft atmen kann.
Essen
Auch beim Essen vollzieht sich der Prozess des Greifens. Wir essen ein Stück Schokoladenkuchen, und es fällt uns schwer, nicht noch ein zweites zu essen, wenn wir die Möglichkeit dazu haben. Wie oft aber haben wir uns hinterher schwer und vollgestopft gefühlt und es bereut, mehr gegessen zu haben, als unser Magen gut verdauen kann.
Das ist eine schwierige Gewohnheit, denn sie hat auch mit unseren Überlebensmustern zu tun. Wir müssen essen. Mit der Zeit können wir gesündere Essgewohnheiten entwickeln; indem wir uns bewusst sind, was wir essen und wie viel. Doch wir können auch destruktive Essgewohnheiten entwickeln, indem wir zu viel oder zu wenig oder die für unseren Körper falschen Dinge essen.
Leider ist es sehr leicht, zu viel zu essen, mehr zu essen, als der Körper braucht. Auch dies geschieht durch den Mechanismus des Greifens. Sie können es an kleinen Kindern sehen - sie essen das, was sie mögen, so lange, bis ihnen schlecht wird. Wenn Sie zu viel von etwas essen, dann greifen Sie nach dem guten Geschmack, den Sie erfahren, doch Sie greifen auch nach der Vorstellung von Glück, die mit dem Geschmack verbunden ist. Wenn Sie allerdings meditativ essen, dann werden Sie der Farben, der Gerüche, der Konsistenzen und Geschmäcker der Speisen gewahr. Sie sind sich jedes Bissens bewusst. Sie müssen sich nicht mit Essen abfüllen, sondern Sie essen in voller Bewusstheit.
Nach Neuem greifen
Essen kann uns auch etwas über das Greifen nach Neuem lehren - und wie kräftezehrend das sein kann.
Sie haben vielleicht eine Lieblingsspeise, die Sie lange nicht mehr gegessen haben. Eines Tages essen Sie sie wieder, und es ist, als äßen Sie sie zum ersten Mal. Es ist eine wunderbare Erfahrung - ein wunderbarer Geschmack. Sie haben das Gefühl, Sie hätten dieses Gericht noch nie zuvor in dieser Weise erfahren. Sie bereiten das Gericht wieder, in genau der gleichen Weise, zu, oder Sie gehen in dasselbe Restaurant, aber die Erfahrung ist nicht die gleiche. Sie können dieses unbeschreibliche Etwas, das die Speise am anderen Tag noch hatte, nicht wiederentdecken. - Was Sie nicht wiederentdecken können, ist die neue Erfahrung. Sobald Sie etwas neu erfahren haben, wird es nie mehr neu für Sie sein.
Der thailändische buddhistische Lehrer Ajahn Chah sagte, dass Delikatessen wie Bambussprossen oder Spargel, täglich gegessen, ganz schnell keine Delikatessen mehr für uns wären. Wir würden uns daran gewöhnen und nach etwas anderem, etwas Neuem Ausschau halten.
Wir versuchen fortwährend, aufregende, neue Dinge zu finden und dann zu den nächsten und wieder nächsten überzugehen, denn eins nach dem anderen wird zu einer alten Erfahrung. Wenn wir sie wiederholen wollen, erfahren wir aber nicht mehr das Besondere der ersten Begegnung, des ersten Augenblicks. Können wir uns von einem Muster der ständigen Stimulierung weg- und zu einer wertschätzenden Reaktion hinbewegen? Jeder Augenblick des Lebens ist ein Mysterium; wir sind fähig, zu atmen, zu sehen, zu hören, zu riechen und zu schmecken. Wir sind komplexe, in diesem Moment lebendige Organismen. Können wir die Schönheit des reinen Mysteriums dieses Lebens wiederentdecken?
Meine fünfjährige Nichte lebte mit meiner Mutter einmal eine Zeitlang in der Wohnung unter uns. Eines Abends tauchte sie plötzlich bei uns auf, als wir uns nach unserer Gartenarbeit bei klassischer Musik ausruhten. Sie sah uns an und sagte, dass sie nun tanzen werde. Dann tanzte sie eine halbe Stunde lang zur Musik von Schubert, und wir sahen ihr dabei zu. Sie überprüfte oft, ob wir auch aufmerksam nach ihr schauten, und wir genossen es, ihrem Tanzen zuzusehen, der Musik zu lauschen und dabei ruhig auf dem Sofa zu sitzen. Es war ein ganz besonderer Moment zwischen ihr und uns, sehr liebevoll, warm und wertschätzend. Dann ging sie, um zu essen und ins Bett zu gehen. Am nächsten Tag kam sie wieder zu uns und wollte, dass ich Musik auflegte, zu der sie tanzen konnte. Sie versuchte zu tanzen, aber diesmal ging es irgendwie nicht richtig, und ich musste mehrere Male die Musik wechseln. Doch auch dann ging es immer noch nicht. An den folgenden Tagen versuchte sie es erneut. Sie wollte die Schönheit des vergangenen Momentes wiederentdecken. Doch dieser eine Moment war unwiederholbar vergangen.
Wir müssen aufpassen, dass wir nicht versuchen, eine neue Erfahrung mit alten Zutaten auszustatten. Jeder Augenblick kann ein neuer aufregender Moment sein, aber nur wenn wir uns ihm von neuem öffnen. Jede Aktivität, die wir mögen, jede Speise, die wir gern essen, können wir genießen, wenn wir nicht in einer fixierenden Weise nach ihr greifen.
Darmowy fragment się skończył.