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Martina Zimmermann

Distinktion durch Sprache?

Eine kritisch soziolinguistische Ethnographie der studentischen Mobilität im marktwirtschaftlichen Hochschulsystem der mehrsprachigen Schweiz

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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© 2017 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ePub-ISBN 978-3-8233-0034-2


Inhalt

  Dank

  1 Einleitung

 2 Seit jeher der Bildung wegen in die Ferne2.1 Die Hochschullandschaft – damals und heute2.1.1 Die Entstehung und Entwicklung der Universitäten in Europa – ein Längsschnitt in Kürze2.1.2 Bildungsmobilität in der Schweiz von den universitären Anfängen bis heute2.1.3 Die aktuelle Binnenmobilität der Schweizer Studierenden: einige Zahlen2.2 Theoretisch-methodischer Rahmen2.2.1 Forschungsstand, -lücken und mögliche Ergänzungen2.2.2 Positionierung2.2.3 Forschungsfragen, Daten und Methodologie2.2.4 Theoretische Konzepte

 3 Methodologische Grundlage3.1 Datenerhebung3.1.1 Von der „mono-sited“ zur „multi-sited“ Ethnographie3.1.2 Die anderen und ich oder ich und die anderen: zu meiner Rolle und den Beziehungen im „heimischen“ Feld3.1.3 Ethische Überlegungen3.1.4 Meine Daten und deren Produktion3.2 Datenanalyse: ethnographisch, interaktionell, diskursiv und kritisch3.2.1 Anwendung der analytischen Ansätze3.3 Abschliessende Bemerkungen zur Datenerhebung und -analyse

 4 Die Konkurrenz im Schweizer Hochschulsystem als Grundlage für die Vermarktung von (Im-)Mobilität und Sprache: eine Analyse der institutionellen Praktiken im Bestreben nach Einzigartigkeit4.1 Die Annäherung von Bildung und Wirtschaft4.1.1 Marktwirtschaftliche Prinzipien in Gesetzestexten im Schweizer Hochschulsystem4.1.2 Gesetzes- und somit wettbewerbskonforme Praktiken an Schweizer Universitäten4.2 Mehrwert versprechen und Bedürfnisse schaffen: das diskursiv konstruierte Kapital, das der studentischen Mobilität und Sprache anhaftet4.2.1 Aussicht auf eine sichere Zukunft dank Sprache und studentischer Mobilität4.2.2 Aussicht auf sprachliche und soziale Unterstützung in der Mobilitätssituation4.3 Abschliessende Bemerkungen

 5 Wie studentische Mobilität legitimiert wird: Eine Analyse der Diskurse junger TessinerInnen und der Rolle von Sprache(n) in Bezug auf ihre Studienwahl5.1 Tessiner GymnasiastInnen und ihre Sicht auf Mobilität und Sprache5.1.1 Die Weichenstellung der Zukunft beginnt in der Vergangenheit: das Belegen des Schwerpunktfachs im „Liceo“ als Element der diskursiven Konstruktion der Studienwahl5.1.2 Eine tertiäre Ausbildung im Tessin: eine legitimationsbedürftige Option5.1.3 Die sichere Zukunft: Die heutige Entscheidung für übermorgen5.1.4 Zwischenüberlegungen5.2 Die Rationalisierung und Legitimierung der studentischen Mobilität von TessinerInnen in der Deutschschweiz5.2.1 Die Mobilität vom Tessin weg und ins Tessin zurück5.2.2 „Forse meglio che io vada a scegliermi una professione dove cercano persone“ : Die Studienwahl im Hinblick auf den Arbeitsmarkt5.2.3 „Prima ho scelto la scuola“: Die Wahl der vorteilhaften Institution5.2.4 „Ho già parlato tedesco a casa da quando sono bambina“: Zuhause Gelerntes als Argument für die Studienwahl5.2.5 Der Wert der Sprachen: Sprachideologisch gefärbte Studienwahl5.2.6 Zwischenüberlegungen5.3 Abschliessende Bemerkungen

 6 Wie studentische Mobilität herausfordert und dennoch zu bewältigen ist: eine Analyse der Diskurse sowie der sprachlichen und sozialen Praktiken junger TessinerInnen6.1 Welche Herausforderungen junge TessinerInnen in der Mobilitätssituation konstruieren und wie sie diesen begegnen6.1.1 Herausforderungen im Zusammenhang mit fehlenden Sprachkompetenzen6.1.2 Herausforderungen aufgrund der ungewohnten Situation am Studienort6.1.3 Zwischenüberlegungen6.2 Der Tessiner Studierendenverein in Bern und dessen historische Situierung6.2.1 Das Bewältigen sich verändernder Herausforderungen im sozialen Raum des Vereins6.2.2 Der zweckmässige Support zur Bewältigung anfänglicher Herausforderungen6.2.3 Identitäre Verunsicherung – und wie der Verein diese bewältigt oder ihr vorbeugt6.2.4 Stabilisierende Beziehungen inner- und ausserhalb des Vereins6.2.5 Zwischenüberlegungen6.3 Abschliessende Bemerkungen

  7 Distinktion durch Sprache? Diskussion und (erste) Schlussfolgerungen 7.1 Der variable Stellenwert von Sprachen im Kontext studentischer Mobilität 7.2 Ausblick Abstract in English Abstract in deutscher Sprache

  Literaturverzeichnis Verwaltungstexte

  Tabellenverzeichnis

  Abbildungsverzeichnis

Dank

Diverse Institutionen und Personen unterstützten mich bei meinem Projekt und trugen erheblich zu dessen Entwicklung und Abschluss bei. Besonderer Dank gilt meinem Betreuer, Prof. Dr. Alexandre Duchêne (Institut für Mehrsprachigkeit, Universität und Pädagogische Hochschule Freiburg). Er begleitete meine Arbeit vom Anfang bis zum Schluss und forderte mich mit seinen kritischen Fragen dazu auf, meine Daten aus immer neuen Blickwinkeln zu hinterfragen. Seine schier endlose Neugier hat mich sehr geprägt. Weiter bin ich Prof. em. Dr. Iwar Werlen (Institut für Sprachwissenschaft, Universität Bern) dankbar, dass er mich unmittelbar nach meinem Masterabschluss 2011 im Sinergia-Projekt „Mehrsprachigkeit und Lebensalter“ anstellte. Die Zeit am Institut für Sprachwissenschaft war für mich äusserst lehrreich. Ebenfalls möchte ich mich bei den Mitgliedern des vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Sinergia-Projekts (Leitung Prof. Dr. Raphael Berthele, Universität Freiburg) für die aufschlussreichen interdisziplinären Diskussionen bedanken. Ausserdem bin ich der Forschungsabteilung der Pädagogischen Hochschule Luzern für die Unterstützung in der Endphase dankbar. Dank einem grosszügigen Forschungs-Stipendium war es mir möglich, meine Arbeit in Reading (UK) zu finalisieren. Ein herzlicher Dank gilt auch meinen KollegInnen aus Luzern, die meine Lehrveranstaltungen in dieser Zeit übernahmen und mich zur „Abwesenheit“ ermutigten. Ferner möchte ich mich bei Prof. Dr. Rodney Jones und Prof. em. Dr. Viv Edwards bedanken, die mir während meines Aufenthalts in Reading (2015–2016) ihre Türen öffneten und mich einluden, an Workshops, Konferenzen etc. teilzunehmen.

Weiter bin ich verschiedenen Institutionen für ihre Unterstützung bei Konferenzteilnahmen und -reisen und bei der Drucklegung dieser Dissertation dankbar. Dazu gehören die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften, die Vereinigung für Angewandte Linguistik in der Schweiz, die Schweizerische Sprachwissenschaftliche Gesellschaft, die Philosophischen Fakultäten der Universitäten Bern und Freiburg, das Institut für Mehrsprachigkeit der Universität Freiburg, die Ortsgemeinde Widnau und die Publikationskommission des Hochschulrats der Universität Freiburg.

Verdankt seien ausserdem diejenigen Universitäten, die ihren StudienanfängerInnen meinen Fragebogen zustellten und mich damit dabei unterstützten, InterviewpartnerInnen zu gewinnen. Weiter bin ich den verschiedenen an Universitäten tätigen ExpertInnen dankbar, die sich mir für ein Interview zur Verfügung stellten. Zu grossem Dank verpflichtet bin ich ausserdem den MaturandInnen und StudienanfängerInnen, die mit mir ihre Überlegungen zu bevorstehenden oder gefällten Entscheidungen zur Studienwahl bereitwillig teilten. Ein spezielles Dankeschön gilt den Mitgliedern des Tessiner Studierendenvereins in Bern, die mich herzlich in ihren Kreis aufnahmen und an ihrem Alltag teilhaben liessen.

Sehr wertvoll war für mich der Austausch mit zahlreichen Personen. Sie alle aufzuzählen, ergäbe eine lange, lange Liste. Besonders dankbar bin ich allen teilnehmenden DoktorandInnen der am Institut für Mehrsprachigkeit in Freiburg stattfindenden „Internal Workshops“, die Prof. Dr. Alexandre Duchêne initiierte. Dank ihm bestand ausserdem am Institut für Mehrsprachigkeit die Möglichkeit, vom Input namhafter ProfessorInnen zu profitieren und mit ihnen mein Projekt zu besprechen. Spezieller Dank gilt Prof. Dr. Aneta Pavlenko (Temple University, Philadelphia), Prof. Dr. Luisa Martin Rojo (Universidad Autonoma de Madrid), Prof. Dr. Monica Heller (University of Toronto), Prof. Dr. Eva Vetter (Universität Wien) und Prof. em. Dr. Marilyn Martin-Jones (University of Birmingham). Sie haben mich über die Treffen hinaus beeindruckt und unterstützt. Herzlich bedanken möchte ich mich auch bei meinen KollegInnen Dr. Mi-Cha Flubacher, Dr. Alfonso Del Percio, Dr. Nuria Ristin-Kaufmann, Dr. Daniel Hof­stetter, Dr. Sebastian Muth und Larissa Greber; sie haben mich begleitet, inspiriert und in weniger produktiven Phasen aufgemuntert. Ein herzliches Dankeschön gilt ausserdem Dr. Jürg Zimmermann-Hug, der mir sowohl bei der redaktionellen Feinarbeit als auch bei der Suche nach stringenten Formulierungen mit Rat und Tat zur Seite stand. Ebenso bedanken möchte ich mich bei Rosella Romano, die mir dabei half, die zum Teil akustisch schwer verständlichen italienischen Audioaufnahmen zu erschliessen. Von Herzen möchte ich mich schliesslich bei meiner Familie und meinen FreundInnen bedanken, die mir während diesen Jahren zur Seite standen und mich während dem langen und zum Teil einsamen Arbeitsprozess auf verschiedenste Weise unterstützten.

1 Einleitung

Vor rund 12 Jahren – ich war damals an der Pädagogischen Hochschule des Kantons St. Gallen in der Ausbildung zur Primarlehrerin – absolvierte ich ein Jahr meines Bachelor-Studiums in der französischsprachigen Schweiz (Lausanne). Dazu ermuntert wurde ich von der institutionsinternen Mobilitätsbeauftragten, die im Rahmen eines Vortrags für die Mobilität warb. Gerne hätte ich damals ein Semester in Schottland verbracht – ich wollte mein Englisch verbessern –, allerdings waren an der jungen Institution noch keine Verträge mit internationalen Partnerschulen unter Dach und Fach. So nahm ich stattdessen am Austauschprogramm „Mobilité Suisse“ teil, das Studierende dazu anregt, innerhalb der Schweizer Landesgrenzen mobil zu werden.

Im Herbst 2004 sass ich dann z.B. in einer Biologievorlesung an der Universität Lausanne, in der ein Professor über die „Dépollution“ (Entgiftung) von Luft im Zusammenhang mit dem Blattbestand von Bäumen referierte. Erst Tage darauf verstand ich, dass dies nichts mit „pollinisation“ (Bestäubung) zu tun hatte. Ebenso besuchte ich Französisch-Didaktik-Seminare, in denen auf erstsprachige Kinder ausgerichtete Hörtexte miteinander verglichen wurden, wobei es mir nicht gelang, die diskutierten Unterschiede zu identifizieren. Nebenher arbeitete ich in einem Café im Zentrum von Lausanne, versuchte mir Bestellungen zu merken, für mich bedeutungslose Audiostränge, bei denen das Segmentieren semantisch sinnvoller Glieder unmöglich war (z.B. /œ͂teosinɔʀɔdosilvuplɛ/ für „un thé au cynorrhodon s’il vous plaît“, einen Hagebuttentee, bitte). Zu diesen sprachlichen Herausforderungen kamen andere, die damit zu tun hatten, dass ich die Institution, die Stadt etc. kaum kannte. So realisierte ich etwa, dass Fahrkarten für das Stadtverkehrsnetz nur an Automaten bezogen werden konnten, die übrigens kein Retourgeld gaben, und Kontrolleure im Bus nur büssten, statt, wie ich es gewohnt war, den Passagieren Billetts zu verkaufen.

Lausanne war nicht meine einzige Erfahrung studentischer Mobilität. Mit meinem Wechsel an die Universität Freiburg hatte ich auch mit einem Bildungssystem zu tun, das nicht in jener Sprache funktionierte, in der ich meine Studienreife erlangt hatte. Es folgten Studienaufenthalte in Barcelona und Bolzano. Später kamen berufliche Mobilitätserfahrungen dazu – nach meiner Ausbildung war ich als Lehrerin in England und in Italien tätig.

Immer wieder traf ich innerhalb meiner Mobilitätserfahrungen – ob studentischer oder professioneller Natur – auf Zusammenschlüsse, in denen sich Menschen gleicher geographischer und/oder sprachlicher Herkunft in ihrer neuen und ihnen fremden Umgebung zusammentaten. Ich mied solche Gruppierungen eher, wunderte mich über das Bedürfnis ihrer Mitglieder, ihnen anzugehören, und fragte mich, weshalb diese Menschen, die „bloss“ Sprache und/oder geographische Herkunft teilten, miteinander Zeit verbrachten. Ferner hatte ich Mühe zu verstehen, weshalb – so meine retrospektiv formulierte Perspektive – man sich zeitweise der Möglichkeit verschloss, die lokal dominante Sprache zu erwerben; für mich war damals meine Dislokation jeweils an die Chance gekoppelt, meine Sprachkompetenzen zu verbessern.

Die Fragen, welche ich mir damals, veranlasst durch meine eigene studentische Mobilität, stellte, und die Perspektive, von der aus ich diese betrachtete, haben sich mit den Jahren, in welchen ich mich mit Soziolinguistik auseinandersetzte, verändert. Mein Interesse an der studentischen Mobilität über landesinterne Sprachgrenzen hinweg ist aber lebendig geblieben; aus ihm nährt sich meine Motivation zur Erarbeitung dieser Untersuchung. Sie widmet sich jenem Stellenwert von Sprache, der ihr in Diskursen und Praktiken im Zusammenhang mit der studentischen Mobilität im schweizerischen Hochschulsystem zukommt. Das erwähnte Interesse verlangte von mir, über individuelle Mobilitätserfahrungen von Studierenden hinauszugehen und institutionelle Diskurse und Praktiken zur Mobilität im Tertiärbereich einzubeziehen. Ferner wurden die Geschichte der Universität, analog zu welcher die Studentenmobilität entstand, und mit ihr die politisch-ökonomischen Bedingungen relevant, die studentische Mobilität erst ermöglichten und weiterhin ermöglichen. Ausserdem wurden Zusammenschlüsse, die Studierende mit gleichem sprachlichem Hintergrund und gleicher geographischer Herkunft vereinigten – vormals war ich ihnen mit Argwohn aus dem Weg gegangen – zu einem analytisch interessanten sozialen Raum, in dem Diskurse und Praktiken die Situation der Mobilität widerspiegeln.

In den zwei letzten Jahrzehnten hat die Schweizer Hochschullandschaft erhebliche Veränderungen erfahren. Zum einen besteht seit 1996 auch in der italienischsprachigen Schweiz, dem Tessin, die Möglichkeit, ein Studium zu machen, was bedeutet, dass seither in drei von vier Sprachregionen der Schweiz universitäre Bildung angeboten wird. Trotz dieser Option verlässt die Mehrheit der Tessiner MaturandInnen zwecks des Studiums die Herkunftsregion und immatrikuliert sich an einer Universität in der französischsprachigen oder deutschsprachigen Schweiz. Die vorliegende Arbeit geht dem Verhalten dieser studentischen BinnenwandererInnen auf den Grund, und widmet sich insbesondere denjenigen TessinerInnen, die sich für ein Studium in der Deutschschweiz entscheiden. Sie stellen eine interessante Gruppe Studierender dar. Denn erstens verfügen sie erst seit vergleichsweise kurzer Zeit in der eigenen Sprachregion über ein Angebot an universitärer Bildung, von dem sie grösstenteils nicht Gebrauch machen. Zweitens ist der Deutschschweizer Kontext mit seinem Nebeneinander von Standarddeutsch und Dialekt interessant, ein Kontext, in welchen die TessinerInnen – Standarddeutsch wird an Tessiner Schulen als Fremdsprache unterrichtet, nicht aber Schweizerdeutsch – sich mittels ihrer Mobilität begeben.

Zum andern hat sich die gesetzliche Grundlage der Schweizer Hochschulen verändert. Aktuelle Gesetzesartikel fördern vermehrt den Wettbewerb unter universitären Hochschulen. Die Bildungsstätten profitieren von staatlichen Subventionen, deren Höhe sich u.a. danach bemisst, wie erfolgreich sich eine Universität gegenüber ihrer Konkurrenz behaupten kann.

Auf diesen Vorbedingungen basieren die Überlegungen und Analysen dieser Arbeit. Sie ergründet, welcher Stellenwert der Sprache in Diskursen und Praktiken zukommt, die mit der intra-nationalen studentischen Mobilität über Sprachregionen in der Schweiz hinweg einhergehen. Mittels einer „multi-sited“ Ethnographie, die auf Prämissen der kritischen Soziolinguistik basiert, analysiert die Untersuchung, wie in der sich verändert habenden Schweizer Hochschullandschaft der Wunsch nach Mobilität kreiert und legitimiert wird und wie Mobilität und damit verbundene Herausforderungen bewältigt werden.

Dieses Vorhaben leitet die nachfolgenden Kapitel. Zuerst (Kapitel 2) skizziere ich die Geschichte und die Gegenwart der Hochschulen und umreisse die Entstehung universitärer Institutionen, welche die akademische Mobilität mit sich brachten. Weiter lege ich dar, wie es um die akademische Mobilität in Geschichte und Gegenwart in der Schweiz stand bzw. steht. Es folgt ein knapper Überblick über die Forschung zum Thema der studentischen Mobilität, und es wird auf bestehende Lücken in der Erkundung dieses Themas hingewiesen. Vor diesem Hintergrund wird erörtert, welchen Beitrag die vorliegende Arbeit leisten und wie sie sich positionieren will. Es werden die Forschungsfragen formuliert, und es wird erklärt, welche Daten zur Beantwortung derselben mit welcher Methode erhoben wurden und wie diese analysiert werden. Ausserdem werden drei theoretische Konzepte, die dem Vorhaben dienlich sind – nämlich Mobilität, Sprachideologie und politische Ökonomie – vorgestellt.

Das Kapitel 3 ist der Methodologie gewidmet. Es wird aufgezeigt, weshalb ein ethnographischer Ansatz für das Forschungsunterfangen gewählt wurde und wie dieser im Detail aussieht.

Darauf folgen drei analytische Kapitel. Kapitel 4 analysiert, wie der Wunsch nach Mobilität geweckt wird. Eine Analyse gesetzlicher Grundlagen und institutioneller Dokumente (Werbematerial), von Feldnotizen und Interviews mit an Hochschulen tätigen Personen zeigt, dass Tertiärinstitutionen in ihren universitären Promotionsdiskursen und -praktiken ihre je eigenen Vorteile in einem gesetzlich kompetitiv geprägten Setting hervorheben. Dabei wählen sie Strategien, die ihre Hochschule als die „richtige“ erscheinen lassen. In Bezug auf italofone Studierende wird die Sprache zum Instrument, mittels dessen der Studierendengruppe die für sie besonders relevanten Vorteile kommuniziert werden.

Kapitel 5 ist der Analyse von Interviews mit GymnasiastInnen und Studierenden aus dem Tessin gewidmet. Es legt dar, dass in ihren Begründungen der herannahenden oder zurückliegenden Entscheidung für ein Studium die sprach-politische Situation des Landes und ihre Konsequenzen für die Bildungssysteme der verschiedenen Sprachregionen und die markt-wirtschaftliche Dimension zum Ausdruck kommen.

In Kapitel 6 ergründe ich die zahlreichen Herausforderungen, die Tessiner Studierende im Zusammenhang mit ihrer Dislokation konstruieren, und gehe der prominenten Strategie, diesen Herausforderungen im Tessiner Studierendenverein zu begegnen, auf den Grund. Eine Analyse der Vereinspraktiken zeigt, dass die Individuen in ihrer Mobilitätserfahrung im Verein Unterstützung suchen und bekommen. Die individuelle Mobilitätserfahrung widerspiegelt sich in den institutionellen Praktiken und sichert das Fortbestehen des Vereins.

Die ethnographische Untersuchung erlaubt ein tiefgründiges Verständnis soziolinguistischer Praktiken und der ihnen zugrunde liegenden Sprachideologien verschiedener voneinander abhängiger Akteure in der tertiären Bildung (Hochschulen, GymnasiastInnen, Studierende). Das Deuten der Ergebnisse vor dem Hintergrund historischer und politisch-ökonomischer Bedingungen inner- und ausserhalb der Schweiz gibt ausserdem Aufschluss darüber, wie sich in Praktiken der studentischen Mobilität marktwirtschaftliche Interessen lokaler, nationaler, europäischer und globaler Natur widerspiegeln (Kapitel 7). Diese Interessen haben Einfluss darauf, welcher Stellenwert Sprache unter welchen Bedingungen zukommt und wie Sprache instrumentalisiert wird. Abschliessend zeige ich auf, welche gesetzlichen Veränderungen in dieser Arbeit noch nicht berücksichtigt worden sind, und führe aus, welche weiterführenden Fragen sich in zukünftigen Forschungsarbeiten aufgreifen liessen.

2 Seit jeher der Bildung wegen in die Ferne

Paternitati vestre innotescat quod nos, sani et incolumes in civitate Aurelianensi, divina dispensante misericordia, conumorantes, operam nostram cum affectu studio totaliter adhibemus, considerantes quia dicit Cato: „scire aliquid laus est, etc.“ Nos enim domus habemus bonam et pulcram, que sola domo distat a scolis et a foro et sic pedibus siccis scolas cotidie possumus introire. Habemus etiam bonos socios nobiscum, hospicio vitaque et moribus comendatos; et in hoc nimium congratulamur, notantes quia dicit Psalmista: „Cum sancto sanctus eris, etc.“1

(Auszug aus einem an die Eltern adressierten Brief, verfasst von den zwei in Orléans studierenden Söhnen, 13. Jahrhundert2)

Several advantages we should find there, such as … better opportunities of growing perfect in the French, better masters for mathematics (which he has a mind to apply himself to for some time) and for any exercise of accomplishment that any of us might have a mind to advance or perfect ourselves in such as dancing, fencing, drawing, architecture, fortification, music, the knowledge of medals, painting, sculpture, antiquity […]

(Auszug aus einem Brief, der von Tutor Fish aus Paris nach England gesendet wird, anfangs 18. Jahrhundert, Black 2011: 162)

Ho sempre avuto la ferma intenzione di studiare in un’università germanofona fin da quando ho ottenuto la maturità in Ticino, poiché considero la lingua tedesca come valore aggiunto nel mio CV. Sono finito a Lucerna. Impiego due ore e mezzo, proprio pochissimo per noi Ticinesi. È la più vicina università per noi. Torno giovedì sera in Ticino, e domenica sera torno a Lucerna. Sono spesso sul treno. Però sono contenta con la mia scelta, mi sono trovato benissimo soprattutto grazie a una struttura accademica fatta a misura di studente, dove i professori ti conoscono personalmente e non è necessario ricorrere alla mediazione degli assistenti per comunicare con loro.3

(Auszug aus einem Interview mit Stefania4, Frühling 2012, Luzern)

Die drei Belege sind unterschiedlicher Natur. Sie stammen aus verschiedenen zeitlichen und räumlichen Kontexten. Zwei davon sind Auszüge aus Briefen, einer geht auf eine Tonaufnahme zurück. Während die Quelle in Latein wie auch diejenige von Stefania auf ein Studium an einer Universität Bezug nehmen, verweist diejenige aus Paris auf die „Grand Tour“, die v.a. im 17., aber auch im frühen 18. Jahrhundert unter Privilegierten verbreitet war und Aufenthalte in Kultur- und Universitätsstädten Europas beinhaltete.

Trotz dieser Unterschiede haben die Zeitzeugnisse auch Gemeinsamkeiten. Sie handeln von drei jungen Menschen, die der geeigneten Bildung zuliebe zum Teil weite und unbequeme Wege auf sich genommen haben. Die Entscheidung, sich fern der Heimat in Orléans, Paris oder Luzern aufzuhalten, scheint je nach Epoche die „richtige“ zu sein; die Ausbildung in der sprachlich-kulturellen Fremde ist die zeitgemässe Vorbereitung auf die Zukunft.

Bildungsmobilität geht weit zurück und ist eng mit Institutionen/Orten verbunden, die entsprechende Bildung versprechen. Aber wie sind diese Bildungszentren entstanden? Wie sind sie zu dem geworden, was sie heute sind? Wie kam es dazu, dass einige Städte zu universitären Stätten wurden? Und weshalb wird die an den Universitäten angebotene Bildung als „geeignet“ erachtet und mit ihr seit Jahrhunderten sozialer Aufstieg assoziiert? Um solchen Fragen auf den Grund zu gehen und zu verstehen, weshalb Bildung Studierende seit jeher in die Ferne zieht, scheint es fruchtbar, im Folgenden einen Blick auf die Entstehung und Entwicklung der Bildungsinstitutionen zu werfen (2.1.1). Danach ist ein Unterkapitel der Bildungsmobilität in der Geschichte der Schweiz gewidmet (2.1.2). Schliesslich wird die aktuelle Mobilität beschrieben, die im Fokus dieser Arbeit steht (2.1.3).

2.1 Die Hochschullandschaft – damals und heute

Seit um etwa 1200 die Uruniversitäten Bologna und Paris entstanden1, zählt gemäss Weber „die Universität zu den wichtigsten soziokulturellen Kräften, welche die Formierung, den Aufstieg und die hochrangige Positionierung Europas in der Welt ermöglichten“ (Weber 2002: 9). Seither hat sich einiges verändert, eine Elitenbildungsanstalt ist die Universität jedoch geblieben. Sie vermittelt und schafft höheres Fakten-, Methoden- und Orientierungswissen und nimmt qualifizierte Lernende auf, die mit und dank diesem Wissen später in der Regel bestimmte gesellschaftliche Positionen einnehmen.

Die aktuelle Schweizer Hochschullandschaft besteht aus 12 tertiären Institutionen2, welche vorwiegend in urbanen Zentren zu finden sind. Dazu zählen zehn kantonale und zwei eidgenössische Universitäten. Diese blicken auf eine 800-jährige Geschichte zurück, wobei freilich die Mehrheit von ihnen erst im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert gegründet wurde, aber meist auf bereits bestehenden Institutionen aufbauen konnte3. Um das aktuelle tertiäre Bildungswesen und die darin vorherrschenden hochschulpolitischen Beziehungen zu verstehen, ist vorgängig ein historischer Abriss hilfreich. Das jeweilige Zeitgeschehen spiegelt sich nämlich in der Universität, ihrer Struktur und Ausstrahlung wider. Diese Retrospektive soll dazu beitragen, das Aufkommen der Universität im europäischen Kontext zu situieren, wobei auch auf die Schweiz und die dortigen Gründungen verwiesen wird. Weiter soll dieser Rückblick verdeutlichen, vor welchem Hintergrund die studentische Mobilität entstanden ist.

2.1.1 Die Entstehung und Entwicklung der Universitäten in Europa – ein Längsschnitt in Kürze

Der Blick in die Vergangenheit soll knapp sein; er dient der Kontextualisierung und wird ohne Details1 auskommen müssen. Den grossen Epochen Mittelalter, frühe Neuzeit und Moderne entlang werden zentrale Aspekte aufgeführt2. Ein letzter Abschnitt ist der Gegenwart gewidmet. Sofern es aus Schweizer Perspektive etwas vorzubringen gibt, wird dies im finalen Abschnitt der Darstellung der jeweiligen Epoche getan.

Die ersten Universitates im christlichen Europa: 1180–1400

Ihren Anfang nahm die Universität in Bologna und Paris. Die Universität Bologna (offizielles Gründungsjahr 1088) fasste die bereits bestehenden Rechtsschulen zusammen, die aufgrund von immerwährenden Konflikten zwischen Papsttum (Kirchenrecht), Bürgertum (kommunales Recht) und Kaisertum (Herrscherrecht) entstanden waren. In Paris hingegen wurden um 1200 verschiedene theologische Schulen organisatorisch zusammengefasst; der Papst erachtete Paris als künftiges universitäres Zentrum der europäischen Theologie und trug mit der „licentia ubique docendi“ dazu bei, dass alle Studenten, die den Magister erlangt hatten, an jeder europäischen Universität lehren konnten. Er animierte somit den Lehrkörper bereits in den universitären Anfängen zur Mobilität, erhoffte er sich dadurch doch eine Verbreitung seiner theologischen Lehre. Gemeinsam war den frühen Universitäten, dass sie aus einer bestimmten geistigen und sozialen Situation entstanden, als nämlich „herkömmliche Kloster- und Domschulen den fortschreitenden Erkenntnis- und Lehrmethoden der Scholastik und den Ansprüchen der wissenschaftstreibenden Bevölkerungsgruppen, vornehmlich Kleriker und in zunehmendem Masse auch Laien, nicht mehr genügten“ (Boehm & Müller 1983: 12). Lehrer und Scholaren schlossen sich zu Korporationen, also zu einer Art von Berufsgenossenschaften, zusammen. Daher kommt auch die Bezeichnung „universitas“, die für Kommunität steht. Auch wenn in Bologna und Paris Konflikte zwischen Hauptakteuren wie Papst, Bischof, Stadt oder Kaiser ausgetragen wurden, war das Modell der Universität rasch erfolgreich. Beide Universitäten hatten bald Ableger (z.B. in Padua, Siena), und es dauerte nicht lange, bis in Oxford die erste selbständige Gründung erfolgte. Im 13. und 14. Jahrhundert – es gab dann bereits über 30 Universitäten – festigte sich die Organisationsform, und mit der Gründung in Prag (1348) und später in Heidelberg und in Köln erreichte die Universität auch das „jüngere Europa“ (vgl. Moraw 1985). Zwar unterscheiden sich die lokalen Geschichten der einzelnen Institutionen voneinander, jedoch sind alle Gründungen mithilfe der Kirche entstanden. Zu dieser Zeit stand nämlich die Wissenssicherung und -verbreitung im Vordergrund, wobei es darum ging, die „doctrina sacra“ in ihrer Gesamtheit zu erfassen.

Dank der Kirche, dem aufstrebenden Stadtbürgertum und später der Höfe avancierten die universitären Titel und Abschlüsse „zu anerkannten sozialen Merkmalen, Ausweisen höherer Qualifikation und adelsnahen Rangs“ (Weber 2002: 69). Der Adel hiess das Prinzip „scientia nobilitat“ gut und begab sich ebenfalls – wenn meist auch ohne je einen Abschluss zu erlangen – an die Universität. Man könnte hier auch von einer ersten Bildungschance sprechen, die einem breiteren (aber durchaus zur Elite gehörenden) Publikum zuteil wurde und das Vorrecht des adeligen Blutes in Frage stellte. Die Studienvoraussetzungen formaler Art beschränkten sich nämlich darauf, dass derjenige, der zu studieren wünschte, getauft, ehelich geboren und unbescholtenen Leumunds war und ein Mindestalter hatte, in dem er fähig war, Verantwortung wahrzunehmen. Zu den tatsächlichen Studierenden zählten aber neben den Adeligen v.a. die Ober- und Mittelschicht aus dem städtischen Bürgertum. Schwinges (1986) unterscheidet neben den Adeligen, für die das Studium in erster Line einer „berufsunspezifischen Sozialqualifikation“ gleichkam (Seifert 1986: 619) und für die akademische Titel von geringer Bedeutung waren, verschiedene, für die Epoche charakteristische Typen von Studierenden. Der häufigste war der „scholaris simplex“, der während maximal zwei Jahren an der artistischen Fakultät Grundkenntnisse erwarb, ohne einen Abschluss zu erlangen. Schon seltener war der Student, der nach rund zweieinhalb Jahren eine artistische Grundausbildung mit dem Grad des „Bakkalaureus“ abschloss, manchmal sogar darüber hinaus studierte und den Magistergrad erreichte. In wenigen Fällen wurde dann das Bakkalaureat einer höheren Fakultät (Jurisprudenz, Medizin oder Theologie) erworben, im besten Fall verbunden mit der Lehrlizenz und der anschliessenden Doktorwürde. Abgänger der Universität (mit und ohne Abschluss) übernahmen nicht selten Funktionen in Verwaltungen und Kirchenbürokratien und forderten bereits im 13. und 14. Jahrhundert den Geburtsadel heraus (Verger 2000).

Gemeinsam war den Studierenden ihre Prägung aufgrund der Bildung. Das relativ einheitliche Sach- und Orientierungswissen, v.a. im Bereich der Jurisprudenz und der Theologie, fand in der „lectio“ (im vom Klosterbetrieb übernommenen 45-Minuten-Rhythmus) ebenso Verbreitung wie die Latinisierung und Standardisierung des Denkens und der Kommunikation (auf Grundlage der Schulung in Grammatik und Logik) (vgl. Weber 2002: 70). Die Studierenden nahmen zum Teil weite Wege auf sich, um in den Genuss universitärer Bildung zu kommen. Die studentische Wanderung war in den meisten Fällen auf das Fehlen einer einschlägigen Ausbildungsstätte in der Region zurückzuführen. So begaben sich bspw. deutsche Studierende und aufstrebende Junggelehrte vor der Errichtung der Universität Köln häufig nach Bologna, Paris oder Padua (Fisch 2015). Die gemeinsame Prägung, die Studierende an den Universitäten erfuhren, wurde durch die studentische Wanderung verbreitet und trug zur Europäisierung bei.

Unterrichtet wurden die Studierenden allerorts von einem Lehrkörper, der mehrheitlich aus Klerikern bestand und aus Pfründen bezahlt wurde. Im Allgemeinen war die Vergütung jedoch nicht prioritär, „Scientia donum Dei est, unde vendi non potest“1 stand im Vordergrund. Oft reichten diese Einkünfte aber kaum, weshalb die Lehrenden von ihren Studierenden „Collectae“ oder Examensgebühren verlangten (Verger 2000). Die Unterrichtenden waren somit immer abhängig von Herrschern und deren Mass an finanzieller Unterstützung. Ganz generell beeinflussten die Herrscher das universitäre Geschehen erheblich. Ihnen stand es zu, die Institutionen privilegiert zu behandeln, d.h. sie etwa bei den Steuern entlasten oder ihnen das Verleihen bestimmter akademischer Grade zu erlauben (Nardi 1993). Ebenso konnten sie Verbote aussprechen, an einer bestimmten Universität zu studieren (Kaiser Friedrich II. etwa verbot 1226 das Studium und die Lehre in Bologna im Zusammenhang mit seiner Absicht, in Neapel Kader fürs Königreich Sizilien auszubilden.) oder wichtige Vorschriften für den höheren Unterricht durchzusetzen (So schickte Papst Georg IX. 1234 Weisungen nach Bologna und nach Paris, wie die Lehre dort auszusehen habe.). In Anbetracht dieser (hier skizzenhaft dargestellten) Macht, die den Herrschern zukam, können Hochschulen bereits in den Anfangszeiten nicht als „autonome Gebilde, sondern müssen als gesellschaftliche Institutionen“ (Prahl 1978: 10) betrachtet werden, die in den damaligen Kontext der Weltmächte Papsttum und Reich eingebunden waren.

In der damaligen Eidgenossenschaft sind bis 1400 keine Universitätsgründungen zu verzeichnen. Gewiss existierten bereits institutionalisierte Gemeinschaften wie etwa religiöse Bruderschaften. Deren Lehrer und Scholaren schlossen sich aber bis 1400 nicht ausserhalb von Abteien oder Bischofskirchen zusammen. Studierende aus der heutigen Schweiz besuchten vorwiegend die bereits gegründeten Universitäten im heutigen Italien und Frankreich.

Humanismus, Konfessionalisierung und Aufklärung und die Universität: 1400–1790

Wegen Ereignissen wie dem Avignoner Exil (1309–1377) und dem Papstschisma (1378–1449) lockerte sich Ende des 14. und anfangs des 15. Jahrhunderts die päpstliche Kontrolle der Universitäten. Von universitären Akteuren entwickelte kirchliche Verfassungstheorien, die u.a. die Wahl des Papsts regelten, und Gutachten weltlicher Art wurden modifiziert. Diese Anpassungen schwächten die bisher enge Verbindung zwischen der Universität und dem Papsttum. Herrschaftlich-staatliche Bedürfnisse rückten in den Vordergrund, wobei es dem Landesherrn und den neuen Herren der Universität darum ging, das universitäre Wissen unmittelbar dem eigenen Land/der eigenen Region nützlich zu machen. Somit fängt das territoriale Zeitalter1 der europäischen Universität in der frühen Neuzeit an (Moraw 1994). Der Landesherr übernahm die vormals von der Kirche ausgeübte Rolle. Infolgedessen entklerikalisierte sich die Universität schrittweise und entwickelte sich zur Laieninstitution, die vermehrt territorial aktiv war. Die Landesherren waren zunehmend daran interessiert, die Landadeligen zu loyalen Anhängern zu erziehen, was eine Erweiterung des Fächerspektrums (Fechten, Tanzen, Artillerie etc.) mit sich brachte. Nach und nach wiesen die bisher der Kirche wegen sehr einheitlichen Universitätsmodelle erhebliche Unterschiede auf.

Kulturelle Bewegungen prägten die frühneuzeitlichen Universitäten massgeblich. Zunächst war es die humanistische Elite, die durch das Wiederaufgreifen antiken Wissens die scholastisch ausgerichteten Professoren herausforderte. Später wurde reformatorisches Gedankengut an die Universität herangetragen und trug zu deren Wiederverkirchlichung und damit auch zur „Wiederbelebung scholastischer Wissenschaftsstrukturen“ bei (Weber 2002: 75). Es folgten konfessionalisierende Bemühungen, mit dem Ziel, die „seit der Glaubensspaltung auseinanderstrebenden christlichen Bekenntnisse zu einem halbwegs stabilen Kirchentum nach Dogma, Verfassung und religiös sittlicher Lebensform geistig und organisatorisch zu festigen“ (Zeeden 1965: 9). Sowohl die Reformation als auch die Konfessionalisierung prägten die Universitäten und deren Entwicklung und Verbreitung in der frühen Neuzeit massgeblich. Etliche Krisen (z.B. die Inflation, die mit dem kolonialen Güterimport und dessen sozioökonomischen Konsequenzen einherging, Hugenottenkriege, französische Expansionskriege) lähmten die universitäre Weiterentwicklung ab 1600 fast gänzlich. Aufruhr, Verunsicherung und Krieg prägten den universitären Betrieb und verunmöglichten es den Akteuren, eine kritisch-verantwortliche intellektuelle Rolle einzunehmen. Das Festhalten am Staat, auch wenn dieser im Krieg war, und an der bewährten Wissenschaft schien die sicherste und am nächsten liegende Haltung.

Mitte des 17. Jahrhunderts prägten frühaufklärerische Gedanken aus ausseruniversitären Kreisen (z.B. Descartes, Leibniz, Newton) die Universität. Sie machten nach und nach die Natur als erforschbares Universum zur Basis aller Erkenntnis (vgl. Stollberg-Rilinger 2000) und kritisierten die Vorstellung von „einer göttlichen und statischen Weltordnung“ (Wollgast 2010: 59). Zwar wehrte sich die Professorenschaft gegen aufgeklärte Gegeneliten, die wie ihre humanistischen Vorgänger fürstlich-staatliche Protektion genossen und sich in Akademien, die vorwiegend Forschung betrieben, zusammenschlossen (Wollgast 2010). Jedoch mussten sämtliche Universitäten der staatlichen Forderung nachkommen und neue „nützliche“ Fächer in ihren Kanon aufnehmen, und allmählich verbreitete sich auch in ihnen aufklärerisches Gedankengut. Für den Fortbestand voraufklärerischer wie auch aufklärerischer Ideen sorgte nicht zuletzt der Medien- und Kommunikationswandel der Neuzeit (North 2001). Die Erfindung des Buchdrucks um 1450 und dessen rasche Verbreitung sowie das ausgebaute Boten- und Postwesen (Behringer 2002) verhalfen dazu, den individuellen Wissensspeicher in den Druck auszulagern und das Lehrbuch massenhaft verfügbar zu machen (vgl. Weber 2002: 78). Bereits um 1600 war der Schriftbestand an den Universitäten ohne System nicht mehr überblickbar.

Zahlenmässig vermehrten sich die universitären Institutionen in der frühen Neuzeit und rückten auch in bisher nicht erfasste Regionen vor. Gab es um 1400 rund 30 Universitäten, so waren es um 1500 bereits doppelt so viele. Um 1600 wurden 110 Universitäten in Europa gezählt. Im 17. Jahrhundert verlangsamte sich das stetige Wachstum – es waren nun etwa 150 Universitäten zu verzeichnen. Im 18. Jahrhundert hielten sich die Gründungen und Aufhebungen etwa die Waage. Bis 1790 wurden 28 Neugründungen gezählt. Die Universitätslandschaft galt nun als gesättigt2. Die prozentuale Zunahme der Anzahl an Universitäten überstieg die prozentuale Zunahme der Bevölkerung.

Aus der Menge universitärer Institutionen kann aber keinesfalls geschlossen werden, dass die Universität eine Institution für die Masse geworden sei; nach wie vor begab sich nur rund 1 % der Bevölkerung an die Universität. Wollten sich Studierende in der frühen Neuzeit immatrikulieren, waren sie dazu verpflichtet, (zum Teil jedes Semester) Gebühren zu zahlen und einen Eid auf die Vorschriften der Universität inklusive deren konfessionelle Ausrichtung abzulegen. Ferner wurden an manchen Orten Abstammungsmerkmale wichtig3. Noch war die Universität, abgesehen von wenigen Ausnahmen, nur von Männern aus adeligen oder bürgerlichen Kreisen frequentiert. Während eine Zeit lang das Fehlen einer regionalen/lokalen Universität für diese den Hauptgrund darstellte, universitäre Bildung in der Ferne zu beanspruchen, ging mit der Verdichtung der Universitätslandschaft die Mobilität an manchen Orten zurück. Zuweilen legte die territoriale Organisation den Studierenden ein Studium an der lokalen Universität nahe; mitunter trug die jeweilige Ausrichtung dazu bei, eine gewisse Studierendenpopulation anzuziehen. Neben jener Mobilität, welche zur universitären Ausbildung an einer bestimmten Institution fern der Heimat gehörte, war in der frühen Neuzeit die bereits erwähnte „Grand Tour“ verbreitet, auf welcher noble junge Männer an verschiedenen Stationen, am liebsten in Universitäts- und Kulturstädten, Halt machten (Cohen 1992; De Ridder-Symoens 1996).

Auch in der frühen Neuzeit waren die Vorlesung (Modus Bononsiensis) wie auch die Vorlesung plus Übung (Modus Parisiensis) die üblichen Lehrformen. Unterrichtssprache war Latein. Aus Bürgersicht gewann das Doktorat an Akzeptanz und wurde bald zum einzigen gültigen Titel. Der Lehrkörper wurde z.T. direkt vom Landesherrn oder aus kirchlichen Ressourcen bezahlt. Nicht selten war das Salär aber karg, weshalb Professoren rege ihnen vorbehaltene Privilegien wie etwa das Braurecht nutzten.

Konzentriert man sich auf die Schweiz und die dortigen Universitätsgründungen in der frühen Neuzeit, steht man wie bei Gründungen anderswo vor dem Problem, das Gründungsjahr zu eruieren. Wie in vorausgehenden Abschnitten geschildert, entstanden Universitäten jeweils im Kontext der Zusammenschlüsse von Bruderschaften. Jede Universität hat eine Vorgeschichte, manche haben eine sehr lange. Ein Moment in der (Vor-)Geschichte einer Universität wurde als genügend gewichtig bewertet, um diesem den Status „Gründungsjahr“ zuzuschreiben4. Dieser muss nicht mit dem Jahr zusammenfallen, in welchem die Institution offiziell als Universität anerkannt wurde und universitären Charakter aufwies5. Wird im Folgenden auf Schweizer Universitäten verwiesen, geschieht dies chronologisch nach dem Kriterium der offiziellen Anerkennung des Universitätsstatus.

Dieser Einteilung zufolge bleibt Basel mit dem Eröffnen des Universitätsbetriebs 1460 bis ins 19. Jahrhundert die einzige Universität auf Schweizer Boden. Sie wurde aufgrund eines Privilegs von Papst Pius II. eröffnet. Das Verleihen von akademischen Graden stand ihr aber dank dem Basler Konzil (1432–1449) bereits davor zu; das „Studium generale“ war schon eingerichtet. Sie glich in ihrer Struktur und dem anfänglichen Lehrangebot (Theologie, Rechtswissenschaften, Medizin) den Uruniversitäten Bologna und Paris. Der internationale Lehrköper mit scholastischen und früh in Basel stationierten humanistischen Grössen (z.B. Erasmus von Rotterdam) strahlte weit über die Universität und die Stadt Basel hinaus. 1529 geriet die Universität der Reformation wegen in eine Krise, Altgläubige wanderten ab, Reformierte blieben oder begaben sich aus dem Ausland nach Basel (Boehm & Müller 1983). Im 17. Jahrhundert wurde die Universität v.a. von einzelnen bürgerlichen Familien gelenkt, aus denen Basler Gelehrtendynastien hervorgingen (z.B. Mathematiker Bernoulli). Im 19. Jahrhundert, nach der kurzen Zeit der Helvetischen Republik (1789–1803), wurde die Universität Basel in die Staatsverwaltung einverleibt. Der kriegerische Konflikt zwischen den beiden Halbkantonen Basel Stadt und Basel Land führte die Universität in eine schwere Krise, bis 1834 dem Kanton Basel Stadt das Universitätsgut zugeteilt wurde. Nach und nach erholte sich die Universität, und die Zahl der Studenten begann wieder zu steigen.

Die sich wandelnde Universität der Moderne (1790–1990)

Die Moderne kann in Bezug auf die Universität als Epoche des Wandels bezeichnet werden. Erst geriet die Universität wegen der Französischen Revolution in eine Krise, die bis nach der Mitte des 19. Jahrhunderts dauerte. In Frankreich erachteten die Revolutionäre die universitären Institutionen als Symbole des alten Regimes, schafften einige kurzerhand ab und gründeten stattdessen Spezialhochschulen. Nach dem Sieg über das napoleonische Reich war aber die Gefahr gebannt, dass es auch ausserhalb Frankreichs zu Abschaffungen kommen würde. Gesamteuropäisch blieb die Anzahl Universitäten gleich, in Nordamerika kam es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer deutlichen Zunahme.

Ab 1880 galt ein von Wilhelm von Humboldt geprägtes neuhumanistisch-idealistisches Curriculum, das sich alsbald (nicht ohne Konflikte) mit Ideen aus Preussen vermengte. Den Preussen war vor allem die Vermittlung von wirtschaftlich und politisch nützlichem Wissen wichtig, Wissen, das der nationalen Bildung und dem Prestige dienlich war. Die Universität und der Staat rückten einander näher. Somit gewann die Ausbildung von Industriepersonal über die bisher angepeilten Eliten hinaus an Bedeutung. Sie erfolge zunehmend auch an Spezialhochschulen (z.B. Technischen Hochschulen). Der Druck, alle junge Menschen rasch und gezielt zu qualifizieren, hatte eine Formalisierung und Reglementierung zur Folge und brachte neue Fragen mit sich, u.a. diejenige nach der voruniversitären Bildung, die nach und nach zur Norm wurde.

Zwischen 1918 und 1945 erfuhren verschiedene Universitäten diverse strukturelle Veränderungen. In Europa waren sie nach dem Ersten Weltkrieg sozial, politisch und finanziell in einer schwierigen Lage1. Zudem bekundeten die zutiefst nationalistisch und monarchisch imprägnierten Professoren (v.a. in Deutschland) Mühe mit den Veränderungen, die diese Jahrzehnte mit sich brachten (z.B. Aufheben des klassischen Vierfakultätenmodells, Heranwachsen eines Mittelbaus). Zwischen den Weltkriegen gab es kaum Neugründungen.

Während dem Zweiten Weltkrieg fungierte die Universität als Institution, die sich dem vorherrschenden politischen Programm im Dritten Reiche unterordnete. Von ernsthafter Kritik daran oder von einem Widerstand gegen die nationalistischen Massnahmen seitens der Universität kann kaum gesprochen werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Europa etliche neue Universitäten gegründet. Dieser Trend hielt bis in die 90er-Jahre an. In Deutschland beispielsweise wuchs der Bestand von 18 Hochschulen im Jahr 1959 auf 60 vor der Wiedervereinigung. Die vielen Neugründungen hatten ein Nebeneinander von halb-privaten, privaten und öffentlichen Bildungsinstitutionen zur Folge, die zwar alle die Bezeichnung „Universität“ verwendeten, aber nur mehr oder weniger weit gehende Graduierungsrechte besassen. Unter den Neugründungen fanden sich auch einige „postnationale Institutionen“, die von mehreren Ländern getragen wurden (z.B. Worlds Maritime University in Malmö, 1983). Die Studierenden nutzten das Angebot rege und schrieben sich trotz des technischen Fortschritts, der die akademische Mobilität hätte erleichtern können, v.a. an lokalen Universitäten ein und querten die Grenzen ihrer Herkunftsländer selten. Ab Ende der 80er-Jahre wurden (auch im Zusammenhang mit dem Mauerfall) Programme geschaffen, welche die akademische Mobilität in Europa fördern sollten (z.B. Erasmus). So wurden die bisher individuell organisierten Wanderungen mehrheitlich von institutionalisierten Mobilitätsformen im Kontext des tertiären Bildungssystems abgelöst (vgl. Wächter 2003; Van Mol 2014).

Anders als in früheren Epochen wurde die moderne Universität immer seltener von der Kirche finanziert. Letztere beschränkte sich darauf, theologische Fakultäten oder Bibliotheken zu unterstützen.

Die Universität büsste an Selbstverwaltung ein. Immer mehr mischte sich der Staat ein, finanzierte die Institution, nahm aber die Professoren und Universitäten in die Pflicht, das Nationalbewusstsein zu stärken.

Sowohl die Studierenden- als auch die Professorenzahlen stiegen in der Moderne an. Bei Letzteren geht man von 1850 bis 1990 von einer Verzehnfachung aus. Seit den 60er-Jahren wurde auch Frauen der Titel der Professorin erteilt, und seit den 70er-Jahren sind auch nebenberufliche Professoren üblich. Während ein Professor um 1880 forschte, Vorlesungen hielt, Seminare in Privatwohnungen durchführte und sich überdies rege am gesellschaftlichen Leben der Universität beteiligte, glichen die Aufgabe von ProfessorInnen um 1990 denjenigen von VerwalterInnen mit Zudienenden. Rund ein Drittel ihrer Arbeitszeit verbrachten sie mit administrativen Aufgaben. Bei den Studierenden war ein noch viel grösserer Anstieg zu verzeichnen, was erhebliche Auswirkungen auf die numerische Proportion von ProfessorInnen und Studierenden hatte und den direkten Kontakt zwischen Lehrkörper und Studierenden verminderte.2

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde von den Studierenden in der Regel ein Abschluss einer höheren Schule erwartet. Dies hatte zur Folge, dass in Europa die Universität lange den Oberschichten vorbehalten blieb. Von einer Massenuniversität kann erst seit den 60er-/70er-Jahren gesprochen werden, als auch andere soziale Schichten sowie die Frauen zahlreich an die Hochschulen gelangten (Van Mol 2014).

Konzentriert man sich auf die Entwicklung der Schweiz, stellt man fest, dass die meisten tertiären Bildungsstätten erst in der Moderne den universitären Status erhielten. Dies muss im Zusammenspiel mit der „Erfindung der Nation“ bzw. mit der Gründung des Bundesstaats 1848 (und mit dessen Vorläufern, dem „Staatenbund“ und der „helvetischen Republik“) gesehen werden (Anderson 1983). Einige dieser Bildungsstätten waren schon vorher aktiv gewesen. Die nachfolgenden Kurzportraits der einzelnen Schweizer Universitäten zeigen, dass den meisten von ihnen in der Moderne die „offizielle Anerkennung des Universitätsstatus“ zugesprochen wurde.

Den Anfang machte Zürich, wo sich im 16. Jahrhundert verschiedene Lehrstühle nach und nach zusammenschlossen. So kamen zu den reformierten Theologen unter Zwingli die Altphilologen und die Naturgeschichtler. Im 18. Jahrhundert stiessen ein staatswissenschaftlicher Lehrstuhl und ein Institut zur medizinisch-chirurgischen Ausbildung dazu. 1833 wurden die Lehrstühle zu Fakultäten erhoben und um eine philosophische Fakultät ergänzt. Somit durfte sich die Stätte offiziell als Universität Zürich bezeichnen. Die akademische Freiheit in der Lehre gehörte zu den neusten Errungenschaften. Die Ordinarien waren vor allem Deutsche. Früh waren auch Frauen zum Studium zugelassen, die vorwiegend aus Russland und Deutschland kamen (Boehm & Müller 1983). Die Universität gewann an Bedeutung, erweiterte sich bis zum und nach dem zweiten Weltkrieg und ist heute die grösste Hochschule der Schweiz (ca. 26000 Studierende, Stand 2013).

In der Stadt Bern wurde ein Jahr später (1834) die Universität Bern gegründet und umfasste die vier klassischen Fakultäten. Ihr vorausgegangen war eine Akademie, die bereits zu Beginn des Jahrhunderts als Fakultät der freien Künste und der Theologie gegolten hatte (Scandola 1984). Ziel der Gründung von 1834 war es, eine Ausbildungsstätte für loyal gesinnte Beamte zu schaffen. Während sich in der Anfangszeit vor allem Schweizer Studierende immatrikulierten, verfügte bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs die Universität über eine internationale Studentenschaft. Ab 1870 gehörten auch Frauen (aus Russland) dazu. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs blieben die Studierenden aus dem Ausland aus, und während des Zweiten Weltkriegs war der universitäre Betrieb eingeschränkt. Ab den 50er-Jahren erfuhr die Universität mehr und mehr Zulauf, und der Bau neuer Gebäude wurde unumgänglich, um die immer grösser werdende Studentenschaft zu unterrichten.

1855 wurde die Eidgenössische Polytechnische Schule in Zürich als erste nationale Hochschule des jungen schweizerischen Bundesstaates eröffnet. Obwohl die Idee einer nationalen Universität bereits vorher diskutiert worden war, befugte erst die Bundesverfassung 1848 die Eidgenossenschaft zur Gründung einer nationalen Institution. Zudem trug die industrielle Epoche zur erfolgreichen Gründung ihr Übriges bei; sie forderte ausgebildete Leute im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich. Die Institution hatte damals fünf Fachschulen (Architektur, Bau- und Maschineningenieurwesen [Ingenieurwesen], Chemie und Forstwissenschaft) sowie eine Abteilung für Mathematik, Naturwissenschaften und allgemeinbildende Fächer. Sie unterstand einem vom Bundesrat ernannten Schulrat. Vor allem ausländische Professoren waren für die Institution von Bedeutung, sie trugen zum über die Hochschule hinaustragenden Ruf bei. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Institution ausgebaut. 1911 wurde die Institution in Eidgenössische Technische Hochschule umgetauft (Gugerli et al. 2005). Im 20. Jahrhundert gewann die Forschung zunehmend an Bedeutung, und Entdeckungen führten zur Eröffnung zahlreicher Abteilungen und Institute (Fleer & Tobler 2012). 1969 übernahm der Bund die Ecole polytechnique de l’Université de Lausanne (EPUL), woraus die zweite eidgenössische Hochschule – die Ecole polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) – im französischsprachigen Teil der Schweiz entstand. Sie ging aus der Ecole spéciale de Lausanne (1853) hervor – einer privaten Stätte für Ingenieure –, die seit 1890 der Universität Lausanne angegliedert gewesen war. Seit 1991 unterliegen beide nationalen Hochschulinstitutionen dem Rat der Eidgenössischen Technischen Hochschulen.

Der Universität Genf, ihr wurde 1873 der Universitätsstatus zugesprochen, ging wie der Berner Universität eine Akademie voraus, die ihrerseits 1559 auf ein humanistisch-theologisches Seminar und ein Collège zurückging. Genf zog als kulturelles Zentrum des frankofonen Protestantismus – mit der prägenden Figur Calvins – zu Beginn Studenten und Humanisten aus den reformierten Gebieten Europas an, was zur Folge hatte, das sich dort eine bemerkenswerte Gelehrtengemeinschaft herausbildete. Im Zuge der Territorialisierung, die ganz Europa beherrschte, wurde die Studentenschaft zunehmend lokaler (Aubert 2009). Während der französischen Herrschaft (1798–1813) konnte die Akademie sich relativ autonom entwickeln und mündete schliesslich 1873 in die Universität, die für die Naturwissenschaft, die Medizin und Linguistik bedeutungsvoll war. Während der beiden Weltkriege gingen die Studierendenzahlen zurück. Auch in Genf reduzierte sich in dieser Zeit die ausländische Studentenschaft erheblich. Ab 1960 überwog die lokale Studentenschaft.

Die Universität Freiburg erhielt 1889 den Universitätsstatus zugesprochen. Ausschlaggebend war Staatsrat Georges Python. Davor – seit 1582, als das Jesuitenkollegium St. Michael gegründet wurde – waren verschiedene Versuche unternommen worden, in Freiburg eine Hohe Schule für Schweizer Katholiken zu eröffnen. Die theologische Prägung wirkte sich auf die dort tätigen Professoren und ihre Studentenschaft aus, die des Katholizismus wegen von ausserhalb der Landesgrenzen den Weg ins zweisprachige Freiburg suchten. Bis in die 1960er-Jahre verstand sich die Universität als katholische Universität und wurde auch als solche wahrgenommen (Altermatt 2009). Erst später verlagerte sich der Schwerpunkt von der Theologie zu den Geisteswissenschaften, gefolgt von den Wirtschafts-, Sozial-, Natur- und Rechtswissenschaften.

Die im Jahre 1890 anerkannte Universität Lausanne geht auf eine protestantische Theologieschule des 16. Jahrhunderts zurück. Sie hatte rasch einen guten Ruf und dementsprechend Zulauf. Aufgrund politischer Unstimmigkeiten wechselte der Rektor 1558 mit dem gesamten Lehrkörper zu Calvin nach Genf. Diese Veränderung hinterliess an der Lausanner Schule bis ins 18. Jahrhundert Spuren. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde auf Französisch gelehrt, die Säkularisierung hielt Einzug, und es wurden drei Fakultäten geschaffen, nämlich die geistes-/naturwissenschaftliche, die theologische und die juristische. Die Universität war zunehmend erfolgreich, was 1890 in die Anerkennung des Universitätsstatus mündete (Musée historique de l’Ancien-Evêché [Hg.] 1987). Das Geschehen an der Universität wurde im 20. Jahrhundert über weite Strecken vom Kanton Waadt reguliert und kontrolliert. Erst ab 2000 gelang es der Universität, mehr Autonomie zu erlangen.

Neuchâtel bekam 1909 den Status einer Universität. Davor war zwei Mal eine Akademie gegründet worden, die jedoch nicht befugt war, Doktortitel zu verleihen, was im Vergleich zu anderen Schweizer Universitäten dem Ansehen von Neuchâtel nicht dienlich war. Obgleich 1909 erst die geistes- und naturwissenschaftliche, die theologische und die rechtswissenschaftliche Fakultät bestanden und eine medizinische Fakultät fehlte, bekam die Institution den Universitätsstatus zugesprochen. In den 60er-Jahren kam die wirtschaftswissenschaftliche Abteilung hinzu; sie wurde der rechtswissenschaftlichen Fakultät angeschlossen, spaltete sich aber 2003 davon ab. Die Universität Neuchâtel wirkte weit über die Kantonsgrenzen hinaus und zog vor allem Studierende aus dem Kanton Jura an. Die Krise in den 70er-Jahren bewirkte eine verstärkte Kollaboration mit anderen Bildungsinstitutionen, v.a. im technischen Bereich (Baumann 2009).

Universitäten um die Wende vom 20. ins 21. Jahrhundert (1990–)

Die Universität wird seit 1990 mehr und mehr von marktwirtschaftlichen Tendenzen bestimmt. Demnach wird sie nach ökonomischen Leitlinien geführt, und ihre Qualität wird nach einer ökonomischen Skala beurteilt. Laut Nida-Rümelin (2010) wird sie zunehmend zur Berufsakademie, die nach Marktlücken sucht und sich an möglichen Berufsfeldern orientiert. Studienangebot, Studierendenzahlen, durchschnittliche Studienzeit, Rankings intra- und internationaler Art und damit verbundene Hoffnungen auf Chancen auf dem Arbeitsmarkt, Erfolg bei Drittmittelanträgen, Forschungsausweis, internationale Kooperationen etc. gelten als Qualitätskriterien. Finanziell müssen sich die Universitäten für gewöhnlich wie privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen ausweisen, auch wenn sie gewisse Anteile von der öffentlichen Hand erhalten.

In Übereinstimmung mit der Tendenz, international wettbewerbsfähig zu sein und der Dienstleistungsorientierung zu entsprechen, wurden 1998 an der Pariser Universität Sorbonne supranationale Kooperationen vereinbart. Die Bildungsminister aus Italien, Frankreich, Deutschland und dem Vereinigten Königreich erklärten, man wolle das enorme Potenzial an den europäischen Hochschulen besser nutzen und die Zusammenarbeit verbessern. Studierende und wissenschaftliches Personal müssten deshalb innerhalb Europas mobil und die jeweiligen Abschlüsse vergleichbar und gegenseitig anerkannt sein. Die sogenannte Sorbonne-Erklärung1 wurde 1999 in Bologna weiterentwickelt. Es bekannten sich bereits 30 europäische Staaten zum Ziel, bis zum Jahr 2010 einen gemeinsamen Hochschulraum zu schaffen. Es folgten zahlreiche Konferenzen, an denen sich immer mehr Staaten beteiligten und sich der Bologna-Reform2 verpflichteten. Zurzeit3 sind es 48 an der Zahl, die gemeinsam für Ziele zur Errichtung des europäischen Hochschulraums und zur Förderung der europäischen Hochschulen weltweit einstehen.

An den Universitäten der beteiligten Länder brachten diese Bestrebungen verschiedene Veränderungen mit sich. Dazu gehören ein einheitliches Leistungspunktesystem zur Förderung grösstmöglicher Mobilität aller an der Universität beteiligten Akteure, vergleichbare Abschlüsse (Bachelor und Master) zur Erlangung einer arbeitsmarktrelevanten Qualifikation, verstärktes europaweites Zusammenarbeiten im Hinblick auf die Erarbeitung vergleichbarer Kriterien und Methoden zur Qualitätssicherung und im Hinblick auf die Entwicklung von Curricula.

In der Schweiz sind in dieser Phase drei Universitäten zu erwähnen.

Die Hochschule St. Gallen für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften erhielt 1995 den offiziellen Universitätsstatus. Ihre Aktivität geht aber aufs Jahr 1898 zurück, als eine Akademie für Handel, Verkehr und Verwaltung gegründet wurde. Die Verkehrskomponente wurde nur sechs Jahre später abgelegt und die Handelskomponente verstärkt (Burmeister & Universität 1998). Somit lag in St. Gallen der Fokus bereits in den Anfängen auf der Ausbildung der Kaufleute für den Welthandel. 1938 erhielt die Institution das Recht auf Verleihung akademischer Grade. Vier Jahrzehnte später kam eine juristische Abteilung hinzu. 1995 wurde die Handeslshochschule zur Universität erhoben. Sie gilt im Wirtschaftsbereich über die Landesgrenzen hinaus als führend. Dementsprechend international ist auch ihre Studentenschaft.

Weiter sind zwei Neugründungen zu verzeichnen. 1996 wurde in der italienischsprachigen Schweiz, dem Tessin, die erste tertiäre Bildungsinstitution gegründet, die Università della Svizzera Italiana (USI). Ihr nun rund 20-jähriges Bestehen hat eine längere, von erfolglosen Gründungsversuchen geprägte Vorgeschichte. 1844 scheiterte ein Projekt, das der Ausbildung zukünftiger Eliten des jungen Kantons hätte dienen sollen. Anfangs des 20. Jahrhunderts wurden universitäre Gründungsprojekte wieder aufgegriffen; diesmal stand die Verteidigung der „Italianità“ im Vordergrund. In der Zwischenkriegszeit kämpften Tessiner, die antifaschistisch eingestellt waren, für eine Universität. In den 70er-Jahren wurde im Tessin erneut diskutiert, endlich eine lokale Universität zu schaffen. Erst 1995 wurde ein Gesetz geschaffen, welches erlaubte, Plänen zur Gründung einer Architekturakademie in Mendrisio und zweier Fakultäten, einer der Wirtschafts- sowie einer der Kommunikationswissenschaften, in Lugano entgegenzukommen und diese zu einer Universität zu vereinen. 1996 wurde die Universität eröffnet. Ihre Studentenschaft stammt mehrheitlich aus dem nahe gelegenen Italien. Nur rund 25 % sind Studierende aus der Region.

In Luzern wurde im Jahr 2000 die Universität Luzern eröffnet. Wie eingangs erwähnt, geht die Vermittlung höherer theologischer Bildung in Luzern auf das 16. Jahrhundert zurück, in welchem das Jesuitenkollegium entstanden war. Dieses zur Akademie auszubauen gelang nicht. Die Tatsache, dass es schon die katholische Universität Freiburg gab, war diesem Projekt nicht dienlich. Weitere Ideen, wie etwa diejenige einer katholischen Universität mit Sitzen in Luzern sowie Freiburg oder aber die einer konfessionsneutralen Zentralschweizer Universität scheiterten. Ab 1973 anerkannte der Bundesrat die theologische Fakultät als beitragsberechtigt. Später ergab sich aus der Kombination des philosophischen Instituts mit dem historischen Lehrstuhl die geisteswissenschaftliche Fakultät. Eine politische Volksabstimmung im Jahr 2000 verhalf schliesslich dazu, die universitäre Hochschule zur Universität anzuheben, die eine theologische, eine rechtswissenschaftliche, eine kultur- und sozialwissenschaftliche und ab Herbst 2016 auch eine wirtschaftswissenschaftliche Fakultät umfasst.

Fazit

Auch wenn die Geschichte der Universitäten nur in Umrissen dargestellt werden konnte, wird daraus ersichtlich, dass die europäische Universität nie eine nach aussen abgekapselte Festung war, wo Genies sich nach Lust und Laune geistig austoben konnten. Die Institution der Universität war vielmehr seit jeher in Bezugs- und Machtverhältnisse eingebunden. Anfänglich waren diese v.a. kirchlicher, später vor allem politischer – zuerst territorialstaatlicher, dann nationalstaatlicher und schliesslich gesellschaftlich-wirtschaftlicher – Natur. Die Universität muss somit als Institution betrachtet werden, die seit den Anfängen einem dominanten Machtapparat zudient, der bestimmt, welche Art von Bildung es zu vermitteln gilt. Auch zeigt dieser knappe Überblick, dass die Machtverhältnisse, in denen die Universitäten sich entwickelten, erhebliche Auswirkungen auf die Herkunft der Studierenden und auf deren Mobilität hatten und haben.

Im Folgenden soll in zwei Unterkapiteln der Mobilität in der Schweiz Beachtung geschenkt werden. Es wird zuerst die Mobilität der akademischen Bildung seit ihren Anfängen umrissen, wobei zum Tragen kommt, inwiefern damals die Sprache bereits eine Rolle spielte. Danach steht die aktuelle Mobilität im Fokus, auch hier mit besonderem Augenmerk auf die Sprache.

2.1.2 Bildungsmobilität in der Schweiz von den universitären Anfängen bis heute

Gyr (1989) stellt fest, dass es vor 1370 bei den eidgenössischen Studenten klare Favoritenuniversitäten gab. Dazu gehörten Bologna, Paris, Orléans und Montpellier. Die Notwendigkeit mobilisierte, die Eidgenossenschaft bot damals noch keine Tertiärbildung. Die Richtung der Mobilität war trotz anderer Möglichkeiten (z.B. Universitäten in Prag und Wien) vorbestimmt. Gemäss Stelling-Michaud (1938: 152) waren die Studenten aus der Eidgenossenschaft „orientés exclusivement vers les pays de langue romane“. Dies veränderte sich auch nach der Gründung der Universität Basel 1460 nicht sogleich. Die in der Ferne weilenden Studierenden kehrten nicht sofort in die Heimat zurück. Geographische Nähe war eben nur ein Argument. „Fachrichtung, Lehrangebot, Lehrkörper, konfessionelle Ausrichtung sowie politische Abkommen“ (Gyr 1989: 37) spielten ebenso eine Rolle. Wie Stelling-Michaud (1938: 153) festhält, bewirkte die Gründung der Basler Universität, „d’augmenter encore le nombre des Suisses dans les universités étrangères, car la nouvelle et vaste clientèle écolière de Bâle, attirée par la proximité du lieu, allait en grande partie poursuivre et terminer ses études dans d’autres pays“. Gyr (1989) verweist ausserdem auf die ausserhäusliche Erziehung als ein durchgängig befolgtes Prinzip, wobei das Aneignen von Fähigkeiten wie auch der Reifeprozess von Bedeutung waren. So sollte der Studierende sich, dank dem Aufenthalt in der Fremde, nicht nur eine Ausbildung aneignen, sondern auch erwachsen werden.

Seit wann genau der Erwerb von Sprachen für die Eidgenossen von Bedeutung war, ist schwierig zu sagen. Sicher ist, dass bis in die Epoche des Humanismus Latein jene europäische Sprache war, welche die an Universitäten Lehrenden und Lernenden ortsunabhängig miteinander verband und von der sie umgebenden städtischen Gesellschaft trennte (vgl. Fisch 2015: 21). Aber auch die Vorrangstellung des Französischen geht weit zurück, wie Bischoff in seinen Schlussfolgerungen zum Fremdsprachenlernen im Mittelalter aufzeigt. „From the twelfth century on, and especially in the thirteenth century, French acquired such a position; it was highly appreciated and its study was eagerly recommended. […] Already in the twelfth century Danish nobles sent their sons to Paris so that they should become familiar with the French language and literature“ (Bischoff 1961: 210). Im 15. Jahrhundert wurden sowohl aus Bern als auch aus Basel Studierende an die Pariser Universität geschickt, auch wegen der Sprache. Anfangs des 16. Jahrhunderts weisen Korrespondenzen, wie etwa diejenige zwischen dem Glarner Heinrich Loriti in Paris und Zwingli in der Eidgenossenschaft explizit auf die Möglichkeit hin, in Paris neben dem Hochschulstudium auch die französische Sprache zu erwerben (Amman 1928). Ebenso zeigen Belege aus Nachbarländern, dass neben dem Erwerb fachlicher Kenntnisse jener einer Fremdsprache mehr und mehr an Bedeutung gewann. Beispielsweise hiess es, deutsche Studierende würden die Universität Orléans nicht nur der Ausbildung, sondern auch der Sprache wegen wählen. So hält Paul Hentzner, ein deutscher Student, in seinem Reisejournal fest: „man spricht dort ein so reines Französisch, dass ‚Orléanisch’ den gleichen Ruf hat wie in der Antike der ‚Attizismus’“ (Babeau 1970: 70). Gemäss Gyr (1989: 44) ist es unklar, wie viele eidgenössische Studenten auch wegen der Sprache nach Paris gesandt wurden, hingegen macht er deutlich, dass es sich nicht um Einzelfälle handelte; vielmehr kündigten sich in solchen Äusserungen Elemente einer neuen Sinngebung des Aufenthalts in der Fremde an, die sich im 17. und 18. Jahrhundert verstärkten.

Aber auch die Schweiz, wo es, abgesehen von Basel, noch keine universitären Angebote gab, genoss eine über die regionalen Grenzen hinausgehende Anziehungskraft. Diese war vor allem klerikaler Natur. So zogen im 16. Jahrhundert katholische Geistliche u.a. aus dem Heiligen Römischen Reich, aus Staaten1, die heute zu Italien gehören, nach Luzern, damals Teil des Landes der Eidgenossen, wo sie als Reaktion auf fortschreitende Reformationsbewegungen das Jesuitenkolleg gründeten (Studhalter 1973). Bis Mitte des 17. Jahrhunderts nahm die Zahl der Studierenden ständig zu. In der Blütezeit besuchten bis zu 600 Studenten das Kollegium oder das später gegründete Lyzeum mit den Abteilungen Theologie und Philosophie (Luzern zählte damals rund 4000 Einwohner.). Dank diesem Bildungsangebot genoss Luzern ein hohes Ansehen über die Stadtgrenzen hinaus. Mit der 1605 von Bischof Johann VI. Fluggi erlassenen Anordnung, Kinder dürften „nicht zu Andersgläubigen in die Lehre, als Dienstboten oder in die Schule“ (Mayer 1914: 380), nahm die Mobilität weiter zu. In Graubünden gab es nämlich damals nur das Kloster in Disentis und die evangelische Nikolaischule in Chur (Maissen 1957). Deswegen kamen im Jesuitenkolleg Luzern im Zeitraum 1588–1778 rund 215 Bündner Studenten in den Genuss ihrer katholischen Schulbildung (Maissen 1957: 106). Mobilität war somit erstrebenswert und sozusagen unumgänglich. Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass ihr auch in einem der „ludi autumnales“ (Herbstspiele), die sehr bedeutungsvoll waren, öffentlich aufgeführt wurden und den Übergang von einem Schuljahr zum andern markierten (Ehret 1921), ein Platz eingeräumt wurde. 1715 handelt das von der „studierende[n] Jugend dess Gymnasii der Gesellschafft Jesu zu Lucern“ verfasste Stück davon, wie Gerold aus Liebe zu Christus die Regierung trotz Widerstand des ihm gut gesinnten Adels und der ihn schätzenden Untertanen an seinen ältesten Sohn übergab, um in das „ober Teutschland“ zu reisen (Jugend dess Gymnasii der Gesellschafft Jesu zu Lucern 1715: s.p.). Aus Sicht der Jesuiten im Kollegium in Luzern – viele davon waren zwecks ihrer theologischen Studien selber mobil geworden – war bildende Mobilität positiv konnotiert und hing direkt mit Glaubensfragen und theologischer Ausbildung zusammen.

Ende des 17. und anfangs des 18. Jahrhunderts wurden junge Männer von Adel aus der heutigen Schweiz wie aus umliegenden Ländern auch zur weltlichen Bildung in die Ferne geschickt, und sie begaben sich auf die „Grand Tour“ 2 (Cohen 1992; Boutier 2006). Ihre Reise, die zwischen drei und fünf Jahren dauerte, führte sie ins Königreich Frankreich, in Regionen des heutigen Italien, ins damalige Heilige Römische Reich und in die Republik der Vereinigten Niederlande. Die Dauer ihrer Tour ermöglichte es ihnen, längere Zeit am selben Ort zu verweilen und diesen kennenzulernen. Aufenthalte in Kulturstädten wie Florenz oder Rom, Universitätsstädten wie Jena oder Rotterdam, Fürsten- und Residenzstädten wie Potsdam oder Wien, ein Besuch auf der Insel Capri oder auf Ischia, die Besichtigung antiker Ausgrabungsstätten auf Sizilien und Erholung in Aachen oder Spa gehörten für gewöhnlich dazu. Von Tutoren begleitet, die der notwendigen Sprachen mächtig waren, übten sich diese jungen Männer zwischen 14 und 20 Jahren in Fertigkeiten wie Fechten, Reiten, Tanzen und bildeten sich beim Besichtigen von Bauten und Betrachten von Gemälden kulturell weiter (Brauer 1959). Ferner wurden ihnen standesgemässe Umgangsformen beigebracht, und sie konnten sich die französische Sprache aneignen (Green 2014). Nach einer solch ausgedehnten Bildungsreise „the young man returned […] polished and accomplished, a complete gentleman“ (Cohen 1992: 242). Mit der „Grand Tour“ verband man aber mehr als das Erlangen spezifischer Fähigkeiten. Michèle Cohen (1992: 242–243) fasst zusammen, welche Vorteile ihr von Autoren der damaligen Epochen zugeschrieben wurden: Howell betonte 1640 die Bereicherung des Geistes, die Verbesserung des Urteilsvermögens, die Verfeinerung der Manieren und überhaupt die Möglichkeit, einen jungen Mann bis zur Perfektion zu formen. Gailhard war 1678 der Überzeugung, dass der junge Mann, indem er reise, die Charaktere von Männern und deren Sitten kennenlerne, was zur Folge habe, dass dieser zum geeigneten Begleiter für jedermann werde. Laut Locke ermöglichte das Reisen den Erwerb anderer Sprachen. Ausserdem unterstrich er, dass man im Allgemeinen weiser werde, wenn man sich mit verschiedenen Sitten, Manieren, Lebensweisen und Menschen auseinandersetze (vgl. Bauman & Briggs 2003). Die von verschiedenen Autoren genannten Vorteile – sie waren allesamt selbst Gereiste und Privilegierte – unterschieden sich kaum voneinander. Fechten, Reiten und Tanzen zählten zu den Kernkompetenzen eines jungen Gentleman. Sitten, Benimm und Geschmack – z.B. „to refine taste and learn to be a Connoisseur“ (Breval 1726) – waren ebenso relevant. Solche Finessen gehörten zu den “marques de distinction“ (Bourdieu 1979), deren Aneignung einem Edelmann nicht verwehrt werden durfte, die ihn auszeichneten und die er sich dank der Mobilität zu eigen machen konnte (Cohen 1992). Darüber hinaus trug die „Grand Tour“ zur Etablierung eines geistigen wie auch kulturellen Netzwerks unter den Privilegierten in Europa bei (Plaschka & Mack 1987).

Verschiedene Faktoren begünstigten die Mobilität: dass dort, wo der Bildungsreisende herkam, ihm entsprechende Bildungsinstitutionen fehlten, dass ihm der Aufenthalt in der Fremde die Möglichkeit bot, eine weitere Sprache zu lernen und dass er in den Genuss einer erwünschten Erziehung kam, die ihm einen gewissen sozialen Aufstieg versprach. Trotz dieser Vorzüge blieben die Werte der Fremdkultur als Erziehungs- und Bildungsmittel nicht unangefochten. In der damaligen Eidgenossenschaft gipfelte diese kritische Haltung in einer Empfehlung, die 1769 von der „Helvetischen Gesellschaft“ abgegeben wurde. Sie regte dazu an, nach Möglichkeit Bildungsreisen und Erziehungsauf­enthalte künftig innerhalb der Landesgrenzen und nicht mehr in Frankreich zu absolvieren (Gyr 2013)3.

Unter anderem führte diese neue Bewertung der „gar Frankreich’schen Kultur“ dazu, dass innerhalb der Eidgenossenschaft eine neue Mobilitätsbewegung entstand, die mit Bildung, Erziehung und Sprache verknüpft war. Diese muss vor dem Hintergrund des breiter werdenden lokalen Bildungsangebots wie auch, im 19. Jahrhundert, vor dem der territorialen Bestrebungen betrachtet werden. So war etwa die Welschlandgängerei (Gyr 1989) verbreitet, die über eine kleine studentische Elite hinausging und sämtliche Schichten erfasste, wobei die Möglichkeit, neben der Ausbildung die französische Sprache zu erlernen, eine erhebliche Rolle spielte. So wurden sogar junge Frauen aus der Deutschschweiz – Frauen waren bis ins späte 19. Jahrhundert mehrheitlich immobil – in die Westschweiz geschickt. Dabei handelte es sich anfangs um Töchter aus bürgerlichen Kreisen, gegen Ende des 19. Jahrhunderts aber auch um Mädchen aus dem bäuerlichen Milieu. Letztere dienten vorwiegend als Volontärinnen im Haushalt oder im Dienstbotenwesen.

Die zunehmende Entwicklung der Nationalstaaten, welche es notwendig machte, dem Staat zudienende Spitzenbeamten an eigenen Universitäten auszubilden, grenzte die Möglichkeiten zur studentischen Mobilität über Landesgrenzen hinweg zusätzlich ein (Rüegg 2010). Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurden Massnahmen ergriffen, um an die „alten Formen“ der Mobilität anzuschliessen (Heinemann & Krametz 2008). Seit den 80-er Jahren entwickelte die Schweizer Hochschulpolitik Förderprogramme, die der globalen wie auch nationalen Mobilität entgegenkamen. Im Zentrum der hochschulpolitischen Bestrebungen standen dabei die europäische Integration und der landesinterne Austausch. Förderprogramme wie CH-Unimobil oder Erasmus zielten darauf ab, Studierenden ein- oder zweisemestrige Gastaufenthalte an anderen tertiären Institutionen inner- oder ausserhalb der Landesgrenzen zu ermöglichen; danach sollten sie ihr Studium an der Heimuniversität fortsetzen. Zu den übergeordneten Zielen der frühen Mobilitätsförderung gehörten erstens der vermehrte Austausch zwischen Hochschulen, Studierenden und Dozierenden, um Forschung und Lehre zu verbessern, Hochschulsysteme zu stärken und einzelne Institutionen konkurrenzfähiger zu machen (Dubach & Schmidlin 2005: 11). Zweitens stand der Zusammenhalt (supra-)regionaler oder -nationaler Räume im Zentrum.

In der „Deklaration von Bologna“, in welcher die europäischen Bildungsminister 1999 ihren Willen zur Schaffung eines europäischen Hochschulraums bekundeten, spielte die Mobilität abermals eine herausragende Rolle. Kurz darauf wurde in der Schweiz für die Jahre 2004 bis 2007 vom Bundesrat der Wunsch geäussert, die binnenschweizerische Mobilität über die Sprachraumgrenzen hinweg massgeblich zu unterstützen (Dubach & Schmidlin 2005). Dieser verstärkt politische Blick auf studentische Mobilität muss im Zusammenhang mit einem dritten Ziel betrachtet werden, welches die zwei oben genannten nach und nach ablöste. Ab 2000 standen vermehrt die Tauglichkeit im ökonomischen Wettbewerb und die Förderung des wirtschaftlichen Wachstums im Zentrum (vgl. Dixon 2006).

Indem man erklärte, sich für die Mobilität im Hochschulwesen einzusetzen, bemühte man sich auch, Mobilitätshindernisse aller Art aus dem Weg zu räumen. Dementsprechend gross war die Bestürzung, als nur einige Jahre später, im Februar 2014, die Masseneinwanderungsinitiative von der Mehrheit des Schweizer Volks angenommen wurde und u.a. den Zugang zum internationalen Austauschprogramm Erasmus+ für Studierende in der Schweiz in Frage stellte. Dieses Abstimmungsresultat erhitzte die Köpfe und setzte eine grundlegende Diskussion über die studentische Mobilität in Gang, eine Diskussion, in der in verdichteter Form ersichtlich wurde, welche Vorteile welcher studentischen Mobilität heutzutage zugeschrieben werden. VertreterInnen verschiedener tertiärer Bildungs- und Forschungsinstitutionen hielten in einem Appell4 fest, weshalb die studentische Mobilität erhalten bleiben sollte und welche fatalen Folgen deren Aufhebung für die Studierenden und das Land insgesamt mit sich bringen würde. So wiesen die VerfasserInnen darauf hin, dass „der Austausch von Studierenden und Forschenden, von Wissen und Know-how […] seit jeher eine Selbstverständlichkeit für Hochschulangehörige und eine unabdingbare Voraussetzung für die hohe Qualität von Lehre und Forschung“ sei (ebd.). Weiter wurde die generelle „Bedeutung des Austauschs für den Wissensplatz Schweiz wie auch für die Volkswirtschaft“ hervorgehoben. Auch andere Organisationen – darunter der Verband der Schweizer Studierendenschaften – äusserten in einem offenen Brief5 „an die Schweizer Regierung und die EU in Folge des Bekanntwerdens der ersten Konsequenzen nach Annahme der Initiative gegen Masseneinwanderung in der Schweiz [sic]“ gemeinsam ihre Bedenken und baten die EmpfängerInnen nachdrücklich darum, alles zu tun, damit nicht die Jugendlichen die Folgen dieses Volksentscheids „ausbaden müssten“. Auch sie unterstrichen darin die Bedeutung der studentischen Mobilität. Es wurde festgehalten, dass sie den für einige Zeit im Ausland Studierenden ermögliche, „andere Kulturen zu entdecken und Verständnis für andere Sichtweisen zu wecken“. Weiter stärke die „Mobilität […] Selbstbewusstsein, Eigenständigkeit, Verantwortungsgefühl, Offenheit, Kreativität und vernetztes Denken.“ Während sich in Erfahrungsberichten von Studierenden, die einen Teil ihres Studiums anderswo absolvierten, ähnliche Argumente fanden (Luca beispielsweise schrieb über seinen Aufenthalt in Bologna, wo er im Semester vor der Sistierung des Programms studierte: „Der Austausch mit vielen Studenten aus aller Welt, sowie der lokalen Bevölkerung gibt einem ganz viele neue Perspektiven für das Leben [sic]. Für mich war es die beste Lebensschule!“6), betonten Befürworter der Initiative gegen Masseneinwanderung die Möglichkeit zur Mobilität innerhalb des Landes über Sprachgrenzen hinweg und die Stärkung des Zusammenhalts verschiedensprachiger Landesteile. Ob pro oder contra, im Zusammenhang mit der Abstimmung wurde von den in der Tertiärbildung Lehrenden, Studierenden und politischen Akteuren studentische Mobilität als gewinnbringend beschrieben.

Neben jener Mobilität, zu der Studierende, die an einen Gastaufenthalt denken, ermutigt werden, sind in der Schweiz weitere Formen von Mobilität zu finden. Zu ihnen zählt u.a. die Mobilität von Studierenden, die sich regulär an einer Schweizer Universität immatrikulieren und des Studiums wegen ihre Heimatregion verlassen. Dies ist nicht selten der Fall. Die 12 tertiären Institutionen sind vorwiegend in urbanen Gegenden des Landes zu finden; sie werden auch von StudienbeginnerInnen aus ländlichen Regionen zwecks akademischer Bildung aufgesucht. Darunter finden sich auch jene mobilen Studierenden, die mit dem Studienbeginn nicht nur ihre Heimat-, sondern auch ihre Sprachregion verlassen. Diesen Studierenden und ihrer Mobilität gilt das Hauptinteresse dieser Arbeit.

Ähnlich wie bei Gastaufenthalten von kurzer Dauer werden der Langzeitmobilität gewisse Vorteile zugeschrieben, und sie wird von verschiedenen Akteuren in der Schweizer Hochschullandschaft propagiert. Zum Teil überschneiden sich die Argumente, die für ein Studium in einer anderen Sprachregion des Landes sprechen, mit denjenigen, welche universitäre Einrichtungen an Studierende richten, die sich für einen Gastaufenthalt von kür­zerer Dauer interessieren. Andere Argumente hingegen kommen nur bei der Propaganda vor, die auf Studierende zielt, die sich für Langzeitmobilität über intranationale Sprachgrenzen hinweg interessieren. So umwirbt beispielsweise die noch junge Universität Luzern, die in der deutschsprachigen Zentralschweiz situiert ist, seit einigen Jahren Studierende aus der italienischsprachigen Schweiz. Sie hebt hervor, weshalb ein Studium in Luzern für diese Studierenden besonders geeignet und demzufolge die Mobilität in Richtung Luzern lohnenswert sei. Laut dem Manager der juristischen Fakultät wird den italienischsprachigen Studierenden etwa der Start erleichtert, indem die sprachliche Hürde gesenkt wird (Plädoyer, Mai 2010: 25). So wird etwa im ersten Semester eine Einführungsveranstaltung in italienischer Sprache abgehalten. Giovanni, einer von zahlreichen Tessinern, die in Luzern Jus studieren, bestätigt dies. „Nella nostra Facoltà gli studenti ticinesi sono facilitati nel superamento della barriera linguistica del tedesco grazie a ottimi corsi di introduzione“ (in unserer Fakultät werden die Tessiner Studierenden beim Überwinden der Sprachbarriere dank ausgezeichneten Einführungskursen unterstützt) (Broschüre der juristischen Fakultät Luzern 2011). Mobilitätsanreize für Studierende wie Giovanni, d.h. für regulär immatrikulierte Studierende aus Sprachregionen, die ausserhalb der Sprachregion liegen, zu welcher der Universitätsstandort gehört, haben sich in den letzten Jahren in der schweizerischen Hochschullandschaft etabliert. Zunehmend dient in diesem Kontext das Thema Sprache dazu, um Mobilität zu werben oder in der Mobilitätssituation Hilfe anzubieten, eine Unterstützung, die es Studierenden erleichtern soll, mit der Mobilität einhergehende Schwierigkeiten zu bewältigen (vgl. Kapitel 4).

Die im Vorausgehenden gemachten Ausführungen historischer und aktueller Art sind insofern uneinheitlich, als sich die Kontexte unterscheiden, in denen Mobilität zum Thema wird und dementsprechend die Gründe für die Reise nach bzw. für den Aufenthalt in einem fremden Studienort sowie die der Mobilität attestierten Vorteile variieren. Dennoch wird aus dieser Darstellung ersichtlich, dass Mobilität und Bildung privilegierter junger Leute – Kleriker, Edelleute und Studierende an Universitäten – seit dem Hochmittelalter zusammenhängen.

Wie bereits angedeutet, setzt sich diese Arbeit mit der gegenwärtigen Mobilität auseinander. Allerdings wird sie dort, wo die Vergangenheit bis ins aktuelle Geschehen nachwirkt, in den anschliessenden Kapiteln auf jene zurückverweisen. Ferner: Wie der Rückblick in die Geschichte der Bildungsmobilität erkennen lässt, sind die Diskurse und Praktiken von heute nicht durchwegs neu.

2.1.3 Die aktuelle Binnenmobilität der Schweizer Studierenden: einige Zahlen

Nach dieser Rückschau auf die Geschichte der Bildungsmobilität geht es im Folgenden darum, ein Bild der aktuellen Mobilität der Hochschulstudierenden innerhalb der Schweiz zu zeichnen. Dabei ist die Mobilität über Sprachgrenzen hinweg im Fokus. Es wird dargestellt, welche und wie viele Studierende1 ihre Sprachregion verlassen und anderswo ein Studium absolvieren2. Diese Übersicht ist vorwiegend deskriptiver Natur und stützt sich auf Zahlen des Schweizer Bundesamts für Statistik (BFS). Es ist zu beachten, dass die Erstsprachen der MaturandInnen nicht erfasst werden, sondern die Zahlen nur Aufschluss darüber geben, in welchem Kanton sie vor dem Erlangen ihrer Studienreife – also der Matura – wohnhaft waren. Daraus kann man zwar meist3 folgern, in welcher dominanten Sprache die SchülerInnen beschult wurden, jedoch nicht, ob z.B. in ihrem sozialen Netzwerk Anderssprachige vorkommen (u.a. solche, die der Sprache des gewählten Studienorts mächtig sind) oder ob sie erst kurz vor Studienbeginn in den Kanton, wo sie wohnen, gezogen sind. Haben sie ihren Wohnsitz in einem mehrsprachigen Kanton (z.B. im Kanton Bern), so wird nicht immer deutlich, welche Sprache an ihrem Gymnasium Erstsprache war. An manchen Orten wird auch die bilinguale Matura angeboten. Wird eine Universität als „zweisprachig“ (etwa Freiburg) bezeichnet, bedeutet dies, dass es im Kanton, wo sie sich befindet, zwei Amtssprachen gibt und auch an der Universität in diesen Sprachen gelehrt wird. Nicht jeder offizielle zweisprachige Kanton verfügt jedoch über eine zweisprachige Universität. An der Universität Bern (Im Kanton Bern gehören Deutsch und Französisch zu den offiziellen Amtssprachen.) wird dem Französischen nicht der amtliche Status beigemessen4.

Wie die Bezeichnung der Figure 1 bereits sagt, widerspiegelt die Abbildung die Verteilung der Hauptsprachen in den Kantonen. Diejenigen Sprachen, die nicht diesen Status geniessen bzw. zu „klein“ sind (wie etwa die Landessprache Rätoromanisch), sind unter „andere Sprachen“ zusammengefasst (vgl. Legende). Dies soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass unter diesem Sammelbegriff ein beachtlicher Teil der in der Schweiz gesprochenen Sprachen (und damit diejenigen, welche sie sprechen) anzusiedeln ist5.


Figure 1: Verteilung der Hauptsprachen in den Kantonen 2010

Trotz dieser Ungenauigkeiten ist eine solche nationale Übersicht sinnvoll. Sie soll dazu beitragen, die Mobilität der Studierenden aus dem italienischsprachigen Tessin – um die es in erster Linie geht – derjenigen von MaturandInnen aus anderen Kantonen bzw. Sprachregionen gegenüberzustellen. Die Darstellung soll Aufschluss über das aktuelle binnenschweizerische Mobilitätsverhalten geben, wobei unter „aktuell“ die drei vergangenen Jahrzehnte zu verstehen sind (1980 bis 2013). Diese Zeitspanne ermöglicht es, das gegenwärtige Mobilitätsverhalten der Studierenden zu erfassen, ohne die Gründungen der zwei jüngsten Universitäten (Universität Luzern 2000 gegründet, Università della Svizzera Italiana 1996 gegründet) zu unterschlagen. Zudem sind die Daten erst seit 1980 (und bis 2013) in dieser Form aufbereitet und verfügbar.

Um die Übersicht zu erleichtern, werden die Zahlen in den meisten Fällen in Prozentwerten ausgedrückt. An einzelnen Stellen – dort, wo für die Lesenden eine solche Angabe wichtig ist – sind die absoluten Werte genannt. Es muss vorausgeschickt werden, dass in der Schweiz im Vergleich mit den Nachbarländern die gymnasiale Maturitätsquote tief ist6. Diese hat sich jedoch in der Schweiz von 1980 bis 2013 verdoppelt. 1980 lag sie auf den Jahrgang bezogen bei 10,6 %. 2013 legte jede/r 5. junge Erwachsene eine gymnasiale Maturaprüfung ab (Stand 2013, BFS). Dabei unterscheidet sich die Situation in den Kantonen stark; so findet man im Kanton Glarus eine Quote von gut 10 % vor, während im Tessin und in Basel Stadt ca. 30 % der Jugendlichen die Maturareife erlangen (BFS, 2013). Diese Differenzen beruhen einerseits auf

traditionellen Bildungsmodellen, wonach in den Kantonen der Westschweiz eher der akademische Bildungsweg favorisiert wurde, während in der Deutschschweiz die Berufsbildung einen sehr hohen Stellenwert innehatte. Andererseits sind die weniger dicht besiedelten Kantone, z.B. [diejenigen] der Innerschweiz, eher von populations- bzw. migrationsbedingten Schwankungen betroffen, was die gymnasiale Maturitätsquote in diesen Kantonen von Jahr zu Jahr stark schwanken lässt. (BFS, 20137)8

Französischsprachige Kantone

Im Folgenden soll erst beschrieben werden, wo Studierende, die vor ihrer Matura in einem mehrheitlich französischsprachigen Kanton wohnhaft waren, ihre tertiäre Ausbildung absolvieren. Als französischsprachige Kantone wurden Genf, Waadt, Neuenburg und Jura klassifiziert, was der vom Bundesamt für Statistik vorgenommenen Einteilung entspricht. Es ist erneut darauf hinzuweisen, dass dies der Realität nicht gerecht wird und auf die vom BFS erfassten Daten zurückzuführen ist. Hat jemand seinen Wohnort in einem offiziell französischsprachigen Kanton, ist er nicht zwingend französischsprachig.

Die vom BFS zur Verfügung gestellten Übersichten zeigen, dass die Mobilität der Studierenden der vier französischsprachigen Kantone im betrachteten Zeitraum (1980–2013) leicht zugenommen hat. Eine genauere Betrachtung ergibt, dass diese Zunahme vorwiegend innerhalb der Sprachregion, aber über die Kantonsgrenzen hinaus zu verzeichnen ist. So absolvierten 77.18 % der WaadtländerInnen1 1980 ihr Studium im Kanton, entweder an der kantonalen Universität (63.93 %) oder an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (EPFL2) (13.25 %) in Lausanne. 2013 sind es zusammen noch 71.82 %; der Anteil Studierender an der Universität Lausanne liegt noch bei 54,27 % und steigt an der EPFL auf 17.55 %. Für die Universität Neuenburg hatten sich 1980 60.2 % der NeuenburgerInnen entschieden. Bis 2013 sank diese Zahl auf 46.18 %. 1980 absolvierten 88.88 % der GenferInnen ihr Studium an der lokalen Universität Genf, 2013 sind es noch 72.64 %. Im Jura ist die Situation insofern anders, als es keine kantonale Universität gibt und junge Erwachsene im Hinblick auf eine Ausbildung auf der Tertiärstufe immer schon gezwungen waren, ihren Heimatkanton zu verlassen. 1980 studierten 24.34 % der JurassierInnen in Genf, 28.5 % in Lausanne (21.27 % an der Universität, 6.8 % an der EPFL), 22.81 % in Neuchâtel und 6.14 % an der zweisprachigen Universität Freiburg. Somit verliessen 81.8 % der JurassierInnen den Kanton, ohne unbedingt die Sprachgrenze zu überschreiten. 2013 sind es 88.63 %, die sich für eine französischsprachige bzw. zweisprachige (inkl. Fribourg) Universität entscheiden. Dennoch scheint es, als wanderten verhältnismässig viele jurassische Studierende über Sprachgrenzen hinweg. So fanden sich 1980 an der Berner Universität 8.77 %, an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich 6.58 % und an der Basler Universität 2.63 % der JurassierInnen. Vermutlich spielte da der 1980 vergleichbar hohe Anteil Deutschsprachiger (rund 10 %) eine Rolle. Andere Faktoren wie die Geschichte des Kantons Jura3 und dessen Nachbarschaft zu (auch anderssprachigen) Kantonen waren aber vermutlich ebenso relevant. 2013 sind jurassische Studierende im Vergleich zu anderen französischsprachigen Studierenden nach wie vor gut an deutschsprachigen Universitäten vertreten. Ihre Zahl ist aber gesunken (von 18.64 % auf 10.06 %).

Während die junge Universität Luzern auf das Mobilitätsverhalten der jurassischen Studierenden bisher wenig Einfluss hat – es wird sich zeigen, ob sich dies mit der dort geplanten wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in Zukunft ändert – hat die Università della Svizzera Italiana einen kleinen Studierendenstamm, der aus der französischsprachigen Schweiz ins Tessin wandert (2013 waren 54 Studierende aus den vier Kantonen an der USI immatrikuliert4).

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Mobilität der Studierenden aus den erwähnten Kantonen gestiegen ist, allerdings ist ihr Zuwachs eher über Kantonsgrenzen und nicht über Sprachgrenzen hinweg zu verzeichnen.

Deutschsprachige Kantone

In der Deutschschweiz ist die Situation ähnlich. 17 Kantone gelten offiziell als deutschsprachig. Beispielhaft werden die Zahlen einiger Kantone kommentiert, um ein Bild des Mobilitätsverhaltens derjenigen MaturandInnen zu erlangen, die vor ihrem Studienbeginn in einem dieser 17 Kantone ihren Wohnsitz hatten.

Die Studierenden aus dem Kanton Basel-Stadt – einem Universitätskanton – sind im Vergleich zu 1980 mobiler geworden. Es wählen gut 10 % weniger Studierende den Maturitätskanton als Studienort (BFS, 2013). Ihre Mobilität nimmt innerhalb der Deutschschweiz zu, d.h. es studieren mehr BaslerInnen an den Universitäten Zürich, Bern, St. Gallen und an der ETHZ. Auch an der Universität Luzern und an der USI sind seit deren Gründung einige Studierende aus Basel-Stadt immatrikuliert1. An den französischsprachigen Universitäten ist der Anteil leicht gesunken. So waren 1980 in Genf 1.74 % der BaslerInnen immatrikuliert, 2013 sind es noch 0.56 %. Ähnlich ist die Situation in Neuchâtel. In Lausanne (EPFL und Universität) bleiben die Zahlen in den drei Jahrzehnten stabil.

Im Kanton Zürich haben die lokalen MaturandInnen die Wahl zwischen der ETHZ und der Universität Zürich. Seit 1980 hat ihre Mobilität ebenfalls zugenommen, und wie auch in Basel-Stadt zeichnet sich diese Zunahme vor allem an deutschsprachigen Hochschulen ab. Waren 1980 über 92 % an einer der Hochschulen in Zürich immatrikuliert, beläuft sich ihr Anteil 2013 noch auf gut 80 %. In SG, BE, BS nimmt ihr Anteil dafür zu. In den französischsprachigen Regionen sind im betrachteten Zeitraum kaum Veränderungen feststellbar.

Im Kanton Thurgau, wo die Studierenden aufgrund des fehlenden Hochschulangebots seit jeher zur Mobilität gezwungen waren, hat sich die Situation in den letzten drei Jahrzehnten kaum verändert. Die Mehrheit der Studierenden wählt eine deutschsprachige Universität (1980 94 %, 2013 93 %), rund 2 % studiert an einer französischsprachigen Hochschule und rund 4 % an der Universität Freiburg. Einzig neu ist, dass 2013 rund 1 % der Studierenden andere tertiäre Universitäten ausserhalb der Landesgrenzen gewählt hat2.

Die Neugründung der Universität Luzern beeinflusst v.a. das Mobilitätsverhalten der Innerschweizer Studierenden. So absolvieren Studierende aus Luzern (14.67 %), Nidwalden (14.35 %), Uri (13.62 %), Obwalden (10.31 %) und Zug (9.7 %) ihr Studium an der jüngsten Universität der Schweiz. Die Università della Svizzera Italiana wird nur von einzelnen Studierenden aus der Deutschschweiz besucht (2013 sind es vier an der Zahl).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Studierende aus deutschsprachigen Kantonen ihr Mobilitätsverhalten zum Teil innerhalb der Sprachregion zwar verändern (z.B. wegen des tertiären Angebots in Luzern), intra-nationale Sprachgrenzen aber in diesem Zeitraum nicht zunehmend überqueren. Gesamthaft nimmt die Mobilität aus der Deutschschweiz über Sprachgrenzen hinweg sogar etwas ab.

Zweisprachige Kantone

Das Mobilitätsverhalten der Studierenden in den drei zweisprachigen Kantonen Bern (Deutsch 85.1 %, Französisch 10.6 %, Italienisch 2.9 %, Englisch 3.0 %), Wallis (Deutsch 26.5 %, Französisch 67.4 %, Italienisch 3.8 %) und Freiburg (Deutsch 28.8 %, Französisch 68.5 %, Italienisch 2.5 %) muss einzeln betrachtet werden. Von diesen Kantonen verfügen nicht alle über eine tertiäre Institution.

1980 studierten 86.44 % der Studierenden aus dem Kanton Bern an einer deutschsprachigen Universität; 2013 sind es noch 79.12 %. Der Anteil der BernerInnen, die ein Studium an einer französischsprachigen Universität absolvieren, ändert sich wenig. Hingegen sind 2013 10.19 % der Berner Studierenden in Freiburg immatrikuliert, 1980 waren es 3.62 %. Nach Luzern geht rund 1 % der BernerInnen.

Auch die FreiburgerInnen werden gesamthaft in den drei Jahrzehnten etwas mobiler. Waren 1980 64.45 % an der kantonalen Universität immatrikuliert, sind es 2013 noch 55.49 %. Die rund 9 %, die sich 2013 für ein ausserkantonales Studium entscheiden, verteilen sich gleichmässig auf die deutschsprachigen und französischsprachigen Universitäten.

Im Wallis, einem Kanton ohne eigene Hochschule, hat sich punkto Mobilität über Sprachgrenzen hinweg wenig verändert1. So wählten z.B. 1980 51.63 % eine Universität in der französischsprachigen Schweiz, 2013 sind es 50.57 %. Rund 30 % entscheiden sich für eine deutschsprachige Universität, und rund 20 % sind an der zweisprachigen Universität Freiburg immatrikuliert.

Dreisprachiger Kanton Graubünden

Im dreisprachigen Kanton Graubünden (Deutsch 74.6 %, Italienisch 12 %, Rätoromanisch 15.2 %1) bleibt das Mobilitätsverhalten seit 1980 stabil. Es studierten und studieren jährlich rund 90 % an einer Hochschule in der Deutschschweiz. In Luzern nimmt der Anteil Studierender aus Graubünden seit der Universitätsgründung zu, 2013 beträgt er 3.24 %. Die Quote der BündnerInnen an der zweisprachigen Universität Freiburg geht etwas zurück (im Jahr 2000 betrug sie 9.68 %, 2013 5.49 %). Der Anteil bündnerischer Studierender an französischsprachigen Hochschulen hat sich seit 1980 kaum verändert (2–4 %). Seit der Universitätsgründung im Tessin studieren jährlich einige junge Erwachsene aus dem Kanton Graubünden an der dortigen Universität (rund 1 %).

Italienischsprachiger Kanton Tessin

Im Besonderen widmet sich die Arbeit Studierenden wie der eingangs erwähnten Stefania, also Studierenden aus der italienischsprachigen Region, die des Studiums wegen in die Deutschschweiz migrieren. Deshalb wird im Folgenden das Tessin etwas genauer beschrieben.

Table 1 zeigt, an welcher Universität sich prozentual wie viele Studierende einschreiben, die vor Studienbeginn im Kanton Tessin wohnhaft waren und dort ihre Matura machten. Die Auswahl der dargestellten Jahrgänge hängt mit der Veränderung der Hochschullandschaft zusammen. In der letzten Zeile wird die gesamte Anzahl Studierender aufgeführt, welche sich an einer Schweizer Hochschule immatrikuliert haben und vor Studienbeginn im Tessin wohnhaft gewesen waren. Dazu zählen StudienbeginnerInnen wie auch Studierende, die beispielsweise ihr Masterstudium absolvieren. Das aufgeführte Total enthält aber nicht alle Studierenden aus dem Tessin; so sind beispielsweise Studierende an Fachhochschulen oder an einer Pädagogischen Hochschule nicht eingeschlossen.

1980 lag die Tessiner Maturitätsquote bei 17.0 %. Während rund 52 % der TessinerInnen an einer Universität in der Deutschschweiz1 eingeschrieben waren, betrug ihr Anteil in der Westschweiz 40 %. An der zweisprachigen Universität Fribourg – an der Sprachgrenze situiert – studierten zu jener Zeit 9 % der TISU. 1980 waren sämtliche (2235) TISUs gezwungen, den Kanton der universitären Ausbildung wegen zu verlassen. Es war aber damals im Tessin bereits möglich, an einer Fachhochschule oder Pädagogischen Hochschule zu studieren.

16 Jahre später, also 1996, nach der Gründung der Università della Svizzera Italiana, hatten jene Tessiner MaturandInnen, welche an einer Schweizer Hochschule zu studieren wünschten, die Möglichkeit, in ihrem Kanton zu bleiben. 4.72 % nahmen diese Chance wahr. 44.96 % hielten sich ihres Studiums wegen in der Deutschschweiz auf, während 29.47 % an einer französischsprachigen Universität und 20.84 % an der zweisprachigen Universität Freiburg immatrikuliert waren.

Im Jahr 2000 studierten 15.24 % der TISU an der halbprivaten Universität im Tessin, d.h. gut drei Mal so viel wie im Gründungsjahr. Die Gründung der Universität Luzern hatte vorerst keinen Einfluss auf das Tessiner Mobilitätsverhalten – die Zahlen unterschieden sich kaum von denen in vorausgehenden Jahren, als die theologische Ausbildung in Luzern bereits möglich war. 37.48 % absolvierten ihr Studium in der Deutschschweiz, 31.69 % in der Westschweiz und rund 15 % der TISU waren in Freiburg vorzufinden.

2005 sah die Verteilung sehr ähnlich aus. 35.41 % der TISU waren an Deutschschweizer Universitäten immatrikuliert – davon 0.47 % der TISU an der fünf Jahre zuvor gegründeten Universität Luzern – während 30 % an Westschweizer Universitäten ihr Studium absolvierten. An der zweisprachigen Universität Fribourg hielten sich 16 % der TISU auf, und 18.48 % blieben im italienischsprachigen Tessin.

Abgesehen von der gymnasialen Maturitätsquote, die 2013 im Tessin bei 28.9 % liegt und somit dem Schweizer Spitzenwert entspricht (wenig tiefer liegen die Quoten in Basel Stadt und Genf), unterscheidet sich die Verteilung auch in diesem Jahr kaum von den Verteilungen der vorausgehenden Jahre. 2013 steigt der Anteil TISU in der Deutschschweiz auf 38.9 %, während er in der Westschweiz auf 27.89 % sinkt. An der Universität Freiburg studieren 17.63 % der TISU, und an der italienischsprachigen Universität scheint sich die Zahl der einheimischen Studierenden bei 15.25 % einigermassen eingependelt zu haben. Bemerkenswert mag sein, dass 2.78 % der TISU in Luzern vorzufinden sind, was seit dem Gründungsjahr 2000 ein verhältnismässig rascher Anstieg der Tessiner Studierendenpopulation darstellt.

Abschliessend sei festgehalten, dass im beschriebenen Zeitraum die TISU ein unstetigeres Mobilitätsverhalten aufweisen als Studierende anderer Herkunftskantone. Wer tertiäre Bildung geniessen wollte, musste das Tessin bis vor zwanzig Jahren verlassen. Ein universitäres Studium auf Italienisch war innerhalb der Schweiz nicht möglich. Das Angebot der USI ab deren Gründung 1996 stoppt die Mobilität einiger TessinerInnen, was sich auf den Anteil TISU in der Deutsch- und Westschweiz auswirkt. Allerdings kehrt ein Anteil von über 80 % der TISU dem Tessin nach wie vor den Rücken. Diese Beständigkeit des Mobilitätsverhaltens könnte auf das beschränkte Studienangebot der USI2 zurückgeführt werden. Allerdings entscheiden sich TessinerInnen auch dafür, ein im Tessin angebotenes Fach in einer anderen Sprachregion der Schweiz zu studieren und somit für die Mobilität. Mit der Möglichkeit einer italienischsprachigen Hochschulbildung wird nicht nur die Mobilität der TISU in einen neuen Blickwinkel gerückt, auch das Verhalten einiger Universitäten ausserhalb des Tessins verändert sich, wie später aufgezeigt werden soll (Kapitel 4).


Table 1: Studierende aus dem Tessin und ihre intranationale Mobilität

Zusammenfassung

StudienbeginnerInnen in der Schweiz entscheiden sich vorwiegend für universitäre Institutionen innerhalb der Landesgrenzen1. Auch zeigt sich, dass die damit verbundene Mobilität über die Kantonsgrenze hinaus bei den Studie­renden, die im französisch- bzw. im deutschsprachigen Teil der Schweiz ihre Matura erlangen, im betrachteten Zeitraum gestiegen, jedoch nicht mit einem Wechsel in eine Region verbunden ist, in der eine andere Landessprache dominiert. Auch in den zwei- oder dreisprachigen Kantonen hat sich die Situation nicht stark verändert. Keine der neuen Universitäten (LU oder USI) spielen hier eine dominante Rolle. Im italienischsprachigen Tessin sieht die Situation anders aus. Während vor 1996 sämtliche Studierende die Region verlassen mussten, entscheiden sich 2013 rund 15 % der lokalen MaturandInnen für ein Studium im Kanton. Vergleicht man diesen Anteil mit den einschlägigen Anteilen der Studierenden aus anderen Universitätskantonen, so fällt auf, dass der Mobilitätsanteil trotz universitärem Bildungsangebot hoch ist. Die TessinerInnen bevorzugen ein ausserkantonales Studium. Mit dieser Entscheidung ist immer auch ein Wechsel der Umgebungssprache verbunden2. Die TessinerInnen setzen sich während ihres Studiums entweder mit Französisch, mit Deutsch oder mit beiden Sprachen auseinander. Wie bereits angekündigt, wird in dieser Arbeit ihre studentische Wanderung in die Deutschschweiz fokussiert.

2.2 Theoretisch-methodischer Rahmen

Diese Arbeit ist nicht die erste, die sich der aktuellen studentischen Mobilität widmet. In den folgenden Abschnitten wird dargelegt, mit welchen Aspekten sich vorausgehende Untersuchungen auseinandersetzten. Im Anschluss an diesen Überblick wird aufgezeigt, welche Forschungslücken bestehen und wie dieses Projekt das Fehlende berücksichtigen will. Weiter wird deutlich gemacht, wie sich diese Arbeit positioniert und welche Forschungsfragen sie mithilfe von welchen Daten und Methoden beantworten will. Schliesslich werden drei theoretische Konzepte eingeführt, die diesem Vorhaben dienlich sind.

2.2.1 Forschungsstand, -lücken und mögliche Ergänzungen

Akademische Mobilität hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem Forschungsthema entwickelt, das durch verschiedene Disziplinen untersucht wird. Wenn auch die theoretischen Ansätze und die Methoden variieren, der thematische Fokus ist den nachfolgend genannten Forschungsarbeiten gemeinsam. Die anschliessende Auflistung erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, vielmehr soll sie die breite Palette an Forschungsschwerpunkten darlegen, die mit der Thematik verknüpft sind, und einen knappen Überblick ermöglichen.

Es sei hier auf zwei Formen der gegenwärtigen studentischen Mobilität hingewiesen, die in der stets wachsenden Forschungsliteratur eine besondere Aufmerksamkeit erfahren. Zum einen beschäftigen sich etliche Projekte mit der programmierten Mobilität, d.h. in erster Linie mit kurzen Mobilitätsaufenthalten, die im Rahmen von dafür konzipierten Programmen zustande kommen. Zum andern wird die akademische Mobilität von Studierenden ergründet, die ausserhalb von Programmen erfolgt.1

Sichtet man Forschungen, die sich mit Studienaufenthalten von kürzerer Dauer im Rahmen von Mobilitätsprogrammen2 beschäftigen, so fällt auf, dass einige der Publikationen auf Mandatsbasis zustande gekommen sind. Dies ist nicht weiter erstaunlich, da hinter solchen Programmen mehrheitlich politische und wirtschaftliche Interessen und Träger stehen. So werden unter anderem Motive und Motivationen für studentische Gastaufenthalte ergründet (z.B. Streckeisen 1993 für den Schweizer Kontext; Ballatore & Ferede 2013 und Hauschildt 2016 für den europäischen Kontext). Es werden Mobilitätserfahrungen der Studierenden sowie von im akademischen Kontext tätigen Experten zusammengetragen (Streckeisen & Diem 1993; Aydin 2012; Dewey et al. 2012). Biographische Aspekte werden erforscht, die den an Mobilitätsprogrammen teilnehmenden Studierenden eigen sind (z.B. Eichsteller 2011). Weiter werden die Bedingungen ergründet, welche die Mobilität begünstigen und zum Erfolg von politischen Programmen beitragen (z.B. Streckeisen 1993; Ferencz 2012; Teichler 2012; Van Mol 2014).

Neben diesen bildungspolitischen, soziologischen, erziehungswissenschaftlichen und wirtschaftspolitischen Forschungsaspekten stossen auch Sprachen, mit denen Studierende während einem Studienaufenthalt in der Fremde konfrontiert werden, auf Interesse (Freed 1995; Dufon & Churchill 2006; Kinginger 2007, 2009). In den Forschungsarbeiten, die der Sprache im Zusammenhang mit Gastaufenthalten gewidmet sind, ist die Zahl der Themen gross und erstreckt sich von Sprachtests vor und nach Studienaufenthalten (z.B. Serrano et al. 2011) über sprachlich-identitär ausgerichtete Projekte (z.B. Jackson 2008; Ellwood 2011; Kinginger 2015) bis hin zu kritischen Betrachtungsweisen von Sprachpraktiken und Sprachgemeinschaften mobiler Studierender (z.B. Pellegrino Aveni 2005; Van Mol & Michielsen 2015). Zunehmend schliessen an akademischen Gastaufenthalten interessierte Forschende mehr als rein sprachliche Aspekte mit ein. So greifen sie z.B. anthropologische Perspektiven auf (vgl. Murphy-Lejeune 2002 zur studentischen Mobilität in Europa; Pherali 2012 zur akademischen Mobilität im britischen Universitätskontext) und analysieren bildungspolitische Diskurse (vgl. Gore 2005 für den US-amerikanischen Kontext).

Auch studentischer Mobilität, die ausserhalb von mobilitätsfördernden Programmen erfolgt, wird zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt, und dieses Thema beschäftigt unterschiedliche Disziplinen. So werden die studentische Mobilität und die damit verbundenen Kosten und der daraus sich ergebende Nutzen aus ökonomischer Perspektive betrachtet (z.B. Freeman 2010; Teichler 2012). Weiter werden u.a. transnationale Mobilitätsrichtungen analysiert und mit politischen Systemen der jeweiligen Herkunfts- bzw. Empfangsländer in Verbindung gebracht (Di Piero & Page 2008). Transnationale Netzwerke und Erfahrungen von Studierenden fern von ihrem Herkunftsort werden ergründet (z.B. Montgomery 2010). Und wie bei allen Bestrebungen von Menschen, sich neu zu organisieren – in diesem Fall über die Mobilität –, bieten sich auch anthro­pologische Fragen an. So finden etwa Fragen zum Thema Gender Eingang in die Erforschung der akademischen Mobilität (z.B. Polanyi 1995 im russischen Kontext; Talburt & Stewart 1999 im spanischen Kontext).

Auch im Kontext nicht programmierter Mobilität wird der Sprache ein besonderer Stellenwert eingeräumt. So werden neben dem akademischen Erfolg, der u.a. mit den vor Ort verlangten Sprachkompetenzen verbunden wird (z.B. Benzie 2010), die Sprachpraktiken von an ausländischen Universitäten Studierenden ergründet (z.B. Gu 2014). In diesem Zusammenhang werden beispielsweise Interaktionsmodi (Iino 2006; Isabelli-García 2006) und soziale Netzwerke und die darin vorherrschenden Kommunikationsarten analysiert (Fernández 2012). Weiter werden sprachlich-identitäre Aspekte in Berichten von anderssprachigen Studierenden ergründet (für die Schweiz vgl. Poglia et al. 2009; für den internationalen Kontext vgl. Benson et al. 2013).

Wie aus diesen Ausführungen hervorgeht, stellt das Thema „akademische Mobilität“ ein interdisziplinär angelegtes Forschungsfeld dar, das mit seiner wachsenden Grösse an Übersichtlichkeit einbüsst. Wenn also im Folgenden auf Forschungslücken hingewiesen wird, geschieht dies erstens im Bewusstsein, dass diese möglicherweise bereits geschlossen worden sind, mir dies aber trotz ausgiebiger Lektüre entgangen sein mag. Zweitens werde ich nur auf Lücken verweisen, die mir aufgrund meiner Lektüre aufgefallen sind, die ich aus sozio­linguistischem Interesse, d.h. dem Interesse daran, Sprache in einem gesellschaftlichen Zusammenhang zu verstehen, ausgewählt habe. Diese Auswahl ist wiederum auf mein Projekt ausgerichtet, das sich mit dem Stellenwert von Sprache im Rahmen der intra-nationalen Mobilität von Tessiner Studierenden in die Deutschschweiz auseinandersetzt. Vier Lücken seien im Folgenden erwähnt.

Erstens wird in der Forschungsliteratur kaum auf Studierende verwiesen, denen im Verlaufe des Studiums Mobilität nicht „vergönnt“ ist. Ihre Stimme wird von Forschenden selten bis nie gehört. Wenn sie jene erwähnen, stellen sie dieselben als „VerliererInnen“ dar (Murphy-Lejeune 2002). In diesem Zusammenhang wird vorwiegend von europäischen ForscherInnen unterstrichen, dass nicht-europäische Studierende in ihrer Mobilität zum einen stark eingeschränkt sind, d.h. dass sie nur vereinzelt überhaupt an Mobilität denken können und immobil bleiben müssen, und dass sie zum andern selten von mobilitätsfördernden Programmen profitieren können (z.B. Dervin & Byram 2008; Souto-Otero et al. 2013).3

Zweitens ist in der wissenschaftlichen Literatur – sowohl international als auch national – kaum von denjenigen Studierenden die Rede, die zur Mobilität gezwungen sind. Akademische Mobilität wird in erster Linie als Option beschrieben, die wünschenswert ist. Immobilität – oder das, was als immobil betrachtet wird (vgl. dazu 2.2.4.1) – hingegen wird meist als negativ angesehen und nur in wenigen Publikationen als Privileg erachtet (eine Ausnahme ist z.B. Weiss 2005); daher rührt auch die Etikettierung der Immobilen als Verliere­rInnnen.

Drittens fokussiert die bisherige Forschung diejenige akademische Mobilität wenig, die nicht über Landesgrenzen hinausführt, sondern innerhalb eines Staats stattfindet4. Im globalen Zeitalter werden vorwiegend Mobilitätsbewegungen untersucht, die über kontinentale oder zumindest nationale Grenzen hinausgehen (Teichler 2005; Rivza & Teichler 2007). Dass auch „kürzere“ Wege für Studierende eine Mobilitätssituation darstellen, wird wenig thematisiert.

Viertens erwähnt die Mehrheit der mir bekannten Forschungen, die sich auf die Sprache im Kontext der akademischen Mobilität konzentrieren, den historischen, wirtschaftspolitischen Zusammenhang nur am Rande5. Dies, obschon – wie im kurzen Überblick über die Universitätsgeschichte und die Landschaft der Universitäten ersichtlich wird – studentische Mobilität, der möglicherweise mit ihr einhergehende Wechsel der Sprachregion und mit ihr verbundene Herausforderungen nur begriffen werden können, wenn sie in diesen historischen, ökonomischen und politischen Zusammenhang gestellt werden. Wenige Forschungen (z.B. Montgomery 2010) beachten diesen, während andere den Blick auf die Sprache im Kontext der akademischen Mobilität lenken, fast ohne die zum Verständnis der sozialen und sprachlichen Praktiken notwendigen Bedingungen historischer, politischer und wirtschaftlicher Art zu berücksichtigen.6

Aus den aufgezeigten Forschungslücken erwächst ein Auftrag für die vorliegende Arbeit. Sie versucht, einen Beitrag zur Erforschung der akademischen Mobilität zu leisten. So ist es – wie bereits angedeutet – die intra-nationale akademische Mobilität in der Schweiz, um die es im Folgenden gehen soll. Sie übergreift – wenn auch kleinräumig – Sprachgrenzen, was für die soziolinguistische Arbeit von besonderem Interesse ist. In dieser Kleinräumigkeit wirken national- und lokal-politische, wirtschaftliche und historische Faktoren. Die Rolle, die in der Mobilitätssituation der Sprache zukommt, möchte diese Arbeit mit Blick auf die genannten Faktoren verstehen. Diese Verbindung ist auch deshalb relevant, weil die Arbeit erstens den Anspruch hat, nicht „bloss“ deskriptiver, sondern auch interpretativer Natur zu sein, und sich zweitens auf einen kritisch soziolinguistischen Ansatz stützt (vgl. 2.2.2).

Weiter befasst sich das Projekt mit Studierenden im Schweizer Kontext, die sich nur bedingt freiwillig für die Mobilität entscheiden. Dies rückt die akademische Mobilität in ein neues Licht und lässt Fragen zur Immobilität aufkommen. So wird in dieser Arbeit immer wieder auf Immobilität verwiesen, was zum Verständnis der Mobilität beiträgt und dazu verhilft, die der Mobilität nachgesagten Vorzüge (aber auch Herausforderungen) nachzuvollziehen. Der Blick auf die wechselseitige Beziehung zwischen Mobilität und Immobilität zwingt ausserdem dazu, die Wertung „VerliererInnen“ kritisch zu bedenken.

Zum einen soll dieses Projekt einen wissenschaftlichen Beitrag zur Erforschung der akademischen Mobilität leisten. Zum andern möchte es zum kritischen Nachdenken in der universitären Umgebung anregen und aufzeigen, welche – bisher wenig thematisierten – Eigenheiten die Mobilität über Sprachgrenzen hinweg hat und inwiefern der Sprache auch machtbezogene Attribute anhaften, die in der wissenschaftlichen Literatur zur studentischen Mobilität allenfalls in Randbemerkungen vorkommen, obwohl sie, wie in den analytischen Kapiteln dargestellt wird, reale Konsequenzen für soziale Akteure haben.

2.2.2 Positionierung

Damit, dass die Lücken in der Erforschung der akademischen Mobilität erkannt sind und das an sie schliessende Vorhaben skizziert ist, ist auch angedeutet, welche thematischen, methodologischen und epistemologischen Aspekte im Rahmen dieser Arbeit zentral sind. Das Interesse am Stellenwert der Sprache im Kontext der akademischen Mobilität über Sprachgrenzen hinweg, an damit zusammenhängenden national- und lokal-politischen, wirtschaftlichen und historischen Faktoren, an Fragen nach Machtprozessen und Ideologien, die der Mobilität bzw. Immobilität anhaften, und an einer interpretativen und kritischen Betrachtungsweise führt zu einer epistemologischen Positionierung innerhalb der kritischen Soziolinguistik. Aber was bedeutet „kritische Soziolinguistik“? Um dies zu erläutern, sind einige Ausführungen erforderlich, die dazu dienen sollen, die Soziolinguistik an und für sich und ihre „kritische“ Komponente zu portraitieren.

Die Bezeichnung „Soziolinguistik“ wird seit den 50er-Jahren gebraucht, zunächst in den Vereinigten Staaten und später auch in Europa. Lange war die Bezeichnung für das Feld uneinheitlich1. So zirkulierten Begriffe wie „linguistic anthropology“, „sociologie du langage“, Begriffe, die sich weder deckten noch klar unterscheidbar waren. Inzwischen hat sich ein Konsens darüber durchgesetzt, was mit Soziolinguistik gemeint ist. Sie wird als „Felddisziplin“ angesehen, also als eine Domäne, in welcher die Datenerhebung im Feld geschieht und welche kommunikative Daten verschiedener Art beinhaltet. Weiter wird unterstrichen, dass – in Anlehnung an die Arbeit der Ethnolinguisten (vgl. Boutet 1994) – soziale Situationen, in welchen sprachliches Material entsteht, einer Analyse unterzogen werden sollen. Dieser Leitsatz, Sprache immer auf dem Hintergrund der sozialen Produktionsbedingungen zu ergründen, ist weitgehend akzeptiert. Soziolinguisten verwarfen bereits früh schon die Idee eines statischen und idealen Sprachsystems, die von Strukturalisten (de Saussure 1916) oder Generativisten (Chomsky 1965) vertreten wurde, welche „langue“ und „parole“ strikte trennten, also an der Unterscheidung zwischen dem abstrakten Sprachsystem und dem fluiden Sprachgebrauch festhielten (vgl. dazu auch Duchêne 2008). Stattdessen waren Begründer der Soziolinguistik wie William Labov, John Gumperz und Dell Hymes davon überzeugt, dass Sprache sich im Gebrauch manifestiere, nicht neutraler Natur sei und dass ihr deshalb stets soziale Aspekte anhaften würden (Ammon 1987).

Seit den 50er-Jahren wurden Arbeiten von grosser Bandbreite und mit unterschiedlichen Positionierungen produziert. Während die einen Soziolinguis­tInnen sich mit Korrelationen auseinandersetzten und ergründeten, wie Sprache und soziale Produktionsbedingungen zusammenspielen (z.B. Akzent und geographische Merkmale einer Region), tendierten andere dazu, Soziologie und Linguistik als Domänen zu vereinen und interdisziplinär zu arbeiten. Wieder andere forderten dazu auf, den theoretischen Link zwischen der Sprache und der Gesellschaft zu überdenken, d.h. beispielsweise die Frage nach dem sozialen Wert von Sprachen und Sprachpraktiken zu stellen und der Frage nach der Deutungshoheit nachzugehen. Wer die zuletzt genannte Frage verfolgt, ergründet u.a., welche Sprache in einer sozialen Interaktion welchen Wert von wem zugeschrieben bekommt und welche Konsequenzen solche Verhandlungsprozesse mit sich bringen. Diese letzte Positionierung ist der eingangs erwähnten „kritischen Soziolinguistik“ zuzuordnen (Heller 2002; Boutet & Heller 2007). Sie geht den Fragen des Machtausübens, -zuschreibens oder -absprechens auf den Grund, Fragen, die durch Sprache selbst, damit verbundene Kompetenzen und Sprachgebrauch aufkommen (Heller 2002, 2003; Duchêne 2008, 2009), und ermöglicht es, zu zeigen, wie und weshalb Vorgänge geschehen und welche Konsequenzen sie haben (Boutet & Heller 2007: 312).

Solche Fragen sind im Zusammenhang mit meinem Interesse an der akademischen Mobilität über Sprachgrenzen hinweg und am Stellenwert der Sprache, der mit dieser Mobilität verbunden ist, besonders relevant. So wählen Tessiner Studierende – wie Stefanias Statement zu Beginn zeigt – ihren Studienort auch im Hinblick auf die Sprache, die sie dort zu erlernen hoffen. Die Wahl, in der Deutschschweiz (und eben nicht in der italienischsprachigen Herkunftsregion) zu studieren, hängt mit Vorteilen zusammen, die mit einer gewissen Sprache assoziiert werden. Diese wiederum sind im lokalen Raum mit der Zeit zu „Vorteilen“ geworden. So muss der Wunsch von Studierenden, gewisse Sprachen besser zu beherrschen, im lokalen Markt analysiert werden, der historisch gewachsen ist. Innerhalb dieses Markts sind gewisse Währungen stärker oder sind, mit anderen Worten, gewisse Sprachen einträglicher. Es ist denn auch nicht verwunderlich, dass der Markt mit seinen Regeln erheblichen Einfluss auf das Handeln von Menschen hat. Schliesslich hängt deren Zugang zu sozialen Positionen, Ressourcen und Kapital davon ab.

Die kritische Soziolinguistik ordnet soziale und sprachliche Praktiken in einen bestimmten Raum und einen spezifischen historischen Kontext ein. Jede Interaktion ist in einem zeitlichen und örtlichen Rahmen situiert und findet auf einem Hintergrund statt, der von den „trajectoires“2 der Akteure getragen ist. Materielle Bedingungen gehören zu diesem Hintergrund; sie sind an ihn gebunden und schränken die Handlungsmöglichkeiten ein (Giddens 1984). Somit sind soziale Phänomene und damit verbundene Praktiken situiert, kontextualisiert und nicht neutral. Dieser Ansatz geht darüber hinaus, Gemeinschaften und darin erfolgende Interaktionen als gegeben zu betrachten. Er versucht stattdessen, sozialen Akteuren und ihren „trajectoires“ zu folgen und dabei die vorhandenen Ressourcen zu berücksichtigen. Um diese „trajectoires“ zu ergründen und zu verstehen, inwiefern Sprache dabei welchen symbolischen oder materiellen Stellenwert erlangt, ist die Berücksichtigung des Markts hilfreich. Gepaart mit einem ethnographischen Ansatz, der die Akteure, ihre Interaktionen und vorhandenen Ressourcen in diesem Markt situiert, erlaubt es die Idee des Markts, die Interessen und Möglichkeiten zu begreifen, die den Handlungsspielraum der Akteure wie auch die von ihnen unternommenen Handlungen beeinflussen (Heller & Martin-Jones 2001; Heller 2002). Zusammenfassend kann die dieser Arbeit zugrunde liegende epistemologische Positionierung einem interaktionellen, konstruktivistischen Paradigma zugeschrieben werden, das eine ethnographische Herangehensweise bedingt.

2.2.3 Forschungsfragen, Daten und Methodologie

Diese Arbeit wird vom eingangs bereits erwähnten grundlegenden Forschungsinteresse, also der Quaestio, gelenkt: „Welchen Stellenwert hat die Sprache in Diskursen und Praktiken, die mit der studentischen Mobilität im schweizerischen Hochschulsystem zusammenhängen?“ Die Quaestio wiederum geht auf die epistemologische Positionierung zurück, auf der meine Arbeit basiert. Die Forschungsfragen, welche die folgenden Kapitel leiten, hängen mit der Quaestio und der Positionierung zusammen. Sie beruhen auf der Vorstellung, dass mit der akademischen Mobilität einhergehende Ideologien auf dem Terrain der Sprache verhandelt werden, dass diese Ideologien sich in Diskursen niederschlagen und soziale wie auch sprachliche Praktiken der von der studentischen Mobilität tangierten Akteure beeinflussen.

Aus diesem Interesse ergeben sich drei Leitfragen, die für die Datenerhebung wie auch für die Analysearbeit zentral sind und es ermöglichen, den Stellenwert von Sprachen im Zusammenhang mit der studentischen Mobilität über Schweizer Sprachregionen hinweg empirisch zu untersuchen. So soll ein Beitrag zum Verständnis geleistet werden, wie Sprache und Mobilität in soziale und diskursive Praktiken im Kontext des schweizerischen Hochschulsystems hineinwirken, und sollen Kapitalerwerbsprozesse im Bildungssystem und die Rolle der Sprache in der heutigen Gesellschaft ergründet werden, jener Gesellschaft, welche die Studierenden als für die Zukunft geeignete „Subjekte“ konstruiert.

Die nachfolgenden Leitfragen wollen jene mit der Mobilität verbundenen Handlungen erhellen, welche vor dem Mobilwerden und in der Mobilitätssituation vollzogen werden. Sie setzen es sich also zum Ziel, die Mobilität von ihrem Ursprung her – also ausgehend vom anfänglichen Wunsch nach Mobilität bzw. von der Entstehung desselben – und die damit verbundenen Interessen zu ergründen.

Auf die Formulierungen der Leitfragen folgen jeweils kurze Erläuterungen.

I. Unter welchen Bedingungen wird Mobilität für wen möglich und erstrebenswert? Wer wirbt wie für sie, und inwiefern spielt Sprache dabei eine Rolle?

Diese Frage schliesst insofern an die historischen Ausführungen an, als sie darauf abzielt, den dominierenden Machtapparat und dessen Logik anhand von Praktiken zu ergründen, die im Zusammenhang mit der akademischen Mobilität stehen. Die Universität dient diesem Apparat und hebt hervor, welche Mobilität ausführbar und erstrebenswert ist. Es gilt, Promotionsdiskurse und -praktiken, die von im heutigen schweizerischen Hochschulsystem involvierten Institutionen produziert werden, im Zusammenhang mit der studentischen Mobilität zu verstehen und zu ergründen, welche Rolle die Sprache dabei spielt. Im Besonderen fokussiere ich mich auf Diskurse und Praktiken, welche deutschschweizerische Institutionen/Akteure an die Tessiner Studierendenpopulation richten.

II. Wie konstruieren (welche) Studierende ihre Mobilität, und wie wird Sprache zum Argument, ihre Entscheidung zu legitimieren?

Die Mobilität und deren Legitimation sollen ergründet werden, und zwar sowohl in dem Falle, wo zukünftige Studierende über ihre Entscheidung, mobil zu werden, nachdenken, als auch in demjenigen, wo die Entscheidung für Mobilität bereits gefallen ist. Es geht darum, Diskurse und Praktiken von Tessiner MaturandInnen und mobil gewordener Studierender zu verstehen. Es soll untersucht werden, wie TessinerInnen, die sich für ein Studium an einer deutschschweizerischen Universität entschieden haben, ihre Mobilität begründen (gerade im Zusammenhang mit der Veränderung der schweizerischen Hochschullandschaft seit der Gründung der USI). Mithilfe dieser Frage gelingt es, zu begreifen, welche wirtschaftspolitischen Interessen sich wie auf individuelle Praktiken auswirken und inwiefern (welche) Sprachen diesen Interessen dienen. Die Frage geht also über eine individuelle „Begründung“ der Mobilitätswahl hinaus. Sie soll zur Klärung beitragen, wie sich der Machtapparat im universitären Bereich reproduziert, die dortigen Praktiken beeinflusst und individuelle legitimierende Diskurse und Praktiken prägt.

III. Wie kommen Studierende mit der Mobilitätsituation in der anderssprachigen Region zurecht?

Wenn Tessiner Studierende mobil geworden sind und möglicherweise den Wunsch haben, zusätzliche Sprachkompetenzen zu erwerben, stellt sich die Frage, wie sie in ihrer neuen Umgebung zurechtkommen. Setzen die Universitäten die in Promotionsdiskursen versprochenen Hilfestellungen für Studierende mit anderssprachigem Hintergrund um? Und kommen die Studierenden ihren eigenen Vorsätzen nach? Mit welchen Herausforderungen sehen sich die Studierenden konfrontiert? Wie begegnen sie diesen? Unter welchen Bedingungen und aus welchen Gründen beziehen sie sich in ihrer Mobilität auf ihre Herkunftsregion? Solche Fragen sind in der dritten Leitfrage enthalten und sollen dazu beitragen, zu verstehen, welche diskursiven und sozialen Praktiken sich im Studierendenalltag abspielen und inwiefern sich darin sprachideologische und politisch-ökonomische Dimensionen spiegeln.

Die Leitfragen verlangen sowohl nach gewissen Daten zur Beantwortung derselben als auch nach einer gewissen Methode, diese Daten zu generieren. Darüber hinaus bedingen die Fragen – mit dem mehrfach darin enthaltenen Fragewort „wie“ zielen sie darauf ab, den Stellenwert von Sprachen im Zusammenhang mit der studentischen Mobilität über Schweizer Sprachregionen hinweg zu verstehen – auch eine gewisse Art und Weise, die Daten zu analysieren. Im Folgenden soll kurz beschrieben werden, welche Daten dazu zählen, mit welcher Methode sie erhoben worden sind und wie diese analysiert werden. Das methodologische Kapitel nimmt sich dieses Vorhabens im Detail an.

Die Leitfragen bedürfen einer qualitativen Herangehensweise. Ein ethnographisches Vorgehen bietet sich an. Ethnographische Feldforschung beinhaltet das Erfahren und das Erleben der/des Forschenden, die sie/ihn zu einem Teil des Forschungsfeldes machen. Es gelingt so, die Perspektiven der unterschiedlichen Akteure wie auch deren Sprachpraktiken zu berücksichtigen. Die Entscheidung, auf diese Weise vorzugehen, hängt damit zusammen, dass diese Methode es erlaubt, dem Untersuchungsgegenstand in seiner Komplexität Rechnung zu tragen (Giddens 1984). Eigentlich der Anthropologie entsprungen, ist die sprachliche Ethnographie tief und unablösbar im sozialen Leben situiert und bietet eine spezifische ontologische und epistemologische Ausrichtung (Hymes 1964; Mason 2002). Das ethnographische Arbeiten ermöglicht es, zu sehen, wie Sprachpraktiken mit den realen Lebensbedingungen von Menschen verbunden sind, zu verstehen, wie und warum Sprache für Menschen aus ihrer Sicht wichtig ist, und zu sehen, wie sich Prozesse mit der Zeit entwickeln (Heller 2008: 250). Sprachliche Einzelhandlungen werden als Index von Mustern und Entwicklungen angesehen, welche über die Einzelhandlung hinaus relevant sind. Diese weiterführende Dimension ist Teil der ethnographischen Interpretation (Fabian 1995).

Mit dem Ziel, die studentische Mobilität und die Rolle der Sprache in der Hochschulbildung im Schweizer Kontext zu verstehen, habe ich zum einen in der Rolle der Ethnographin physisch (und gedanklich, nachdenklich, beobachtend und mithandelnd) zwischen 2011 und 2014 an ausgewählten Lebenswelten teilgenommen. Dabei habe ich mich auf die vom italienischsprachigen Tessin auf die Deutschschweiz gerichtete Mobilität konzentriert.

Die im Rahmen meiner ethnographischen Feldforschung erhobenen Daten lassen sich den drei Leitfragen zuordnen:

Im Zusammenhang mit meinem Vorhaben (Frage I), die studentische intra-nationale Mobilität als sozio-ökonomisches Phänomen zu verstehen und dabei zu begreifen, wer wie für sie wirbt und inwiefern Sprache dabei eine Rolle spielt, habe ich an Informationstagen für zukünftige Studierende an verschiedenen Universitäten (Bern, Luzern und Zürich [ETH und Universität], USI) beobachtend teilgenommen, war an Präsentationen verschiedener Studienfächer, habe vor Ort mit Leuten (zukünftigen Studierenden, VertreterInnen der verschiedenen Universitäten, OrganisatorInnen) gesprochen und dabei etliche institutionelle Dokumente (Flyer, Einladungen, Informationen für Maturan­dInnen, etc.) gesammelt. Auch haben Gespräche mit den in diesen Bildungsinstitutionen für die Marketingbroschüren und -konzepte Verantwortlichen stattgefunden. Zusätzlich stehen mir die gesetzlichen Grundlagen (z.B. das Schweizer Hochschulförderungsgesetz) zur Verfügung, welche die Mobilität ermöglichen und den Rahmen für die damit verbundene Propaganda bilden.

Um der Frage II nachzugehen, wie (welche) Studierende ihre Mobilität konstruieren und wie dabei Sprache mitspielt, habe ich mithilfe der Immatrikulationsstellen der Universitäten Bern, Fribourg, Zürich (ETH und Universität) und Luzern StudienanfängerInnen aus dem Tessin kontaktiert. Mit elf mobil gewordenen Studierenden, die im Kanton Tessin ihre Maturität gemacht hatten, führte ich narrative Interviews durch, welche aufgezeichnet und teilweise transkribiert wurden. Weiter sprach ich an Informationstagen mit zukünftigen Studierenden über die ihnen bevorstehende Entscheidung für/gegen Mobilität.

Um zu ergründen (Leitfrage III), wie Studierende mit ihrer Mobilitätsituation in ihrer anderssprachigen Aufnahmeregion zurechtkommen und wie sie ihre mit ihrer Herkunftsregion bzw. -kultur zusammenhängenden Praktiken begründen, habe ich während eines akademischen Jahres (2011–2012) in einer italienischsprachigen Studierendenorganisation in Bern teilnehmend beobachtet. Ich war an zahlreichen verschiedenen Events/institutionellen bzw. individuellen Treffen (Apéros, Eishockey-Match, Zugfahrten, Sitzungen, Generalversammlung, Stammtischtreffen etc.), und machte danach jeweils Feldnotizen. Damit verbunden war das Sammeln von institutionellen Dokumenten (Flyers, Statuten, Einladungen …), auf die Verseinaktivität bezogener Korrespondenz (Newsletter des Vereins, Jobaustausch …) und Fotos, die von der Studierendenorganisation auf deren Website veröffentlicht worden waren.

Diese ethnographisch erhobenen Daten analysiere ich, indem ich mich auf Prämissen aus der kritischen Soziolinguistik berufe (Hymes 1964; Boutet & Heller 2007) wie auch an Begründer der kritischen Ethnographie anlehne (Bourdieu 2000 [1972]; Emerson et al. 1995, 2001; Bhatia et al. 2008; Gobo 2008).

Dabei werden den sozialen und sprachlichen Praktiken zugrunde liegende (Sprach-)Ideologien (Irvine 1989) und Interessen der verschiedenen Akteure ergründet. Einzelhandlungen werden als situiert betrachtet, d.h., dass analysiert wird – und zwar über die Einzelhandlung hinaus, während der teilnehmend beobachtet wurde –, welche Bedeutung ihnen zukommt und inwiefern sie für die involvierten Akteure zentral sind. Diesem Teil der Analysen dienen die Feldnotizen, die Einzelhandlungen in einer „thick description“ (Geertz 1973) festhalten, wie auch die gesammelten Dokumente, die mit den beobachteten Ereignissen verknüpft sind.

Die in Gesprächen zustande gekommenen Daten werden (analog zu den Beobachtungen) als situierte Handlungen (vgl. Cicourel 1974; Briggs 1986) erachtet, in denen eine bestimmte Person auf bestimmte Art und Weise unter bestimmten Bedingungen einer bestimmten Person – in diesem Fall mir – etwas erzählt (Heller 2008). Sie werden als Praktiken der „De- und Entextualization“ der zu ergründenden Phänomene analysiert (Silverstein & Urban 1996). In Interviews (re-)konstruieren die Gesprächspartner ihre mit der Mobilität zusammenhängenden Praktiken. Dieser Rekonstruktionsprozess ist nicht neutral, sondern wird von Gesprächspartnern produziert, die eine bestimmte Position/Rolle haben. Das Herausarbeiten dieser Positionen kann im Zusammenhang mit dem aus der teilnehmenden Beobachtung erworbenen Wissen dazu dienen, zu erkennen, wie intra-nationale Mobilität auf Tertiärstufe von den verschiedenen Akteuren verhandelt und praktiziert wird und welche Rolle die Sprache dabei für sie spielt.

Die Analyse trennt also Feldnotizen, institutionelle Daten und interaktionelle Daten nicht voneinander. Vielmehr werden diese als Einheit verstanden, die im ethnographischen Feld zustande gekommen ist und es erlaubt, die Komplexität der (Macht-)Beziehungen im Feld zu verstehen.

2.2.4 Theoretische Konzepte

Im folgenden Teil gehe ich auf die theoretischen Konzepte ein, die mit meinem Forschungsinteresse und den damit verbundenen Leitfragen zusammenhängen. Die Erläuterung dieser Konzepte erlaubt es, den analytischen Kapiteln einen Rahmen zu geben und zu deren Nachvollziehbarkeit beizutragen. Drei Konzepte sind für mich zentral. Bei diesen handelt es sich um Mobilität, politische Ökonomie und Ideologie. Auch wenn den drei Konzepten ein je eigenes Unterkapitel gewidmet ist, bedeutet dies nicht, dass sie voneinander losgelöst betrachtet werden können. Vielmehr sind sie miteinander verbunden, beeinflussen und bedingen sich gegenseitig. So wird in den drei Unterkapiteln auch Bezug auf die jeweils anderen Konzepte genommen. Ebenfalls fliesst die Sprache bei den Ausführungen aller Konzepte mit ein. Bevor aber nun einzeln auf die Konzepte eingegangen wird, soll aufgezeigt werden, weshalb genau diese zentral sind.

Der akademischen Mobilität kam im vorausgehenden Teil schon einige Aufmerksamkeit zu. Der Mobilitätsbegriff allgemein wurde aber nur gestreift. Auch was Mobilität konzeptuell bedeutet, wurde wenig erläutert. Dies wird im folgenden Abschnitt herausgearbeitet. Weiter soll beleuchtet werden, weshalb bei mobilen Studierenden davon ausgegangen wird, Mobilität könne als gewinnbringend und erstrebenswert ausgelegt werden und sei mit Möglichkeiten des Kapitalerwerbs verbunden (Albrecht 1972: 23). Äusserungen wie: Ein Studium ausserhalb der „eigenen Sprachregion“ sei ein Plus, man erlange so zusätzliche Sprachkenntnisse und erweitere seinen Horizont, müssen mit gewissen Interessen und Selbstkonzepten in Verbindung gebracht werden, die mit der Mobilität verfolgt werden. Weiter sind es politisch-ökonomische Bedingungen, die Mobilität ermöglichen und ihr einen gewissen Stellenwert zuweisen. Ist letzterer entsprechend hoch, führt dies zu die Mobilität promovierenden Praktiken. So lohnt es sich für Universitäten in der Deutschschweiz etwa, eine Delegation ins entfernte Tessin zu schicken, um dort um zukünftige Studierende zu werben. Derartige Praktiken werden nicht als neutral oder gegeben erachtet, sie geschehen eben unter bestimmten politisch-ökonomischen Bedingungen, in einem gewissen temporalen und räumlichen Kontext. Ideologien resultieren aus diesen politisch-ökonomischen Bedingungen und münden in spezifische soziale und diskursive Praktiken. So wird etwa einer bestimmten akademischen Mobilität und einer damit erwerbbaren Sprache sowie den SprecherInnen, welche diese Sprache dank der Mobilitätssituation beherrschen, ein spezifischer, ideologisch geprägter Status zugeschrieben.

2.2.4.1 Mobilität

Wie in der historischen Skizze erläutert worden ist, hat Bildungsmobilität eine lange Geschichte und Vorgeschichte. Menschen haben nämlich früh auch andere Formen der Mobilität gewagt, mit dem Ziel, ihre alltäglichen Lebensbedingungen zu verbessern. Mobilität an und für sich ist also nicht neu. Als relativ „neu“ betrachtet werden können die Erfindung und Einrichtung nationaler, aber auch regionaler Grenzen und die Vorstellung („imagining“) von Nationalstaaten (im 19. Jahrhundert) und politisch autonomen Regionen (Anderson 1983: 5–7). Durch damit verbundene ideologische Prozesse kommt der Mobilität eine Bedeutung zu, die zum Thema der Wissenschaft wird. Mobilität über „Grenzen“ hinweg ist interdisziplinär auf grosses Interesse gestossen. Man denke etwa an transnationale Forschungsvorhaben (Waldinger & Fitzgerald 2004) oder an Forschung, die sich mit dem vermeintlichen „Verblassen“ von Grenzen im Zuge der Europäisierung und Globalisierung befasst (vgl. Yeung 1998).

In Zusammenhang mit dieser (Neu)Aushandlung von Grenzen und der (Un)Möglichkeit, diese zu überqueren oder zu ignorieren, betonen Forschende aus verschiedenen Disziplinen, wie präsent und wichtig Mobilität in unserer Gesellschaft sei. Gemäss Appadurai (2001: 5) leben wir heute in einer „world fundamentally characterized by objects in motion“ oder, anders gesagt, in „a world of flows“. Boltanski und Chiapello (1999) weisen darauf hin, dass die Fähigkeit, sich zu bewegen und räumlich flexibel zu sein, in marktwirtschaftlichen Gesellschaften essentiell geworden sei. John Urry, ein Soziologe, der das Thema „Mobilität“ während Jahrzehnten erforschte, schlägt in seinem Versuch, eine Soziologie der Mobilität zu entwickeln, gar vor, „society“ durch „mobility“ zu ersetzen, da das Sich-Bewegen „constitutive of the structures of social life“ sei (2000: 49). Auch wenn Einigkeit herrscht, dass das Phänomen der Mobilität Aufmerksamkeit verdiene, sind die Auffassungen, was nun mit Mobilität gemeint sei, und die dafür verwendeten Begrifflichkeiten uneinheitlich. Im Folgenden soll auf diejenigen Aspekte der Mobilität eingegangen werden, die für diese Arbeit und das damit einhergehende Verständnis von Mobilität hilfreich sind.

Urry (2000, 2008) bietet einen sehr breiten Mobilitätsbegriff an. Er zählt nicht nur körperliche Bewegungen im Raum zur Mobilität – z.B. reist ein Student mit der Bahn aus dem Tessin in die Deutschschweiz –, sondern schreibt ihr auch Aktivitäten zu, die keine räumliche Verschiebung von Körpern beinhalten.1 Mobilität liegt z.B. schon dann vor, wenn ein Student aus dem Tessin in der Deutschschweiz auf einem Sofa sitzt und über seine Bahnreise nachdenkt.

Im Alltagsgebrauch weist man „Mobilität“ meistens eine „Bewegungskomponente“ zu, d.h. dass mit ihr Aktivitäten verbunden werden, die dazu beitragen, die Distanz zwischen räumlich separierten Orten zu überbrücken. Die Kernbedeutung liegt also in der „transgression of spatial distance“ (Frello 2008: 28). In gegenwärtigen Diskussionen über Bewegung geht es v.a. darum, ob wir uns mit „tatsächlichen Bewegungen von Körpern oder Dingen“ oder mit „Bewegung von Informationen oder Ideen“ befassen (vgl. Kaplan 2006: 395).

Auch Tim Cresswell nimmt an dieser Diskussion teil. Er greift die Idee der „tatsächlichen Bewegung von Körpern oder Dingen“ auf und bezeichnet sie als „general fact of displacement“ oder „movement“. Ihr, der tatsächlichen Bewegung, stellt er die „Mobility“ gegenüber, die für ihn den „social character of movement“ beinhaltet (Cresswell 2001: 13–14). Er führt diese Unterscheidung weiter aus:

Mobility, like social space and place, is produced. Mobility is to movement what place is to location. It is produced and given meaning within relations of power: There is, then, no mobility outside of power. Mobility, unlike movement, is contextualised. It is a word for produced movement. (ebd. 20).

Gemäss Tim Cresswell könnte man also sagen, dass eine Bewegung im Raum – z.B. der Umzug aus dem Tessin in die Deutschschweiz – bloss ein physikalischer Vorgang sei. Erst bei der Mobilität – etwa beim mit der Bewegung assoziierten Übergang vom Maturanden zum Studierenden – schwinge eine soziale Komponente mit, im erwähnten Beispiel die Statusveränderung. Letztere finde nicht einfach statt, sie werde einem von aussen zugeschrieben.

Birgitta Frello (2008: 3), ebenfalls eine Soziologin, die sich ausgiebig mit der Mobilität befasst hat, geht noch einen Schritt weiter. Sie hält die Unterscheidung von „movement“ und „mobility“ für unzulänglich; ihr zufolge werden sowohl „mobility“ als auch „movement“ diskursiv erzeugt. Demnach geht es nicht darum, zu entscheiden, welchen Praktiken Bedeutung im Sinne von „mobility“ zugesprochen wird, d.h., ob die Mobilität von Menschen als bildend, als (un)freiwillig, als (il)legitim erachtet wird. Vielmehr fragt Frello danach, ob Praktiken überhaupt für mobil befunden werden. Frello tritt auf eine foucaultsche Weise an den Gegenstand heran. Sie sieht in der Verwendung der Bezeichnungen „mobile“ oder „movement“ einen performativen Akt, der auch eine Komponente der Macht beinhaltet. Zwei Beispiele mögen dies verdeutlichen. Sprechen wir von Bildungsmobilität oder akademischer Mobilität über Sprachgrenzen hinweg – so nehmen wir diese wahr, bezeichnen sie. Kaum jemand wird behaupten, dass sich TessinerInnen mit ihrer Entscheidung, ein Studium in der Deutschschweiz anzugehen, nicht in einer Mobilitätssituation befinden. Wie steht es aber mit einer in der Reinigungsbranche tätigen Person, die sich der Arbeit wegen täglich von Haus zu Haus bewegt? Wird ihr nicht vermutlich eher Immobilität als Mobilität zugeschrieben? Allein schon weil für diese Bewegung eine Bezeichnung fehlt – wenn sie überhaupt wie hier wahrgenommen wird –, fällt auf, dass ihr bisher kaum Aufmerksamkeit zugekommen ist.2

Man könnte die unterschiedlichen Distanzen ins Feld führen, die in den zwei Beispielen mittels Mobilität zurückgelegt werden, und – argumentierend – vorbringen, die eine oder die andere Mobilität sei „echter“. Aber das bringt einen nicht weiter (vgl. Bauman 1998). Ergiebiger ist es, zu fragen, wem welche Mobilität zustehe (vgl. Wolff 1993; Adey 2006) und wer – mal in Bewegung – seine Bewegung steuern könne. Das heisst, dass es sich nicht nur zu fragen lohnt, wer in Bewegung ist, sondern auch, wann, wie und unter welchen Bedingungen er dies tut (Brah 1996; Pels 1999; Cresswell 2001, 2002).

Der Mobilität haftet eine Machtkomponente an. Mobilität bedeutet Verschiedenes für verschiedene Menschen unter unterschiedlichen sozialen Umständen. Diese Bedeutungen sind diskursiv konstituiert (Frello 2008) und sind als solche ein Produkt von Machtverhältnissen. Gleichzeitig reproduzieren die Bedeutungen die Machtverhältnisse (Foucault 1972).

Es geht also nicht darum, „einfach“ zwischen empirischen Phänomenen zu unterscheiden, nämlich zwischen solchen, die sich bewegen, und jenen, die sich nicht bewegen. Mobilität, Immobilität und die Praxis der Bewegung sind soziale Konstrukte und werden diskursiv konstituiert. Was zur Mobilität zählt (oder nicht), ist auf „Reiteration“ im Sinne von Butler (1997) zurückzuführen – d.h. auf Wiederholungen und Abänderungen vorgängig gesetzter Konventionen. Sprechen wir von Bildungsmobilität, mag es nicht verwundern, dass die meisten unter uns Ähnliches damit assoziieren. Vermutlich denken wir an junge, gut gebildete Menschen, die dank dieser Bewegung in den Genuss spezifischer Bildung kommen und gleichzeitig ihren kulturellen Horizont erweitern. Mit dieser Mobilität wird u.a. ein Gewinn an Erfahrung und Weltoffenheit verknüpft (Cresswell 2006; Croucher 2012), wogegen Migrationsströmen aus bestimmten Gebieten aberkannt wird, dass sie dazu dienen, gewisse Gesellschaftsordnungen aufrechtzuerhalten, oder deren Mobilität als solche gar nicht erkannt wird. Studentische Mobilität ist konventionalisiert; infolge von „Reiteration“ „wissen“ wir, wovon wir sprechen.

Mobilität, Bewegung, Immobilität etc. und das, was wir darunter verstehen, basieren also auf vorherrschenden Diskursen. Es geht folglich nicht nur darum, zu ergründen, wer sich wie, wohin bewegen kann. Es geht auch darum, zu erkennen, „who gets to tell the story?“ (Clifford 1997: 33), und somit darum, welcher Diskurs sich durchsetzt.

Zusammengefasst: In der Mobilitätsforschung hat sich die Blickrichtung verschoben. Von der Ausrichtung auf eine „unbestrittene“ Distanz, die es mittels einer Bewegung zu überwinden gilt, auf den normativen Rahmen, welcher der (Im-)Mobilität zugeschrieben wird (Manderscheid et al. 2014). Forschende, die diesen normativen Rahmen einbeziehen, sind nun vorsichtiger, was vormals „gegebene“ Unterscheidungen anbelangt3, und berücksichtigen Elemente der Macht, die der (Im-)Mobilität anhaften.

Diese Ausführungen sind für die vorliegende Arbeit insofern relevant, als sie bewusst machen, dass wir uns, wenn wir von Bildungsmobilität sprechen, bereits einem vorherrschenden Diskurs verschrieben haben. Im Folgenden werden zwar der Einfachheit halber weiterhin Begriffe wie Bildungsmobilität, studentische Mobilität, akademische Mobilität u.ä. verwendet. Dies erfolgt aber erstens im Bewusstsein, dass diese Konzepte diskursiv konstruiert sind, und zweitens im Bestreben, zu ergründen, in wessen und welchem Interesse diese Konstruktion geschieht. Die Frage nach der Bewegung/Mobilität/Immobilität und ihrer Bedeutung für die verschiedenen Akteure schwingt in den analytischen Kapiteln mit. Auch wird in der Analyse berücksichtigt, dass die Deutungshoheit erheblich darauf wirkt, wie, wer oder was für mobil/immobil erklärt wird4.

Denken wir an Studierende aus dem Tessin, die ihrer tertiären Bildung wegen in die Deutschschweiz „wandern“, lässt sich deren Mobilität in einem diskursiv konventionalisierten Sinne als eine privilegierte beschreiben (Croucher 2006). Das heisst nicht, dass sich nur privilegierte Menschen bewegen. Man denke an jene, die wir als Flüchtlinge bezeichnen. Jedoch haben Privilegierte wie z.B. Studierende in gewissem Masse die Wahl, sich (nicht) zu bewegen. Sie sind freier als andere in ihren Entscheidungen. Ihre Wahlfreiheit ist grösser (Bourdieu 1979). Pennycook (2012: 25) bemerkt dazu: „to choose in certain ways is a reflection of material well-being“, oder anders gesagt: Wer wählen kann, verfügt über gewisse Ressourcen. Massey (1991: 27) hält fest: „mobility and control over mobility both reflects and reinforces power“. Dies führt uns zur vorgängig erläuterten Machtkomponente zurück.

Studierende könnte man einer gesellschaftlichen Elite zuordnen und ihnen implizit die Freiheit der Wahl für oder gegen Mobilität zuschreiben. Dennoch wäre es unvorsichtig, wenn man studentische (Im-)Mobilität ausschliesslich auf eine „freie Wahl“ zurückführte. Selbst Eliten sind in ihrer (Im-)Mobilität gewissen Zwängen unterworfen. Ihre Entscheidungsfreiheit ist begrenzt; d.h.: „forces, mechanisms and institutional arrangements“ schränken ihre Wahl ein (Warde & Martens 1998: 129). Gerade unter Privilegierten, die ihren Lebensstil in gewissem Masse wählen können, gehört gemäss Urry (2002: 256) „being on the move“ sozusagen zum „way of life“. Trotz technologischen Fortschritten, die sublime Formen von Mobilität – wie etwa die virtuelle oder imaginäre – erleichtern, nimmt die physische Mobilität zu. Individuen entscheiden sich für die Mobilität, um sich in der zunehmenden Komplexität des modernen Lebens zurechtzufinden (McIntyre 2006; Cohen et al. 2013). Wie wir unseren Lebensstil wählen und die damit verbundenen Konsumentscheidungen – z.B. die Mobilität betreffend – fällen, hängt mit Selbst-Konzepten zusammen (Featherstone 1987). Praktiken, die mit diesem Konsum verbunden sind, hat Giddens (1991: 81) als „decisions not only about how to act but who to be“ definiert. Laut Giddens impliziert dieses „project of the self“, dass unsere Wahl des Lebensstils unser Selbstbild beeinflusst. Konsumentscheidungen, darunter auch unsere Entscheidung für die (Im-)Mobilität), und unser Lebensstil sind zentral geworden, wenn es um die Konstitution eines Selbstverständnisses geht. Dies bedeutet, dass die Wahl eines Lebensstils sich zunehmend mit Formen der Mobilität mischt und für die ausreichend Privilegierten, denen es vergönnt ist, sich mit solchen Entscheidungen zu befassen, wegweisend ist.

Auch Tessiner MaturandInnen können zu den Privilegierten gezählt werden, die in ihrem „project of the self“ „on the move“ sind. Wie bereits erwähnt, entscheiden sich rund 80 % der Tessiner MaturandInnen für ein Studium ausserhalb des Kantons und „wandern“ in die Deutsch- oder Westschweiz. Verschiedene „Push- und Pull-Faktoren“ bestärken sie darin (Lee 1966).

Die Push-Faktoren hängen mit den Bedingungen im Tessin zusammen. Die Immobilität – bzw. die Entscheidung, ein Studium im Tessin in Angriff zu nehmen – scheint für ein „project of the self“ nicht förderlich, das „on the move“ zu sein hat. Zudem bietet die im Tessin situierte Universität (USI) – wie einige andere kleinere Universitäten auch – ein beschränktes Studienangebot an, und die Studiengebühren der USI sind wegen ihrer halbprivaten Organisationsform5 vergleichsweise hoch6. Besucht wird die USI vorwiegend von Studie­renden aus dem Ausland (ca. 65 %); die Mehrheit davon stammt aus Italien. Mit dieser Studierendenpopulation gehen Statements einher, wie z.B.: Die reichen „Italiener“ hätten die USI okkupiert, weshalb sie für die TessinerInnen keine valable Option sei. Ein wirksamer Push-Faktor ist ferner, dass MaturandInnen erst seit 1996 die Wahl haben, ihrer tertiären Bildung wegen im Kanton zu bleiben, und vorher gezwungen waren, mobil zu werden. Die lokale Tradition spricht für die Mobilität.

Pull-Faktoren hängen nicht nur damit zusammen, dass die studentische Mobilität unter Tessiner Studierenden zum „guten Ton“ bzw. zum Lebensstil gehört, den es unter Privilegierten zu wählen gilt. Mobilität kann unter gewissen Umständen eben auch zum Erwerb von symbolischem, ökonomischem und kulturellem Kapital oder aber räumlichem Kapital führen (Bourdieu 1983; Rérat & Lees 2011)7. Im Falle von Studierenden gehört dazu z.B. ein Diplom, das Zugang zum späteren Berufsleben verschaffen kann und dem dann ein gewisser ökonomischer Wert zugeschrieben wird. Nicht jeder Form des „On-the-move-Seins“ wird aber gleichermassen Wert oder Aussicht auf Kapital beigeordnet. Für die TessinerInnen scheint etwa das nahe gelegene Italien keine ernsthafte Mobilitätsoption zu sein, auch wenn ein dortiges Studium ebenfalls Mobilität implizieren würde. Der Wert der dort ausgestellten Diplome wird von Studierenden angezweifelt (vgl. Kapitel 5).

Das „On-the-move-Sein“ der TessinerInnen muss zudem auf dem Hintergrund der europäischen und nationalen Sprachpolitik (vgl. Rindler-Schjerve & Vetter 2012) und der politisch-ökonomischen (vgl. 2.2.4.2) Bedingungen betrachtet werden. Der Erwerb von Sprachkompetenzen durch Mobilität während des Studiums wird im marktwirtschaftlich geprägten Zeitalter als äusserst wichtig erachtet (z.B. Murphy-Lejeune 2002; Yarymowich 2004). Studierende, welche mobil werden, bekommen die Chance, mehrsprachig zu werden, wozu freilich anzumerken ist, dass die Mehrsprachigkeit ihnen Mobilität erst gestattet (Lüdi et al. 1994; Takahashi 2013). So versuchen TessinerInnen während ihres Studiums Deutsch- oder Französischkenntnisse zu erwerben. Grundlage für ihre Mobilität bilden die während des Gymnasiums erworbenen Deutsch- oder Französischkompetenzen. Aber ähnlich wie die Mobilität sind auch Sprachen nicht gegen hierarchische Zuordnungen gefeit (vgl. Broeder & Extra 1998). Es werden demnach nur eine gewisse Mobilität und mit ihr verbundene Sprachkompetenzen als willkommene zusätzliche Qualifikation bzw. zusätzliches Kapital erachtet (vgl. Coffey 2011; Lan 2011). Im Kontext der Tessiner MaturandInnen sind dies die Mobilität in die Deutsch- bzw. Westschweiz und damit verbundene Deutsch- bzw. Französischkenntnisse.

Die vorliegende Arbeit will v.a. bewusst machen, dass Mobilität diskursiv konstruiert wird, dass ihr eine Machtkomponente anhaftet und mit ihr Kapitalerwerbsprozesse verknüpft sind, die auf politisch-ökonomischen Bedingungen basieren. Sie geht Sprache und (Im-)Mobilität denn auch aus der Perspektive der kritischen Soziolinguistik an. So gelingt es, sich der Herausforderung der Mobilität zu stellen, nämlich „the dislocation of language and language events from the fixed position in time and space attributed to them by a more traditional linguistics and sociolinguistics“ (Blommaert 2010: 21) neu und angemessen zu begreifen. Regionen, z.B. dem Tessin oder der Deutschschweiz, durch die sich die Studierenden bewegen, fällt so eine neue Rolle zu. Pennycook (2012: 26) hält treffend fest: „Place or locality are not so much defined by physical aspects of context, by tradition or origins but by the flows of people, languages, cultures through the landscape.“

Diese Ansicht impliziert, dass unsere Analysen räumlich und zeitlich nicht mehr „unbewegt“ sind, sondern unsere Überlegungen über Sprache an Fragen festgemacht werden, die sich mit Bewegung und Ort befassen. Erst mit solchen Fragen im Hinterkopf sind wir darauf vorbereitet, dass „languages turn out to be floating around in unexpected places“ (Heller 2007: 343).

2.2.4.2 Politische Ökonomie

Aus der Skizze der einstigen und heutigen Hochschullandschaft geht hervor, dass studentische Mobilität und mit ihr verbundene Destinationen sich je nach Machtapparat verändern. Ebenso sind es je nach Periode andere Sprachen, die es mittels der Mobilität zu erwerben gilt.

Im spätmittelalterlichen Europa etwa ist es die Kirche, welche die Universitäten dominiert. Sie finanziert aus Pfründen und anderen Einkünften den Betrieb, diktiert die „doctrina sacra“ und den Gebrauch des Lateins, bestimmt den vom Klosterbetrieb übernommenen 45-Minuten-Rhythmus. Mit dieser kirchlich geprägten Vormachstellung zieht die Universität in ihren Anfängen angehende Kleriker aus dem gesamten christlichen Europa an.

Auch in der gegenwärtigen Hochschullandschaft gibt es einen Machtapparat, der sich auf die Struktur der Universität auswirkt1. So sind es vorwiegend ökonomische Leitlinien, die den Betrieb und die inhaltliche Ausrichtung derselben prägen und im Zusammenhang mit der Wettbewerbsorientierung stehen, die sowohl den öffentlichen als auch den privaten Sektor dominiert. Die Universität ist ein Ort, an dem – in Konkurrenz zu ähnlichen (aber nicht identischen) Orten – gewisse Bildungsgüter konsumiert/erworben werden können. So erhalten Tessiner Studierende dank ihrer Mobilität in der Deutsch- oder Westschweiz Zugang zu Bildung und zu Sprachen, welche den schweizerischen Markt beherrschen, und sie bekommen dadurch die Chance, später jenem Teil der Bevölkerung anzugehören, der sich, z.B. als Arbeitnehmende, in diesen Markt eingliedern kann.

Der Fakt, dass sich der Stellenwert von Sprachen, damit verbundene Sprachideologien und Mobilitätsrichtungen im universitären Kontext seit dem Hochmittelalter in Europa immer wieder wandeln, muss auf dem Hintergrund politisch-ökonomischer Bedingungen betrachtet werden. Doch was ist unter politischer Ökonomie zu verstehen, und inwiefern bietet sich deren Konzept für diese Arbeit an? Die nächsten Abschnitte sollen Antwort auf diese Fragen geben.

Der Begriff „politische Ökonomie“ bezieht sich auf die Bedingungen, unter denen die Produktion und Verteilung von materiellen und kulturellen Gütern in unserer Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt geschieht. Diese Bedingungen hängen mit wirtschaftlichen Gesetzmässigkeiten, Marktteilnehmern (z.B. Grossunternehmen) und amtlichen Entscheidungsträgern (z.B. Kanton, Nation) zusammen. Die „politische Ökonomie“ wirkt sich auf Menschen, deren sozialen Status, deren kulturelle Praktiken, Wertvorstellungen und Überzeugungen aus. Sprachen und SprecherInnen und die Art und Weise, wie diesen Wert zu- bzw. abgesprochen wird, sind davon nicht ausgenommen (Bourdieu 1977; Gal 1989; Irvine 1989; Bauman & Briggs 2003; Philips 2005; Heller & Boutet 2006; Duchêne & Heller 2012; Duchêne, Moyer & Roberts 2013; Martin-Rojo 2013).

Unter den zahlreichen AutorInnen, die sich mit der politischen Ökonomie befassen, findet sich auch Pierre Bourdieu (1977, 1982, 1983). Er beschreibt, inwiefern diese für den sprachlichen Gegenstand relevant ist und entwickelt die bereits erwähnte Idee des „sprachlichen Markts“. Sein Beitrag wird von anderen AutorInnen weiterentwickelt und ist für die vorliegende Arbeit zentral. Laut Bourdieu bewegen wir uns in einem Markt, in dem verschiedene Formen von Kapital zirkulieren, die unter gewissen Bedingungen gegeneinander ein-/austauschbar werden. So ist beispielweise symbolisches (kulturelles oder soziales) Kapital in materielles Kapital überführbar (Bourdieu 1977: 195). Wem (z.B. SprecherInnen) oder welcher Sache (z.B. Sprachen), wann (z.B. jetzt), wo (z.B. in der Schweiz) wie viel Wert (z.B. Geld oder symbolischer Wert) zukommt, wird von der politischen Ökonomie oder eben dem sprachlichen Markt bestimmt. Diese Wertzuschreibungen führen dazu, dass gewisse SprecherInnen und gewisse Sprachen als legitimer, wertvoller oder nützlicher betrachtet werden als andere. Das heisst, dass eine Interaktion nicht bloss ein verbaler Austausch zwischen einem Zuhörenden und einem Sprechenden, sondern auch ein Austausch ökonomischer Natur darstellt. Im Austausch manifestiert sich, wie es um die Machtbeziehung steht und wer wie viel Kapital hat, das den gegenwärtigen Marktanforderungen entspricht (Bourdieu 1991). Entsprechend diesem Verständnis von Sprachen und SprecherInnen sind die Unterschiede und Ungleichheiten in der politischen Ökonomie und in den daraus resultierenden ökonomischen und sozialen Bedingungen beschaffen.

Bourdieu weist darauf hin, dass dem Bildungssystem in der Akzentuierung dieser Ungleichheiten eine wichtige Rolle zukomme (Bourdieu 1977; Erickson 2004; Bourdieu & Passeron 1971, 2006; Martin-Rojo 2010). Es favorisiere die von den Erziehungsbehörden für vorrangig erklärten Sprachen dadurch, dass diese (und keine anderen) unterrichtet werden, stütze somit die Behörden in ihrer Entscheidung und trage erheblich zur Legitimation gewisser Sprachen bei2. Die Macht, die Sprachen zugeschrieben wird, ist gemäss Bourdieu nicht in den Sprachen an und für sich enthalten, sondern reflektiert die Macht einer dominierenden Gruppe (z.B. der Regierung) (vgl. Gal 1989). Wie die historische Skizze zeigt, ist der Markt nicht für die Ewigkeit gegeben. Er verändert sich, wird von Menschen (Individuen und Gruppen) mit spezifischen Interessen und Ideologien produziert und geformt. Menschen verwenden die politisch-ökonomischen Strukturen und nutzen sie, um ihre Interessen zu wahren und in der Gesellschaftsordnung ihren Platz beizubehalten (vgl. Duchêne & Heller 2007).

Bourdieus Überlegungen und deren Weiterentwicklungen passen sehr gut zum Kontext der vorliegenden Arbeit. Im marktwirtschaftlich geprägten tertiären Bildungssystem geniesst die Sprache einen besonderen Status und dient den tertiären Institutionen, die dem Wettbewerbsprinzip gehorchen, als Unterscheidungsmerkmal gegenüber Konkurrenz (vgl. Bourdieu 1979; Saunders 2010; Bodmer 2011; Block et al. 2012; Kauppi & Erkkilä 2011). Angehende Studierende aus anderssprachigen Gegenden etwa versuchen die Universitäten über die Sprache zu akquirieren, indem sie ihnen in deren eigener Sprache aufzeigen, dass Sprachkompetenzen, die sie sich während des Studiums erwerben, ihnen in ihrer Zukunft dienlich sein können. Dies gelingt, weil kommunikative Fertigkeiten und Sprachkompetenzen in der durch die Tertiarisierung geprägten Marktwirtschaft zur Ressource und zum eigentlichen Arbeitsinstrument geworden sind (Boutet 2008; Cameron 2000; Heller 2003). Beispielsweise erhoffen sich Tessiner Studierende dank ihrer Mobilität und den erworbenen Deutsch- oder Französischkenntnissen eine grössere Chance auf dem Arbeitsmarkt, um darin ihr symbolisches in monetäres Kapital zu verwandeln (vgl. Heller 2003, 2010; Philips 2005; Boutet 2008; Urciuoli 2008; Duchêne 2009, 2011; Duchêne & Piller 2011; Blommaert & Varis 2012). Des Weiteren kann die Sprache zum Instrument werden, um etwa potentielle Kunden – oder in diesem Kontext potentielle Studierende – in der ihnen geläufigen Sprache anzusprechen und wichtige Informationen lokal publik zu machen, mit anderen Worten: um sich Zugang zu neuen Märkten (oder neuen Studierendenpopulationen) zu verschaffen (Piller 2001; Kelly-Holmes 2006).

Bourdieus Überlegungen zum sprachlichen Markt erweisen sich im Rahmen dieser Untersuchung als fruchtbar, um zu ergründen, welchen Spreche­rInnen/Sprachen Wert zu-/abgesprochen wird. Irvine und Gal (Irvine 1989; Gal 1989, 2011, 2012) bemerken jedoch kritisch, dass Bourdieus theoretische Ausführungen kaum eine Handhabe enthielten, sie im sprachlich-sozialen Alltag erkennbar zu machen und festzumachen. Sie schlagen deshalb vor, neben dem Markt die darin vorherrschenden Ideologien zu ermitteln. Dem geht das nächste Unterkapitel auf den Grund.

2.2.4.3 Ideologie

Werben tertiäre Bildungsanstalten aus der Deutschschweiz um angehende Studierende aus dem Tessin, heben jene die zusätzlichen Deutschkenntnisse hervor, welche diese sich neben dem Studium „wie von selbst“ aneignen könnten (vgl. Kapitel 4). Wenn Tessiner Studierende die Wahl ihres Studienorts begründen, betonen sie die Wichtigkeit der deutschen Sprache und die Vorteile, welche die Mobilität – sie assoziieren diese z.B. mit zusätzlicher Lebenserfahrung und Selbständigkeit – mit sich bringe (vgl. Kapitel 5). Ideologien liegen diesen diskursiven Praktiken zugrunde. Diese zu analysieren trägt dazu bei, die Konstruktion der sozialen Wirklichkeit, in der auch die studentische Mobilität über Sprachgrenzen hinweg ihren Platz hat, und die darin vorkommenden Machtverhältnisse zu beleuchten.

Ideologie ist zum Alltagsbegriff geworden und wird als flexible Hülse verwendet. Der Begriff bedarf einer Definition, wenn wir uns im Rahmen dieser Arbeit dessen bedienen wollen. In sprach-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen hat die Auslegung des „Ideologiebegriffs“ eine Debatte in Gang gesetzt (vgl. Asad 1979; Thompson 1984; Eagleton 1991; Kroskrity et al. 1992). Zwei unterschiedliche Stossrichtungen zeichnen sich in der Diskussion ab.

Der einen zufolge ist Ideologie „a specific set of symbolic representations – discourses, terms, arguments, images, stereotypes – serving a specific purpose“ (Blommaert 2005: 158; Hervorhebung im Original) und wird von spezifischen Akteuren oder Gruppierungen verwendet, die durch den Gebrauch ihrer Ideologie gegen aussen erkennbar werden. Das heisst, dass damit spezifische, für oder gegen etwas Partei ergreifende Akteure und ihre Überzeugungen gemeint sind. Als Beispiel sei hier auf eine Gruppe von Studierenden verwiesen, die sich gegen die Erhöhung von Studiengebühren einsetzt. Zwecks ihrer Kampagne bringen sie Argumente vor, die für die Beibehaltung eines niedrigen Beitrags sprechen (z.B. Zugang zum Studium über Gesellschaftsschichten hinweg) und gebrauchen Diskurse und Bilder, die ihrem Unterfangen förderlich sind.

AutorInnen, die in die Gegenrichtung stossen, legen Ideologie allgemeiner aus. Sie definieren das Konzept als „a general phenomenon characterizing the totality of a particular system or political system, and operated by every member or actor in that system“ (Blommaert 2005: 158; Hervorhebung im Original). Hierbei wird Ideologie einem gesellschaftspolitischen System in seiner Gesamtheit zugeschrieben, einem System, welches sich über ideologische „grands récits“ (Lyotard 1979) definiert, fortschreibt und sich so in seiner Struktur und Geschichte festigt. Solche „grands récits“ erheben Anspruch auf Exklusivität und haben Neutralisierungsprozesse zur Folge. Wenn beispielsweise die studentische Mobilität aus dem Tessin zum guten Ton gehört, mit ihr also „vernünftigerweise“ Vorteile assoziiert werden, führt dies dazu, dass die Mobilität als „neutral“ gilt, sie also keiner Rechtfertigung bedarf. Dagegen muss möglicherweise die Immobilität legitimiert werden, da sie dem „grand récit“ nicht entspricht. Dass dieser nicht „universally and/or timelessly true“, sondern „contestable […], contested, and interest-laden“ (Woolard & Schieffelin 1994: 58) ist, bleibt verborgen. Es kommt nur zum Vorschein, was der entsprechenden ideologischen Ausprägung zufolge den „grand récit“ aufrechterhält. Der Fokus auf Ideologie lädt zum Nachdenken darüber ein, wie es zu diesem „grand récit“ (und keinem anderen) kommt, der „die Summe der Annahmen umfasst, mit deren Hilfe die Mitglieder eines Kollektivs soziale Wirklichkeit1 konstruieren“ (Spitzmüller 2005: 254). Mit dem Blick auf den „grand récit“ wird es möglich, Machtbeziehungen auf den Grund zu gehen (Woolard & Schieffelin 1994).

Im Zusammenhang mit dem Vorhaben, den Stellenwert der Sprache im Kontext der akademischen Mobilität über intra-nationale Sprachgrenzen hinweg zu ergründen, ist neben dem allgemeinen Konzept der Ideologie die Sprachideologie besonders fruchtbar. Doch woher kommt dieser Begriff und was ist darunter zu verstehen?

Im Jahr 1994 halten Woolard und Schieffelin (1994: 56) fest: Es bilde sich ein Konsens, dass es sich lohne, das, was Menschen über Sprache und Kommunikation dächten oder als selbstverständlich betrachteten, zu erforschen. Zwar hat sich bis heute noch kein einheitlicher Begriff von Sprachideologie durchgesetzt, aber es tauchen vermehrt Arbeiten – vorwiegend aus der Anthropologie – auf, die sich mit der ideologischen Dimension von Sprache auseinandersetzen. Diese befassen sich mit dem „Commonsense“ allgemein, der als Ausdruck einer kollektiven Ordnung angesehen wird, und untersuchen diesen in Bezug auf das Wesen der Sprache, das Wesen und die Absicht der Kommunikation und das Kommunikationsverhalten (Woolard 1992).

Rumsey (1990: 346) definiert Sprachideologien als „shared bodies of commonsense notions about the nature of language in the world“. Gemäss ihm ist Sprachideologie nicht nur anhand einer Analyse expliziter metasprachlicher Äusserungen identifizierbar (vgl. Silverstein 1979), sondern zeigt sich auch in sozialen oder sprachlichen Praktiken, die auf implizit bleibenden Vorstellungen beruhen. Woolard (1998: 3) greift diesen Gedanken in ihrer Definition auf: „Representations, whether explicit or implicit, that construe the intersection of language and human beings in a social world are what we mean by ‘language ideology’“. Beziehen wir die Komponente der Macht mit ein, die bei der Mobilitätsrichtung der Studierenden und dem daraus sich ergebenden Spracherwerb mitspielt und in dieser Arbeit von Bedeutung ist, ist Sue Gals Definition besonders hilfreich: „Ideology is […] defined not as a neutral system of ideas, but rather as the way in which meaning, and thus language, serves to sustain relations of domination“ (Gal 1989: 359). Mit ihrer ablehnenden Haltung gegenüber der Neutralität gleicht diese Definition Judith Irvines Verständnis von Sprachideologie, welche die Interessen noch expliziter hervorhebt. Laut Irvine steht Ideologie für „cultural (or subcultural) system of ideas about social and linguistic relationships, together with their loading of moral and political interests“ (Irvine 1989: 255).

Sprachideologien – ob implizit oder explizit – haben Auswirkungen darauf, wie wir unsere Wirklichkeit erleben, darin sozial und sprachlich handeln und welcher Platz uns darin zusteht. Irvine und Gal (2000: 37–39) haben erkundet, wie Sprachideologien zu untersuchen und woran sie festzumachen sind. In Anlehnung an Charles Sanders Peirce listen sie drei semiotische Prozesse auf. Als „Iconization“ bezeichnen sie einen Prozess, der sich dadurch auszeichnet, dass Sprachgebrauch zur direkten Abbildung sozialer Zugehörigkeit herangezogen wird. Diese Verbindung scheint natürlich und zwingend. So werden z.B. italienisch Sprechende, die sich an der Universität Bern aufhalten, „automatisch“ als TessinerInnen, d.h. als aus dem Tessin stammend, kategorisiert. „Erasure“, der zweite Prozess, entfernt oder blendet jegliche soziolinguistische Heterogenität aus, um möglichst grosse Homogenität herzustellen. So könnte etwa einer der italienisch Sprechenden aus Bern stammen; dieser wird aber nicht beachtet, da er dem ideologischen Schema nicht entspricht. Schliesslich umfasst der Prozess der „fractal recursivity“ Übertragungen von ikonischen Beziehungen auf andere Ebenen. Die italienische Sprache, die in einer Gruppe junger Leute an der Universität Bern gesprochen wird, wird etwa nicht nur mit dem Tessin verbunden, sondern auf gewisse Wesenszüge der italienisch Sprechenden überhaupt übertragen.

Die diesen Teil abschliessenden Ausführungen sollen dazu dienen, den Schweizer Kontext und die für den vorliegenden Forschungsgegenstand relevanten sprachideologischen Dimensionen zu umreissen. Die viersprachige Schweiz (mit ihren drei Amtssprachen Deutsch, Französisch und Italienisch) wird (je nach Interessen der „Erzählenden“ und je nach Adressat) als friedlicher Staat dargestellt, in dem vier (oder mehr) Sprachen harmonisch mit- und nebeneinander gesprochen werden. Verschiedene AutorInnen zeigen, dass dieses Bild täuscht bzw. ideologisch geprägt ist (vgl. Lüdi 2007; Del Percio 2013; Duchêne & Del Percio 2014; Flubacher 2014). Sie legen u.a. dar, dass die in der Verfassung definierte Schweizer Mehrsprachigkeit die Mehrsprachigkeit der in der Schweiz wohnhaften Anderssprachigen ignoriert. Zugleich arbeiten sie die ideologische Komponente, die der Mehrsprachigkeit anhaftet, heraus und decken auf, wie diese im institutionellen Kontext – in der Schweiz und in Europa – zur „neuen Norm“ erhoben worden ist und erhoben wird (vgl. Watts 1997; Maurer 2011; Perez & Materne 2015). Weiter weisen die AutorInnen darauf hin, dass das Territorialitätsprinzip in der Schweiz dazu führe, dass in einer Region – mit wenigen Ausnahmen – nur eine Sprache als Amtssprache gelten könne. Dies hat zur Folge, dass die Schweiz einem Mosaik von mehrheitlich einsprachigen Regionen gleicht, in welchen andere (Amts-)Sprachen einen eher geringen Stellenwert geniessen (Lüdi 2007: 160).

Jene, welche in der Schweiz wohnen und eine der (drei) romanischen Sprachen sprechen, stört zudem die diglossische Situation in der Deutschschweiz – in der punkto Flächen- und SprecherInnenanteil grössten Region. Ich könnte jetzt eine Diglossiedefinition (z.B. Ferguson 1959; Haas 2004) einbauen. Eine Definition dieses Begriffs müsste sogleich hinterfragt werden, da anzunehmen wäre, es handle sich dabei um eine „ideological naturalization of sociolinguistic arrangements“ (Woolard & Schieffelin 1994: 96). Ein knapper Hinweis mag dennoch hilfreich sein, um zu verstehen, worum es geht. Standarddeutsch und Schweizerdeutsch ko-existieren im Deutschschweizer Alltag. Kolde (1981) beschreibt die Diglossie als medial, d.h., dass je nach Wahl des Mediums Standard (Schriftliches wie z.B. Zeitungsartikel) oder Dialekt (z.B. Mündliches wie etwa „volksnahe“ Radiosendungen) verwendet werde. Watts (1999) geht dieser wiederum ideologisch geprägten und prägenden Kategorisierung kritisch auf den Grund und zeigt auf, dass die Verwendung der beiden Varietäten nicht bloss vom Medium abhängig sei. Vielmehr liessen sich dem Dialekt und der Standardsprache verschiedene „Überzeugungen“ zuordnen, die sich dann auf die Wahl des Mediums auswirkten. So gilt etwa der Dialekt als „Mutter-“2 und der Standard als „erste Fremdsprache“. Der Standard3 wird vorwiegend für Schriftliches und somit „Schulisches“ verwendet. Die DeutschschweizerInnen machen sich „echt schweizerisch“, indem sie ihren Dialekt verwenden. Dieser gilt also als Emblem der Zugehörigkeit zur Schweiz (vgl. Watts 1988, 1999). Watts (1999) gebraucht in diesem Zusammenhang auch den Begriff „ideology of dialect“.

Diese ideologischen Grundzüge, die dem Dialekt (und somit auch dem Standard) und der Mehrsprachigkeit der Schweiz anhaften, sind für die vorliegende Arbeit insoweit relevant, als sie erkennen lassen, in welchem Kontext die Tessiner Studierenden sich bewegen, wenn sie die Sprachgrenze zur Deutschschweiz überqueren. Sie geraten somit nicht nur in einen diglossischen Kontext, in dem sie sich sprachlich und sozial zurechtfinden müssen, sie bedienen sich auch verschiedener Sprachideologien und begegnen gleichzeitig einer Herkunftsgesellschaft, in der wiederum verschiedene (Sprach-)Ideologien (auch Tessiner Studierenden gegenüber) vorherrschen. Das Konzept der Sprachideologie ist somit nicht nur theoretisch, sondern auch analytisch fruchtbar. Es erlaubt erstens, unbewusste Annahmen über Sprache und Sprachverhalten zu theoretisieren, Annahmen, die sich darauf auswirken, wie Menschen Ereignisse interpretieren. Zweitens dient es als analytisches „Tool“, auf welches in der Datenanalyse anhand der drei erläuterten semiotischen Prozesse zurückgegriffen wird.

3 Methodologische Grundlage

Ethnographic research aims to see first-hand what occurs and through this provide knowledge as understanding.

Altheide und Johnson (1994: 487)

Während ich im vorausgehenden Kapitel im Zusammenhang mit der Positionierung die Methodologie skizzierte und kurz erläuterte, welche Daten zur Beantwortung welcher Frage erhoben wurden, ist dieses Kapitel gänzlich der methodologischen Grundlage dieser Arbeit gewidmet. Die nachfolgenden Ausführungen beschreiben die Methodologie und legen offen, wie ich bei meinem ethnographischen Schaffen vorgegangen bin, um „knowledge as understanding“ zu erlangen und somit die sozial und diskursiv konstruierte Realität – zumindest ein Stück weit – besser zu verstehen.

Das Kapitel besteht aus zwei Teilen. Der erste widmet sich der Datenerhebung, der zweite behandelt die Analyse. Zwar bedingen sich Erhebung und Analyse und wirken wechselseitig aufeinander. Auch impliziert diese Reihenfolge nicht, dass die beiden methodischen Schritte strikte nacheinander gemacht worden sind. Dennoch bietet sich eine separate Aufbereitung an. Diese erleichtert zum einen die Übersicht für Lesende. Zum andern ermöglicht sie es, die erhobenen Daten verschiedener Natur erst darzustellen, bevor das gewählte analytische Vorgehen präsentiert wird.

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Gatunki i tagi

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Objętość:
473 str. 6 ilustracji
ISBN:
9783823300342
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