Czytaj książkę: «Der Kamin»
Der Kamin
Martina Schäfer
In memoriam Ernst Klee (1942-2013)
©Martina Schäfer 2017
Machandel Verlag Haselünne
Charlotte Erpenbeck
Cover-Bild:Elena Münscher, Bildquelle PD, pixabay.com
Hintergrund: Filter Forge
Illustration: Stefanie Szabo
1. Auflage 2021
ISBN 978-3-95959-303-8
1. Kapitel
„Jetzt hat er ihn aber mal richtig zusammengeschissen!“ Befriedigt ließ Rosi ihren Rucksack von der Schulter und vorsichtig auf den Boden gleiten, denn kein normaler Mensch feuert einen Rucksack, der Kameras im Wert von mehreren Tausend Euros enthält, so in die Ecke, als enthielte er abgegriffene Taschenkrimis, ausgeleierte Trainingshosen und abgegessene Bananenschalen. Das ist eher meine Art der Rucksackbehandlung.
„Wer hat wen angeschissen?“ Wenn es mir danach zumute ist, kann ich gleichzeitig reden und zur Begrüßung küssen.
Rosi allerdings auch: „Na, von Kerkbaum den Schmidtken!“
„Immer noch wegen der vermurksten Geschichte in dem Anthroposophenheim?“1
„Ja, auch. Von Kerkbaum sagte ihm, er habe mehr Vorurteile in seinem Kopf als zwanzig fundamental-katholische Lateinlehrerinnen und wenn er nur halb so viel Verstand hätte wie arrogante Ansichten, könnte er in Nullkommanichts einen Nobelpreis in Kriminologie erwerben!“
Sie warf sich auf ihr Sofa und ich sauste los, um zwei Gläser Saft aus ihrer Küche zu holen. Ich war anlässlich eines Vortrages über Gewaltprävention, den das örtliche Haus für geschlagene Frauen, der Kinderschutzbund und die Kripo organisiert hatten, in Rosis hübscher Kleinstadt zwischen Bergischem- und Sauerland zu Besuch. Der Ort mit seinen fachwerkreichen Häusern und den in unendlichen Grautönen gedeckten Schieferdächern wirkte heimelig. Eigentlich stamme ich ja aus Westeuropa, also aus der linksrheinischen Eifel, aber ein etwas mörderischer Selbstverteidigungskurs in einem gewerkschaftsnahen Tagungshaus Mitteleuropas, genauer gesagt in den unendlichen Wäldern des sauerländischen Mittelgebirges, hatte mich verschiedenster Mordanschläge auf meine werte Person ausgesetzt sowie andere, sehr sympathische Personen, wie zum Beispiel die Polizeifotografin Rosi Kramer, in Lebensgefahr gebracht. Letztendlich gelang mir die Lösung meines ersten Falles, und wie das Leben so spielt, fand ich mich, gewissermaßen als Lohn für alle meine dortigen guten Taten, anschließend in den Armen dieser wunderlieben, lockigen Fotografin wieder, in denen ich, metaphorisch gesprochen natürlich, bis heute zu liegen die Freude habe.2
„Danke -“ Sie nahm das Glas entgegen und zog mich auf das Sofa herunter. „Aber dieser Schmidtken sollte uns eigentlich egal sein. Erzähl, was hast du heute gemacht?“
„Nichts von Bedeutung, nur den gestrigen Vortrags- und Diskussionsabend ausgeschlafen.“
„Die drei Weizenbier?“
„Ja, die auch! Also, er ist degradiert, die Schulterklappen abgetrennt, die feine Lederjacke in Fetzen gerissen und Schmidtken damit das arrogante Lächeln vom Gesicht gewischt?“
„Nicht ganz – aber fast! Von Kerkbaum ist ein gütiger Vater in allen Lebenslagen, selbst solchen Kreaturen wie Schmidtken gegenüber.“
Vater – okay, über das gütig mochte man sich streiten, denn wir hatten ihn durchaus auch schon als etwas hinterhältig erlebt. Als Folge unseres ersten Falles im Sauerland hatte von Kerkbaum, Rosis und Schmidtkens gemeinsamer Vorgesetzter, eine seltsame Intrige eingefädelt, die uns alle drei – er nannte uns seitdem übrigens das Sauerland-Trio! – in eine anthroposophische Institution für Erwachsene mit geistiger Behinderung führte. Ein alter Freund von ihm war dort mächtig in Schwierigkeiten geraten. Schmidtken hatte sich vor Ort allerdings wahrlich nicht als der geniale Aufklärer erwiesen. Ohne das schnelle und mutige Eingreifen der so genannten `Behinderten` selbst läge ich nun wohl in der Familiengruft und ein irrer Schlächter liefe immer noch weiter frei in der Landschaft herum!
„Schmidtken in die Produktion?“ Ich fuhr mit allen meinen Fingern durch Rosis stürmische Locken und vergaß den Orangensaft im Glas und den Eintopf im Ofen.
„So ungefähr. Von Kerkbaum hat ihm einen leichten Fall mit viel Lauferei zugeteilt. Diese Bande, die hier in der Gegend in letzter Zeit so viele Kioske überfallen und aufgebrochen hat, ist gestern Nacht weit über ihr sonstiges Maß hinausgeschossen: Die Kerle haben eine Kioskfrau erschlagen!“
„Oh!“
„Jana, wenn du dir überlegst, in welchem Alter Jugendliche heutzutage kriminell werden, Tankstellen ausrauben, Autos klauen und sogar Leute umbringen – es ist traurig!“
„Und wir Frauen halten derweil kluge Vorträge über Gewaltprävention!“
Es war eine ganze Vortragsserie zum Thema sexuelle Gewalt, die, auf Anregung verschiedener Frauen und durch Rosis berufliche Kontakte gefördert, in ihrem Ort stattfand. Vorige Woche hatte eine Juristin gesprochen, davor die Woche eine Psychologin zum Kindesmissbrauch, ich am gestrigen Abend über Deeskalationsmaßnahmen an Schulen, nächste Woche würde ich noch einmal vor einer Elterninitiative des hiesigen Gymnasiums sprechen. An dem Wochenende dazwischen gab ich einen Wen-Do-Grundkurs für zwölf Mädchen einer Hauptschule. Die Tage, an denen ich keine Pflichten hatte, verbrachte ich mit Spazieren gehen, für meine Liebste und mich russisch, chinesisch oder italienisch kochen, Schundromane lesen sowie allerlei gemeinsamen Aktivitäten.
„Als du heute früh deine Weißbiere ...“
„Na, nicht doch Rosi, die hochpolitischen Diskussionen!“
„Gut, gut! Also, als du das Alles noch ausgeschlafen hast, haben die Kollegen mich zum Fotografieren an den Kiosk geschickt. Schmidtken war bereits gestern Nacht vor Ort. Immerhin – pflichtbewusst ist er ja!“
„Wann ist denn der Überfall passiert?“
„Ach, irgendwann wohl zwischen zehn und zwölf Uhr – eher zwölf, gab der Pathologe kurz vor Feierabend noch durch. Die Frau hatte ihren Stand in der Nähe des Bahnhofes und hielt offen, bis der letzte Zug durch war.“
„Als wir bereits mit den Organisatorinnen in der Kneipe waren?“
„Ja. Das Schlimme ist...“, Rosi trank nachdenklich einen Schluck Saft und richtete ihre honigfarbenen Augen auf mich, „... ich kannte die Frau sogar ein wenig.“
Rosi stammt eigentlich vom Bodensee und hat einen sehr starken alemannischen Akzent, der immer dann besonders durchklingt, wenn sie betroffen ist oder sich sonst aufregt. „Und keiner hat etwas gesehen? Euer Bahnhof ist nach der Rushhour tatsächlich nicht mehr ein Abbild des brodelnden Lebens. Aber immerhin doch der Bahnhof einer mittleren Kleinstadt mit kulturellen Bedürfnissen in der nächsten Großstadt? Da kommen doch immer noch allerlei Nachtschwärmer und Theaterbesucher mit dem letzten Zug zurück?“
„Nein – kein Mensch!“ Sie schaute an mir vorbei in Richtung Fenster. „Bei all den anderen Überfällen hat fast immer irgendjemand irgendetwas gehört oder gesehen. Deshalb wissen wir ja auch, dass es sich sehr wahrscheinlich um eine Bande von Jugendlichen handelt.“
„Wenn du jemanden totgeschlagen hättest, würdest du auch nicht mehr lange dort herumstehen und allzu großen Lärm machen!“
„Eigentlich sind sie noch nie in dieser Weise tätlich geworden.“ Rosi runzelte die Stirn und legte sich den kühlen Glasrand an die Schläfe.
„Die anderen Kioskbesitzer waren doch immer schon zu Hause. Sie ist sicherlich die Einzige gewesen, die so spät abends noch geöffnet hatte. Damit haben die Kerle nicht gerechnet – Rums – Schlag...! Und ab klammheimlich, schnell und leise!“
„So ähnlich mag das wohl gelaufen sein. Wirklich übel! Sie war eine Nette. Liebäugelte übrigens auch mit der hiesigen Frauenszene. Ich habe sie hin und wieder auf Festen oder größeren Veranstaltungen gesehen. Sie hatte ein tolles Mundwerk, fast so wie du, mein Herz.“ Sie lächelte mich mit diesem Blick an, der mich auf der Stelle durch die Sofakissen hinschmelzen ließ.
„Aber bitte!“
„Betonte die Worte wie du: ‚Fisternöllschen’ zum Beispiel.“
Rosi ist hinreißend, insbesondere, wenn sie versucht, meinen flotten, mit allen Abwässern des Altvaters Rhein gewaschenen Tonfall nachzuahmen! Während wir Rheinländerinnen meistens unser Leben lang unfähig sind, das CH und das SCH auseinander zu halten – wir essen und betreten Kirschen gleichermaßen – sind die Bewohnerinnen der voralpinen Seen auch nicht im Entferntesten in der Lage, das SCH zu artikulieren, nicht einmal ein sauberes CH, welches andere Leuten unter die Zungenspitze legen. Alles bleibt ihnen regelmäßig im Halse stecken – und ‚Fisternöllschen’ auf jeden Fall.
Rosi Kramer, deren hoch privilegierte Geliebte ich zu meinem Glück bin, so dass sich anstrengende Aktivitäten wie Seitensprünge oder Zweitbeziehungen angenehmerweise erübrigen, runzelte nachdenklich die Stirn. Sie ließ den Saft in ihrem Glas schaukeln und rückte ein wenig aus meiner liebenden Umarmung heraus. Das macht sie immer so, wenn sie über etwas nachdenkt. Irgendwann hat es dann den Anschein, als stelle sie ihre Augen auf Fernsicht ein. Aber eine Fernsicht, die durch innere Landschaften streift, hunderte von Archivschubladen im Kopf aufreißt und tausende von Kontaktabzügen vor der Erinnerung vorbei ziehen lässt.
Rosi Kramer, die Polizeifotografin, hat mehr als ein visuelles Gedächtnis, denn so simpel als ‚Gedächtnis’ lässt sich ihre Fähigkeit nicht mehr beschreiben, die sämtliche, aber auch sämtliche je von ihr gemachten Fotografien eines fast fünfzigjährigen Fotografinnenlebens auf Abruf im Kopf bereit hält.
Ein Wunder, nicht nur für solch kuckfaule Personen wie mich!
Schauen, kucken, beobachten, betrachten und ähnliche Tätigkeiten finde ich ungeheuer anstrengend. In Museen, selbst in naturwissenschaftlichen, die eher meinen Interessen entsprechen, überfällt mich meist gleich bei der Eingangstüre ein unwiderstehlicher Gähnzwang.
Ich bin kaum weit- und ebenso wenig kurzsichtig, aber viele blaue Flecken und ein Fahrstundensoll von annähernd dreißig Stunden haben mich gelehrt, dass ich eigentlich die Welt eher flach wahrnehme, wie einen Kinofilm, weshalb ich auch gerne ins Kino gehe. Da zappelt diese flache Welt und ich kann ihre Tiefenschärfe bemerken, denn das ist ja der Sinn dieser bunten beweglichen Illusion.
Möglicherweise ist das alte Echsenstammhirn ein bisschen überproportional bei mir entwickelt: Stille Dinge entgleiten mir rasch: Statuen, Tapetenmuster und Keramikornamente. Ich liebe das, was sich bewegt: Im Wind wehende Bäume, das vor- und zurück schwappende Meer, tanzende Frauen und springende Hunde, und bewege mich deshalb selber auch sehr viel. Zum Leidwesen der Menschen in meiner Umgebung, die diese Zappelei eines stämmigen Kämpferinnenkörpers vor ihren Nasen erdulden müssen.
Die Art, wie ich als Kind mühseligst das Schreiben erlernte, muss meine Erziehungsberechtigten sehr erschrocken haben. Nur die Tatsache, dass ich in rasanten zwei Wochen oder gar Tagen lesen lernte, beruhigte sie einigermaßen in ihren Befürchtungen, etwas lern-, leistungs- oder gar geistig Behindertes in die Welt gesetzt zu haben. Aber Lesen hat eben etwas mit den Ohren zu tun: Natürlich kann jedes halbwegs aufgeweckte Kind einen Text, der schon dreimal von anderen MitschülerInnen vorgestottert wurde, dann auswendig herunterbeten! Da braucht`s echt keine Buchstaben mehr.
Was in einiger Entfernung platt ist und nur durch die Beweglichkeit der flitzenden und flatternden Kinobilder Tiefenschärfe aufweist, diese seltsame Welt, genannt Erde des ausgehenden 20. Jahrhunderts, erhält in der Nähe ihr Profil durch eine Wahrnehmung, die der anthroposophische Teil meiner Familie „Bewegungssinn“ nennt und die mir in meinem Beruf als Lehrerin für Selbstverteidigung und Selbstbehauptung sehr zustatten kommt: Ich spüre sehr gut, was sich wo in Bezug auf meinen Körper bewegt, parke Güllefässer oder Wohnmobile rein nach dem Gefühl für die Abstände ein und versuche Frauen, Mädchen und Menschen mit Behinderungen aller Art wenigstens eine Ahnung dieses Gefühls für Grenzen und grenzüberschreitende Körper, die meistens dem anderen Geschlecht gehören, zu vermitteln, oder Orientierungshilfen in dunklen Straßen und gefährlichen Wohnzimmern.
„Irgendetwas war anders als bei den Überfällen davor.“
„Wie – anders?“ Ich schrak aus meinen Selbstbetrachtungen hoch.
„Ich krieg es nicht zusammen.“
Rosi legte den Kopf schief und schaute zum Fenster hinüber, was aber, wie ich wusste, eine Illusion war, denn sie kramte eigentlich eher irgendwo schräg in ihrer Erinnerung herum.
„Der Eindruck, weißt du, der Gesamteindruck ...“
„Ja?“
Man sagt mir nach, dass ich sehr helle, blaue Augen habe und deshalb glaubt kein Mensch, dass es eigentlich meine Ohren sind, auf die man sein Misstrauen richten sollte. Aber Segelohren sind nun mal kein solch schönes Kompliment wie keltenblaue Augen, auch wenn sie das Niesen eines Regenwurmes an einem herbstlichen Nebeltag hören.
„Ich würde gerne die verschiedenen Fotoserien von den Überfällen noch einmal vergleichen.“
„Na, dann schaust du halt gleich morgen früh mal nach?“
„Weißt du, Jane, die Ermordete hat sich auch sonst für die Menschen interessiert: Häufig standen Leute stundenlang an ihrem Kiosk herum, ohne dass sie eine Zeitung kauften!“
„Mit anderen Worten, sie ist es dir wert, gleich jetzt noch einmal die Fotos im Labor anzuschauen?“
„Genau!“ Rosi holte ihren Blick in unsere Gegenwart zurück. „Woher weißt du das?“
„Für Leute, die dir nicht wichtig sind, bist du selten bereit, freiwillige Überstunden abzudienen.“
„Wir kucken nur schnell im Fotoarchiv nach. Wir wollten doch eh` noch einen Kleinen ziehen gehen, da kommen wir fast am Rathaus vorbei.“
„Einenziehengehen“ heißt auf Alemannisch ein Bier trinken.
„Außerdem“, Rosi war schon aufgestanden, „ist heute Abend Frauenbeiz!“
Auf Hochdeutsch: „Frauenkneipe“, eine nette Sitte, die viele alternative oder links angehauchte Kneipen in der deutschen Provinz eingeführt haben: Ein Abend, an dem nur Frauen in die Kneipe dürfen. Reine Frauenkneipen halten sich bei uns nur in den Millionenstädten und auch da nur mit Ach und Krach oder Hängen und Würgen.
„Was ist mit dem Abendessen?“
Als hätten die sich miteinander verbündet, fingen unsere Mägen nun unisono an zu protestieren, zu knurren wie ein Haufen Löwenbabies. Also gab es zuerst noch den Eintopf mit Weißbrot und Quarkhäufchen drauf. Solche Feinheiten gehören zu meinem unbewussten slawischen Erbe.
Dann machten wir uns Hand in Hand durch einen leichten bergischen Nieselregen auf in Richtung Rathaus, in dem die Institutionen der Kriminalpolizei untergebracht sind.
1 siehe meinen Kriminalroman: „Herz aus Stein.“
2 siehe den Krimi unter dem Pseudonym Magliane Samasow: „In Teufels Küche.“ Elsdorf, 1999 kbv-Verlag
2. Kapitel
Unter der Türe mit der Aufschrift „Fotolabor und Archiv“ drang Licht hervor, als wir im Rückgebäude des von Fachwerk durchzogenen Rathauses den langen Gang des Kommissariats entlanggingen.
Rosi stieß, ohne anzuklopfen, die Türe ihrer Arbeitsräume auf. „Wer ist denn da? Um diese Zeit?“ Schmidtken schaute von einem großen Leuchttisch, der quer hinten im Raum unter einer Fensterfront stand, hoch.
Das Licht warf von unten merkwürdige Schatten über seine wohlgepflegte Gestalt und gab seinem Gesicht tatsächlich den Anschein eines zutiefst beleidigten Adlermännchens. Oder sollte von Kerkbaums Standpauke tatsächlich Wirkung gezeigt haben?
„Was machst du hier um diese Zeit?“ Rosi trat an den Leuchttisch. Dadurch wurde der Blick frei auf meine bescheiden hinter ihr drein stolpernde, füllige Gestalt.
„Oh! Nicht Sie auch schon wieder!“ Schmidtken ließ ein paar Bögen auf den Tisch gleiten und griff sich an die Stirne. Rosi lachte mir über die Schulter zurück zu.
„Dein Name fiel für seinen Geschmack ein bisschen zu häufig heute aus Kerkbaums wütendem Mund! Ja – sie auch!“, wandte sie sich wieder an ihren unglücklichen Kollegen. „Und was machst du hier in meinen Räumen?“ Sie trat energisch vor und fasste nach den Fotografien, die auf den hellen Tisch gefallen waren.
„Diese Zeitungsfraugeschichte ...“
„Du auch?“ Sie sah Schmidtken fragend an.
„Es ließ mir keine Ruhe! Irgendetwas stimmte nicht an diesen Bildern!“
„An dem, was sie abbilden!“, führte ich ihn vorsichtig auf die Pfade ordentlicher Formulierungen zurück und Rosi brummte zustimmend. Er aber verdrehte schon wieder ungeduldig die Augen.
„Ich weiß es auch nicht, was es ist, das Ganze wirkt irgendwie anders als die letzten Male!“
Rosi beugte sich über die Fotografien und legte sie nebeneinander auf den Tisch. Man konnte heraus gerissene Schubladen erkennen, abgestürzte Zigarettenstangen, zerfledderte Zeitungen.
„Hol` doch einmal ein paar Vergleichsfotos von den anderen Einbrüchen!“ Rosi wies auf einen der Karteischränke mit den großen Hängeschubladen und fügte hinzu: „Dritte Schublade, vierter, siebter und zehnter Hänger.“
Schmidtken bewegte sich gehorsam in den dunklen Hintergrund hinein, ich hörte ihn Schubladen herausziehen und die Hänger klapperten wie altjüngferliche Stricknadeln. Er brachte die Fotografien an den Tisch zurück.
Rosi ordnete die anderen Gruppen in drei parallelen Reihen darüber an und lehnte sich stirnrunzelnd über den Tisch.
„Lasst uns das einmal nach Themen geordnet von oben nach unten aufreihen: Alle Bilder mit aufgebrochener Kasse links, dann vielleicht die Zigarettenstangen oder was von ihnen übrig ist und dann...“ Sie stockte und Schmidtkens Finger blieben in der untersten Reihe links stehen. Auch ich sah, was es gar nicht zu sehen gab: Kein Foto mit aufgebrochener Kasse, statt dessen eine kaum vorgezogene Schublade, in der wir eine wohl verschlossene Stahlkassette erkennen konnten. Rosi schaute Schmidtken fragend an und der nickte bestätigend.
„Das Geld war unangetastet noch da. Die Tote ist ja über diese Schublade gebeugt vornüber gefallen. Anscheinend war es ihnen unheimlich, unter ihr nach der Kasse zu stöbern.“
„Sehr seltsame Rücksichtsnahme!“ Rosi schüttelte verwundert den Kopf. „Dann haben die ja kaum etwas erbeutet?“
Schmidtken nickte. „Die Zigarettenstangen und Zigarrenkisten waren auch alle noch da.“ Er deutete auf die Reihe mit den Zigarettenstangen aus den verschiedenen anderen Überfällen: „Kiosk Oberbergenbach: Zerfetztes Papier, fünf aufgerissene Kartons, zurück bleiben drei heraus gepurzelte Malboroughpäckchen und sieben Galloisstangen.“
„Die raucht hier oben auch kein Schwein!“, murmelte Rosi. „Wären gar nicht rasch an den Mann zu bringen.“
„Kiosk Familie Meier in der Weimarerstraße: Die führten gleich gar keine Gallois, aber eine Menge leichter Marken, da ist nämlich ein Gymnasium in der Nähe. Alle Stangen weg, die ausgepackten Päckchen nur teilweise aus den Regalen gerissen. Sah nach einer überstürzten Flucht aus, nicht mal richtig Zeit haben die sich gelassen, noch ein, zwei in die eigenen Hosentaschen für den Eigenverbrauch zu stopfen. Hier wurden die Ganoven übrigens das erste Mal auch beobachtet!“
Er atmete aus und ich wagte mich einzumischen: „Meinen Sie, Gymnasiasten stecken dahinter?“
Er zog seine Luft schnaufend wieder ein und warf mir einen Blick zu, als hätte ich ihn gefragt, ob grüngelbe Marsmännchen an den Überfällen beteiligt gewesen seien. „Gymnasiasten?“
Undenkbar anscheinend für Schmidtkens reine Waldorfschülermentalität! Wir etwas allgemeiner beschulten Frauen aus den Niederungen staatlicher Institutionen grinsten uns über die Fotos hinweg an.
„Die Zeitschriften!“ Rosis Finger deutete auf die dritte Vergleichsreihe und wieder neigten wir alle drei unsere Köpfe über den Tisch. Friedenspapa von Kerkbaum hätte die helle Freude an seinem „Sauerland Trio“ gehabt. Seit einer Viertelstunde wieder traut streitend vereint!
„Wieso sind die hier überhaupt herausgerissen? Die sind doch für einen Überfall gar nichts wert?“ Ich deutete auf die durcheinander geworfenen Magazine, Tageszeitungen und Fernsehzeitschriften des Bahnhofkiosks.
„Ist auch sonst nie der Fall. Hier, der Kiosk in der Neubausiedlung: Alle Zeitungen noch an ihrem Platz, Meiers auch, Oberbergenbach auch.“
„Und ich erinnere mich gut“, Rosi schaute in ihre imaginäre Ferne, “dass es bei den vier anderen Fällen ebenso war.“
„Dann hättet ihr also am Bahnhof ein ganz und gar untypisches Bild: Kein Geld geraubt, Zigaretten nur so pro forma herausgerissen, aber liegen gelassen, Zeitungen dagegen herumgefleddert?“
„Und die tote Frau nicht zu vergessen, Frau Mertens, die Pächterin des Kiosks.“
„Vera Mertens“, ergänzte Schmidtken und starrte nachdenklich weiter auf die Fotoreihen. „Vera Mertens, geboren am 15. Mai 1949 in Hamm.“
„Kinder?“ Ich schaute ihn fragend an und er schüttelte den Kopf.
“Nein, sie war ihr Leben lang ledig.“
Ein typischer Schmidtkens-Schluss, Männerlosigkeit mit Kinderlosigkeit gleichzusetzen.
„Das sollten wir trotzdem nachprüfen.“ Rosi schob die vier Fotografienreihen wieder zusammen. „Andere Verhältnisse?“
„Eine alte Mutter im hiesigen Altenstift, ein verheirateter Bruder, Elektrikermeister mit halb erwachsenen Zwillingen in Bochum sowie eine verheiratete Schwester, eine Frauenskatrunde und irgendwelche weniger wichtigen, flüchtigen Kontakte. Das brachte sicherlich auch ihr Beruf so mit sich. Aber wir haben das heute noch gar nicht weiter verfolgt, Rosi, der Fall schien ja auf den ersten Blick hin ziemlich klar!“ Schmidtken stopfte seine Fäuste ein wenig trotzig in die Taschen der feinen Wildlederjacke. „Bisher!“
„Immerhin ist dir das Gleiche aufgefallen wie mir!“ Rosi klopfte Schmidtken ermutigend auf den Rücken und grinste ihn an.
„Na gut, wenn dieser Überfall tatsächlich nicht auf das Konto der Jugendlichen geht ...“
Er drehte sich herum und verließ das Labor, Rosi räumte die Bilder wieder in ihre Hängevorrichtungen und schloss mit Schwung die Türen.
„Eigentlich im Zeitalter von Digitalkamera und Computervernetzung ein ziemlich altbackenes System, das ich da führe. Aber wenn ich zwanzig Bilder nebeneinander auf dem Monitor haben will, sehe ich außer Pünktchen und Flecken nicht mehr sehr viel. Außerdem geht das Gefühl fort! Frau muss ihre Fotos anfassen und hochheben können, sie ins Licht kippen ...“
„Daran riechen?“ Ich lächelte sie an und Rosi löschte die Lampe.
„Irgendwie, nenne es riechen, fühlen. ... wie du willst.“
„Wie hat man eigentlich die Frau getötet?“
Schmidtken hatte im Flur auf uns gewartet und ging jetzt mit uns heraus. Ich trottete hinter den beiden Kripobeamten den nächtlichen Gang herunter und wunderte mich wieder einmal darüber, wie weit gefasst doch die charakterliche Spannbreite der deutschen Polizei war, verkörpert in diesen beiden Gestalten da vor mir im nächtlichen Flurlicht.
Alle drei schlossen wir wieder zu einander auf, als es galt, die nächtens ungenutzten Büroräume der örtlichen Kripo von außen zu verschließen.
„Ziemlich gemein und hinterlistig: Die Täter sind von vorne an den Kiosk herangetreten, haben die Frau irgendwie vorgezerrt, ihr auf den Kopf geschlagen und sie wieder zurück auf ihren Stuhl gestoßen. Danach erst sind sie durch die Seitentüre in den Kiosk eingedrungen.“
„Also hat Vera Mertens sie gar nicht auf frischer Tat ertappt?“ Ich fragte geduldig die Rücken der beiden KollegInnen aus, während die grüßend an der schummerig beleuchteten Kabine des Nachtportiers vorbei wieder auf die Seitenstraße des Marktplatzes traten.
„Nein!“ Schmidtken blieb stehen und schaute in den nieseligen Nachthimmel hinauf. „Dieser Mord war ihre erste Gewalttat in der Tatsequenz, wirkt ja fast wie geplant und das war es auch, was mich zuerst stutzig gemacht hat. Das war geplant und gemein! Sie hätten einfach weiter gehen können, als sie sahen, dass der Kiosk noch besetzt war. Aber das geschah nicht, und das finde ich äußerst seltsam.“
Da wir im Dunkeln Schmidtkens Gesicht nicht sehen konnten und er auch eilig vor uns her lief, rang er sich doch glatt zu dieser Gefühlsäußerung durch. Das war ein untrügliches Zeichen dafür, wie sehr selbst diesen coolen, schnieken Beamten das Bild der erschlagenen Frau berührt hatte. Es musste wahrlich fürchterlich ausgesehen haben!
„Ja, das war gemein und brutal. Wenn ihr mich fragt, hat jemand den Verdacht ganz gezielt auf die Jugendbande gerichtet. Schließlich hat der Täter oder haben die Täter ein ziemliches Risiko auf sich genommen, gesehen zu werden.“ Schmidtken sah sich hin und wieder nach uns um, marschierte aber im Übrigen doch weiter sehr flott vor uns her.
„Was diese jungen Kerle machen ist nicht in Ordnung, sicher! Und wenn wir denen nicht irgendwann das Handwerk legen und sie vernünftigen Erziehungsmaßnahmen unterwerfen, solange da noch eine klitzekleine Chance auf Besserung besteht, wird vielleicht der eine oder andere von denen auch mal solch eine raubmörderische Kariere einschlagen. Doch vorerst sind es zwar verdammt leichtsinnige Bengel, aber sicherlich keine Mörder!“
„Meinst du, Frau Mertens hat ihren Mörder gekannt? Warum sonst hätte sie sich so vertrauensvoll weit vorbeugen oder ihm die Hände aus dem Kiosk herausreichen sollen?“
„Schon möglich, Rosi.“
Schmidtkens lange Rede hatte uns über den alten Marktplatz und die ungefähr achthundert Meter lange Fußgängerzone hinab in Richtung Bahnhofsvorplatz geführt.
„Bei achtzig Prozent aller Gewaltverbrechen kennen sich Opfer und Täter“, brachte ich mein Wissen ein und Schmidtken warf mir einen missbilligenden Blick zu.
Rosi hatte das Signal der Ampel gedrückt. Obwohl keinerlei Verkehr zu dieser etwas späteren Stunde zu hören oder gar zu sehen war, wartete ich geduldig mit den beiden Staatsbeamten zusammen auf das grüne Signal. Vermutlich war es hier vor ungefähr vierundzwanzig Stunden, als der Mord geschah, genauso friedlich und still gewesen.
Der Kiosk stand einsam mitten auf der größten der sieben Straßeninseln, die den regionalen Busbahnhof bildeten. So im nächtlichen Dunkel wirkte er geduckt und schimmerte breit wie ein getretenes Huhn durch die Stille herüber.
„Es sah sehr wüst aus, als wir an den Tatort kamen. Der Schichtarbeiter, der Vera Mertens um vier Uhr dreißig entdeckte, als er aus dem Bahnhof trat, war ziemlich bleich, als wir ihn vernahmen, und er ist sicherlich sonst ein eher harter Typ!“
„Trotzdem wirkte das Chaos auf den Bildern wie gewollt. Da wollte jemand, der keine Ahnung von Überfällen hat, bewusst den Anschein erwecken, als sei es einer gewesen.“
„Wäre Frau Mertens nicht über die Schublade mit der Kasse gefallen, vielleicht hätten die Täter ja dann das Geld zu Tarnungszwecken doch entwendet?“, wagte ich schüchtern anzufragen und Schmidtken nickte nur grimmig vor sich hin.
„Aber warum tötet jemand eine solch relativ harmlose und anscheinend bei vielen Leuten beliebte Frau?“ Ich schüttelte den Kopf.
Rosi fasste meine Hand, als wir Richtung Marktplatz zurückliefen: „Ich kannte Vera Mertens sogar ein bisschen, Schmidtken. Sie war wirklich sehr nett und ich könnte mir denken, auch bei den Menschen, die du zu den weniger wichtigen, flüchtigen Kontakten gerechnet hast, sicher ziemlich beliebt.“
„Du kanntest sie?“
Wir standen wieder unter den Arkaden des Rathause.
„Vera Mertens verkehrte am Rand der Szene, der Frauenszene, meine ich!“
„Eurer ...?“ Er machte große Augen.
„Unserer!“ Rosi fasste ihn am Arm. „Du wirst ein wenig über deinen Schatten springen müssen, aber wenn du willst, helfe ich dir auch ein bisschen. Das muss bestraft werden, diese Schweinerei!“
„Wenn du dich für mich umhörst, ist die doch auch wieder dabei!“ Er deutete auf meine Person wie auf eine verrostete Teertonne. Komisch eigentlich, wie viele Menschen gegenüber Lesbenpaaren in eine Art „La-Belle-et-la-Bete-Schema“ verfallen: Da gibt es meistens die Gute, Schöne und nach den herrschenden Maßstäben Angepasstere und die Latzhosige, Finstere mit Stoppelhaaren. Nun, in meinem Fall, da ich keine Stoppelhaare und auch kein wieder von den Toten auferstandenes Butch-Image pflege, war es wohl eher mein das staatliche Gewaltmonopol brechender Beruf, der mich in Schmidtkens Augen zur Unperson abstempelte, trage ich doch auch schon seit zwanzig Jahren keine Latzhosen mehr und die Haarmatte auf meinem slawischen Rundschädel ist ungefähr zehn Zentimeter lang, weich und, wie ich finde, durchaus von eher femininer, dunkelblonder Farbe.
„Natürlich ist die auch dabei!“ Rosi gluckste ob Schmidtkens Abscheu vor einer privaten, weiblichen Selbstverteidigungstrainerin. „Und du wirst noch dankbar dafür sein, nehme ich an. Denn wenn du Pech hast, werden sich deine Untersuchungen in einer reinen Frauenwelt abspielen, einer Welt aus allein erziehenden Müttern, karrieregeilen Ledigen, wilden, unterbezahlten Projektfrauen und“, sie lachte laut und hakte sich bei mir unter, „Lesben! Gute Nacht!“
Während wir Schmidtken leicht verdutzt am Eingang der Seitenstraße stehen ließen, rollten wir wie zwei Seebärinnen auf Landgang vergnügt dem verspäteten Besuch der heutigen, hiesigen Frauenkneipe entgegen.
3. Kapitel
In den Provinzhauptstädten Deutschlands, in denen nicht alle Tage irgendwo ein Frauenereignis in einem männerfreien Ambiente stattfindet, werden die wöchentlichen oder eventuell gar nur vierzehntägigen Frauenkneipen in der Regel gut besucht.
Da taucht dann nicht nur die einsame, meist ortsfremde Wen-Do-Trainerin auf der Durchreise auf, da zieht es die Landlesben von ihren unökonomisch geführten Kleinstbiobäuerinnenbetrieben und leicht verkommenen Pferdehöfen ins brodelnde Kleinstadtleben, die dreieinhalb festen Lehrerinnenpärchen als jeweilige Vertreterinnen der drei wichtigsten Schultypen unseres nordrhein-westfälischen Landes sitzen an ihrem Lehrerinnentisch und besprechen die Realien des Daseins zwischen Beamtinnentum und Comeoutbestrebungen. Und da hängen die obligaten Kajaldamen zwischen fünfzehn und achtzehn Jahren am Tresen herum. Schick behängt mit diesen nierenkranken, ausgebleichten Jäckchen, an den Füßen Plateausohlen. Sie können sich immer noch nicht entscheiden, ob sie nun Mädels wollen oder doch wieder lieber mit den Jungens weiter rumhängen – echt ätzig die, echt! Sie werden misstrauisch beäugt von den zwanzig- bis fünfundzwanzigjährigen Junglesben in Lederjacke und mit Stoppelkopf, die es geschafft haben, sowieso demnächst nach Köln oder Berlin emigrieren werden und verachtungsvoll auf alle Provinztussis hernieder blicken. Dazu gibt es eigentlich keinen Grund, denn das Häuflein übrig gebliebener, aufrechter Politfrauen aus grandioseren Jahren, grau geworden in den jahrzehntelangen Kämpfen zwischen Männerherrschaft und Beziehungskisten, debattiert ernst und so laut, dass bitte es alle hören mögen, die beklagenswerte Unpolitisiertheit der jungen Generation – zu der sowieso alle unter siebenunddreißig gehören! Meistens artet das aus in den üblichen Hickhack zwischen der Ober-Hetero-Politfrau des Ortes, die sich irgendwann mal für das Engagement bei den Grünen entschieden hat, und der Ober-Lesben-Politfrau, die heute die regionale Ansprechpartnerin der Feministischen Partei ist. Vor vielen Jahren waren sie die erbittert verfeindeten Queens of the Scene, leider auch einige Male miteinander im Bett, was sie besser hätten bleiben lassen sollen. Heute sieht das Ganze viel gelassener aus. Die hohen Sturmeswellen der Jugend sind verklungen, die wilden Gebirgszacken aller Dissenzen zu ruhigen Tälern glattgehobelt. Man kann wieder miteinander – zumindest einmal in der Woche oder im Monat einen Abend lang.
Rosi hat gewissermaßen eine biografische Lücke von zehn Jahren, was diese Szene betrifft.
„Manchmal muss man sich entscheiden“, erklärte sie mir einst an einem lieblichen Sommerabend bei mir zu Hause an der Steinbachtalsperre, als die anderen Eifellesben schon vom gemeinsamen Badewurzelstammstrand aufgebrochen waren und die Sonne eine späte Brücke über das dunkle Wasser legte.
„Du kannst nicht gleichzeitig deine Karriere bei der Polizei planen und illegal Frauen zur Abtreibung nach Holland fahren.“
„Du musstest ja nicht ausgerechnet zur Polizei gehen!“
„Nein, mein Schatz, das nicht. Aber ich wollte eben fotografieren und dort wurde die Stelle frei.“
„Presse wäre doch auch etwas gewesen?“
„Ich weiß es nicht. Ich mochte, als ich noch in der Lehre war und schon so kleinere Aufträge in Konstanz übernahm, diese Hektik nicht, die dort herrschte, diesen Stress. Jeder konkurrierte mit jedem. Das war nicht sehr fein! Abgesehen davon, glaubst du im Ernst, Jane, Fußballspiele oder Bankeröffnungen wären so viel politischer als Autounfälle oder Wasserleichen?“
„Immerhin tust du ja auch was Gutes – so vom Gesellschaftspolitischen her gesehen.“
„Irgendwie schon. Ich bin gerne auf der Rächerseite, wenn ich ehrlich sein soll. Aber als ich hier auf dem Kommissariat ein paar Jahre geschafft hatte und die Vereidigung zur Beamtin anstand ...“ Sie zuckte die Achseln und ich spürte an ihrem Blick, wie sehr sie das Ganze eigentlich bis heute noch berührte: Meine Geliebte sieht aus wie ein hungriger Vogel, wenn ihr die Seele wehtut, und so schaute sie mich auch nachdenklich von oben herab an, während ich in ihrem Schoß lag.
„Manche der Lesben fanden das so schlimm, als wolle ich heiraten!“
„Du hast die Bewegung verraten!“
„So ein Quatsch!“
Aus dieser Zeit hatte sie nur wenige Freundinnen behalten, danach höchstens mal ein Frauenfest besucht und sich ansonsten aus dem aktiven Politleben feministischer Beratungs- und Selbsterfahrungsgruppen zurückgezogen.
Stattdessen war sie Co-Trainerin in einem Aikido-Dojo geworden und genoss die wenigen freien Abende, die ihr die Kleinstadtkriminalistik zwischen Beruf- und Beziehungsstress ließ, mit Pfeife und einem guten Buch auf dem Sofa. Doch Polizeifotografinnen sind viel in der Nacht und ausgesprochen häufig am Wochenende unterwegs, wodurch sie wohl mehr Stress in den Beziehungen wie in ihrem Beruf erlebte. Glücklicherweise war ich ihr ja im Rahmen ihres Berufes begegnet, und aus einer dienstlichen Überwachungssituation war eine sehr wunderbare, wohl auch etwas altmodische Liebesbeziehung geworden.
Mein Beruf hatte es mit sich gebracht, dass ich mir kontinuierlich die Hörner an der bundesrepublikanischen Frauenbewegung und ihren Projekten wundstoßen musste, schon fast seit einem Vierteljahrhundert. Das hatte mich auch ziemlich geprägt.
Der Grund, warum wir nun also doch hin und wieder in die örtliche Frauenkneipe gingen, wenn ich auf Besuch weilte, ist wohl, dass Rosi und ich gerne miteinander angeben! Ja doch, wirklich! Anscheinend halten wir einander tatsächlich für die schönsten und liebsten Frauen der Welt, was ja noch anginge, wären wir nicht darüber hinaus auch noch beide der Meinung, dass alle anderen Frauen auch so über unsere Geliebte zu denken hätten.
Kurz gesagt, wir Beide liebten es sehr, jeweils mit der schönsten Frau der Welt öffentlich aufzutreten.
Da ich am Tag zuvor einen öffentlichen Vortrag gegeben hatte, erkannten mich einige Frauen wieder, hoben die Köpfe und lächelten uns zu, als wir die Türe zum „Grünen Schwan“, der örtlichen Alternativkneipe, die den wöchentlichen Frauenabend veranstaltete, aufstießen.
Ursprünglich hatte das Lokal „Goldener Schwan“ geheißen. Der Schwan hatte leider einen steilen Absturz erlebt. Nach gutbürgerlichem Restaurant, italienischer Pizzeria und sodann nur noch heruntergekommener Altstadtpinte hatten am Ende drei stellungslose Sozialarbeiter in Wollepullis und mit Bärten sowie zwei gleichermaßen stellungslose Sozialpädagoginnen mit gut situierten Elternhäusern in friedfertigen Vororten der umgebenden Großstädte im Hintergrund den unaufhaltsam scheinenden Abstieg des „Schwanes“ durch Ankauf der Räumlichkeiten im letzten Moment gebremst. Da wurden nicht nur die schmuddelig verrauchten Wände in leicht gelblichem Rauhputz a la Mexico neu geweißt und Bilder von rasenden Pferdeherden in staubiger Pampa aufgehängt, sondern von jenem stellungslosen Sozialarbeiter, der kein Mädel mit Geld ins Projekt eingebracht hatte, dafür aber eine Ofensetzerlehre, auch noch ein riesiger, runder Tonofen mit breit umlaufender Kachelbank an Stelle des alten Pizzaofens aufgemauert. Sodann benannte man das „Goldene“ als dezenter Hinweis auf eine etwas andere Ess- und Lebenskultur in „Grün“ um, wohl auch nach einem der Kollektivisten, wie Rosi mir mal erzählt hatte, der damit vermutlich einen ihrer Sponsoren ehren wollte.
Der ökologische Bezug hatte leider zur Folge, dass das Kollektiv nur noch an zwei Tagen in der Woche Fleischmahlzeiten servierte. Tage, die sich geheimnisvollerweise nie mit dem Frauenkneipentag deckten, so sehr in dieser Hinsicht auch schon die regionale Motorradlesbengruppe Einspruch erhoben hatte. Doch das merkwürdig moderne Medienbild der emanzipierten, schlank-sportiven, rundum erfolgreichen Karrierefrau mit drei Kindern und etwas angefaultem Hausmann deckt sich seltsamerweise über große Strecken mit der grün-alternativen Vorstellung der allzeit aktiven, politisch engagierten, aufstrebenden Konrektorin mit drei Kindern, etwas fülligerer Statur und trägem Hausmann, der Künstler zu sein vorgibt, was ihn oft vom Windelnwechseln, Einkaufengehen und Abspülen abhält. Beide essen keine Wurst und keine Schweineschnitzel, erbleichen im Anblick einer Salamitheke, selbst wenn sie in der Toskana steht, und halten Döner-Kebab entweder für eine Berliner Unanständigkeit oder für politisch unkorrekt. Die Karrierefrau beschränkt sich auf Salat, Tomaten mit Basilikum und Mozzarella das ganze Jahr über und Joghurt am Morgen, die Konrektorin isst Körneraufläufe, Pastenbrote in der Zehnuhr-Pause und Joghurt mit Müsli am Morgen. Nun ja – von irgendwoher müssen die verschiedenen Staturen herrühren. Beide halten die allgemeine Illusion aufrecht, dass Emanzen doch nicht so schlimm, staatstragend und im Tierschutzverein sind. Ein politisches Verdienst, denn ohne ihre vegetarische Harmlosigkeit hätten wir den zwanzigjährigen Schnelldurchmarsch durch diese patriarchale Gesellschaft nie geschafft!
Fakt ist, es gibt erstens Lesben, zweitens begeistert Fleisch essende Lesben, drittens kräftig gebaute Lesben, viertens ekelhaft unbescheidene Lesben, die jetzt auch noch heiraten, sprich an die Fleischtöpfe des geschützten Patriarchates heran wollen, fünftens solche Lesben, die meinen, die Frauenbewegung habe noch gar nichts erreicht, Karrierefrauen und Konrektorinnen hin oder her, solange Wen-Do nicht Pflichtfach an allen Schulen für alle Mädchen von acht bis achtzehn Jahren ist. Zur letzten Gruppe gehöre ich – ebenso wie zu den vier vorherigen auch.
Glücklicherweise – andererseits – herrschte striktes Rauchverbot im „Grünen Schwan“ zu allen Tages- und Nachtzeiten, die ganze Woche über und nicht nur an den Frauenkneipentagen, was ich andernorts nämlich auch schon erlebt hatte. Als ob Männer schöner rauchen als Frauen!
Von daher war der „Grüne Schwan“ auch im gemischtgeschlechtlichen Zustand für eine gewisse rot-grüne Bildungsbürgerschicht sowie weitere Leute, die guten Willens sind, ein sehr angenehmer Treffpunkt in Rosis Mittelalterstädtchen und berühmt für seine vegetarische Paellia de Verduras, angeblich nach dem Spezialrezept einer Mutter oder Großmutter des Kneipenkollektives.
Natürlich würden die fünf KneipenbetreiberInnen mit solch einem Geschäftsgebaren nie reich werden, aber das war wohl sowieso schon vorher nicht ihr Ziel gewesen. Oder ist jemals ein Sozialpädagoge in Ausübung seines Amtes Millionär geworden?
Der ohne Mädchen, also der Ofenfachmann, der auch am vorherigen Abend Kneipendienst gemacht hatte, nickte mir vom Tresen her freundlich zu, denn ich hatte auch den gestrigen Nachvortragsabend hier mit den Organisatorinnen der Anti-Gewalt-Reihe verbracht.
„Kommt, setzt euch zu uns!“ Eine kräftig gebaute Frau winkte Rosi und mich an einen großen, runden Tisch am Fenster, an welchem bereits drei andere Frauen saßen.
„Friedrich, ein Weizenbier und ein großes Klosterbräu!“, riefen wir dem Ofenbauer zu und folgten der Einladung.
„Katharina“, Rosi deutete auf die Frau, die uns her gewunken hatte. „Wir waren früher in der Beratungsgruppe zusammen. Katharina ist immer noch dabei.“
Diese nickte zufrieden vor sich hin. „Ja, ja – so`n alter Ackergaul, der zieht seinen Karren durch den Dreck bis ans bittere Ende. Glücklicherweise wird frau für diesen Job heutzutage von der Stadt bezahlt. Zu Rosis Zeiten haben wir das ehrenamtlich gemacht, neben unserer eigentlichen Arbeit.“
„Was warst du damals von Beruf?“ Ich zog mir einen Stuhl heran.
„Leiterin einer Kinderkrippe!“ Katharina lachte, was ihr etwas rundliches Gesicht absolut nach oben und unten in die Länge zog, sodass sie plötzlich ganz anders aussah.
„Ich habe mir buchstäblich mit meiner Politarbeit das berufliche Wasser abgegraben. Der Nachwuchs blieb nämlich aus und die Krippe wurde geschlossen! Jetzt berate ich weniger in Abtreibungsangelegenheiten, eher Scheidungsfrauen, und auch viele, die jahrelang ungesichert in sogenannt fester Partnerschaft lebten und jetzt ziemlich alt aussehen, wenn der edle Softie, in die Jahre und zu einem Konto gekommen, sich eine Jüngere an die gemeinsame Müslischüssel holt! Aber die Weiber werden wohl nie klug!“, seufzte sie mit einem Blick auf die hoffnungsvolle Tussi-Jugend am Tresen.
„Wir kennen uns ja!“ Heike Balden, die Leiterin des Frauenressorts der örtlichen Volkshochschule, nickte mir wohlwollend zu. Sie war in Bezug auf die Vortragsreihe sowie die anschließenden Wen-Do-Kurse meine Hauptansprechpartnerin am Telefon gewesen. „Dein Vortrag gestern Abend hat mir wirklich gut gefallen. Aber vieles, was du so forderst, ist doch noch ziemlich exotisch, findest Du nicht?“
„Solange Frauen sich bei Dunkelheit immer noch nicht getrauen, einen gemütlichen Stadtbummel zu machen oder für einen Fußweg von drei Minuten die Umwelt und die Ohren ihrer Mitmenschen mit dem Auto belästigen, weil sie sich ohne Blechhülle ungeschützt fühlen, scheint mir die volle Finanzierung von Selbstverteidigungskursen für Frauen durch die Öffentliche Hand oder durch die Krankenkassen vollauf gerechtfertigt.“
„Hier“, der Ofenbauer kam heran und schob Rosi und mir die gewünschten Getränke zu. „Sorry übrigens, dass die Frauen heute an eurem Tag nicht Dienst machen, sie sind zu fertig ...“ Er stockte und schaute uns unsicher an, ob er den Satz beenden dürfe. Katharina klopfte ihm auf den Arm: „Geht schon in Ordnung. Die meisten von uns wissen ja, dass Vera Maggis Tante war. Das ist schon in Ordnung. Wir sind auch alle ziemlich geschockt darüber.“
„Ausgerechnet genau zu dem Zeitpunkt, da wir uns alle deinen Vortrag über Selbstverteidigung und Gewaltprävention im Alltag anhörten.“
„Das ist die Dritte im Bunde der Frauenrunde. Wir haben so `ne Art Stammtisch hier.“ Katharina stellte mir Lilo vor, die ich bereits aus Rosis Erzählungen kannte. Am Abend zuvor war sie mir durch lebhafte Fragestellungen aus dem Publikum heraus aufgefallen und morgen sollte ich sie treffen, um den Ablauf des Kurses an der Hauptschule durchzusprechen.
Eigentlich war Lilo ihr Leben lang Hausfrau gewesen. Doch da sie fünf eigene Kinder aufgezogen hatte sowie zwei Pflegekinder, welche sie alle strategisch sehr geschickt über die verschiedenen Schulen des Städtchens verteilt hatte, gab es kaum eine Schulangelegenheit, kein Elternpflegschaftstreffen, kein öffentliches Hearing, keine Schulaktion an der sie nicht irgendwie federführend beteiligt war. Und wenn sich einmal die Schultermine, die sie pflichtschuldigst alle wahrnahm, überschnitten, so sprang ihr Gatte ein, ein schmaler, ziegenbärtiger, stadtbekannter Mann, dessen Beruf als Beratungslehrer für Kinder mit Körperbehinderung ihn in den Schulen des ganzen Landkreises herumbrachte, was ihn aber keinesfalls daran hinderte, ebenso wie seine Frau, Elternpflegschaftsvorsitzender an zwei Schulen seiner Kinder, Kassenwart im Förderverein der dritten Schule sowie Beratungsmitglied für Schulangelegenheiten im Schulausschuss der Stadtverwaltung zu sein. Die Göttin hatte ihn zu einem kritischen Linken und sie zu einer Radikalfeministin, soweit das für eine verheiratete Frau überhaupt möglich ist, gemacht, so dass sie beide der Schrecken aller altbackenen Lehrer, ungerechter Lehrerinnen und christlich-konservativer Schulleiter waren.
Lilo schüttelte betrübt den Kopf: „Vera war eine feine Frau! Ich kann eure Freundinnen gut verstehen!“
Der Ofensetzer nickte bekümmert. „Das Ganze ist eine große Sauerei. Als ob wir hier in der Stadt nicht genügend für die Jugendlichen täten: Disco in der alten Mälzerei an der Autobahnauffahrt, Beratungsstellen noch und nöcher ...“
„Förderunterricht ...“, unterbrach ihn Lilo.
„Und nicht zu vergessen die Kurse der JUZ-Initiative! Hoffentlich war`s keiner von den Jungens aus der Lehmbaugruppe!“
Ich wollte Luft holen, aber Rosi stieß mich unter dem Tisch an und zog warnend die Augenbrauen zusammen. „Ich wusste gar nicht, dass Maggi mit ihr verwandt war?“
„Doch, doch! Maggi war fast ihre einzige Verwandte, ihre Nichte. Vera hat – – hatte auch Geld als Starthilfe hier in unserem Projekt!“
„Ach!“ ‚Ach’ hatte bisher noch Nichts gesagt. Sie trug einen dunkelgrünen, fast nachtgrünen Rollkragenpullover, einen strengen Helm aus schwarz-grau melierten, knapp geschnittenen Haaren und hatte ihre sehr langen, schlanken Hände vor dem Gesicht gefaltet. Nun stützte sie ihr Kinn auf die nebeneinander liegenden Daumen und schaute den Kneipenkollektivisten ernsthaft aus großen, schwarzen Augen an. „Wie viel?“
„Die Leiterin von ‚Brot und Blüten’!“, flüsterte Rosi mir zu und fasste unter dem Tisch meine Hand. „Ein Drei-Frauen-Projekt. Sie beraten Frauenprojekte in der ganzen Bundesrepublik bei Existenzgründungen, machen deine Buchhaltung oder Steuererklärung, empfehlen dir passende Versicherungen und fördern deine Vermögensbildung, so du Selbiges hast! Das da ist ihre Juristin Emma Nolden! Wenn du mich fragst, ein eiserner Besen!“
Emma hatte mit Sicherheit die letzten Worte meiner Liebsten gehört und obwohl sie keine Sekunde lang den Sozialarbeiter aus ihrem Blick ließ, schnellte ihr rechter Zeigefinger für eine Millisekunde auf Rosi zu, als wolle sie meine schöne Polizistenfreundin durch standrechtliches Abschießen ohne langes Verfahren für solch unbotmäßige Bemerkungen bestrafen.
Ich lachte unwillkürlich leise auf und nun schnellten beide Zeigefinger in unsere Richtung, um dann, gelehnt an eine sehr scharfe, ausdrucksvolle Nasenspitze, wie ein Zeltdach über dem kritisch vorgewölbten, schmalen Mund stehen zu bleiben.
„Ich weiß nicht, ob ich das hier ohne die anderen sagen darf ...“ Er warf verlegene Blicke in die Runde, als würde gleich der kritische, weibliche Teil seines Kneipenprojektes hinter ihm auftauchen und ihn abführen.
„Das war auch nur rhetorisch gemeint!“ Emma Nolden runzelte ungeduldig ob so viel Unverständnis für die Feinheiten zwischenmenschlicher Kommunikation ihre Stirne. „Wir sind zwar ein Frauenprojekt, aber vielleicht sollten wir in eurem Fall mal eine Ausnahme machen?“ Emma Nolden stockte kurz und nachdenklich und ließ ihre Augen an uns anderen fünf Frauen entlang wandern, taxierend, ob wir wohl schweigen würden zu dem, was sie als Nächstes vorzuschlagen hatte. Dann fing sie wieder mit einem Blick den schüchternen Ofenbauer ein, der mittlerweile zum siebten Mal seine eh` schon trockenen Hände an der Schürze abwischte.
„Ihr seid ein gemischtes Projekt, solche beraten wir normalerweise nicht. Aber schick doch die beiden Mädels morgen mal bei uns vorbei. Ich habe das Gefühl, dass euch in dieser Lage ein wenig fachliche Hilfe nicht schaden kann.“
Sie warf insbesondere mir und Rosi einen messerscharfen Blick zu, falls wir etwa annehmen würden, ihr Beratungsprojekt habe es nötig, seine Aktivitäten auf Männer auszudehnen, wie das hin und wieder finanzschwache Frauenbuchläden im letzten Dezennium getan hatten.
Katharina stieß nur mit einem leisen „Puh“ die Luft aus, womit sie ganz deutlich signalisierte, dass sie genau dieser Ansicht sei. Doch solche Direktheiten übersah eine Emma Nolden grundsätzlich, wie sie auch sonst solche Frauen wie Katharina wohl eher zu übersehen beliebte.
„Oh –“ Der sozialarbeitende Kneipenwirt schaute erst Emma, dann uns alle verdutzt an, sein Bart strahlte plötzlich auf und seine Augen lächelten dankbar. „Das finde ich ein sehr nettes Angebot von Ihnen! Ich richte es den anderen vom Kneipenkollektiv aus.“
„Und übers Geld macht euch vorerst mal keine Sorgen, so was läuft unter Frauensolidarität.“ Mit großer Geste warf sie eine nicht vorhandene Haarmähne über ihre dunkelgrüne Schulter zurück, eine Angewohnheit, die Emma Nolden anscheinend aus den längst vergangenen Zeiten der revolutionären Spaghettihaar-Siebziger geblieben war. Ein ganz, ganz leises Lächeln in den Mundwinkeln verriet ihren Triumph, Katharinas unausgesprochenen Verdacht durch diese edle Bemerkung ad absurdum geführt zu haben.
„Danke, echt nett von euch!“ Er blickte unsere Runde an, als hätten wir Teil an dieser Großherzigkeit. Ich fragte mich allerdings im Stillen, was wohl Emma Noldens Projektkolleginnen von dergleichen spontanen Einzelaktionen halten mochten? „Aber jetzt lass ich euch auch in Ruhe. Will ja nicht stören.“ Er hatte sich wieder gefangen und schaute noch mit einem halb professionellen Kellnerblick über den Tisch, um zu sehen, ob noch eine der Frauen eine Bestellung aufgeben wollte.
„Mir noch ein Wasser, Friedrich!“, rief Katharina. „Mir einen Kaffee!“, ergänzte Lilo und strahlte uns an. „Sonst kann ich heute Nacht nicht schlafen.“
„Warum nennt Ihr die Kneipenfrauen vom ‚Grünen Schwan’ immer ‚Mädchen’? Ihr sagt doch auch nicht ‚Jungens’ zu den Männern? Das hört sich ja mittelalterlich an!“
„Es ist ihr gemeinsamer Spitzname, sie heißen Maggi und Susi, sehen sich sehr ähnlich und traten beim ersten Karnevalsfest, das der ‚Grüne Schwan’ veranstaltete, als ‚Doppeltes Lottchen’ auf. Das ist an ihnen hängen geblieben“, lächelte Katharina.
„Außerdem“, fiel Lilo ein, „sind die zwei Frauen unzertrennlich. Man sieht Susi und Maggi häufiger miteinander als mit ihren jeweiligen Partnern.“
Rosi hob ihr Bier an die Lippen. „Dabei ist Maggi seit kurzem sogar richtig offiziell mit Johannes verheiratet. Der bedient seltener, ist aber verantwortlich für die Finanzen.“
„Und, was die Spatzen so von den Dächern pfeifen, schwanger“, flüsterte Heike Balden verschwörerisch über den Tisch und lächelte begeistert.
„Und ich dachte, Vera hätte nur den einen Bruder, den in Bochum?“ Katharina nahm dankend ihr Wasser aus den Händen des Ofensetzers entgegen.
„Vera hatte auch noch eine Schwester, aber sie hatten nicht viel Kontakt miteinander. Ich glaube, gar keinen mehr, seit Jahren. Maggi hat uns erzählt, dass sie als Sechzehnjährige von daheim zu ihrer Tante abgehauen ist. Der Kaffee kommt gleich!“
„Schwierige Eltern?“ Meine Frage blieb in der Luft und über unserem Tisch hängen, ich spürte meine Liebste neben mir nicken.
„Schwierig und reich!“
„Aber wieso hatte denn dann ihre Tante Geld in der Kneipe?“ Heike Balden schüttelte erstaunt den Kopf.
„Das kann ich euch sagen: Maggi wollte keinen Cent von diesen Leuten, ihren Eltern. ‚Blutgeld’ sei das, sagte sie immer, keine Ahnung, was das heißt.“ Friedrich hatte den Kaffee gebracht und stellte das kleine Tablettchen mit der Tasse, dem Zucker und dem Sahneschächtelchen vor Lilo auf den Tisch.
„Ich hatte so etwas befürchtet.“ Emma Nolden trank einen kleinen Schluck aus ihrem zarten Altglas und ihre Zungenspitze fuhr wie ein Schlangenkopf über die schmalen Lippen.
„Wieso?“ Rosi rutschte unwillkürlich in ihre professionelle Hab-Acht-Stellung, was von der Juristin mit einem kühlen Profilächeln gekontert wurde.
„Auch als alternatives Frauenprojekt sind wir unseren Kundinnen gegenüber zu Stillschweigen verpflichtet.“ Die Juristin grinste Rosi maliziös an. „Außerdem können doch Vera Mertens` private Verhältnisse der Polizei egal sein. Es geht hier wohl eher um eine durchgedrehte Jugend- oder Drogenbande, wenn ich das der Tageszeitung heute Morgen richtig entnommen habe – oder?“
Sie warf Rosi einen scharfen, neugierigen Blick zu und ich spürte, wie meine Liebste die Finger anspannte, ihre Stirne ganz und gar nicht verbindlich runzelte, was sie sonst nie tut, und bissig ihren Atem einzog.
Nun war es an mir, sie vorsichtig unter dem Tisch mit der Fußspitze anzustupfen, doch glücklicherweise kam uns Katharina zur Hilfe, die die sich am Tisch aufbauende Spannung zwischen den beiden Frauen bemerkt hatte.
Meine einmalige Geliebte ist, trotz ihres Berufes und ihres Kampfsportes, ein sehr friedlicher Mensch. Was übrigens, meiner Meinung nach, Kampfsport betreibende Menschen häufig sind. Wir haben es nicht nötig, aggressiv zu reagieren.
Aber wenn Rosi Kramer doch einmal böse, hässig sagt man dazu am Bodensee, wird, ballt sich ihr Unmut als schwarze Wolke auf, die sirrend wie ein Wespenschwarm aus all ihren lockeren Löckchen steigt.
Es war offensichtlich, dass Giftpfeile, Schlangengruben und tausend gegenseitige Schlammattentate den Lebenspfad meiner Geliebten und dieser Juristin säumten. Hatte Rosi mir nicht eine Emma als radikale Speerspitze der damaligen Lesbenszene gegen ihr eigenes Polizistinnendrama beschrieben? Vielleicht hatte ich ja hier die etwas ausgereiftere Version der damaligen radikalen Anti-Bullen-Lesben-Front-Anführerin vor mir?
„Sicher wird euch die Polizei verhören wollen, oder? Aber solange der Fall eigentlich klar ist, kann dir das doch egal sein.“ Katharina ließ ihre Blicke beruhigend zwischen Emmas scharfem Rollkragenprofil und Rosis schwarzer Wespenwolke hin- und herwandern.
„In ‚Brot und Blüten’ kommt mir kein Kriminaler herein! Schon aus Prinzip nicht. Und da sie ja wohl keine rechtliche Handhabe haben, wäre alles andere schierer Hausfriedensbruch!“
„Davon redet doch keine!“ Lilo verdrehte leicht gelangweilt die Augen. Selbst die liebste und klügste Heterofrau wird niemals in der Lage sein, jene Abgründe aus Liebe und Hass zu begreifen, die sich zwischen Lesben aus den merkwürdigsten Geschichten heraus aufbauen können. Sie kriegen unsere Liebe nicht mit – aber glücklicherweise auch nie unseren Hass!
Irritiert teilte Lilo mal vorsichtshalber mütterliche Beschwichtigungsgesten in alle Himmelsrichtungen aus. Eben, weil sie die beiden eigentlichen Quellen der dunklen Stimmung nicht so recht orten konnte. „Dass diese Jugendlichen sich zu so etwas hinreißen ließen!“ Sie schüttelte den Kopf. „Man könnte an aller Pädagogik verzweifeln.“
„Diesmal war es mit Sicherheit nicht die Jugendbande!“, platzte Rosi heraus, was ich gut verstehen konnte, denn noch immer brodelte sie neben meiner Schulter wie eine vergessene Gulaschkanone im Feld. Da nutzten auch meine heftigsten Fußtritte nichts mehr. Selbst ein polizeilicher Amtseid verblasst angesichts mehr als porentiefer Frauenkonflikte und Emma Nolden lehnte sich auch noch, bei dieser Eröffnung, grinsend zurück: Na, wer war hier wohl professioneller?
„Wieso?“ Lilo riss erstaunt die Augen auf und Emma zog misstrauisch ihre schmalen Augen zusammen.
Ich merkte, dass Rosi zu einer ähnlichen Replik betreffs professioneller Schweigepflicht ansetzte, wie vorhin ihre jahrtausendelange Gegnerin, doch anscheinend verbot ihr ihre angeborene Friedfertigkeit oder erlernte Fairness, sich ebenso hinterhältig zu verhalten, da sie nun mal schon ihre professionelle Grenze aus Wut und Versehen überschritten hatte. Sie zuckte mit den Schultern: „Auf Grund der Beschaffenheit des Tatortes sind wir der Ansicht, dass es sich möglicherweise um eine geplante Tat gehandelt haben könnte, die nur scheinbar dieser jugendlichen Kioskbande in die Schuhe geschoben werden soll.“
„Aber um Himmels Willen! Wer hätte denn ein Interesse daran, eine harmlose Zeitungsfrau umzubringen?“ Auch Heike Balden war eine jener freundlichen Heterofrauen, die niemals die Abgründe gegenseitiger Zerfleischungsorgien wahrnehmen, geschweige denn verstehen könnten.
„Ich weiß es nicht, Heike, bisher weiß das niemand! Aber mit Sicherheit wird man in Vera Mertens näherem Umfeld nach möglichen Motiven forschen! Und ein Schuldenberg mag ein wunderbares sein!“ Rosi warf ihrer Rivalin einen triumphierenden Blick zu.
Der Preis für ihren endgültigen Sieg heute Abend war hoch gewesen: Nämlich ein mehr oder minder gewollter Verrat an der eigenen Professionalität und somit auch an einem Fitzelchen Selbstachtung. Aber vorerst hatte Rosi gewonnen und war ihrer in diesem Augenblick leicht verbiesterten Gegnerin um einige Nasenlängen im Voraus.
„Brrrpft!“ Rosi schnaubte verbittert in den leichten Nieselregen, als wir den „Grünen Schwan“ zwei Weizenbiere und zweieinhalb Stunden später wieder verließen. „Emma gehört zu den Frauen, die einen an der eigenen Bewegung verzweifeln lassen. Ist es nicht schrecklich, nie etwas recht machen zu können?“
„Zum Glück bist du wenigstens eine Lesbe!“
„Ach was! Das ist ja ihre verlogene Toleranz: Sei bitte wie ich, versage aber am besten darin. Zum Glück ist Emma Nolden keine Heterofrau! Was glaubst du, was wir da sonst alles über den Nebenwiderspruch der sexuellen Orientierung hätten hören müssen?“
Meine Geliebte ist der Traum einer lebhaften, liebenswürdigen, selbstsicheren Frau. Sie hat nicht das Glück, einen solch über alle Maßen feministisch politisch korrekten Beruf zu betreiben wie ich als freie, selbstständige und ständig am Rande des Bankrotts dahin vegetierende Wen-Do-Trainerin. Sie ist nicht nur einfach Beamtin mit einem Monatseinkommen, das ungefähr der Hälfte meines hart erstrittenen Jahreseinkommens entspricht. Wäre sie Lehrerin, möglichst an einer Mädchenschule, wäre das damals gerade noch akzeptabel gewesen. Aber oh nein: Sie ist eine begabte, aufstrebende Beamtin bei der Polizei! Und zu allem Überfluss macht ihr das auch noch Spaß!
Wir erreichten ihr Zuhause und der Nieselregen hatte einen feinen, kühlen Film auf unsere heißen Kneipengesichter gelegt.
„Auf jeden Fall werde ich wohl für Schmidtken die Alibis der Frauen recherchieren müssen!“
Rosi fläzte sich auf das Sofa und betrachtete sinnend ihre Zehen, die sich, in der Diele von den einengenden Schuhen befreit, wohlig im herab gedimmten Licht der zur Decke strahlenden Stehlampe dehnten.
Fotografinnen haben ein feines Gespür für die Verteilung von Lichtquellen in Räumen, während ich bloß die Welt in hell und dunkel, lesepragmatisch oder schmusefreundlich einteile. Meine schöne, honigäugige Heldin hat ebenso viele Worte für die verschiedensten Abstufungen von Licht, Schatten und Farben, zur Not noch ein paar mundartliche dazu, wie ich für jene von Tönen, Geräuschen oder Lärm.
„Oder?“ Sie massierte die befreiten Zehen wie eine Handvoll zart gebauter, exotischer Hamster. “Noch besser, du machst das! Wir Bullen sind denen ja eh` alle suspekt.“
„Ach was!“
„Na gut, nicht allen. Heike Balden und Lilo würden einem Polizisten, egal ob weiblich oder männlich, sicherlich immer ehrlich antworten. Aber Frauen von Emmas Radikalschlag? Warte mal ...“ Sie blätterte in einem hektografierten Blättchen, das auf dem Wohnzimmertisch lag. “Ist nicht morgen diese Lesung im ‚Feigenblatt’? Da gehen wir hin, da treibt sich sicherlich alles an Frauen herum, was hier in der Szene Rang und Namen hat.“
„Wieso ausgerechnet in der alternativen Buchhandlung?“
„My Lady liest persönlich: Auftritt Frau Dr. Nolden mit ihrem zweiten Buch: ‚Frauen lernen Steuern steuern’! Ich werde das mal von Kerkbaum vorschlagen, bin gespannt, wie der das findet. Und jetzt ab ins Bett!“
Seufzend ihre befreiten Zehen wieder loslassend, schob Rosi sich aus dem Sofa hoch, und ich folgte ihr gespannt und erfreut ins Schlafzimmer hinein.
4. Kapitel
Vielleicht ist man ja, wenn man aus der Eifel stammt, gegenüber dem Bergischen Land nicht objektiv? Es erscheint einem grau, grau, grau und ungemütlich, selbst an heißen Sommertagen oder klaren Februarmorgen. Möglicherweise streut das doch näher liegende Ruhrgebiet seine schwarzen Schatten trotz aller Begrünung und Industrielandschaftsaufforstung immer noch über die wesentlich wälderreicheren Hügel? Vielleicht auch reflektieren die kleinhäusige Schieferbauweise und die in den letzten Jahren wieder aufgebaute Fachwerkstruktur einen Grauschimmer, den ich so in dieser himmelsüberziehenden Weise in der Eifel nie erlebte? Möglicherweise ist es aber auch einfach der Unterschied zwischen Mitteleuropa und Westeuropa, der durch den klaren Trennungsstrich von Vater Rhein definiert wird?
Die Eifel, aber sicher doch, ist eindeutig westeuropäisch und ergo auch halbert mediteran! Dort, über den trocken klaren Kalkhängen scheint immer die Sonne, weshalb die Eifel im Sommer unter heftigstem Wassermangel leiden kann, Talsperren hin oder her, die sowieso gerade groß genug sind, um der örtlichen Jugend als idyllische Badeteiche zu dienen. Kalkböden, selbst wenn sie unter Magerwiesen versteckt sind, erwecken immer den Eindruck einer weißen Landschaft, auch wenn nicht durch die Einritzung weißer Pferde oder nackter Riesen, wie in England, nachgeholfen wird. Kalkböden schaffen klare abgezirkelte Linien zwischen Hügelkämmen und Himmelslicht, Kalkböden ernähren wenig Laubbäume und zieren sich sehr, die Spaziergängerin so mir nichts dir nichts in ihre Aura mit aufzunehmen.
Was die feuchten, baum- und erdreichen, rechtsrheinischen Hänge von Sauer-Sieger-und Bergischem Land mit Vorliebe tun!
Die Eifel hat Matronen, keltisch-römische Frauengottheiten, das rechtsrheinisch infizierte Gebiet hat Dreibethen, die christliche Variante der drei Göttinnen. Die Eifler Kelten wurden von den Römern per Genozid ausgelöscht und die rechtsrheinischen Germanen kollaborierten mit den Imperatoren.
Alles das prägt halt seine Landschaften bis heute. Das Bergische Land besitzt Pannekokenhäuser und in der Eifel isst man Fleisch vom heißen Stein. Aber überall in West- und Mitteleuropa sind die Zentren der Altkleinstädte heutzutage verkehrsberuhigt und pittoresk restauriert.
Ich betrachtete aus dem Fenster des glücklicherweise schon am Vormittag geöffneten Pannekokenhuses das gemäßigte Getriebe der kleinen Last- und Lieferwagen, der Zubringerkombis und mit Blumen überfüllten Pkws, die zwischen acht Uhr am Morgen und elf am Vormittag den verkehrsberuhigten Marktplatz belästigen dürfen.
Ich frühstücke spät sowie salzig und habe echte Probleme, wenn ich am fortgeschrittenen Vormittag in einem Café Begegnungen wahrnehmen soll. Fettleibige Torten jagen mir Ekelschauer den Rücken hinunter, Streuselkuchen macht mich nervös und ich habe bereits daheim im Bett soviel Milchkaffee in mich hinein geschüttet, dass mich jede weitere Dosis aus den Schlappen hauen würde. Außerdem trinke ich nicht gerne Tee, Obstsäfte verursachen mir Sodbrennen und Wasser lehne ich grundsätzlich als Getränk ab. Item: Was tut unsereins in einem Café? Außerdem mag ich dieses lebensverharmlosende Ambiente von Cafés überhaupt nicht leiden. Tragik, aber leider wahr: Ordentliche Kneipen, Esslokale oder zarte Pizzerias öffnen meistens erst am Nachmittag, und irgendwo muss frau sich ja zur Vorbereitung ihrer Wen-Do-Kurse mit den Organisatorinnen treffen, will sie es professioneller als zu Hause und gemütlicher als im Volkshochschulbüro haben.
Da sind die bergischen Pannekokenhüser eine wahre Alternative! Pfannekuchen, die rheinische Pizza, gibt es in allen Lebenslagen: Süß, salzig, mit Speck oder Marmelade, mit Puderzucker oder Kräuterbutter, für jede das ihre und für mich gar ein Bier am helllichten Tag.
Lilo wirbelte durch die Türe herein und der Wind blies sie sogleich vor meinen Tisch.
„Schon bestellt? Mach nur, geht auf Kurskosten, du bist eingeladen.“
Sie schüttelte sich aus ihrem Mantel und die regenfeuchten Löckchen aus der Stirn, warf das Kleidungsstück auf den freien Stuhl neben uns und ließ sich mit einem leichten Lachen auf die Bank fallen.
„Haut dich das nicht um?“
„Was?“
Sie deutete auf mein Weizenbier und grinste die herbeigeeilte Bedienung listig von unten herauf an: „Einen Kaffee und die Karte! So auf nüchternen Magen?“
„Gibt mir das wahre Ferienfeeling sowie einen Hauch von Verruchtheit!“
„Ts-ts!“ Sie berührte ihre Brille, welche sie aus der Tasche gezogen hatte, als könne sie dadurch leichter die diversen Pfannekuchensorten auseinander halten. „Was isst du? Der mit Brombeermarmelade ist fabelhaft, gibt es nicht jeden Tag.“
„Brrr! Ich nehme einen Vollkorn mit Thunfisch.“
„Echt?“ Sie blinzelte mich über die Karte hinweg an. „Wie verdaust du das am frühen Morgen?“
„Es ist halb elf!“
„Na gut.“ Lilo hob den Blick und schaute die Kellnerin, die erwartungsvoll an unseren Tisch getreten war an. „Einen mit Thunfisch und ... gibt es heute den mit der Brombeermarmelade?“
„Natürlich, Salat dazu?“ Die Kellnerin schaute mich fragend an und Lilo nickte energisch: „Aber sicher doch, das ist ja fast schon Mittagsessenszeit.“ Sie lehnte sich zufrieden zurück.
„Gut-gut! Meine Kleine freut sich schon total auf das Wochenende mit dir! Wann fangen wir Freitagabend an?“
„Ich würde empfehlen, um sechs Uhr, dann kommen die Mädchen früh ins Bett und die Erwachsenen können nach dem Vorgespräch noch etwas unternehmen.“
„Hm – ja gut, obwohl – so klein sind die auch nicht mehr – die Gruppe rekrutiert sich hauptsächlich aus den siebten und achten Klassen. Ach – ich habe noch ein Problem.“ Sie runzelte die Stirne und schaute nachdenklich aus dem Fenster. „Kuck mal, das ist Peter mit der kleinen Klapperkiste vom ‚Grünen Schwan’, den kennst du noch nicht.“ Sie wies auf einen französisch stämmigen Kleinlaster, der schräg gegenüber vor einem Metzger parkte. „Ob die jemals am Frauenabend Schnitzel braten? Meinst du, die Kollegen deiner Freundin finden für alle ein Alibi heraus? Das klang doch eigentlich ganz nett verdächtig gestern Abend, oder?“
„Verwandt ist ja nur Maggi mit der Toten. Was war dein Problem?“
„Aber Schulden hatte doch das Kollektiv bei ihr.“
„Wer weiß, wie wenig das war? Und dann hätten sie doch schon ewig zuvor zuschlagen können, schließlich gibt es die Kneipe bereits einige Jahre, oder?“
„Ach, war doch auch nur Spekulation, ich glaube, die sind viel zu harmlos dafür, schau dir nur seinen sanften Schlackergang an!“ Sie lachte und wies auf Peter, der nun gerade aus dem Laden trat und sich suchend umblickte. „Ja, apropos harmlos: Wir haben da ein Mädchen, das absolut keine weibliche Bezugsperson für den Einführungsabend mitbringen kann. Ihre Mutter ist früh verstorben, der Vater alleinerziehend, keine Tante, keine Oma, zumindest nicht hier in der Stadt.“ Sie schaute mich fragend an. Und während ich mal wieder über den radikal-stümperigen Schatten der üblichen Wen-Do-Ideologie sprang, schlug Peter die Lieferwagentüre zu und knatterte leise über den Platz davon.
Natürlich sind unsere Kurse nur und ausschließlich für Frauen und Mädchen gedacht, dürfen nur Frauen selbige geben und bei Strafe eines lila Höllenfeuers keinem Mann jene Schläge verraten, die heute in jedem Selbstverteidigungsschinken zu finden sind!
Das Dilemma ist: Seit mehreren Jahren beziehen einige Kolleginnen und ich, ich bilde mir gar ein, dass ich das erfunden hätte, die Mütter oder sonstigen weiblichen Bezugspersonen der Mädchenkurse unter 14 Jahren verstärkt in diese mit ein. Ich möchte nämlich, dass der doch immerhin heikle Diskurs über Gewalt, die von nahen Personen ausgehen kann, Sexualität, Abgrenzung und Selbstsicherheit auch nach dem zweitägigen Kurs in den Familien weiter geht und eine Art Langzeitwirkung entfaltet. Ich möchte, dass der Diskurs zwischen den Generationen gefördert wird, die Solidarisierung zwischen den weiblichen Personen aus allen Lebensaltern.
Ich habe die Vorstellung von gegenseitigem Verständnis: Der spätabendliche Discoausflug der Tochter, das späte Wochenendheimkommen eines Mädchens haben nun mal immer noch einen anderen Charakter als jene ihrer Brüder. Die muss der Papa nicht um zwei Uhr nachts von der Party abholen und die brauchen auch kein extra Taxigeld für die Disco oder im Extremfall ein Ausgehverbot bis ins zwanzigste Lebensjahr!
Doch für alle Beteiligten ist es wichtig zu erkennen, dass dergleichen Ungerechtigkeiten nicht der Autorität oder Gemeinheit der Eltern entsprungen sind, Mamas moralinsaurer Haltung und Papas Besitzstreben an seiner Tochter, sondern ihren Ängsten, die den Familien aufgedrückt werden durch eine gewalttätige Gesellschaft, nächtliche Vergewaltiger und schlechte bis keine Nahverkehrsbedingungen nach einundzwanzig Uhr oder gar am Wochenende, insbesondere auf dem Land, in der Provinz und in Kleinstädten wie der meinen in der Eifel oder derjenigen Rosis im Bergischen Land.
Deshalb also müssen in meinen Mädchenkursen Mütter, Tanten, Omas oder ältere Schwestern, engagierte Lehrerinnen oder Jugendzentrumssozialarbeiterinnen obligatorisch am Vorabend eines Mädchenkurses sowie in seinen letzten drei Stunden mit antreten. Da bringen ihnen dann die Mädels ein paar der fiesesten Tritte und Kniffe bei, diskutieren oder agieren gar mit ihnen erfahrene Rollenspiele aus dem Kurs und haben den großen Spaß, wenn auch die erwachsenen Frauen mal laut „Arschloch“ brüllen und versuchen, ein Brett durchzuhauen!
Nun führt dieses ganze edle Konzept die engagierte Trainerin automatisch näher an die Familien heran und sehr oft an die dazugehörigen Väter und Brüder. Da muss halt mal der kleine, sonst unbeaufsichtigte Brudersäugling am Sonntagnachmittag mitkommen, und: Horribile dictu: Da gibt es seit ein paar Jahren vermehrt die allein erziehenden Väter...! Was tun, wenn wir doch keine Männer zulassen in das weise Reich des Wen-Do?
Was ist schlimmer, der Geheimnisverrat oder ein Mädchen, das alleine in diese Riesenrunde aus Frauen und Mädchen tritt? Einem Kind die Erkenntnis zumuten, dass es ein Außenseiter ist, dessen einzige, weibliche Vertrauensperson die Barbiepuppe oder das Meerschweinchen ist? Oder über den radikalfeministischen Schatten springen und in jedem X-ten Mädchenkurs den einen allein erziehenden Vater zur Runde zuzulassen?
Was Außenseiter sein in der Kindheit bedeutet, durfte ich selbst von der Pike auf studieren. Nichts bereitet eine Frau auf das erwachsene Lesbenleben so ausgezeichnet vor wie eine uneheliche Kindheit in den fünfziger und sechziger Jahren unserer Republik! Da änderte auch der Euphemismus „außer-ehelich“ nichts daran: Für immer klingt in meinen Ohren der Satz einer Lehrerin an der Düsseldorfer Theodor-Fliedner-Schule in Kaiserswerth: „Ein uneheliches Kind gehört nicht aufs Gymnasium!“ Möge sie sich auf ewig unruhig in ihrem Grabe wälzen! Eingemeißelt aber auch im Gedächtnis das abrupte Aufstehen meiner Mutter danach: „Komm, wir gehen!“ Möge sie auf ewig im Paradies lustvoller Frauenwelten weilen, denn aufgeregt flatternd wie eine graue Kreuzung aus Spitzmaus und Hühnervogel eilte ihr die fromme Direktorin vor aller Augen hinterher: „Ich möchte mich öffentlich für den Ausrutscher unserer Kollegin entschuldigen! Ihre Tochter ist nicht gerade eine Leuchte in Mathematik, doch wir haben sie gerne hier! Kommen Sie bitte zurück!“ Auch ihr ein Blumenstrauß ins Grab gelegt, so, wie sie solidarisch am Grab meiner mutigen Frau Mama dann Jahre später stand!
Und deshalb dürfen alleinerziehende Väter an den Mädchenkursen teilnehmen, sehr verlegen und exotisch zwischen den liebevoll lächelnden Müttern, Tanten oder Omas! Denn was alle Kinder brauchen ist das solidarische Gespräch, das Verstanden-Werden von jenen, die so viel älter sind, das Angenommen-Sein. Glauben meine radikalen Kolleginnen im Ernst, dass ein Missbraucher im Wen-Do-Kurs auftaucht? Respektive, dass er unbekehrt davongeht, falls er den Unterschied zwischen Zärtlichkeit und Machtspiel noch nicht begriffen hat?
Ich glaube an die Veränderbarkeit von Menschen, das ist eine seltsame Angewohnheit von mir. Selbst an die fanatischer Separatistinnen.
Also grinste ich Lilo beruhigend zu: „Natürlich muss dann der Vater kommen, wer denn sonst? Im Kurs bin ich für euch Frauen, für die Mädchen da, nicht für mein radikal-feministisches Ego.“
„Ja – das ist gut.“ Sie nickte energisch und verschmierte ein wenig Marmelade auf dem letzten Fitzelchen Pfannekuchen. Ich rückte dem Salat zu Leibe und wiederholte vorsichtshalber noch einmal die Termine: „Also, Freitagabend sechs bis acht Uhr Mädchen und Mütter, respektive der eine Vater, Samstag neun bis siebzehn Uhr die Mädels alleine, ebenso am Sonntag bis zur Mittagspause, ab zwei Uhr dann wieder die Erwachsenen dazu.“
Direkt vor dem Fenster des Lokals bockte ein interessanter Mann in Lederkluft sein Motorrad auf. Ein wenig exzentrisch sah er aus: Der Lederanzug schwarz-weiß gescheckt, als ginge er in Gestalt eines Panthers zu einer Karnevalsveranstaltung, auf dem schwarzen Helm, den er nun fürsorglich in der Box hinten verstaute und einschloss, ein roter Drache, der chinesisch dahinzüngelte.
„Man kann auch über die Straße Pfannekuchen mitnehmen, wie in einer Pizzeria“, kommentierte Lilo, als der Motorradfahrer sich anschickte, das Lokal zu betreten. „Und kuck mal: Da kommt Maggi!“ Sie klopfte an die Scheibe und winkte aufgeregt, was den jungen Mann irritiert zu uns herüber blicken ließ. Dann merkte er, dass diese Aufregung gar nicht ihm galt, drehte sich herum, lächelte Maggi an und gemeinsam, lebhaft miteinander sprechend, kamen sie durch die Schwingtüre herein.
Maggi ließ sich mit einem Seufzer an unserem Tisch auf einen Stuhl fallen: „Scheißtag!“
„Viel zu tun?“ Lilo schaute sie teilnehmend an.
„Ja klar. Kannst dir vorstellen, meine übrige Family rastet total aus, Muttern ist zu Nichts zu gebrauchen und mein Onkel redet sich mit seinem Geschäft heraus. Im Grunde managen Johannes und ich diesen ganzen Bestattungscheiß!“
„Wisst ihr schon, wann die Beerdigung ist?“
„Leider nein, die Polizei rückt Tante Vera noch nicht raus. Ist ja auch klar. So ein Schwein!“ Die junge Frau schaute sinnend vor sich hin und kniff die Lippen zusammen. Sie erschrak, als die Kellnerin zu ihr trat. „Möchten Sie etwas bestellen?“
„Oh, ein Wasser.“
Die meisten jüngeren Menschen sind heutzutage überwiegend schwarz gekleidet, so dass ich nicht zu erkennen vermochte, ob die schwarze, kurze Weste, die dunkelgraue Bluse darunter, der halb lange, anthrazitfarbene Rock sowie die schwarze Strumpfhose zu ihrem normalen Outfit gehörten oder ihre Stimmung widerspiegelten und die traurige Situation.
„Meine Mutter war ihre Schwester“, wandte sich Maggi nun erklärend zu mir und ich nickte zustimmend. „Aber wisst ihr, sie tut, als habe Vera das Verbrechen begangen und nicht dieser Kerl – wer immer das auch war. Friedrich sagte, es wäre gar nicht diese Jugendbande gewesen?“
„Rosi Kramer deutete das gestern Abend auch an.“ Beide Frauen schauten zu mir, als wäre ich gewissermaßen mit von der Polizeipartie, nur weil ich mit der wunderbaren Polizeifotografin Tisch und Bett teilte.
„Ach ja, dein Vortrag am selben Abend. Schade, vielleicht hätte Tante Vera auch mal so einen Kurs mitmachen sollen, dann wäre ihr das vielleicht nicht passiert.“
„Wen-Do hilft Frauen, sich gegen Anmache, sexuelle Gewalt, Übergriffe zu wehren. Ich weiß nicht, ob er hilft, wenn einer wirklich vorhat, jemanden umzubringen.“
„Hältst du noch einmal einen Vortrag? Oder einen Kurs für Frauen bei uns? Wir konnten halt vorgestern nicht, das Kino war schon Wochen vorher abgemacht, Peter hat Susi und mich in diesen alten, russischen Film eingeladen mit der Kommissarin aus der Roten Armee, die ein Kind bekommt. Es sind gerade russische Filmtage im ‚Aki’!“
„Aki“ ist das Alternative Kino, das schon mehr als fünfzehn Jahre dank einer starken grünen Fraktion im Rathaus überlebte.
„Johannes war total fertig, als wir heimkamen, der hatte es gerade am Telefon erfahren und wartete nur auf uns, um zur Polizei zu fahren.“
Jetzt zog sie wirklich ein wenig die Nase hoch und ich sah, dass Maggi nahe daran war zu weinen. Lilo legte ihr mitfühlend die Hand auf den Arm.
„Wenn ich daran denke: Ihr hört deinen Vortrag über Gewalt, wir sehen uns diesen Film an über eine superstarke Frau, gerade so wie Tante Vera, und während wir im Kneipenkino mit andern Leuten noch eins trinken gehen, schlägt ihr irgendein Verbrecher den Schädel ein. Und wir haben nichts gemerkt!“
„Wie hättet ihr auch?“, wandte ich ein und Maggi schaute mich groß an.
„Ich habe sie doch so gerne gehabt! Man spürt doch, wenn eine Freundin in Gefahr ist, oder?“
„Nicht unbedingt. Ich denke, nur, wenn man das Gefühl hat, dass sowieso etwas im Busche ist.“
Lilo nickte bestätigend vor sich hin. Sie wollte einfach verhindern, dass sich zu Maggis Trauer noch so eine Art diffuses Schuldgefühl gesellte, wie es Hinterbliebene häufig nach Gewalttaten oder Unfällen verspürten.
„Hattet ihr denn das Gefühl?“ Ich schaute Maggi fragend an, doch die schüttelte den Kopf und trank ein Schluck aus ihrem Glas.
„Sie war so eine total tolle Frau. Alle mochten sie, sie hatte doch keine Feinde. Und sie hat so vielen Leuten geholfen, auch uns. Ohne ihr Geld wären wir alle noch beim Arbeitsamt!“
„Hat deine Tante euch ein großes Darlehen gegeben?“
„Fünfzigtausend, zinslos! Eine Bürgschaft für die Bank hätte vielleicht auch gereicht, aber mit den Rückzahlungszinsen wären wir ewig nicht auf einen grünen Zweig gekommen.“
„Was ist mit euren Eltern ...?“
„Meine?“ Sie schaute mich an, als spräche ich von grünen Männlein aus einer anderen Galaxis.
„Abgesehen davon, dass meine Alten so ein alternatives Projekt nie vorfinanziert hätten, ich hätte von denen auch nichts angenommen, das war kein sauberes Geld!“
“Was meinst du denn damit?“ Lilo bat die vorbeischauende Kellnerin um einen Tee und reichte ihr die Kaffeetasse über die Schulter zurück.
„Ich weiß es nicht genau, aber irgendwie hatten sie eine Menge von ihren Eltern geerbt, das heißt, von denen meiner Mutter.“
„Das waren doch auch Vera Mertens Eltern?“
„Ja. Ihre Mutter, also was meine Großmutter ist, die vegetiert immer noch oben im Altenheim vor sich hin.“
„Habt ihr noch mehr Verwandte?“
„Ich glaube, die Oma ist schon ziemlich weggetreten, verstehst du? Sie war Krankenschwester im Krieg und mein Vater bloß bei der Bahn. Trotzdem ist tüchtig Knete in der Familie.“
„Vera Mertens war auch nur Zeitungsverkäuferin?“ Ich ließ meine Frage absichtlich offen über den Gläsern schweben und Maggi hob irritiert den Kopf.
„Was meinst du damit?“
„Nun, wenn du deinen Eltern vorwirfst, wie auch immer unrechtmäßiges Geld geerbt zu haben, woher hatte deine Tante denn das Geld, euch die Kneipe zu finanzieren?“
„Das weiß ich gar nicht so genau. Aber geerbt hat Tante Vera sicherlich nichts. Die war irgendwie out bei ihren Leuten, meine Alten reden auch nie von ihr. Deshalb bin ich eines Tages dann mal zu ihr gefahren und schlussendlich in die gleiche Stadt gezogen. Eine, die meine Mutter abartig fand, an der musste einfach was dran sein.“ Sie zog abermals die Nase hoch und schaute aus dem Fenster in eine leere Welt ohne großherzige Tanten und verständnisvolle Erwachsene.
„Wem müsst ihr denn jetzt das geliehene Geld zurückzahlen?“
Maggi schaute Lilo irritiert an. „Glaubst du, darüber hätten wir nachgedacht? Keine Ahnung, wird sich schon wer melden, oder?“
„Wenn es niemanden in direkter Linie gibt, kann es natürlich sein, dass deine Mutter deine Großmutter nun rechtskräftig vertritt, denn die dürfte den nächsten Anspruch auf das Geld ihrer toten Tochter haben.“
„Ach du dickes Ei!“ Unwillkürlich musste Maggi trotz ihrer Trauer lächeln.
„Du glaubst, meine Mutter rauscht an, die Schulden bei uns einzutreiben?“
Ich nickte, Maggi schüttelte verwirrt den Kopf. „Das wäre dann genau die Situation, die ich immer vermeiden wollte!“
Ein blonder, sehr dünner Mann, dessen lange Haare ganz uneuropäisch zu Rastalocken gedreht waren, die unter einer undefinierbaren Wollmütze hervorwehten, radelte über den Marktplatz, wich den letzten, abfahrenden Lieferantenautos aus und schwang sich vor dem Pannekokenhus vom Fahrrad herab.
„Da kommt Johannes, wir sind verabredet.“ Maggi schaute sich suchend nach der Bedienung um.
„Lass mal, das übernehme ich.“ Lilo bedeutete der Kellnerin, alles auf eine Rechnung zu setzen. „Ich übernehme sowieso Janas Essen, da wir gewissermaßen dienstlich hier sind. Grüß deine Leute von mir. Und viel Kraft, da wird noch einiges auf euch zukommen.“
„Heute Nachmittag gehen Susi und ich zu ‚Brot und Blüten’. Johannes hat die Unterlagen parat und will uns noch einiges erklären. Er ist unser Finanzminister! Tschüss und danke!“
Wir schauten der jungen Frau nach, die draußen am Fahrrad von dem Rastalockigen intensiv in die Arme genommen wurde.
„Nette junge Leute!“
„Wie lange sind sie schon verheiratet?“
„Hm – warte mal, ja, etwa so lange es den ‚Grünen Schwan’ gibt. Vielleicht sogar in Verbindung mit dessen Neugründung.“ Lilo wiegte nachdenklich ihren Kopf. „Glaubst du, dass die ihre Darlehensgeberin umgelegt haben, um die Rückzahlung zu vermeiden? Nein, das traue ich denen nun wirklich nicht zu. Außerdem ist Maggi doch schwanger.“
„Das sollte sie doch nicht von Mord und Totschlag abhalten, Lilo. Haben wir für den Kurs alles besprochen?“
„Dein Honorar: Scheck, bar oder aufs Konto?“
„Ihr seid eine offizielle Organisation, da kann ich keine Steuern schlabbern. Ich schreibe dir meine Kontonummer auf, dann muss keine von uns mit einer dicken Tasche Geld herumlaufen.“
Ich pulte die Konto- und Visitenkarte aus meiner Brieftasche und notierte Lilo die Nummer darauf. Lilo spielte derweil mit einem Bierdeckel und zerfledderte ihn nachdenklich unter ihren Händen.
„Mein Mann arbeitet gerade an einer Diplomarbeit über Menschen mit Behinderungen während der Nazizeit mit. Da oben, wo heute das Altersheim ist, da war damals deren Bewahranstalt. Und gleich daneben ein altes Fabrikgelände mit Kamin. Die alten Leute der Stadt erzählen, wenn der rauchte, roch es so seltsam süß.“ Sie schüttelte ernst den Kopf und ich reichte ihr die Nummer herüber. „Du hast es ja gehört, Maggis Großeltern arbeiteten dort, deshalb ist ihre Großmutter, eben Vera Mertens Mutter, wohl auch dort oben in dem Altenheim. Das ist eine ziemlich noble Sache, ihre Kinder könnten das gar nicht finanzieren.“
„Was war denn ihr Großvater?“
„Der Leiter des Heims, der Oberarzt. Vera Mertens Mutter war eine der Kinderkrankenschwestern.“
Lilo bezahlte unsere Rechnung und wir standen auf.
„Irgendwas hat mein Mann auch dazu erzählt.“ Sie warf sich den Mantel über und folgte mir auf den nun autofreien Platz hinaus. „Möglicherweise ist es das, was Maggi immer meint, wenn sie vom ‚blutigen Geld’ ihrer Familie spricht?“
„Was?“
„Mein Mann hilft einem seiner ehemaligen Schüler, ein junger Mann mit schweren, spastischen Lähmungen, dabei, die Diplomarbeit zu schreiben. Der Junge spricht sehr undeutlich und Jens macht einige der Recherchen für ihn hier im Landkreis.“
Wir standen am Rande des nicht so großen Marktplatzes. Die schmalen, grauschieferigen Fachwerkhäuser beugten sich wie sorgenvolle Gouvernanten über die dahineilenden Männer und Frauen unserer Gegenwart, die in der Metzgerei, dem Bäcker daneben, einem Spielwarengeschäft und einer Reinigung ihren Geschäften nachgingen. Sie blinzelten aus kleinen Scheiben den ersten Schulkindern hinterher, die bereits frei um die Ecken gerannt kamen und zogen sich ihre Dächer wie keusche Hauben dicht gegen den aufkommenden Nieselregen über ihre Fachwerkfalten.
Lilo nickte bestimmt: „Ich werde Jens fragen, was genau da oben los war.“
„Los war?“
„Hier bei uns in der Stadt war eines der größten Durchgangsheime für das so genannte ‚unwerte Leben’, ein KZ für so genannt ‚Mongoloide’, ‚Spastiker’ oder wen die sonst noch als Halbmensch abstempelten. Du musst mal in den Stadtpark gehen, gleich beim Kriegerdenkmal steht auch das andere aus den sechziger Jahren: Aber sehr viel kleiner und gut ver-steckt!“
„Ein Ort wie Hadamar?“
„Ja, und irgendwie mischten Vera Mertens Eltern da mit. Aber auf wessen Seite, das weiß ich nicht, das kann Jens mir vielleicht sagen. Veras Toleranz, ihre Solidarität mit allen Leuten, die schwach, ausgegrenzt oder sonst wie Außenseiter waren, das rührte daher, das hat sie uns auch oft genug erzählt.“
Lilo schüttelte mir die Hand: „Wir sehen uns am Freitagabend! Kommst du ein paar Minuten früher?“
„Natürlich. Die Bretter zum Durchhauen ja nicht vergessen! Ich brauche die gleich am Anfang, Samstag früh.“
„Sicher nicht! Bis dann!“
In ihren weiten Mantel gehüllt verschwand sie eilig in einer Seitengasse, die zu der Schule führte, aus der gerade eben die entlassenen Kinder geströmt waren, um ihren jüngsten Sohn aus dem ersten Schuljahr abzuholen.
5. Kapitel
Nicht nur Täter treibt es, laut Fiktion, immer wieder an den Ort ihres Verbrechens zurück. Auch beteiligte Personen, unbeteiligte Nachforscherinnen, die professionellen Investigatoren, Presse und ähnliche Öffentlichkeitsagenten. So ein Tatort scheint ein unsichtbarer Magnet zu sein. Wenn er dann auch noch mitten auf einem zentralen Platz liegt, dort, wohin unwillkürlich beinahe jeder Mensch in diesem Städtlein gezogen wird, wenn er den Marktplatz hinter sich gelassen hat, so kann man vielleicht verstehen, dass auch ich mich, beinahe unerwartet, im Dunstkreis des noch immer versiegelten Zeitungskioskes wieder fand.
Ich hatte das keineswegs geplant. In Gedanken die Gespräche mit Maggi und Lilo wiederkäuend, frei schwebend, wie sich das an einem freien, durch Weizenbier geläuterten Tage gebührt, hatte ich meine Beine einfach laufen lassen, und nun lag die verschreckte Henne tatsächlich wieder vor mir, das bunte Absperrband flatterte im Licht des späten Vormittags und die Menschen hasteten hin und her, in den Bahnhof hinein oder heraus, zu den Straßeninseln mit den Bushaltestellen hinter dem Kiosk, in das Hauptpostamt schräg gegenüber, aus dem Bahnhofsbüffet in den Blumenladen oder umgekehrt.
Mich wunderte, woher sie denn nun ihre morgendlichen Tageszeitungen bekämen, die Loreleyromane für die Kurzfahrt in die nächste Großstadt, die Comics gegen allzu langweiligen Schulunterricht? Wer oder was füllte eigentlich im Moment die Verkaufslücke aus, sprang in die Bresche, die ein gewalttätiges Ereignis geschlagen hatte?
Falls Geld das Motiv war, so wusste ich nun, dass zumindest die jungen Leute vom „Grünen Schwan“ ein Alibi hatten. Es wäre interessant zu wissen, wo denn dieser Bruder von Vera Mertens zur Tatzeit war. Ob der vielleicht seine generöse Darlehensgeberin aus der Welt geschafft hatte?
Oder handelte es sich nicht um Geldangelegenheiten? Musste man den Grund für die Tat ganz woanders suchen, möglicherweise in der Vergangenheit? Doch auch dort schien das Thema Geld eine Rolle zu spielen. Woher hatte diese eher einfache Familie all das Geld? Was verdiente wohl der Leiter einer Behindertenanstalt während der Nazizeit? Hatte er das den Seinen vermacht? Nur einer der Schwestern? Wieso nicht auch an Vera Mertens? Oder diesem Bruder von ihr?
Ich betrat den Blumenladen und eine freundliche, noch sehr junge Frau in grünem Kittel kam auf mich zu. Es roch nach abgeschnittenen Blumenstängeln, Drahtrollen und leicht schalem Wasser wie in einem regenfeuchten Wald. Sie wischte sich die Hände an einem Lappen ab, der neben der Kasse lag, und schaute mich fragend an.
„Guten Morgen, eigentlich hätte ich zwei Fragen ...“ Ich ließ das Ende offen und ihre Aufmerksamkeit erhöhte sich zusehends.
„Ich bin nicht von hier und möchte hinauf ins Altenheim, eine Verwandte besuchen. Wie komme ich dorthin?“
„Da draußen, die Linie Acht, bis zur Endstation. Die heißt sogar ‚Altenheim’. Ist gar nicht zu verfehlen. Möchten Sie der Dame einen Blumenstrauß mitbringen?“
„Natürlich, sehr gerne. Das wäre meine zweite Bitte gewesen.“ Wir lächelten uns zu, dann ließ die junge Frau ihren Blick durch den Laden streifen. „Woran hatten Sie gedacht?“
„Um ehrlich zu sein, ich habe die alte Dame lange nicht mehr gesehen, kann das gar nicht so einschätzen. Angeblich soll sie nicht mehr so ganz ...“ Ich zuckte mit den Achseln und wiegte andeutungsvoll den Kopf hin und her. Die junge Frau nickte verständnisvoll. „Ja, das ist mit den Meisten so dort oben. Das ist eher ein Pflegeheim. Früher war es für Jüngere, die nicht so ganz trallala sind.“
Ich zuckte innerlich zusammen, behielt aber mein Pokerface bei und baute die Schmierrolle weiter aus: „Sie hat halt Geld von früher, einzige Schwester von meiner Mutter, die noch lebt.“
Die junge Frau nickte ernst und ich fiel in ihrer Achtung ein paar Stufen die Hühnerleiter herunter. Na klar: Man beginnt sich in dem Moment für seine alten Großtanten zu interessieren, wenn man was zu erben hat! Wie vielen Leuten dieser Art sie wohl pro Woche den üblichen Blumenstrauß verkaufte?
„In so einem Fall stelle ich immer ein nettes Bukett der Jahreszeit entsprechend zusammen, die alten Menschen kommen ja kaum noch raus. So kriegen sie wenigstens noch etwas mit von dem Wechsel der Jahreszeiten.“ Ohne meine Zustimmung abzuwarten, begann sie bereits im Laden herumzugehen und die etwas älteren, leicht lampigen Stängel aus den diversen Vasen zu zerren.
„Falls die Verwandten alle Vierteljahre antanzen!“, murmelte ich leise, doch sie hörte es gar nicht und rief mir über die Schulter zu: „Ich binde den Strauß dann auch meistens nicht so teuer, ist ja für einen guten Zweck!“
Natürlich, abends auf dem Kompost würden die müden Margeriten überhaupt nichts mehr einbringen!
„So!“ Sie drehte den zusammengestellten Strauß so geschickt vor meinen Augen hin und her, dass ich nur ein wehendes, zauberbuntes Farbenrad erkennen konnte, was tatsächlich so auf den ersten und einzigen Blick recht gut aussah! Dann verschwand sie rasch hinter dem Vorhang, der einen Arbeitsraum mit großem Holztisch vom Verkaufsraum trennte.
„Ich habe noch ein bisschen Grünzeug, Asparagus, hineingewickelt.“ Sie legte den nun sehr gut und bis zur Unsichtbarkeit verpackten Blumenstrauß neben die Kasse und tippte den Preis ein, den ich auch anstandslos bezahlte.
„Wo kann ich eigentlich hier noch eine Zeitung kaufen? Möglicherweise muss ich ja da oben warten. Ihr Zeitungshäuschen da drüben wird wohl gerade renoviert?“
„Nein, da ist wer umgebracht worden.“ Sie beugte sich verschwörerisch vor und nahm meine Münzen sowie einen großen Geldschein entgegen. Ein dicker, wunderbarer Speckpfannekuchen sowie zwei kühle Bier und noch ein kleiner Salatteller verschwanden in der klingelnden Schublade.
„Die Zeitungsverkäuferin.“ Sie schob die Geldschublade energisch zu. „Brauchen Sie eine Quittung?“
„Ach, das ist eine gute Idee! Vielleicht kann ich die Blumen ja als Spesen absetzen! Wieso denn das?“
„Was?“ Sie kaute irritiert an ihrem Bleistift herum.
„Na, das mit der Zeitungsfrau? Hat man ihr die Kasse gestohlen?“
„Weiß kein Mensch, aber es gibt seit einiger Zeit bei uns in der Gegend Überfälle auf Kioske, Getränkebüdchen und so ... Hier!“ Sie knallte den Stempel des Hauses drunter und reichte mir die Quittung.
„Ich hab immer meine Samstagszeitung bei ihr geholt, wissen Sie, ich abonniere nix – aber einmal die Woche, beim Sonntagsfrühstück acker ich mich da durch. War sehr okay, gab auch Trinkgeld und so, wenn sie mal hier Blumen kaufte.“
Die junge Frau sah mich stirnrunzelnd an. Da musste ich glatt etwas übersehen haben! Aber so sind Erbschleicherinnen nun mal. „Hatte sie auch Verwandte da oben?“ Ich zeigte vage mit den Blumen in Richtung Busbahnhof oder Ladendecke.
„Sie sollten die Blumen immer abwärts richten, dann halten sie länger! Ja, ihre Mutter! Mein Gott, die muss uralt sein! Wahrscheinlich auch ...“ Sie tippte sich an die Stirn. „Vielleicht laufen Sie ihr ja über den Weg?“
Es schien, als wollte sie mich entlassen und so setzte ich kurz nach. „Wo kaufen Sie denn nun ihre Zeitung ... oder die anderen Stammkunden?“
„Vorerst mal im Kaufhaus hinter der Post. Ist aber nicht so nett persönlich. Ich arbeite hier schon seit zwei Jahren, manche kamen jeden Tag zu ihr. Ich glaube fast, die war so eine Art Beichtstuhl!“ Dabei schaute sie mich streng an, um mir ganz klar zu signalisieren, dass sie sicherlich keiner sei. Aber es war fast Mittagszeit und niemand im Weg.
„Beichtstuhl?“
„Na, sie redete stundenlang mit denen, gab ihnen zum Abschied die Hand durch die Luke, manchmal brachten die ihr aber auch etwas mit, Geschenke, Pralinen ...“ Sie schaute auffordernd zur Tür, als hinderte ich weitere Kunden, ihren Laden zu betreten.
„Wohl so eine Art Stadtoriginal?“
„Nicht direkt, aber sie hatte Geld! Einmal kam sie hier rüber und ihr fiel die Tasche auf den Boden, da lag ein dicker Umschlag drin, ich habe deutlich Scheine gesehen.“
„Im Ernst?“ Ich schüttelte ungläubig den Kopf. „Davon hat diese Bande sicher gewusst und ihr das Geld wieder abgenommen.“
„Vermutlich.“ Sie wand sich hinter dem Kassentisch hervor und ging an mir vorbei Richtung Türe. „Das Kaufhaus ist gleich hinter der Post, um die Ecke. Ich glaube, Ihr Bus geht alle zehn Minuten ... da können Sie nichts verpassen.“ Sie griff unschlüssig zum Türgriff, schließlich kann man ja seine Kunden nicht so ohne Weiteres vor die Türe setzen! Aber ein ruhiges Päuschen mit Zigarette und Zeitung, an den Arbeitstisch gelehnt, bis der nächste Erbschleicher oder Heiratsschwindler käme, wäre sicherlich angenehmer als diese unnütze Quatscherei mit irgend so einer hergelaufenen Fremden, oder?
Ich beugte mich also brav ihren unausgesprochenen Bedürfnissen und verließ klingelnd den Laden.
Dicke Geldbündel in Briefumschlägen bekommt man bei der Mafia oder von Dilettanten. Das weiß jedes Kind heutzutage aus dem Fernsehen. Dicke Geldbündel bekam man, wenn man normale Menschen erpresste, die nur ein Konto hatten und nicht der Gattin oder dem Ehepartner Rechenschaft ablegen wollten. Dicke Geldbündel bekam man nur auf der Kinoleinwand. Im echten Leben bezahlen die meisten Menschen ihre Schulden bargeldlos per Scheck oder Banküberweisung.
„Zum Altenheim?“ Der Busfahrer registrierte den Blumenstrauß und ich nickte gehorsam.
„Rufen Sie es aus?“
„Kann ich machen, ist aber eh` die Endhaltestelle, können Sie nicht verpassen.“
„War da nicht früher eine Fabrik?“ Ich ließ mich gleich schräg hinter ihm auf einen Sitz fallen und legte die Blumen quer über meine Knie.
„So allerlei: Am Anfang mal eine Kinderbewahranstalt, ein Teil war in der ehemaligen Villa der Fabrikbesitzer untergebracht. Das ist heute das Altersheim, aber mit ein paar neuen Gebäuden darum herum. Das alte Zeug liegt zum Teil schon seit ewigen Zeiten noch in Trümmern. Das war schon so, als ich noch zur Schule ging.“
Ich schätzte ihn auf ungefähr dreiundvierzigeinhalb Jahre, Heiraten und Kinderaufziehen, Arbeiten und Freizeitgestalten können auch Männer ganz schön altern lassen. Seine Volksschulzeit musste wohl so in den späten Fünfzigern liegen oder frühen Sechzigern.
„Seit dem Krieg?“ Jetzt war ich die naive Nichte von außerhalb. Coole Leute benennen die Sache beim Namen und fragen: „Seit dem Ende des Nationalsozialismus?“ Womit sie Abgeklärtheit und Neutralität signalisieren sowie ein gewisses Bildungsniveau oberhalb von Realschulen. Leider gibt es gegenüber gewissen Dingen in der Geschichte keine Neutralität, meiner Meinung nach, das hat der Faschismus mit der Hexenverfolgung gemeinsam. Leute wie ich fragen normalerweise: „Seit der Nazizeit?“ Und das mit ablehnendem Unterton. Da hört jeder raus, dass man gegen Rechts und alle Nazis seit Menschengedenken ist und sicher das Gymnasium besucht hat, denn Antinazismus ist nun mal leider auch mit einer gewissen Bildung verbunden. Dummheit ist ein rechtes Phänomen, außer bei jenen, die die Dummen dirigieren.
Doch wenn man Menschen zum Sprechen, zum Erzählen bringen will, sollte man sich immer leicht naiv und neugierig geben sowie dem Gegenüber das Gefühl vermitteln, dass er eigentlich der bessere, weil eben nicht neugierig tratschende Mensch ist. Das öffnet alle Schleusen der Beredsamkeit.
„Ich denke wohl.“ Er drehte mit Schwung sein Rad und wir krabbelten langsam eine Steigung hinauf.
„Liegt halt ein bisschen abseits, das Ganze, sehen Sie ja selbst. Ab dem Stadtrand steigt kaum noch jemand zu.“
„Und warum?“
„Warum?“ Er öffnete die Türe, aber niemand stieg ein. Vermutlich musste er ein paar Minuten abwarten, denn er wandte sich in seinem Sitz um und schaute mich nachdenklich an. „Warum wohl, junge Frau. Ist doch immer so, wahrscheinlich können sich die Erben nicht einigen, wem die Anlage denn nun gehören soll.“
„Erben?“
Er schloss die Türe und legte den Gang ein. „Genaues weiß ich auch nicht, man munkelt da so einiges. Wissen Sie, unter Adolf hat man da oben die Bekloppten, nichts für ungut, wie sagt man das sonst? Die Verrückten halt, so arme Idioten, abgespritzt und das wäre ja wohl heute nicht mehr so in Ordnung, obwohl ...“
Diese Art offener Satzenden lassen mich frieren, obwohl ich selbst ja manchmal mit offenen Satzenden operiere. Die gehobene Stimme motiviert den oder die Angesprochene, den Satz zustimmend zu beenden oder zu ergänzen. Um Himmels Willen, was musste ich für einen Eindruck erwecken, dass der gute Busfahrer dergleichen von mir erwartete? Ich hatte wohl meine Rolle allzu sehr überspitzt!
„Aber wenn es Ihr Kind wäre?“
Ich sah seinem fahrenden Rücken an, dass er stutzte, und beim nächsten Halt wendete er sich wieder zu mir herum. „Heute ist die Medizin eben weiter, ich glaube, meine Frau würde so eines abtreiben, obwohl ...“ Er runzelte die Stirn. „Eigentlich sind wir ziemlich gut katholisch, ist ja altmodisch heutzutage, aber trotzdem. Man braucht doch eine gewisse Orientierung im Leben, oder?“
Er meinte wohl im Stillen eher: „Bestätigung“, doch ich nickte ihm aufmunternd zu. „Vor allen Dingen, damit so Leute wie die Nazis nicht wieder Fuß fassen.“
„Genau!“
Hurra, wir waren uns wieder einig! In was für Konstellationen man sich doch manchmal wiederfindet!
„So – Endstation!“ Zufrieden, als hätte er das gelbe H-Schild gerade selbst erst aufgestellt, fuhr er die Wendeschleife aus und öffnete die Türe.
„Die Anmeldung ist links den Waldweg hinunter.“
„Und die alte Fabrik?“
„Die sehen sie von hier aus hinter den Bäumen nicht. Unterwegs gab es eine Stelle, da hätte ich Ihnen von weitem den Kamin zeigen können.“
Ich bedankte mich, packte mein Blumenbündel mit den Blüten nach unten wie das tapfere Schneiderlein sein Schwert und marschierte den Weg in die angewiesene Richtung hinunter.
Wie auf einem alten, impressionistischen Gemälde, das, schlecht gehängt, nachgedunkelt war, sah ich Schemen, Rollstühle, aufrechte Gestalten, die sie schoben und gebogene, die einsam über die Kieswege schlurften im Schatten der hohen Buchenbäume, welche die alte, graue Villa umstanden.
Es gibt Altenheime, die sind das brodelnde Leben, da vibrieren die Flure von unausgelebten und ausgelebten Liebesaffären, da eilen problembewusste BeschäftigungstherapeutInnen durch die Gänge, flatterndes Krepppapier und den Duft nach feuchtem Ton hinter sich her ziehend. Da beugen sich TherapeutInnen und ÄrztInnen konspirativ jungen Angehörigen über großen Getränkebechern zu in einer Kantine, die aussieht wie ein Prager Kaffeehaus. Da sieht man hinter jeder zweiten Glastüre gemütliche möblierte Sitzgruppen mit den unterschiedlichsten Gesprächskreisen aus betroffenen Angehörigen, Perspektive suchenden Über-Neunzig-Jährigen oder Sterbevorbereitungsaktiven.
Da haben sich Alter und Krankheit, Zahnlosigkeit und Haarausfall, Gerüche und Verderben frustriert zurückgezogen und der Illusion eines aufgeweckten Mädcheninternates voller abendlicher Hauskonzerte leise grollend Platz gemacht, wobei sie die Realität wie eine zertretene Schleppe gleich hinter und mit sich fortgezogen haben.
Und dann gibt es aber auch die anderen, die Schweigenden, die mit den toten Gängen und den immer noch angebundenen Bettlägerigen, die mit dem ewigen Kartoffelbreigeruch, den aufdringlichen Medikamentenschwaden und dem passiv herumhockenden Pflegepersonal. Alte Gemäuer in totgesagten Parkanlagen, Schatten, die anscheinend direkt vor den Toren der Unterwelt kehrt machen durften, denn auch die Unterwelt hinter dem Styx bedarf eines gewissen Ausmaßes an Lebendigkeit, sonst bekommt man da keine Eintrittskarte geschenkt!
Ohne Zweifel, die alte Villa und ihre Bewohner gehörten zu diesem zweiten Typ Altersheim, von dem junge IdealistInnen wie ich immer meinten, die seien längst geschlossen worden, nieder gebrannt, bankrott gegangen oder an ihren eigenen, ungeklärten Todesfällen eingegangen.
Ein kühler Graukopf schaute hinter seinem Panoramafenster in der Vorhalle hoch, als ich mich bescheiden zur Scheibe vorbeugte, den gut verpackten Blumenstrauß artig auf die Ablage legend, um meinen guten Willen und mein emotionales Interesse zu signalisieren.
Das imponierte dem gar nicht, so was sah der täglich und dann doch nie wieder. Er runzelte kurz die Stirn, schlug eine riesige, flache Kladde auf, die mich fatal an die Klassenbücher mit den Negativeinträgen aus meiner Kindheit erinnerte, und ließ den Zeigefinger entlang einer langen Liste aus Einträgen, Kästchen, geheimnisvollen Zahlen und Ausrufezeichen wandern.
„Wie war der Name? Und die Station?“
„Station weiß ich nicht, ich bin das erste Mal hier. Ich komme aus Hamburg.“ Das war weit genug fort um sein Misstrauen zu zerstreuen.
„Wie, sagten Sie, hieß ihre äh – die Dame?“
Ja, wie könnte sie wohl heißen? Ich war nicht hundertprozentig sicher, dass Vera Mertens ihr Leben lang unverheiratet gewesen war und den Mädchennamen beibehalten hatte, doch ich musste es riskieren.
„Mertens“, nuschelte ich. „War doch früher hier oben auch Schwester.“
„Ach die! Das ist lange her, die hat dann den Oberarzt gekriegt.“ Sein Kopf ruckte hoch.
„Erst bekommt sie nie Besuch und jetzt gleich zweimal am Tag!“ Nun warf er mir doch einen misstrauischen Blick zu. Na klar doch, Maggis Eltern waren wohl bereits hier aufgelaufen, schnelle Leute, das musste man denen lassen.
„Schreckliche Geschichte, nicht wahr?“ Ich blinzelte ihn zerknirscht an, als wäre ich im weit entfernten Hamburg eventuell Schuld an der entsetzlichen Kioskgeschichte gewesen. Könnte ja auch tatsächlich sein, oder? Falls ich verwandt wäre.
Im Stillen zählte ich blitzartig an meinen Fingern ab, welchen möglichen Verwandtschaftsgrad, welche Stufe in der Generationenfolge ich wohl sein könnte. Irgendwie etwas zu jung für die Stufe Vera Mertens, Maggis Mutter oder des ominösen Elektrikerbruders, aber zu alt für die nächste Generation von Maggi und den anderen Kneipenkollektivisten. Ich beschloss, dieses heikle Riff zu umrunden und strahlte den Portier an, als habe er mir die seit Jahrhunderten im amerikanischen Dschungel verschollen geglaubten Verwandten wieder ans Tageslicht der Gegenwart gezaubert.
„Sind sie noch da? Das wäre aber schön ...“ Und, allen Eventualitäten vorbeugend, da er mich ein wenig irritiert anschaute: „Wir haben uns nämlich so halb für heute hier verabredet, aber mein Zug hatte Verspätung.“
„Wer?“
„Äh...“ Verflixt, wusste ich denn, wie Maggis Eltern mit Nachnahmen hießen?
„Hm, na ja Maggi, die Nichte, ihre Eltern....“ Das „die“ vernuschelte ich so gekonnt, dass es durchaus auch hätte „meine“ heißen können, und er ließ das anstandslos durchgehen.
„Also, die junge Frau war bereits gestern da und hat versucht, ihrer Großmutter die traurige Nachricht zu überbringen. Aber ob die das verstanden hat? Die Kleine war ja selber ganz aufgelöst!“
„Ach? Nun, zur Not kann ich sie auch nachher im ‚Grünen Schwan’ treffen.“ Womit ich eindeutig, so hoffte ich, ein Signal meiner nahen Verwandtschaft in den Kopf des Torhüters setzte, ohne so eigentlich richtig lügen zu müssen. „Aber ihre Mutter?“ Ich operierte mit der Technik der offenen Fragen und sogleich sprang Zerberus auf diesen Köder an.
„Na, meinen Sie, die hätten sich blicken lassen? Nicht mal jetzt, bei so traurigen Umständen!“ Er stemmte sich empört von seinem Buch hoch, schob einen sehr bequem aussehenden altmodischen Schreibtischdrehstuhl mit Armlehnen hinter sich fort, drehte sein Bäuchlein um die Schreibtischecke und trat durch die seitliche Türe der Portierloge zu mir in die leicht kältlich, moderig duftende Vorhalle hinaus.
„Aber die waren ja nie da! Und so was erbt dann den ganzen Bettel. Und die andere?“ Er zuckte mit den Händen und ich merkte an seiner erhobenen Stimme, die eben ein offenes Satzende signalisierte, dass das seinerseits sein letzter Test in Bezug auf die Glaubwürdigkeit meiner Person war. Also nickte ich bekümmert über den ungerechten Lauf der Welt und bestätigte die greifbar im Raum herumschwirrenden Endwörter: “Besucht ihre Mutter andauernd, schleppt sogar noch die Enkelin an ... und dann das!“
Das „das“ konnte alles heißen: Enterbt werden, umgebracht und abgewiesen.
„Ja, das ist der Lauf der Welt. Sie gehört zu Station Drei, meistens fährt man die nach dem Essen ein bisschen in den Park, wenn das Wetter schön ist.“
„Ist es das denn?“ Ich dachte an den Nieselregen über dem Marktplatz.
„Nicht eigentlich, kucken Sie doch mal in der Pergola nach.“ Er deutete mit dem rechten Arm an der großen Treppe, die sich in die oberen Stockwerke schwang, vorbei zur Hintertüre, deren moderne Ausführung sehr unangenehm mit dem anderen, eher jahrhundertwendemäßigen Stil der Halle kontrastierte.
„Danke!“ Ich lief davon und warf ihm fröhlich noch über die Schulter den Bemerkungsfetzen hin: „Vielleicht ist der Bruder ja noch da?“ Das „der“ nun schon ganz professionell verschleifend. Tatsächlich erreichte seine kopfgeschüttelte Brummelbemerkung, die er, schon wieder halb in der Logentüre stehend, mir hinterher sickern ließ, noch so gerade meine davoneilenden Ohren: „Bruder? Das war doch genauso einer!“ Woraus ich eben haarscharf schloss, dass bisher, außer Maggi, der Enkelin, sich noch keiner aus der löblichen Verwandtschaft herbemüht hatte. Doch wer hatte dann reizenderweise heute außer mir noch die alte Dame besucht?
Ich stolperte über die rollstuhlfreundliche Schwelle aus der muffigen Vorhalle in einen dunkelgrün dämmerigen Raum hinaus, der, wie ich nach einigen Sekunden feststellte, in der Art eines ökologischen Kuhunterstandes zum Park hin offen war und sich über die ganze Breite der Hinterfront entlang zog. Die Dunkelheit in seinem Schatten entstand durch dichte Lagen niemals fort gekehrter Blätter, die sich wahrscheinlich seit Ende des Weltkrieges auf dem Glasdach angesammelt hatten.
Mehrere Gestalten, die gleich links neben der Türe um einen kleinen, halb rostigen aber dennoch ehemals weißen Gartentisch saßen, blickten auf, als ich so, mit meinen Blumen bewaffnet, durch die Glastüre in ihre Dämmerung hinausstolperte.
„Wenn Sie was zu Rauchen haben, dürfen Sie sich zu uns gesellen!“ Die Stimme hörte sich an, als käme sie aus einem Radio, mindestens ebenso alt wie die vier alten Männer, die mich nun alle auf ihre zeitlose Art hin angrinsten. Sie gehörte wohl zu jenem, der sich ein Gerät, das aussah wie eine erloschene Taschenlampe, an die Kehle hielt.
Einer der anderen alten Herren kicherte mit hoher Stimme und schlug die hagere Hand auf den Blechtisch. „Das klappt immer, Egon, du erschreckst sie jedes Mal! Wissen Sie“, er wandte sich mir zu, „wir lauern hier gewissermaßen den Leuten auf und immer, wenn die Glastüre geht, quatscht Egon die Leute an. Die meisten, die noch nicht da waren, erschrecken sich maßlos. Haben Sie was zu trinken?“
Ich schüttelte den Kopf, trat aber an den Tisch zu den vergnügten Greisen.
Egon schaltete wieder sein Gerät ein. „Wir sollen weder rauchen noch saufen. Sie sehen ja, wohin das führt!“ Er wedelte mir mit dem Ding vor der Nase herum und ich konnte sehen, dass dort, wo andere Männer einen Kehlkopf haben, eine kleine Plastikplatte in den Hals eingelassen war.
„Die an der Ostfront durchgeweichten Nieren von Otto kann sie höchstens riechen!“
Der Dritte rollte nun seinen Stuhl etwas vom Tisch zurück, machte einen eleganten Schwenk und fuhr dicht vor meine eigenen Beine, so dass ich automatisch einen Schritt zurücktrat, denn das konnte er so tun, weil seine Beinstumpen ganz offensichtlich nicht einmal mehr über die Kante des Sitzes herausragten.
„Der einzige mit was Anständigem hier bin ich: Das waren die Amis!“ Er fuhr eine Ehrenrunde durch die Pergola, stemmte sich mehrmals aus dem Sitz und kehrte dann wieder in die Runde zurück. „Man muss sich immer fit halten, sonst geht man hier unter!“
Otto zuckte mit den Schultern und klopfte dem Vierten, der bisher noch keinen Ton von sich gegeben hatte, liebevoll auf den Arm. „Es gibt Dinge, die riecht man weder noch hört oder sieht man sie, nicht wahr, Alter?“ Der so Angeredete brummelte irgendetwas und schaute sich in der Runde um, als wäre er gerade eben erst aufgewacht.
„Wir haben ihn immer dabei, ist quasi unser vierter Mann beim Skat, auch wenn er nicht viel davon merkt.“
„Spielen Sie Skat?“ Egon hielt sich den kleinen Apparat an die Kehle und die Frage klang, als riefe E.T. sein mythisches „Phone home!“in den Raum.
„Nein.“
„Dachte ich`s mir doch.“ Egon nickte zufrieden und pulte sich die kleine Scheibe aus der Kehle, um sie hingebungsvoll mit einem Papiertaschentuch zu pflegen. So wie manche Leute das mit ihrer Brille tun.
„Äh!“ Der Kriegsversehrte verzog angewidert sein Gesicht. „Das haben wir dem schon tausendmal gesagt, dass er das nicht vor unseren Augen tun soll, diese Sabberei!“
„Alzheimer?“ Ich deutete auf den Stummen, doch Otto schüttelte den Kopf.
„Nein, eben nicht, sagte ich doch, den haben sie im letzten Moment unter den Trümmern gefunden!“
Egon machte eine abwehrende Geste, da ja im Moment sein Gerät noch nicht einsatzfähig war, doch der Rollstuhlfahrer schüttelte den Kopf.
„Nä, Egon, du willst nie was davon hören! Wir haben alle eine Menge Scheiß mitgemacht! Das sag` ich dir!“
„Habt auch Scheiß gebaut!“, nuschelte Egon und zog noch einmal kräftig die Nase hoch, während er sein Taschentuch wieder in irgendwelchen schlotterigen Trainingshosentaschen verstaute.
„Nichts haben wir, unser Nesthäkchen da war doch bloß ein junger Spund, ein halbes Kind noch. Der hat doch nur die Heimat verteidigt!“ Otto angelte einen Stuhl, der etwas abseits stand, heran und nickte mir zu. „Setzen Sie sich doch.“
„Ich wollte aber ...“
„Jemand anders besuchen, klar! Hier haben Sie die Elite des Hauses um sich versammelt. Wen denn?“
„Frau Mertens ...“
„Ist doch tot!“
„Quatsch, Egon! Die Mutter, die alte, genauso im Rollstuhl wie ich, die Junge hat`s erwischt ...“
Otto rieb sich das Kreuz und reckte sich ein wenig hinter der Tischplatte hoch: „Na, wer weiß, Karlemann, ob das nicht viel besser ist wie das, was unsereins hier durchmacht: Du kannst nicht mehr hüpfen, der Kleine hier wär`unter Adolf auch nicht alt geworden, Egon geht auch bald hops und ich werd` alle Nase lang an diese Kanüle gehängt.“
„Sie wurde ziemlich gemein erschlagen“, gab ich Otto zu bedenken und Karl, der Rollstuhlfahrer nickte bedächtig.
„So was ist immer von Übel.“
„Was redest du?“, knarrte Egon beleidigt. „Vorige Woche waren die Blutwerte ganz gut, ich überleb euch alle!“
„Wo finde ich denn die ältere Frau Mertens?“
„Die Dreier sind eigentlich auch oft in der Pergola. Da ist es so schön schattig und kühl bei Regenwetter, das schafft Platz für Neuzugänge.“ Otto grinste und der aufrechte Karl schüttelte entrüstet den Kopf. „Was müssen Sie von diesem Altersheim denken?“
„Dass es teuer ist, dreckig und ohne Egons Scherze todlangweilig!“ Otto schaute sich suchend über die Schulter um. „Normalerweise ist die Drei da. Aber eigentlich kann es Ihnen auch egal sein, ob Sie nun Dame Mertens persönlich erwischen, Sie könnten nämlich genau so gut mit dem da reden.“ Er stieß den stummen Mann, der möglicherweise um ein oder gar zwei Jahrzehnte jünger war als die übrige Skatrunde, liebevoll an.
„Na, Benjamin, sag doch mal was!“
„Was ist mit ihm? Ist er jünger als Sie?“
„Knapp über Sechzig. Kennen Sie den Film mit der Brücke, die von so halben Kindern verteidigt wird? Einer von denen ist ja dann auch ein berühmter Schauspieler geworden. Der hier hat mehr Pech gehabt, der einzige überlebende Flakhelfer vom Dorf!“
„Diese kleine Stadt hatte Flakhelfer?“
„Ja, ja, junge Frau! Nicht die Stadt, die Anlagen hier oben. Er war im Gymnasium. Der Witz ist, niemand weiß, wem er gehörte, es muss irgendwie woanders die ganze Familie erwischt haben. Wir hatten hier ein paar evakuierte Kinder aus dem Ruhrgebiet.“
„Ich dachte, das war ein Heim für ...?“
Karl lächelte mich höhnisch an.
„Am Ende nicht mehr. Und dann hat man da so in den letzten Kriegsjahren eine Art Internat gemacht für die Bengels, die zu klein fürs Kanonenfutter an der Front waren. Aber doch groß genug als Flakhelfer.“
„Und Mädels hatten sie auch und Lehrerinnen und Notunterricht!“ Egon blies die Luft aus sämtlichen undichten Stellen seines Halses heraus. „Wollstrümpfe und weiße Blusen!“ Er kramte in der Brusttasche seiner Trainingsjacke. „Auch eine?“
Ich schüttelte den Kopf, er klopfte sich eine filterlose Zigarette heraus, zündete sie an und sog genüsslich den Rauch ein.
„Du solltest wenigstens die Spitze nehmen, die dir deine Schwiegertochter neulich mitbrachte!“ Karl griff die Zigarettenspitze, die auf dem Gartentisch lag, und hielt sie Egon auffordernd unter die Nase.
„Ah bah! Davon sterb ich auch nicht früher. Wunderte mich echt, früher klaute sie immer heimlich alle meine Zigarettenpäckchen. Aber wahrscheinlich hat sie die Hoffnung aufgegeben.“ Egon lachte zufrieden und paffte weiter vor sich hin.
„Kannst ja eh` keine Lungenzüge mehr machen.“
„Sie meinen, nachdem man alle Behinderten umgebracht hatte, war das hier ein Internat?“
„Wer spricht denn von umgebracht und alle?“ Otto lächelte. „Die, die nicht so schlimm aussahen, liefen quasi unter dem Deckmantel des Internates mit, das war klug ausgedacht.“
„Das heißt, die Leitung des Behindertenheimes hatte eine Möglichkeit gefunden, ihre Kinder zu retten?“
„Nicht alle.“ Egon blies mit Schwung den Rauch aus der Nase und warf sich sodann hustend in den Stuhl zurück. „Was kostete der Aufenthalt hier oben, Otto?“
Darmowy fragment się skończył.