Czytaj książkę: «Lebe Deinen Traum»

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LEBE DEINEN TRAUM

1. Auflage, Originalausgabe, 2004

1. Auflage, ePUB, Juni 2014

© Sokrates Verlag München

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm, oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, oder in elektronischen Systemen verarbeitet, eingespeichert oder vervielfältigt werden.


LEBE DEINEN TRAUMISBN 978-3-9812912-5-4Herausgegeben von: Volker Wendel© Sokrates Verlag MünchenWeb: www.sokrates-verlag.de Gestaltung: Wolfgang RollmannGraphische Umsetzung: atelier kolarDeutsche Fassung: Sybille Brantl
Martin SageAutorenkontakt: info@sageuniversity.com Sage University www.sageuniversity.com

VORWORT

VORWORT

Die Intention des Buches

Einige von Ihnen werden mich bereits kennen. Andere noch nicht. Deshalb darf ich mich zuerst einmal vorstellen: Mein Name ist Martin Sage. Ich bin Architekt. Aber keiner von Häusern. Sondern ein Architekt des Lebens. Was das ist? Lassen Sie es mich an einem Beispiel erklären:

Ich baute ein Haus in Texas. Es sah aus wie eine Schachtel. Und als ich mehr Räume brauchte, fügte ich einfach mehrere Schachteln hinzu. Diese Schachteln waren zwar ganz nett, aber sehr langweilig. Weil ich den billigsten Architekten fand, der nur das tat, was ich ihm sagte. Sein Honorar betrug 300 Dollar. Jetzt bereite ich den Bau neuer Häuser vor. Und heuerte einen Top-Architekten an. Er designte für mich etwas, das ich mir niemals auch nur im Entferntesten hätte vorstellen können – zwei schöne Häuser, die schon auf dem Papier wahre Kunstwerke sind.

Das Haus, in dem Sie wohnen, ist wichtig. Aber das Leben, das Sie leben, ist noch wichtiger. Deshalb die Frage: Führen Sie das Leben, das Sie sich wünschen? Verwirklichen Sie Ihre Träume? Ist Ihr derzeitiger Beruf eine Herausforderung für Sie? Spricht er Ihre Talente an oder ist er nur ein Mittel für Sie, um Geld zu verdienen? Und wie sieht es aus mit Ihrem Verhältnis zu Ihren Mitmenschen? Haben Sie den Partner und die Freunde, die Sie sich wünschen? Und was wollen Sie mit dem Rest Ihres Lebens anfangen?

Ich kenne viele wunderbare, hochbegabte Menschen, die ein schrecklich langweiliges Leben führen. Ein Leben mit einem denkbar schlechten Design. Woran das liegt? Die meisten Menschen warten auf das große Ereignis, den einzigartigen Augenblick, der Ihr Leben verändern wird. Doch das Geheimnis des Lebens besteht eben darin, dass dieses große Ereignis nicht eintreffen wird. Wenn Sie ein wirklich großartiges Leben führen wollen, müssen Sie es sich selbst erschaffen. Und ich werde Ihnen dabei helfen. Mit dem Kauf dieses Buches haben Sie sich dafür entschieden, Design in Ihr Leben zu bringen.

Ein Leben zu gestalten ist viel komplexer, als ein Haus zu bauen. Um zu einem erfüllten, glücklichen Leben zu finden, müssen Sie auf jeder Ebene Ihr bisheriges Denken aufgeben, weil es von Angst und Wut gesteuert ist. Und diese beiden Emotionen bestimmen alle Ihre Entscheidungen.

Außerdem habe Sie eine vorgefasste Meinung, wie das Leben sein sollte und wer Sie sind. Das Problem ist aber, dass dieses Bild nicht Ihrem Wesen entspricht. Ihr Wesen ist das, was Sie in Ihrem innersten Kern sind, Ihre Essenz – das, was Sie waren, bevor Sie vorgaben, irgendjemand zu sein. Ihre Essenz ist das Einzigartige, Unverwechselbare, Individuelle, das es nur einmal auf dieser Welt gibt. Das sind Sie! In Ihrer Essenz liegt Ihre Bestimmung und Berufung. Der geheime Schlüssel zu Ihrer Lebensaufgabe. Die Einmaligkeit Ihrer Begabung, Ihr inneres Genie. Dorthin werde ich Sie führen. Denn hier beginnt das Design des Lebens.

Mit meiner Methode habe ich in Amerika, Europa und Asien Zigtausende Menschen zu einem erfüllten Leben mit innerem wie äußerem Reichtum geführt. Nicht zuletzt auch mich selbst. Damit Sie wissen, wer Sie dabei unterstützt, das Design Ihres Lebens zu finden, erzähle ich Ihnen kurz meine eigene Geschichte. Wie ich wurde, der ich bin.

ICH ÜBER MICH

Glückliche Anfänge

Meine frühe Kindheit verbrachte ich auf der Farm meiner Großeltern im Staat New York. Meine Großfamilie lebte in der näheren Umgebung. Wir melkten unsere Kühe von Hand. Mein Großvater gab sich bärbeißig und schroff, war aber im Kern liebevoll und freundlich. Seine Ahnen stammten aus Wales. Er brachte mir bei, wie man einen gezielten Strahl aus dem Euter einer Kuh auf die Katzen richten konnte, die sich sofort aufrecht hinsetzten und die warme Milch direkt aus der Luft tranken. Im Garten hatten wir ein Plumpsklo.

Ich wurde 1951 geboren – nur wenige Jahre nachdem mein Großvater sein Maultier und seinen alten eisernen Pflug gegen einen kleinen Ford-Traktor ausgetauscht hatte. Er war froh, das Tier los zu sein. Denn es war niemals gesund. Damit es urinieren konnte, musste mein Großvater Wasser von einem großen Holztrog in einen anderen gießen – so lange, bis der Klang des fließenden Wassers die Anspannung des Maultieres so weit löste, dass es seine Blase entleeren konnte. Als mein Großvater aufwuchs, waren Pferde nur etwas für die Reichen. Doch er lebte lange genug, um in einem Großraumjet zu fliegen und die Mondlandung des Menschen im Fernsehen zu sehen.

Unser einfaches Leben erfüllte mich mit Seligkeit. Stundenlang wanderte ich allein über die Felder, stellte mir eine magische Welt mit mystischen Begleitern und voller wunderbarer Abenteuer vor. Jeder Baum verströmte die Aura eines einzigartigen Seins. Die Natur erschien mir erfüllt zu sein mit Bewusstsein, und es war mir, als ob ich ein Summen vernähme, so als wolle sie mir etwas mitteilen, als ob sie mit mir direkt verbunden wäre. Sobald ich die Sprache der Menschen verstehen konnte, wurde ich zutiefst neugierig auf die geheimnisvollen Verbindungen zwischen ihnen. Die Männer arbeiteten draußen in der Scheune oder auf dem Feld. Die Frauen im Haupthaus und Garten. Sie pflanzten Obst und Gemüse, ernteten es und weckten es ein. Ich richtete meine ganze Aufmerksamkeit auf den Unterschied zwischen der Welt der Männer und jener der Frauen. Während die Männer über ihre Arbeit redeten, sprachen die Frauen ausführlich über andere Leute, über deren Familien, die Charaktere jedes Einzelnen. Beide Welten faszinierten mich. Noch bevor ich irgendetwas über mich selbst wusste oder was einmal aus mir werden sollte, erkannte ich, dass ich es über alles liebte, die faszinierende Welt der Menschen zu beobachten. Diese frühe Neugier, die menschliche Natur zu erforschen, sollte mein Leben bestimmen und die Grundlage für meine spätere Karriere werden.

Eine Saat, die meine geliebte Großmutter in mir aufkeimen ließ. Eine weise Frau von tiefer Lebensklugheit und großer Toleranz, die mich sehr geprägt hat. Sie war dänisch-deutscher Abstammung und redete gern in Sprichwörtern. „Je mehr du dich beeilst, desto langsamer wirst du“, pflegte sie etwa zu sagen, wenn ihr die Aufgaben des Haushaltes über den Kopf zu wachsen drohten. Allein die Wäsche zu besorgen nahm zwei Tage in Anspruch. Außerdem liebte sie es, zu lesen. Das Haus war voller faszinierender Bücher. Friedvolle Stille breitete sich aus, während sie sich in ihre Lektüre vertiefte. Meine Mutter stammte also zwar aus einer Familie armer Farmer, wuchs aber mit viel Liebe und in Sicherheit auf. Ihr saß der Schalk im Nacken, und sie war vernarrt in Abenteuer. Mit 18 verliebte sie sich in einen Seemann. Seine fesche weiße Uniform und seine strahlenden Augen beflügelten ihre Phantasie. Doch nach der Hochzeit musste sie feststellen, dass er ein ernsthaftes Alkoholproblem hatte. Bis heute kann ich mich nicht an sein Gesicht erinnern. Nur an seine vage Anwesenheit, wenn er vor seiner Flasche saß. Sein natürlicher Charme verlor sich dabei mehr und mehr in dumpfem Brüten. Er vertrank sein gesamtes Einkommen und blieb die meiste Zeit von zu Hause weg.

Eines Tages fand ich meine Mutter in entsetzlicher Wut vor. Sie kniete vor unserem alten Ben-Franklin-Holzofen, den wir zum Kochen benutzten, und verbrannte Vaters Kleider darin. Auch das wunderschöne Modellsegelboot, das er gebaut hatte, fiel dem Fraß der Flammen zum Opfer. Mein Vater hatte uns verlassen. Meine Familie war zerbrochen. Und was noch viel schlimmer war: Wir verließen meine geliebte Farm, das Zauberreich meiner Kindheit. Meine Mutter zog mit mir, meinem jüngeren Bruder und meiner neugeborenen Schwester in die Stadt.

Die andere Seite des Lebens

Das Leben in der Stadt war vollkommen anders. Obwohl Elmira im Staat New York nur eine Kleinstadt war, kam sie mir riesig, steril und feindlich vor. Die Menschen blieben in ihren Häusern. Man grüßte sich nicht. Doch der Verlust unserer Verbindung mit der Natur und die eisige Anonymität waren bei Weitem noch nicht das Schlimmste: Meine Mutter hatte Existenz bedrohende materielle Kämpfe auszustehen. Sie arbeitete in einer Fabrik. Ihr Job war schwierig und langweilig. Außerdem war ihr Chef hinter ihr her. Nach einem langen Arbeitstag kam sie nach Hause und weinte. Ich war ihr einziger Vertrauter. Ein Freund erzählte ihr von der Sozialhilfe. Ihre Berechnungen ergaben, dass sie damit nur wenige Dollar pro Monat verlor. Sie gab nach. Doch Sozialhilfe anzunehmen brach ihr das Rückgrat. Ihr Feuer erlosch. Und sie hörte auf zu kämpfen.

Nach ein paar Monaten heiratete sie wieder. Mein Stiefvater trank zu viel. Das machte ihn gewalttätig. Er schlug meine Mutter und auch uns Kinder. Eine Serie trostloser Umzüge in immer schäbigere Viertel folgte. Obendrein bedrohten uns ständig gefährliche Straßengangs. Zuerst zog ich mich immer mehr in mich selbst zurück und fand meinen einzigen Trost in Büchern. Doch dann schloss ich Freundschaft mit den bösen Jungs aus der Nachbarschaft. Sie waren schließlich die einzigen, die mir zeigen konnten, wie man überlebte. Wir benahmen uns wie starke, unbezwingbare Helden, die nichts umwerfen konnte. Im Inneren aber waren wir nur verängstigte Kinder. Viele meiner damaligen Freunde waren aus Heimen entlaufen, viele kamen um oder endeten im Gefängnis.

Wer die Armut verherrlicht, hat sie nicht selbst erlebt. Auf der Farm meiner Großeltern waren wir zwar auch arm gewesen. Aber an Essen hat es uns nie gefehlt. Jetzt lebten wir von der Stütze. Und das Geld war nach wenigen Tagen verbraucht. Ich lernte, was es heißt, Hunger zu leiden. Meine Mutter wurde depressiv. Oft blieb sie morgens einfach im Bett liegen, unfähig, es mit ihrem gegenwärtigen Leben aufzunehmen. Meine Eltern fochten immer erbittertere Kämpfe. Und ich gewann zunehmend das Gefühl, dass irgendetwas furchtbar falsch gelaufen war. Angst wurde mein ständiger Begleiter. Ich litt unter Magenschmerzen und saß nachts allein auf meiner Bettkante mit dem Gefühl eines tobenden Messers im Bauch. Mein Leben war außer Kontrolle geraten. Ich fürchtete, verrückt zu werden. Als ich in meine private Hölle hinabstieg, erschien es mir gleichzeitig wichtig, mich normal zu verhalten, um meinen wahren inneren Terror zu verbergen. Dabei ist meine Geschichte in keiner Weise einzigartig. Gut, es mag Millionen von Kindern geben, die dies nicht erleben mussten. Andererseits gibt es noch mehr Millionen von Kindern, die an Hunger sterben oder in Kriegsgebieten leben. Trotz unserer harten Lage fühlte ich mich damals wie jemand, der irgendwie noch glücklich davon gekommen war. Ich hatte meine Bücher. Sie gaben mir immerhin eine Perspektive. Unzähligen Menschen ging es noch weitaus schlechter als mir. Diese Zeit war hart. Aber tief in mir trug ich das Gefühl, dass das Schicksal mich für etwas Gutes ausersehen hatte. Ein Teil von mir glaubte fest daran, dass all diese Erfahrungen mir geschickt wurden, um ein stärkerer, kraftvollerer Mensch zu werden.

Meine tiefste Demütigung jener Tage war meine Freundschaft mit einem Klassenkameraden aus einem besseren Stadtviertel. Ich wollte so sehr zu seiner Welt gehören, die mir als Ausdruck von Ordnung und Normalität erschien. Seine Freunde hassten mich, aber er gehörte zu jenen wunderbaren Menschen, die andere nicht nach ihren Lebensumständen beurteilen.

Doch eines Tages fand ich in der Bibliothek eine Zeitung, auf deren Titelseite ein Leitartikel prangte, der die schrecklichen Slumbedingungen unseres Viertel beschrieb; die völlig unzureichenden sanitären Bedingungen und Fälle von Hepatitis, die bald die ganze Stadt bedrohen würden. Der Verfasser behauptete, wir lebten in Dreck und Verwahrlosung. Das Titelfoto zeigte ein völlig heruntergekommenes Haus mit einem liegengebliebenen, uralten Autowrack davor. Es war unser Haus. Es war unser Auto. Wir waren bereits damals Ausgestoßene. Doch jetzt sollte alles noch schlimmer kommen. Ich zog mich von meinem Freund zurück und mied ihn aus Scham. Ich fühlte mich so schrecklich, dass ich verschwinden, mich in Luft auflösen wollte. Dabei hatte ich gerade erst mein 14. Lebensjahr erreicht. Und mich zu einem harten kleinen, halb kriminellen Kerl entwickelt, der einen undurchdringlichen Panzer trug.

Im Schutzraum der Kirche

Dann geschah etwas Außerordentliches. Meine Mutter, der ständigen Schläge und Bedrohungen meines Stiefvaters müde, besuchte mit uns Kindern meinen Onkel. Er war der einzige Mensch, der sich nicht vor meinem Stiefvater fürchtete. Und auch auf meine mühsam aufgebaute Fassade des starken Jungen fiel er nicht herein. „Es wird immer irgendjemanden geben, der stärker ist als du. Lern auf dich selbst aufzupassen, aber begib dich nicht unnötig in Schwierigkeiten“, sagte er unbeeindruckt. Um mir dann einen sonntäglichen Kirchgang in seiner Baptistengemeinde vorzuschlagen. Eine Idee, die mir völlig blödsinnig vorkam. Aber ein Nein war nicht erlaubt. Während des Gottesdiensts spürte ich, wie plötzlich tief in mir etwas erwachte, das sich gut und sicher anfühlte. Das Gefühl wurde zur Gewissheit: Dies war der Ort, an den ich gehörte. Nach der Messe ging ich deshalb zum Pfarrer: „Ich möchte werden, was Sie sind. Ich habe keine andere Wahl.“

Er nahm mich ernst und übergab mir eine Klasse seiner Sonntagsschule, in der ich kleinen Jungen die Heilige Schrift lehren sollte. Bis dahin hatte ich noch kein einziges Wort der Bibel gelesen. Doch mein neu erwachter Glaube entflammte meine Vorstellungskraft und vermittelte mir das Gefühl, dass das Leben eine Bedeutung haben könnte.

Die folgende Zeit war wunderbar: Ich folgte dem Strom der Liebe dieser kleinen Gemeinde und widmete mein Leben meiner Liebe und dem Dienst an Gott. Erst viel später begriff ich, dass Gott Liebe ist und dass ich als Halbwüchsiger damit begonnen hatte, das Göttliche in jedem einzelnen Menschen zu erkennen. Wenn ich die Menschen durch die Augen von Christus betrachtete, verwandelte sich die Welt von einem Furcht erregenden Ort in einen Hort, den ich lieben und dem ich dienen konnte. Die Diakone wurden meine Ersatzväter, und die Religion besänftigte meine Seele. Sie brachte Ordnung in mein Leben und gab mir meine längst vergessene Freude zurück. Ich hatte eine neue Familie, in der ich nichts falsch machen konnte. Die Liebe Gottes verzieh alles. Und als Antwort darauf verströmte ich meine Liebe. Mit 18, im Herbst 1969, verließ ich meine kleine dörfliche Kirchenfamilie, um ins Priesterseminar zu gehen. Doch dort sollte ich eine herbe Enttäuschung erleben: Ich begegnete zum ersten Mal Christen, die politisch eingefärbt waren. Die Botschaft der Liebe wurde ersetzt durch eine Botschaft der Furcht, der Sünde und der Schuld. Mit diesem Druck versprachen sich die Priester einen größeren Einfluss auf ihre Gemeinden und eine höhere Opferbereitschaft ihrer Mitglieder. Ich fühlte mich getäuscht. Einsamkeit wurde zu meinem bestimmenden Lebensgefühl. Das Zölibat allein war schon schlimm genug. Der Verzicht schürte nur die Flammen des Begehrens. Insgeheim fürchtete ich, dass ich nicht lange genug leben würde um in den Armen einer Frau liegen zu können. Mit 21 begann ich schließlich um eine Frau zu werben. Ihr Name war Elizabeth. Wir heirateten und zogen in ein winziges Apartment.

Im Fegefeuer zwischen Wissenschaft und Religion

Ich begann zusätzlich Psychologie zu studieren. Doch schon bald sollten Wissenschaft und Theologie in meinem Geist einen erbitterten Krieg ausfechten. Schließlich hatte ich es satt, die Theorie der Evolution zu ignorieren, nur weil sie theologischen Glaubenssätzen widersprach. Religion und Wissenschaft schienen sich gegenseitig auszuschließen. Ich suchte nach der Freiheit neuer Perspektiven. Also stellte ich meine theologischen Seminare zurück, um das Leben aus einer stärker humanistischen Sichtweise zu betrachten. Diese Entscheidung war nicht leicht. Es bedurfte einer langen Zeit der Seelenerforschung, bevor ich wagte, meine eigene Sichtweise herauszufinden. Aber diese bewusste Wahl wurde zu einem Wendepunkt in meinem Leben. Es war nicht länger mein Traum, Priester zu werden. Nun begann ich darüber nachzudenken, was aus dem Rest meines Lebens werden sollte.

Die Würfel fürs Erste gefallen

Ich blieb bei der Psychologie. In ihr sah ich eine Möglichkeit, anderen Menschen zu helfen und gleichzeitig meine eigene schwierige Vergangenheit aufzuarbeiten. Zudem lernte ich nach und nach, die Polarität zwischen Wissenschaft und Religion in mein Denken zu integrieren und von dem Paradox zweier sich widersprechender Glaubenssysteme zu profitieren.

1973 machte ich meinen B.A. im Fach Psychologie und schrieb mich für ein Magisterstudium an der Middle Tennessee State University ein. Ich liebte Freud, C.G. Jung und Adler. Doch die Arbeit von Abraham Maslow faszinierte mich am meisten. Als ich seine Darstellung über das selbst verwirklichte Individuum las, wusste ich, dass ich die Mission meines Lebens gefunden hatte. Der Begriff Selbstverwirklichung bezeichnet den Wunsch des Menschen, zu einem Wesen heranzureifen, das all seine Potenziale verwirklicht. Genau das wollte ich. Ich schwor mir, zu wachsen. All das zu werden, was ich sein könnte. Und nahm ein Doktorat an der University of Southern Mississippi auf.

Zu jenem Zeitpunkt entwickelten sich Elizabeth und ich bereits in verschiedene Richtungen. Dennoch zogen wir gemeinsam nach Hattisburg. Um mein Studium zu finanzieren, verrichtete ich die verschiedensten Jobs. Auf diese Weise lernte ich die Welt der Arbeiter kennen. Wir wurden meistens wie Dreck behandelt. Dennoch klammerten wir uns alle an unsere meist stupiden Verrichtungen und fürchteten nichts mehr, als unsere Jobs zu verlieren. Zu meinem Schrecken wurde mir bewusst, dass meine Kollegen so den Rest ihres Lebens verbringen würden.

In der Höhle

Ich war so beschäftigt mit meiner Doppelbelastung aus Studium und Geldverdienen, dass ich nicht bemerkte, wie es um mich stand. Stress war zu meinem ständigen Begleiter geworden, ich fühlte mich dauernd erschöpft. Während ich meinen Geist mit immer mehr Wissen befrachtete, hatte ich meine Neugier verloren. Auch von der Natur, die in meiner Kindheit eine so wichtige Rolle gespielt hatte, fühlte ich mich gänzlich abgeschnitten. Der Druck wuchs ständig, und meine Dauererschöpfung wandelte sich in Verdruss. Ich verlor den Glauben an mich selbst und an das Gute im Leben. Dabei hielt ich mich immer noch für einen Menschen, der von Liebe und Freude erfüllt war. Doch das akademische Denken und Erklären hatte meinem Leben jede Bedeutung und Wärme geraubt. Mein Selbstwertgefühl schwand und mit ihm all die Werte, an die ich bis dahin geglaubt hatte. Es war an der Zeit, eigenständig zu denken und meine eigene Ethik zu entwickeln. Doch darin sollte ich kläglich scheitern.

Elizabeth und ich hatten uns inzwischen so weit auseinander gelebt, dass sie mich um ihre Freiheit bat. Wir gingen als gute Freunde auseinander. Trotzdem beschleunigte unsere Trennung meinen psychischen Abstieg in eine dunkle Höhle. Tiefe Traurigkeit überkam mich. Melancholie und Depression folgten. Angst durchtränkte alle meine Poren. Doch je mehr ich gegen sie anzukämpfen versuchte, desto dumpfer fühlte ich mich. Meine Sinne stumpften immer mehr ab. Gleichzeitig beobachtete ich meinen Abstieg wie ein Insektenforscher. In meinen dunkelsten Momenten machte ich Aufzeichnungen, suchte meinen Pfad hinab auf den Grund der Höhle, die immer mehr zu meiner Hölle werden sollte, nachzuzeichnen, beschrieb meinen Weg durch die immer düsterer werdenden Reiche von Angst zu Furcht, von Müdigkeit zu Verdruss, von Traurigkeit zu Anspannung, von Melancholie bis zuletzt in die Depression. Ich versuchte eine Landkarte anzufertigen, die es mir und später auch anderen Menschen ermöglichen sollte, den Aufstieg aus den Reichen der Dunkelheit hin zum Licht zu finden. Ich wollte meine Lebendigkeit wiederfinden. Was sollte nur aus dem Rest meines Lebens werden?

Die wirkliche Welt

In dieser Verfassung begann ich 1975 als Psychotherapeut an einer psychiatrischen Klinik in Beaumont, Texas, zu arbeiten. Beaumont war zwar nicht gerade das Ende der Welt, doch man konnte es von dort aus sehen. Die Stadt lag in einer topfebenen Landschaft, die mit zahllosen Ölraffinerien und rauchenden Fabrikschloten gesprenkelt und von einer ewigen Dunstglocke überwölbt war. Das Grundwasser schmeckte nach Petroleum. Der größte Teil meiner Arbeit drehte sich um zerbrochene Familien. Der Schmerz meiner Klienten schien meinen eigenen Schmerz widerzuspiegeln. In Windeseile stieg ich in die Mittelklasse auf, zu der ich während meiner ganzen Kindheit so sehnlich gehören wollte. Nur um durch einen Nebel von Langeweile und Verzweiflung zu erkennen, dass es erfolgreichen Menschen genauso miserabel ging wie den Armen. Die Neugier, die ich als Kind so intensiv gefühlt hatte, schien in der Welt der Erwachsenen nicht zu existieren. Leben hieß Leiden, war ein monochromes Gemälde in öden Grauschattierungen, nur hie und da durchsetzt von flüchtigen Farbspritzern aus bescheidenen Freuden. Und die Stabilität, die ich mir so dringend gewünscht hatte, erstickte meine Lebendigkeit. Schon bald erkannte ich die Grenzen eines festen Einkommens. Und in meinem Haus am Stadtrand fühlte ich mich wie in einem Gefängnis. Wieder einmal fragte ich mich, was aus dem Rest meines Lebens werden würde.

Der Riss in meinem Weltbild

In dem transpersonalen Psychiater Dr. Harry Hermon fand ich einen Mentor, der mir den Weg aus der Höhle weisen sollte. Dr. Hermon war russischer Jude. Das ganze Klinikkollegium hielt ihn für verrückt und unterstellte ihm, mit Gehirnwäsche zu arbeiten. Ärgerlich war nur, dass seine Patienten überraschend schnell geheilt wurden, während wir anderen kaum nennbare Erfolge erzielten. Über ihn kursierten die unmöglichsten Gerüchte. Dass er sexuelle Orgien feierte und eine seiner Geliebten mit dem berühmten Gestalttherapeuten Fritz Perls teilte. Physisch erinnerte er mich an Pan, den phallischen Gott der griechischen Mythologie. Selbstverständlich verabscheute ich ihn auch.

Doch er schien sein besonderes Vergnügen gerade darin zu finden, ausgerechnet mich unentwegt zu demütigen. Über meine klinischen Diagnosen lachte er einfach lauthals. Er brachte mich immer mehr in Rage, bis ich ihn vor dem versammelten Kollegium, das ganz auf meiner Seite stand, fertig zu machen versuchte. Doch je mehr ich mich in meine Wut und meinen Hass steigerte, desto heiterer wurde er. Was mich zur Weißglut brachte.

Dann geschah etwas Seltsames: Vor meinem Augen begann sich das Gesicht Dr. Hermons zu verwandeln. In seinen Zügen, die mir bis dahin Zynismus, Sarkasmus und Verantwortungslosigkeit zu spiegeln schienen, sah ich nun Unschuld, kindliche Neugier, Freude, Leidenschaft und Weisheit. Ich war völlig verwirrt und fühlte mich schrecklich, diesem Mann so sehr Unrecht getan zu haben. Doch er zeigte sich großzügig: „Bevor Sie ihr Spiegelbild in einem See erkennen können, müssen Sie erst einmal die Wogen glätten.“ Seine Worte trafen mich ins Mark: Ich hatte meinen Schatten, meine eigenen schlechten Eigenschaften, auf ihn übertragen.

Ich konnte mir nicht länger etwas vormachen. Die Geschichte, die ich mir bisher über mich selbst erzählt hatte, war faul: Ich war in keiner Weise der nette Typ, für den ich mich immer gehalten hatte. Schlagartig erkannte ich, dass ich mein bisheriges Leben lang nur versucht hatte, anderen Menschen zu gefallen und es ihnen recht zu machen. Die Rollen, die ich auf der Bühne des Lebens spielte, hatten nichts mit meinem innersten Wesen zu tun. Selbstverständlich war ich auch kein Psychotherapeut. Wie ich in diesen Beruf gelangt war, wurde mir völlig unbegreiflich. Dr. Hermon hatte mir meine soziale Maske heruntergerissen. Und mir gleichzeitig einen Spalt geöffnet, durch den ich auf mein innerstes Wesen, auf meine Essenz, blicken konnte. Dr. Hermon regte mich dazu an, ich selbst zu sein – gleichgültig, was dabei herauskommen würde. Und ich musste akzeptieren, dass ich mich von nun an in eine unerwartete Richtung entwickeln würde. In eine Realität, die nicht durch meine biografische Vergangenheit bestimmt sein würde.

Ich gab meine Promotion auf. Sie war mir plötzlich nicht mehr wichtig. Stattdessen begann ich, mich mehr und mehr für das Feld der unbegrenzten Möglichkeiten menschlicher Entwicklungsfähigkeit zu interessieren. Ich wurde Dr. Hermons Schüler. In ihm war ich dem ersten Menschen begegnet, der die Theorie der humanistischen Psychologie Abraham Maslows im Vollsinn verkörperte. Dr. Hermon war genau jener selbstverwirklichte Mensch, den Maslow in seinem Werk beschrieb: Er war lebendiger und verfügte über eine höhere Wahrnehmung als ein Durchschnittsmensch. Dennoch war auch er nicht frei von Fehlern, die wir alle machen.

Doch selbst verwirklichte Menschen schaffen es oft, zu Meilensteinen in der Geschichte der Menschheit zu werden. Wie Picasso oder Einstein. Davon hatte ich immer geträumt. Sollte aus dem Rest meines Lebens doch noch etwas werden?

Zu Gast in alternativen Wirklichkeiten

Durch Dr. Hermon lernte ich meinen zweiten Mentor kennen. „Mein Name ist Martin Brofman. Ich bin Heiler“, stellte er sich vor. Da er mir auf Anhieb sehr sympathisch war, versuchte ich, meine Skepsis zu verbergen. Heiler passten nicht in mein Weltbild. Ich konnte in ihnen nichts anderes sehen als Scharlatane aus dem finstersten Mittelalter. Dann rief mich eine langjährige Freundin an. Ihr Sohn war eines Mittags aus der Schule gekommen, hatte ihr mit einem Revolver in den Rücken geschossen und dabei die Wirbelsäule getroffen. Jetzt lag sie in einem Krankenhaus in Texas und war querschnittsgelähmt. Die Ärzte sagten, dass sie nie wieder werde laufen können. Martin sagte schlicht: „Lass uns sie heilen gehen.“ Es war mitten in der Nacht, und er feierte gerade eine seiner ziemlich hedonistischen Partys. Also nahmen wir einige der Girls einfach mit.

Als wir nach Mitternacht im Krankenhaus ankamen, nahm niemand auch nur die geringste Notiz von uns. Und meine Freundin war wach. Sie saß zusammengekrümmt in ihrem Rollstuhl. „Was stört Sie an Ihrem gegenwärtigen Zustand am meisten?“, fragte Martin. Ihre Antwort verblüffte mich: „Ich habe wirklich große Schmerzen. Aber ich bin eine Frau. Und die jungen Ärzte hier sind ziemlich attraktiv. Es macht mich völlig fertig, dass ich mir nicht einmal das Haar aus meinem Gesicht streichen kann.“ Martin fragte zurück: „Und wenn Sie Ihr Haar berühren könnten – könnten Sie dann anfangen, Ihrem Sohn zu vergeben?“ Meine Freundin began herzzerreißend zu weinen. Dann nickte sie. Martin berührte verschiedene Punkte ihrer Wirbelsäule. Dabei schien er in tiefste Meditation zu versinken. Schließlich fragte er sie, ob sie eine Veränderung spüre. Sie lehnte sich zurück, hob ihre Arme, berührte ihr Haar und begann hemmungslos zu schluchzen. Ein paar Wochen später verließ sie das Krankenhaus. Mit einem Gehwägelchen. Sie machte eine Ausbildung als Krankenschwester. Heute läuft sie wieder völlig normal und dient anderen schwer verletzten Menschen.

Martin hatte auch sich selbst vom Krebs geheilt. Er sollte auch meinen Stiefvater vom Lungenkrebs und mich von einem Augenleiden heilen, das mich mit fortschreitender Blindheit bedrohte. Er lehrte mich, dass Materie Energie sei und Krankheit eine Blockade im Energiefluss. Und er öffnete meinen Blick auf andere Realitäten: Ich lernte zu begreifen, dass meine Version der Realität nur eine von vielen möglichen Realitäten war. In meiner kleinen Realität mochte ich mit meinen Ansichten durchaus nicht ganz falsch liegen. In einer anderen aber würde mein Verstand mit dem ganzen Unrat seiner Vorurteile wirkliche Ereignisse schaffen. Wie ein Träumer, der seinen Traum träumt. Martin Brofman hatte meine verlorene Neugier geweckt. Jetzt wollte ich durch diese geöffnete Tür schreiten. Koste es, was es wolle. Ich war bereit, die Zone der Angst und Wut zu passieren, um zum Abenteuer meines selbstbestimmten Lebens zu finden. Um den Rest meines Lebens ganz bewusst selbst zu gestalten.

Das Ende der Gewissheit

Ich kündigte meine Therapeutenstelle an der Klinik. Und kreierte meine erste eigenständige Arbeit: ein Seminar über Selbstverwirklichung auf der Basis des Werks von Abraham Maslow. „Leben Sie das Leben Ihrer Träume. Nehmen Sie alle Risiken in Kauf, die Ihr Leben zu einer einzigartigen Herausforderung machen“ war das erklärte Programm. Ich hatte damit sofort Erfolg. Die Klienten berichteten mir, wie sehr sich ihr Leben zum Positiven hin wandelte.

Doch es ist eine Sache, einen Workshop aufzubauen. Eine ganz andere ist es, davon zu leben. Da ich keine Ahnung von Organisation und Marketing hatte, ging mir ziemlich schnell das Geld aus. Ich musste mein Haus aufgeben. Meine komfortable Welt der Mittelklasse war zerbrochen. Aber jetzt wollte ich mir ein Leben aufbauen, das zu meiner Natur passte. Ich wollte nicht das Ende meines Lebens erreichen und mich dann fragen müssen, ob ich überhaupt je gelebt hatte.

Am Lake Charles in Louisiana fand ich ein leer stehendes Theater. Es war zwar eine Ruine, doch ich zog ein. Und lebte vom Existenzminimum. Die nächsten Jahre tourte ich mit Workshops, Trainings und als Business Coach durchs Land. Und verwirklichte meinen Traum, nämlich Menschen dabei zu helfen, zu einem erfüllteren Leben zu finden.

Leben im Paradies

Schließlich zog ich auf die Hawaii-Insel Maui. Dort wurde meine Arbeit berühmt. Menschen aus ganz Amerika und Europa kamen, um meine Kurse zu besuchen. Heute lebe ich auf Maui, in New York, Texas, Amsterdam und Thailand. Meine Arbeit hat sich zu einem globalen Netzwerk entwickelt. Ich habe meine Passion zu meinem Beruf gemacht. Und arbeite 365 Tage im Jahr mit Leidenschaft an meinem Traum, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Mit Menschen, die zu einer globalen Gemeinde zusammenfinden. Die sich gegenseitig unterstützen und sich gegenseitig dienen. Mit dem Besten, was sie zu geben haben: mit ihrer einzigartigen und unverwechselbaren Begabung. Die ihren inneren Ruf hören und ihrer Berufung folgen. Die sich höchsten Herausforderungen aktiv stellen – und gemeinsam gewinnen.

Zu diesem Buch

Sie träumen auch von einem selbstbestimmten, selbstverwirklichten, glücklichen und erfüllten Leben, wissen aber nicht, wie Sie dahin kommen können? Dieses Buch wird Ihnen zeigen, wie Ihr Leben gelingen kann. Schritt für Schritt werden Sie Ihr ganz persönliches Lebensdesign erkennen und lernen, was Sie verbessern können. Wie Sie zufrieden mit sich selbst, mit Ihren Beziehungen, mit Ihrer Karriere und Ihrem Beitrag zur globalen Gemeinschaft werden.

Doch menschliches Wachsen und Reifen ist ein schmerzhafter Prozess. Je höher Sie aufsteigen, desto schwieriger wird es. Und bei jeder Hürde, die Sie nehmen, machen Sie zuerst einmal einen Sprung ins Chaos, aus dem Sie dann erst wieder Ihre ureigene Ordnung erschaffen müssen. Um das Licht der Klarheit zu erreichen, müssen wir erst einen nachtschwarzen Tunnel der Verwirrung durchqueren. Verwirrung ist Teil der Wandlung.

Es gehört zu jedem einzelnen Menschenleben, dass wir immer wieder mit Krisen konfrontiert werden, die sich oft zu Sinnkrisen ausweiten. Ein Zeichen dafür, dass etwas Altes in uns sterben muss, damit Neues entstehen kann. Jedem Durchbruch geht in der Regel ein Zusammenbruch voraus.

Hinzu kommt die globale Krise. Nach dem Kollaps von Kommunismus und Kapitalismus sehen wir uns mit völlig neuen Aufgaben konfrontiert und fühlen uns dabei ähnlich überfordert wie Charlie Chaplin am Fließband in seinem Film „Moderne Zeiten“. Handelte es sich damals um die Bedrohung des einzelnen Menschen durch das Industriezeitalter, sehen wir uns heute in einer Ära der zunehmenden Globalisierung und der explosionsartig anwachsenden Information. Wieder einmal ist das Ende der Gewissheit erreicht. Wir müssen unsere eigene Position neu orten – und fühlen uns dabei wie ein Handwerker, der in seinem Werkzeugkasten nur unpassende Nägel, Dübel, Zangen, Zwingen und Sägen findet. Die neuen Werkzeuge gilt es erst zu schmieden. Der weltweite Zusammenbruch von Börse und Wirtschaft und die hohen Staatsüberschuldungen haben das Ende unserer Sicherheit für den Rest unseres Lebens eingeläutet. Auf Sozialhilfen und Renten ist kein Verlass mehr: Mit staatlicher Hilfe ist nicht mehr zu rechnen. Und wegrationalisierte Arbeitsplätze werden niemals wiederkehren. Wir sind zum Handeln aufgerufen und zur Eigenverantwortlichkeit.

Daher die schlechte Nachricht zuerst: Ihnen steht die Vertreibung aus dem Paradies bevor. Doch die gute Nachricht gleich hinterher: Ihr vermeintliches Paradies ist in Wirklichkeit eine dunkle Höhle. Und ich möchte Ihnen den Weg aus der Höhle ans Licht weisen. Dort werden Sie Ihr wahres Paradies finden. Und das Schöne daran: Sie können gar nicht fehlgehen, weil ich Ihnen eine Landkarte zur Orientierung an die Hand gebe.

Wie sie das Beste aus diesem Buch herausholen können

Lesen Sie Kapitel für Kapitel ganz genau. Legen Sie sich das Buch neben Ihr Bett und blättern Sie immer wieder darin. Machen Sie sich Aufzeichnungen über Passagen, in denen Sie sich wiedererkennen können. Studieren Sie ganz genau die Landkarte, um zu orten, an welchem Punkt Sie gegenwärtig stehen. Um die Herausforderungen zu erkennen, die auf Sie warten, und den nächsten Schritt, den Sie gehen sollten, zu sehen. Und haben Sie den Mut, Ihre Höhle zu verlassen, um zu einem selbstbestimmten, selbstverwirklichten Leben zu finden. Es wird sich auszahlen. Denn Sie werden sich nicht mehr länger die Frage stellen müssen, was Sie mit dem Rest Ihres Lebens anfangen wollen. Und sich am Ende Ihres Lebens nicht fragen müssen, ob Sie überhaupt gelebt haben. Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen und ein erfülltes, glückliches, reiches Leben!

TEIL 1 DIE VERTREIBUNG AUS DEM PARADIES

TEIL 1

DIE VERTREIBUNG

AUS DEM PARADIES

Was Sie über Ihr gegenwärtiges Leben wissen sollten

WAS SIE ÜBER IHR

GEGENWÄRTIGES LEBEN

WISSEN SOLLTEN

Die Wirklichkeit als Mysterium

Wir sind eingebettet in einen Kosmos voller Schönheit – und dabei ständig konfrontiert mit dem Unbegreiflichen: Die Wirklichkeit ist ein unendliches Mysterium. Die bloße Tatsache unserer Existenz gibt Anlass genug für tiefstes Staunen: Unter Milliarden von Sternen, in einem Universum, dessen unermessliche Weite sich unserem Fassungsvermögen entzieht, entwickelte sich ein Planet, auf dem Leben entstehen konnte: der blaue Planet, die Erde. Und nach Milliarden Jahren der Evolution erschienen Sie auf dieser Bühne. Ja, Sie! Das allein sollte genügen, Sie und uns alle mit Dankbarkeit und Faszination zu erfüllen.

Hier die wunderbare Beschreibung dieses Mysteriums mit den Worten des österreichischen Physikers Erwin Schrödinger: „Was ist’s, das dich so plötzlich aus dem Nichts hervorgerufen, um dieses Schauspiel, das deiner nicht achtet, ein Weilchen zu genießen? Alle Bedingungen für dein Sein sind fast so alt wie der Fels. Jahrtausende lang haben Männer gestrebt, gelitten und gezeugt, haben Weiber unter Schmerzen geboren. Vor hundert Jahren vielleicht saß ein anderer an dieser Stelle, blickte gleich dir, Andacht und Wehmut im Herzen, auf zu den verglühenden Firnen. Er war vom Mann gezeugt, vom Weib geboren gleich dir. Er fühlte Schmerz und kurze Freude wie du. War es ein anderer? Warst du es nicht selbst? Was ist dies: dein Selbst?“

Woher kommen wir, wohin gehen wir, was ist der Anfang von allem? Wer hat das Ganze ins Werk gesetzt? Gibt es einen Schöpfer? Und falls ja, warum hat er überhaupt etwas geschaffen? Und warum hat er alles gerade so geschaffen, wie es ist? Wie konnte er das Böse zulassen? Liegt das Böse in der Doppelnatur des Göttlichen oder in der Doppelnatur des Menschen? Warum wurde uns diese Doppelnatur gegeben? Wie viel Freiheit ist dem Menschen eingeräumt? Wie viel Freiheit braucht er – und wie viel Freiheit verträgt er?

Uralte Menschheitsfragen, die uns seit Anbeginn beschäftigen und die von den verschiedenen Kulturen der Welt auf verschiedene Weise beantwortet wurden. Doch diese Verschiedenheit der Antworten ist rein äußerlich – in der Essenz sind sie alle gleich. Die Verschiedenheit besteht in nichts anderem als in der unterschiedlichen Beschreibung der unendlichen Vielfalt und Vielgestaltigkeit der Fassetten des Seins. Die Essenz ist das Eine, vielgestaltig sind nur seine Ausdrucks- und Erscheinungsformen. Gefordert ist daher ein freies und spielerisches (Zusammen-)Denken jenseits aller wissenschaftlichen und philosophischen Konzepte. Der Atomphysiker Werner Heisenberg formuliert es so: „Die fruchtbarsten Entwicklungen haben sich überall dort ergeben, wo zwei unterschiedliche Arten des Denkens zusammentrafen.“ Und sein Schüler Fritjof Capra schafft eine ganzheitliche Synthese der unterschiedlichsten Interpretationsformen des Seins in seinem Gedanken von einem „Lebensnetz“, in das wir uns jenseits aller Trennungen wieder einzubinden haben.

Ihr Lebensnetz

Sie sind mehr als ein winziger Körper in einem riesigen Universum. Sie existieren als ein Muster von Vernetzungen, das Sie mit der Intelligenz anderer Menschen und der Natur verbindet. Diese Kommunikationsmuster sind die unsichtbaren Verbindungen, die es Menschen ermöglichen, gemeinsam etwas Produktives zu schaffen. Ihr Netz von Beziehungen ist der Kanal, durch den Sie alles Gute und Wesentliche für ein gelingendes Leben geben und nehmen können. Wenn Sie selbst erfolgreich sein wollen, müssen Sie auch danach trachten, dass andere Erfolg haben.

Der Wert und die Qualität Ihres Lebens hängen mit dem Wert und der Qualität Ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen zusammen. Wie gut Sie mit anderen kommunizieren, entscheidet darüber, wie gut Sie die Bedürfnisse anderer erfüllen und wie gut diese wiederum Ihre Bedürfnisse erfüllen. Wenn Ihre Bedürfnisse unbefriedigt bleiben, leiden Sie. Dasselbe gilt für Ihre Mitmenschen. Die Crux des menschlichen Daseins besteht aber gerade darin, dass wir uns auf unser Ich-Selbst, auf unsere Welt im Kopf, zurückziehen und damit eine Quelle ständiger Enttäuschungen und Ängste auftun. Wir tun dies, weil wir nach einer festen inneren Grundlage suchen, die es mit unserer Vorstellung von einer vorgegebenen, von uns unabhängigen Welt aufnehmen kann. Darin liegt aber eine Täuschung: Es gibt nämlich ebenso wenig ein beständiges Subjekt wie eine Welt aus von ihm unabhängigen Objekten. Die Idee eines getrennten, individuellen Selbst ist eine Illusion.

In seinem Buch „Das Lebensnetz“ weist Fritjof Capra einen Weg, wie wir unsere Ängste überwinden können. Wir müssen lernen, systemisch zu denken, das heißt, unsere Aufmerksamkeit von den Objekten hin zu Beziehungen zu verlagern. Denn erst dann sind wir in der Lage zu erkennen, dass Identität, Individualität und Autonomie nicht Getrenntheit und Unabhängigkeit voraussetzen. Unser abstraktes Denken hat uns dazu verführt, die natürliche Umwelt – das Lebensnetz – so zu behandeln, als bestünde sie aus einzelnen, voneinander getrennten Teilen, die von verschiedenen Interessengruppen ausgebeutet werden können. Und diese Sichtweise haben wir auf unsere menschliche Gesellschaft ausgeweitet, indem wir sie in verschiedene Nationen, Rassen, religiöse und politische Gruppen aufgeteilt haben. Der Glaube, dass all diese Fragmente – in uns selbst, in unserer Umwelt und in unserer Gesellschaft – wirklich getrennt sind, hat uns der Natur und unseren Mitmenschen entfremdet und uns damit beeinträchtigt. Deshalb fordert Capra: „Damit wir unsere ganze Menschlichkeit wiedergewinnen, müssen wir die Erfahrung unserer Verbundenheit mit dem gesamten Lebensnetz wiedergewinnen.“

Die zweidimensionale Welt im Kopf

Wie kommt die Welt in den Kopf? Wie viel von dem, was wir in unserem Kopf bewegen, hat wirklich mit Welt zu tun? Fest steht: Wir leben in einer Krise des Bewusstseins und der Wahrnehmung. Weil die meisten von uns sich in die zweidimensionale Welt in ihrem Kopf zurückziehen und deshalb das Wunder des Lebens als etwas Selbstverständliches hinnehmen – ja, schlimmer noch: Es scheint typisch für den Menschen zu sein, eine panzerdicke dunkle Glasscheibe zwischen sich und seine lebendige Verbindung zu seinen Mitmenschen und zur Natur zu schieben und sich damit gleichzeitig von seinem eigenen, eigentlichen Wesen und seiner Bestimmung abzutrennen. Diese dunkle Glasscheibe besteht aus Sorgen und Enttäuschungen.

Doch wir selbst sind es, die wir unseren ursprünglichen quellklaren Geist mit emotionalem Schmerz verdüstern. Einem Schmerz, der auf unerfüllten Sehnsüchten und unrealistischen Erwartungen beruht. Auf diese Weise sammeln wir Stück für Stück ein Gepäck an, das wir nicht mehr tragen können. Und ziehen uns immer mehr in die Welt in unserem Kopf zurück, verfallen dumpfem Brüten. Wir „erleben“ die Welt zweidimensional – wie auf einem Fernsehschirm, geben uns der Illusion hin, das schmerzensreiche Kino in unserem Kopf sei die Wirklichkeit. Dabei verwechseln wir unsere Innenwelt mit der Außenwelt, projizieren unser in seiner Wahrnehmung verengtes und verschrobenes Innen nach außen. Dadurch trübt sich gleichzeitig die Linse unserer Wahrnehmung: Wir sehen nicht mehr offenen Auges das Wunder, sondern nur noch, gleichsam mit Scheuklappen und in Ketten gelegt, die Wände unseres selbst erschaffenen Käfigs. Die Vertreibung aus dem Paradies hat begonnen. Außerhalb seiner Umfriedung geraten wir mehr und mehr in eine nahezu lichtlose Höhle und unsere Stimmungen verdüstern sich immer weiter, bis schließlich unsere ursprünglich flirrend lichtdurchflutete Lebensfreude in einem nachtschwarzen Ozean passiven Selbstmitleids ertrinkt. Was soll nur aus dem Rest unseres Lebens, was aus unseren Träumen werden?

Vom Sinn des Lebens

Was dem Leben Sinn gibt, ist ein tiefes Gefühl von Lebendigsein. Stellen Sie sich vor, der Zweck Ihres Lebens bestünde darin, sich einfach Ihres Lebens zu erfreuen. Und gesetzt den Fall, die Bedeutung des Lebens läge darin, das Vergehen der Zeit zu genießen – wie viel von Ihrem Beruf und Ihrem Lebensstil würde dann noch Bedeutung haben?

Lebendigkeit entspringt aus unseren tiefsten Beziehungen zu anderen Menschen. Wenn Menschen sich gemeinsam einer Sache widmen, beleben sie sich entweder gegenseitig oder sie rauben einander jegliche Energie. Nichts erschöpft einen Menschen mehr, als mit anderen etwas zu unternehmen, das sie gar nicht wirklich tun wollen. Die meisten Menschen leben in einem Schmerz, der von dem Druck herrührt, den sie gegenseitig aufeinander ausüben.

Als Antwort auf diesen Druck haben Sie gelernt, eine Rolle zu spielen, die Ihnen nicht entspricht und nicht das Geringste mit Ihnen zu tun hat. Gefangen in der kleinen Welt Ihrer Gedanken und Ängste, haben Sie wahrscheinlich Ihre wahre Berufung, Ihr wahres Sein vergessen. Sie haben sich stattdessen dazu entschieden, eine Rolle zu übernehmen, um Ihre Einzigartigkeit zu verbergen und eine falsche Fassade zu zeigen, damit die Leute aufhören, Druck auf Sie auszuüben.

Wenn Sie im Leben eine falsche Rolle spielen, opfern Sie aber Ihre Vitalität und Lebendigkeit. Und Ihr fauler Kompromiss bietet den Menschen, die Sie respektieren, keinerlei Inspiration. Fehlen Ihnen Ihre Vitalität und Lebendigkeit, spürt auch Ihre Familie und Gemeinschaft diesen herben Verlust. Es mag Ihnen zwar wesentlich sicherer erscheinen, ein Leben im Versteck zu führen, aber ich empfehle Ihnen dennoch, lieber das Risiko auf sich zu nehmen, mit dem dynamischen Chaos zu leben, das entstehen wird, sobald Sie es sich erlauben, ganz und gar Sie selbst zu sein.

Um aus einer gewohnten Rolle ausbrechen zu können, müssen Sie entdecken, was die Gesamtheit Ihrer Sinne stimuliert. Was macht Sie ganz und gar lebendig? Worin sind Sie einzigartig und unschlagbar?

Ich werde Ihnen einen Hinweis geben: Wenn Ihre Ziele und geheimen Träume Sie nicht zu Tode erschrecken und in Panik versetzen, sind sie als Herausforderung nicht groß genug, um Ihre Kreativität wachzurütteln. Gerade die Herausforderungen, die Sie am meisten fürchten, können die Tür zu Ihrem Glück sein.

Durch irgendeine perverse Verdrehtheit innerhalb der menschlichen Natur neigen wir dazu, ausgerechnet das zu fürchten, was gerade unsere natürliche Brillanz und Einzigartigkeit zum Vorschein bringen könnte.

Ob Ihr Leben gelingt, ob Sie Ihren Traum verwirklichen, hängt ganz und gar davon ab, ob Sie Ihre Berufung entdecken. Wenn Sie mit Ihrer wahren Bestimmung in Fühlung kommen, können Sie es mit allen Sinnen spüren: Dann fühlen Sie sich zutiefst berührt, wie ein Saiteninstrument, dessen ganze Klangfülle seismographisch durch einen genialen Interpreten erweckt wird. Oder wie ein Juwelier, der einen Edelstein auf eine ganz bestimmte Art und Weise bearbeitet. Verpasst er der Gemme einen falschen Schliff, ist der ganze Stein verdorben. Das bedeutet: Wenn die Herausforderung nicht genau zu Ihrem Temperament passt, wird sie Ihr verborgenes Talent nicht aus Ihnen herausholen.

Ihre wahre Berufung erkennen Sie daran, dass sie zugleich Ihre größte Leidenschaft ist. Die können Sie entdecken, indem Sie Ihrer Wahrnehmung folgen: Sie spüren es ganz genau, wann etwas Sie bis ins Mark berührt und wann Sie etwas kalt lässt. Ob Sie Ihr Schicksal erfüllen oder nicht, hängt ganz davon ab, ob Sie die Herausforderung erkennen, die ganz genau auf Ihre natürlichen Fähigkeiten abgestimmt ist. Ich nenne diese Herausforderung Ihre zentrale Organisationsfunktion. Das ist Ihre Berufung, Ihre Bestimmung, für die Sie geboren wurden. Jeder von uns ist ein Genie auf einem ganz bestimmten Gebiet. Wenn Sie sich voll und ganz in Ihre natürliche Einzigartigkeit hineinstürzen und sie an andere Menschen weitergeben, werden Sie zutiefst lebendig. Dadurch erhält Ihr Leben Bedeutung. Die höchste Bedeutung, die ein Leben gewinnen kann, ist der Dienst am Nächsten. Was Sie dabei verdienen, ist dann völlig sekundär, weil Sie den Wert spüren, den Sie dadurch schaffen. Dabei lernen Sie sich selbst und den anderen mit neuen Augen zu sehen. Und der Respekt, den Sie dabei für die anderen Menschen gewinnen, ist unbezahlbar und schon gar nicht durch Geld aufzuwiegen. Die Gegengabe und das Geschenk, das Sie dafür erhalten, ist ein tiefer innerer Frieden, ein Gefühl des Erfülltseins.

Sie sind nicht der Mensch,
für den Sie sich halten
Die Illusion vom Ich und seiner Authentizität

Jeder Mensch glaubt, genau zu wissen, wer er ist. Doch das ist eine Illusion. Was ich Ihnen jetzt sage, wird Sie wie ein Schock treffen: Sie sind nicht der Mensch, für den Sie sich halten. Doch dieser Schock wird, während Sie weiterlesen, bald einer unendlichen Erleichterung weichen: Sie sind nämlich viel, viel mehr, als Sie zu sein glauben. Sie wissen es nur noch nicht. Ich werde es Ihnen zeigen, indem ich Sie wie Alice im Wunderland hinter den Spiegel führen und Ihnen den Reichtum Ihrer verborgenen inneren Welt aufzeigen werde.

Doch eine Warnung gleich vorab: Die Größe, die ich in Ihnen sehe, wird Sie sehr erschrecken. Sie werden sich sagen: Das kann doch unmöglich ich sein, das ist doch viel zu groß für mich. Was Sie brauchen, um mir zu folgen, ist daher eine gehörige Portion Mut, um die wahre Großartigkeit, Einzigartigkeit und Einmaligkeit zu erkennen, die in Ihnen steckt und die Sie so mühsam vor anderen zu verbergen suchen.

Jetzt werden Sie natürlich fragen, weshalb Sie Ihre Größe meiner Auffassung nach vor anderen verstecken. Die Antwort ist ganz einfach: Weil Sie von den anderen Menschen akzeptiert und geliebt werden wollen. Ein Mensch aber, der sich voll und ganz verwirklicht, erschreckt die machtvolle Herde jener, die es nicht tun. Und die ist leider nach wie vor, auch am Beginn des 21. Jahrhunderts, enorm groß. Es ist aber ein archaisches Erbe aus unserer animalischen Vergangenheit, dass die Macht der Herde so stark in jedem Einzelnen von uns wirksam ist. Nach einem alten, ererbten Naturgesetz begibt sich jeder, der sich von der Herde entfernt, in die lebensbedrohende Gefahr, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden und damit sein Überleben nicht mehr sichern zu können. Und genau diese Sorge um das Überleben ist es, die die meisten Menschen in einem Leben stecken bleiben lässt, das weit unter ihren Möglichkeiten liegt.

Doch gleichzeitig liegt in jedem von uns die tiefe Ahnung verborgen, die Albert Einstein so formuliert hat: „Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.“ Vielleicht wissen Sie ja längst um Ihr Anderssein, um Ihre ureigensten inneren Qualitäten, haben aber nicht den Mut, aus der Herde auszubrechen. Und vielleicht steckt in Ihnen in Wahrheit sogar ein Alpha-Wolf, ein Anführer. Ein Mensch, der in seinem Dienst an anderen Menschen diese in völlig neue, ungeahnte Dimensionen der Wahrnehmung und eines erfüllten Lebens führen kann. Gerade die wahren Alpha-Wölfe unter den Menschen sind es, die sich am besten zu verbergen wissen. Weil ihr Wissen um ihre Kraft ihnen Angst macht, weil gerade sie – und darin liegt ihre Schwäche – besonders viel Akzeptanz und Liebe brauchen, weil sie belohnt werden wollen für die unwägbaren Gefahren, denen sie sich schutzlos ausgesetzt haben, als sie die Herde verließen, um diese anzuführen.

Doch hier muss ich Sie mit einem zweiten Schock konfrontieren: Ihre Mitmenschen lieben, akzeptieren und bewundern Sie ohnehin nicht. Die überwiegende Gemeinschaft der Menschen hat sich auf ein Dasein im Schmerz eingerichtet, den sie sich gegenseitig immer wieder bestätigen. Doch selbst wenn Sie pflichtschuldiges Mitglied dieses Schmerzens-Clubs bleiben und Ihren überteuerten Obolus in Form eines nicht selbst verwirklichten Lebens zahlen, werden Sie nicht geliebt. Das glauben Sie mir nicht? Ich werde es Ihnen beweisen. Haben Sie schon einmal eine Gruppe von Menschen beobachtet, die sich gegenseitig ihre Leidensgeschichten anvertrauten? Und haben Sie wahrgenommen, was geschah, wenn einer von ihnen vorzeitig gehen musste? Die unschöne Wahrheit ist die: Der Kreis der Zurückgebliebenen hat sich über den, der die Gemeinschaft verlassen hat, wie ein Rudel Wölfe hergemacht, ihn zerfleischt, ausgeweidet und über seinen bleichen, abgenagten Knochen ein kannibalisches Fest gefeiert. So mancher mag sich dabei unwohl gefühlt haben. Allein aus der Erkenntnis heraus, dass es ihm nicht besser ergangen wäre, hätte er als erster den Club verlassen: Menschen sind Wölfe im Schafsgewand – ausnahmslos.

Das gilt auch für Sie.

Was Sie hier sehen, ist ein Beispiel der zweidimensionalen Welt im Kopf, eines Bewusstseins, das den anderen zum Objekt macht. Solange Sie der Welt des Schmerzes verhaftet bleiben, lernen Sie nicht mit den Augen der Liebe zu sehen. Mit den Augen der Liebe zu sehen bedeutet, dass wir uns nicht gegenseitig voneinander abspalten. Dass wir, anstatt zu urteilen, wahrhaft beobachten und sehen lernen. Dass wir begreifen, dass wir selbst nicht der sind, für den wir uns halten. Und dass dieses Gesetz auch für jeden anderen Menschen gilt. Wahres Sehen und Erkennen ist urteilsfrei. Ist stilles Gewahrsein und Wahrnehmen, ist Erkennen, dass wir alle gleichberechtigte Teile eines großen Ganzen sind. Ist tiefe Liebe und Mitgefühl für jedes einzelne Lebewesen – in seinem Leid, in seinen Freuden.

Um Ihnen zu zeigen, worum es mir geht, zeichne ich Ihnen jetzt das Gegenbild eines selbst verwirklichten Menschen, eines Menschen, der die Gesetze des Lebensnetzes begriffen und verinnerlicht hat. Es ist ein Mensch, der über ein Bewusstsein verfügt, das es ihm ermöglicht, hinter den Spiegel zu blicken. Gleichzeitig will ich Ihnen damit zeigen, dass all diese Erkenntnismöglichkeiten auch in Ihnen stecken, dass sie nur darauf warten, endlich erlöst zu werden und ins Leben treten zu dürfen. Mit anderen Worten zeichne ich jetzt ein Bild von Ihnen, wie Sie sein werden, wenn Sie nach der Vertreibung aus dem Paradies und Ihrem Aufenthalt in der Höhle den Weg zurück ins Paradies gefunden haben.

Dies Bildnis ist bezaubernd schön: der sich selbst verwirklichende Mensch

Ein selbst verwirklichter Mensch hat sich mit seiner unbewussten Schattenseite auseinander gesetzt, sich mit seinen verborgenen Ängsten konfrontiert und seinen Schmerz aufgelöst. Er hat sich von Vorurteilen und Projektionen verabschiedet und das sehen gelernt, was ist. Er hat sämtliche Kompromisse verlassen und weigert sich nicht mehr länger, sich vor sich selbst das Leben zu enthüllen und zu erfüllen, nach dem er sich wirklich in seinem tiefsten inneren Wesenskern sehnt. Ein selbst verwirklichter Mensch besitzt ein tiefes profundes Gefühl von Wohlergehen und hat sichtbar Erfolg – in einem gelingenden Leben.

Abraham H. Maslow, Begründer der humanistischen Psychologie, dessen erklärtes Ziel die „Vollmenschlichkeit“ im Sinne einer Psychologie menschlicher Gesundheit war, rief den Menschen dazu auf, zu einem aktiven Gestalter seiner Existenz zu werden, der sich in einer Zeit zunehmender Materialisierung nach lebendigen geistigen Lebenswerten sehnt. Maslow glaubte an die ganzheitliche Natur des Menschen und wies nach, dass der Einzelne aus einer Anzahl von Bedürfnissen heraus handelt. Diese Bedürfnisse sind zwar individuell verschieden, dennoch liegt eine aufsteigende Linie von niederen zu höheren Bedürfnissen im Wesen jedes Menschen. Unabhängig von seinen individuellen und soziokulturellen Abhängigkeiten liegt dem menschlichen Selbstverständnis letzten Endes eine geistige Zielsetzung zugrunde, die erst die eigentliche befriedigende Selbstverwirklichung ermöglicht.

Wenn dieser Prozess blockiert wird, wenn diese entscheidenden höheren Bedürfnisse nicht befriedigt werden, wird der Mensch krank. In meiner jetzt folgenden Darstellung des selbst verwirklichten Menschen zeichne ich Maslows Erkenntnisse nach. Ein solcher Mensch verfügt also über folgende Eigenschaften:

■ Eine angemessene Wahrnehmung der Realität

Diese besteht in der ungewöhnlichen Fähigkeit, das Falsche, Vorgetäuschte und Unehrliche in einer Persönlichkeit zu durchschauen und Menschen generell richtig und wirksam einzuschätzen. Diese Gabe erstreckt sich über alle Lebensbereiche – einschließlich Kunst, Musik, Wissenschaft, Politik und öffentliches Leben. Selbst verwirklichte Menschen können verborgene oder verwirrte Realitäten rasch und richtig erkennen. Ihre Voraussagen über die Zukunft sind oft zutreffend und beruhen auf ihrer Fähigkeit, vorliegende Tatsachen frei von Angst und losgelöst von ihrem jeweiligen individuellen Charakter, einem entschiedenen Optimismus oder Pessimismus zu begegnen. Sie schaffen Ergebnisse und regen zum Vertrauen in andere Menschen an.

■ Akzeptanz seiner selbst und anderer Menschen

Ein selbst verwirklichter Mensch kann seine eigene menschliche Natur in ihrer ganzen Abweichung vom Ideal annehmen, ohne dabei Sorge oder Betroffenheit zu empfinden. Er ist dabei nicht etwa selbstzufrieden oder selbstgerecht, sondern vielmehr fähig, die Irrungen, Sünden, Schwächen und Übel der menschlichen Natur mit demselben Geist hinzunehmen wie ein Naturgesetz. Er akzeptiert die Tatsache, dass Felsen hart, Wasser nass und Bäume grün sind. Ein selbst verwirklichter Mensch genießt die einfachen Augenblicke des Lebens wie ein Kind, das durch weit geöffnete, unkritische und unschuldige Augen auf die Welt blickt. Er nimmt einfach wahr und beobachtet, was ist, ohne darüber zu argumentieren oder es verändern zu wollen.

■ Natürlichkeit und Spontaneität

Einfachheit und Einzigartigkeit kennzeichnen selbst verwirklichte Menschen, begleitet vom Fehlen jedweder Künstlichkeit oder der Anstrengung, irgendeinen Effekt erzielen zu wollen. Es sind schlicht und einfach ihre Impulse, ihre Gedanken und ihr Bewusstsein, die so ungewöhnlich unkonventionell, spontan und natürlich sind. Indem sie gleichzeitig erkennen, dass die Gesellschaft diese weder verstehen noch akzeptieren kann, haben sie keinerlei Bedürfnis, irgendjemanden zu verletzen oder über irgendwelche Unsinnigkeiten zu streiten. Stattdessen unterziehen sie sich den üblichen Ritualen der Konventionen mit Humor und menschlichem Mitgefühl.

■ Interesse an Grundlagenfragen, Fragen der Philosophie und der Ethik

Selbst verwirklichte Menschen leben in einem weitestmöglichen Bezugsrahmen. Sie sind stets in der Lage, den Wald nicht mit den Bäumen zu verwechseln. Ihre Werte sind breit angelegt statt kleingeistig, global statt lokal auf bestimmte Regionen beschränkt. Ihre Visionen gelten sowohl für Dekaden wie auch für den einzelnen flüchtigen Augenblick. Sie sind Philosophen und dabei doch ganz einfach.

■ Neigung zur Einsamkeit und Zurückgezogenheit und dazu, von der jeweiligen Kultur und Umgebung unabhängig zu sein

Unter Opfern wird man selbst verwirklichte Menschen kaum finden. Denn sie werden angetrieben von einem Anstoß hin zur Erweiterung und Entwicklung. Mit Mängeln halten sie sich erst gar nicht lange auf. Selbst verwirklichte Menschen werden von ihren eigenen Möglichkeiten und Kraftreserven angetrieben. Wie der Baum nach Sonnenschein, Wasser und Nahrung lechzt, brauchen diese Menschen Liebe, Sicherheit und die Befriedigung anderer Grundbedürfnisse, die nur von außen kommen können. Aber sobald diese äußeren Bedürfnisse befriedigt sind, beginnt das wahre Ziel ihrer persönlichen Entwicklung und gleichzeitig diejenige der sie umgebenden Kultur.

■ Gleich bleibende Frische der Wahrnehmung

Die Fähigkeit, Ehrfurcht, Vergnügen, Wunder und Ekstase zu empfinden, ist in selbst verwirklichten Menschen stets lebendig. Und dies sogar bei ganz gewöhnlichen Dingen, die für andere Menschen längst schal geworden sind. Das Leben kann äußerst aufregend und ekstatisch sein – und das gerade in Augenblicken, in denen man es am wenigsten erwartet. Selbst verwirklichte Menschen können die trivialsten und rein routinemäßig ablaufenden Aktivitäten in etwas Spielerisches und Tänzerisches verwandeln und tiefste Freude dabei erfahren. Was sie erleben, ist ein ozeanisches Gefühl, bei dem sich ihrer Vision grenzenlose Horizonte öffnen. Dabei fühlen sie sich gleichzeitig kraftvoller und hilfloser als jemals zuvor. Sie begegnen dem Empfinden tiefer Ekstase, des Wunders und der Ehrfurcht, dem Verlust eines Ortes in Raum und Zeit, begleitet von dem intensiven Gefühl, dass etwas außerordentlich Wichtiges und Wertvolles geschehen ist. Durch eine solche Erfahrung wird der Mensch in seinem Alltagsleben transformiert und gestärkt.

■ Das tiefe Bedürfnis, der ganzen Menschheit zu helfen, jedoch mit tiefen Verbindungen zu relativ wenigen Menschen

Selbst verwirklichte Menschen haben keine Zeit für viele Freunde, aber die Freundschaften, die sie pflegen, sind tief und beständig. Da sie frei von Vorurteilen und im tiefsten Sinne demokratisch sind, respektieren sie jeden Menschen und besitzen die Fähigkeit, von jedem lernen zu können. Da sie selbst eine Elite darstellen, wählen sie sich auch elitäre Freunde aus. Aber diese Elite besteht aus Menschen mit Charakter, großen Fähigkeiten und Talenten und nicht etwa aus Menschen, die der obersten sozialen Schicht angehören, die über riesige materielle Reichtümer, fragwürdige Berühmtheit oder Macht verfügen.

■ Kreativität

Weder Talent noch Genie, sondern vielmehr die naive Kreativität von unverdorbenen Kindern charakterisiert die Persönlichkeit selbst verwirklichter Menschen. Wir alle werden mit diesem Potenzial geboren, aber die meisten von uns verlieren diese Qualität im Laufe unserer Anpassung an die Kultur der uns umgebenden Gesellschaft. Nur wenige bewahren sich diese frische, direkte Art oder können sie später im Leben wiedergewinnen. Selbst verwirklichten Menschen gelingt es, dieser Anpassung zu widerstehen und dabei gleichzeitig innerhalb der Grenzen der Konvention zu bleiben. Sie sind innerlich unberührt von der Kultur, die sie umgibt. Häufig führen sie soziale Veränderungen herbei.

■ Unvollkommen, aber voll funktionsfähig

Selbst verwirklichte Menschen mögen bisweilen dumm, zerstörerisch oder gedankenlos sein, ja sogar langweilig, stur oder irritierend. Auch sie sind nicht frei von oberflächlichem Stolz, von Eitelkeit oder Parteilichkeit gegenüber ihren eigenen Produktionen, ihrer Familie, ihren Freunden und Kindern. Manchmal können sie außerordentlich und unerwartet rücksichtslos erscheinen, zum Beispiel, wenn sie erkennen, dass ein Mensch, dem sie lange vertraut haben, sich verräterisch benommen hat. Dann beenden sie die Freundschaft mit einem kalten, klaren, brutalen Schnitt. Einige von ihnen erholen sich auch so schnell wieder vom Tod eines nahestehenden Menschen, dass sie herzlos wirken. Selbst verwirklichte Menschen sind sehr stark und unabhängig von den Meinungen anderer Menschen. Doch auch sie sind keine perfekten menschlichen Wesen. Es gibt keine perfekten menschlichen Wesen! Um Desillusionierung von der menschlichen Natur zu vermeiden, müssen wir zuerst unsere Illusionen über sie aufgeben.

Soziale Maskenspiele: die Welt als Karneval

Halten wir noch einmal fest: Sie sind nicht der Mensch, der Sie zu sein glauben. Das, was Sie für Ihr Ich halten, ist ein Konstrukt, das Sie sich in Ihrem Kopf zurechtgelegt haben. Es gibt kein Ich. Sie sind oder werden zu den Rollen, die Sie spielen. Was Sie für Ihr Ich halten, sind in Wahrheit soziale Maskenspiele, in die Sie durch Ihre Erziehung, durch die Gesellschaft und die jeweilige Kultur, in der Sie leben, hineingezwängt wurden. Nahezu alle Menschen verbergen sich hinter Masken und tragen Kostümierungen – meistens, ohne sich diese selbst ausgesucht zu haben. Daher ist es kaum verwunderlich, dass diese Kostümierungen in der Regel schlecht sitzen, fast immer zu eng sind oder überhaupt nicht zu Ihnen passen, ja, dass Sie sogar das Gegenteil Ihres angelegten Kostüms sind. Letzteres ist am häufigsten der Fall. Denn im Zuge der Anpassung an unsere Umgebung werden wir gezwungen, alles, was nicht in das geforderte Konformitätsgemälde hineinpasst – und das ist meistens unser Ureigenstes -, gänzlich aufzugeben oder doch zumindest so geschickt zu verbergen, dass es nicht ruchbar wird und allenfalls im Verborgenen blühen darf.

Die Welt, die wir uns auf diese Weise geschaffen haben, gleicht einem rauschenden venezianischen Maskenball der Dogenzeit: Verborgen hinter ihren kunstvollen Masken, unter Puder und Perücken, eingehüllt in knisternde Seidenroben und in Goldbrokatstickerei mit geschnürten Fischbein-Taillen und wogenden Dekolletés, unter schwarzen Pelerinenumhängen mit verwegenem Dreispitz, den Degen stets im Anschlag, begegneten sich in der Serenissima Aristokraten und Plebs, Lebemänner und Priester, Nonnen und Kurtisanen, Dichter und Richter, Spione, selbst ernannte und echte Fürsten, schüchtern tastende Liebende und Anhänger gefährlicher Liebschaften. Sie alle verwoben sich in einen unendlichen Reigen, in Tanz und Getändel, in Liebeleien und Händel – ganz und gar ohne zu wissen, mit wem sie es jeweils zu tun hatten. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Menschen lieben – und brauchen – Maskeraden. Daran ist auch nichts Schlechtes, solange es Spiel bleibt und wir wissen, wie weit wir das Spiel treiben dürfen und wann es wie am Roulettetisch heißt „Les jeux sont faits“. Das ist dann der Fall, wenn wir mit unseren Spielen andere verletzen oder uns selbst in unseren Spielen bis zur Unkenntlichkeit verlieren, zu süchtigen Spielern um des Spiels willen werden. Maskeraden und Spiele sind gut, doch nur solange sie unschuldig sind oder sie unserem Schutz dienen.

Dieser Funktion der Maskeraden begegnen wir auch in der Tierwelt: Das urweltliche Chamäleon passt sich mit seiner schillernden Farbgebung der jeweiligen Umgebung an, um sich zu tarnen und vor Feinden geschützt zu sein. Dass diese Strategie nur von Vorteil sein kann, zeigt sich daran, dass das Chamäleon eines der ältesten überlebenden Exemplare der Evolution ist, die ganz offenbar auf optimalen Selbstschutz setzt. Der Tintenfisch wiederum verspritzt, wenn Gefahr im Verzug ist, seine Tinte, hüllt sich und seine Widersacher in dichten, nachtblauen Nebel und flieht dann den Feind, geschützt vom Dunkel seiner selbst erschaffenen Nacht.

Maskeraden sind eine wunderbare Möglichkeit, um zu maximaler Flexibilität im Umgang mit anderen Menschen zu gelangen. Wenn Sie sich unter Haien bewegen, dürfen Sie nicht den Karpfen spielen, sonst werden Sie gefressen. Sich als Hai unter Haien zu bewegen, ist eine hohe Kunst – und überaus erstrebenswert für das eigene Überleben. Einem Tiger sollten Sie sich auch nicht unbedingt als Lamm nähern – der Reiz, Sie dann zu reißen, ist naturbedingter Killerinstinkt.

Ebenso wenig sollten Sie einen Hai dafür verurteilen, dass er ein Hai ist, oder einen Tiger dafür, dass er Tiger ist. Die Haie und Tiger unter den Menschen sind häufig zu solchen geworden, um die schwächeren Mitglieder ihrer Spezies zu schützen und für sie die Verantwortung zu tragen. Man begegnet ihnen oft in Führungspositionen. Es ist wichtig, zu erkennen, dass in jedem Hai im Kern auch ein Karpfen steckt, in jedem Tiger auch ein Lamm. Menschen sind ebenso vielschichtig wie paradox. Die wahre Kunst im Umgang mit Ihren Mitmenschen besteht darin, das Paradox zu umarmen, statt die dunklen und bedrohlichen Seiten anderer zu fürchten oder zu verurteilen.

Wir sind alle gleich. Keiner von uns ist besser oder schlechter als der andere. Das ist die Quintessenz, die wir zu durchschauen haben. Dann fällt es uns auch leichter, uns auf die Spiele anderer und unserer selbst einzulassen, ohne zu Spielverderbern zu werden. Jedes Spiel hat seine Spielregeln. Und bei jedem Spiel ist es wichtig, zu erkennen, wer jeweils die Regeln bestimmt. Soll ein Spiel funktionieren, müssen sich alle an die Vorgaben halten. Wenn Sie das Spiel vorgeben, müssen alle anderen Ihren Regeln folgen. Bestimmt ein anderer das Spiel, haben Sie sich dessen Regeln zu beugen. Nur so können menschliche Kommunikation und fruchtbares Miteinander funktionieren. Nur so gelangen wir wirklich zu Ergebnissen, statt uns gegenseitig zu torpedieren.

Die ganze Welt ist eine Bühne. Von nützlichen und schädlichen Rollenspielen. Von Hauptdarstellern und Zuschauern

„All the world is a stage“ – die ganze Welt ist eine Bühne – lässt William Shakespeare in seiner Komödie „Wie es Euch gefällt“ die Figur des melancholischen Jacques sagen. Er fährt fort: „Und alle Fraun und Männer (sind) bloße Spieler./ Sie treten auf und wieder ab, / Sein Leben lang spielt einer manche Rollen, / Durch sieben Akte hin.“

Mit den sieben Akten sind die sieben Lebensalter des Menschen vom Säugling bis zum Greis gemeint. Es ist ein düsteres Bild der – eigentlichen tragischen – Comédie humaine, die einem Gesetz von Abstieg und Fall zu folgen scheint. Doch Jacques’ pessimistische Deutung der Welt als einer irrealen Bühne des Scheins wird widerlegt durch eine Sicht des Spiels als einer Möglichkeit, zu sich selbst und zueinander zu finden. Die Komödie klingt in einem Tanz der glücklich vereinten Liebespaare aus, der eine vielstimmige kosmische Harmonie symbolisiert, die die zwischenmenschliche Ordnung und die Versöhnung der im Spiel auseinander gefalteten Gegensätze umgreift. Die Welt als Spiel und der Mensch als Spieler in ihr werden so in einer versöhnlichen Geste umarmt.

Deshalb noch einmal: An Rollenspielen ist an sich nichts Schlechtes. Sie sind häufig zum Überleben und zum Selbstschutz nötig, aber auch dazu, eine größere Bandbreite zwischenmenschlicher Kontakte leben zu können. Dadurch wird Ihr Leben bereichert. Verweigern Sie sich aber notwendigen Rollenspielen, indem Sie sich auf einen festen Ich-Standpunkt zurückziehen, werden Sie naturgemäß vereinsamen. Keiner wird sich die Mühe machen, das Bollwerk Ihrer Ich-Festung zu stürmen, wenn Sie ihm nicht auf halbem Wege entgegenkommen. Schwierig und ungesund werden Rollenspiele nur dann, wenn Sie mit ihnen Ihre Natur vergewaltigen und etwas vorgeben, das Sie nicht einlösen können. Damit betrügen Sie nicht nur sich selbst, sondern auch andere Menschen. Und die wechselseitige Enttäuschung wird auf dem Fuße folgen.

Deshalb sollten Sie zwischen nützlichen und schädlichen Rollenspielen unterscheiden lernen: Nützliche dienen Ihrem Überleben, Ihrem Selbstschutz und der Ausweitung Ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen. Schädliche greifen Sie an, weil Sie sich dafür selbst verleugnen müssen und andere Menschen täuschen. Deshalb funktionieren sie auch in den seltensten Fällen über eine längere Zeit.

Rollenspiele sind grundsätzlich dazu da, Ihre Natur zu erweitern, statt sie einzuengen. Und auch dazu, Sie aus festgefahrenen Rollen zu lösen. Deshalb arbeite ich in meinen Seminaren und Kursen mit den Mitteln des Theaters. Immer wieder erlebe ich dabei, wie befreiend es für die meisten Menschen ist, sich auf einem neuen Feld zu erproben, Seiten von sich kennen zu lernen, die sie nie für möglich gehalten hätten. Denn wer nur eine Rolle im Leben spielt, engt sich ein, wird langweilig für sich selbst und andere. Daher ist es wesentlich, sich auszuprobieren, alle Fassetten anzusehen, die das Leben so reich machen – um frei zu werden von vorgefassten Bildern, die man sich von sich selbst macht. Und um herauszufinden, welche Fassetten Sie selbst zu einem reichen, erfüllten und glücklichen Leben führen. Grundsätzlich gilt: Es ist in jedem Fall besser, auf die Bühne zu treten und Rollen zu spielen, als Zuschauer zu bleiben. Weshalb? Weil Sie Ihr wahres Potenzial nur kennenlernen, indem Sie es erproben. Zuschauer wissen und können immer alles besser als Hauptdarsteller – ganz einfach deshalb, weil sie sich nicht beweisen müssen.

Haben Sie schon einmal Zuschauer eines Fußballspiels beobachtet? Wie sie in Rage geraten, wenn ein Spieler einen Fehler macht, einen Ball verspielt? Wenn einer am Tor vorbeischießt oder ein Elfmeter vom Torwart nicht gehalten wird? Oder Zuschauer eines Boxkampfes, die immer ganz genau wissen, wie man den Gegner k.o. schlagen könnte, ohne es selbst tun zu müssen? Und wie sie mit verzerrten Gesichtern vor den Banden sitzen, durch und durch erfüllt von kämpferischer Aggression? Dieser Zorn der Zuschauer bezieht sich letztendlich auf ihre eigene Ohnmacht: Sie sind nicht selbst im Spiel. Im Spiel zu sein heißt aber, aktiv zu werden, in Aktion zu treten. Etwas Großes, ganz im Sinne von Alles oder Nichts, von Gewinn oder Verlust, zu riskieren und dabei zu wagen, auch Fehler zu machen, durch die man wiederum lernen kann.

Wer spielt, muss immer damit rechnen, gewinnen oder verlieren zu können. Wer Zuschauer bleibt, kann aber weder gewinnen noch verlieren. Er bleibt ganz einfach draußen, vom Spiel des Lebens ausgeschlossen, das den ganzen Einsatz fordert. Lassen Sie sich daher zum Spiel des Lebens einladen. Lassen Sie sich ganz darauf ein. Entdecken Sie spielerisch all Ihre verborgenen Möglichkeiten, um sich voll ausleben zu können und um sich nicht am Ende Ihres Lebens die Frage stellen zu müssen, ob Sie wirklich gelebt haben. Spielerisch zu sein bedeutet, Leichtigkeit zu leben – selbstverloren zu singen, zu tanzen und sich in selbst erschaffenen Spielen zu verlieren wie ein Kind – mit demselben Staunen und derselben Unvoreingenommenheit, mit derselben Neugier und derselben Unschuld. Kinder umarmen die Welt, gehen offen auf sie zu – bis sie von Menschen, die diesen Blick auf die Welt verloren haben, erzogen und damit eingezäunt werden.

Die drei Realitäten,
in denen Sie leben
Sie, ganz nackt. Was Sie waren, bevor Sie vorgaben, irgendjemand zu sein

Als Sie geboren wurden, waren Sie reine Essenz, übersprudelnd vor Neugier, Offenheit und schierer Begeisterung an Ihrer täglich neu zu erkundenden Umgebung. Leider erinnert sich niemand an Sie, wie Sie einst in Ihrer unverbildeten Essenz waren. Fest steht jedoch, dass Ihre von anderen und wahrscheinlich auch von Ihnen selbst vergessene Natur unvergleichlich brillant war. Ihre Neugier und Ihre Kreativität waren in ihren Ursprüngen vollkommen unbeeinträchtigt von der Zensur anderer Menschen. Und Sie selbst waren ganz und gar reines Potenzial, voller unbegrenzter Möglichkeiten – wie ein Kontinent, auf den noch keiner seinen Fuß gesetzt hat, wie eine Schatzinsel, deren geheime Rohstoffe und natürlich reine Quellen noch nicht entdeckt und ausgebeutet wurden, wie ein Fluss, dessen Bett noch nicht begradigt, ein Urwald, der noch nicht gerodet, ein Meer, das noch nicht verseucht, ein seltenes Tier, das noch nicht ausgerottet wurde.

Noch hatte Ihnen niemand seinen Stempel aufgesetzt, Sie wie ein Pferd oder Rind aus einer ursprünglich freien Herde als sein Eigentum gebrandmarkt oder Ihre einzigartige Intelligenz aus einem breiten Strom, um der Konformität mit einer Gesellschaft oder Kultur willen, in ein schmales und spärlich tropfendes Rinnsal verwandelt. Die geforderte Anpassung erlaubt weder Einzigartigkeit noch Größe. Was über den Durchschnitt hinausragt, muss gestutzt und beschnitten werden.

Studieren Sie einmal ganz genau die Augen eines kleinen Kindes. Was Ihnen in diesen Augen begegnet, ist eine durch und durch offene, freudige und freundliche Neugier. Auch Sie haben einmal aus solchen staunenden, strahlenden, unschuldigen Augen auf die Welt geblickt. In Kinderaugen können Sie sich selbst in Ihren Ursprüngen begegnen – und das Lebewesen entdecken, das Sie waren, bevor Sie vorgaben, irgendjemand zu sein.

Als Kind waren Sie furchtlos, Ihr Blick noch ungetrübt. Sie erlebten jeden Augenblick als Wunder und aus einer gespannten, völlig offenen Neugier heraus. Wenn Sie Ihre Wahrnehmung heute so weit öffnen und dahin zurück ausdehnen könnten, würden Sie Ihre Gefühle und Empfindungen wahrscheinlich als eine Art göttlicher Ekstase und Verzückung beschreiben, wie sie große Künstler oder Sportler erfahren. Und genau dieses Gefühl zeigt Ihnen, wer Sie wirklich waren, bevor Sie angefangen haben, irgendwelche Rollen zu spielen. Lassen Sie dieses Gefühl tief auf sich wirken. Und erkennen Sie, dass dieses ganze Potenzial noch heute in Ihnen steckt: das unbeschriebene Blatt, die unbemalte Leinwand, der leere Raum, der nur darauf wartet, von Ihnen und Ihren ureigentlichen Begabungen ausgefüllt zu werden, um einen noch leeren, genau für Sie bestimmten Ort innerhalb der Schöpfung einzunehmen.

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
231 str. 3 ilustracji
ISBN:
9783981291254
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Właściciel praw:
Автор
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