Czytaj książkę: «Wie man Dinge repariert»
MARTIN PEICHL
WIE MAN
DINGE
REPARIERT
ROMAN

Inhalt
BEZIEHUNGSSTATUS
SCHNEEHÖHLENFORSCHER
ZUM FEIERN HABEN WIR NICHTS
SEEUNGEHEUER
WIE KREBS FUNKTIONIERT
PACKEIS IN DEN AUGEN
VERSUCHSANORDNUNG
DIE WAHRHEIT, TEIL 2
WAS BLEIBT, IST STILLE IM 4/4-TAKT
EIN FINSTERES LAND
DIE GESAMTHEIT DES GEFUNDENEN
WARST DU SCHON EINMAL IN ILLINOIS?
95 PROZENT DES UNIVERSUMS FEHLEN
ZU WEIHNACHTEN WÜNSCHE ICH MIR EIN SYNDROM
METAMORPHOSEN
IM RÜCKSPIEGEL
UNSICHTBARE RÜCKSTÄNDE
WENN MAN VERLIEBT IST
FAST ZWEI JAHRESZEITEN
WIE MAN FREISTÖSSE SCHIESST
EINE LANGE LISTE MIT ENTTÄUSCHUNGEN
DIE GESAMTHEIT DES GEFUNDENEN
ZWEI HUNGERKÜNSTLER
KEINE BIOGRAFIE
ROMEO UND JULIA MÜSSEN STERBEN
DIE FUNKTION DES SPIELS
EINEN WALD GEERBT
52 HERTZ
IM TAL DER TOTEN FRÖSCHE
EIN ANDERES LEBEN
DIE SPRACHE DER SCHAFE
BIS ZUM GAUMENZÄPFCHEN
DIE GESAMTHEIT DES GEFUNDENEN
NACH DER LANDUNG
BEZIEHUNGSSTATUS:
Ich schreibe schon wieder einen Text über dich.
SCHNEEHÖHLENFORSCHER
Wenn ich an Niederösterreich denke, dann denke ich immer auch an das Wort KELLER. So könnte ich beginnen. Im Keller anfangen, dann über den Heizraum schreiben, über das im Nebenraum gestapelte Holz, das früher der Großvater gemeinsam mit dem Vater, dann der Vater alleine und schließlich niemand mehr mit der Kreissäge geschnitten hat, an Samstagvormittagen und Samstagnachmittagen. Unbedingt auch den Weinkeller erwähnen mit seinen Spinnweben und den vom Onkel mitgebrachten Weinflaschen aus Tschechien, aus Budapest und von diversen anderen Gruppenreisen. Vielleicht in diesem Zusammenhang gleich erzählen, ganz genau beschreiben, wie mein Onkel vor den Augen meiner Tante meiner Mutter an die Hüfte und auf den in einer Leggins aufbewahrten Hintern gegriffen und gleichzeitig ihre Kuchenbackkünste gelobt hat. Unbedingt erwähnen, dass der Onkel dabei den Hintern meiner Mutter in der einen und die Kuchengabel in der anderen Hand gehalten hat.
Ich könnte aber auch von den Schneehöhlen erzählen, die ich als Kind gegraben habe, eingehüllt in einen Skioverall und das Gesicht geschützt von einer sogenannten Schalhaube. Ja, meine Erinnerung an selbst gegrabene Tunnel, tief hinein in die nach dem morgendlichen Schneeschaufeln angehäuften Schneeberge neben der Einfahrt wäre ein passender Einstieg. Ich könnte ebenso über die mit meinem Vater gemeinsam gebauten Schneemänner schreiben, denen immer irgendetwas gefehlt hat, ein Auge oder eine Nase oder ganze Gliedmaßen, könnte auf diese Weise vorwegnehmen, dass später auch er fehlen wird. Ich müsste die Episoden nur ohne nostalgisches Pathos erzählen, ganz kühl und wie Pulverschnee müsste die Sprache sein.
Auf keinen Fall will ich mit dem Geruch von Hirschtalgcreme beginnen, mit der Hirschtalgcreme meiner Diabetes-Großmutter, die im selben Haus gewohnt hat. Es wird wichtig sein, relativ bald auf sie zu verweisen, auf ihre Diabeteskrankheit und ihr meine Mutter erdrückendes Übergewicht, aber nicht gleich auf der ersten Seite. Ich will ja keine Klavierspielerin 2.0 schreiben und auch kein noch wunschloseres Unglück.
Um dieses Risiko zu minimieren, könnte ich mit einer Busfahrt in den Kindergarten beginnen, mit einer neben der gleichaltrigen Nachbarstochter verbrachten Kindergartenbusfahrt, und ich könnte das Motiv auf meiner Kindergartentasche beschreiben und das Motiv auf ihrer Kindergartentasche beschreiben, könnte also über meine Garfield-Tasche und ihre Tweety-Tasche schreiben und auf diese Weise geschickt eine sich anbahnende unglückliche, vielleicht sogar bis zu einem gewissen Grad brutale, Liebesgeschichte andeuten.
Was sich natürlich auch anbietet, ist der erste Vollrausch und die Beschreibung der Angst, wenn man nach Mitternacht auf einmal den besten Freund nicht mehr findet, sondern nur sein Fahrrad, und glaubt, er ist vielleicht im Löschteich ersoffen. Dass man also in den Löschteich hineinspringt, um ihn zu retten, was wiederum dazu führt, dass man selbst fast ersäuft, dass man aber zum Glück eine ältere Schwester hat, die besser schwimmen kann. Überhaupt würde es mich reizen, dieses eine Dorffest genauer zu beschreiben. Ich würde gerne über den Geruch der Grillhendln schreiben, über die Wadeln der Kellnerinnen und das Gefühl, wenn dein Kopf nach vorne schnalzt, weil jemand mit voller Wucht beim Autodrom in dich hineingerast ist.
Ich könnte mit dem an Zungenkrebs erkrankten Nachbarn beginnen, damit, dass ich in einer seiner Schubladen das erste Pornoheft meines Lebens gefunden habe und seitdem kein Nutella mehr mag. Oder mit der Erinnerung an Sommerferien und den Tagen am Badeteich. So könnte ich den Geruch von noch nicht ganz aufgeblasenen Luftmatratzen beschreiben, als erstes Anzeichen einer sich später ausformenden Sexsucht. Ich könnte mit lyrischer Prosa poetische Bilder malen: der kleine Fußballplatz im Dorf, aber die Tore haben keine Netze, die Sandkiste hinterm Haus, aber alle Kübel haben Löcher, die überfahrene Nachbarskatze, aber alle glauben, es ist ein Marder.
Dass das erste Lokal, in dem ich mich regelmäßig mit Freunden getroffen habe, ROCK-IN geheißen hat, aber dass dort nur Blues gespielt wurde, das will ich auch unbedingt einbauen, dass dort eine Pizza Margherita mit Schinken und Zwiebeln serviert worden ist, und ein Wieselburger Stammbräu nur 22 Schilling gekostet hat. Das ROCK-IN, in dem ich mein erstes Date gehabt habe, aber sie war Ministrantin, und das machte alles ein wenig kompliziert.
Was soll ich über die erste Liebe schreiben, wenn die erste Liebe ja doch die Frau ist, mit der man das erste Mal Sex hat, weil dann hat man's endlich hinter sich, dann kann man wieder an andere Sachen im Leben denken, zum Beispiel daran, welches Computerspiel man sich als nächstes kauft, oder man kann ein paar zusätzliche Akkorde auf der Gitarre lernen und irgendwann fünf statt nur drei Nirvana-Songs spielen.
Ich habe überlegt, über das Geräusch zu schreiben, das ein 56K-Modem beim Einwählen ins Internet von sich gegeben hat. Oder über den Tag, als meine Mutter mein offenes Tagebuch gelesen und mir gesagt hat, ich soll bitte weniger an meine Cousine und mehr an die nächste Mathematik-Schularbeit denken. Oder über meinen Großvater, der irgendwann den Bieröffner nicht mehr gefunden hat, obwohl der Bieröffner in derselben Schublade gelegen ist wie sonst auch, aber niemand in der Familie hat das Wort »Alzheimer« ausgesprochen. Genauso gut könnte ich sein Begräbnis beschreiben und das Geräusch der regenfeuchten Erde, die wir im 4/4-Takt auf seinen Sarg geschaufelt haben.
Ich könnte mit einer Widmung beginnen, THIS IS NOT FOR YOU könnte ich auf die erste Seite schreiben, oder von einer gemeinsamen Reise erzählen, dass du mir den Unterschied zwischen Topografie und Anatomie erklärt hast, dass du mir erklärt hast, wie ein künstlicher Horizont ausschaut. Ich könnte dir viele Namen geben im Verlauf unserer Geschichte, sie sind so austauschbar, die Namen, fast so austauschbar wie die Orte, an denen wir uns verpasst haben.
Ich könnte mit allem anfangen, aber kein Anfang wäre richtig, kein Anfang würde stimmen. Auch die Reihenfolge ist egal, weil es keine Chronologie gibt. Alles, was wir erleben, ist untertunnelt, und darunter: ein ganzes Höhlensystem. Ich kann nicht über Weihnachten schreiben, ohne über Auffahrunfälle zu schreiben. Ich kann nicht über Ostern schreiben, ohne über den unfreiwilligen Wet-T-Shirt-Contest meiner beiden Tanten zu schreiben. Ich kann nicht über meinen zwölften Geburtstag schreiben, ohne über in Weichselsaft aufgelöste Butterkekse zu schreiben. Alles, was ich kann, ist Schneehöhlen graben. So lange, bis mir der kalte Schnee in die Schalhaube hineinrutscht. Oder sich der Schnee braun färbt von der harten Wintererde.
BEZIEHUNGSSTATUS:
Seit ich rausgefunden habe, dass man eine eigene Seilbahn-Gondel bekommt, wenn man den Rauriser Literaturwettbewerb gewinnt, schlafe ich schlecht. Ich wache mitten in der Nacht auf und höre den Wind, der talwärts den Hang entlangfegt, alle meine Sätze mitreißt, die Gondel hin- und herwirft und aus den Seilen springen lässt, mich und meine Sprache hinabreißt, ins Tal ohne Schluss.
ZUM FEIERN HABEN WIR NICHTS
Zum Feiern haben wir nichts, aber eine Flasche können wir trotzdem aufmachen. Zum Feiern haben wir wirklich nichts, aber deinen BH können wir trotzdem aufmachen. Zum Feiern haben wir nichts, egal, meine Hose können wir trotzdem, nein: deshalb aufmachen. DACHGESCHOSSSTIMMUNG.
Hör auf in meine Richtung zu äschern, hör auf mit dem Wind. Der Wind auf deiner Zunge, wenn wir uns küssen, der Wind und deine Asche, wenn wir an morgen denken. Ich wollte deine Einsamkeit sein, aber der Winter ist in uns hineingekrochen, und der Winter wird bleiben, unsere Lippen aufreißen, unsere Sprache aufreißen. LAWINENSTIMMUNG.
Pünktlich um Mitternacht verrutschen, kurz nach Mitternacht versagen die Organe. Zum Feiern haben wir nichts, zum Beerdigen genug. Ich wühle in dem, was noch übrig ist von dir am Morgen. Du hast mein Bett verwüstet. LATTENROSTSTIMMUNG.
Ich schreibe dir einen Liebesbrief, du klemmst ihn dir zwischen die Schenkel, da ist Platz, da ist Platz für zwei. Mit jedem Schluck Wein werden meine Sätze glitschiger, meine Blicke schlittern in deine Richtung. Lass uns um die Wette, lass uns. Was hast du mir nur. Was hast du mir nur unter die Zunge. Unter die Zunge und hinein in meine Sprache geschoben, dass ich so hänge, in deinen Ästen hänge und raschle im Fallen, so laut. PLATZREGENSTIMMUNG.
Ein Koordinatenursprung, wo du aufhörst und ich beginne. Zum Feiern haben wir nichts. Dein Lippenstift bröckelt in meine Grammatik hinein. Mir sind die Possessivpronomen ausgegangen. Alles, was du sagst, kann und wird, alles, was du sagst, ist eine Startrampe. Mein Körper ist kein Tempel. Mein Körper ist ein Raumschiff. Du bist mein Houston. Wir haben ein Problem. ERDROTATIONSSTIMMUNG.
Ich schenke ein. Da ist ein Loch. Ich trinke. Da ist ein Loch. Ich trinke aus. Da ist ein Loch. Der Wein versickert in meinen Nebensätzen. Wenn ich dich jetzt am Hals berühre, zerspringst du mir in zwei Teile, und ich weiß nicht, will ich deinen Kopf oder will ich den Rest. KLEBSTOFFSTIMMUNG.
Zum Feiern haben wir nichts, aber eine Flasche zwischen Nicht-schlafen-Wollen und Nicht-schlafen-Können geht sich noch aus. Ich erzähle von dir, mit meinen Fingerspitzen, dein Blues ist mein Rhythmus, ich erzähle von dir, ganz langsam nimmst du meine harte Prosa in den Mund. Schon lange widme ich dir alle meine Hangover. Dein Herz schickt mich zum Friseur. LUNGENZUGSTIMMUNG.
Wir schenken uns ein halbes Leben, schenken uns ein halbes Leben nach. Ich will, dass du mich verwechselst, aus Versehen mit Liebe verwechselst, aber mein Eintrittswinkel ist zu spitz, mein Eintrittswinkel ist zu stumpf, wir haben uns verrechnet. In meinen Sätzen treiben, in deinen Sätzen schmelzen Eisberge. Zum Feiern haben wir nichts. COUNTDOWNSTIMMUNG.
BEZIEHUNGSSTATUS:
Wir sind Mitte dreißig und haben noch nie etwas repariert.
SEEUNGEHEUER
Aus den Augen verloren, dich,
in ein Taschentuch gewischt, dich,
auf einer ungefähren Landkarte eingezeichnet, dich,
wo früher Seeungeheuer gewartet haben: ich.
Seit Wochen schon reden wir kein Wort. Wir sehen uns regelmäßig, es lässt sich nicht vermeiden, zu klein die Stadt, zu klein der Bezirk, wir schauen aneinander vorbei, schauen durch uns durch, manchmal passiert es auch, dass wir reinschauen, ich in dich und du in mich, dann bekommen wir Angst, weil da so viel ist, was wir nicht kennen, so viel ist, was wir nicht verstehen, so viel ist, was wir noch immer wollen, weil wir so nackt sind da drinnen.
In einem schwachen Moment Eichendorff zitiert, schon wieder, ich,
wieder einmal ohne Rhythmus und Reim geküsst, dich,
deine Augen verdreht bis zum Horizont und weiter,
als hätt der Mond die Erde, im falschen Film, schon wieder, ich.
Irgendwann passiert es dann wieder, wahrscheinlich, weil drei Monate vergangen sind und wir einmal pro Quartal zusammenstoßen müssen, einmal pro Quartal kommt es zur Kollision, es beginnt immer ganz harmlos, wir nehmen dieselbe U-Bahn, wir wechseln ein paar Worte, alles noch relativ harmlos, du lachst über mich und meine Halbsätze, nicht mehr ganz so harmlos, dann kommt meine Station und ich frage dich, ab jetzt ist nichts mehr harmlos, ob du schon genug hast von mir, also steigst du auch aus, weil du hast noch nicht genug von mir oder willst zumindest wissen, was ich mit dieser Frage meine, du willst zumindest wissen, wie sehr ich dich will und warum.
Dein Herz: eine Sommerrodelbahn im Winter, und schau,
deine Sprache: ein Getränkemarkt zu Silvester, und schau,
deine Küsse: Reservierungsbestätigungen per E-Mail, und schau,
LIEBEN HEISST, DAS EIGENE ICH RISKIEREN.
Keines unserer üblichen Lokale hat um diese Uhrzeit offen, also nehmen wir das nächstbeste, und du bestellst einen weißen Spritzer nach dem anderen und für mich immer ein großes Bier dazu, weil du mich nur aushältst, wenn du dich gleichzeitig betrinken kannst, nüchtern hältst du mich nicht aus, also betrinkst du dich, und nach dem fünften weißen Spritzer schiebst du deine Hand unter den Tisch, und du öffnest meinen Reißverschluss, ganz langsam, nach dem fünften weißen Spritzer unterstellst du mir, nur Sex zu wollen von dir, immer nur Sex, aber nicht deine Liebe. Was auch immer deine Liebe ist, wie auch immer deine Liebe funktioniert.
Ein paar Tage am Meer, ein paar Tage am See, wir,
der Hotelpianist spielt nur für uns, er trinkt:
kleine Bier und zwischendurch Likör, er spielt:
ein Lied, zu dem wir uns gerne verliebt hätten, einmal.
Dann muss ich weg, ich habe einem Freund versprochen, noch auf seiner Geburtsparty vorbeizuschauen. In der Straßenbahn schreibe ich einen Text, eine lange Liste mit Gründen, warum wir es noch einmal probieren sollten miteinander. Und ich stelle mir vor, wie ich später zu dir komme, dir die Liste vorlese und du mich vielleicht umarmst oder zumindest mich nicht mehr ganz so schrecklich und unmöglich findest, nur, weil ich ein Trottel bin, der sich nicht entscheiden kann, sich schon jahrelang nicht für dich entscheiden kann, obwohl er immer wieder zurückkommt zu dir, nicht loskommt von dir. Und ich stelle mir vor, dass du vielleicht sagst: Komm her, du Trottel, bleib heute Nacht bei mir.
REALITY CHECK, sagst du, ich erhöhe, ALL-IN, sage ich, kein Umtauschrecht, sagst du, keine Garantie, und ob wir eine gute Idee sind, weil die Wirklichkeit taucht alles in ein schwindeliges Licht, taucht uns unter.
In der Zwischenzeit bestellst du noch einen sechsten weißen Spritzer und dann vielleicht einen siebten, lernst den Typen vom Nebentisch kennen, er wohnt bei mir im Haus. Und während ich an meiner Liste schreibe, während ich schon auf der Rückseite weiterschreibe, weil mir immer mehr Gründe einfallen, gehst du mit zu ihm. Und während ich mir überlege, wer du bist für mich, ziehst du dich ein Stockwerk unter meiner Wohnung aus. Und während ich an deine Haut denke und wie sehr ich will, dass sie nur mir gehört, drückt sich dein nackter Rücken hinein, immer fester hinein in die Matratze meines Nachbarn.
In Bauchnabeln angesammelt deine Zweifel, restfeucht, ein fremdes Haar, an dem du baumelst, das Revier markiert, der Wind beschädigt, dein Blick schreit Mord, meiner Totschlag.
Auf das Ergebnis des Schwangerschaftstests warten wir dann gemeinsam. Ich weiß nicht, warum ich hier bin, in deiner Wohnung, ich weiß nicht, warum ich jetzt deine Hand halte, während wir auf das Ergebnis des Schwangerschaftstests warten, ich weiß nur, dass ich hier bin, dass ich in diesem Moment deine Hand halte, in deinem Bauch vielleicht ein Seeungeheuer, und ich halte deine Hand. Vielleicht zum letzten Mal. Wahrscheinlich nicht zum letzten Mal.
Aus den Augen verloren, dich, in ein Taschentuch gewischt, mich, auf einer ungenauen Landkarte eingezeichnet, uns, wo früher wir gewartet haben: ein weißer Fleck.
BEZIEHUNGSSTATUS:
Am Wochenende trinkst du meine fragile Männlichkeit wie Schnaps.
WIE KREBS FUNKTIONIERT
Als Kind wusste ich nicht, wie Krebs funktioniert. In meiner Erinnerung stehe ich im Haus der Nachbarn, in meiner Erinnerung stehe ich in ihrem Schlafzimmer. Es muss ein Sommertag gewesen sein, denn ich erinnere mich an kurze Hosen, an den Geruch von Sonnencreme und an mit Wassereis verklebte Mundwinkel. Der Nachbar war an Zungenkrebs erkrankt und lag schon seit Wochen im Sterben, konnte nicht mehr sprechen und sich nur mit Stift und Papier mitteilen.
Meine Mutter hatte mich mitgenommen, meine Mutter hatte auf den paar Metern zwischen unserem Haus und dem Haus der Nachbarn zu mir gesagt: Der Nachbar hat Krebs. Das war alles. Nur dieser eine Satz. Der Nachbar hat Krebs. Und ich habe mir vorgestellt, wie da ein Flusskrebs in seinem Hals lebt und ihm die Zunge wegzwickt, habe mir vorgestellt, dass der Krebs seine Stimmbänder abgezwickt hat und er deshalb nicht mehr reden kann, und habe mich natürlich gefragt, warum niemand seinen Hals aufschneidet und den Krebs rausholt, habe mich zwischendurch sicher auch gefragt, wovon der Krebs sich ernährt und ob er zum Beispiel Nudelsuppe mag. Überhaupt, glaube ich, war damals mein Gehirn ein Malkasten und ich wusste noch nicht, welche Farben man besser nicht mischen sollte.
Die Frau unseres Nachbarn rauchte viel, auch im Schlafzimmer neben dem Krankenbett rauchte sie ständig, und ihre Stimme war tief und kratzte in meinen Ohren. Vielleicht sitzt auch in ihrem Hals ein Krebs, dachte ich, aber ihr Krebs kommt nicht zum Zwicken, der findet vor lauter Rauch die Stimmbänder nicht.
An diesem Nachmittag oder Vormittag jedenfalls, ich weiß nicht mehr wieso, war ich auf einmal alleine mit dem Nachbarn und seinem Krebs in seinem Schlafzimmer. Er war offensichtlich eingeschlafen, denn der Block war ihm aus der Hand geglitten und der Stift zu Boden gefallen. Meine Mutter und die Nachbarin waren in die Küche gegangen, wahrscheinlich um Kaffee zu kochen. Ich sah, dass die Schublade des Nachtkästchens ein Stück weit offen war, entdeckte ein buntes Magazin, und hoffte, dass meine Nachbarn, so wie mein Cousin, vielleicht Comics sammelten. Also ging ich ganz leise zur Schublade und öffnete sie.
Im nächsten Moment hielt ich das erste Pornoheft meines Lebens in der Hand. Ich hatte nicht viel Zeit, ich hörte die Stimme meiner Mutter und die Stimme der Nachbarin zwei Zimmer weiter, sie kamen mir jetzt näher vor, außerdem konnte der Nachbar jederzeit wachgezwickt werden von seinem Krebs, also schlug ich nur eine einzige Doppelseite auf, und ich glaube, seit diesem Tag ist meine Lieblingsstellung die 69.
Wie Krebs funktioniert, weiß ich immer noch nicht.
BEZIEHUNGSSTATUS:
Ich habe die leeren Bierflaschen in meiner Wohnung gezählt. Da stehen 78 leere Bierflaschen in meiner Wohnung, zum Teil im Vorzimmer, zum Teil in der Küche. 78 leere Bierflaschen.
PACKEIS IN DEN AUGEN
Glaubt man den Fotos, die man im Internet findet, dann hatte niemand einen schöneren Mittelscheitel als Ernest Shackleton.
Es gibt keine Berichte über die Verfassung von Shackletons Mittelscheitel, als sein Schiff, die Endurance, 1915 fast ein ganzes Jahr von Packeis eingeschlossen war. 281 Tage umgeben von Eis, und am 21. November schließlich wurde das Schiff von den Eismassen zerdrückt.
Es gibt ein Foto, das die sinkende Endurance zeigt. Im Vordergrund sechs Schlittenhunde, ihre Blicke auf das Schiff gerichtet. Die Endurance, ganz schwarz, geht unter im Weiß des Eismeeres.
Wenn wir an Shackleton denken, dann an diese Expedition. Auf drei Rettungsboote verteilt konnte er seine gesamte Mannschaft retten. Manche sprechen in diesem Zusammenhang von einem Wunder. Wenn wir an Shackleton denken, dann an sein Scheitern und die anschließende Rettungsaktion. Sogar einen Krater auf dem Mars haben sie nach der Endurance benannt. Niemand denkt an Shackletons Mittelscheitel.
Einmal hast du zu mir gesagt: Im richtigen Licht schaust du fast aus wie Shackleton. Das war das schönste Kompliment, das du mir je gemacht hast. Aber damals warst du noch verliebt, und ich hatte noch mehr Haare und einen Deckenfluter, der funktionierte.
Es gibt auch Fotos von Shackleton mit Vollbart und Seitenscheitel. Diese Aufnahmen sind lange nach der Endurance-Expedition entstanden. Wenn man genau hinschaut, sieht man die Eisbrocken, die in seinem Bart hängen. Wenn man genau hinschaut, sieht man das Packeis in seinen Augen.
BEZIEHUNGSSTATUS:
Die Frage nach dem Beziehungsstatus ist immer auch eine Schätzfrage.
VERSUCHSANORDNUNG
Objekt 1: Du, Mitte zwanzig, sommergesprosst, wolltest als Kind Heißluftballonfahrerin werden, mit dem Heißluftballon einmal um die Welt oder zumindest einmal raus aus dem Lavanttal, aber als du dreizehn warst, hat man dir die Sandbeutel aufgeschlitzt. Seitdem rieselst du. Seitdem hebst du nur mehr selten ab und fliegst tief, ganz tief, unter jedem Radar.
Objekt 2: Er, Ende dreißig, schütteres Haar, schüttere Gedanken, vielleicht auch schüttere Absichten. Wollte als Kind gar nichts werden. Berufswunsch: Kind bleiben. Nur ganz kurz wollte er nach Hollywood und Schauspieler in Sexfilmen werden, aber dann haben ihm seine Freunde erzählt, dass die Brüste der weiblichen Darstellerinnen aus Plastik sind und bloße Attrappen. Also doch nicht Hollywood, sondern lieber Mietwohnung in Klagenfurt.
Du kennst ihn schon seit über zehn Jahren, kennst ihn noch mit vollerem Haar, kannst dich an den einen Tag erinnern, als er seinen Bart abrasiert hat, dass er dir nicht gefallen hat ohne Bart, du weißt, wie er riecht am Morgen, wie er riecht am späten Nachmittag. Weißt, wie er ausschaut, wenn er zu wenig geschlafen oder am Vortag zu viel Bier getrunken hat. Jetzt willst du wissen, wie er am Abend riecht und spät in der Nacht, wenn keine Busse mehr fahren. Und einmal willst du der Grund sein, warum er aufbleibt die ganze Nacht.
Er kennt dich, kennt deine Handschrift, hat jahrelang deine Buchstaben entziffert, dein Geschriebenes decodiert, hat seine Schrift über deine Schrift gelegt, ein Wechselspiel, ein Dialog – ein Palimpsest aus Nicht- und Fast-Gesagtem. Er weiß, dass du an heißen Sommertagen zu wenig anhast, er weiß, in welche Richtung du deine Locken um den Finger wickelst, wenn du nachdenkst. Und er weiß, dass dein Vater zu viel trinkt, dass dein Vater nicht weiß, wann es genug ist, auch wenn er nicht getrunken hat.
An ein Schicksal glaubst du nicht, also hilfst du nach. Schicksal ist Zufall, dem wir eine Bedeutung geben, hat er einmal gesagt. Dieser Satz ist hängen geblieben. Wie so viele andere seiner Sätze hängen geblieben sind zwischen deinen Zähnen. Seit du ihn nicht mehr gesehen hast, schmeckt alles, was die anderen sagen, nach Amalgam. Die Tage ohne ihn wie Plomben in deinem Kalender. Beim Strandurlaub in Italien füllst du eine leere Wasserflasche bis zum Rand mit Sand und verstaust sie in deinem Rucksack.
Er weiß zuerst nicht, ob er antworten soll. So etwas passiert doch nur in Büchern, denkt er, so etwas passiert doch nur in Filmen und in Serien. Und am Ende ist der Protagonist tot oder zumindest seine Existenz zerstört. Also antwortet er. Er schreibt: Sehr gern. Was machst du nächsten Samstag? Ich kenne da eine Bar ganz bei mir in der Nähe. Und dann schickt er noch die Adresse und eine Uhrzeit.
Jetzt hast du, was du wolltest: Koordinaten. Du hoffst, dass er immer noch raucht, hoffst, dass er nicht merken wird, dass dir Bier noch immer nicht schmeckt, hoffst, dass deine Sommersprossen nicht zu sehr leuchten im Licht der Bar, dass dein Kleid kurz genug ist und dass dein Träger in den richtigen Momenten rutscht, aber nicht zu weit. Es ist eine Inszenierung, die Art, wie du ihn begrüßt, ist eine Inszenierung, deine Lippen auf seinen Wangen, deine Lippen streifen seine Mundwinkel. Du hast gut aufgepasst, du hast viel von ihm gelernt: Du weißt, wie wichtig die Exposition und was ein erregender Moment ist. Ihr bestellt das erste Bier. Die Handlung steigt, und in dir drinnen rieselt der Sand jetzt langsamer.
Er weiß, welche Wirkung seine Stimme hat, wenn er erzählt von den Jahren, wenn er erzählt von früher, wenn er das Wort WIR verwendet, weiß, welche Wirkung seine flüchtigen Berührungen haben, wenn er dich am Oberarm berührt oder am Rücken. Jetzt glaubt er zu wissen, wie deine Haut funktioniert, jetzt glaubt er zu wissen, warum du da bist. Er zählt die Sommersprossen auf deiner rechten Wange anstelle der Jahre zwischen euch.
Es wird spät, und jetzt weißt du, wie er riecht, wenn die Busse nicht mehr fahren. Im Stiegenhaus fummelst du mit seinem Gewissen. Er holt eine Flasche Wein aus seiner Wohnung, und ihr klettert auf das Dach. Klagenfurt ist nicht Hollywood, sagt er und macht deinen BH auf. Du schmeißt die leere Weinflasche auf die Straße. Es ist zu dunkel, um den Sand zu sehen, der von deinen Lippen abhebt. Die Masken verrutscht, die Kostüme zu groß oder zu klein. Zwei Objekte ohne Fall.
BEZIEHUNGSSTATUS:
Als ich dir erklärt habe, dass Sex eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung sei, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet werde, ihr Ziel in sich selber habe und begleitet werde von dem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des Andersseins als das gewöhnliche Leben, als ich dir damals erklärt habe, was Sex ist für mich, habe ich in Wahrheit Johan Huizingas Homo Ludens zitiert und das Wort »Spiel« mit »Sex« ersetzt.
DIE WAHRHEIT, TEIL 2
Jedes Mal, wenn ich dich wiedersehe, kommst du mir ein paar Zentimeter größer vor.
Jedes Mal, wenn ich dich wiedersehe, kommen mir deine Kleider ein paar Millimeter kürzer vor.
Jedes Mal, wenn ich dich wiedersehe.
Und ich weiß, du färbst dir jetzt deine Haare, ich weiß, du hast ein paar Kilo abgenommen – und beides macht mich traurig, und nie weiß ich, warum.
Und ich weiß, du erzählst deinen Freunden, wir hätten uns auf einer Beerdigung kennengelernt, dass ich süchtig war nach deiner Haut, aber nicht die Finger lassen konnte von den anderen, mich ständig einwickeln musste in neue Erzählanfänge, dass ich dich am Flughafen stehen gelassen habe, dass ich mit zwei Flugtickets an Bord gegangen bin und dich zurückgelassen habe mit einem fünfundzwanzigseitigen Abschiedsbrief, geschrieben in Schriftgröße 12 und mit 1,5 Zeilenabstand, dass niemand deinen Namen aufgerufen hat am Gate und dass du die S-Bahn zurück nach Wien genommen hast, dein Koffer ganz schwer, aber dein Herz überraschend leicht, so leicht, als wäre es ein Ballontier.
Und ich weiß, du erzählst deinen Freunden, dass du gut ohne mich kannst, dass du nicht mehr jeden Tag auf mein Facebook-Profil gehst oder schaust, was ich auf Twitter schreibe, dass du aufgehört hast, dich mit meinen anderen Ex-Freundinnen auf Kaffee und weiße Spritzer zu treffen, dass du einen Urlaub gebucht hast ans Meer, dass du gerne alleine reist, dass du vielleicht noch manchmal an mich denkst, aber erst nach dem dritten oder vierten Glas, also trinkst du weniger und machst mehr Sport, gehst am liebsten wandern, dann schaust du stundenlang nicht auf dein Handy, dann bist du ganz bei dir.
Und ich verstehe, dass du ihnen nicht erzählst, wie du in meinem Fenster gestanden bist und springen wolltest, wie du mich angeschrien hast, dass du dich jetzt umbringst wegen mir, dass ich dich weggerissen habe vom Fenster und du eingeschlagen hast auf mich, bis auch ich eingeschlagen habe auf dich, als würden wir hageln, ein Korn nach dem anderen, dass wir irgendwann erschöpft aufgehört haben, verschwitzt aufeinandergelegen sind, dass wir dann Sex gehabt haben und du mir unter der Dusche gesagt hast, du willst ein Kind von mir.
Und ich verstehe, dass du ihnen nicht erzählst, dass jeder Schnaps, den du trinkst, auf mich ist, dass du im Sommer das Grab meines Vaters besucht hast, dass du das Haus gesucht hast, in dem ich aufgewachsen bin, und den Fußballplatz, auf dem ich meine ersten Tore geschossen habe, dass du dich zur Sandkiste am Kinderspielplatz gesetzt hast und ein paar Minuten lang die zerbrochenen Plastikschaufeln angeschaut hast und die löchrigen Plastikkübel, und dass du mir fast ein Foto geschickt hättest von der Schaukel, die sich ganz leicht bewegt hat im aufkommenden Wind.
Und ich verstehe, dass du ihnen nicht erzählst, dass du manchmal noch die Tür aufmachst, wenn ich mitten in der Nacht anläute, dass du aufgehört hast zu zählen, wie oft wir schon gesagt haben: DAS IST DAS LETZTE MAL.
Die Wahrheit ist: Wenn es regnet, höre ich die Kilometer zwischen uns, wie sie gegen meine Fensterscheibe trommeln. Dann liege ich in meinem Bett und berechne: die Neigung des Regens.
Die Wahrheit ist: Du teilst deine Kleider im Schrank noch immer in zwei Hälften – die Kleider, die ich dir schon ausgezogen habe, und die Kleider, die ich dir noch ausziehen werde.
Die Wahrheit ist: Seit ich dich kenne, will ich ein Buch über Hungerkünstler schreiben.
Die Wahrheit ist: Ich kann den Taxifahrern von jedem Punkt dieser Stadt den kürzesten Weg zu deiner Wohnung ansagen.
Die Wahrheit ist auch: Du hattest Angst vor meinen ungelesenen Büchern, Angst vor den vielen Namen in meinem Adressbuch, Angst vor jeder Handy-Vibration. Angst vor Synonymen.
Und die Wahrheit ist: Nichts davon stimmt.
Was bleibt: zu klein gewordene Parkbänke, ein zu klein gewordener Bezirk, eine zu klein gewordene Stadt.
Was bleibt: eine lange Liste mit tatsächlichen und eingebildeten Abschieden.
Was bleibt: eine Vergangenheit, die uns blaue Flecken schlägt.
Und ich weiß, du wirst mir nicht glauben, wenn ich dir sage: Schau, ich schreibe noch immer über dich. Und schau, mittlerweile weiß ich, was uns gefehlt hat: eine Anleitung, wie man Dinge repariert. Und schau: LIEBEN HEISST, DAS EIGENE ICH ZERLEGEN.
Jedes Mal, wenn ich dich wiedersehe, kommst du mir ein paar Zentimeter größer vor.
Ich will den Spliss anfassen in deinen Haaren, will wissen, ob er immer noch mir gehört.
Jedes Mal, wenn ich dich wiedersehe.
BEZIEHUNGSSTATUS:
Du fragst, ob ich noch immer gern mit den falschen Frauen zusammen bin.
WAS BLEIBT, IST STILLE IM 4/4-TAKT
Wenn du ans Land denkst, dann denkst du an beim Fahrradfahren verschluckte Fliegen, an Dorffeste mit billigen Mixgetränken, an von der RAIKA gesponserte Parkbänke, an das Geräusch von Kreissägen am Wochenende, an bei Glatteis in den Straßengraben gerutschte Postbusse, an deinen ersten Lungenzug auf einem Hochstand, an deinen ersten Kuss beim Flaschendrehen, an den Geschmack von in der Hosentasche warm gewordenem Kaugummi, an stillgelegte Bahnhöfe und an Weichen, die keiner mehr stellt, an mit dem Mund aufgeblasene Luftmatratzen, denkst an die Spielsachen deiner Kindheit am Dachboden in Kisten verstaut und beschriftet, denkst und denkst und denkst, und deine Gedanken baumeln.
Wenn du ans Land denkst, denkst du an Bier, das nach Feldweg schmeckt, an in halbvollen Gläsern ersoffene Wespen, an den Geruch von frisch gemähtem Gras, an im Lagerfeuer verbrannte Briefe, an die Mohnnudeln deiner Mutter, an den Bierbauch deines Vaters, an die Barbiepuppen deiner Schwester und wie unheimlich sie nackt ausgeschaut haben.
Wenn du ans Land denkst, denkst du an deinen ersten Computer, an das Geräusch, das dein Modem gemacht hat, an das Läuten des Telefons, und keiner geht hin, an Sommergewitter und Stromausfälle und Kerzenlicht und Wachs auf deinen Fingern.
Wenn du ans Land denkst, dann denkst du an Senkgruben und Misthaufen und Silos und Böschungen, an von Autos überfahrene Katzen, Adventskränze und Grablichter. Wenn du ans Land denkst, denkst du manchmal daran, irgendwann zurückzukehren. Irgendwann – aber das Wort liegt ganz feucht und schwer auf deiner Zunge.
Wenn du ans Land denkst, denkst du an verregnete Hochzeiten und an Begräbnisse bei fast vierzig Grad im Schatten, dann denkst du an Hollywoodschaukeln und Grillen am Balkon, das Hineinstechen mit der Gabel in die Käsekrainer, um zu testen, ob sie schon fertig sind, und als deine Mutter vierzig wird, feiert ihr in der Garage, alle Nachbarn sind eingeladen, es gibt Bier vom Fass, und du erlebst deine Mutter das erste und letzte Mal in deinem Leben betrunken, und am nächsten Tag gibt es nichts zu essen, weil ihr so schlecht ist – auch daran denkst du, wenn du ans Land denkst.
Du denkst außerdem daran, wie dir dein Vater gezeigt hat, wie man sich rasiert oder wie man eine Motorsäge richtig hält oder wie man mit Handbremse bergauf wegfährt, denkst an das alte Auto deines Vaters, in dem deine Mutter auf dem Weg nach Hause von der Straße abgekommen ist, mit dem sich deine Mutter dreimal überschlagen hat, aus dem deine Mutter mit nur drei blauen Flecken ausgestiegen ist, so als wäre sie unsterblich.
Wenn du ans Land denkst, dann denkst du an den kleinen Fußballplatz gleich neben dem Kinderspielplatz, an den einen Onkel, der immer nach Wein riecht, egal um welche Uhrzeit, an Blasmusik und Fürbitten, an Mopedfahren und Wasserschlachten mit den Nachbarskindern, an die erste feste Freundin, das Miteinander-Gehen und dass man dann doch wieder in unterschiedliche Richtungen weitergegangen ist, an Volleyball beim Badeteich, an dein erstes Handy mit Antenne und an die gemeinsamen Abende vorm Röhrenfernseher, ans Schauen von Universum oder vom Wetterbericht.
Wenn du ans Land denkst, bewegt sich ein Gletscher in dir, aber in der Gefriertruhe gibt es noch Eis, auf das kannst du dich verlassen, in der Gefriertruhe gibt es noch Eis und Fleisch und Tiefkühlpizza.
Wenn du ans Land denkst, dann denkst du an die einzige Disko weit und breit und an Schaumpartys und Menschen, die zu den größten Hits der 80er- und 90er-Jahre tanzen, zu den größten Hits der 80er- und 90er-Jahre schwitzen, und nach ein paar Runden Tequila ist das Wochenende vorbei, und zwischen den Zähnen stecken noch am Montag die Zitronenreste.
Wenn du ans Land denkst, dann auch an dein erstes Mal Wählen in einem der beiden Wirtshäuser im Dorf. Und als du deine Stimme abgibst, riecht es nach Schweinsbraten, und am Stammtisch im Nebenzimmer werden die Karten laut auf den Tisch geknallt, und die Weingläser scheppern. Als du das Wirtshaus verlässt, ist es kurz nach Mittag und es schaut nach Regen aus. Am Abend fährst du dann zurück in die Stadt, in der du studierst, und denkst darüber nach, warum du nie zu Hause bist.
Wenn du ans Land denkst, denkst du an den Heizraum. Dort steht noch immer ein rotes Kofferradio, dort hängt noch immer die alte Bundesheerjacke deines Vaters, und in den Spinnweben klebt ganz fein der Holzstaub, und da liegt ein Stapel Zeitungen, und du machst Feuer. Eine halbe Stunde später dann ticken die Heizkörper.
Wenn du ans Land denkst, denkst du an Häuser, die jetzt leer stehen, an Zimmer, die einmal bewohnt waren, an Geräusche, die es nicht mehr gibt, weil es die Menschen nicht mehr gibt, denkst an die Geräusche, die du früher nicht gehört hast und die jetzt so laut sind, weil sie fehlen.
Wenn du ans Land denkst, dann denkst du an den Mond, den man nicht fotografieren kann, und an Sonnenaufgänge, die man nicht fotografieren kann. Wenn du ans Land denkst, denkst du an deine Cousine mit den toten Zwillingen im Bauch.
Wenn du ans Land denkst, dann auch daran, dass du deiner Schwester versprochen hast, nicht mehr so viel zu trinken, deiner Schwester, die sonst kein Wort gesprochen hat die ganze Autofahrt lang, dir nur dieses eine Versprechen abgenommen hat, dann hat sie beschleunigt, und das Fernlicht des Autos hat die Felder am Straßenrand berührt und ist irgendwann in einem leer gefischten Teich untergegangen.
Wenn du ans Land denkst, denkst du an das Stück Wald, das jetzt dir gehört und in dem du deinen Großvater gefunden hast, der seit zwei Tagen verschwunden war. Du wolltest deinen Großvater nicht finden, aber du hast ihn gefunden, tief im Wald. Zuerst hast du nur seinen Schatten gesehen, dann seinen Körper, wie er baumelte in den Ästen. Alles war still, in dir drin war es am stillsten. Wenn du ans Land denkst, dann baumelt dein Herz und du spürst die Tannennadeln unter deiner Haut. Wenn du ans Land denkst, hörst du den Wind zwischen deinen Rippen und wartest auf das Geräusch von splitterndem Holz.
BEZIEHUNGSSTATUS:
Ich schreibe ein Buch über dich, aber ich kann es nicht »Unheimliche Heimat« nennen, weil mir jemand zuvorgekommen ist. Und ich kann es nicht »Die Beschreibung des Unglücks« nennen, weil mir jemand zuvorgekommen ist. Das Problem, wenn man sich mit Mitte dreißig kennenlernt: Es ist mir nicht nur einer zuvorgekommen. Zuvor, und was weiß ich wohin.
EIN FINSTERES LAND
In Österreich heißen Schokoküsse Schwedenbomben. Und viel mehr muss man auch nicht wissen, finde ich, über die kulturellen Unterschiede. Den Rest kann man bei Elfriede Jelinek nachlesen oder bei Thomas Bernhard. Es ist ein finsteres Land, Österreich, und wir wählen die Politik, die uns verspricht, es noch ein wenig finsterer zu machen. Seit die Sonne vom Himmel gefallen ist, soll sie auch nicht mehr aufgehen, das ist österreichische Politik, das bringt die meisten Stimmen. Es ist der Triest-Komplex, der Traum vom Meerzugang. Wir wollen einen Meerzugang, um ihn dann gleich wieder zu schließen. Überhaupt wollen wir alle Grenzen schließen, damit niemand sieht, was wir in unseren Kellern verstecken.
Meinen ersten längeren Text habe ich mit fünfzehn oder sechzehn in ein kariertes A5-Heft geschrieben. Damals habe ich noch geglaubt, dass man Geschichten erzählen kann, dass es eine Erzählperspektive gibt, auf die man sich verlassen kann. Dass es eine Sprache gibt, mit der ich etwas BESCHREIBEN kann. Mittlerweile wissen wir beide: Sprache kann im besten Fall etwas ZERSCHREIBEN. Und seitdem fallen wir auseinander. Wie ein Kartenhaus, könnte ich jetzt schreiben, aber die Vergleiche ruinieren uns. Seit wir angefangen haben zu vergleichen, sind wir nicht mehr ganz.
Der Text, der jetzt irgendwo in einer Schublade in meinem Elternhaus liegt, basiert auf dem Videospiel Super Mario Bros. Es ist also eine klassische Liebesgeschichte. Ärger als Romeo und Julia. Härter als jeder Tarantino-Film. Es gibt eine Prinzessin, aber die Prinzessin ist immer IN ANOTHER CASTLE, und Mario, der tragische Held, nimmt harte Drogen, um mit seinem Vermissen zurechtzukommen, mit der Tatsache klarzukommen, dass, egal wie schnell er sprintet und egal wie weit oder hoch er springt, er immer zu spät dran sein wird, die Prinzessin ist schon wieder weg. Die Röhren, die in die Unterwelt führen, repräsentieren sein Unbewusstes, stehen für sein ES, seine dunklen Fantasien, wenn er sich zum Beispiel vorstellt, die Prinzessin an ihr Prinzessinnenbett zu fesseln, oder sich vorstellt, ihren Prinzessinnenhals ein wenig zu würgen. Wenn man, so wie ich, alle Teile Super Mario gespielt hat und miteinander vergleicht, wird eines klar: Der Protagonist ist hochgradig beziehungsunfähig. Er wird nie wieder wirklich lieben können, egal wie viele Extra-Leben er auch sammelt, die Prinzessin wartet nicht auf ihn, die Prinzessin ist nicht wählerisch, sie nimmt jeden dahergelaufenen Installateur, ja sogar seinen Bruder würde sie nehmen.
Bei meinem nächsten Besuch im Waldviertel werde ich das Heft suchen und dir daraus vorlesen. Und dir gestehen, dass ich beim Wort SCHWEDENBOMBEN immer an deine Brüste denken muss. Wenn du dich bückst und dein T-Shirt nach vorne fällt und ich den Countdown lesen kann und nicht weiß, welchen bunten Draht ich durchschneiden soll. Ich finde, es gibt schlimmere Vergleiche. Ich kann mich noch erinnern, einmal hast du betrunken gesagt: Der Tag, an dem ich dich kennengelernt habe, ist mein persönliches 9/11. Wir haben gelacht, noch eine Runde Schnaps bestellt und angestoßen, als würden wir ein Jubiläum feiern.
BEZIEHUNGSSTATUS:
Du sagst, ich soll keine Geschichte machen aus dir, ich soll bitte keine Fortsetzungsgeschichte machen aus dir, nicht schon wieder. Du sagst, ich soll mir endlich einen passenden Schluss einfallen lassen.
DIE GESAMTHEIT DES GEFUNDENEN
Es gibt den Kühlschrank und vier Dosen Bier, eine davon im Gemüsefach. Es gibt die Kohlensäure und das nasskalte Licht, das aus dem Kühlschrank kippt. Es gibt den ersten Schluck, und es gibt den letzten Schluck. Und die Zeit dazwischen.
Die Regenwahrscheinlichkeit gibt es. Es gibt den Dauerregen, den Nieselregen, den Starkregen, den Gewitterregen, den Steigungsregen und den Schlagregen. Es gibt den Regen, der uns überrascht, und den Regen, auf den wir warten.
Es gibt die Gedichte, die ich schreibe, nachts, wie ein Verbrecher, die Gedichte, die ich dir gebe, nachts, wie ein Verbrecher, und du steckst sie ein und dann höre ich nichts von dir, die nächsten paar Wochen.
Die Parkbank vor der Kirche gibt es, wenn es Abend wird und du meine Hand unter deinen Rock schiebst, auf der Parkbank vor der Kirche, die Schatten gibt es, die am Morgen in mein Blickfeld hineinfallen, wenn ich von deiner Wohnung nach Hause gehe, vorbei an der Kirche, die Glocken läuten.
Die Monatskarte fürs Hallenbad gibt es, aber ein Hallenbad ist kein Ersatz für das Meer, ein Hallenbad ist kein Ersatz für Nähe, nur weil dein Körper im selben Chlorwasser treibt wie mein Körper, nur weil dein Handtuch nach demselben Waschmittel riecht wie mein Handtuch, ein Hallenbad ist kein Ersatz.
Meine Wut gibt es, ich zerdrücke die Bierdosen mit ihr, zerdrücke dich zwischen meiner Wut und den Bierdosen, es gibt kein Pfand, schreie ich, es gibt kein Pfand auf das, was ich dir verschwiegen habe.
Es gibt den Massagegutschein, den du mir geschenkt hast, aber es sind die falschen Hände, warum schenkst du mir fremde Hände, habe ich dich gefragt.
Es gibt die Bierdeckel, auf die ich deine Sätze schreibe, die Bierdeckel, auf die ich deine Sätze schreibe und so lange verwische, bis es meine Sätze geworden sind.
Es gibt die E-Mails von Booking.com, ich soll meinen Aufenthalt bewerten, soll unsere letzte Reise auf einer Skala von 1 bis 10 bewerten. Booking.com schickt mir immer noch Angebote für die Orte, die wir gemeinsam bereist haben.
Es gibt die Aschenbecher, die wir aus den Bars gestohlen haben, die wir früher gemeinsam besucht haben, die leeren Zigarettenschachteln gibt es, die leeren Feuerzeuge und Streichholzschachteln von Lokalen, die es nicht mehr gibt, mit einer Telefonnummer drauf, aber niemand hebt ab.
Es gibt den Rausch, in den ich mich hineinlege wie in die Donau, die Donau nimmt mich so, wie ich bin. Es gibt den Rausch und es gibt das Taxi, das mich nicht zu dir bringt, und wenn ich aussteige, schreien die Fassaden.
Es gib den unsichtbaren Regen und die Tage, an denen wir die einzigen Menschen mit aufgespannten Regenschirmen sind.
Und die Wiederholung, die gibt es auch.
Darmowy fragment się skończył.