Czytaj książkę: «Die Tage von Gezi»

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Martin Niessen

Jahrgang 1968, ist studierter Politologe und Islamwissenschaftler. Als Reporter des ZDF dreht der gebürtige Rheinländer Reportagen in aller Welt. Er berichtet aus Krisen- und Katastrophenregionen wie dem indonesischen Aceh nach dem Tsunami 2004 oder dem durch das Erdbeben 2010 zerstörten Haiti. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima war Martin Niessen 14 Monate als Korrespondent des ZDF in Japan. Seine Erinnerungen sind als eBook erschienen: »Der kleine Japaner – Im Land der aufgehenden Sonne und abrauchenden Atomkraftwerke«. Martin Niessen ist verheiratet und lebt in Hamburg und Istanbul.

MARTIN NIESSEN

DIE TAGE VON GEZI

EIN ROMAN

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2014

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

1. Auflage

Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei Martin Niessen

Umschlagfoto © Martin Niessen

Umschlaggestaltung unimak, Hamburg

Autorenfoto © Philipp Rathmer

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

In Erinnerung an

Ahmet Atakan

Mehmet Ayvalitaş

Abdullah Cömert

Berkin Elvan

Ali İsmail Korkmaz

Mustafa Sarı

Ethem Sarısülük

Medeni Yıldırım

Inhalt

Cover

Titel

Über den Autor

Impressum

Widmung

Vorwort

28. Mai

29.–30. Mai

31. Mai

01. Juni

02.–04. Juni

08. Juni

11.–12. Juni

15.–16. Juni

22. Juni

Glossar

Danksagung

Der Autor im Internet

Vorwort

Es war reiner Zufall, dass ich Zeuge wurde. Zeuge einer kleine Revolte, die sich an dem Abriss eines Parks entzündete, der einem Einkaufszentrum weichen sollte und sich zu einer Bewegung auswuchs, die weite Teile eines Landes erfasste, das ich seit mehr als zwanzig Jahren kannte und das mir sehr ans Herz gewachsen war. Ich wurde letztendlich Zeuge des Erwachens einer türkischen Zivilgesellschaft und einer Lehrstunde für das, was Demokratie ist und was nicht.

Wie Marc, eine der Hauptfiguren im vorliegenden Roman, war ich am 28. Mai durch Zufall im Istanbuler Gezi-Park, als es dort zu den ersten Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei kam. In den folgenden Tagen und Wochen erlebte ich, wie sich Menschen mit viel Kreativität, Entschlossenheit und Mut einer zunehmend autoritärer und brutaler handelnden Regierung widersetzten, deren Argumente Wasserwerfer, Tränengas und Polizeiknüppel waren. Es ging nicht mehr um das Abholzen von ein paar Bäumen, sondern – um dieses große Wort zu bemühen – um Freiheit. Zumindest um die Freiheit, über den eigenen Lebensstil zu entscheiden. »Ich will mir nicht vorschreiben lassen, wie viele Kinder ich zu bekommen habe, und mich nicht als Trinkerin beschimpfen lassen, weil ich abends ein Glas Rotwein trinke«, sagte mir eine Frau Mitte vierzig, die im schwarzen Businesskostüm mit Freundinnen im Gezi-Park saß und der angedrohten Räumung trotzte. »Es schmeckt nach Freiheit«, riefen Demonstranten, während ich im Tränengasnebel nur noch nach Luft schnappte.

Für eine kurze Zeit existierte mit der Kommune von Gezi in der tief gespaltenen türkischen Gesellschaft eine Utopie, in der es egal war, ob man Türke oder Kurde, Kemalist oder Kommunist, hetero oder homosexuell war, als Frau ein Kopftuch trug oder nicht. Die türkische Regierung ließ den Park mit brutaler Gewalt räumen. Aber der Geist, der dort entstand, ist aus der Flasche.

»Die Tage von Gezi« ist ein Roman, der sich vor dem realen Hintergrund der Ereignisse in Istanbul zwischen Ende Mai und Ende Juni 2013 abspielt. Die Hauptakteure in diesem Roman sind frei erfunden, ebenso ihre Handlungen, wenn auch auf persönlichen Erfahrungen oder denen von Freunden und Bekannten basierend. Premierminister Recep Tayyip Erdoğan ist natürlich nicht erfunden, ebenso wenig diverse andere Mitglieder der Regierungspartei AKP und weitere Personen der Zeitgeschichte, die hier namentlich genannt werden. Und selbstverständlich finden auch Pinguine, Kochtöpfe, die »Frau in Rot«, der »Stehende Mann« und viele andere, die zu Symbolen der Widerstandsbewegung wurden, ihren Platz in diesem Buch. Genauso wie ihre Sprechchöre, Graffitibotschaften und Aktivitäten in sozialen Netzwerken. Ich habe die Romanform gewählt, weil es für mich nach meinen persönlichen Erlebnissen in diesen fünf Wochen keine zwei Meinungen gab. Und ich diese eine, meine, Meinung nicht den journalistischen Prinzipien der Neutralität und Objektivität opfern wollte. Die Geschichte möge mir verzeihen.

Martin Niessen, im Mai 2014

»Demokratie ist für uns eine Straßenbahn, aus der wir aussteigen, wenn wir unser Ziel erreicht haben.« [Recep Tayyip Erdoğan]

»Überall ist Taksim, überall ist Widerstand!« [Motto der Protestbewegung]

Die Tage von Gezi

28. Mai
Mine

»Wegen der paar Bäume?«

Vedat schaute auf Mine herab, die auf dem Fußboden saß und das kleine Zweimannzelt, ihren Schlafsack und eine Regenjacke in ihren Rucksack packte.

»Außerdem ist der Park total hässlich, da liegen nur Müll und Penner herum!«

Er schien irgendwie sauer zu sein. Aber sie war es auch. Gerade hatte sie ihm erzählt, dass sie im Istanbuler Gezi-Park mit einigen Freunden gegen das Abholzen von Bäumen protestieren wolle. Der Park im Zentrum der Stadt sollte dem Nachbau einer Osmanischen Kaserne mit Ladengeschäften weichen. Studenten ihrer Uni hatten eine Demo gegen die Pläne der Stadtverwaltung organisiert. An der wollte sie teilnehmen. Vedats Desinteresse in dieser Sache machte sie wütend.

»Warum willst du das nicht verstehen? Es geht nicht darum, ob der Park schön oder hässlich ist. Es geht darum, dass er eine der letzten Grünflächen in Beyoğlu ist. Und Einkaufszentren haben wir wahrlich genug. Ganz im Gegensatz zu Bäumen!«

Ihre großen braunen, fast schwarzen Augen unter der wilden Mähne dunkler Locken blitzten, als sie kurz zu ihm hochschaute und dann weiter Campingausrüstung und ein paar frische Klamotten in den Rucksack stopfte. Klar, Vedat hatte es wahrlich nicht immer leicht mit ihr. Wenn Mine sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, zog sie es gegen jeden Widerstand durch. Sie wusste, dass sie aufbrausend und ihm gegenüber manchmal auch ungerecht sein konnte, dass mit ihr, wenn sie sauer war, nicht gut Kirschen essen war. Aber so war sie nun mal. Meist zuckte Vedat irgendwann mit den Schultern und gab klein bei. Auch dieses Mal schlug er nach ihrem Ausbruch einen versöhnlichen Ton an.

»Musst du da denn gleich übernachten? Es reicht doch, wenn du tagsüber demonstrierst und abends zurückkommst. Ich mache mir einfach Sorgen. Der Park ist, wenn es dunkel ist, nicht sicher.«

Sie schaute wieder hoch. So leicht wollte sie es ihm nicht machen, dafür war ihr die Sache zu wichtig.

»Ich bin ja nicht allein da. Außerdem kannst du ja nach Dienstschluss nachkommen. Ein bisschen mehr Engagement für die Natur würde dir auch nicht schlecht zu Gesicht stehen!«

Um Vedats Lippen spielte trotz der harschen Worte ein Lächeln.

»Ist ja gut, du kleine Kratzbürste.«

Auch sie musste nun lachen. Genau deswegen hatte sie sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Er war ein sehr humorvoller, zurückhaltender Mann, der ihr von Anfang an äußerst respektvoll begegnet war und bis heute ziemlich klaglos ihre Ecken und Kanten akzeptierte. Vedat war keiner dieser Machos, die sich erst verständnisvoll gaben und beim dritten Date schon den Herrn im Haus rauskehrten. Seit elf Monaten waren sie verheiratet, eine echte Liebesheirat, keine von den Familien ausgehandelte, wie es vielfach noch immer der Fall war in der Türkei. Ein knappes Jahr vorher hatten sie sich kennengelernt, über drei Ecken, über Freunde von Freunden, in einem der Musik-Clubs, die die Seitengassen der Istiklal Straße im Herzen Istanbuls zwischen Taksim-Platz und Galataturm zum Treffpunkt der Jugend der Stadt und der Welt machten. Sie hätten sonst nie zusammengefunden, so unterschiedlich, wie sie waren, genauer gesagt: ihre Herkunft war.

Sie, die Jura-Studentin aus bürgerlichem Haus, geboren und aufgewachsen im Nobelviertel Nişantaşı mit seinen internationalen Modeboutiquen und exklusiven Cafés, nicht weit vom Taksim-Platz entfernt. Die Eltern Professoren an verschiedenen Istanbuler Universitäten, der Name des Vaters, der als einer der angesehensten Radiologen im Land galt, schmückte zudem eine teure Privatklinik. Sie hatten mit Religion nicht viel am Hut, ein Wochenendhaus auf den vorgelagerten Prinzen-Inseln, wo man dem Smog und der Hektik der Stadt entkommen konnte, und ein Ferienhaus bei Bodrum an der Mittelmeerküste. In Mines Elternhaus traf sich Istanbuls Bürgertum – Ärzte, Architekten, Juristen, Künstler – zu ausgedehnten Abendessen, bei denen Rotwein und Rakı flossen, der anishaltige Schnaps, mit Wasser und Eis getrunken, worauf er sich milchig verfärbte und deswegen »Löwenmilch« genannt wurde. Mine hatte schon in jungen Jahren mit am Tisch gesessen, wenn in illustrer Runde über Gott, die Welt und große Politik diskutiert wurde.

Und er, der hochgewachsene und gut aussehende Polizistensohn aus Kasımpaşa, ausgesprochen höflich, die Sprache geschliffen und ohne den in Istanbuls Arbeitervierteln verbreiteten harten Einschlag des Ostens, der noch mit seinen Eltern, zwei Schwestern und der Großmutter väterlicherseits zusammen in einer Vierzimmerwohnung in jenem einst heruntergekommenen Stadtteil am Goldenen Horn wohnte, der erst in den letzten Jahren eine Aufwertung erfahren hatte, weil der derzeitige türkische Premierminister Erdoğan dort aufgewachsen und plötzlich Geld für die Restaurierung alter Häuser und für gläserne Neubauten vorhanden war. Seitdem hatte der Fußballclub von Kasımpaşa ein schickes neues Stadion und 2012 sogar den Aufstieg in die Süper Lig, die höchste Spielklasse, geschafft. Trotzdem war Kasımpaşa traditionell geblieben, um nicht zu sagen: konservativ. Die meisten Frauen trugen Kopftuch, die Männer ließen unaufhörlich die Holzkugeln der Tesbih, der Gebetskette, durch ihre Finger gleiten, Töchter heirateten früh und Söhne traten in die Fußstapfen ihrer Väter. Und so war auch Vedat der Familientradition gefolgt und Polizist geworden.

Mine wusste, dass ihre Eltern nicht sonderlich glücklich über die Wahl ihrer einzigen Tochter, aber gleichzeitig zu liberal eingestellt waren, als dass sie wirklich versucht hätten, ihr die Beziehung zu Vedat auszureden oder gar zu verbieten. Sie äußerten allerdings – und nicht nur einmal – die Befürchtung, dass es nicht gut gehen würde mit einer Professorentochter und einem Polizistensohn, zu verschieden seien die Lebensumstände und -vorstellungen. Allerdings wussten sie auch nicht von entsprechenden Negativ-Beispielen im Verwandten- oder Bekanntenkreis zu berichten, denn solche Verbindungen waren in der Türkei auch zu Beginn des zweiten Jahrzehnts im dritten Jahrtausend rar. Auf dem Land und in religiösen Familien heirateten noch immer – und gar nicht selten – Cousins Cousinen und bei den säkularen städtischen Eliten blieb man gerne unter sich. Standesdünkel aber hätte Mine ohnehin nicht akzeptiert, von Eltern, die am Tisch mit ihren Freunden rotweinselig von Gleichheit und Brüderlichkeit fabulierten, von Religions- und Meinungsfreiheit als unveräußerlichen Menschenrechten. Eltern, die die Spaltung der türkischen Gesellschaft in einen religiösen und einen kemalistisch-laizistischen Teil als Damoklesschwert über dem Land betrachteten, um sich im nächsten Satz Sorgen um die ungleichen Geburtenraten und den Kurs der AKP-Regierung zu machen. Mine aber hatte schon immer ihren eigenen Kopf gehabt, außerdem war sie bereits volljährig, als sie Vedat kennenlernte. Und so musste sie auch nicht mit Auszug drohen oder damit, den Kontakt zu ihren Eltern abzubrechen, um letztendlich deren Segen für ihre Hochzeit mit Vedat zu erhalten.

Marc

»Simisimitsimiiiiiiiiit!«

Marc zuckte zusammen, als er einen mobilen Verkaufsstand für Sesamkringel passierte und der Verkäufer unvermittelt und aus vollem Hals begann, seine Ware anzupreisen. Dann lächelte er über seine Schreckhaftigkeit. Er war zum ersten Mal in dieser Stadt, seit fünf Tagen, was offensichtlich nicht ausreichte, um sich auf diese Megacity einzustellen. Er hatte schon viel früher kommen wollen, in die weltweit einzige Metropole auf zwei Kontinenten, vom Bosporus in einen asiatischen und einen europäischen Teil gespalten, mit ihrer wechselvollen Geschichte, die mal von christlichen, dann von islamischen Herrschern geprägt, aber noch viel älter war und mit einer ganz eigenen Atmosphäre, irgendwo zwischen Orient und Okzident, zwischen Antike und Moderne, vermittelte. Aber irgendetwas war ihm immer dazwischengekommen. Nun aber hatte er es endlich geschafft und sich diese eine Woche Urlaub auch wirklich verdient.

Die letzten zweieinhalb Jahre waren extrem aufreibend gewesen. Er war Reporter bei einem großen britischen Nachrichtenmagazin, sein Aufgabengebiet: die Krisenherde der Welt. Arabischer Frühling, Tunesien, Ägypten, Libyen, die Atomkatastrophe von Fukushima, das nie enden wollende Drama um Afghanistan, Indien und Gewalt gegen Frauen – das alles und noch einiges mehr waren seine Themen gewesen. Normalerweise zog er sich nach solchen Einsätzen komplett zurück, mietete sich eine Hütte am Strand einer kleinen thailändischen Insel oder im Hochland von Bali, lag den ganzen Tag in seiner Hängematte, die er immer mit dabeihatte, hörte Musik oder las. Kein Internet, keine E-Mails, keine Telefonate, keine Zeitung – für zwei oder drei Wochen war seine Welt dann sehr klein und sehr friedlich. Warum er diesmal nach der Rückkehr aus Afghanistan eine Ausnahme gemacht und sich für eine Reise in die Turbulenz einer der größten Städte der Erde entschieden hatte, konnte er schon nicht mehr genau sagen. Da waren natürlich jene Freunde in London, die so begeistert von Istanbul erzählt und die zahllosen Publikationen in Reisemagazinen und Fernsehreportagen, die die Stadt für sich entdeckt hatten, sie in Hochglanz als »Boomtown am Bosporus« feierten. Oder war es doch sein Riecher gewesen? Der ihn so häufig zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein ließ? Der ihm in seiner Redaktion den Ruf des Trüffelschweins für gute Geschichten eingebracht hatte?

Die ersten vier Tage brauchte er, um sich an Geschwindigkeit und Lautstärke des Lebens in dem 15- oder 20-Millionen-Moloch – wer wusste das schon genau? – zu gewöhnen: das ständige Hupen der Autos, die auf zweispurigen Straßen zu viert nebeneinander fuhren, meist nur im Schritttempo vorwärtskamen und von ganz links nach rechts abzubiegen suchten; die zwischen ihnen hin und her sausenden Mopeds der Kuriere, die Pakete oder Essen auslieferten; das wütende Klingeln der im Stau steckenden Tram, deren Gleise in den Hauptverkehrszeiten von dicken Limousinen als Straße genutzt wurden, weil deren wohlhabende Fahrer hofften, so schneller ans Ziel zu kommen, und die fälligen Bußgelder aus der Portokasse zahlten; das tiefe Tuten der großen Containerschiffe auf dem Bosporus und dem Marmarameer und das etwas hellere der Fährschiffe, die mit dröhnenden Dieselmotoren, dichte Wolken schwarzen Rauchs ausstoßend, an den zahllosen Anlegestellen ankamen oder gerade ablegten, um den Bosporus oder das Goldene Horn zu queren; die Rufe der Los-, Maiskolben-, Röstkastanien- und Simitverkäufer und überhaupt das Gewirr von Stimmen von Millionen Menschen, die in dieser Stadt immer und überall unterwegs waren. Selbst die Flucht in Sehenswürdigkeiten wie die unterirdische römische Zisterne mit ihren Medusenköpfen, Hagia Sophia oder Blaue Moschee hatten ihm keine Ruhe beschert. Es war Hauptreisezeit und die Stadt voll mit Touristen, die zusammen mit türkischen Schulklassen die zahllosen Sehenswürdigkeiten Istanbuls mit lauter, vielsprachiger Fröhlichkeit überschwemmten. In Karaköy lagen in diesen Tagen immer mindestens zwei oder drei riesige Kreuzfahrtschiffe, morgens Tausende Passagiere ausspuckend, die in Bussen durch die Stadt jagten, um in den wenigen Stunden ihres Aufenthaltes möglichst viel Geschichte und Kultur zu inhalieren oder Nippes zu konsumieren.

Trotzdem gefiel es Marc hier. Er streifte vom Morgen bis zum Abend, das ein oder andere Mal auch bis tief in die Nacht, durch die Stadt, sog sie auf – als Mensch, ganz privat, nicht als Journalist –, ließ sich von ihr ablenken. Er genoss die vollständige Abstinenz ihm bekannter Regeln im Miteinander und Untereinander dieser unglaublichen Massen an Menschen und Fahrzeugen, die aber durch ihm unbekannte ersetzt worden sein mussten, denn irgendwie funktionierte es ja, und erstaunlich gut dazu. Er hatte gelernt, Verkehrszeichen zu ignorieren und dennoch Straßen zu queren, ohne überfahren zu werden, indem er Blickkontakt zu den Fahrern suchte. Seine Ohren und sein Gehirn konnten die Geräuschkulisse auf ein erträgliches Maß herunterfiltern und blieben doch wachsam für Besonderes und Wichtiges. Seine Augen vermochten zu fokussieren, sodass sein Blick nicht mehr haltlos durch die ständig in Bewegung befindliche Umgebung irrte. Seine Nase hatte sich an die tausend verschiedenen Gerüche gewöhnt, die den Gewürzständen und Garküchen entwichen, die es in einer Masse gab, als habe jeder Bewohner dieser Riesenstadt einen eigenen.

Überhaupt, das Essen, die Meze zum Beispiel, Vorspeisen. Auf Dutzenden kleinen Tellern serviert, die auf großen Tabletts von Kellnern an den Tisch gebracht wurden, auf dass man sich kaum entscheiden konnte zwischen Auberginenmus, marinierten Sardellen, Oktopussalat, scharfen roten Paprika mit Schafskäse gefüllt, eingelegten Artischockenböden, Kichererbsenbrei, Joghurt mit Dill oder Gurke, dicken Bohnen, grünen Bohnen in Tomatensoße, Algensalat mit Knoblauch, grünen und schwarzen Oliven – die grünen mit Walnüssen oder Mandeln gestopft, die schwarzen mit Stein oder zu einer Art Pesto püriert –, in Olivenöl gebratenem Gemüse, gegrilltem Hellim-Käse, Tränen in die Augen treibendem Salat aus kleingeschnittenen Tomaten mit frischen Kräutern und Massen an Chili, Melone mit Schafskäse oder mit Dutzenden Gewürzen, darunter Nelken und Zimt, marinierten Fischfilets. Manche Restaurants boten vierzig, fünfzig oder noch mehr Vorspeisen an, von den warmen wie mit Spinat und Schafskäse gefüllten Blätterteigtaschen, Tintenfischringen, überbackenen Champignons, frittierten Sardinen oder kleinen, sehr scharfen Frikadellen noch gar nicht redend. Meist war Marc schon satt, bevor er sich gegrillte Scholle, Dorade, Seebarsch, einen Fleischspieß oder mit Tomaten und Joghurt in eine Auflaufform geschichtetes Kebab bestellen konnte. Und dann erst die Süßspeisen: die verschiedenen Arten von Baklava, Künefe, Kadayıf, Kazandibi mit Eis, Sütlaç. Oder das frische Obst, das meist ungefragt und oft kostenlos als Abschluss einer türkischen Mahlzeit auf den Tisch gestellt wurde. Für den Preis eines derart opulenten Abendessens würde er in London fettige Fish and Chips in Zeitungspapier eingewickelt zum Mitnehmen bekommen. Es war in dieser Stadt ein Leichtes, sich schon allein kulinarisch überwältigen zu lassen.

Obwohl das Leben im Vergleich zu London günstig war, warf er mit seinem Geld nicht um sich, wollte keiner dieser Touristen sein, die glaubten, dass ihnen für zwei Wochen eine fremde Welt gehörte, in der sie sich alles leisten konnten, die gönnerhaft mit Scheinen herumwedelten und die lokalen Preise ruinierten. Er wusste mittlerweile, was ein Simit und eine kleine Plastikflasche Wasser kosteten, die er auf seinen Streifzügen als Marschproviant mit sich führte, und ließ sich nicht mehr übers Ohr hauen. Er handelte zwei Stunden lang, als er im Großen Bazar ein Backgammon-Brett mit sehr schönen Intarsienarbeiten aus Perlmutt kaufte. Am Ende konnte er den Kaufpreis um zwei Drittel des von dem Englisch sprechenden Händler genannten Startpreises reduzieren, war sich aber immer noch unsicher, ob nicht auch das noch zu viel gewesen war. Und er hatte wichtige Worte gelernt, um nervige Straßenhändler, die gefälschte Markensocken oder Polohemden überteuert anboten, abzuwimmeln: »Yok, sağ ol, abi!«, nein danke, Bruder. Es kam ihm schon fast akzentfrei über die Lippen. Jetzt, wo er einigermaßen klarkam, beschloss er, seinen Urlaub zu verlängern. Er war, obwohl gerade erst vierzig geworden, bereits viel herumgekommen, kannte Tokio, Peking, Shanghai, Singapur, Bangkok, Dhaka, Neu Delhi, Teheran, New York, Mexico City, Rio de Janeiro – alle diese Mega-Städte hatten ihre besonderen Reize. Aber Istanbul war auf eine faszinierende Art und Weise speziell. Überhaupt nicht erholsam natürlich, nicht das, was er eigentlich brauchte, im Gegenteil. Dennoch hatten ihn die Stadt und die Menschen irgendwie gepackt, er konnte es nicht erklären. Er wollte länger bleiben, so viel war ihm am Abend vorher, als er mit einer Wasserpfeife in einem Teehaus am Galataturm saß und dem Treiben in den Gassen zuschaute, klar geworden. Die Einwilligung seines Redaktionsleiters hatte er am Morgen vom Hotel aus telefonisch eingeholt und ihm die Idee, statt einer zweieinhalb Wochen zu bleiben, mit dem Satz »Gib mir zehn Tage mehr, ich schreibe auch einen Artikel über Istanbul« schmackhaft gemacht. Nun war er auf dem Weg von Galata, dem bunten, bei Touristen beliebten Viertel rund um den gleichnamigen Turm, in dem sein Hotel lag, über die Istiklal Straße zum Taksim-Platz, um im Stadtbüro von Turkish Airlines seinen Flug umzubuchen.

Mine

»Mal schauen. Aber ich glaube, ich bleibe. Die kommen sonst einfach in der Nacht und holzen die Bäume ab.«

Mine hatte fertig gepackt, zuletzt noch die Isomatte an der Seite ihres Rucksacks verschnürt, sich erhoben, ihre Arme um Vedats Nacken gelegt und ihm einen Kuss auf den Mund gedrückt. Sie hatte seine Einwände nur zur Kenntnis genommen, ihren Plan aber nicht wirklich überdacht. Ihr Entschluss stand fest: Sie würde, wenn es sich als notwendig erwies, im Park übernachten.

Mine war eigentlich kein sonderlich politischer Mensch. Sie las zwar Zeitungen, hatte einige Online-Nachrichtenportale abonniert und schaute abends, wenn sie Zeit hatte, auch mal die Hauptnachrichten im Fernsehen, hatte bei den letzten Wahlen aber noch nicht einmal ihre Stimme abgegeben. Warum auch? Seit sie zehn Jahre alt war, hatte Recep Tayyip Erdoğans Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung, kurz AKP, alle Wahlen gewonnen. Mine kannte quasi keinen anderen Premier als Erdoğan. Und dass er die letzten Wahlen – die ersten, bei der sie selbst hätte wählen dürfen – wieder gewinnen würde, daran hatte kein Zweifel bestanden. Also war sie nicht hingegangen, denn die Oppositionsparteien waren aus ihrer Sicht auch keine Alternative. Entweder waren sie, wie die Kemalisten der CHP, für den jahrzehntelangen Stillstand des Landes verantwortlich, oder, wie die nationalistische MHP, diverse sozialistische und kommunistische Splitterparteien und Kurdenverbände für die liberal erzogene Professorentochter zu radikal. Ihre Eltern hatten sich am Tag nach der Wahl besorgt gezeigt, dass die AKP, diesmal mit gut fünfzig Prozent der Stimmen, erneut die absolute Mehrheit errang und weiter allein regierte. In der Folge beklagten sie bei jeder sich bietender Gelegenheit eine schleichende Islamisierung des Landes und – meinten damit auch ihre Tochter – das mangelnde politische Engagement der Jugend. Mine empfand das als Jammern auf hohem Niveau, schließlich hatten es sich ihre Eltern in ihrer Bildungsbürgerlichkeit mit allem Komfort bequem gemacht und taten auch nicht mehr, als alle vier Jahre ein Kreuz bei der CHP zu machen. Außerdem dachte sie persönlich weniger schwarzmalerisch. Gut, die Restriktionen bezüglich des Konsums von Alkohol und die ständigen Appelle an ihre Gebärfreudigkeit – drei, besser fünf Kinder sollte eine türkische Frau nach Meinung Erdoğans zur Welt bringen – gingen auch ihr auf die Nerven. Aber hatte der nun dreimalige Premierminister nicht auch etwas bewegt im Land? In Sachen Infrastruktur etwa. Sie konnte sich noch daran erinnern, wie sie als kleines Mädchen mit ihrer wild fluchenden Mutter stundenlang mit dem Auto im Stau gesessen hatte, auf dem Weg zum Einkaufen oder zum Arzt, so chronisch verstopft waren die Straßen gewesen. Nun fuhr sie mit der Metro eine Station von der Haltestelle Osmanbey zum Taksim-Platz und ging den restlichen Weg zu ihrer Uni, der privaten, international ausgerichteten Bilgi Universität, im Stadtteil Kurtuluş in ein paar Minuten zu Fuß. Gut, die Straßen waren zur Hauptverkehrszeit noch immer fast genauso verstopft wie früher – es gab zwar bessere Straßen, aber auch mehr Autos – und die Wagen der Metro immer voll. Aber es war doch vieles einfacher und – wie sie fand – besser geworden, und das, obwohl sich die Bevölkerung Istanbuls seit ihrer Geburt auf den heutigen Stand von vermutlich zwanzig Millionen – so genau wusste das niemand – verdoppelt hatte.

Der Schnee ihrer Kindheit war schwarz gewesen, weil es keine Zentralheizungen gab, sondern Kamine und Ölöfen, in denen in der Not auch mal alte Autoreifen verheizt wurden und uralte, klapprige Sammeltaxen und Busse ungefilterte Dieselabgase aushusteten. Nun gab es Gasheizungen und moderne Omnibusse, die Taxen fuhren mit Gasmotoren und die meisten Autos hatten Katalysatoren und Rußpartikelfilter, und so konnte sie vom Wochenendhaus der Familie auf Büyükada, der »großen Insel« im Marmarameer, sogar die Skyline der Stadt sehen, die noch vor wenigen Jahren hinter einem gelben Streifen Smog, der wie ein Vorhang ständig zwischen Himmel und Meer hing, verborgen gewesen war. Sie fand, dass Istanbul moderner und schicker geworden war. Mit seinen Einkaufsarkaden und Hochhäusern aus Glas war es ein bisschen wie London, wo sie nach dem Abitur drei Monate an einer Sprachschule verbracht hatte, weil ihre Eltern der Meinung waren, dass ihr Englisch besser sein könnte. Auch, dass junge Mädchen, wenn sie wollten, nun in den Universitäten wieder Kopftuch tragen durften, fand sie in Ordnung. Einige ihre Kommilitoninnen und Freundinnen an der juristischen Fakultät der Uni trugen Kopftücher. Solange sie es nicht müsste! Und weil sie es nicht musste, weil sie tun und lassen konnte, was sie wollte, war es für sie gut, wie es war. Sie war zweiundzwanzig, traf sich am liebsten mit Freunden, ging ins Kino, feierte und tanzte gerne, trank Alkohol. Das ging bislang eben auch unter Erdoğan.

Vedat, zwei Jahre älter als Mine, machte das alles mit. Nur wenn er sie mit zu seinen Eltern nach Hause in Kasımpaşa nahm, bat er sie manchmal, etwas anderes anzuziehen, einen etwas längeren Rock etwa. Sie tat das dann, obwohl sie insgeheim bezweifelte, dass Vedats Vater oder Mutter je an ihrer Kleidung gemäkelt hätten, die so aufreizend ohnehin nie war. Aber sie tat es dennoch gerne, hatte schließlich gewusst, dass sie einen Mann heiratete, der aus anderen Verhältnissen stammte als sie selbst. Und sie akzeptierte, dass seine Eltern eben religiöser waren als ihre, dass der Vater ständig die Holzkugeln der Tesbih durch die Finger gleiten ließ, regelmäßig zum Freitagsgebet ging, im Spind seiner Dienststelle einen Gebetsteppich hatte, um, wenn er nicht gerade auf Streife war, das ein oder andere der täglich fünf Gebete zu verrichten. Das hatte ihr Vedat erzählt. Es störte sie auch nicht, dass im Wohnzimmer über der Couch neben dem obligatorischen Bild von Kemal Atatürk, dem Staatsgründer und »Vater der Türken«, eines von Premierminister Erdoğan hing. Vedats Vater und damit auch Vedat und der Rest der Familie hatten natürlich AKP gewählt, deren Logo, eine Glühbirne, Licht und Aufbruch symbolisieren sollte, den es in Kasımpaşa ja auch tatsächlich gegeben hatte. Das war an jeder Straßenecke zu sehen. Also gab man dem Sohn des Viertels seine Stimme. Es war ihr gutes Recht, Erdoğan zu wählen, fand Mine. Auch wenn sie es eben nicht tat. Gar nicht zur Wahl gegangen war.

Die Sache mit dem Park aber fuchste Mine. Sie mochte Bäume, ihr vor der glühenden Sommersonne schützendes Grün, unter dem sie mit Kommilitonen in vorlesungsfreien Zeiten saß und schwatzte, das Rauschen der Blätter, das sie bei geöffnetem Fenster ihres Schlafzimmers auf Büyükada in den Schlaf wiegte, das leuchtend rot und gelb verfärbte herbstliche Laub. Der Gezi-Park, dem Hotel »The Marmara« – einst bestes Haus am Platz – gegenüber, war im derzeitigen Zustand sicher keine Zierde, da gab sie Vedat insgeheim recht. Er wirkte ungepflegt und vernachlässigt, die Steinplatten der vor Jahrzehnten angelegten Wege waren zersprungen, abgesunken, aufgeworfen, der Springbrunnen lief eigentlich nie und wurde als Mülleimer missbraucht. Aber es gab Bäume. Und Rasenflächen, die im August, September zwar nicht mehr grün, sondern braun waren, aber Mine und ihren Freundinnen und Freunden die Möglichkeit boten, in längeren Pausen zwischen den Vorlesungen nach einem kurzen Spaziergang den stickigen Gängen und Sälen der Uni zu entkommen. Und das sollte nun dem Nachbau einer osmanischen Kaserne weichen, mit einem kleinen Militärmuseum und integriertem Einkaufszentrum. Schnell hatte sich an der Uni eine kleine Gruppe von Studenten und auch einiger Dozenten gebildet, die dagegen waren, viele schon aus Prinzip – weil sie nicht gefragt worden waren. Die Pläne waren der Öffentlichkeit nicht vorgestellt, die Anwohner in der Planungsphase nicht beteiligt worden. Die Stadtverwaltung hatte sie vor vollendete Tatsachen gestellt. Nicht nur der Gezi-Park, der gesamte Taksim-Platz sollte umgestaltet werden, dafür musste die Verkehrsführung der mehrspurigen, zum Platz führenden Straßen geändert werden. Damit hatten Bautrupps gegen den Protest einer Bürgerinitiative und trotz laufender Gerichtsverfahren schon vor Monaten begonnen. Bagger und Lastwagen wirbelten hinter Absperrungen aus Metall Staub auf, wo der Tarlabaşı Boulevard in die Cumhuriyet Straße überging, die nach Nişantaşı führte, dem Stadtteil, in dem Mine geboren und aufgewachsen war und in dem sie nun mit Vedat eine eigene Dreizimmerwohnung bewohnte, die ihre Eltern ihnen zur Hochzeit geschenkt hatten. Seit dem Beginn der Arbeiten war das ewige Verkehrschaos in der Stadt noch größer geworden. Aber Mine konnte ja die Metro benutzen.

Vedat schnürte sich im engen Flur gerade die schweren Stiefel und zog die dunkelblaue Uniformjacke über, deren Aufdruck, das wusste Mine, ihn stolz machte. Denn er war kein einfacher Streifenpolizist wie sein Vater, er war Mitglied der Çevik Kuvvet Polis, einer Sondereinsatztruppe der Polizei, die zur Abwendung von Gefahren für die öffentliche Ordnung, vor allem bei Versammlungen und Kundgebungen eingesetzt wurde.

»Komm doch einfach dazu, wenn du mit deiner Schicht durch bist. Ruf mich an und ich sage dir, wo wir sind.«

Sie drückte ihm einen Kuss auf den Mund, schulterte ihren Rucksack, zwängte sich an ihm vorbei und hatte die Wohnungstür hinter sich zugezogen, bevor Vedat noch irgendetwas erwidern konnte.

Marc

Na, prima. Marc hatte sich, bevor er losgegangen war, mit seinem Mobiltelefon ins WLAN-Netz des Hotels eingewählt und sich auf der Seite eines Kartendienstes die Lage des Turkish Airlines Büros eingeprägt, einen Screenshot des Kartenausschnitts zu machen aber dummerweise vergessen. Nun stand er am Atatürk-Denkmal mitten auf dem Taksim-Platz, rechts das Hotel »The Marmara«, vor ihm, am anderen Ende des Platzes, das geschlossene und zum Abriss vorgesehene Atatürk Kulturzentrum. Da, wo er eigentlich hin musste, nach links, versperrte ihm ein sicher hundert Meter langer Bauzaun den Weg, den ihm sein smartes Smartphone natürlich nicht angezeigt hatte. Dahinter wirbelten mehrere Bagger und Bulldozer eine ganze Menge Staub auf. Und jetzt? Die Datenroamingfunktion seines Mobiltelefons hatte er abgeschaltet, er war erstens im Urlaub und zweitens die Türkei nicht in der EU, die Preise für Internetverbindungen also horrend. Er erinnerte sich, auf der Karte eine kleine Grünfläche gesehen zu haben, die als »Gezi-Park« verzeichnet war. Vielleicht könnte er ja da durch und so die Baustelle umgehen. Er schaute sich um. Die Absperrung endete an den Stufen, die zum Park hinaufführten, er schien also offen zu sein. Marc schritt die Stufen hoch und blieb irritiert stehen. War der Park doch geschlossen? Den weiteren Weg versperrten ihm Gitter mit der Aufschrift »Polis«, dahinter, um eine kleine Hütte herum, hockten im Schatten der Bäume mehrere Dutzend Polizisten. Dann sah er aber, dass Menschen in ziviler Kleidung durch zwei kleine Durchlässe rechts und links der Absperrungen hindurchgingen. Er passierte die Absperrungen auf der linken Seite und betrat den kleinen Park, dessen betonierte Wege Risse aufwiesen und der insgesamt ungepflegt wirkte. Er musste sich links halten, erinnerte er sich, aber die Ausgänge, an denen er vorbeikam, waren allesamt vergittert. Teile einer Mauer, die den Park offensichtlich mal umgeben hatte, waren eingestürzt und gaben den Blick auf die Großbaustelle frei, die ihm den direkten Weg zum Büro der Fluggesellschaft versperrt hatte. Er ging weiter und vernahm plötzlich so etwas wie Sprechchöre, menschliche Stimmen, die gemeinsam etwas riefen. Vor sich, unter Bäumen, entdeckte er einige Zelte, zwischen die Plakate gespannt waren. »Gezi Parkı bizim!«, stand darauf. Und »Parkımızı vermiyoruz!« Was hat das zu bedeuten?, fragte sich Marc, dessen Türkischkenntnisse sich auf die Worte für »Bitte«, »Danke«, »Guten Tag«, »Auf Wiedersehen« und »Nein danke, Bruder!« beschränkten. Er ging näher, seine journalistische Neugier trieb ihn. Sie im Urlaub abzulegen gelang ihm leider nicht immer. Eher viel zu selten. Es war ein Kreuz mit seinem Riecher, Trüffelschwein hin, gute Story her. Deswegen zog er sich auch immer an möglichst einsame Orte, im Idealfall ohne Telefon- und Internetverbindung, zurück – nur dass solche Orte immer seltener wurden und Istanbul garantiert nicht dazugehörte.

Ein Gruppe meist junger Menschen skandierte etwas, das er nicht verstand, aber es war offenbar eine kleine Demonstration, die dennoch von öffentlichem Interesse sein musste, denn um die Gruppe herum standen Kamerateams und Fotografen und auch einige Polizisten, die allerdings recht gelangweilt wirkten und die Schlagstöcke locker an den Schlaufen um ihre Handgelenke baumeln ließen. Die Fahrer zweier Bulldozer hockten in den Führerhäuschen, rauchten und schauten auf die Szene herab. Ein älterer Mann, der auf der Seite der Demonstranten stand, redete aufgeregt auf einen Polizisten und mehrere Männer in Anzügen ein.

»Hallo, ich bin Marc aus England. Könnt ihr mir erklären, worum es hier geht?«

Marc fragte ein junges Pärchen, das Hand in Hand am Rand der Demonstration stand.

»Sie wollen die Bäume abholzen und statt des Parks ein Einkaufszentrum bauen. Dagegen protestieren wir.«

Der flaumbärtige Junge und seine zierliche Freundin schauten ihn mit ernsten Augen an.

»Die kommen hier einfach hin und reißen unseren Park ab! Die fragen nie, sondern machen einfach!«

Das Englisch der beiden war ziemlich gut, seines hatte einen amerikanischen Einschlag, ihres war Oxford pur.

»Wir sind Studenten an einer Uni hier in der Nähe und wir haben die Nase voll. Die können nicht einfach machen, was sie wollen. Gestern ist ein Bautrupp gekommen und hat fünf Bäume abgeholzt. Wir haben uns dann vor die Bagger gestellt und sie daran gehindert, noch mehr Bäume auszureißen. Aber jetzt sind sie schon wieder da und wollen weitermachen.«

In den Augen der jungen Frau funkelte Wut.

»Ich verstehe. Und wer ist der Mann da vorn?«

Marc zeigte auf den älteren Herrn, der noch immer wild gestikulierend mit den Anzugträgern und dem Polizisten diskutierte.

»Das ist ein Abgeordneter der BDP. Er versucht, das hier zu stoppen.«

Das politische System der Türkei war nicht gerade Marcs Spezialgebiet, aber er meinte sich zu erinnern, dass die BDP eine liberale kurdische Partei war.

»Warum interessiert Sie das?«

Nun war Neugier in ihren Augen.

»Berufskrankheit. Ich bin Journalist, aber eigentlich im Urlaub hier.«

»Sie sollten hierüber mal berichten!«

»Ich sage es meinen Kollegen, danke.«

Marc verabschiedete sich. Proteste gegen das Fällen von ein paar Bäumen in einem Istanbuler Park waren nun wirklich keine Geschichte, für die es sich lohnte, kostbare Urlaubszeit zu vergeuden, so sehr ihn die Empörung des jungen Paares auch rührte. Er ging weiter und verließ den Park am entgegengesetzten Ende. Entlang des Bauzauns lief er ein Stück zurück und schlug sich dann in eine Seitenstraße, in der er das Büro der Fluggesellschaft vermutete. Nachdem er noch ein paar Mal nachgefragt und dabei auf den Ausdruck seines elektronischen Tickets mit dem Logo von Turkish Airlines gezeigt hatte, fand er es auch, betrat das klimatisierte Kundenzentrum, zog eine Nummer und setzte sich auf einen der letzten freien Stühle im Warteraum vor den Schaltern. Es dauerte fast eine Stunde, bis seine Nummer endlich über einem der Schalter aufleuchtete, und eine weitere, bis er den Rückflug nach London um zehn Tage nach hinten verlegt, fast zweihundert Türkische Lira Gebühr und Aufpreis für die höhere Buchungsklasse gezahlt und ein neues Ticket ausgestellt bekommen hatte. Weil er hungrig war, suchte er sich ein kleines Restaurant in der Nähe und bestellte sich Adana Kebab, scharfes, auf einem Spieß gegrilltes Hackfleisch vom Rind, mit Reis und Salat. Dazu trank er einen Becher Ayran, ein Joghurtgetränk, das zu Fleisch und auf Wunsch mit frischer Minze gereicht wurde. Leicht gepfeffert und gesalzen, so hatte es ihm an seinem zweiten Tag ein Kellner beim Mittagessen erklärt, ein erfrischender Durstlöscher.

Nachdem er bezahlt hatte, beschloss er, den gleichen Weg zurückzugehen, um sich nicht in der Großbaustelle zu verlaufen. Als er den Park dort betrat, wo er ihn verlassen hatte, war von den Demonstranten weder etwas zu hören noch zu sehen. Dafür waren die Grünflächen zwischen den Bäumen nun von mehreren Dutzend Polizisten bevölkert, an deren Anblick ihn etwas irritierte. Erst, als seine Augen plötzlich zu tränen begannen und er diesen stechenden Geruch in der Nase hatte, den er von Einsätzen als Reporter kannte, von den Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo etwa, wusste er, was ihn da irritierte: Die Männer in den dunkelblauen Uniformen und weißen Helmen trugen Gasmasken. Offensichtlich war hier gerade Tränengas gegen die Demonstranten eingesetzt worden. Zwei von ihnen kamen auf ihn zu. Einer zog den Helm aus, schob die Gasmaske auf die Stirn und sagte etwas auf Türkisch zu ihm. Marc zuckte mit den Schultern.

»Entschuldigen Sie bitte, aber ich verstehe nicht. Ich spreche kein Türkisch.«

Der Polizist antwortete erneut auf Türkisch, Marc zuckte wieder mit den Schultern und versuchte, weiterzugehen. Die Spitze eines Schlagstocks, die auf seine Brust tippte, hielt ihn zurück. Verdammt, was war hier los?

Marc schaute über die Schultern der beiden Polizisten in den Park. Die Demonstranten waren weg, die Zelte auch, nur die Reste von einigen Plakaten lagen zerknüllt auf dem Boden.

»Closed. Park closed.«

Ein dritter Polizist, Helm und Gasmaske unter den linken Arm geklemmt, war hinzugetreten und wies Marc mit drei Worten auf Englisch und seinem Schlagstock unmissverständlich den Weg. Marc fügte sich, obwohl die Sache ihn zu interessieren begann, aber man musste ja nicht gleich mit dem Kopf durch die Wand, vor allem nicht im Urlaub. Oft genug hatte er mit den Sicherheitskräften diverser Länder zu tun gehabt, um zu wissen, dass dies nicht der Moment war, sich auf eine Konfrontation einzulassen. Er zuckte noch einmal mit den Schultern und ging dann in die Richtung, die ihm der Schlagstock wies, aus dem Park heraus und vor dem Divan Hotel nach rechts, die Straße entlang, die am Hotel Intercontinental vorbei hinunter zum Stadion von Beşiktaş und zum Dolmabahçe-Palast führte. Auf einer Treppe am nordöstlichen Ende des Parks saß eine Gruppe junger Männer und Frauen. Sie hockten auf den Stufen unter von der Polizei offensichtlich als Absperrung gespanntem Flatterband.

Er erkannte das junge Pärchen wieder, das bei den Demonstranten gestanden hatte. Sie schluchzte an seiner Schulter, er, den Arm um ihre Schultern gelegt, schaute aus geröteten Augen ins Nichts. Neben ihnen hockte ein Mann, ebenfalls kaum älter als Anfang zwanzig, presste ein Taschentuch an seine rechte Schläfe, zwischen den Fingern hindurch lief Blut über Wange und Hals und färbte den Kragen seines T-Shirts rot.

»Was ist passiert?«

Marc setzte sich zu ihnen.

»Die haben plötzlich und ohne Vorwarnung mit Tränengas geschossen, uns mit Schlagstöcken aus dem Park geprügelt und die Zelte eingerissen und mitgenommen!«

Dem jungen Mann standen immer noch Entsetzen und Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben. Seine Freundin hob den Kopf.

»Aus dem Nichts haben die auf uns eingeschlagen! Wir haben nichts getan, nur dagestanden!«

Ihre Stimme war tränenerstickt, aber in ihren Augen blitzte blanke Wut.

»Sind Sie der Journalist aus England?«

Die Frage kam von einer jungen, sehr hübschen Frau mit dunkler Lockenmähne, die inmitten der Gruppe hockte. Marc nickte.

»Hi, ich bin Mine. Sie müssen uns helfen!«

Kathrin

Kathrin hatte gerade die Rechnung bestellt, als ihr Mobiltelefon, das vor ihr auf dem Tisch lag, vibrierte und einen kurzen Piepton von sich gab. Sie saß mit ihrer Freundin Nevra in einem Café am Anleger von Heybeliada, einer der neun Inseln, die vor Istanbul im Marmarameer lagen, noch zur Stadt gehörten und Prinzeninseln hießen. Die Inselgruppe war ein beliebtes Ausflugsziel für stressgeplagte Großstädter. Es gab keinen Autoverkehr, als Fortbewegungsmittel dienten Pferdekutschen und Fahrräder. Dadurch war nicht nur die Luft besser, vor allem in den Sommermonaten, wenn sich die Hitze in den dicht bebauten Straßenschluchten des Festlandes staute, das ganze Leben auf den Inseln war irgendwie entschleunigt. Kathrin liebte es, durch die von Bäumen gesäumten Straßen mit den zumeist liebevoll renovierten Holzhäusern zu schlendern, gerade im April und Mai, wenn die üppigen Bougainvillea-Sträucher blühten und mit ihrem Magenta den Kontrast zwischen den weiß lackierten Holzfassaden und dem stahlblauen Himmel milderten. Außerdem konnte hier schon zu dieser Jahreszeit baden, wer Wassertemperaturen von achtzehn, zwanzig Grad nicht scheute. Wann immer sie vier, fünf Stunden Zeit hatte, fuhr sie raus auf die Inseln. So auch an diesem Morgen. Dienstags hatte sie nur eine frühe Vorlesung. Direkt im Anschluss war sie mit Nevra nach Heybeliada gefahren, die sie besonders in ihr Herz geschlossen hatte. Die Sommervillen reicher Istanbuler waren auf Büyükada noch größer und prächtiger, dafür lag Heybeliada dem europäischen Teil Istanbuls am nächsten. Die Überfahrt von Kabataş war eine halbe Stunde kürzer, außerdem gab es nur zwanzig Minuten zu Fuß von der Anlegestelle entfernt einen annehmbaren Strand mit ein paar Liegen und Sonnenschirmen und einem kleinen Restaurant mit akzeptablen Preisen. Für einen halbtägigen Ausflug ans Meer, für den man nicht alles selbst mitschleppen wollte, also genau das Richtige.

Kathrin war Dozentin für Architektur und Städtebau an der altehrwürdigen, 1882 gegründeten Mimar Sinan Universität der Schönen Künste, die im Stadtteil Fındıklı direkt am Bosporus lag. Schon während ihres Studiums an der Fachhochschule Köln hatte sie ein Auslandssemester an der Mimar Sinan verbracht – fünfzehn Jahre war das mittlerweile her – und schließlich über das Thema »Moderner Städtebau – Strategien für historisch gewachsene Großstädte am Beispiel Istanbuls« promoviert. Immer wieder war sie in den Semesterferien nach Istanbul geflogen, um lieb gewonnene Freunde zu besuchen und weil die Stadt sie faszinierte, das rasende Tempo, mit dem sie sich veränderte und sich gleichzeitig treu blieb. Nach dem Studium war sie dann aber erst einmal nach Hamburg gegangen, wo man die Hafencity plante und baute und Bedarf an jungen Architekten war. Ihr gefiel die Stadt, der Job aber erwies sich als Enttäuschung. Europas größtes Städtebauprojekt, wie man das neue Viertel südlich der Speicherstadt an der Elbe mit unhanseatischer Bescheidenheit gerne nannte, entpuppte sich auf den Plänen – und an ein oder anderer Stelle auch schon in der Realität – als lieblos aneinandergereihte Ansammlung ziemlich fantasieloser Wohn- und Geschäftsklötze, die moderne Adaptionen der alten Speicher darstellen sollten, dazwischen schachbrettartige Straßenzüge, die parallel zu den alten Hafenbecken verliefen. Architektonische Freiheiten und stadtplanerische Visionen, das musste sie, schon kurz nachdem sie im Team eines renommierten deutsch-iranischen Architekten angefangen hatte, feststellen, waren längst unter dem Staub deutscher Bürokratie und der Piefigkeit regionaler Politik begraben. Also heuerte sie kurz entschlossen – ein Headhunter hatte eines Abends bei ihr zu Hause angerufen – bei einem internationalen Architekturbüro an, das in Istanbul eine Dependance unterhielt und händeringend Architekten suchte. 2004 war das gewesen, die Stadt mittlerweile eine einzige Baustelle, der Stillstand der letzten Jahrzehnte des vergangenen Jahrtausends einem ungeheuren Bauboom gewichen, der Fachleute aus der ganzen Welt aufsog. Wer war da besser geeignet als sie?

Auch zahlte sich aus, dass sie während des Auslandssemesters bereits einen Türkischkurs absolviert hatte und ihre Sprachkenntnisse in der Zwischenzeit so weit ausgebaut hatte, dass sie trotz ihrer blonden Haare und blauen Augen im Alltag als Türkin durchging. Schon nach drei Jahren, in denen sie an der Planung und Entwicklung diverser Großprojekte mitgearbeitet hatte, wurde ihr eine Gastprofessur an der Mimar Sinan angeboten, die sie annahm. Keine schlechte Karriere für ein Mädchen aus einem niederrheinischen Dorf, nicht weit von der niederländischen Grenze entfernt, dachte sie immer wieder. Nur dass sie dabei ziemlich »geç kaldı« geworden war, »zu lang geblieben«, wie es die Türken nannten, wenn eine Frau mit achtunddreißig Jahren noch unverheiratet und kinderlos war.

Nun hatten Nevra und sie also Çay, starken türkischen Tee, aus kleinen Gläsern getrunken und Karadut Dondurmalı Kazandibi gegessen, karamellisierten Reispudding mit dem sehr fruchtigen, aber nicht zu süßen Eis aus schwarzen Maulbeeren, während sie auf die Fähre zurück nach Kabataş warteten. Kathrin hatte am späten Nachmittag noch einen Termin an der Uni, die praktischerweise nur eine Station mit der Straßenbahn vom Fähranleger entfernt lag. Sie nahm ihr Telefon vom Tisch und schaute auf das Display, auf dem das Symbol für eine eingegangene Kurznachricht blinkte. Sie drückte auf den Bildschirm, die Nachricht erschien. Sie war von Erol, einem befreundeten Musiker, der wie sie auf der asiatischen Seite wohnte, im zum Stadtteil Üsküdar gehörenden Viertel Kuzguncuk, das sich noch einen gewissen dörflichen Charme erhalten hatte, obwohl es direkt gegenüber von Beşiktaş lag, sehr zentral also, noch vor der ersten Bosporus-Brücke. Kuzguncuk war eine Oase der Ruhe in der tosenden Betonwüste Istanbuls. Viele Künstler und Intellektuelle hatten sich in dem seit jeher multikulturellen Viertel niedergelassen, in dem es zwischen schiefen alten Holzhäusern eine Moschee, drei Kirchen, armenisch und griechisch-orthodox, und auch eine Synagoge gab.

»Du glaubst das nicht!«

»Was?«

Nevra war sichtlich irritiert ob der Lautstärke ihres Ausrufs.

»Die Polizei ist mit Reizgas und Schlagstöcken gegen ein paar Studenten vorgegangen, die im Gezi-Park gegen das Abholzen der Bäume und den Bau dieser als Nachbau einer osmanischen Kaserne getarnten Shopping Mall protestiert haben!«

Mine

Vedat lag auf dem Sofa und schaute fern, als Mine am frühen Abend nach Hause kam. Sie hatte noch über eine Stunde lang auf den englischen Journalisten eingeredet, ihm von den Plänen der Regierung erzählt, auf dem Gelände des Gezi-Parks ein Einkaufszentrum zu errichten und damit eine der letzten Grünflächen in Beyoğlu dem Konsum zu opfern, wie auch schon das über einhundert Jahre alte Emek-Theater in der Istiklal Straße einer Shopping Mall weichen sollte und die Polizei Anfang April Proteste von Künstlern, darunter der griechisch-französische Regisseur Costa-Gravas, mit Wasserwerfern und Tränengas beendet und unter anderen den berühmten Filmkritiker Berke Göl festgenommen hatte. Immer wütender war sie geworden. Die Regierung verschachere die kulturelle Identität der Stadt an den Kommerz, Premierminister Erdoğan sei ein Banause, der, als man beim Bau der Metro, die einmal unter dem Bosporus hindurchführen soll, die Überreste eines alten römischen Hafen gefunden hatte, abfällig von ein paar Keramikscherben gesprochen habe. Marc, der Journalist, hatte ihr aufmerksam zugehört und sie nur gelegentlich mit einer Zwischenfrage unterbrochen. Am Ende war er aufgestanden, hatte gesagt, dass er ihren Unmut verstehe, er aber nun mal im Urlaub sei, ihr aber immerhin seine Telefonnummer gegeben und versprochen, mit den Kollegen im Istanbuler Büro des Nachrichtenmagazins, für das er arbeitete, zu sprechen.

»Und? Wie war’s?«

Vedat schaute auf, als sie ins Wohnzimmer trat.

»Ist das dein Ernst? Das fragst du mich?«, giftete Mine.

»Du müsstest doch wissen, wie es war!«

»Was? Ich? Wissen? Wieso?«, stammelte er verdutzt.

»Und was ist mit deinen Augen los? Hast du geweint?«

Mine dreht sich zur Seite und schaute in den Spiegel, der in seinem verschnörkelten Rahmen über der alten Holzkommode, einem Erbstück von ihrer Großmutter, hing, und erschrak. Ihre Haare standen noch wilder vom Kopf ab als sonst, die Partie um ihre Augen war stark gerötet und angeschwollen.

»Geweint?«

Sie wandte sich wieder Vedat zu.

»Das kommt vom Gas, das deine netten Kollegen mir ins Gesicht gesprüht haben!«

»Was?«

Vedat war aufgesprungen, auf Mine zugestürzt und hatte sie mit beiden Armen an den Schultern gepackt.

»Was ist passiert? Erzähl!«

»Ich muss mich setzen, lass uns in die Küche gehen. Ich brauche jetzt erst einmal einen Tee.«

Vedat trottete hinter Mine her, die sich auf einen Stuhl an dem kleinen Küchentisch fallen ließ, während er Tee, den er wahrscheinlich wie immer direkt aufgesetzt hatte, nachdem er nach Hause gekommen war, in zwei Gläser goss, eines davon zusammen mit der kleinen Zuckerschale vor Mine stellte und sich dann neben sie auf den zweiten Stuhl setzte.

»Erzähl!«

Mine versuchte, ruhig zu bleiben. Was konnte Vedat dafür? Aber ihre Schultern, ihr ganzer Körper bebte vor Wut, Schreck und Fassungslosigkeit, als sie ihm berichtete, was im Gezi-Park passiert war. Vedat hörte sprachlos zu, bis sie fertig war.

»Und du hast davon nichts gewusst? Du bist doch bei der Polizei, das musst du doch mitbekommen haben!«

»Nein, nichts. Meine Einheit hat ganz normal Bereitschaft geschoben, wir haben den ganzen Tag in der Kaserne gehockt.«

Die gewalttätigen Übergriffe der Polizei gegen Demonstranten jeder Art waren gelegentlich Anlass für Diskussionen am Küchentisch gewesen, und immer hatte sich Vedat ihr gegenüber davon distanziert, aber nie Einzelheiten von seinen eigenen Einsätzen erzählt. Sie hatte es irgendwann aufgegeben, ihn danach zu fragen, sie bekam ohnehin immer die gleichen Antworten. Dass es sich um einige schwarze Schafe bei der Polizei handelte, die gelegentlich über das Ziel hinausschössen und so weiter.

»Versprich mir, dass du bei so etwas nicht mitmachst!«

Mine hatte sich auf seinen Schoß gesetzt, ihn umarmt und geküsst, er in ihrer Umarmung genickt.

»Die haben in der Kaserne nichts davon erzählt.«

Vedat zuckte entschuldigend mit den Schultern.

»Und im Fernsehen haben sie auch nichts darüber gebracht.«

»Lass gut sein, du schaust einfach die falschen Kanäle.«

Sie stritten sich manchmal, wenn Mine Halk TV oder Ulusal Kanalı einschaltete, zwei kleine, unabhängige Nachrichtensender, die politisch eher links – Vedat würde sagen: »zu links« – einzuordnen waren. Er guckte, wenn nicht einen der zahlreichen Sportsender, was meist der Fall war, staatliches TRT oder CNN Türk. Meistens gab sie nach und klappte dann ihren Laptop auf, um sich die Nachrichten, die sie interessierten, aus dem Netz zu holen. Oft war das ohnehin nicht. Die türkische Politik ödete sie an, lauter testosterongeschwängerte Typen mit Schnauzbärten, die ständig nur herumschrien – egal ob im Parlament oder im Interview. Und zu Hause, bei ihren Eltern, diese endlosen Diskussionen, die nie zu etwas anderem führten als dicken Köpfen am nächsten Tag, weil mindestens genau so viel geraucht und getrunken wie geredet wurde.

»Übrigens ist unser Zelt weg. Und mein Schlafsack auch. Das haben die einfach alles an Ort und Stelle angezündet oder mitgenommen. Ich konnte nur noch meinen Rucksack retten.«

»Ich hake mal nach, vielleicht findet sich das Zeug ja noch.«

Es klang dahingesagt. Vedat war schon auf dem Weg zur Wohnungstür, um in einem kleinen Restaurant unten an der Ecke Köfte mit Reis und Salat für das Abendessen zu holen. Mine telefonierte währenddessen mit ihrer Mutter, die natürlich besorgt und empört war über das, was ihre Tochter ihr über die Geschehnisse im Gezi-Park erzählte. Erst als Mine ihr tausendmal versichert hatte, dass mit ihr alles in Ordnung sei, und versprach, sich in Zukunft rechtzeitig vor dem Einschreiten der Polizei von solchen Kundgebungen zu entfernen – ganz verbieten könne und wolle sie ihrer Tochter ihr Engagement ja nicht –, beendete sie das Gespräch mit einem immer noch besorgt klingendem »Pass auf dich auf!«, just in dem Moment, als Vedat mit der Tüte vom Restaurant in der Hand zur Tür hereinkam. Sie aßen schweigend auf dem Sofa, die Plastikteller auf den Knien, und schauten sich auf DVD eine Raubkopie von »Ice Age 4« an, die Vedat zwei Tage zuvor mit nach Hause gebracht hatte. Das Telefon blieb den ganzen Abend über stumm, ebenso die Türklingel. Offensichtlich hatte ihre Mutter dem Vater nichts erzählt, der sonst sofort zurückgerufen hätte oder gleich vorbeigekommen wäre, um seine einzige Tochter einer umfassenden medizinischen Untersuchung zu unterziehen und anschließend befreundete Anwälte aus dem Schlaf zu klingeln, damit sie Istanbuls Polizeibehörden mit einer Klagewelle überzogen. Mine duschte, dann legte sie sich neben Vedat ins Bett.

»Ich gehe da morgen wieder hin!«

Sie beugte sich zu ihm herüber und drückte ihm einen Gutenachtkuss auf den Mund.

»Lass uns beim Frühstück darüber sprechen.«

Vedats Antwort war nur noch ein Murmeln. Dann drehte er sich um und gab schon Sekunden später nur noch die ruhigen Atemgeräusche eines Schlafenden von sich.

29.–30. Mai
Marc

Am nächsten Morgen war Marc schon recht früh wach. Er hatte sehr unruhig geschlafen, was ungewöhnlich war, schlief er doch im Urlaub in der Regel wie ein Murmeltier, acht oder neun Stunden, manchmal auch länger, als hole sich sein Körper zurück, was Marc ihm, wenn er arbeitete, insbesondere in Krisengebieten, vorenthielt. Immer wieder musste er an diese junge türkische Frau denken, Mine. Nicht nur, aber auch natürlich, weil sie mit ihren ungezähmten dunklen Locken, den großen, fast schwarzen Augen, den vollen Lippen und ihrer zierlichen, aber wohlproportionierten Figur unglaublich hübsch war. Vor allem aber wegen der Art, wie sie und wegen dem, was sie erzählt hatte. Mit den Armen gestikulierend, die Augen gerötet und geschwollen, aber vor Wut leuchtend, und in hervorragendem Englisch hatte sie ihm derart plastisch davon berichtet, mit welcher Brutalität die Polizisten gegen sie und die vielleicht fünfzig anderen Demonstranten vorgegangen war, dass er es bildlich vor sich sah: die Schlagknüppel, die auf Köpfe und Schultern trafen, in Rücken und Kniekehlen, das Tränengas, aus kürzester Entfernung in Gesichter gesprüht.

Er hatte in verschiedenen Ländern wilde Straßenschlachten erlebt, in denen Polizisten mit Steinen und Molotow-Cocktails beworfen, mit Holzlatten, Eisenstangen, Baseballschlägern, manchmal sogar mit Messern und Schusswaffen angegriffen worden waren, dass ihm der Einsatz von Wasserwerfern und Reizgas in manchen Fällen als legitimes Mittel der Selbstverteidigung vorgekommen war. Aber was er von Mine hörte, war etwas ganz anderes, die Reaktion der Einsatzkräfte schien einfach völlig überzogen. Er konnte natürlich nicht wissen, was passiert war, während er im Büro der Fluggesellschaft sein Ticket umbuchte und anschließend zu Mittag aß. Die Situation vorher aber – ein paar junge Menschen, Sprechchöre, eine Hand voll Plakate – war ziemlich harmlos gewesen, das hatte er schließlich mit eigenen Augen gesehen. Und wenig später Schwaden von Gas in der Luft, die geröteten Augen, der Junge mit der Kopfwunde.

Marc zog sich an und ging hinunter in den Frühstücksraum des Hotels, der um diese Zeit – es war erst halb acht – noch gähnend leer war, weil die meisten Touristen im Galataviertel bis in die frühen Morgenstunden in den zahllosen Bars und Clubs versumpften. Er bestellte einen Cappuccino und einen frisch gepressten Orangensaft und nahm sich den gesamten Stapel der auf einem Tischchen am Eingang ausliegenden Zeitungen mit an seinen Tisch, vier türkische, zwei englische, sogar die beiden deutschen, obwohl er die nicht lesen konnte. Nirgendwo fand er ein Foto oder auch nur ein paar Zeilen über den gestrigen Vorfall. Er zückte sein Mobiltelefon, wählte sich ins WLAN des Hotels ein und durchforstete die Online-Ausgaben der zahlreichen internationalen Medien, die er sich als Link auf die Startseite gelegt hatte. Nichts. Er fragte den Kellner, aber der zuckte nur mit den Schultern. Ob er nichts wusste oder Marcs Frage einfach nicht verstanden hatte, ließ die Geste offen.

Gegen neun verließ er das Hotel und ging über die Istiklal Straße, in der die Geschäfte fast alle noch geschlossen hatten, Richtung Taksim-Platz. Die Geschichte hatte sein journalistisches Interesse geweckt. Wie konnte es sein, dass in den türkischen Zeitungen nichts, aber auch gar nichts über einen Polizeieinsatz zu lesen war, bei dem es doch offensichtlich Verletzte gegeben hatte? Außerdem verspürte er nicht wenig Lust, Mine wiederzutreffen. Sich mit ihr zu unterhalten, war deutlich anregender als der banale Small Talk mit Straßenhändlern, Kellnern oder Touristen, auf den er sich in den ersten Tagen in Istanbul eingelassen hatte. Außerdem war sie deutlich hübscher als seine bisherigen Gesprächspartner. Auf dem Weg machte er, um sich noch nicht ganz von seinem Status als Urlauber zu verabschieden, an der Basilika St. Antonius Halt, einer etwa einhundert Jahre alten römisch-katholischen Kirche, die, eingerahmt von großbürgerlichen Häusern, etwas zurückversetzt an der Istiklal lag. Der Bau war nicht sonderlich spektakulär, wie Marc fand, aber immerhin hatte hier Paul VI. 1967 die erste Heilige Messe eines Papstes auf türkischem Boden gefeiert. Interessant war auch, dass Gottesdienste nicht nur in türkischer, sondern auch in englischer, italienischer und polnischer Sprache abgehalten wurden, weil die meisten Katholiken in Istanbul Ausländer waren. Marc selbst war nicht sehr gläubig. Klar, er war im christlichen Wertesystem aufgewachsen, aber mit Religion oder gar Kirche hatten schon seine Eltern wenig anfangen können. Er hatte allerdings einiges gelesen über die Schwierigkeiten religiöser Minderheiten in der nach offiziellen Angaben zu neunundneunzig Prozent muslimischen Türkei. Vor den Neubau nicht-islamischer Gotteshäuser waren hohe bürokratische Hürden – um nicht zu sagen: Schikanen – gesetzt, und immer wieder wurden Christen und selbst zum muslimischen Glaubensspektrum gehörige Alewiten Ziele von Übergriffen durch sunnitische Mobs, gab es gar Tote, wie den armenischstämmigen Journalisten Hrant Dink, der 2007 ermordet worden war.

Einige Hundert Meter vor dem Taksim-Platz setzte er sich in die Filiale einer amerikanischen Kaffeehauskette, die er normalerweise mied. Aber der Cappuccino im Hotel war ziemlich dünn gewesen, und er brauchte morgens einfach eine ordentliche Koffeindosis, um in Schwung zu kommen, außerdem gab es dort kostenfreies WLAN. Also bestellte er sich einen Latte macchiato mit einem dreifachen Espresso und wählte sich ins Netz ein. Diesmal benutzte er eine Internet-Suchmaschine und wurde fündig. In einem der sozialen Netzwerke stieß er auf zwei Seiten, die sich »Diren Gezi Parkı« und »Taksim hepimiz« nannten. Die Texte waren zwar ausschließlich in türkischer Sprache, auf den zahlreichen Fotos aber erkannte er einige der Demonstranten von gestern wieder. Die Bilder waren teilweise ziemlich drastisch, sie zeigten Polizisten mit erhobenen Schlagstöcken, fliehende Demonstranten mit Panik in den Augen, Menschen mit blutenden Kopfwunden und brennende Zelte. Eines war besonders. Dafür hatte Marc einen Blick. Wenn die Fotografen, die ihn bei Einsätzen in Kriegs- und Krisengebieten begleiteten, ihm die Fotos des Tages auf dem Laptop zeigten, wusste er meist schon, welche später von der Fotoredaktion zur Illustration seiner Artikel ausgewählt wurden. Dieses zeigte eine Frau in einem roten Kleid, mit einer weißen Umhängetasche über der rechten Schulter, der ein Polizist aus nächster Nähe eine Ladung Tränengas ins Gesicht sprühte. Der Druck des Gases ließ ihre langen Haare nach oben stehen, als hänge sie kopfüber. Es hatte sie offensichtlich völlig ohne Vorwarnung getroffen, eine Unbeteiligte, deren Körperhaltung keinerlei Abwehrreaktion erkennen ließ, die rechte Hand den Tragegurt der Tasche umfassend, die linke am ausgestreckten Arm locker herunterhängend. Hätte er einen Artikel über Polizeigewalt geschrieben, das wäre das Bild dazu gewesen. Während er seinen dreifachen Espresso mit geschäumter Milch schlürfte, schaute er wie gebannt auf dieses eine Foto. Bis das Telefon in seiner Hand erst vibrierte und dann klingelte.

Kathrin

Kathrin hatte am Morgen eine Vorlesung. Wie immer war sie mit dem Bus die drei Stationen von Kuzguncuk zum Anleger in Üsküdar gefahren, auf die Fähre nach Kabataş gestiegen, die zur Hauptverkehrszeit mit einer zweiten Fähre im Sieben-Minuten-Takt, genau die Zeit, die die Schiffe für die Querung des Bosporus brauchten, pendelte, und hatte dann die Tram genommen, um eine Station später, in Fındıklı, fast direkt vor ihrer Uni wieder auszusteigen. Fünfzehn Minuten, maximal zwanzig, brauchte sie von Haustür zu Haustür. Nicht schlecht, dachte sie häufig – wenn man in einer Stadt mit zwanzig Millionen Einwohnern lebt. Das Öffentliche Personennahverkehrssystem hatte sich in den letzten Jahren tatsächlich erheblich verbessert, das musste man der AKP und Premierminister Erdoğan, der zuvor Oberbürgermeister von Istanbul gewesen war, lassen. Indirekt hatte damit auch ihre heutige Vorlesung zu tun. »Planen im Bestand« war der Titel. Es ging um die städtebauliche Herausforderung, Historisches zu erhalten und gleichzeitig den Anforderungen an moderne Mobilität gerecht zu werden. Sie ging kurz in ihr Büro, um den Laptop zu holen, auf den sie als Beispiel einige Pläne von einem Großprojekt in Aksaray, an dem sie vor einigen Jahren mal am Rande mitgearbeitet hatte, kopiert hatte, um sie über den Beamer an die große Leinwand zu werfen.

Als sie pünktlich zu Vorlesungsbeginn um neun Uhr am Hörsaal ankam, hörte sie lautes Stimmengewirr. Sie öffnete die Tür und sah, dass kaum einer der Studenten, wie sonst üblich, saß. Fast alle standen in Gruppen zusammen und diskutierten. Es gab, das konnte sie heraushören, nur ein Thema: Offensichtlich hatte sich das gewaltsame Vorgehen der Polizei im Gezi-Park herumgesprochen. Auch wenn weder die Abendnachrichten im Fernsehen noch die Tageszeitungen darüber berichtet hatten, Kathrin hatte zumindest nichts gesehen. Die ausufernde Gewalt, die so häufig bei Polizeieinsätzen gegen Demonstranten zu beobachten war, war ihr selbst auch schon häufiger aufgestoßen. Sie hatte bei einer Demo gegen den Abriss des Emek-Theaters einmal miterlebt, wie hemmungslos Schlagstöcke, Tränengas und Wasserwerfer selbst gegen friedliche Protestler eingesetzt wurden. Und die Pläne für diese nostalgische Kasernenkopie auf dem Gelände des Gezi-Parks und die gesamte Neugestaltung des Taksim-Platzes hielt sie, gelinde gesagt, für eine städtebauliche Katastrophe. Der Park selbst, immerhin von dem bekannten französischen Architekten und Städteplaner Henri Prost auf persönliche Einladung Kemal Atatürks 1936 entworfen und knapp fünfzehn Jahre später fertiggestellt, war allerdings auch keine Glanzleistung. Zumindest war er ziemlich verwahrlost. Wegen des Vorfalls gestern nun aber gleich den Lehrplan über den Haufen zu werfen und eine spontane Diskussion über Wert und Nutzen städtischer Grünflächen gegenüber denen eines Einkaufszentrums zu beginnen, ging ihr dann doch zu weit. Sollten sich die Gemüter an so etwas Profanem wie den Planungsschwierigkeiten bei der Verkehrsführung und dem Bau einer Fußgängerverbindung zwischen Metro und Tram in Aksaray abkühlen, bei der die knapp fünfhundertfünfzig Jahre alte Murat Paşa Moschee hatte mit einbezogen werden müssen. Und so verschaffte sie sich mit lauter Stimme Gehör, bat, dass sich die Anwesenden setzen mögen, wartete eine Minute, bis ihrer Aufforderung Folge geleistet worden war und begann mit der Vorlesung. Ein hoffnungsloses Unterfangen, wie sie wenig später feststellen musste. Ihre Studenten blieben unruhig, beteiligten sich kaum, überall steckten Köpfe zusammen, wurde getuschelt. Kathrin verkürzte ihr Programm und beendete die Vorlesung nach einer knappen Stunde, dreißig Minuten vor der Zeit.

»Frau Professor, was sagen Sie denn dazu?«

Eine Studentin rief ihr hinterher, als sie den Hörsaal mit dem Laptop unter dem Arm verließ. Sie tat, als habe sie die Frage nicht gehört und ging schnellen Schrittes Richtung Mensa. Im Gang kam ihr ihre Kollegin Zübeida entgegen.

»Kathrin, hast du gehört, was gestern passiert ist?«

Kathrin nickte.

»Ja, und? Machst du mit?«

Zübeida wirkte ganz aufgeregt.

»Mitmachen? Wobei?«

Zübeida guckte sie etwas überrascht an.

»Na, protestieren. Im Park. Ein paar Kollegen gehen jetzt hin. Viele meiner Studenten sind schon da.«

Kathrin staunte. Zübeida, die wie sie in Kuzgungcuk wohnte, war Mitte fünfzig, hatte drei Militärputsche, die blutigen Unruhen in den Kurdengebieten und Hunderte niedergeknüppelte Demonstrationen in ihrem Land miterlebt und war dennoch Feuer und Flamme für den Widerstand von ein paar Baumschützern in einem kleinen Park? Was passierte hier?

»Ich überleg’s mir«, sagte Kathrin, wollte weitergehen, überlegte es sich dann – warum, wusste sie nicht wirklich – anders.

»Warte, ich komme mit.«

Draußen, vor dem Haupteingang des Unigebäudes, hatten sich bereits Dutzende Studenten versammelt, viele trugen Rucksäcke, an die Isomatten und Schlafsäcke geschnallt waren und zusammengerollte Stoffbahnen, offensichtlich Plakate, in den Händen, manche schwenkten türkische Flaggen. Zwischen ihnen erkannte Kathrin weitere Mitglieder des Lehrkörpers, die sich den Studenten offensichtlich anschlossen. Dann setzte sich der Zug in Bewegung zur Tramstation und Kathrin trieb einfach mit. Die Studenten wirkten aufgekratzt, die Stimmung war friedlich-fröhlich, einige starteten Sprechchöre:

»Parkımızı vermiyoruz. Gezi hepimiz.«

Wir geben unseren Park nicht her, Gezi gehört uns allen.

»Toll, dass Sie mitmachen.«

Kathrin drehte sich zu der Sprecherin um, die direkt hinter ihr auf dem Bahnsteig stand. Es war die Studentin, die sie bereits beim Verlassen des Hörsaals angesprochen hatte. Kathrin lächelte etwas unsicher. Dann rollte die Tram ein. In Kabataş stiegen sie um in die Füniküler, eine Tunnelseilbahn, die hoch zur Metrostation am Taksim-Platz führte. Vom Ausgang der Füniküler zum Eingang des Parks waren es vielleicht fünfzig Meter. Der Platz war, obwohl es noch Vormittag war, bereits ziemlich voll und von allen Seiten strömten kleine Gruppen zumeist junger Leute herbei und weiter Richtung Park. Viele schwenkten Fahnen, Kathrin erkannte die Logos verschiedener Gewerkschaften und kleinerer, zumeist linker Parteien. Auf selbst gemalten Plakaten und Bannern konnte sie »Stopp demolition of Gezi-Park!« lesen, oder »Occupy Gezi«. Unwillkürlich musste sie lächeln. Schon war das Ganze internationalisiert. Aber wie hatten die sich nur so schnell organisiert?

Dann sah sie die Mannschaftswagen der Polizei, die dort aufgefahren waren, wo – seit Taksim eine Großbaustelle war – die Busse des Flughafenshuttles hielten, am nordöstlichen Ende des Platzes, vor dem Atatürk Kulturzentrum, dessen Zukunft – Abriss oder Erhalt als Museum – ebenfalls heiß umstritten war. Es waren Fahrzeuge der Çevik Kuvvet Polis, einer Sondereinheit, die bei Versammlungen eingesetzt wurde und als besonders brutal verschrien war, mit vergitterten Fenstern und Rammblechen vor der Motorhaube. In deren Schatten hockten die Polizisten, ihre Schilde an die Wagen gelehnt, die Helme davor abgelegt. In der angrenzenden Seitenstraße meinte sie, einen Wasserwerfer auszumachen. Ihr Schritt wurde unwillkürlich langsamer, als sie noch immer in der Gruppe der Studenten und Kollegen die Stufen zum Park hinaufging. Der Zugang war oberhalb der Stufen mit Gittern der Polizei bis auf zwei kleine Durchlässe rechts und links abgesperrt. Dahinter standen, ebenfalls behelmt und mit Schilden und Schlagstöcken ausgerüstet, Polizisten der Zabita, der normalen Polizei des Bezirkes Beyoğlu. In einem vergitterten Geviert um die kleine Polizeistation des Parks, mehr eine Hütte als ein Gebäude, hockte eine ganze Hundertschaft im Schatten der Bäume. Sollte sie umkehren? Das könnte eine heiße Sache werden. In diesem Moment hakte die junge Studentin sie unter und zog Kathrin mit einem aufmunternden Lächeln in Richtung des linken Durchlasses. Als sie, noch immer am Arm der Studentin hängend, an den Absperrungen vorbei auf die offene Fläche in der Mitte des Parks trat, stand sie vor einer kleinen Zeltstadt. Dreißig, vierzig kleine Zelte in allen möglichen Farben standen am Rand, auf den Rasenflächen unter den Bäumen. Plakate waren zwischen die Bäume gespannt, mit Slogans, die sie die Studenten auf dem ganzen Weg hierhin bereits in Sprechchören hatte rufen hören. Im Schutz eines größeren, weißen Pavillonzeltes in der Mitte waren zwei Tische aufgestellt, auf denen ein Megaphon lag, dahinter standen ein paar Stühle. Zwei-, vielleicht dreihundert zumeist junge Menschen in ihren frühen Zwanzigern saßen in Gruppen davor zusammen, sangen zum Spiel von Gitarren und Darbukas, kleinen Trommeln, oder diskutierten rege. Dazwischen hockten oder standen auch einige Ältere, die Kathrin, wenn es nicht gerade Kollegen von der Uni waren, nicht kannte. Ihr Blick streifte über die Gesichter und blieb an dem eines gut aussehenden Mannes hängen, der um die dreißig sein musste. Der Mann schaute abwechselnd ernst und lächelte viel, dabei redete er unaufhörlich. Irgendwie kam ihr der Typ bekannt vor. Aber woher? Dann fiel es ihr ein. War das nicht Can Bonomo, der bekannte Sänger? Musste wohl so sein, schließlich saß eine ganze Traube junger Frauen um ihn herum und hing an seinen Lippen. Promis waren also auch hier. Was er sagte, konnte sie über die Entfernung allerdings nicht verstehen. Die ganze Atmosphäre hatte etwas von einem spontanen Volksfest. Ihr gefiel diese bunte, fröhliche Versammlung, ein Gefühl des Unwohlseins aber blieb.

»Hallo Kathrin, was machst du denn hier?«

Eine Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Neben ihr stand, sie hatte ihre Annäherung nicht bemerkt, eine zierliche junge Frau. Sie brauchte einen Moment, dann fiel es ihr wieder ein. Es war die Tochter einer Kollegin, Kunsthistorikern und wie sie Professorin an der Mimar Sinan, mit der sie mittlerweile eine lockere Freundschaft verband, seit sie sie auch außerhalb der Uni mehrfach auf Kulturveranstaltungen getroffen hatte. Dabei hatte die Kollegin ihr irgendwann auch mal ihre Tochter vorgestellt, die sie gelegentlich bei Theateraufführungen, Ausstellungen und Konzerten begleitete, manchmal zusammen mit einem jungen Mann, der sich als Ehemann der Tochter herausgestellt hatte. Daran erinnerte sich Kathrin, weil es sie erstaunt hatte, dass eine so junge Frau aus dieser gesellschaftlichen Schicht bereits verheiratet war. Sie hatten manchmal nach den Veranstaltungen in irgendeiner nahen Bar zusammen noch ein Glas Rotwein getrunken und sich unterhalten. Glücklicherweise fiel ihr auch der Name der jungen Frau ein. Mine hieß sie. Und noch etwas: War ihr Mann nicht Polizist?

Mine

Mine hatte am Morgen alle Versuche Vedats, sie davon abzuhalten, wieder in den Gezi-Park zu gehen, ziemlich unwirsch zurückgewiesen.

»Da kannst du dich auf den Kopf stellen, aber ich werde nicht zulassen, dass sie dort weiter mit ihren Bulldozern wüten und alles abholzen.«

Vedat hatte geknickt gewirkt. Seine Stimme klang fast flehentlich.

»Tu mir einen Gefallen: Wenn du siehst, dass die Polizisten ihre Gasmasken aufsetzen, renn sofort weg, denn dann geht es los!«

Mine fühlte Wut in sich aufsteigen, die sie nur deshalb mühsam unterdrücken konnte, weil sie wusste, dass Vedat das falsche Ziel war und er es nur gut mit ihr meinte, sich ernsthaft Sorgen machte.

»Wenn wir ihnen keinen Anlass dazu geben, weil wir friedlich bleiben, sollte es dazu doch gar nicht kommen.«

»Du weißt, wie die Polizei ist, die …«

Vedat konnte nicht zu Ende sprechen, weil das Gift der Wut sich dann doch einen Weg gebahnt hätte.

»Und du müsstest das noch viel besser wissen. Du arbeitest nämlich für die!«

Vedat schaute, bedröppelt wie ein kleiner Junge, der beim Naschen ertappt worden war, auf seine Füße.

Sofort bereute sie ihren Ausbruch. Sie war ungerecht.

»Entschuldige, tut mir leid. Ich weiß, dass du nicht so bist.«

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, schob den Zeigefinger unter sein Kinn, hob es leicht an und küsste ihn auf den Mund.

»Ich passe auf, versprochen. Ich habe meine Lektion gestern gelernt.«

Als er etwas sagen wollte, legte sie den Zeigefinger auf seine Lippen, griff mit der anderen Hand ihren Rucksack und war schon draußen. Sie war mit einer Freundin verabredet, die ein Zelt aufgetrieben hatte und mit Mine zusammen an der geplanten Besetzung des Parks teilnehmen wollte. »Taksim hepimiz« nannte sich die Plattform verschiedener Interessengruppen, die sich von der Räumung des Protestcamps am Vortag nicht aufhalten lassen wollte. Ihr Aufruf, den Park mit Zelten zu besetzen, hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet, über E-Mails, Kurznachrichten und soziale Netzwerke, bei denen es sogar schon eigene Seiten gab. Als Mine im Park ankam, sah sie, dass aus den fünfzig Demonstranten des Vortages bereits fünfhundert, vielleicht auch mehr geworden waren. Sie zählte mindestens sechzig, siebzig Zelte, zwischen denen wieder Banner hingen. Allerdings hatte offensichtlich auch die Zahl der Polizisten zugenommen, sowohl am Eingang des Parks am Taksim-Platz als auch am nordwestlichen Ende, wo die Baumaschinen abgestellt waren. In der Mitte des Parks, auf der großen Rasenfläche, wo sie sich mit ihrer Freundin treffen wollte, stand ein großes weißes Zelt mit einigen Tischen und Stühlen. Auf dem Weg dorthin ging Mine an einer großen blonden Frau vorbei, die etwas verloren wirkte, wie sie da herumstand und in die Gegend starrte. Sie war schon neben ihr, als Mine erkannte, dass es eine Kollegin und Freundin ihrer Mutter war. Eine deutsche Architektin, die wie ihre Mutter an der Mimar Sinan Universität lehrte und der sie mehrmals im Theater oder in Galerien begegnet war. Eine nette Frau und um einiges jünger als ihre Mutter. Sie hatten sich direkt geduzt.

»Hallo Kathrin, was machst du denn hier?«

Kathrin hatte sich umgedreht, schaute etwas irritiert und brauchte eine kurze Weile, bis sie antwortete.

»Oh, hallo Mine. Ich nehme an, das Gleiche wie du – protestieren.«

»Cool. Ist meine Mutter etwa auch hier?«

»Nicht, dass ich wüsste. Ich habe sie zumindest noch nicht gesehen. Wollte sie auch kommen?«

»Keine Ahnung, ich dachte nur, ihr habt vielleicht darüber gesprochen.«

»Nein haben wir nicht, ich bin ziemlich spontan einer Gruppe Studenten hierhin gefolgt.«

Mine nickte verstehend.

»Du, ich bin mit einer Freundin verabredet, die muss ich jetzt mal suchen. Aber wir sehen uns hier sicher noch. Und echt cool, dass du mitmachst. Wir sehen uns!«

Mine ließ Kathrin stehen und ging weiter zur Mitte des Parks, wo sie ihre Freundin Şebnem in einer Gruppe vom Kommilitonen entdeckte, die im Kreis um einen Gitarrenspieler herum saßen. Mine hatte sich gerade dazugesellt, mit großem Hallo ihre Freundin und die anderen umarmt, auf beide Wangen geküsst und sich dazwischengehockt, als aus der nordwestlichen Ecke des Parks, wo die Baumaschinen standen, ein dunkles, grollendes Geräusch zu hören war. Offensichtlich waren die Motoren der Bulldozer und Bagger angelassen worden. Sofort entstand ein gellendes Pfeifkonzert, alle sprangen auf und rannten in die Richtung, aus der die Pfiffe und erste Sprechchöre kamen. Auch Mine, die ihren Rucksack einfach liegen ließ, rannte mit. Tatsächlich hatten die Bulldozer begonnen, mit dem Abriss der Mauer fortzufahren, mit dem sie gestern begonnen hatten, bis der BDP-Abgeordnete sie gestoppt hatte. Zwischen den großen Kettenfahrzeugen und den Demonstranten – Mine schätzte ihre Zahl auf vielleicht zweihundert, sie wuchs aber ständig weiter an, weil von überall her Menschen hinzugelaufen kamen – stand eine Einheit der Bereitschaftspolizei und hielt die wütende Menge mit Schilden und drohend erhobenen Schlagstöcken zurück. Immer wieder aber gelang es einzelnen Demonstranten, durchzubrechen oder die Polizeikette zu umlaufen und sich vor die Bulldozer zu stellen und sie zu stoppen. Sofort stürzten sich meist mehrere Polizisten auf sie, zwangen sie mit Schlägen auf die Knie und zerrten sie weg, unter eine Gruppe von Bäumen, wo sie sich, von weiteren Beamten umringt, auf den Boden hocken mussten. Der Lärm war ohrenbetäubend: das Röhren der Maschinen, Schreie, Pfiffe, Sprechchöre, Sirenen von Polizeifahrzeugen. Offensichtlich hatten die Einsatzleiter Verstärkung angefordert.

Mitten in diesem Chaos, in der nach vorne und wieder nach hinten wogenden, stetig anwachsenden Menge der Demonstranten, stand, ihre Empörung größer als ihre Angst, Mine. Zum zweiten Mal nun erlebte sie, wie der Gezi-Park Schauplatz einer Konfrontation wurde zwischen Staatsmacht und Bürgern, die sich ihr widersetzten. Zum zweiten Mal war sie, die unpolitische Mine, die gerne feierte, tanzte und Alkohol trank, einer dieser Bürger. Mine nestelte in dem Gedränge ihr Handy aus der Hosentasche und wählte eine Nummer. Die von Marc.

Marc

»Marc, hörst du das? Du musst sofort kommen, die Polizei schlägt schon wieder zu! Du musst dir das ansehen und darüber berichten!«

Die Anruferin hatte sich keine Zeit genommen, ihn zu begrüßen oder sich vorzustellen, sondern direkt losgeredet, genauer gesagt geschrien. Marc aber hatte die aufgeregte Stimme trotz der lauten Nebengeräusche sofort erkannt. Es war Mine, die junge Türkin, die er am Vortag zusammen mit dem jungen Pärchen nach dem Polizeieinsatz am Rand des Gezi-Parks getroffen hatte.

»Hallo Mine. Langsam, langsam. Was ist los?«

»Ich bin im Park. Du musst sofort kommen, die wollen einfach weitermachen und alles abreißen. Und die Polizei prügelt schon wieder mit ihren Schlagstöcken auf die Leute ein und verhaftet sie. Komm bitte!«

»Okay, ich komme. Bitte sei vorsichtig, bis gleich!«

Marc beendete das Gespräch, steckte sein Telefon ein, ließ den noch halb gefüllten Becher stehen und verließ das Café schnellen Schrittes Richtung Taksim-Platz. Obwohl er die Schreie und die Sirenen im Hintergrund gehört hatte und die Situation tatsächlich bedrohlich klang, schmunzelte Marc und dachte an gestern zurück, als Mine mit verquollenem Gesicht und vom Gas geröteten Augen, in denen eine naive, fast kindliche Empörung blitzte, auf ihn eingeredet, vom Park, den Bäumen und der Regierung erzählt hatte, die sich einen feuchten Kehricht um den Willen der Bürger scherte. Diese zierliche, hübsche, mutige junge Frau war also wieder im Gezi-Park, und wieder schien die Staatsgewalt mit Gewalt zurückzuschlagen.

Er nahm den gleichen Weg, den er am Vortag genommen hatte, die Stufen am Taksim-Platz hoch, nach links an den Absperrungen vorbei, an denen, so schien es ihm, heute noch mehr Polizisten standen, die ihn aber wieder passieren ließen, und eilte durch den kleinen Durchgang in den Park. Schon hier waren die Tumulte zu hören. Er beschleunigte seinen Schritt noch einmal, rannte fast. Die Zahl der Zelte hatte deutlich zugenommen, allerdings saß niemand drum herum. Der Lärmpegel nahm weiter zu, das Pfeifkonzert war ohrenbetäubend. Da, wo sich auch gestern schon die Demonstranten den Baumaschinen entgegengestellt hatten, am hinteren Ende des Parks, waren es nun nicht nur fünfzig, sondern sicherlich vier-, fünfhundert Menschen, die sich in einer dichten Traube versammelt hatten. Die Menge war in ständiger Bewegung, vor und zurück, nach rechts, nach links, und brandete immer wieder wie eine Welle gegen einen massiven Polizeikordon, hinter dem zwei Bulldozer eine Mauer einrissen und dabei ordentliche Mengen Staub aufwirbelten. Marc musste unwillkürlich an Gemälde von mittelalterlichen Schlachtfeldern denken, auf denen Heere im Schwarzpulvernebel geschlossen aufeinanderprallen. Immer wieder versuchten einzelne Demonstranten oder kleine Gruppen aus der Schlachtordnung auszubrechen und die geschlossenen Reihen der Polizei zu durchbrechen oder zu umlaufen. Wenn sich dann Polizisten mit erhobenen Schlagknüppeln auf sie stürzten, auf sie einprügelten und schließlich mit auf den Rücken gebogenen Armen abführten, schwollen das Pfeifkonzert und die Buhrufe noch weiter an.

Mehrere Minuten lang beobachtete Marc die Szene und versuchte gleichzeitig, Mine in der Menge auszumachen, fand sie aber nicht. Dann, ganz plötzlich, kehrte Ruhe auf der Seite der Demonstranten ein, als habe jemand einen Stecker gezogen. Ein Mann in einem karierten Freizeithemd hatte sich einen Weg durch die Menge gebahnt und stand nun direkt vor den Polizisten und redete auf sie ein. Er hatte Papiere in der Hand, mit denen er vor ihnen herumwedelte und auf die er immer wieder zeigte. Ein Uniformierter, der sich im Hintergrund gehalten hatte, ohne Helm, Schild und Schlagstock, dafür aber mit reichlich goldenen Streifen auf den Schultern, drängte sich durch die Reihe der Polizisten und redete mit dem Mann im karierten Hemd, nahm die Papiere in die Hand, schaute darauf, sagte noch ein paar Worte zu seinem Gegenüber und ging zurück durch die Reihen der offensichtlich ihm unterstellten Polizeitruppen auf die Bulldozer zu. Mit einer knappen, aber deutlichen Bewegung seiner Hand signalisierte er den Fahrern, die Maschinen zu stoppen. Deren Motoren erstarben, sofort brandete auf der Seite der Demonstranten Jubel auf. Dem Mann im karierten Hemd wurde auf die Schultern geklopft, dann verschwand er in einer Traube von Menschen, die feiernd um ihn herumtanzten. Die Polizisten zogen sich zurück. Marc staunte. Sollte die Staatsgewalt in diesem Land tatsächlich so schnell kapitulieren? Welche Position hatte der Mann im karierten Hemd, welche Argumente?

Wie aus dem Nichts tauchte Mine vor ihm auf und fiel ihm um den Hals.

»Wir haben gewonnen, Marc. Wir haben gewonnen.«

»Mal langsam, junge Frau.«

Marc lachte und schob Mine sanft von sich, während er ob ihrer plötzlichen Herzlichkeit insgeheim hoffte, dass sie nicht in Begleitung eines Ehemannes, erwachsener Brüder oder Cousins gekommen war.

»Wer war der Typ, der mit den Polizisten gesprochen hat?«

»Das war Sırrı Önder von der BDP, der hat denen irgendetwas von einer fehlenden Genehmigung für den Abriss erzählt und sie gestoppt.«

»Aber das hat er gestern doch auch schon versucht. Sonderlich lange gehalten hat das ja nicht.«

Es tat Marc leid, das freudestrahlende Wesen, das ihm da gegenüberstand, in seiner Euphorie zu bremsen, aber er musste noch nicht einmal seine journalistische Erfahrung bemühen, um zu wissen, dass das noch nicht das Ende der Geschichte war. Dafür reichte der gesunde Menschenverstand.

»Vielleicht hast du recht, jetzt aber haben wir erst einmal gewonnen.«

Mine schien sich ihre gute Laune partout nicht verderben lassen zu wollen.

»Kommst du mit? Wir gehen jetzt erst einmal einen Kaffee trinken.«

Marc schaute hinüber zu den Baumaschinen, aus denen gerade die Fahrer kletterten und die Türen abschlossen. Die Polizisten hatten ihre Helme abgenommen, sie zu ihren Schilden und Schlagstöcken ins Gras gelegt und sich daneben gehockt. Nur von den Demonstranten, die beim Versuch, die Polizeiabsperrung zu durchbrechen, festgesetzt worden waren, war nichts mehr zu sehen. Sie waren offensichtlich abgeführt worden.

»Okay, warum nicht.«

Kathrin

Kathrin wachte auf, als ein Auto mit röhrendem Motor und offensichtlich viel zu hoher Geschwindigkeit über das Kopfsteinpflaster vor ihrem Haus fuhr. Bestimmt einer der Taxifahrer, die die kleine Straße gerne als Abkürzung zum Taxistand in Kuzguncuk nutzten. Das war der einzige Nachteil des Häuschens, das sie vor drei Jahren gemietet hatte. Ansonsten fühlte sie sich sehr wohl in dem über hundert Jahre alten Gemäuer mit den steilen Treppen und den hölzernen Kassettendecken, einem dieser alten armenischen Häuser, wie es noch einige in ihrer Straße gab, die deswegen vor allem an den Wochenenden von Heerscharen von Hochzeitspaaren heimgesucht wurde, um sich in vollem Ornat vor den zumeist liebevoll renovierten Fassaden fotografieren zulassen.

Am Vortag hatte Kathrin sofort die Flucht ergriffen, als es zu den ersten körperlichen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten gekommen war. Sie hatte keine Lust, wegen des Gezi-Parks und seiner Bäume festgenommen zu werden und ihren Job an der Uni zu verlieren. Schon gar nicht wollte sie des Landes verwiesen werden. Wie wenig zimperlich die türkischen Behörden mit Menschen umgingen, die anderer Meinung waren, hatte sie, wenn auch noch nicht am eigenen Leib erlebt, so doch oft genug gehört oder gelesen. So schnell es ohne zu rennen ging, hatte sie den Gezi-Park verlassen und war in die Füniküler gestiegen, die sie hinunter nach Kabataş brachte. Kurz überlegte sie, noch einmal zur Uni zu fahren, wo einiges an Papierkram auf sie wartete, entschied sich dann aber, nach Hause zu fahren. Noch auf dem Weg zum Anleger der Fähre nach Üsküdar hatte ihr Telefon geklingelt. Es war Zübeida gewesen.

»Hey Kathrin, wo steckst du? Ich habe mir schon Sorgen gemacht!«

»Ich bin auf der Fähre nach Üsküdar. Ich hatte keine Lust, zwischen die Fronten zu geraten.«

»Keine Sorge.«

Am anderen Ende der Leitung hatte Zübeida gelacht.

»Das war nur ein kurzes Scharmützel. Jetzt ist alles ruhig, die Polizei hat sich zurückgezogen. Die Abrissarbeiten ruhen. Aber ich halte noch ein wenig die Stellung.«

»Pass auf dich auf!«

Zuhause angekommen hatte sie die ersten der Semesterarbeiten korrigiert, die noch als dicker Stapel auf ihrem Schreibtisch lagen, und war dann mit einer Freundin und deren Mann – sie Deutsche, er Türke, beide Architekten wie sie – in einem netten kleinen Restaurant an der Hauptstraße von Kuzgungcuk etwas essen gegangen. Sie hatten natürlich über die Ereignisse im Gezi-Park gesprochen, das Vorgehen der Polizei verurteilt und sich auch in der Sache auf die Seite der Demonstranten geschlagen, denn als Experten konnten sie ja nur den Kopf schütteln über die Idee, an diesem Ort als bloße Fassade für Ladengeschäfte die osmanische Topçu-Kaserne wieder aufzubauen, deren Abriss noch von Kemal Atatürk selbst angeordnet worden war, um dem Zentrum der Stadt ein ziviles Antlitz zu geben. Außerdem hatte sich auf einem Teil des heutigen Parkareals bis 1930 auch noch einer der größten nichtmuslimischen Friedhöfe Istanbuls, der armenische Pangaltı-Friedhof, befunden, dessen Marmorsteine nach Enteignung und Zerstörung dann teilweise beim Bau des Springbrunnens oder als Treppenstufen Verwendung gefunden hatten. Ein Ort, der ihrer Meinung nach schon deswegen etwas Würdigeres verdient hätte als ein weiteres Einkaufszentrum. Außerdem hatte die Stadtregierung den Bürgern ihre Pläne erst Anfang Mai vorgestellt, als sie beschlossene Sache waren, selbst die Istanbuler Architektenkammer war nicht eingeweiht, ein ziemlich ungewöhnliches Verfahren für ein derart zentrales und vor allem öffentliches Bauvorhaben. Andererseits war es nicht das erste Großprojekt, das in einem Hauruckverfahren durchgepeitscht worden war.

Und so landeten die drei schnell bei einer generellen Diskussion über die Pläne der AKP, die sich in einem Anfall von Größenwahn offensichtlich vorgenommen hatte, die Türkei einmal vollständig umzugraben und sich in Beton zu verewigen. Was sonst sollte man von der Idee halten, ein neues Istanbul am Schwarzen Meer aus dem Boden zu stampfen? Oder einen dritten Flughafen? Natürlich den größten der Welt. Oder einen zweiten Bosporus? Mit solchen großspurigen Plänen schien der Premierminister beweisen zu wollen, dass die Türkei ein echter »big player« war, eine der ganz großen Volkswirtschaften der Welt und eine hochmoderne Nation. Nur dass für ihn Modernität gleichbedeutend mit Glas, Stahl und Beton war. Istanbul lief Gefahr, das gleiche Schicksal vieler anderer Städte Asiens zu erleiden, Singapur, Kuala Lumpur, Shanghai etwa, die ihren rasanten Aufstieg mit dem Verlust ihrer kulturellen Identität bezahlt hatten.

Stoff, sich aufzuregen, gab es also genug. Aber je mehr sich ihre Freunde in Rage redeten, umso nachdenklicher wurde Kathrin. War es nicht ihre Zunft, die der Architekten und Städteplaner, die das Spiel mitspielten? Die sich in futuristischen Entwürfen überboten, um den Zuschlag für ein Projekt zu bekommen? Warfen nicht auch sie gute Vorsätze über Bord, um von dem gigantischen Kuchen der Bauvorhaben ein möglichst großes Stück abzubekommen? Klar, es gab Architekten, die für den Erhalt des Gezi-Parks kämpften oder gegen den Abriss des Tarlabaşı-Viertels protestierten. Am Ende aber waren es eben Architekten, die als Gehilfen der Regierung daran mitwirkten, das Gesicht Istanbuls dramatisch zu verändern.

Für Kathrins Geschmack war in der Diskussion zu wenig Selbstkritik zu hören, und so hatte sie sich früh verabschiedet und erstaunlich gut geschlafen, nach einem kurzen Telefonat mit Zübeida, die ihr versicherte, dass im Gezi-Park alles ruhig geblieben und ihres Wissens unter den festgenommenen Demonstranten keiner ihrer Studenten oder Dozentenkollegen war.

Das Auto hatte sie nur wenige Minuten, bevor ihr Wecker ohnehin geklingelt hätte, geweckt. Sie duschte, zog sich an und verließ das Haus, um in einem Café um die Ecke zu frühstücken. In einem Kiosk kaufte sie drei Zeitungen, um nachzulesen, was im Gezi-Park vorgefallen war und wie es denn nun weiterginge.

Kathrin setzte sich an einen kleinen Tisch, der auf dem Bürgersteig stand, bestellte Tee und Menemen, eine Art Rührei mit Tomaten, grüner Paprika, Käse und gebratener Socuk, Knoblauchwurst. In zwei der Zeitungen fand sie unter der Überschrift »Bauarbeiten gestoppt« ein paar Zeilen zum Gezi-Park, dass ein paar Hundert Studenten gegen das Abholzen der Bäume protestiert hätten, einige von ihnen nach gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei vorübergehend festgenommen worden seien und der BDP-Abgeordnete Sırrı Önder mit einer einstweiligen Verfügung einen vorläufigen Baustopp erwirkt hätte. Mehr nicht. Sehr nachrichtlich gehaltene Berichte, in denen sich allerdings kein Wort zum Einsatz von Tränengas und Gummiknüppeln durch die Polizei fand. In der dritten Zeitung, einer besonders regierungsnahen, wurden die Ereignisse der letzten beiden Tage überhaupt nicht erwähnt. Sehr ausführlich indes wurde in allen Zeitungen über die Grundsteinlegung für die dritte Bosporusbrücke berichtet, die Premierminister Erdoğan am Vortag höchstpersönlich vorgenommen hatte, weil es eines der Prestigeprojekte der AKP-Regierung war. Ausschnitte aus seiner wie immer langatmigen Rede waren abgedruckt, in der er auch ein allerdings sehr kurzes, eher generelles Statement zum Gezi-Park abgegeben hatte: Der Bau der osmanischen Kaserne auf dem Gelände sei beschlossene Sache, basta!

Schau an! Das ist doch wieder typisch, dachte Kathrin, Erdoğan haut mal wieder mit der Faust auf den Tisch und die Presse zensiert sich in vorauseilendem Gehorsam selbst. Sie wusste, dass fast alle Verlage und TV-Stationen im Besitz von großen Firmenkonglomeraten waren, zu denen auch Baukonzerne, Telekommunikationsunternehmen, Hotelketten und was nicht noch alles gehörten. Aus Angst, von der allmächtigen AKP, die auch die meisten der großen Städte in der Türkei regierte, nicht mehr an öffentlichen Aufträgen beteiligt zu werden, hielten sich die meisten Medien mit kritischen Berichten über den Kurs der Regierung und des Premierministers zurück. Ein aus wirtschaftlichen Interessen selbst verpasster Maulkorb gewissermaßen, ganz abgesehen davon, dass in keinem anderen Land der Erde mehr Journalisten hinter Gittern saßen, was die Lust der Medienvertreter auf Opposition zusätzlich schmälerte. Das war in den letzten Jahren immer schlimmer, Kritik am Premier äußerst selten geworden. Pressefreiheit war wahrlich keine Erfindung der Türkei. Damit schienen sich die meisten Bürger dieses Landes allerdings irgendwie abgefunden zu haben.

Kathrins Handy gab einen Ton von sich, der den Eingang einer SMS signalisierte. Dann noch einen. Und noch einen. In kürzester Zeit erreichten sie sechs Kurznachrichten von Freunden, darunter Nevra und Zübeida. Der Inhalt war immer der gleiche: Sondereinheiten der Polizei hatten am frühen Morgen offensichtlich mit brutaler Gewalt das Zeltcamp der Parkbesetzer gestürmt, dabei Tränengas, Wasserwerfer und Schlagstöcke eingesetzt. Es gab Verletzte.

Marc

Er wurde wach, weil sein Mobiltelefon auf dem Nachttisch vibrierte. Marc schaute auf seine Armbanduhr, die er – eine seiner Angewohnheiten – nie ablegte. Es war bereits halb zehn. Er tastete nach seinem Handy. Die SMS war kurz und bündig: »Gehe jetzt in den Park. Polizei hat versucht, ihn zu stürmen. Kommst du?« Keine Ansprache, kein Gruß am Ende. Er musste trotz des Inhalts unwillkürlich lächeln. Die Nachricht war von Mine. Sie waren gestern mit einigen ihrer Freunde erst einen Kaffee trinken gegangen, dann noch einen und noch einen, bis er Hunger bekam. Mine und – wie hießen die drei anderen, zwei Frauen, ein Mann, noch: Meltem, Serap und Yaşar? Namen, vor allem so fremd klingende, waren für ihn Schall und Rauch – schleppten ihn daraufhin in ein kleines Restaurant in einer Seitengasse der Istiklal Straße, wo sie auf Holzschemeln an einem klapprigen Tisch mit Spinat, Käse, Hackfleisch oder verschiedenem Gemüse belegte Pide aßen, pizzaartige Teigfladen. Dazu tranken sie Ayran. Er kam sich vor wie ein Blitzableiter, so sehr fluchten die drei jungen Türken über ihren Premierminister. Dass er ihnen den Alkohol verbieten wolle – beim letzten Efes-Festival habe es schon keinen mehr gegeben, obwohl Efes, der größte Bierbrauer der Türkei, der Hauptsponsor des mehrtägigen Musikfestivals sei. Dass er den Bars und Restaurants untersagt habe, Tische und Stühle rauszustellen, nur weil er da mal mit dem Auto nicht durchgekommen sei. Dass er Kultureinrichtungen schließen lasse, wie das Emek-Theater, dafür aber an jeder Ecke Einkaufszentren und Moscheen aus dem Boden schössen. Richtig in Rage redeten sich die drei, nachdem sie das Etablissement gewechselt und in eine Bar auf dem Dach eines mehrgeschossigen Altbaus umgezogen waren, wo eine Flasche Rakı bestellt und zügig in Angriff genommen wurde. Marc hatte zunächst geduldig zugehört, was ihm bei der wummernden Punk-Musik, die dort in konzerttauglicher Lautstärke gespielt wurde, zunehmend schwerer fiel, weil der türkische Schnaps die Zungen seiner Tischnachbarn derart lockerte, dass sich ihr Englisch in ein nuscheliges Kauderwelsch verwandelte und seine Auffassungsgabe sich gleichzeitig deutlich verlangsamte, bis er irgendwann nicht mehr folgen konnte und begann, in der Gegend herumzustarren, worauf Mine, Meltem und Erol plötzlich mehr miteinander als auf ihn einredeten und dabei – natürlich – ins Türkische verfielen. Gewohnheitsgemäß schaute Marc auf die Uhr. Kurz nach halb eins, Zeit zu gehen. Schließlich wollte er am nächsten Morgen recht früh am Dolmabahçe-Palast sein, im Idealfall noch vor den ersten Tourbussen. Er hatte sich unter heftigem Protest seiner Trinkgenossinnen und -genossen verabschiedet und war zur Theke gegangen, wo er die Flasche Rakı bezahlte, weil die Studenten ihn trotz heftiger Gegenwehr schon zum Essen eingeladen hatten, wobei ihm erneut auffiel, wie teuer doch Alkohol im Vergleich zu so vielen anderen Dingen war.

Marc legte das Handy zurück auf den Nachttisch, bekam beim Aufstehen einen leichten Schwindelanfall und bemerkte auf dem Weg zur Dusche, dass sein Schädel brummte, was sich erst – aber auch nicht vollständig – legte, als er unten im Frühstücksraum den üblichen Cappuccino und ein Glas frischen Orangensaft, dessen Säure ihm allerdings aufstieß, getrunken hatte. Und das mit dem frühen Aufstehen hatte auch nicht wirklich funktioniert, er hatte offensichtlich vergessen, sich den Wecker zu stellen. Wenn es im Dolmabahçe bereits zu voll ist, mache ich halt etwas anderes, dachte er sich und tippte eine Antwort an Mine in sein Mobiltelefon: »Hi Mine. Geht es dir gut? Will jetzt erst einmal in den Dolmabahçe-Palast. Melde mich später. LG, Marc«. Es dauerte keine zwanzig Sekunden, da kam die Antwort. Wie schnell manche Leute auf diesen winzigen Tastaturen herumtippen konnten, war ihm ein echtes Rätsel. »Okay. Solltest danach aber kommen. Muss wild gewesen sein. Mine«.

Marc kämpfte mit sich. Sollte er doch lieber in den Gezi-Park? Istanbuls Sehenswürdigkeiten rannten schließlich nicht weg. Er machte sich wirklich Sorgen um diese temperamentvolle Türkin mit den großen Augen und dem breiten Lachen. Doch er entschied sich anders. Von einer Frau, die kaum mehr als halb so alt war wie er, aus einem völlig anderen Kulturkreis kam und Muslima war, sollte er wohl besser die Finger lassen. Außerdem hatte er die letzten beiden Tage zum größten Teil im oder zumindest thematisch mit dem Gezi-Park verbracht, dabei war er doch, verdammt noch mal, im Urlaub! Er würde später mit Mine telefonieren. Ohne in die bereitliegenden Zeitungen zu schauen, verließ er Frühstücksraum und Hotel, um durch die kleinen Gassen hinab zur Tramhaltestelle in Karaköy zu gehen und von dort nach Kabataş zu fahren.

Sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln in der Stadt zu bewegen war wirklich einfach. Er hatte eine »Istanbul Kart«, die sowohl in der Straßenbahn als auch in der Metro, in Bussen und auf Fähren galt. An entsprechenden Lesegeräten wurde der zu entrichtende Betrag von der Karte abgebucht, aufladen konnte man sie an Automaten oder kleinen Kiosken, die es nahezu überall gab. Sehr praktisch. In Kabataş, der Endhaltestelle, stieg er aus und ging die restlichen zweihundert Meter zum ehemaligen Sultanspalast und Amtssitz Kemal Atatürks zu Fuß, an der Valide Sultan Moschee, die im Volksmund nur Dolmabahçe Moschee hieß und direkt am Bosporus lag, und dem Beşiktaş-Stadion auf der anderen Straßenseite vorbei. Der Parkplatz vor dem Haupteingang des Palastes war schon voller Touristenbusse und Marc konnte bereits aus einiger Entfernung die Schlangen an den Kassen und der Sicherheitsschleuse sehen. Abschrecken lassen wollte er sich davon nicht, der Dolmabahçe gehörte schließlich zum Pflichtprogramm für Istanbul-Besucher, und besser würde das mit den Besuchermassen ohnehin nicht. Im Gegenteil, es war Donnerstag und am bevorstehenden Wochenende kamen zu den ausländischen Touristen auch noch die türkischen. Also stellte er sich an und war erstaunt, dass er ob der sicher fünfzig Meter langen Schlangen innerhalb einer Viertelstunde sein Ticket gekauft und die Sicherheitsschleuse passiert hatte. Das Angebot von Guides, die ihm auf dem Weg zum Eingang des Palastes vielsprachig ihre Dienste anpriesen, lehnte er dankend und auf seinen dicken Reiseführer verweisend mit einem lockeren »Yok, sağ ol, abi« ab. Als eine junge Frau mit schwarzer Hornbrille daraufhin laut loslachte und ihm in akzentfreiem Englisch »Abla, Sir, abla! I am a woman!« hinterherrief, war er kurz irritiert, bis ihm einfiel, dass »abi« ja Bruder hieß. Er drehte sich um, grinste und baute das neu Gelernte direkt in seinen Wortschatz ein: »Teşekkürler, abla!« Vielen Dank, Schwester. Er erntete ein zufriedenes Grinsen und ging weiter.

Drei Stunden wanderte er durch das sechshundert Meter lange Gebäude, das Sultan Abdülmecid I. Mitte des 19. Jahrhunderts bei zwei armenischen Architekten in Auftrag gegeben hatte, staunte über Protz- und Verschwendungssucht in mehr als zweihundertachtzig Zimmern und fast fünfzig Sälen, stand beeindruckt in der über und über mit Gold verzierten Halle, in der die Herrscher über das Großreich Diplomaten empfingen, bewunderte die für die damalige Zeit äußerst fortschrittlichen Toiletten mit Wasserspülung in den mehr als siebzig Badezimmern und Hamams, fühlte sich im zweitausend Quadratmeter großen Muayede Salonu mit seiner sechsunddreißig Meter hohen Kuppel und dem viereinhalb Tonnen schweren, größten Kristallkronleuchter der Welt klein wie eine Ameise und stand für einen kurzen Moment vor Atatürks Sterbezimmer mit der großen türkischen Flagge auf dem Bett und der um fünf Minuten nach neun angehaltenen Uhr, jenem Moment des 10. November 1938, als der als »Vater der Türken« verehrte Staatsmann für immer die Augen geschlossen hatte, bevor er von den nachdrängenden Besucherhorden weitergeschoben wurde.

Nach so viel Gold und Großmannssucht brummte sein Schädel noch mehr und Marc setzte sich im Garten vor dem Haupttor in ein Café, dessen Terrasse direkt am Bosporus lag. Er bestellte einen mittelsüßen Türkischen Kaffee und starrte auf die vorbeifahrenden Schiffe. Ein weißer Kreuzfahrtriese, der gerade in Karaköy abgelegt hatte, lief mit tiefem Horn tutend ins Marmarameer aus, Fähren kreuzten zwischen Europa und Asien, Container- und Frachtschiffe fuhren wie an einer Perlenkette aufgereiht, allerdings mit ausreichendem Abstand voneinander, den Bosporus hinauf. Die Meerenge war aus Sicherheitsgründen Einbahnstraße und nun war die Richtung Schwarzes Meer dran. Fast zwei Stunden saß er so da, schaute stumpf auf glitzerndes Wasser und weiße Schiffsrümpfe und ließ sich Tee bringen, bis die Lebensgeister zurückkehrten und sich in Form eines Hungergefühls meldeten. Er zahlte, ging zurück nach Kabataş und nahm die Füniküler hoch zum Taksim-Platz. Er hatte den unterirdischen Bahnhof gerade über die lange Treppe verlassen, als ihn irgendetwas nach rechts gehen ließ. Zum Gezi-Park. Er musste grinsen. Diese jungen Leute mit ihrem auf ihn ein bisschen naiv wirkenden Engagement für ein paar Bäume hatten es ihm offensichtlich angetan. Besonders Mine, mit ihren wilden Locken, den großen Augen, in denen immer irgendein Funkeln war, und den vollen Lippen, die stets geöffnet waren, weil Mine entweder redete oder lachte und ihre sehr weißen, sehr ebenmäßigen Zähne entblößten. Hey, du alter Sack, sie könnte fast deine Tochter sein!, ermahnte er sich, noch immer grinsend. Er registrierte, eher unterbewusst, dass von allen Ecken des Platzes große Gruppen zumeist junger Leute Richtung Park zogen. Und plötzlich hatte er wieder dieses Kribbeln in der Nase. Tränengas! Im Laufen nestelte er sein Handy aus der Hosentasche. Das Display zeigte ihm fünf Anrufe in Abwesenheit und den Eingang von drei Kurznachrichten an. Der erste Anruf war von halb elf, da hatte er gerade mit der Besichtigung des Dolmabahçe begonnen, der letzte war vor knapp zwanzig Minuten eingegangen, die SMS waren in der Zeit dazwischen gekommen. Absender und Anrufer waren ein und dieselbe Person: Mine. Er verfluchte sich, weil er sein Telefon auf stumm geschaltet hatte, drückte auf die Rückruftaste und rannte die Stufen zum Park hoch. Die Leitung war besetzt. An den Absperrungen standen mit Schilden, Helmen und Schlagstöcken ausgerüstete Polizisten, deutlich mehr als in den beiden Tagen zuvor. Erst jetzt registrierte er die Mannschaftsbusse, die zu beiden Seiten des Parks abgestellt waren. In deren Schatten saßen noch mehr Polizisten, tranken Wasser aus kleinen Plastikflaschen, die meisten rauchten, manche wirkten erschöpft, als hätten sie einen ziemlich harten Einsatz hinter sich. Einige hatten dickläufige Gewehre auf den Knien liegen. Er kannte diese Art Waffen. Sie waren zum Abschießen von Gasgranaten.

Dass er ungehindert den Park betreten konnte, wunderte ihn. Lag es daran, dass er, groß und blond, offensichtlich ein Tourist war? Oder hatten die Polizisten sich dem Druck der Massen gebeugt? Im Park war die Menschenmenge auf mehrere Tausend angewachsen, die auf freien Flächen Zelte aufbauten, in Gruppen zusammenstanden oder auf dem Boden hockten. Fast alle sprachen aufgeregt miteinander. Was, konnte er nicht verstehen. Er sah, dass mehrere Männer Pflaster im Gesicht trugen oder Verbände um den Kopf, im Gras entdeckte er Reste von zerrissenen Zeltplanen und Plakaten, dazwischen schwarze Klumpen, die sich bei näherem Hinsehen als zusammengeschmolzene Synthetikstoffe entpuppten. Als seien Zelte angezündet worden. Oh Mann, dachte er, das muss wirklich heftig gewesen sein. Aber wie sollte er in diesem Chaos Mine finden? Er drückte auf Wahlwiederholung. Diesmal bekam er die Nachricht, dass der Teilnehmer vorübergehend nicht erreichbar sei. Eine gute Stunde irrte er durch den Park, auf der Suche nach Mine, versuchte immer wieder, sie telefonisch zu erreichen. Ohne Erfolg. Entweder hatte sie ihr Handy ausgeschaltet oder der Akku war leer. Er sprach ein paar junge Leute an, die im Gras saßen, und erfuhr so, dass die Polizei am frühen Morgen, gegen fünf Uhr, das Camp der Parkbesetzer gestürmt und unter dem Einsatz von Wasserwerfern und Reizgas geräumt hatte. Mehrere Menschen seien dabei verletzt, andere verhaftet worden. Die Zelte der Demonstranten habe man niedergerissen oder einfach abgefackelt. Danach habe sich die Polizei wieder zurückgezogen. Seine Sorge um Mine wuchs. War sie nach der Rakı-Sause in der Bar noch in den Park zurückgegangen oder doch nach Hause? Alle paar Minuten betätigte er die Wahlwiederholungstaste, schickte Kurznachrichten mit der Bitte, sich zu melden. Aber er bekam keine Antwort. Mines Telefon blieb abgeschaltet. Von den drei anderen, die gestern dabei gewesen waren, hatte er keine Nummern, und auch sonst fiel ihm keine Möglichkeit ein, Kontakt zu Mine aufzunehmen. Er kannte ja noch nicht einmal ihren Nachnamen. Es dämmerte bereits, als Marc aufgab. Er merkte, dass der Hunger ihm mittlerweile ein Loch in den Bauch bohrte, schließlich hatte er an diesem Tag noch rein gar nichts gegessen. Er verließ den Park und ging Richtung Nevizade, einer Bier- und Fressmeile in der Nähe der Istiklal Straße. Bei gegrillter Dorade, die er ziemlich lustlos und nicht sehr geschickt zerteilte, sodass er ständig Gräten ausspucken musste, und einem frisch gezapften Bier, mit dem die Kopfschmerzen und die leichte Übelkeit, die ihn den ganzen Tag begleitet hatten, verschwanden, und ohne einen Blick für das rege Treiben in der engen Gasse wählte er sich in das WLAN-Netz des Restaurants ein und suchte im Internet nach Informationen über den Polizeieinsatz am Morgen. Er fand ein paar kurze Meldungen von Nachrichtenagenturen und auf einem Videoportal einige wackelige Filmschnipsel, die ein aus seiner Sicht ziemlich überzogenes und brutales Vorgehen der Polizei zeigten, was nicht gerade dazu angetan war, ihn zu beruhigen. Von Rakı ließ er an diesem Abend die Finger.

Mine

Mine hatte sich kurz nach Marc verabschiedet. Den Plan, im Park zu übernachten, hatte sie auf dem Rückweg zum Taksim-Platz aufgegeben und war stattdessen nach Hause gegangen. Nicht, weil Vedat sie darum gebeten hatte, sondern weil das Zelt ihrer Freundin Şebnems ihr in ihrem reichlich angeschickerten Zustand plötzlich viel zu unbequem vorkam. Es war so klein, dass Mines Isomatte nicht mehr neben Şebnems Luftmatratze gepasst hatte. Bäume hin, Bäume her, sie wollte in ihrem eigenen Bett schlafen. Vedat war noch wach gewesen, als sie heim kam. Und sauer. Sie hatten sich gestritten.

Es war eine Grundsatzdiskussion geworden. Sie sprach, mit schwerer Zunge, von der Verantwortung des Einzelnen und meinte den Park, er von Verantwortung dem Partner gegenüber und meinte sie. Irgendwann im Laufe der Nacht – sie diskutierten lange – hatte Vedat mit der Hand auf den Küchentisch geschlagen und geschrien, dass es reiche, dass sie, seine Frau, doch einmal auf ihn hören könne. Sie hatten sich beide erschrocken. Vedat fand als Erster die Sprache wieder.

»Es tut mir leid, ich habe das nicht so gemeint. Ich mache mir nur Sorgen. Natürlich kannst du dich für Bäume einsetzen, aber ich habe heute in der Kaserne gehört, dass die Stadtverwaltung sich die Besetzung des Gezi-Parks nicht länger gefallen lassen will. Es heißt, dass Sondereinheiten zusammengezogen werden, um den Park vollständig zu räumen. Auch wir wurden heute Nachmittag in Alarmbereitschaft versetzt.«

Den Park vollständig räumen? Mine konnte nicht glauben, was ihr Mann ihr da gerade gesagt hatte. Das würden die tun? Sie war schlagartig nüchtern und vergaß über diese Nachricht sogar, dass Vedat zum ersten Mal, seit sie sich kannten, den Herrn im Hause hatte raushängen lassen. Es dauerte eine Weile, bis sie ihre Fassung zurückerlangt hatte.

»Gut, dann müssen du und deine Kollegen mich halt mit Gewalt aus dem Park heraustragen!«

Dann stand sie wortlos auf und ging ins Bett. Als Vedat kam, tat sie, als ob sie schliefe.

Am nächsten Morgen war Vedat bereits weg, als sie mit pochenden Kopfschmerzen und einem ziemlich ekligen Geschmack im Mund um viertel vor neun aufwachte. Vor lauter Ärger hatte sie sich vor dem Zubettgehen noch nicht einmal die Zähne geputzt. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel. »Ich rufe dich nachher an. Sei bitte vorsichtig. Ich liebe dich!«, stand da in Vedats ordentlicher, wenn auch etwas kleiner Handschrift. Mine löste eine Kopfschmerztablette in Wasser auf, trank mit zittriger Hand, duschte und zog sich an, packte ein paar frische Klamotten in ihren Tagesrucksack – Schlafsack und Isomatte, sie hatte einfach Vedats genommen, waren ja noch in Şebnems Zelt im Park – und ging los. Als sie ihr Mobiltelefon in die Hand nahm, um Marc auf dem Weg eine SMS zu schreiben, erschrak sie und blieb stehen. Das Telefon zeigte ihr Dutzende verpasste Anrufe und mindestens genauso viele SMS im Eingangsordner an. Sie tippte die SMS zu Ende, dann begann sie zu lesen. Die Polizei hatte den Park gestürmt! Während sie gemütlich zu Hause im Bett gelegen hatte, um ihren Rausch auszuschlafen! Wut kochte in ihr hoch. Auf diese Faschisten von der Stadtverwaltung und der Polizei! Und auf sich selbst, weil sie nicht da gewesen war, um ihren Freunden beizustehen. Glücklicherweise hatte sich Şebnem offensichtlich rechtzeitig in Sicherheit bringen können, eine der Nachrichten und zahlreiche Anrufe waren von ihr. Und soweit sie es anhand der Informationen auf ihrer Mailbox beurteilen konnte, war auch anderen Freunden nichts passiert, was angesichts des Lärms, der im Hintergrund der aufgezeichneten Gespräche wütete – sie hörte Schreie, Explosionen, Motorengeräusche, die wahrscheinlich von den Wasserwerfern herrührten, die in den Park eingedrungen waren, und Polizeisirenen –, fast ein Wunder war.

Şebnem meldete sich bereits nach dem ersten Klingeln. Ihre Freundin klang müde und gleichzeitig irgendwie aufgekratzt.

»Mine, da bist du ja! Alles gut bei dir?«

»Ja, bei mir ist alles gut. Ich habe zu Hause geschlafen. Aber das erzähle ich dir alles gleich. Wie geht es dir? Wo bist du?«

»Ich bin mit den anderen auf dem Taksim-Platz. Ich habe nichts abbekommen. Die anderen auch nicht. Aber wir werden wieder in den Park gehen, sobald sich die Polizei zurückzieht.«

»Okay, ich bin gleich da.«

Mine rannte zur Metrostation Osmanbey und nahm den nächsten Zug nach Taksim, während sie in diversen sozialen Netzwerken die Nachrichten zu den Ereignissen der Nacht und des Morgens überflog. Es waren so viele, dass sie gar nicht dazu kam, auch noch die zahlreichen Videos anzuschauen, die da gepostet worden waren. Şebnem und sie hatten sich vor der Filiale einer amerikanischen Kaffeehauskette neben dem Marmara Hotel verabredet. Auf der zu dem Café gehörenden Terrasse saß bereits ihre Freundin, zusammen mit ein paar jungen Leuten, von denen Mine nicht alle kannte. Sie grüßte in die Runde und umarmte Şebnem, als sei ihre Freundin gerade von einer jahrelangen Weltreise zurück oder gar von den Toten auferstanden. Şebnem befreite sich lachend aus ihrer Umklammerung.

»Hol dir erst einmal einen Kaffee, den brauchst du, so wie du aussiehst. Bist du oder bin ich mit Gas eingenebelt worden?«

Mine war froh, dass ihre Freundin schon wieder lachen und Witze machen konnte. Sie stand gerade an der Kasse, als sie eine Nachricht von Marc bekam. Er sei auf dem Weg zum Dolmabahçe, schrieb er. Und dass er sich melden würde. Mine tippte eine kurze Antwort ins Handy und setzte sich dann mit ihrem Latte macchiato im Pappbecher und einem Schokoladenmuffin zu den anderen.

»Erzähl!«

Und Şebnem begann zu erzählen. Dass sie am Vorabend, als Mine mit Meltem, Serap, Erol und dem Engländer verschwunden war, mit ein paar Freunden noch ein spontanes Konzert im Park besucht und heftig mitgetanzt hatte. Dass sie dann irgendwann, weit nach Mitternacht, in ihr Zelt gegangen war, sich aber keine Sorgen gemacht hatte, dass Mine nicht da war, weil sie sie ja mit den anderen unterwegs wusste, und bald einschlief. Dass sie aufwachte, weil plötzlich alle um sie herum zu schreien und mit Sprechchören begannen: »Gezi bizim, Taksim bizim«. Dass sie noch gar nicht richtig aus dem Zelt gekrochen war, als plötzlich alle wegrannten und die ersten Tränengasgranaten zwischen den Zelten einschlugen. Dass sie im Halbdunkel – es dämmerte gerade erst – nur noch ihre Schuhe und ihren Tagesrucksack griff – glücklicherweise hatte sie sich nicht ausgezogen, weil die Nacht recht frisch gewesen war – und auch weglief, auf nackten Füßen, als sie einen Wasserwerfer und eine Hundertschaft der Polizei auf sich zukommen sah. Dass die Menschen um sie herum in Panik waren, manche taumelten und zusammenbrachen, wenn neben ihnen eine Granate explodierte und Gas verströmte. Dass die Polizisten mit ihren Knüppeln auf die einschlugen, die stehen blieben, um denen zu helfen, die gestürzt waren, und auf die selbst auch. Dass im Strahl der Wasserwerfer Menschen und Zelte wie Blätter im Wind herumgewirbelt wurden. Dass ihre Augen tränten, ihre Lunge brannte, weil der Gasnebel überall war und sie nicht mehr wusste, wie sie es aus dem Park heraus geschafft hat. Dass sie irgendwann, da war es bereits hell, auf einer Bank vor dem Divan Hotel am nördlichen Ausgang des Parks saß und ihr jemand Wasser ins Gesicht schüttete, um das Gas aus ihren Augen zu spülen.

Mine hörte sprachlos zu, während der ungekaute Bissen des Muffins vom Speichel zu einem Brei verarbeitet wurde und ihr schließlich in den Rachen lief, sodass sie einen Hustenanfall bekam. Als sie sich schließlich gefangen hatte, krächzte sie nur noch:

»Scheiße, Vedat hat mir gesagt, dass es so kommen würde. Aber ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell passiert.«

Sie erzählte Şebnem von dem Streit mit ihrem Mann.

»Ich hätte dich direkt anrufen müssen, um dich zu warnen. Es tut mir leid. Diese Bastarde!«

In diesem Moment klingelte Mines Telefon. Es war ihre Mutter, die sich ganz aufgeregt erkundigte, wo sie sei und wie es ihr gehe. Mine beruhigte sie, sagte, dass es ihr gut gehe und dass sie zu Hause geschlafen hätte. Den ersten Teil der Frage ignorierte sie und würgte das Gespräch ab. Es sei gerade schlecht, sie würde sich später melden. Sie drehte sich wieder zu ihrer Freundin um.

»Ich rufe jetzt Marc an, weißt du, der englische Journalist, mit dem ich gestern unterwegs war. Dem musst du das alles erzählen.«

Bevor Şebnem irgendetwas erwidern konnte, hatte Mine bereits Marcs Nummer gewählt, es klingelte auch, aber er ging nicht dran. Marc war ein guter Typ, fand sie. Nicht optisch, groß und blond zwar, mit markantem, scharf geschnittenem Gesicht und sympathischen Lachfalten um die Augen, aber zu schlaksig für ihren Geschmack. Und auch ein bisschen zu alt, er könnte ja fast ihr Vater sein. Aber er hatte Humor und unglaubliche Geschichten von seinen Einsätzen als Reporter erzählt. Gleichzeitig strahlte er eine große Ruhe und Besonnenheit aus. Marc hier zu wissen würde ihr Sicherheit geben, denn Şebnems Erzählungen hatten ihr, auch wenn sie es natürlich nicht zugab, doch etwas Muffensausen bereitet. Sie probierte es wenig später ebenso erfolglos noch einmal. Es klingelte lange, bis die Ansage kam, dass der angerufene Teilnehmer vorübergehend nicht zu erreichen war. Als alle ihren Kaffee ausgetrunken hatten, ging die kleine Gruppe über den Platz zum Eingang des Parks. Die Polizisten ließen sie passieren. Es war deutlich voller als gestern Nachmittag, stellte Mine überrascht fest. Und das knapp sechs Stunden, nachdem die Polizei den Park geräumt hatte. Was für eine Strategie verfolgen die Behörden?, dachte Mine, und dass sie Vedat anrufen müsse. Vielleicht wusste er ja, was die Polizei vorhatte. Durch die verschiedenen Eingänge sah sie Menschen in den Park strömen, die meisten jung, aber auch viele, die deutlich älter waren als sie und ihre Freunde, manche sogar im Alter ihrer Eltern. Şebnem und sie machten sich auf, um ihr Zelt zu suchen. Da, wo es gestanden hatte, stand nun ein neues. Im Gras daneben leuchtete etwas rot – ein angekokeltes Stück Schaumstoff, der sich bei näherer Betrachtung als Rest von Vedats Luftmatratze entpuppte. Soll er sie sich doch von seinen tollen Kollegen ersetzen lassen, dachte Mine mit plötzlicher Bitterkeit.

Die beiden beschlossen, mit der Metro zu einem Einkaufszentrum zu fahren, in dem es ein Outdoorgeschäft gab. Sie suchten sich zwei günstige Schlafsäcke aus, zwei einfache Isomatten aus Schaumstoff und ein Zweimannzelt. Da es Şebnems Zelt gewesen war, das die Polizei bei der Räumung zerstört hatte, bezahlte Mine das neue. Ihre Eltern waren großzügig, vor allem ihr Vater steckte ihr immer wieder Geld zu, zusätzlich zu dem Konto, das er für sie eingerichtet hatte und monatlich mit einer Summe auffüllte, mit der sie ziemlich gut über die Runden kam, ohne neben dem Studium arbeiten zu müssen.

Zurück im Park suchten sie sich einen Platz, was gar nicht so einfach war, denn es schien fast, als ob halb Istanbul im Gezi-Park zelten wollte. Die Zahl der Demonstranten war im Laufe des Tages auf sicherlich zehntausend angewachsen, an provisorischen Ständen wurden kostenlos Essen und Getränke ausgeben, die Sympathisanten gespendet hatten. Zum Schutz gegen Tränengas wurden Masken verteilt, wie sie Mediziner im Operationssaal trugen, oder solche, die Bauarbeiter oder Handwerker benutzen, wenn es bei der Arbeit ordentlich staubt. Medizinstudenten hatten ein mit einem roten Kreuz markiertes Pavillonzelt aufgestellt. Auf zwei Tischen standen neben Verbandsmaterial und Pflaster auch Sprühflaschen mit einer wässrigen Lösung bereit.

»Das ist Maaloxan.«

Şebnem hatte ihren fragenden Blick richtig interpretiert.

»Ein Medikament gegen Magenbeschwerden, das mit drei Teilen Wasser gemischt wird und das Gas neutralisiert.«

»Woher weißt du das? Hast du, ohne dass es mir aufgefallen ist, von Jura auf Medizin umgesattelt?«

»Nein.«

Mines Freundin lachte.

»Das hat mir Ersin erklärt, der schlaksige Typ mit dem Anarchie-A auf dem T-Shirt, der eben mit Kaffee trinken war, weißt du? Der ist nicht nur Medizinstudent, sondern auch sehr erfahren mit Reizgas. Er ist in der ÇARŞІ.«

ÇARŞІ, die schon legendäre Fanvereinigung von Beşiktaş, dem Fußballclub, dessen Stadion unterhalb des Taksim-Platzes am Bosporus lag. Mine hatte nicht viel Ahnung von Fußball, Vedat zog sie mit ihrer Unkenntnis immer auf, aber sie interessierte sich einfach nicht dafür. Doch die ÇARŞІ kannte selbst sie. ÇARŞІ hieß eigentlich nur »Markt«, aber genau daher kamen die Mitglieder dieser eingeschworenen Truppe: aus den engen Gassen des Stadtteils Beşiktaş, nördlich des Dolmabahçe gelegen, mit seinen kleinen Läden und Fischrestaurants. Wenn Fenerbahçe der Club der Neureichen war und Galatsaray der der Mittelklasse, dann war Beşiktaş der Arbeiterverein, mit traditionell politisch links stehender Anhängerschaft. Und weil sich die ÇARŞІ nicht an das Verbot politischer Äußerungen in Fußballstadion hielt, sei es auf Bannern oder in den Fangesängen, gab es nach fast jedem Heim- und so manchem Auswärtsspiel Auseinandersetzungen mit der Polizei.

»Gut zu wissen.«

Mine hakte Şebnem unter und sie schlenderten weiter. Es schienen immer mehr Menschen in den kleinen Park zu drängen. Zelte wurden aufgebaut, Banner zwischen Bäume gehängt, mit Botschaften wie »Wir geben unseren Park nicht her« oder »Taksim gehört uns«. Menschen hockten in großen Gruppen zusammen, junge und alte, Männer und Frauen, einfach gekleidete und Anzug tragende. Es wurde diskutiert, viel gelacht und Musik gemacht. Ein friedliches Bild, dachte Mine, hätten etliche Demonstranten nicht Motorrad- oder billige Bauarbeiterhelme getragen, in Gelb oder Blau, und Ski- oder Schnorchelbrillen und Mundschutze um den Hals hängen gehabt, die Mine daran erinnerten, dass hier vor wenigen Stunden noch Chaos und Gewalt geherrscht hatten und durchaus die Gefahr bestand, dass es erneut dazu kommen könnte.

Sie versuchte erneut, Marc anrufen, aber er antwortete nicht. Sie hatte gerade wieder aufgelegt, als ihr Telefon klingelte. Es war Vedat.

»Hey Süße, wo bist du?«

»Wo wohl? Im Park natürlich!«

Während er offensichtlich Süßholz raspelte, wollte sie keinen Hehl daraus machen, dass der Streit der letzten Nacht für sie noch nicht vergessen war.

»Hör mir bitte zu, Mine.«

Vedats Stimme klang fast flehentlich,

»Ich möchte, dass du den Park verlässt. Die Polizei wird ihn stürmen! Ich habe gerade …«

Sie unterbrach ihn wütend.

»Was erzählst du da? Das hat sie doch schon. Während ich brav zu Hause bei meinem Mann war. Und genau das wird mir nicht noch einmal passieren. Heute Nacht bleibe ich hier!«

»Lass mich bitte ausreden. Ich habe gerade den Marschbefehl erhalten, ich werde noch heute mit meiner Einheit zum Taksim-Platz verlegt. Du weißt, was das heißt! Ich bitte dich, geh da weg!«

Mine fühlte, wie sich ihre Kehle zusammenschnürte. Vedat war bei der Çevik Kuvvet Polis, eine Sondereinheit, die für ihr hartes, ja überhartes Durchgreifen bekannt war.

»Wann? Wann schlagt ihr los?«

Sie merkte, dass sie gegen den Kloß in ihrer Kehle anschrie. Seine Stimme hingegen klang sehr leise.

»Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Bitte, Mine, geh nach Hause.«

»Nein! …«

Bevor sie weiterreden konnte, war die Verbindung weg. Das Display ihres Telefons war schwarz und blieb es auch. Der Akku war leer.

»Komm, Şebnem, das war Vedat, ich muss zu den Organisatoren. Wir müssen die Leute warnen. Die Polizei wird wiederkommen.«

Sie zog ihre Freundin am Arm vom Tisch weg und sie gingen über den Platz zurück in den Park. Sie steuerten auf das weiße Pavillonzelt in der Mitte zu. Auf Stühlen an zwei Holztischen saßen mehrere Frauen und Männer – alle älter als Şebnem und sie, zwischen Anfang dreißig und Ende vierzig, schätzte Mine –, die sich angeregt unterhielten.

»Entschuldigung, ich muss euch was Wichtiges sagen.«

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Ograniczenie wiekowe:
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Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
381 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783957442017
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