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Mark Savage
Christmas Meeting
Eine harmonisch dämonische Weihnachtsgeschichte
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Mark Savage
»Herr, hilf meiner armen Seele«
Kapitel 1: Die Ankunft
Kapitel 2: Die Geschichte vom Dämon des Hasses
Kapitel 3: Die Geschichte vom Dämon des Schmerzes
Kapitel 4: Die Geschichte vom Dämon der Vergeltung
Kapitel 5: Die Geschichte vom Dämon der Versuchung
Kapitel 6: Abschied
Impressum neobooks
Mark Savage
Christmas Meeting
Eine harmonische dämonische
Weihnachtsgeschichte

»Herr, hilf meiner armen Seele«
(Edgar Allan Poe, letzte Worte, 7. Oktober 1849)
Kapitel 1: Die Ankunft
Das Kaufhaus an der Ecke zur Zwanzigsten erlebte einen Massenansturm, den trotz großzügigsten Spekulationen niemand erwartet hatte.
Die Menschenschlangen hinter den Registrierkassen schienen stetig anzuwachsen, und die beschäftigten Verkäufer standen regelrecht am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Selbst die Weihnachtsmänner wiesen hektische rote Flecken in ihren Gesichtern auf. Teils wegen der Hitze, unter der sie in den dicken Kostümen litten, teils aufgrund ihrer schwierigen Aufgabe, sich inmitten dieser Massen frei zu bewegen und die Kinder mit Geschenken zu beglücken.
Die gigantischen Leuchtziffern unter dem Dach des großen Kaufhauses zeigten den 24. Dezember an. Acht Uhr abends. Nur noch wenige Stunden bis zu Santa Claus' Ankunft aus den himmlischen Gefilden.
Umso rätselhafter schien es, dass all diese zahlreichen Menschen erst jetzt ihre Weihnachtseinkäufe tätigten. Nun, die einen taten es wohl aus Bequemlichkeit, da man es Tag für Tag aus reiner Faulheit immer wieder aufschob, um sich erst im letzten Moment einen Ruck zu geben. Die anderen taten es entweder weil sie zu viel oder zu wenig im Geldbeutel hatten. Der geizige Reiche sowie der mittelständige Amerikaner nutzten die Sonderangebote, die wenige Stunden vor dem Fest ausgeschrieben wurden.
Als die Digitalziffern dann schließlich zehn Uhr anzeigten, fieberten die Angestellten den letzten zwei Stunden ihres hektischen Arbeitstages entgegen. Schlagartig schien eine regelrechte Massenflucht stattzufinden, denn binnen weniger Minuten leerte sich das Kaufhaus beträchtlich. Zurück blieben die wenigen Schlauen, die bewusst um diese Zeit ihre Einkäufe erledigten.
Es geschah wenige Minuten nach zwölf. Fünf unsichtbare Gestalten materialisierten in der großen Spielwarenabteilung des dritten Stockes, inmitten von Kasperlefiguren und Plüschtieren.
Die wenigen Kunden, die sich um diese Zeit dort aufhielten, wären wohl laut schreiend davongelaufen oder hätten ganz einfach den Verstand verloren beim Anblick der grässlichen Fratzen jener vergeistigten Dämonen. So liefen sie einfach unwissend an ihnen vorbei oder schlichtweg durch sie hindurch. Das wütende Gezeter der fünf Wesen drang nicht an ihre Ohren.
Jene jedoch beschlossen für diese Ignoranz bitter Rache zu nehmen.
* * *
Sie kamen direkt aus dem Hort des Bösen, einen Ort den man als Hölle bezeichnete und dem Fürsten der Finsternis als Domizil diente.
Doch sie besaßen nur untergeordnete Bedeutung an diesem Ort, den sie ihr Zuhause nannten. Als Dämonen der untersten Rangstufe waren sie in den Augen ihres Meisters nur widerliches Gewürm. Ihr ständiges Flehen und Bitten
um Anerkennung ließ Luzifer kalt, bis zu jener Stunde, als es sich der Meister in seiner unendlichen Gnade anders überlegte.
»Damit ich euer elendes Gewinsel nicht länger mitanhören muss, werde ich euch eine Chance zur Bewährung geben.«
Die fünf Dämonen starben fast vor Ehrfurcht, als der Meister zu ihnen diese Worte sprach.
»Ihr habt gewisse Fähigkeiten, die mir vielleicht doch von Nutzen sein könnten. Aber merkt euch eins: ihr bekommt nur diese eine Chance. Habt ihr Erfolg, bekommt ihr menschliche Gestalt und die Macht, unter den Menschen Chaos und Tod zu verbreiten. Versagt ihr, werdet ihr für alle Zeiten zu machtlosen Schattenwesen und euer Leiden wird endlos sein.
Merkt euch außerdem: Niemand kann euch sehen, niemand sich an eurem widerlichen Äußeren erschrecken. Doch ihr vermögt in ihre Seelen einzudringen und sie zu verwirren. Bald nähert sich jener verruchte Tag, den die Menschen Heiligabend nennen. Christmas eve. Weihnachten, das Fest der Liebe und Freude.«
Selten hatten sie ihren Meister derart hasserfüllt sprechen hören. Sie begannen vor Angst zu wimmern.
»Mein Triumph wäre groß, wenn ich ausgerechnet an diesem Tag einige weichherzige Schwachköpfe in meinem Reich begrüßen könnte. Eure Aufgabe ist es, mir ein paar dieser reinen Seelen zu liefern, nachdem ihr ihre Gedanken vergiftet habt. Glaubt ihr, dieser Aufgabe gewachsen zu sein?«
Schnell beeilten sich die fünf, ihrem Meister zu versichern, dass diese Aufgabe nur eine Kleinigkeit für sie darstellte und er keine geeigneteren Diener dafür finden könnte.
»Ich hoffe es für euch, Dämonen. Das Schattenreich hält solange fünf Plätze reserviert. Dennoch glaube ich, euch vertrauen zu können. Bewährt euch, und ihr werdet reich belohnt werden.«
Und nun waren sie hier, im Reich der Lebenden, der Menschen. Sie, die unsichtbaren Geister, die ihrem Meister versprochen hatten, ihm bis zum Ende des heutigen Tages einige Seelen zu sichern. Eine Aufgabe, die ihnen unendlich leicht schien, denn ob ihrer Fähigkeiten sollte es keine Mühe bereiten, Luzifer zufriedenzustellen. Er hatte sie schon viel zu lange ignoriert. Bald musste er einsehen, damit einen Fehler begangen zu haben.
»Seht sie euch an, diese Schwächlinge«, sprach der Dämon des Hasses verächtlich. »Sie fühlen sich sicher, nur weil sie uns nicht sehen können. Am liebsten würde ich eine dieser widerlichen Kreaturen in Stücke reißen.«
»Dazu hast du vielleicht Gelegenheit, wenn wir unseren Auftrag ausgeführt haben«, antwortete der Dämon der Schmerzen. »Wir haben nicht die Macht, ihnen körperliche Gewalt zuzufügen.«
»Würde auch gar keinen Spaß machen, oder? Was sind schon körperliche Qualen gegen die Leiden eines malträtierten Geistes.«
Der Dämon der Verblendung grinste hämisch bei seinen Worten.
»Ich gebe dir vollkommen recht, Bruder«, stimmte der Dämon der Versuchung zu. »Ich brenne schon regelrecht darauf, mich so richtig auszutoben.«
Der Dämon der Vergeltung erwiderte: »Was stehen wir hier überhaupt herum, die Zeit läuft. Bevor dieser Tag zu Ende ist, müssen wir unseren Auftrag erledigt haben. Oder habt ihr Lust darauf, eure zukünftige Existenz als Schatten zu fristen?«
»Es ist noch Zeit genug für einen Ausflug durch dieses Gebäude«, schlug der Dämon der Lüge vor. »Sehen wir uns diese hilflosen Geschöpfe doch mal genauer an. Ich bin sicher, wir werden uns köstlich amüsieren.«
Sein Vorschlag fand die rege Zustimmung seiner vier Brüder. Erwartungsvoll und mit bösen Gedanken zogen sie los.
* * *
»Stopp!« befahl der Dämon des Hasses seinen vier Gefährten und machte sie auf eine Szene aufmerksam, die sich direkt vor ihren Augen abspielte.
Eine Mutter versuchte verzweifelt, ihren achtjährigen Sohn von einem Stand wegzudrängen, an dem ein junger Verkäufer die Funktionsweise ferngesteuerter Fahrzeuge demonstrierte.
»Larry, ich sage es nicht noch einmal. Wir müssen jetzt nach Hause.«
Der Junge zog heftig dagegen, als seine Mutter ihn am Arm packte und mitschleifen wollte.
»Ich will den Truck, Mom, bitte. Kauf mir den Truck, Daddy würde ihn mir auch kaufen.«
»Ich bin aber nicht dein Daddy«, erwiderte die Mutter so laut, dass sich einige Leute nach ihnen umsahen. »Dein Vater verwöhnt dich viel zu sehr, mein Freund. Außerdem bekommst du doch bald genügend Geschenke.«
»Ich will eure blöden Geschenke nicht, ich will den Truck.«
»Weißt du, wie viel so ein Ding kostet? Dafür muss dein Vater lange arbeiten. Komm jetzt mit oder du bekommst eine Ohrfeige.«
Der Dämon des Hasses kicherte verhalten.
»Wir wollten uns doch amüsieren, nicht wahr? Jetzt passt mal auf. Mit einem Kind habe ich leichtes Spiel. Fast schon wieder zu leicht.«
»Quatsch nicht rum«, erwiderte der Dämon der Lüge ungeduldig. »Lass mal sehen was du kannst, Bruder.«
Es dauerte keine Sekunde und der Dämon des Hasses war verschwunden. Gespannt beobachteten die vier den weiteren Streit zwischen Mutter und Kind. Der kleine Larry veranstaltete inzwischen ein wahres Heulkonzert.
»Na gut, du hast es nicht anders gewollt«, schrie die entnervte Mutter und gab ihrem Sohn eine schallende Ohrfeige. Die umstehenden Leute sahen betroffen weg, so als träfe sie die Schuld an der ganzen Misere. Der Schlag schien zu wirken, denn der Junge verstummte schlagartig. Anstandslos trottete er mit seiner Mutter in Richtung Ausgang. Sie nahm den Jungen absichtlich nicht an der Hand, um ihn spüren zu lassen, dass sie böse auf ihn war.
Als sie auf die Rolltreppe zuliefen, kamen sie an der Sportwarenabteilung vorbei. Zufällig kreuzte ihr Weg sich an den Körben, in denen zu Angebotspreisen Dutzende Baseballschläger angepriesen wurden.
Larry blieb stehen, nahm sich einen der für ihn viel zu großen Schläger aus dem Korb und betrachtete ihn scheinbar nachdenklich.
»Was ist jetzt schon wieder los?« fragte seine Mutter erbost. »Du hast bereits einen Baseballschläger, sogar einen besseren als diesen hier.«
Als Larry antwortete, glaubte sie der Schlag zu treffen.
»Friss Scheiße, du blöde alte Fotze.«
Larry spielte in der Untermannschaft seiner Liga Baseball, und den Schlag, den er gegen den Unterleib seiner Mutter führte, präzisierte er geradezu professionell. Die etwas mollige Frau klappte zusammen wie ein Taschenmesser. In Larrys Hirn forderte ihn eine Stimme erneut auf, doch damit weiterzumachen.
»Mach’ sie fertig, die alte Schlampe. Schlag ihr verdammtes Hirn zu Brei. So eine Gelegenheit bietet sich nie wieder. Nie mehr „Larry tue dieses nicht, tu‘ das nicht.“ Nie mehr. Mach sie fertig, das fette Miststück, schlag sie in Scheiben.«
Larry war versucht, den bösen Gedanken nachzugeben, als eine Stimme ihn zurückhielt.
»Um Gottes willen, Junge, was tust du da?«
Mit einem Mal sah sich der Junge von einer Woge aus Menschen umstellt. Die Sprecherin, eine schlampig aussehende Verkäuferin mittleren Alters, sah ihn ebenso entsetzt an, wie es alle taten, die einen Kreis um ihn gebildet hatten.
Plötzlich schien eine unsagbar schwere Last von ihm fallen, und als er zu seiner Mutter aufsah, die sich schmerzstöhnend aufrichtete und ihm Blicke entgegenwarf, die sich wie tausend feine Nadelstiche in sein Herz bohrten, fing er an zu weinen.
Nur wenige Meter von ihm entfernt befanden sich fünf Gestalten, die sich förmlich vor Lachen bogen. Niemand sah sie, niemand hörte sie. Und dieses Mal genossen sie diesen Umstand.
»Ich hätte ihn beinahe so weit gehabt, Brüder. Er hätte dieses Weibsstück eiskalt abserviert. Jungs, war das ein Spaß. Meint ihr, der Meister hätte sich über so eine kleine Kinderseele gefreut, ein armes kleines Bündel, das das Hirn der eigenen Mutter in einem Kaufhaus verspritzt?«
Der Dämon des Hasses wuchs in seiner Freude über sich hinaus, wurde jedoch vom Dämon der Verblendung scharf zurechtgewiesen.
»Der Meister hätte dich geviertelt und deine Stücke einzeln ins Schattenreich verbannt. Menschenkinder sind noch unreif, geistig noch nicht entwickelt. Es wäre für jeden dahergelaufenen Troll eine Kleinigkeit, eine solche Seele zu gewinnen. Nein, wir haben eine Aufgabe, und wir dürfen auf gar keinen Fall auffallen bevor wir nicht sicher sind unsere Opfer gefunden zu haben.«
»Auffallen?« fragte der Dämon der Schmerzen verächtlich. »Glaubt ihr vielleicht, irgendjemand könnte auch nur von unserer Existenz ahnen? Nein, wir sind sicher, aber ich gebe dir trotzdem recht. Es wird Zeit an unseren Auftrag zu denken. Dem Kleinen haben wir die Weihnachten auf jeden Fall gründlich versaut, da können wir sicher sein. Ein kleiner Erfolg, immerhin.«
»Denkt daran«, erinnerte der Dämon der Vergeltung, »wenn wir ein geeignetes Opfer gefunden haben, dann gibt es kein Zurück mehr. Der Meister gibt uns keine zweite Chance, ihr habt es gehört. Und der Meister sieht und hört alles. Er ist um uns.«
»Da seht«, unterbrach der Dämon der Versuchung das Gespräch. »Wir wäre es, wenn wir diesen alten Sack dort vorne hochnehmen. Seine Frau guckt schon ganz sauer, weil er ständig die Kleine an der Kasse beobachtet. Ich kann es spüren, Jungs. Der Alte fängt schon an Kalk anzusetzen, wie man hier so schön sagt. Passt mal auf.«
Sie waren mittlerweile bis in den zweiten Stock vorgedrungen. Der Mann, um den es sich drehte, war ein schwächlich gebauter Typ Mitte der sechziger Jahre. Er stand zusammen mit seiner Frau an der Kasse, um die Lammfellschuhe, die er sich selber zu Weihnachten schenken wollte, zu bezahlen.
Dabei galt sein ganzes Augenmerk der jungen Fran, die konzentriert in die Tasten tippte. Das Mädchen, gerade erst achtzehn geworden, arbeitete den dritten Tag in diesem Laden und dies gleich zu einer äußerst ungünstigen Saison. Niemand hatte recht Zeit gefunden, sie in nötiger Weise einzulernen. Sie, die noch nie an Registrierkassen gearbeitet hatte, sondern als Lehrling stets nur Regale einräumte und säuberte, tat sich bei ihrer neuen Tätigkeit nicht gerade leicht. Doch sie lernte schnell und die Arbeit machte ihr sogar Spaß.
Selbstverständlich bemerkte sie nicht die Blicke des alten Morris, der ihr über die Ränder seiner Brille in den Ausschnitt starrte.
Fran trug keinen dieser komischen Arbeitskittel, die alles verbargen, wonach sich sein Herz so sehnte. Der Grund lag einfach darin, dass sie noch keinen bekommen hatte, aber das wusste der alte Morris natürlich nicht, und wenn, würde es ihn die Bohne interessieren.
Sie trug eine weiße Bluse, die aufgrund der Hitze in dem Gebäude bis über den Brustansatz hinaus offenstand, was zwar nicht erlaubt, ihr aber an diesem Tage piepegal war.
Morris stand auf junge Mädchen, und seine Frau wäre mit Sicherheit ausgeflippt, wenn sie in der Speicherkammer sein heimliches Versteck mit den vielen schönen Heftchen und den noch viel schöneren Bildchen darin entdecken würde.
Blair, seine Frau, bemerkte seine Blicke schließlich, was nicht besonders schwerfiel, da sein Starren in den Ausschnitt des Mädchens gar nicht auffälliger hätte sein können. Was ihr aber äußerst peinlich war und sie innerlich auf die Palme brachte, war der Umstand, dass sie es nicht als einzige bemerkte.
‚Du würdest eine Nacht mit der Kleinen nicht einmal überleben‘, dachte sie erbost. ‚Ich bin zwar eine alte Schnepfe mit grauem Haar und verrunzelten Möpsen, aber ich bin das einzige Weib, das du noch zu befriedigen in der Lage bist, du alter Narr‘.
In den nächsten Augenblicken jedoch erlebte sie etwas, das ihr beinahe vor Schreck das Leben gekostet hätte. Es geschah, nachdem der Dämon der Versuchung in den verwirrten grauen Zellen des Mannes zu toben begann.
Zufällig passierte dies in dem Moment als Morris gerade an die Reihe kam. Anstatt dem Mädchen die Ware über die Verkaufsfläche zu reichen, packte er sie blitzschnell an den Armen und zog sie über den Stand zu sich herüber.
Niemand, wahrscheinlich nicht einmal er selbst, hätte dem gebrechlichen Körper je einen solchen Kraftakt zugetraut. Die Leute, die die Szene beobachteten, einschließlich Blair, seiner Frau, zeigten vor lauter Schreck nicht die geringste Reaktion.
Diesen Moment nutzte der Dämon der Verblendung und sprang eifrig von Bewusstseinsinhalt zu Bewusstseinsinhalt, wobei er sich über die darin herrschende Verwirrung halbtot lachte. Nebenbei sorgte er dafür, dass niemand auf den Gedanken kam, einzugreifen. Er wusste, dass er sich bei dieser Aufgabe übernahm, aber eine Verzögerung der Ereignisse genügte vollkommen. Schließlich wollten sie ja nur ihren Spaß.
Fran, das hübsche Mädchen mit dem dunklen kurzgeschorenen Haar, war nicht fähig zu reagieren. Sie ließ geschehen, dass Morris sie über den Kassenstand zu sich zog. Ihr wurde schlecht, als sie seinen fauligen Atem roch. Kurz darauf vernahm sie das Zerreißen von Stoff.
Die Geschehnisse spielten sich innerhalb von Sekunden ab, und Morris' Geilheit verwandelte ihn in Blitz, den superschnellen Supermann mit dem roten Kostüm. Doch Morris trug statt eines Kostüms eine Erektion mit sich, wie er sie seit Jahren nicht mehr erleben durfte.
Der Stoff der Bluse zerriss wie Papier. Die prallen Brüste lagen frei vor ihm, wobei er dem Gott der Geilheit dankte, dass sie auf so unpraktisches wie einen Büstenhalter verzichtet hatte.
Er knetete ihre festen Formen und verwechselte das Erschrecken in ihrem Blick mit Sehnsucht. Sehnsucht danach, ihm, Morris, unbedingt Befriedigung verschaffen zu wollen.
Eine Viertelsekunde, mehr benötigte er nicht, um den Reißverschluss seiner Hose zu öffnen. Sein fünfundsechzig Jahre alter, grau und unansehnlicher Penis schnellte erwartungsvoll aus der Öffnung.
Die Lähmung unter den Zuschauern hielt weiterhin an. Der Dämon der Verblendung befand sich in Hochform.
Der Dämon der Versuchung jedoch erkannte, dass er in seinem Opfer überflüssig war. Morris brauchte ihn nicht mehr. Er war dermaßen aufgeheizt, er würde das Spiel auch ohne ihn zu Ende spielen.
Stattdessen fiel er über dessen Opfer her, das gerade zur heftigen Gegenwehr ansetzen wollte. Es gelang dem Geistwesen erfolgreich und im letzten Moment ein Gerangel zu verhindern, indem es Frans Chromosomen anheizte. Doch noch erwies sich der Ekel größer als die künstlich erzeugte Woge der Lust, die über ihr hinwegbrauste.
»Bruder, hilf mir«, rief das Wesen seinen Gefährten zu. Sekunden später befand sich der Dämon der Verblendung bei ihm. Das Mädchen wurde nun von zwei Geistern beherrscht und ahnte es nicht einmal.
»Teamwork ist unzulässig, Bruder. Aber schließlich ist es nur ein Spiel.«
Schließlich verwandelte er den alten Morris in Frans Geist zu einem wunderschönen braungebrannten, nackten Mann mit schwarzem Kraushaar und blauen Augen, genau in jenen Typ von Mann, den sie sich in ihrem geheimsten Träumen immer wieder voller Wollust hingab. Und nun stand er hier vor ihr, nackt und schön, mit einer gewaltigen Erektion. Sie beschloss, es hier mit ihm zu machen, vor allen Leuten. Es war ihr egal. Wichtig war nur, er blieb hier bei ihr.
Sie sank auf die Knie zu dem wunderschönen Jüngling herab. Sie achtete nicht auf das plötzlich aufbrandende hysterische Geschrei Blairs, die aus ihrer Erstarrung erwachte. Sie ließ es sich gefallen, dass der Jüngling sich fest in ihr kurzes Haar krallte und dabei stöhnte wie ein waidwunder Hirsch.
Blairs Schrei ließ auch die übrige Kundschaft wieder zu Sinnen kommen. Die Reaktionen der Leute unterschieden sich ganz individuell. Die einen machten, dass sie davonkamen, kopfschüttelnd und entsetzt; die anderen lachten Tränen und sahen interessiert zu. Wieder andere, nämlich jene, die noch darauf warteten, von ihrer Kassiererin abgefertigt zu werden, sahen sich ratlos in die Gesichter.
Wirklich eine Frechheit. Zuhause warteten noch die ganzen Vorbereitungen für den Abend, und die Kassiererin hatte nichts Besseres zu tun, als ihrer Kundschaft einen zu blasen. Mein Gott, man würde zu spät zum Abendessen kommen.
Blair stürmte zeternd davon und fiel um ein Haar noch die Rolltreppe hinunter.
Niemand kam noch auf die Idee, der jungen Frau zu Hilfe zu eilen. Wenn es auch erst aussah, als würde der alte Bock wirklich zu einer Vergewaltigung ansetzen, so wirkte es nun, als hätte die Kleine nur darauf gewartet, dem lieben Opa an die Hose zu gehen.
Auf ein unsichtbares Zeichen hin zogen sich die beiden Dämonen schlagartig zurück und entließen die junge Frau blitzschnell aus ihrer Gewalt. Sie kam im denkbar ungünstigsten Augenblick zu sich. Im ersten Augenblick schmeckte sie nur diesen seltsamen Geschmack, der dem Ding aus ihrem Mund anhaftete. Dann, als sie nach vielen verstrichenen Sekunden endlich begriff, schrie sie entsetzt. Schreiend warf sie sich zu Boden und vergaß dabei nicht, sich immer und immer wieder zu übergeben. Das eintönige Grau des Teppichbodens wurde mit vielen interessanten Mustern besetzt und wirkte auf die Beobachter nicht eindruckslos.
Als sich ein Mann mit Namensschild und Krawatte, vermutlich der Abteilungsleiter, um die junge Dame bemühte, befanden sich die fünf Dämonen bereits im Untergeschoss. Im Augenblick allerdings waren sie keinerlei Unterhaltung fähig, da sie brüllten, jauchzten und tobten vor Lachen.
Sie ahnten nicht, dass Luzifer auf seinem Thron saß und zufrieden lächelte. Mit einem Mal tat es ihm fast leid, diese Kreaturen so lange Zeit nicht beachtet zu haben. Er war gespannt, wie sie ihre Aufgabe bewältigen würden, und fieberte bereits nach den Seelen der Opfer.
»Habt ihr das gesehen?« brüllte der Dämon der Verblendung. »Man hätte meinen können, die Kleine wolle einen neuen Weltrekord im Dauerlutschen einlegen.«
»Und all die ganzen Idioten ringsum«, wieherte der Dämon der Vergeltung, der engste Artverwandte zum Dämon des Hasses.
»Haben sich fast die Augen aus dem Kopf geklotzt, diese billigen Spanner.«
»Wir sind jetzt schon zu mächtig, als dass sich einer dieser Würmer uns zu widersetzen vermag«, knurrte der Dämon der Schmerzen zufrieden und böse.
Die fünf befanden sich einer derart euphorischen Stimmung, dass sie darüber fast ihren Auftrag vergaßen. Bevor sich einer von ihnen darauf besinnen konnte, johlte der Dämon des Hasses:
»Seht mal, da drüben, der Typ im Santa Claus Kostüm. Soll ich ihn dazu bringen, einen dieser süßen Kleinen in seinen Sack zu stecken und zu ersäufen?«
»Nein, ich habe eine viel bessere Idee«, warf der Dämon der Lüge ein. »Wir schwirren ein bisschen in seinen Gedanken herum und machen ihn wirr. Machen wir ihm doch glauben, er sei der Osterhase.«
»Waaahhhnnnssinnn«, grölte der Dämon der Vergeltung. »Nichts wie hin, Jungs.«
Gemeinsam drangen sie in den Geist des Weihnachtsmannes ein, der seelenruhig auf einem Sessel saß und Geschenke aus einem Sack mit unergründlichen Tiefen hervorzauberte. Er strich den Kindern zärtlich über den Kopf und wechselte auch ein paar nette Worte mit den Eltern.
Merkwürdigerweise kamen sie alle zu IHM, und die anderen maskierten Weißbärte marschierten ratlos auf und ab, ärgerlich auf den Kollegen, der ihnen die Schau stahl.
Gerade als ein kleines blondes Mädchen nach einem Kuss vom Weihnachtsmann zu ihren Eltern sagte: »Das war der echte Santa Claus, Mutti, nicht wahr?«, in genau jenem Moment starteten die fünf Dämonen ihren Frontalangriff … und erlebten den Schreck ihres Lebens, als sie von einer gigantischen, unsichtbaren Faust zurückgeschmettert wurden.
Benommen sahen sie dem lächelnden alten Mann entgegen, der sich gemächlich von seinem Sitz erhob. Er sah genau in ihre Richtung, und als sie sich darüber bewusst wurden, ergriff sie eine Welle von Panik. Das Gefühl der Stärke und Macht schrumpfte dahin, mit jedem Schritt, den Santa Claus sich näherte. In diesen Sekunden offenbarten sie ihr wirkliches Wesen.
Feige und erbärmlich.
»Ein frohes Fest wünsche ich den Herrschaften«, sprach Santa mit seiner grollenden Bassstimme.
»Hat der alte Gauner wieder seine Schleusen geöffnet, um ein paar seiner armseligen Wichte auf die Menschheit loszulassen? Der Schurke zeigt wieder mal nicht den nötigen Respekt. Kein Wunder, dass kein Platz mehr war für ihn da oben. Schlimm, schlimm.«
Die fünf Dämonen waren drauf und dran, einfach zu verschwinden. Irgendwohin, nur weg von diesem seltsamen Mann, der sich als Santa Claus verkleidete und sie sehen konnte. Oder war er etwa ...?
Der Dämon des Hasses, der Mutigste unter ihnen (wenn man überhaupt von so etwas wie Mut sprechen konnte), überwand sich als erster.
»Was willst du, alter Mann? Denkst du, wir hätten Angst vor dir, weil du uns sehen kannst? Niemand kann uns besiegen, und wir werden diesen elenden Sterblichen den Weihnachtsabend gründlich vermiesen. Einige von ihnen werden noch heute Abend ohne ihr Wissen ihre Seele an den Meister verkaufen. Sie werden durch uns zu dem, was sie in ihrem tiefsten Inneren schon sind. Teile von uns, dem wahren Bösen, der einzigen großen Macht auf dieser Welt.«
Seine Brüder sahen ihn an, so als hielten sie ihn für schwachsinnig, da er so große Töne spuckte. Aber was blieb ihm anderes übrig, um seine plötzliche Furcht auf diese Weise zu vertuschen.
Santa zeigte jedoch keine Scheu und lachte brummend.
»Luzifer muss größenwahnsinnig sein, wenn er glaubt, dass ein paar seiner lächerlichen Geister dem Zauber der Weihnacht Paroli bieten können. Verschwindet, ihr Wichte, und zwar dahin, wo ihr hingehört. Es ist besser für euch, glaubt mir.«
»Das bezweifle ich«, hörte sich der Dämon der Lüge rufen und erntete böse Blicke seiner Artgenossen.
»Aha«, machte Santa. »Euch droht schlimme Strafe, wenn ihr versagt, habe ich recht? Seht ihr, das ist der Nachteil gegenüber dem Gott der Christen. ER kennt Gnade.«
»Du kannst uns keine Angst machen, Alter«, schrie der Dämon der Schmerzen. »Bei den anderen Menschen wird unsere Macht nicht versagen wie bei dir, wenn du überhaupt ein Mensch bist. Und wenn dieser Tag zu Ende geht, werden wir uns wiedersehen. Mal sehen, wer dann unter hohntriefendem Spott zu leiden hat.«
Santa hob warnend den Finger.
»Ich möchte euch nur warnen. Und nicht nur das. Ich möchte euch etwas anbieten. Ein Angebot, das ich mir an eurer Stelle einmal überlegen würde.«
»Und das wäre?« fragten sie überrascht, ohne Ahnung, was ihnen dieser arme alte Narr zu bieten hatte.
»Tut Gutes an diesem Tage, wo immer ihr könnt. Sagt eurem Meister Lebewohl und fangt an umzudenken. Einst wart ihr selbst Menschen, nur ihr wisst es nicht mehr. Die Schlechtigkeit, das Böse in euren Gedanken, das Böse, das ihr zu Lebzeiten anderen zugefügt habt, verwandelte euch in die grässlichen Ungetüme, die ihr nun seid.
Doch heute, an Heiligabend, gibt euch jemand Gelegenheit zu bereuen und eure Fehler wieder gut zu machen. Gebt ihr euch ehrlich Mühe, dann geht ihr heute noch ein in das große Licht, wo Engel euch zu einem besseren Platz wie ihr in kennt, geleiten werden.«
Sekundenlang herrschte Schweigen, und nie erfuhr jemand, was die fünf in dieser kurzen Zeit dachten. Dann jedenfalls blökten sie laut los. Ihr Lachen klang hundsgemein und widerwärtig.
»Wer oder was immer du auch bist, Alter«, antwortete der Dämon der Vergeltung. »Gehe du zurück, wo du hergekommen bist und krieche deinem schwachen, nichtsnutzigen Gott sonst wohin. Schöne Grüße an den Sohn und den Heiligen Geist, sie sollen zur Hölle fahren. Der Meister wartet schon. Hahahahahah.«
Sie lachten und wollten weiterfahren mit ihrem Spott, als sie bemerkten, dass der Weihnachtsmann sich anscheinend in Luft aufgelöst hatte.
»Wo zum T..., verzeih mir, Herr, ist dieser Bursche hin?« wunderte sich der Dämon der Versuchung.
»Egal«, erwiderte der Dämon der Verblendung. »Wenn wir nicht bald an unseren Auftrag denken, müssen wir vielleicht noch auf sein Angebot eingehen.«
Das wirkte. Ihnen kam es gar nicht in den Sinn, ihrem Meister abtrünnig zu werden. Das Böse war allmächtig, warum sollte man sich also verschlechtern. Die Katastrophen und Kriege in der Welt, wer hatte sie letzten Endes geschaffen, diese vernichtenden Kräfte?
Satan, Luzifer, Beelzebub, der Herr der Fliegen, Leviathan, und was für Namen er noch in dieser Welt trug. Kein Gott, kein Jesus, kein Heiliger Geist konnte dagegen an. ER war stärker als sie. Warum also sollten sie ihren Herren verraten?
In aller Schnelle fassten sie den Plan, sich gezielt ihre Opfer auszusuchen. Sie waren sich dabei einig, dass jeder allein für sich bei dieser Suche tätig sein würde.
Drei vertraten die Ansicht, dass es einfacher wäre, sich hier im Kaufhaus in aller Ruhe umzusehen, während die anderen zwei darauf brannten, unheildrohend durch die Straßen New York Citys zu streifen. Dort draußen herrschte millionenfache Auswahl, und sie brannten darauf, Seelen zu vernichten.
Luzifer empfing die ehrgeizigen Gedanken seiner Schößlinge und lächelte zufrieden.
So nahmen die Dinge ihren Lauf. Und alles geschah so ganz anders als man es erwartete.
Kapitel 2: Die Geschichte vom Dämon des Hasses
Henry Vaughn fühlte sich alles andere erfrischt, als er an diesem Mittag des 24. Dezember erwachte. Die Strapazen des Umzuges der vergangenen Tage hatten den knapp siebzig Jahre alten Mann mit dem schütteren grauen Haar stark mitgenommen. Selten kam es vor, dass er vor Erschöpfung so lange schlief.
Missmutig starrte er in den spärlich eingerichteten Raum, der ihm als Schlaf- und Wohnraum diente. In der Ecke befand sich eine kleine Nische, die der Makler unverfroren als Küche bezeichnet hatte.
Henry war es gewohnt, ärmlich zu hausen, doch diese feuchten Räume, die wohl die meiste Zeit von allem üblichen Getier als Unterschlupf benutzt wurde, empfand selbst ein so genügsamer Mensch wie er als Zumutung.
Dabei konnte er noch von Glück reden, dass er diese Bruchbude so schnell bewohnen konnte. Sein altes Heim dürfte inzwischen nur noch aus einem Hügel Schutt bestehen. Der Besitzer hatte beschlossen, ein riesiges Fitnesscenter zu errichten. Dabei setzte er sich über sämtliche Klauseln des Mietvertrages hinweg und warf die Leute innerhalb kürzester Frist auf die Straße.
Jede Protestaktion wurde im Keim erstickt, sämtliche Unterschriftslisten mit fadenscheinigen Argumenten zurückgewiesen. Henry wunderte sich nur, mit welcher Großzügigkeit der sonst so knauserige Mietsherr mit Bestechungsgeldern umging.
Einer alten Bekannten gelang es jedoch, ihm über einen befreundeten Makler diese Wohnung zu beschaffen. Diesem Umstand verdankte Henry, Weihnachten nicht auf der Straße zu sitzen.
Er bezahlte der Umzugsfirma das Doppelte, damit sie seinen Antrag überhaupt noch annahm. Das bedeutete für ihn, dass er ein wenig hungern musste, um seine Miete bezahlen zu können. Seine Rente war sein einziges Einkommen, sein einziger Besitz, und diese fiel mehr als erbärmlich aus. Doch Henry beklagte sich nicht. Er musste im Leben schon mehr entbehren als Geld. Den Leuten, die mit ihm in diesem Haus wohnten, ging es ebenfalls nicht viel besser.
Mühsam hob er die schmerzenden Knochen aus seinem Bett und erledigte seine Morgentoilette. Als er kaffeeschlürfend an dem wackligen Holztisch in seiner winzigen Küche saß, sah er aus dem Fenster. Für viele Menschen würde der morgige Tag ein Freudentag, ein Familientag sein. Die Leute würden sich beschenken, zusammen ein gutes Essen einnehmen und sich am späten Abend besonders ausgiebig lieben.
Auch er würde Weihnachten feiern mit seiner Familie, auf eine billige, armselige Art, die ihm alles andere als Freude bescherte.
Er schlurfte durch den Wohnraum und zog das unterste Fach eines wurmstichigen Wandschrankes heraus. Behutsam, so als hätte er Angst, es zu zerbrechen, entnahm er dem Fach ein Bild. Alt, vergilbt, schwarz-weiß, aber das kostbarste, das er besaß.
Schwer sank er auf die abgewetzte, schmutzige Couch und stellte das Bild vor sich auf den Tisch. Seine Bewegungen wirkten fast andächtig.
Das Bild zeigte eine dunkelhaarige Frau mit eindrucksvollen großen Augen. Henry erinnerte sich noch an das herrliche Braun ihrer Pupillen, die so hart und auch so herzlich dreinschauen konnten. Rechts und links zu ihrer Seite befanden sich zwei hübsche Mädchen, eines davon strohblond mit hellen Augen, so wie er sie besaß, und eines, welches ihrer Mutter zum Verwechseln ähnlich sah.
Mit ihnen würde er Weihnachten feiern, wie er es schon seit Jahren tat. Und er würde auch dieses Mal wieder weinen. Wie er es immer tat.
Und wie es ebenfalls immer geschah, dachte er beim Anblick des Bildes an seinen einst besten Freund, Ben Fritter, der mittlerweile sein größter Feind geworden war. Er hatte keine Ahnung, was damals mit Ben Fritter geschah, aber Henry hoffte zutiefst, dass er nicht mehr am Leben sein möge. Dieser Schuft verdiente es nicht alt zu werden. Möglicherweise war er gestorben, an Krebs, Aids, der Pest. Wichtig allein wäre zu wissen, dass es auf grausame Weise geschah. Er wünschte Ben Fritter keinen schnellen Tod. Oh nein.
Wie schon so oft fragte er sich, was wohl wäre, wenn er ihm eines Tages unverhofft begegnen würde. Würde er ihn überhaupt noch erkennen? Nach all den Jahren?
Ja, dachte er bitter. Ich würde ihn erkennen, und wenn er tausend Jahre alt wäre und sein Gesicht nur noch aus dünnem Pergament bestünde, ich würde ihn erkennen. Außer Ben Fritter gab es niemanden und nichts auf der Welt, worauf Henry Hass empfand. Sämtliche Gefühle dieser Art hob er sich für diesen Mörder auf.
Er versuchte die Tränen mit seinem Hass zu bekämpfen, und er steigerte sich in eine Woge des Zorns hinein, die ihn in einen gewaltigen Magneten verwandelte. Einen Magneten, der Böses anzog.
* * *
Der Dämon des Hasses irrte zielstrebig durch das Gebäude. Er wusste, dass seine Stunde gekommen war. Sein Opfer befand sich irgendwo zwischen den Stockwerken und strömte eine Welle des Hasses aus, außergewöhnlich intensiv und von magischer Anziehungskraft.
Er durchdrang die Mauerwände mehrerer Wohnungen und erkannte schließlich unter sich einen glatzköpfigen Mann, der eine Zigarre rauchte und dazu ein Frühstück aus Toast und Bier zu sich nahm.
Der Dämon drang in die Person ein, sondierte den Gedankeninhalt des Mannes und stellte fest, dass etwas nicht stimmte. Die Gedanken des vermeintlichen Opfers stießen zwar ebenfalls Hassimpulse aus, aber nicht in jener Intensität, die er eben noch empfing. Er beschloss, diesen Mann ebenfalls im Auge zu behalten. Luzifer würde mehr als zufrieden sein, wenn er ihm zwei Seelen liefern konnte.
Die Impulse seines Opfers wurden schwächer. Der Dämon beeilte sich, endlich an das Ziel seiner Wünsche zu gelangen. Er schwebte durch die geschlossene Haustür mit der Nummer 33 und stellte befriedigt fest, dass er hier richtig zu sein schien.
Sein Opfer saß zusammengesunken auf einer Couch und starrte verbissen auf ein Bild, das eine Frau mit zwei Kindern zeigte. Der Dämon drang in den Mann ein und las seine Gedanken. Was er ihnen entnahm, verpasste ihm einen Schreck der Freude. Der gute alte Henry befand sich in einer Phase, welche das Geistwesen regelrecht in Ekstase versetzte. Der Dämon wusste nun, wem der Hass dieses Mannes galt. Er beschloss, ab sofort Weihnachten zu seinem Glückstag zu ernennen.
Weihnachten ist soooo schön.
Zufrieden registrierte der Abgesandte der Hölle, dass Henry das Bild so fest in beide Hände nahm, als wolle er es zerreißen.
»Ben Fritter, du Scheusal, du Bestie, duuu ...«
Ich weiß etwas, was du nicht weißt, ätsch! äffte der Dämon, und keiner hörte ihn.
Doch seine Wissbegierde drängte nach mehr. Geschickt forschte er in Henrys Erinnerungsvermögen, ließ die Vergangenheit seines Opfers Revue passieren, so als nähme er selbst daran teil. Er schwelgte in dessen Erinnerungen, nahm teil an längst vergangenen Tagen, an den schönen und grausamen. Der Dämon begann eifrig zu lernen.
* * *
Zwei zwölfjährige Jungen knieten am Ufer eines klaren Sees. Ihre Eltern saßen ein paar hundert Meter weiter beim Picknick. Das Echo ihrer Stimmen drang zu ihnen hinüber.
Es war Hochsommer und man schrieb das Jahr 1944.
Der blonde Junge holte mit einem vorsichtigen Seitenblick in Richtung seiner Eltern ein kurzes Taschenmesser aus der Hose. Stummes Einverständnis herrschte in den beiden Gesichtern. Als der blonde Junge sich in den Oberarm stach, floss ein dünner Blutfaden hervor. Der schwarzhaarige Junge nahm das Messer entgegen und wiederholte diesen Prozess. Einige Minuten lang saßen sie beieinander, die Arme fest gegeneinander gepresst, und murmelten selbst erdachte Sprüche und Beschwörungsformeln vor sich hin.
»Freundschaft für immer, auf Blut geschworn, jeder für jeden, durch Hecke und Dorn.«
Im Chor sprachen sie diesen Satz am Ende noch ein Dutzend Mal, bis sie sich zufrieden erhoben.
Die Arme um die Schultern gelegt schlenderten sie zu ihren Eltern zurück. Eine jahrelange dicke Freundschaft, noch über die gemeinsame Schulzeit hinaus, hatte begonnen.
Die beiden Freunde hießen Henry Vaughn und Ben Fritter.
(Gedankensprung)
Nebraska, 19. Juli 1952.
Zwei einsame Gestalten irrten durch endlose Prärie, mit nichts als ihrer spärlichen Bekleidung am Leib und den kleinen Rucksäcken auf den Schultern. Der Wirbelsturm kam immer näher und seine Ausläufer verursachten bereits einen stürmischen Hexentanz. Die beiden zwanzigjährigen Burschen klammerten sich verzweifelt aneinander, um nicht wie Blätter davongewirbelt zu werden.
Den Abenteuerurlaub, den sie gemeinsam erleben wollten, wurde nun zu einer Bedrohung für ihr Leben. Der Tornado hielt genau in ihre Richtung, was die beiden zwar nicht sehen, aber erahnen konnten.
Als der Zeitpunkt kam, von dem an Ben und Henry sich nur noch kriechend fortbewegen konnten, gewahrten sie schließlich die immer näher rückende schwarze Säule.
Das Toben des Sturmes machte eine akustische Verständigung bereits in den Ansätzen zunichte, doch sie kannten einander lange genug um sich mit Blicken verständigen zu können. Mit zusammengekniffen Augen sahen sie sich an. Beide wussten, was der andere dachte: Aufgeben. Kapitulation vor den Gewalten der Natur, die sie wie Puppen hochheben und kilometerweit durch den tödlichen Schlund schleudern würden.
In dem Moment, als sie beschlossen, sich niederzulegen, vom Wind davontreiben zu lassen, egal wohin, da tauchte ein Schemen vor ihnen auf. Die aufgewirbelten Staubmassen erlaubten lediglich den Blick auf die eigenen Füße, und so wären sie fast gegen die Wand der Holzhütte gelaufen, die plötzlich vor ihnen stand. Sie nahmen sich nicht die Zeit, zu überlegen, wer hier in dieser Einöde wohl hauste, sondern tasteten sich blind zur Eingangstür vor. Die beiden fielen regelrecht hinein. Erschöpft ließen sie sich zu Boden fallen, wobei Sand und Schmutz aus ihren Krägen rieselte. Nach der Verschnaufpause begannen sie die Behausung, die lediglich aus einem einzigen Raum bestand, zu durchforschen.
Sie waren allein.
Die Hütte wurde nicht mehr bewohnt, was man unschwer verkennen konnte, da der Schuppen kahl und leer vor
ihnen lag. Allerdings hatten sie den Eindruck, dass der vorige Besitzer noch vor kurzem hier gewohnt haben musste. Das Holz wirkte gepflegt, wie neu gestrichen. Die Fenster waren dicht. Durch keine Ritze drang Staub und Sand herein, was sehr zu ihrer Erleichterung beitrug.
Das Gefühl der Sicherheit wurde jedoch getrübt durch das Vibrieren und Wackeln der Wände, von denen wohl keine der Macht des Tornados widerstehen würde.
Henry schrie auf, als er aus dem Fenster sah. Ben entrann lediglich ein Stöhnen aus der Kehle, was aber sein Entsetzen nicht minderte.
Wie verängstigte Kinder flüchteten sie in den hintersten Winkel des Raumes und kauerten sich am Boden nieder. Ihre Fäuste fanden zusammen und krallten sich ineinander fest.
»Freundschaft für immer, auf Blut geschworn, jeder für jeden, durch Hecke und Dorn.«
In ihren Herzen trugen sie die erbärmliche Hoffnung, dass dieser Bund sie stark gemacht hatte. Stark genug, um gegen jede Gewalt zu bestehen.
Noch während sie diesen Satz aussprachen brach die Hölle los.
Zwei Augenpaare schlossen sich, zwei Münder flüsterten, sich stetig wiederholend, den alten Schwur. Immer und immer wieder, bis ein berstendes Geräusch sie in endlose Dunkelheit stürzte.
Als alles vorüber war, fauchte der Wind rau und wild durch die Trümmer der restlos zerstörten Hütte. Das Grau des Himmels begann sich zu verflüchtigen und die Sonne gewann wieder an Kraft.
Eine Eidechse huschte über die geborstenen Balken und verschwand in einer Spalte.
Dann, nach unendlich lang erscheinender Zeit, schob sich eine schmutzige, blutverschmierte Hand durch die Trümmer. Bald darauf erschien ein Haarschopf, gefolgt von einem schmerzverzerrten Gesicht.
Henry wuchtete mühsam seinen geschundenen Körper aus dem finsteren Loch heraus. Erleichtert stellte er fest, dass seine Knochen heil waren. Die Quetschungen und Prellungen beachtete er nicht. Sie würden schnell heilen.
Dann durchfuhr ein Ruck seinen Körper. Urplötzlich begann er wie ein Berserker zu wüten. Voller Hast riss er Balken hervor, wühlte sich durch das zerstörte Holz, solange bis er fand, was er suchte.
Stöhnend zog er Bens massigen Körper hervor, in der Hoffnung, dass seine Mühe nicht vergebens war. Behutsam legte er seinen Begleiter nieder und untersuchte ihn nach dem Ansatz eines Lebenszeichens.
»Lass deine verdammten Finger von mir, du Schwuchtel«, knurrte Ben Fritter rau.
Henry machte einen ziemlich dämlichen Eindruck, als er seinem Freund ins Gesicht blickte. Daraufhin brach Ben in lautes Gelächter aus, und nach einiger Zeit musste Henry mitlachen. Das Lachen verursachte Schmerzen, aber es befreite sie von dem Druck der letzten Stunden.
»Alles in Ordnung, nichts gebrochen?« erkundigte sich Henry.
»Glaube nicht, auch wenn mir jeder Knochen weh tut. Das Ding kann uns nicht voll erwischt haben, höchstens gestreift. Ich kann es noch gar nicht glauben, dass wir noch leben. Es ist wie ein Wunder.«
»Vielleicht ist es eines«, erwiderte Henry sinnend. »Der Bund hat Macht. Wir sind unschlagbar solange wir ein Team sind, davon bin ich überzeugt.«
»Freundschaft für immer, auf Blut geschworn. Mann, wir sind die Kings, Henry, du und ich. Wo ist dieser verdammte Tornado, soll nur kommen, wir werden ihm schon zeigen....«
»Ben!« unterbrach ihn Henry mit wehleidigem Lächeln.
»Ja?«
»Halts Maul!«
(Gedankensprung)
Albany (New York), 1956.
Henry Vaughn war aufgeregt wie ein kleines Kind, als er mit der Rose in der Hand vor dem Haus der Familie Rand stand. Zufrieden stellte er fest, dass außer in Marias Zimmer keine Beleuchtung brannte. Die Rands waren nicht zu Hause, es sei denn, sie zogen es vor, bereits um neun zu Bett gehen, was an einem Freitagabend wohl reichlich ungewöhnlich schien.
Nervös betätigte er die Glocke. Während er wartete, dachte er an den letzten Samstag im Oktober, als Maria und er sich in dem kleinen Tanzlokal am Ende der Stadt kennenlernten. Dabei sah er immer noch Bens neidisches Gesicht vor sich und musste im Stillen lächeln. Ben hatte mit ihr einige Male getanzt und sie schien seinen Freund recht nett zu finden. Aber eng umschlungen, die Lippen nur Millimeter voneinander entfernt, vor Erregung bebend, so tanzte sie nur mit ihm.
Sie trafen sich noch des Öfteren, und meistens war Ben dabei. Die Zündschnur war vorhanden, es fehlte nur der entscheidende Funke. Henry mochte ihre Zurückhaltung. Was er allerdings weniger mochte, waren Bens ausgehungerte Blicke.
Henry wartete und wartete, und er wartete auch noch nach dem dritten, dem vierten und dem fünften Läuten.
Sorge machte sich breit in ihm. Hoffentlich war nichts passiert, schließlich befand sie sich allein im Haus und würde sich nicht helfen können, wenn ...
Kurzerhand fasste er einen Entschluss und stieg, nachdem er sich vergewisserte, dass er nicht beobachtet wurde, über den meterhohen Gartenzaun. Leise pirschte er sich an die Seitenfront des Hauses, direkt unter Marias Fenster.
Als er die spitzen Schreie vernahm, krampfte sich sein Magen zusammen. Um Gottes willen ...
Die Vorhänge waren zugezogen, aber der kleine offene Spalt genügte für einen Blick ins Innere.
Was er sah ließ das Kartenhaus der roten Herzen zusammenbrachen wie einst der Tornado die Hütte in der Wildnis Nebraskas.
Maria lag schreiend und stöhnend quer auf ihrem Bett, die feingliedrigen Finger verkrampften sich in ihr langes schwarzes Haar. Auf ihr lag Ben Fritter, der sich gerade anschickte, ihr seinen Liebesstab zwischen die Schenkel zu stoßen.
Entsetzt wich Henry einige Schritte zurück, und er verlor zum ersten Mal in seinem Leben total die Beherrschung.
»Du Schwein! Duuu verdammmtes Schwwwein! Ben Fritter, ich hasse dich, du perverse Drecksau! Du Schwweiiinnn! Was hast du getan, was hast du getan, oh Gott! Verflucht seid ihr alle beide, Ben Fritter, du und diese verfluchte Hure. Hure! Hure!«
In seiner Wut spürte er nicht, wie die Tränen von seinen Wangen liefen. Umso deutlicher erkannte er aber, wie sehr er sich in dieses Mädchen verliebt hatte. Die Enttäuschung wäre vielleicht nicht ganz so groß gewesen, wenn es nicht ausgerechnet Ben Fritter gewesen wäre, vom dem sie sich bumsen ließ.
Während er schrie wurde der Vorhang zurückgezogen. Er sah in das entsetzte Gesicht Bens, der, nun mit einer Hose bekleidet, zu ihm hinausstarrte.
Henry hielt es nicht mehr aus, sondern rannte blindlings davon. Zurück ließ er eine zertretene Rose und zwei verstörte Menschen.
Henrys Ziel war Harrys Pub, seine Stammkneipe.
Und Bens.
Aber dieser würde sich heute sicherlich nicht mehr hierher wagen.
Er trank einen Whisky nach dem anderen, aber der Zustand, der das große Vergessen einleitete, wollte sich einfach nicht einstellen.
Nachdem er eine Weile vor sich hingebrütete hatte, schob sich eine massige Gestalt neben ihn auf einen der Barhocker und klopfte ihm sanft auf die Schulter. Henry sah nicht auf. Es interessierte ihn nicht die Bohne, wer etwas von ihm wollte.
»Henry!«
Henry zuckte zusammen, als er die Stimme erkannte und reagierte automatisch.
Seine Linke fuhr knallhart in Bens Visage und zertrümmerte einen Schneidezahn. Der zweite Schlag fuhr in die Magengrube, und der dritte Hieb erfolgte von Seiten Bens.
Henrys rechtes Auge brannte wie Feuer. Leicht benommen erkannte er die bereits erneut auftauchende Faust. Der Schlag traf ihn am Brustkorb und warf ihn von den Beinen. Während er fiel gelang es ihm, seinen Fuß in Bens Kniekehle zu hangeln. Hart schlugen beide zu Boden.
Die Leute an der Bar sahen interessiert zu. Niemand dachte daran einzugreifen. Harry, der Mann an der Bar, hielt sich ebenfalls zurück, schüttelte allerdings nichtverstehend mit dem Kopf. Er kannte die beiden nur als dicke Freunde und wollte nicht begreifen, von welchem Teufel diese beiden Jungs auf einmal geritten wurden.
Henry gelang es, sich auf Ben Fritter zu werfen und ihm einen Hieb zu versetzen, der ihn für Sekunden geistig ausschaltete. In Reiterstellung saß er auf ihm und seine Arme arbeiteten wie Dreschschlegel. Er war wie von Sinnen und verrichtete sein Werk wie ein Roboter. Er drosch auch noch, als ihn starke Hände von Bens Körper herunterrissen und davonschleppten. Sie setzten ihn kurzerhand vor die Tür, ebenso wie Ben, der noch benommen vor sich hin glotzte.
»Wenn ihr euch schon umbringen müsst, dann nicht hier drinnen, kapiert?« hörten sie noch Harrys Stimme aus dem Hintergrund bevor die Tür hinter ihnen zufiel.
Erschöpft saßen die beiden am Rande des Rinnsteins und schnauften wie nach einem Gewaltmarsch. Schließlich, als sie wieder ein wenig bei Kräften waren, sahen sie stumm vor sich hin, ohne sich eines Blickes zu würdigen.
Ben war es, der dem Schweigen ein Ende bereitete.
»Freundschaft für immer, auf Blut geschworn. Der Bund, erinnerst du dich, Henry?«
Henry lachte bitter auf.
»ICH habe mich immer daran erinnert. Mir war nur nie bewusst mit was für einem Arschloch ich diesen Schwachsinn einging.«
»So darfst du nicht reden, Mann. Das ist ganz große Scheiße, wenn du..«
»WAS ist ganz große Scheiße, Mann?« fuhr Henry auf. »Das ich zufällig gesehen habe, wie mein bester Freund mit dem Mädchen vögelt, das ich ... oh verdammt«.
Henry versuchte krampfhaft die aufsteigenden Tränen zurückzuhalten.
»Ich war mit ihr verabredet. Wie konnte sie das nur vergessen? Sie hat mit mir gespielt, sie wollte, dass es geschieht. Sie wollte, dass ich mitansehe, was ihr zusammen treibt. Deshalb hat sie auch nicht geöffnet, obwohl ich mehrmals läutete. Und du hast mitgemacht bei dieser Schweinerei. Du bist nicht besser als alle anderen, bis auf den Unterschied, dass es dir gelungen ist, mich jahrelang zu täuschen. Herzlichen Glückwunsch.«
»Es war alles ganz anders. Lass mich es dir erklären, bitte, danach kannst du meinetwegen fortlaufen und mich aus deinem Leben schmeißen, aber lass es mich erklären.«
Henry lachte kurz und trocken.
»Rede was du willst, aber erwarte nicht, dass ich dir nach dem was geschehen ist noch ein Wort glaube.«
Ben holte tief Luft.
»Ich hab‘ Maria zufällig aufgelesen, als sie aus der Fabrik kam. Da ich wusste, wie lange die Leute dort immer auf ihren Bus warten mussten, hab’ ich sie heimgefahren. Ihre Alten waren nicht da, und sie fragte mich, ob ich nicht kurz mal mit reinkäme, sie hätte was mit mir zu bereden.«
»Soso.«
»Von wegen soso. Es ist nicht das, was du denkst. Sie wollte mich über dich aushorchen, was du so redest über sie und so weiter. Muss zugeben, hat mir schon gestunken, wie die Kleine auf dich abgefahren ist, aber es hielt sich in Grenzen. Schließlich sind wir die besten Freunde, der Bund und so, weißt ja. Nun, ich war nicht gerade gesprächig, und da fragte mich die Kleine, ob ich ein bisschen Gras wollte. Nur wenn sie mitrauche, habe ich gesagt, und so kamen wir dann gut ins Gespräch. Die Zeit verging wie im Flug, wir redeten über allen möglichen Unsinn ... und über dich natürlich.
Dummerweise kam ich, nachdem wir beide schon ziemlich stoned waren, auf den Gedanken, dass ich noch 'ne Flasche Scotch im Wagen hatte. Na gut, so kam es, dass die Zeit noch schneller verging. Bald ging mir ihre Fragerei ziemlich auf die Nerven. Ich fragte sie, was an mir so verkehrt wäre. Sie war stoned, ich war stoned, und du weißt ja selber, wie geil dieses verdammte Zeug einen macht. Ich versuchte mich an sie heranzumachen, doch sie meinte nur, sie hätte eine Verabredung. Mit dir.
Mann, hab’ ich ihr Scheiße erzählt, und sie war in einem Zustand, in dem sie alles glaubte. Ich machte ihr weiß, dass es besser wäre, von einem guten Bekannten entjungfert zu werden, als von dem Mann, den man liebte. Die Schmerzen beim ersten Mal und so, dass es nicht schön wäre, den ersten Abend mit dem Lover sich durch diese blutige Angelegenheit zu versauen. Angeberisch prahlte ich damit, dass ich in so was Erfahrung hätte, und du, nun ja, ein ziemlich grüner Bengel bist, der noch nie ... na, du weißt schon.«
»Gott, was erzählst du da für einen Mist. Du erwartest doch nicht im Ernst, dass ich dir DAS abnehme?«
»Du musst. Es war eine wirklich urkomische Situation, in die wir beide da hineinschlitterten. Sie ließ es zu, dass ich ihre Brüste berührte. Schließlich bat sie mich es ihr zu machen. Sie zu entjungfern, damit sie es hinter sich hätte, wenn sie mit dir ... Lieber Gott, schau nicht so, sie ist keine Nutte, sie war lediglich stoned und hatte eine halbe Flasche Scotch intus.«
»Hast du's getan? Hast du in ihr ...?« fragte Henry leise.
»Nein, du hast es verhindert. Es war gut so. Es tut mir leid, Henry, sehr leid. Verzeih mir, es war fies und gemein.«
Henry saß eine Weile stillschweigend da und überlegte.
»Du lügst«, meinte er schließlich.
»Ich lüge nicht. Mit deinem Auftritt hast du uns so einen Schock eingejagt, dass wir wieder reinen Kopf erhielten. Wir kamen uns ganz schön bescheuert vor, das kannst du glauben.«
»Oh, DAS tut mir aber leid!« zischte Henry gehässig.
»Du glaubst mir nicht?«
»Nein, nie mehr!«
Plötzlich drang von der anderen Straßenseite eine weibliche Stimme zu ihnen herüber. Sie klang ein wenig verweint und kläglich, aber sie verpasste Henry einen gewaltigen Stich ins Herz.
»Henry!«
»Maria!«
Sie stand ihm gegenüber, auf der anderen Seite der Straße, eine dünne Jacke über ihrem dünnen Kleidchen. Sie fror erbärmlich, und er sah im Licht der Laterne das Schimmern ihrer Tränen. Ohne ein weiteres Wort ging er zu ihr hinüber. Ben Fritter sollte nie erfahren, was in den nächsten Stunden gesprochen wurde.
Eineinhalb Jahre nach diesem Ereignis heiratete Henry Vaughn die zwanzigjährige Maria Rand. Als Trauzeuge fungierte Ben Fritter.
(Gedankensprung)
Vietnam, 1964.
Gegen das, was die beiden Soldaten Ben Fritter und Henry Vaughn in der Hölle des Vietnamkrieges erlebten, mutete ihr Erlebnis mit dem Tornado wie ein lustiges Kinderspiel an.
Beide waren bereits über dreißig Jahre alt und hatten es bis zum Captain gebracht. Jeder von ihnen führte seine eigene Einheit durch die brodelnde Hitze des kambodschanischen Dschungels. Zum ersten Mal befanden sich die beiden in größter Gefahr allein. Damit verlor der Bund seine magische Wirkung und machte sie verletzbar. Doch die Verantwortung ließ ihnen keine Zeit, allzu oft darüber nachzudenken. Das Schicksal sollte sie jedoch in kürzester Zeit wieder vereinen.
Captain Fritter geriet mit seiner Einheit in einen Hinterhalt der Vietcong. Die zweiunddreißig Mann starke Gruppe wurde in einem blutigen Gefecht bis auf zehn Mann reduziert. An den Qualen der Folter starben weitere sechs Männer, nachdem man sie in einem Lager des Feindes gefangen hielt. Schließlich lebte nur noch der Befehlshaber: Ben Fritter.
Wenige Sekunden vor der Exekution durch Enthauptung überfiel Captain Henry Vaughn mit seiner Mannschaft das feindliche Fort. Nur ein knappes Dutzend Soldaten überlebte den Kampf. Inmitten des Kampffeldes, zwischen all dem Blut und Gedärm, standen zwei Männer, die ihre Fäuste vereinten und gen Himmel streckten.
»Freundschaft für immer, auf Blut geschworn, jeder für jeden, durch Hecke und Dorn.«
Der alte Kinderreim besaß wieder seine Wirkungskraft. SIE hatten überlebt. Der Bund war unbesiegbar.
Gemeinsam kämpften sie sich weiter durch diese Hölle, mit sich führend ein Dutzend gefangene Vietcong, die ihnen möglicherweise noch nützlich sein konnten.
Das Ende des Bundes rückte immer näher, aber weder Henry noch Ben ahnten etwas davon.
Nach zweiwöchigem Marsch und erfolgreichen Gefechten mit dem Feind erreichten sie das Dorf. Hank, der Funker, meldete, dass es ihm noch nicht gelungen sei, das defekte Funkgerät zu reparieren. Ihre Mägen verlangten nach Nahrung und ihre Ausrüstung nach neuen Waffen. Dieses Dorf kam ihnen gelegen. Sie beschlossen jedoch erst auf die Nacht zu warten und dann zuzuschlagen.
Stunden später war es soweit. Henry gab den Männern noch einige Instruktionen, die er mit Nachdruck bekräftigte.
»Wir benötigen Nahrung, Waffen und Munition. Ich habe in diesem Krieg Dinge erlebt, die zum Himmel stinken. Ich wünsche kein Blutvergießen unter der Zivilbevölkerung, ebenso wenig Vergewaltigungen oder sadistische Quälereien. Sie stehen unter dem Kommando von Captain Fritter und meiner Wenigkeit. Bei Nichtbeachtung dieser Befehle haben Sie sich vor dem Kriegsgericht zu verantworten.«
Henry erwartete, dass Ben einige zustimmende Worte sprach, erntete aber nur einen Blick, der ihm alle Rätsel dieser Welt aufgab. Er kannte diesen Blick, der nicht mehr oder weniger besagte, dass Ben seinen Standpunkt nicht teilte. Aber das konnte doch wohl nicht sein.
Oder?
Mit einem flauen Gefühl im Bauch zog er los.
Der Überraschungsangriff erwies sich als voller Erfolg. Die Vietcongs dachten nicht einmal an Gegenwehr. Die jungen Männer des Dorfes befanden sich alle im Krieg. Kinder, Frauen und runzlige alte Gestalten waren die einzigen Bewohner.
Sie durchstöberten die Hütten und ihre Vorratsbunker nach Nahrung und Waffen. Es gab nicht wenig zu erbeuten. Die Soldaten lachten zufrieden und schaufelten massenweise Reis in sich hinein. Die Hühner, Ziegen und Schafe wurden sofort geschlachtet und ausgeweidet. Ihnen allen lief das Wasser im Munde zusammen. Sie besaßen nun für längere Zeit Proviant und Munition.
In all dem Gewimmel bekam niemand mit, dass Ben mit einer etwa dreizehn Jahre jungen Vietnamesin in einer Hütte verschwand.
Henry versuchte verzweifelt eine Verständigung mit den Einwohnern zu erzielen, aber ihm schlug nur Verachtung und Hass entgegen. Und Angst. Seine Versuche, sie von ihrer Friedfertigkeit zu überzeugen, schienen nach mühevollen wort- und gestenreichen Ausführungen schließlich doch noch zu fruchten.
Da ertönte auf einmal dieser markerschütternde Schrei. Die Soldaten griffen nach ihren Waffen, auch Henrys Hand fuhr zum Kolben. Dann erfolgte jene Szene, die Henry Vaughn sein ganzes Leben lang verfolgen würde. Das Ende des Bundes vollzog sich binnen Sekunden.
Ein halbnacktes Mädchen stürmte wimmernd aus dem Eingang einer Hütte. Hinter ihr her taumelte Ben, aus seiner Hose hing sein blutendes Glied. Sein Kopf glich einem Feuerball. Henry blickte verständnislos auf die Waffe in Bens Hand. Alles ging so wahnsinnig schnell, und ehe Henry wieder zu sich kam, schoss Ben dem Mädchen zweimal in den Rücken.
Darmowy fragment się skończył.