Czytaj książkę: «Ein Herz und keine Seele»
Mark Billingham
Ein Herz und keine Seele
Thriller
Aus dem Englischen von Stefan Lux

Für Michael. Vorwärts und aufwärts …
Es ist meine Überzeugung, dass die aus der Liebe erwachsenden Probleme – Verblendung, Eifersucht, Kummer, Verletzung, unangemessene Anziehung und Sucht, um nur wenige zu nennen – ernsthafte Aufmerksamkeit verdienen und dass die Grenze, die zwischen der normalen und der abnormen Liebe liegt, häufig fließend ist. Der kleinste Funken sexueller Anziehung kann ein Feuer auslösen, das die Macht hat, uns zu verzehren …
Dr. Frank Tallis, Der unheilbare Romantiker und andere Geschichten aus der Psychotherapie
I want you,
The truth can’t hurt you, it’s just like the dark,
It scares you witless,
But in time you see things clear and stark,
I want you,
Go on and hurt me, then we’ll let it drop,
I want you,
I’m afraid I won’t know where to stop …
Elvis Costello, I Want You
TEIL EINS DAS BETT UND DER STRAND
EINS
Tom Thorne sah zu, wie der Sack mit der Leiche der Frau so vorsichtig wie möglich von den Gleisen auf den Bahnsteig gehoben wurde. Das verräterische Durchhängen in der Mitte war nicht zu übersehen. Dorthin waren die vom Rumpf abgetrennten Körperteile gerutscht, dort hatte sich die Flüssigkeit gesammelt.
Was von der Toten übrig war …
Er sah, dass Detective Dipak Chall sein Gespräch mit einem Beamten der British Transport Police beendete und über den Bahnsteig auf ihn zukam. Er hatte einen durchsichtigen, von innen beschmutzten Plastikbeutel in der Hand. Vorsichtig hielt er ihn hoch, sodass Thorne den Inhalt betrachten konnte.
Eine braune Lederhandtasche, Schlüsselbund, Handy.
»Wir haben einen Namen«, sagte Chall.
Thorne hatte heute seine Schicht beim Homicide Assessment Team abzuleisten, einer mobilen Einheit, die zu jedem Schauplatz eines plötzlichen Todesfalls geschickt wurde, um zu entscheiden, ob die Umstände verdächtig waren und weitere Ermittlungen verlangten. Sobald das abrufbereite HAT von den Streifenpolizisten angefordert wurde, machten die Beamten – in diesem Fall Thorne und Chall – sich auf den Weg zum Fundort der Leiche, um eine Einschätzung abzugeben. An manchen dieser Schauplätze konnte selbst ein intellektuell etwas schwerfälliger Polizeischüler erkennen, dass ein Mord geschehen war, in anderen Fällen nahmen die Beamten dort, wo mit größter Wahrscheinlichkeit ein natürlicher Todesfall vorlag, die Räumlichkeiten genauer unter die Lupe, um nach Kampfspuren oder Anzeichen für ein gewaltsames Eindringen zu suchen. Sie überprüften die vor Ort vorhandenen Medikamente – verschreibungspflichtig oder nicht –, übergaben den Fall dann dem jeweils zuständigen Team und warteten auf den nächsten Anruf. Ihr erster Fall hatte sie heute Morgen in eine Wohnung in Wood Green geführt, wo sie schnell zu dem Schluss gekommen waren, dass der alte Mann, der zusammengesackt in einem Sessel vor der Jeremy Kyle Show saß, eines natürlichen Todes gestorben war. Als man sie später zur U-Bahn-Station Highgate gerufen hatte, war das Bild auf den ersten Blick genauso eindeutig gewesen.
»Die Kollegen haben sich die Überwachungsvideos angeschaut«, hatte Chall nach einem kurzen Gespräch mit den Beamten vor Ort erklärt. »Sie stand allein am vorderen Ende des Bahnsteigs.« Er deutete auf die betreffende Stelle. »Dort, wo der Zug einfährt. Unmittelbar bevor er aus dem Tunnel auftauchte, lief sie los und sprang.«
Thorne hatte kaum etwas gesagt und den Leuten zugesehen, die immer noch auf den Gleisen arbeiteten. Sie sammelten ein, was noch übrig war, nachdem Fleisch und Knochen von einem mit sechzig Stundenkilometern einfahrenden Zug erfasst und überrollt worden waren.
»Sieht alles ziemlich klar aus«, bemerkte Chall.
Thorne starrte auf den Beutel, den Schlüsselbund, das Handy. Jetzt sah er darin auch den undefinierbaren Brocken, der das Plastik verschmierte. »Ja, wahrscheinlich«, entgegnete er.
»Ich verstehe nicht, wie jemand sich so etwas antun kann.«
»Sich umbringen?«
»Auf diese Weise, meine ich.«
»In der Regel funktioniert es«, sagte Thorne. Allerdings nicht immer, wie er wusste. Die Frau im Leichensack hatte Glück gehabt, jedenfalls insofern, als sie vermutlich ihr Ziel erreicht hatte. Es gab viele, deren Timing nicht so gut war und die lediglich mehrere Gliedmaßen einbüßten.
»Es ist der Fahrer, der mir leidtut«, sagte Chall. »Er muss damit leben.«
»Da haben Sie allerdings recht.« Thorne hatte bei der Ankunft im Stationsbüro einen kurzen Blick auf den Fahrer geworfen. Bleich, kahl rasiert und mit einem Becher in den Händen, während jemand vom U-Bahn-Notfallteam auf ihn einredete. Der Fahrer hatte nur genickt, und jemand hatte ihm einen tätowierten Arm um die Schultern gelegt. Thorne wusste, dass man dem Mann psychologische Betreuung anbieten würde. Er hatte gelesen, dass jeder Fahrer, der dreimal erleben musste, wie ihm jemand vor den Zug sprang, sofort in den Vorruhestand gehen durfte, bei vollen Bezügen.
Wahrscheinlich bloß ein Großstadtmythos, dachte Thorne. Wie die geheime U-Bahn-Station am Buckingham Palace oder die Gruppe wilder Kannibalen, die durch die Tunnel geisterte.
Draußen vor dem Eingang zum Bahnhof hatte er ein paar Passagiere gesehen, die in Grüppchen beisammenstanden, nachdem sie aus dem Zug hatten aussteigen müssen. Ihnen würde man ebenfalls die nötige Unterstützung anbieten. Unwillkürlich fragte sich Thorne, ob auch die Frau, die Auslöser des Ganzen gewesen war, irgendwelche Hilfsangebote bekommen hatte. Und ob sie alle dann überhaupt hier stünden.
»Keine Ahnung, wie man so was hinter sich lässt. Sie wissen schon … wenn man nicht daran gewöhnt ist.« Chall trat an die Bahnsteigkante. Die Männer und Frauen in Warnwesten unten auf den Gleisen hatten es nach dem Abtransport der Leiche deutlich eiliger als zuvor. Der Strom musste wieder eingeschaltet werden, die Züge weiterfahren.
Chall betrachtete Thorne stirnrunzelnd. »Alles okay, Chef?«
»Ist bloß ein bisschen warm hier unten, das ist alles.«
Chall nickte und summte eine Melodie vor sich hin. Ohne nachzudenken, schwenkte er den Plastikbeutel sanft hin und her, wodurch an dessen Boden ein blutiges Rinnsal von einer Ecke in die andere lief. Als Chall es bemerkte, hörte er sofort damit auf.
Das Wetter draußen war heute Morgen so unbarmherzig gewesen, wie man es in der letzten Januarwoche erwarten durfte. Als Thorne angekommen war, hatte der Atem der vor dem Bahnhof wartenden Fahrgäste, die nervös redend oder rauchend herumstanden, Wölkchen gebildet. Trotzdem fühlte er sich hier unten verschwitzt und unwohl, er hatte Kopfschmerzen. Als Chall in die andere Richtung schaute, zog er den Reißverschluss seiner Jacke herunter und atmete tief durch.
Selbstmord war ihm schon immer an die Nieren gegangen.
Seine erste Leiche war die einer Erhängten gewesen, und er hatte sie nie vergessen. Tatsächlich erinnerte Thorne sich an die meisten Leichen, die er in seiner Laufbahn zu Gesicht bekommen hatte. Auf jeden Fall an alle Mordopfer. Und so sehr er sich auch dagegen wehrte, an die Gesichter ihrer Mörder.
Es war eine Teenagerin gewesen, diese erste Leiche. Ein schmächtiges Mädchen, das am Ast einer Eiche im Victoria Park gebaumelt hatte. Ein zerrissenes blaues Kleid, Beine wie Streichhölzer und die schlammigen, sich berührenden Fersenkappen ihrer Turnschuhe.
Er sah sich selbst und einen Kollegen mit einer wackligen Trittleiter vor sich.
Und diesen dürren Körper, der so viel schwerer war, als er aussah.
»Und, was meinen Sie?«, fragte Chall.
In vielerlei Hinsicht konnte er mit Morden besser umgehen, denn die Fragen waren immer dieselben. Wer hatte es getan, warum und, vor allem: Wie würde er den Täter aufspüren? Die Fragen, die durch einen Selbstmord aufgeworfen wurden, setzten Thorne weit mehr zu, denn in neun von zehn Fällen blieben sie unbeantwortet.
»Bitte?«
»Sollen wir den Fall den Kollegen überlassen?« Der Detective deutete mit dem Kopf zum Ausgang. »Uns verabschieden …?«
»Wissen wir irgendetwas über die Tote?«
Chall öffnete den Mund, schloss ihn aber gleich wieder. »Nein, aber wenn Sie mehr wissen wollen, dürfte das nicht allzu lange dauern.« Wieder hob er den Plastikbeutel hoch. »Immerhin wissen wir, wer sie ist.«
Jetzt entdeckte Thorne mehrere Kreditkarten, eine Oyster Card und einen blutbefleckten Führerschein. Er beugte sich näher heran, griff nach dem Beutel und schob ihn so zurecht, dass er das Passbild erkennen konnte. Im Gesicht der Frau meinte er die Andeutung eines Lächelns zu erkennen. »Okay, es kann nicht schaden, ein bisschen herumzufragen.«
»Wirklich?« Challs Gesichtsausdruck verriet sofort, dass er ihre Arbeit an diesem Fall für getan hielt. Ein Todesfall, der zwar plötzlich eingetreten, aber nicht verdächtig war. Es bestand ebenso wenig Anlass, einen näheren Blick auf das Leben der Frau im Leichensack zu werfen, wie bei dem alten Mann in seinem Sessel in Wood Green. Er trat näher. »Haben Sie irgendeinen Anhaltspunkt für etwas Verdächtiges?«
Thorne schüttelte den Kopf.
»Ist mir was entgangen?«
Ein kleines Stück von ihnen entfernt kletterten zwei Männer auf den Bahnsteig. Dann drehten sie sich um, um ihren Kollegen hochzuhelfen. Zum hundertsten Mal verkündete eine durch den Lautsprecher verzerrte Frauenstimme, dass der Bahnhof bis auf Weiteres gesperrt blieb.
»Ich meine, die Videoaufnahmen waren ziemlich eindeutig.« Chall schaute zu der Kamera, die hoch oben über dem Ende des Bahnsteigs montiert war. »Niemand war auch nur in ihrer Nähe.«
»Ich will bloß … später noch ein bisschen herumstöbern, das ist alles.«
»Wie Sie wollen, Chef.«
Thorne machte sich auf den Weg zum Stationsbüro, um zu sehen, ob er ein paar Worte mit dem Fahrer wechseln konnte. Und wenn er schon dort war, konnte er vielleicht auch ein paar Aspirin schnorren. Er trat beiseite, um zwei Männer mit einer fahrbaren Krankentrage vorbeizulassen, und dachte über etwas nach, das Chall gesagt hatte.
Niemand in ihrer Nähe …
ZWEI
Sarah sitzt am Küchentisch, den sie eine Stunde zuvor gewachst und poliert hat, und betrachtet die Frau ihr gegenüber, die den Karottenkuchen verputzt, als hätte sie einen Monat lang nichts zu essen bekommen. Die Frau – Karen, wobei die erste Silbe wie car ausgesprochen wird – summt vergnügt vor sich hin und tupft sich den Mund mit einer der Servietten ab, die Sarah nach dem Polieren des Tischs extra noch gebügelt hat.
»Oh. Mein. Gott.« Die Frau lässt ihre Hände flattern, als hätte der einzigartige Geschmack sie vorübergehend der Kontrolle über ihre Gliedmaßen beraubt.
»Schön, dass er Ihnen schmeckt.«
Die Frau schluckt. »Haben Sie den selbst gemacht?«
Manche Dinge sind es nicht wert, dass man ihretwegen schwindelt. »Sainsbury’s, fürchte ich. Ich wünschte, ich hätte Zeit zum Backen.«
»Wem sagen Sie das.« Der Blick der Frau fällt auf den in einer Ecke zusammengeschobenen Haufen mit Legosteinen und die herumliegenden DVDs: Dino Man und Coco – Der neugierige Affe. »Der Tag hat nur vierundzwanzig Stunden, stimmt’s?«
Sarah nickt lächelnd, doch für einen kurzen Moment hat sie so etwas wie Missbilligung in der Miene der Frau entdeckt. Eine Grimasse, die sie nicht ganz unterdrücken konnte und die zu sagen schien, dass es – Stress hin oder her – für Schludrigkeit einfach keine Entschuldigung gibt.
Vor allem, wenn man Gäste hat.
»Es ist lächerlich, oder?« Die Frau streicht sich die Haare aus dem Gesicht und pickt dann die Krümel von ihrem Teller. »Man setzt die Kinder ab, dann gleich zurück ins häusliche Chaos, mit Glück ein schnelles Mittagessen. Und ehe man weiß, wie einem geschieht, ist es schon wieder Zeit, die kleinen Plagegeister abzuholen.«
»Ist schon schwer genug, wenn man nur einen davon hat.«
»Klar, natürlich.« Die Frau leckt sich die Finger ab. »Ganz zu schweigen vom Hund, den man bei Wind und Wetter ausführen muss …«
Sarah nickt und nimmt einen Schluck Kaffee.
Über die Hunde haben die beiden sich kennengelernt, vor vierzehn Tagen oder so, im Park am Ende der Straße. Sarah schleifte ihren dummen alten Mischling um den See herum und begegnete dabei Karen, die mit großem Getue ihren kläffenden Cockapoo ausführte. Die Hunde beschnüffelten gegenseitig ihre Hinterteile, während die Frauen sich auf zivilisiertere Weise bekannt machten.
Ja, es ist wirklich schön heute, nicht wahr? Ich wünschte nur, die Stadt würde sich um den Müll kümmern und um die Jungs, die auf den Bänken Gras rauchen. Allein der Geruch. Ach du Scheiße, Monty jagt schon wieder den Enten nach, ich werd mal lieber rennen …
Am nächsten Tag noch ein bisschen mehr Geplauder, ein paar gemeinsame Spaziergänge, und jetzt sitzen sie hier.
Kaffee und Kuchen, alles wunderbar.
»Ich glaube, meine beiden sind ein bisschen älter als Ihrer, oder?«
»Ja, er ist erst sechs.«
»Oh, tut mir leid, ab da wird’s nur noch schlimmer. Dreckige Fußballklamotten in sämtlichen Zimmern, die Hausaufgaben und was weiß ich noch alles. Können Sie sich drauf freuen.«
Sarah lacht und verdreht die Augen, weil es ihr passend erscheint. »Wo gehen Ihre zur Schule?«
»St Mary’s. Ich glaube, die ist sehr gut. Sie sollten Ihren Jungen dort rechtzeitig anmelden.«
Karens Kinder gehen nicht auf dieselbe Schule wie Jamie. Es wäre ihr ein wenig unangenehm gewesen, aber sie wäre damit zurechtgekommen. Solche Situationen hat sie schon mehrmals erlebt und sie irgendwie immer gemeistert. Improvisieren ist inzwischen eine ihrer Stärken.
Die Frau hat sich ihr Handy geschnappt und scrollt eifrig herum. Ohne den Blick vom Display zu nehmen, greift sie nach ihrer Handtasche und sagt: »Gott, in einer Stunde muss ich sie abholen, es wird Zeit.« Sie hebt den Kopf und lächelt. »Es war wirklich schön, Sarah.«
»Hat mich gefreut, dass Sie kommen konnten.«
»Nächstes Mal bei mir, ja?«
»Wunderbar.« Sarah lacht. »Und keine Sorge, ich erwarte keinen selbst gebackenen Kuchen.«
Die Frau fällt in ihr Lachen ein, und es klingt wie ein kratziges Bellen. »Gut, Sie werden auch keinen bekommen.« Dann steht sie auf und wirkt so selbstzufrieden, als sei ihr gerade eine wunderbare Idee gekommen. »Warum kommen Sie stattdessen nicht einfach zum Abendessen? Sie wissen schon, Sie und Ihr …«
»Ich habe keinen Irgendwas«, erwidert Sarah.
»Oh, ach so.«
»Geschieden.« Sarah nimmt den leeren Teller der Frau und stellt ihn auf ihren eigenen. »Auf der Suche.«
»Na, ich hoffe, Sie haben Ihren Ex um den letzten Penny gebracht.« Die Frau schaut sich um. »Schätze, das haben Sie.«
»Ich habe mein Bestes gegeben«, sagt Sarah.
»Wie auch immer.« Karen nimmt ihren Mantel und geht Richtung Tür. »Kaffeetrinken ist auch schön. Für mich jedenfalls, wenn Sie einverstanden sind.«
Sarah lächelt.
Natürlich, denkt sie. Man kann eine einsame alleinstehende Frau doch nicht zum Abendessen einladen, oder? So was sollte man tunlichst vermeiden. Es wäre für alle Beteiligten bloß unangenehm und peinlich.
»Dann bis bald im Park.«
»Auf jeden Fall«, sagt Sarah.
»Ich bin die, die einem renitenten Cockapoo hinterherläuft und haufenweise Scheiße aufsammelt.«
Sarah macht einen Schritt auf sie zu, doch die Frau wedelt gnädig mit der Hand und legt sie dann ihrer Gastgeberin auf den Arm. »Seien Sie nicht albern, ich finde schon allein raus. Ich lasse Sie in Ruhe aufräumen.«
Den Weg zur Schule würde sie wahrscheinlich im Schlaf finden. Links auf die Hauptstraße, dann der Schleichweg zur U-Bahn-Station und geradeaus an den vornehmen Häusern vorbei, an der kleinen Wiese und dem überteuerten Lokal, im dichten Verkehr, in dem sie alle paar Hundert Meter zwischen überdimensionierten SUVs zum Stehen kommt.
Ein bisschen schämt sie sich wegen ihres Kleinwagens.
Das Parken in Brooklands Hill ist jedes Mal die Hölle. Die wütenden Gesten und das unablässige Hupen, mit denen ein Bataillon schwarz glänzender Chelsea-Traktoren um einen Parkplatz möglichst nah an der Schule kämpft. Sarah hat keine Lust darauf. Hin und wieder schießt jemand, der nicht weiß, wie man einen Blinker betätigt, gerade im richtigen Moment aus der idealen Parklücke hervor, doch Sarah fährt weiter und überlässt sie dem Wagen hinter ihr. Viel lieber parkt sie in einer der etwas weiter entfernten Straßen.
Sie stellt den Wagen ab, geht die Strecke in ein paar Minuten zurück und winkt auf dem Weg zur Schule ein oder zwei bereits wartenden Eltern zu. Eine Frau namens Savita spricht sie sofort an.
»Schon wieder die verdammten Läuse.«
»Oh Gott. Arjun?« Sarah kann sich die Namen der anderen Kinder gut merken.
»Bisher noch nicht, ist aber nur eine Frage der Zeit. Anscheinend gehen sie um. Am besten schaust du dir Jamie mal gründlich an.«
»Das mach ich.«
»Mir wird schon übel, wenn ich nur daran denke.«
»Vielleicht betrifft es nur eine Klasse.«
»Keine Chance. Die breiten sich aus wie die verdammte Pest …«
Inzwischen ist Heather – eindeutig eine der netteren Mütter – eingetroffen, gleich danach kommt David, ein alleinerziehender Vater. Alle begrüßen sich mit Luftküssen, wie Schauspieler vor einer Premiere.
»Ich hab Sarah gerade erzählt, dass die Läuse umgehen«, sagt Savita.
David hat praktisch keine Zeit zu reagieren, da seine Tochter schon durchs Tor gerannt kommt, gefolgt von Savitas Sohn Arjun.
Sarah schaut an ihnen vorbei zur Schule und schüttelt den Kopf. »Lässt sich mal wieder Zeit.«
Sie und Heather verabschieden sich von David und Savita, die ihre Kinder zu den Autos bugsieren. Kaum sind sie weg, rauscht eine Frau namens Caroline heran, schick zurechtgemacht wie immer. Wenn Sarah Zeit hat, gibt sie sich vor dem Aufbruch zur Schule ein bisschen Mühe mit ihrem Äußeren, aber mehr als Schminken und Ugg-Boots kommt nicht infrage. Caroline beginnt schon zu reden, ehe die anderen auch nur Hallo sagen können.
»Dieses dämliche Meeting hat wieder länger gedauert. Das macht mich wirklich sauer, die wissen doch, dass ich losmuss.«
»Keine Panik«, sagt Sarah. »Jacob ist noch nicht rausgekommen.«
»Außerdem hab ich noch einen ganzen Berg Papierkram abzuarbeiten, wenn ich nach Hause komme.«
Caroline ist ein klein wenig selbstverliebt, sie kann gar nicht aufhören, von ihrem anspruchsvollen Job als persönliche Assistentin von diesem oder jenem zu reden, davon, dass sie es gerade so schafft, Karriere und Kind unter einen Hut zu bringen. Nach dem wenigen, was Sarah von ihrem Sohn Jacob mitgekriegt hat – er prahlt fast genauso gern wie seine Mutter –, ist der Apfel nicht allzu weit vom Stamm gefallen.
Heather zwinkert Sarah zu. »Das kommt davon, wenn man alles auf einmal will, Caroline«, sagt sie.
Sarah grinst Heather an. »Leb deinen Traum.«
Dann unterhalten sich Heather und Caroline über einen geplanten Quizabend in der Schule, zu dessen Vorbereitung sie sich haben breitschlagen lassen. Ein Mikrofon muss organisiert werden, das Catering und die Preise für die Gewinner. Sarah ist froh, dass sie damit nichts zu tun hat. Sie war noch nie der Typ für Feste, Spendenaktionen, Komitees und solche Sachen.
Was in Ordnung ist, denn die Menschen sind nun mal verschieden.
Auch wenn sie selten in einem Gespräch den Ton angibt, genießt Sarah diesen Teil des Tages, wenn sie hier vor dem Tor warten und mit einem Haufen anderer Eltern quatschen kann. Heather und Savita mag sie richtig gern. Und dann gibt es noch einen ziemlich attraktiven Dad, Alex, mit dem sie hin und wieder ein bisschen flirtet, und eine Frau namens Sue, die sie einmal in eine faszinierende Diskussion über die Aussagekraft von polizeilichen Führungszeugnissen verstrickt hat.
Eine bunte Mischung.
Die meisten sind freundlich, sie haben ihr das Gefühl gegeben, willkommen zu sein, als Jamie neu an die Schule kam. Auch wenn die eine oder andere – sie wirft einen kurzen Blick auf Caroline – ihr manchmal etwas … unangenehm erscheint, genießt sie das Geplänkel, die Lästereien und das alberne Geplauder.
Als sämtliche Aufgaben für den Quizabend verteilt sind, tritt Sarah zum Tor, wirft einen letzten hoffnungsvollen Blick in Richtung Schulgebäude und sagt: »Ich schätze, ich muss reingehen und ihn suchen. Mal wieder!«
»Mach dir nichts draus, meiner ist genauso«, muntert Heather sie auf.
»Schick Jacob raus, wenn du ihn siehst«, sagt Caroline, die mit ihrem Handy beschäftigt ist.
Von mitfühlenden Äußerungen begleitet, tritt sie durchs Tor und überquert den Schulhof. Sie lächelt den herauskommenden, dick in Mützen und Mäntel eingepackten Kindern zu, grüßt nickend verschiedene Lehrer, öffnet die Schultür und tritt ein.
Für einen Moment schließt Sarah die Augen.
Die Wärme und der Geruch.
Hier fühlt sie sich am sichersten, hier fühlt sie sich wie ein Teil von etwas.
DREI
Mary Fulton wohnte in einem kleinen Haus in einer Seitenstraße der Shoot-Up Hill, nicht weit von der U-Bahn-Station Kilburn. Thorne klopfte und wartete frierend vor der Haustür. Er war dankbar, dass die Todesnachricht bereits überbracht worden war, dass die beiden Streifenpolizisten, die gestern als Erste am Fundort der Leiche gewesen waren, Fulton schon vom Selbstmord ihrer Schwester in Kenntnis gesetzt hatten.
Wie üblich hatten die Uniformierten die Arschkarte gezogen.
Als die Tür sich schließlich öffnete, zückte Thorne seinen Dienstausweis und stellte sich vor. »Herzliches Beileid«, sagte er und hoffte, die Frau würde ihm nicht anmerken, wie überrascht er war. Sie wirkte deutlich älter, als er erwartet hatte. Doch wie üblich verriet ihn seine Miene sofort.
»Pip war zwanzig Jahre jünger als ich«, sagte Mary. Sie schüttelte den Kopf und brachte ein dünnes, trauriges Lächeln zustande. »Sie nannte sich immer ›den Unfall‹.« Die Frau war schätzungsweise Ende sechzig und hatte sich das graue Haar modisch kurz schneiden lassen. Sie trug einen langen Rock mit Schottenkaros und eine dunkle Strickjacke über einer weißen Bluse. Ihr Lächeln verschwand, und sie begann, an ihrer silbernen Halskette herumzuspielen. »Das klingt jetzt richtig schrecklich, oder?«
»Na ja …«
»Wobei das gestern natürlich kein Unfall war.«
»Nein.«
»Eher das genaue Gegenteil.«
Thorne schaute über ihre Schulter hinweg ins Haus und sah eine jüngere Frau aus einem Zimmer treten. Sie blickte zu ihm herüber, verschwand dann aber in einem anderen Raum. »Ich würde gern einen Blick in die Wohnung Ihrer Schwester werfen«, sagte er.
»Oh.« Mary wirkte überrascht. »Brauchen Sie dazu meine Erlaubnis?«
»Um ehrlich zu sein, bin ich nicht ganz sicher«, sagte Thorne. Wäre Philippa Goodwin ermordet worden, würde es bei ihr zu Hause längst von Polizisten und Kriminaltechnikern wimmeln. Doch wenn es um Selbstmord ging, gab es keine klaren Vorschriften. »Trotzdem wär mir wohler, wenn Sie es mir gestatten würden.«
»Dann … ja, warum nicht?«
»Vielen Dank.«
»Irgendwann muss ich sowieso mal zu ihr rüber.« Sie wandte sich kurz ab, als hätte sie etwas abgelenkt. »Um ihre Sachen zu sortieren.«
Thorne griff in die Tasche und zog einen Schlüsselbund hervor, der – den Hygiene- und Sicherheitsvorschriften für den Umgang mit blutverschmierten persönlichen Gegenständen entsprechend – gründlich desinfiziert worden war. »Sie hatte die hier bei sich.«
»Oh.« Zögernd streckte Mary den Arm aus. Thorne legte ihr die Schlüssel auf die Handfläche, und sie schloss langsam die Faust darum.
»Ehrlich gesagt habe ich gehofft, Sie würden mit mir kommen«, sagte er.
»Wirklich?«
»Natürlich nur, wenn Sie sich dazu in der Lage fühlen.« Er sah, wie die Frau ihre Faust öffnete, auf die Schlüssel ihrer toten Schwester blickte und mit den Fingern über den ledernen Anhänger strich. »Auf dem Weg würde ich mich gern mit Ihnen über Philippa unterhalten. Aber auch das natürlich nur, wenn es Ihnen recht ist.«
»Kann meine Tochter mitkommen?« Sie drehte sich zu der jüngeren Frau um, die wieder im Hausflur aufgetaucht war. »Seit wir die Nachricht erhalten haben, ist sie die ganze Zeit bei mir gewesen.«
»Natürlich.« Thorne sah, wie die beiden Frauen einen Blick wechselten. Die jüngere wirkte etwas widerwillig, signalisierte dann aber mit einem Achselzucken ihre Zustimmung.
»Geben Sie uns fünf Minuten«, sagte Mary Fulton.
Auf der Fahrt Richtung Tufnell Park saß die ältere Frau überwiegend schweigend auf dem Beifahrersitz von Thornes BMW, während ihre Tochter auf der Rückbank deutlich gesprächiger war. Ihre ausdruckslose Stimme deutete allerdings darauf hin, dass sie in erster Linie das Schweigen nicht auszuhalten schien. Thorne sah im Rückspiegel ihre roten, verquollenen Augen und vermutete, dass sie das Reden dem Weinen vorzog.
»Das ist ein schönes Auto«, sagte sie.
»Früher hatte ich ein älteres Modell. Das war noch viel schöner.«
»Polizisten scheinen deutlich mehr zu verdienen, als ich dachte.«
»Der hier war gebraucht.« Thorne bremste an einer Ampel und warf einen Blick in den Spiegel. »Ziemlich gebraucht.«
»Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich sage nicht, dass Polizisten nicht gut bezahlt werden sollten. Ich meine, es ist ein schrecklicher Beruf, oder? Grässlich. Menschen in den schlimmsten Situationen zu sehen, all die entsetzlichen Dinge und die … Opfer. Ich kann mir kaum vorstellen, dass einen das alles nicht verändert, Tag für Tag aufs Neue, dass es keine unangenehmen Auswirkungen hat … und ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass jemand diese Arbeit mag.« Sie lockerte ihren Sicherheitsgurt und beugte sich vor. »Mögen Sie Ihren Job?«
Thorne fuhr wieder an, und Mary drehte sich zu ihrer Tochter um.
»Ich weiß nicht, ob das –«
»Ich frage doch bloß.«
»Schon in Ordnung«, sagte Thorne.
»So ist sie immer, auch wenn’s ihr gut geht«, stellte Mary fest.
»Das ist nicht fair.«
»Und jetzt …« Mary packte die schwarze Handtasche auf ihrem Schoß noch fester. »Sie wissen schon, wo sie so aufgeregt ist …«
Thorne suchte Ellas Blick im Rückspiegel. »Standen Sie Ihrer Tante nahe?«
Ella lehnte sich ruckartig zurück und schüttelte den Kopf. »Was ist das für eine Frage?«
»Tut mir leid«, sagte Thorne.
»Mein Gott …«
»Es war eine dumme Frage.«
»Sie standen sich sehr nahe«, erklärte Mary.
Eine halbe Minute lang herrschte peinliches Schweigen, bis Ella seufzte und zu sprechen begann, als redete sie mit sich selbst. »Sie war für mich eher beste Freundin als Tante. Sie war ja nur ein paar Jahre älter als ich …«
Schweigend erreichten sie Chalk Farm, wo Thorne eine Reihe von Schleichwegen nahm, die er gut kannte, und schließlich auf die Kentish Town Road bog, gerade mal zwei Minuten von seiner eigenen Wohnung entfernt. Es hatte zu regnen begonnen, sodass sie noch schleppender vorankamen als gewöhnlich. Der dichte Verkehr hätte in jedem anderen Teil des Landes der abendlichen Rushhour Ehre gemacht.
»Ich hoffe, Sie verzeihen mir die Frage«, nahm Thorne das Gespräch wieder auf, »aber haben Sie irgendeine Vorstellung, was Philippa dazu gebracht haben könnte, sich das Leben zu nehmen?«
Erneut machte sich lähmende Stille breit. Die Spannung war greifbar. Thorne schaute in den Spiegel und sah, wie Ella mit ausdrucksloser Miene auf die langsam vorbeiziehenden Geschäfte und Passanten starrte, die mit grimmigen Gesichtern durch den Regen huschten. Als ein Fahrer vor ihnen hupte, zuckte Mary auf dem Beifahrersitz zusammen.
»Willst du es ihm sagen?«, fragte sie ihre Tochter. »Oder soll ich es tun?«
Ella reagierte nicht.
»Was denn?« Thorne wartete.
Die junge Frau auf der Rückbank schüttelte den Kopf. »Ich bin mir nicht sicher –«
»Komm schon.« Mary drehte sich zu Ella um. »Wir reden um den heißen Brei herum, seit wir erfahren haben, was passiert ist. Du weißt genauso gut wie ich, was Pip durchgemacht hat.« Sie schlug energisch auf die Rückenlehne ihres Sitzes. »Ella …?«
Ella blies die Wangen auf, ließ die Luft entweichen und beugte sich zu Thorne. »Es gab einen Mann, mit dem sie sich getroffen hat.«
»Ich wüsste ein paar passendere Bezeichnungen für ihn«, platzte Mary heraus.
»Es hat kein gutes Ende genommen.«
»Hat er sie sitzen gelassen?«, fragte Thorne.
Mary schnaubte. »So kann man es ausdrücken.«
»Pip war extrem unglücklich«, sagte Ella. »Die ganze Sache hat sie ziemlich hart getroffen.«
Mary drehte sich auf ihrem Sitz, sodass sie Thorne voll im Blick hatte. »Also, ich kann Ihnen nicht nur sagen, warum meine Schwester vor diesen Zug gesprungen ist, ich kann Ihnen auch den Namen des Mannes nennen, der dafür verantwortlich ist.«
VIER
»Also dann«, murmelte Mary und öffnete die Tür zum Haus, in dem Philippa Goodwin gewohnt hatte. Der Regen hatte nachgelassen. Ella trat ein Stück vor und hängte sich bei ihrer Mutter ein. Dann gingen sie zusammen hinein.
»Warum ist sie den ganzen Weg bis Highgate gegangen?« Die Frage schien Mary besonders umzutreiben. Sie drehte sich um und streckte den Finger aus. »Gleich dort um die Ecke ist eine Haltestelle.«
»Ich schätze, das werden wir niemals erfahren«, sagte Thorne.
Sie wollte sich wahrscheinlich etwas Zeit verschaffen, um es sich doch noch anders überlegen zu können, dachte er. Oder um all ihren Mut zusammenzunehmen.
Als Mutter und Tochter die Post vom gefliesten Fußboden aufgehoben hatten, folgte er ihnen in die Diele. Eine Auswahl farbenfroher Hüte und Schals hing aufgereiht über einem großen Spiegel. Darunter lehnte ein glänzendes schwarzes Fahrrad an der Wand, das Schloss ordentlich aufgerollt im Korb. Thorne sah, wie Mary im Vorbeigehen über den Sattel strich.
In der Wohnung war es warm, und aus der Etage darüber war Folkmusik zu hören. Thorne glaubte, den Geruch von Karamell wahrzunehmen, oder von Vanille. Er schaute sich um und bemerkte auf einem niedrigen Tisch einen dieser gläsernen Raumduft-Diffusoren mit Stäbchen.
»Nur Werbung«, sagte Ella und ließ die Post auf den Tisch fallen.
Thorne wusste über Londoner Hauspreise eigentlich nur, dass sie aberwitzig hoch waren. Er fragte sich, wie eine Universitätsdozentin in der Lage gewesen war, sich eine solche Wohnung – das komplette Erdgeschoss eines großen Reihenhauses in Tufnell Park – zu leisten. Als sie ins Wohnzimmer traten, wusste Mary seinen Gesichtsausdruck einmal mehr zu deuten.
»Unseren Eltern ging es ziemlich gut«, erklärte sie. »Großes Haus in Hampstead und so weiter. Als sie starben, konnte ich mit dem Erbe die Hypothek abzahlen und Pip diese Wohnung hier kaufen.« Sie deutete mit dem Kopf auf ihre Tochter. »Und Ella konnte sich auch etwas zulegen.«
»Muss ja ein riesiges Haus gewesen sein, das Ihrer Eltern«, bemerkte Thorne.
»Eigentlich nicht.« Ella trat an eines der Fenster und zog ein Rollo hoch, hinter dem ein nicht allzu kleiner Garten zum Vorschein kam.
»Tatsächlich blieb am Ende immer noch eine Menge übrig«, sagte Mary. »Genug, damit wir alle etwas für schlechtere Zeiten zurücklegen konnten.«
Thorne nickte. Zur Not hätte das Familienvermögen der Goodwins wohl auch ein paar vergoldete Regenschirme hergegeben.
Ella ließ sich seufzend auf ein altmodisches Sofa fallen, eines von verschiedenen Möbeln, die auf lässig-kunstvolle Weise nicht zueinander passten. Seit sie von ihrer Erbschaft sprachen, wirkte ihre Miene nicht mehr kummervoll, sondern eher mürrisch. »Meine Wohnung ist übrigens nicht ganz so hübsch wie diese hier. Ich meine, sie ist ein bisschen größer, liegt aber in einem nicht ganz so schönen Viertel.«
Im Stillen fragte sich Thorne, warum so viele Leute mit Geld – vor allem die, denen es in den Schoß gefallen war – deshalb Verlegenheit oder gar Scham zu empfinden schienen und einem wortreich versicherten, dass es ihnen nichts bedeute, dass sie sich nicht über materiellen Wohlstand definierten.
Dass der Reichtum sie nicht verdorben hatte.
Er schaute sich um und warf hin und wieder einen Blick auf Ella.
»Wonach suchen Sie?«, fragte Mary.
»Ehrlich gesagt weiß ich das selbst nicht«, räumte Thorne ein.
Der Holzfußboden war fast komplett unter mehreren ausgeblichenen Teppichen versteckt, und an den Wänden hingen scheinbar wahllos zusammengewürfelt gerahmte Drucke, Bleistiftzeichnungen, mediterrane Landschaften, Plakate von Ausstellungen und Filmfestivals. Auf praktisch sämtlichen verfügbaren Flächen waren Zeitschriften verstreut, Bücher lagen neben einem zugestaubten Computer und füllten ein die ganze Raumhöhe einnehmendes Regal am Fenster. Er trat näher, um einen Blick darauf zu werfen. Von einzelnen Autoren hatte er gehört, aber nie etwas gelesen. Ein erkennbares Ordnungsprinzip schien es nicht zu geben – Belletristik stand neben Sachbüchern, gebundene Ausgaben neben Taschenbüchern. Unwillkürlich dachte er, dass mindestens eine Person, die er kannte, empört auf dieses willkürliche System, dieses Chaos reagieren würde.
»Er sucht nach einem Abschiedsbrief«, sagte Ella.
»Oh«, entfuhr es Mary. Sie nahm ihrer Tochter gegenüber auf einem alten Ledersofa Platz. »Ja, wahrscheinlich hat sie einen hinterlassen. So machen es die meisten, nicht wahr?«
Über einen Abschiedsbrief Philippa Goodwins wäre Thorne in der Tat ausgesprochen froh gewesen, hätte er doch ein paar Antworten gegeben. Doch er hegte keine große Hoffnung. »Nein«, sagte er, »das ist eher die Ausnahme«.
Tatsächlich hinterließ die Mehrheit derer, die sich das Leben nahmen, keine schriftliche Erklärung. Das gehörte zu den vielen Mythen über solche Fälle. Thorne wusste auch, dass die meisten Selbstmorde nicht in der Weihnachtszeit oder zwischen drei und vier Uhr morgens begangen wurden. Und dass sich zwar aufs Jahr gesehen mehr Männer als Frauen umbrachten, dass die Frauen es aber häufiger versuchten.
Er wusste, so dachte er, eigentlich viel zu viel darüber.
Thorne ging in den angrenzenden Raum und stellte fest, dass der leicht chaotische Zustand des Wohnzimmers in auffälligem Kontrast zur Ordnung in der kleinen Küche stand. Entweder hatte sich Philippa in den Tagen vor ihrem Tod zu Hause keine Mahlzeiten zubereitet, oder sie war der Überzeugung gewesen, dass Sauberkeit und Ordnung an manchen Orten wichtiger waren als an anderen. Ein schneller Blick ins Bad bestätigte die zweite Theorie.
In der Tür zum Wohnzimmer stehend bat er die beiden Frauen: »Erzählen Sie mir ein bisschen mehr über den Mann, von dem Sie im Wagen gesprochen haben.«
»Er heißt Patrick Jennings. Ich glaube, sie hat ihn vor ungefähr drei Monaten kennengelernt«, sagte Ella.
»Eher vor vier.« Mary beugte sich vor. »Im Pub, nach irgendeiner Uni-Veranstaltung.«
»Er machte einen netten Eindruck«, sagte Ella.
Mary schüttelte den Kopf.
»Jedenfalls am Anfang.«
»Dann sind Sie ihm mehrmals begegnet?«, fragte Thorne.
»Ja, Pip zeigte ihn gern herum«, sagte Mary. »Sie war vorher ziemlich lange allein.«
»Er war charmant.« Ella schaute zu ihrer Mutter hinüber. »Das musst du zugeben. Ich meine, ich kann verstehen, was Pip an ihm gefiel. Ein richtiger Silberrücken, hat sie gesagt.«
Mary verzog den Mund. »Ja, er … ist auf elegante Art ergraut.« Sie sprach mit offenkundiger Abscheu, als würde sie eigentlich etwas sagen wie krankhaft adipös, mit dem Atem eines syphilitischen Hundes.
»Wahrscheinlich haben Sie kein Foto von ihm?«
Ella verneinte.
»Ich hatte den Eindruck, dass Patrick sich nicht gern fotografieren ließ«, sagte Mary. »Ich wollte ein Bild machen, als Pip und er einmal zum Abendessen kamen. Ich weiß noch, dass er nicht begeistert war.«
Ella nickte. »Manche Menschen sind einfach so.«
Thorne spürte ein Kribbeln im Nacken, für einen kurzen Moment schien ihm etwas über die feinen Härchen zu streichen.
»Aber ich bin sicher, dass es auf Pips Handy ein paar Fotos von ihm gibt. Haben Sie das Handy noch?«
Thorne nickte und erinnerte sich an den Anblick des Telefons in Challs Plastikbeutel, an das blutverschmierte Display. Er wusste nicht, ob das Gerät überhaupt noch funktionierte, und selbst dann war es wahrscheinlich gesperrt. Er nahm sich vor, einen Kollegen aus dem Technikerteam zu bitten, es für ihn zu checken, bloß um seine Neugier zu befriedigen.
»Was glauben Sie, warum er mit ihr Schluss gemacht hat?«
»Er hat nicht Schluss gemacht«, sagte Ella. »Er hat sie geghostet.«
Thorne hatte den Begriff schon einmal gehört, doch Mary schien verwirrt.
»Er ist irgendwann einfach verschwunden und hat jeglichen Kontakt abgebrochen.« Ella beugte sich zu ihrer Mutter. »Er hat keine Anrufe oder SMS mehr beantwortet, so als hätte er nie existiert. Wie ein Geist, Mum.«
Mary nickte. »Verstehe. Na, egal wie man es heute nennt, es war auf jeden Fall ein Schock. Gerade noch sind er und Pip ein Herz und eine Seele und reden davon, zusammen eine Firma gründen zu wollen. Und im nächsten Augenblick habe ich sie weinend am Telefon.«
Wieder spürte Thorne dieses Kribbeln. »Was für eine Firma?«
»Etwas mit Computern, glaube ich.« Ella schaute zu ihrer Mutter hinüber. »Videos?«
»Unterrichtsmittel«, erklärte Mary. »Sie wollten Vorlesungen online stellen, damit die Studenten sie sich anschauen können. Pip hielt es für eine tolle Idee.«
»Die Idee ist ja auch wirklich gut«, sagte Ella. »Schade nur, dass sie sich getrennt haben, bevor sie richtig loslegen konnten.«
»Ja, schade.« Mary wartete, bis Ella sich abgewandt hatte, dann schaute sie Thorne an und riss die Augen auf, als wolle sie wortlos einen Verdacht zum Ausdruck bringen, dem ihre Tochter sich offenbar nicht stellen wollte. »Ich schätze, wir sollten anfangen zu überlegen, was wir mit all den Sachen anfangen.« Mary warf einen Blick ringsum und klammerte sich an ihre Handtasche. Plötzlich standen ihr die Tränen in den Augen. »Pip hatte so viel Zeug …«
Thorne erklärte, er werde sie natürlich gern nach Hause fahren. Er wolle im Auto warten und sie für ein paar Minuten allein in der Wohnung lassen.
»Das ist sehr nett«, sagte Mary.
Thorne schloss die Tür hinter sich und ging schnell zum Wagen, da der Regen jeden Moment wieder stärker zu werden drohte. Noch im Gehen wählte er Nicola Tanners Nummer.
»Kannst du mir einen Gefallen tun?«
»Sag mir erst, worum es geht«, erwiderte Tanner.
»Würdest du für mich einen schnellen Blick auf Philippa Goodwins Finanzen werfen? Kontoauszüge, Kredite, was auch immer.«
»Der Selbstmord?« Tanners Tonfall erinnerte ihn an den von Chall am Tag zuvor. Sie wollte wissen, warum Thorne einem Todesfall nachging, dessen Untersuchung ihn, streng genommen, nichts anging.
»Es wird dich keine fünf Minuten kosten«, sagte Thorne.
»Wie viel Zeit es mich kostet, ist mir schon klar«, erwiderte Tanner. »Aber das ist nicht der Punkt, oder?«
»Ich war bloß gerade in ihrem Haus, und –«
»Gibt es ein Problem, Tom?«
»Eigentlich nur mit der Ordnung in ihrem Bücherregal.« Thorne entriegelte den BMW. »Du würdest einen Nervenzusammenbruch kriegen.«
FÜNF
Es ist nicht so, als herrschte um Brooklands Hill herum ein Mangel an Cafés, doch kaum war Sarah Teil der morgendlichen Elternbrigade geworden, hatte sich gezeigt, welches Etablissement deren Meinungsmacher bevorzugten. Wie auf den Hauptstraßen der allermeisten Stadtviertel finden sich auch hier zwei Filialen der bekannten Coffeeshop-Ketten, dazu eine Bäckerei, die einen anständigen Café Latte im Angebot hat. Und doch würde HazBeanz immer die erste Wahl bleiben. Der Kaffee ist gut, natürlich, das Essen bekommt enthusiastische Kritiken, und die Einrichtung ist wie zu erwarten etwas … verschroben. Nicht zueinander passende Metalltische und freigelegte Ziegelmauern. Der Laden ist freundlich, auf nette Weise unkonventionell, vor allem aber unabhängig, was natürlich zwangsläufig etwas über die Kundschaft aussagt.
Es sagt der Welt, dass sie, die Kunden, unabhängig sind, dass sie nicht auf Marken achten und ihr Bestes tun, um die Geschäftswelt vor Ort zu unterstützen. Es zeigt, dass sie eine bewusste Wahl treffen. Vor allem aber lässt es an der simplen Tatsache keinen Zweifel aufkommen, dass sie es sich leisten können, für ihren handgemahlenen Espresso und das extravagante Gebäck ein bisschen mehr auszugeben, und das jeden Morgen.
All das ist Sarah ziemlich egal. Sie würde sich ihren Kaffee auch an der Tankstelle holen oder, noch besser, gratis im Supermarkt, wo sie eine Kundenkarte besitzt. Letztlich trinkt sie sowieso am liebsten einen einfachen, starken Tee. Und ein Bacon-Sandwich ist ihr lieber als ein Macadamia-Muffin. In ihren Augen ist das alles irgendwie hohles Getue. Mehr Stil als Inhalt, so wie es in vielen anderen Bereichen längst alltäglich ist.
Aber das ist für Sarah nicht entscheidend. Sie will einfach mit den anderen zusammen sein.
Manchmal muss sie noch ein bisschen Zeit totschlagen und sich vor den Schaufenstern herumtreiben, denn sie kommt nicht gern als Erste. Heute allerdings sieht sie zu ihrer Freude, dass Savita, Heather und Caroline schon da sind.
An ihrem üblichen Fenstertisch.
Kaffee und Kuchen.
Small Talk …
Winkend geht sie am beschlagenen Fenster vorbei und setzt, ehe sie die Tür öffnet und eintritt, die passende Miene auf. Sie wirkt froh, die anderen zu sehen, aber natürlich, wie sie alle, auch reichlich genervt. Denn es ist wirklich ein Albtraum, die Kinder an der Schule abzuliefern. Kein Wunder, dass nachher alle ihren überteuerten Kaffee brauchen, eine süße Leckerei und die Chance, mal abzuschalten und sich ein bisschen zu entspannen.
»Ehrlich gesagt bin ich jeden Tag völlig erledigt, wenn ich Jacob endlich so weit habe«, hatte Caroline ihr einmal erzählt. »Fix und fertig. Wenn er in der Schule ist, brauche ich diesen Koffeinschub, weil ich immer noch den kompletten Arbeitstag vor mir habe.«
»Ja, ich weiß, was du meinst«, hatte Sarah mit einem mitfühlenden Nicken entgegnet und Heather einen wissenden Blick zugeworfen. »Manchmal fahre ich nach Hause und lege mich gleich wieder ins Bett.«
Caroline hatte ausgesehen, als wollte sie Sarah am liebsten ohrfeigen.
Sobald Sarah bestellt hat – einen Skinny Latte und einen Zimtbagel –, setzt sie sich an einen Einzeltisch den anderen gegenüber. Hin und wieder ist sie mutig genug, um sich zu ihnen zu setzen, aber meistens ist ihr mehr nach etwas Platz und Zeit für sich selbst. Heather bedeutet ihr mit einer Geste, sie solle ihnen Gesellschaft leisten, weil sie nett ist und wahrscheinlich genug von Caroline hat, doch Sarah schüttelt den Kopf. Sie bläst die Wangen auf, lässt die Luft ausströmen und hebt demonstrativ die Laptoptasche, die sie mitgebracht hat. Heather nickt zum Zeichen, dass sie verstanden hat, und Sarahs Lippen bilden ein stummes Sorry. Sie hat noch dringende Arbeit zu erledigen, das verstehen sie immer. Und wenn eine von ihnen am Tisch vorbeikommt oder sich auf ein kurzes Schwätzchen zu ihr setzt, klappt sie den Laptop zu, ehe irgendjemand sehen kann, was sie wirklich macht. Dass sie sehen, wie sie ihn zuklappt, ist nicht weiter schlimm. Alle wissen, warum sie ihre Arbeit geheim hält.
»Was machst du eigentlich genau?«, hatte Heather vor einigen Wochen gefragt.
»Ich, äh … schreibe.«
»Wirklich? Das ist ja toll.«
»Ich bin nicht besonders erfolgreich oder so was. Bloß ein paar Kurzgeschichten.«
»Ich würde so gern mal eine lesen. Ich besuche regelmäßig einen Lesekreis, wir könnten vielleicht …«
»Keine Chance.« Sarah hatte gelacht. »Ich gebe grundsätzlich niemandem, den ich kenne, meine Sachen zu lesen. Um ehrlich zu sein, fällt es mir schon schwer genug, sie den Leuten zu zeigen, die sie mir abkaufen. Nicht dass es viele wären. Außerdem schreibe ich unter Pseudonym, du brauchst dich also gar nicht erst auf die Suche zu machen.«
»Ich hab immer schon mit dem Gedanken gespielt, vielleicht selbst was zu schreiben«, hatte Heather gesagt.
»Warum tust du es dann nicht?«
»Na ja, ich glaube, es ist schwieriger, als die meisten glauben.«
»Man denkt sich bloß was aus, wirklich.« Sarah wollte das Thema abschließen. »Darin war ich schon immer gut.«
In diesem Moment klappt sie ihren Laptop auf und starrt auf den vertrauten Bildschirmschoner. Als sie aufschaut, sieht sie, dass David durch die Tür tritt. Er lächelt, als er sie entdeckt, dann geht er zur Theke, um sich etwas zu bestellen. Sie erwidert sein Lächeln, ist aber ein bisschen enttäuscht, dass Alex nicht aufgetaucht ist. Er kommt nicht regelmäßig, schaut aber ein- oder zweimal pro Woche vorbei. Wäre er heute hier, würde sie sich der größeren Gruppe, zu der er sich meist gesellt, anschließen. Die Sache hat keinen Sinn, das ist ihr schon klar. Er ist ein glücklich verheirateter Hausmann. Und doch spürt sie dieses Kribbeln, und ein kleiner Flirt tut keinem weh.
Eine kleine … Fantasie.
Sie sieht, wie David sich zu den drei Frauen am Fenster setzt. Erst jetzt registriert sie den Mann am Nachbartisch. Zumindest bemerkt sie erst jetzt, dass er sie anschaut.
War er schon hier, als sie reinkam? Sie ist sich nicht sicher.
Er beugt sich zu ihr herüber und sagt: »Entweder Sie schreiben einen schonungslosen, literarisch anspruchsvollen Roman oder …«
»Wie bitte?«
»Ich meine, auf keinen Fall Chick lit.«
Sie schaut ihn an.
»Oder Sie hängen bloß auf Twitter rum.«
Sie zuckt die Achseln und versucht, keine Panik aufkommen zu lassen.
Er lächelt und nimmt einen Schluck Kaffee. »Ich rate bloß.«
Er gehört definitiv nicht zu den Eltern von Brooklands Hill. Da ist sie sicher, weil sie alle vom Sehen kennt. Das ist ihr wichtig. Also kann er auch nichts von dem wissen, was sie den anderen über sich erzählt hat. Gleichzeitig aber ist sie sicher, dass sie ihn auch nicht aus einem anderen Zusammenhang kennt. Wie kann es also sein, dass er überhaupt etwas über sie weiß?
Sie spürt, wie ihr die Röte ins Gesicht steigt.
Dieses Gefühl hat sie noch nie gemocht.
»Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie sich entschieden haben«, sagt sie und wendet sich wieder ihrem Bildschirm zu.
»Okay, mach ich.«
Er muss ungefähr Mitte vierzig sein, denkt sie, ein paar Jahre älter als sie. Er trägt einen Anzug mit Nadelstreifen, dazu allerdings ein Hemd mit Blumenmuster, oberster Knopf offen, und eine ausgebeulte Schiebermütze. Elegant, aber lässig, voll im Trend, vermutet sie. Ein Look, an dem er wahrscheinlich sorgfältig gefeilt hat. Er trägt einen silbrigen Kinnbart und einen kleinen Ohrstecker. Hinter einer Brille mit dickem braunem Rand sind leuchtend grüne Augen zu erkennen.
»Ich muss zugeben, dass ich Mühe habe«, sagt er nach ungefähr einer Minute.
»Wie schade«, entgegnet sie.
»Um sicher zu sein, müsste ich Ihnen ein paar Fragen stellen.«
Sie schaut hinüber zum Fenstertisch und bemerkt, dass Caroline sie beobachtet. Das macht sie glücklich. Langsam klappt sie den Deckel des Laptops herunter und sagt: »Ich gebe Ihnen drei.«
»Drei?«
»Das ist ein einmaliges Angebot.«
Er nickt und lehnt sich zurück, als würde er darüber nachdenken. »Wie heißen Sie?«
Sie braucht ein paar Sekunden. »Sarah.«
»Wohnen Sie hier in der Nähe?«
»Nicht weit weg.« Sie beißt in ihren Bagel und kaut. »Noch eine Frage …«
»Dann wähle ich wohl besser eine gute.«
»Ja, das sollten Sie.«
Erneut beugt er sich vor und senkt die Stimme ein wenig. »Geben Sie jemals fremden Männern Ihre Telefonnummer?«
Sie spürt, dass sie wieder rot anläuft. Aber diesmal ist der Grund ein anderer, und es macht ihr nichts aus. »Sind Sie denn fremd?«
»Auf jeden Fall«, sagt er.
»Dann geben Sie mir Ihre.«
Er rattert eine Zahl herunter, und sie tippt die Ziffern in ihr Handy. Kurz darauf klingelt sein Telefon. Er schaut auf das Display, nickt und drückt den Anruf weg.
»Fremd, aber ehrlich«, sagt sie.
»Ist das gut?«
»Es ist okay«, sagt sie.
Danach schweigen sie, als seien sie beide zu dem Entschluss gelangt, dass genug geredet wurde. Sie schaut sich um und stellt fest, dass auch Heather und Savita sie inzwischen beobachten. Nicht schlecht. Sie genießt den Umstand, dass ausnahmsweise sie es ist, die das Thema vorgibt, dass sie ihnen Gesprächsstoff für später bietet, wenn sie die Kinder wieder aufgabeln.
Sie lächelt.
Wird sie hier gerade tatsächlich von diesem Typen angemacht?
Jedenfalls fühlt es sich so an, und sie ist selbst überrascht, wie sehr sie das freut. Es ist eine ganze Weile her.
Als der Mann aufsteht, bindet er sich ein Halstuch um und sagt: »Ich heiße übrigens Conrad. Oh, und ich tippe definitiv auf etwas Literarisches.«
Sie sieht ihm beim Rausgehen hinterher, klappt ihren Laptop wieder auf und weiß, ohne hinzusehen, dass das Müttertrio am Fenster sie weiter im Blick behält. Ihr Bildschirmschoner leuchtet wieder auf, und sie gibt sich keine Mühe, ihr Lächeln zu verbergen. Ein dunkelhaariger Junge in einem Chelsea-Trikot. Mit Zahnlücke, herumalbernd, die Daumen hochgereckt. Er blinzelt gegen die Sonne, hinter ihm das ungebrochene Blau des Meeres und eines wolkenlosen Himmels.
Jamie …
SECHS
Der Gesichtsausdruck von DCI Russell Brigstocke entsprach, inklusive Augenrollen und Stirnrunzeln, ziemlich genau seinen Erwartungen. Mit anderen Worten: Er war beeindruckend. Dasselbe Maß an Verwirrung hatte Thorne zwei Tage zuvor auf dem Bahnsteig in Challs Gesicht wahrgenommen. Er hatte es in Tanners Stimme gehört, als er sie nach dem Besuch in der Wohnung der Toten angerufen hatte. Jetzt aber hatte er es mit seinem direkten Vorgesetzten zu tun, und die ursprüngliche Verwunderung war einer ernsthaften Gereiztheit gewichen.
»Bestimmt habe ich hier irgendwo ein Wörterbuch«, sagte Brigstocke. Er öffnete mehrere Schubladen seines Schreibtischs, schob sie wieder zu und schüttelte dabei mit gespieltem Ärger den Kopf.
»Sir?« Wenn es darum ging, Ranghöheren durch die korrekte Anrede den gebührenden Respekt zu erweisen, verfügte Thorne nur über begrenzte Kapazitäten, die er in Notfällen wie diesem zum Einsatz brachte. Das Wort »Sir« war ihm noch nie leicht über die Lippen gekommen. Davon abgesehen war er sicher, dass Brigstocke seine Schleimerei längst durchschaut hatte.
Brigstocke knallte die letzte Schublade zu: »Vielleicht liegt es daran, dass ich ein bisschen schwer von Begriff bin, aber … ich wollte bloß nachsehen, ob ich wirklich weiß, was Mord bedeutet.« Er warf einen Blick hinaus Richtung Einsatzraum. »Denn das steht auf der Tür da draußen, oder irre ich mich?«
»Mord und Kapitalverbrechen –«
»Ich weiß, was da steht, Tom.«
»Eben«, sagte Thorne. Ihm war klar gewesen, dass er bei seinem Besuch in Brigstockes Büro überzeugende Argumente vorbringen musste. Deshalb gab er sich alle Mühe, seine eigene Gereiztheit in Schach zu halten und alles, was er vorzubringen hatte, so unbegründet es auch erscheinen mochte, möglichst vernünftig klingen zu lassen.
Genau deswegen hatte er Nicola Tanner mitgebracht.
Als Zugabe rang er sich ein weiteres »Sir« ab, und Tanner schloss sich ihm an.
»Und Suizid gilt schon seit langer Zeit nicht mehr als Verbrechen, auch nicht als schweres.«
»Er wurde 1961 entkriminalisiert«, sagte Tanner.
»Vielen Dank.« Brigstocke starrte sie an, schmallippig und alles andere als dankbar.
»Kommen Sie schon, Russell.« Thorne machte einen halben Schritt auf den Schreibtisch zu. »Es ist nicht der Selbstmord, über den wir hier reden. Es geht um diesen Betrüger, Patrick Jennings.«
»Oh, das ist mir klar, denn so überraschend es klingen mag, ich habe Ihnen zugehört. Und ich weiß auch, dass Sie mich immer dann Sir nennen, wenn Sie mir in den Arsch kriechen wollen, und Russell, wenn Sie mich um einen Gefallen bitten.« Brigstocke nahm die Brille ab und rieb sich die Augen. »Allmächtiger …«
Thorne blieb stumm. Zahllose hitzige Wortgefechte hatten ihn gelehrt, dass es besser war, das Unwetter auszusitzen. Er hatte weit Schlimmeres erlebt. Ja, er und sein Chef waren etliche Male aneinandergeraten. Trotzdem kannte Thorne den DCI als anständigen und menschlichen Bullen, der fortwährend mit den Zwängen der Hierarchie rang. Der ständig gezwungen war, mit seinen Vorgesetzten Bullshit-Bingo zu spielen. Außerhalb der trostlosen grauen Mauern des Becke House waren er und Thorne trotz allem befreundet.
Mehr oder weniger.
Er wartete, bis Brigstocke seine Brille wieder aufgesetzt hatte. Dann warf er Tanner einen Blick zu.
Dein Einsatz …
Tanner trat an Thornes Seite und öffnete ihr Notizbuch. »Drei Wochen bevor sie sich umbrachte, überwies Philippa Goodwin 75000 Pfund von ihrem Sparkonto auf ein Konto der Firma LectureCom Ltd.«
»Jennings«, sagte Thorne.
Brigstocke zeigte keine Reaktion.
»Zwei Tage nach der Überweisung wurde dieses Konto aufgelöst und sämtliches Geld abgezogen«, sagte Tanner. »Wir schauen uns gerade die Daten an, die bei der Kontoeröffnung verwendet wurden, können aber relativ sicher davon ausgehen, dass gefälschte Ausweispapiere benutzt wurden. Damit werden wir also nicht weit kommen. Wir haben es mit einer dieser Onlinebanken zu tun, die nicht mal die Kreditwürdigkeit ihrer Kunden prüfen. Mit ein paar zweifelhaften Stromrechnungen zum Nachweis des Wohnsitzes und der Einzahlung von ein paar Hundert Pfund ist es getan. So ein Konto ist in wenigen Minuten eröffnet.«
Tanner steckte ihr Notizbuch ein. Jetzt war Thorne wieder an der Reihe.
»Also … Jennings, oder wie auch immer er wirklich heißt, nimmt eine Beziehung zu Philippa Goodwin auf, gewinnt ihr Vertrauen und überredet sie, all ihre Ersparnisse in eine nicht existierende Firma zu stecken.«
»So weit kapier ich’s«, sagte Brigstocke.
»Ich meine, wahrscheinlich hat er das eine oder andere investiert, damit alles koscher aussieht. Sie wissen schon, ein hübsches Logo, schickes Design, aber der ganze Rest: Schall und Rauch.«
Brigstocke schüttelte energisch den Kopf und lehnte sich zurück. »Schon klar, diesmal brauche ich kein Wörterbuch. Sie beschreiben mir da einen simplen Betrug. Und jeder Idiot mit einer Dienstmarke kann Ihnen erklären, dass wir ein sehr großes Team in einem sehr hübschen Büro haben, das sich tagtäglich mit solchen Fällen herumschlägt. Weil. Das. Sein. Job. Ist. Ein Anruf im Betrugsdezernat, und Ihr Job ist ebenfalls getan.« Sein Blick wanderte von Thorne zu Tanner und wieder zurück. »Soll ich Ihnen die Nummer raussuchen?«
Die Frage blieb unbeantwortet. Tanner schaute auf ihre Füße, die peinliche Stille wurde nur durch die Gespräche und das Lachen der Kollegen vor der Tür unterbrochen.
»Sie hat sich umgebracht, Russell«, sagte Thorne, als wüsste Brigstocke nicht längst Bescheid, als könnte seine Bemerkung noch etwas ändern, auch wenn er davon ausging, dass die Entscheidung längst gefallen war. Doch was blieb ihm übrig?
»Ja, das ist schrecklich.« Brigstocke beugte sich über seinen Schreibtisch. »Aber abgesehen von dem Betrug –«
»Seinetwegen. Wegen dem, was er getan hat, und den Gefühlen, die es in ihr ausgelöst hat. Er hat ihr alles genommen, er hat sie erniedrigt.« Thorne schaute zu Tanner hinüber. Sie nickte und schob offenbar ihre eigenen Zweifel beiseite, um ihn wie versprochen zu unterstützen. »Er hat sie mehr oder weniger vor diesen Zug gestoßen.«
»Ich denke, das ist ein bisschen übertrieben.«
»Da bin ich anderer Meinung.«
»Genau genommen ist es ziemlich übertrieben, und mit ›mehr oder weniger‹ brauchen Sie vor Gericht erst gar nicht zu erscheinen.«
Thorne drehte sich auf dem Absatz um, nahm sich einige Sekunden, um ein paar äußerst deftige Bemerkungen herunterzuschlucken, und wandte sich dann langsam wieder dem DCI zu. »Vor einigen Monaten kam in Birmingham ein ähnlicher Fall vor Gericht. Und Ende letzten Jahres irgendwo im Norden.«
»Newcastle«, soufflierte Tanner.
»Genau. Zwei Schwachköpfe aus diesen Selbstmord-Chatrooms. Beide kamen in den Knast, weil sie andere ermuntert hatten, die sich dann tatsächlich umbrachten. Sie hatten sie angestachelt, sie über die wirksamsten Methoden informiert oder was auch immer und sie provoziert, es zu tun.«
»Richtig«, sagte Brigstocke. »Aber soweit wir wissen, hat dieser Jennings nichts dergleichen getan.«
»Ich habe mit einer Bekannten bei der Staatsanwaltschaft gesprochen.«
»Ach, tatsächlich?«
Thorne hob eine Hand, um dem Anschiss zuvorzukommen, den er unweigerlich auf sich zukommen sah. »Einfach bei einem Drink, okay? Nichts Offizielles. Jedenfalls glaubt sie, dass, wenn wir ihn schnappen, es genug Gründe dafür geben könnte, sein Verhalten in anderem Licht zu betrachten. Sie sagt, wir müssten nachweisen, dass er vorsätzlich gehandelt hat, was aber nicht allzu schwer sein sollte.«
»In welchem anderen Licht?«
»Nicht als einfachen Betrug, sondern als sorgfältig geplanten und systematischen emotionalen Missbrauch. Wenn wir ein paar freundliche Experten in den Gerichtssaal holen, die bezeugen, dass dieser Missbrauch bei Philippa Goodwins Entscheidung, sich umzubringen, eine entscheidende Rolle gespielt hat … dann haben wir eine Chance.«
»Was für eine Chance? Egal was die Staatsanwaltschaft aus dem Hut zaubert, Mord ist es sicher nicht.«
»Nein. Totschlag vielleicht? Ich weiß nicht …« Wieder warf Thorne einen Blick auf Tanner, doch ihre Miene ließ ihn gleich wieder wegschauen. »Diese Frau, mit der ich gesprochen habe, hat sich jedenfalls ziemlich in die Sache reingesteigert.«
Brigstockes Gesichtsausdruck war Thorne nur allzu vertraut. Verdruss, Erschöpfung und etwas, das – erfreulicherweise – nach Resignation aussah. Er seufzte. »Was wollen Sie genau?«
»Im Augenblick bloß ein paar Kollegen aus der Forensik, die sich Goodwins Wohnung anschauen, mehr nicht. Jennings dürfte ziemlich gut darin sein, sich unsichtbar zu machen. Wahrscheinlich hat er alle offensichtlichen Spuren verschwinden lassen. Aber was Fingerabdrücke und DNA betrifft, dürfte er keine große Chance gehabt haben. Und dann sehen wir, ob sich daraus etwas ergibt.«
»Und wenn nicht?«
»Dann schadet es jedenfalls nicht. Wie Sie gesagt haben: Wir geben alles ans Betrugsdezernat und überlassen den Fall den Kollegen.« Thorne wartete einen Moment. »Im Moment haben wir nicht allzu viel auf unseren Schreibtischen –«
»Im Moment.«
»… Und es versteht sich von selbst, dass, sollte ein großer Fall reinkommen, der natürlich Vorrang hat.«
»Selbstverständlich«, sagte Brigstocke. »Es sei denn, Sie sind zu beschäftigt damit, mit unseren Freunden von der Staatsanwaltschaft zu flirten und sich gegenseitig die Mordstatistiken vorzulesen.«
»Ich stehe mehr auf Happy Ends«, entgegnete Thorne. »Eine nette Liebesgeschichte oder so was.« Wieder waren direkt vor der Tür Stimmen zu hören. »Also, wie sieht es aus mit dem Forensikerteam?«
Der DCI murmelte ein paar deftige Kommentare vor sich hin, die trotz der Geräusche von draußen nicht zu überhören waren.
Thorne kannte Brigstocke gut genug, um das als ein Ja zu verbuchen.
Sobald sie zurück im Einsatzraum waren, fragte Tanner: »Und, wer ist diese Frau von der Staatsanwaltschaft?«
»Hab ich nicht von ihr erzählt?«
»Nein.«
»Wahrscheinlich, weil ich sie erfunden hab.«
»Um Himmels willen.«
»Ich musste mir was aus den Fingern saugen. Na ja, ehrlich gesagt hab ich heute Nacht im Bett schon drüber nachgedacht, aber du weißt, was ich meine.«
»Klar.« Tanner verschränkte die Arme. »Und was passiert, wenn das alles durch irgendein Wunder zu einem Resultat führt und Brigstocke dich bittet, dich mit deiner Freundin bei der Staatsanwaltschaft in Verbindung zu setzen?«
»Dann wurde sie eben pensioniert oder gefeuert. Oder ist gestorben.« Thorne zuckte die Achseln. »Mir fällt schon etwas ein.« Er lächelte, erkannte aber schnell, dass Tanner sich nicht um den Finger wickeln lassen würde. »Komm schon, Nic, das wird schon.«
Tanner drehte sich um und ging. Thorne machte ein paar halbherzige Schritte hinter ihr her, gab dann aber auf. Von einem Schreibtisch in der Nähe warf ihm Dipak Chall, der das Gespräch verfolgt hatte, einen fragenden Blick zu. Thorne schüttelte den Kopf.
Machen Sie weiter, hier gibt’s nichts zu sehen.
Er würde später mit ihr reden.
Als Thorne Nicola Tanner kennengelernt hatte, war sie von ihrem Job genauso angepisst gewesen wie sämtliche Kolleginnen und Kollegen, die er kannte. Sie hatte gewirkt, als hätte sie die Vorschriften, auf deren Befolgung sie so großen Wert legte, höchstpersönlich erfunden. Und als wäre die Vorstellung, einen Vorgesetzten hinters Licht zu führen, für sie genauso abwegig wie die Annahme von Bestechungsgeld. Oder Sex mit jemandem, der einen Penis hatte.
Inzwischen allerdings arbeiteten sie seit fast einem Jahr zusammen, und die Dinge hatten sich ein wenig verschoben. Manchmal redete Thorne sich ein, dass Tanner ihre etwas entspanntere Einstellung zu den Vorschriften ihm zu verdanken hatte, dass sein schlechter Einfluss hilfreich gewesen war. Hin und wieder machte sie sogar selbst Andeutungen in diese Richtung. Dabei wussten sie beide, dass es nur eine willkommene Ausrede war.
Und nicht so unbequem wie die Wahrheit.
Der Mord an Tanners Partnerin Susan hatte sie auf eine Art und Weise verändert, die Thorne erst sieben Monate zuvor, während des dramatischen Höhepunkts eines Falls, klar geworden war. Ein verdammt blutiger Tatort und ein Vorfall, über den sie seitdem kaum gesprochen hatten, hatten sie zusammengeschweißt.
Lügen und Gesetzwidrigkeiten – Blut – bestimmten seither jeden gemeinsamen Augenblick und ließen Tanner ein wenig bereitwilliger reagieren, wenn Thorne sie mal wieder um einen Gefallen bat.
Was diesen speziellen Gefallen in Brigstockes Büro betraf, hatte Thorne ihre Zweifel gespürt, auch wenn sie seiner Bitte Folge leistete und ihre Rolle perfekt spielte: die Vernünftige, die Beamtin, der die Vorgesetzten vertrauen konnten. In Wahrheit hatte Thorne sich tatsächlich etwas aus den Fingern gesogen und zweifelte ebenso wie Tanner daran, dass sie Patrick Jennings jemals für etwas anderes drankriegen würden als für seine Finanzdelikte.
Und doch wusste er, dass er ihn schnappen wollte.
Er kehrte in sein Büro zurück und dachte an den Leichensack und das verräterische Durchhängen, an Mary Fulton, die so nervös an ihrer Halskette herumgespielt hatte.
Wobei das gestern natürlich kein Unfall war …
Ja, er musste ihn schnappen.
Er wollte dabei sein, wenn Patrick Jennings, oder wie auch immer er in Wirklichkeit hieß, zu einer möglichst langen Haftstrafe verurteilt wurde. Er wollte zuschauen und ihm zum Abschied winken, wenn der Mann, den er für den Tod von Philippa Goodwin verantwortlich machte, von der Anklagebank geführt wurde, um so lange wie möglich von der Bildfläche zu verschwinden.
Das war Thornes Vorstellung davon, jemanden zu ghosten.
SIEBEN
Margate
In diesem Küstenort ist sie noch nie gewesen, und Michelles erster Gedanke ist, dass er trotz des Fischgeruchs ganz anders ist als die Orte, die sie als Kind kennengelernt hat. Eine schicke Kunstgalerie und ein herausgeputzter Vergnügungspark. Alle möglichen hippen Typen. Obwohl man nicht allzu lange suchen muss, um auch die schmuddeligen Spielhallen, die Burgerlokale und die mit billigen, geschmacklosen Souvenirs vollgestopften Läden zu finden. Oder die überfüllte Bar, die für weniger als einen Zehner große Gläser Sex On The Beach oder Porn Star Martini unters Volk bringt.
Während sie auf dem Bürgersteig raucht und zum Rhythmus der aus der Bar dringenden grässlichen Musik nickt, drängt sich der Junge durch die vor der Tür Wartenden ins Freie und zündet sich ebenfalls eine Zigarette an. Sie wechseln einen Blick, und er nimmt einen großen Schluck aus seiner Flasche Smirnoff Ice. Sie wirft ihre Kippe in den Rinnstein, wartet eine halbe Minute und geht rüber.
»Hast du noch eine für mich?«
»Sie haben gerade eine weggeworfen«, sagt der Junge. Er verlagert das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Er dürfte um die siebzehn sein und sieht in seiner Jeansjacke und dem bis oben hin zugeknöpften Fred-Perry-Hemd ganz süß aus.
Nicht dass es darum ginge.
Michelle zuckt die Achseln und sagt: »Ja, stimmt.« Dann lächelt sie und sieht, wie es ihm langsam dämmert. Wie er merkt, dass es ihr nicht um die Zigarette geht, sondern dass sie bloß einen Anlass brauchte.
Eine glamouröse Frau, alt genug, um seine Mutter sein zu können.
Eine MILF …
Eine lebendige, atmende Frau, die ohne WhatsApp oder Selfiestick auskommt und wahrscheinlich ziemlich genau weiß, was sie im Schlafzimmer tut.
Die Röte, die ihm ins Gesicht steigt, als der Groschen fällt. Ein Schniefen und ein tiefer Zug an der Zigarette, um davon abzulenken. Ein kurzer Blick zur Seite und ein weiterer Schluck, als könne sich noch etwas Interessanteres ergeben.
»Bist du mit deinen Kumpels hier?«
Er nickt heftiger als nötig. »Ja. Freitagabend, Sie wissen schon.« Er hat ein nettes Lächeln, das muss man ihm lassen. »Und Sie?«
»Mädelsabend«, sagt sie. »Aber ziemlich langweilig.«
»Echt?«
Sie gähnt übertrieben. »Die reden über ihre Männer und Kinder und halten sich eine Stunde an einem einzigen Glas Wein fest.«
»Und Sie reden nicht über Ihren Mann?«
Michelle schaut den Jungen an, als wäre sie beeindruckt von seiner Frechheit, als hätte sie nicht längst gesehen, wie sein Blick über ihre linke Hand gehuscht ist. Sie sagt: »Na ja, er ist jedenfalls nicht hier, stimmt’s?«
Beide schauen auf, als ein aufgemotzter Wasauchimmer mit dröhnendem Motor an ihnen vorbeifährt. Aus den offenen Fenstern dringt ein ohrenbetäubender Bass, den unteren Rand des Chassis ziert ein Leuchtstreifen, als würde der Fahrer lässig die Strandpromenade in Miami oder Rio entlangfahren.
»Schauen Sie sich das Arschloch an«, sagt der Junge. »Was für ein –«
»Hast du Lust auf einen Spaziergang?«
ACHT
Ihre Autos stehen in verschiedenen Bereichen des riesigen Parkplatzes, weshalb sie noch ein oder zwei Minuten vor dem Multiplex herumstehen. Sie knöpfen die Mäntel wegen der Kälte bis oben hin zu und suchen in den Taschen nach ihren Schlüsseln. Doch keiner von ihnen scheint es besonders eilig zu haben, nach Hause zu fahren.
Er fragt Sarah, wie sie den Film fand.
Es war ein ordentlicher Thriller, an ein oder zwei Stellen richtig gruselig, aber den Schluss fand sie absolut lächerlich, und das sagt sie auch. Er meint, so sei es meistens, das Ende sei immer schwierig. Völlig unvorhersehbare Wendungen und so. Trotzdem muss es ja nicht gleich so schwachsinnig sein, sagt sie, und er lacht, als stimme er ihr zu.
»Noch ein schneller Drink?«
Sarah weiß, dass es noch früh ist, schaut aber trotzdem auf ihre Uhr.
»Superschnell?«
»Nur einen«, sagt sie. »Mein Sohn …«
Er schlägt etwas ganz in der Nähe vor, in Sichtweite eigentlich, aber um zu Fuß dorthin zu gelangen, müssten sie die sechsspurige Southbury Road überqueren. Sie nehmen ihr Auto, weil es näher steht, und binnen fünf Minuten sitzen sie mit ihren Drinks am Ecktisch eines Restaurants mit Bar, in dem es gute und günstige thailändische Gerichte gibt.
Er hebt sein Pint-Glas, und sie stößt mit ihrer Flasche an.
»Da bekomme ich gleich Appetit«, sagt Sarah und deutet mit dem Kopf auf die Satéspieße und Spare Ribs am Nachbartisch. Eine Kellnerin kommt mit etwas Brutzelndem vorbei.
»Wir könnten was essen, wenn Sie wollen. Dauert bestimmt nicht lange.«
»Ich sagte ja schon …«
»Ja.« Er lehnt sich zurück. »Babysitter sind teuer, ich weiß.«
Sie schaut ihn an. »Dann haben Sie auch Kinder?«
»Nein.« Er klingt irgendwie erleichtert und hebt das Glas zum Mund. »Ich meine, sie sind doch teuer, oder?«
Sie nickt. »Ich zahle dem Mädchen acht Pfund pro Stunde. Und ein Uber nach Hause.«
»Himmel, für das Geld würde ich den Job auch machen.«
Sie betrachten die Gäste ringsum, bis ihre Blicke sich wieder begegnen. Schon bei der Ankunft im Kino hat sie bemerkt, dass er dieselbe Schiebermütze trägt, die sie schon im Café gesehen hat. Erfreut hat sie auch sein dichtes Haar registriert. Silbergrau, sehr kurz geschnitten, aber sicher nicht dünn. Er trägt eine Jeans, die vermutlich nicht billig war – vielleicht eine von diesen absurd teuren japanischen, von denen sie gelesen hat. Dazu ein langärmeliges Polohemd, das irgendwie … weich aussieht. Seine Schuhe gefallen ihr ebenfalls, glänzende braune Brogues.
Auch Sarah hat sich Mühe gegeben. Sie zieht sich gern schick an und weiß, dass sie gut darin ist, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Dass sie das perfekte Outfit für jeden Anlass findet. Für die Leute, mit denen sie ihre Zeit verbringen will. Die passende Kleidung für den heutigen Abend auszuwählen war ein bisschen schwieriger gewesen als üblich, weil sie nicht sicher war, wie viel sie von sich selbst preisgeben wollte.
Sie ist sich auch jetzt noch nicht sicher.
Trotzdem ist es aufregend. Der Tanz. Das beiderseitige Vortasten.
»Dann wohnen Sie also auch in Enfield?« Sie sieht ihn an. Der Bezirk, in dem Brooklands Hill liegt, und das HazBeanz. Das Cineworld, das er bei seinem Anruf vorgeschlagen hat.
»Na ja, zu Hause bin ich eigentlich in den Midlands.«
»Oh.«
Er verzieht das Gesicht, als würde er ein schmutziges Geheimnis preisgeben. »Ich bin nur aus geschäftlichen Gründen hier und hatte neulich ein paar Meetings in Enfield, gleich um die Ecke von diesem Café.«
»Ach.«
»Ein Glück für mich, dass ich Lust auf einen Kaffee hatte.«
Sie versucht, seinem direkten Blick standzuhalten, was ihr aber nur für einige Sekunden gelingt.
»Ich meine, für Sie ist es wahrscheinlich nicht ganz so ein Glück …«
Er lächelt, und sie bemerkt seine schönen Zähne. Ein echtes Zahnpasta-Lächeln. Einen kurzen Moment fragt sie sich, ob sie vielleicht künstlich sind, verwirft den Gedanken aber schnell. »Was für Meetings?«
Er winkt ab. »Ach … bloß mit Investoren.«
Sie nickt, um zu zeigen, dass sie beeindruckt ist.
»Nein, nur … Ich hab versucht, noch ein bisschen Geld für eine Sache zu sammeln, die ich auf die Beine stellen will. Ziemlich langweilig, solche Meetings. Ernsthaft. Ich meine, so, dass-man-sich-die-Augen-mit-einem-Löffel-rausschaufeln-will langweilig.«
Sie lacht und nimmt einen Schluck Bier.
»Ich meine, Sie fänden es vielleicht sogar einigermaßen interessant, aber glauben Sie mir: Ich war tagelang bloß mit diesem einen Thema beschäftigt, ich würde viel lieber über etwas anderes reden. Irgendwas anderes.«
»Zum Beispiel …«
»Zum Beispiel über Sie.«
Wieder lacht sie. Sie genießt den Abend. »Damit habe ich kein Problem.«
Eine Kellnerin erscheint und fragt, ob sie schon in die Speisekarte geschaut hätten. Er sagt, es klinge alles sehr verlockend, aber sie wollten nicht lange bleiben. Die Kellnerin verschwindet wieder.
»Also … Was haben Sie neulich wirklich geschrieben? Im Café?«
Sie überlegt ein paar Sekunden und gelangt zu dem Schluss, dass es zu früh ist, um aus der Deckung zu kommen, und sei es auch nur ein bisschen. »Sagen wir es mal so: Sie würden niemals draufkommen.«
»Nein?«
»Keine Chance.« Hin und wieder wirft sie gern ein Bröckchen Wahrheit ein, um ihrer Lüge ein bisschen … Substanz zu verleihen.
»Dann sind Sie tatsächlich eine Art Schriftstellerin, stimmt’s?« Er neigt den Kopf zur Seite und streicht sich über die grauen Bartstoppeln. »Ich kenne eine Menge Leute, die mit ihren Laptops in solchen Lokalen sitzen und so tun, als würden sie an irgendeinem Meisterwerk feilen. Aber in Wirklichkeit machen sie überhaupt nichts. Und natürlich hab ich Sie neulich ein bisschen auf den Arm genommen … Aber ich schwöre: Als ich Sie gesehen hab, dachte ich sofort, dass Sie wahrscheinlich eine richtige Schriftstellerin sind.«
»Ich … versuche es jedenfalls«, sagt sie.
»Okay. Kann man davon leben?« Er schüttelt den Kopf und starrt in sein Glas. »Tut mir leid, ich bin viel zu neugierig für ein erstes Date.«
Sarah starrt auf den Rest ihres Getränks. Sie denkt, dass es wahrscheinlich gut wäre, bald aufzubrechen. Sie denkt, dass er etwas Bestimmtes an sich hat. Dass sie, wenn sie sich von ihm bumsen ließe, am Ende wohl auf der Strecke bleiben würde.
Sie sagt: »Wahrscheinlich verdiene ich weniger als meine Babysitterin, zum Glück bin ich nicht drauf angewiesen.«
»Weil Sie andere Eisen im Feuer haben.«
»Kann man so sagen.«
»Aber es macht Ihnen Spaß?«
»Oh ja.«
Wieder hebt er das Glas. »Und das ist das Wichtigste, oder?« Er sieht, wie sie auf ihre Uhr schaut und schnell ihre Flasche leert. »Okay, am besten lasse ich Sie jetzt nach Hause fahren.«
Sie schiebt den Stuhl zurück, doch in Wahrheit hat sie es eigentlich nicht eilig, sich zu verabschieden. Dann denkt sie an Jamie, wie er eingemummelt im Bett liegt, die Knie bis an den schmalen Oberkörper hochgezogen und den Daumen im Mund wie ein Baby. »Ich muss …«
»Das irgendwann wiederholen, stimmt’s?«
»Falls Sie noch mal ein bisschen Abwechslung von Ihren langweiligen Meetings brauchen.«
»Aber immer«, sagt er.
»Sie haben ja meine Nummer.« Sie streckt den Arm über den Tisch und berührt kurz seine Hand. »Und ich hab Ihre.«
Sie stehen auf und nehmen ihre Taschen und Mäntel. Sie checken ihre Handys. Ein Mann mit einem Glas in der Hand wartet schon darauf, sich auf den frei werdenden Tisch zu stürzen, doch sie lassen sich nicht hetzen.
»Ich fahre Sie zurück zu Ihrem Auto.«
»Das ist nicht nötig.«
»Sie werden es nicht heil über diese Straße schaffen.«
»Ich komm schon klar, ehrlich.« Conrad bindet sich sorgsam sein Halstuch um. Ein Seidentuch, denkt Sarah und sieht, wie der Stoff durch seine Finger gleitet. »Ab und zu muss man auch mal ein Risiko eingehen«, sagt er. »Meinen Sie nicht?«
NEUN
Thorne und Hendricks traten aus dem Bengal Lancer und gingen die Kentish Town Road entlang Richtung Süden. Es war kalt, zum Glück aber trocken. Thorne summte eine Melodie, die ihm schon den ganzen Tag durch den Kopf ging. Vorsichtig trug er die braune Papiertüte mit den Resten des Lammgerichts, das er nicht ganz geschafft hatte.
»Gott, hab ich den Laden vermisst.«
Hendricks rülpste und setzte ein Grinsen auf. »So weit muss es ja jetzt nicht mehr kommen, Kumpel.« Er klopfte Thorne auf die Schulter. »Jetzt, wo du wieder hier wohnst.«
»Vorübergehend.«
»Wirklich?« Hendricks’ schleppender Manchester-Akzent zog das Wort in die Länge, was seinen Sarkasmus noch offensichtlicher machte.
»Ich hab doch gesagt, es ist nur auf Probe.«
»Natürlich.«
»Wir sehen mal, wie es läuft.«
»Klar. Und wie läuft es? Wie lange ist es jetzt her … sechs Wochen?«
Thorne blieb stumm.
In Wirklichkeit waren es fast zwei Monate, seit Helen die Bombe zum Platzen gebracht und ihm verkündet hatte, sie brauche ein wenig Raum für sich. Dass es ihnen vielleicht helfen würde, wenn jeder eine Weile allein wohnen würde. Denn es sei schwierig, nicht wahr, zwei Bullen unter einem Dach? Schwieriger als bei anderen. Es gebe zusätzliche … Stressfaktoren.
Eine räumliche Trennung könnte uns beiden guttun, und ich hab das Gefühl, ich brauche ein bisschen Zeit allein mit Alfie …
Thorne hatte gar nicht erst versucht zu diskutieren, denn er kannte Helen und begriff sofort, dass es wenig Sinn haben würde. Hendricks war der Erste gewesen, dem er es erzählt hatte, und da er auch ihn gut kannte, hatte er mit etwas so Alltäglichem wie Mitgefühl erst gar nicht gerechnet.
Zum Glück.
»Na ja, ich kann nicht behaupten, dass es mich überrascht«, hatte Hendricks stattdessen gesagt. »Ich meine, versteh mich nicht falsch, ich hab mich immer gefragt, wie lange sie es mit dir aushält.«
»Toll, danke, Phil! Wie war denn dein Job bei der Telefonseelsorge so?«
»Du hast mich gefragt. Und im Innersten wusstest du genau, was kommt.«
»Dann red weiter.«
»Weil du dich an deine alte Wohnung geklammert hast, nur für alle Fälle. Als eine Art Rettungsring oder so was.«
»Das ist doch Schwachsinn. Die Miete konnten wir verdammt gut gebrauchen. Abgesehen davon war es übrigens Helens Idee, nicht meine.«
»Hat sie dich abserviert?«
»Nein. Ich sag doch –«
»Was ist denn eigentlich passiert?«
In Wahrheit wusste auch Thorne es nicht genau. Er selbst war einigermaßen glücklich gewesen und hatte geglaubt, das gelte auch für Helen. In den Monaten vor der Trennung hatte eine gewisse Spannung geherrscht, aber sicher nichts, was Thorne als irreparabel betrachtet hätte. Und es war in keiner Weise mit dem zu vergleichen, was Helens jüngere Schwester Jenny sich geleistet hatte. Rückblickend betrachtet war es Ironie pur, aber Helens Bedürfnis nach »ein wenig Raum« hatte sich nicht allzu lange nach dem klärenden Gespräch zwischen ihm und Jenny entwickelt, als sie ihm gestanden hatte, dass sie diejenige war, die sich in einer miesen Beziehung gefangen fühlte und in Wirklichkeit eifersüchtig auf Helen und ihn war.
Hatte sie gelogen?
Hatte sie in Wirklichkeit nie aufgehört, seine Stellung zu untergraben, hatte sie einfach weitergemacht, weil sie glaubte, er würde sie nicht mehr verdächtigen?
Oder kannte sie ihre Schwester einfach nicht so gut, wie sie glaubte?
Letztlich war die Frage theoretischer Natur, denn Helen hatte ihre Entscheidung getroffen und ließ sich nicht mehr davon abbringen. Er hoffte, früher oder später ihre Gründe zu begreifen, und trotz der zynischen Kommentare seines besten Freundes wollte er immer noch an die Chance glauben, dass sie sich zu einem zweiten Versuch entschließen würde. Er liebte Helen und war einigermaßen zuversichtlich, dass auch sie ihn noch liebte, zusammen hatten sie so vieles durchgestanden.
Und doch …
Er wusste, dass ein gehöriger Teil des Schmerzes, den er empfunden hatte und immer noch empfand, bloß auf das Konto seines verletzten Egos ging. Dieses Gefühl kannte er, seit seine erste Freundin ihn wegen eines Arschlochs aus dem Rugbyteam verlassen hatte. Er wusste, dass der Schmerz nicht ewig anhielt. Tatsache war, dass er sich trotz allen Kummers, den seine – im Augenblick noch theoretische – Rückkehr in ein Leben als Single bedeutete, langsam an den Gedanken gewöhnte.
Er fing sogar an, es ein wenig zu genießen.
Seine Wohnung, sein Lieblingsrestaurant, sein Pub um die Ecke. Außerdem war es schön, wieder in Hendricks’ Nähe zu wohnen. Thorne hatte sich nie ganz damit abgefunden, mit Helen in Tulse Hill zu leben. Und das nicht nur, weil er morgens länger zur Arbeit brauchte.
Auf dieser Seite des Flusses hatte er sich schon immer wohler gefühlt.
Sie verlangsamten ihre Schritte und blieben an der Ecke zur Prince of Wales Road stehen. Thorne würde rechts abbiegen und in fünf Minuten seine Wohnung erreicht haben, Hendricks geradeaus zu seiner Wohnung in Camden weitergehen.
»Alfie vermisse ich wirklich«, sagte Thorne. Helens Fünfjährigen. Thorne hatte seine Sachen gepackt und die Wohnung verlassen, als der Junge in der Vorschule war. Seitdem waren sie sich nur ein paarmal begegnet.
»Soll das heißen, dass du Helen nicht vermisst?«
»Nein, du Idiot. Natürlich tue ich das.«
»Helen hat doch nichts dagegen, dass du dich mit dem Jungen triffst, oder?«
Thorne zuckte die Achseln. »Für sie ist es in Ordnung. Letzte Woche war ich sogar zum Abendessen da.«
»Und …?«
»Und … nichts. Ich meine bloß.«
Hendricks wollte etwas erwidern, als ein Mann, der aus der entgegengesetzten Richtung auf sie zukam, ihm einen langen, durchdringenden Blick zuwarf. Hendricks starrte zurück. Sobald der Mann an ihnen vorbei war, drehte er sich um und schaute ihm nach. »Der fand mich geil.«
»Und was würde Liam dazu sagen?«
»Liam weiß genau, wie unwiderstehlich ich bin. Er weiß, dass die Typen mir Blicke zuwerfen.«
Thorne deutete auf den Mann, der gerade aus ihrem Blickfeld verschwand. »Das da, Kumpel, war große Verwunderung, mehr nicht.«
»Allerdings.«
»Aber nicht so, wie du glaubst. Nicht jeder ist daran gewöhnt, Leuten über den Weg zu laufen, die so viel Metall im Gesicht mit sich rumtragen. Nicht mal hier in der Gegend. Du solltest endlich aufhören zu glauben, dass dieser panische Ausdruck des Schreckens …« – Thorne riss Augen und Mund auf, um zu demonstrieren, was er meinte – »… bedeutet, dass jemand dich toll findet.«
Hendricks lachte und rülpste erneut. »Was du da gerade über Alfie gesagt hast …«
»Nichts.« Thorne schniefte und nahm die so kostbare braune Tüte in die andere Hand. »Bloß …«
»Komm mal her.« Hendricks trat einen Schritt auf ihn zu und zog Thorne in eine feste, nur teilweise der Trunkenheit geschuldete Umarmung. Thorne wehrte sich nicht. »Ich kenne dich besser als jeder andere, stimmt’s? Du musst mir nicht beweisen, dass du so weich wie Scheiße bist.«
Als sie sich voneinander gelöst hatten, strich Hendricks seine Lederjacke glatt und fuhr sich über den rasierten Schädel. »Und davon abgesehen solltest du möglichst schnell diese Hochstapler-Geschichte zu Ende bringen und wieder anfangen, Mörder einzubuchten. Es ist ja nicht so, als würden die alle Urlaub machen, was? Auf meinem Seziertisch herrscht jedenfalls kein Mangel an Leichen.«
»Er ist ein Mörder«, sagte Thorne. »Jedenfalls so gut wie.«
»Komm schon, irgendwie glaub ich nicht, dass du das wirklich denkst.«
»Auf die eine oder andere Art.«
Thorne hatte Hendricks während des Essens von dem Fall erzählt. Von dem Selbstmord, von dem Mann, der das Leben einer unschuldigen Frau zerstört hatte, von der unverhofften Chance, die Brigstocke ihnen gegeben hatte. Von der möglichen Ermittlung, die davon abhing, dass die forensische Untersuchung von Philippa Goodwins Wohnung ihnen aussagekräftige Resultate lieferte.
»Auf ihrem Handy war rein gar nichts«, sagte Thorne.
»Das hast du schon gesagt.«
»Dieser Typ hat es geschafft, jedes einzelne Foto und jede einzelne Textnachricht zu löschen, ehe er sich aus dem Staub gemacht hat.«
»Ja.«
»Er hat alle Spuren gründlich beseitigt, und ich wette, das hat er schon häufiger getan. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als auf die DNA zu hoffen.«
Hendricks hatte sich bereits auf den Weg gemacht. Kopfschüttelnd wiederholte er: »Das hast du schon gesagt.« Ohne sich umzudrehen, rief er: »Jetzt sieh zu, dass du nach Hause kommst, Kumpel. Und immer schön fröhlich bleiben. Soll ja gar nicht so übel sein, in ein tränennasses Kissen zu wichsen …«
Als Thorne seine Wohnung erreichte, legte er das übrig gebliebene Essen in den Kühlschrank, stellte den Wasserkocher an und ging unruhig auf und ab. Er schaltete den Fernseher ein und zappte zehn Minuten hin und her. Dann döste er ein, wachte aber bald mit Nackenschmerzen wieder auf.
Schließlich rief er Helen an.
»Ich bin’s«, sagte er, bis ihm klar wurde, dass er mit ihrer Mailbox sprach. Er fluchte leise und sagte. »Tut mir leid, ich schätze, du bist im Bett. Natürlich bist du das … Ich rufe eigentlich nur an, um zu hören, wie es dir geht. Gut hoffentlich. Drück den Jungen für mich. Das war’s …«
Schon beim Auflegen bereute er seinen Anruf. Er war in weinerlicher Stimmung, das war alles, und die beiden Pints im Lancer hatten es nicht besser gemacht. Geschweige denn die beiden im Grafton Arms davor. Eine verquaste spätabendliche Nachricht würde Helen sicher nicht umstimmen. Und er konnte noch nicht einmal beschwören, dass er sie wirklich umstimmen wollte.
Er stand auf und ging ins Schlafzimmer.
Es gab nicht viel, dessen er sich wirklich sicher war.
Ein Curry schmeckte am zweiten Tag grundsätzlich besser.
George Jones hatte eine bessere Stimme als Frank Sinatra.
Und manipulative, soziopathische Arschlöcher waren noch lange keine Mörder, bloß weil es ihm in den Kram passte.
ZEHN
In letzter Zeit hatte Thorne sich beim Aufwachen häufig nicht ganz auf der Höhe gefühlt. Heute allerdings war es anders. Er hatte von seiner Mutter geträumt. Was nicht oft vorkam, und jedes Mal fühlte er sich anschließend … verletzt und ein wenig durcheinander. Jedenfalls hatte es nichts Tröstliches, wie man es bei einem Traum von einem verstorbenen Elternteil vielleicht erwarten würde. Auch hatten diese Träume von der Mutter, die er so sehr vermisste, nie etwas Angenehmes, an dem er sich nach dem Aufwachen festhalten konnte.
Dabei waren es an sich keine ungewöhnlichen Träume. Nichts, worüber er nachgrübeln oder was man vor einem Therapeuten ausbreiten würde, wenn er der Typ gewesen wäre, der mit so etwas seine Zeit vergeudete. Die Träume waren – wie auch seine sonstigen – ziemlich simpel: Erinnerungen an Dinge, die wahrscheinlich nie geschehen waren.
Alltäglich …
Ihre Stimme und ihr Geruch: Camay und Parma-Veilchen. Ihr Anblick im Garten, von seinem Schlafzimmerfenster aus. Ihr mit einem roten Tuch gebändigtes Haar.
Und trotzdem erwachte er unruhig und reizbar.
Dahinter steckten Schuldgefühle, vermutete er, auch wenn es ihm schwerfiel, sich das einzugestehen und es zu akzeptieren. Komplett irrationale Schuldgefühle, aber deshalb nicht weniger schmerzhaft. Vielleicht rührten sie daher, dass er nicht so oft von seiner Mutter träumte, wie er es seiner Meinung nach hätte tun sollen.
Nicht annähernd so oft.
Vielleicht war es ganz natürlich, dass er häufiger von seinem Vater träumte. Thorne hatte dessen schrecklichen Verfall miterlebt, der sich über Jahre hingezogen hatte. Er hatte zugesehen, wie die Alzheimer-Erkrankung den alten Mann in die Dunkelheit hinabgezogen, ihn in eine Welt hatte driften lassen, die Thorne nicht betreten konnte. Wenn er von seinem Vater träumte, war dieser stets so scharfsinnig und gedankenschnell, wie Thorne ihn als Kind erlebt hatte. Dann war er wieder der Vater und Thorne wieder der Sohn, ganz wie es sein sollte. Während dieser Träume hatte Thorne immer ein gutes Gefühl. Und wenn er aufwachte, war er traurig, weil sie so kurz, so flüchtig waren. Und wütend, dass sie ihm entrissen wurden. Nein. Die Schuldgefühle kamen nicht daher, dass er häufiger von seinem Vater als von der Mutter träumte. Sondern weil seine Träume von ihr so selten waren, während ihm andere so oft erschienen.
Von einem Mann namens Stuart Nicklin zum Beispiel träumte er häufiger als von seiner Mutter. Und auch von Francis Calvert und Arkan Zarif. Er träumte von Mördern und Vergewaltigern wie andere Menschen vom Fliegen oder vom Sex mit einer Berühmtheit. Von Männern, die hassten und anderen mit größter Selbstverständlichkeit wehtaten, die aufblühten, wenn andere Schmerz empfanden.
Von Monstern, wenn man an so etwas glaubte.
Während der Frau, die er verehrt und die ihn mehr geliebt hatte als irgendein anderer Mensch auf diesem Planeten, nur die Statistenrolle blieb.
»Alles in Ordnung, Tom?«
Thorne blickte von seinem Schreibtisch auf und sah, dass Tanner sich auf dem Stuhl gegenüber niederließ. Er brummte etwas in sich hinein und schaute wieder auf dasselbe Blatt Papier, das er schon eine Viertelstunde lang angestarrt hatte.
Er versuchte sich zu konzentrieren.
»Alles im grünen Bereich«, sagte er.
»Um ehrlich zu sein, hast du schon glücklicher auf mich gewirkt«, stellte Tanner fest. »Ich hab sogar Leichen gesehen, die glücklicher wirkten.«
Zumindest den letzten Punkt wollte Thorne nicht auf sich sitzen lassen. »Mir geht’s gut. Es ist bloß … Irgendwas Neues in der Goodwin-Sache?«
Die Sache. Kein Fall, noch nicht.
»Irgendwann im Laufe des Tages dürften wir mehr erfahren.«
Thorne schaute auf die Uhr. Es war noch nicht mal elf.
»Ich muss sagen, ich hatte bessere Laune erwartet. Bis jetzt läuft doch alles wie gewünscht. Wir wissen, dass die Kollegen eine Menge Fingerabdrücke und ein paar brauchbare DNA-Proben genommen haben, nicht?«
Etwas altes Blut im Bad, in dem sich Patrick Jennings beim Rasieren geschnitten haben könnte. Haare mit intakten Follikeln und Wurzeln, dazu trockene Hautschuppen. Außerdem war DNA von der Leiche Philippa Goodwins genommen worden, damit sie die beiden Profile unterscheiden und Jennings’ Probe dann mit der landesweiten Datenbank abgleichen konnten. Dasselbe galt für die Fingerabdrücke.
»Eigentlich«, fuhr Tanner fort, »wüsste ich nicht, warum du nervös werden solltest.«
»Ich dachte, du wärst auf meiner Seite.«
»Bin ich auch.« Tanner beugte sich vor und rückte den Ablagekasten für Thornes Posteingang gerade, indem sie ihn erst ein Stück in die eine Richtung schob, dann in die andere, bis sie zufrieden war. Dann lehnte sie sich wieder zurück. »Bis zu einem gewissen Punkt jedenfalls.«
»Nämlich?«
»Bis zu dem Punkt, an dem du aufhörst, realistisch zu denken.«
Die Forensiker waren vor beinahe achtundvierzig Stunden in Goodwins Wohnung in Tufnell Park geschickt worden, gleich nachdem Russell Brigstocke widerwillig sein Okay gegeben hatte. Thorne wusste, dass er bestenfalls überoptimistisch und dass sein ungeduldiges Warten auf ein Resultat unangebracht war. In manchen Fällen – Vergewaltigung war das Paradebeispiel – konnten DNA analysiert und Proben innerhalb von Stunden verglichen werden, um die Qualen für das Opfer abzukürzen. Wenn anzunehmen war, dass ein Leben auf dem Spiel stand, oder der Countdown bis zur Entlassung eines Mordverdächtigen lief, wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt, doch solche Eile war in diesem Fall nicht angebracht.
Bei einem Selbstmord. Dem niemand besondere Dringlichkeit zumaß.
»Und mal davon abgesehen, was wir Russell erzählt haben, ist es ja nicht so, als hätten wir nichts zu tun. Ich sitze jedenfalls nicht rum und drehe Däumchen.«
Natürlich hatte Tanner recht, und Thorne war klar, dass auch er ausreichend Arbeit hatte. Er musste die Präsentation der Beweismittel für eine Gerichtsverhandlung in der nächsten Woche vorbereiten. Ein Mann wurde beschuldigt, seine Freundin erwürgt zu haben, behauptete aber, in Notwehr gehandelt zu haben. Seine Verteidiger hatten großspurig auf die oberflächlichen Schnittwunden an seinen Armen hingewiesen, bis sich herausgestellt hatte, dass sich auf dem Messer nur Fingerabdrücke des Beschuldigten befunden hatten. Außerdem war über Nacht ein verdächtiger Todesfall in einem Krankenhaus in Edmonton hereingekommen, dazu drei Messerstechereien unter Gangmitgliedern in Tottenham, zu denen er die Akten noch einmal durchsehen sollte.
Aber nichts davon ging ihm so unter die Haut wie diese Sache.
Patrick Jennings …
Er hätte nicht einmal sagen können, warum.
Und eigentlich wartete Thorne auch nicht mit vor Spannung angehaltenem Atem. Er wusste so gut wie Tanner, dass sie außerordentliches Glück haben mussten. Dass ein derart gewiefter und vorsichtiger Mann wie Jennings auf keinen Fall große Risiken eingehen würde, wenn es darum ging, seine Identität zu verbergen. Schließlich war Täuschung sein Leben, seine Einnahmequelle. Doch eine magere Chance war besser als gar keine. Vielleicht war er irgendwann festgenommen worden, weil er als Student einen Polizisten geschlagen oder weil er betrunken am Steuer gesessen hatte. So oder so wären mit ziemlicher Sicherheit seine Fingerabdrücke genommen worden und möglicherweise auch ein DNA-Abstrich.
Dann wäre er im System.
Da diese Chance aber tatsächlich mager war – mehr oder weniger anorektisch, wie Hendricks es ausgedrückt hatte –, würde Thorne sich etwas einfallen lassen müssen, um voranzukommen. Eine Strategie, die nicht davon abhing, dass er die Identität des Mannes kannte, und die ihm keine allzu großen Schwierigkeiten mit seinem Vorgesetzten einbringen würde.
Er brütete bereits über einer solchen Strategie, doch das Resultat war bisher exakt null.
Als Thorne aufblickte und sah, dass Tanner ihm immer noch gegenübersaß, sagte er: »Wie war das mit den Däumchen?«
Sie stand auf. »Ich wollte nur mal vorbeischauen, um zu hören, ob du Lust hast, morgen zum Abendessen vorbeizukommen.«
»Bei dir?«
»Warum nicht.«
»Na ja …«
Sie warf ihm einen finsteren Blick zu. »Ich mache Fortschritte. Ich meine, es gibt bloß Nudeln. Vorausgesetzt, du hast Zeit … ich meine, Samstagabend, da kannst du dich vor Einladungen sicher nicht retten.«
»Ich schaue mal in meinen Terminkalender.«
»Bist du immer noch …?«
Thorne verkniff sich das Ich wichse in ein tränennasses Kissen und sagte stattdessen: »… allein in meiner Wohnung, ja.« Tanner wusste, was zwischen ihm und Helen gelaufen war, und hatte sich wesentlich einfühlsamer gezeigt als Hendricks. Doch zu seiner Erleichterung hatte sie ihm seitdem nicht mehr allzu viele Fragen gestellt. Obwohl es, dachte Thorne, bei der Einladung möglicherweise genau darum ging. Nudeln und eine kleine Befragung, ganz nebenbei.
»Gegen halb acht«, sagte Tanner.
»Dann kann ich noch was essen, bevor ich komme.«
»Und es bringt nichts, alle fünf Minuten auf die Uhr zu schauen, dadurch kommen die Ergebnisse auch nicht schneller. ›Abwarten und Tee trinken‹, hat meine Mutter immer gesagt …«
Und Thorne erinnerte sich an seinen Traum.
Und das Schuldgefühl stieg ihm in die Kehle, plötzlich und sauer.
Nur gut, dass Tanner sich schon abgewandt hatte und auf dem Weg zur Tür war, sonst hätte sie sicher bemerkt, dass verglichen mit Thornes Miene sogar die meisten Leichen geradezu vergnügt wirken mussten.
ELF
Sie sitzen im Pizza Express auf der Silver Street, gegenüber der U-Bahn-Station Enfield Town. Sie teilen sich eine große Flasche Peroni und kleine Teller mit Knoblauchbrot und Oliven. Seit dem Augenblick, als sie das Lokal betreten und sich zu ihm an den Tisch gesetzt hat, reden sie beinahe ununterbrochen. Gerade lachen sie darüber, wie viel Zeit – oder besser: wie wenig Zeit – er sich bis zum nächsten Anruf gelassen hat.
»Okay, aber ich hab immerhin nicht vorgeschlagen, dass wir uns gleich am nächsten Tag wiedersehen, oder?«
»Stimmt«, räumt Sarah ein.
»Ich glaube, das hätte ein bisschen aufdringlich gewirkt.«
»Ja, und irgendwie verzweifelt.«
»Jedenfalls wollte ich dir einen Tag Zeit lassen, damit du einen Babysitter engagieren kannst.«
»Sehr aufmerksam.« Sie greift nach einer Olive. »Ich bewundere deine Umsicht.«
»Ein bisschen vorauszudenken zahlt sich meistens aus.«
Ein Kellner bringt ihnen die Pizzen. Sie lächelt, schüttelt den Kopf und legt sich die Serviette auf den Schoß. »Warum nehmt ihr Kerle eigentlich immer das Gericht mit dem meisten Fleisch?« Lachend deutet sie auf seine Pizza, die er gerade mit Chiliöl beträufelt. »Und würzt es so scharf wie möglich? Glaubt ihr, das lässt euch … männlicher erscheinen? Als würde euch das Testosteron aus den Ohren schießen? Du weißt schon … Fleisch! Als würden wir durch den Anblick blöd und schwach, als würde uns das von euren Qualitäten im Bett überzeugen.«
Er hat sich schon über seine Pizza hergemacht und schaut auf. »Du hast absolut recht.«
»Womit?«
»Mit allem.«
Beim Essen plaudern sie weiter dahin, als hätten sie beide beschlossen, um alles einen Bogen zu machen, was irgendwie … tiefer gehen könnte. Lieber reden sie über die Wucherpreise, die man in London für praktisch alles zahlt, über ihre Lieblings-Schokoriegel aus der Kindheit. Über seine pathologische Abneigung gegen das Zuspätkommen und ihre leicht bizarre Sucht nach Darts-Turnieren im Fernsehen.
»Wie sind deine Meetings gelaufen?«, fragt sie. »Mit diesen Investoren oder wem auch immer.«
»Genauso langweilig wie vorgestern.«
»Dann hoffe ich, du gönnst dir wenigstens ein schönes Hotel.«
Er nickt. »Oh Gott, ja.«
»Schokolade auf dem Kissen?«
»Natürlich. Und eine Menge nette Fläschchen im Bad.«
»Nimm sie mit in die Midlands.«
»Klar, ich hab schon einen ganzen Schrank voll.«
Nachdem ein Kellner die Teller abgeräumt und den Tisch gewischt hat, bestellt er noch eine Flasche Bier und sagt: »Erzähl mir von Jamies Dad.«
Ein kluger Zug, denkt Sarah. So zeigt er seine Sensibilität und dass er sich nicht im Entferntesten durch die früheren Männer in ihrem Leben bedroht fühlt. Oder dass er zumindest so rüberkommen will. Für sie ist beides in Ordnung, denn die Frage stellt sie vor keine Probleme.
»Er heißt Peter und wohnt zum Glück inzwischen sonst wo. Ihn zu heiraten war der größte Fehler meines Lebens. Oder sagen wir: der größte Fehler, den je irgendwer begangen hat. Ernsthaft, so schlimm wie der Millennium Dome. Oder sich ein Ticket für die Titanic zu kaufen.«
»Ein kurzsichtiger Gnom, der den Gartenzwerg bumsen will?«
Sarah lacht. »Eigentlich will ich bloß sagen, dass es eine ziemliche Dummheit war. Der ich allerdings Jamie zu verdanken habe. Es war also nicht nur schlecht. Einfach überwiegend schlecht.«
»Was ist passiert?«
»Es war schrecklich, mit ihm zusammenzuleben. Wirklich übel. Er war jähzornig und wurde immer unerträglicher, weil ich nicht zulassen wollte, dass er mich zu jemandem machte, der ich nicht war. Oh, ganz zu schweigen von der einen oder anderen Affäre, von denen ich idiotischerweise dachte, ich könnte damit umgehen. Er hat mich fertiggemacht.« Sie nimmt ihr Glas, lehnt sich zurück und grinst. »Bis ich ihm eines Tages gesagt habe, wohin er sich verpissen soll.«
»Gut so«, sagt er.
»Ja, obwohl es eine ganze Weile gedauert hat. Ich hab das Haus bekommen, komplett abbezahlt. Inzwischen ist es deutlich wertvoller als zu der Zeit, wo ich ihn rausgeworfen hab. Außerdem liegt einmal im Quartal ein hübscher Unterhaltsscheck im Briefkasten. Ich komme ganz gut zurecht.«
»Scheint so.«
»Mit dem Schreiben verdiene ich genug fürs Essen und die Rechnungen. Für Telefon, Auto und das alles … und ich kann mir hin und wieder eine Reise mit Jamie leisten.« Sie schüttelt den Kopf und schiebt sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Wenn ich ehrlich bin, liege ich nachts manchmal wach und frage mich, ob ich das alles wirklich mitgemacht hab, verstehst du? Alles erduldet hab. Es kommt mir vor, als wäre es einer anderen passiert.«
Er nickt, nachdenklich und mitfühlend. »Hat Jamie noch Kontakt zu ihm?«
»Sie sehen sich ein paarmal im Jahr, nicht öfter. Darauf haben wir uns geeinigt. Aber es fängt an, ihn durcheinanderzubringen.«
Er wirkt verwirrt.
»Jamie, meine ich. Peter ist für ihn einfach ein Typ, der zweimal im Jahr mit ihm Urlaub macht und ihm Spielzeug kauft, das er nie benutzt. Jamie kennt ihn eigentlich nicht und redet nie über ihn. Das hat nichts mit einem richtigen Vater zu tun, oder?«
In den Sekunden, bevor er seinen Blick senkt, sieht sie etwas Düsteres über sein Gesicht huschen. »Nein«, sagt er. »Ganz und gar nicht.«
»Dann erzähl du mal. Was ist mit dir?«
Als er wieder aufblickt, ist sein strahlendes Lächeln zurück. »Na ja, ich schätze, ich hab auch ein paar Fehler begangen. Allerdings nicht so schlimme … keine Titanic-Dimensionen, bloß eine Menge falscher Entscheidungen.«
»Zum Beispiel?«
»Ach, der übliche Beziehungskram eben. Jemand wird eifersüchtig oder fühlt sich unter Druck gesetzt. Die Arbeit kommt dazwischen. Wahrscheinlich war es genauso sehr meine Schuld wie ihre, in den meisten Fällen.«
Sarah hebt die Augenbrauen und schenkt sich den Rest Bier ein. »Dann gab es also viele Fälle?«
»Durchschnittlich, würde ich sagen.«
Er fragt, ob sie ein Dessert möchte. Sie streicht sich zufrieden über den Bauch und schüttelt den Kopf. Während er dem Kellner signalisiert, dass sie bezahlen möchten, sagt sie: »Letztlich ist alles eine Frage des Timings, oder? Die richtigen Menschen zur richtigen Zeit zu treffen.«
»Exakt.«
»Im richtigen Café.«
Er beugt sich vor. »Manchmal ist es pures Glück.«
»Glück oder nicht, es geht darum, aus Fehlern zu lernen, damit man sie nicht wiederholt.«
»Oh, ich werde überhaupt keine Fehler mehr machen«, sagt er.
Sie lässt sich von ihm nach Hause bringen, obwohl ihre Wohnung nur fünf Minuten entfernt ist. Sie weiß, dass es ein großer Schritt ist, ihm zu zeigen, wo sie wohnt. Aber es ist kalt, und sie hat wenig Lust, zu Fuß zu gehen. Außerdem hatte sie bereits vermutet, dass er es ihr anbieten würde, und beschlossen, sich darauf einzulassen.
Sie lösen die Gurte, bleiben aber noch etwas im Wagen sitzen, einem teuren Mercedes. Das Auto ist makellos gepflegt, was Sarah für ein gutes Zeichen hält. Außerdem liegt irgendein Duft in der Luft. Normalerweise wird ihr von so etwas schlecht, doch in diesem Fall ist es anders. Sie findet, der Wagen riecht beinahe so gut wie er. So frisch und nur darauf wartend, in Unordnung gebracht zu werden.
»Dich zu bitten, auf einen Kaffee oder etwas mitzukommen, wäre ein bisschen übereilt, oder?« Sie dreht sich in seine Richtung. »Ein bisschen flittchenhaft.«
»Auf jeden Fall«, sagt er.
»Dann sind wir ja einer Meinung.« Und doch will sie ihn wirklich. Auch daran hat sie den ganzen Tag über gedacht. Sie kennt ihn erst seit drei Tagen, würde ihn aber gern mitnehmen und ihm zeigen, was für ein Flittchen sie sein kann.
Oder schüchtern, aber willig.
Oder hilflos …
Wie auch immer er es will.
Seit er den Wagen angelassen hat, läuft Musik. Irgendwas Entspanntes, Jazziges, aber mit Melodie, was ihr gut gefällt. Sie sieht zu, wie er die Musik ausmacht. Perfekte Fingernägel hat er.
Er sagt: »Danke für einen schönen Abend. Schon wieder.«
»Ich geb mir Mühe.«
»In der Tat …« Er beugt sich hinüber, um sie zu küssen. Sie öffnet die Lippen, doch er dreht den Kopf im letzten Moment und küsst ihre Wange.
Sie lehnt sich zurück und atmet so tief und schnell wie schon lange nicht mehr. »Okay«, sagt sie.
»Ich will nicht verzweifelt erscheinen.«
»Ich glaube, ich kann deine Verzweiflung sehen.« Sie deutet mit dem Kopf auf seinen Schoß, wo seine Erregung deutlich sichtbar geworden ist, trotz des dicken Jeansstoffs.
Er grinst anzüglich und nimmt die Hand herunter, um die Schwellung zu verbergen. »Keine Sorge, ich entspann mich, wenn ich wieder im Hotel bin.«
Ihr liegt eine Antwort auf den Lippen, und sie spürt, wie ihr das Blut ins Gesicht schießt. Ruf mich an, wenn ich dir zur Hand gehen soll, sagt sie beinahe, kommt dann aber zu dem Schluss, dass er längst genau weiß, was sie denkt.
Sarah öffnet die Wagentür.
»Die besten Dinge passieren, wenn man warten kann.« Conrad drückt einen Knopf, und der Motor erwacht zum Leben. »Die allerbesten.«
ZWÖLF
Als Tanner die Tür öffnete, präsentierte Thorne eine Flasche Wein. »Das Beste, was Oddbins im Bereich Bezahlbar-und-nicht-allzu-eklig anzubieten hat.«
Tanner musterte das Etikett. »Exzellent. Und für dich habe ich ein paar Dosen Billigbier kalt gestellt. Zeit, unseren Kummer zu ertränken.«
»Meinen Kummer, meinst du. Du hast wenig Grund zur Traurigkeit, du hast doch sowieso nichts erwartet.«
Die Resultate der forensischen Untersuchungen, auf die Thorne gewartet hatte, waren am Tag zuvor kurz vor Feierabend eingetroffen. Die Fingerabdrücke des Mannes, der Philippa Goodwin betrogen hatte, waren nicht registriert, und seine DNA fand sich nicht in der landesweiten Datenbank.
»Okay«, sagte Tanner. »Dann reden wir nicht lange über Gründe und betrinken uns einfach.«
Sie machte einen Schritt zur Seite und ließ Thorne vorbei. Er bemühte sich, beim Eintreten geradeaus zu schauen, den Blick nicht auf den Fußboden zu richten und sich nichts anmerken zu lassen. Der Teppich in Tanners Hausflur war schon nicht mehr ganz neu, und doch musste Thorne unwillkürlich an den Zustand denken, in dem sein Vorgänger gewesen war.
An die Blutspuren und die weißen Flecken, die das Bleichmittel hinterlassen hatte.
An dieser Stelle war Tanners Partnerin Susan vor knapp anderthalb Jahren erstochen worden.
»Setz dich schon mal«, sagte Tanner. »Ich bring dir ein Bier.«
Thorne musste nicht fragen, ob Tanner aufgeräumt hatte, weil sie Besuch erwartet hatte. Die Frau ließ einfach nicht zu, dass es jemals etwas aufzuräumen gab. Die Fernsehzeitschrift, die offen auf dem Couchtisch lag, und die Hausschuhe, die Seite an Seite neben der Couch standen, wirkten angesichts der ansonsten mustergültigen Ordnung geradezu chaotisch.
»Auf deine alten Tage wirst du ein bisschen schlampig«, sagte er, als sie mit seinem Bier hereinkam.
»Halt die Klappe«, sagte sie, und dann: »Wieso?«
Thorne deutete auf die Zeitschrift, die Tanner daraufhin schnell zuschlug und unter dem Tisch verschwinden ließ. Dann griff sie nach den Hausschuhen. »Das Essen ist in fünf Minuten fertig«, sagte sie. »Im Prinzip muss ich es nur aufwärmen.«
»Nudeln von Marks & Spencer?«
Tanner hob drohend einen Finger, wandte sich ab und rief auf dem Weg in die Küche: »Ich hab doch gesagt, ich lerne dazu.«
Ein Running Gag mit düsterer Vorgeschichte.
Während Tanner in ihrer Beziehung immer den organisierten Part gespielt hatte – sie hatte die Rechnungen bezahlt und sich um die Steuererklärungen gekümmert –, war Susan eindeutig die bessere Köchin gewesen. Unglücklicherweise hatte sie sich zu den Mahlzeiten, das Frühstück eingeschlossen, reichlich Wein gegönnt. Die aus ihrer Sucht erwachsenen Spannungen waren – traurigerweise – bis zu ihrem Tod nicht ausgeräumt worden.
Ein plötzliches Klappern in der Küche ließ Thorne zusammenzucken. Er nahm Platz und trank die Hälfte seines Bieres in einem Zug. Er wusste, dass er nicht der Einzige war, der sich mit Schuldgefühlen herumschlug. Als er sich umschaute, bekam er den Eindruck, dass das Haus beinahe wieder so aussah wie vor der Brandstiftung, die Tanner beinahe das Leben gekostet hatte. Unglaublich ordentlich und trotzdem gemütlich. In den Regalen zu beiden Seiten des Kamins standen jetzt deutlich mehr Bücher, und es freute ihn, dass Tanner wieder zu ihrer Sortierung nach Farben zurückgekehrt war.
Als Mrs Slocombe, Tanners Katze, ins Zimmer tapste und ihn pflichtbewusst ignorierte, lehnte Thorne sich zufrieden zurück und nahm noch einen Schluck. Er merkte, wie er sich entspannte.
»Bitte schön.«
Tanner trat ein und stellte ein Tablett auf den Couchtisch. Eine Schale mit etwas, das tatsächlich appetitlich aussah, dazu Papierservietten, Salz und Pfeffer. Sie eilte zurück in die Küche, um auch ihr Tablett zu holen, auf dem zusätzlich eine Küchenrolle lag, für alle Fälle.
»Carbonara«, sagte sie. »Hau rein.«
»Toll …«
Thorne legte sich das Tablett auf den Schoß. Kaum hatte er die erste Gabel im Mund, als Tanner schon fragte: »Also, was läuft zwischen dir und Helen?«
Er schluckte die Nudeln schnell herunter. »Das dachte ich mir.«
Tanner mimte die Unschuldige.
»Verdammt, du hast mir noch nicht mal meine Rechte vorgelesen.«
»Kein Grund, gleich einen Aufstand zu machen«, sagte sie.
Während des Essens erzählte Thorne, was es seit dem letzten Gespräch Neues zu erzählen gab, also nicht viel. Er und Helen waren nach wie vor dabei, zu ›schauen, wie es läuft‹. Und sie kamen ganz gut zurecht, er fühlte sich wohl in seiner alten Wohnung.
»Aber du vermisst Alfie, oder?«
Thorne warf ihr einen düsteren Blick zu.
»Na ja, ich meine, natürlich vermisst du ihn. Ich hab euch beide zusammen gesehen, vergiss das nicht.« Sie legte die Gabel weg. »Schau mal, ich weiß ja nicht, was deiner Meinung nach am Ende dabei herauskommen soll, und ich schätze mal, du weißt es selbst nicht … Aber das, was passiert, passiert. Und am Ende wird es wahrscheinlich das Beste für euch beide sein.«
»War’s das?«
Sie nickte und griff wieder nach ihrer Gabel.
»Ich sag dir was: Falls die Mitarbeiterzeitschrift der Metropolitan Police jemals auf die Idee kommt, dich die Kummerkastenseite betreuen zu lassen, geht das Ding in null Komma nichts pleite.«
Das Essen war so gut, dass Thorne die strahlende Tanner um einen Nachschlag bat. Als er fertig war und sie alles in die Küche gebracht, die letzten Reste in den Müll geworfen und die Spülmaschine angestellt hatten, kehrten sie ins Wohnzimmer zurück. Tanner öffnete den Schrank mit der Mini-Stereoanlage und legte eine CD auf. Ein Kerl mit Gitarre und Jammerstimme sang jämmerliche Songs übers Jammern, doch in Thornes Ohren klang es gar nicht mal so übel.
Was Beweis genug dafür war, dass er sich tatsächlich langsam entspannte.
»Bloße Geräuschkulisse, das hast du mal gesagt. Weißt du noch? Du hast gesagt, Musik sei nichts als Geräusche.«
Sie setzte sich und hörte eine Weile zu. Dann senkte Thorne seine Stimme und sagte: »Versuchen Sie gerade, mich zu verführen, Mrs Robinson?«
Tanner starrte ihn fragend an. »Mrs Wer?«
Lachend winkte Thorne ab. »Egal.«
»Und, was hast du jetzt in der Goodwin-Sache vor? Wie willst du diesen Jennings aufspüren?«
»Wie kommst du darauf, dass ich etwas vorhabe? Ich meine, die Sache ist erledigt, oder?«
»Ja, das sollte sie sein«, sagte Tanner. »Aber ich kenne dich schon eine Weile.«
»Hm, was würdest du denn tun?« Thorne setzte sich aufrecht hin. »Schon klar, dass du nichts tun würdest, aber … rein hypothetisch.«
»Warum sprichst du nicht mit den Kollegen vom Betrugsdezernat? Findest raus, was sie vorhaben, und siehst zu, dass du ihnen irgendwie zuvorkommen kannst.«
»Klar, ein Kinderspiel.«
»Oder du lässt sie einfach ihre Arbeit machen. Lehnst dich zurück und wartest, dass sie ihn schnappen. Wie auch immer, ich hab ihnen alles an Informationen geschickt, was wir haben.«
»Verdammt, muss bei dir eigentlich immer alles so übermäßig korrekt laufen?«
»Ich geb mir Mühe.« Tanners Stimme klang mit einem Mal ein wenig angespannt.
»Es wäre nett gewesen, wenn du mir Bescheid gegeben hättest, mehr will ich damit gar nicht sagen.«
»Russell hat mir praktisch keine Wahl gelassen. Außerdem ist es richtig so.«
»Ja, wenn Aufgeben richtig ist.«
»Hör dich mal reden, Tom.«
Tanners Gesichtsausdruck beendete die Diskussion. Thorne schloss für mehrere Sekunden die Augen und lehnte sich zurück. »Das lass ich lieber bleiben«, sagte er. »Manchmal gehe ich mir ziemlich auf die Nerven.«
Der jammernde Sänger musste etwas Instrumentalem weichen – leicht und latinomäßig –, und dem ersten Bier folgten weitere, die ihrem Austausch über den neuesten Klatsch aus dem Einsatzraum Schwung gaben: eine Kollegin, deren Freund gerade mit Tatortfotos auf dem Laptop erwischt worden war, ein Beamter der Spurensicherung, der dank zweifelhafter Garnelen am Vorabend einen Tatort »ruiniert« hatte, ein männlicher Detective, der neuerdings als weiblicher Detective angesprochen werden wollte. Als Thorne verkündete, es sei Zeit zum Aufbruch, deutete Tanner auf die leeren Bierdosen auf dem Couchtisch.
»Nur wenn du mit der U-Bahn gekommen bist.«
»Komm schon, Nic …«
»Willst du rausgewinkt werden und deinen Job verlieren?«
»Wieso, verpfeifst du mich?«
Tanner atmete langsam und kontrolliert aus. »Das Gästebett ist gemacht.«
»Vorausschauend«, stellte Thorne fest.
»Es ist immer gemacht.«
Thorne seufzte und erhob sich langsam. »Ich hoffe, es gibt ein anständiges Frühstück.«
»Ich kann dir einen Toast machen.«
Er trottete in den Flur und stieg die Treppe hinauf. Plötzlich fühlte er sich hundemüde. Auf dem Absatz drehte er sich um und sah Tanner, die unten bereits die Haustür abschloss.
»Was hättest du gemacht, wenn ich in mein Auto gestiegen wäre? Hättest du irgendwas gemacht?«
Sie schaute zu ihm hoch. »Ich hätte … überlegen müssen.«
Thorne lehnte sich gegen das Geländer. Und dachte: Vor sieben Monaten hast du nicht lange überlegt. In der leer stehenden Wohnung, den Schürhaken in der Hand …
»Hast du noch mal drüber nachgedacht? Das Haus zu verkaufen?«
»Ja«, sagte Tanner. »Aber ich denke, ich bleibe erst mal hier.«
Thorne nickte. »Was immer dich glücklich macht.« Dank einer Lebensversicherung hatte Tanner nach Susans Tod die Hypothek ablösen können, sodass ihr das zweistöckige Haus in Hammersmith nun komplett gehörte. Allerdings war es zu groß für sie. Fühlte sich zu groß an. Vor sieben Monaten hatte sie umziehen wollen und sich nach einer passenden Wohnung umgeschaut.
Bis sie die falsche betreten hatte.
Bis das Leben – der Tod – dazwischengekommen war.
Thorne sagte Gute Nacht und öffnete die Tür zum Gästezimmer. Vor dem Bett lag ein Handtuch, von dem ihn nun die Katze anstarrte, reglos und offenbar nicht bereit, ihren Platz zu räumen.
»Mach bloß keinen Ärger«, sagte Thorne.
DREIZEHN
Margate
»Wie bitte …?«
Sie hat den Eindruck, dass die ohnehin schon näselnde Stimme des Jungen inzwischen eine Oktave höher klingt.
»Ich hab gefragt, ob du Lust auf einen Spaziergang hast?«
Michelle tritt einen Schritt zurück, um einer kleinen Gruppe, die gerade aus der Bar kommt, Platz zu machen. Dann tritt sie wieder auf den Jungen zu. Er wird nicht Nein sagen, da ist sie ganz sicher, trotzdem nervt es, dass er sie warten lässt.
»Verdammt«, sagt er.
»Was?«
»Ich meine –«
»Ist doch keine große Sache.«
»Nein.« Er will den Rest seiner Zigarette in den Rinnstein schnippen, verfehlt sein Ziel aber. »Natürlich nicht.«
»Und auch kein Weltuntergang, wenn du keine Lust hast.«
Sie kann schon sehen, dass es für ihn durchaus eine große Sache ist. Sie fragt sich, wie vielen Männern – egal welchen Alters – sie ein Angebot machen müsste, bevor einer ablehnen würde. Einer ganzen Menge, da ist sie sicher, und nicht zum ersten Mal fragt sie sich, warum Männer so … armselig sind.
»Ich sollte meinen Kumpels Bescheid sagen.«
»Ernsthaft?«
»Na ja, muss auch nicht sein.« Nochmals nimmt der Junge einen schnellen Schluck von seinem Alkopop. »Ist wahrscheinlich nicht so wichtig.«
Vielleicht ist armselig ein etwas zu drastischer Begriff, denkt sie. In Wahrheit glaubt sie nicht, dass Frauen notwendigerweise wählerischer sind als Männer, sondern dass sie nur gern so tun, als ob. Es ist einfach so, dass eine Frau, die dringend Sex haben will, praktisch nur jemanden fragen muss. Okay, vielleicht wägt sie die zur Verfügung stehenden Optionen etwas gründlicher ab als ein Mann in einer vergleichbaren Situation, aber letztlich muss sie bloß zugreifen. Männer wirken dagegen … wahlloser, weil sie sich stärker bemühen müssen und an Zurückweisungen gewöhnt sind. Also lehnen sie ein Angebot, das ihnen irgendwie in den Schoß fällt, selten ab.
Der Lauf der Dinge, oder?
So wie ein Hund alles frisst, was man ihm vorsetzt, weil es die letzte Mahlzeit sein könnte, die er bekommt.
»Was glauben Sie, wie lange wir unterwegs sind?«
Natürlich ist ihr klar, dass sie immer noch abhauen kann. Sich eine andere Bar suchen und einfach ein, zwei Gläser trinken. Ihr Plan ist gut, das weiß sie, er funktioniert, vielleicht reicht es also schon, bis hierhin gekommen zu sein.
»Also …«, sagt sie.
Sie weiß, dass es manchen Leuten reicht, so nahe ranzukommen und zu wissen, dass sie es hätten tun können, wenn sie gewollt hätten.
Ihr hingegen reicht es nicht. Nicht jetzt.
Michelle sagt: »Schauen wir einfach, wie es läuft, okay?«
VIERZEHN
Sarah zieht die kleine Metallkiste hervor, die hinter Farbeimern und verstaubten Flaschen mit Abfluss- und Fensterreiniger verborgen ist. Sie nimmt einen der fertig gerollten Joints heraus, lässt sich auf einen schäbigen Deckchair fallen und zündet sich die Tüte an. Der Heizlüfter ist noch nicht richtig in Gang gekommen, sodass sie in der Garage ziemlich friert, aber zum Rauchen muss sie hierherkommen.
Sie will den Geruch nicht im Haus haben.
Sie will nicht, dass die Frau, die den Hund ausführt, oder der Fensterputzer oder sonst irgendjemand etwas riecht und das Jugendamt anruft. Natürlich hätten sie damit recht, und sie würde wahrscheinlich dasselbe tun. Ein nach Gras stinkendes Haus ist definitiv nicht der richtige Ort für eine alleinstehende Mutter und ihren Sechsjährigen. Aber ein offizieller Besuch würde ohnehin nicht gut für sie ausgehen.
Das Zeug ist anständig. Sie hat es von einem der älteren Jungs im Park an der Schule gekauft, ehe sie Jamie abgeholt hat. Nach dem zweiten Zug spürt sie den Kick. Spürt, wie die Leichtigkeit durch ihren Körper strömt.
Sie legt den Kopf zurück und denkt an ihn. An ihre Worte im Restaurant und an seine Reaktion. An das, was sie in seinen Augen gesehen und was er ausgestrahlt hat. Sie denkt an die Seite von ihm, die er ihr so gerne zeigen wollte, und an alles andere, das er nicht verbergen konnte. An jede verdammte Sache, die sie gewollt hat, als sie vor gerade mal einer Stunde in seinem großen, glänzenden Auto saß.
Sie greift nach ihrem Handy und schickt ihm eine SMS: Hast du dich schon entspannt? Dann starrt sie auf das Display und wartet auf seine Antwort.
Sie versucht sich an das letzte Mal zu erinnern, als sie etwas annähernd Vergleichbares für jemanden gefühlt hat. Begehren, ja, denn gewisse Bedürfnisse müssen ab und zu erfüllt werden. Und trotzdem erscheint die Verbindung, die sie gespürt hat, ihr irgendwie neu und besonders. Sie fragt sich, ob es an ihm oder am Gras liegt, dass sie sich so benommen und scheiß-drauf-sorglos fühlt. Sie ist bereit loszulassen und lacht laut auf.
Aber natürlich macht er ihr auch Angst.
Nicht er, also das, was er ist und was er will, sondern die Macht, mit der er offensichtlich in der Lage ist, sie zu verwandeln, ob bewusst oder nicht. Mit der er eine neue Art von Begehren in ihr weckt, das sie so irrsinnig schnell überwältigt hat und sich stärker anfühlt als jedes rein körperliche Begehren. Ja, noch viel stärker als etwas Körperliches, selbst wenn sie sich ihn im Bett vorstellt.
Conrad, oder wie auch immer er in Wahrheit heißt.
Denn was ihr wirklich Angst macht, was ihr beim Gedanken an ihn derart den Atem raubt, ist, dass sie den übermächtigen Drang verspürt, ihm die Wahrheit zu sagen.
Ganz sicher liegt weder ein Stück Schokolade auf seinem Kissen noch liegt im Badezimmer irgendetwas, das man mit nach Hause nehmen möchte. Ein in Plastik verpacktes Stückchen Seife und ein paar Miniflaschen Shampoo aus dem Supermarkt. Wenn man bedenkt, wie billig das Zimmer ist, grenzt es fast an ein Wunder, dass es eine Fernbedienung für den kleinen Fernseher gibt und die Laken sauber sind.
Angesichts seines kürzlichen Hauptgewinns hätte er es sich natürlich leisten können, etwas tiefer in die Tasche zu greifen, doch er ist schon immer sparsam gewesen und hat nie einen Sinn darin gesehen, das Geld zum Fenster rauszuwerfen.
Vielleicht beim nächsten Mal, denkt er. Nach dem nächsten Zahltag.
Er sitzt vor dem Halbkreis der an die Wand montierten Holzfaserplatte, die hier als Schreibtisch herhalten muss, und klappt seinen Laptop auf. Für einen brauchbaren Plan ist es natürlich ein bisschen zu früh – er muss sein Ziel erst besser kennenlernen –, doch ein bisschen Vorbereitung kann nie schaden. Manchmal bietet sich die perfekte Gelegenheit zum Abkassieren früher als erwartet, denn im Idealfall sind natürlich sie es, die das Tempo diktieren. Die Letzte war schon fast zu schnell gewesen und hätte ihn beinahe unvorbereitet erwischt. Von dem Augenblick an, als er über die Idee mit den Vorlesungen gesprochen hatte, hat sie praktisch darum gebettelt, ihn mit Geld zuschütten zu dürfen.
Ein echtes Kinderspiel.
Sein Handy meldet sich. Er nimmt es in die Hand und liest ihre SMS. Sieht so aus, als würde es auch bei ihr nicht lange dauern. Er macht sich Notizen. Ein paar mögliche Interessengebiete, mit denen er sie ein bisschen kitzeln kann. Sie hat eine künstlerische Ader, also liegt es nahe, in diese Richtung zu denken. Vielleicht ein Verlag oder etwas in der Art, ein Projekt, das sich auf unentdeckte Talente spezialisiert. Das könnte es sein, nur, dass er praktisch nichts über diese Dinge weiß. Also wird er um ein paar Hausaufgaben nicht herumkommen.
Noch einmal schaut er auf ihre SMS. Sie erweckt in ihm das Bedürfnis, sich gleich wieder auf das schmale harte Bett zu legen und sich noch einmal gründlich zu entspannen.
Wahrscheinlich sollte er online gehen und sich ein bisschen Basiswissen über das eine oder andere Buch aneignen, so tun, als wäre er ein begeisterter Leser. Und zwar richtiger Romane, nicht bloß billiger Thriller oder so etwas. Er muss leidenschaftlich rüberkommen, das bringt sie immer auf Trab und öffnet ihre Portemonnaies.
Schnell schickt er eine Antwort: Ja, und rat mal, an wen ich gedacht hab?
An wen ich immer noch denke, um genauer zu sein. An ihre Figur und ihren Geruch, an ihr leicht dreckiges Lachen und die Art, wie sie im Auto den Mund für ihn geöffnet hat.
Er reißt die Seite mit hingekritzelten Notizen heraus und knüllt sie zusammen. Ihm ist schon klar, dass er nichts Weltbewegendes notiert hat, und trotzdem ist er schockiert, weil er sich eingestehen muss, dass er nicht mit dem Herzen dabei war. Er kriegt es nicht hin. Weil er sie einfach nicht auf diese Weise betrachtet – nicht mehr, seit sie im Kino neben ihm gesessen hat.
Er macht sich etwas vor, eigentlich hat er schon bei ihrem ersten Blick im Café gespürt, dass irgendetwas Ungewöhnliches vor sich ging. Ein Instinkt, den er ignoriert, und eine Stimme, die er überhört hat: dass er sich möglichst schnell aus dem Staub machen sollte.
Mein Gott, denkt er, es gibt für alles ein erstes Mal. Wie soll das weitergehen? Eigentlich kümmert es ihn nicht. Er hat das Handy immer noch in der Hand, sitzt da wie ein geiler Sechzehnjähriger und wartet, dass sie ihm noch eine Nachricht schickt.
Er denkt an nichts anderes als Sarah, was sie denkt, fühlt, was sie will. Nicht an ihr Bankkonto und die Summe, die er sich abzweigen kann. Zum ersten Mal, seit er alt genug ist, jemanden abzuschleppen, denkt er nicht ans Geld.
FÜNFZEHN
Als Thorne das Krematorium leise durch die Hintertür betrat, hatte die Zeremonie schon begonnen. Vorsichtig schloss er die Tür und nahm Platz. Vom leeren Stuhl neben ihm nahm er ein Faltblatt mit den Texten und Liedern des Gottesdienstes und starrte das Foto der jungen Frau auf der ersten Seite an, wie es schien, war es während ihrer Studentenzeit aufgenommen worden. Das passende Klischee drängte sich auf und ließ sich nicht beiseiteschieben: Das ganze Leben lag noch vor ihr.
Thorne blätterte um und überflog den Inhalt.
Es handelte sich um eine humanistische Zeremonie, Thorne sah, was er verpasst hatte: Nachdem der einfache Holzsarg zu den Klängen von REMs »Everybody Hurts« hereingetragen worden war, hatte die Leiterin der Zeremonie ein paar einleitende Worte gesprochen. Dann hatten Freunde der Verstorbenen ihr zu Ehren »Amazing Grace« zum Besten gegebenen.
Thornes Gedanken blieben beim REM-Song hängen. War er nicht für jemanden geschrieben worden, der über Selbstmord nachdachte? Vielleicht hatte Philippa Goodwin das Lied einfach gemocht. Vielleicht war es ausgesucht worden, ohne dass jemand bewusst auf den Text geachtet hatte. Oder Philippas engste Freunde hatten genau gewusst, wovon der Song handelte, und es nicht für nötig befunden, die Wahrheit zu beschönigen.
So oder so, er mochte das Lied, sie hätten, weiß Gott, Schlimmeres auswählen können.
»Going Underground« von The Jam zum Beispiel.
Während die Leiterin der Zeremonie – eine permanent lächelnde Frau mittleren Alters – ihre Ansprache hielt, blickte Thorne sich um. Von ein paar leeren Reihen ganz hinten abgesehen war es voll, er schätzte hundert Trauergäste. Aber das war nach Thornes Erfahrung oft so, wenn Menschen zu früh oder unerwartet starben. Mit dem Alter schrumpfte der Bekanntenkreis, nur die langjährigen Freunde und Verwandten blieben übrig. Thorne reckte den Hals, in der ersten Reihe sah er Mary und Ella Fulton, daneben einen Mann, bei dem es sich vermutlich um Marys Ehemann handelte, und ein älteres Paar, Onkel und Tante vielleicht.
Während der Trauerrede waren immer wieder Schluchzer zu hören.
Nachdem die Frau ihre Gedanken zu Leben und Tod beendet hatte – ohne den freiwilligen Abschied vom Leben auch nur ein einziges Mal zu erwähnen –, trat Mary vor, um an ihre Schwester zu erinnern. Nervös an ihrer silbernen Halskette fingernd beschrieb sie eine Frau, die stets großzügig und lebendig gewesen war, die immer versucht hatte, in den Menschen das Beste zu sehen. An dieser Stelle hielt sie einen Moment inne, und Thorne konnte sich gut vorstellen, was ihr durch den Kopf ging. Wer ihr durch den Kopf ging. Anschließend las Ella ein Gedicht vor, das sie nur unter Mühen zu Ende brachte.
Viel besser, du vergisst und lächelst,
als dass du erinnerst und traurig bist …
Nach einer Minute des stillen Gedenkens wurde der Sarg dem Feuer übergeben, woraufhin sich der Raum langsam leerte. Das Schluchzen und Stühlerücken wurde weitgehend von einem klassischen Stück von Elgar übertönt, das Thorne überraschenderweise erkannte. Vermutlich hatte er es einmal in einem Werbespot gehört.
Draußen mischte er sich unter die Trauernden, die sich um die vor der Tür aufgereihten Blumenkränze drängten, um die Abschiedsgrüße zu lesen. In einem Krimi, dachte Thorne, wäre das hier wohl der Punkt, an dem einer der Grüße die Aufmerksamkeit des Ermittlers auf sich ziehen würde. Weil er eine kryptische Botschaft enthalten würde, von einem oder mehreren Unbekannten hinterlassen, die möglicherweise einen Hinweis auf die Umstände des Todesfalls geben konnte.
Natürlich entdeckte er hier nichts Derartiges.
Zu früh von uns gegangen.
Pip, wir vermissen dich.
Schlaf gut, meine Liebe.
Thorne wandte sich um und sah, dass Ella auf ihn zukam. Ohne wirklich zu wissen, warum, trat er ein Stück von den anderen weg, damit sie niemand hören konnte.
»Es ist wirklich nett, dass Sie gekommen sind.«
»Kein Problem.«
»Ist das … Ich meine, ist es üblich?«
Thorne hätte ihr keinen guten Grund für seine Anwesenheit nennen können. Als er sich entschlossen hatte, seinen Anzug auszugraben, war ihm der Gedanke durch den Kopf gegangen, dass Patrick Jennings höchstpersönlich vielleicht hier auftauchen würde. Auch mit dieser Art Soziopath – und einen solchen durfte man Jennings wahrscheinlich nennen – hatte er es schon zu tun gehabt. Natürlich war ihm praktisch auf der Stelle klar geworden, wie lächerlich der Gedanke war. Einer wie Jennings machte sich so schnell wie möglich aus dem Staub und hatte wahrscheinlich bereits sein nächstes Opfer im Blick.
Abgesehen davon hätte er sich schon verkleiden müssen, um nicht von Ella oder ihrer Mutter erkannt zu werden.
»Ich wollte einfach kommen.«
»Das ist wirklich schön.«
Sie wandten sich den Trauergästen zu, von denen die ersten sich schon auf den Weg zum Parkplatz gemacht hatten. Andere standen an, um der Humanist Society eine Spende zukommen zu lassen oder sich bei der Leiterin der Zeremonie zu bedanken. Mary und ihr Mann umarmten sich am Eingang.
»Darf ich Sie nach dem Song fragen?«
Verwirrt schaute sie ihn an.
»Der von REM …«
»Ich hab ihn ausgesucht«, sagte Ella.
»Ah ja. Ich hab mich bloß gefragt.«
»Pip hätte ihren Spaß gehabt, da bin ich sicher. Sie hasste sentimentalen Scheiß.« Kurz blickte sie zu Boden und schob die Spitze ihres schwarzen Schuhs in den Kies. »Was es noch lächerlicher macht, dass sie darauf reingefallen ist. Auf ihn reingefallen ist. Verstehen Sie, was ich meine?«
»Er muss ziemlich überzeugend gewesen sein«, sagte Thorne.
»Ja, das muss er wohl.«
»Ich schätze, wir können ziemlich sicher davon ausgehen, dass er so was nicht zum ersten Mal gemacht hat.«
Sie nickte und senkte die Stimme. »Haben Sie irgendwas herausgefunden?«
Thorne bemerkte, dass Mary sich ihnen genähert hatte und offenbar mit ihrer Tochter sprechen wollte. Sie nickte und lächelte Thorne an. Er hob grüßend die Hand.
»Ich bin mir nicht sicher, ob hier der richtige Ort ist …«
»Können wir dann vielleicht telefonieren? Ich wüsste gern, was der Stand der Dinge ist.«
»Natürlich.«
»Vielleicht können Sie auch einfach vorbeikommen, falls Sie nicht zu viel zu tun haben. Zum Tee oder wann immer es Ihnen passt. Haben Sie meine Adresse?« Sie öffnete ihre Handtasche und begann darin herumzuwühlen.
»Ich werde es finden«, sagte Thorne.
»Klar.« Ella blickte auf und trat lächelnd zurück. »So was gehört zu Ihrem Job, nicht wahr?«
Thorne drehte sich um und ging, wobei er dem Fahrer eines Leichenwagens zunickte, der gerade vorfuhr, um den nächsten Kunden abzuliefern.
SECHZEHN
An diesem Tag freut Sarah sich noch mehr als sonst, mit den anderen im Café sitzen zu können, mit Savita, Heather, Caroline und dem langweiligen David. Savita hatte sie herübergewinkt, kaum dass sie durch die Tür getreten war, und Caroline hatte ihren Stuhl zur Seite gerückt, um ihr Platz zu machen. Was für eine Begrüßung! Vom schönen Alex ist heute Morgen nichts zu sehen, was nicht schlimm ist, da sie nicht mehr an ihn denkt. Auch ihren Laptop braucht sie heute nicht, sie ist sowieso viel zu sehr mit ihrem Handy beschäftigt.
Von dem Moment an, als sie wach wurde, haben sie und Conrad sich SMS geschickt.
Kaum stehen die Getränke und Kuchenstücke auf dem Tisch, verwickeln Savita und die anderen sie in ein Gespräch. Verschwörerisch beugen sie sich zu Sarah und wollen wissen, was läuft. Das große Geheimnis erfahren, von dem sie ihnen so offensichtlich erzählen will. Den Grund für das Lächeln, das nicht aus ihrem Gesicht verschwinden will. Wer der geheimnisvolle Mann ist, mit dem sie letzte Woche hier gesprochen hat.
Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen ist eine seltene und aufregende Erfahrung, die sie gründlich auskosten will. Und natürlich kann sie den anderen ihre Neugier kaum zum Vorwurf machen. Sie spüren, was mit ihr los ist, das Ausmaß ihrer Gefühle. Also ist es nur verständlich, dass sie das eine oder andere Häppchen erfahren wollen.
Die nächste SMS.
Okay. Film abgehakt, Dinner abgehakt. Was kommt jetzt?
Sarah hält sich das Handy dicht vors Gesicht, damit die anderen das Display nicht sehen können. Trotzdem spürt sie ihre Blicke, während sie tippt.
Was schlägst du denn vor?
»Da sieht jemand glücklich aus«, sagt Savita.
Sie nickt und lächelt. »Dieser Kuchen ist absolut fantastisch.«
»Ja, klar.« Savita schaut Heather an und verdreht die Augen. »Der Kuchen.«
Ein Klingelton kündigt die nächste SMS an. Sie hätte das Handy stumm schalten können, doch sie will, dass alle es hören. Jedes einzelne Mal.
Theater?
»Ich hab gute Laune, na und?«, sagt sie und tippt ihre Antwort.
Würg!
»Es ist ein Kerl«, stellt Caroline das Offensichtliche fest. »Es muss ein Kerl sein. Ihr hättet mal sehen sollen, wie verträumt sie gestern an der Schule rumstand.«
»Ich war nicht verträumt.« Sie lacht. »Wahrscheinlich hab ich mich gelangweilt, weil ich mal wieder auf meinen trödeligen Sohn warten musste.«
»Warum muss es ein Mann sein?«, fragt Heather. »Es könnte auch mit der Arbeit zu tun haben.«
Sie warten, aber so leicht will sie es ihnen nicht machen.
»Geht es um die Arbeit?«, hakt Heather nach.
Sarah antwortet nicht.
Vielleicht eine Galerie.
»Ich hab’s doch gesagt«, ergreift Caroline wieder das Wort. »Klar ist es ein Mann. Schaut sie euch an.«
Doppeltes Würg!!!
»Also … wie geht’s denn Jamie?« Der verdammte David, der sich am wenigsten von allen für Klatsch begeistert. Der ständig von PISA-Studien, Seelsorge oder anderem langweiligen Kram schwafelt.
»Ganz gut«, sagt sie.
»Toll.«
»Klar bringt er mich um den Verstand, und er ist nie da, wo er sein sollte.« David scheint Lust zu haben, die sinnlose Unterhaltung fortzuführen, doch zum Glück wird sie von einer neuen SMS gerettet, die sie die nächste halbe Minute an ihr Handy fesselt.
Dann gib mir einen Tipp.
Ich bin sicher, dir fällt was ein.
Mir fällt eine MENGE ein …
Sie zögert. Vielleicht sollte sie bloß mit einem Smiley antworten, das ihren eigenen Gesichtsausdruck widerspiegelt. Aber sie ist kein Kind mehr.
»Ist es der Typ, der neulich hier war?«, fragt Caroline. »Am Mittwoch, oder?«
»Ich weiß nicht, von wem du redest«, sagt David.
»Doch, du musst dich erinnern … Er trug eine Mütze. Sie haben sich unterhalten. Ich glaube, ich hab ihn hier vorher schon ein-, zweimal gesehen.«
»Wirklich?« Heather schüttelt den Kopf. »Ich nicht.«
Caroline wirft Heather einen Blick zu. »Irgendwie hatte ich gedacht, er wäre ein Freund von dir.«
Sarah schaut von ihrem Handy auf.
Heather wirkt verblüfft: »Keine Ahnung, wie du daraufkommst. Ich hab den Kerl bis letzte Woche noch nie zu Gesicht bekommen.«
»Mein Fehler«, sagt Caroline.
»So oder so, er sah nett aus«, stellt Savita fest. »Und fit.«
Caroline nimmt einen Schluck Kaffee. »Ja, das muss man ihm lassen. Wenn ich auf der Suche wäre …«
Sarah hämmert etwas in ihr Handy. »Selbst wenn ihr noch so sehr auf der Suche wärt, er hatte nur Augen für mich.«
Das glaube ich gern.
»Schön für dich«, sagt Savita. »Ich meine, ich wusste gar nicht, dass du auf der Suche nach jemandem bist, aber Hauptsache, du bist glücklich.«
Sarah legt das Handy weg, nur für ein paar Sekunden, um sich ihrem Kuchen zu widmen. Glücklich? Sie fühlt sich wie wahnsinnig, gefesselt. Gefesselt von ihm. Sie weiß, dass sie auf der Schwelle zu etwas steht. Und auch wenn sie spürt, dass es gefährlich ist, dass sie ihm vielleicht nicht gewachsen ist, hat sie doch nie einen annähernd vergleichbaren Rausch erlebt.
Sie fühlt sich unbesiegbar.
Ich könnte zu dir kommen.
»Verdammt«, sagt Savita, als es schon wieder klingelt. »Ich hoffe, dein Akku ist geladen.«
Die nächste Nachricht kommt gleich hinterher: Und?
Heather kann sich kaum beherrschen. Sie beugt sich weit über den Tisch und zappelt, als würde sie sich vor Aufregung in die Hose machen. »Na komm schon.« Sie klatscht tatsächlich in die Hände. »Details, meine Liebe, Details!«
Sarah grinst und versucht zu entscheiden, wie viel sie preisgeben will. Nichts zu erzählen wäre unanständig, und davon abgesehen will sie selbst, dass alle Bescheid wissen. Sie zuckt die Achseln und sagt: »Es ist … noch alles ganz frisch.« Gleichzeitig tippt sie schon wieder.
Ich hab mich schon gefragt, wann du endlich zur Sache kommst!
»Yes!«, ruft Heather und ballt eine Faust, als hätte sie ein Tor geschossen oder so was, während Savita nur zufrieden nickt. Caroline hingegen hat sich halb abgewandt und unterhält sich mit David, um zu demonstrieren, dass sie bereits das Interesse verloren hat. Als wäre das alles nicht sonderlich wichtig, als wäre Sarah nicht wichtig.
Am liebsten würde Sarah ihr heißen Kaffee in den Schoß schütten.
Savita hebt ihre Tasse, als wäre sie ein Champagnerglas. »Ich muss schon sagen, Sarah, du bist ein tiefes Wasser.«
SIEBZEHN
Ella Fulton wohnte auf halber Strecke zwischen Archway und Highbury Corner, im obersten Geschoss eines graubraunen, dreigeschossigen Hauses in einer schmalen Seitenstraße der Holloway Road. Als er das Summen des Türöffners vernahm und geräuschvoll eine Metalltreppe hinaufstieg, kam Thorne der Gedanke, dass es sich einmal um ein Bürogebäude gehandelt haben könnte, möglicherweise im Besitz der Gemeinde. Ein Zweckbau, dem irgendwann das Etikett »exzentrisch« aufgedrückt worden war – und das entsprechende Preisschild.
Ella erwartete ihn am oberen Ende der Treppe, sie schien seine Gedanken zu erraten. »Hier war früher das örtliche Arbeitsamt, ein bisschen vom alten Charme spürt man noch.«
»Meine Güte«, sagte Thorne, als er sich in ihrer Wohnung umschaute, die sich offenbar über die komplette Etage erstreckte. Nach den Treppen atmete er ein bisschen schwerer, als ihm lieb war.
Überall waren Fotos. Postergroß und gerahmt lehnten sie an den nackten Ziegelwänden oder stapelten sich auf dem Schreibtisch, in Ablagekästen zu beiden Seiten eines großen Monitors. Thorne erkannte auf den ersten Blick, dass auf vielen Bildern Motive aus der näheren Umgebung zu sehen waren. Hinter einem Grimassen schneidenden jungen Mann mit Rastafrisur und Goldzähnen entdeckte er die denkmalgeschützte Fassade der U-Bahn-Station Holloway Road. Ein älteres Paar küsste sich am Kanal nahe dem Islington-Tunnel, und eine obdachlose Frau lag inmitten von Einkaufstaschen vor dem Argos-Supermarkt nahe dem Nags Head. Andere Aufnahmen kamen ohne menschliche Motive aus: verdorrte Bäume und rostiges Metall, der sich in schmutzigen Pfützen spiegelnde Himmel und regenbogenfarbene Ölflecken.
»Wohnung und Atelier in einem«, erklärte Ella.
Sie trug Jeans und eine gemütlich wirkende Strickjacke, die bis zu den Knien reichte. Crocs und Socken. Ihr Haar war ein wenig lockerer gebunden als bei der Beerdigung vor zwei Tagen. Thorne deutete mit dem Kopf auf eins der Fotos. Die wild verstreute Fotoausrüstung war eigentlich Hinweis genug, selbst für einen Polizisten an einem schlechten Tag, trotzdem fragte er: »Haben Sie die Bilder …?«
»Ja, aber leider reicht das nicht für die Miete.«
»Okay.«
»Ich mache auch Videos. Sie wissen schon … Kunst, Schwarz-Weiß-Zeug ohne Handlung, aber auch dafür gibt’s kein Geld.«
»Also …?«
»Also fotografiere ich Lebensmittel.«
»Im Ernst?«
»Im Ernst. Was immer Sie gegessen haben, ich hab’s fotografiert.«
»Für wen, Zeitschriften?«
»Manchmal, aber für die Brötchen reicht das nicht.«
»Brötchen fotografieren Sie auch?«
»Doch, ja, tatsächlich«, sagte Ella. »Aber meistens mache ich Fotos für Speisekarten.«
»Edel«, bemerkte Thorne.
Sie lachte. »Na ja, hängt davon ab, was Sie essen, oder? Ich habe für ein paar ziemlich elegante Restaurants gearbeitet, aber ich mache auch die Fotos, die in Kebab-Läden über der Theke hängen. Also …«
»Egal wo«, sagte Thorne. »Das Essen schmeckt nie so gut, wie es auf den Fotos aussieht.«
»Ja, und dafür gibt es einen guten Grund.«
Während er langsam umherging und Ellas Fotos betrachtete, weihte sie ihn in das eine oder andere Geheimnis der Food-Stylisten ein, in die Tricks ihres Gewerbes. Eiscreme wurde in den meisten Fällen durch Kartoffelpüree und Lebensmittelfarbe ersetzt. Kuchen wurden mit Lackfarbe bemalt, und Trauben wirkten dank Talkumpuder besonders verlockend.
»Und was ist mit dem Kebab?«, fragte Thorne. »Klar haben die Leute, wenn sie sich einen holen, meistens schon was getrunken, aber auf den Fotos sieht immer alles so lecker und … frisch aus.«
»Motoröl«, sagte sie.
Auf mehreren Tischen entdeckte Thorne Stapel von Fotobüchern, und auf einer Holzbank unter dem breiten, ungeputzten Fenster war eine Sammlung altmodischer Kameras ausgestellt.
»Ich weiß, ich bin ein kleiner Messie.« Sie nahm eine der alten Kameras von der Bank, wischte etwas von der Linse und legte sie vorsichtig wieder hin. »Ist alles ein bisschen chaotisch.«
»Wie bei Ihrer Tante«, stellte Thorne fest.
»Auf jeden Fall.« Ella lächelte. »Sie meinte immer, es sei ein Zeichen von Kreativität.«
»Allerdings war ihre Küche makellos.«
»Darüber muss ich mir zum Glück keine Gedanken machen, ich habe keine.«
»Hier gibt es keine Küche?«
»Da oben sind Bett und Dusche …« Sie deutete auf die Wendeltreppe in einer Ecke, die zu einem Zwischengeschoss führte. »Und der restliche Platz ist für die Arbeit reserviert. Hätten Sie gern einen Tee? Oder etwas anderes?«
»Ich dachte, Sie hätten gesagt –«
»Ich habe … eine Grundausstattung.«
Sie ging hinüber zum Schreibtisch, und erst jetzt nahm Thorne den kleinen Kühlschrank direkt daneben wahr, den Wasserkocher aus Plastik und eine Box mit Teebeuteln. Ella schaltete den Kocher ein, nahm einen Milchkarton aus dem Kühlschrank und griff ins Bücherregal, um zwei Becher hervorzuholen.
»Ich esse häufig außer Haus«, sagte sie.
Als der Tee fertig war, ging sie mit den Bechern zu Thorne hinüber, der ein paar Fotos an der Wand neben der Eingangstür anstarrte, die er bisher übersehen hatte. Ein Meer von Regenschirmen auf der Waterloo Bridge. Ein von hinten aufgenommener Straßenkünstler und die ehrfürchtige Miene eines ihm zuschauenden Kleinkinds. »Die sind großartig«, sagte er und wandte sich ihr zu, um zu unterstreichen, dass er es ernst meinte.
»Danke.«
Kunst in jeglicher Form ging Thorne leicht auf die Nerven, da sie ihm schnell ein Gefühl der Überforderung vermittelte. Mit Fotos kam er allerdings besser zurecht als mit Gemälden. Sie erschienen ihm ehrlicher, berührten ihn – das war vermutlich das richtige Wort –, obwohl er wusste, dass Leute wie Phil Hendricks sich über ihn lustig machen würden, sobald er etwas Derartiges laut aussprach.
»Zwar kein Kebab, aber irgendwie …«
Er drehte sich um und betrachtete die Fotoserie an der Wand gegenüber. Eine Reihe stillgelegter, abgewrackter U-Bahn-Züge. Die Wände der ausrangierten Waggons verformt und mit Graffiti übersät. Innenaufnahmen zeigten zerfetzte und durchweichte Sitze voller Glasscherben von den eingeworfenen Scheiben. Die Szenerie erinnerte an einen Friedhof.
»Wahrscheinlich sollte ich die abhängen«, sagte Ella.
Sie setzten sich auf ein verschlissenes Ledersofa, über dessen Rückenlehne ein bunter Überwurf lag. Aus dem Treppenhaus drang Gelächter, und von draußen hörten sie, wie die Sirene eines Krankenwagens erst anschwoll und dann langsam leiser wurde.
Thorne sagte: »Ich wünschte, ich könnte Ihnen sagen, dass wir irgendetwas erreicht haben oder dass ich eine Idee hätte, was wir als Nächstes tun können.«
»Patrick Jennings …«
»Wir konnten seine Fingerabdrücke nehmen und sein DNA-Profil erstellen, aber er ist bisher nirgendwo gespeichert.«
»Okay.«
»Ich meine, es besteht immer die Chance, dass er in Zukunft eine Dummheit begeht. Sobald er wegen irgendetwas festgenommen wird, haben wir ihn.«
»Besonders dumm ist er mir allerdings nicht vorgekommen«, sagte Ella.
»Nein.«
»Dann war’s das also?«
»Na ja, natürlich wird sich das Betrugsdezernat um ihn kümmern. Wir haben sämtliche Informationen weitergegeben.«
»Ihre Kollegen sind hoffentlich gut?«
»Keine Abteilung ist besser ausgestattet.« Thorne wandte kurz den Blick ab. Wiederholte er gerade nicht genau das, was Brigstocke ihm gesagt hatte, ehe er die Sache selbst in die Hand genommen hatte? Bevor er sich entschieden hatte, dieselbe Sorgfalt walten zu lassen wie bei der Suche nach einem Mörder? »Irgendein Detail, das wir dem Betrugsdezernat geschickt haben, könnte zu Informationen passen, die dort schon bekannt sind, man weiß nie. Ich bin sicher, dass Pip nicht die Erste war, der er etwas vorgespielt hat. Damit will ich nicht sagen, dass sie …«
»Ich weiß, dass sie nicht dumm war.«
»Wissen Sie noch, was Ihre Mum vor Kurzem gesagt hat? Männer wie Jennings haben es auf Leute abgesehen, die nicht zynisch sind.«
»Sie war einsam«, sagte Ella. »Zynismus konnte sie sich nicht leisten.«
Thorne trank den Rest seines Tees und beugte sich vor. Er fragte sich, wie zynisch Ella Fulton sein konnte. »Natürlich gebe ich Ihnen Bescheid, wenn ich etwas erfahre.«
Ella stand auf und nahm Thorne den leeren Becher ab.
»Danke noch mal, dass Sie zur Einäscherung gekommen sind. Es hat Mum eine Menge bedeutet.«
»Werden Sie es ihr erzählen?« Thorne stand auf. »Dass wir bei der Suche nach Jennings nicht weitergekommen sind?«
»Ich wüsste nicht, was das bringen sollte«, sagte Ella. »Was immer sie über Jennings gedacht hat: Mit der Vorstellung, dass Pip derart betrogen wurde, kommt sie wahrscheinlich immer noch nicht zurecht. Wie sie sich wohl gefühlt haben muss, als sie es herausgefunden hat. Dass Pip ihm derart verfallen war. So offensichtlich das alles ist, meine Mutter will es noch nicht wahrhaben. Ehrlich gesagt hat sie, seit wir mit Ihnen in Pips Wohnung waren, kein Wort mehr darüber verloren. Als käme sie besser mit der Vorstellung zurecht, dass Pip einfach … krank war.«
»Jeder verarbeitet solche Erlebnisse anders.« Thorne schaute sie abwartend an.
»Oh, ich für meinen Teil gehe einfach raus fotografieren«, sagte sie. »Und stelle mir vor, wie ich Jennings die Eier mit einer Heckenschere abschneide.«
Als Thorne ins Becke House zurückkehrte, saß Tanner an ihrem Schreibtisch. Er zog einen Stuhl heran, setzte sich ihr gegenüber und sagte mit leiser Stimme: »Ich weiß nicht, ob solche Themen zum Prüfungsstoff gehören, aber ich hab mich gefragt …«
Sie richtete den Blick auf ihn.
»Was sagt das Protokoll … Ich meine, gibt es Richtlinien, wenn es darum geht, sich in irgendeinem Maße … auf jemanden einzulassen, der zur Familie eines Suizid-Opfers gehört?«
Sofort hatte er Tanners ungeteilte Aufmerksamkeit. »Auf romantische Weise einzulassen, meinst du?«
»Zum Beispiel.«
»Und dabei ginge es um Philippa Goodwins Nichte?«
»Ich hab bei ihr vorbeigeschaut«, sagte Thorne. »Um sie über unsere Fortschritte zu informieren. Unseren Mangel an Fortschritten, besser gesagt.«
»Weil du ihr das nicht am Telefon erzählen konntest?«
Thorne schob seinen Stuhl ein Stückchen näher heran. »Hör mal, wahrscheinlich hab ich das alles missverstanden, aber was weiß ich denn? Jedenfalls schien sie ein bisschen … mit mir zu flirten.«
»Wie alt ist sie?«
»Ich weiß nicht, Mitte vierzig?« Jünger als er selbst, aber älter als Helen, immerhin. Der Altersunterscheid war eins der Themen gewesen, an denen Helens Schwester sich gestoßen hatte, falls sie sich denn wirklich an irgendetwas gestoßen hatte. Thorne war sich da nicht mehr sicher.
Tanner nickte, als dächte sie über die Frage nach.
»Es ist nichts passiert, falls du das denkst. Ich hab bloß nachgedacht, sonst nichts, und ich wollte deine Meinung hören.«
»Ernsthaft?« Tanners Miene verhieß nichts Gutes.
»Nur interessehalber.«
»Okay, nehmen wir mal an, wir haben Glück. Nehmen wir an, dass wir – oder ein anderes Team – Jennings tatsächlich schnappen.« Sie schaute ihm in die Augen. »Verstehst du, worauf ich hinauswill? Es kommt zum Prozess, wegen Betrug oder meinetwegen sogar wegen fahrlässiger Tötung, denn darauf legst du es doch an, oder? Dann wird diese Frau, die jetzt mit dir flirtet, als Zeugin vernommen. Kannst du mir folgen? Als ziemlich wichtige Zeugin wahrscheinlich. Ich will es nicht beschwören, aber ich schätze, es gibt eine Menge Richtlinien, die verbieten, dass ein Beamter sich mit einer Zeugin seines eigenen Falls einlässt.«
Tanner wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. »Ich wusste, dass ich jemand anders hätte fragen sollen«, sagte er.
»Komm schon, du hast die Antwort gewusst, bevor du mich gefragt hast.«
Thorne brummte etwas Unverständliches.
»Kein Grund, sich schlecht zu fühlen«, sagte Tanner, »wenn du wegen dieser seltsamen Situation zwischen Helen und dir deine Wirkung auf Frauen austestest.«
»Tue ich das?«
»Jedenfalls hab ich den Eindruck. Und den Test hast du bestanden.«
»Wenigstens etwas«, sagte Thorne nach kurzem Nachdenken. »Normalerweise sehe ich bei Tests ziemlich alt aus.«
ACHTZEHN
Zuerst nehmen sie einen schnellen Drink in einem nicht ganz so einladenden Pub am Ende ihrer Straße, aber es ist nicht so, als würden sie ihn brauchen. Eher geht es darum, vorher überhaupt etwas zu tun. Ein kleines Täuschungsmanöver, auf das sie sich wortlos verständigt haben, weil sie genau wissen, was nachher passieren wird.
Geduld wird immer belohnt, auch wenn die Zeit noch so kurz ist.
Sie reden beinahe kein Wort. Sarah gefällt es, dass er zu allem bereit scheint, dass er sich Mühe gibt, seine Nervosität zu verbergen. Ihr Herz fühlt sich an wie ein Geschöpf mit Flügeln, gefangen in einem Haus ohne Fenster, und sie ist dankbar für den Wein, auch wenn ihr Mund nach jedem Schluck sofort wieder austrocknet.
Es fühlt sich an, als wartete sie auf den Schritt über die Klippe.
»Ich bin fertig«, sagt er, als sein Glas leer ist.
»Das will ich nicht hoffen«, erwidert sie.
Schweigend und ohne sich zu berühren, gehen sie die Straße entlang, als wären sie bloß zwei Freunde beim abendlichen Spaziergang. Sarah malt sich aus, welche Befriedigung es ihr verschaffen würde, jetzt einer der Mütter von der Schule über den Weg zu laufen – in einer perfekten Welt wäre es Caroline –, doch sie begegnet niemandem, den sie kennt. Nicht mal einem Nachbarn. Im Vorbeigehen scannt sie hoffnungsvoll jedes Haus, ohne auch nur die Bewegung eines Vorhangs zu registrieren. Letztlich macht es ihr nichts aus, auch wenn es ein hübscher Bonus gewesen wäre.
Er folgt ihr ins Haus, beugt sich hinunter und macht viel Aufhebens um ihren Hund, der angeflitzt kommt, um sie zu begrüßen. Sie klatscht in die Hände, scheucht den Hund in die Küche, schließt schnell die Hintertür auf und lässt ihn hinaus in den Garten. Als sie zurückkommt, steht er immer noch im Flur und sieht sich um. »Schön hier.«
»Hart erarbeitet«, sagt sie und legt ihren Schal ab.
»Ich meine, du hast einen sehr guten Geschmack. Es gefällt mir wirklich.« Er nickt beifällig und geht weiter in die Küche, als gehörte die Wohnung ihm.
Natürlich hat sie sich die Mühe gemacht, ein bisschen aufzuräumen. Sie hat Jamies Spielzeug vom Boden aufgesammelt und in einer großen Plastikkiste verstaut. Jede Oberfläche glänzt, vor dem Verlassen des Hauses hat sie einen angenehmen Duft versprüht. Kerzen brennen. Auch im Bad und im Schlafzimmer.
Alles ist sauber und frisch und riecht gut.
Sarah hat sich erinnert, wie es in seinem Auto war. Wahrscheinlich will er es genauso haben.
Zum ersten Mal macht er den Eindruck, als sei er ein bisschen verlegen. Es gefällt ihr, dass er seine Nervosität nicht mehr überspielen kann. Sie will die Kontrolle haben, jedenfalls am Anfang. Später kann er das Tempo bestimmen, wenn ihm das lieber ist. Sie tritt auf ihn zu, streckt die Hand aus, um seine Jacke zu nehmen, die dünne aus Leder, die sie so mag. Er zieht sie aus und richtet seinen Hemdkragen. Er trägt die Manschettenknöpfe, die ihr bei der ersten Begegnung im Café aufgefallen waren.
Kaum zu glauben, dass es erst eine Woche her ist.
Sie lehnt sich gegen die Arbeitsfläche und sagt: »Wir könnten einen Kaffee trinken.«
»Könnten wir.«
»Wir könnten alles Mögliche tun.«
»Alles Mögliche klingt gut.«
Es ist schwer zu sagen, wer von ihnen den ersten Schritt macht, sich ein wenig vorbeugt oder unbemerkt näher kommt. Aber am Ende kommen sie mit aller Heftigkeit zusammen. Jetzt ist das Lächeln verschwunden, es wird ernst, das Fassen, das Greifen, das Stöhnen.
Zungen und Zähne.
Sie seufzt und zerrt an seinem Hemd, um es aus dem Bund seiner Jeans zu ziehen, während seine Hände bereits ein Stück tiefer zugange sind. Dann macht sie sich über seinen Gürtel her und er reißt die Hände hoch und zerrt an ihrer Bluse, als wolle er sie ihr über den Kopf ziehen …
»Stopp!«
Sarah tritt einen Schritt zurück und dreht sich um. Ihre Bluse aufknöpfend geht sie Richtung Schlafzimmer, darauf vertrauend, dass er ihr folgt.
Das erste Mal ist schnell und hektisch und gierig, aber beide bekommen, was sie wollen. In ihrem kleinen Nachttisch hat Sarah Kondome, doch keiner von beiden bringt das Thema auf, und das ist okay, denn auch wenn sie bereit ist, das Risiko einzugehen, kommt er nicht in ihr.
Sie lassen sich kaum Zeit zum Atemholen.
Dann gehen sie es langsamer an, nehmen sich Zeit zum Entdecken, mit Mündern und Fingern, bis sie sich beide verzweifelt danach sehnen. Sie wechseln die Positionen, mal auf seine, mal auf ihre Initiative hin, sie sagen sich gegenseitig, was sie wollen. Als er ihn dieses Mal herausziehen will, drängt sie sich ihm entgegen, behält ihn in sich, schüttelt den Kopf, als er sie anschaut, um zu sehen, ob sie sich sicher ist.
Und in diesem Moment ist sie das tatsächlich, denn etwas … hat sich verändert.
Schließlich müssen sie lachen und trennen sich langsam voneinander, richten das Durcheinander der Laken, bis sie still liegen und wieder zu Atem kommen.
»Wie gesagt, die guten Dinge sind das Warten wert.«
»Wunderbare Dinge«, sagt sie und streckt ihr Bein aus, bis es seins berührt.
»Oh Gott, ja …«
Schweigend liegen sie eine oder zwei Minuten da, bis sie sich ihm zuwendet. »Ich weiß, dass du nicht Conrad heißt.«
Er sieht sie an.
»Und ich bin mir ziemlich sicher, dass deine Investoren gar nicht existieren, jedenfalls nicht so, wie die meisten Leute sich das vorstellen würden. Dass es nichts gibt, in das zu investieren wäre.« Sie greift schnell nach seiner Hand und drückt sie. »Und das ist in Ordnung, es ist absolut in Ordnung. Nur, für mich musst du die Geschichte nicht weiterspinnen, das ist alles.«
»Du glaubst, du hast mich durchschaut?«
Plötzlich ist seine Stimme so ruhig, dass sie ihr Angst macht, doch diese Angst ist aufregend, sie riskiert ein Nicken.
»Du glaubst, du weißt Bescheid?«
»Ich kann es mir jedenfalls vorstellen«, erklärt Sarah. »Und es ist mir egal. Ich schwöre, im Moment kann ich mir nichts vorstellen, das mir egaler wäre.«
Er dreht sich weg und schließt einen Moment lang die Augen. »Warum sollte ich dich dann weiter Sarah nennen?«
»Was spricht dagegen?«
»Na ja, es erscheint mir ein bisschen sinnlos, wo wir doch gerade alles ans Licht holen. Und wenn wir wirklich ehrlich zueinander sein wollen.« Seine Stimme klingt anders, ein wenig rauer vielleicht, doch sie mag das. »Denn das wollen wir doch, oder?«
Sie rückt etwas näher an ihn heran. »Wie könnte es anders sein?«
»Also … Ich nenne dich Sarah, wenn es dich glücklich macht. Solange du dir nichts vormachst. Ich weiß genau, dass du nicht so heißt.«
»Es ist doch bloß ein Name«, sagt sie.
Er öffnet die Augen und wendet den Kopf wieder in ihre Richtung, sodass ihre Gesichter sich nun fast berühren. Sie spüren den Atem des anderen. Er sagt: »Und ich weiß auch, dass niemand das Spielzeug in der Küche benutzt.«
Darmowy fragment się skończył.