Czytaj książkę: «Echnaton im Feuersturm»

Czcionka:

Mario Monteiro

ECHNATON IM FEUERSTURM

Erzählungen

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2014

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

ISBN 9783957444875

Titelzeichnung © João Carlos Macedo

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Treibjagd auf Swobenka

Die Tigertatze

Rhapsodia Sudamericana

Kometen bringen Glück

Der Herr mit der goldenen Kette

Fracht nach Algier

Freiflug nach Antwerpen

Echnaton im Feuersturm

Fichte Natur mit Bittermandel

Wer den Gegner nicht kennt

Das Präparat aus der Hölle

Phantomina

Die Gitarristin von Montélimar

Der Alte auf Burg Falkenstein

TREIBJAGD AUF SWOBENKA

»Zum Teufel!« Bis ins Vorzimmer hörte man die Bärenstimme. Kaum war Roney Maxwell vom Mittagessen zurück, spannte die Hose schon wieder an allen Ecken und Enden. Wenn das so weiter geht, wird er bald wieder eine neue Uniform brauchen. Doch davon abgesehen, brachte ihn die Mitteilung des heutigen Vormittags völlig aus dem Konzept. Wutschnaubend landete seine Faust auf dem Schreibtisch, nachdem er den massiven Körper in den viel zu engen Sessel gezwängt hatte.

»Dass denen nichts anderes einfällt, als diesen Drecksprozess ausgerechnet in Sandstone durchführen zu wollen!« Die Stimme des Ortsgewaltigen dröhnte bis ans andere Ende seines Amtssitzes, und dies obwohl noch niemand wissen konnte, was innerhalb der nächsten 24 Stunden auf sie warten könnte.

Nur Sheriff Maxwell quälte sich mit dieser Geschichte schon seit Tagen, bis es ihn selbst in wirren Träumen plagte.

Und so wie es aussah, wird die Schießerei ganz unvermeidlich sein. Hier in Sandstone, in dem stets friedlichen Städtchen. Denn so viel war heute schon klar. Diese Kerle werden den Kronzeugen wie einen Hasen abknallen, bevor er ein einziges Wort zu Protokoll geben kann. Wenn diese Mafiosi den Burschen nicht vor dem Prozess liquidieren, dann wird sie Richter Johnson im Handumdrehen für mehr als zehn Jahre ins Gefängnis schicken.

Maxwell starrte verbissen auf die Uhr. Unaufhaltsam rückten die Zeiger vor. In knapp vierundzwanzig Stunden wird das halbe FBI mit dem Kronzeugen in Sandstone eintreffen.

Sheriff Maxwell zermarterte seine Neuronen. Den Doktor musste er rumkriegen! Daran tüftelte er jetzt schon den halben Tag herum. Schließlich hatte er sich durchgerungen. Wie von einer Wespe gestochen, riss er sein Handy aus der Jackentasche. »Verbinden Sie mich mit dem Hospital!«

*

Mit drei Stunden Verspätung brauste der Montana Express wie ein Orkan in den Süden. Maxwell stapfte auf dem Bahnhof hin und her. Technische Probleme an der Einfahrt in einen Tunnel habe es gegeben. Mehr konnte er vom Stations-Chef in Sandstone nicht erfahren. Und derlei Märchen kannte Maxwell schon lange. Mit hundert Möglichkeiten im Kopf, starrte er in die Dämmerung. Hinter der kleinen Kapelle zogen grauschwarze Wolken herüber. Minuten später prasselte strömender Regen auf die Dächer von Sandstone.

»All devil! Das fehlte ihm noch!« Mit den Nerven an der Reißleine raste er ins Büro und blieb dort am Stadtplan hängen. Wie wäre das Schlimmste noch zu verhindern?

Die Elfer-Gruppe vom FBI fragte sich das Gleiche, während der Montana-Express in den Süden schoss. Auch Eric Swobenka war sich klar über sein Schicksal. In dieser Nacht war er der gesuchteste Mann in den ganzen Staaten. Mit halb geschlossenen Lidern hockte er im Schneidersitz, mit einem dicken Filztuch umwickelt auf dem Boden des Gepäckwaggons.

»Immer mit der Ruhe«, beruhigte ihn Captain Fredric. »Wir werden das Kind schon schaukeln.«

Ein weiterer Becher Kaffee konnte nichts schaden. Hinter aufgestapelten Sandsäcken zählte Swobenka die Stöße der Räder unter den Schienen. Mit der Stoppuhr in der Hand zählte er Viertelstunde um Viertelstunde ab. Sandsäcke sind vollendeter Quatsch, redete er sich ein. Wie war das denn beim Prozess gegen die Manelli-Bande! Alles hatten sie damals vorgesehen. Und was nützte das Ganze? Ein paar Minuten, bevor der Express Chicago erreichte, hatten die Burschen den halben Express hochgehen lassen, nur um den wichtigsten Zeugen Stunden vor dem Prozess zu erledigen.

Okay, gab es nicht genügend Flugzeuge? Sicher, so lange sie nicht abstürzten. Aus unerklärlichen Gründen. So wie es immer war. Und in Sandstone hatten sie schließlich keine Landebahn.

*

Vierzig Minuten nach Mitternacht. Sie löschten die meisten Lampen im Bahnhof von Sandstone. Zu nächtlicher Stunde war hier so viel wie kein Betrieb. Noch vier Minuten; dann fuhr der Express, aus Richmond kommend, in Sandstone ein. Nur ein paar Angehörige, Freunde und Arbeitskollegen vertrieben sich den Schlaf auf dem Bahnsteig. Sie standen in Gruppen zusammen und waren kaum von der Riege des FBI zu unterscheiden. Unauffällig, mit stahlharten Augen, in grauen Flanellanzügen verpackt, warteten sie auf den Mann, den es zu beschützen galt.

Keiner der Reisenden, die zu dieser Zeit in Sandstone aussteigen sollten, wird ihnen entgehen. Und solche Burschen, die Kronzeugen abknallen, kommen gewöhnlich nicht per Bahn.

Endlich war es so weit. Eric Swobenka trottete mit der ungewohnten Kugelweste, grau in Flanell bekleidet, den Hut tief ins Gesicht geschoben, hinter dem Elektrokarren her, umringt vom FBI. Er fühlte sein Herz unter der Gurgel pochen, während sie vier Minuten später vor der hölzernen Treppe standen. Alles war einfach in Sandstone. Siebzehn Stufen waren es bis in die untere Halle. Schalter und Automaten, eine abgeschlossene Gepäckaufgabe, bei Nacht außer Betrieb. Die Sicht nach draußen war durch massive Gittertüren blockiert. Swobenka blickte auf die Schatten der mit laufenden Motoren wartenden Wagen.

»Gehen Sie in der Mitte«, flüsterte ihm einer der Polizisten zu. Zwei Beamte des örtlichen Sheriffs flankierten ihn. Maxwells Leute, die jeden Quadratmeter von Sandstone im Kopf hatten. Swobenka hielt Schritt mit seinen Bewachern. Schneller noch, hin zu den Wagen, keine fünfzig Meter mehr.

Man wartete auf Eric Swobenka und auf keinen anderen. Wie war er nur in all dies hineingeraten?

Ein unerwarteter Blitz hüllte den Bahnhofsplatz in gleißendes Licht. Taghell für zwei Sekunden. Jenseits des Bahnhofs hatten sich Millionen Volt im Trafo entladen. Ein ohrenbetäubender Schlag und dann … alles in nachtschwarzer Dunkelheit.

Eric Swobenka wurde ganz kurz vom grellen Licht der Scheinwerfer geblendet. Schon stand er vor der Wagenkette. Was machte der Minitransporter knapp neben ihm?

Kreischende Bremsen, irgendwo aufgerissene Türen. Zwei weitere Fahrzeuge, ein Motorrad. Sie blockierten die Abfahrt der schwarzen Wagen. Mündungsfeuer automatischer Waffen blitzte durch die Nacht. Irgend jemand stieß Swobenka zu Boden. Neben sich hörte er gellende Rufe, Schreie, Befehle. Er wurde in einen Wagen gezerrt. Wo war er jetzt? Blut drang durch sein Hosenbein, dann versank er im Dunkeln.

*

Seit Stunden standen durchnässte Reporter vor dem Lazarus. Sie hatten nur noch eine knappe Stunde. Bis dahin mussten die Morgenausgaben ihrer Blätter auf den Straßen sein. Umfassende Berichte hatten die Redakteure verlangt. Was war in Sandstone geschehen. Wo war der Kronzeuge. Lebte er noch? Oder war er längst tot? Entführt? Natürlich nicht. Sie raubten keine Menschen. Sie schossen sie über den Haufen.

Kameras und TV-Geräte befanden sich schussbereit vor dem kleinen Hospital. Die halbe Nacht hatten sie sich vor der »Intensiven« um die Ohren geschlagen. Gerüchte wurden von Reporter zu Reporter weitergegeben. Alles umsonst. Zwei Sanitäter und eine Krankenschwester hatten eine Bahre in der Dunkelheit über den Hof geschoben. Ein regloser Körper unter dicken Decken. Jedes Aufsehen sei zu vermeiden – das war die Devise vom FBI.

Dann war das Heer der Presseleute, die seit den Schüssen auf dem Bahnhofsplatz das kleine Sandstone in Aufregung versetzten, unerwartet verschwunden. Wie stand es um Swobenka?

James, den erfahrensten Mann ihrer Gruppe, hatten sie in der vierten Etage vor Zimmer 711 postiert. Burt sollte ihn in zwei Minuten ablösen. Inzwischen war es kurz vor vier. Die Nachtschwester lächelte, als sie dem Sicherheits-Beamten eine Tasse Tee servierte. Ein schickes Mädchen. James war fasziniert. Die Schwester von vorhin war längst nicht so nett. Also hatten sie mittlerweile das Personal gewechselt. Selbst der Tee, den sie James servierte, schmeckte ganz anders.

»Damned!« Das fehlte ihm noch. Warum rebellierte sein Magen so plötzlich? James sah auf die Uhr. Nicht in ganz einer Minute musste Burt hier sein. James hielt die Hand vor den Mund und rannte los. Die Toilette war doch keine zwanzig Schritte entfernt. Und Burt war sicher schon im Lift. Das war er auch . Doch zwischen der zweiten und dritten Etage hielt der Aufzug wie von Geisterhand.

»Um Himmels Willen!« Burt haute gegen die Tür. Wo war der verteufelte Alarmknopf? Weshalb funktionierte er nicht? Nichts passierte. Er war im Lift gefangen und irgend einer hatte James in der Toilette eingeschlossen. Das konnte nur diese verdammte Nachtschwester gewesen sein. Der hämmerte gegen die Tür Zwei Fußtritte hinterher. Die Tür war aus Stahl.

Zwei Minuten später war es geschehen. Die Todesschützen traten die Tür zum Krankenzimmer ein und feuerten auf das Bett. Mit leeren Magazinen hasteten sie über den Gang in Richtung Feuertreppe. Der Kopf des Opfers war bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt.

*

Vor dem kleinen Amtsgericht drängten sich Tausende. Von überall her waren sie nach Sandstone gekommen. Wer wollte sich schon dieses Schauspiel entgehen lassen. Rundfunkstationen und Fernsehgesellschaften hatten zum Aufsehen erregendsten Prozess des Jahres ein großes Treffen arrangiert. Von New Mexico bis nach Montana gab es kein anderes Thema. Punkt neun war es soweit.

»Ich rufe den Zeugen Eric Swobenka«, verkündete Richter Johnson mit klarer Stimme.

Fünf Angeklagte, hinter eiligst aufgebautem Stahlgitter mit Handschellen aneinander gefesselt, sahen sich in ihre Gesichter. Dann grinsten sie und kicherten hörbar. Teuflischer Spott machte sich auf ihren Fratzen breit. Und dann erstarrten sie.

Gestützt auf einen Sanitäter, begleitet von Sheriff Maxwell und einem Assistenten hinkte der Schwerverletzte in den Gerichtssaal. Eric Swobenka trat in den Zeugenstand.

»Das war der schwerste Tag in meinem Leben«, murmelte er nach langem Schweigen, als er im Chevrolet des Sheriffs durch Sandstone fuhr. »Während Ihr mich in der Kinderklinik retteten, ist ein anderer für mich gestorben.«

Maxwell schwieg lange. Erst nach einigen Minuten fing er wieder an. »Wir haben die beiden noch erwischt, als sie hinter der Feuerleiter über den Stadtgraben flüchten wollten.«

»Wenigstens das«, antwortete Swobenka etwas erleichtert. »Na ja,« meinte der Sheriff. »die werden jetzt verurteilt … wegen Ruhestörung und verbotenem Waffenbesitz und natürlich … wegen Leichenschändung.«

Swobenka sah den Sheriff verständnislos an. »Leichenschändung?«

»Was denn sonst?« Maxwell schmunzelte seit langem wieder. »Wissen Sie, ich lasse in unserem Sandstone ungern auf lebende Menschen schießen. Nur deshalb hab ich mir im Kühlhaus einen toten Ganoven ausgeliehen.«

***

DIE TIGERTATZE

Der kunstvoll vergoldete Adlerkopf warf einen gespenstischen Schatten durch das Labor des weltweit bekannten Ägyptologen. Drei Stunden nach Mitternacht bewegte sich im unteren Teil des bekannten Hauses eine Tür. Der Professor, an häufige Nachtarbeit gewohnt, begab sich leise in die unteren Räume und richtete für eine halbe Minute den Lichtstrahl seiner Taschenlampe über Tausende von Jahren alte Figuren und pharaonischen Halsketten. Der Wissenschaftler griff zum Lichtschalter. Zu spät! Schnell wie ein hungriger Tiger, legte Bernhard Polle seine mächtigen Tatzen um den Hals des Professors. Der Atemluft beraubt, sank der Forscher in Sekunden zusammen. So kam es dazu, dass Heinz Birnbaum Millionen scheffelte und Polle zwei Jahrzehnte im Gefängnis verbrachte.

Zwanzig Jahre später

Das hochgewachsene gazellenhafte Mädchen flitzte zur Tür, um den unerwarteten Besucher zu empfangen.

»Blöder Kerl!«, rief sie dem Buben nach, der das Gartentor bereits zugeschlagen hatte und die enge Straße des eleganten Viertels hinunter rannte. Dann erst bemerkte die Privatsekretärin das flache Päckchen, das zugeklebt und gut verschnürt vor der Haustür lag.

FÜR HEINZ BIRNBAUM stand in unbeholfenen Buchstaben auf einem grünen Zettel, den ein Unbekannter auf das grobe Rupfentuch geklebt hatte.

»Was ist das?« fragte der Millionär, als seine Sekretärin mit der seltsamen Sendung in das elegante, holzgeschnitzte Büro zurück kam.

»Ich weiß es nicht.« Birnbaum wunderte sich über die knappe Information.

»Nun gut. Wer schickte es denn?«

»Kein Absender drauf«, antwortete sie kurz. »Genau so lag es vor der Haustür.« Um weiteren Fragen aus dem Weg zu gehen, erzählte sie nichts von dem kleinen Jungen, der so schnell die Straße hinuntergerannt war.

»Seltsam«, murmelte Birnbaum. »Ich erwarte keinen.« Und dabei schien ihn irgend etwas zu beunruhigen. Der hagere, schon etwas gebeugte Fünfziger erhob sich vom Sessel und nahm die seltsame Sendung in die Hand. »Ich will mir das doch gleich mal ansehen.«

Doch zwei kurze Telefonate, die seine Absicht unterbrachen und der kurze Besuch des freundlichen Nachbarn hielten ihn zunächst davon ab.

Gegen Nachmittag zogen Gewitterwolken auf und bald dämmerte es.

»Gleich wird es anfangen zu regnen«, meinte das Mädchen. Ein greller Blitz zuckte durch Birnbaums Arbeitszimmer. Dann ein ohrenbetäubender Schlag, der sie zusammenfahren ließ.

»Du kannst jetzt gehen«, erlaubte er dem Mädchen, denn es war inzwischen kurz vor sechs. Dann erst, als er sich allein im Zimmer wusste, befasste er sich mit der geheimnisvollen Sendung.

Es war das Bildnis eines Mannes, das ihn an die Vergangenheit erinnern sollte und ihm nun drohend entgegensah. Wuchtige Kinnladen umschlossen einen großen, fast tierischen Mund mit blutrot aufgeworfenen Lippen und einer fleischigen Boxernase. Graugrüne Augen flackerten in tiefen Höhlen und dichte Brauen wölbten sich unter einer mächtigen Gorillastirn, die nichts verhieß als brutale Gewalt.

Alles in allem ein lebensnahes Bild von Bernhard Polle. Birnbaum begann zu zittern und starrte auf die riesenhaften Hände, die sich ihm entgegen streckten.

Friedrich Backhaus hatte von Anfang an nicht daran gezweifelt. »Das ist fast ein Drohgemälde«, flüsterte er seinem Vetter ins Ohr. »Die zwanzig Jahre sind nun eben um.«

Auch Vetter Backhaus studierte minutenlang die schreckliche Fratze auf dem Bild und blickte zuweilen in das bleiche Gesicht Birnbaums. »Polle ist jetzt ein freier Mann.« Wenn er sich wirklich rächen wolle, wird er nicht aufzuhalten sein, meinte Backhaus. Dabei fiel ihm die Uhr auf, die der Künstler des Bildes im Hintergrund gemalt hatte. Die Zeiger deuteten auf zwei und in der Ecke links oben entdeckten sie die Nummer 276. Backhaus schien das nicht zu verstehen. »Die Nummer?« fragte er seinen Vetter. »Was soll denn diese Nummer bedeuten?«

Birnbaum schien die Frage überhört zu haben. Backhaus gab nicht nach. »Heinz«, fragte er ein zweites Mal. »Sag mir schnell! »2 …7 … 6 Was soll denn das?«

Birnbaum sah auf. Wie abwesend starrte er vor sich hin. Befand er sich vielleicht zum zweiten Mal in jenem Zimmer, als sie sich den goldenen Adlerkopf holten. Damals vor 22 Jahren.

»Es war am 27. Juni«, keuchte Birnbaum »… ein paar Stunden nach Mitternacht.«

Jetzt saß er zusammengefallen an seinem Mahagoni-Tisch und ließ die Finger langsam über die kostbare Platte gleiten. Kalter Schweiß perlte über seine Stirn, während der auf das schreckliche Bild stierte. War die Vergangenheit dabei, ihn einzuholen?

»Du bleibst doch bei mir, wenn er … kommt?«

»Das ist doch klar.« Friedrich Backhaus war der letzte noch lebende Verwandte des Millionärs. Dabei hatte ihm Heinz Birnbaum schon vor Jahren erlaubt, in der Villa zu wohnen. Viel mehr als das. Als eingefleischter Junggeselle hatte er sich das sogar gewünscht. Aus diesem Grund waren beide Vettern schon vor Jahren überein gekommen, Backhaus dürfe sich im oberen Stock eine kleine Wohnung einrichten. Jetzt jedoch, in der kritischen Stunde sieht Backhaus wie Birnbaum als wahres Nervenbündel durch das Haus schleicht. So versucht er seinen Vetter zu beruhigen. Beim Anblick des Furcht erregenden Bildes entschließen sie sich sofort, das Fernsehzimmer zu einer Festung auszubauen. Backhaus verschraubt als erstes die Fensterläden mit schweren Brettern. So wird es unmöglich sein, dass Polle aus dem Garten in das Zimmer eindringt. Mit einer alten Armeepistole in der Hand, lächelt er seinem Vetter zu.

»Lass ihn nur kommen!« Birnbaum starrt immer noch unentwegt auf die einzige Tür des Raumes, die sie mit einem schweren Eichentisch verrammeln. Bei Anbruch der Nacht beginnt es wieder zu regnen. Stunden verrinnen in qualvollem Warten. Hilflos und bleich kauert Birnbaum im Ledersessel, blickt auf die verrammelten Fenster, dann wieder zur Tür, sieht auf Backhaus, der inzwischen eingenickt ist. Im Morgengrauen, kurz vor vier, richtet sich Birnbaum auf und rüttelt an Backhaus’ Schultern. Es ist einwandfrei zu hören. Backhaus fährt aus dem Schlaf.

»Ich habe ihn gehört«, piepst Birnbaum »Er ist im Haus.«

Backhaus schleicht mit entsicherter Waffe an die verrammelte Tür, nimmt dort die Hand an sein Ohr, um genau zu hören. »Tatsächlich«, flüstert er. Auch Backhaus hört die Schritte auf der Treppe. »Er muss im Hause sein.«

»Pst. Er ist auf der Treppe, hörst du nicht?« Birnbaums Stimme ist nur noch ein leises Piepsen. Dann knarren Stufen. »Da wieder«, flüstert er hinter Backhaus stehend. Schweigend stehen sie vor der Tür und hören die Stufen knarren. Das konnte nur Polle sein.

Langsam, Schritt auf Schritt scheint er jetzt die Treppe herab zu steigen. Birnbaum zittert um sein Leben. Jetzt gleich, jetzt muss er unten sein, doch auf dem dicken Teppich in der Diele können sie schließlich nichts mehr hören.

Die beiden Männer im verrammelten Zimmer halten den Atem an. Birnbaum verkrallt sich im Ledersessel,. Backhaus sitzt mit entsicherter Waffe neben ihm und richtet den Lauf der Pistole auf die Tür. Wird der Unheimliche im nächsten Moment die Tür aufbrechen, dann über den Eichentisch springen, um Birnbaum anzufallen und sein Werk zu vollenden?

Kann Polle mit seiner Bärenkraft alles überrumpeln, selbst unter Bedrohung der Schusswaffe vor ihnen stehen und sie beide zerreißen? Schwach, wie ein nasser Lappen hängt Birnbaum vor seinem Vetter, während Backhaus nur unauffällig auf Birnbaums schlotternde Knie sieht.

»Sollen wir nicht nachsehen?« fragt Backhaus leise.

Birnbaum fährt erschreckt zusammen. War sein Vetter total verrückt geworden? »Nein, um Gottes Willen. Nicht … bitte!« Nur mit dieser alten Pistole in der Hand. Was könnten sie damit gegen Polle ausrichten? Backhaus legt die Waffe beiseite. Kam es auf eine weitere Stunde an? So lehnt er sich zurück und schläft von Neuem ein. Vom nahen Kirchturm schlägt es fünf, als Backhaus die Augen öffnet.

»Noch etwas warten«, fleht ihn Birnbaum an. Als sie es schließlich riskieren, den Tisch leise beiseite zu ziehen, ist es halb sechs. Friedrich Backhaus tritt mit entsicherter Waffe hinaus auf den Korridor. Durch die Ritzen des Fensterladens schimmert das Licht des anbrechenden Tages.

»Schlafen gehen!«, raunt Backhaus und lief auf die Treppe zu. Birnbaum schlurft todmüde zum Ausgang in den Garten. Etwas frische Luft wird ihm gut tun, meint er jetzt. So riskiert er ein paar Schritte hinaus auf den Rasen. Nach und nach entweicht die Spannung der vergangenen Nacht. Ruhig blickt er auf den Rasen. Die glasklaren Perlen des taufrischen Grases waren das letzte, was Heinz Birnbaum von dieser Welt gesehen hatte.

*

Kommissar Hellwig kletterte mit denkbar mieser Laune aus dem Ranger. Ein Wunder war es nicht. Kurz vor Mitternacht war es ein blödsinniger Dirnenmord, der ihn aus dem Bett riss, kaum hatte er sich hingelegt. Als er dann auf Birnbaums Rasen erschien, traf er die Kollegen der Mordkommission schon vollzählig an.

»Guten Morgen die Herren«, mimte er Munterkeit. »So früh schon am Werk?«

»Na ja, Herr Hellwig, ein anderer war schon vor uns hier«, versuchte der Fotograf anzubringen, erregte jedoch nur Hellwigs Missfallen. Um dem Schlimmsten aus dem Weg zu gehen, knipste er noch ein paar Aufnahmen des Toten, der mit dem Gesicht nach unten auf dem Rasen lag.

»Hier habt ihr das Opfer angetroffen?« fragte Hellwig als erstes. Daran hatte keiner gedacht. Doch der vor kurzem geschorene Rasen zeigte keinerlei Schleifspuren.

»Also nicht weit von jener Tür, die von der Diele in den Garten führt. Hellwig machte sich Notizen. »Übrigens Doktor. Sie sprachen am Telefon von Würgespuren?« Die Frage war an Dr. Bellinghaus gerichtet. »Stimmt das wirklich?« Der Arzt bestätigte. »Mir scheint übrigens, auf der rechten Seite hat er stärker zugepackt«

»Aufnahmen gemacht, junger Mann?« schoss der Kommissar auf den Fotografen zu.

»Jawohl, Herr Hellwig!«

»Sie sagten, er, Dr. Bellinghaus? Könnte es nicht eine sie gewesen sein?«

Dr. Bellinghaus war dabei die Frage zu verneinen, zog es jedoch vor, momentan zu schweigen und lediglich mit einer unsicheren Kopfbewegung seine Unsicherheit auszudrücken. »Sehen Sie mal hier rechts, sehen Sie sich das mal ganz genau an.« Aha, ich sehe schon etwas. Ist das nicht … so etwas wie …«

»Ein Ring … ein Fingerring«, flüsterte Dr. Bellinghaus.

» also keinerlei Handschuhe. Sehr interessant«, folgerte Hellwig, »keine Angst, identifiziert zu werden oder nur eine Affekthandlung. Nun ja, wir werden ja sehen.«

»Wann starb der Mann nach Ihrer Meinung?« Die Frage war an Dr. Bellinghaus gerichtet.

»Vor zwei Stunden vielleicht. Viel länger sicher nicht.«

»Hm, machte Hellwig und sah zu Bellinghaus hinüber. Wenn man als Arzt immer nur Tote angucken muss …« Aber wenn es darum ging, die Todeszeit zu ermitteln, dann war Bellinghaus einsame Spitze.

»Wer hat den Toten denn zuerst entdeckt«, wollte der Kommissar als erstes wissen.

»Der Gärtner, Herr Kommissar«, meldete sich ein Wachtmeister, der vom Nachtdienst kam und sich auf dem Heimweg befand. Der Gärtner sei auf die Straße gerannt und ihm geradewegs in die Arme gelaufen. Ganz kopflos sei der Mann gewesen, behauptete der Polizist.

Friedhold stand in seinen Gummistiefeln und mit der grünen Schürze an der Wand des kleinen Gartenhauses, den Blick starr auf den Kiesweg gerichtet. Kriminalassistent Besserer beobachtete ihn und vermutete, der Gärtner lausche angestrengt. Hellwig stopfte seine Pfeife und ging langsam auf den Mann zu.

»So, so. So war das also! Sie haben Herrn Birnbaum als erster gesehen?«

Der Mann mit dem sonnengebräunten Gesicht und den kräftigen Armen traute sich nicht, sofort zu antworten. Vielleicht überlegte er lange, was er sagen sollte. Die Falten auf beiden Seiten der Mundwinkel vertieften sich. Endlich nickte er stumm.

»Und dann rannten sie im Eiltempo auf die Straße?«, drängte der Kommissar. »Warum denn so eilig?«

»Ich … ich wollte doch Hilfe holen.« Der Gärtner Friedhold zitterte und sah ängstlich in das Gesicht des Kommissars. »Polizei … Polizei holen wollte ich gleich.« Und plötzlich richtete er sich steil auf und flüsterte kaum hörbar: »Er hat Herrn Birnbaum umgebracht.«

»Umgebracht?«, fragte Hellwig schnell. »Woher wollen Sie wissen, dass Herr Birnbaum umgebracht wurde?«

Der Gärtner sah auf seine Gummistiefel, zog an seiner Mütze und fuhr mit beiden Händen aufgeregt über seine Schürze. Er wollte es doch sagen, wollte wirklich alles erzählen. Elfriede hatte ihm doch das mit dem Bild erzählt. Dieses schreckliche Gesicht von dem Kerl. Und dass Herr Birnbaum solche Angst gehabt hätte. Deshalb hätten die beiden Herren auch die Fenster so gut verrammelt.

»Warum sagen Sie nicht alles?«, fragte ihn Hellwig schroff. »Woher wissen Sie, dass Herr Birnbaum umgebracht wurde?«

»Ich … nein, Ich habe nichts getan.« Friedhold hatte solche Angst.

»Was ist mit dem Foto?«, machte Hellwig weiter.

»Kein Foto«, sagte der Gärtner leise. »So ein Bild … ein furchtbares Bild!«

Na ja, sagte sich Hellwig. Man muss ihm etwas Zeit lassen. »Was für ein Bild denn?«, hakte Hellwig nach.

»Aber ich weiß es doch nur von Elfriede«, sagte der Gärtner schnell.

»Wer ist Elfriede?«

»Die Köchin«, murmelte der Gärtner. »Sie kommt immer um acht.«

Hellwig sah auf die Uhr, betrachtete nebenbei die Schwielen an den kräftigen Händen des Gärtners. Wenn man sich diesen Mann genau ansah … Hellwig verjagte den Gedanken so schnell wie er gekommen war.

»Auf jeden Fall waren Sie als erster im Garten«, stocherte Hellwig weiter. »Vielleicht sogar zur gleichen Zeit, als Birnbaum sterben musste?« Hellwig sah ihn seltsam an, neigte den Kopf etwas zur Seite und stieß eine Tabakwolke aus. »Oder lebte er sogar noch, als Sie in den Garten kamen?«

»Nein Herr …« Ängstlich beteuerte er, nichts gesehen und nichts gehört zu haben und dabei fing er an zu weinen ohne vom Anblick auf den Toten loszukommen.

Ein greller Schrei riss Hellwig aus seinen Gedanken. Wie aus dem Boden geschossen, stand Elfriede plötzlich auf dem Rasen und sah sich der Truppe Hellwigs gegenüber, die hinter dem toten Birnbaum standen.

»Na erst mal guten Morgen«, wurde sie von Hellwig begrüßt. »Wie sind Sie denn hier hereinspaziert?«

»Mit dem Schlüssel natürlich«, japste sie. »So wie jeden Morgen.« Trotz des Entsetzens in ihren Augen, schien sie die Frage Hellwigs entrüstet zu haben. »Schließlich hab ich Schlüssel fürs ganze Haus«, sagte sie wichtig. »Und das seit zwanzig Jahren!«

Hellwig sah sie schweigend an, musterte nebenbei ihre Schuhe. Peinlich sauber geputzt, fiel ihm auf.

»So lange arbeite ich schon für Herrn Birnbaum.« Dann heulte sie los, nachdem sie erfahren hatte, was geschehen war. »Schrecklich, wie schrecklich das mit dem Herrn Birnbaum!«

»Aha«, meinte Hellwig leise. »Sie haben also Schlüssel für das ganze Haus?«, wollte Hellwig wissen.

»Natürlich … das heißt«, und damit verbesserte sie sich, »nur nicht zu den beiden Zimmern von Herrn Backhaus.« Es klang verbittert. »Der Herr Backhaus ist doch immer so komisch«, klagte sie.

Dann blickte sie ängstlich auf die Gruppe der Mordkommission und flüsterte Hellwig zu, dass Backhaus sie nur auf seine Zimmer lasse, wenn er dabei sei.

»Und wo ist denn dieser Herr Backhaus jetzt?«, wollte Hellwig wissen.

»Um diese Zeit ist er immer zu Hause«, setzte sie dreist hinzu und zeigte dabei auf die oberen Räume der teuren Villa. »Sein hellblauer Ford steht doch in der Garage.«

»Ach!«, rief Hellwig überrascht. »Da schläft der Vetter seelenruhig und im Garten liegt ein Toter!«

»Schläft wie ein Murmeltier«, bemerkte Kriminalassistent Besserer, als sie zum sechsten Mal an die Türen von Friedrich Backhaus klopften.

»Aufbrechen in diesem Fall!«, befahl Hellwig.

Dann standen sie vor dem Bett von Friedrich Backhaus. Der Gesuchte lag vollständig angekleidet auf dem Bett. Sein Mund war leicht geöffnet, doch er schnarchte nicht.

»Er kann nicht schnarchen«, erklärte Dr. Bellinghaus. »Denn er ist tot.«

»Ach du grüne Neune«, entfuhr es Hellwig und dabei blickte er auf die halb ausgetrunkene Tasse auf dem kleinen Ecktisch. Dr. Bellinghaus roch am Mund des Toten. »Wahrscheinlich ein schweres Alkaloid«, vermutete er sofort. »So vor knapp einer Stunde vielleicht.«

Elfriede saß weinend in der Küche, als sich Hellwig um sie kümmerte.

»Haben Sie endlich Herrn Backhaus geweckt?«, fragte sie leise.

Hellwig überhörte die neugierige Frage. »Sagen Sie mal, Frau Elfriede … wie ist das eigentlich mit dem Kaffee?«

Sie schien ihn nicht zu verstehen. »Ich meine, tranken die Herren denn morgens immer Kaffee? Sie hätten doch dann und wann auch Tee trinken können … oder Schokolade? Oder heiße Milch? Oder so etwas?«

»Nein, nein«, erfuhr er von Elfriede. »Kaffee, immer nur Kaffee«, bestätigte sie. »Immer Kaffee. Jeden Abend muss ich die Kanne vorbereiten. Kaffeepulver hinein geben und sonst nichts.«

Hellwig stützte sein Kinn in die Hand und überlegte. »Jeden Abend, sagten Sie?«

»Ja. Jeden Abend. Sehen Sie, Herr …«

»… Hellwig … sagen Sie immer nur Hellwig, das genügt.«

»Also abends, sehen Sie Herr Hellwig. In dieser Thermos-Kanne hier …« Elfriede wollte die Karaffe nehmen und offenbar fiel ihr erst jetzt auf, dass die Kanne auf dem Spülstein stand. »Das Ding steht doch sonst immer auf dem Küchentisch«, sagte sie nebenbei. »Haben Sie vielleicht …?«

»Nein.« Hellwig lächelte zum ersten Mal. »Ich habe nicht.« Warum wunderte sich die Frau? Warum stand die Kanne nicht auf dem Tisch? So wie immer?

»Nescafé«, erklärte sie. »Immer die gleiche Menge Pulver in die Kanne und kochendes Wasser drüber«, belehrte sie den Polizisten. »Jedes Kind kann das.«

Hellwig sah sie seltsam an. Jedes Kind kann das! Hatte sie nicht das gesagt? »Und wo haben Sie denn das Kaffeepulver stehen?«

Elfriede zeigte ihm die Dose.

»Die muss ich leider mitnehmen«, erklärte Hellwig.

Dann könne sie doch Herrn Backhaus keinen Kaffee machen, protestierte sie.

»Er wird keinen Kaffee mehr trinken«, sagte der Kommissar leise und entschied, ihr es jetzt zu sagen. Elfriede sank auf dem Küchenhocker zusammen und weinte wieder. Nun wird man sie wohl auch nicht mehr brauchen. Hellwig wartete, bis sie sich beruhigt hatte.

»Ich muss die Kanne spülen«, sagte sie mit leerem Blick. Hellwig konnte das Schlimmste nur im letzten Moment verhindern. Doch dann entdeckten sie zusammen, dass die Kanne schon gespült wurde. Hellwig sah die Kanne sehr genau an und blickte dann Elfriede in die Augen.

Hier passt verschiedenes überhaupt nicht zusammen, reimte er sich.

»Aber niemand hat heute morgen schon gespült.«

»Warum denn nicht?«, fragte Hellwig schnell.

»Das haben die Herren doch nie gemacht.«

Hellwig überlegte und setzte dann von Neuem an. »Noch etwas, Frau Elfriede. Wer außer Ihnen hat auch noch Schlüssel zu diesem Haus?«

Elfriede spreizte die Finger und begann langsam abzuzählen. »Also, natürlich Herr Birnbaum, dann Herr Backhaus und ich selber.« Jetzt schien sie nachzudenken. »Ja, ja und Frau Suzanne. Die muss auch Schlüssel haben.«

»Und wer ist Frau Suzanne?«

»Ach das Flittchen, das die Briefe schreibt«, sagte die Frau ziemlich bissig. »Aber heute ist ja Freitag. Freitags kommt sie nicht. Von Freitag bis Montag Früh hat sie frei. Da tut sie nicht die Bohne!«

*

Herbert Hellwig warf schon frühmorgens einen Stapel Prozessakten auf den Tisch seines Assistenten. »Hier. Lesen Sie mal! Hab ich für Sie besorgt. Das ist die Geschichte mit dem Goldenen Adler.«

»Ein Weinlokal?«, traute sich Besserer zu fragen.

»Würde Ihnen so passen! Mir auch. Leider geht es dabei um den Raub eines fast dreitausend Jahre alten Kunstwerks aus Alt-Ägypten, in das Heinz Birnbaum und auch Bernhard Polle verwickelt waren. Schön und gut. Das ist nun auch schon wieder zwanzig Jahre her. Dieser Polle hatte damals den Eigentümer der Figur erwürgt und dieser Birnbaum verschwand mit dem Adler, was weiß ich wohin. Genaues konnte man damals nicht erfahren.«

»Und dieser Adler?«, wollte Besserer wissen. »Wo ist der denn hingekommen?«

Hellwig zuckte mit den Schultern. »Abgeflogen ist er. Bis er eines Tages in Birnbaums Antiquitätensammlung landete. Birnbaum muss in dieser Geschichte irgend etwas gedreht haben. Genaueres hat man jedoch nie erfahren. Jedenfalls hat Polle einen Mord auf dem Gewissen und verschwand für zwanzig Jahre hinter Schloss und Riegel.«

»Wenn ich Polle wäre …!« Besserer bewegte seine Hände krallenartig.

Hellwig drohte mit dem Zeigefinger.

»Aber Birnbaums Vetter Backhaus? Was hatte er damit zu tun? Und vor allem. Wie kam er denn um?«

»Das bringen wir noch raus.«

»Selbstmord vielleicht?«

Hellwig hielt es für ausgeschlossen. »Welcher Selbstmörder beseitigt denn die Spuren des eigenen Giftes. Okay. Sie finden nachher den Knaller, mit dem er sich erschossen hat oder einen Strick, vielleicht einen Dolch. Mit einer Giftampulle oder einer Tablettenpackung ist es nicht ganz so klar. Nein, Besserer, die Frage ist doch, wer reinigte die Thermoskanne? Und dann dieses Ölgemälde. Wer hat denn dieses Bild fabriziert? Einen Verstärker an einen Recorder angeschlossen, Kaffeepulver … Mann Gottes! Ein ganzes Fundbüro«, mokierte sich der Kommissar.

»Wo ist übrigens die Ampulle, die Sie im Müllkübel gefunden haben?«

»Noch auf dem Labor zur Untersuchung.«

Kommissar Hellwig hing mit seinen Gedanken noch immer an dem CD-Player. »Was sollte das Ding eigentlich?«

»Weiß auch nichts Gescheites«, gab Besserer zu. »Stand oben im Zimmer von diesem Backhaus. Seltsam ist nur, dass der Apparat mit der Sprechanlage unten in der Diele gekoppelt war. Außerdem war noch dieser Miniwecker zwischengeschaltet.«

»Versteh ich nicht ganz«, gab Hellwig zu. »Was sollte das denn?«

»Der Tonträger muss nur einmal abgelaufen sein. Das hatte wohl mit dem Miniwecker zu tun. Und zwar morgens um halb fünf!«

»Also an diesem Morgen, an dem die beiden starben«, folgerte Hellwig, »Aber Besserer, was gab’s denn da Besonderes zu hören?«

»Nicht viel. Eigentlich gar nichts. Knarrende Geräusche eben. So wie wenn jemand die Treppe runter kommt.«

Das soll einer verstehen. Hellwig kratzte sich am Kinn. Dann schnappte er sich sein Telefon und sprach mit Professor Burgstedt von der Kunstakademie.

»Drei Maler kämen hauptsächlich in Frage«, meinte Burgstedt. »Hellwig schickte seinen Assistenten mit den Adressen los, Sehen Sie mal zu, was Sie rauskriegen!«

Erich Zupping war der zweite Maler, den Besserer im Atelier erwischte.

»Ja«, bestätigte Zupping sofort. »Ich habe das gemalt. Nach einem Foto, das man mir brachte. Ich will da in nichts hineinkommen«, verteidigte sich der Künstler. »Ich musste das malen.«

»Warum mussten Sie?«, wollte Besserer hören.

Zupping sah den Polizisten nicht an. Er reinigte an einem Ausguss ein Paar Pinsel und blickte über die Schulter nach hinten. »Ist das ein Verhör?«

»Nein, nicht gerade. Aber warum mussten Sie es malen?«

»Mein Gott!« Der Maler sah Besserer seltsam an. »Ich bin nun mal Künstler und schließlich müssen wir auch von etwas leben. Und Backhaus hat sehr gut bezahlt.«

*

Herbert Hellwig schien aus allen Wolken zu fallen, nachdem ihm der Bezirksnotar das von Birnbaum gemachte Testament erklärte.

»Heinz Birnbaum hat also sein Testament geändert?«, erkundigte sich der Kommissar.

»Sagen wir einmal so. Er hat Bestimmungen für seinen vermutlichen Erben getroffen. Und dieser Erbe… ein Alleinerbe, um ganz korrekt zu sein -, wäre Friedrich Backhaus geworden. Backhaus starb jedoch noch am gleichen Tag. Und für diesen Fall gibt es laut Testament nur einen Ersatzerben und das ist eben Frau Suzanne Breitenbach. Wenn ich richtig orientiert bin, die Privatsekretärin von Heinz Birnbaum.«

Hellwig nickte. Dann schüttelte er den Kopf. »Wer soll den nun Erbe des Riesenvermögens werden? Doch nicht etwa die Sekretärin?«

»Genau Frau Breitenbach wird Erbin sein«, erklärte der Notar.

Hellwig hatte schon vieles erlebt. Doch das war doch etwas zu viel. Auch Assistent Besserer brachte den Mund nicht mehr richtig zu.

»Die Geschichte ist nur folgende:«, dozierte Hellwig, »Birnbaum hatte nämlich in seinem Büro eine Kopie des Testaments verwahrt.«

»… und seine Sekretärin hatte Zugang zu allen Dokumenten, also auch …«

»Genau so ist es. Wenn Suzanne Breitenbach Birnbaums Vertraute war, dann hatte sie sicher die Möglichkeit, das Testament zu lesen.«

»Ein einwandfreies Tatmotiv«, unterbrach ihn sein Assistent und Hellwig gab ihm recht.

»Genau so ist es und ich habe diese Dame auf 15 Uhr bestellt.«

Sie sei an die See gefahren, behauptete Suzanne als erstes, als sie dem Kommissar gegenüber saß.

»Ach ja, das ist ja so schrecklich, das mit Herrn Birnbaum.«

Seltsam, dachte Hellwig. Über den Vetter Backhaus verlor sie kein Wort.

»Wann fuhren Sie denn zur See?«

»Am Freitag in aller Frühe«, sagte sie. »Gegen sechs, viertel nach sechs höchstens.«

Aha, prompte Erinnerung, fiel Hellwig auf. Die muss nicht lange überlegen.

»So früh schon unterwegs?« Es klang sanft. »Das war ja fast zur gleichen Zeit, als Herr Birnbaum sterben musste. Ihr Chef, Frau Breitenbach wenn ich richtig informiert bin.«

Nach alter Gewohnheit blickte Hellwig unauffällig auf ihre Hände. Ziemlich nassgeschwitzt sahen sie aus. Trotz laufender Klimaanlage.

»Sie fuhren also von zuhause weg und dann ging’s direkt an den Strand?« Hellwig sah ihr in die Augen. »Ich meine, ohne Umwege? Sie haben vor ihrer Abfahrt nicht jemand getroffen, der sich an Sie erinnern könnte? Sie fuhren also ohne weiteren Umweg direkt ans Meer. Und Sie haben auf dem Weg ans Meer niemand getroffen? Nirgends vorbeigeschaut? Immerhin. Es hätte doch sein können …?«

»So früh doch nicht«, antwortete sie keck. »Wen soll ich denn getroffen haben. Sagte doch schon, dass ich direkt an die See gefahren bin.«

Ob sie vielleicht nicht doch so ganz kurz in der Villa Birnbaum vorbeigesehen hätte. »Nur einen Moment vielleicht?«, erkundigte sich Hellwig. »Um etwas abzuholen oder dort zu lassen. Schließlich war doch Herr Birnbaum Ihr Chef?«

Hellwig schien es, als ob Farbe aus Ihrem Gesicht gewichen wäre. Trotz der Schminke »Ich sagte doch schon, dass ich freitags meinen freien Tag habe.« Es klang ziemlich patzig. Dann betupfte sie die schweißnasse Stirn mit ihrem Seidentüchlein.

»So, sagten Sie das?«, täuschte der Kommissar. »Waren Sie nun am Freitag Morgen in der Villa Birnbaum oder nicht?«

»Nein.«

»Und dennoch stellten Sie Ihren Wagen in einem Seitenweg der Lessing Straße ab?«

Herrgott noch mal. Der Eichenweg, fiel ihr jetzt ein. Sie musste Zeit gewinnen. Plötzlich war sie mitten im Verhör.

Kommissar Hellwig lächelte nicht mehr, als er einen gelben Zettel aus dem Aktendeckel holte. »Das hier ist ein Strafmandat, Frau Breitenbach. Links auf dem Eichenweg ist nämlich Parkverbot.«

Mit eisigen Augen blickte er über den Tisch. »Sie glaubten wohl, so früh käme niemand vorbei, um Parksünder aufzuschreiben. Das war Ihr Irrtum. Und mitten im Eichenweg hatten Sie Ihren Wagen abgestellt, weil Sie in der Lessingstrasse nicht gesehen werden wollten. Sehen wir uns mal die Uhrzeit auf dem Strafzettel an. Um fünf Uhr vierzehn stand ihr Wagen im Eichenweg. Um diese Zeit waren Sie bereits im Hause von Herrn Birnbaum. Sie gingen durch den Hintereingang in den Garten. In der Küche säuberten Sie die Thermoskanne, hämmerte er auf das Mädchen ein. Die Spuren des schweren Giftes wollten Sie beseitigen. Denn Sie selbst schütteten die lebensgefährliche Substanz in die Kanne. Nichtsahnend bereitete Elfriede Biegner das Kaffeepulver für den nächsten Morgen vor. Die leere Giftampulle warfen sie noch am Abend zuvor in den Müll. Und wieder hatten Sie Pech. Denn am anderen Morgen stieß der Müllwagen mit einem Bus zusammen Die Leute vom Müll verspäteten ihr Tour um eine Stunde. Zeit genug für uns, um das leere Gläschen in der Abfalltonne zu finden. Sie, Frau Breitenbach, sind die Mörderin von Friedrich Backhaus!«

Suzanne brach zusammen und schluchzte, als sie Hellwig abführen ließ.

Nach dem Mittagessen fragte Herbert Hellwig seinen Assistenten: »Wie war das eigentlich mit dem Unfall von Backhaus. Schon was rausgekriegt?«

»Stimmt genau«, berichtete der Assistent. Backhaus hatte vor Jahren tatsächlich einen schweren Motorrad-Unfall. Damals verletzte er sich die linke Hand, während die rechte ihre volle Kraft behielt.

Hellwig grinste »Wie war das noch mit den Würgespuren an Birnbaums Hals?«

Besserer nickte. »Stimmt genau, rechts hat er viel stärker zugepackt.«

»Aber trotzdem«, meinte der Assistent. »Backhaus hin oder her. Was ist nun mit Polle? Hatte er nicht auch sein Tatmotiv?«

»Ganz zweifellos«, gab Hellwig zu. »Doch manchmal spielt das Schicksal mit. Vor einer Stunde hat die Staatsanwaltschaft Bernhard Polle aufgestöbert. Zwei Tage nach seiner Entlassung aus der Strafanstalt erlitt Polle einen schweren Schlaganfall. Er sitzt gelähmt in einem Rollstuhl und muss gefüttert werden. In seinen Händen kann er keinen Suppenlöffel halten.«

RHAPSODIA SUDAMERICANA

Südamerikanische Lebenslust! Ein Gewitter aus brasilianischem Samba, Rumba aus der Karibik, Mambo und Merengue. Wer kam da noch mit?

Die vorletzte Vorstellung am Freitag Abend. In weniger als sieben Minuten werden farbenprächtig bekleidete Künstler aus Kolumbien und Bolivien, aus Ecuador und Brasilien über die Bühne rauschen.

Vorhang auf! Rasender Beifall. Nur Henry McSimpson in der ersten Reihe applaudierte nicht und selbst, als das noch immer beschwingte Publikum den Saal verließ, blieb er noch immer schweigend sitzen, denn der vermögende Amerikaner auf Platz 14 war zu dieser Zeit schon tot.

Tod durch Ersticken, stellte ein eiligst herbeigerufener Arzt als Todesursache fest und das war in einem Festsaal erster Klasse so sonderbar, dass die Polizei gerufen wurde.

Kriminalkommissar Hellwig besah sich den Toten sehr aufmerksam. Der Kopf der Leiche war nach vorne auf die Brust gesunken und es schien kein Anzeichen eines vergangenen Todeskampfes gegeben zu haben.

Während die Fotografen den plötzlich verstorbenen Besucher von allen Seiten knipsten, fragte der Kommissar den eiligst herbeigerufenen Dr. Bellinghaus:« Wann trat der Tod nach Ihrer Meinung ein?«

»Ungefähr vor zwei, vielleicht auch zwei und einer viertel Stunde«, meinte Dr. Bellinghaus und sah sich den Toten nochmals an.

»Und wann begann die Vorstellung?« Diese Frage war an den Direktor des Theaters gerichtet.

»Genau um 21 Uhr«, schoss der Show Bussiness Manager heraus.

Hellwig sah einen Moment auf seine Uhr und berechnete die Zeit. Der verstorbene Revue-Besucher könnte infolgedessen den Beginn der Vorstellung noch erlebt haben.

Im grellen Licht der Scheinwerfer zogen sie dem Amerikaner die Jacke aus, lösten seine Krawatte und öffneten das Hemd bis hinunter zum Gürtel. Vorsichtig fuhr der Kommissar mit seinem behandschuhten Zeigefinger auf der kalten Brust des Toten hin und her, bis er oberhalb der behaarten Brust an eine Stelle kam, die ihm besonders auffallen musste.

»Und das hier?« Fragend blickte er Dr. Bellinghaus an.

»Dies könnte vor Eintritt der Leichenblässe gerötet gewesen sein, vielleicht entzündet durch einen Insektenstich«, meinte Dr. Bellinghaus.

»Dann müssten wir ja fast den Stachel finden«, und dabei schaute Hellwig seine umherstehenden Mitarbeiter belustigt an. Genau so, als ob er im Saal nach einer Wespe suchte.

»Besorgen Sie mir doch bitte für morgen Abend eine Eintrittskarte für die Show«, bat er beim Abschied den Theaterleiter. »Vorzugsweise Reihe 1a und wenn möglich auf diesem Platz, den Mr. McSimpson heute Abend eingenommen hatte.« Ohne ein weiteres Wort verließ der Kommissar das Theater.

Am nächsten Morgen begann die Obduktion des Leichnams, während man sich in Hellwigs Büro mit anderen Fragen beschäftigte. Fernschreiben und Mails gingen hin und her. Computerdaten über das Personal des Theaters wurden sorgsam geprüft und noch am frühen Nachmittag erhielt man eine komplette Liste aller Künstler der südamerikanischen Truppe.

»Die Unterlagen sind jetzt komplett, Herr Kommissar«, sagte die sowohl adrette als auch pflichtbewusste Kriminalassistentin zu ihrem Boss.

»Gut so«, meinte Hellwig. »Dann kann ich mir ja dieses Spektakel heute Abend auch ansehen.« Dabei sprach er mehr zu sich selbst.

»Es wird Ihnen sicher gefallen, Herr Hellwig«, sagte die Assistentin leise. »Mir hat es sehr gefallen. Ich war gestern Abend dort. Allerdings …«, und dabei lächelte sie ein wenig, »vorletzte Reihe, da ist’s billiger.«

Hellwig sah sie kurz an. »Gestern Abend also waren sie dort? Und fiel Ihnen da nichts Besonderes auf?«, wollte er wissen.

»Eigentlich nicht. Nun, ich weiß nicht recht.« Sie wusste in diesem Moment wirklich nicht, was sagen sollte. Marianne überlegte kurz. »Ja, vielleicht. Ganz am Anfang. Das war wirklich richtig komisch. Da kam so ein brasilianischer Trompeter auf die Bühne. Wissen Sie, Herr Hellwig. Gleich als er anfangen wollte zu blasen. Da kam gar kein Ton aus der Trompete, die blies gar nicht. Vielleicht so ein Gag zum Auftakt, wissen Sie?«

»Ja?«

»Also das mit dem Trompeter, das war ja ganz komisch. Da kam ja gar kein Ton heraus. Erst als er das Mundstück ausgewechselt hatte, da ging es richtig los und gleich raste das Publikum wie verrückt vor Begeisterung.«

Hellwig sagte nichts zu der kurzen Bemerkung, doch dann dachte er angestrengt nach.

Punkt 21 Uhr saß Kriminalkommissar Hellwig auf seinem Sessel in der Bel Ami-Revue. Der Vorhang hob sich und Jacinto Silveira sprang mit seiner Trompete in der Hand mitten auf die Bühne, stieß mit voller Lunge in das Instrument und erfüllte die Show mit einer mitreißenden Samba-Melodie.

Zwei Stunden später fiel der Vorhang zum letzten Mal. Herbert Hellwig nahm sich den Assistenten Besserer und einen weiteren Beamten mit. »Also sehen wir uns den Samba-Künster mal etwas genauer an.«

Jacinto Silveira hatte ihnen nach kurzem Klopfen selbst die Tür geöffnet. Dann standen sie mitten in Silveiras Umkleideraum und wiesen sich aus.

»Sie haben wunderbar gespielt«, begann Kommissar Hellwig und versuchte zu lächeln, nachdem sich ein Mitarbeiter an die Tür gestellt hatte.

»Kamen Sie hier herein, um mir das zu sagen?«, fragte Silveira noch beherrscht, war nach dem Blick auf die Dienstausweise jedoch kreidebleich geworden.

»Nein. Nicht nur deshalb«, gab Hellwig zu. »Eigentlich wollten wir nur gerne wissen, ob Sie ab und zu auch Indianer spielen?«

Da der Künstler diese Frage offenbar nicht verstand, wurde Hellwig deutlicher. »Nun, verehrter Senhor Silveira! Zeigen Sie mir schon Ihr Pusterohr! Ich meine damit, dieses feine Röhrchen, das gestern Abend auf Ihrer Trompete steckte.«

Jacinto Silveira sprang von seinem Stuhl auf und wollte zur Tür. Doch Besserer und der Beamte an der Tür hielten ihn fest.

Mit unheimlicher Ruhe holte der Kommissar eine Papierserviette aus der Westentasche und entnahm daraus ein winzig kleines Projektil, nicht größer als die Spitze einer dünnen Nadel.

»Nicht anfassen!«, rief Hellwig zu den Umstehenden. »Es ist vergiftet, denn Henry McSimpson starb gestern Abend an Curare, dem Pfeilgift der Amazonas-Indianer!«

Und dabei sah er Silveira direkt ins Gesicht. »Stimmt’s, Senhor Silveira? Sie sehen, wir haben das klitzekleine Wunder dennoch gefunden. Es steckte mitten in der Aorta von Ihrem Opfer und brachte ihm den sicheren Tod.« Nach einer kurzen Pause fuhr der Kriminalist fort: »Nun fehlt uns also noch das Pusterohr, mit dem sie gestern Abend so gut getroffen haben.«

Besserer zog inzwischen den eiligst beschafften Haftbefehl aus der Tasche und der Beamte an der Tür holte ein paar Handfesseln aus der hinteren Gesäßtasche.

»Ich muss Sie leider festnehmen, zunächst zur weiteren Untersuchung. Und nun sagen Sie mir … das könnte Straferleichterung für Sie bedeuten … weshalb nur haben Sie das getan?«

Jacinto Silveira ließ sich anstandslos festnehmen. Dann wartete er fünf lange Minuten, bevor er sein Geständnis hinausschrie. Wildes Feuer blitzte in seinen Augen: »McSimpson hat mit vor Jahren meine Frau genommen. Und gestern Abend, endlich, da kam er mir vor die Trompete!«

KOMETEN BRINGEN GLÜCK

Joe MacMillan hatte es an diesem Morgen besonders eilig. Wieder war das Geld weg und das kam alle zehn Tage mindestens einmal vor. Also musste er zusehen, wie er über die nächste Runde kommen könnte. Zum Glück war es bis zur Bascon Street nicht allzu weit. Um genauer zu sein, Bascon Street, 112 in der 27. Etage. Denn dort hatte sich seit einiger Zeit die Bradston Immobilien-Agentur eingenistet. Und nur von dort konnte Joe baldige Rettung erwarten.

»Hello Joe, really you are early this«, meinte der hagere Mr. Bulton der gerade in diesem Moment damit beschäftigt war, den vergitterten Eingang zu den Geschäftsräumen aufzuschließen.

»So zeitig heute schon?« Joe nickte kurz und wartete höflich, bis ihn Bulton aufforderte, auf einem der Stühle des Besuchszimmers Platz zu nehmen.

»Sie werden gleich kommen«, tröstete ihn Bulton und bezog sich auf Fredric March und den kleinen Olbranson, die, wie Joe inzwischen herausgebracht hatte, zum Stammpersonal der unscheinbaren Agentur gehören mussten.

Eigentlich wurde Joe jedes Mal von einem anderen Kerl abgefertigt, wenn er, oft reichlich verspätet, das ärmliche, meist verstaubte Büro betrat, um bald danach wieder auf der Straße zu sein und den zweifelhaften Aufgaben nachging. Immerhin hatten alle gewusst, wer er war, wo er wohnte und vor allem kannten sie die genaue Summe, die er jedes Mal in Empfang nahm und wie viel er am Abend wieder zurückzubringen hatte. Und was wusste Joe von diesen Burschen im 27. Stock? Wenn er ehrlich sein wollte, musste er es sich eingestehen. Gar nichts wusste er von diesen Leuten.

Allein in dieser Woche hatte er ein Riesenpaket weggeschleift. Tausende von Dollar waren es. Hastig klemmte er sich in aller Frühe in den Lift und fuhr ins Erdgeschoss. Schon auf der Fahrt nach unten grübelte er darüber nach, wo und vor allem wie er an diesem Morgen den ganzen Plunder loswerden könnte.

Ja, letzten Donnerstag! Da lief das Geschäft wie eine Eins! All diese miserabel gedruckten Greenbacks hatte er an einem Nachmittag im Jockey-Club untergebracht. Tadellose Fünfziger, einen Packen Hunderter und drei Tausend Dollarnoten holte er bei den Wettbüros heraus.

Seine saftige Provision hatte er gleich in Wetten angelegt. Und dabei auf Anhieb viertausend Dollar eingeheimst. All zu lange hielt das auch nicht. Denn er hatte dann doch noch das phantastische Teleskop erstanden. Seit Tagen waren sie alle hinter den Fernrohren her, die sie vor dem totalen Ausverkauf in den Optikerläden und in diesen Allerwelts-Warenhäusern noch vor dem Schlussverkauf ergattern konnten. Den ganzen Tag lang standen sie Schlange, um den Kometen, der durch Zeitungsberichte und Fernsehshows bekannt geworden, so bedrohlich nahe am Erdball vorbeirasen sollte. Und als der bedrohliche RA 202 in nächster Nähe am Himmel erschien und ganze Scharen ängstlicher Menschen in die Kirchen rannten und beteten, da hing nächtelang eine dichte Wolkendecke über dem halben Kontinent.

Joe war es bald satt, sich auf dem harten Stuhl seiner engen Klause die Nächste um die Ohren zu schlagen, um am Ende doch nichts von dem gefährlichen Himmelskörper zu erwischen. Nun, wenn dies nur der einzige Kummer des arbeitslosen Bankangestellten gewesen wäre.

»Mr. Macmillan«, fing die bucklige, blutarme Frau am Anfang der nächsten Woche an. »Es tut mir ja so leid. Aber ich muss Ihr Zimmer haben.« Dabei stützte sich die Alte auf ihre Krücke, ohne die sie nicht einmal durch die schäbige, enge Wohnung hätte schleichen können. In ihrer Verlegenheit zog sie dauernd an ihrem blauschwarzen Kopftuch, das sie über die unordentlichen Haare gebunden hatte. »Mein Neffe will nämlich bei mir wohnen«, behauptete sie ohne Atempause. »Er kommt in unsere Stadt und will auf der Universität studieren. Verstehen Sie?«

In seinem Zimmer, sollte das wohl heißen. Obwohl Joe auch in schwierigen Zeiten die Miete pünktlich bezahlte. Joe schluckte zweimal. Eigentlich wollte er ihr seine Meinung gründlich sagen. Doch was hätte er damit erreicht. Hatte es einen Sinn sich zu widersetzen? Die kleine Dachwohnung gehörte schließlich ihr und wenn sie ihn an die Luft setzen wollte, dann sollte sie eben ihren Willen haben. Also machte er sich auf, um eine neue Bleibe zu finden. Drei Tage klopfte er in der halben Stadt an, bis er schließlich eine Bude ausfindig machte, die ihm einigermaßen passte. Vor allem, weil sie auch mit seinem schmalen Einkommen zu bezahlen war. Teurer wie bei der buckligen Alten war sie ohnehin. Doch die Mieten waren wieder einmal gestiegen. Er würde mehr verdienen müssen, sah Joe bald ein. Viel mehr sogar. Wenig begeistert starrte er am ersten Abend zu dem engen Mansardenfensterchen hinaus, nachdem er Rucksack und Fluggepäck auf dem verblichenen, ausgefransten Teppich verdammt hatte.

Hier, in diesem Getümmel von Wolkenkratzern und Büroblöcken, mitten in der diesigen sauerstoffarmen Abgasluft wird er den schnell entschwindenden Kometen auch nicht mehr erwischen können. Was sollte er jetzt mit dem überflüssigen Teleskop noch anfangen?

*

»Zum Donnerwetter!« Diese Lippe mit der Hasenscharte und dem kleinen Bärtchen drüber. Dazu diese unverwechselbaren Nasenlöcher. Jetzt bohrte auch noch der dicke Zeigefinger im rechten Nasenloch, drehte sich und bohrte und bohrte hemmungslos.

Das musste er sein. Joe schob das inzwischen sicher unverkäufliche Teleskop weiter nach oben, so dass er den Nasenrücken betrachten konnte. Dann sah er die rechte Augenbraue, einige rotblonde Härchen, die kleine Narbe unter den Haarwurzeln an der Stirn. Erst dann, als er sie mitten im Blickfeld hatte, schien alles riesengroß zu sein. Mit allen Einzelheiten! Es konnte keinen Zweifel geben. Er hatte einen der Kerls erwischt, die ihm jeden Morgen die falschen Dollarbündel in die Tasche steckten. Doch die Wand, die er ganz unerwartet im Blickfeld hatte, sah ganz anders aus. Nicht so schmuddelig wie das alte Büro, in das sie ihn jeden Morgen hereinkommen ließen, bevor er zum täglichen »Dollarhandel« losziehen konnte. Sicher ging es dabei um eine Art Hinterzimmer, das er bis jetzt nie gesehen hatte.

Also hatte er irgend einen anderen Raum erwischt. Immerhin. Joe holte seine Klamotten aus dem Rucksack und polsterte den harten Stuhl. Sein Ausblick gab ihm neue Kraft, da er hinter Geheimnisse kam, in die man ihn nie eingeweiht haben würde. Nun hatte er einen Weg gefunden, schnurgerade in jenes »Immobilienbüro« zu glotzen, das ihm bis jetzt seine brisante Zukunft garantierte. Zur Ablenkung kramte er in der Hosentasche. So sah es also aus. Zwölf Dollar und noch ein paar Cents. Gerade genug, um bei Fabricius ein halbwegs ordentliches Frühstück zu kriegen. Nachdem er ein besseres Gefühl im Magen hatte, zog es ihn wieder an seinen Ausguck zurück.

Dieses Mal hockte eine dicke Schmeißfliege an der kahlen Wand. Joe fuhr instinktiv zurück Noch eine Idee nach unten, noch etwas weiter … und Stopp. Was war denn das? Olivgrün. Richtig, ein kleines Safe hatte er plötzlich erwischt. Er traute seinen Augen nicht. Ein richtiger Kassenschrank zwischen ein paar altmodischen Bücherregalen. Vorsichtig schob er seinen Spion nach rechts. Er musste die Eindrücke der riesigen Vergrößerung richtig zusammensetzen. Spinde erschienen im Bild. Einfache Kleiderspinde. In der Mitte des Raumes schien ein alter Tisch zu stehen mit einem Stuhl davor. Von seiner neuen Entdeckung überrascht, verspürte er wenig Lust, schon wieder ein Paket gefälschter Dollar abzuholen. Wer weiß? Richtig. Das waren wieder Fragmente eines Gesichtes, Finger dazwischen, ein Daumen …, ein Zeigefinger schien daneben zu sein, der Ring. Ein Siegelring an Bultons Hand. Der Daumen und der Zeigefinger berührten das Nummernschloss. Jetzt drehte sich die Scheibe langsam nach … rechts! Joe schnappte erregt nach der alten Zeitung, riss ein Stück ab. Den Kuli her! Zum Teufel, wo war das Ding? Jetzt aber! Drei mal eine volle Drehung nach rechts und wieder … Stopp. Anhalten bei 21 … dann nach links … 41 … zwei mal im Uhrzeigersinn nach rechts, anhalten … die Nummer 3. Das also war die Kombination des Safes. Jetzt hatte er, was er brauchte Nur der Schlüssel fehlte noch. Es musste noch einen Schlüssel geben! Joe schob das Teleskop Millimeter um Millimeter nach rechts, weiter nach oben. Nichts. Er lag daneben. Aber dann, plötzlich schien er mitten hinein zu sehen. Unglaublich geradezu. Das offene Safe und die ganzen aufgestapelten Dollarbündel. Wundervolle echte Dollar mussten das sein. Zehntausende vielleicht, oder noch mehr. Schlicht unschätzbar. Echte Dollars, die er von der Straße heraufschleppte. Na wartet! Die verdammte Tür des geöffneten Verstecks versperrte ihm die Sicht an alles Weitere! Entgeistert starrte Joe durch die Linse, dann zitterte er, das Bild war weg.

Er kam nicht los von allem was er sah!. Jetzt wusste er genug. Dennoch, heute morgen durfte er seine Auftraggeber nicht mehr länger warten lassen.

Er musste sich zeigen. Auf dem Weg ins Büro gab er den Gedanken auf, das unnütze Teleskop nach der Kometenpleite wieder zu verscheuern. Andererseits war er wegen des riskanten Jobs besorgt. Stand er nicht von einer Stunde auf die andere im Gefängnis?

Unweigerlich müsste es eines Tages ein jähes Ende haben. Und es wäre mehr als töricht, ein zweites Mal dort aufzukreuzen, wo er schon einmal erfolgreich war. So verringerten sich die Möglichkeiten von Tag zu Tag. Schon deshalb holte Joe jeden Tag weniger Gefälschte ab und sass dafür um so länger an seinem Teleskop. Mit Schmerzen in seinem Rücken starrte er stundenlang hinüber auf die kahle Wand, beobachtete den Tisch auf dem sich Dollars stapelten und immer schien es gutes Geld zu sein.

Zwei mal am Tag sah er Bultons klobige Finger, kannte sie jedes Mal an dem feinen goldenen Ring. Dieser Bulton war es sicher, der den Schlüssel hatte.

So kam der 13. Mai, ein unerwarteter Freitag, an dem er diesen Kerl erwischte.

Der Boss rückte den Tisch zur Seite, schlug den Wollteppich zurück und entfernte ein Brett aus dem Parkettboden. Joe hielt den Atem an, als er verfolgen konnte, wie der Schlüssel des kleinen Safes langsam in diesem Versteck unter dem Parkettboden verschwand.

*

ROGERS LIFT – SERVICE stand in roten Buchstaben auf dem blauen Overall. Joe hatte drei volle Tage mit den Vorbereitungen zugebracht. Mit dem alten Werkzeugkasten in der Hand, den er billig bei Trödler Jessing aufgetrieben hatte, drückte sich Joe an dem Pförtner vorbei. Dann ging es hinauf bis zur letzten Etage.

Im Maschinenraum der Liftmotoren wartete er auf die Nacht. Erst gegen zwei nahm er den oberen Lift und fuhr in die 27. Etage hinab. Mit seinem Ohr am Safe konnte er hören, wie sich der interne Riegel im Inneren des Mechanismus verschob.

Mit seidenen Handschuhen bewaffnet, hatte er schnell den Schlüssel aus dem Hohlraum unter dem Parkett geholt, steckte ihn ins Schloss und drehte nach links.

Das Safe gab nach! Hunderttausende mussten es sein, die jetzt nur eine Hand breit vor seinen Augen lagen! Hunderttausende! Stapel auf Stapel miserabel gedruckter Dollarnoten!

Joe stieß einen Schrei aus Wut und Entsetzen in die Nacht hinaus. Das Schicksal hatte ihn erwischt. Die lange Wartezeit, bis es so weit war, die geduldigen Zeiten am Teleskop, stundenlange Spekulationen, Illusionen, alles war vergeblich gewesen. In jähem Zorn riss er ein Bündel der wertlosen Dollar aus dem Safe, stampfte darauf herum, kickte sie von einer Ecke in die andere. Elend und müde, abgekämpft hockte er sich auf den Tisch. In den leichten Keds ließ er die Füße hin und her baumeln und dachte über sein Schicksal nach. Was blieb ihm noch? Er wartete auf den Morgen, um wenigstens falsche Dollars auf eigene Rechnung unter die Leute zu bringen. Aus lauter Langeweile brach er die Kleiderspinde auf. Die meisten Spinde waren leer, dreckig und verrostet. Im dritten Spind stand ein alter hölzerner Geigenkasten. Gelblich brauner Schimmel hatte sich in dicken Streifen über abgeschabten schwarzen Lack gezogen. Puh! Zum Teufel. Joe war überrascht bevor er anfing sich selbst zu verspotten.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
23 grudnia 2023
Objętość:
210 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783957444875
Właściciel praw:
Автор
Format pobierania:

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