Czytaj książkę: «Behindert? - Was soll’s!»

Czcionka:

Mario Ganß

BEHINDERT? WAS SOLL’S!

Mein Leben im Internat für Körperbehinderte in der DDR

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2015

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Die realen Namen wurden im Buch geändert.

Zweite überarbeitete Auflage

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Lieber Kai!

In den 3 1/2 Jahren, in denen ich mit dir zusammenarbeitete, warst du nicht nur mein Lektor. Bei der Suche nach einem geeigneten Verlag und nach Sponsoren hast du mir stets geholfen und mir so den Rücken für das Schreiben freigehalten!

Wir plauderten aber auch öfters über ganz persönliche Dinge. Du hast mir oft rechtliche Sachverhalte erklärt, auf die wir Behinderten Anspruch haben, von denen ich noch nichts wusste. Letztendlich hast du mich bestärkt, den Weg zu einer persönlichen Assistenz zu gehen. Danke!

Kai, du bist mir ein guter Freund geworden! Leider kannst du nicht mehr das fertige Buch in deinen Händen halten. Du bist viel zu früh von uns gegangen. Dennoch wirst du immer ein Teil meines Buches und demzufolge meines Lebens bleiben.

Im stillen Gedenken

Mario

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Meine körperliche Behinderung annehmen

Die Zeit bei Oma

Oehrenfeld

Vorbereitung auf die Schule

Eine Entscheidung stand an

Urlaub auf dem Campingplatz

Der langersehnte Tag

Der Schulalltag begann

Die Kunst des richtigen Sitzens

Der Pioniergeburtstag

Mein erstes Zeugnis

Schreibversuche

Das richtige Schreibwerkzeug

Nicht für alles ist eine Pille gut

Auch ein guter Schüler muss nachsitzen

Alltag in der Schule und in der Freizeit

Endlich echte Schreiber(le)gebnisse

Die erneute Suche nach einem geeigneten Hilfsmittel

Für die ganze Republik geschrieben

Keine Stubenhocker

Zwei Dreckspatzen im Garten

Hautnah in der Natur

Das verpasste Osterfeuer

Mein neues Zuhause

Der ungewohnte Schulalltag

Jedes Haus hat seinen Namen

Schul- und Heimalltag

Ein weiteres Handicap

Neuerungen

Schule auf Sparflamme

Viele neue Fächer

Ein kleines bisschen Spaß

Schicksalstag in der Familie

Freizeit oder nachdrückliche Erziehung?

Die Medien

Eine verrückte Idee

Was normalerweise nicht sein durfte

Abenteuer auf vier Rädern

Schmetterlinge

Endspurt

Abschied

Meine körperliche Behinderung annehmen

Im November 1967 wurde ich in Roßlau (Elbe) geboren. Wir wohnten in Zerbst (Sachsen-Anhalt). Während meiner Geburt gab es Komplikationen. Da aber die Ärzte im Zerbster Krankenhaus leider den Ernst der Lage nicht erkannten, wurde meine Mutter mit dem Krankenwagen und bei Glatteis ins 15 Kilometer entfernte Roßlauer Krankenhaus gebracht. Durch diese Prozedur verging wertvolle Zeit. In Roßlau führte man dann endlich den für meine Mutter und mich so lebensnotwendigen Kaiserschnitt durch. Durch diesen Eingriff wurde ich zwar gerettet, jedoch erlitt ich bei der Geburt einen erheblichen Sauerstoffmangel. Das ist auch der Grund für meine spastische Lähmung. Diese körperliche Beeinträchtigung äußert sich darin, dass ich krampfhafte Bewegungseinschränkungen der Arme und Beine habe. Meine Sprachfähigkeit ist dadurch ebenfalls gestört und meine Aussprache oft sehr undeutlich. Falls man mich jedoch nicht richtig versteht, muss ich das Gesagte eben noch einmal wiederholen. Geistig bin ich jedoch zweifelsohne voll auf der Höhe!

Über meine körperliche Behinderung denke ich nur selten so richtig nach. Ich brauche sie auch nicht anzunehmen und zu akzeptieren wie andere Menschen, die, eventuell durch einen Unfall, plötzlich zu ihrer Behinderung »gekommen« sind. Für mich gehört sie zu mir wie meine Hände und Füße, denn ich bin schließlich damit aufgewachsen. Wenn ich heute im Rollstuhl sitze und mich von einem Ort zum anderen bewege, sage ich trotzdem umgangssprachlich: »Ich gehe da und da hin.« Und das ist schon so okay.

Obwohl meine Mutter eine schwere Geburt hinter sich hatte, bei der es nun einmal offensichtlich Komplikationen gab, meinten die Ärzte, ich sei ein vollkommen gesundes Kind.

Nach ein paar Monaten merkten meine Eltern und meine Oma schnell, dass ich mich nicht richtig entwickelte. Unter anderem konnte ich meinen Kopf nicht gerade halten, er hing immer zur Seite. Die Antwort der Ärzte war lapidar: »Das ist ein Schiefhals, das gibt sich wieder.« So überließen die Ärzte mich und meinen Eltern einfach dem Schicksal. Nur durch Eigeninitiative meiner Eltern konnte ich mich meinem Alter entsprechend entwickeln!

Die Zeit bei Oma

Wegen meines Handicaps weigerte sich jeder Kindergarten mich aufzunehmen. Zu groß waren in der damaligen Zeit die Berührungsängste. Die meisten Erzieherinnen meinten: »Wenn ich so ein Kind anfasse, dann tue ich ihm weh.«

Da meine Mutter wieder arbeiten gehen wollte, verbrachte ich ab dem ersten Lebensjahr tagsüber die Arbeitswoche bei meinen Großeltern. Meine Oma unterbrach meinetwegen ihre Tätigkeit und kümmerte sich die Woche über rührend um mich.

Meine Oma war sehr um meine körperliche Entwicklung bedacht. Bis zum dritten Lebensjahr konnte ich keine feste Nahrung zu mir nehmen. Mein Saugreflex war so stark ausgeprägt, dass ich jegliches Essen mit der Zunge wieder aus meinem Mund presste. Ich konnte nur aus der Flasche durch einen Nuckel Nahrung zu mir nehmen. So hieß es für meine Eltern und Großeltern entweder zähflüssiges Essen wie Brei für mich herzustellen oder Speisen extra zu pürieren. In den Nuckel wurde daher ein ziemlich großes Loch geschnitten, damit die breiige Nahrung hindurch passen konnte.

Doch meine Oma zeigte hier sehr viel Geduld. Immer und immer wieder versuchte sie, mich mit einem Löffel zu füttern. Als mich meine Mutter eines Tages abholte, sagte Oma: »Heute hat er grüne Bohnensuppe gegessen.« Bis heute weiß ich nicht, warum es ausgerechnet grüne Bohnensuppe war, die ich als erste feste Nahrung zu mir nahm. Heutzutage mag ich diese nämlich überhaupt nicht!

Die ganzen Jahre – bis zur Vorschule – konnte ich nicht allein auf einem Stuhl sitzen. Das Sitzen an sich schien gar nicht einmal das eigentliche Problem zu sein. Scheinbar hatte ich nur Angst herunter zu fallen. So wandte Oma einen raffinierten Trick an. Sie setzte mich auf einen Stuhl und schob mich an den Tisch. So gaben mir die Tischkante und die Rückenlehne zunächst einen sicheren Halt. Um mir nun die Sicherheit zu geben, auch seitlich nicht herunterfallen zu können, stellte sie je einen Stuhl links und rechts, mit der Lehne zu mir gewandt, an meine Seite. Ich war somit in der Lage, vorläufig allein auf einem Stuhl sitzen zu können.

Ein besonderes Augenmerk richtete Oma stets auf die Feinmotorik meiner Hände und Finger. Um mich zu motivieren, erfand sie dabei lustige Spielchen, die es so nirgends gab. Gut, wir spielten auch mal mit Autos oder ähnlichem Spielzeug, welches uns damals zur Verfügung stand. Das machte zwar auch Spaß, doch Omas Ideen waren viel interessanter und kreativer.

Meine Großeltern besaßen ein großes Haus. Die Treppe muss für mich irgendwie sehr anziehend gewesen sein. Von hier oben nach unten zu sehen und meinem Opa zuzurufen, war für mich faszinierend. Oma merkte außerdem, dass es mir Spaß machte, kleine Gegenstände wie etwa Bohnen oder Erbsen aus einer Schüssel zu greifen und sie einfach wegzuwerfen. Das war eine perfekte Übung für meine Finger! Diese beiden Vorlieben kombinierte sie einfach. Sie oder Opa trugen mich die Treppe eine Etage hinauf. Oma brachte eine Schüssel mit besagten Gegenständen hinterher. Dann setzte sie mich an das Treppengeländer und steckte meine Beine zwischen die Gitterstäbe, sodass sie herunter hingen. Vorsorglich zog sie mir meine Schuhe aus, damit diese niemand auf den Kopf bekam. Sie setzte sich hinter mich. So hatte ich einen sicheren Halt. Dann ging das Spiel los. Oma reichte mir eine Bohne nach der anderen. Diese griff ich mit meinen teilweise verkrampften Händen. Oft gelang mir das nicht gleich beim ersten Mal. Doch meine Oma zeigte unendliche Geduld und gab mir die Bohnen immer wieder in die Hände. Hatte ich sie dann fest umschlossen, warf ich sie durch das Geländer nach unten. Es lässt sich kaum beschreiben, welche Freude mir dieses Spiel bereitete. Wenn die Schüssel leer war, durfte Opa alles Heruntergefallene aufsuchen und es uns wieder nach oben bringen, damit das Spielchen von vorn anfangen konnte.

Die schöne Zeit bei meinen Großeltern wurde durch einen zweijährigen und meiner Einschätzung nach ziemlich sinnlosen Aufenthalt im Krankenhaus unterbrochen. Mit zwei Jahren wurde ich in die »Pfeiffersche Stiftung« in Magdeburg eingewiesen. Zu diesem Zeitpunkt hatten meine Eltern immer noch keine konkrete Diagnose beziehungsweise Prognose von den Ärzten erhalten. Dass ich eine körperliche Behinderung habe, war ihnen mittlerweile selbst klar geworden. Aber ob diese jemals heilbar sein würde, sagte ihnen niemand.

In der orthopädischen Abteilung sollte versucht werden, mich mit gezielten gymnastischen Übungen zu »heilen«. Doch meinen Eltern wurde niemals plausibel erklärt, was eigentlich mit diesem Turnen bezweckt werden sollte. Eine bessere Beweglichkeit meiner Gliedmaßen zu ermöglichen, so weit war die Maßnahme noch einzusehen. Aber hätte eine ambulante Behandlung nicht auch ausgereicht?

Während die eigentlichen Therapien wie Gymnastik und Schwimmen noch erträglich waren, ließ die sonstige Betreuung allerdings sehr zu wünschen übrig. An die 16 Kinder lagen in einem Zimmer (eigentlich war dies schon ein Schlafsaal). Ich erinnere mich noch, dass morgens und abends immer gebetet wurde, da es sich um ein kirchliches Krankenhaus handelte. Dies ließ sich ja noch ertragen, denn zum einen verstand ich noch nicht den Sinn dieses Rituals, zum anderen tat mir dabei auch niemand weh. Das einprägsamste Erlebnis dort war die allabendliche Spritze. Diese bekam fast jeder. Wozu sie nützlich war, wusste jedoch niemand von uns. Als Reaktion darauf schrieen wir fast schon solidarisch im Chor!

Zum großen Entsetzen meiner Eltern und Großeltern stellte sich heraus, dass im Krankenhaus niemals auf die körperliche Hygiene geachtet wurde. Bis zu meiner Einweisung war ich sauber, das hieß, ich brauchte keine Windeln mehr. Dies änderte sich nun schlagartig. Am Morgen wurde mir eine Windel umgelegt und diese erst abends wieder erneuert.

Wir Kinder durften nur zweimal in der Woche Besuch empfangen, mittwochs und sonntags, und das zu festgelegten Zeiten. Wenn dann meine Angehörigen in unser Zimmer kamen, fing ich schon an zu schreien. Ein Blick meiner Eltern bzw. Großeltern unter meine Bettdecke bestätigte ihren Verdacht. Ich hatte wieder einmal die Hosen voll. Es war ein äußerst unangenehmes Gefühl, aus dem sie mich bei jedem Besuch erst einmal befreien mussten.

Zu dieser Zeit studierte mein Vater in Karl-Marx-Stadt (dem heutigen Chemnitz) Maschinenbau. Als zukünftiger Ingenieur sollte er dann auch Schüler unterrichten dürfen. In einem Studienfach (Soziologie) wurde unter anderem über verschiedene Arten von Behinderungen gesprochen. So erfuhr mein Vater erstmals auch etwas über Spastiker und dass diese Krankheit nicht heilbar sei. Mit dieser tiefgreifenden Erkenntnis fuhr er sofort an seinem freien Wochenende ins Krankenhaus und nahm mich ohne jeglichen Kommentar mit nach Hause.

Wann immer es die Zeit zuließ, unternahmen meine Eltern und Großeltern mit mir sehr viel, zum Beispiel Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung.

In der Wohnung, aber auch größtenteils im Garten, bewegte ich mich meistens krabbelnd auf allen Vieren vorwärts. Einige Schritte konnte ich jedoch auch mit Unterstützung gehen. Das hieß bei mir immer »battern«. Woher dieser Ausdruck kommt und wer ihn erfunden hat, kann ich nicht sagen. Wenn ich andeutete: »Mal battern«, wusste schon jeder was ich wollte. Dann griff mich derjenige, der gerade in meiner Nähe war, von hinten unter die Arme und stellte mich auf meine Beine. Ich konnte mich dann mit meinem Rücken an den Körper desjenigen, der mir gerade half, anlehnen. Zwar hing ich oft größtenteils in dessen Armen, aber ich bewegte meine Beine doch irgendwie vorwärts. Mit der Zeit achteten meine Eltern und Großeltern immer häufiger darauf, dass ich nicht nur so da hing, sondern meine Füße richtigen Bodenkontakt hatten. Auch wurde zunehmend Wert darauf gelegt, dass mein Oberkörper etwas nach vorn geneigt war und ich mich nicht nach hinten stemmte. Ich sollte lernen, mit einem möglichst aufrechten Gang zu gehen.

Außer Haus schob mich meine Familie in einem Kindersportwagen. Dieser war etwas größer als ein herkömmlicher Kinderwagen, passte aber dennoch zusammengeklappt in unseren Pkw.

Das Bild, welches meine Mutti mit mir und meinem vier Jahre jüngeren Bruder Andreas beim Ausfahren mit dem Sportwagen abgab, schien schon ziemlich witzig zu sein. Es war ein Glück und Zufall in einem, dass Andreas schon mit neun Monaten anfing zu laufen. Sonst wäre es für meine Mutti allein fast nicht möglich gewesen, mit uns irgendwo hin zu gehen. Die Blicke der anderen Passanten waren uns dabei gewiss. Da saß ich schon ziemlich großer Junge in einem Wagen und der kleine Knirps musste nebenher laufen.

Ging meine Mutti einmal kurz in ein Geschäft, ließ sie mich und Andreas draußen stehen. Auffahrten für Kinderwagen oder gar Rollstühle gab es nur sehr selten.

Kaum war meine Mutti im Geschäft verschwunden, kamen oft größere Kinder und lachten mich und meinen Bruder aus. Dies empfand ich als sehr unangenehm. Da ich spürte, dass mich die Kinder wegen meiner Sprachbehinderung sowieso nicht verstehen und so noch mehr lachen würden, traute ich mich nicht, sie anzusprechen. Andreas war noch zu klein, um die richtigen Worte zu finden. Es kam auch manchmal vor, dass Kinder ihre Eltern fragten, was mit mir los sei. Die Antwort war meist: »Der ist krank.«

Mit der Zeit passte ich nicht mehr in den Sportwagen. Deshalb bekam ich von der zu DDR-Zeiten existierenden Sozialversicherungskasse (SVK) dann meinen ersten »echten« Rollstuhl. Durch diesen Rollstuhl sollten unter anderem die Blicke der Kinder, aber auch anderer Leute, gemildert werden. Es machte natürlich ein »besseres« Bild, einen etwas größeren Jungen in einem Rollstuhl, als in einem Kinderwagen zu sehen.

Leider war dieser Rollstuhl für uns fast unbrauchbar. Die Mitarbeiter der SVK mussten ihn aus irgendeinem Lager ausgegraben haben. Wahrscheinlich stammte er noch aus Vorkriegszeiten und war irgendwie ein echtes Geschoss und somit extrem klobig und unhandlich! Der Rollstuhl hatte eine längliche Sitzfläche. Für die Füße gab es einen abklappbaren Fußkasten, welcher den Rollstuhl aber noch länger machte. Vorne hatte er zwei starre Räder und hinten zwei zum Lenken. Eine extrem lange Schiebestange verlängerte den Rollstuhl nochmals. Kein Teil konnte man zügig abmontieren. Schnellsteckverbindungen, wie man sie heute von modernen Rollis kennt, wurden früher nicht verwendet.

So war es verständlich, dass wir diesen Rollstuhl kaum benutzten. Zum einen passte er kaum in ein Auto, zum anderen ließ er sich nur unter großer Mühe schieben. Die Bordsteinkanten konnte man den Rollstuhl nur rückwärts hochziehen, da sich die starren Räder vorne befanden. So fuhren mich meine Eltern und Großeltern notgedrungen weiterhin mit dem Sportwagen durch die Gegend.

Die Tage, Wochen und schließlich auch die Jahre, die ich größtenteils tagsüber bei meiner Oma verlebte, vergingen wie im Flug, zumal ich gerne bei ihr war.

Natürlich machten sich meine Eltern und Großeltern während dieser Zeit immer wieder große Gedanken, ob und in welche Schule ich gehen könnte.

Mit mir wurde sehr viel geübt und – so gut es Eltern bzw. Großeltern können – mir fast alles beigebracht, was ein Kind mit vier bis fünf Jahren wissen sollte. Ich konnte zählen und kannte alle Farben. Die Geschichten aus dem Struwwelpeter sagte ich auswendig vor. Ich war geistig, entsprechend meinem Alter völlig normal entwickelt. Dennoch war meiner Familie klar, dass sie mir niemals einen Lehrer ersetzen können. Ich musste also irgendwie zur Schule gehen.

Meine Eltern gingen mit mir zur Vorschuluntersuchung. Frau Dr. Reichelt, eine Allgemeinärztin, war dafür zuständig, Vorschulkinder auf ihre Schultauglichkeit zu testen. Die Frau machte allerdings den Eindruck, als hätte sie noch nie etwas mit körperlich behinderten Kindern zu tun gehabt. Als Frau Dr. Reichelt mich sah, meinte sie daher nur: »Wenn sie dem Kind das unbedingt antun wollen …« und schickte meine Eltern und mich wieder nach Hause.

Was in den darauffolgenden Wochen wirklich geschah, ist heute für mich leider nicht mehr nachvollziehbar. Eines Tages erreichte uns ein Brief von einer Schule für Körperbehinderte in Oehrenfeld. Ich sollte dorthin kommen und man wollte erst einmal für vier Wochen testen, ob ich überhaupt schultauglich sei. Mit dieser Aufforderung konnte zunächst niemand von uns etwas anfangen. Vermutlich muss sich Frau Dr. Reichelt doch ein Herz gefasst und sich mit dieser Sonderschule in Verbindung gesetzt haben. So sollte ich vielleicht doch eine Chance bekommen, eine Schule besuchen zu dürfen.

Meine Eltern machten sich kundig, wo Oehrenfeld überhaupt liegt und was das genau für eine Einrichtung war. Ein Blick auf die Landkarte blieb erfolglos. Wir fragten uns: »Gibt es diesen Ort eigentlich?« Aber wenn es so in dem Brief stand, musste es ihn ja geben.

Die Spur führte in den Harz. Nahe Wernigerode liegt der Ort Darlingerode und Oehrenfeld ist davon ein Ortsteil. So richtig vorstellen, wo es wirklich liegt, konnte sich dennoch niemand. Zwei Dinge standen allerdings fest: Es musste irgendwo im Harz und ziemlich nah an der damaligen innerdeutschen Grenze liegen.

Zu dieser Schule gehörte ein Internat. Es war gut, dass ich dieses Wort noch nicht kannte und mir meine Eltern immer nur von den schönen Seiten eines Internats erzählten. Aus heutiger Sicht denke ich, dass ich mich strikt geweigert hätte dorthin zu fahren, wenn ich gewusst hätte, was eigentlich auf mich zukam bzw. mich erwartete. Ein Leben in einem Internat bedeutet, getrennt von lieben Menschen zu sein. Dies ist bei Weitem keine leichte Entscheidung für Eltern, zumal sie abwägen müssen, was das Beste für ihr Kind ist. Meinen Eltern, aber auch meinen Großeltern, wurde es mulmig bei dem Gedanken, mich bald in diese Einrichtung abgeben zu müssen. Doch war dies die einzige Chance, mich eine Schule besuchen zu lassen!

Oehrenfeld liegt zirka 130 Kilometer von Zerbst entfernt; viel zu weit, um jeden Tag mit dem Auto zu fahren. Es führte daher kein Weg daran vorbei: Wenn ich zur Schule gehen wollte – und sollte – musste ich in dieses Internat!

Oehrenfeld

Am 3. September 1973, ein Montag, war es so weit. Ein neuer Lebensabschnitt sollte für mich, aber auch für meine Eltern beginnen. Dieser Tag muss so prägend für mich gewesen sein, dass ich mich bis heute nahezu an jede Kleinigkeit erinnere.

Da noch immer niemand genau wusste, wo Oehrenfeld genau liegt, wurden meine Mutti und ich in aller Frühe von einem Krankentransport abgeholt. Diese Fahrt war eine unvergessliche Tortur für mich, denn ich musste nahezu während der ganzen Strecke hinten auf der schmalen Pritsche liegen. Zudem roch es sehr stark nach Desinfektionsmittel. Meine Mutti saß die ganze Zeit neben mir. Wegen der Milchverglasung konnte auch sie kaum nach draußen schauen. Bei Halberstadt nahm sie mich auf den Arm, damit ich eine bessere Sicht auf die nun zum Vorschein kommenden Berge hatte. Es zeigten sich schon erste Anzeichen der einsetzenden Laubfärbung. Frau Dr. Reichelt, die Ärztin, die mich vor wenigen Wochen noch nicht einmal einschulen wollte, fuhr mit. Sie saß vorn. Als sie sah, dass meine Mutti mich hochnahm, sagte sie streng: »Aber gleich wieder hinlegen.«

Es war eine Irrfahrt ohne Gleichen. Wenn man nicht richtig sieht bzw. hört, wohin man hinfährt und was da vorne gesprochen wird, ist das doppelt so aufregend. Ja, ich freute mich zu diesem Zeitpunkt immer noch auf das Internat, denn ich ahnte noch nicht, was da auf mich zukommen sollte.

Nach und nach nahm die Zahl der Bäume merkwürdigerweise stark zu. Der Weg wurde unebener und steiniger. Der Fahrer meinte: »Hier können wir nicht richtig sein«, und schon standen wir mit unserem Krankenwagen mitten in einem dunklen Wald. Dies war mit Sicherheit nicht der richtige Weg. Es dauerte auch nicht lange und ein Soldat mit einem Gewehr kam uns entgegen. Wir mussten irgendwie bis hinter Ilsenburg gefahren sein. Hier begann das Sperrgebiet der damaligen Grenze. Der Wachposten wirkte jedoch recht nett. Er musste den Weg nach Oehrenfeld gekannt haben. Sicherlich waren wir nicht die Ersten, die sich hier verirrt hatten.

Nach etwa einer weiteren Viertelstunde fanden wir Oehrenfeld und das Internat. Ich dachte: »Nun ist es so weit, jetzt kommst du in dieses Internat.« Aus dem Krankenwagen konnte ich nicht wirklich viel erkennen. Ich sah nur einige gelblich gestrichene Baracken und eine Villa, die in Fachwerkbauweise errichtet war. Umgrenzt wurde das Ganze von einem braun-grauen Zaun.

Frau Dr. Reichelt stieg aus und ging zielstrebig in die Villa. In dieser muss sie wohl Leute angetroffen haben, die ihr Auskunft gaben. Als sie zurückkam, winkte sie. Wir sollten weiterfahren. Es gab ein zweites Haus, nicht weit vom ersten entfernt, welches wir auch nach kurzer Zeit fanden.

Es handelte sich um eine weitere schöne, alte Villa. Zu dieser führte ein steiniger Schotterweg, welcher sich kurz vor dem Haus gabelte. Direkt davor stand ein riesiger Ahornbaum.

Der Krankenwagen hielt und wir stiegen aus. Meine Mutti trug mich etwa fünf Stufen hoch und hinein in einen Flachbau, der links die Villa erweiterte. Wir schienen den Eingang für Besucher erwischt zu haben. Erst später stellten wir fest, dass es noch einen ebenerdigen Eingang für die Kinder und die Rollstühle gab, der sich an der rechten Seite der Villa befand. Dies war jedoch für uns in diesem Moment nur nebensächlich.

Zunächst betraten wir einen länglichen Flur, der durch eine Fensterfront recht hell wirkte und nach frisch gestrichenem Holz roch. Niemand war zu sehen. Wir gingen den Flur entlang und kamen in die an den Flachbau angrenzende Villa. Es muss so eine Art Vorraum gewesen sein. Dieser erschien sehr dunkel, da er fast zentral im Haus lag und in ihn kaum Licht fiel. Ein Geruch von alten Mauern und Holz von den Treppen verbreitete sich. Hier trafen wir eine Frau, die zum Personal gehören musste. Sie sprach uns an und führte uns gleich in einen großen Raum, der sehr riesig erschien. In dessen Mitte stand ein deckenstützender Pfeiler. Dieser war im Gegensatz zum Flur regelrecht lichtdurchflutet. Wir standen im Gruppenraum der Vorschule.

Dort saßen, für mich ungewöhnlich, viele Kinder an einem großen langen Tisch sowie auf dem Fußboden. Sie spielten. Zwei Frauen, die Erzieherinnen Fräulein Fischer und Fräulein Kleinert, unterhielten sich gerade an einem weiteren Tisch. Beide waren noch recht jung. Sie konnten noch nicht lange in diesem Beruf tätig gewesen sein. Fräulein Fischer trug lange schwarze Haare und wirkte lang gewachsen und zierlich. Fräulein Kleinert hingegen hatte kurze, helle Haare und erschien etwas kleiner und pummeliger.

Als sie meine Mutti mit mir auf dem Arm sahen, standen sie sofort auf und nahmen uns freundlich in Empfang. Meine Mutti war froh, mich endlich einmal absetzen zu können, denn ich wurde ihr auf dem Arm doch mit der Zeit ziemlich schwer. Ich sollte mich nun zu den anderen Kindern an den Tisch setzen. Auf einen Stuhl! »Aber hier sind ja gar keine seitlich stehenden Stühle, so wie bei Oma!«, dachte ich. Ich bekam Angst! Diese spürte Fräulein Kleinert anscheinend und sagte einfühlsam zu meiner Mutti: »Dann setzen wir ihn hier mit auf die Matte.« Dort konnte ich wie gewohnt sitzen und war erst einmal zufrieden. Neben mir saß ein Junge, Ingo. Ich empfand ihn als einen Riesen. Er war bestimmt einen ganzen Kopf größer als ich.

Meine Mutti nahm an dem Tisch der beiden jungen Erzieherinnen Platz. Sie sprachen sicherlich über einige organisatorische Dinge. Dies interessierte mich wenig. Zunächst! Ich spielte mit Ingo. Er hatte einen schönen großen Bagger, der mich mehr interessierte. Obwohl Ingo so riesig war, freundete ich mich mit ihm gleich an.

Auf einmal schaute ich zu Mutti. Doch an dem Tisch saß sie nicht mehr! Aufgeregt und völlig aufgelöst sah ich mich im Raum um. Mutti war weg! Einfach nicht mehr da! Und richtig. Auf Anraten von Fräulein Fischer und Fräulein Kleinert schlich sich meine Mutti in einem Augenblick, in dem ich abgelenkt spielte, aus dem Raum.

Noch nie zuvor gesehene, dicke Tränen schossen mir ins Gesicht. Ich fing nicht an leise zu weinen, sondern brüllte aus voller Kehle drauf los. Nun wusste ich, was es hieß, in einem Internat zu sein. Getrennt von den Lieben zu Hause und von der gewohnten Umgebung. Ich schrie fast das ganze Haus zusammen. Irgendwie schafften es die beiden Erzieherinnen mich zu beruhigen. Fräulein Kleinert nahm mich mit Bedacht auf ihren Arm, setzte mich an den großen Tisch und blieb neben mir sitzen. So milderte sie meine Angst, vom Stuhl zu fallen. Es gab Mittagessen, Grießbrei mit Kirschen. Liebevoll fütterte sie mich.

Nun war ich in Oehrenfeld, einer Schule für körperbehinderte Kinder und Jugendliche, der ein Internat angehörte. Eigentlich stimmt dieser Sachverhalt nicht ganz. Es verhielt sich tatsächlich andersrum. Die »Heilstätte für konservative Orthopädie«, so die damalige korrekte Bezeichnung, war eine Einrichtung des Gesundheitswesens – also ein Internat mit angeschlossener zehnklassiger Oberschule, die den Jugendlichen einen allgemein anerkannten Schulabschluss ermöglichte. Zwar gab es einen schulischen Direktor, Herrn Rudi Mertens, doch der Arzt, Herr Medizinalrat Dr. Werner Friedrich war Leiter dieser Einrichtung.

Die Einrichtung in Oehrenfeld existierte schon seit 1924. Sie diente zunächst hilfsbedürftigen Kindern als Erholungsstätte. Der Arzt Dr. Helmut Eckhardt (Name nicht geändert) gründete hieraus 1955 diese Heilstätte des Gesundheitswesens mit besagter Schule.

Die gesamte Einrichtung unterteilte sich in zwei Komplexe, einen größeren, genannt »Heim I« und einen kleineren, dem »Heim II«. Beide lagen etwa 500 Meter auseinander.

Im größeren Komplex waren die Kinder und Jugendlichen der Klassen 3 bis 10 untergebracht. Diesen Komplex sollte ich erst einige Jahre später kennen lernen.

Das »Heim II« bestand aus der schon erwähnten alten Villa und dahinter einem schönen großen Garten mit einem Spielplatz.

Etwa zehn Meter rechts seitlich und parallel zur Villa stand ein ziemlich großer Backsteinbau mit einem hohen Schornstein. Die beiden Gebäude schlossen so den Hof ein. Neben zahlreichen Kammern zum Aufbewahren von Gartengeräten und -möbeln befand sich in diesem Steinbau auch der Heizungskeller. Von hier aus wurde die gesamte Villa geheizt. Quer über den Hof ging in gewisser Höhe ein dickes, eingepacktes Rohr, wahrscheinlich der Vorlauf für die Heizung. Direkt darunter auf dem Boden sah man einen abgedeckten Schacht. In ihm verlief entsprechend das Rohr für den Rücklauf der Heizung.

Den Backsteinbau und die Villa verbanden im hinteren Drittel des Hofes ein Schleppdach und eine auf der Rückseite der zwei Gebäude verbindende Bretterwand. Durch diese Wand führte eine kleine Tür in den Garten. Den größten Teil des so überdachten Hofes nahm das Lager für die benötigte Kohle in Anspruch.

Ach ja, an dem sogenannten Heizhaus befand sich noch ein winziger Seitenanbau, der dem Personal Platz für ihre Toilette bot. Es muss im Winter auf diesem Örtchen bestimmt lausig kalt gewesen sein, wenn jemand dort hinüber ging.

Das gesamte Grundstück umgab ein dunkelbraun gestrichener Zaun. Auf der Länge zwischen den beiden Gebäuden war er höher und die Bretter so eng, dass man kaum hindurch sehen konnte. Hinter dem niedrigen Zaun sah man schön angelegte Blumenrabatten.

Die Villa hatte ein Erdgeschoss, eine obere Etage sowie einen ausgebauten Dachboden. Das Erdgeschoss war seitlich noch um den schon erwähnten Flachbau erweitert worden. Auf der gesamten unteren Ebene fand man den Raum für die Vorschule, welcher auch der größte war. Außerdem befanden sich hier einige Schlafräume, der Waschraum, ein bis zwei Klassenzimmer sowie der Gymnastikraum. In einer kleinen Küche bereitete man die Mahlzeiten zu. Das Mittagessen wurde jedoch jeden Tag aus der großen Küche gebracht, die sich im »Heim I« befand.

Die obere Etage des »Heims II« beherbergte zwei weitere Klassenräume, einen kleinen Aufenthaltsraum für das Personal sowie weitere Schlafräume. Zu diesen Räumlichkeiten führten zwei Treppen. Einige Kinder, die unten ihren Klassenraum hatten, schliefen teilweise hier oben. Diejenigen, die nicht allein die Treppen hinauf kamen, wurden hoch getragen. Einen Fahrstuhl gab es nicht.

Im Dachgeschoss richtete man einige Zimmer für das Personal her, welches von weiter entfernt kam und nicht jeden Tag zur Arbeit fahren konnte. Hier oben hatten ebenfalls die Lehrer ihr Zimmer. Desweiteren existierten auf dem Boden noch kleine Kammern, die zur Aufbewahrung von Dingen jeglicher Art dienten.

Im Innenbereich des Heims II sah man kaum Rollstühle, das war den Kindern aber egal, da sie sich auch ohne gut fortbewegen konnten. Wir bewegten uns so vorwärts, wie wir es von zu Hause her gewohnt waren, meistens krabbelnd. Sollten die Hände nach dem Waschen einmal sauber bleiben, dann wurden wir von den Erziehern oder Pflegern an den Tisch gesetzt oder ins Bett getragen.

Für unser körperliches Wohlbefinden kümmerte sich das pflegerische Personal. Es sorgte unter anderem für hygienische und medizinische Maßnahmen, wie zum Beispiel die Medikamentengabe. Neben den Lehrern waren auch Erzieher tätig, die uns hauptsächlich am Nachmittag betreuten und mit uns beispielsweise Hausaufgaben machten. Aber die Erzieher brachten uns abends auch ins Bett und unsere Pflegekräfte schauten uns bei den Hausaufgaben schon mal über die Schulter. Es war ein harmonisches Zusammenspiel der Mitarbeiter, ein Hand in Hand aller Angestellten. Durch diese enge Zusammenarbeit entstand eine Atmosphäre, die einer Großfamilie glich. Egal ob Lehrer, Erzieher oder Pfleger, der eine war einfach für den anderen da, wenn auch vornehmlich für seinen zuständigen Bereich. Niemand hielt sich für etwas Besseres! Jeder der Beschäftigten brachte uns Kindern seine ganz eigene Fürsorge, ja teilweise Liebe entgegen. Wir fühlten uns geborgen! Und gerade dieses persönliche Engagement der Mitarbeiter machte unter anderem das Einmalige dieser Einrichtung aus.

Schnell lebte ich mich in Oehrenfeld ein. Das Leben und das Spielen in der Vorschule mit den anderen Kindern machten mir richtig viel Spaß. Ich lachte viel und gern.

Seitdem ich in Oehrenfeld war, hatte ich ein Problem. Ich konnte immer noch nicht ohne Unterstützung allein auf einem Stuhl sitzen. Eines Tages kam Fräulein Kleinert auf die Idee, einmal auf dem Dachboden zu sehen, ob sich dort nicht noch eine alte Sitzgelegenheit auftreiben ließ. Und tatsächlich wurde sie fündig. Es war ein ganz kleines niedriges Stühlchen aus Holz. Schnell befreite sie es vom Schmutz. Zu meiner Freude hatte der Stuhl sogar seitliche Lehnen. Der schien gerade auf mich gewartet zu haben! Als der Stuhl sauber war, wurde ich gleich hineingesetzt. Jeder war gespannt, wie ich mit ihm zurechtkam.

Ein erster Erfolg zeigte sich dann gleich. Ich schrie schon mal nicht mehr. Doch noch immer muss ich Angst gehabt haben. Ich machte mich so steif, dass ich die Beine hochnahm und so nach vorne vom Stuhl rutschte. Es half nur noch eine Methode. Man holte eine Binde und wickelte sie um mich und die Rückenlehne des Stuhles. So konnte ich wenigstens halbwegs – »gefesselt« – allein auf einem Stuhl sitzen. Eine Lösung auf Dauer war dies natürlich nicht. Da half nur eins: Physiotherapie!

Um unsere körperlichen Fähigkeiten zu testen und zu fördern, hatten wir von Anfang an Physiotherapie. (Dies wurde bei uns früher als »Heilgymnastik« bezeichnet. Später sagte man aber »Physiotherapie«, da das Wort »Heil…« nicht mehr genannt werden sollte, weil es an vergangene Zeiten erinnerte.)

Fast alle Kinder gingen überhaupt nicht gern dorthin. Dies hatte einen triftigen Grund: die Physiotherapeutin Frau Ziegenbarth, eine schon ältere Frau. Sie erschien in kräftiger und hochgewachsener Gestalt mit grau meliertem Pagenschnitt. Die Frau trat sehr resolut auf. Schon allein dies flößte uns gehörigen Respekt ein. Sie hatte außerdem Methoden, einem etwas beizubringen, die aus damaliger Sicht haarsträubend, ja fast unmenschlich waren. Diese sollte jeder von uns mehr oder weniger stark zu spüren bekommen.

Wie schon erwähnt, konnte ich kaum auf einem normalen Stuhl sitzen, geschweige dann auf einer Turnbank. Doch dies sollte ich nun erlernen:

Frau Ziegenbarth setzte mich auf eine solche Bank. Ich machte mich sofort steif und rutschte gleich wieder hinunter. Unsere Therapeutin setzte mich ein weiteres Mal auf diese Bank und schwups lag ich erneut unten. Das Spielchen ging ewig. Frau Ziegenbarth schien unendliche Ausdauer zu haben, ich aber auch! Letztendlich schmiss ich mich schon aus Gnatz auf den Boden. Ich schrie, kratzte und biss sogar. Sie packte mich immer wieder an den Sachen und stauchte mich regelrecht auf die Bank. Ich weinte bitterlich und rief nach meinen Eltern. Doch die waren ja nun einmal nicht da. Ich dachte: »Das scheint die auszunutzen.«

Mit der Zeit merkte ich langsam, dass ich mit Gnatz und einem Böckchen bei Frau Ziegenbarth nicht durchkam. Dies schien ihr Herz nicht zu erweichen. Ich zeigte einen guten Willen. Und siehe da, sie wurde auf einmal ganz zugänglich. Nun übte sie mit mir ganz ruhig und verständnisvoll das Sitzen auf der Turnbank. Bald konnte ich es. Von da an klappte auch das Sitzen auf meinem Stühlchen alleine und ohne fesselnde Binde.

Frau Ziegenbarth hatte allgemein sehr eigene Methoden, uns Kindern etwas beizubringen. So zum Beispiel bei denjenigen, die durch eine Halbseitenlähmung ihren einen Arm beziehungsweise ihre Hand nicht richtig bewegen konnten. Sobald sie merkte, dass dieses Kind keinen Willen zeigte, seinen »kranken« Arm zu benutzen, band sie den »gesunden« auf den Rücken. So wurde das Kind kurzerhand gezwungen, seine gelähmte Hand beziehungsweise seinen Arm zu benutzen.

Viele Eltern beschwerten sich bei Herrn Mertens und Herrn Friedrich über die Behandlungsmethoden von Frau Ziegenbarth. Erfolg hatten sie kaum. So gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder die Eltern nahmen ihre Kinder aus der Physiotherapie oder sie duldeten die ungewöhnlichen Lernmethoden. Meine entschieden sich für Letzteres, wofür ich ihnen heute sehr dankbar bin!

Einsicht kommt meistens spät. So verhält es sich auch bei mir. Aber wie soll man als kleines Kind wissen, dass es so eine Frau im Grunde nur gut mit einem meint? Man denkt in diesem Augenblick nur: »Die Frau tut mir weh. Die ist böse.« Was Frau Ziegenbarth mit ihren durchaus umstrittenen Methoden bezwecken wollte, das begreift man erst hinterher.

Vorbereitung auf die Schule

Die ersten Wochen und Monate in der Vorschule vergingen sehr schnell. Die vier Wochen Probezeit hatte ich ohne besondere Vorkommnisse hinter mir und lebte mich schnell in die Gruppe ein. Man wollte mich vorerst in Oehrenfeld behalten und mich zu gegebener Zeit noch einmal auf meine Schultauglichkeit testen.

Doch für ein Mädchen aus unserer Vorschulgruppe war die Probezeit nach vier Wochen vorbei. Schnell merkte man, dass sie uns anderen Kindern geistig weit unterlegen war. Sie störte die Beschäftigungen und besonders die Nachtruhe. Sie lief nachts umher und machte sich in der Regel in der Küche zu schaffen. Dann aß sie aus dem Futtereimer, in dem eigentlich die Speisereste für die Schweine gesammelt wurden. Das Verhalten des Mädchens war einfach zu auffällig und so wurden ihre Eltern gebeten, ihr Kind wieder mit nach Hause zu nehmen.

Da viele Kinder von weit entfernt nach Oehrenfeld kamen, lohnte es sich kaum, dass unsere Eltern uns jedes Wochenende nach Hause holten. Abgesehen von den langen Fahrzeiten wäre dies für uns Kinder eine viel zu ungeheuerliche Achterbahn der Gefühle geworden. Frühestens am Freitagmittag hätten unsere Eltern anreisen können. Die Freude darauf wäre bei uns Kindern natürlich unendlich groß gewesen. Doch die effektive Zeit, die wir dann in unserem Elternhaus verbringen würden, wäre nicht wirklich lang gewesen. Schon spätestens Sonntag nach dem Mittagessen hieße es dann wieder: »Ab nach Oehrenfeld«. Traurigkeit machte sich so den ganzen Sonntag breit.

Um uns diese Gefühlsschwankungen zu ersparen, zeigte die Erfahrung, dass es für uns Kinder, aber auch für die Eltern besser war, uns nur zu den Ferien abzuholen. Waren die Zeiten zwischen den Ferien etwas zu lang (unter anderem zwischen den Herbst- und Weihnachtsferien) richtete man einen Besuchssonntag ein.

Solche Sonntage hasste ich eigentlich. Zwar freute ich mich, dass ich meine Eltern einmal wieder sah. Doch wusste ich, dass sie nach wenigen Stunden abermals ohne mich nach Hause fahren würden. Meistens war an diesen doch ersehnten Sonntagen auch noch Elternversammlung. So blieb im Grunde noch weniger gemeinsame Zeit für uns mit unseren Eltern.

Am ersten Besuchssonntag, den ich in Oehrenfeld erlebte, fand ein Gespräch zwischen Herrn Dr. Friedrich und meinen Eltern statt. Herr Dr. Friedrich hatte sehr viele Erfahrungen aus seinem jahrelangen Umgang mit körperlich behinderten Kindern. Er konnte zum ersten Mal meinen Eltern klipp und klar sagen, was es mit meiner Behinderung auf sich hat. Meine Eltern erfuhren, dass ich geistig vollkommen entwickelt bin. Nur das Gehirn konnte auf Grund des Sauerstoffmangels bei der Geburt meinen Körper nicht richtig steuern. Deshalb habe ich diese krampfartigen Bewegungen. Etwas scherzhaft meinte Herr Dr. Friedrich: »Mit dieser Behinderung kann ihr Sohn hundert Jahre alt werden.«

In den Monaten vor der Einschulung wurden ich und die anderen Kinder intensiv auf die Schule vorbereitet. Wir waren sechs Kinder in der Vorschulgruppe. Durch diese überschaubare Anzahl konnte mit jedem von uns intensiv geübt werden.

Da es in Oehrenfeld eine allgemein übliche zehnklassige polytechnische Oberschule gab, orientierten sich auch die Beschäftigungen in der Vorschule an dem Bildungs- und Erziehungsplan des damaligen Bildungswesens.

In zahlreichen und durchaus lustigen Beschäftigungen brachten uns Fräulein Kleinert und Fräulein Fischer bei, mit Mengen zu rechnen und zu zeichnen. Beim Zeichnen übte man mit uns unter anderem schräge und gerade Striche sowie verschiedene Bögen. Die Kinder aus meiner Vorschulgruppe meisterten diese Übungen relativ leicht, konnten sie doch zumindest eine ihrer Hand richtig bewegen. Bei Detlef, der ebenfalls wie ich Spastiker war und Koordinierungsschwierigkeiten der Hände hatte, konnte man immerhin mit ein wenig Geduld erkennen, was er zeichnete. Hingegen war bei mir auch nicht mit größter Fantasie zu erahnen, was ich da unter gewaltigen Anstrengungen zu Papier brachte. Nur durch Führen meiner Hand war ein einigermaßen akzeptables Ergebnis erkennbar.

Zum Rechnen nahmen wir kleine farbige Holzstäbchen, aber auch andere geometrische Figuren zu Hilfe. Während ich das Rechnen problemlos im Kopf bewältigte, bereitete es mir große Mühe, die Stäbchen und Figuren auf dem Tisch geordnet hinzulegen. Immer wieder stieß ich sie durch meine unkontrollierten Bewegungen der Hände durcheinander. Auch hier gelang es mir nur mit Hilfe der Erzieherinnen (sie führten meine Hände), die Stäbchen und Figuren einigermaßen richtig abzulegen.

Natürlich stand auch Basteln auf unserem Programm. In den meisten Fällen war hier der Umgang mit einer Schere erforderlich. Während die anderen Kinder bei dieser nicht ganz ungefährlichen Tätigkeit unter strenger Kontrolle der Erzieherinnen standen, gab man mir verständlicherweise erst gar keine Schere in die Hand. Zu groß wäre für mich und die Anderen die Verletzungsgefahr gewesen.

In weiteren Beschäftigungen lernten wir Lieder und Gedichte, was mir besonders leicht fiel und mir immer Freude bereitete. Als mich meine Eltern Ostern wieder einmal nach Hause holten, sagte ich ihnen spontan ein für diesen Anlass gelerntes Gedicht auf, worüber sie sich sehr freuten.

Das Radio war zu diesem Zeitpunkt so ziemlich die einzige Verbindung zur Medienwelt. Es gab zwar in unserem Haus einen Fernsehapparat (damals in schwarz/weiß), doch dieser stand in der ersten Etage und wir Kinder vermissten ihn im Grunde auch überhaupt nicht.

Neben der Unterhaltung wurde das Radio natürlich für einige Beschäftigungen genutzt. Da gab es eine Sendung, die speziell für Vorschulkinder gemacht wurde, das »Butzemannhaus«. Dies kam in der Woche immer morgens von 8.40 bis 9.00 Uhr im »Radio der DDR«. An jedem Tag der Woche stand die Sendung unter einem anderen Thema. So wurden meines Wissens nach Geschichten erzählt, zum Beispiel»Vom kleinen Pfennig«.1 An einem anderen Tag sangen Kinder bekannte Lieder, bei denen wir mit einstimmen konnten. Mit der Zeit wussten wir schon immer, was an welchem Tag kam. Das »Butzemannhaus« stellte einen festen Bestandteil unserer Beschäftigungen dar, sofern keine besonderen Aktivitäten wie Spaziergänge geplant waren. Dementsprechend freuten wir uns mehr oder weniger auf die Sendungen, je nach dem, welches Thema an den Tagen dran war. Doch einen besonderen Tag werde ich nicht vergessen:

Es war wieder einmal ein Mittwoch, die Zeit um den 30. November, meinem Geburtstag. Draußen begann es in der düsteren Zeit gerade Tag zu werden. Fräulein Kleinert setzte uns vor das Radio – es war noch ein alter großer aus Holz gefertigter Röhrenapparat – um das »Butzemannhaus« zu hören. Für uns Kinder verlief alles wie gewohnt. Wir quasselten noch miteinander, während die Sendung schon anfing. Wir wussten, dass mittwochs immer die »Glückwunschtante« mit ihrem Teddy »Brummelchen« Glückwünsche für Kinder über den Sender schickte. Dies fanden wir eher langweilig. Kannten wir die Kinder ja sowieso nicht, die da genannt wurden.

Doch an diesem Tag mahnte uns Fräulein Kleinert ungewöhnlich oft zur Ruhe. Warum nur? Hatte sie sich etwas ausgedacht, von dem wir noch nichts ahnten?

Ja und so war es tatsächlich. Immer wenn die »Glückwunschtante« die Namen der Kinder aufzählte, die Geburtstag hatten, sollten wir ganz still sein und Fräulein Kleinert drehte das Radio ein wenig lauter. Und ganz plötzlich, total unerwartet erklang aus dem Lautsprecher mein Name, »Mario Ganß«. Schlagartig war es natürlich dann mit der Ruhe vorbei! Ich hüpfte vor lauter Aufregung fast aus meinem Stühlchen. Die anderen Kinder riefen in heller Begeisterung wild durcheinander: »Mario, du warst im Radio!« Man kann sich vorstellen, dass es anschließend fast unmöglich war, die Sendung noch zu Ende zu hören. Aber das nahm Fräulein Kleinert spielend in Kauf, denn ihr war ja die Überraschung absolut gelungen!

Hinterher erzählte mir Fräulein Kleinert, dass meine Oma die ganze Sache ausgeheckt hatte. Sie rief beim Sender an und bestellte die Glückwünsche zu meinem Geburtstag.

Richtig viel Spaß machten uns die Turnstunden mit Fräulein Fischer und Fräulein Kleinert. Hier konnten wir, im Gegensatz zur Physiotherapie, einmal nach Herzenslust so richtig herumtoben. Keiner achtete dabei so streng darauf, dass wir uns nicht so bewegten, wie wir es eigentlich bei Frau Ziegenbarth immer tun mussten.

Nach den lehrreichen Beschäftigungen blieb natürlich viel Zeit zum Spielen. Dafür eignete sich unser Gruppenraum bestens, da er sehr groß war. Der riesige Traktorreifen hatte es uns allen besonders angetan. Mit ihm spielten wir alle am liebsten. Konnte man sich doch in seinem Inneren so schön verstecken und sich mit ihm durch die Gegend rollen lassen.

Wenn der gegenüberliegende Gymnastikraum nicht gerade für die Physiotherapie oder den Sportunterricht genutzt wurde, durften wir auch in diesem spielen, meistens am Nachmittag oder am Wochenende. Dann waren auch die anderen Kinder aus der ersten und zweiten Klasse dabei. Oft spielten wir »Feuer, Wasser, Sturm«. Dieses Spiel mochten wir fast alle sehr gerne, denn es eignete sich gut zum Austoben. Dabei ging es darum, Kommandos einer Erzieherin so schnell wie möglich zu folgen. Sagte sie »Feuer«, dann rannten beziehungsweise krabbelten alle Kinder durch den Raum. Bei »Wasser« suchte sich jeder etwas, worauf man klettern konnte, die Sprossenleiter zum Beispiel, aber eine Matte tat es auch. »Sturm« war das Zeichen, sich flach auf den Boden zu legen. Derjenige, der bei diesen Anweisungen jeweils der Letzte war, schied aus.

Die Spaziergänge an der frischen Luft standen bei uns Knirpsen ganz oben auf unserer Wunschliste.

Für diese Ausfahrten standen uns solche Rollstühle zur Verfügung, wie ich einen davon zu Hause hatte. Obwohl sich der Rollstuhl für meine Eltern eher als unhandlich erwies, war dieser für Spazierfahrten mit mehreren Kindern durchaus praktisch. Wegen der langen Sitzfläche hatten in ihm gleich zwei Kinder Platz. Einige Kinder aus der Vorschule waren recht gut zu Fuß. Dennoch erwies es sich als günstiger für sie bei längeren Spaziergängen eine Sitz- und Fahrgelegenheit zu haben. So bot unter gegebenen Umständen der lange Fußkasten des Rollstuhles Platz für ein drittes Kind. Auf diese Weise bekamen unsere beiden Erzieherinnen uns sechs Kinder auf einmal unter. Wegen den größeren starren Rädern vorn am Rollstuhl war dieser auch ganz gut für die in dieser Gegend verbreiteten unebenen Wege geeignet.

Die nähere Umgebung bot sich für schöne Spaziergänge regelrecht an. Nicht weit von unserem Haus entfernt begann ein großer Wald. Unweit von diesem schloss sich ein kleiner Teich mit einer hübschen Wiese an. Hier ließ es sich hervorragend spielen und herumtoben. Wenn der Boden nicht zu nass war, setzten uns die Erzieherinnen auf die Wiese und wir konnten herumkrabbeln. Manchmal nahmen wir Decken und etwas zu essen mit. Das Picknick am Teich war dann immer etwas Besonderes.

Einen erfrischenden Spaziergang durch den Wald empfand ich oft als ziemlich schaurig. Es gab Stellen, an denen der Baumwuchs der Fichten sehr dicht war. Düsterheit und somit eine gewisse gruselige Stimmung machten sich breit. Oft kamen wir an Kreuzungen vorbei, deren Wege noch tiefer in den Wald hineingingen. Insgeheim wäre ich diese Wege gern einmal entlang gegangen, um zu erfahren, wo sie hinführten.

Selbst der Winter hinderte uns nicht daran, die kalte, aber klare Luft zu genießen. Dann größtenteils auf zwei Kufen. Zwar bedeutete dies für unsere Erzieherinnen immer zusätzliche Arbeit. Mussten wir doch zunächst einmal warm angezogen werden. Dann wurden die Schlitten herausgeholt. Einen nicht unerheblichen Nachteil bei diesen Aktionen gab es: kurioserweise die vom Schnee geräumten Wege. Die Kinder, die einigermaßen gut zu Fuß waren, konnten ja die betreffenden geräumten Stellen selbst gehen. Doch mich, der noch nicht einmal alleine stehen konnte, musste man mit dem Schlitten über den so manchmal blanken Weg ziehen. Da auch andere Kinder, gerade bei Schnee, schlecht laufen konnten, wurden auch schon einmal zwei Kinder auf einen Schlitten gesetzt. Dies bedeutete oft für die Erzieherinnen eine ganz gewaltige Plackerei, zwei Kinder gleichzeitig über stellenweise blanke Steine zu ziehen. Doch niemand von ihnen tat dies widerwillig, da sie ebenfalls durchaus Spaß an der Sache hatten!

An Bergen für ein flottes Rodeln mangelte es bei uns keinesfalls. Unter anderem schlängelte sich ein geeigneter langer Berg gleich hinter unserem Haus entlang. Bei solchen Schlittenfahrten gingen Frau Fischer und Fräulein Kleinert entweder nur mit einigen Kindern oder es kamen noch ein oder zwei von den Pflegern hinzu. Ein weiterer leerer Schlitten wurde mitgenommen. Der Grund war einfach. Es passten zwar immer zwei Kinder auf einen Schlitten, doch beim Herunterrodeln der Berge musste immer ein Erwachsener mitfahren. Während dieser Zeit setzte man das zweite Kind auf den leeren Schlitten. Man konnte uns ja nicht einfach in den Schnee setzen und warten lassen, bis die anderen gerodelt waren.

Aber auch ohne Spaziergänge hielten wir uns viel in unserem Garten hinter dem Haus auf. Neben Zierrasen mit Blumenrabatten, die wir nicht betreten durften, lud uns eine große Wiese zum Spielen und Herumtoben ein. Von dieser extra abgetrennt gab es Spielgeräte wie ein Karussell und eine Schaukel. Bänke fand man hier natürlich auch. Wer nicht allein laufen konnte, wurde in den Garten getragen und auf eine Bank oder gleich auf die Wiese gesetzt.

Ich kann mich kaum erinnern, dass wir Rollstühle benutzten, wenn wir in den Garten gingen. Wenige Ausnahmen gab es, und zwar für die Kinder, die entweder zu schwer waren oder sich gerade etwas gebrochen hatten. Dies kam gar nicht so selten vor, denn einige Kinder hatten die sogenannte »Glasknochenkrankheit«.

Etwas, dem wohl alle Kinder während eines Schuljahres entgegenfiebern, sind die großen und kleineren Ferien. Da machten wir Vorschulkinder keine Ausnahme. Wir hatten immer mit den Schulkindern zeitgleich Ferien. Den Tag der Abreise konnten wir verständlicherweise kaum erwarten. War so endlich erneut die Zeit gekommen, seine Eltern nach etwa vier bis sechs Wochen in die Arme schließen zu können. Die Koffer waren meistens schon gepackt und so hieß es, so schnell wie möglich ins Auto und ab nach Hause. Unterhielten sich meine Eltern dann noch mit den Erzieherinnen, so drängelte ich vehement. Die Freude, nach so langer Zeit in seine gewohnte Heimat zu kommen und seine lieben Verwandten wiederzusehen, war einfach riesig!

Aber so groß die Freude war, einmal nach Hause zu fahren, bedeutete dies auch ebenso jedes Mal Schmerz, wieder nach Oehrenfeld fahren zu müssen. Diese Tage hasste ich sehr! Schon ab Halberstadt fing ich an zu schluchzen. Dies steigerte sich bis Oehrenfeld in ein tränenreiches und lautes Weinen. Man wird es wohl schon vom Weiten gehört und sich gedacht haben: »Jetzt ist wieder Mario Ganß im Anmarsch.« Meine Eltern fackelten beim Abschied auch nicht lange. Sie übergaben mich dem Personal und verschwanden dann gleich. Auch wenn diese Art und Weise vielleicht nicht gerade die schönste war, sich voneinander zu verabschieden, stellte sie sich dennoch für mich als die beste heraus. Nachdem meine Eltern gingen, weinte ich noch einen kurzen Moment. Dann sah ich meine Freunde, fing an, mit ihnen zu reden oder zu spielen und die Welt war für mich halbwegs in Ordnung.

Mit der Zeit und in den kommenden Jahren wurde dieser Trennungsschmerz zwar immer weniger, doch so richtig verschwand er nie.

Eine Entscheidung stand an

Das Jahr in der Vorschule näherte sich dem Ende. Doch ehe es endlich in die ersten langersehnten großen Ferien ging, stand uns Kindern ein abschließender Test bevor. In ihm wollte man noch einmal jedes Kind einzeln prüfen, ob es geistig und physisch in der Lage sein würde, die Schule zu besuchen.

Der Test hatte aber noch einen weiteren Hintergrund, von dem wir Kinder zu diesem Zeitpunkt noch nichts mitbekamen. Eines war klar: Alle Kinder, die in Oehrenfeld eingeschult wurden, mussten schon gewisse geistige Voraussetzungen erfüllen. Nicht umsonst war es eine zehnklassige Oberschule mit einem ganz normalen Lehrplan, nach dem sich auch diese Schule zu richten hatte. Nun gab es aber Kinder, die zwar geistig völlig auf der Höhe ihres Alters waren, aber aufgrund ihrer schweren körperlichen Behinderung trotzdem Schwierigkeiten in der Schule gehabt hätten. Wie sollten diese Kinder unter anderem im Unterricht schreiben? Für langes Üben und Experimentieren mit ihnen sah der vorgeschriebene Lehrplan keine Zeit vor.

Um diesen Kindern trotzdem die Möglichkeit zu geben, in angemessener Weise am Unterricht teilzunehmen und ihr Defizit durch gezieltes Üben zu mindern, sollten ab dem kommenden Schuljahr erstmals sogenannte S-Klassen (Sonder-Klassen) eingeführt werden. Man teilte die ersten zwei regulären Schuljahre in drei auf, also in die Klassen S1, S2 und S3. So gingen wir je anderthalb Jahre in die erste beziehungsweise in die zweite Klasse. Unter diesen Gegebenheiten würde der Klassenlehrer mehr Zeit haben, jedes Kind individuell zu fördern.

Unsere Erzieherinnen bereiteten uns Wochen zuvor in Beschäftigungen auf dieses Ereignis vor. Es sollte ein kleiner Test mit jedem einzelnen Kind durchgeführt werden, der ähnlich einer Beschäftigung ablaufen sollte. Man erzählte uns, dass an diesem Test der Schuldirektor, Herr Mertens, der ärztliche Leiter, Herr Dr. Friedrich und unser zukünftiger Klassenlehrer, Herr Reimert, daran teilnehmen würden. Außerdem sollte unsere Erzieherin, Fräulein Kleinert auch an diesem Tag mit dabei sein. Dies beruhigte mich etwas. Hatte ich so wenigstens eine vertraute Person an meiner Seite.

Der Tag, an dem der Test stattfand, war gekommen. Spannung, was da auf mich zukommen würde, machte sich in mir breit. Jedoch Angst, so wie vor richtigen Prüfungen, hatte ich keine. Ich war einfach noch zu klein, um den wichtigen Sinn dieser Aktion zu begreifen.

Wahrscheinlich wollte man uns schon einmal die Atmosphäre eines echten Klassenzimmers spüren lassen. Deshalb wurde der Test in unserem zukünftigen Klassenraum durchgeführt. Er lag in der oberen Etage. Als letztes von uns sechs Kindern war ich an der Reihe. Vielleicht weil sich meine Behinderung und die damit zu erwartenden Probleme in der Schule als am schwierigsten erwiesen. Fräulein Kleinert trug mich die zwei Treppen hinauf. Wir betraten den Raum. Da er genau über Eck des Hauses lag, hatte er zu zwei Seiten Fenster. Diese ließen sehr viel Licht hinein. In der Mitte des Raumes wurde aus vier kleinen quadratischen Tischen ein großer zusammengestellt. An diesem saßen schon Herr Mertens, Herr Friedrich sowie Herr Reimert. Fräulein Kleinert setzte mich mit in die Runde und nahm neben mir Platz.

Die kleine Beschäftigung führte – zu meiner Freude – Fräulein Kleinert durch. Deshalb war alles fast so gewohnt, wie in den anderen Beschäftigungen auch, abgesehen davon, dass jetzt noch drei für mich relativ fremde Personen zusahen. Eine gewisse Unruhe stieg in mir auf. Dies merkte Fräulein Kleinert und beruhigte mich. Wir fingen einfach mit den doch schon vertrauten Übungen an.

Zuerst sollte ich im Kopf rechnen. Dies fiel mir natürlich nicht schwer und so meisterte ich die erste Aufgabe mit Bravour. Doch dann kamen die bunten Stäbchen ins Spiel. Kaum lagen sie vor mir auf dem Tisch, flogen sie wegen einer unkontrollierten Bewegung meiner Hände auch schon wieder durch die Luft. Fräulein Kleinert hob sie auf und half mir durch Führen meiner Hände, die Stäbchen geordnet hinzulegen, so wie es in dieser Aufgabe verlangt wurde.

Anschließend sollte ich Kreise, Bögen und Linien zu Papier bringen. Dabei unterstützte mich meine Erzieherin ebenfalls, so wie ich es aus den Beschäftigungen zuvor gewohnt war. Dies beobachteten die drei anwesenden Herren mit besonders kritischen Blicken. Der Umgang mit Stift und Papier stellte sich – wie es schon abzusehen war – als die für mich größte Schwierigkeit heraus. Wie sollte ich ohne zu schreiben jemals den vorgegebenen Unterrichtsstoff bewältigen? Zehn Jahre nur theoretischen Unterricht zu haben, das schien fast aussichtslos.

Nach diesen drei Übungen berieten sich Herr Mertens, Herr Friedrich und Herr Reimert. Womöglich länger als bei den Kindern vor mir. Gespannt und voller Ungeduld wartete ich auf ihre Entscheidung. Dann, endlich fiel diese! Da ich mich sonst als ein pfiffiges Kerlchen erwies, wollten sie mich, zunächst unter Vorbehalt, doch einschulen. In den S-Klassen sollte ich die Chance und die Zeit erhalten, wenigstens ein kleines Stückchen Lesbares zu Papier zu bekommen. Herr Reimert, mein zukünftiger Klassenlehrer, war relativ zuversichtlich, dass er auf irgendeinem Weg doch eine Lösung finden würde, mir das Schreiben beizubringen.

So bestand ich also in meinem noch jungen Leben meine erste Prüfung. Meiner Einschulung stand nichts mehr im Weg! Das, wofür meine Eltern so lange gekämpft hatten, sollte nun endlich wahr werden! Fräulein Kleinert nahm mich lächelnd in den Arm und drückte mich ganz fest, sicherlich auch stellvertretend für meine Eltern. Sie erhielten die freudige Nachricht erst einige Tage später in einem Brief. Doch dies tat der frohen Kunde keinen Abbruch.

Schnell vergingen die übrigen Tage bis zu den Sommerferien. Zurückblickend kann ich sagen, dass sich das eine Jahr in der Vorschule vielleicht als eines der prägendsten in meinem Leben erwies. Musste ich mich hier erstmals mit Kindern meines Alters auseinandersetzen. Außerdem lernte ich, von anderen, vorwiegend fremden Personen, Hilfe anzunehmen. Dies ist nun einmal Voraussetzung, um in einem Leben mit einer Behinderung bestehen zu können und so nicht nur auf wenige vertraute Menschen, zum Beispiel seine Eltern, fixiert zu sein.

Endlich war es soweit. Meine Eltern reisten an, um mit mir nach Hause zu fahren. Ich freute mich riesig, denn ich wusste, dass wir in diesem Jahr wieder zelten fahren würden. Doch vor der Heimfahrt gab es noch einen kleinen Wermutstropfen. Ich musste mich von meinen Freunden für längere Zeit verabschieden. Diese Trennung überwand ich jedoch sehr schnell, denn ich sollte alle Kinder im kommenden Schuljahr wiedersehen. Allerdings fiel mir der Abschied von Fräulein Kleinert sehr schwer. Schließlich war sie mir in dem einen Jahr ganz besonders ans Herz gewachsen. Sie fand immer tröstende Worte, wenn ich mal wieder Heimweh bekam oder es mir sonst nicht gut ging und sie war für mich schon fast eine Ersatzmutter geworden.

Letztendlich überwog doch die Freude auf mein Zuhause, nach meinen Großeltern und meinem Bruder. Schnell wurden die Sachen im Auto verstaut und es ging in Richtung Heimat. Acht Wochen verblieben mir, bevor der Ernst des Lebens und somit die Schule für mich beginnen sollte.

Urlaub auf dem Campingplatz

In den Ferien unternahmen meine Eltern und Großeltern mit mir und meinem Bruder stets recht viel.

Schon als Knirps von einem Jahr fuhren meine Eltern mit mir jedes Jahr zum Zelten nach Lehnin. Diese Tradition wurde nun auch in der Ferienzeit beibehalten. Die ersten Jahre kamen meine Großeltern immer noch mit.

Lehnin ist ein kleines Örtchen im Land Brandenburg, direkt an der A2 gelegen. Bekannt ist dieses vielleicht durch sein Kloster.

Natürlich kann ich mich nicht an die allerersten Jahre erinnern. Erst etwa ab da, wo Andreas geboren und dann im Sommer mit zum Zelten genommen wurde.

Jedes Jahr spielte sich etwa drei Wochen vor unserem Urlaub das gleiche Szenario ab. Auf der großen Wiese im Garten meiner Großeltern wurden die Zelte an einem sonnigen Tag aufgebaut. So konnte man sehen, ob alle Teile vom Gestänge und alle Heringe vorhanden waren. Natürlich war ich immer mit von der Partie. Ich krabbelte dann durch das grüne Gras und erkundete jeden Beutel, was da wohl drinnen sei. Manchmal nahm ich mir auch einen Hering und begann, damit Löcher in die Wiese zu bohren. Das bereitete mir ziemlich viel Spaß, wurde mir aber immer wieder bedauerlicherweise untersagt.

Das Raten begann jedes Mal aufs Neue, wohin welche Zeltstange nun hingehört. Mein Vater und Opa begannen dann auch mal die Stangen zu nummerieren. Doch irgendwie half dies nicht wirklich. Sie tüftelten trotzdem mehrere Stunden, bis die Zeltgerüste standen. Hinterher schien alles ganz einfach und logisch zu sein und sie waren frohen Mutes, der Aufbau der Zelte in Lehnin würde zügig voran gehen.

Unsere Familie fuhr mehrere Jahre immer für drei Wochen nach Lehnin, meistens im Juli oder August. Schon allein die Fahrt dorthin war beziehungsweise konnte sehr abenteuerlich werden.

Anfangs besaßen meine Eltern noch kein Auto, sondern nur ein Motorrad. Meine Großeltern fuhren mit ihrem Pkw namens »Trabant« vorne weg und nahmen unser Gepäck mit. Dann kamen wir: mein Vater, meine Mutti und ich. Ja, das ging, zu dritt auf einem Motorrad! Ich saß sozusagen im Sandwich gut geschützt in der Mitte. An manchen Kreuzungen standen damals noch Polizisten, die den Verkehr mit der Hand regelten. Als sie uns drei auf dem Motorrad sahen, schüttelten sie nur lächelnd den Kopf. Was mögen die nur gedacht haben?

Als Andreas dann mitfuhr, hatten wir auch einen Trabant Kombi. Einen, geschweige zwei Anhänger besaßen wir zunächst nicht. Das Gepäck wurde jedoch von Jahr zu Jahr mehr. Um alles auf einmal weg zu bekommen, klappten wir die Rückbänke der Autos um. So hatten wir bedeutend mehr Stauraum zur Verfügung. Nur war so für meinen Bruder und mich eigentlich kein Platz mehr im Auto. Was heutzutage höchst fahrlässig ist, schien damals problemlos möglich. Mein Bruder fuhr bei meiner Mutti und ich bei meiner Oma vorne mit; und zwar jeweils auf ihrem Schoß sitzend! Ans Anschnallen war in diesen Zeiten noch nicht zu denken, von Kindersitzen ganz zu schweigen.

Es schien schon etwas kurios, aber jedes Jahr konnten wir regelrecht darauf warten. Am Morgen, als wir von Zerbst losfuhren, begann es wie aus Gießkannen zu schütten. Bei so einem Wetter hätte man keinen Hund vor die Tür gejagt und erst recht wäre man nicht zum Zelten aufgebrochen. Doch die Erfahrung zeigte es: In Lehnin würde die Sonne scheinen! Und so war es auch tatsächlich! Fast jedes Jahr!

Obwohl Lehnin nur rund 80 Kilometer von Zerbst entfernt liegt und die Fahrt etwas mehr als eine Stunde dauerte, konnte unterwegs viel passieren. Pausen zum Austreten waren ja schon eingeplant. Da hatten wir »unsere« Stelle, an der routinemäßig gehalten wurde. Eine Panne am Auto erwies sich schon als problematischer.

Am ehesten verstopfte mal eine Zündkerze. Sie selbst zu wechseln, war beim Trabant in der Regel kein Problem. Nur lagen die Reservekerzen und das Werkzeug meistens beim Reserverad. Und das lag unter der Abdeckung im Kofferraum. Um dort ranzukommen, musste dann der halbe Kofferraum leer geräumt werden. Da kam Freude auf! Doch eine Panne am Auto kam Gott sei Dank bei Weitem nicht bei jeder Fahrt vor und wenn, dann ließ uns der bevorstehende Urlaub dies mit einem gewissen Humor nehmen.

In Lehnin angekommen, brauchten wir nicht lange nach einem geeigneten Zeltplatz zu suchen, denn jeder Camper hatte mit den Jahren schon »seinen« Platz.

Dann kam die Stunde der Wahrheit: der Aufbau der Zelte! Jetzt konnten mein Vater und Opa beweisen, ob sie sich beim Probeaufbau im Garten alles gemerkt hatten. Für mich hatte man extra ganz oben im Auto einen Klappstuhl bereitgelegt. Auf diesen setzte man mich und ich konnte dem Aufbau der Zelte frohgelaunt zusehen.

Anfangs schien es perfekt zu laufen. Doch mit jeder Stange, die man aus dem Sack zog, wurde die Unsicherheit größer, wohin diese nun gehöre. Es dauerte, wie schon gewohnt, mehrere Stunden, bis unsere Zelte einzugsfertig dastanden. Meine Mutti und Oma versorgten uns mit vorgeschmierten Schnitten und Getränken und hielten so die Stimmung hoch. Ein Renner war auch Omas selbstgebackener Streuselkuchen. Der schmeckte so lecker, dass sie davon gleich mehrere Bleche backte. Irgendwann standen schließlich die Zelte und konnten eingeräumt werden.

Die ersten Jahre hatten meine Eltern nur ein sehr kleines Zelt. Trotz der geringen Größe bot es uns Vieren Platz zum Schlafen. Vorn nebeneinander schliefen meine Eltern und mein Bruder auf Luftmatratzen. Im hinteren Teil war etwas Platz, der ursprünglich als Ablagefläche für Gepäck vorgesehen war. Hier stand quer zu den Matratzen meine kleine Liege.

Andreas besaß die Angewohnheit, nur mit einem Schnuller einzuschlafen. Fiel dieser nachts mal aus seinem Mund und er fand ihn nicht, fing er gleich an zu schreien. Dann mussten beim Schein einer Taschenlampe alle Luftmatratzen hochgenommen und nach dem Schnuller gesucht werden. Erst als Andreas erneut auf diesem herumkaute, war die Nachtruhe wieder hergestellt.

Gegenüber unserem Zelt stand das meiner Großeltern. Dieses war schon moderner und großräumiger. Es besaß eine separate Schlafkabine und bot auch Platz, um sich mal darin hinzusetzen. Zwischen beiden Zelten spannten wir eine Plane. Unter dieser wurde in der Regel gegessen und abends gemütlich beieinander gesessen.

Auf Strom und fließend Wasser mussten wir während unseres Urlaubes verzichten. Kerzen, Petroleum- und Taschenlampen spendeten uns abends Licht. Wasser holten wir in Eimern und Kanistern von einer zentralen Pumpe. Das war eine gewöhnliche Schwengelpumpe. Da war Muskelkraft gefragt.

Wir kochten auf Petroleumkochern. Es gehörte schon eine gewisse Geschicklichkeit dazu, diese Dinger in Gang zu setzen. Auf diesen Kochern wurde nicht nur das Mittagessen gekocht. Wir brauchten auch viel warmes Wasser fürs Waschen und Abwaschen.

Als Toiletten dienten auf dem Platz mehrere sogenannte Plumpsklos. Am Tage störte es niemanden, diese zu benutzen, doch nachts vermied man es, dorthin zu gehen, denn es war stockfinstere Nacht. Lichtspendende Lampen wurden erst einige Jahre später aufgestellt. Da es für meine Eltern und Großeltern zu umständlich war, mich jedes Mal auf diese Toiletten zu bringen, benutzte ich ein Töpfchen.

Unser Zeltplatz lag in einem sehr waldreichen Gebiet mit vielen Seen. Der Kolpinsee war nur wenige Meter von uns entfernt und lud oft zum Baden ein.

Mein Opa galt als Frühaufsteher. Bei jedem Wetter ging er frühmorgens ins Wasser. Da hielt keiner von uns mit. Wir bevorzugten eher die doch wärmeren Nachmittagsstunden zum Baden.

Auch ich war eine Wasserratte. Wann immer es ging, wurde ich zum Baden mitgenommen. Der Strand war bestens zum Spielen und Moddern geeignet. Das sagt man in dieser Gegend zum Herumtollen im Schlamm. Wenn Andreas und ich vom Moddern so richtig dreckig waren, hieß es: »Ab ins Wasser«. Dann tobte mein Vater mit uns heftig rum. Wir hatten einen riesigen Spaß dabei. Er warf uns hoch in die Luft, sodass wir klatschend ins Wasser plumpsten. Mindestens eine Rolle vorwärts musste bei jedem Baden dabei sein. Mein Vater griff dann mit seiner einen Hand meine Arme, mit der anderen meine Beine. Anschließend drehte er mich um eine halbe Drehung kopfüber. Dann musste er schnell genug sein und meine Arme und Beine erneut packen, um mich wieder mit dem Kopf nach oben zu drehen. Manchmal griff er auch daneben. Wie viel Wasser ich bei diesen Manövern geschluckt habe, möchte ich gerne einmal wissen. Oft mussten wir eine Pause einlegen, damit ich wieder richtig durchatmen konnte. Doch es dauerte nicht lange und ich sagte: »Noch mal.«

Mit meinem großen Ungetüm von Rollstuhl, den ich immer noch besaß, konnte man mich auf den unebenen Waldwegen nicht schieben. Oft waren die Wege außerdem sehr versandet. Auch mit dem Sportwagen war es eine Plackerei. Aber wir wussten uns zu helfen. Meine Großeltern hatten noch von früher einen kleinen Handwagen. Wenn die Deichsel zum Ziehen abgeschraubt wurde, passte er sogar ins Auto. Dort nahm er auch nicht sonderlich viel Platz weg, denn auf der Sitzfläche und unter ihm konnten einige Sachen verstaut werden.

In diesen Handwagen wurde ich gesetzt und über die Waldwege gezogen. Oft hoppelte es ziemlich stark, wenn große Wurzeln die Wege überquerten. Doch dies störte mich wenig. Der Handwagen erwies sich deshalb als das am besten geeignete Fortbewegungsmittel für mich. Bei längeren Spaziergängen konnte ich sogar meinen noch kleinen Bruder auf den Schoß nehmen.

Die zahlreichen Seen rund um den Zeltplatz und in den sehr großen Wäldern, von denen Lehnin umgeben ist, luden nicht nur zum Baden ein, sondern bedeuteten auch für Angler ein kleines Paradies. Einige Seen entstanden durch den früheren Abbau von Torf. Durch die Naturbelassenheit hatten sie sehr klares und reines Wasser und wurden deshalb oft für die Aufzucht von Fischen genutzt.

Mein Vater und Opa waren begeisterte Angler. Ein Urlaub in Lehnin ohne Angeln war einfach kein richtiger Urlaub! Oft zogen sie schon in aller Frühe los mit der Begründung: »Früh’s beißen die Fische besser.« Aber auch Nachtangeln fand öfters mit derselben Begründung statt. Welche Zeit nun tatsächlich die beste war, fand ich nie heraus.

Andreas und ich wollten natürlich auch immer mal von Zeit zu Zeit mit zum Angeln. Doch ständig nur am Wasser zu sitzen und die Rute zu halten, wäre uns zu langweilig geworden. Aber ab und zu einen Fisch aus dem Wasser zu ziehen, das stellte schon ein tolles Erlebnis dar. Für diese Unternehmungen sahen wir oft die Nachmittage vor. Nach dem Mittagsschlaf. Dieser war auch im Urlaub – bis auf wenige Ausnahmen – unerlässlich.

Oft gingen mein Vater und Opa mit uns Kindern allein. Wenn die Angelstelle nicht allzu weit vom Zeltplatz entfernt lag, zogen wir zu Fuß (ich im Handwagen) los. Es gab aber auch Seen, zu denen wir mit dem Auto fuhren. Man sprach dann von den »besseren« Seen, in denen die Fische besonders gut beißen sollten. An einigen Nachmittagen kamen Mutti und Oma auch mit. Dies erlebten wir dann als einen richtigen schönen Familienausflug, denn wo Oma dabei war, gab es auch immer Kuchen.

Während die Angelei fertig gemacht wurde, setzte man mich schon auf einen Stuhl ans Wasser. Ich bekam dann meist eine »eigene« Angelrute und konnte es kaum erwarten, sie in den Händen zu halten, was sich aufgrund meiner unkontrollierten Bewegungen als gar nicht so einfach erwies. Bei meinen manchmal stattfindenden Bewegungsausbrüchen hätte es ein Fisch schon vorher mit der Angst zu tun bekommen. Doch das Berühren der Angel mit meinen Händen gab mir das Gefühl, ein richtiger Angler zu sein.

Es waren oft noch nicht alle Angelutensilien beziehungsweise die Verpflegung ausgepackt, da saß Andreas schon auf dem nächstgelegenen Baum. Für ihn war das Klettern noch reizvoller, als ruhig vor dem Wasser zu sitzen. Auch er hatte ebenfalls seine Angel, die meistens provisorisch für ihn hergerichtet wurde, jedoch seinen Ansprüchen genügte. An einem längeren Stock befestigte man ein Stück Angelsehne mit einem Haken. Dieser wurde mit einem Stückchen Grießklump bestückt. Das erfüllte vollkommen die Zwecke für Andreas. Kaum hatte er die Rute ausgeworfen, lockten schon wieder die Bäume. Was sich an seiner Angel tat, interessierte ihn herzlich wenig. Kurioserweise biss bei ihm immer der erste Fisch. Flugs riefen wir alle: »Andreas, bei dir beißt einer.« Schnell kam er daraufhin angerannt und zog seine Angel mit einem zappelnden Fisch aus dem Wasser. Mein Vater oder Opa half ihm, den Fisch vom Haken zu befreien. Oft war dieser zu klein, um ihn mitzunehmen und so wurde er wieder ins Wasser entlassen. Schnell bestückte man die Rute neu, Andreas warf sie aus und schwups war er aufs Neue verschwunden.

Ich hielt es dagegen schon länger am Wasser aus. Zur einfachen Handhabung gab man mir in der Regel eine Stipprute, also eine Angel ohne Rolle. Das untere Ende klemmten wir so in die Seitenlehne des Stuhles, sodass ich sie kaum noch selbst zu halten brauchte. Da diese meist länger war, musste ich trotzdem vorsichtig sein, dass die Spitze vorn nicht ins Wasser tauchte. Dies wäre für einen Fangerfolg nicht so günstig gewesen. Mein Vater saß oft neben mir. Manchmal schien die Zeit gar nicht zu vergehen, denn es wollte kein Fisch beißen. Doch wir hatten auch mal Glück. Ein Fisch nach dem anderen zappelte an unseren Ruten. Da ich die Angel nicht allein heraus bekam, half mir mein Vater. Doch im gleichen Augenblick hing bei ihm ebenfalls einer dran. Es gab Momente, da kam mein Vater mit dem Einholen der Ruten gar nicht hinterher. So füllte sich der Setzkescher schnell. Das war für mich natürlich ein Heidenspaß. Sogar Andreas lockte die Neugier dann mal wieder ans Wasser.

An einem Nachmittag fuhr mein Vater mit mir mal allein ans Waldidyll. Die drei nebeneinander liegenden Seen befanden sich nahe der Autobahn. An diesem Tag hatten wir richtiges Anglerglück.

Mein Vater angelte mit seiner richtigen Wurfrute und ich mit seiner neuen Stippe. Diese war an die fünf Meter lang. Oft titschte sie mir vorn ins Wasser. Ich hatte Mühe, sie einigermaßen ruhig zu halten. Auf einmal sagte mein Vater: »Pass’ auf, da geht einer dran.« Er übernahm ganz vorsichtig meine Angel. Plötzlich tauchte die Pose unter Wasser. Mein Vater zog ruckartig an. Die Rute bog sich wie ein Flitzebogen. Wir konnten schon erahnen, was da am Haken hing. Mit einer Hand hielt mein Vater, vor Anstrengung zitternd, die Angel, mit der anderen griff er nach dem Fangkescher, der etwas entfernt im Gras lag. Er bekam ihn gerade so zu greifen. Ich konnte ja nichts machen, außer zusehen wie mein Vater sich abmühte. Dann endlich hob er unseren Fang aus dem Wasser, ein kapitaler Karpfen von etwa fünf Kilo.

Dieser Nachmittag muss ein außergewöhnlich guter gewesen sein, denn das Spielchen wiederholte sich noch zweimal kurz hintereinander.

An manchen Tagen kam es vor, dass mein Vater und Opa unterwegs waren, um Besorgungen zu machen. Ein Propangaskocher löste in den nächsten Jahren den Petroleumkocher ab. Mit Propangas ließ es sich viel bequemer kochen. Auch konnten wir nun bei Bedarf eine kleine Propangasheizung betreiben. Die Flasche für dieses Gas musste ab und an mal nachgefüllt werden. Da nicht jede Füllstation immer offen hatte, mussten mein Vater und Opa oft weit fahren, um Gas zu bekommen. Aber auch andere Einkäufe waren von Zeit zu Zeit nötig, denn auf dem Zeltplatz gab es nur einen kleinen Kiosk.

In dieser Zeit spielten Andreas und ich im Wald, gleich neben unseren Zelten. Doch wenn es uns zu langweilig wurde, kam es uns in den Kopf, gerade jetzt angeln gehen zu wollen. Meine Mutti und Oma kannten sich jedoch mit der Angelei nicht so aus und wollten die von meinem Vater und Opa nicht durcheinander bringen. Außerdem war meine Mutti oft mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Die schmutzige Wäsche häufte sich öfters. Eigentlich viel öfters als es ihr lieb war. Dadurch dass ich meistens auf dem Waldboden kroch, waren meine Hosen schnell dreckig. Doch das war das wenigste. Ich hatte ein Manko, welches meine Mutti fast zur Verzweiflung brachte. Immer wenn ich lachte – und das war sehr oft der Fall -, gingen ständig bei mir ein paar Tropfen in die Hose. Auf der Leine hingen so täglich Hosen und Unterhosen von mir.

Um unserer Quengelei entgegenzuwirken und die Nerven meiner Mutti zu schonen, ließ sich Oma mal wieder etwas einfallen: Schnell merkte sie, dass wir eigentlich nur am Wasser moddern wollten und dass das Angeln lediglich ein Vorwand dafür war. Sie suchte einen langen Stock, knipperte daran einen längeren Bindfaden und an dessen Ende befestigte sie einen Kienapfel. Fertig war unsere Angel! So zog sie mit uns los. Mit der einen Hand meinen Handwagen ziehend, in der anderen trug sie unsere Angel. Nebenher stiefelte Andreas.

Meistens ging meine Oma mit uns an die hintere Badestelle des Kolpinsees. Wir mussten über den ganzen Zeltplatz und ein ganzes Stückchen noch am Ufer entlanggehen, bevor wir diese Badestelle erreichten. Der Weg dorthin war nicht gerade eben und für Oma eine ganz schöne Plackerei. An diesem Strand badeten immer nur sehr wenige, sodass uns bei unserer »Angelei« wenn überhaupt nur sehr wenige zusehen konnten. Neben diesem befand sich ein kleines Staubecken, eigentlich mehr ein Überlauf, in das das Wasser des Kolpinsees abfließen konnte. Zu diesem Stau führten wenige Stufen hinunter. Dies war genau das Richtige für Omas Vorhaben!

Schnell zog sie mir die Schuhe, Strümpfe und die Hose aus. Es war ja warm genug dafür. Dann setzte sie mich auf die zweite Stufe des Staus. Die dritte war schon mit Wasser bedeckt, sodass meine Füße im nassen Element standen. Auf die oberste setzte sich meine Oma selbst. So hatte sie mich voll im Griff, denn zwischen ihren Knien fand ich sicheren Halt. Nun gab sie mir die improvisierte Angel mit dem Kienapfel in die Hand.

Das »Angeln« mit dieser Rute machte mindestens genauso großen Spaß wie mit einer richtigen. Diese brauchte ich nicht stillzuhalten, sondern konnte sie nach Herzenslust mit der Spitze ins Wasser plumpsen lassen, sodass es nach allen Seiten nur so spritzte.

Auf dem Boden des kleinen Staubeckens wuchsen allerlei Pflanzen. An diese kam ich mit der Spitze meiner Angel leicht heran. So zog ich ein Stückchen nach dem anderen von diesen Pflanzen heraus. Da sie länglich aussahen, meinte ich dann immer: »Guck’ mal, ich habe einen Aal gefangen.« Meine Oma freute sich so mit mir, befreite meine Angel von dem Grünzeug und der Spaß ging von vorne los.

Andreas vergnügte sich währenddessen allein am Wasser. Oft fand er selbst einen Stock, mit welchem er mir beim »Aale« Fangen Konkurrenz machte. Oder er watete gleich so durch das flache Gewässer und holte das Grünzeug mit der Hand heraus. Aber die rundum stehenden Bäume verlockten ihn auch immer wieder zum Klettern. So hatte meine Oma ihre liebe Not, auf uns beide gleichzeitig aufzupassen.

In den folgenden Jahren fuhren meine Eltern, Andreas und ich allein nach Lehnin. Meine Großeltern gönnten sich noch einige Male für jeweils drei Wochen Urlaub an der Ostsee.

Mittlerweile besaßen auch wir ein schönes, großes neues Zelt. Es bot für uns Vier eine abgetrennte Schlafkabine und außerdem genügend Platz, um uns bei miesem Wetter drinnen aufhalten zu können. Der Luxus nahm von Jahr zu Jahr zu. Damit ich im Zelt auf dem Erdboden spielen konnte, wurde das Zelt mit einem großen Teppich ausgelegt. Nun hatten wir auch richtige, aus Stangen zusammengebaute Schränke, in denen wir unsere Sachen übersichtlich aufbewahrten.

Um diesen Luxus länger als die sonst gewohnten drei Wochen zu genießen, entschlossen sich meine Eltern zum Dauercamping. Dies bedeutete, dass das Zelt im Mai aufgebaut und erst im September wieder abgebaut wurde. So fuhren sie fast jedes Wochenende nach Lehnin. Ich kam natürlich in den Ferien mit. In den Sommerferien war dann ein großer Urlaub für etwa drei Wochen angesagt. Mit jeder Fahrt zum Zeltplatz wurden immer noch weitere Utensilien mitgenommen. Wir mussten sogar mit der Zeit ein weiteres kleineres Zelt aufstellen, in dem wir die ganzen Kartons, Zeltsäcke, Koffer und Ähnliches aufbewahrten.

Schon allein für mich nahm man zwei Wagen mit. Einmal den Handwagen, der sich im Wald immer aufs Neue bewährte. In der Zwischenzeit hatte ich auch einen anderen Rollstuhl bekommen. Dieser war viel handlicher als der erste. Auch bei ihm waren die großen Räder vorn und die kleineren zum Lenken hinten. Die Sitzfläche, die Fußstütze sowie die Rückenlehne waren zwar starr, konnten aber schnell einzeln herausgenommen werden. Dann ließ sich der Rest problemlos zusammenklappen und passte so ins Auto.

Sogar auf einen Kühlschrank mussten wir beim Camping nicht verzichten, obwohl es keinen Strom gab. Neben unserem Zelt hoben wir ein tiefes Loch aus. Die dort reingelegten Lebensmittel blieben so kühl. Auch bei höheren Temperaturen. Um eine bessere Übersichtlichkeit und vor allem Sauberkeit zu erreichen, kamen wir auf die Idee, eine Milchkanne, wie sie auf den Weiden zum Melken der Kühe Verwendung fand, einzugraben. Diese Kanne besaß noch einen idealen Deckel, sodass kaum Schmutz hineinfiel. Der perfekte Kühlschrank fürs Campen!

Die Autos der an Lehnin vorbeiführende Autobahn konnte man – wenn der Wind aus der entsprechenden Richtung wehte – auf dem Zeltplatz hören. In der Woche störte dies kaum, da nur verhältnismäßig wenige Fahrzeuge und dazu mit einer geringen Geschwindigkeit (im Gegensatz zu heute) diese benutzten. Doch am Wochenende, vor allem am Sonntagabend artete das Befahren der Autobahn im ohrenbetäubenden Lärm aus. Warum nur? In unserem dreiwöchigen Urlaub erkundeten wir dieses Phänomen:

Die nahe gelegene A2 konnten wir bequem zu Fuß erreichen. Es war außerdem gleich eine schöne Gelegenheit, einen gemeinsamen Sonntagsspaziergang zu unternehmen. Meine Eltern zogen mich wie gewohnt mit dem Handwagen. Einige Stellen waren zwar sehr sandig, aber zu zweit schafften sie es.

Je näher wir der Autobahn kamen, umso intensiver wurde das Brummen der Autos. Durch einige Baumlücken sahen wir dann schon die Autos vorbeihuschen. Und das waren viele, sehr viele! Auf der, über die Autobahn führende, kleinen Brücke blieben wir stehen. Als wir das »Schauspiel« zum ersten Mal sahen, das da unter uns ablief, trauten wir unseren Augen kaum. Wir glaubten uns in einer anderen Welt. Westauto an Westauto, und das in allen erdenklichen Farben! Die Fahrzeuge, die da unter uns lang fuhren, kannten wir nur sehr flüchtig. Alles schöne Autos, die wir so auf unseren Straßen nie sahen.

Diese Autos flogen nur so an uns vorbei. Doch nicht lange. Mit der Zeit hatten wir unsere Erfahrung und sagten: »Die stehen gleich.« Es dauerte dann auch nicht lange, bis die Autos bedeutend langsamer fuhren und sogar zum Stillstand kamen. Wow! Ein Stau auf der Autobahn. So etwas kannten wir nur aus dem Fernsehen, aus dem Westfernsehen. Aber nun hatten wir die Gelegenheit, dies einmal live mitzuerleben.

Diesen Stau konnten wir uns jedoch schnell erklären. Kurz hinter der Brücke befand sich die Abfahrt nach Westberlin. Und alle, die am Wochenende nach Westdeutschland fuhren, kamen am Sonntag wieder zurück.

Nur schwer konnten wir uns von dem Anblick der uns selten zu Gesicht zu bekommenden Autos trennen. Aber da wir ja mehrere Wochen Urlaub hatten, kam der nächste »Autobahntag« bald wieder und so gingen wir langsam zu unserem Zelt. Wenn die Zeit es noch zuließ, versuchten wir auf dem Rückweg beiläufig für unser Abendbrot zu sorgen.

Der Wald rund um die Autobahn muss ideale Wachstumsbedingungen für Pilze geboten haben. Sie übersäten in manchen Jahren regelrecht den Boden. Überwiegend wuchsen hier Maronen. Richtig suchen brauchte man sie nur selten. In den meisten Fällen musste man sie einfach nur abschneiden.

An einigen Wochenenden kamen uns meine Großeltern besuchen. Auch sie wollten für sich Pilze sammeln. Dann zogen wir alle gemeinsam los, zu den Wäldern an der Autobahn. Oft fuhr mein Vater oder Opa mit dem Auto hinterher. Dies erwies sich dann auch als sehr hilfreich, denn anders hätten wir die Massen an Pilzen gar nicht weg bekommen. Es war manchmal wie verhext. Der ganze Kiefernwald stand voller Maronen. Man hätte sie zuweilen mit der Sense abmähen und ernten können. So machte Pilze sammeln richtig Spaß, denn wir schleppten (oder fuhren) sie eimer- und körbeweise nach Hause.

Natürlich konnte ich nicht direkt beim Pilze suchen mitmachen. Mich in dem Handwagen quer durch das dichte Unterholz zu ziehen, ging nun beim besten Willen nicht. Wenn ich einen Pilz vom Wegesrand aus sah, machte ich ganz aufgeregt meine Eltern darauf aufmerksam, so als hätte ich ihn zuerst entdeckt. Doch viel mehr konnte ich ihnen nicht helfen. Aber immer nur dazustehen und zuzugucken, das wurde mir sehr schnell zu langweilig. Meinen Bruder interessierten die Pilze sowieso nicht und er turnte schon längst im Wald herum. Das reizte mich natürlich ebenfalls. Wenn der Waldboden nicht zu nass war, setzten mich meine Eltern auf die Erde und so konnte ich mit Andreas den Wald erkunden. Das konnte richtig spannend sein.

Das Gebiet um Lehnin war damals Truppenübungsplatz der NVA. Nicht unbedingt während der Hauptsaison der Zeltler hielten die Soldaten ihre Manöver in unserer unmittelbaren Nähe ab, doch in der Ferne hörte man schon manchmal Donnerschläge von Panzern, die ihre Übungen absolvierten. Auch konnte es einmal im Jahr vorkommen, dass diese zum vom Zeltplatz nicht weit entfernten Schampsee fuhren. Dieser See war eigentlich ein reiner Anglersee. Doch an den zwei langen Seiten dieses Gewässers befand sich jeweils eine Panzereinfahrt. Hier übten die Soldaten mit den Panzern durch das Wasser zu fahren. So ein Manöver einmal hautnah mitzuerleben, war schon etwas Spannendes.

Auch fand man in sämtlichen Waldstücken rund um Lehnin Spuren der Streitkräfte. So auch beim Spielen. Wenn ich auf den Böden der Wälder herumkroch, während meine Eltern Pilze suchten, fand ich die eine oder andere Hülse einer Patrone. Das war immer ziemlich aufregend. Unsere Eltern waren selbstverständlicher Weise nicht gerade begeistert, wenn wir mit diesem Zeug rumspielten. Oft taten wir es heimlich, wenn Mutti und Vati sich auf die Pilze konzentrierten. Es waren stets wirklich nur leere Patronenhülsen, die wir fanden, dennoch zogen uns die Dinger magisch an.

Robbten wir an manchen Tagen etwas tiefer in den Wald hinein, entdeckten Andreas und ich auch mal riesige Vertiefungen im Erdboden, wo ganze Panzer hineinpassten, die zur Tarnung dienten. In diesen gewaltigen Löchern zu spielen, war einfach traumhaft. Wenn wir Glück hatten, fanden wir so ein Panzertarnloch, in dem seitlich noch eine kleine Aushöhlung war, in der man sich zusätzlich verstecken konnte. Oft machten wir uns dann einen Jux. Hatten wir wieder einmal so ein perfektes Versteck gefunden und wir hörten unsere Eltern nach uns rufen, verhielten wir uns mucksmäuschenstill. So hatten sie ihre liebe Mühe, uns zu finden. Doch ist es von mir ein Manko, dass ich in solchen Situationen nicht lange still sein kann. Über kurz oder lang fange ich an zu lachen. So war es schon damals. Und deshalb fanden uns unsere Eltern auch immer ziemlich schnell.

Vom Wetter wurden wir beim Zelten in Lehnin sehr verwöhnt und die Erfahrung zeigte uns, dass mit relativer Regelmäßigkeit die letzte Woche im Juli sowie die ersten beiden Wochen des August die Sonne am verlässlichsten schien. Klar gab es in diesen Tagen auch mal Ausnahmen und der Himmel trübte sich ein. Regenschauer mussten wir ebenfalls hin und wieder in Kauf nehmen. Wenn es nachts auf das Zelt regnete, empfand ich das irgendwie als sehr beruhigend. Ein Gewitter mit aufziehendem Wind stellte sich als ein besonderes Abenteuer dar. Kam dann aber noch Sturm dazu, sah die Sache für uns schon anders aus.

In solchen Situationen stand mein Vater nachts auf und machte regelrechte Kontrollgänge um unser Zelt. Zum einen wachte er darüber, dass das Wasser in den kleinen Gräben, die um das Zelt gezogen waren, nicht über und so in das Zelt lief. Desweiteren ging sein besorgter Blick immer erneut nach oben zu den Baumwipfeln. Dort lauerte für uns die größte Gefahr, herunterfallende Äste. Wären diese heruntergefallen und ungünstig auf das Zelt aufgekommen, hätten sie mühelos das Überzelt, das eigentliche Zelt und erst recht die Schlafkabine durchschlagen können. Zum Glück hielten die großen Kiefern jedem Sturm stand.

Der Sommer 1978 muss ein total verkorkster gewesen sein: nass und kalt. Die kühleren Tage nutzten wir, um Ausflüge mit dem Auto in die nähere Umgebung zu unternehmen. Brandenburg, Potsdam oder auch Berlin boten sich dafür recht gut an. Auch einige Tage, an dem wir nur im Zelt spielen konnten, nahmen wir in Kauf. Doch an einem Tag mussten wir kapitulieren.

Es fing schon am Vorabend an zu regnen und auch nachts hörte es nicht auf. Im Gegenteil. Der Regen verstärkte sich immer weiter. Auch die Tage zuvor waren sehr regnerisch. Als wir am Morgen aufstanden, merkten wir, dass wir unter diesen Umständen unsere Sachen überhaupt nicht mehr trocken bekamen. Auch das Bettzeug war schon klamm. Die kleine Propangasheizung spendete uns zwar ein wenig Wärme, doch zum Trocknen der Sachen war sie nicht geeignet. Wir sahen ein, dass es in diesem Moment keinen Sinn hatte, länger im Zelt zu verharren. Kurzerhand entschlossen wir uns, nach dem Frühstück nach Zerbst zu fahren, um unsere Sachen zu trocknen und frische zu holen.

Mein Vater fuhr unseren Trabant so nah wie möglich an das Zelt, um mich halbwegs trocken zum Auto zu tragen. Mit dem Rollstuhl oder dem Handwagen wären wir den schon aufgeweichten Weg bis zum Parkplatz überhaupt nicht lang gekommen.

Der Zeltplatz lag etwa drei Kilometer vom Ort Lehnin entfernt. Zu ihm führte ein teils festgefahrener, teils sandiger Waldweg. Der Sand ließ das Wasser noch einigermaßen gut versickern, sodass wir ohne größere Probleme die befestigten Straßen ab Lehnin erreichten.

Es goss immer noch wie aus Kübeln. Die Scheibenwischer schafften es kaum, die Scheiben vom Wasser zu befreien. Nur im gemäßigten Tempo kamen wir voran.

Auf einmal blubberte unser Trabi. Da uns das Geräusch bekannt vorkam, beunruhigte uns dies wenig. Mein Vater stieg aus, um nachzusehen was defekt war. Aus Solidarität hielt meine Mutti ihm den Schirm. Zielstrebig wechselte mein Vater die Zündkerze. So ein Blubbern war ein sicheres Zeichen, dass mit diesen etwas nicht stimmte und sie meist verstopft waren. Bei den vielen Fahrten, die mein Vater absolvierte, war das Wechseln der Kerzen für ihn zur Routine geworden. Zumal der Trabant nur zwei davon besaß und diese gut zugänglich waren.

Mit neuer Zündkerze fuhren wir einige Kilometer weiter. Doch nach kurzer Zeit das gleiche Spielchen. Diesmal wechselte mein Vater die andere Kerze. Nun konnte nichts mehr schief gehen. Leider erwies sich dies als Irrtum. Unser Trabi blubberte und spuckte weiter. Wir sagten: »Warum lässt der uns ausgerechnet bei so einem Mistwetter im Stich?« Uns wurde es auch immer kühler, denn die Heizung in so einem Trabant funktioniert nur richtig, wenn er einigermaßen schnell fährt.

Mein Vater unternahm einen letzten Versuch, die Kerzen zu trocknen. Aber unser Trabi dankte es ihm nur mit weiteren Aussetzern der Zündung. Wir waren machtlos und auf fremde Hilfe angewiesen. Aber wo sollte zu damaliger Zeit so schnell Hilfe herkommen? Schon allein das Wort »Handy« war uns bei Weitem kein Begriff, zumal es zu dieser Zeit noch überhaupt gar keine gab.

Daher beschlossen wir, so lange zu fahren, wie es irgendwie ging und zu versuchen, die nächste Werkstatt zu erreichen. Diese war in Belzig. Gemächlich tuckerten wir dahin. Unser »Vorhaben« gelang uns. Wir kamen in der Werkstatt an.

Unbürokratisch konnte uns hier weitergeholfen werden. Während meine Eltern und mein Bruder das Auto verlassen mussten, durfte ich drin sitzen bleiben. Obwohl ich nicht viel von der Reparatur sehen konnte, empfand ich es als spannend, hautnah dabei zu sein. Interessierte ich mich doch sehr für Technik.

Die Zündkerzen waren in Ordnung, doch ein anderes Teil der Zündanlage muss verölt gewesen sein. Nach einer halben Stunde schnurrte unser Trabi wieder wie neu und wir konnten damit zufrieden nach Zerbst fahren.

Es goss immer noch ununterbrochen. In Zerbst angekommen, heizten wir zunächst den Ofen an, um uns erst einmal aufzuwärmen. Gleichzeitig trockneten wir so unsere klammen mitgebrachten Sachen.

Ein Mittagessen war schnell gekocht. Einen Vorrat an Lebensmitteln hatten wir immer im Haus. Während des Essens lief der Fernseher: die Tagesschau. Nach Langem waren das die neusten Informationen in Wort und Bild.

Nachdem alle Sachen getrocknet waren und meine Mutti noch neue herausgesucht hatte, machten wir uns erneut auf den Weg nach Lehnin. Der Wetterbericht versprach eine Besserung. Außerdem wollten wir unter diesen Bedingungen unser Zelt nicht länger als nötig unbeaufsichtigt lassen.

Die Fahrt zurück verlief problemlos. Unser Trabi schnurrte wie eine Eins. So erreichten wir zügig das Ortsende von Lehnin. Bis dahin erlebten wir eine ganz gewöhnliche Autofahrt, eben nur bei Regen. Doch was dann folgte, glich wieder einmal einem nicht alltäglichen Abenteuer.

In der langen Zeit, in der es schon regnete, das waren bald 24 Stunden, waren die Waldwege, die zum Zeltplatz führten, so gut wie überflutet. Auch der beste Sandweg ist einmal mit Wasser voll gesogen. Wir konnten nur erahnen, wo in etwa der befahrbare Weg entlangführte. Mein Vater ahnte diesen Umstand schon im Vorfeld und packte sich seine Gummistiefel vorsorglich und griffbereit ins Auto. Wie Recht er damit hatte! Jetzt zog er sie an.

Da der Weg nicht eben war, bildeten sich unterschiedlich große und tiefe Pfützen, die schon eher kleinen Seen glichen. Zwischen diesen lugte immer mal ein winziger Erdhügel heraus. Diese dienten uns sozusagen als Rettungsinseln. Immer wenn wir so eine Insel erreicht hatten, stieg mein Vater aus und schritt mit seinen Stiefeln die nächste Pfütze ab. Er prüfte wo das Wasser in dieser Senke am niedrigsten stand und wo wir am günstigsten durchfahren konnten. Denn Wasser im Vergaser des Autos hätte zum unweigerlichen Ende dieser wahrhaftigen Spritztour geführt. Mein Vater erkundete so jede Pfütze zentimetergenau und fand immer wieder einen Weg, um hindurch fahren zu können. Manche Stellen erwiesen sich dennoch als eine ziemliche Zitterpartie, denn ganz allzeit sicher war sich mein Vater nicht, ob wir durch dieses oder jenes Loch kommen würden. Da half nur ordentlich Gas zu geben und es zu versuchen. Der Motor heulte dann öfters ganz gehörig auf und einige Male fing er auch an zu Stottern. Dann war doch etwas Wasser in den Vergaser gelangt. Wenn wir in so einem Minisee stehen geblieben wären, wäre dies der Gau des Tages schlechthin gewesen! Wir hatten keinen Rollstuhl, ja noch nicht einmal eine Sitzgelegenheit für mich mit. Meine Eltern und mein Bruder hätten aussteigen und zu Fuß gehen können. Doch ich? Ich war außerdem schon zu groß, als dass mich mein Vater drei Kilometer auf seinen Schultern hätte tragen können. Aber glücklicherweise ließ uns unser Trabi an diesem Tag nicht noch einmal im Stich. Mit Bravour meisterte er jedes noch so tiefe Hindernis und brachte uns treu zu unserem Zelt.

Dort angekommen ließ der Regen schon ein wenig nach. So hatten wir eine wohlverdiente Chance, unsere Sachen trocken ins Zelt zu tragen. Die Stunden unsere Abwesenheit überstand es ohne Schäden. Kein Ast war heruntergekommen und Wasser floss auch nicht hinein.

Nach dem Abendessen legten wir uns recht bald schlafen. Ein wirklich aufregender Tag ging zu Ende. Nur noch ganz leise tröpfelte es auf die Zeltplane, genau die richtige Geräuschkulisse, um einzuschlafen. In der Nacht hörte es dann endlich ganz auf zu regnen und am nächsten Morgen konnten wir die recht kühle, aber saubere Waldluft genießen.

Der langersehnte Tag

So schön meine ersten großen Ferien auch gewesen sein mochten, fieberte ich doch ihrem Ende entgegen. Konnte ich es kaum noch erwarten, ein richtiges Schulkind zu werden. Immer wieder fragte ich meine Eltern die Wochen zuvor, wie oft ich noch schlafen müsse, bis ich in die Schule käme.

Der lang ersehnte Tag brach endlich an, Sonntag, der 1. September 1974. Ein besonderer Tag im doppelten Sinne. Nach dem Aufstehen gratulierten wir erst einmal meiner Mutti zum Geburtstag. Aber dann konnte es für mich nicht schnell genug gehen. Vor lauter Aufregung gelang es meinen Eltern kaum noch mich zu bändigen. Über die Freude auf meine bevorstehende Einschulung vergaß ich glatt, dass heute nach langen acht Wochen auch wieder ein Tag des Abschiednehmens gekommen war.

Nach dem Frühstück ging es gleich los. Da mein Bruder für die Feierstunde und das ganze Drumherum noch zu klein war, ließen wir ihn bei meinen Großeltern.

Ein richtig schöner Spätsommertag stellte sich ein. Als hinter Halberstadt die hügelige Landschaft begann, konnten wir, wie schon vor einem Jahr, die beginnende Laubfärbung sehen. Doch für solche Naturschauspielchen hatte ich heute überhaupt keinen Blick.

Gegen Mittag trafen wir in Oehrenfeld ein. Die Zeit erlaubte es noch, in der Waldgaststätte etwas zu essen. Meine Gedanken waren jedoch schon längst bei den anderen Kindern. Außerdem stieg die Spannung auf das bevorstehende Ereignis stetig und so bekam ich nur wenige Happen herunter. Danach fuhren meine Eltern mit mir die wenigen Meter bis zum Heim II. Viel mehr Autos als bei normalen Anreisen standen vor dem Haus. So fiel es nicht leicht, noch eine Parkmöglichkeit zu erwischen.

Mein Vater trug mich auf den Schultern. Für einen kurzen Moment blieb er vor dem ebenerdigen Eingang stehen und machte mich mehr spaßeshalber auf ein Schild neben der Tür aufmerksam. Er bemerkte meine Anspannung und versuchte, sie etwas zu lösen. »Hier, damit du weißt, wie viele Kinder ihr seid.« Mein Vater las vor: »In diesem Haus befinden sich 29 Kinder.« Die Zahl stand auf einer tafelähnlichen Fläche und konnte so ständig mit Kreide aktualisiert werden.

Genervt von den Erklärungen meines Vaters mahnte meine Mutti zur Eile. Beim Hineingehen in die Villa erblickten wir eine gewaltige Menschenmenge, bestehend aus Kindern und Erwachsenen. Egal wer, sie mussten alle irgendwie zu den Schulanfängern gehören. Ab und zu erblickte ich bekannte Gesichter aus der Vorschule. Doch auch viele neue Kinder waren unter ihnen. Eigentlich viel mehr als ich dachte. Dafür gab es aber zwei Erklärungen. An diesem Tag wurden zwei Klassen eingeschult. Zum einen waren es die Kinder, die in die normale erste Klasse gehen sollten. Die restlichen Kinder, darunter auch ich, kamen in die sogenannten S-Klassen. Etliche der fremden Knirpse reisten direkt von zu Hause an und wurden ohne den Besuch der Vorschule eingeschult. Wer nun in welche Klasse kam war mir zu diesem Zeitpunkt kaum bekannt und in diesem Moment auch ziemlich egal. Wollte ich doch einfach nur eingeschult werden!

Langsam löste sich das Knäuel von Menschen auf. Wir betraten den großen, hellen, mir bekannten Raum, welcher das Jahr zuvor für die Vorschule diente. Zum heutigen Anlass wurde an der angrenzenden Wand am Ende der Fensterseite eine große Schultafel aufgestellt. Diese schmückten viele farbige Luftballons. Auf dieser Seite standen auch die Stühle für uns (Fast)Schulkinder. Sogar an mein kleines Stühlchen, das Seitenlehnen hatte und in dem ich richtig sitzen konnte, wurde gedacht. Es stand gleich in der ersten Reihe. Mein Vater trug mich dorthin und setzte mich hinein. Auf der dunkleren, den Fenstern gegenüberliegende Seite, standen in Querrichtung zahlreiche Stühle für unsere Eltern bereit.

Nachdem das Getuschel langsam verstummte, trat Herr Mertens, unser zukünftiger Schuldirektor, vor uns, begrüßte uns und stellte sich mit freundlichen Worten vor. Die von den Fenstern hereinfallenden Sonnenstrahlen spiegelten sich auf seinem kahl werdenden Kopf. Er war noch ziemlich jung, knapp vierzig.

Herr Dr. Friedrich sprach anschließend einige Worte zu uns und wünschte viel Glück und vor allem Freude in der Schule. Nun standen die zwei Verantwortlichen der Einrichtung nebeneinander. Einfach ein putziger Anblick! Der Größenunterschied der Beiden hätte nicht deutlicher ausfallen können. Herr Friedrich war bis dato wohl der Größte vom gesamten Personal, schlank und im gesetzten Alter. Gegen ihn erschien Herr Mertens gleich zwei Köpfe kleiner. Ein kleiner Bauchansatz zeigte sich unter seinem Jackett.

Ich war völlig begeistert bei den Worten dieser Herren. Obwohl diese sehr freundlich klangen, lösten sie in mir eine gewisse Ehrfurcht aus. Mein Körper verkrampfte sich immer mehr. Ich hatte ein weißes Seidenhemd an. Vor lauter Aufregung hielt ich mich mit der rechten Hand am linken Ärmel fest. Dadurch bekam ich meine Spastik besser unter Kontrolle. In solchen Situationen ist es bei mir so (auch noch heute), dass, wenn ich nervlich sehr angespannt bin, ich schnell zu weinen anfange, egal ob vor Freude oder aus Trauer. Dieses Weinen kann ich dann in solchen Momenten kaum kontrollieren und so endet meine Angespanntheit nicht selten in lauterem Seufzen.

Meine Mutti hatte direkten Blickkontakt zu mir und so kamen in ihr die schlimmsten Befürchtungen auf, dass ich entweder gleich los schreien würde oder dass die Nähte meines Hemdes nachgeben. Doch glücklicherweise trat keine ihrer Sorgen ein!

Die Feierstunde war in meiner Erinnerung doch recht kurz. Herr Reimert, der Klassenlehrer unserer S-Klasse und die Klassenlehrerin der anderen ersten Klasse stellten sich ebenfalls vor.

Zum Ende der kleinen Feierstunde zeigte man uns das Märchen »Tischlein deck dich« in Form von Lichtbildern. Dabei löste sich meine Anspannung merklich und die Nähte meines Hemdes wurden entlastet.

Im Anschluss teilten uns unsere Lehrer auf die zwei Klassen auf. Erst jetzt wusste ich so richtig, wer eigentlich zu meiner Klasse gehört. Zwei bekannte Kinder aus der Vorschule waren darunter, Ingo und Detlef. Drei Gesichter lernte ich neu kennen, Peggy, Frank und Peter. Auch sie hatten starke körperliche Einschränkungen, sodass sie in den S-Klassen speziell gefördert werden sollten.

Die Klassenräume der ersten Klasse sowie unserer S1 befanden sich in der oberen Etage. Unsere Eltern wurden gebeten, mit uns die entsprechenden Klassenzimmer aufzusuchen. Dies ergab erst einmal ein mächtiges Gedränge auf den beiden hölzernen Treppen, die nach oben führten. Etliche Kinder mussten die Stufen hinaufgetragen werden, so auch ich. Mein Vater trug mich, gefolgt von meiner Mutti.

Die beiden Klassenzimmer lagen gegenüber. Das der S1 war das rechte am Ende des Flures. Dieses kannte ich schon, hatten wir in ihm doch am Ende der Vorschulzeit die kleine Prüfung, in der entschieden wurde, ob wir schultauglich waren und welche der beiden Klassen für uns geeignet war.

Herr Reimert nahm uns freundlich in Empfang und zeigte jedem seinen Platz. Es gab nur drei Schulbänke, die in der Mitte des Raumes hintereinander standen. Rechts hinter der Tür stand der Lehrertisch. Mittig an der dahinter grenzenden Wand sahen wir die große Tafel. Es war keine gewöhnliche, an der Wand befestigte, sondern eine auf Rädern fahrbare. Sie besaß auch keine ausklappbaren Flügel. Zwei normal große Tafeln waren durch ein Seil so miteinander verbunden, dass wenn man die vordere nach oben schob, die hintere runter fuhr. Links neben der Tür stand ein größerer Schrank, der mit Fächern unterteilt war. Hier bekam jedes Kind ein kleines Fach für seine persönlichen Sachen. Zur Tafel blickend befand sich links noch ein kleines Schränkchen, so eines wie es in vielen Kinderzimmern zu finden war und das Herrn Reimert einigen Platz für die im Unterricht benötigte Gegenstände bot.

Ich durfte mich ganz vorn in die erste Reihe auf die rechte Seite setzen. Unbemerkt hatte Herr Reimert mein Stühlchen nach der Feierstunde schnell nach oben getragen und so stand es schon für mich bereit.

In unserem Klassenzimmer lernten wir nun erstmals unsere neue Erzieherin, Frau Griebel kennen, eine kleine, zierliche Frau mit kurzen, blonden Locken und einer bräunlichen Brille. Von nun an war Frau Griebel für uns nachmittags zuständig.

Relativ schnell wurden wir Kinder ruhig. Stand für uns an diesem Tag ja noch das wichtigste bevor, nämlich die Vergabe der Zuckertüten. Alle diese bunten und heißbegehrten Tüten lagen vorn auf dem Lehrertisch. Wie meine dort hingekommen ist, konnte ich mir kaum vorstellen. Eigentlich hätte ich sie ja im Auto sehen müssen?

Herr Reimert bat jeden von uns, seinen Namen zu nennen und zu sagen, wo er wohnt. »Das ist ja schon ein bisschen wie Schule«, ging es mir durch den Kopf. Jeder gab sich richtig viel Mühe, diese kleine Aufgabe zu lösen. Ich dachte mir, umso deutlicher ich meinen Namen sprechen würde, desto größer sei meine Zuckertüte. Ich strengte mich wirklich sehr an. Doch meine Aufregung ließ kaum ein Wort aus mir heraus. Dennoch bekam ich, nachdem ich die Worte nur rausquetschen konnte, meine Zuckertüte. Frau Griebel legte sie mir auf die Schulbank. Richtig schön groß und purpurrot strahlte mich die Tüte an, prall gefüllt mit den köstlichsten Leckereien. Mir bekannte Märchenfiguren verzierten sie außerdem.

Die komplette Aufregung des Tages wich erkennbar aus mir. Freude stieg stattdessen in mir auf. Ich strahlte über das ganze Gesicht. Nun hatte ich es wirklich geschafft. Ich war ein richtiges Schulkind!

Obwohl der Trubel um die Einschulung vorüber war, stellte sich in mir eine neue Unruhe ein. Meine größte Besorgnis war, wo ich schlafen würde und vor allem was ich für ein Bett bekäme. Unten in der Vorschule lag ich noch in einem Gitterbett. In diesem fühlte ich mich geborgen. Aber nun?

Die ganze Umgebung auf der oberen Etage war für uns alle fremd. Das Jahr in der Vorschule verbrachten wir ja im Erdgeschoss. So mussten wir erst einmal unser neues Zuhause kennenlernen. Die Schlafräume befanden sich am anderen Ende des Flures. Mein Vater trug mich in den Schlafraum, in dem insgesamt fünf Betten standen. Dieser schien recht hell, da er – wie unser Klassenzimmer – über Eck lag und daher zwei Fenster hatte. Ihn sollte ich unter anderem mit Frank und Ingo teilen. Als ich auf dem Arm meines Vaters den Raum betrat, sagte er: »Na, rate mal, welches Bett ich für dich ausgesucht habe.« Drei schmale Betten reihten sich an der rechten Seite nebeneinander auf. Auf der anderen Seite standen die zwei Betten läng hintereinander, von dem das eine sofort auffiel. War es doch breiter. Ich freute mich schon auf dieses breitere Bett. Würde ich mich in ihm am sichersten fühlen. Sofort zeigte ich darauf, um somit die Frage meines Vaters zu beantworten. Meine Hoffnung auf dieses Bett trübte sich jedoch schnell. Mein Vater sagte: »Nein, dieses dort.« Er deutete in die gegenüberliegende Ecke auf eines der schmalen Betten. Ich sagte nichts, enttäuscht, dass ich nicht mein »Traumbett« bekam, war ich insgeheim aber schon. Das große breite Bett war natürlich Ingo, dem großen Lulatsch, vorbehalten.

Die Zeit verstrich. Es ging dem späten Nachmittag entgegen. Über die wichtigsten Dinge wussten wir nun Bescheid. Wir kannten unser Klassenzimmer sowie unseren Schlafraum. Um die vielen neuen Eindrücke erst einmal zu verdauen, nahmen uns unsere Eltern ein bisschen mit in den Garten. Die Sonne meinte es noch recht gut. Hier draußen trafen wir Fräulein Kleinert, meine Erzieherin aus der Vorschule. Groß war die Wiedersehensfreude. Eine mir vertraute Person anzutreffen, empfand ich in diesem Moment als sehr erleichternd. Fräulein Kleinert gratulierte mir natürlich zur Einschulung und ich erzählte ihr meine Erlebnisse in den Ferien.

Dann kam wieder der Augenblick, den ich so verdammte; das Abschiednehmen von meinen Eltern. Doch an diesem Tag fiel es mir fast leicht. Nur kleine Tränen kullerten aus meinen Augen. Zu sehr beschäftigten mich die Eindrücke des Tages und ich freute mich auf den nächsten Morgen, meinen ersten Schultag.

Der Schulalltag begann

In der Nacht schlief ich wie ein Stein. Zu erschöpft war ich von den Ereignissen des Vortages.

Um 7.00 Uhr wurden wir in der Woche geweckt. Zu meiner Schulzeit hatte die Woche noch sechs Schultage. Es blieb also nur der Sonntag, um etwas länger schlafen zu können.

Beim Waschen und Anziehen bekamen wir Hilfe, meist vom pflegerischen Personal, denn unsere Erzieherinnen und Erzieher waren für uns in der Regel am Nachmittag da. Der Morgen gestaltete sich schon ziemlich aufregend, denn alles war so ungewohnt. Doch eine Schwester kümmerte sich liebevoll um mich, wusch mich und half mir beim Anziehen.

Unser Klassenzimmer und das der ersten Klasse waren gleichzeitig auch unsere Gruppenräume. Hier nahmen wir die Mahlzeiten ein und nachmittags dienten sie uns unter anderem als Spielzimmer. Einen Vorteil hatte dies. Wir mussten nicht ständig hin und her getragen werden. Jedoch drängte nach jedem Frühstück die Zeit, die Schulbänke, an denen wir aßen, für den Unterricht zu säubern.

Kaum war das letzte Häppchen meiner Marmeladenschnitte heruntergeschluckt, läutete eine Klingel dreimal kurz hintereinander. Wir erschraken erst einmal gemeinschaftlich. Wussten wir doch nicht, was dies bedeutete. Unsere Pflegerin, die noch die Tische abwischte, sagte uns mit einem Lächeln, dieses Läuten sei das Zeichen, dass der Unterricht in wenigen Minuten beginnen werde. Sie hatte diese Worte noch nicht ganz ausgesprochen, da betrat schon Herr Reimert ziemlich hastig unseren Klassenraum. Schnell sagte er, dass die Klassenlehrerin der benachbarten ersten Klasse krank sei und beide Klassen zunächst ein paar Tage gemeinsam Unterricht haben werden.

Ein kleines Durcheinander kam auf. Wir Schüler der S1 mussten rüber in den Raum der ersten Klasse. Die Bänke reichten für uns alle aus. Nur ein paar Stühle wurden hinüber getragen. Schließlich fanden wir alle einen Platz und unsere erste richtige Schulstunde begann.

Einfühlsam führte uns Herr Reimert in die Kunst des Lesens ein. Schon aus den ersten zwei gelernten Buchstaben konnten wir ein Wort bilden, welches uns sehr geläufig war: »MAMA«. Das war schon einmal ein Erfolg!

Im Gegensatz zur ersten Stunde empfand ich die zweite als spielend leicht; Mathematik. Rechnen im Kopf kannte ich schon aus der Vorschule und bereitete mir so keine Mühe.

Nach der großen Pause lernten wir einen neuen Lehrer kennen, Herrn Vasek, unseren zukünftigen Musiklehrer. Er war ein stattlich hochgewachsener und dynamisch junger Mann mit einem schwarzen Vollbart. Über seiner Schulter hing ein Akkordeon. Das erweckte in uns erst mal einen Eindruck von Gelassenheit. Obwohl auch er gefühlvoll mit uns redete und uns auf lustige Art und Weise erzählte, was in so einer Musikstunde alles gelernt werde, wirkte er auf mich doch ziemlich streng. Gleich in der ersten Musikstunde lernten wir ein Lied. Passend zum Tag: »Hurra, ich bin ein Schulkind« (die Melodie zu »Ein Männlein steht im Walde«). Herr Vasek sang es uns stückchenweise vor und wir sollten es nachsingen. Das war gar nicht so einfach, sich so viel Text auf einmal zu merken. Wir hatten ja noch kein Buch, aus dem wir den Text hätten ablesen können. Wir kannten ja gerade mal zwei Buchstaben. Irgendwie bekam ich das Gefühl, dass es Herrn Vasek gar nicht gefiel, wenn wir mal eine Liedzeile vergaßen.

Nach ein paar Tagen gewöhnten wir uns fast schon an den gemeinschaftlichen Unterricht mit den Kindern der ersten Klasse. Als dann recht bald dessen Klassenlehrerin wieder gesund wurde, zogen wir Schüler der Klasse S1 zurück in unseren Klassenraum.

Von nun an hatten wir Herrn Reimert für uns alleine und konnten ihn richtig kennenlernen. Seine schlanke und recht große Figur, vor allem aber die grau werdenden Haare wirkten auf mich recht weise. Die ruhige, doch zielstrebige Art, mit uns Kindern umzugehen, erzeugte in mir eine Art Geborgenheit. Er vermittelte den Eindruck, eine große Portion Lebenserfahrung mitzubringen. Und diese, seine eigenen Lebenserfahrungen, schien er bei mir auch fast täglich zu brauchen. Auf Grund meiner starken Spastik benötigte ich für fast alle Dinge, die den schulischen Alltag betrafen, spezielle Hilfsmittel. Mit deren Standardausführungen kam ich meistens nicht zurecht. Ich brauchte Sonderanfertigungen, die es nirgendwo gab und daher immer extra angefertigt werden mussten. So war ich für Herrn Reimert offensichtlich der ideale Schüler. An mir konnte er sein ganzes handwerkliches Geschick fortwährend unter Beweis stellen.

Die Kunst des richtigen Sitzens

Zu Beginn eines jeden Schuljahres machten Herr Mertens und Herr Friedrich sozusagen einen Kontrollrundgang durch alle Klassen. Die Beiden sahen sich dabei jeden Schüler an. Ihr Augenmerk richtete sich darauf, ob wir während des Unterrichts eine bequeme, angemessene Sitzhaltung hatten. Sie achteten unter anderem auf eine richtige Stuhlhöhe oder ob vom Sitzen auf den doch recht harten Stühlen Druckstellen am Körper entstehen können.

Eines Tages führte der Rundgang der Herren auch durch unsere Klasse. Als ich an der Reihe war, meinte Herr Friedrich, dass mein kleines Stühlchen doch zu hart für mich sei. Es müsse gepolstert werden. Nur wie, das sagte er nicht, so nach dem Motto: »Ich bin Arzt. Die anderen werden das schon hinbekommen.«

Jetzt stellte erstmals Herr Reimert sein Können unter Beweis. Der Mann hatte nicht nur einen unendlichen Reichtum an Ideen, sondern er besaß außerdem ein unglaubliches handwerkliches Geschick.

Schnell stellte sich heraus, dass das Unterlegen irgendwelcher Sitzkissen bei mir zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis führen würde. Dies wäre alles eine zu wackelige Angelegenheit geworden. Außerdem kannte mich Herr Reimert nur zu gut und so wusste er, dass alles, was sich bewegte, worauf ich saß, mich beim Sitzen unsicher machte. Was nützte mir also ein mit Kissen gepolsterter Stuhl, wenn ich in ihm vor lauter Angst steif wie ein Brett sitzen würde? Etwas Handfestes musste her.

Die Lehrerstühle hatten einen herausnehmbaren, gepolsterten Sitz. Spontan entfernte Herr Reimert den grünen Sitz seines Stuhles und legte ihn probehalber in mein Stühlchen. Dieser passte wie dafür gemacht hinein. Auch zur Rückenlehne eignete sich so ein Sitz. Natürlich konnte Herr Reimert nicht den Sitz seines Lehrerstuhles opfern.

In einer Pause ging er hinauf auf den Dachboden und prompt fand er dort zwei Lehrerstühle, die die herausnehmbaren Sitze hatten, wie ich sie brauchte. Lächelnd kam Herr Reimert mit je einem Sitz in der Hand zurück und hielt sie strahlend in die Luft. Schnell suchte er einen Lappen und befreite sie vom Staub.

Herr Reimert schien für solche »Einsätze« gewappnet zu sein, denn in seinem Schrank lag stets einiges an Werkzeug. So war es ihm ein Leichtes, die beiden Sitze auf meinem Stühlchen mit Nägeln zu befestigen. Ein Sitz diente als Sitzfläche, der zweite als Rückenlehne. Beide saßen bombenfest, da wackelte nichts mehr! So war mein Stühlchen schon fast zu einem Thron geworden, in dem ich sehr bequem saß.

Das Manko des zu harten Stuhles hatte Herr Reimert schnell beseitigt. Doch nicht selten stellt sich bei mir mit dem Beheben eines Problems mindestens ein neues ein.

Jetzt hatte ich zwar einen gepolsterten Stuhl, doch durch das Einlegen des Sitzes aus dem Lehrerstuhl saß ich zirka drei Zentimeter höher. Dies bedeutete, meine Füße hatten keinen richtigen Bodenkontakt mehr. Und das war ja auch nicht im Sinne des Erfinders, denn ohne festen Kontakt zum Boden fühlte ich mich unsicher. Also musste nicht nur sitztechnisch, sondern auch bei den Füßen nachgebessert werden.

Naheliegend in solchen Fällen war das Unterstellen einer Fußbank. Unsere Schule hatte verschiedene Modelle dafür parat, denn viele Kinder baumelten mit den Füßen in der Luft. Warum sollte eine solche Bank nicht auch bei mir ihren Zweck erfüllen? Herr Reimert stellte mir ein kleines Bänkchen unter meine Füße. Von der Höhe passte es. Lediglich mit meinen Füßen stieß ich sie mit der Zeit nach vorne weg. Davon ließ sich mein Klassenlehrer nicht beirren. Er probierte eine andere Variante einer Fußbank aus und schlug so eigentlich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Detlef, der neben mir saß, kam mit seinen Füßen auch nicht bis zum Boden auf. So stellte Herr Reimert eine lange, durchgehende Fußbank unter unseren Tisch. Damit Detlef und ich diese nicht nach vorn wegschieben konnten, befestigte Herr Reimert an der vorderen Seite der Bank eine stabile Leiste, die gegen die Tischbeine stieß und so ein Wegschieben verhinderte. So teilte ich mir mit Detlef nicht nur eine Schul-, sondern auch eine Fußbank.

In den darauffolgenden Tagen beobachtete Herr Reimert, dass meine Füße immerhin auf der Fußbank, jedoch nicht ruhig standen. Ich bewegte sie ständig unkontrolliert hin und her. Herr Reimert dachte an eine Fixierung. Doch dies konnte nur passiv erfolgen. Ich musste jederzeit die Möglichkeit haben, mich selbst aus dieser zu lösen.

Wenn ein Kind unserer Klasse irgendein Problem hatte, dann beschäftigte dies Herrn Reimert auch nach Feierabend. Er konnte nicht aus dem Klassenraum gehen und unsere Schwierigkeiten bei uns lassen. Er nahm sie oft mit nach Hause und grübelte solange, bis er eine Lösung fand.

Am nächsten Tag kam Herr Reimert mit einem »Guten Morgen« in unsere Klasse und packte seine Aktentasche aus. Neben den bekannten Büchern zog er zwei größere hellbraune Streifen aus Leder heraus. »Daraus machen wir dir ein paar Schuhe für die Fußbank«, sagte er zu mir. Flugs holte er das Werkzeug aus seinem Schrank. Dann markierte Herr Reimert die Stellen auf der Fußbank, an denen meine Füße stehen sollten. Im flotten Tempo fertigte er dann aus den breiten Lederstreifen Schlaufen, die er auf die Fußbank nagelte. Das Ergebnis ähnelte zweier Kappen von Schuhen. Und so sollten sie auch funktionieren. Ich konnte in die Schlaufen allein hineinkriechen. Jede der Schlaufen wurde so groß bemessen, dass fast mein ganzer Fuß darin Platz fand. So hatten letztendlich meine Füße einen sicheren Halt.

Doch schon am nächsten Morgen traute Herr Reimert seinen Augen kaum. Ich schaffte etwas, womit er wahrscheinlich nie gerechnet hätte. Als meine Füße in den Schlaufen steckten, muss ich durch meine Spastik eine so immense Kraft entwickelt haben, dass das recht weiche Leder nachgab und an den Nägeln herausriss. So machte ich die zirka eine Stunde Arbeit von Herrn Reimert mit einem Schlag zunichte!

Solche im wahrsten Sinne des Wortes Rückschläge brachten meinen Klassenlehrer keinesfalls aus der Fassung! Im Gegenteil. Sie weckten in ihm eine ungeheure Willensstärke, ein Problem trotzdem zu lösen.

An diesem Tag konnte Herr Reimert an der Fußbank nichts mehr machen. Einerseits hatte er noch keine richtige Idee, andererseits – und das war eigentlich noch wichtiger – musste unser Unterricht mal ein bisschen weitergehen. Zwar hatten wir ein langsameres Lerntempo und für solche Experimente war vereinzelt auch die Zeit vorhanden, doch unendlich durften wir sie dafür nicht nutzen.

Wieder nahm Herr Reimert den Gedanken mit nach Hause, wie er meine Füße auf der Fußbank fixieren konnte. Eine konkrete Idee schien er noch nicht zu haben. An diesem Abend muss er sein ganzes Haus auf den Kopf gestellt haben auf der Suche nach einem festeren, quasi unkaputtbaren Material.

Freudestrahlend kam er am darauffolgenden Tag in die Klasse. Dann zog mein Klassenlehrer erneut etwas Lederartiges aus seiner Tasche. Diesmal waren es dunkelgraue, fast schwarze schon fertige Kappen. Nun doch etwas verzweifelter meinte er: »Wenn du die kaputt kriegst, dann weiß ich auch nicht mehr weiter. Das hier sind die Kappen von meinen früheren Soldatenstiefeln. Die habe ich gestern Abend extra für dich zerschnitten.« Herr Reimert zeigte mir diese Kappen. So dickes Leder sah ich nie zuvor. Mit noch stärkeren Nägeln befestigte er sie auf der Fußbank. »Das muss jetzt halten«, sagte er abschließend mit einem verschmitzten Lächeln. Und in der Tat. Seine geopferten Stiefelkappen erwiesen sich als unzerstörbar und somit reißfest. Sie hielten meiner noch so starken Spastik stetig stand!

Der Unterricht ging in einem gemäßigten, langsameren Tempo voran und Herr Reimert hatte genügend Zeit, sich mit jedem von uns sechs Schülern individuell zu beschäftigen, was ja auch der Sinn der S-Klassen war.

Schnell gewöhnte ich mich an den Schulalltag und es machte mir großen Spaß, Rechnen und Lesen zu lernen. Das Fach »Heimatkunde« hatte es mir besonders angetan. Für mich als wissbegieriges Kind war dies genau das richtige Unterrichtsfach um zu erfahren, wie dies und jenes funktionierte. In manchen Stunden fragte ich Herrn Reimert regelrecht und vorwiegend alleine über Dinge aus, die so in der Natur passierten und für die ich selbst keine Erklärung fand.

Meine Klassenkameraden brachten zwar alle die Fähigkeit mit, dem Unterricht zu folgen, dennoch fiel dies einigen recht schwer. Geduldig übte Herr Reimert mit ihnen den Stoff immer und immer wieder. Doch für mich konnte es meist nicht schnell genug gehen, etwas Neues zu lernen. Dies bekam Herr Reimert auch recht bald mit. Er merkte, dass ich von meinem geistigen Niveau bedenkenlos die erste und zweite Klasse in dem normalen Tempo hätte absolvieren können. Im theoretischen Unterricht war ich topfit. Doch nicht umsonst wurde ich in die S-Klasse eingeschult. Was sich schon in der Vorschule herausstellte, erwies sich jetzt zunehmend als mein größtes Handicap. Ich konnte mit meinen eigenen Händen nicht ohne fremde Hilfe schreiben.

Während meine Schulkameraden fast in jeder Deutschstunde einen neuen Buchstaben lernten und damit immer weitere Wörter bilden und dann auch schreiben konnten, vermochte ich nur alles theoretisch zu lernen und beim Schreiben zuzusehen. Herr Reimert versuchte, wie Frau Kleinert in der Vorschule, meine Hand beim Schreiben zu führen. Auf diese Weise brachte ich auch etwas Lesbares zu Papier. Doch sobald er meine Hand losließ, schleuderte mein ganzer Arm über das Blatt und hinterließ eine lange »Schleifspur«. Auf Anhieb hatte Herr Reimert keine Lösung parat, wie ich selbstständig schreiben könnte. In ganz kleinen Schritten wollte er sich an diese große Herausforderung herantasten.

Für die folgenden Wochen und Monate beschloss mein Klassenlehrer in Absprache mit unserem Schuldirektor, mich zunächst vorwiegend theoretisch zu unterrichten. Dessen ungeachtet sollte nicht aus den Augen verloren werden, mit mir weiterhin das Schreiben zu üben.

Der Pioniergeburtstag

Die Zeit in der S1 verstrich unmerklich. Draußen begann es richtig frostig zu werden und die Landschaft bedeckte sich allmählich mit Schnee.

Die immer dunkler werdenden Nachmittage verbrachten wir meist in unserem Klassenraum, der uns zugleich als Gruppenraum diente. Dreimal in der Woche war Hausaufgabennachmittag. Das wurde von der Leitung so festgelegt und galt für alle Klassen. Frau Griebel, unsere Erzieherin, löste dann mit uns die gestellten Aufgaben und übte in Absprache mit Herrn Reimert ein wenig mit uns den zuvor gelernten Unterrichtsstoff. Sie war für uns so etwas wie eine »Ersatzmutti«.

Die Zeit für die Hausaufgaben betrug in den unteren Klassen eine Stunde. So blieb danach noch etwas Zeit zum Spielen.

Die hausaufgabenfreien Nachmittage waren den so genannten außerunterrichtlichen Aktivitäten vorbehalten, die wir mehr oder weniger gern mochten. Einfach nur spielen war wohl die beliebteste dieser Beschäftigungen. Doch neben Spaziergängen zählten auch Pioniernachmittage dazu.

Um solche Nachmittage zu veranstalten, war es vorbestimmt, uns Schüler erst einmal in die Pionierorganisation aufzunehmen. Als Teil des früheren Bildungssystems war diese in Form einer politischen Kinderorganisation in das Schulleben integriert. So wurde die Aufnahme in diese Organisation fast als ein Großereignis zelebriert und uns deshalb so richtig schmackhaft gemacht, etwa nach dem Motto »Nur als Pionier bist du ein guter Schüler«. Damit wir dieser Gemeinschaft beitreten konnten, mussten wir zuvor die zehn Gebote der jungen Pioniere, nach denen wir dann zu handeln hatten, auswendig lernen. Dazu nutzte Frau Griebel fast jede freie Minute. In den Tagen vor der Aufnahme lernten wir nahezu täglich ein neues Gebot. Diese waren voll auf eine sozialistische Erziehung ausgerichtet. So hieß zum Beispiel das erste Gebot: »Wir Jungpioniere lieben unsere Deutsche Demokratische Republik.«

Am 13. Dezember begingen zu DDR-Zeiten die Schüler der ersten bis siebten Klasse den Pioniergeburtstag. Dieser wurde bei uns im großen Rahmen gefeiert und war für unsere gesamte Einrichtung immer ein besonderes Ereignis, zu diesem auch die »Großen«, die FDJler geladen waren. Extra für diesen Nachmittag wurde der riesige Saal in der Gaststätte »Brauner Hirsch« unten im Dorf gemietet. Dieser bot allen Kindern, Lehrern und Erziehern ausreichend Platz. Ein großer Bus musste gleich mehrmals fahren, um uns alle in diese Lokalität zu bringen. Es war für das Personal kein unerheblicher Aufwand, uns in und wieder aus dem Bus zu helfen.

Einem solchen Nachmittag ging stets eine einstündige Feierstunde voraus. In ihr wurde unter anderem Rechenschaft der Tätigkeiten der Pioniere abgelegt und Schüler für ihr fleißiges Lernen ausgezeichnet.

Der Pioniergeburtstag gab stets den willkommenen Anlass, die Kinder der S1 beziehungsweise der ersten Klasse in die Reihen der Pioniere aufzunehmen. So auch am 13. Dezember 1974. Nach heutiger Recherche weiß ich, dieser Tag war ein Freitag.

Aufgeregt und zappelig saßen wir nun vorn vor all den anderen Schülern in unseren neuen, noch weiß strahlenden Pionierhemden, auf dessen linken Oberarm sich das Emblem der Pionierorganisation zeigte. Die Zeremonie unserer Aufnahme übernahm die Pionierleiterin, Frau Wesel. Sie lernten wir schon in den Tagen der Vorbereitung kennen, eine hochgewachsene, schlanke, dunkelhaarige Person mittleren Alters. Ihre dicke Brille und ihr strenger Blick flößten uns allen großen Respekt ein.

Frau Wesel trat an das Rednerpult und erzählte, was von uns als Pionier erwartet wird. Nachdem sie uns noch einmal die zehn Gebote der Jungpioniere vorlas, legten wir das Gelöbnis der Jungpioniere ab. Frau Wesel sprach es uns langsam stückchenweise vor und wir sprachen es ihr nach. Wir gaben uns alle große Mühe, dabei keinen Fehler zu machen. Danach wurde uns das blaue Halstuch umgebunden und uns der Pionierausweis überreicht. Diesen hielten wir freudestrahlend in unseren Händen und waren stolz, nun ein Jungpionier zu sein.

Als so der offizielle Teil eines solchen Nachmittages vorüber war, begann eigentlich das, auf das wir uns schon die ganzen Jahre über freuten und auch herbei sehnten, Party-Time pur! Mit der Zeit wussten wir außerdem, was es zu Essen gab: Echte Leckereien, die wir so in der Schulzeit nicht bekamen. Zum Kaffee mit Schlagsahne prall gefüllte Windbeutel und abends sogar Gehacktes. Zwischen Kaffee und Abendbrot spielte richtig laut Musik, zu der wir mit unseren Erziehern und Lehrern tanzten. Das war immer der volle Gaudi. In den ersten Jahren spielte noch eine richtige Kapelle, einige Male sogar eine der Armee aus Ilsenburg. So nach und nach wurde die Live-Musik durch Diskos ersetzt. – Eigentlich schade!

Leider vergingen solche Nachmittage stets viel zu schnell. Stundenlang hätten wir noch weiter rumtanzen können. Doch nach dem uns der Bus wieder zu den entsprechenden Häusern brachte, dauerte es noch eine ganze Weile bis das Personal uns in die Betten bekam. Wir waren einfach zu aufgekratzt. Allmählich gewann die Müdigkeit, trotz anhaltender Heiterkeit, die Oberhand und wir schliefen erschöpft ein.

Mein erstes Zeugnis

Die Ereignisse im ersten halben Jahr der S1 überschlugen sich förmlich. Hatte ich mich gerade an den Alltag in der Schule gewöhnt, begannen dann recht bald die Vorbereitungen für die Aufnahme in die Pionierorganisation. Nach dieser großen Feier rückten die Weihnachtsferien mit schnellen Schritten voran. Auf diese freute ich mich natürlich auch schon.

Kaum waren diese vorbei und das Jahr wechselte, hieß es: »In vier Wochen bekommt ihr eure ersten Zeugnisse.« Dem fieberten wir alle entgegen und legten uns in der Schule noch einmal so richtig ins Zeug.

Zur Zeugnisausgabe war es Tradition, unser blaues Pionierhalstuch umzubinden. Voller Neugier saßen wir am 7.2.1975 auf unseren Schulplätzen. An diesem Tag erkrankte Herr Reimert leider und so wurde uns unser erstes Zeugnis von unserer Gruppenerzieherin, Frau Griebel, überreicht. Letztendlich spielte es für mich kaum eine Rolle von wem ich es bekam. Ich war mächtig stolz darauf, denn in allen Fächern hatte ich eine »2«.

Nun hielt ich mein erstes Zeugnis in der Hand, ein grün/graues Heft, auf dem das Staatswappen der DDR zu sehen war und nicht sonderlich spektakulär aussah. Obwohl es in den Halbjahreszeugnissen üblicherweise keine Beurteilungen gab, wurde auf meinem Folgendes vermerkt: »Mario hat am Klassenunterricht teilgenommen. Schädigungsbedingt können seine Leistungen in den Fächern Schreiben, Rechtschreibung, Werken, Zeichnen, Musik und Sport f. Kö. nicht zensiert werden.«

Mit dieser Alternative konnten meine Eltern leben. Ihre Entscheidung, mich in ein Internat zu geben und mir somit die Teilnahme am Schulunterricht zu ermöglichen, fand ihre Bestätigung.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
391 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783957446978
Właściciel praw:
Автор
Format pobierania:

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