Czytaj książkę: «Lob der Aphrodite»

Czcionka:

Marina Zwetajewa

Lob der Aphrodite

Gedichte von Liebe und Leidenschaft

Aus dem Russischen übertragen und mit einem Essayvon Ralph Dutli


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek


Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.d-nb.de abrufbar.


© Wallstein Verlag, Göttingen 2021

www.wallstein-verlag.de

Umschlaggestaltung: Susanne Gerhards, Düsseldorf

© SG-Image unter Verwendung einer Abbildung von Marina Zwetajewa, Paris 1925


ISBN (Print) 978-3-8353-3943-9

ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-4666-6

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-4667-3

Inhalt

Die Freundin

1 Sind sie jetzt glücklich? Kein Wort

2 Unter dem Plüschplaid, mich liebkosend

3 Tauwetter jetzt, so dass ich heute

4 Sich anzuziehen – keine Lust

5 Heut abend war’s, gegen acht

6 Überm Kaffeesatz schaut nachts dann

7 Wie fröhlich leuchtete von Flocken

8 Den Hals erhoben, hebt sich – frei

9 Du gehst weiter, folgst deinen Wegen

10 Wie sollte ich mich nicht erinnern

11 Alle Augen in der Sonne – glühen

12 Hügel rund um Moskau schimmern blau

13 Vor der Trennung, vor dem Ende

14 Denn Namen gibt’s – wie Blumen

15 Ich will den Spiegel fragen, wo

16 An der ersten liebtest du

17 Und erinnert euch: so viel lieber

Wahnsinn und Vernünftigsein

Mein Leichtsinn! Meine Sünde, mir lieb

Mir gefällt, dass Sie krank sind – nicht nach mir

Die zehn Gebote ließ ich unbeachtet

Wie brennende, geschliffene Schmeichelei

Im fatalen Folianten

Zigeunerleidenschaft: sich trennen

Ich weiß eine Wahrheit! Alle andern Wahrheiten – Schluss

In der Hölle leben, ihr hitzigen Schwestern

Voller Mond und die Bärenpelze

Sie fliegen weg – nur hastig hingeschrieben

Gedichte an Ossip Mandelstam

1 Keiner hat es je überwunden

2 Die ich liebe führ ich zum Weg

3 Du wirfst den Kopf zurück beim Reden

4 Woher nur solche Zärtlichkeit

5 Zerflogen zu silbernen Scherben

6 Unheil kommt von einer Frau

7 Es geschah, er war sonderbar krank

8 Seltsamer Bruder, nimm aus meiner Hand

9 Vorbei an Türmen den stillen

Verse an Blok

Dein Name – ein Vogel in der Hand: verwundet

Für Anna Achmatowa

O Muse der Klage, du herrlichste der Musen

Hände sind mir gegeben – jedem beide entgegen

Weiße Sonne und niedrige, niedrige Wolken wie Zeichen

Schlaflosigkeit 2

Hände zu küssen

Schlaflosigkeit 4

Nach der schlaflosen Nacht wird der Körper kleiner

Schlaflosigkeit 7

Zart-so-zart und leise-leise

Schlaflosigkeit 8

Schwarz wie eine Pupille

Und er blickte, wie zum ersten Mal

Ich erkämpfe dich bei allen Erden, allen Himmeln

Soll denn ich, die ich gar nichts mehr brauche

Auf der Welt, in dem Dunkel, werden alle Nomaden

Die Stirn küssen – verscheucht die Sorgen

Ich erinnere den ersten Tag, wie kindische Bestien

Psyche

1 Nicht als Usurpatorin, nein – nach Haus kam ich

2 Du trägst, mein Sanfter, nichts als Lumpen

Ich bin. Du wirst sein. Zwischen uns – ein Abgrund

Nah wie die rechte und die linke Hand

Ich bin die Seite dir und deiner Schrift

Der Komödiant

1 Keine Liebe, nein, ein Fieber

2 Befreundet sein – geht nicht, mich lieben

3 Ein Auflachen, kurz, dass die Zähne hell blitzen

4 Nein, ich brauch dich nicht mehr, Lieber

5 Du im Sessel, voller Faulheit

6 Ich liebe Sie mein Leben lang und jeden Tag

7 Zärtlich dein Mund – er ist das reine Küssen

8 Wir küssten nicht – wir legten uns zusammen

9 In meinem Ohr zwei Pfiffe: Seide, Schneegestöber

10 Es lebe das schwarze As

Gedichte für Sonetschka

1 Ans Fensterchen klopft jetzt der Regen

2 Kleine du, du Sigarrera

3 Deine Hände so braun von der Sonne

Ich küsste diesen Kopf

Für N. N. W.

1 Auf großen stillen Wegen

2 Eine Stunde, was uns bleibt an Zeit

3 Ein unerhörter Freund, ein niegesehener

4 Rein in den Sack, ins Wasser – oh, wie herrlich

5 Meine Vergänglichkeit, die findest

6 Sagst allen Leidenschaften: Ade

7 Angenagelt an den Schandpfahl

8 Am Schandpfahl stehend, vor Gericht

9 Du hast es so gewollt. Sei’s drum. Und Halleluja

10 Nicht so gemein und nicht gar so simpel

11 Der eine ist aus Stein, aus Lehm ist der andre

Auf Schiefertafeln schrieb ich’s, hieß die Hand

Lied

Noch gestern sah er mir ins Aug

Ich hab Bettler, Diebe, Bucklige geküsst

O Liebe! Liebe! In Zuckungen, im Sarg

Lob der Aphrodite

1 Selig, wer deine Töchter, Erde, schnell verließ

2 Von Göttern – nicht mehr dieselben Geschenke

3 Unnütz, von schonenden Zweigen gehalten

4 Wie viele, wie viele fressen dir aus der Hand

Jugend

Bald schon muss ich Schwalbe zu den Hexen

Nicht hübscher geworden in den Jahren der Trennung

Grausam: Jammertal irdische Liebesglut

Such dir zutrauliche Freundinnen am Ende

Ich grüße dich! Nicht ein Stein, nicht Pfeil

Ophelia an Hamlet

Du Hamlet – straff und streng – Enggeschnürter

Ophelia – zur Verteidigung der Königin

Prinz Hamlet! Die wurmstichigen abgelegten Reste

Phädra

1 Die Klage

Hippolyt! Hippolyt! Es schmerzt

2 Der Brief

Hippolyt von der Mutter – von Phädra

Eurydike an Orpheus

Für jene, die abgelegt haben die letzten Fetzen

Ariadne

1 Verlassen zu sein – heißt: eingelassen zu sein

2 Oh, mit allen Stimmen der Muschelgehäuse

Kabel

1 Durch die singenden Pfähle hin

2 Um dir es hier zu sagen … nein, gereiht

3 (Wege) Verlesen alles und – verworfen

4 Selbstherrliche Vorstadt: Machtgehabe

5 Keine Schwarze Magie! Im weißen

6 Stunde, wo hoch oben Magier

7 Als mein Bruder fortging, weit

8 Geduldig, wie man den Schotter schlägt

9 Das Frühjahr bringt den Schlaf. Komm, schlaf

10 Mit andern – in die rosigen Haufen

So hört man sich hinein

1 So hört man sich hinein (die Mündung)

2 Freund! Mach mir keinen Vorwurf für die Flucht

Hamlets Dialog mit dem Gewissen

Sie sank zum Grund, wo Schlamm

Die Spalte

Wie dieser Vorfall zum Ende schrumpfte

Das Treffen

Ich werde zum vereinbarten Treffen mich verspäten

Zu früh – um nicht zu sein

Die Stunde der Seele

1 Aus Seele und Nacht die tiefe Stunde

2 In der tiefen Stunde der Seele

3 Die Stunde der Seele gibt’s, des Monds

Lotos-Saft

Göttlich und kindlich-nackt

Neigung

Mütterliches – durch den Schlaf hindurch – Ohr

Die Muschel

Aus der Leprastation von Lüge und Bösem

Die Klinge

Zwischen uns die Klinge – zweifach verletzend

Magdalena

1 Zwischen uns – die zehn Gebote

2 Balsam, Salben, ihre Preise

3 Deine Wege will ich gar nicht wissen

Von diesem Berg wie vom Dach der Welt

Sei auch bitter deiner Rohre Rauch

Die Schlucht

1 Der Grund – der Schlucht

2 Nie wirst du erfahren, was ich verfeuere

Uralt, unnütz durch die Adern fließend

Ich liebe – doch die Qual ist noch groß

Du, der du mich liebtest mit der Falschheit

Zwei

1 In dieser Welt Reime zu finden

2 Nicht bestimmt ist, dass der Starke

3 In der Welt, wo jeder

Versuch, eifersüchtig zu sein

Na, wie lebt sich’s mit der Andern

Merkmale

Als trüg ich im Schoß einen Berg

Liebe

Ein Türkensäbel? Feuer? Brand?

An das Leben

1 Wirst mir nicht nehmen das Rot meiner Wangen

2 Wirst mir nicht nehmen die Seele – fliegend

Kein Donnerrad in seiner Wut

Kriechspur, Schneckenpfad der Tage

Ent – fernung: die Wersten, Meilen

Grabmal (für Nikolaj Gronskij)

1 »Ich geh nur für Minuten fort …«

2 Vergeblich mit dem Auge – dem Nagel

3 Dafür, dass du einst, jung und kühn

4 Ein Schlag, gedämpft von Jahren ohne Besinnung

Gedichte an den Waisenjungen

1 Ich umarme dich mit dem Gesichtskreis

2 (Grotte) Könnte ich – würd ich dich packen

3 Auf der Eisscholle

4 Als Zungenbrecher – im Flusswasser raunt er

5 Endlich hab ich den getroffen

6 Ich denk an den einen, den andern

Zeit jetzt! Auch dieses Feuer zu erfahren


Anhang


Zeittafel


Ich rede von der Liebe in Freiheit. Über das Wunder des Fremden: Marina Zwetajewas Liebeslyrik. Nachwort von Ralph Dutli


Notiz

Gedichte von Liebe und Leidenschaft

Die Freundin
1

Sind Sie jetzt glücklich? Kein Wort kommt von Ihnen!

Auch gut – so stumm!

Mir scheint, Sie küssten wohl schon viel zu viele,

Sind traurig – darum.


Alle Heldinnen aus Shakespeares Tragödien

In Ihrer Gestalt.

Rettung gab’s keine, junge tragische Lady,

Keinen – der half.


Sie sind es müde, all das Liebesgerede

Zu alt, zu schwer.

Der eiserne Reif an der Hand, der blutleeren –

Sagt so viel mehr!


Ich liebe Sie! Die Sünde: Wolkenfetzen

Über Ihrer Stirn,

Weil Sie so ätzend sind und so verletzend –

Und besser als wir.


Weil wir, weil unsre Leben sich nie gleichen

In dieser Nacht,

Für die Verführungskünste, Ihre reichen,

Für die fatale Macht,


Weil ich einst Ihnen, jähgestirnter Dämon,

Sage: Verzeih,

Weil Sie unrettbar sind – noch über Gräbern! –

Reiß dich entzwei!


Für dieses Zitternde – muss ich jetzt träumen?

Ist alles leer? –

Für diese Ironie, den Reiz, den neuen:

Sie sind – kein Er.


16. Oktober 1914

2

Unter dem Plüschplaid, mich liebkosend,

Denk ich an gestern, an den Traum.

Was war das? Mein Sieg, dein Sieg? Bloß die

Besiegte Frau?


Ich überdenke alles, leide

Noch immer alles nochmals neu.

In dem, wofür’s kein Wort gibt, keines!

War Liebe wohl dabei?


Wer war der Jäger? Wer die Beute?

So teuflisch alles und verrannt!

Was – lange schnurrend – wohl der Kater

Von alledem verstand?


In jenem Zweikampf zweier Willen

Wer war der Ball in wessen Hand?

Und wessen Herz – das meine, Ihres –

Ist plötzlich durchgebrannt?


Und – was nur war das? – immer wieder:

Was will man bloß, das dann nur trügt?

Ich weiß es nicht: Bin ich die Siegerin?

War ich besiegt?


23. Oktober 1914

3

Tauwetter jetzt, so dass ich heute

Am Fenster lange-lange stand.

Nüchtern der Blick, ich atme freier,

Besänftigt wieder, nach dem Brand.


Ich weiß gar nicht warum. Die Seele

Ist jetzt ganz einfach abgespannt,

Nicht mal den Bleistift, den Rebellen,

Möcht ich berühren mit der Hand.


So stand ich denn – fast wie im Nebel –

So weit von Gut und Böse, dass

Ich mit dem Finger sachte trommle

Ans kaum erklirrende Fensterglas.


Die Seele schlechter nicht, nicht besser

Als der Erstbeste, der da tappt –

Als schillernd alle Perlmutt-Pfützen

In die der Himmel sich verschwappt,


Als der vorüberfliegende Vogel

Oder der letzte Hund, verirrt.

Nicht mal die Sängerin, die bettelt,

Hat mich zu Tränen jetzt gerührt.


Die liebe Kunst namens Vergessen

Hat sich die Seele eingesaugt.

Und ein Gefühl, irgendein großes,

Hat heute tief in mir getaut.


24. Oktober 1914

4

Sich anzuziehen – keine Lust,

Sie wollten nicht mal aufstehn aus den Sesseln.

– Doch jeder Ihrer künftigen Tage muss

Von meiner Freude froh sein bis zum letzten.


Besonders waren Sie abgeneigt,

Noch rauszugehn in Nacht und Kälte.

– Doch jede Ihrer künftigen Stunden sei

Von meiner Freude jung-erhellte.


Sie haben das so ohne Falsch getan,

Unschuldig und nie gutzumachen.

– Ich war nur Ihre Jugend, kann

Nichts als vorübergehn, verlassen.


25. Oktober 1914

5

Heut abend war’s, gegen acht,

Hinweg über die Große Lubjanka,

Wie Schneebälle, Kugeln – sacht

Sausten die Schlitten und wankten.


Ein Lachen, das schon einmal war …

Mein Blick wie erstarrt, ohne Leben:

Das rötliche Fell – ihr Haar,

Und Jemand sitzt aufrecht daneben!


Mit einer Andern schon waren Sie,

Zogen Ihre Schlittenfährten,

Begehrten und lieben – wie?

Viel stärker als ich – begehrten!


Oh, je n’en puis plus, j’étouffe! –

Sie riefen es hell und laut

Und schoben schwungvoll mit dem Ruf

Die Pelzdecke an ihr hinauf.


Fröhlich die Welt, der Abend – schlimm!

Aus dem Muff Ihre Einkäufe wälzend …

So sausten Sie im Schneewind hin,

Blick an Blick, und Pelzchen an Pelzchen.


Ein Aufruhr, grausamster Schlag,

Der Schnee – weißes Weiß, niedertaumelnd.

Ich stand, zwei Sekunden lang –

Nicht mehr – hinterher euch schauend.


Und strich übers lange Haar

Meines Pelzchens – nicht zornig.

O Schneekönigin, jetzt ist es klar:

Dein kleiner Kay ist erfroren!


26. Oktober 1914

6

Überm Kaffeesatz schaut nachts dann

Weinend sie zum Orient.

Unschuldsmund, Mund voller Laster –

Ungeheure Blume: brennt.


Bald der Mond, ein junger, schlanker,

Löst die Purpurdämmerung ab.

Wie viel Ringe, wie viel Spangen

Schenk ich dir – soviel ich hab!


Junger Mond zwischen den Zweigen

Schützt, behütet keinen mehr.

Wie viel Armbänder und Kettchen

Schenk ich liebend gerne her!


Unter einer schweren Mähne

Blitzen die Pupillen weich.

Eifersucht deiner Gefährten?

Vollblutpferde sind so leicht!


6. Dezember 1914

7

Wie fröhlich leuchtete von Flocken

Ihr graues und mein Zobelfell,

Als durch den Weihnachtsmarkt wir zogen

Und Bänder suchten, lockend-hell.


Wie ich an rosig-ungesüßten

Waffeln mich voll aß – wie viel? Sechs!

Und mich die roten Pferdchen rührten,

Mich rührten doch nur Sie zunächst.


Als rote Mäntel, groß wie Segel,

Schwatzten sie uns bloß Lumpen auf,

Und staunten über Moskaus Mädchen –

Die Bauernweiber dumm und laut.


Und dann, als sich das Volk verstreute,

Gingen wir zögernd da hinein,

Wo auf der alten Gottesmutter

Ihr Blick verharrte ganz allein.


Wie das Gesicht mit trüben Augen

So gütig schien und ganz erschöpft,

Mit runden Amorputten auf dem

Ikonenschrein Elisabeths.


Wie Sie dann meinen Arm anhielten

Und sagten: »Oh, ich will sie, sehr!«

Behutsam stellten Sie die gelbe

Kerze hinein ins Lichtermeer …


O weltliche, mit dem Opalring

Geschmückte Hand! Mein Missgeschick!

Und ich versprach, noch diese Nacht dir

Zu stehlen das Ikonenstück.


Dann in den Gasthof jenes Klosters

– Die Glocken dröhnten vor der Nacht –

So selig wie Geburtstagskinder

Krachten wir wie Soldatenpack.


Wie ich dann schwor, bevor ich alt bin

Noch hübsch zu werden – Salz verstreut! –

Und dreimal fiel – Sie wurden grantig –

Der Herzkönig mir zu erneut.


Wie Sie mich fassten, meinen Kopf mir

Liebkosten – jede Locke glüht –

Und die Emailblume der Brosche

Hat meine Lippen mir gekühlt.


Wie ich entlang der schmalen Finger

Mit meiner schläfrigen Wange strich,

Sie neckten mich, ich sei ein Junge,

Ihnen gefiel’s, Sie mochten mich …


Dezember 1914

8

Den Hals erhoben, hebt sich – frei

Als wär’s ein junger Trieb.

Wer sagt den Namen, wer – die Zeit,

Ihr Land, wo es wohl liegt?


Die Krümmung dieser Lippen, matt

Und schwach und launisch-wirr,

Doch blendend steigt sie auf und hart –

Beethovenhafte Stirn.


Von einem hellen braunen Ring

Hervorgehoben leicht,

Die Herrscher des Gesichtes sind

Die Augen, Monde – zwei.


Und bis zur Rührung ist es rein –

Zerschmolzenes Oval.

Die Peitsche passt zur Hand und ein

Silbergefasster Opal.


Die Hand, die in die Seide langt,

Würde zu Geigenbögen stehn,

Unwiederholbar ist die Hand,

Die Hand ist – wunderschön.


10. Januar 1915

9

Du gehst weiter, folgst deinen Wegen,

Nicht mal die Hand berühr ich dir bebend,

Doch die Sehnsucht in mir – ist zu ewig,

Nicht die Erstbeste in dir seh ich.


Und mein Herz sagte sofort nur: »Liebe!«

Ich hab – blindlings – dir alles verziehen,

Noch nicht mal deinen Namen wissend,

Oh du, liebe mich, lieb mich ein bisschen!


Und ich seh’s an der Lippenkrümmung,

Dieser Hochmut, er will nur gewinnen,

An dem Vorsprung, schwer über den Brauen:

Dieses Herz darf im Sturm man nur rauben!


Und dein Kleid – schwarzer Panzer aus Seide,

Deine Stimme zigeunerisch heiser,

Alles gefällt mir an dir, fast schmerzlich,

Sogar dass du nicht schön bist letztlich!


Schönheit, du wirst im Sommer nicht welken,

Keine Blüte, aus Stahl bist du – Stengel,

Schärfer als scharf, wütend-schlimmer,

Entführt woher, von welcher Insel?


Mit dem Fächer treibst du Unfug, mit dem Stöckchen,

In jedem Äderchen, in jedem Knöchelchen,

In der Form jedes Fingerchens, böse –

Weiblich-zart, jungenhaft-freches Wesen.


Spöttisches Lächeln mit Versen parierend,

Dir und der Welt es vor Augen führend,

Zeig ich alles, was in dir liegt verhohlen,

Unbekannte mit der Stirn Beethovens!


14. Januar 1915

10

Wie sollte ich mich nicht erinnern

An Teeduft und White Rose,

An Sèvres-Porzellan, die Figürchen

Überm hitzeglühenden Kamin …

Ich – im luftigen Kleid, in der

Durchgoldeten Faille, ärmellose,

Sie – im Jackett, dem schwarz gewirkten,

Mit Flügelkragen rundum hin.

Ich weiß noch, mit welchem

Gesicht Sie eintraten, ohne Schminke,

Und dastanden, auf Ihren Finger beißend,

Ihr Kopf war leicht geneigt.

Die herrscherhafte Stirn unterm schweren

Rötlichen Helm, der mir winkte,

Nicht Frau und nicht Junge, doch weiß ich –

Etwas Stärkeres als ich hat mich erreicht!

Mit einer grundlosen Bewegung

Stand ich auf, uns umgaben enge Netze,

Und jemand sagte in scherzhaftem Ton:

»Sie kennen sich nicht, soviel ich weiß.«

Und wie Sie die Hand in die meine legten

Mit einer weit ausholenden Geste,

Und zärtlich in meiner Hand lag, ohne

Jede Eile, ein Splitter aus Eis.

Mit jemand, der schief herüberblickte,

Begann ich im Voraus zu streiten –

Ich lag halb im breiten Sessel

Und drehte den Ring an der Hand.

Sie nahmen eine Zigarette, ich nickte

Und reichte Ihnen das Streichholz,

Nicht wissend, was ich tun soll, falls Sie

Ins Gesicht mir blicken direkt.

Ich weiß noch – über der blauen Vase

Klirrten plötzlich unsere Gläser.

»Oh, seien Sie mein Orestes!«

Ich hab Ihnen die Blume gereicht.

Lachend – über meinen Satz wohl? –

Aus der schwarzen Wildledertasche

Nahmen Sie in einer langen Geste

Ein Tuch – und ließen es fallen so leicht.

28. Januar 1915

11

Alle Augen in der Sonne – glühen,

Kein Tag gleicht dem andern Tag.

Sollte ich dich je betrügen,

Hör, was ich dir sag:

Wessen Lippen ich auch küsse

In der Liebesnacht,

Wem ich auch je schwören müsste,

Nur zu leben, siebenfach –

Wie die Mutter es vom Kind will:

Wie die Blüte blüht,

Dass das Auge, wo’s auch hin will,

Dich nie übersieht …

Siehst du das Zypressenkreuzchen?

– Oh, du kennst es ja –

Alles wird erwachen, pfeif nur

Unterm Fenster da!

22. Februar 1915

12

Hügel rund um Moskau schimmern blau,

Staub und Teer liegt in der Luft, der lauen,

Meinen Tag verschlaf ich, lache, glaube:

Jetzt genese ich vom Wintergrau.

Ich schleich mich nach Hause möglichst leise:

Ungeschriebene Verse reun mich nicht!

Räderlärm, gebrannte Mandeln sind für mich

Kostbarer als alle öden Zeilen.

Und mein Kopf ist so entzückend leer,

Deshalb wohl: Mein Herz will überquellen!

Meine Tage sind wie kleine Wellen,

Die ich sehe von der Brücke her.

Viel zu zärtlich sind gewisse Blicke

In der zarten Luft, erwärmt ganz leicht …

Ich werd krank vor Sommer, werde weich –

Kaum genesen von den Winterknicken.

13. März 1915

13

Vor der Trennung, vor dem Ende

Dieser Liebe sag

Ich dir, dass ich deine Hände

Liebte, vielbegabt –

Und die Augen – die nicht jedem

Blicke schenken, nein! –

Herrisch Sühne heischen für den

Zufallsblick, so klein.

Dich und deine längst verfluchte

Leidenschaft – sieht Gott!

Die Vergeltung wollte, suchte

Für den Zufallsseufzer, Spott.

Müde sag ich: Keine Eile,

Hör jetzt bloß nicht her! –

Deine Seele steckt in meiner

Seele – steckt mir quer!

Dann auch dies sag ich dir weiter

– Ganz egal! Bald Schluss! –

Dieser Mund war jung vor deinem

Mund – vor deinem Kuss.

Hell mein Blick (vor dir!), verwegen,

Fünfjährig mein Herz …

Glücklich, wer dir nie begegnet

Nirgends, nirgendwärts.

28. April 1915

14

Denn Namen gibt’s – wie Blumen, stickig-heiß,

Und Blicke gibt’s – so tanzend wie die Flammen …

Und dunkle Münder gibt’s, gekrümmt ihr Kreis,

Mit tiefen, feuchten Lippenwinkeln fangend.

Und Frauen gibt’s: Die Haare – wie ein Helm,

Ihr Fächer duftet fein und unheilbringend.

Sind dreißig Jahre alt. Wozu brauchst denn

Du meine Seele des Spartaner-Kindes?

Himmelfahrt 1915

15

Ich will den Spiegel fragen, wo

Die Trübe ist und Traum, benebelnd,

Erforschen – wo dein Zufluchtsort

Liegt, wo dein Weg hinführt im Leben.

Ich seh die Masten eines Schiffs,

Und dich an Deck – aufragend …

Du stehst im Rauch des Zugs … Es trifft

Ein Feld dich abends, klagend …

Ja Abendfelder, taubenetzt,

Darüber kreischen Raben …

Alle vier Winde sollen dich jetzt

Samt meinem Segen haben!

3. Mai 1915

16

An der ersten liebtest du

Erstlingsschönheit, noch dazu

Locken mit dem Henna-Hauch,

Klageruf der Surna auch,

Unterm Huf den Kiesel-Klang,

Schön wie sie vom Pferd absprang,

Und – in körnigen Edelsteinen –

Die zwei Schiffchen eingezeichnet.

An der zweiten, andern meinen:

Brauen-Bögen, hohe, feine,

Seidenteppiche sodann

Aus Buchara – Rosenland,

Fingerringe überall,

Wange mit dem Muttermal,

Durch die Spitzen: Braun von Sonnen,

Mitternächtlich dunkles London.

Und die dritte dann: Sie war

Noch viel lieber dir, so nah …

Was wird von mir einst bleiben

In deinem Herzen, du Reisende?

14. Juli 1915

17

Und erinnert euch: so viel lieber

Als alle Köpfe – von meinem Kopf ein Haar.

So geht weiter, geht jetzt wieder –

Du und auch du, was immer auch war.

Liebt mich nicht mehr, aus – geliebt alle!

Und erwartet nicht mich morgen früh!

Dass ich ruhig weggehen kann, kahler

Im Wind stehen kann wie noch nie.

6. Mai 1915

Wahnsinn und Vernünftigsein,

Schande sowie Ehrgefühl,

Alles, was sich nachdenklich reimt,

Von allem hab ich viel zu viel

In mir – alle Zwangslager-Leidenschaften

Zur einen geballt!

So wie in meinem Haar, Krieg führend, haften

Alle Farben, ein ganzer Wald.

Alles Liebesgeflüster kenn ich seit Jahren

Auswendig für allezeit!

Meine zweiundzwanzigjährige Erfahrung –

Nichts als Traurigkeit.

Mein Gesicht ist unschuldig-rosig

– Das ist doch wohl klar! –

Ich bin die virtuoseste Virtuosin

In der Kunst der Lüge – so wahr!

In ihr – wie ein Ball geworfen

Und aufgefangen erneut! –

Meiner polnischen Urgroßmütter

Blut – wie es sich freut.

Ich lüge, weil in Friedhöfen Gras

So üppig wächst,

Ich lüge, weil in Friedhöfen – was?

Der Schneesturm nie nachlässt …

Von der Geige – und Automobilen –

Von Seide – Feuerschein …

Von der Folter, dass all die vielen

Nicht mich liebten ganz allein!

Vom Schmerz, dass nicht ich die Braut bin

Dem Bräutigam …

Von Geste und Vers – weil ich laut bin

Und nicht anders kann!

Von der zarten Boa, den Hals umschmiegend …

Und wie sollte ich unbedingt

Nicht lügen – wenn meine Stimme im Lügen

Soviel zärtlicher klingt …

3. Januar 1915

Mein Leichtsinn! Meine Sünde, mir lieb,

Mein Gefährte, mein Feind du, mein zarter!

Der das Lachen in meine Augen mir trieb,

Spritzt die Mazurka mir in die Adern.

Lehrtest, sie nicht zu behalten, die Ringe –

Mit wem auch das Leben mich band!

Auf gut Glück mit dem Schluss zu beginnen

Und zu schließen, bevor es begann.

Wie ein Halm sein und sein wie der Stahl

In dem Leben, wo wir so wenig vermögen …

Mit Schokolade zu heilen alle traurige Qual,

Dem Passanten nur lachend begegnen!

3. März 1915

Mir gefällt, dass Sie krank sind – nicht nach mir,

Mir gefällt, dass ich krank bin – nicht nach Ihnen,

Dass der Erdball uns nie wegschwimmt, dass wir

Nie den Boden unter den Füßen verlieren.

Mir gefällt, dass ich lustig sein kann,

Ausgelassen – ohne die Wörter zu hüten,

Und nicht erröte, erregt und bang,

Weil unsere Ärmel sich leicht berührten.

Mir gefällt, dass Sie offen vor mir

Ganz ruhig die andere umschließen

Und nicht drohen, dass in der Hölle dafür

Ich braten werde, dass ich Sie nicht küsse.

Dass Sie, Zärtlicher, den zarten Laut

Meines Namens nicht Tag und Nacht stammeln …

Dass nie in der Stille der Kirche – getraut –

Für uns Halleluja-Rufe erschallen!

Ich danke Ihnen mit Herz und Hand

Dafür, dass Sie – ohne es selber zu wissen! –

Mich so lieben: nachts für meine Ruhe – gebannt,

Die seltenen Treffen unter Dämmerlichtern,

Unsere Nicht-Spaziergänge unterm Mondlicht hier,

Für unsere Köpfe, nicht von der Sonne beschienen,

Dafür, dass Sie krank sind – leider! – nicht nach mir,

Dafür, dass ich krank bin – leider! – nicht nach Ihnen!

3. Mai 1915

Die zehn Gebote ließ ich unbeachtet, ging nicht zur Kommunion.

Sicher – solang sie über mir keine Litaneien singen,

Werde ich sündigen – wie ich sündige:

mit Leidenschaft, komm schon!

Mit den von Gott gegebnen, allen fünf Sinnen!

Freunde! Komplizen! Ihr, deren Anstiftungen heiß sind!

Ihr Mittäter alle! O ihr zärtlichen Lehrer!

Jünglinge, Mädchen, Bäume, Sternbilder, Wolken, weiße –

Beim Jüngsten Gericht gemeinsam Antwortende, o Erde!

26. September 1915

Wie brennende, geschliffene Schmeichelei

Unter Roms Himmel, nächtlicher Veranda,

Tödlicher Kelch in Rosen und Girlanden –

So magisch sind die Wörter: diese zwei.

Die Toten auferstehen wie auf Kommando,

Gott schweigt – windleichte Botschaft sei

Die Rache eines Heiden, einerlei:

Ich hab sie nie gelesen – Ars amandi!

Das Himmelsblau, das Blau geliebter Augen

Machen mich blind. Sollst nicht beleidigt sein,

Du Dichter: Ich hab keine Zeit für dein Latein!

Ob die Geliebten lesen? Sag, Ovid! Ob auf dem

Bett deine dich gelesen haben? Nein?

Dann tadle nicht die Erbin deiner Frauen.

29. September 1915

Im fatalen Folianten

Nichts was einen Reiz enthält

Für eine Frau. Ars amandi

Ist für sie – die ganze Welt.

Herz – von allen Liebestränken

Der Trank, der am besten trifft.

Frau – seit ihrer Wiege längst schon

Sünde, irgendwessen Gift.

Ach, wie fern ist uns der Himmel!

Lippen – nah im Dunkel und vertraut …

Richte nicht, du Gott! Denn niemals

Warst du auf Erden eine Frau!

29. September 1915

Zigeunerleidenschaft: sich trennen!

Kaum begegnet – wieder fortgedrängt.

Ich senk meine Stirn in die Hände

Und schau in die Nacht und denk:

Keiner, mag er in unsern Briefen graben,

Könnte es verstehen bis zuletzt,

Wie sehr wir treulos sind, will sagen:

Wie sehr wir treu sind – nur uns selbst.

Oktober 1915

Ich weiß eine Wahrheit! Alle andern Wahrheiten – Schluss!

Der Mensch soll auf Erden nicht mit dem

Menschen sich schlagen!

Schaut: der Abend, schaut: die Nacht, die kommen muss.

Wo denkt ihr hin – ihr Heerführer, Dichter, Liebhaber?

Schon legt sich der Wind, die Erde liegt schon betaut,

Am Himmel erstarren wird der Schneesturm der Sterne,

Und wir? haben auf Erden einander den

Schlaf nur geraubt

Und werden bald alle schlafen unter der Erde.

3. Oktober 1915

In der Hölle leben, ihr hitzigen Schwestern,

Wir müssen trinken den Höllen-Teer,

Wir, die mit jedem Äderchen bis zum letzten

Einst sangen: Lobe den Herrn!

Wir, die nachts über Wiege und Spinnrad

Uns nie beugten voller Schreck,

Fortgetragen im Kahn, der noch schlingert,

Unterm langen Mantel versteckt.

In feine chinesische Seide

Gesteckt gleich am Morgen schon,

Paradiesische Lieder singend

Am Räuberfeuer wie zum Hohn.

Wir nachlässigen Näherinnen

– Los näh schon, nur die Naht, die zählt! –

Wir Tänzerinnen und Flötenspielerinnen,

Herrinnen der ganzen Welt!

Mal kaum bekleidet, abgerissen,

Mal der Zopf unter Sternen verirrt.

In Gefängnissen, auf Jahrmarktwiesen

Wie in den Himmeln rumspaziert.

Wandernd in den Sternennächten,

Im Apfelgarten, paradiesbegabt …

Wir müssen, liebenswerte Mädchen,

Zarte Schwestern – in die Hölle hinab!

November 1915

Voller Mond und die Bärenpelze,

Leichter Tanz, der die Schellchen bricht …

Leichtsinnigste Stunde! Die hellste

Und tiefste für mich.

Gegenwind bläst, macht mich sanfter,

Der Schnee wärmt den Blick mir auf,

Auf dem Hügel das Kloster – hell dampfend

Vom Schnee: sein heiliger Hauch.

Sie küssen mir, Freund, diese Flocken

Von der Brust, aus dem Zobelfell.

Ich schau auf den Baum – in die Felder,

Auf den Kreis des Mondes – hell.

Hinterm breitesten Kutscherrücken

Zwei Köpfe – sich zu treffen: wie schwer!

Ich beginne vom Herrgott zu träumen,

Von Ihnen – träum ich nicht mehr.

27. November 1915

Sie fliegen weg – nur hastig hingeschrieben,

Noch heiß von beiden: Lust und Bitterkeit.

Gekreuzigt zwischen Liebe und Liebe –

Mein Jetzt, mein Tag, mein Jahr und meine Zeit.

Ich hör, dass auf der Welt Gewitter toben,

Und Amazonen-Speere glänzen neu jetzt auf …

Ich – halt die Feder nicht zurück! Zwei Rosen

Betranken sich, saugten mein Herzblut aus.

Moskau, 20. Dezember 1915

Gedichte an Ossip Mandelstam
1

Keiner hat es je überwunden!

Wie schön sind wir zwei uns – fremd.

Ich küsse dich – über Hunderte

Wersten von dir getrennt.

Ungleich sind, ich weiß, unsere Gaben,

Meine Stimme zum ersten Mal – still.

Ist dir, du mein junger Derschawin,

Mein Vers nicht zu ruppig, zu schrill?

Für den schrecklichen Flug gesegnet:

Junger Adler, zum Himmel gekehrt!

Die Sonne ertrugst du, ohne Regung –

Mein Blick ist dir plötzlich zu schwer?

So zärtlich und unwiderrufen

Hat dir noch keiner nachgeblickt …

Nimm diesen Kuss – über Hunderte

Trennender Jahre geschickt.

12. Februar 1916

Gawrila Derschawin (1743 bis 1816): bedeutendster russischer Lyriker des 18. Jahrhunderts, Klassizist, Erneuerer der Ode.

2

Die ich liebe führ ich zum Weg,

Singe Lieder für ihr Gedenken –

Sollen sie’s nehmen, leicht gewebt:

Was sie selber mir einmal schenkten.

Über grünende Pfade hin

Sie zum Wegkreuz hinaus begleitend –

Unermüdlich nun sing, du Wind,

Werde, Weg, ihnen immerzu leichter!

Blaue Wolke, du wein jetzt nicht,

Denn sie gehen in ihren schönsten Schuhen!

Du Schlange, verkneif dein Gift –

Räuberchen, lass dein Messer ruhen!

Vorbeigehende Schönheit, sei

Ihre Braut, die stets fröhliche-frohe.

Du beweg meine Lippen – frei,

Unser Himmlischer Herr wird’s dir lohnen!

Lodert, Feuer, jetzt auf im Wald

Und verscheucht alle wilden Gestalten,

Muttergottes im Himmelsgewand –

Beschütz meine lieben Passanten!

17. Februar 1916

3

Du wirfst den Kopf zurück beim Reden –

Du Stolzkopf, immer lügenschwer.

Welch einen lustigen Gefährten

Hat mir der Februar beschert!

Gefolgt von abgerissenen Hemden

Den blauen hellen Dunst verpafft,

Gleich feierlichen Fremden, Fremden

Gehn wir dahin durch unsre Stadt.

Und wessen sanfte Hände rührten

Die Wimpern dir, du Schönheit – und

Seit wann, schon oft? und wer wohl küsste

Dir deine Lippen, deinen Mund?

Ich frage nicht. Mein Geist wie gierig

Hat diesen Traum besiegt in sich.

Den zehnjährigen Jungen lieb ich

In dir, den göttlichen! verehre ich.

Den Fluss entlang, dem bunten wirren

Glasperlenspiel der Lichter nah,

Will ich dich nun zum Platz hinführen

Der schon die Knabenzaren sah …

Den jungenhaften Schmerz – für immer

Hinaus, das Herz zur Hand, nun geh

Mein Kaltblut du, mein Ungestümer,

Mein Freigelassener – ade!

18. Februar 1916

4

Woher nur solche Zärtlichkeit?

Die ersten sind’s nicht, die Locken

Die ich dir streichle, auch Lippen

Hab ich schon dunklere gekannt.

Gehen auf und verlöschen Sterne,

Woher nur solche Zärtlichkeit?

Gehen auf und verlöschen Augen

Ganz nah mir an den meinen.

Hab so viele andere Hymnen schon

Gehört in den dunklen Nächten,

Getraut – vor Zärtlichkeit! –

An ihn, an den Sänger geschmiegt.

Woher nur solche Zärtlichkeit?

Und was mit ihr tun, du Junge

Und Schelm, hergereister Sänger

Mit Wimpern die’s länger nicht gibt.

18. Februar 1916

5

Zerflogen zu silbernen Scherben

Der Spiegel und in ihm – der Blick.

Schwäne, o meine Schwäne

Sie fliegen nach Hause zurück!

Aus wolkiger Höhe eine Feder

Die still auf mich niederfällt.

Ich streute im Traum, alles gebend

Feines Silbergeld.

Ein silberner Ruf – sacht verklungen.

Befiehlt, dass ich silbern – sing!

Mein Nestling! Mein Schwanenjunges!

Fliegst du, wo fliegst du hin?

Ich gehe und sag es keinem

Nicht Mutter, nicht allen Verwandten.

Ich gehe und bet zu den heiligen

Knechten Gottes und seinen Gesandten

Um einen jungen Schwan.

1. März 1916

6

Unheil kommt von einer Frau. In der Hand

Steht dir, Jüngling, das Zeichen.

Die Augen gesenkt! Bete! Nie gebannt

In der Nacht wachen Feinde.

Das Himmelsgeschenk Lied – keine Frist,

Keine Rettung dir, deinen hochmütigsten Lippen.

Darum muss ich dich lieben

Weil du himmlisch bist.

Ach, dein zurückgeworfener Kopf,

Halboffene Augen – was? – verbergend,

Ach, zurückgeworfen einst dein Kopf

Von ganz anderen Schergen.

Mit nackten Händen packen sie dich – Starrkopf! Gehetzt!

Von deinem Schreien wird die Nacht weithin hallen!

Die Flügel in alle vier Winde – zerfetzt,

Lichtengel! Junger Adler!

17. März 1916

7

Es geschah, er war sonderbar krank

Und fiel in den süßesten Schrecken.

Steht da und schaut nur hinauf

Und sieht nicht Sterne noch Morgenröten

Der Knabe mit seinem scharfen Aug.

Er fällt in Schlaf – mit reißendem Schrei

Fliegen her zu ihm schwirrende Adler

Und führen herrlich um ihn Streit.

Der eine – Felsengebieter – zerzaust

Ihm die Locken mit seinem Schnabel.

Die dunklen Augen zu – er schläft

Den Mund noch halb geöffnet …

Und hört nicht die nächtlichen Gäste

Und sieht nicht: den goldäugigen Vogel

Seinen sehenden Schnabel schärfend.

20. März 1916

8

Seltsamer Bruder, nimm aus meiner Hand

Die Stadt, die nicht von Menschenhand entstand.

Vierzig mal vierzig Kirchen schenk ich dir

Und über jeder: Tauben, flatternd, wirr.

Nimm das Erlöser-Tor – mit Blumen – wo

Der Gläubige den Hut zieht seelenfroh.

Die Sternkapelle soll vor Asche schützen,

Ihr Boden abgewetzt – von all den Küssen!

Fünf Kathedralen – wundervoller Kreis –

Nimm an, uralter Freund du, göttlich-heiß.

Zur Unverhofften Freude ohne Hast

Führe ich meinen fremden, fremden Gast.

Die rötlichgoldnen Kuppeln geben Glanz,

Schlafloser Glocken lauter heller Tanz.

Von Purpurwolken lässt herab auf dich

Die Muttergottes ihren Schutz, ihr Licht,

Und du stehst auf voll Wunderkraft von neuem …

Dass du mich liebtest, wirst du nie bereuen.

31. März 1916

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
23 lipca 2025
Objętość:
131 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783835346673
Tłumacz:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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