Czytaj książkę: «Mädchenwohnheim»
Marie Louise Fischer
Mädchenwohnheim
Roman
Saga Egmont
Mädchenwohnheim
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de)
represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Originally published 1975 by Lübbe Verlag, Germany
All rights reserved
ISBN: 9788711719404
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
1
Der Bus rollte die Leopoldstraße hinunter. Noch war der Frühsommerhimmel über München hell, aber schon flammten in Schwabing die verlockenden Leuchtschriften über den Eingängen der Nachtlokale auf: der Bars, der Diskotheken, der Theater, Drugstores und Tanzetablissements.
In Gitte, die auf der hinteren Plattform des Busses stand und hinausblickte, erweckten sie eine prickelnde, schmerzhafte Sehnsucht. Sie wollte nicht einfach ausgehen, nicht mit irgendjemandem; das hätte sie jeden Abend haben können, aber das hätte ihr keinen Spaß gemacht, ohne den Mann, den sie liebte. Doch der lebte viele hunderte Kilometer weit entfernt. Das Herz zog sich ihr zusammen, wenn sie an sein liebes Gesicht dachte. Peter! - Lautlos formten ihre Lippen seinen Namen, und doch kam es ihr selber vor wie ein Schrei. »Na, was ist?« fragte der junge Mann neben ihr, Andreas Kramer, Lehrling im medizinisch-biologischen Institut wie sie selber. »Kommst du nun mit?«
»Nein!« entgegnete sie. »Wie oft soll ich es dir noch sagen, bis du es endlich kapierst!«
»Mensch, was bist du bloß für eine Flasche! Wenn man dich so ansieht, kann man sich gar nicht vorstellen, was für eine Flasche du bist!«
Sie nahm es ihm nicht übel, denn sie verstand seinen Ärger. »Mach dir nichts draus, Andy, du findest schon ’ne andere. Ich bin sowieso zu alt für dich.«
»Na hör mal. Ich bin achtzehn!«
»Eben. Ich auch.«
Der Bus hielt.
Gitte drängte zum Ausgang. »Tschau, Andy. Bis morgen.«
Sie sprang ab, überquerte die Fahrbahn und bog in die Ainmillerstraße, ein großes, schlankes Mädchen in einem beigen Ledermantel und hochhackigen, schmalen Stiefeln. Die rote Schirmmütze, die sie sich schief auf den Kopf gesetzt hatte, gab ihr etwas Keckes; sie wirkte sehr hübsch mit der reinen Haut, den grauen, von langen, schwarz getuschten Wimpern umgebenen Augen.
Während sie die Straße hinaufeilte, freute sie sich schon auf einen gemütlichen Abend mit ihrer Zimmerkameradin. In der rechten Hand trug sie eine Plastiktüte mit einer Flasche Diätwein - Diät wegen der schlanken Linie -, den sie sich und ihrer Freundin gönnen wollte.
Schon von weitem sah sie das hell erleuchtete Portal des Mädchenwohnheims, eines modernen Gebäudes, dessen Fassade mit rötlichen Kunststeinen verkleidet war.
Die Eingangstür war offen. Gitte stieß sie auf. Im Aufenthaltsraum sah sie Jungen und Mädchen vor dem Fernseher sitzen. Sie wandte sich nach links, wo hinter einem meist offenen Schiebefenster die jeweilige diensthabende Aufsicht saß. Heute war es Fräulein Zöllner, eine gelernte Jugendfürsorgerin.
Sie war jung, freundlich und allgemein beliebt.
»’n Abend, Gitte«, grüßte sie, »schweren Tag gehabt?«
»Lässt sich ertragen.«
»Dein Essen steht im Ofen.«
»Danke, Fräulein Zöllner. Habe ich Post?«
Fräulein Zöllner ließ den Blick über die Postfächer gleiten. »Leider nein«, sagte sie, »oder doch: ein Paket für dich!«
Gitte wurde zwischen zwei ganz und gar verschiedenen Gefühlen hin und her gerissen: Enttäuschung darüber, dass Peter nicht geschrieben hatte, und Freude über das Paket, das bestimmt von zu Hause kam. Sie ging um die Ecke herum und trat in die Wachstube, in der es einen Schreibtisch und verschiedene Stühle gab.
Das Paket stand in der Ecke seitlich unter dem Schiebefenster. Gitte hob es hoch. Es war schwer.
»Dann esse ich heute Abend lieber nichts«, erklärte sie lächelnd, »meine Mutter hat bestimmt was Gutes eingepackt, und doppelte Rationen kann ich mir nicht leisten.«
»Aber du bist doch so schlank, Gitte!«
»Weil ich aufpasse.« Sie wandte sich zur Tür.
»Moment mal, Gitte!« rief Fräulein Zöllner. »Ich weiß, du hast es jetzt eilig auszupacken, aber setz dich doch einen Moment.«
Gitte krauste die Stirn; sie war schon zwei Jahre im Wohnheim, gleich seit sie von dem heimatlichen Dorf in Norddeutschland nach München gekommen war, und sie wusste aus Erfahrung, dass solche Aussprachen selten etwas Gutes brachten. »Ja …?« sagte sie zögernd. »Ich wüsste nicht, dass ich was angestellt hätte.«
»Du doch nicht. Wie kommst du denn auf so was.« Fräulein Zöllner kramte in einem Stoß Papiere, die auf dem Schreibtisch lagen. »Es handelt sich um etwas ganz anderes … Fräulein Tyssen hat eine Neue auf euer Zimmer gelegt.«
»Was?« Gitte hätte vor Schreck fast das Paket fallen lassen und legte es rasch auf die Schreibtischkante.
»Das darf doch nicht wahr sein!«
»Du und Lola, ihr wohnt in einem Dreierzimmer, das weißt du doch. Ihr hattet Glück, dass ihr die letzten Monate allein geblieben seid. Aber das konnte doch nicht ewig dauem.«
»Ist denn nirgends anders was frei?«
»Doch. Aber Frau Tyssen meint, dass sie am besten zu euch passt.«
»Wer ist sie denn?«
»Sie heißt Angi, ist fünfzehn Jahre alt und Gymnasiastin.«
Gitte ließ sich auf einen der Stühle sinken. »Ausgerechnet! Uns bleibt aber auch nichts erspart!«
»Seid nett zu ihr, ja? Helft ihr, sich zurechtzufinden.« Gitte erhob sich langsam. »Wo ist sie denn her?«
»Aus München. Häusliche Schwierigkeiten. Das Übliche.«
Gitte nahm ihr Paket. »Da kann man wohl nichts machen.« Sie zog eine Grimasse. »Immer auf uns Kleine.«
Die Neue stand, nur mit Höschen und Strumpfhose bekleidet, vor ihrem Bett und wühlte in ihrem geöffneten Koffer.
»’n Abend, Angi!« grüßte Gitte so herzlich, wie es ihr möglich war. »Willkommen in …« Sie kam nicht dazu, den Satz zu Ende zu sprechen.
Die Neue fuhr herum, kreuzte die Arme über dem nackten Busen und rief: »Kannst du nicht anklopfen!« Sie war ziemlich mollig, hatte ein rundes Gesicht mit einem kräftigen Kinn, und das rötliche, in der Mitte gescheitelte Haar stand ihr weit vom Kopf und wirkte wie eine Löwenmähne.
»Warum sollte ich?« Gitte trug ihr Paket zu dem Tisch mit den drei Stühlen, der dicht am Fenster stand. »Ich wohne ja hier.«
»Du könntest trotzdem …«
»Hör mal, Angi, wenn ich dir einen guten Rat geben darf: fang nicht gleich an zu stänkern. Hier im Heim herrschen bestimmte Gesetze, geschriebene und ungeschriebene, und du tätest gut daran, dich anzupassen, anstatt gleich alles auf den Kopf stellen zu wollen. Im Übrigen brauchst du dich nicht zu genieren. Ich weiß sehr gut, wie ein nacktes Mädchen aussieht.« Sie wies auf das Waschbecken, über dem die Becher mit Lolas und ihrer Zahnbürste standen. »Wir waschen uns ja hier im Zimmer.«
»Gibt es denn kein Bad?«
»Es gibt Bäder. Aber nicht genug, dass wir sie alle zugleich jeden Morgen und jeden Abend benutzen könnten. Also wird’s eingeteilt.« Sie reichte Angi die Hand. »Ich heiße Gitte. Und ich hoffe sehr, dass du dich bei uns wohl fühlen wirst.«
Angi erwiderte Gittes Händedruck, hielt aber den linken Arm immer noch krampfhaft über dem Busen. »Besser als zu Hause wird es hier allemal sein.«
»Das kommt darauf an.« Gitte nahm ihre Mütze ab und schlüpfte aus ihrem Mantel, unter dem sie einen grauen Minirock und einen selbst gestrickten, rotweißen Pullover trug.
»Auf was?« fragte Angi und schlüpfte rasch in einen ihrer Büstenhalter.
»Wie es bei dir zu Hause ist.«
»Grausam.«
Lola stürmte herein; sie trug lange Hosen, einen gelben Pullover mit Schal, ein zierliches Mädchen mit bräunlicher Haut, einem dunklen Lockenkopf und schwarzen, glänzenden Augen. Sie arbeitete als Lehrling bei der Münchner Bankgesellschaft. Jetzt fiel ihr erster Blick auf Angi. »Eine Neue?« rief sie. »Das hat gerade noch gefehlt!«
»Sei lieb zu ihr, Lola!« bat Gitte. »Sie ist ein Spatz, der gerade erst aus dem Nest gefallen ist.«
Lola trat zu ihr. »Grüß dich, Gitte! Warum bist du nicht zum Essen gekommen? Ich habe unten auf dich gewartet!«
»Darum!« Gitte wies auf ihr Paket. »Wir können uns einen gemütlichen Abend machen. Wein habe ich auch mitgebracht.«
»Tut mir leid, Alte. Aber ich habe noch was vor.«
Gitte hatte Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen.
»Kenne ich ihn?«
»Nicht die Bohne. Eine ganz neue Eroberung. Ein Traumjunge!« Lola stellte das Kofferradio an und tanzte auf dem kleinen Platz zwischen den Betten und Schränken. »Endlich der Richtige.«
»Na dann viel Spaß«, sagte Gitte, »ich gratuliere.«
Lola zog sich in Sekundenschnelle splitternackt aus, räumte Hosen und Pullover in den Schrank, tat Strümpfe und Unterwäsche in den Schmutzbeutel und versuchte dann, Angi wegzuschieben, die gerade vor dem Spiegel stand. Angi dachte nicht daran, ihr den Platz zu räumen. »Ich war zuerst da.«
»Na, wenn schon. Räum’ erst mal auf.«
»Aber ich will mich zurechtmachen!«
»Bitte nach mir, mein Schatz!«
»Ich kann das nicht so schnell, sonst wird es nichts!« protestierte Angi. »Ich muss auch noch die Augenbrauen zupfen, und um neun bin ich verabredet!«
»Nimm den Taschenspiegel!« entgegnete Lola ungerührt; sie langte an Angi vorbei, drehte die Hähne auf und ließ Wasser in das Becken laufen.
Gitte hob den Kuchen, den ihr die Mutter gebacken hatte, aus dem Karton. »Um neun Uhr kannst du nirgendwo mehr hin«, erklärte sie.
Angi fuhr herum.
»Und wieso nicht?«
»Weil du Punkt neun Uhr im Bett liegen musst. Da ist die erste Kontrolle.«
»Nein!« Angi war so fassungslos, dass sie beiseite trat.
»Doch«, feixte Lola und wusch sich mit klatschendem Waschlappen, »wenn du erst fünfzehn bist, ist für dich um Punkt neun Uhr Zapfenstreich!«
»Und du darfst weg?«
»Bis elf! Weil ich siebzehn bin. Und Gitte ist achtzehn und kriegt sogar ’nen eigenen Hausschlüssel. Auch wenn du platzt, Kleine, das sind Tatsachen, mit denen du dich abfinden musst.«
»Aber ich bin verabredet!«
Die beiden anderen Mädchen sagten nichts dazu. Gitte ordnete die frische Wäsche ein, die die Mutter ihr geschickt hatte, und Lola plantschte mit Wasser und Seife. Während sie sich wusch und anzog, summte sie, pfiff und sang die Melodien mit, die Bayern zwei sendete.
Angi kämpfte mit den Tränen.
»Gitte«, bat sie mit erstickter Stimme, »bitte, leih mir deinen Hausschlüssel.«
»Den Zahn«, sagte Lola herzlos, »kannst du dir gleich ziehn. Erstens bekommt sie den Schlüssel nur, wenn sie ihn braucht. Zweitens kämst du auch mit dem Schlüssel gar nicht an der Zöllner vorbei. Und drittens verstößt so was gegen die Hausordnung und kommt überhaupt nicht in Frage!«
»Dich habe ich ja nicht gefragt!« sagte Angi giftig.
»Sei froh, wenn ich dir trotzdem antworte! Nicht mal mir würde Gitte ’nen Hausschlüssel beschaffen, obwohl wir Freundinnen sind, und Recht hat sie, denn wer will schon hier herausfliegen? Ich jedenfalls nicht, und Gitte auch nicht.«
Angi saß, die Hände zwischen den Knien, auf der Bettkante, und die hellen Tränen stürzten ihr aus den Augen. »Um neun Uhr Schluss … das ist ja mörderisch! Das ist ja noch viel schlimmer als zu Hause!«
»Ja, so kann’s einem gehen!« Lola zog sich eine schwarze, hautenge Jerseyhose an und über den Kopf einen schwarzen, ärmellosen Pulli, in den silberne Fäden und, auf der Schulter, eine silberne Rose eingewebt waren. »Hättest dich eben vorher erkundigen sollen.«
Gitte tat die Neue leid. »Sprich doch mal mit der Zöllner«, schlug sie vor. »Vielleicht gibt sie dir eine Sondererlaubnis.«
»Ausgeschlossen!« erklärte Fräulein Zöllner. »Du bist gerade den ersten Tag bei uns und willst schon Sonderausgang haben? Das ist völlig ausgeschlossen.« »Aber gerade deshalb muss ich doch fort«, beharrte Angi, »weil ich erst heute gekommen bin, und weil mein Freund nicht weiß …«
»Kannst du denn nicht mit ihm telefonieren?«
»Nein.«
Ein großes Mädchen in einem Fuchsfellmantel steckte den Kopf von der Tür her in die Wachstube. »Kann ich einen Schlüssel kriegen, bitte?« Sie trat herein. »Es wird sicher nicht so lange dauern, bloß zur Sicherheit.«
Fräulein Zöllner holte einen Ring aus der Schreibtischschublade, an dem viele gleichartige Schlüssel hingen und löste einen ab. »Wäre auch besser, Marlis, du musst früh aus den Federn.«
»Weiß ich doch, Fräulein Zöllner. Danke schön.« Marlis ließ den Schlüssel in der Tasche ihres Mantels verschwinden und wandte sich zum Gehen.
»Viel Spaß!«
Angi hatte den Vorgang mit Neid beobachtet. »Es ist für mich lebenswichtig, Fräulein Zöllner!«
Die Aufseherin schlug einen Schnellhefter auf. »Tut mir leid, Angi. Deine Eltern bitten ausdrücklich …«
»Meine Eltern!« schnaubte Angi.
»Wenn sie Vertrauen zu dir hätten, könntest du auch schon mit fünfzehn einen Hausschlüssel kriegen. Aber gerade daran hapert’s, scheint mir. Dein Freund passt deinen Eltern nicht, und deshalb …«
»Darüber möchte ich mit Ihnen nicht diskutieren!« Fräulein Zöllner lächelte nur. »Schade.«
Eine Ausländerin kam herein, die in ein anderes Zimmer umziehen wollte, und es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich mit der Aufseherin verständigt hatte.
Zwischendurch wandte sich Fräulein Zöllner wieder an Angi. »Du vertrödelst nur deine Zeit hier! Sicherlich bist du doch noch nicht mit Einräumen fertig!«
Aber Angi blieb. Sie bat und bettelte weiter, als die Ausländerin endlich gegangen war. Fräulein Zöllner ließ sich nicht erweichen.
Als Angi wieder nach oben kam, war Lola schon fort. Sie hatte sich, während Angi noch im Wachzimmer war, bei Fräulein Zöllner abgemeldet. Gitte saß allein am Tisch. Sie hatte sich ein Glas Wein eingeschenkt, den Kuchen aufgeschnitten und aß und trank, während das Radio spielte und sie in einem Buch las.
Angi stürzte auf sie zu. »Du musst mir helfen, Gitte, du musst! Du bist meine letzte Rettung!«
»Komm, komm, Angi, mach’s nicht zu dramatisch! Sieh zu, dass du deinen Krempel weggeräumt kriegst, und dann spendier ich dir auch ein Glas.«
»Nein!« Angi schüttelte Gitte bei den Schultern. »Begreifst du denn nicht, in was für einer Situation ich stecke! Mein Freund weiß nicht, wo ich bin! Ich kann ihn nicht anrufen. Wenn ich ihn jetzt nicht benachrichtige, sehe ich ihn nie wieder. Er wartet auf mich vor dem ›Yellow‹.«
»Wenn er dich wirklich liebt …«
»Red doch nicht so blöd daher wie eine Erwachsene! Natürlich liebt er mich. Aber ich kann doch nicht von ihm verlangen, dass er sich lächerlich macht, indem er sämtliche Münchner Wohnheime und Internate abklappert. Wer weiß denn, wie weit die Liebe eines Mannes reicht? Und außerdem ist er kein Miesling, der ausgerechnet auf mich angewiesen ist!«
Gitte hatte nicht die geringste Lust, das Zimmer, das Lola und sie mit Postern, Plakaten, einer selbst gebatikten Tischdecke und bunten Kissen wohnlich gemacht hatten, noch einmal zu verlassen. Aber sie spürte, dass Angis Verzweiflung echt war, und sie wusste aus Erfahrung, wie sehr die Liebe schmerzen kann. »Na schön«, sagte sie mit einem Seufzer, »dann werde ich mich eben opfern. Wie heißt der Knabe? Und wie sieht er aus?«
»Oh, Gitte!« schrie Angi. »Du bist ein Engel! Das werd’ ich dir nie im Leben vergessen!«
Vor dem »Yellow Submarine«, das von außen wie ein riesiger, bunt bemalter Zementblock wirkte, standen einige junge Männer, einzeln oder in Gruppen, zusammen. Dennoch fand Gitte den Mann, den sie suchte, sehr rasch.
Thomas wirkte nicht ganz so blendend, wie Angi ihn beschrieben hatte, war aber immer noch ansehnlich genug, um ein Mädchen in sich verliebt zu machen. Er war schlank, breitschultrig und sehr viel älter als Angi, Anfang oder sogar Mitte zwanzig. Er trug einen hellen Dufflecoat, hatte den Kragen aufgeschlagen und die Hände in die Taschen vergraben. Das dichte, dunkle Haar war lang und wuchs ihm in leicht gelockten Koteletten über die Wangen.
»Herr van Wiek«, sagte Gitte.
Er lächelte interessiert. »Sollten wir uns kennen?«
»Nein. Ich komme von Angi. Sie kann die Verabredung nicht einhalten. Sie ist jetzt im Mädchenwohnheim in der Ainmillerstraße, und dort kann sie nach einundzwanzig Uhr nicht mehr fort.«
Thomas van Wiek zog eine leicht übertriebene und deshalb komische Grimasse des Entsetzens. »Nie?«
»Wenigstens vorläufig nicht.«
»Na, dann richten Sie ihr mein tief empfundenes Beileid aus.«
»Sie können sie besuchen.«
»Wann?«
»Jeden Tag. Wir haben einen Aufenthaltsraum, wo wir unsere Freunde empfangen dürfen.«
»Haben Sie einen Freund?« fragte Thomas van Wiek. Ihr Gesicht verschloss sich. »Das steht hier nicht zur Debatte.« Sie wandte sich zum Gehen.
»Moment.« Er legte ihr die Hand auf die Schulter und hielt sie zurück. »Warum haben Sie es denn so eilig? Ich wollte Sie gerade bitten, mir Gesellschaft zu leisten.«
Bis zu diesem Augenblick war er ihr sympathisch gewesen, aber dass er so schnell bereit war, Angi zu vergessen und sich mit ihr zu trösten, gefiel ihr ganz und gar nicht. »Nein«, sagte sie kalt, »ich denke nicht daran. Wie könnte ich mich denn mit Ihnen amüsieren, während Angi sich die Augen ausweint?«
»Ach so. Sie sind eine kleine Sentimentale.«
Er grinste.
Sie riss sich von ihm los. »Und Sie ein gemeiner Egoist!«
»He, soll ich Sie nicht wenigstens nach Hause fahren?« rief er ihr nach.
Aber sie würdigte ihn keiner Antwort, sondern machte, dass sie davonkam.
Lola tanzte in der Amor-Bar. Mit Philip, genannt Fips, ihrem neuen Freund, Verkäufer im Supermarkt, einsneunzig groß, langes, blondes Haar und blaue Augen. Der Diskjockey legte einen Rock ’n’ Roll nach dem anderen auf. Die Stimmung war ganz groß, und Lola fühlte sich toll. Dennoch vergaß sie keine Sekunde, dass sie pünktlich im Heim sein musste.
»Guck doch nicht dauernd auf die Uhr«, schimpfte Fips, »das geht mir auf den Wecker.«
»Du, es ist Viertel vor elf. Ich muss sausen.«
»Quatsch.«
»Kein Quatsch.« Lola drängte sich durch die Tanzenden zur Garderobe; mit Erleichterung stellte sie fest, dass Fips ihr nachkam.
»Ist das denn so schlimm, wenn deine Leute sich aufregen?« Er half Lola in den Mantel.
»Ich lebe nicht bei meinen Leuten, sondern in einem Mädchenwohnheim, und wenn ich bis elf Uhr nicht da bin, stehe ich auf der Straße. Nicht nur diese Nacht, sondern sie feuern mich. Für immer.«
»Dann suchst du dir eben eine sturmfreie Bude.«
Sie holte tief Atem. »Fips, es ist besser, ich sag es dir gleich. Ich bin erst siebzehn, und ich stehe unter Fürsorge. Weil ich mal von zu Hause ausgerissen bin. Die haben mich da eingewiesen, weil ich nicht mehr zurückwollte. Aber wenn ich jetzt noch was anstelle, stecken sie mich womöglich in ein Erziehungsheim.«
»Ach, du große Scheiße!«
Sie versuchte, ihrer Stimme Festigkeit zu geben. »Wenn du unter diesen Umständen lieber nichts mit mir zu tun haben möchtest, brauchst du es mir nur zu sagen.«
Philip, genannt Fips, legte den Arm um Lolas Schulter. »Du spinnst wohl«, sagte er herzlich, »davon habe ich kein Wort gesagt.«
Lola riss sich los. »Aber du hast mich komisch angeguckt … gib’s doch zu!« Sie stieß die Tür zur Straße auf.
Fips folgte ihr ins Freie.
»Mensch, nimm doch Vernunft an«, redete er auf sie ein, »kann schon sein, dass ich ein bisschen schief aus der Wäsche geguckt habe …«
»Also doch!«
»Aber nicht wegen der Fürsorge. Warum bist du denn eigentlich von zu Hause weg?«
»Weil ich mich mit meinem Alten nicht verstanden habe, was denn sonst!« rief sie aufgebracht.
»Hätte ja auch ’nen anderen Grund haben können«, erklärte er nüchtern.
»Nun tu bloß nicht so, als würdest du dich unbändig für mein Schicksal interessieren!«
»Unbändig!« Fips lachte schallend.
»Das ist genau der richtige Ausdruck. Ich interessiere mich unbändig für dich, Kleine! Hast du das endlich kapiert?«
Sie blieb stehen und funkelte ihn aus ihren schwarzen Augen an. »Ich glaub’ dir kein Wort!«
Er nahm sie bei den Schultern, beugte sich zu ihr hinab und küsste sie fest und lange auf den Mund, bis ihre Lippen weich wurden und sich ihm öffneten.
»Na, und was sagst du jetzt?« fragte er, als er sie endlich freigab.
»Das war ein richtiger Dauerbrenner!«
»’ne Liebeserklärung war das! Oder glaubst du, ich küsse jedes Mädchen so?«
»Man kann nie wissen«, behauptete sie, aber das Strahlen ihrer Augen strafte ihre Worte Lügen.
Ganz leise drückte Lola fünfzehn Minuten später die Klinke nieder und öffnete langsam, um ein Quietschen zu verhindern, die Tür zu ihrem Zimmer. Aber sie hätte nicht so rücksichtsvoll zu sein brauchen; die beiden anderen Mädchen waren noch wach. Gitte lag im Bett und las im Schein der Nachttischlampe. »Du, das war aber knapp«, sagte sie mit einem Blick auf das Zifferblatt ihres Weckers. »Ich wusste ja, dass die Zöllner Pforte hatte. Die gibt schon ein paar Minuten zu, wenn sie weiß, dass noch eine draußen ist.«
»So felsenfest würde ich mich darauf aber nicht verlassen.« Gitte klappte ihr Buch zu und verschränkte die Hände hinter dem Kopf »Auch wenn du dich heute wie ein Glückspilz fühlst.«
Lola, die schon aus ihrer langen, schwarzen Hose stieg, hielt mitten in der Bewegung inne. »Woher weißt du?«
»Man sieht’s dir an«, erwiderte Gitte mit einem Lächeln.
»Du, dieser Fips ist wirklich ganz große Klasse.« Lola zog sich weiter aus. »Der würde sogar dir gefallen. Ehrlich, ich bin schwer verliebt … was heißt verliebt, es ist die ganz große Liebe, du brauchst gar nicht zu grinsen.« Lola lief splitternackt hin und her und räumte ihre Sachen fort. »Er hat nur einen einzigen Fehler: er wohnt im Sankt-Josef-Heim.«
»Na und?«
»Das fragst du noch?« Lola begann am Waschbecken ihr Gesicht mit Watte und Lotion zu bearbeiten. »Die dürfen da doch kein Mädchen mit raufnehmen, wie wir hier keine Jungen!«
»So weit seid ihr also schon?« fragte Gitte.
Gleichzeitig ließ sich Angi, die Neue, aus dem dritten Bett vernehmen: »Warum eigentlich nicht?«
Lola wandte sich zunächst an die Freundin: »Natürlich nicht. Wofür hältst du mich? Aber früher oder später wird es so weit sein, das liegt doch in der Natur der Dinge, und schließlich macht man sich Gedanken.«
Sie schlüpfte in ihr geblümtes Nachthemd und war mit einem Satz im Bett.
»Und was deine Frage betrifft, meine liebe Angi, so ist sie nicht einmal so blöd, wie sie klingt.
Höre und staune: Es hat Zeiten hier in unserem trauten Heim gegeben, wo die Jungens mit auf die Zimmer rauf durften.«
Angi richtete sich auf den Ellbogen auf. »Tatsache?«
»Mein Wort drauf. Allerdings bloß bis zehn Uhr. Aber das war ja auch noch besser, als in die hohle Hand gespuckt.«
Gitte knipste ihre Nachttischlampe aus. »Das war ganz zu Anfang. Frau Tyssen hat’s verboten, nachdem ein paarmal welche in den Betten erwischt worden sind.«
»Es ist immer das Gleiche«, fügte Lola philosophisch hinzu, »die Vernünftigen müssen unter der Blödheit der anderen leiden.«
Es wurde sacht an die Tür geklopft, und Fräulein Zöllner trat ein. »Alle Mann an Bord?« fragte sie freundlich. »Dann wünsche ich euch eine recht gute Nacht.«
»Gute Nacht, Fräulein Zöllner«, sagten Gitte und Lola gleichzeitig.
»Pass auf, was du träumst, Angi«, riet Fräulein Zöllner. »Es ist zwar ein Aberglaube, dass das, was man in der ersten Nacht träumt, in Erfüllung geht, aber manchmal kommt doch was ganz Lustiges dabei heraus.« Sie knipste das Deckenlicht aus und machte die Tür hinter sich zu.
Die drei Mädchen lagen im Dunkeln.
»Wo geht die jetzt hin?« fragte Angi.
»Halt die Klappe«, sagte Lola grob, »wir wollen endlich schlafen.«
»Nun sei doch nicht so«, wies Gitte sie zurecht, »schließlich bist du als Letzte gekommen.«
Lola rollte sich auf die Seite. »Wenn du noch mit der Neuen quatschen willst … von mir aus. Aber mich lasst gefälligst in Ruhe.« Sie war ein ganz klein bisschen eifersüchtig, weil Gitte und Angi sich anscheinend schon angefreundet hatten. Aber dann dachte sie an Fips, und es wurde ihr warm ums Herz. Alles andere war ganz unwichtig, löste sich in ein Nichts auf. Sie träumte von dem großen, blonden Jungen und dem Glück, das sie gemeinsam erleben würden. Die beiden anderen Mädchen unterhielten sich wispernd.
»Die Zöllner geht nach Hause«, flüsterte Gitte.
»Wohnt sie nicht hier?«
»Nur die Tyssen. Die hat eine eigene Wohnung. Im ersten Stock. Zum Garten raus. Sehr schön. Aber da kommen wir so gut wie nie rein.«
»Warum nicht?«
»Warum ja? Erstens haben wir da nichts zu suchen, zweitens wird sie nach ihrem Dienst die Nase voll von uns haben, und drittens lebt sie da mit ihrem Sohn.«
»Sie hat einen Sohn?«
»Mach dir bloß keine falschen Hoffnungen. Für den sind wir tabu.«
»Besten Dank. Kein Bedarf.« Eine Weile war Angi still. Dann fragte sie: »Und wer ist jetzt an der Pforte?«
»Niemand.«
Angi richtete sich jäh auf. »Im Ernst?«
»Glaubst du etwa, ich verkohl’ dich?«
»Nein, natürlich nicht«, beeilte Angi sich zu versichern, »bloß … ich bin so überrascht. Und ist das jede Nacht so? Dass niemand an der Pforte ist?«
»Ja. Nach elf Uhr kann man nur noch mit dem Schlüssel rein. Willst du sonst noch was wissen?«
Aber Angi hatte genug gehört.
»Nein«, sagte sie, »danke.«
»Dann ist es ja gut. Schlaf also.«
»Du auch«, sagte Angi.
Aber sie war viel zu aufgeregt. Ihr war eine Idee gekommen, wie sie auch ohne Hausschlüssel und ohne Erlaubnis nachts ausgehen konnte. Während die tiefen, gleichmäßigen Atemzüge der Zimmergenossinnen verrieten, dass sie schon eingeschlafen waren - Lola schnarchte sogar leise -, arbeitete Angi die Einzelheiten eines abenteuerlichen Plans aus.
2
Gitte, Andreas und drei andere junge Leute arbeiteten als Lehrlinge im biologisch-chemischen Institut Professor Hamburgers. Ihre Aufgabe - oder vielmehr die der Angestellten, die sie vorläufig nur darin unterstützen durften - bestand darin, Abstriche, Blut- und Urinproben, die von Ärzten eingereicht wurden, zu untersuchen. Es musste festgestellt werden, welche Bakterien sie enthielten und ferner, auf welches Medikament diese Bakterien ansprachen.
Das war eine Arbeit, zu der man viel Geduld und auch Intelligenz brauchte, weil sehr viel organische Chemie gelernt werden musste. Gitte war nach dem Besuch der Volksschule zuerst in die Fabrik gegangen. Dort hatte es ihr nicht gefallen, und sie hatte in Abendkursen die mittlere Reife nachgemacht und war dann als Lehrling bei Professor Hamburger eingetreten.
Man konnte diesen Beruf aber auch, wie Andreas es getan hatte, mit Volksschulabschluss beginnen. Er war jetzt im dritten, sie im zweiten Lehrjahr.
Gitte war gern im Institut. Trotzdem wurde sie, als es auf den Spätnachmittag zuging, rechtschaffen müde: Die Bilder unter dem Mikroskop verschwammen ihr vor den Augen, und sie nahm sich vor, heute Abend nicht mehr so lange zu lesen.
Sie atmete auf, als Feierabend war. »Gott sei Dank! Das wäre wieder mal geschafft!«
»Du hast’s gerade nötig zu jammern!«
Andreas hatte schon begonnen, seinen Platz aufzuräumen.
»Was soll ich dann erst sagen?«
Gitte lachte. »Warum musst du auch jeden Abend bummeln gehen?«
Fräulein Schnell, eine der Büroangestellten, kam in das Labor, einen verschlossenen Umschlag in der Hand. »Gitte … Andreas«, sagte sie, »wer von Ihnen ist so nett, dieses Gutachten auf dem Heimweg bei Doktor Reinecker abzugeben? Er hat es wieder mal sehr dringend.«
»Das ist eher was für Gitte«, sagte Andreas rasch.
Gitte nahm den Umschlag entgegen. »Sieht dir wieder mal ähnlich, dich zu drücken.«
»Von Drücken kann gar keine Rede sein! Ich möchte bloß den guten Doktor nicht enttäuschen.«
»Jetzt spinnst du aber!«
Die jungen Leute standen auf, gingen in den Umkleideraum und zogen ihre weißen Kittel aus.
»Nicht die Bohne«, behauptete Andreas. »Der hat mich das letzte Mal ganz schön ausgeholt. Ehrlich.«
»Über mich etwa?« Gitte merkte, dass sie rot wurde, und ärgerte sich fürchterlich.
Andreas grinste. »Nur keine Bange. Ich hab’ ihm nichts verraten.«
»Quatschkopf.«
»Fest steht, dass der ganz schön scharf auf dich ist.«
Dr. Reineckes Praxis lag in der Amalienstraße. Ihm das Gutachten zu bringen, bedeutete für Gitte einen Umweg von einer Viertelstunde. Das machte ihr nichts aus. Aber das Gerede von Andreas hatte sie irritiert. Bisher war sie gar nicht auf die Idee gekommen, den Doktor als Mann zu betrachten. Er war schlank, trug eine Brille, hatte ein ruhiges, freundliches Wesen, war ein gewissenhafter Arzt und unverheiratet. Mehr wusste sie nicht von ihm. Zwar war er ihr nicht unsympathisch, aber er gehörte doch zu einer ganz anderen Kategorie von Menschen und war außerdem viel zu alt für sie, Ende zwanzig, vielleicht sogar schon dreißig, ganz davon abgesehen, dass sie nur ihren Peter liebte. Gitte konnte sich auch gar nicht vorstellen, dass Dr. Reinecke sich tatsächlich für sie interessierte. Wahrscheinlich hatte Andreas sich nur was zurechtgesponnen.
Dennoch war es ihr plötzlich unbehaglich, dem Arzt unter die Augen zu treten. Am liebsten hätte sie den Umschlag einfach in seinen Türbriefkasten geworfen und wäre davongelaufen. Aber ihr Pflichtgefühl siegte. Sie drückte auf die Klingel und hoffte, dass er auf einem Patientenbesuch wäre.
Aber wenige Augenblicke später öffnete er selber die Tür. »Hallo, Gitte! Kommen Sie doch rein!«
Sie folgte seiner Aufforderung zögernd. »Guten Tag, Herr Doktor.« Sie hielt ihm das Gutachten hin.
»Sie haben es wohl sehr eilig?«
»Immer«, behauptete sie.
Er riss den Umschlag auf, nahm das Schreiben heraus und überflog es. »Tut mir leid, dass ich Sie bemühen musste, aber es handelt sich um einen kleinen Jungen, wissen Sie …«
»Na, so schlimm ist der Umweg für mich ja nun auch wieder nicht.«
»Aber Sie haben heute Abend was vor?« fragte er.
Er sah sie dabei nicht an, und das machte ihr das Lügen leichter.
»Ja.«
Jetzt ließ er das Blatt sinken, und der Blick seiner Augen hinter den blitzenden Brillengläsern wurde eindringlich. »Jeden Abend?«
»So ziemlich.«
»Kann ich mir vorstellen. Ein schönes Mädchen wie Sie … und allein in München!«
Sie schwieg und bemühte sich, vielsagend zu lächeln. Warum ihr das Herz mit einem Mal so weh tat, wusste sie selber nicht. Wahrscheinlich lag es einfach daran, dass sie es nicht gewohnt war zu lügen, und weil es ihr schrecklich war, dass sich der gute Doktor nun ein ganz falsches Bild von ihr machen musste.
»Na, dann will ich Sie nicht länger von Ihrem Vergnügen abhalten«, sagte er.
Gitte machte, dass sie davonkam.
Erst als sie ein Stück gelaufen war, wurde ihr besser. Sie hatte so und nicht anders handeln müssen. Das war sie ihrem Peter schuldig. Sie hätte ja nicht gut sagen können, dass sie sich nie verabredete, weil sie ihrem fernen Freund treu bleiben wollte. Und außerdem war er selber schuld, dass sie ihn belogen hatte. Warum musste er auch so blöde Fragen stellen. Sie hatte es für Peter getan, und darum war es richtig.
Angi hatte, als sie von der Schule heimgekommen war, das große Haus für sich allein gehabt, denn es gab nur wenige Gymnasiastinnen im Heim und einige Studentinnen, aber die meisten Bewohnerinnen waren Lehrlinge oder junge Angestellte.
Sie hatte zu Mittag gegessen, ihre Aufgaben erledigt und sich dann schöngemacht. Für das weiße Faltenröckchen, das gerade noch ihren Po bedeckte, war sie eigentlich zu mollig, aber sie war jung genug, dennoch reizend darin auszusehen. Mit sehr viel Mühe hatte sie ihre rotblonden Locken gebändigt und mit einem weißen Band geschmückt.
Jetzt trieb sie sich, seit fünf Uhr, unentwegt vor der Haustür herum. Die Mädchen kamen, müde oder unternehmungslustig, eine nach der anderen heim, und schon fanden sich auch die ersten Besucher ein.
»He, Angi, was ist los mit dir?« rief Lola. »Wartest du auf jemand Bestimmtes?«
»Du hast’s erraten.«
»Du kannst aber trotzdem ruhig mit reinkommen. Wenn man Besuch kriegt, wird man benachrichtigt.« Aber das wollte Angi nicht riskieren. Sie hatte eine Höllenangst, Tom van Wiek zu verpassen, denn tatsächlich hatte es seinetwegen bei ihr zu Hause dauernd Krach gegeben, der schließlich dazu geführt hatte, dass sie ins Heim kam. Er war ein stellungsloser Schauspieler, der von irgendwelchen »Geschäften« lebte. Mal hatte er viel Geld und mal keins. Angi war das egal, ihren Eltern aber nicht.
Sie hätte sich nicht gewundert, wenn die Eltern Frau Tyssen eingeschärft hätten, dass sie mit jedem anderen Jungen, nur nicht mit Thomas van Wiek Zusammenkommen dürfte.
Endlich tauchte er von der Leopoldstraße her auf, schlank und breitschultrig und elegant. Sie jagte ihm entgegen, obwohl sie wusste, dass es nicht klug war, ihm so deutlich zu zeigen, wie viel ihr an ihm lag.
Sein Lächeln wurde denn auch gleich ein bisschen überheblich. »Na, na, warum so aufgeregt?«
Sie flog ihm an die Brust. »Ich hatte solche Angst, du könntest nicht kommen!«
»Kleine Spinnerin du.« Er klopfte ihr auf den Rücken.
»Du hast so viel Schwierigkeiten meinetwegen.«
»Na, wenn schon. Aber genug jetzt. Bloß keine Szenen auf offener Straße.«
Sie löste sich von ihm und sah ihn erwartungsvoll an.
»Wohin gehen wir?«
»Ins Heim, denke ich. Soviel ich weiß, habt ihr dort einen Aufenthaltsraum …«
»Nein, nein … oh, bitte nicht!« rief Angi spontan.
Thomas van Wiek blickte sie mit hochgezogenen Brauen an. »He, was ist los mit dir?«
»Ich möchte nicht, dass du ins Heim kommst.« Sie stampfte mit dem Fuß auf. »Kannst du das denn nicht verstehen?«
»Wie sollte ich! Wenn du einen wirklichen Grund hast, warum ich nicht reinkommen soll, musst du schon deutlicher werden.«
»Frau Tyssen hat heute Dienst …«
»Wer ist das?«
»Die Leiterin! Und sie ist besonders genau, sagen alle. Meine Eltern haben ihr bestimmt beigebracht, dass ich nicht mit dir verkehren darf.«
»Hat sie so was durchblicken lassen?«
»Bis jetzt noch nicht.«
»Einen Grund mehr, dass ich dich begleite. Dann wissen wir wenigstens, woran wir sind.« Er nahm ihren Arm und zog sie mit sich auf das Portal des Wohnheims zu. »Sei doch kein Angsthase, Angi. Was kann deine gestrenge Frau Tyssen uns schon wollen?«
»Sie kann dich rauswerfen!« Angi war den Tränen nahe.
»Na, und wenn schon! Dann sind wir doch auch nicht schlechter dran als jetzt. Komm, nimm dich zusammen.«
Sie sträubte sich immer noch. »Aber warum, Tom? Warum muss das sein? Und ausgerechnet heute?« »Erstens bin ich wieder mal blank und habe keine Lust, mit dir durch den Englischen Garten zu trotten … und zweitens möchte ich mir den Stall mal ansehen.«
Angi merkte, dass die hinein- und herausgehenden jungen Leute sie schon neugierig anstarrten und ergab sich in ihr Schicksal. »Auf deine Verantwortung«, sagte sie.
Er grinste. »Aber immer.«
Sie hielt ihn noch einmal zurück, als er schon die Tür aufgestoßen hatte. »Und wo erreiche ich dich, wenn’s schief geht?«
»Hm.« Er strich sich mit zwei Fingern rechts und links über die dunklen, dichten Koteletten. »Momentan habe ich keine feste Adresse. Schlafe so herum, weißt du. Aber frag doch mal von Zeit zu Zeit im ›Café Venezia‹. Da hinterlasse ich dir dann eine Nachricht.«
»Oh, Tom!« Jetzt hätte sie wirklich beinahe losgeheult, überwältigt von den Schwierigkeiten, die sich ihrer Liebe entgegenstellten.
Er gab ihr einen Stoß in den Rücken. »Kopf hoch und ran an den Feind!« Selbstbewusst und lässig, ganz Herr der Situation, schritt er durch den Windfang und betrat die Eingangshalle.
Angi folgte ihm, vorbei an dem offenen Fenster der Wachstube. Sie glaubte schon, die Gefahr überwunden zu haben, als Frau Tyssens Kopf wie ein Teufelchen aus dem Kasten hervorsprang.
»Darf ich bitten!« rief sie.
Angi drehte sich um, während Thomas gelassen weiterschritt.
»Das gilt auch für Sie, junger Mann!« rief Frau Tyssen. Thomas konnte sich nicht länger taub stellen; wohl oder übel musste er umkehren.
Frau Tyssen musterte ihn von Kopf bis Fuß aus ihren hellen, scharfen Augen und bildete sich ein Urteil. »Wir kennen uns noch nicht.«
Thomas verlor nichts von seiner Sicherheit. Mit einer schwungvollen Verbeugung stellte er sich vor, während Angi die Leiterin angstvoll anblickte.
»Thomas van Wiek also«, wiederholte Frau Tyssen, »darf ich Thomas zu Ihnen sagen? Wir pflegen die Freunde unserer Mädchen mit den Vornamen anzureden.«
»Oh, bitte, es wird mir eine Ehre sein.«
»Obwohl Sie eigentlich schon zu alt sind für diesen Kreis.«
»Ich Bin Vierundzwnzing«, behauptete Thomas, der tatsächlich schon zwei Jahre älter war, aber das gab er nicht gerne zu.
Frau Tyssen durchschaute ihn. Sie hatte schon vorher über ihn Bescheid gewusst, denn Angis Eltern hatten, wie das junge Mädchen ganz richtig vermutet hatte, von ihr verlangt, den Verkehr zwischen ihnen zu unterbinden. Doch Frau Tyssen hielt nicht viel von Verboten in Liebesangelegenheiten. Sie wusste aus Erfahrung, dass man mit ihnen fast immer das Gegenteil bewirkte, nämlich, dass die jungen Leute sich aus Trotz und um sich durchzusetzen nur noch enger aneinanderklammerten. So hatte sie es abgelehnt, mehr als die übliche Aufsichtspflicht zu übernehmen, und Angis Eltern hatten sich damit zufrieden geben müssen.
Jetzt sagte sie nur noch: »Sie wissen, Thomas, dass Angi um neun Uhr im Bett sein muss.«
»Es hat sich rumgesprochen.«
»Dann wünsche ich Ihnen beiden noch einen netten Abend.« Und damit waren sie entlassen.
Der Aufenthaltsraum war ein rechteckiger Saal, an dessen Längsseite hohe französische Fenster auf einen Garten hinausgingen, was ihm eine luftige, heitere Note gab. Jetzt waren die Abende noch zu kühl, um sie draußen zu verbringen; deshalb waren die Fenster geschlossen. Aber die Vorhänge waren nicht zugezogen, und das helle Frühlingsgrün von Bäumen und Büschen schimmerte im Schein des elektrischen Lichtes. Auf der gegenüberliegenden Seite war der Schalter für die Essensausgabe und der Zugang zur Küche. Im Hintergrund des Raumes stand auf einem Podest ein Farbfernseher, der aber jetzt nicht angestellt war. Aus einer Stereoanlage flutete Unterhaltungsmusik.
Da die Mädchen, die keinen Besuch hatten, es meistens vorzogen, sich auf ihren Zimmern aufzuhalten, andere auch ausgegangen waren, war nur ein Drittel der kleinen Tische besetzt. Mädchen und Jungen saßen zu Paaren oder in Gruppen. Nur wenige spielten Karten, die meisten plauderten, einige rauchten, und alle hatten etwas zu trinken vor sich stehen.
Auch Angi und Thomas hatten sich aus dem Automaten vor der Tür jeder eine Flasche Cola gezogen.
Alle blickten auf, als sie eintraten. Thomas van Wiek war durch seine hohe Gestalt, sein herausfordernd sicheres Auftreten und seine gepflegten Koteletten eine auffallende Erscheinung, die sich von den anderen Jungen abhob. Angi war stolz und beunruhigt zugleich. Mit einer besitzergreifenden Gebärde legte sie ihre Hand auf seinen Arm und steuerte ihn an einen Tisch, der weit von den anderen besetzten Tischen entfernt war. Sie sah wohl, dass Lola, die mit Philip zusammensaß, sie heranwinkte, aber sie dachte nicht daran, der Aufforderung zu folgen. Es war ihr egal, ob Lola das übel nahm; sie wollte mit Thomas allein sein. Auch Thomas hatte es beobachtet. »Wer ist denn das?« fragte er, setzte sich und schlug die langen Beine übereinander.
Angi stellte sich dumm. »Wer?«
»Das Mädchen, das dir zugewinkt hat. Die mit dem dunklen Lockenkopf.«
»Ach«, sagte Angi wegwerfend, »das ist Lola. Die wohnt mit mir auf dem Zimmer.«
»Ihr haust also zu dritt?«
»Du weißt?«
»Liegt doch auf der Hand. Die kleine Schöne, die du mir gestern geschickt hast …«
»Gitte ist keine Schönheit«, erklärte Angi hitzig, »sie wirkt bloß so!«
Er lachte, wollte trinken, musste weiterlachen und verschluckte sich.
»Ich möchte bloß wissen, was daran so komisch ist«, sagte sie wütend.
»Du!« Er tätschelte ihre Hand. »Nun setz mal ein anderes Gesicht auf, ja? Vergiss nicht, dass ich zu meinem Vergnügen hier bin.«
»Ach, Tom«, sagte sie in verändertem Ton, »ein schönes Vergnügen! Gib zu … ist es nicht fürchterlich hier?«
»Kann ich nicht finden. Bisschen jugendfrei, ja, aber sonst doch ganz annehmbar.«
»Ich möchte so gern mit dir allein sein.«
»Mein liebes Kind, du weißt, dass wir uns genau das nicht erlauben können. Du bedeutest mir viel. Aber ins Kittchen möchte ich deinetwegen doch nicht wandern. Das fände ich entschieden übertrieben. Wir müssen warten, bis du nicht mehr unter Naturschutz stehst.«
»Als wenn ich darauf aus wäre!« Um ihre Verlegenheit zu überspielen, schüttelte sie ihre rotblonde Löwenmähne. »Ich möchte einfach mit dir wo sein, wo man sich gemütlich unterhalten kann. Hier sitzt man doch wie auf dem Präsentierteller.«
Sie hatte kaum ausgesprochen, als ein zierliches Mädchen auf ihren Tisch zukam. Mit ihren dunkelblauen Augen, dem schwarzen, glatten, in der Mitte gescheitelten Haar sah sie wie eine kleine Madonna aus. Aber der Schein trog; sie war ein ausgesprochen kesses Persönchen.
»Darf ich mich zu euch setzen?« fragte sie und schenkte Thomas einen koketten Blick unterlangen, seidigen Wimpern her.
»Nein«, sagte Angi.
Aber es war zu spät; die andere saß schon. »Ich heiße
Jane«, erklärte sie.
Thomas stellte sich vor. Angi blieb stumm und presste die Lippen zusammen. Das störte Jane durchaus nicht. Sie beachtete Angi gar nicht, sondern redete vergnügt auf Thomas ein, und er ließ sich auch bereitwillig in ein Gespräch hineinziehen. Etwas anderes hätte er auch gar nicht tun können, ohne ausgesprochen unhöflich zu wirken. Aber dazu sah er keinen Anlass.
»Es ist schon halb neun«, sagte Angi endlich.
Jane griff das Stichwort sofort auf. »Ach so, du gehörst zu den Kleinen, ja? Musst um neun im Bett sein! Lass dich nur nicht aufhalten. Wir plaudern noch ein bisschen, ja, Tom?«
»Tom!« sagte Angi beschwörend.
Jane lächelte. »Du brauchst keine Angst zu haben, Baby, ich gehe schonend mit ihm um.«
»Tom!«
»Wir könnten noch ein bisschen ausgehen, Tom«, schlug Jane vor, »wie wär’s?«
»Keine schlechte Idee«, sagte er heiter, »falls du mich einlädst. Ich bin nämlich gerade ein bisschen schwach auf der Brust.«
Jane krauste die Nase. »Ich fürchte, das kann ich mir nicht leisten.«
»Schade. Dann ein andermal.« Thomas stand auf und begleitete Angi in die Halle hinaus.
Sie kochte. Aber sie war klug genug, es sich nicht anmerken zu lassen. Mit einem Lächeln zu Frau Tyssen zog sie ihn rasch auf die Straße hinaus.
»Wann sehen wir uns wieder?« fragte sie, dicht vor ihm stehend.
»Ich erwarte in den nächsten Tagen eine größere Summe. Dann können wir wieder mal auf die Pauke hauen. Falls überhaupt eine Möglichkeit besteht, dass du hier rauskannst. Bis neun geht nichts.«
»Oh doch, Tom, nur keine Sorge. Das mache ich schon.«
»Na dann.« Er beugte sich zu ihr hinab und küsste sie.
»Ab ins Bettchen!«
Sie sah ihm nach, wie er sich, groß und schlank, mit wiegendem Gang zur Leopoldstraße hin entfernte.
Auf ihrem Zimmer kam dann der Zusammenbruch. Heulend vor Wut, berichtete Angi in abgerissenen Sätzen, was ihr unten passiert war. Gitte, die gerade einen langen Brief an ihren Peter schrieb, nahm sich die Zeit, ihr zuzuhören.
»Ach, das war Jane!« rief sie, als sie endlich die Zusammenhänge begriff. »Wegen der musst du dich nicht aufregen. Die ist ganz ungefährlich.«
»Aber du hättest nur erleben sollen …«
»Hab’ ich. Oft genug. Die macht das immer. Ist so ’ne Art Sport von ihr. Sie will nur ausprobieren, ob sie ein Pärchen auseinander bringen kann. Danach verliert sie sofort jedes Interesse, egal, ob sie’s geschafft hat oder nicht.«
»Und das lasst ihr zu?«
»Warum denn nicht? Ist doch ganz interessant, was dabei herauskommt. Wie hat denn dein Tom reagiert?« »Hat sie natürlich abgewimmelt. Was hast du denn gedacht?«
»Na, dann ist ja alles bestens.« Gitte wandte sich wieder ihrem Brief zu.
Die Aussprache hatte Angi ein bisschen beunruhigt. Dennoch war sie fest entschlossen, Tom nie mehr im Heim zu empfangen. Lieber wollte sie alles Mögliche auf sich nehmen.
Einige Tage später wurde Gitte wieder mit einem chemisch-biologischen Gutachten zu Dr. Reinecke geschickt. Sie übernahm den Auftrag mit gemischten Gefühlen. Aber Andreas war krank, und so sah sie keine Möglichkeit, sich mit Anstand zu drücken.
Dr. Reinecke war da und, wie immer, da er nachmittags keine Praxis hatte, ohne Sprechstundenhilfe. Er öffnete persönlich, bedankte sich, kürzer angebunden als sonst, und erst als sie schon wieder gehen wollte, fragte er, als fiele es ihm eben erst ein: »Hätten Sie Lust, mal in die Oper zu gehen, Gitte?«
Sie war überrascht.
»Ich habe nämlich von einem Patienten eine Karte geschenkt bekommen«, fuhr der junge Doktor fort, »für das Cuvilliéstheater. Sie geben ›Die Entführung aus dem Serail‹. Soll eine ausgezeichnete Aufführung sein. Aber ich selber habe keine Zeit.«
Gitte kämpfte mit sich. Sie war noch nie in der Oper gewesen, auch nicht im Theater, und hatte es sich doch schon manches Mal gewünscht. In München wurde ja auf diesem Gebiet so viel geboten. Aber die Mädchen, mit denen sie befreundet war, hatten für so etwas kein Interesse, und sie wollte nicht als Außenseiterin dastehen. Wenn sie aber eine Karte geschenkt bekam, sah die Sache natürlich ganz anders aus.
»Wann ist es denn?« fragte sie zögernd.
»Samstagabend. Es dauert höchstens bis halb elf. Sie können sich also nachher noch etwas anderes vornehmen.«
Es klang ein wenig spöttisch, aber Gitte hatte ihren Entschluss bereits gefasst und ging auf seinen Ton ein. »Um so besser«, erklärte sie strahlend, »dann sage ich, nicht Nein!«
Darmowy fragment się skończył.