Czytaj książkę: «Kinderstation»

Czcionka:

Marie Louise Fischer

Kinderstation

Roman

Saga Egmont

Kinderstation

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de)

represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1962 by Hestia Verlag, Germany

All rights reserved

ISBN: 9788711718988

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

1

Sie waren alle in heiterster Stimmung. Auf der Terrasse schaukelten die bunten Lampions wie leuchtende Bälle im Nachtwind. Lachen und Musikfetzen klangen zu dem Mann am Brunnen herüber.

Die Fröhlichste von allen war Regine. Unermüdlich flatterte sie zwischen ihren Gästen hin und her. Ihr korallenrotes Kleid hob sich von den pastellfarbenen Roben der anderen Frauen ab. Ihr dunkles Lachen klang wie ein melodisches Glockenspiel.

Präg es dir ein, sprach Dr. Arno Vogel zu sich selbst. Vergiß es nie, alter Junge! Dies ist eine glückliche Stunde, eine deiner vielen glücklichen Stunden, seit du mit Regine verheiratet bist. Sei dankbar, genieße es!

Er hockte, in einiger Entfernung von den anderen, auf dem Brunnenrand und rauchte seine Pfeife. Er war nicht allein.

Neben ihm, in einem Korbsessel, saß sein Schwiegervater Professor Paul Böhninger. Hier war es so dunkel, daß sie sich kaum sehen konnten.

Es war schön, Regine und ihre Gäste von weitem zu betrachten, und es war angenehm, nicht mitmachen zu müssen.

Plötzlich wurde Arno Vogel sich dieser Distanzierung mit einem kleinen Schuldgefühl bewußt. Hatte Regine nicht ein Recht darauf, ihn, den Hausherrn an ihrer Seite zu haben? Gerade an diesem Abend, bei ihrer lang vorbereiteten, heiß ersehnten »Garden Party«?

»Ich glaube, ich sollte doch lieber …«, sagte er zögernd.

Professor Böhninger begriff sofort. »Mach dir nichts draus«, sagte er munter, »Regine hat ja gewußt, daß sie keinen Salonlöwen heiratet.«

»Stimmt auch wieder.« Arno Vogel warf seinem Schwiegervater einen dankbaren Blick zu. Es schien ihm, als wenn der alte Herr in der Dunkelheit lächelte.

Sie tranken sich zu und spürten, wie gut sie sich verstanden.

Der laue Wind, der die Haut wie mit zärtlichem Streicheln berührte, die bunten Lichter, die fröhlichen Stimmen, Gläserklirren, Gelächter und Musik … bedeutungslose Kleinigkeiten. Aber sie machten den Chefarzt Dr. Arno Vogel fast trunken vor Glück.

Er besaß alles, was ein Mann sich nur wünschen kann, und er war sich seines Erfolges bewußt.

Als Regine über den Rasen auf ihn zugewirbelt kam, war er erfüllt von der Heftigkeit und Zärtlichkeit seiner Liebe.

Regine hatte die Pumps abgestreift. Ihr duftiger Rock gab im Laufen die schmalen braunen Knie frei, ihre Füße schienen den Rasen kaum zu berühren.

»Nicht zu glauben!« sagte Professor Böhninger.

Dr. Arno Vogel verstand auch ohne weitere Erklärung, was sein Schwiegervater meinte. Regine wirkte rührend jung. Niemand hätte ihr, wie sie da langbeinig und anmutig über den Rasen rannte, auch nur einen Tag mehr gegeben als achtzehn Jahre. Tatsächlich war sie heute fünfundzwanzig Jahre geworden, sie, die Mutter einer vierjährigen Tochter.

Er stand auf, bevor sie bei ihm war. Er hätte sie gern in die Arme genommen, tat es aber nicht, weil er wußte, daß sie Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit nicht liebte.

»Na, was gibt’s?« fragte er. Seine Stimme klang rauh von der Anstrengung, seine Gefühle unterdrücken zu müssen.

»Ein Anruf für dich, Arno. Aus der Klinik!«

»Danke, Regine … entschuldige mich einen Augenblick, Papa!« Dr. Arno Vogel klopfte seine Pfeife aus, ging mit großen Schritten, doch ohne Hast, zum Haus hinüber.

Ein Anruf aus der Klinik hatte für ihn nichts Alarmierendes. Er liebte es, ständig in enger Verbindung zum Krankenhaus und zu seinen kleinen Patienten zu stehen. Ärzte und Pflegepersonal scheuten sich nicht, ihn bei jeder auftretenden Schwierigkeit zu Rate zu ziehen.

Dennoch ging er jetzt die bedrohlichen Fälle seiner kleinen Patienten durch und versuchte herauszubekommen, bei wem es wohl zu einer Störung oder gar einer Krisis gekommen sein konnte.

Bei dem kleinen Peter mit dem Brechdurchfall?

Der zwölfjährigen Lisa, die vor zwei Tagen mit einer schweren Diphtherie eingeliefert worden war?

Oder sollte etwa Herbert wieder, eine Möglichkeit gefunden haben, sich seine Verbände abzureißen?

Dr. Arno Vogel nickte seinen Gästen, meist Kollegen und deren Frauen, beim Überqueren der Terrasse zu, trat durch das große Wohnzimmer in die Diele, nahm den Hörer auf, der neben dem Apparat auf dem Tischchen lag.

»Hallo?« sagte er. »Eichner? Entschuldigen Sie, wenn ich Sie habe warten lassen, aber Sie werden sich vorstellen können …« Er führte den Satz nicht zu Ende, fragte statt dessen: »Was gibt es?«

»Eine Erythroblastose, Herr Chefarzt. Ist heute aus der Frauenklinik zu uns gekommen.«

»Wie alt?«

»Zwanzig Stunden.«

Während er zuhörte, klopfte Dr. Vogel sich nachdenklich mit dem Pfeifenstiel gegen die Zähne. »Bilirubin?«

»Zwanzig Milligrammprozent«

»Dann müssen wir sofort etwas unternehmen. Ich komme gleich hinüber.«

»Jawohl, Herr Chefarzt …«

»Augenblick … sind Sie noch da? Ja? Haben Sie schon die Blutgruppe?«

»Null Rhesus-positiv.«

»Das Blut der Mutter?«

»Null rh-negativ.«

»Aha. Dann veranlassen Sie bitte sofort, daß uns die Blutspenderzentrale zwei Leute schickt, ja? Je schneller, desto besser!«

Arno Vogel hing auf. Er wandte sich zur Haustür.

»Mußt du fort?«

Erst jetzt sah er, daß Regine ihm nachgekommen war.

»Leider«, sagte er und sah sie zärtlich an, »ihr müßt ohne mich weiterfeiern.«

»Schade.«

»An mir verlierst du nicht viel, fürchte ich. Du weißt, ich bin ein miserabler Tänzer.«

»Trotzdem.« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen.

»Leb wohl!« sagte er.

»Tschau!« Strahlend schön, in einem Wirbel von leuchtend rotem Chiffon, stand sie eine Sekunde an der Schwelle. Dann war sie verschwunden.

Dr. Vogel öffnete die Haustür und trat auf die nächtliche Straße.

Die Kinderklinik lag jenseits des Parks, kaum drei Minuten von Dr. Vogels Haus entfernt, ein graues Sandsteingebäude. Es sah genauso aus wie die anderen Universitätskrankenhäuser, in deren Mitte es stand. Wie die andern roch es nach Linoleum, Bohnerwachs und Desinfektionsmittel. Die Gänge lagen jetzt, um Mitternacht, wie ausgestorben da, grau vom Nachtlicht beleuchtet.

Nur im Operationssaal brannten alle Lampen und erfüllten den Raum bis in den letzten Winkel mit ihrem kalten, grellen Licht. Schwester Marina sah auf, als Dr. Eichner eintrat. Er strich sich nervös über den Schnurrbart, sah sie fragend an, flackernde Unruhe in den dunklen, schräg geschnittenen Augen.

»Alles in Ordnung, Herr Doktor«, sagte Schwester Marina.

Vor ihr auf dem Tisch lag in einem Körbchen, links und rechts von Wärmflaschen umgeben, das Neugeborene und schlief mit seltsam verzogenem Gesicht. Die Gelbfärbung der Haut wurde im scharfen Licht besonders deutlich.

»Eine sehr unangenehme Sache!« Dr. Eichner räusperte sich. »Wirklich, sehr unangenehm.«

Schwester Marina schwieg, den Blick auf das schlafende Kind gerichtet.

Dr. Eichner sah auf seine goldene Armbanduhr. »Ich denke, ich werde …«, begann er. Aber dann brach er ab und sagte: »Sie wissen, was Sie zu tun haben, Schwester … lassen Sie das Kind keine Sekunde aus den Augen!«

Sie erwiderte nichts, blickte ihn nur an. Ihre gelassene Sicherheit steigerte seine Nervosität. Er wollte etwas sagen, schluckte, blieb stumm, wandte sich zur Tür.

»Herr Doktor …«

Dr. Eichner fuhr herum. »Ja?«

»Bitte sagen Sie dem Herrn Chefarzt, daß Schwester Hilde einen Kaffee für ihn gekocht hat. Er steht im Schwesternzimmer.«

Seine Augen verengten sich. »Ist das so wichtig?«

»Der Chefarzt übernimmt eine große Verantwortung.«

Seine Stimme überschlug sich. »Bilden Sie sich etwa ein, ich wäre nicht imstande, diese Blutaustausch-Transfusion allein dürchzuführen?«

Ihr Gesicht blieb bewegungslos. Sie schwieg.

Er holte tief Atem, sagte in verändertem Ton, lächelnd: »Bitte, seien Sie mir nicht böse, Schwester … ich weiß selbst nicht, was mit mir los ist. Entschuldigen Sie!«

Und dann ging er rasch hinaus, zündete sich draußen auf dem Gang eine Zigarette an, rauchte gierig. Als er die Tür des Aufzuges hörte, lief er mit kleinen elastischen Schritten den Gang entlang. An der Ecke prallte er auf Dr. Vogel.

»Endlich!«

»Guten Abend, Kollege«, sagte der Chefarzt gelassen. »Sie sehen, ich bin sofort gekommen … ich habe mir nicht einmal Zeit genommen, mich umzuziehen. Gibt es Komplikationen?«

»Nein, bisher nicht. Der Zustand des Kindes ist unverändert.«

»Na also. Wir werden es schon schaffen«, sagte Dr. Vogel zuversichtlich. »Sind die Spender gekommen?«

»Auf dem Weg.«

»Übernehmen Sie das, bitte. Wir werden etwa achthundert Kubikzentimeter Blut brauchen, Sie wissen ja, wir müssen das gesamte Blut des Kindes austauschen. Geben Sie so bald wie möglich von jedem Spender ein Röhrchen Blut zur Kreuzprobe ins Labor. Das ist wichtig. Wo ist das Würmchen?«

»Herr Chefarzt«, platzte Dr. Eichner heraus, »es handelt sich nicht um ein gewöhnliches Kind!«

»Nicht?« Dr. Vogel hob fragend die dichten Augenbrauen.

»Sein Vater ist der Präsident des Landtages … Dr. Paul Hagemann.«

»Ich verstehe nicht …«

»Aber ich bitte Sie. Hagemann ist es doch, der sich Jahr für Jahr bemüht, unsere Subventionen durchzudrücken. Er ist unerhört wichtig für uns.«

Eichner warf seine Zigarette zu Boden, trat sie ungeduldig aus. »Ich kenne Hagemann persönlich. Aber was hat das mit der Krankheit des Kindes zu tun?«

Dr. Eichner starrte den Chefarzt verständnislos an.

»Machen Sie sich doch nicht verrückt, Kollege«, sagte Dr. Vogel. »Wer die Eltern unserer Patienten sind, kann uns doch ganz egal sein. Wir sind da, um die Kinder gesund zu machen, alle Kinder, verstehen Sie, alle … Was geht es uns denn an, ob der Vater für Subventionen zuständig ist oder für … Kartoffeln. Ich bitte Sie, Kollege, das spielt für uns doch gar keine Rolle. Aber wenn Sie schon so gut orientiert sind, dann erzählen Sie mir mal lieber etwas über die Krankengeschichte.«

»Ja, natürlich, gern«, sagte Dr. Eichner beflissen. »Im übrigen habe ich vergessen, Ihnen auszurichten, daß im Schwesternzimmer ein Kaffee auf Sie wartet.«

»Großartig. Kommen Sie mit.« Mit wenigen Schritten war Dr. Vogel an der Tür. »Guten Abend, Schwester Hilde«, sagte er, »ich hoffe, Sie haben auch noch eine Tasse für den Kollegen Eichner übrig.«

Schwester Hilde, blond und hellhäutig, errötete grundlos. »Natürlich, Herr Chefarzt, ich bin gerade fertig.« Sie nahm den Filter von der Kanne. »Es sind drei Tassen drin.« Sie begann mit geschickten Händen Tassen, Untertassen, Löffel und Zucker auf der Kunststoffplatte des Tisches zu verteilen.

Die beiden Ärzte zogen sich Stühle heran.

»Danke, Schwester«, sagte Dr. Vogel freundlich. Er wandte sich an Eichner, der sich eine Zigarette aus seinem Päckchen geklopft hatte. »Geben Sie mir bitte auch eine, Kollege. Sie wissen, ich bin zwar passionierter Pfeifenraucher, aber gerade jetzt …« Er zog sich eine Zigarette heraus. »Danke vielmals.«

Dr. Vogel nahm einen kräftigen Schluck Kaffee. »Also … schießen Sie los!«

Schwester Hilde ging lautlos hinaus.

»Der Patient wurde neun Uhr fünfundvierzig aus der Frauenklinik bei uns eingeliefert. Es war aufgefallen, daß die Neugebörenen-Gelbsucht bereits nach zwölf Stunden, also wesentlich zu früh, eingetreten war. Außerdem wußte man, daß die Mutter rh-negativ ist …«

»Erstgeburt?«

»Nein. Hagemanns haben eine Tochter, sie ist jetzt zwei Jahre alt. Damals ging, soviel ich weiß, alles glatt.« Der Arzt legte eine kleine Kunstpause ein. »Diesmal mußte durch Kaiserschnitt entbunden werden. Dabei trat eine schwere Blutung auf. Evelyn Hagemann wird niemals mehr Kinder bekommen können, das Neugeborene ist ein Junge. Wenn es uns nicht gelingt, ihn durchzubringen …« Dr. Eichners Hand, welche die Zigarette hielt, zitterte leicht.

»Wie lautet der Befund?« fragte Dr. Vogel.

»Das Kind wog bei der Aufnahme dreitausendfünfhundert Gramm und hatte siebenunddreißig-zwei gemessen. Ich habe sofort untersucht. Leber und Milz sind erheblich vergrößert. Lunge und Herz ohne Befund. Der Icterus gravis war auffallend, inzwischen ist die Färbung übrigens noch gelber geworden.«

»Der Test?«

»Ist positiv ausgefallen. Bilirubin …«

»Das sagten Sie mir schon. Der Gallenfarbstoff ist auf zwanzig Milligrammprozent erhöht, wenn ich mich nicht irre.«

»Ganz richtig. Im gefärbten Blutausstrich fand sich eine große Anzahl von unreifen Blutkörperchen. Die Hämoglobin- und Erythrozytenwerte sind erheblich zu niedrig. Alle diese Faktoren zusammengenommen, schienen mir unbedingt auf eine Erythroblastose hinzuweisen.«

»Sie haben sehr umsichtig gehandelt. Ich bin auch überzeugt, daß Ihre Diagnose richtig ist. Trotzdem möchte ich mir den kleinen Patienten noch selber ansehen …«

»Es tut mir leid, daß ich Sie gerade heute belästigen mußte«, sagte Eichner.

»Sie haben keinen Grund, sich zu entschuldigen.« Dr. Vogel drückte die Zigarette aus und stand auf. »Also, dann wollen wir mal.« Das Wandtelefon klingelte. Er nahm den Hörer ab, meldete sich, lauschte. »In Ordnung«, sagte er dann, »führen Sie die beiden Herren gleich herauf.«

Er hängte ein und wandte sich an Dr. Eichner. »Die Blutspender sind gekommen. Das hat also geklappt.«

»Soll ich gleich … ?«

»Wäre schon gut. Machen Sie’s im Nebenraum. Ich werde Ihnen Schwester Hilde mit zwei Gefäßen zur Aufnahme des Blutes hinüberschicken.«

Während sie nebeneinander den Gang hinunterschritten, dachte Dr. Vogel an Regine. Ob sie ihn schon vermißte? Oder ob sie ihn schon vergessen hatte und sich der Fröhlichkeit der Stunde hingab?

Er ahnte es nicht. Er wußte überhaupt nur sehr wenig über ihr eigentliches Wesen. Darüber täuschte er sich nicht.

Unwillkürlich warf er einen Seitenblick auf Kurt Eichner, sah das sensible, hochmütige Profil, das lackschwarze Haar. Auch er hatte Regine geliebt oder sich doch jedenfalls um sie beworben. Aber er hatte nie eine Chance gehabt. Dachte er zuweilen noch an sie? Arno Vogel hatte plötzlich das Gefühl, dem anderen etwas Gutes sagen zu müssen. »Regine hat es übrigens sehr bedauert, daß Sie heute abend nicht dabei waren«, log er, »ich glaube, sie war richtig enttäuscht, als Ihre Absage kam.«

»Wirklich?« sagte der andere nur, und Dr. Vogel wußte nicht, ob Eichner die Lüge durchschaute oder ob er verbergen wollte, daß er sich geschmeichelt fühlte.

In dem Augenblick, als sie sich trennten und Dr. Vogel die Tür zum Operationssaal öffnete, war alles vergessen. Von einer Sekunde zur anderen gab es nur noch das kranke Kind für ihn, das seiner Hilfe bedurfte.

Schwester Marina saß bei dem Neugeborenen, Schwester Hilde hatte am Instrumentenschrank zu tun.

Dr. Vogel schickte die Hilfsschwester mit den Gefäßen zur Blutabnahme zu Eichner hinüber und sagte dann zu Schwester Marina: »Bitte, legen Sie das Kind hier auf den Tisch. Ich möchte es untersuchen.«

Er wusch sich gründlich die Hände, während die Schwester den kleinen Patienten auswickelte. Dann beugte sich Dr. Vogel über das Neugeborene, prüfte mit dem Stethoskop die Töne von Herz und Lunge. Die Auskultation ergab keinen Befund.

Er tastete den Bauch des Kindes ab. Sofort spürte er die starke Vergrößerung von Milz und Leber.

Die Untersuchung bestätigte ihm, was Eichner gesagt hatte. Nur ein vollkommener Blutaustausch konnte das Leben des Neugeborenen retten.

Chefarzt Dr. Vogel richtete sich auf. »Danke, Schwester. Treffen Sie bitte alle Vorbereitungen zum Blutaustausch.«

»Jawohl, Herr Chefarzt!«

Das Neugeborene lag auf dem Operationstisch, winzig, nackt und hilflos im kalten, weißen Licht, das keine Schatten duldete. Es hatte die blinden Augen geschlossen, saugte, wie sein Instinkt ihm eingab, an dem Schnuller, den Schwester Marina ihm in den Mund gesteckt hatte. Es war ein hübsches Kind mit einem auffallend wohlgeformten Kopf. Wenn nicht die erschreckend dunkelgelbe Färbung gewesen wäre, hätte man es für gesund halten können.

Schwester Marina mußte es immer wieder ansehen, während sie die Instrumente sterilisierte und auf einem mit sterilen Tüchern abgedeckten Tischchen bereitlegte. Es wirkte so verloren und ausgeliefert, noch nicht einen Tag alt und schon der Mutter entrissen. Statt Körpernähe mußten Wärmflaschen dazu dienen, es vor Auskühlung zu schützen.

»Es ist süß, nicht?« fragte Schwester Hilde, die am Kopfende des Tischchens stand und das Kind beobachtete. »Die arme Mutter … Ob sie es schon weiß?«

»Ich denke nicht.«

»Ehrlich, Marina … glauben Sie, daß es zu retten ist?«

»Ja«, sagte Schwester Marina ruhig.

»Es ist doch so klein, so … zerbrechlich, noch kaum ein Mensch.«

»Hilde … es ist ein Mensch, genau wie Sie und ich. Doktor Vogel wird es retten, ich bin ganz sicher. Wir haben schon Fälle gehabt, die noch schlimmer aussahen und doch gut ausgingen. Manchmal glaube ich …« Sie brach im Satz ab.

»Sie arbeiten schon lange mit ihm zusammen, nicht?« fragte Schwester Hilde. »Wie lange eigentlich?«

»Ein paar Jahre«, sagte Schwester Marina ausweichend.

»Dann müssen Sie doch auch wissen, ob es stimmt …«

»Was denn?«

»Daß ihm nie ein Kind stirbt.«

»Es gibt Fälle, wo keine Rettung möglich ist.« Schwester Marina sah ihre Kollegin ernst an. »Irgendwo setzt Gott auch dem besten Arzt eine Grenze.«

»Also stimmt es doch nicht. Warum haben aber alle Mütter so besonders viel Vertrauen zu ihm?«

»Sie müssen den Chefarzt bei der Arbeit sehen, dann wissen Sie es. Es kommt mir manchmal so vor, als wenn er seine ganze Kraft und seinen Willen auf das kranke Kind übertragen kann. Verstehen Sie?« Als wenn sie schon zuviel gesagt hätte, fügte sie hinzu. »Das klingt vielleicht übertrieben, aber …« Sie brach ab, denn die Tür wurde geöffnet.

Dr. Vogel trat ein, gefolgt von Dr. Eichner.

»Die Kreuzprobe ist in Ordnung«, sagte der Chefarzt, »wir können anfangen. Sind Sie soweit, Schwester?«

»Ja, Herr Chefarzt.«

Die beiden Ärzte traten in Hemdsärmeln zu dem großen Waschbecken, wuschen und desinfizierten sich. Danach schlüpfte Dr. Vogel in den Operationsmantel, den Schwester Marina ihm bereitgelegt hatte. Schwester Hilde kam, um ihn zuzubinden. Der Chefarzt trat zum Operationstisch. Behutsam deckte er das Kind mit sterilen Tüchern ab, so daß nur die Nabelgegend frei blieb.

Er zog die Gummihandschuhe an.

»Ich beginne jetzt mit dem Einführen des Katheters.«

»Ja, Herr Chefarzt.« Schwester Marinas Stimme verriet gespannte Konzentration. »Die Spritze mit Vetren und die Dreiwegehahnspritze sind vorbereitet.«

»Ich beginne.« Ohne hinzusehen nahm Dr. Vogel das schmale, schimmernde Skalpell, das Schwester Marina ihm reichte, schnitt mit einer einzigen raschen Bewegung ein Stückchen des Nabelschnurrestes ab.

Die Nabelblutgefäße wurden sichtbar.

Dr. Vogel nahm den Kunststoff-Katheter aus Schwester Marinas Hand, begann die Spritze behutsam in die Nabelvene einzuführen, schob sie tiefer und tiefer hinein. Er hielt erst inne, als ein dünner Blutstrahl aus dem Katheter schoß. Die Spritze war bis in die große Körpervene vorgedrungen.

»Vetren, bitte.«

Dr. Eichner reichte ihm die vorbereitete Spritze. »Hier, Herr Chefarzt.«

Dr. Vogel injizierte vier Kubikzentimeter der gerinnungshemmenden Flüssigkeit durch den Katheter in die Körpervene des Kindes, gab die leere Spritze Eichner zurück.

Schwester Marina reichte ihm das Anschlußstück der Dreiwegehahnspritze, Dr. Vogel schraubte es auf den Katheter. »Fangen Sie an, Schwester.«

Marina übernahm die Spritze, begann langsam Spenderblut in die Körpervene des kranken Kinder zu injizieren.

Dr. Vogel befestigte den Katheter mit Fäden. »Geben Sie her.« Er nahm Schwester Marina die Dreiwegehahnspritze ab. »Bereiten Sie Calcium vor.«

»Ich habe schon zwanzig Kubikzentimeter Spenderblut eingespritzt«, sagte Schwester Marina.

»Danke.« Dr. Vogel veränderte die Einstellung der Spritze, begann damit, aus der Körpervene des Kindes eine entsprechende Menge des kranken Blutes herauszuziehen, das in einem bereitgestellten Gefäß aufgefangen wurde.

Schwester Marina hatte die Calciumspritze aufgezogen, gab sie Dr. Eichner.

»Soll ich spritzen?« fragte der Arzt.

»Calcium? Ja, ich bitte.« Dr. Vogel wandte nicht für eine Sekunde den Blick ab.

Schwester Marina desinfizierte eine Stelle am Oberschenkel des Kindes. Eichner spritzte intramuskulär. Die Schwester desinfizierte wieder.

Dr. Vogel hatte die Dreiwegehahnspritze abermals umgestellt, ließ jetzt wieder Spenderblut in die große Körpervene des Neugeborenen laufen.

»Befinden des Patienten?« fragte er.

»Gut«, sagte Schwester Marina. »Atmung und Puls normal.«

Sie arbeiteten weiter, still, konzentriert, verbissen, der Chefarzt, Dr. Eichner und Schwester Marina. Hilde hatte den Operationssaal verlassen.

In kleinsten Mengen wurde das kranke Blut des Kindes mit dem der gesunden Spender ausgetauscht. Zweimal spritzte Dr. Eichner Calcium. Alle drei verloren sie das Gefühl für Zeit. Nur die steigende Menge des abgesaugten Blutes zeigte ihnen, daß sie sich ihrem Ziel näherten.

Schwester Marina hielt ihren Finger an das zarte Hämmerchen des Kinderpulses. 300 ccm Blut waren bereits ausgetauscht.

Da spürte sie plötzlich, wie der Puls zu flattern begann, zu ersterben drohte. Die Atmung war kaum noch zu spüren.

»Der Puls«, sagte sie, »die Atmung setzt aus.« Sie sprach mit ruhiger, kaum erhobener Stimme.

Dennoch wirkte es auf die Männer wie ein Alarmruf.

Mit einer raschen Bewegung entfernte Dr. Vogel das Abdecktuch vom Gesicht des Kleinen. Er sah, daß es sich bläulich zu verfärben begann.

»Lobelin«, sagte er, »schnell! Einen Kubikzentimeter und Sauerstoff!«

Mit zusammengepreßten Lippen sah er, wie die zyanotische Verfärbung des Kindes zunahm und der Atem aussetzte.

»Die Spritze!« Schwester Marina hielt sie in der Hand.

Dr. Vogel spritzte selber. Als das atemanregende Medikament in den Körper des Kindes rann, wartete er gespannt auf die Wirkung. Sie trat ein, sehr rasch. Aber ganz anders, als er erwartet hatte. Das Neugeborene wurde unruhig, der Körper zuckte, verkrampfte sich, wurde steif. Die Blaufärbung vertiefte sich.

Das kleine Herz blieb stehen.

Sie sahen sich an, voll Entsetzen, fassungslos.

Marinas Gesicht war kalkweiß geworden.

»Wir könnten es noch mit einer intracardialen Injektion versuchen.«

Dr. Vogels Stimme klang müde und ohne Überzeugungskraft.

Während er die Spritze in das Herz des Kindes stieß, wußte er, daß es nichts mehr nutzen würde. Das Kind war gestorben, ohne je seine Mutter, ohne je das Licht des Tages gesehen zu haben. Es war tot, unter seinen Händen dahingegangen. Er hatte eine Schlacht verloren.

»Unser Direktor, Professor Ramsauer, kommt ja erst Ende der Woche zurück«, hörte er Dr. Eichner wie aus weiter Ferne sagen. »Sie werden es selber Dr. Hagemann erklären müssen.«

»Das ist nun wirklich das wenigste.«

»Was sagen Sie? Ich für meinen Teil möchte nicht in Ihrer Haut stecken.«

Dr. Vogel antwortete nicht. Er stand bewegungslos da. Was ist hier geschehen … hat jemand von uns versagt? dachte er.

»Gute Nacht«, sagte Dr. Eichner. »Ich nehme an, daß ich nicht mehr gebraucht werde?«

»Gute Nacht, Herr Doktor«, sagte Schwester Marina gepreßt.

Die Schwester räumte die Instrumente fort. Sie stand mit dem Rücken zum Chefarzt. Ihre Schultern zuckten.

Dr. Vogel war sich kaum ihrer Anwesenheit bewußt. Er trat an das Tischchen, auf dem die Präparate gelegen hatten, sah die leere Ampulle. Sie war nicht gekennzeichnet, anscheinend einer Klinikpackung entnommen. Er hielt sie gegen das Licht, sie enthielt noch einen Rest durchsichtiger Flüssigkeit. Er drückte den Daumen auf die Öffnung der Ampulle.

Dann verließ er grußlos den Raum.

2

Professor Böhninger saß weit zurückgelehnt in seinem lederbezogenen Sessel hinter dem mächtigen Schreibtisch und sah seinen Schwiegersohn freundlich-spöttisch an. Es war am Morgen nach der Party.

»Na, wo brennt’s denn?« fragte er lächelnd.

Dr. Vogel beugte sich vor, die Hände um die Knäufe der Sessellehne geballt, und sagte mühsam: »Wir hatten gestern nacht eine Blutaustauschtransfusion an einem Neugeborenen —«

»Ja?« fragte der Professor.

»Exitus.«

Einen Augenblick lang herrschte Schweigen.

Dann sagte der Professor: »Das tut mir leid, Arno.« Er öffnete ein silbernes Döschen, steckte sich eine Pfefferminzpastille in den Mund. »War es das Kind von Evelyn Hagemann?«

»Du weißt … ?«

»Ich bin in großen Zügen unterrichtet. Gestern abend sprach ich mit dem Kollegen Bayer, der die Entbindung durchgeführt hat. Eine schwere Operation mit weitgehenden Konsequenzen. Aber anscheinend hatte Bayer keine Wahl. Immerhin … die Frau lebt.«

»Sie wird keine Kinder mehr haben können?«

»Ist es das, was dir zu schaffen macht? Oder daß es ausgerechnet mit dem Kind von Hagemann passiert ist? Der Tod nimmt keine Rücksicht auf Geburt und Stellung eines Menschen.«

»Dieses Kind«, sagte Dr. Vogel gedehnt, »hätte nicht sterben müssen.«

Professor Böhninger hob die dünnen weißen Augenbrauen. »Ich fürchte, ich verstehe dich nicht.«

»Bitte, glaube nicht, daß ich mir etwas einrede. Einen unbestimmten Verdacht würde ich niemals aussprechen … nicht einmal dir gegenüber. Ich weiß, was ich sage, ich habe den Beweis.« Er holte seine Brieftasche aus dem Rock, nahm ein kleines Schriftstück heraus, reichte es dem Professor über den Schreibtisch.

»Du hast eine Analyse im Labor machen lassen?« sagte der Professor unbehaglich berührt.

»In der Ampulle war noch ein kleiner Rest, ich fürchtete schon, daß er nicht ausreichen würde. Aber, bitte, lies selber.«

Der Professor überflog das Schriftstück mit zusammengezogenen Augenbrauen, sagte: »Gradiren ja, aber … das kann man doch nicht einem Neugeborenen geben.«

»Ich hatte natürlich Lobelin verlangt.«

Professor Böhninger strich sich nachdenklich mit dem Zeigefinger über den Nasenflügel. »Wer hat dir die Spritze gegeben?«

Dr. Vogel holte tief Atem. »Ich kann mich nicht daran erinnern, Vielleicht habe ich es auch gar nicht gesehen! Ich hatte nur Augen für das Kind. Die Atmung hatte ausgesetzt, es wurde deutlich zyanotisch. Ich verlangte Lobelin, jemand gab mir die Spritze in die Hand. Natürlich erwartete ich, daß die Atmung wieder einsetzen würde … statt dessen Krampf, Versteifung, Exitus.«

Er beugte sich vor. »Sag mir jetzt nur nicht, daß es vielleicht auch sonst gestorben wäre. Es war ein tadelloses Kind. Ich habe es gründlich untersucht. Herz, Lunge, alles in Ordnung. Der Blutaustausch hätte gelingen müssen. Statt dessen …« Seine Stimme brach ab.

Der Professor erhob sich. »Was willst du tun?«

»Ich weiß es noch nicht.«

»Arno!« Professor Böhninger ging um den Schreibtisch herum und auf Dr. Vogel zu. »Du willst Anzeige erstatten …«

»Anzeige … nein, das nicht. Das einzige, was ich will, ist eine interne Untersuchung.«

»Bildest du dir wirklich ein, daß so etwas intern bleiben kann?«

»Warum nicht? Jeder, der in den Fall verwickelt ist, kann nur das größte Interesse daran haben, nach außen zu schweigen.«

»Das glaubst du? Darf ich fragen … wer war überhaupt mit dir im OP?«

»Schwester Marina und Eichner.«

»Zuverlässige Leute.«

»Ja, ich weiß. Trotzdem muß sich einer von beiden geirrt haben. Oder glaubst du etwa, ich hätte … ?«

»Ich nehme nichts dergleichen an. Aber wenn du schon davon sprichst … siehst du denn nicht, daß du im Begriff stehst, dich ganz unnötig zu exponieren?«

»Ich muß wissen, wie es zu diesem verhängnisvollen Mißgriff gekommen ist. Ganz egal, wer schuld hat«, sagte Dr. Vogel hartnäckig. »Irgendwo muß eine Fehlerquelle liegen. Ich muß sie finden. Glaubst du denn, ich kann riskieren, daß etwas Ähnliches noch einmal geschieht?«

»Stell den Totenschein aus und laß die Dinge ruhn. Du bist im Begriff, einen Skandal heraufzubeschwören. Damit ist niemandem geholfen, nicht den Eltern und nicht dem toten Kind.«

»Aber den lebendigen Kindern … denen, die noch nicht einem Irrtum zum Opfer gefallen sind!«

Professor Böhninger seufzte. »Ich hätte es wissen müssen. Du kannst nicht aus deiner Haut heraus.« Er legte ihm die Hände auf die Schultern. »Natürlich hast du recht. Ich wollte dir nur sagen … das Richtige zu tun, ist nicht immer klug. Untersuch den Fall, wenn du es nicht lassen kannst.« Er seufzte tief. »Ich sehe schon, es hat keinen Zweck, dich zu warnen. Ich hoffe nur, daß ich die Dinge zu schwarz sehe. Ich bin ein alter Mann, Arno, und ich kenne das Leben.«

»Der Grund, warum ich Sie zu mir gebeten habe, ist leider außerordentlich unangenehm.« Dr. Vogel blickte von Schwester Marina zu Dr. Eichner. »Ich will ganz offen sein … der Exitus gestern nacht hat mir zu denken gegeben. Ich möchte in diesem Zusammenhang einige Fragen an Sie richten.«

»Soll das ein Verhör sein?« fragte Dr. Eichner scharf.

»Eben nicht!« Dr. Vogel hatte seinen Gästen Cognac eingeschenkt, Zigaretten angeboten, alles, um das Peinliche der Situation zu verwischen. »Ich möchte versuchen, den Fall freundschaftlich und sachlich zu klären.«

»Haben Sie schon mit Dr. Hagemann gesprochen?« fragte Eichner.

»Noch nicht. Wie ich höre, ist er noch in London.« Er machte eine kleine Pause. »Das steht mir also noch bevor.«

Dr. Vogel gab sich einen Ruck. »Ich will Sie nicht auf die Folter spannen. Heute nacht ist einem von uns ein Irrtum unterlaufen. Die Spritze, die ich dem Kleinen injizierte, als sein Atem zu versagen begann, enthielt Gradiren. Das bedeutet für ein Neugeborenes eine fünf- bis zehnfache Überdosis. Dadurch kam es zur Verkrampfung der Atemorgane und zum Exitus.«

Er ließ, während er sprach, die Schwester und den Arzt nicht aus den Augen. Eichners Gesicht wurde fleckig vor Erregung.

Marina blieb ruhig, unnatürlich ruhig.

»Sie werden sich beide erinnern«, fuhr Dr. Vogel fort, »daß ich Lobelin verlangt hatte. Einer von Ihnen beiden hat sich geirrt.« Ehe sie noch etwas äußern konnten, setzte er rasch hinzu: »Ich habe keineswegs vor, den Schuldigen bestrafen zu lassen. Wenn Sie wollen, bleibt die ganze Sache unter uns. Es kommt mir nur darauf an festzustellen, wie das geschehen konnte … damit in Zukunft ähnliche Mißgriffe mit Sicherheit ausgeschaltet werden können.«

»Ich gab Ihnen die Spritze, Herr Chefarzt«, sagte Schwester Marina, »Herr Dr. Eichner hat sie aufgezogen.«

»Unerhört, unglaublich!« Eichner protestierte laut.

Marina ließ sich nicht unterbrechen. »Ich gab dem Herrn Doktor die Spritze, sah zu, wie er sie aufzog, nahm sie ihm dann aus der Hand und lief zum Operationstisch.«

»Also das ist doch …«

»Einen Augenblick bitte, verehrter Kollege.« Dr. Vogel wandte sich wieder an Schwester Marina. »Aber Sie hätten doch sehen müssen, aus welcher Packung Dr. Eichner die Ampulle genommen hatte.«

Schwester Marina antwortete erst nach einer kleinen Pause.

»Nein«, sagte sie dann, »ich habe nicht darauf geachtet.«

»Auch später nicht? Beim Aufräumen?«

Marina schüttelte den Kopf. »Mir ist an den Packungen nichts aufgefallen.«

»Na schön, das ist also Ihre Version. Und Sie, Kollege Eichner?«

»Ich habe weder die Spritze noch die Ampulle auch nur eine Sekunde in der Hand gehabt. Wie käme ich auch dazu! Es ist Aufgabe der Schwester …«

Dr. Vogel unterbrach ihn. »Sicher. Das sagten Sie schon mal. Aber Sie gingen also zum Medikamentenschrank?«

»Ich folgte der Schwester … aber erst, als mir schien, daß sie unverhältnismäßig lange brauchte. Ich folgte ihr, um zu helfen. Sie war schon dabei, die Spritze aufzuziehen, als ich zu ihr trat. Dann ging sie rasch an mir vorbei zum Operationstisch und gab sie Ihnen.«

»Das ist nicht wahr!« Jetzt wurde auch Marina laut.

Dr. Vogel hob beschwörend die Hände. »So kommen wir nicht weiter«, sagte er, »schade, sehr schade. Ich sehe keine Möglichkeit, mir nach Ihren einander widersprechenden Aussagen ein Bild zu machen. Am besten gehen wir in den OP heute nachmittag, wenn er frei ist. Dann machen wir in aller Ruhe einen Lokaltermin unter uns.«

Dr. Eichners Stimme klang schrill. »Das lasse ich nicht mit mir machen. Sie sind zu weit gegangen, Herr Chefarzt. Ich verlange, daß Anzeige erstattet wird.«

»Nimm es nicht so schwer, Arno!« sagte Regine zu ihrem Mann. »Du kannst doch nichts dafür.«

Das Wetter war umgeschlagen, ein eintöniger Regen klopfte gegen die Scheiben.

Chefarzt Dr. Arno Vogel und seine Frau Regine saßen im Wohnzimmer und tranken, wie immer nach dem Mittagessen, ihren Kaffee. Die kleine Isa lag auf dem Fußboden und kritzelte in ein altes, zerfleddertes Notizbuch.

»Ich fürchte, du begreifst nicht ganz«, sagte Arno Vogel müde. »Natürlich kann ich nichts dafür, wie du es ausdrückst. Aber ich trage die Verantwortung für alles, was in der Klinik geschieht. Was nützt es mir denn, wenn ich mir sage: Ich kann nichts dafür?«

Regine sah ihn bekümmert an. »Du nimmst deinen Beruf zu schwer. Nein, das ist nicht das richtige Wort, du nimmst ihn zu persönlich. Du leidest immer mit den andern mit, mit den Kindern und mit den Eltern. Bitte, verzeih mir, wenn ich es sage: Das ist doch eine falsche Einstellung. Ein Arzt muß mehr über den Dingen stehen …«

Arno Vogel lächelte bitter. »Ach, Regine«, sagte er. »Du weißt noch nicht alles. Der Tod des Kindes wird ein gerichtliches Nachspiel haben.«

»Um Gottes willen«, rief sie erschrocken.

»Ja, ich kann es nicht ändern. Der Eichner besteht darauf.«

»Warum? Du hast doch keinen Fehler gemacht …«

»Nein, das habe ich nicht.« Arno Vogel zündete ein Streichholz an, um seine Pfeife wieder in Brand zu setzen.

»Aber was will Kurt Eichner denn? Was hat das Ganze denn für einen Sinn?«

Arno Vogel seufzte: »Tatsächlich ist eine Verwechslung passiert. Ich habe sie als erster entdeckt. Natürlich habe ich versucht, die Sache aufzuklären. Ich habe gehofft, wir könnten das intern regeln. Aber jetzt fängt die Sache an, Kreise zu ziehen.«

»Was sagt Papa dazu?«

»Ich habe noch nicht mit ihm darüber gesprochen.«

Regine sprang auf: »Das mußt du sofort tun. Papa wird dir helfen. Soll ich ihn anrufen? Er kann sich doch den Eichner mal vornehmen. Unter keinen Umständen darf die Sache nach draußen dringen. Stell dir doch vor …« Regine beendete den Satz nicht, weil es an der Haustür klingelte.

»Moment mal«, sagte sie. »Ich sehe nach, wer da ist.« Schmal und geschmeidig, in ihrem anliegenden Kleid aus orangefarbener Wolle, ging sie zur Tür.

Arno Vogel trank noch einen Schluck Kaffee.

Die kleine Isa zog die Beine an und setzte sich auf. »Papi, du wolltest doch heute Kasperletheater mit mir spielen. Du hast es versprochen …«

»So? Davon weiß ich ja gar nichts.«

»Doch, ganz bestimmt, Papi. Weil ich gestern abend nicht aufbleiben durfte, als die vielen Leute kamen.«

»Jaja, richtig«, sagte er zerstreut. »Ich spiele auch mit dir, Isa. Aber nicht heute.«

Isa ließ sich nicht so leicht abwimmeln. »Du hast es mir aber doch versprochen«, sagte sie energisch.

Regine kam ins Zimmer. Noch ehe sie ein Wort sagte, sah er ihr an, daß etwas Unangenehmes geschehen war. Er schob die Tasse zur Seite und stand auf.

»Was ist?« fragte er gespannt.

Sie schloß leise die Tür und flüsterte ihm zu: »Dr. Hagemann ist da …« Ihre Augen waren dunkel vor Angst. »Er will dich sprechen.«

Arno Vogel legte die Pfeife aus der Hand und ging zur Tür. Draußen in der Diele stand Dr. Paul Hagemann, der Vater des Babys, das in der Klinik unter den Händen des Chefarztes gestorben war.

Schlank und sehr aufrecht stand Hagemann da. Er wirkte ruhig und beherrscht. Aber mit unheimlicher Regelmäßigkeit schlug er den Hut, den er abgenommen hatte, gegen sein rechtes Knie.

Dr. Arno Vogel grüßte mit einer knappen Verbeugung. »Herr Präsident, wollen Sie mir bitte in mein Arbeitszimmer folgen?«

»Nein«, erwiderte Hagemann unfreundlich, »das will ich nicht. Was ich Ihnen zu sagen habe, kann hier geschehen. Ich verlange eine Erklärung von Ihnen, Herr Doktor.«

»Das ist Ihr gutes Recht. Wenn ich gewußt hätte, daß Sie schon zurück sind, dann wäre ich selbst …«

Hagemann schnitt ihm mit einer heftigen Handbewegung das Wort ab: »Was ist mit meinem Kind geschehen?«

»Das Neugeborene wurde abends in die Klinik gebracht. Der diensthabende Arzt, Dr. Eichner, untersuchte es sofort. Die Blutprobe ergab …«

»Weiß ich, weiß ich alles. Aber Sie, Herr Chefarzt, haben meinem Kind eine tödliche Spritze gegeben.«

Dr. Vogel blieb ruhig. »Sie haben Herrn Dr. Eichner selbst gesprochen?« fragte er.

»Ja. Und ich bin ihm dankbar. Denn von ihm habe ich wenigstens die Wahrheit erfahren.«

In Arno Vogels Gesicht zuckte es jetzt. »Sie haben keinen Grund zu der Annahme, daß die Leitung der Kinderklinik etwa die Absicht gehabt hätte, Ihnen die Wahrheit zu verschweigen.«

»Da bin ich nicht ganz sicher«, erwiderte Hagemann heftig.

Das Gesicht des Chefarztes wurde dunkelrot. »Herr Präsident, bei allem Verständnis für Ihren Schmerz … Ich bitte Sie sehr, sich zu mäßigen. Sie werden von Dr. Eichner erfahren haben, daß ich es war, der Verdacht schöpfte, daß ich es war, der eine Untersuchung eingeleitet hat.«

»Sie haben die schuldige Krankenschwester sofort entlassen, nehme ich an?«

»Nein, Herr Präsident. Dazu hatte ich keine Veranlassung.«

Die Stimme des Präsidenten wurde schneidend: »Was? Der Tod eines Kindes hat Ihnen nicht genügt …«

»Die Schuld der Schwester ist nicht erwiesen.«

»Aber das ist ja ungeheuerlich.« Hagemann begann wieder mit dem Hut auf sein Knie zu schlagen. »Dr. Eichner sagt doch ganz klar und deutlich, daß die Schwester das falsche Medikament aus dem Schrank genommen hat.«

»Dr. Eichner ist kein unbefangener Zeuge. Die Schwester ihrerseits behauptet, Eichner habe das Medikament herausgeholt.«

Hagemann begann mit langen Schritten in der Diele hin und her zu gehen. Dann blieb er vor Dr. Vogel stehen und sagte leise: »Sie wollen also Ihren Kollegen, Ihren Oberarzt, belasten. Sie wollen behaupten, daß dieser Arzt die Schuld hat. Damit Ihre vortreffliche Krankenschwester entlastet wird. Herr Dr. Vogel, was in Ihrer Klinik geschah, ist ungeheuerlich. Aber was jetzt versucht wird … dafür fehlen mir einfach die Worte. Die Schuldige soll geschont werden.«

»Es ist nicht bewiesen, daß die Krankenschwester schuldig ist.«

»Wer ist es denn also? Sie vielleicht, Herr Dr. Vogel? Sie tragen die volle Verantwortung.«

»Das habe ich nie geleugnet. Daher habe ich sofort eine Untersuchung durchgeführt. Ich bin selbst erschüttert, daß sich die Aussagen meines Kollegen und der Krankenschwester so kraß widersprechen.«

»Und mit dieser Ihrer Erschütterung soll ich mich begnügen, Herr Dr. Vogel?«

»Nein, Herr Präsident, mein Bericht für die Staatsanwaltschaft ist fertiggestellt.«

»Davon wird mein Kind nicht wieder lebendig. Aber meine arme Frau und ich werden also wenigstens die Genugtuung haben, daß der Mörder unseres Kindes bestraft wird.«

Hagemann wandte sich zur Tür.

Dr. Vogel ging ihm einen Schritt nach. »Herr Präsident«, sagte er zögernd. »Bitte … Sie dürfen sich nicht in Rachegefühle verstricken. Ich weiß, wie entsetzlich der Verlust ist, den Sie erlitten haben. Aber Sie müssen versuchen, sich mit dem Geschehenen abzufinden. In Ihrem eigenen Interesse.«

Hagemann drehte sich halb herum. Sein Gesicht war zu einer Grimasse verzerrt. »Mein Interesse? Daran hätten Sie früher denken sollen. Daran hätten Sie denken sollen, als mein Kind auf dem Operationstisch lag.«

»Herr Präsident …« Vogel sprach sehr laut.

»Ja, daran hätten Sie denken sollen. Aber Sie denken nur an den Ruf Ihrer Klinik und an Ihren eigenen. Und natürlich an den Ihrer Krankenschwester. Sparen Sie sich Ihre Entschuldigungen auf, bis Sie vor Gericht Rede und Antwort stehen müssen. Ich werde gegen die Schwester Strafanzeige erstatten.«

Die Tür knallte zu.

Schwester Marina warf einen kurzen, prüfenden Blick in den Garderobenspiegel. Es hatte an der Wohnungstür ihres kleinen Apartments geklingelt.

Und sie wußte, wer da kam.

Ihre grauen Augen, deren Wimpern sie sorgsam schwarz getuscht hatte, wirkten unnatürlich groß in dem schmalen, weißen Gesicht. Sie massierte sich hastig die Wangen mit den Fingerspitzen.

Es klingelte noch einmal. Marina öffnete schnell die Tür. »Herbert«, sagte sie. »Ich bin so froh, daß du da bist.«

»’n Abend, Marina.« Der Besucher trat ein und küßte sie flüchtig. Marina schloß die Tür hinter ihm. Sie sah, wie er sich vor dem Spiegel über sein blondes Haar strich. Als sich ihre Blicke im Spiegel begegneten, lächelte er. Aber es war ein gefrorenes Lächeln.

Und Marina hatte plötzlich ein unbehagliches Gefühl.

Er ging schnell in das Zimmer, während Marina in die Küche lief, aus dem Eisschrank Bier holte, die Flasche öffnete und sie dann auf einem Tablett hereinbrachte.

Ihr Verlobter stand im Zimmer, die Hände in den Hosentaschen. »Setz dich doch, Herbert«, sagte Marina. »Ich habe uns ein bißchen zu essen gemacht.« Er sah auf die Schüssel mit den appetitlichen Brotschnitten und schüttelte den Kopf. »Danke, ich hab’ keinen Hunger.«

Eine gute Stunde hatte Marina gebraucht zum Herrichten des Essens. Sie blickte traurig auf den hübsch gedeckten Tisch. Aber sie ließ sich ihre Enttäuschung nicht anmerken. »Na, vielleicht später«, sagte sie nur. »Aber ein Bier wirst du doch trinken?«

»Na, denn gib mal her«, sagte er gnädig.

Sie schenkte ihm ein, so wie er es liebte, mit einer hohen weißen Schaumkrone. »Schade, daß du vorigen Donnerstag nicht kommen konntest. Ich hatte Kartoffelklöße und Schweinebraten. Das ißt du doch so gern.«

Der Mann nahm einen kräftigen Schluck Bier und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab.

»Der Dienst geht vor«, sagte er kurz.

»Ja, natürlich, ich weiß.« Marina suchte nach einem unverfänglichen Thema. Sie spürte, daß irgend etwas nicht stimmte. Aber sie ahnte nicht, was es war.

Sie warf ihm einen kurzen, prüfenden Blick zu, doch sein Gesicht blieb verschlossen. »Wir hatten auch viel Arbeit in der letzten Zeit«, sagte sie unsicher. »Sogar ein paar Fälle mit Kinderlähmung. Aber zum Glück ist hier alles gutgegangen.«

»Soso, wieder alles in Ordnung?«

»So schnell geht das nicht. Die Kinder mit Polio sind ja erst eingeliefert worden. Doch wir haben Hoffnung …«

»Die Kinder interessieren mich nicht. Ich will wissen, ob in der Klinik wieder alles okay ist.«

»Wie meinst du das?«

»Stell dich nicht so an, du weißt schon, was ich meine.«

Sie biß sich auf die Lippen. »Wie sprichst du denn mit mir? Was hast du denn?«

Er sah sie nicht an.

Nach einer Pause fuhr sie fort: »Die Beziehungen zwischen dem Chefarzt und dem Oberarzt sind natürlich gespannt. Sie reden nur das Nötigste miteinander. Professor Ramsauer, der Direktor, ist ganz neutral. Aber es heißt, daß er den Eichner ordentlich zusammengestaucht hat. Er hat ihm vorgeworfen, interne Vorgänge einem Außenstehenden erzählt zu haben. Das ist ja nun auch das letzte.«

»Immerhin hat er erreicht, was er wollte: Er hat dich in die Sache hineingerissen.«

Marina zwang sich zu einem kleinen Lachen. Sie merkte selbst, wie unnatürlich es klang. »Was heißt hineingerissen? Ich habe nichts verkehrt gemacht, und das wird sich heraussteilen.«

»Hast du Beweise?«

»Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Eichner die Spritze mit dem falschen Medikament aufgezogen hat.«

Der Mann trank das Glas aus. »Hör auf damit«, sagte er grob. »Mir wird ganz übel davon.«

Sie schrak zusammen. »Aber, Herbert …«

»Alles, was du sagst, ist Quatsch. Du hast ja keine Ahnung. Wenn du bloß wüßtest, wie polizeiliche Ermittlungen geführt werden. Mit eigenen Augen gesehen … daß ich nicht lache. Hast du wenigstens einen Rechtsanwalt?«

»Noch nicht.« Als sie den Ausdruck seines Gesichts sah, fügte sie rasch hinzu: »Ich bin schon angemeldet, bei Doktor Schneiderbohm. An einem meiner nächsten freien Tage gehe ich hin.«

»Weiß er, um was es sich handelt?«

»Ja, natürlich.« Sie legte ihre schmale Hand auf seinen Arm. »Reg dich doch nicht auf, Herbert. Der Termin ist ja erst in drei Wochen.«

Unwillig schüttelte er ihre Hand ab. »Hast du die Vorladung?«

»Ja«, sagte sie. »Für den zwölften August, elf Uhr dreißig.«

»Gib sie her.«

»Ich habe Sie Doktor Schneiderbohm geschickt, zusammen mit meiner Darstellung des Falles. Das wollte er haben.«

»Du wirst doch wissen, was draufstand?« rief er wütend.

Sie wandte sich ab. »Schrei nicht mit mir«, sagte sie kalt. »Ich brauche niemanden, der mich herumkommandiert. Ich brauche einen Menschen, der mir hilft.«

Er stand auf, ging um den Tisch und packte sie an den Schultern. »Marina, du weißt, daß ich dich liebe. Aber um dir helfen zu können, muß ich doch wissen, was hier gespielt wird. Bitte, beantworte mir eine Frage. Bist du als Zeugin geladen oder … als Angeklagte …«

»Als Angeklagte …«

Er ließ das Mädchen los, als wenn er sich die Finger verbrannt hätte. Dann ging er zu seinem Stuhl zurück und setzte sich. »Entschuldige mal«, sagte er leise. »Aber das war ein Schlag in die Magengrube.«

»Herbert«, rief sie entsetzt. »Was hast du denn?«

Er sah sie finster an. »Wenn du bloß nicht so naiv wärst. Du stehst als Angeklagte vor Gericht. Du weißt doch, was die Zeitungen geschrieben haben. Eichner sagt, du hast die Spritze aufgezogen. Die Ärzte halten immer zusammen. Selbst wenn dieser Doktor Vogel den Eichner nicht riechen kann … vor Gericht wird er ihn entlasten. Das alles geht auf deine Kosten.«

Marina zündete sich mit nervösen Fingern eine Zigarette an. »Aber, Herbert, willst du mir einreden, daß ich verurteilt werde?«

»Ich will dir nur erklären, wie ernst deine Lage ist.«

»Danke, das weiß ich auch so.«

Er warf einen Blick auf seine Uhr. »Na also, dann brauchen wir uns ja nicht zu streiten. Ich muß zum Dienst. Wenn ich einen freien Tag habe, rufe ich dich an.«

Enttäuscht folgte sie zur Tür.

Einen Augenblick lang standen sie sich gegenüber wie zwei Fremde.

Dann gab er sich einen Ruck. Er nahm sie in die Arme und küßte sie. »Adieu, Mädchen«, sagte er. »Mach’s gut.« Dann ging er …

3

Der Gerichtssaal war überfüllt.

Die Angeklagte Marina Overbeck in anthrazitgrauem Kostüm mit hochgeschlossener weißer Bluse machte selbstsicher ihre Aussage. Alle Fragen des Vorsitzenden und des Staatsanwalts beantwortete sie knapp, präzis und ohne Zögern. Sogar der Staatsanwalt schien vor ihr Respekt zu haben. Und Rechtsanwalt Dr. Schneiderbohm nickte ihr anerkennend zu, als sie sich wieder setzte.

Der erste Zeuge wurde aufgerufen: Dr. Kurt Eichner. Alle Köpfe drehten sich zur Tür. Dr. Eichner kam herein, korrekt in einen dunklen Anzug gekleidet, das schwarze Haar straff zurückgebürstet.

Der Richter begann mit dem Verhör, nachdem er ihn mit den Formalitäten der Prozeßordnung bekanntgemacht hatte. »Sie wissen, Herr Doktor Eichner, daß Sie die Aussage verweigern können, wenn Sie meinen, sich einer Strafverfolgung auszusetzen. Wollen Sie von dieser Möglichkeit Gebrauch machen?«

»Nein, Herr Vorsitzender.«

»Gut, beginnen wir mit dem entscheidenden Augenblick. Chefarzt Doktor Vogel forderte die Spritze mit Lobelin. Was taten Sie daraufhin?«

Eichner schilderte den Vorgang. Und wiederholte seine Behauptung, daß er weder die falsche Ampulle noch die Spritze in der Hand gehabt hatte.

»Warum sind Sie denn überhaupt vom Operationstisch weggegangen?« fragte der Richter.

»Mir schien an diesem Abend, daß Schwester Marina übermüdet und zerfahren wirkte. Ich wollte ihr helfen. Aber dazu kam es gar nicht.«

Marinas Rechtsanwalt erhob sich. Er stützte beide Hände auf den Tisch, beugte sich vor und sah Dr. Eichner durchdringend an. »Herr Zeuge, Sie sind sich darüber klar, daß Ihre Aussage einige unklare Punkte enthält.«

»Darüber bin ich mir durchaus nicht klar, Herr Rechtsanwalt.«

»Dann will ich es Ihnen erläutern. Sie behaupten, daß sich die Angeklagte in jener Nacht in schlechter Verfassung befand?«

»Jawohl.«

»Das hat Sie nicht auf die Idee gebracht, die Angeklagte von einer anderen Schwester ablösen zu lassen?«

»Nein, das wäre Sache des Chefarztes gewesen.«

»Sie haben Herrn Doktor Vogel auf die Verfassung der Angeklagten aufmerksam gemacht?«

Eichner zögerte mit der Antwort. »Nein«, sagte er schließlich. »Ich bedauere das sehr.«

»Sie bedauern es.«

Eichner gab sich einen Ruck. »Es hätte auch nichts genutzt.«

»Warum nicht?«

»Der Chefarzt hält große Stücke auf die Angeklagte. Er hätte meine Warnung sicher nicht berücksichtigt.«

»Wie konnten Sie das wissen? Warum haben Sie nicht selbst mit der Schwester gesprochen, wenn Sie meinten, der Chefarzt hätte eine solche Warnung überhört? Sie waren doch diensthabender Arzt an jenem Abend.«

»Ja, das war ich.«

»Sie hatten also die Autorität, die Angeklagte nach Hause zu schicken und eine andere Schwester anzufordern. Warum taten Sie es nicht?«

Es wurde unruhig im Saal. Der Richter hob warnend den Kopf.

Dr. Eichner war blaß, als er antwortete: »Schwester Marina ist sehr … sehr empfindlich. Ich wollte sie nicht kränken.«

»Sie wollten also die Gefühle der Angeklagten schonen. Und deshalb ließen Sie die Schwester ihre Arbeit verrichten, obwohl die Gefahr bestand, daß sie diese höchst verantwortungsvolle Arbeit nicht richtig durchführen würde.«

Eichner strich sich nervös durch das Haar. »Ich glaube, ich muß mich deutlicher ausdrücken, noch deutlicher.«

Der Rechtsanwalt lächelte. »Ich wäre Ihnen dankbar.«

»Die Angeklagte schien mir nicht ganz auf dem Posten zu sein in jener Nacht. Aber ich meinte nicht, daß es so gravierend war. Erst nachträglich wurde mir klar, daß sie … daß sie gewissermaßen verstört wirkte.«

Der Rechtsanwalt richtete sich auf. »War die Angeklagte in einer schlechten Verfassung? Ja oder nein?« fragte er scharf.

»Es schien mir so, als wäre sie nicht recht in Form.«

»Es schien Ihnen so … Schien es Ihnen so während der Operation oder erst am nächsten Tag? Als der Chefarzt Sie und die Schwester zur Rede stellte? Oder schien es Ihnen vielleicht noch später?«

Eichner schwieg.

»Sie müssen dem Herrn Verteidiger antworten«, mahnte der Vorsitzende.

Eichner konnte sich nicht mehr beherrschen. »Auf welche seiner Fragen?« sagte er wütend. »Ich kenne mich nicht mehr aus.«

»Dann werde ich Ihnen helfen«, erwiderte der Rechtsanwalt ruhig. »Wann ist es Ihnen eingefallen, ich sage absichtlich eingefallen, daß die Angeklagte sich in der fraglichen Nacht in einer schlechten Verfassung befand?«

»Daran kann ich mich nicht mehr genau erinnern.«

»Ihre Erinnerung an jene Nacht ist also nicht ganz klar.«

»Das habe ich nicht gesagt.« Eichners Stimme wurde schrill. »Glauben Sie, ich merke nicht, was Sie mit mir vorhaben? Ich weiß genau, daß Sie mich verwirren wollen. Ich habe die Vorgänge in jener Nacht mehrmals genau geschildert. Sie haben kein Recht, ständig meine Worte anzuzweifeln. Ich bin schließlich kein Verbrecher. Ich nicht.«

Rechtsanwalt Dr. Schneiderbohm setzte sich. Dabei sagte er: »Ich denke, wir verzichten vorläufig auf eine Vereidigung.«

Eichner nahm auf der Zeugenbank Platz.

Immer wieder wanderten seine Blicke zu dem Rechtsanwalt, den er haßerfüllt ansah.

Der Richter blätterte in seinen Akten. »Ich schlage vor, daß wir jetzt den Chefarzt Doktor Arno Vogel zu Wort kommen lassen.«

»Verzeihung, Herr Vorsitzender«, sagte der Staatsanwalt. »Ich möchte lieber, daß wir erst die Zeugin Hilde Güldener befragen.«

Rechtsanwalt Dr. Schneiderbohm sah den Staatsanwalt erstaunt an. Der fuhr fort: »Die Staatsanwaltschaft hat den Antrag auf Vernehmung dieser Zeugin nachträglich eingereicht, Blatt 27, 3a.«

Der Vorsitzende blätterte in Papieren.

»Ich erhebe Einspruch«, sagte Dr. Schneiderbohm. »Von der Existenz dieser Zeugin höre ich hier zum ersten Male.«

Der Staatsanwalt sah lächelnd zu Dr. Schneiderbohm. »Hilde Güldener ist Tatzeugin. Ihre Vernehmung ist wichtiger als die des Chefarztes. Denn Doktor Vogel hat ja selbst nichts beobachtet.«

»Die Zeugin Hilde Güldener«, entschied der Richter.

Der Justizwachtmeister rief ihren Namen in den Korridor.

Schwester Hilde kam in den Gerichtssaal. Sie trug ein leuchtend buntes Sommerkleid, weiße Pumps mit hohen Absätzen und weiße, ellbogenlange Lederhandschuhe. Ihr Haar glänzte silberblond.

Sie erzählte: »Ich hatte an dem Abend um sieben Uhr meinen Dienst angetreten, auf der Privatstation des Herrn Chefarztes. Schwester Marina, die ich ablösen sollte, erklärte mir noch einmal genau, worauf ich bei dem kleinen Patienten zu achten hätte. Sie war noch um acht Uhr im Hause, als das Neugeborene mit dem Rhesusfaktor eingeliefert wurde. Und dann blieb sie, um bei der Operation zu helfen.«

Der Richter fragte: »Ist Ihnen an der Angeklagten etwas Besonderes aufgefallen?«

»Nein, eigentlich nicht. Höchstens …«

»Was höchstens?«

»Sie schien mir sehr müde zu sein. Das war ja auch kein Wunder. Seit dem frühen Morgen war sie auf den Beinen. Ich half ihr bei den Vorbereitungen zur Blutaustausch-Transfusion. Als der Chefarzt mit dem Eingriff begann, verließ ich den OP.«

»Und wann erfuhren Sie von dem Tod des Kindes?«

»Ich war ja dabei.«

Die Zuhörer begannen aufgeregt zu flüstern.

Der Richter schlug mit dem Bleistift auf den Tisch. Dann fragte er die Zeugin: »Sie waren anwesend? Und das sagen Sie jetzt erst?«

»Ja, ich weiß, es war ein Fehler. Aber ich bewundere Schwester Marina sehr. Sie ist mein Vorbild, und sie hatte doch an dem betreffenden Tag so schweren Dienst gehabt. Ich habe mich davor gefürchtet, sie zu belasten.«

»Na hören Sie!« Der Ton des Richters wurde streng und laut. »Sie haben nur eins zu fürchten: daß Sie nicht die volle Wahrheit sagen.«

Schwester Hilde sah den Gerichtsvorsitzenden erschrocken an.

»Ich will ja auch alles sagen.«

»Gut, berichten Sie jetzt.«

»Der kleine Thomas auf der Privatstation war in der Nacht sehr unruhig. Er konnte nicht einschlafen. Ich wußte nicht, ob ich ihm noch ein Beruhigungsmittel geben durfte. Der Herr Chefarzt, der Oberarzt Doktor Eichner und Schwester Marina waren im OP. Deshalb ging ich nochmals hin. Über der Tür brannte das rote Licht. Ich machte sie vorsichtig auf, und dann wartete ich an der Tür auf einen günstigen Moment, um Marina zu fragen. Niemand sah mich. Der Herr Chefarzt beugte sich über den Operationstisch. Er wandte mir den Rücken zu. Schwester Marina stand am Medikamentenschrank und zog eine Spritze auf. Oberarzt Doktor Eichner kam auf sie zu und wollte ihr die Spritze abnehmen. Aber sie ging selbst zum Chefarzt und gab ihm die Spritze. Und nach einer Weile hörte ich, wie der Herr Chefarzt sagte ›Exitus‹. Und dann schloß ich ganz leise die Tür und ging wieder weg.«

»Ohne mit jemand gesprochen zu haben?« fragte der Richter.

»Ich traute mich nicht mehr.«

»Haben Sie später jemand von Ihrer Beobachtung erzählt?«

»Ja, meinem Vater. Der riet mir, zur Staatsanwaltschaft zu gehen.«

Der Richter räusperte sich. »Sie können Ihre Aussage beschwören?«

Schwester Hildes Stimme war leise, aber fest. »Jawohl, Herr Vorsitzender.«

Der Richter bat jetzt Dr. Eichner nach vorn. Der Oberarzt stand dicht neben Schwester Hilde. Beide sprachen dem Vorsitzenden die Eidesformel nach.

Marina bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

»So«, sagte der Richter, beinahe gemütlich, »und jetzt wollen wir den Herrn Chefarzt persönlich zu Rate ziehen.« Er wandte sich zum Wachtmeister: »Herr Doktor Vogel, bitte.«

Als Arno Vogel den Saal betrat, erreichte die Spannung im Publikum ihren Höhepunkt. Mit unverhohlener Neugierde sahen auch Richter, Staatsanwalt und Rechtsanwalt dem Arzt entgegen.

Sein Gesicht war verschlossen. Kein Muskel regte sich.

»Na, nun beruhigen Sie sich mal«, sagte der Rechtsanwalt.

Er ging neben Marina die Treppe hinunter, die in den Vorhof des Gerichtsgebäudes führte. »Soll ich Ihnen ein Taxi bestellen?«

Marina antwortete nicht. Drei Monate Gefängnis … dachte sie. Schuldig, den Tod des neugeborenen Kindes Peter Hagemann fahrlässig verursacht zu haben … Die Strafe zur Bewährung ausgesetzt …

Die Worte des Richters wirbelten ihr im Kopf herum. Sie konnte sie wörtlich wiederholen.

Aber sie konnte sie nicht fassen.

Sie gingen durch den Vorhof zur Ausgangstür. »Was hatten Sie denn erwartet?« sagte der Rechtsanwalt. »Nachdem Ihre Kollegin unter Eid so eindeutig ausgesagt hatte, war doch nicht mehr viel drin. Und Doktor Vogel …«

»Doktor Vogel«, wiederholte Marina mechanisch. »Das hätte ich von meinem Chef nicht gedacht.«

»Aber, Kindchen.« Der Rechtsanwalt blieb stehen. »Verrennen Sie sich doch nicht. Was sollte er denn sonst sagen? Er hat Sie über den grünen Klee gelobt. Aber wer die Spritze aufgezogen hat, vermochte er nun einmal nicht zu sagen.«

»Er kennt mich doch. Er weiß, wie gewissenhaft ich bin.« Marina begann leise zu schluchzen.

»Sie haben doch Bewährung.« Der Rechtsanwalt schüttelte den Kopf. »Nehmen Sie sich zusammen.«

»Doktor Eichner und Schwester Hilde haben einen Meineid geschworen«, stieß Marina hervor.

»Na, na, nun seien Sie mal friedlich. So etwas dürfen Sie nicht sagen.«

»Die beiden stecken doch unter einer Decke.«

Rechtsanwalt Dr. Schneiderbohm wurde aufmerksam. »Haben Sie für Ihre Vermutung Beweise? Haben Sie etwas Bestimmtes beobachtet? Sind die beiden, na sagen wir, intim miteinander befreundet?«

»Nein, ich kann es nicht beweisen. Ich weiß nur, daß ich zu Unrecht verurteilt worden bin. Ich werde Berufung einlegen.«

Der Rechtsanwalt seufzte. »Mein liebes Fräulein Overbeck, überlegen Sie sich die Sache. Bei einer Berufung können Sie leicht schlechter wegkommen.«

Er schob den Ärmel seines Talars zurück und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Tut mir leid, in fünf Minuten beginnt mein nächster Fall.«

Marina sah dem Rechtsanwalt nach, wie er mit wehendem Talar die Treppe hinaufeilte und um eine Biegung verschwand.

Und dann, als sie sich zum Gehen wandte, sah sie Herbert. Sein jungenhaftes Gesicht war verdüstert. Aber Marina bemerkte es nicht. Sie sah nur, daß er da war, daß er auf sie gewartet hatte. Mit einem kleinen Schrei warf sie sich in seine Arme. »Herbert«, sagte sie schluchzend und immer wieder »Herbert …«

Er stand steif da, ohne sich zu rühren. Dann, nach einer langen Pause, schob er sie von sich.

Flehentlich sah sie ihn an. »Ich wußte ja, du würdest mich nicht im Stich lassen, du, als einziger.«

Er schluckte ein paarmal, bevor er antwortete. »Hör mal, Marina, ich muß mit dir sprechen.«

»Hast du Zeit für mich?« fragte sie hoffnungsvoll. »Kannst du mich nach Hause bringen? Kannst du bei mir bleiben?«

»Ich fürchte, so viel Zeit habe ich nicht.«

»Hier in der Nähe ist ein kleines Café. Können wir da nicht hingehen?«

Sie verließen das Gerichtsgebäude. Draußen blieb Herbert stehen.

»Marina«, sagte er. »Das Ganze ist sinnlos. Wir wollen uns nichts vormachen. Schließlich sind wir beide erwachsene Menschen.«

Marina sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. »Was willst du damit sagen?«

»Marina, mach es mir nicht so schwer. Du weißt doch genau …«

Ihre Stimme war ganz leise, als sie antwortete: »Ich weiß nur, daß wir miteinander verlobt sind. Ich weiß, daß wir uns versprochen haben, unser ganzes Leben miteinander zu verbringen. Ich erinnere mich genau, wie oft du zu mir gesagt hast: In guten und in bösen Stunden wollen wir …«

»Marina, bitte«, sagte er kläglich. »Können wir nicht in aller Freundschaft …« Er zögerte, und erst nach einer Pause kam das Wort, das sie gefürchtet, aber auch erwartet hatte: »auseinahdergehen?«

Sie sah ihn mit großen Augen schweigend an.

Nachdem das Wort ausgesprochen war, redete er schnell weiter: »Meinst du denn, mir fällt es leicht? Was soll ich denn tun? Schließlich bist du doch an allem selbst schuld. Wenn du nicht die Ampullen verwechselt hättest … Sieh mal, ich bin Polizeibeamter. Ich kann doch niemanden heiraten, der vorbestraft ist. Laß uns doch die Dinge sehen, wie sie sind.«

Sie ging mit kleinen Schritten neben ihm her und schwieg.

»Na ja«, sagte er eifrig. »Es wird schon alles gut werden, auch für dich. Wir sind doch beide noch jung. Paß mal auf, du wirst mich schneller vergessen als ich dich.«

Er sah sie kurz von der Seite an und sprach immer schneller weiter. »Nach ein paar Wochen ist Gras über die Sache gewachsen. Kein Mensch fragt mehr danach. Bei mir ist es doch leider etwas anderes. Ich bin Beamter.«

Marina ging schweigend neben ihm her.

»Und sieh mal, was das Finanzielle betrifft, das können wir schnell in Ordnung bringen.«

Er holte aus seiner Jacke ein zusammengefaltetes Papier heraus. »Ich habe unseren Bausparvertrag für alle Fälle gleich mitgebracht.«

Marinas blasses Gesicht war unbewegt. Sie sah nicht nach links und nicht nach rechts, als sie an seiner Seite die Straße überquerte.

Herbert fuhr fort: »Die Karte mit unserem letzten Kontoauszug ist auch dabei. Bitte, überzeuge dich selbst. Leider kann ich dir deinen Anteil nicht in bar auszahlen. Aber ich denke, der Vertreter der Bausparkasse wird schon einen Ausweg wissen. Du kannst sicher sein, ich werde das korrekt erledigen.«

Endlich sah sie ihn an, endlich begann sie zu sprechen: »Ich vertraue dir vollkommen«, sagte sie mit einem müden Lächeln. »Ich weiß, du bist die Korrektheit in Person.«

Ihr Tonfall machte ihn unsicher. »Sprich doch nicht so zu mir. Ich habe dir doch nichts getan.« Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie nahm sie nicht, nickte ihm zu, drehte sich um und ging langsam weg.

»Marina!« rief er ihr laut nach. »Du sollst wissen, daß ich dir nicht böse bin.«

Marina ging allein durch die Straßen. Die Sonne war durch die Wolken gebrochen. Marina war allein, so allein wie noch nie in ihrem Leben.

»So schnell geht das nicht, wie du dir das denkst.« Kurt Eichner ging mit nervösen Schritten im Zimmer auf und ab. »Erst muß Gras über die Sache gewachsen sein. Wir wären ja verrückt, wenn wir jetzt die Nerven verlören.«

Hilde sah ihn mißtrauisch an. »Komisch. Jetzt hast du es mit der Ruhe. Vorher konnte es nicht schnell genug gehen. Bevor ich die Hand zum Eid erhob, hast du immer nur vom Heiraten geredet.«

Eichner blieb stehen. »Hilde«, zischte er wütend.

»Hilde, Hilde«, wiederholte sie höhnisch. »Ich habe Marina reingelegt, und jetzt kneifst du.«

Er nahm sie in die Arme. »Red doch nicht solchen Unsinn. Es ist mir nur langweilig, immer wieder dasselbe zu erklären.«

»Sag doch ruhig, daß ich dir langweilig bin. Letzten Endes kommt es darauf hinaus.«

Er ließ sie los. »Du weißt nicht, was du sprichst.«

Schwester Hilde kniff die Augen zusammen. »Du hast mich seit drei Tagen nicht mehr besucht.«

Er hob die Arme hoch und ließ sie mit einer Gebärde der Verzweiflung fallen. »Wundert dich das? Ich sehne mich ständig nach dir, und wenn ich bei dir bin, dann machst du mir Szenen.«

»Ach, was bist du gemein.« Sie begann zu weinen.

Er sah mit Widerwillen auf ihr blondes Haar, dessen Wurzeln dunkel nachzuwachsen begannen.

Mit sanfter, einschmeichelnder Stimme sagte er: »Kindchen, Hilde, sei doch nicht so empfindlich. Du mußt doch selbst merken, daß es so nicht weitergeht. Mit deiner Hysterie wirst du noch unsere Liebe zerstören.«

Sie sah ihn mit geröteten Augen an. »Das wagst du mir zu sagen, nach allem, was ich für dich getan habe?«

»Hilde, bitte, sei vernünftig. Ich werde nie vergessen, was ich dir schulde. Aber davon ganz abgesehen … Meine Liebe zu dir wird nie erlöschen. Ganz egal, was du tust. Wenn du meinst … dann gehe hin und verrate uns und unsere Liebe. Gestehe doch, daß du einen Meineid geschworen hast. Zeige mich an, daß ich dich dazu verleitet habe. Mach, was du willst. Ich werde nicht aufhören, dich zu lieben.«

Er sah mit Genugtuung, wie in ihren Augen Hoffnung aufglomm.

»Wann werden wir heiraten?« fragte sie leise.

»Aber, Hildchen, das haben wir doch so oft besprochen. Sobald es möglich ist.«

»Und wann wird das sein?«

Er zögerte mit der Antwort. »Schwer zu sagen«, sagte er endlich. »Vielleicht in einem Jahr.«

Sie legte die Arme um seinen Hals und sagte seufzend: »Ein Jahr noch voller Heimlichkeit, ein Jahr Versteckspiel, ein Jahr schlechtes Gewissen. Kurt, ich ertrage es nicht.«

Sanft löste er ihre Arme. »Für mich ist es doch genauso schwer. Ich warte auf den Tag, da du vor aller Welt meine Frau werden kannst. Aber denk doch nur, wenn Marina etwas von unseren Beziehungen erfährt. Sie macht einen Skandal, verlaß dich drauf. Und der Chefarzt steht auf ihrer Seite. Von dem haben wir keine Schonung zu erwarten.«

Hilde schmiegte sich an ihn. »Ich liebe dich so sehr, Kurt, ich bin halb wahnsinnig vor Liebe. Ach, manchmal glaube ich, es wäre besser, ich hätte dich nie kennengelernt.«

Sie schloß die Augen, als er sie küßte.

Und daher sah sie nicht den Ausdruck der Verachtung, der sein schmales, ebenmäßiges Gesicht entstellte.

Marina hatte eine kleine Reisetasche aus Schottenstoff in der Hand. Sie ging langsam durch den Korridor der Kinderklinik bis zu der Station, in der sie zuletzt Dienst gehabt hatte. Leise öffnete sie die Tür.

Alle sechs Betten waren belegt. Die Kinder schliefen. Einen Augenblick zögerte Marina, aber dann wandte sie sich mit einem Ruck um und verließ den Raum.

Mechanisch legte sie den Weg zum Zimmer des Chefarztes zurück. Sie klopfte an die Tür und trat ein, ohne das Herein abzuwarten. Arno Vogel saß am Schreibtisch und blickte ihr freundlich entgegen. »Na, was gibt’s denn, Schwester Marina?« sagte er.

»Ich möchte mich von Ihnen verabschieden, Herr Chefarzt.«

Er warf ihr einen kurzen Blick zu. »Was heißt verabschieden? Setzen Sie sich doch.«

»Nein, bitte nicht. Ich möchte schnell das Haus verlassen.«

Vogel stand auf, rückte einen Stuhl an den Tisch und veranlaßte Schwester Marina mit sanfter Gewalt, sich hineinzusetzen. Dann ging er zu seinem Sessel zurück.

»So«, sagte er, »nun erzählen Sie mal, Kind! Was ist los?«

Marina sah ihn mit kläglichem Gesicht an. »Herr Chefarzt, bitte quälen Sie mich nicht. Sie wissen doch selbst, daß es hier nicht weitergeht. Ich bin zu Gefängnis verurteilt worden, und wenn ich durch die Klinik gehe, habe ich das Gefühl, daß alle Menschen mich hämisch ansehen.«

»Schwester, Ihr Gefühl trügt Sie. Verlassen Sie sich doch in diesem Punkt auf mich. Die Leute hier haben eher Mitleid mit Ihnen. Selbst der Eichner wagt nicht, ein böses Wort über Sie zu reden.« Marina fuhr hoch: »Das sollte er auch wagen, dieser meineidige Kerl.«

»Pst, pst!« Arno Vogel lächelte. Und dann sagte er begütigend:

»Schwester Marina, Ihr Temperament geht mit Ihnen durch. Aber ich verspreche Ihnen feierlich: Sie werden mir nicht durchgehen. Ich habe bestimmt, daß Sie hierbleiben. Das ist auch mit den vorgesetzten Stellen besprochen. Und wenn Ihnen irgend jemand Unannehmlichkeiten machen will, dann wird der Betreffende das Haus verlassen … aber nicht Sie.«

Marina kämpfte mit den Tränen.

»Also abgemacht.« Arno Vogel gab diesen Worten jene Bestimmtheit des Tones, von dem Marina und alle anderen Schwestern wußten, daß er eine Entscheidung bedeutete.

Sie schwieg.

Da ging Arno Vogel nochmals zu ihr hin, packte sie an beiden Schultern und schüttelte sie freundschaftlich. »Mädchen, Marina, machen Sie doch keine Dummheiten!«

Marina hob den Kopf. Sie starrte auf die Tür, die sich leise geöffnet hatte. Arno Vogel sah Marinas Gesichtsausdruck, ließ sie los und drehte sich um.

Oberarzt Dr. Kurt Eichner stand in der halbgeöffneten Tür.

Niemand sprach.

Nach einer langen Pause sagte Eichner übertrieben langsam und mit besonderer Betonung: »Pardon, Herr Chefarzt, Sie müssen mein Anklopfen überhört haben …«

4

Marina tat ihre Arbeit wie bisher. Niemand sprach mit ihr über das, was vor ein paar Wochen geschehen war.

Auch Dr. Kurt Eichner, der Oberarzt, sagte nichts. Nur seinem Chefarzt Dr. Vogel gegenüber leistete er sich hin und wieder ein mokantes Lächeln …

Arno Vogel übersah es.

Drei Wochen nach der Verurteilung Marinas erschien eine aufgeregte Mutter in der Klinik. Sie hatte ihren kleinen kranken Jungen Hans mitgebracht. Nach einem flüchtigen Blick auf den Patienten rief der diensthabende Arzt Dr. Schmittchen den Chefarzt herbei. Dr. Vogel kam sofort in das Aufnahmezimmer.

Das Bild, das sich ihm bot, war erschreckend. Der kleine Junge, der auf dem Bett lag, rang nach Luft. Sein Brustkorb war unnatürlich erweitert, seine Haut blau verfärbt.

Seine angsterfüllten Blicke wanderten zwischen den beiden Ärzten hin und her. Die Mutter, Frau Heiberg, stand Arno Vogel gegenüber. »Muß er sterben?« fragte sie schluchzend. »Muß er sterben? Bitte, Herr Doktor, sagen Sie mir die Wahrheit. Muß er sterben?«

Dr. Vogel lächelte ihr beruhigend zu. »Aber, Frau Heiberg, nun lassen Sie mich doch erst mal Ihren Jungen untersuchen. Wir werden dann schon sehen, wie wir ihm helfen können.«

Die Aufnahmeschwester reichte dem Chefarzt die Karteikarte des neuen Patienten. Dr. Vogel warf einen Blick darauf und wandte sich dann wieder an die Mutter: »Er ist vier Jahre alt, nicht wahr?«

»Ja, im Juni ist er vier geworden.«

»Was für Krankheiten hat er gehabt?«

»Gar keine, das ist es ja, Herr Doktor. Er ist immer gesund gewesen, und jetzt dieses Unglück …«

Dr. Vogel begann, das kranke Kind behutsam zu untersuchen. Dabei sprach er mit der Mutter weiter. »Hat er denn noch gar keine Kinderkrankheiten gehabt?«

Frau Heiberg hob das tränenüberströmte Gesicht. »Kinderkrankheiten?« fragte sie erstaunt. »Ja, natürlich hat er Kinderkrankheiten gehabt. Masern und Windpocken und so was. Und dann ist er wegen eines Leistenbruchs operiert worden. Aber das hat doch mit diesem Anfall nichts zu tun, Herr Doktor.«

Arno Vogel antwortete nicht.

Nachdem er die Untersuchung beendet hatte, richtete er sich auf und wandte sich an die Schwester. »Bitte, Schwester, schreiben Sie mal: Der Klopfschall der Lunge ist hypersonor. Man hört über beide Lungen im verlängerten Exspirium Pfeifen. Die Herzaktion ist stark beschleunigt. Puls gut gefüllt. Status asthmaticum.«

Die Schwester machte routiniert ihre Notizen. Dabei sagte sie: »Fieber habe ich schon gemessen, Herr Doktor.«

»Na und?«

»Die Temperatur ist nicht erhöht.«

Dr. Arno Vogel wandte sich wieder an die Mutter: »Sagen Sie, Frau Heiberg, seit wann ist Hans denn eigentlich krank? Ich meine, wann haben Sie zuerst etwas gemerkt?«

»Heute früh. Ich war ja so entsetzt. Gestern abend war er noch ganz in Ordnung, gesund und munter, aber dann plötzlich, heute früh …«

»Um wieviel Uhr war es?«

»Ja, als ich zu ihm ins Zimmer kam, da atmete er schon so komisch. Wie spät es da war, ja, das muß sieben Uhr gewesen sein. Aber so schlimm wie jetzt war es nicht. Ich dachte bestimmt, es würde von selbst vorbeigehen, sonst hätte ich doch sofort den Arzt geholt.«

»Und wann haben Sie also einen Arzt gerufen?«

»Kurz vor zwölf. Und Doktor Meier, das ist unser Hausarzt, kam sofort, obwohl er eigentlich Sprechstunde hatte, und dann hat er gleich die Einweisung in Ihre Klinik angeordnet, und da habe ich richtig gemerkt … Bitte, Herr Doktor, er muß sterben, nicht wahr? Mein armes Hänschen muß sterben …«

Sie wollte sich über das Kind werfen.

Dr. Vogel riß sie zurück. »Nun hören Sie aber auf«, sagte er unfreundlich. »Was soll denn das? Seien Sie nicht so egoistisch. Sie schaden ja Ihrem Kind durch Ihre Hysterie.«

»Hysterie!« Frau Heibergs Stimme wurde hoch und schrill. »Hysterie! Na hören Sie. Das hat mir noch niemand gesagt.«

Dr. Vogel sah sich nach dem diensthabenden Arzt um. »Wo ist denn Doktor Schmittchen?« fragte er die Schwester.

»Er ist im Nebenraum, Herr Chefarzt. Ein kleines Mädchen ist eingeliefert worden.«

»Na schön, dann mach’ ich das hier selbst. Also, liebe Frau Heiberg, gehen Sie jetzt nach Hause, kümmern Sie sich um Ihre Familie. Rufen Sie mich ruhig heute abend an, lassen Sie mich ans Telefon holen, und dann erzähle ich Ihnen genau, wie es Ihrem Jungen geht. Morgen nachmittag ist Besuchszeit, dann wird er hoffentlich das Schlimmste überstanden haben, und Sie können ihn sehen.« Er gab ihr die Hand.

»Zimmer 212 ist frei«, sagte die Schwester.

Dr. Vogel schob die zögernde Mutter sanft aus dem Raum.

Im Zimmer 212 hatte Schwester Marina schon alle Vorbereitungen getroffen. Als eine junge Schwester den Wagen mit dem Kind ins Zimmer schob, sprach Marina tröstend auf ihn ein, obwohl sie nicht sicher war, daß er sie überhaupt hörte.

Der Atem des kranken Jungen ging pfeifend.

Dr. Vogel kam ins Zimmer.

Marina legte dem Kind die Sauerstoffmaske an. Der Chefarzt stellte den Apparat ein. »Bitte, jetzt Prednison«, sagte er.

Marina reichte ihm die aufgezogene Spritze.

Die Vene in der Ellbogenbeuge war gut sichtbar. Schwester Marina hielt den Arm des Kindes fest, während der Chefarzt die Spritze mit leichtem Druck ansetzte.

Der Junge zuckte zusammen, als die Injektionsnadel die Haut berührte.

Nach der Injektion sägte Vogel den Hals einer Ampulle, die er bereitgelegt hatte, ab und zog eine zweite Spritze mit dem Inhalt auf. Es war Supracillin. Marina hatte den Oberschenkel des Jungen frei gemacht und desinfizierte.

Diesmal merkte das Kind überhaupt nicht den Einstich.

»So, das wär’s«, sagte Dr. Vogel. »Und jetzt müssen wir abwarten. Eventuell geben Sie ihm später ein Beruhigungsmittel.«

»Jawohl, Herr Chefarzt.«

»Schwester Marina, bleiben Sie vorläufig bei dem kranken Jungen. Wenn etwas Unvorhergesehenes eintritt, ich bin in meiner Sprechstunde. Und später komme ich noch mal ’rein.«

Im Hinausgehen sagte er befriedigt: »Geht ihm schon ein bißchen besser, was?«

Marina nickte. »Ja, Herr Chefarzt, die Färbung scheint zurückzugehen.«

Nachdem die Tür hinter Dr. Vogel ins Schloß gefallen war, zog sich Marina einen Stuhl dicht an das Bett und betrachtete das kranke Kind.

Ganz allmählich wurde die Atmung freier und ruhiger. Die bläuliche Gesichtsfarbe verschwand immer mehr. Bald war die Haut wieder rosig.

Ein Glücksgefühl überkam Schwester Marina. Sie empfand wieder einmal, was für einen schönen Beruf sie hatte und wieviel er ihr bedeutete.

Zwei Stunden vergingen. Marina saß immer noch auf ihrem Stuhl und hing ihren Gedanken nach. Der kleine Junge schlief. Da klopfte es an die Tür.

Marina stand auf.

Die Tür wurde geöffnet, eine kleine rundliche Frau mit verweintem Gesicht kam herein: Frau Heiberg.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte sie. »Ich wollte nur Hänschen etwas bringen.« Sie hatte ein Köfferchen in der Hand.

Schwester Marina begriff sofort, daß sie die Mutter des Kindes vor sich hatte. Sie legte mahnend die Finger auf die Lippen und flüsterte: »Es geht ihm schon viel besser.«

Aber Frau Heiberg kümmerte sich plötzlich nicht mehr um ihr Kind. Sie starrte fassungslos Schwester Marina an.

»Sie?« stieß sie hervor. »Was machen Sie denn hier?«

Marina sah sie fragend an: »Wie meinen Sie das?«

»Ich hab’ Sie sofort erkannt. Ihr Bild war ja in allen Zeitungen. Ich laß mir das nicht bieten! Mein armes Kind …«

Und ehe Marina es verhindern konnte, drückte die Frau ihren Daumen auf den roten Alarmknopf neben der Tür. Die andere Hand hielt sie abwehrend der Schwester entgegen, als wollte sie ein Gespenst verscheuchen.

»Aber, Frau Heiberg, was soll denn das heißen? Lassen Sie doch die Klingelei sein. Sie alarmieren ja die ganze Klinik.«

Marina versuchte, die rasende Frau an den Handgelenken zu fassen. Es gelang ihr nicht.

Die Tür wurde aufgerissen. Dr. Schmittchen stand da, an seiner Seite Oberschwester Aline. Hinter ihnen tauchten die Gesichter einiger Krankenschwestern auf.

»Was geht hier vor?« fragte die Oberschwester scharf. »Wer sind Sie? Was haben Sie hier zu suchen?«

»Ich bin die Mutter dieses unglücklichen Kindes«, keifte Frau Heiberg. »Er ist mein einziger Junge, und er darf nicht mit dieser Person zusammen sein. Sie hat schon mal ein Kind getötet …«

Arno Vogel saß mit seinem Schwiegervater, Professor Böhninger, zusammen. Die Unterredung fand im Arbeitszimmer des Professors statt. Sie hatten schon eine Stunde miteinander gerungen und waren einander um keinen Schritt näher gekommen.

»Halsstarrig …«, sagte Böhning zu seinem Schwiegersohn.

»Verständnislos«, sagte Vogel zu seinem Schwiegervater. »Schwester Marina darf nicht entlassen werden. Es wäre ein schreiendes Unrecht. Sieh es doch endlich ein, Papa!«

Professor Böhninger hob bedauernd beide Hände. »Tut mir leid, alter Junge. Aber mir scheint, daß du nicht mehr imstande bist, die Angelegenheit ohne Vorurteil zu betrachten.«

»Ohne Vorurteil.« Arno Vogel lachte bitter. »Das wirfst du ausgerechnet mir vor. In Wirklichkeit bin ich wohl im Bereich der Universitätsklinik der einzige Mensch, der gegen Schwester Marina nicht voreingenommen ist.«

Professor Böhninger seufzte: »Mein lieber Arno, du weißt sehr gut, daß ich mich für das Verbleiben der Schwester eingesetzt hatte, obwohl die Lage … ich will mal sagen: ein bißchen delikat war. Aber jetzt sind wir an einem Punkt angekommen, wo die Schwester nicht mehr tragbar ist. Die Mutter eines kranken Kindes hat beim Anblick der Schwester einen Nervenzusammenbruch bekommen. Ob Marina schuldig oder nicht schuldig ist … jedenfalls ist sie nicht mehr tragbar für die Klinik. Der Verwaltungsdirektor hat die Kündigung ausgesprochen. Selbst wenn ich wollte, könnte ich nichts mehr erreichen. Lauf nicht mit dem Kopf gegen die Wand, Arno. Finde dich mit den Gegebenheiten ab!«

Arno Vogel stand langsam auf und sah seinen Schwiegervater ernst an.

»Mich abfinden … gerade das werde ich nicht tun. Ich habe es nie getan.«

»Was soll das heißen?«

»Es soll heißen, daß ich die Klinik verlasse, wenn Schwester Marina hinausgedrängt wird.«

»Arno, was sagst du da? Willst du mich erpressen?« Die Augen des alten Herrn blitzten kampflustig.

»Aber, Papa, du solltest mich besser kennen. Ich danke dir herzlich und aufrichtig, daß du dich in dieser Sache so lange mit mir herumgequält hast. Die Standpunkte sind jetzt klar, und ich weiß, was ich zu tun habe.«

»Willst du tatsächlich kündigen?«

»Ja.«

»Weiß Regine schon davon?«

»Noch nicht.«

»Was soll denn aus euch werden?«

»Ich werde eine Privatpraxis aufmachen.«

Professor Böhninger trommelte mit seinen Fingern auf dem Schreibtisch, »Glaub nicht, daß das so einfach ist.«

»Nein, das glaube ich auch nicht. Aber ich werde es schaffen.«

»Vielleicht mit Schwester Marina als Sprechstundenhilfe?«

»Ja«, sagte Dr. Vogel einfach.

Böhninger sah ihn überrascht an. »Das kann doch nicht dein Ernst sein.«

»Ja, warum denn nicht? Papa, versteh mich doch richtig. Marina ist einem Fehlurteil zum Opfer gefallen. Ich weiß jetzt, daß Dr. Eichner und Schwester Hilde einen Meineid geschworen haben.«

»Aber, Arno, das ist ja ungeheuerlich!«

»Ja, Papa, das ist es. Ich habe mich beherrscht, solange Marina hierbleiben konnte. Aber wenn sie jetzt hinausfliegt und die Schuldigen bleiben … das geht über meine Kraft. Eichner ist auf meinen Posten scharf. Soll er ihn bekommen.«

Als Arno Vogel abends nach Hause kam, prasselte im Kamin ein gemütliches Feuer. Er bückte sich, packte mit der Feuerzange eines der Buchenscheite, das zur Seite gerutscht war, und legte es wieder in die Flammen.

Er richtete sich auf, und da sah er seine Frau Regine. Sie kam aus der Küche, ein Tablett mit Gläsern in den Händen. Die Flammen des Kamins warfen zuckende Schatten in das Zimmer.

Zärtlich betrachtete Arno Vogel ihr gebräuntes Gesicht. Sie nickte ihm zu und stellte das Tablett auf einen niedrigen Tisch in der Nähe des Kamins.

»Da bist du ja«, sagte sie. »Ich hab’ dich gar nicht kommen hören.« Sie legte ihre Hände auf seine Schultern, die weiten Ärmel ihres Hausanzuges aus stahlblauer Seide gaben ihre schlanken Arme frei. Er umfaßte ihre Hüften und wollte sie an sich ziehen.

Sie entwand sich geschmeidig seinem Griff.

»Wo ist Isa?« fragte er.

»Schon zu Bett.«

»Dann will ich noch schnell einmal zu ihr gehen.«

»Bitte nicht. Wir haben einen Stadtbummel gemacht, sie ist todmüde.«

»Na schön.« Arno Vogel ließ sich in einen Sessel sinken, streckte die Beine aus und sagte: »Eine blendende Idee von dir, den Kamin anzuzünden. Ich spüre den Herbst in allen Knochen.«

Regine stellte eine kleine Platte mit belegten Broten und Sektgläser auf den Tisch. »Einen Augenblick«, sagte sie, »ich komm’ gleich zurück.« Und dann erschien sie mit einer Sektflasche, die sie in eine Serviette gehüllt hatte. »Bitte, mach du die Flasche auf. Das fällt in dein Ressort.«

Er sah sie fragend an. »Nanu, Sekt an einem Donnerstag? Hast du einen besondern Anlaß?«

»Überhaupt nicht«, sagte sie rasch. »Warum soll man nicht einmal feiern, ohne einen Anlaß zu haben?«

Er loste den Draht vom Pfropfen. »Mach mir nichts vor. Du führst etwas im Schilde. Immer, wenn du so unschuldige Augen machst …«

Sie lachte, aber es war ein Lachen, das ihm nicht gefiel.

»Du hast ganz recht, mein Frauenkenner«, antwortete sie dann. »Tatsächlich, ich möchte, daß du heute besonders galant bist.«

Er schenkte den Sekt ein. »Bin ich das nicht immer?« fragte er.

Sie setzte sich auf einen niedrigen Hocker am Kamin, zog ihre langen, schlanken Beine an sich und rührte nachdenklich mit einem roten Quirl in ihrem Glas. Nach einer langen Pause sagte sie, schräg zu ihm aufblickend: »In der letzten Zeit habe ich mich oft gefragt, warum ich dich überhaupt geheiratet habe.«

Er setzte sein Glas hart auf den Tisch. »Regine!« sagte er betroffen.

»Ja, Arno, du bist seit einigen Wochen sehr verändert.«

»Ich hatte Sorgen …«

»Ich weiß. Aber auf die Dauer …«

»Regine, hör mich einmal an. Es wird sich verschiedenes bei uns ändern. Ich habe das Nötige in die Wege geleitet. Warte noch ein paar Tage. Dann wirst du sehen.«

»Verschiedenes ändern?« fragte sie beunruhigt. »Was heißt das?«

»Mach dir keine Sorgen. Ich erzähle es dir, sobald es soweit ist. Du wirst sehr einverstanden sein.«

»Gut.« Sie beugte sich vor, legte ihre Hand auf sein Knie und lächelte ihn an. »Ich brauche deine gute Laune, vielleicht nur für kurze Zeit, aber jetzt gleich. Es ist sehr wichtig für mich.«

Er streichelte ihre Hand. »Was hast du denn auf dem Herzen?«

Sie nahm ihr Sektglas, nippte daran und sah ihn über den Kelch hinweg an. »Du kennst doch meine Freundin Elisabeth, die den Schauspieler geheiratet hat. Nun ist das so: der Schauspieler hat einen Freund und dessen Freundin … Aber das ist ja ganz egal. Beim Zoll liegt eine Ladung wunderbarer Perserteppiche, die der Importeur nicht auslösen kann, weil er nicht flüssig ist. Und darum versucht er, sie loszuschlagen. Für ein Spottgeld. Arno, glaub mir, es ist kein Schwindel dabei. Wir kriegen ihn für weniger als die Hälfte vom Ladenpreis. Du weißt doch, wie gern ich für dieses Zimmer einen richtigen, echten Perser hätte. Und sieh dir doch unseren Teppich hier an, wie schäbig der ist, und echt war er nie. Bitte, sag nicht nein, Arno.«

Arno Vogel wischte sich mit der Hand über die Stirn und zwang sich zu einem Lächeln. »Alles in Ordnung, Liebling.«

Sie sprang auf. »Kaufen wir den Teppich?«

Er streckte die Hand aus und zog Regine zu sich heran. »Ja, Liebling, ich verspreche es dir. Nur bitte … nicht morgen. Denn morgen geht es noch nicht. Aber ich verspreche dir, der Teppich wird das erste sein, was du bekommst, sobald unsere Verhältnisse neu geregelt sind.«

Sie schmiegte sich eng an ihn, rieb ihre Wange an seinem Jackett. »Aber, Arno, dann ist vielleicht die gute Gelegenheit vorbei. Dann kriegen wir ihn vielleicht nicht mehr für die Hälfte. Und was heißt das übrigens: Wenn unsere Verhältnisse neu geregelt sind?«

»Regine, ich bitte dich, höre mich in Ruhe an. Ich habe meine Stellung in der Klinik gekündigt.«

»Gekündigt?« fragte sie verständnislos. »Was soll das heißen?«

»Ich habe in der Klinik gekündigt«, wiederholte er. »Daher habe ich Sorgen, deshalb müssen unsere Verhältnisse neu geordnet werden. Daher mußt du auf deinen Teppich ein paar Monate warten.«

Ihr Gesicht wurde blaß. »Das ist doch nicht wahr«, sagte sie leise, »du willst mich nur erschrecken.«

Er antwortete nicht, blickte sie nur an. Sie begriff, daß er die Wahrheit gesagt hatte.

»Aber warum?« fragte Regine langsam. »Warum denn nur?«

»Ich konnte es nicht mehr aushalten. Es kam eins zum anderen. Glaube nicht, daß es mir leichtgefallen ist, aber ich hatte keine Wahl mehr.«

»Und was sollen wir tun?«

»Ich mache eine Privatpraxis auf. Du wirst sehen, bald verdienen wir mehr als in der Klinik.«

Sie stand auf. »Könntest du mir nicht etwas genauer sagen, was der Grund für deinen plötzlichen Entschluß ist?« fragte sie. Ihre Stimme klang herausfordernd.

»Ich habe es dir gesagt. Ich habe die Intrigenwirtschaft satt.«

Regine nahm sich eine Zigarette und zündete sie an. Dann ging sie langsam im Zimmer hin und her. »Soll das heißen, daß du auch Schwester Marina satt hast? Oder ist es vielleicht so, daß du gehst, weil Schwester Marina gehen muß?«

»Regine!« rief er.

»Jawohl. Du bist wohl erstaunt, daß ich so gut informiert bin. Aber ohne Schwester Marina macht dir die Arbeit keinen Spaß mehr. Was wäre das für ein Leben ohne die liebe vorbestrafte Schwester Marina!«

»Regine, nimm doch Vernunft an!«

Sie blieb vor ihm stehen. »Was bedeutet demgegenüber die kleine, langweilige Ehefrau? Was kann ich dir denn sein im Vergleich zu so einem Juwel? Auf mich brauchst du doch nicht Rücksicht zu nehmen. Wir sind ja verheiratet. Aber wenn die Schwester Marina ihre Stellung verlassen muß … ja dann müssen wir natürlich unsere Verhältnisse neu ordnen. Ich muß ja froh und glücklich sein, daß Schwester Marina mir erlaubt, weiter deine Ehefrau zu bleiben.«

Er sprang auf. »Regine, du weißt nicht, was du sprichst!«

»Oder hast du deiner sauberen Schwester Marina etwa schon die Ehe versprochen? Sie ist dir doch unentbehrlich. Du liebst sie doch. Gib es doch zu, sei doch nicht so feige!«

Arno Vogel blickte schweigend seine Frau an. Dann schüttelte er den Kopf. »Soll ich dir wirklich auf diesen Haßausbruch etwas antworten?«

»Nein«, schrie sie unbeherrscht, »das ist nicht mehr nötig.«

Und dann nahm sie mit einer wilden Bewegung ihr Glas und schüttete ihm den Sekt ins Gesicht.

Weinend lief sie aus dem Zimmer.

5

Dr. Vogel hatte eine kleine Wohnung im Stadtzentrum gemietet und darin seine Privatpraxis eröffnet.

Die Anschaffung medizinischer Geräte und die Ausstattung der Praxis hatten soviel gekostet, daß er mit seinen Ersparnissen nicht ausgekommen war. Er mußte einen Bankkredit aufnehmen und hohe Zinsen zahlen.

Regine mußte sich einschränken. Sie tat es mit ständigem, unausgesprochenem Vorwurf. Von dem Perserteppich war nicht mehr die Rede …

Stumm und verbissen stand Marina ihrem Chef zur Seite. Sie litt unter der Situation.

Seit ihr Verlobter Herbert mit ihr gebrochen hatte, war Marina sehr einsam. Und Arno Vogel sprach kaum ein privates Wort mit ihr. Es schien, als sähe er in ihr einen gut funktionierenden Roboter, der ihm alle Kleinarbeit abnahm. Wenn ein schwerer Arbeitstag vorüber war, dann sehnte sie sich manchmal nach einem freundlichen Wort der Anerkennung.

Es wurde nie gesprochen …

Regine genoß die unerquickliche Situation mit einer bösen Freude. Sie empfand beinahe so etwas wie Genugtuung, als sie bemerkte, daß in der ersten Zeit die Einkünfte unter dem Notwendigsten lagen. Ihr Haß gegen die Schwester Marina war so stark, daß sie ohne Bedauern zusah, wie sich ihr Mann erfolglos mit seiner Arbeit abquälte.

Eines Tages erschien Leonie Beeringer, die Gattin eines der bekanntesten Architekten der Stadt, bei Dr. Vogel. Sie hatte ihr achtjähriges Mädchen Anita bei sich. Das Kind machte einen vergnügten und gesunden Eindruck.

Zur Überraschung des Arztes erklärte jedoch Frau Beeringer entschieden: »Anita ist schwer krank. Sie hat einen schrecklichen Keuchhusten. Ach, Herr Doktor, helfen Sie ihr! Diese Anfälle sind entsetzlich!«

»Keuchhusten?« Dr. Vogel musterte das Kind aufmerksam »Seit wann denn?«

»Seit fünf Monaten.«

»Aber das ist doch ausgeschlossen. Seit fünf Monaten schon? Und da gehen Sie erst jetzt zum Arzt?«

»Natürlich nicht.« Frau Beeringer spielte nervös mit ihren Handschuhen. »Ich war schon bei zwei Ärzten. Aber die Medikamente, die die Herren verschrieben haben, nutzten nicht viel. Bitte, Herr Doktor Vogel, untersuchen Sie Anita doch noch einmal gründlich! Ich fürchte immer …«

Frau Beeringer dämpfte ihre Stimme, warf einen Blick auf ihre Tochter, die zum Fenster hinaussah, »… Anita hat es an der Lunge.«

»Bitte, schreiben Sie mir doch die Namen der beiden Ärzte auf.«

»Muß das sein?« fragte Frau Beeringer zögernd.

Dr. Vogel lächelte. »Ich wäre Ihnen dankbar, gnädige Frau. Es ist durchaus üblich, daß wir Kollegen freimütig über so etwas sprechen.« Er reichte ihr einen Zettel, und Frau Beeringer schrieb: Dr. Kleiber und Dr. Biswanger.

»Ist Anita geröntgt worden?« fragte Dr. Vogel.

»Ja, schon zweimal.«

»Sehr schön.«

Dr. Vogel klingelte, und als Marina erschien, sagte er: »Bitte, nehmen Sie doch unsere kleine Patientin mit und geben Sie ihr Papier und Buntstifte, damit sie sich eine Weile beschäftigen kann. Ich habe mit ihrer Mutter noch zu sprechen.«

Anita nahm willig die Hand der Krankenschwester und ging mit ihr hinaus.

Dr. Vogel ließ sich von Frau Beeringer Anitas Geschichte erzählen: »Sie hatte einen fünfjährigen Bruder, den sie abwechselnd mit Zärtlichkeiten und mit Püffen bedachte. Aber Anita liebte ihr Brüderchen sehr …«, sagte Frau Beeringer. »Sie hatte sogar geweint, als Thomas wegen des Keuchhustens der Schwester aus dem gemeinsamen Kinderzimmer ausquartiert wurde.«

»Hustet Anita auch nachts?« fragte Dr. Vogel.

»Ja, das heißt, ich weiß nicht, ich glaube, in letzter Zeit nicht mehr.«

»Hustet sie in regelmäßigen Abständen? Oder nur bei bestimmten Gelegenheiten?«

Frau Beeringer dachte nach. »Immer, wenn sie sich aufregt«, sagte sie dann.

»Vielleicht auch, wenn ihr ein Wunsch versagt wird? Oder wenn sie auf ihr Brüderchen aufpassen soll?«

»Ja, tatsächlich. Woher wissen Sie das?«

Dr. Arno Vogel lächelte. »Also, Frau Beeringer, machen Sie sich keine Sorgen. Kommen Sie doch bitte in ein paar Tagen wieder her, dann kann ich Ihnen bestimmten Bescheid geben.«

Als die Mutter mit ihrem Kind gegangen war, ließ sich Dr. Vogel von Schwester Marina die Kritzeleien zeigen, die das Mädchen gemacht hatte. Darunter war ein großes grünes Krokodil, das einen kleinen Jungen fraß.

Dr. Vogel lachte. »So ein Biest«, sagte er. »Wir werden ihren Keuchhusten bald kuriert haben.«

Nach ein paar Tagen saß Frau Beeringer wieder bei ihm. »Alles in bester Ordnung«, sagte Dr. Vogel. »Ihre Tochter ist völlig gesund. Natürlich hat Anita einmal Keuchhusten gehabt. Aber der ist längst vorbei. Was sie jetzt hat, ist eine vor allem unter Frauen weit verbreitete Krankheit: Eifersucht. Anita ist eifersüchtig auf ihren kleinen Bruder. Ihre Krankheit gab ihr Gelegenheit, sich in den Mittelpunkt der Familie zu spielen. Diese bevorzugte Stellung will sie behalten. Und deshalb hustet sie bei jeder passenden Gelegenheit.«

»Meinen Sie, daß Anita simuliert?«

»Nicht bewußt. Aber wenn ihr irgend etwas nicht paßt, dann fällt ihr der Husten ein, und schon geht es los. Hören Sie auf, sie zu verwöhnen, achten Sie überhaupt nicht mehr auf ihren Husten. Sprechen Sie nie mehr von ihrer Krankheit.«

Nach ein paar Wochen rief eine glückselige Mutter bei Dr. Vogel an. »Lieber Herr Doktor!« rief sie ins Telefon. »Einfach fantastisch. Alles ist so, wie Sie gesagt haben. Anita hustet nicht mehr. Wir sind Ihnen sehr zu Dank verpflichtet.«

Und jetzt kam der Umschwung. Die Tüchtigkeit, die Zuverlässigkeit, das große Können des Kinderarztes sprachen sich in der Stadt herum.

Plötzlich, beinahe von einem Tag zum anderen, setzte der Ansturm der Patienten ein. Die Praxis ging glänzend.

Regine, weit davon entfernt, sich über diese Entwicklung zu freuen, lebte nur noch ihrem Haß gegen Schwester Marina. Sie spürte manchmal selbst, daß dieser Haß krankhaft war. Aber sie konnte nichts dagegen tun. Immer wieder rief sie von zu Hause die Praxis an, ohne zu wissen, warum.

Immer wieder meldete sich die ruhige, leise Stimme von Schwester Marina am Telefon. Immer wieder hängte Regine rasch ein, ohne ein Wort gesagt zu haben, beschämt und verwirrt.

Wenn ihr Mann abends nicht zur normalen Essenszeit zu Hause war, dann sah sie in Gedanken Schwester Marina in seinen Armen liegen. Sie hörte ihn leidenschaftliche Worte sagen, die sie selbst von ihm seit langem vermißte.

Sie brachte die kleine Isa ins Bett, holte ihren Wagen aus der Garage und fuhr in die Stadt. In einer Seitenstraße gegenüber dem Haus, in dem ihr Mann die Praxis hatte, wartete sie. Sie wartete, bis oben das Licht ausging und nach ein paar Minuten ihr Mann mit Schwester Marina das Haus verließ. Oft brachte er Marina im Wagen nach Hause.

Regine beobachtete mit Genugtuung, daß er seinen Platz am Steuer nicht verließ, wenn sie ausstieg. Er gab Marina auch nicht die Hand zum Abschied.

Und dann raste Regine nach Hause, um noch vor ihm da zu sein. Eines Tages sagte er beim Mittagessen beiläufig — wie ihr schien allzu beiläufig: »Heute abend müssen wir die Abrechnung für die Krankenkasse fertigmachen. Es kann spät werden. Du brauchst nicht auf mich zu warten. Stell mir doch eine Kleinigkeit in den Eisschrank. Das genügt vollkommen.«

Sie fragte mit gepreßter Stimme: »Kann ich dir vielleicht dabei helfen?«

»Nein, danke, nicht nötig.« Seine Absage kam sehr schnell, er merkte es wohl selbst, denn er fügte in verändertem Ton hinzu: »Sehr lieb von dir, Regine, aber ich denke, wir schaffen es auch allein.«

An diesem Abend wartete sie wieder in ihrem kleinen Wagen in der Seitengasse. Es wurde acht Uhr, neun Uhr, zehn Uhr. Immer noch brannte Licht in den Räumen der Praxis.

Endlich verlöschte es. Die beiden stiegen in den Wagen des Arztes und fuhren davon.

Regine bemerkte sofort, daß ihr Mann nicht den üblichen Weg zur Wohnung der Krankenschwester nahm.

Sie fuhr ihnen nach. In der Altstadt verlangsamte Arno Vogel die Fahrt. Er scherte in einen Parkplatz ein.

Regine blieb nichts anderes übrig, als langsam weiterzufahren.

Die beiden waren so miteinander beschäftigt, daß sie dem kleinen Wagen keine Aufmerksamkeit schenkten.

Regine hielt ihren Wagen irgendwo an und lief zu dem Haus zurück, in dem ihr Mann und die Krankenschwester gerade verschwanden. Im Erdgeschoß befand sich ein Weinlokal …

Regine ging von einem Fenster zum anderen, doch alle waren verhangen. Da öffnete sie entschlossen die Tür einen Spaltbreit. Und jetzt sah sie endlich das, wonach sie in ihrer haßerfüllten Eifersucht so lange gesucht hatte: An einem Ecktisch saßen ihr Mann und Schwester Marina. Er hatte die Speisekarte in der Hand und lächelte Marina zu.

Regine schloß die Tür. Sie lehnte sich gegen die rauhe Steinwand. Das Blut pochte ihr in den Schläfen.

Es war Mitternacht, als Arno Vogel nach Hause kam.

Leise schloß er die Haustür auf. In der Diele bemerkte er, daß noch Licht im Wohnzimmer brannte. Erstaunt trat er ein.

Regine kauerte in einem Sessel. Sie trug einen seidenen Hausanzug. Langsam stand sie auf.

»Du hast auf mich gewartet?« fragte er ungläubig.

Jetzt erst sah er die Schatten unter ihren Augen, den verkniffenen Mund.

»Was ist los mit dir?« fuhr er fort. »Fühlst du dich nicht wohl?«

Regine strich sich mit der Hand über die Stirn. »Nur ein wenig müde«, antwortete sie.

»Kindchen, du hättest nicht auf mich warten sollen. Ich hab’ dir doch gesagt, daß …«

»Ich weiß genau, was du mir gesagt hast«, unterbrach sie ihn. Freundlicher fuhr sie fort: »Du hast sicher Hunger. Ich hab’ dir eine Kleinigkeit zurechtgemacht. Ich hole es gleich.« Sie wollte an ihm vorbeigehen.

Er hielt sie fest. »Das ist wirklich nicht nötig, Regine«, sagte er. »Mach doch nicht solche Umstände. Du siehst ja todmüde aus. Leg dich schlafen.«

Sie entzog sich seiner Umarmung. »Vielen Dank für deine Fürsorge, aber du mußt erst etwas essen.«

»Das ist doch gar nicht wichtig, und außerdem habe ich keinen Hunger.«

»Keinen Hunger? Hast du denn schon gegessen?«

Dr. Vogel wollte gerade mit »Ja« antworten, als er ein Flackern in ihren Augen bemerkte, jenes verdächtige Flackern, das er so gut kannte.

Er zog sie wieder an sich. »Komm, Regine, sei doch vernünftig. Was hast du denn wieder? Natürlich habe ich noch nicht gegessen.«

Mit einem Ruck riß sie sich von ihm los und schlug ihm mit der rechten Hand mehrmals ins Gesicht. »Du Lügner!« schrie sie. »Du infamer Lügner!«

Arno Vogel stand wie erstarrt vor ihr mit herabhängenden Armen.

Er fühlte sich wie gelähmt.

Zitternd vor Wut schrie seine Frau: »Ich hasse dich! Oh, wie ich dich hasse!«

»Regine«, sagte er leise. »Was ist mit dir geschehen? Ich verstehe dich überhaupt nicht.«

Sie lachte ein lautes, böses, unnatürliches Lachen. Und dieses Lachen schmerzte Arno mehr als die Schläge.

Regine lief zur Couch, warf sich auf die Kissen. Ihr schmaler Körper wurde von Schluchzen geschüttelt. »Du kommst aus den Armen deiner Geliebten zu mir«, stammelte sie.

Und dann setzte sie sich auf, um die Wirkung ihrer Worte zu beobachten. Aber Arno sah sie nur schweigend an.

»Leugne nicht! Ich glaube dir kein Wort mehr. Ich habe dich beim Lügen ertappt. Ich habe dich mit deinem Liebchen zusammen beobachtet!«

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
270 str. 1 ilustracja
ISBN:
9788711718988
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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