Czytaj książkę: «Der Spiegel der einfachen Seelen»

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Über den Autor
Über den Autor

Dr. Bruno Kern, geboren 1958, studierte Theologie und Philosophie in Wien, Fribourg und München; er lebt zurzeit in Mainz und arbeitet als selbstständiger Lektor und Übersetzer. Für den marixverlag übersetzte er die Lieder der Hildegard von Bingen und verfasste einen Band über „Die bedeutendsten Grabreden“.

Zum Buch
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Am 1. Juni 1310 wird Marguerite Porete mitten in Paris bei lebendigem Leib verbrannt – zusammen mit ihrem Buch, das die heilige Inquisition in Aufruhr versetzt hatte. Was war so gefährlich an der Schrift dieser frommen Begine? Den religiösen Zwängen ihrer Zeit setzt Marguerite Porete eine schier unerhörte Mystik der Freiheit entgegen! Der von Gottes Liebe ganz durchdrungene Mensch braucht sich weder um Tugenden noch um Bußübungen, Messen, Predigten usw. zu kümmern! Der Atem der Freiheit durchdringt dieses Buch, und so manche kühne These der Reformation nimmt Marguerite Porete wörtlich vorweg.

Der grausame Feuertod der nordfranzösischen Begine konnte nicht verhindern, dass „Der Spiegel der einfachen Seelen“ über Jahrhunderte hinweg ein Bestseller wurde. In mehreren Sprachen fand er anonym in ganz Europa Verbreitung und übte einen kaum zu überschätzenden Einfluss auf das religiöse Denken weit über ihre Zeit hinaus aus. Meister Eckhart etwa ist erkennbar von diesem Buch inspiriert. Erst im 20. Jahrhundert gelang der Forschung der Nachweis, dass Marguerite Porete die Autorin dieses Buches ist. Eines der bedeutendsten Werke der Frauenmystik des Mittelalters liegt nun in einer neuen deutschen Übersetzung vor. Für alle an der Geschichte des Mittelalters, an der abendländischen Mystik, an der Befreiungsgeschichte der Frau Interessierten ist dieses einzigartige Werk nun neu erschlossen.

Haupttitel
Marguerite Porete
Der Spiegel der einfachen Seelen

Mystik der Freiheit

Aus dem Altfranzösischen neu übersetzt von Bruno Kern

Impressum


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2012 Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH Bildnachweis: mauritius images GmbH, Mittenwald Lektorat: Dietmar Urmes, Bottrop eBook-Bearbeitung: Medienservice Feiß, Burgwitz Gesetzt in der Palatino Ind Uni – untersteht der GPL v2 ISBN: 978-3-8438-0193-5 www.marixverlag.de

Inhalt

Über den Autor

Zum Buch

Marguerite Porete – Mystik der Freiheit

Literatur

1.

Prolog: Die von Gott berührte und im ersten Gnadenstand von der Sünde befreite Seele ist durch die Gnade Gottes in den siebenten Stand aufgestiegen. Das ist jener Zustand, in dem die Seele im Land des Lebens ihre höchste Vollkommenheit erlangt hat und in göttlicher Weise genießt

2.

Was die Liebe vorhat und warum sie dieses Buch niederschreiben ließ

3.

Hier spricht die Liebe über die Gebote der Heiligen Kirche

4.

Über die erhabene Tugend der Nächstenliebe und wie sie einzig und allein der Liebe gehorcht

5.

Über das Leben, das man den Frieden der Nächstenliebe in zunichte gewordenem Leben nennt

6.

Wie die in Gott verliebte Seele, die im Frieden und in der Nächstenliebe lebt, Abschied nimmt von den Tugenden

7.

Inwiefern diese Seele edel ist und warum sie sich aus nichts etwas macht

8.

Wie die Vernunft darüber verwundert ist, dass diese Seele von den Tugenden abgelassen hat, und wie die Tugenden von der Liebe gelobt werden

9.

Inwiefern solche Seelen überhaupt keinen Willen mehr haben

10.

Wie die Liebe auf Verlangen der Vernunft dieser Seele zwölf Namen gibt, und zwar in Bezug auf den Stand der Tätigen

11.

Wie die Liebe auf den Wunsch der Vernunft hin die Menschen des kontemplativen Lebens über diese Seele unterrichtet; sie erläutert dabei neun Punkte, die schon erwähnt wurden

12.

Über das rechte Verständnis dessen, was an manchen Stellen dieses Buches über die zunichte gewordene Seele geschrieben steht, die überhaupt keinen Willen mehr hat

13.

Inwiefern die Vernunft mit obiger Erklärung des Sachverhalts für die Kontemplativen und die Tätigen zufrieden ist. Sie verlangt jedoch noch eine Erklärung in Bezug auf die gewöhnlichen Leute15

14.

In welcher Weise die Seele durch den Glauben von Gott weiß

15.

Hier spricht sie vom heiligen Sakrament des Altares

16.

Hier antwortet die Liebe der Vernunft; es geht dabei um die Behauptung der Liebe, die Seele wisse alles und zugleich nichts

17.

Hier antwortet die Liebe der Vernunft; es geht dabei um die Behauptung der Liebe, diese Seelen gestehen der Natur das zu, was diese begehrt

18.

Inwiefern solche Menschen sich nicht mehr darauf verstehen, von Gott zu sprechen

19.

Wie Glaube, Hoffnung und Nächstenliebe20 über solche Seelen von der Liebe etwas erfahren wollen

20.

Die Liebe antwortet der Vernunft in Bezug auf ihre Behauptung, niemand außer Gott kenne diese Seelen

21.

Die Liebe antwortet auf das Argument der Vernunft, dieses Buch sage, dass solche Seelen die Tugenden hinter sich ließen

22.

Wie diese Seele mit dem Adler verglichen werden kann und wie sie die Natur hinter sich lässt

23.

Inwiefern diese Seele zwei Stützen hat und inwiefern sie trunken ist von dem, was sie niemals trank

24.

Wann solche Seelen in der rechten Freiheit der reinen Liebe sind

25.

Die Vernunft fragt die Liebe, ob solche Seelen denn keine Freude in sich empfänden

26.

Inwiefern diese Seele nichts liebt, es sei denn um der Liebe Gottes willen

27.

Warum die Betrachtung der reinen Liebe nur einer einzigen Absicht dient

28.

Wie diese Seele ins Meer der Freude eintaucht

29.

Die Vernunft fragt die Liebe, wann diese Seele in der reinen Freiheit der Liebe ist

30.

Wie die Vernunft der Liebe sagt, sie möge diese Seele satt machen, indem sie von Gott all das sagt, was man von ihm reden und sagen kann

31.

Wie die Liebe die Seele darüber beruhigt, dass die Seele ihrem Bräutigam alles gegeben hat, was sie besaß

32.

Wie die Liebe solche Seelen in ihren Sinnen fortbestehen lässt

33.

Die Seele gerät in Verzückung, wenn sie an die Gaben der Güte Gottes denkt

34.

Wie die Seele sagt, dass sie aus sich heraus nichts vermag

35.

Wie diese Seele gegen die Vernunft argumentiert und sagt, dass sie von Gott ohne Anfang geliebt wird

36.

Inwiefern die Seele frei und der Unterwerfung unter die Vernunft entbunden ist

37.

Hier sagt die Seele, dass im Paradies zu ihrer großen Ehre ihre Sünden offenbar würden

38.

Wie die Seele die Vornehmheit der Liebe anerkennt, indem sie ihre [eigene] Armut in vollkommener Weise anerkennt

39.

Wie die Vernunft dieser Seele dienen und ihr angehören will

40.

Wie und warum die Liebe diese Seele über die Maßen weise nennt

41.

Wie die Seele keinerlei Unbehagen wegen der Sünde verspürt, aber auch keine Hoffnung aufgrund des Guten, das sie jemals getan hat

42.

Wie der Heilige Geist lehrt, was eine solche Seele weiß, was sie will und was sie hat

43.

Inwiefern solche Seelen Heilige Kirche genannt werden und was die Heilige Kirche über sie sagen kann

44.

Welchen Lebenswandel die Seele hat, die sich nach Liebe sehnt, und wo sich die Seele befindet, die aus Liebe gestorben ist

45.

Wie jene, die überhaupt keinen Willen mehr haben, in der Freiheit der Nächstenliebe leben

46.

Auf welche Weise die Seele die Kenntnis des Mehr hat, weil sie ihrer Meinung nach von Gott im Vergleich zu dessen Mehr nichts erkannt hat

47.

Wie die Seele zur Erkenntnis ihres Nichts gelangte

48.

Inwiefern diejenige Seele niemals frei ist, die wünscht, dass sich der Wille Gottes zur eigenen Ehre erfülle

49.

Inwiefern eine solche Seele, die überhaupt keinen Willen hat, edel ist

50.

Wie diese Seele in Gott eingeprägt ist, so wie das Wachs durch ein Siegel geprägt ist

51.

Inwiefern diese Seele der Gottheit ähnlich ist

52.

Wie die Liebe diese Seele lobt und wie diese in der überbordenden Fülle der göttlichen Liebe bleibt

53.

Wie die Vernunft zu oben Gesagtem eine Erläuterung verlangt

54.

Die Vernunft fragt, wie viele Tode die Seele sterben muss, um dieses Buch verstehen zu können

55.

Wie die Liebe auf die Fragen der Vernunft antwortet

56.

Wie die Tugenden sich darüber beklagen, dass die Liebe ihnen zu wenig Ehre erweise

57.

Über diejenigen, die im Zustand der Verirrten sind, und inwiefern sie Knechte und Kaufleute sind

58.

Wie die zunichte gewordenen Seelen auf der fünften Stufe bei ihrem Freund sind

59.

Wovon diese Seele gelebt hat und wie und wann sie ohne sich selbst ist

60.

Inwiefern man drei Tode sterben muss, bevor man zum freien, zunichte gewordenen Leben gelangt

61.

Hier spricht die Liebe über die sieben Zustände der Seele

62.

Von denen, die der Todsünde abgestorben und im Leben der Gnade geboren sind

63.

Wie die Liebe jene als gemein bezeichnet, denen es genügt, gerettet zu werden

64.

Hier spricht sie von den Seelen, die dem Leben des Geistes abgestorben sind

65.

Hier spricht sie von denen, die sich auf dem hohen Berg, über den Winden, niedergelassen haben

66.

Inwiefern die Seele froh darüber ist, dass sie die Vernunft und die anderen Tugenden hinter sich gelassen hat

67.

Hier spricht sie vom Land, in dem die Seele ihre Bleibe hat, und von der Dreieinigkeit

68.

Wie diese Seele durch das göttliche Werk der Dreieinigkeit verbunden ist und wie sie diejenigen, die nach dem Rat der Vernunft leben, Esel nennt

69.

Die Seele sagt, der Tugendwandel ist nichts als Sorge und Plage

70.

Inwiefern eine solche Seele durch die Gnade Gottes ist, was sie ist

71.

Inwiefern diese Seele kein Werk mehr für Gott, für sich selbst und für den Nächsten tut

72.

Hier spricht sie von der Entfernung zwischen dem Land der Zugrundegegangenen und Verirrten und dem Land der Befreiten, und sie sagt, warum die Seele einen Willen hat

73.

Wie der Geist sterben muss, damit er seinen Willen verliert

74.

Warum die Liebe dieser Seele einen so geringen Namen wie »Seele« verleiht

75.

Wie die erleuchtete Seele das Verständnis des oben Gesagten erschließt, indem sie das Beispiel der Verklärung Jesu Christi anführt

76.

Hier zeigt sie am Beispiel Magdalenas und der Heiligen, dass die Seele sich ihrer Sünden überhaupt nicht schämt

77.

Hier fragt die Seele, ob Gott den Gaben seiner Güte ein Ende oder eine Grenze gesetzt habe

78.

Wie jene, die den Lehren der Vollkommenheit nicht gefolgt sind, von sich selbst beladen bleiben bis zum Tod

79.

Wie die freie Seele dazu rät, dass man die Bitten des guten Geistes niemals zurückweisen möge

80.

Wie die Seele singt und sich wieder zurücknimmt

81.

Wie diese Seele sich weder um sich selbst, noch um den Nächsten, ja selbst um Gott nicht kümmert

82.

Wie diese Seele nach allen ihren vier Seiten hin frei ist

83.

Wie diese Seele ihren Namen von der Verwandlung hat, in welcher die Liebe sie verwandelt

84.

Wie die freie Seele von ihren vier Seiten her zur Souveränität aufsteigt und frei aus göttlichem Leben lebt

85.

Wie diese Seele frei, noch freier und sehr frei ist

86.

Wie die Vernunft erstaunt ist über das, was diese Seele gesagt hat

87.

Wie diese Seele die Herrin der Tugenden und die Tochter der Gottheit ist

88.

Wie die Liebe das fragt, was die Vernunft fragen würde, wäre sie noch am Leben, nämlich: Wer ist die Mutter der Vernunft und der anderen Tugenden?

89.

Wie diese Seele alles dahingegeben hat aufgrund der Freiheit des Adels

90.

Wie man zur Vollkommenheit gelangen kann, um das Gegenteil seines Willens zu tun

91.

Wie der Wille dieser Seelen der Wille der Liebe ist, und warum dies so ist

92.

Wie sich die Seele von Gott, von sich selbst und von ihrem Nächsten frei macht

93.

Hier spricht sie über den Frieden aus göttlichem Leben

94.

Vom Sprechen über das göttliche Leben

95.

Wie das Land der Verirrten weit entfernt ist vom Land derer, die zunichte geworden sind

96.

Hier spricht die Seele zur Dreieinigkeit

97.

Inwiefern das Paradies nichts anderes ist als die Schau Gottes

98.

Die Vernunft fragt, was jene tun, deren Seinszustand ihre Gedanken übersteigt

99.

Wie solche Leute, die in einem solchen Seinszustand sind, über alle Dinge souverän verfügen

100.

Inwiefern ein großer Unterschied zwischen den verschiedenen Engeln besteht

101.

Inwiefern diese Seele nichts tun will und ihr auch nichts fehlt – nicht mehr als ihrem Freund

102.

Hier zeigt das Fassungsvermögen der zunichte gewordenen Seele, was es heißt, wenn die Bosheit den Sieg über die Güte erringt

103.

Hier zeigt sie auf, was es heißt, dass der Gerechte siebenmal am Tage fällt

104.

Hier sagt die Seele, wie ihr Gott ihren freien Willen gegeben hat

105.

Was es heißt, dass der Gerechte siebenmal am Tage fällt

106.

Wie die Seele die Summe all ihrer Bitten zur Sprache bringt

107.

Hier beginnen die Bitten der Seele

108.

Eine schöne Betrachtung, um die Sünde zu vermeiden

109.

Wie die Seele darüber erstaunt ist, dass sie für ihre Verfehlungen nicht hinreichend Genugtuung leisten kann

110.

Inwiefern die Kunst63 im Menschen eine erhabene Fähigkeit ist, die zur Substanz der Seele gehört

111.

Der Unterscheid zwischen der Salbung des Friedens und dem Krieg, den Tadel oder Gewissensbisse verursachen

112.

Über die unvergängliche Güte, welche unvergängliche Liebe ist

113.

An das Leiden Jesu Christi zu denken lässt uns den Sieg über uns selbst erringen

114.

Ob der Mensch am Leben bleiben und dennoch ohne sich sein kann

115.

Hier spricht sie von der dauerhaften Substanz und davon, wie die Liebe in der Seele die Dreieinigkeit hervorbringt67

116.

Wie die Seele sich über die Beschwernisse ihrer Nächsten freut

117.

Wie diese Seele zeigt, dass sie ein Vorbild für das Heil aller Menschen ist

118.

Über die sieben Stufen der frommen Seele, die man anders auch Seinszustände nennt

Der erste Seinszustand

Der zweite Seinszustand

Der dritte Seinszustand

Der vierte Seinszustand

Der fünfte Seinszustand

Der sechste Seinszustand

119.

Wie sich die Seele, die dieses Buch schreiben ließ, dafür entschuldigt, dass sie dieses Buch so lang an Worten geraten ließ, was jedoch den Seelen, die im Nichts verbleiben und aus Liebe in diesen Seinszustand gefallen sind, wenig und kurz erscheint

120.

Wie die Wahrheit solche Seelen lobt

121.

Die Heilige Kirche lobt diese Seele

122.

Hier beginnt die Seele ihr Lied

123.

Die erste Betrachtung handelt von den Aposteln

124.

Die zweite Betrachtung handelt von Maria Magdalena

125.

Die dritte Betrachtung handelt vom heiligen Johannes dem Täufer

126.

Die vierte Betrachtung handelt von der Jungfrau Maria

127.

Die fünfte Betrachtung handelt davon, wie die göttliche Natur mit der menschlichen Natur in der Person des Sohnes verbunden wird

128.

Die sechste Betrachtung handelt davon, wie die Menschheit des Sohnes für uns gequält wurde

129.

Die siebente Betrachtung handelt von den Serafim und wie sie dem göttlichen Willen verbunden sind

130.

Hier spricht die Seele über drei schöne Betrachtungen und Überlegungen und wie sie von der göttlichen Macht, Weisheit und Güte nichts erkennt als nur so viel, als sie von ihrer eigenen Schwachheit, Dummheit und Schlechtigkeit erkennt

131.

Hier sagt die Seele, dass sie nichts als den Willen Gottes will

Antwort auf die drei oben gestellten Fragen

132.

Wie Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Liebe in die Seele kommen, sobald sie aus ihrer Kindheit herausgetreten ist

133.

Hier sagt die Seele, dass die oben geschilderten Betrachtungen für die Verirrten sind, und sie zeigt auf, wer diese Verirrten sind und inwiefern diese Betrachtungen zum Leben des Geistes gehören

134.

Inwiefern die Seele dann in der Vollkommenheit des Seins ist, wenn die Kirche ihr Leben nicht zum Vorbild nehmen kann

135.

Wie jene getäuscht wurden, die sich damit begnügten, sich an die Zuneigung des Lebens des Geistes zu halten

136.

Inwiefern der zunichte gewordenen Seele jedes Werk untersagt ist

137.

Wie die Seele Professschwester81 im gottgeweihten Leben ist und wie sie sich gut an ihre Regel gehalten hat

138.

Wie die Seele zu ihrem ersten Seinszustand zurückkehrt

139.

Inwiefern die Natur in verschiedener Hinsicht voll heimlicher Tücke ist

Fußnoten

Kontakt zum Verlag

Marguerite Porete – Mystik der Freiheit

Am 1. Juni 1310 wurde Marguerite Porete in Paris auf dem Place de Grève (heute Place de l’ Hôtel de Ville) bei lebendigem Leib verbrannt. Man zwang sie, den Scheiterhaufen mit dem Buch in der Hand zu besteigen, das ihr die Verurteilung als rückfällige Häretikerin eingebracht hatte. Angesichts des unmittelbar bevorstehenden grausamen Feuertods soll Marguerite Porete zu erkennen gegeben haben, dass sie zu Widerruf und Reue bereit sei. Während ihres Prozesses und ihrer Gefängnishaft hatte sie eine beeindruckende Haltung an den Tag gelegt: Sie verweigerte nicht nur jede Aussage und den geforderten Widerruf, sondern auch den Treueid, der einer förmlichen Anerkennung des Tribunals gleichgekommen wäre. Auch die ihr angebotene Absolution für Sünden, deren sie sich nicht schuldig fühlte, lehnte sie entschlossen ab. Die innere Freiheit und Souveränität, die sie in ihrem Buch theologisch begründet, bewahrt sie selbst noch angesichts des drohenden Feuertods.

Wer war diese bemerkenswerte Frau? Die Quellen, aus denen wir heute die recht spärlichen Informationen zur Biografie und Person Marguerites schöpfen, sind nur wenige: An erster Stelle ist ihr eigenes Buch zu nennen, dann die Prozessakten und schließlich im Kontrast zu diesen die rühmenden Beurteilungen dreier Zeitgenossen: eines Franziskaners, eines Zisterziensers und des berühmten Theologen Godefroi (Gottfried) de Fontaine, der von 1285 bis 1286 auch Kanzler der Universität in Paris war. Höchstwahrscheinlich stammt sie aus der nordostfranzösischen Stadt Valenciennes. Da in den Prozessakten jeder Hinweis auf ihr Alter fehlt, kann man ihr Geburtsjahr nur vage um das Jahr 1250 vermuten. Ihre außergewöhnlich hohe Bildung legt nahe, dass sie dem Patriziat der Stadt entstammte. Aus ihrem Buch selbst lässt sich schließen, dass sie bestens vertraut war mit der höfischen Literatur ihrer Zeit (so nimmt sie in einer Gleichniserzählung zu Beginn auf den berühmten Alexanderroman Bezug; die Sprache der Adelswelt ist insgesamt ein charakteristischer Grundzug ihres Buches); geprägt ist sie wohl von den mystischen Werken der Beginen Beatrix von Nazaret und Hadewijch von Antwerpen, und von den Denkmethoden und Argumentationsfiguren der hochmittelalterlichen Scholastik besitzt sie offensichtlich eine meisterhafte Kenntnis. Ihr Name, der zuweilen mit »kleiner Lauch« übersetzt wird, könnte darauf hindeuten, dass sie verheiratet war: Es könnte sich um die damals übliche weibliche Namensform handeln, die vom Namen des Gatten (Poré, Porreau oder Poireau) abgeleitet wurde. Etwa um das Jahr 1290 dürfte sie ihr Buch »Der Spiegel der einfachen und zunichte gewordenen Seelen« in der französischen Volkssprache geschrieben und veröffentlicht haben. Dass es zunächst bei ihren Adressaten auf kühle Ablehnung stieß, deutet sie in einem später angefügten Teil des Buches selbst an: »Die Beginen sagen, ich bin im Irrtum, und ebenso Priester, Kleriker und Prediger, die Augustiner und auch die Karmeliten und die Minderen Brüder …« Im Jahr 1300 schließlich wurde das Werk auf dem Hauptplatz von Valenciennes öffentlich verbrannt. Der Bischof von Cambrai drohte jedem mit Kirchenacht, der das Buch verbreite oder auch nur in seinem Besitz habe. Doch nicht zuletzt aufgrund der lobenden Würdigungen der drei oben erwähnten Theologen lässt sich Marguerite Porete nicht beirren, bringt ihr Buch weiter – wohl eher in kleinem Kreis – zum Vortrag und verschickt es an verschiedene einflussreiche Persönlichkeiten. Sie scheint sich ihrer Sache sehr sicher zu sein. Das trug ihr schließlich die Anklage des berüchtigten Dominikaners Wilhelm von Paris ein, seines Zeichens Großinquisitor und Beichtvater des französischen Königs Philipps des Schönen. Wilhelm von Paris war auch eine der Schlüsselfiguren bei der Verfolgung und schließlichen Vernichtung des Templer-Ordens. Eine hochkarätig besetzte Kommission von einundzwanzig Theologen – unter ihnen der berühmte franziskanische Bibelwissenschaftler Nikolaus von Lyra – wurde einberufen, um das Werk zu beurteilen. Fünfzehn willkürlich aus dem Zusammenhang des Gesamtwerks gerissene Sätze wurden als häretisch beanstandet und führten zur Verurteilung Marguerites als »rückfällig gewordene Ketzerin«. Die heilige Inquisition übergab sie dem weltlichen Arm, der das Urteil zu vollstrecken hatte, nicht ohne die damals übliche heuchlerische Bitte, man möge, soweit es das Urteil zulasse, barmherzig mit der Delinquentin verfahren.

Aus den Prozessakten geht hervor, dass Marguerite Porete eine Begine war. Tatsächlich sind die tragenden geistlichen Erfahrungen und Reflexionen ihres Buches ohne den Hintergrund dieser konkreten Lebensform nicht zu verstehen. Das Beginentum stellt eine der vielen religiösen Aufbruchsbewegungen Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts dar, die man als religiöse Reaktion auf den gewaltigen ökonomisch-gesellschaftlichen Umbruch begreifen kann, wie er mit der wachsenden Bedeutung der Städte, der Geldwirtschaft und eines entstehenden kommerziellen Kapitalismus einherging. Neben den Armutsbewegungen, aus denen unter anderem die Bettelorden hervorgingen, entstand mit den Beginen eine ganz neue Form der Spiritualität und Lebensweise. Es handelte sich dabei im Wesentlichen um eine Frauenbewegung (das männliche Gegenstück, die Begarden, war zahlenmäßig nicht sehr bedeutsam). Frauen vor allem aus dem niederen Adel und dem städtischen Patriziertum fanden für sich eine relativ autonome Lebensweise, die ihnen eine Alternative zum Zwangsinstitut der patriarchalischen Ehe bot, ohne dass sie sich der strengen Reglementierung des Klosterlebens unterwerfen mussten. Die Beginen lebten in ihren eigenen Häusern bzw. in denen von Verwandten, verdienten sich ihren Lebensunterhalt selbst durch verschiedene Tätigkeiten von Handarbeiten bis zur Krankenpflege, verpflichteten sich zu eheloser Keuschheit und Armut, ohne jedoch die irreversible kirchenrechtliche Bindung von Ordensgelübden auf sich zu nehmen. Unverheiratete, Verheiratete und Witwen fanden sich gleichermaßen in diesen Gemeinschaften. Für den Beitritt zu einer Beginengemeinschaft bedurfte es keiner Mitgift, was auch Angehörigen des weniger betuchten niedrigen Adels diese Möglichkeit eröffnete. Im Gegensatz zu weiblichen Ordensgemeinschaften unterstanden die Beginen anfangs nicht der spirituellen Leitung eines von der kirchlichen Hierarchie dafür bestimmten Priesters. Lange Zeit konnten sie diese relative Autonomie bewahren und genossen dabei den Schutz einer indirekten kirchlichen Anerkennung. (Der spätere Kardinal Jakob von Vitry hatte eine mündliche Anerkennung vonseiten des Papstes Honorius III. erwirkt.) Die Häuser der Beginen waren schlicht durch ein weißes Kreuz gekennzeichnet, ihr eigenes Erscheinungsbild fiel vor allem durch eine eigenartig ausladende Kopfbedeckung auf. »Chabbisköpf« (Kohlköpfe) war deshalb in Basel ein gängiger Spottname für sie. Neben den sesshaften Beginen gab es auch solche, die ein Wanderleben führten, und dass einige von ihnen sich ihren Lebensunterhalt durch Prostitution verdienten, scheint nicht immer nur üble Nachrede der Zeitgenossen gewesen zu sein. Die Beginenbewegung breitete sich rasch in Europa aus und wurde über zweihundert Jahre lang zu einer prägenden Kraft, die das abendländische Christentum mit einem innovativen Element bereicherte. Nordfrankreich, die Niederlande (einschließlich Belgien), das Rheinland, die Schweiz, aber auch Süddeutschland waren die hauptsächlichen Verbreitungsgebiete. Auf insgesamt eine Million Frauen schätzt man die Zahl der Beginen, was etwa drei bis vier Prozent der weiblichen Bevölkerung dieser Regionen entsprach. Der soziologische Hintergrund dieser Bewegung ist einerseits die große Zahl von Frauen in ungesicherten Lebensverhältnissen (u.a. bedingt durch einen demografischen Frauenüberschuss) und andererseits die patriarchalische Unterdrückung in der Ehe mit ihrer ununterbrochenen Reihe von Geburten, mit dem selbstverständlichen Züchtigungsrecht des Mannes usw. Bewegende zeitgenössische Berichte zeugen von der inneren Not junger Frauen, die alles daransetzten, dieser Art von Ehe zu entgehen, und in den Beginengemeinschaften eine Zuflucht fanden.

Vor allem aber gedieh unter diesen frommen Frauen eine neue Form des spirituellen Lebens. Der weitgehend selbstbestimmten Lebensweise entsprach auch ein neues religiöses Selbstbewusstsein. Die Einmaligkeit und einzigartige Würde einer jeden Seele vor Gott, die Relativierung der kirchlich-institutionellen Formen des Glaubensvollzugs, das gemeinsame Lesen der Bibel in der Volkssprache waren dabei zentrale Elemente, die auch bei Marguerite Porete deutlich hervortreten. Die religiöse Fruchtbarkeit der Beginenbewegung wird nicht zuletzt an den großen Gestalten deutlich, die aus ihr hervorgingen: Neben Marguerite Porete selbst und den oben bereits erwähnten Mystikerinnen Beatrix von Nazaret und Hadewijch von Antwerpen ist hier vor allem Mechthild von Magdeburg als eine überragende Persönlichkeit der mittelalterlichen Frauenmystik zu nennen.

Die Kehrseite dieser im Rahmen der damaligen Möglichkeiten relativ autonomen Lebensform und eines innovativen religiösen Lebens waren natürlich Schutzlosigkeit, Verdächtigungen, Verfolgungen und schließlich eine immer stärkere kirchliche Reglementierung. Bereits die Bezeichnung »Beginen« dürfte sich von der verhassten und als häretisch betrachteten Bewegung der Albigenser herleiten. Mechthild von Magdeburg musste schließlich bei den Zisterzienserinnen Zuflucht suchen, und das Schicksal der Marguerite Porete selbst ist das beste Beispiel für die Gefährdetheit, der diese Aufbruchsbewegung ausgesetzt war.

Marguerite Poretes Buch enthält keine Beschreibung von Visionen. Der Hintergrund ihrer besonderen eigenen Gotteserfahrung wird nur in wenigen Andeutungen mithilfe einer metaphorischen Sprache beschrieben (Kapitel 58; Kapitel 132), und man sucht darin auch vergeblich nach einer erotischen Bildsprache. Der »Spiegel der einfachen Seelen« ist also keine Beschreibung des inneren Gotterlebens, sondern es will ein mystisches Lehrbuch, eine Anleitung und Hinführung zu einem Leben aus der reinen göttlichen Liebe heraus sein. Man könnte es deshalb eher als ein »mystagogisches« Werk bezeichnen. Der Titel bereits ordnet es einer bestimmten literarischen Gattung zu, nämlich der sogenannten »Speculum-Literatur«. »Spiegel« in diesem Sinne waren Sitten- und Verhaltenskodizes für einen bestimmten Stand. In diesem Sinne waren etwa Jungfern- oder Fürstenspiegel verbreitet. Marguerite Poretes »Spiegel« wendet sich dagegen an keine besondere gesellschaftliche Gruppe. Das Leben der Seele aus Gottes Willen allein steht potenziell allen offen. Der Text ist durchgehend als ein Dialog gestaltet. Dialogpartner sind personifizierte Wesenheiten, neben einigen nur sporadisch auftretenden sind dies »die Seele«, »die Liebe« (auf deren Veranlassung das Buch niedergeschrieben wurde) und als Gegenpart »die Vernunft«. Letztere ist jedoch vor allem im Sinne der »institutionalisierten« Vernunft zu begreifen, wie sie sich in der offiziellen theologischen Wissenschaft und in der von ihr beherrschten Kirche (in diesem Fall die »Heilige Kirche die kleine« als sichtbare Institution im Gegensatz zur »Heiligen Kirche der großen«, die als äußerlich nicht manifeste Gemeinschaft die »zunichte gewordenen Seelen« umfasst). Diese Vernunft wird im Lauf des Buches zuweilen mit beißendem Spott überzogen, als »Schaf« und Ähnliches bezeichnet, hat aber im Verlauf des Textes immerhin die Funktion, durch ihren skeptischen Widerspruch die Reflexion auf immer höhere Stufen voranzutreiben. Diese dialogische Anlage des Buches hat u.a. Dorothee Sölle vermuten lassen, es sei im Stil von Bänkelsängen öffentlich szenisch aufgeführt worden. So gut man sich dies auch vorstellen mag: Der Text selber gibt darauf keinen Hinweis, sondern legt eher den Vortrag in kleinen spirituellen (Frauen-)Zirkeln nahe.

Darüber hinaus ist das Buch nicht immer klar strukturiert und weist eine Vielfalt literarischer Formen auf, etwa die berühmte Gleichniserzählung in Anlehnung an den Alexanderroman oder Lieder, die den Dialogtext unterbrechen.

Sofern eine Einordnung des Buches in die unterschiedlichen Grundtendenzen der mystischen Literatur hilfreich ist, ist es weniger einer (neuplatonisch geprägten) Wesensmystik, sondern eher einer Willens- und Liebesmystik zuzuordnen. Berühmte Vertreter einer solchen »Minnemystik« waren etwa Wilhelm von Saint-Thierry und dessen Freund Bernhard von Clairvaux. Worum es Marguerite Porete – wie wahrscheinlich aller authentischen Mystik – letztlich geht, ist jene »Fine Amour«, jene interesselose Liebe, die kein »Warum« mehr kennt.

Diese Liebesmystik bringt Marguerite Porete also in der Sprache der höfischen Dichtung zum Ausdruck, die sich auch in ihrer originellen Gottesbezeichnung niederschlägt: Der in der Minnelyrik idealisierte »ferne« Geliebte wird bei Marguerite Porte zum »Loingprès«, zum Fernnahen. An dieser Stelle muss man sich davor hüten, den Begriff mittels Kategorien wie etwa dem Spannungsverhältnis von Immanenz und Transzendenz zu deuten. Auch die heilsgeschichtlich-dogmatische Deutung von Kurt Ruh, der darin den Gegensatz des seit dem Sündenfall in der Fremde befindlichen Menschen und des Gottes, der diese Fremde in der Selbsterniedrigung (Kenose) seines Sohnes überwindet, sieht, scheint mir von außen übergestülpt zu sein. Eher schon lässt der »Fernnahe« an jenes dialektische Spiel von »Fort« und »Da« denken, das für Sigmund Freud das Lustprinzip kennzeichnet.

Das alles bestimmende Thema des Buches ist das der Freiheit! Marguerite Porete entwickelt das Schema von sieben Stufen, in deren Verlauf die Seele nach und nach alle äußeren Zwänge und inneren Beschränkungen hinter sich lässt, der Sünde, der Natur und dem Geist abstirbt, um schließlich völlig aus dem Willen Gottes allein heraus zu leben. Ja mehr noch: Es ist nur noch der Wille Gottes selbst, der wirkt! Innerhalb der ersten Stufe ist die Seele der Sünde abgestorben und zeichnet sich durch das Einhalten von Gottes Geboten aus; auf der zweiten Stufe tötet sie die Natur ab, um den »evangelischen Räten« (also Armut, Keuschheit, Gehorsam) gemäß zu leben; auf der dritten Stufe vollzieht sie die Abkehr von den Werken der Vollkommenheit, die sie als Selbstbezogenheit durchschaut; die vierte Stufe besteht im Hintersichlassen aller äußeren Frömmigkeitsübungen einschließlich des Gehorsams; auf der fünften Stufe betrachtet die Seele, dass Gott ist, und erkennt darin ihr eigenes Nichts, die sechste Stufe besteht darin, dass Gott sich selbst in der Seele sieht, die sein Spiegel geworden ist; die siebte Stufe schließlich ist die eschatologische Vollendung nach diesem irdischen Leben in Gottes Herrlichkeit.

In einer atemberaubend kühnen Sprache beschreibt Marguerite Porete diesen Weg der Befreiung der Seele, die alle Frömmigkeitsübungen, jede Anhänglichkeit an Besitz, Stand und Macht, das enge Korsett eines Tugendlebens, die Besserwisserei und das penetrante Bescheidwissen der in Kirche und Theologie herrschenden »Vernunft« hinter sich lässt, um schließlich ihren einzigen Halt im Willen der höchsten Liebe Gottes allein zu finden. Die Freiheit von den Normen des Tugendlebens und der Askese feiert Marguerite Porete in einem überschwänglichen, ja geradezu übermütigen Gesang (vgl. Kapitel 6)! Das Verhältnis hat sich umgekehrt. Die Seele dient nicht mehr den Tugenden, vielmehr ist sie nun deren souveräne Herrin! Und schließlich – eine schier unerhörte Aussage – kann diese Seele »ohne Gewissensbisse« der Natur das zugestehen, wonach diese verlangt! (Kapitel 17)

Etliche Formulierungen im Verlauf des Buches lassen übrigens den ethischen und gesellschaftlichen Druck erahnen, der für Frauen nur einen Leidensweg bereithielt. Allein vor dem Hintergrund solcher konkreter Seelenqual und auch körperlicher Pein (die nicht zuletzt in absonderlichen Formen der Selbstkasteiung ihren gegen sich selbst gewendeten Ausdruck fand) kann man den »Abschied von den Tugenden« verstehen, der wie ein Spottlied anmutet und natürlich auch einer der Hauptgründe für Marguerite Poretes Verurteilung als Ketzerin wurde. Auch die Gnadenmittel der Institution Kirche lässt die Seele auf ihrem Weg zur Freiheit zurück: Predigten, Messen, Fasten und Gebet werden bedeutungslos für die Seele, die immer mehr aus der Liebe allein zu leben beginnt. (Kapitel 13) Marguerite Porete nimmt das reformatorische »sola fide« wörtlich vorweg und propagiert die Errettung des Menschen durch Glauben allein ohne Werke (Kapitel 5 und 11). Dass die Infragestellung der Rolle der Institution Kirche als Heilsmittlerin ein weiterer wesentlicher Grund für Poretes Verurteilung war, entspricht einem Grundmuster, das sich bis in die Gegenwart durchhält, und ist nicht überraschend. Das Selbsterhaltungsinteresse der Institution war seit jeher das entscheidende Motiv für Repression nach innen und Anpassung nach außen.

Ein Höhepunkt in Marguerite Poretes Buch ist ohne Zweifel die scharfsinnige Reflexion über den selbst von Gott nicht mehr hintergehbaren freien Willen in den Kapiteln 103 und 104. Man kann dies als Ausdruck jener »anthropozentrischen Denkform« begreifen, die J.B. Metz bereits für Thomas von Aquin nachweist. Allerdings – und dies kommt im Titel des Buches bereits zum Ausdruck – ist Poretes Freiheitsdenken von einer besonderen Dialektik geprägt: Ihren souveränen Stand gegenüber allen äußeren Zwängen und internalisierten Unterdrückungsmechanismen gewinnt die Seele letztlich in der völligen Preisgabe des eigenen Willens, der durch Gottes Willen ersetzt wird! Durch die Liebe ist der eigene Wille völlig zunichte geworden, nur noch Gottes Wille wirkt. Und gerade dadurch steht die Seele über allen Instanzen. Was Dorothee Sölle als einen »fröhlichen Nihilismus« bezeichnet, ist das Paradox, dass die Autonomie des Individuums letztlich durch die Aufgabe einer jeden Autonomie erkauft wird. Das Spannungsverhältnis von Autonomie und Heteronomie wird ein Dauerthema in Theologie und Philosophie bleiben. Erinnert sei hier nur an Martin Luthers Auseinandersetzung mit den Humanisten (Erasmus von Rotterdam, aber auch Philipp Melanchthon) um die Willensfreiheit und deren Heilsrelevanz. Unser durch die Aufklärung hindurchgegangenes Denken kann Marguerite Poretes Haltung und Reflexionen sicher nicht einfach affirmieren. Dass jedoch die unhintergehbare Freiheit und der Selbstbesitz des Menschen den Horizont unbedingter Freiheit zur Bedingung der Möglichkeit haben, dass also theologisch gesprochen unsere Freiheit eine »befreite Freiheit« ist, ist eine zentrale theologische Einsicht, die aus einem geistigen Ringen erwachsen ist, zu dem auch Marguerite Poretes »Spiegel« nicht unerheblich beigetragen hat.

Die Wirkungsgeschichte des »Spiegels der einfachen Seelen« ist außergewöhnlich und nicht zuletzt aus den ausgesprochenen Verboten und kirchlichen Verdikten gegen die Schrift abzulesen. Bereits ein Jahr nach Marguerites Hinrichtung bringt das Konzil von Vienne Thesen des Spiegels mit den »Brüdern des freien Geistes« in Verbindung. Bernhardin von Siena und später die Jesuiten verurteilen und verfolgen die Schrift mit fanatischem Eifer. Der offiziellen Verurteilung zum Trotz erfährt die Schrift aber bald eine weite Verbreitung. Neben der altfranzösischen Fassung entstehen noch im Lauf des 14. Jahrhunderts eine lateinische, zwei altitalienische und eine mittelenglische Fassung. (Zur Geschichte der Textüberlieferung und zur Redaktionsgeschichte vgl. v.a. Stölting, 321–344.) Nach der Verurteilung der Autorin als Ketzerin wird das Buch anonym verbreitet und übt nachweislich einen enormen Einfluss auf die spätere Mystik bis hin zum Quietismus und vermutlich auch zu den Quäkern aus. Namentlich Meister Eckhart, der größte Mystiker des abendländischen Mittelalters, lässt die Spuren von Marguerite Poretes »Spiegel« deutlich erkennen. Man lese nur seine 52. Predigt (»Adolescens, tibi dico«) und die darin enthaltenen Ausführungen zum Werk, das die göttliche Liebe in sich selbst wirkt! Erst in den Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts gelang Romana Guarnieri der Nachweis der Autorenschaft Marguerite Poretes. Sie konnte im Prozess verurteilte Thesen in der Schrift überzeugend identifizieren. Im Zuge eines neu erwachten Interesses an der christlichen Frauenmystik des Mittelalters entstanden moderne Übersetzungen, die eine neuerliche Rezeption des »Spiegels der einfachen Seelen« ermöglichten. Zu erwähnen sind hier vor allem die Übersetzung ins moderne Französisch von Claude Louis-Combet und die erste deutsche Übersetzung von Luise Gnädinger.

Eine der prominenten glühenden Verehrerinnen des »Spiegels der einfachen Seelen« war keine Geringere als Marguerite von Navarra, die Schwester des französischen Königs Franz I. Das Buch und deren Autorin, so schreibt sie, seien »erfüllt von der Flamme der Liebe, so inbrünstig, dass Liebe, und sie allein, ihr Anliegen, Anfang und Ende, von allem, was sie sagte«, gewesen sei. Im Gegensatz zur heiligen Inquisition, deren Handlangern und Vollstreckern hat Marguerite von Navarra damit die Intention des »Spiegels der einfachen Seelen« präzise erfasst. Ihr sei deshalb das letzte Wort zu Marguerite Porete, Opfer patriarchalischer Machtmechanismen und Märtyrerin der Freiheit, überlassen:

Wie aufmerksam war diese Frau, die Liebe zu empfangen, die verbrennt ihr eignes Herz und das all derer, die ihr zuhören ...(nach: Sölle, 159)

Bruno Kern

Literatur

Clévenot, Michel, Doux Jésus, enrichis-moi! (Les hommes de la fraternité, XIVe–XVe Siècle), Paris 1987.

Meister Eckhart, Deutsche Predigten und Traktate. Herausgegeben und übersetzt von Josef Quint, Zürich 1979.

Metz, Johann Baptist, Christliche Anthropozentrik. Über die Denkform des Thomas von Aquin, München 1962.

Ruh, Kurt, Geschichte der abendländischen Mystik im Mittelalter, Bd. II: Frauenmystik und Franziskanische Mystik der Frühzeit, München 1993.

Sölle, Dorothee, Mystik und Widerstand. »Du stilles Geschrei«, München 1999.

Southern, Richard William, Western Society and the Church in the Middle Ages (The Pelican History of the Church, Bd. 2), London 1970.

Stölting, Ulrike, Christliche Frauenmystik im Mittelalter. Historisch-theologische Analyse, Mainz 2005.

Zum Brunn, Emilie, Introduction, in: Porete, Marguerite, Le Miroir des simples âmes anéanties. Traduit de l’ancien français par Claude Luis-Combet, Grenoble 1991, 9–25.

Zum Brunn, Emilie/Epiney-Brugard, Georgette, Women Mystics in Medieval Europe, New York 1989.

Ihr künftigen Leser dieses Buches1, wenn ihr es recht verstehen wollt, dann achtet darauf, was ihr darüber sagt, denn es ist schwer zu begreifen. Ihr müsst euch von der Demut leiten lassen, denn sie ist die Hüterin des Schatzes der Wissenschaft und die Mutter aller anderen Tugenden.

Ihr Theologen und anderen Gelehrten2, bei all eurem Scharfsinn wird sich euch das Verständnis nicht erschließen, wenn ihr dabei nicht demütig seid und zulasst, dass Liebe und Glaube gleichermaßen die Vernunft3 überwinden: Denn sie beide sind die Herrinnen im Haus.

Die Vernunft selbst bezeugt dies,

und zwar im dreizehnten Kapitel dieses Buches,

und sie empfindet deshalb keine Scham:

Denn die Liebe und der Glaube erfüllen sie mit Leben,

sie entledigt sich ihrer niemals,

denn sie sind ihre Herrinnen.

Deshalb ziemt es sich, dass sie sich demütig unterwirft.

Seht zu, dass eure Wissenschaften,

deren Grundlage die Vernunft ist, demütig werden,

und vertraut euch denen völlig an,

die durch die Liebe gegeben und vom Glauben erhellt sind.

Dann werdet ihr dieses Buch verstehen,

das der Seele aus der Liebe heraus Leben verleiht.

Ende

1.
Prolog: Die von Gott berührte und im ersten Gnadenstand von der Sünde befreite Seele ist durch die Gnade Gottes in den siebenten Stand aufgestiegen. Das ist jener Zustand, in dem die Seele im Land des Lebens ihre höchste Vollkommenheit erlangt hat und in göttlicher Weise genießt

Hier spricht die Liebe: Ihr Tätigen und ihr Kontemplativen4, ja vielleicht sogar Ihr, die Ihr durch die wahre Liebe zunichte geworden seid, vernehmt jetzt von vielerlei wundersamen Wirkungen der reinen, der erhabenen, der hohen Liebe einer frei gewordenen Seele, und hört, wie der Heilige Geist auf ihr Segel gesetzt hat, wie auf sein Schiff! Um der Liebe willen bitte ich Euch, sagt die Liebe: Hört aufmerksam zu, mit Wissensdurst und scharfem Verstand, sehr gewissenhaft und von eurem Inneren her! Denn sonst werden es alle, die jetzt zuhören, wenn sie es schon nicht in die Tat umsetzen, missverstehen.

Hört Euch jetzt ganz demütig eine kleine Gleichniserzählung von der weltlichen Liebe an und übertragt diese dann auf die Gottesliebe:

Es lebte einst ein Fräulein, eine Königstochter. Sie war großherzig, von edler Gesinnung und edelmütig. Sie lebte jedoch in einem fremden Land. Da trug es sich nun zu, dass dieses Fräulein über die große Vornehmheit und den großen Adel des Königs Alexander hörte. Und sogleich liebte sie ihn aus ganzem Herzen, weil er so berühmt war und alle andern überragte. Aber das Fräulein lebte von diesem mächtigen Herren, dem ihre ganze Liebe galt, so weit entfernt, dass sie ihn weder sehen noch mit ihm zusammen sein konnte. Sie war darüber innerlich untröstlich. Denn keine andere Liebe außer dieser einen konnte sie erfüllen. Und als ihr bewusst wurde, dass diese ferne Liebe ihr zwar innerlich ganz nah, aber den äußeren Umständen nach so weit weg war, da dachte sie bei sich darüber nach, wie sie ihren Kummer stillen könnte, indem sie sich nämlich die äußere Erscheinung ihres Freundes, durch den sie so oft in ihrem Herzen verletzt war, in Form eines Bildnisses vorstellte. So ließ sie sich also ein Bild malen, das die Züge des geliebten Königs so treu wie möglich wiedergab – der Vorstellung ihrer liebenden Zuneigung entsprechend, von der sie durchdrungen war. Und mithilfe dieses Bildnisses sowie auch anderer Hilfsmittel hatte sie in ihrer Vorstellung den König selbst vor Augen.

Die Seele: Genau so ist es, spricht die Seele, die dieses Buch niederschreiben ließ. Ich kann Euch das bestätigen. Ich habe von einem sehr mächtigen König gehört, den überaus große edle Vornehmheit auszeichnete, ein wahrhaft edler Alexander war er. Doch er war so weit weg von mir, und ich war so weit weg von ihm, dass ich mir keinen Rat wusste. Und um mich an ihn zu erinnern, gab er mir dieses Buch. Es ist sozusagen der Ausdruck seiner Liebe. Doch wenn ich auch sein Bild habe, so bin ich dennoch in der Fremde und weit weg vom prächtigen Haus, in dem die gar edlen Freunde dieses Herrn wohnen. Sie sind alle ohne Falsch, geläutert und frei geworden durch die Gaben dieses Königs, mit dem sie zusammen wohnen.

Die Autorin: Wir wollen Euch deshalb sagen, inwiefern unser Herr keineswegs von der Liebe entbunden ist, wie aber die Liebe durch ihn selbst für uns frei wurde, damit die Kleinen dies durch Euch erfahren können. Der Liebe nämlich ist alles erlaubt, ohne dass sie jemandem Schaden zufügt. Wie das zugeht, das wollen wir Euch im Lauf dieses Buches sagen.

2.
Was die Liebe vorhat und warum sie dieses Buch niederschreiben ließ

Die Liebe: Ihr Kinder der Heiligen Kirche alle, spricht die Liebe. Ihr seid es, für die ich dieses Buch geschrieben habe, damit ihr zu einer höheren Wertschätzung des vollkommenen Lebens und des Zustands des Friedens gelangt. Ihn erreicht der Mensch5 durch die Tugend der vollkommenen Liebe. Sie wird uns durch die Dreieinigkeit insgesamt geschenkt. Von dieser Gabe werdet Ihr in diesem Buch noch hören, wenn das Verständnis der Liebe die Fragen der Vernunft beantwortet.

3.
Hier spricht die Liebe über die Gebote der Heiligen Kirche

Lasst uns hier, so spricht die Liebe, mit den Geboten der Heiligen Kirche beginnen, damit jeder in diesem Buch mit Gottes Hilfe seine Nahrung finde. Gott nämlich hat uns das Gebot gegeben, dass wir ihn lieben sollen aus unserem ganzen Herzen, unserer ganzen Seele und mit all unserer Kraft, und dass wir uns selbst in angemessener Weise lieben sollen, sowie unsere Nächsten wie uns selbst.6

Zunächst: Wir sollen ihn aus unserem ganzen Herzen lieben. Das heißt, dass wir mit unseren Gedanken stets wirklich bei ihm sein sollen. Und wir sollen ihn aus unserer ganzen Seele lieben. Das bedeutet, dass wir nichts als die Wahrheit sagen, selbst wenn es um den Tod geht. Und mit all unserer Kraft sollen wir ihn lieben: Das will sagen, dass wir all unsere Werke nur für ihn vollbringen. Und uns selbst sollen wir lieben in angemessener Weise: Das heißt, wenn wir uns daran halten, dann suchen wir dabei niemals unseren eigenen Vorteil, sondern wir streben danach, den vollkommenen Willen Gottes zu erfüllen. Und unseren Nächsten sollen wir lieben wie uns selbst. Da bedeutet, dass wir unserem Nächsten nur das tun, dass wir von ihm nur das denken und sagen, was wir uns für uns selber wünschen. Diese Gebote sind zum Heil notwendig für alle. Ein Leben, das dahinter zurückbleibt, kann in keinem Fall Gnade erlangen.

Denkt hier an das Beispiel des reichen Jünglings:7 Er sagte zu Jesus Christus, dies alles habe er von Kindheit an befolgt, und Jesus Christus gab ihm zur Antwort: Eines fehlt dir noch zur Vollkommenheit: Geh hin, verkaufe alles, was du hast, gib das Geld den Armen, und dann komm und folge mir nach, und du wirst einen Schatz im Himmelreich haben. Dies ist der Rat vollkommener Tugend. Wer sich recht an ihn hält, der bleibt in der wahren Nächstenliebe8.

4.
Über die erhabene Tugend der Nächstenliebe und wie sie einzig und allein der Liebe gehorcht

Die Liebe: Die Nächstenliebe ist nichts Geschaffenem, lediglich der Liebe gehorsam.9

Die Nächstenliebe kennt keinen Besitz. Und selbst wenn sie etwas hätte, würde sie niemals sagen, es sei ihr Eigentum.

Die Nächstenliebe kümmert sich nicht um die eigenen Angelegenheiten, sie nimmt sich vielmehr der Sache der anderen an.

Die Nächstenliebe verlangt von niemandem irgendeinen Lohn, was auch immer sie an Gutem oder Wohltuendem getan hat.

Der Nächstenliebe sind Schande, Furcht und Unbehagen fremd. Sie geht so aufrecht, dass man sie nicht beugen kann, ganz gleich, was ihr widerfährt.

Nichts gibt es unter der Sonne, auf das die Nächstenliebe Wert legte und das ihr etwas bedeutete. Die ganze Welt ist für sie nichts als Abfall und Müll.

Die Nächstenliebe gibt einem jeden, was sie ihm an Nützlichem zu geben hat. Dabei nimmt sie sich auch selbst nicht aus, und deshalb verspricht sie in ihrer Großzügigkeit oft, was sie gar nicht hat. Sie hofft dabei, dass das Wort zutrifft: Je mehr man weggibt, umso mehr hat man.

Die Nächstenliebe versteht sich so gut aufs Handeln, dass sie überall da Gewinn macht, wo andere Verluste verzeichnen, und sie vermeidet die Fallstricke, die anderen zum Verhängnis werden. Und auf diese Weise vermehrt sie vielfach das, was der Liebe gefällt.

Und merkt Euch gut: Wer die vollkommene Nächstenliebe besäße, der wäre durch das Werk der Nächstenliebe der Zuneigung für das Leben des Geistes abgestorben.

5.
Über das Leben, das man den Frieden der Nächstenliebe in zunichte gewordenem Leben nennt

Die Liebe: Es gibt nun eine andere Lebensweise, die wir den Frieden der Nächstenliebe in zunichte gewordenem Leben nennen. Darüber, so die Liebe, wollen wir nun sprechen: Wir fragen, ob es Folgendes gibt:

I eine Seele,

II die Rettung erlangt durch Glauben ohne Werke,

III die einzig und allein aus Liebe besteht,

IV die nichts tut für Gott,

V die nichts unterlässt für Gott,

VI die man nichts lehren kann,

VII der man nichts wegnehmen

VIII noch etwas geben kann

IX und die überhaupt keinen Willen hat.

Die Liebe: O weh, spricht die Liebe. Wer wird dann dieser Seele geben, was sie braucht? Denn genau dies wurde ihr nicht gegeben, und sie wird es auch niemals bekommen!

Diese Seele, so spricht die Liebe, hat sechs Flügel, genauso wie die Serafim!10 Sie will nichts mehr, das ihr durch Vermittlung zuteil würde. Die eigentümliche Seinsweise der Serafim besteht in Folgendem: Zwischen ihrer eigenen Liebe und der Liebe Gottes gibt es keine vermittelnde Instanz. Ohne Vermittler erhalten sie fortwährend Kunde. Und genauso hat auch diese Seele Kunde: Denn die Gottesgelehrtheit sucht sie nicht bei den Magistern dieser Welt, sondern vielmehr in wahrer Welt- und Selbstverachtung. Ja, bei Gott! Was für ein großer Unterschied ist doch zwischen dem Geschenk eines Freundes für eine Freundin durch Vermittlung und einem unmittelbaren Geschenk des Freundes an die Freundin!

Wenn dieses Buch behauptet, die Seele habe sechs Flügel wie die Serafim, dann sagt es tatsächlich die Wahrheit. Mit zwei Flügeln bedeckt sie das Antlitz Jesu Christi, unseres Herrn. Das bedeutet: Diese Seele hat eine umso größere Erkenntnis der Güte Gottes, je vollkommener sie erkennt, dass sie nichts davon erkennt – oder kaum ein Fünklein11 im Vergleich zu dieser Güte selbst. Denn Gott kann nicht erfasst werden, außer durch sich selbst.

Mit zwei anderen Flügeln bedeckt sie die Füße. Das heißt: Je mehr sie von dem weiß, was Jesus Christus für uns gelitten hat, umso vollkommener erkennt sie, dass das, was sie davon weiß, nichts ist im Vergleich zu dem, was er tatsächlich erlitten hat. Denn das weiß nur er selbst.

Mit wiederum zwei anderen Flügeln fliegt die Seele; sie bleibt aufrecht stehen und sitzt zugleich. Das bedeutet: Alles, was sie von der Güte Gottes erkennt, liebt und lobpreist, sind die Flügel, mit denen sie fliegt. Sie bleibt dabei aufrecht stehen, weil sie immer in der Anschauung Gottes bleibt. Und zugleich sitzt sie, weil sie stets im Willen Gottes verweilt.

Wovor also und warum sollte sich eine solche Seele denn ängstigen? In der Tat: Sie könnte und müsste sich weder ängstigen noch fürchten, selbst wenn sie sich in der Welt befände und es also möglich wäre, dass Welt, Fleisch und Teufel mitsamt den vier Elementen und noch dazu den Vögeln des Himmels und dem stummen Vieh sie bedrängen, zerreißen oder gar verschlingen würden. Selbst dann hat sie nichts zu verlieren, wenn nur Gott ihr bleibt. Denn er ist überall und allmächtig, ganz und gar Weisheit und Güte.

Die Seele: Unser Vater, unser Bruder und unser treuer Freund ist er. Er ist ohne Anfang. Er ist unfassbar, außer durch sich selbst. Er ist ohne Ende, drei Personen und dennoch ein einziger Gott. So, spricht die Seele, ist der Freund unserer Seele.

6.
Wie die in Gott verliebte Seele, die im Frieden und in der Nächstenliebe lebt, Abschied nimmt von den Tugenden

Die Liebe: Die Seele, die von solcher Liebe erfüllt ist – so spricht die Liebe selbst –, kann zu den Tugenden mit Recht sagen, dass sie ihnen lange Zeit hindurch und so manchen Tag zu Diensten gewesen sei.

Die Seele: Ich gestehe es Euch, Frau Liebe, spricht diese Seele: Es gab eine Zeit, da war es tatsächlich so, aber jetzt verhält es sich anders. Euer vornehmer Adel war es, der mich aus ihrer Leibeigenschaft befreit hat. Und deshalb kann ich jetzt folgendermaßen zu ihnen sprechen und auf diese Weise singen:

Tugenden, Abschied nehme ich nun von Euch für immer!

Viel offener und viel fröhlicher ist nun mein Herz.

Der Dienst für Euch ist allzu beschwerlich,

das ist mir wohl bewusst.

Eine Weile habe ich ohne Vorbehalt

an Euch mein Herz geheftet.

Ihr wisst es wohl: Ich war ganz Euer Eigen

und Euch vollständig ausgeliefert.

Eure Leibeigene war ich,

nun aber bin ich befreit aus dieser Fron.

Mein ganzes Herz hatte ich an Euch geheftet,

das ist mir wohl bewusst.

So lebte ich eine Zeit lang

in großer Verirrung.

So manches schwere Leid habe ich durchgemacht

und manche schwere Qual ertragen.

Ein Wunder, dass ich noch

mit dem Leben davongekommen bin!

Doch nun, da es vorüber ist, mache ich mir nichts mehr daraus:

Ich bin von Euch geschieden!

Dafür sei Gott im Himmel Dank.

Gut hat es dieser Tag mit mir gemeint!

Euren Bedrohungen, die mir sehr zugesetzt haben,

bin ich nun entzogen.

Nie war ich frei,

außer in der Trennung von Euch.

Eurer Gewalt bin ich entronnen

und verweile nun im Frieden.

7.
Inwiefern diese Seele edel ist und warum sie sich aus nichts etwas macht

Die Liebe: Diese Seele, so spricht die Liebe, kümmert sich weder um Schande noch um Ehre, weder um Armut noch um Reichtum, weder um Wohlbefinden noch um Missbehagen, weder um Liebe noch um Hass, weder um die Hölle noch um das Paradies.

Die Vernunft: Ach, um Gottes Willen, Liebe! – so spricht die Vernunft. Was soll Eure Rede denn bedeuten?

Die Liebe: Was das bedeuten soll?, sagt die Liebe. Das versteht natürlich einzig und allein der, dem Gott das Verstehensvermögen dafür gegeben hat. Denn weder ist es in der Heiligen Schrift enthalten, noch erfasst es der Sinn des Menschen. Und auch das Bemühen des Menschen um Erkenntnis und Einsicht ist hier nutzlos. Diese Gabe kommt nämlich vom Allerhöchsten selbst. In ihn wurde dieser Mensch durch eine Fülle an Erkenntnis entrückt. Und eine solche Seele, die zu einem Nichts geworden ist, hat alles und hat doch zugleich nichts, sie will alles und will zugleich nichts, sie weiß alles und sie weiß dabei nichts.

Die Vernunft: Aber wie geht das zu, Frau Liebe?, spricht die Vernunft. Die Seele kann einerseits das wollen, was dieses Buch darlegt, und eben zuvor hieß es andererseits, dass sie überhaupt keinen Willen mehr besäße!

Die Liebe: Ach, Vernunft!, so spricht die Liebe. Es ist überhaupt nicht ihr Wille, der das will, sondern es ist der Wille Gottes, der es in ihr will. Denn es ist nicht die Seele, die in der Liebe verbleibt und die ihr durch ein wie immer geartetes Begehren eingibt, das zu wollen. Nein, es ist vielmehr umgekehrt die Liebe, die in ihr verbleibt, die von ihrem Willen ganz Besitz ergriffen hat. Und deshalb führt die Liebe in ihr ihren Willen aus, und so wirkt die Liebe in ihr ohne sie. Und deshalb lebt der nicht im Unbehagen, der es vermag, in ihr zu verweilen.

Diese Seele – so spricht die Liebe – versteht sich nun nicht mehr darauf, von Gott zu sprechen. Denn sie ist in all ihrem äußerlichen Begehren, in ihrem inneren Fühlen, in ihrer gesamten geistigen Verfasstheit zu Nichts geworden. Und währenddessen geht die Seele ihren Verrichtungen nach, wie es den guten Sitten oder dem Gebot der Kirche entspricht, ohne dabei irgendein Verlangen zu verspüren. Denn der Wille, der ihr sonst das Begehren eingegeben hat, ist ja tot.

8.
Wie die Vernunft darüber verwundert ist, dass diese Seele von den Tugenden abgelassen hat, und wie die Tugenden von der Liebe gelobt werden

Die Vernunft: Wie das denn, Liebe?, spricht die Vernunft, die nur die groben Dinge versteht, das Erhabene aber außer Acht lässt. Wie erstaunlich ist nun dies? Diese Seele hat also weder ein Empfinden der Gnade noch ein Verlangen des Geistes, da sie sich eben von den Tugenden verabschiedet hat, die jede Seele, die es will, gut zu leben lehren. Und niemand kann ohne diese Tugenden gerettet werden oder die Vollkommenheit des Lebenswandels erlangen. Denn wer sie hat, der kann nicht getäuscht werden. Sag, ist die Seele, die so redet, nicht etwa völlig von Sinnen?

Die Liebe: Ganz gewiss nicht!, spricht die Liebe. Solche Seelen nämlich haben die Tugenden in reinerer Form als irgendein anderer Mensch, doch sie machen von ihnen keinen Gebrauch. Sie besitzen sie nämlich nicht mehr so, wie sie es gewohnt waren. Und überdies würden sie sich auf diese Weise sehr nach Art der Leibeigenen benehmen, wo sie doch nun für immer frei geworden sind.

Die Vernunft: Aber Liebe, spricht die Vernunft, wann waren sie denn wie Leibeigene?

Die Liebe: Solange sie Euch, Frau Vernunft, gegenüber und ebenso den übrigen Tugenden gegenüber in Liebe und Gehorsam verharrten. Und das hielten sie so lange durch, bis sie frei wurden.

Die Vernunft: Wann denn – so die Vernunft – wurden solche Seelen frei?

Die Liebe: Als die Liebe in ihnen Ihre Wohnstatt nahm. Die Tugenden aber dienen nun dieser Seele ohne zu widersprechen und wie selbstverständlich.

Solche Seelen – so spricht die Liebe –, die auf diese Weise frei geworden sind, haben ohne Zweifel so manchen Tag zu spüren bekommen, was Zwang anrichten kann. Und wenn man sie fragte, was die größte Qual sei, die ein Mensch erleiden kann, dann gäben sie zur Antwort: Eine solche Qual besteht darin, dass man seinen Platz in der Liebe hat und dennoch den Tugenden gehorsam sein muss. Denn den Tugenden hat man abzuleisten, was immer sie von einem verlangen, koste es die Natur einen noch so hohen Preis! Es steht nun fest, dass die Tugenden Ehre, Gut, Herz, Leib und Leben für sich in Anspruch nehmen. Das muss man folgendermaßen verstehen: Die Seelen lassen alle Dinge sein, und dennoch sagen die Tugenden zu diesen Seelen, die ihnen alles gelassen und rein gar nichts für sich zurückbehalten haben, um die Natur zu vertrösten: Nur unter großer Anstrengung wird dem Gerechten Rettung zuteil. Und deshalb spricht eine solche Seele am Ende ihrer Kräfte, die noch den Tugenden dient, dass sie gerne von Furcht geplagt und in der Hölle bis zum Jüngsten Gericht gequält werden wolle, wenn sie nur hernach errettet würde. In einer solchen Zwangslage befinden sich die Seelen, über die die Tugenden ihre Herrschaft ausüben. Die Seelen hingegen, die wir meinen, haben die Tugenden in ihre Schranken verwiesen. Denn solche Seelen tun nichts, was sie tun, um der Tugenden willen. Es verhält sich vielmehr umgekehrt: Die Tugenden tun nun alles, was solche Seelen verlangen, ohne Zwang und ohne zu widersprechen. Solche Seelen sind nämlich die Herrinnen der Tugenden.

9.
Inwiefern solche Seelen überhaupt keinen Willen mehr haben

Die Liebe: Wenn man diese frei gewordenen, in Sicherheit und Frieden lebenden Seelen nun fragte, ob sie im reinigenden Feuer verbleiben wollten, dann sagten sie nein; ob sie in diesem Leben die Gewissheit ihres Heils erlangen wollten, dann sagten sie nein; ob sie im Paradies leben wollten, sagten sie nein. Aus welchem Grund auch sollten sie das alles wollen? Sie haben überhaupt keinen Willen, und wenn sie irgendetwas wollten, dann würden sie sich damit von der Liebe entfernen. Denn der, der ihren Willen in der Hand hat, weiß, was für sie gut ist. Das ist ihnen genug. Sie müssen es nicht wissen, und es muss ihnen nicht versichert werden. Solche Seelen leben aus der Erkenntnis, der Liebe und dem Lobpreis.

Solche Seelen verhalten sich gewohnheitsmäßig so, ohne sich von sich aus zu bewegen. Denn in ihnen haben Erkenntnis, Liebe und Lobpreis ihre Wohnstatt. Solche Seelen können selber nicht sagen, ob sie gut oder schlecht sind; sie haben keinerlei Erkenntnis von sich selbst und könnten auch nicht unterscheiden, ob sie nun bekehrt oder verkehrt sind.

Nehmen wir um der Kürze willen – so spricht die Liebe – eine Seele, die uns als Beispiel für alle diene. Diese Seele hat kein Verlangen nach Armut oder Bedrängnis, nach der heiligen Messe oder einer Predigt, nach Fasten und Gebet, aber sie verachtet dies alles auch nicht. Sie gesteht der Natur all das zu, was diese braucht, ohne Gewissensbisse. Doch eine solche Natur ist aufgrund der Umgestaltung in der Einheit der Liebe, von der der Wille dieser Seele gänzlich aufgenommen wurde, so gut geordnet, dass die Natur überhaupt nichts Verbotenes begehrt. Eine solche Seele kümmert sich nicht darum, was sie braucht, außer gerade zu dem Zeitpunkt, da sie es braucht. Von dieser Sorge kann sich ja keiner frei machen, es sei denn er wäre im ursprünglichen Stand völliger Schuldlosigkeit.

Die Vernunft: Aber – so spricht die Vernunft – was soll denn das um Gottes willen bedeuten?

Die Liebe: Dazu, so spricht die Liebe, will ich Euch, Vernunft, das Folgende sagen: Ich habe es zuvor schon gesagt und wiederhole es nun: Diejenigen, die uns die Natur lehren, diejenigen, die uns die Schrift lehren, und auch alle, die in der Liebe zur Willfährigkeit gegenüber den Tugenden verharren, verstehen das nicht. Und sie werden das auch nicht verstehen, sofern es da überhaupt etwas zu verstehen gibt. Das kann ich Euch versichern, spricht die Liebe. Niemand kann es nämlich verstehen außer der, dessen Verlangen sich auf die erhabene Liebe richtet. Wenn man jetzt zufällig auf solche Seelen träfe, dann könnten sie Euch, falls sie das wollten, darüber die Wahrheit sagen. Doch man sollte nicht meinen, dass sie ein jeder verstehen könnte. Einzig und allein der versteht sie, dessen Verlangen der erhabenen Liebe und der Nächstenliebe gilt.

Diese Gabe, so spricht die Liebe, wird manchmal für einen kurzen Augenblick nur verliehen. Wer sie empfangen hat, der möge sie bewahren, denn sie ist die vollkommenste Gabe Gottes für den Menschen. Eine solche Seele durchläuft die Schule der Gottheit selbst; das Tal der Demut und die Ebene der Wahrheit sind ihr Ort, und sie findet Ruhe auf dem Berg der Liebe.

10.
Wie die Liebe auf Verlangen der Vernunft dieser Seele zwölf Namen gibt, und zwar in Bezug auf den Stand der Tätigen

Die Vernunft: Nennt mir nun also, so spricht die Vernunft, diese Seele beim richtigen Namen und klärt die Menschen des tätigen Lebens ein wenig darüber auf.

Die Liebe: Mit den folgenden zwölf Namen spricht die Liebe, kann man sie bezeichnen.

Die überaus Wunderbare

Die Unerkannte

Die unschuldigste der Töchter Jerusalems

Das Fundament, auf dem die ganze Heilige Kirche ruht

Die durch Erkenntnis Erleuchtete

Diejenige, deren Zierde die Liebe ist

Die im Lobpreis Lebendige

Die aus Demut völlig Zunichtegewordene

Die durch den Willen Gottes im göttlichen Sein zur Ruhe Gekommene

Die nichts anderes will als den Willen Gottes

Die durch das Wirken der Dreieinigkeit in ihr von der göttlichen Güte Erfüllte und satt Gewordene, der es an nichts fehlt

Vergessen – das ist ihr letztendlicher Name.

Diese zwölf Namen sind es, die ihr die Liebe gibt.

Die reine Vornehmheit: Und ohne Zweifel wird sie zu Recht so genannt, spricht die reine Vornehmheit. Denn das sind die Namen, die ihr gebühren.

Die Vernunft: Ihr, Liebe, habt nun dieser Seele eine Vielzahl von Namen gegeben, und die Menschen des tätigen Lebens erfahren einiges dadurch, und wenn es bloß durch das Vernehmen dieser sehr erhabenen Namen ist, die Ihr aufgezählt habt.

11.
Wie die Liebe auf den Wunsch der Vernunft hin die Menschen des kontemplativen Lebens über diese Seele unterrichtet; sie erläutert dabei neun Punkte, die schon erwähnt wurden

Die Vernunft: Nun, Liebe, so spricht die Vernunft, bitte ich Euch, dass Ihr so freundlich seid und den Leuten des kontemplativen Lebens die bereits erwähnten neun Punkte in Bezug auf jene Seelen erläutert. Denn die Menschen des beschaulichen Lebens wollen stets fortschreiten in der Erkenntnis Gottes und im Verlangen der Liebe und darin auch verweilen. Legt also die neun Punkte für jene Seele dar, deren Verlangen sich auf die erhabene Liebe richtet, in der auch die Nächstenliebe ihre Wohnstatt hat in einem zunichte gewordenen Leben, durch das die Seele der lauteren Liebe ausgeliefert ist.

Die Liebe: Dann, so spricht die Liebe, zählt Ihr sie doch auf, Vernunft!

Die Vernunft: Der erste der von Euch angeführten Punkte lautet, so die Vernunft, dass man keine solche Seele finden kann.

Die Liebe: Genauso ist es, spricht die Liebe. Das muss man folgendermaßen verstehen: Eine solche Seele weiß von sich aus nur um eins: um die Wurzel aller Übel und um all die Sünden ohne Zahl, ohne Gewicht und ohne Maß. Doch die Sünde ist ein Nichts, und diese Seele ist völlig in Unruhe und Schrecken versetzt wegen ihrer abscheulichen Fehltritte, die doch nicht einmal nichts sind. Und in dieser Erkenntnis ist diese Seele, soweit es sie betrifft, weniger als nichts. Daraus kann die Schlussfolgerung gezogen werden, dass man diese Seele nicht finden kann. Denn eine solche Seele ist aus Demut völlig zunichte geworden, sodass ihrem eigenen, zutreffenden Urteil gemäß kein Mensch, der jemals eine Sünde begangen hat, so große Pein und unendliche Schande verdient hätte wie sie, selbst wenn Gott auch nur ein Tausendstel eines einzigen ihrer Fehltritte bestrafen würde. Einzig und allein eine solche Demut ist die wahre und vollkommene Demut in der zunichte gewordenen Seele.

Der zweite Punkt ist der, dass die Seele durch den Glauben ganz ohne Werke Rettung erlangt.

Die Vernunft: Um Gottes Willen, spricht die Vernunft, was soll das denn bedeuten?

Die Liebe: Das, so die Liebe, bedeutet Folgendes: Eine solche zunichte gewordene Seele ist innerlich durch die Tugend des Glaubens von so großer Erkenntnis erfüllt, dass sie mit den Glaubensdingen beschäftigt ist, die ihr die Macht des Vaters, die Weisheit des Sohnes und die Güte des Heiligen Geistes anvertraut haben. Dies nimmt sie so in Beschlag, dass nichts Geschaffenes in ihrem Gedächtnis Platz hat. Es muss sogleich dieser erwähnten Beschäftigung weichen, denn diese beansprucht das Fassungsvermögen der Seele voll und ganz. Dieser Seele ist es nicht mehr möglich, tätig zu wirken, und wenn sie ohne Werke glaubt, dass Gott gut ist und unser Fassungsvermögen übersteigt, dann ist sie genügend entschuldigt und gerechtfertigt. Sie erwirbt das Heil ohne Werke, denn der Glaube übertrifft ein jegliches Werk; so bezeugt es die Liebe selbst.12

Der dritte Punkt lautet: Sie hat einzig und allein in der Liebe Bestand.

Die Vernunft: Um Gottes Willen, Frau Liebe, was soll denn das bedeuten?

Die Liebe: Das, so die Liebe, bedeutet, dass diese Liebe bei keinem Geschöpf, weder im Himmel noch auf Erden, Trost, Zuneigung und Hoffnung findet, sondern allein in der Güte Gottes. Eine solche Seele bittet und bettelt nicht bei Geschaffenem. Wie ein Phoenix ist sie, der für sich bleibt, denn sie hat allein in der Liebe Bestand, und diese ist ihr genug.

Der vierte Punkt ist: Diese Seele tut nichts für Gott.

Die Vernunft: Bei Gott, spricht die Vernunft, was mag das heißen?

Die Liebe: Das heißt, so die Liebe, dass Gott mit dem Werk dieser Seele nichts zu schaffen hat und umgekehrt, dass sie sich nur um das kümmern muss, mit dem Gott zu tun hat. Sie macht nichts aus sich, sie lässt sich auf Gott ein, der sie mehr liebt, als die Seele sich selbst je lieben könnte. Ihr Glaube an Gott ist so groß, dass sie keine Angst davor hat, arm zu sein – ihr Freund ist ja reich. Der Glaube sagt ihr, dass sie Gott so finden wird, wie sie es hofft. Und im Glauben hofft sie, dass er ganz reich ist, und darum kann sie selbst arm bleiben.

Der fünfte Punkt besagt: Diese Seele versäumt es nicht, für Gott etwas zu tun, sofern sie es kann.

Die Vernunft: Liebe, um Gottes willen, was soll das bedeuten?

Die Liebe: Das heißt, spricht die Liebe, dass diese Seele nichts anderes tun kann als den Willen Gottes, und deshalb kann sie auch nichts anderes wollen. Daher versäumt sie es nicht, etwas für Gott zu tun. Denn von nichts, was gegen Gott stünde, lässt sie ihre Gedanken erfüllt sein, und deshalb versäumt sie nichts, was sie um seinetwillen tun könnte.

Der sechste Punkt lautet: Sie kann über nichts belehrt werden.

Die Vernunft: Um Gottes willen!, spricht die Vernunft. Was soll das heißen?

Das heißt, so spricht die Liebe: Diese Seele ist so standhaft, dass sie, selbst wenn sie über das Wissen aller Menschen verfügte, die es je gab, gibt und geben wird, dies als ein Nichts erachten würde im Vergleich zu dem, der sie liebt, der niemals erkannt wurde und niemals je erkannt werden wird. Diese Seele liebt mehr, was in Gott ist, was niemals hergegeben wurde oder jemals hergegeben wird, und nicht so sehr das, was sie hat und empfangen könnte, wenn es möglich wäre, alles Wissen aller Menschen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft insgesamt zu erwerben.

Die Seele: Und das, so spricht die Seele, ist noch gar nichts im Vergleich zu dem, wie es tatsächlich ist. Aber darüber kann man nichts sagen.

Die Vernunft: Um Gottes willen, Liebe, spricht die Vernunft, sagt mir, was das bedeuten soll!

Die Liebe: Was das bedeutet?, spricht die Liebe. Was könnte man ihr denn wegnehmen? Es steht fest: Nichts könnte man ihr nehmen. Wenn man ihr auch die Ehre, den Reichtum, die Freunde, ja selbst das Herz, Leib und Leben nähme, so nähme man ihr damit immer noch nichts, wenn nur Gott ihr bleibt. Daraus kann man ersehen, dass man ihr auch mit aller Gewalt nichts nehmen kann.

Der achte Punkt ist: Man kann ihr nichts geben.

Die Vernunft: Um Gottes willen, Liebe!, spricht die Vernunft. Was soll das bedeuten: Man kann ihr nichts geben?

Die Liebe: Was es bedeuten soll?, spricht die Liebe. Was sollte man ihr denn geben wollen? Wenn man ihr auch alles gäbe, was je gegeben wurde und in Zukunft noch gegeben wird, dann wäre dies nichts im Vergleich zu dem, was sie liebt und immerwährend lieben wird.

Dazu wirft die Seele ein: Wenn nicht Gott selbst, Frau Liebe, durch mich liebt und durch mich lieben wird immerdar.

Die Liebe: Mit Verlaub, spricht die Liebe. An diesem Punkt bin ich noch nicht.

Zu den Zuhörern gewandt spricht die Liebe: Wir meinen, Gott liebt das Mehr dieser Seele in sich selbst stärker als das ihr eigentümliche Weniger!

Doch die Seele wendet ein: Da gibt es kein Weniger. Nichts gibt es hier, außer dem Alles [zugleich]! Das kann ich gewiss behaupten, und ich sage damit die Wahrheit.

Die Liebe: Bei Weitem noch mehr als das behaupte ich, spricht die Liebe. Wenn nämlich die Seele alles Wissen, die Liebe und den Lobpreis hätte, der der göttlichen Dreieinigkeit jemals dargebracht wurde und noch dargebracht werden wird, dann wäre selbst dies noch nichts im Vergleich zu dem, was sie liebt und auf immer lieben wird. Diese Liebe wird sie auch niemals durch Erkenntnis erreichen!

Die Seele spricht zur Liebe: Mit Sicherheit nicht, du liebenswerte Liebe! Ich erreiche auch nicht das Mindeste ohne das Mehr meiner Liebe. Denn es gibt keinen anderen Gott als den, von dem man nichts in Vollkommenheit erkennen kann. Doch einzig und allein dieser ist mein Gott, über den man keine Aussage treffen kann und den selbst die Menschen im Paradies nicht in einem einzigen Punkt zutreffend aussagen können, wie viel Wissen von ihm sie auch erwerben mögen.13 Und dieses Mehr der Liebe beinhaltet auch die größtmögliche Abtötung der [auf mich selbst bezogenen] Liebe meines Geistes, und das macht die ganze Herrlichkeit der Liebe meiner Seele aus und wird sie ohne Ende ausmachen, so wie bei all denen, die sich je selbst verstanden haben.

Es fällt leicht, so spricht die Seele, diesen Punkt anzuhören, im Vergleich zu dem sehr viel größeren, von dem niemand spricht! Ich würde gern davon sprechen, aber ich weiß nicht, was ich darüber sagen soll. Und dennoch, Frau Liebe, – so fährt sie fort – meine Liebe hat eine solche Meinung, dass ich lieber unzulängliche Rede über Euch höre als dass man gar nicht von Euch spricht. Und ohne Zweifel tue ich gerade jetzt genau das: Ich spreche unzulänglich. Jede Aussage nämlich, die ich dazu treffe, ist nichts anderes, als unzulänglich zu reden von Eurer Güte. Doch was immer ich in unzulänglichen Worten von Euch reden mag: Ihr werdet Euch darauf verstehen, es mir zu vergeben! Denn, Herr, so spricht die Seele, derjenige spricht in rechter Weise unzulänglich über Euch, der ständig von Euch spricht, selbst wenn er nie und nimmer eine Aussage über Eure Güte treffen kann. Und genau das sage ich über mich selbst zu Euch: Ich höre nicht auf, über Euch zu reden, sei es, indem ich Fragen stelle, sei es durch Nachdenken. Oder ich höre mich um, ob mir jemand irgendetwas über Eure Güte sagen kann. Aber je mehr ich über Euch reden höre, umso mehr verblüfft mich das. Es wäre für mich natürlich auch eine große Kränkung, wenn man mir zu verstehen gäbe, dass man mich belehren kann. Denn diejenigen, die solches meinen, täuschen sich. Ich bin mir nämlich sicher, dass sich darüber keine Aussage treffen lässt. Und so Gott will werde ich nie zulassen, dass man mir Falsches als wahr beibringt. Und niemanden will ich Falsches über Eure göttliche Güte sagen hören. Die Absicht dieses Buches will ich zu Ende bringen. Die Liebe selbst ist die Herrin dieses Buches, und sie versicherte mir, dass ich damit all mein Tun vollende. Solange ich allerdings etwas von mir aus von der Liebe, wenn auch um ihretwillen, erbitte, werde ich [lediglich] bei mir sein im Leben des Geistes, im Schatten der Sonne, dort, wo man die erhabenen Vorstellungen um die Anziehungskraft der göttlichen Liebe und um die göttliche Zeugung nicht zu schauen vermag.

Aber was rede ich da!, spricht die Seele. Selbst wenn ich all das bereits hätte, wovon ich zuvor gesprochen habe, dann ist das ganz bestimmt noch gar nichts im Vergleich zu dem, was ich an ihm [an Gott] liebe. Dieses »Etwas« schenkt er niemandem außer sich selbst. Dieses »Etwas« muss er nach Maßgabe seiner eigenen göttlichen Gerechtigkeit für sich behalten. Und so sage ich – und es ist wahr –, dass man mir nichts schenken kann, was auch immer es sei. Aber diese Klage – so spricht die Seele –, die Ihr, Frau Vernunft, aus meinem Mund vernehmt, ist recht verstanden mein Alles und mein Bestes. Ach, wie süß ist das Wissen darum! Ich wünsche bei Gott, Ihr würdet es völlig begreifen! Denn das Paradies besteht aus nichts anderem als darin, dies zu verstehen.

Die Liebe: Der neunte Punkt – so spricht die Liebe –, Frau Vernunft, ist, dass die Seele überhaupt keinen Willen mehr besitzt.

Die Vernunft: Beim Gott der Liebe selbst!, spricht die Vernunft. Was redet Ihr denn da? Ihr behauptet tatsächlich, dass die Seele überhaupt keinen Willen mehr habe?

Die Liebe: Aber ganz gewiss hat sie keinen Willen mehr! Denn alles, was diese Seele willentlich bejaht, ist genau das, von dem Gott will, dass sie es will. Und sie will es eben darum, damit Gottes Wille erfüllt werde, und nicht hinsichtlich ihres eigenen Willens. Der Wille Gottes ist es, der es in ihr will. Die Schlussfolgerung daraus ist, dass diese Seele außer dem Willen Gottes überhaupt keinen Willen mehr hat. Und Gott bewirkt, dass sie all das will, was sie auch wollen soll.

12.
Über das rechte Verständnis dessen, was an manchen Stellen dieses Buches über die zunichte gewordene Seele geschrieben steht, die überhaupt keinen Willen mehr hat

Die Liebe: Gebt nun also Acht und begreift es wohl, ihr Hörer dieses Buches! Es geht um den wahren Sinn dessen, was dieses Buch an manchen Stellen behauptet, dass nämlich die zunichte gewordene Seele überhaupt keinen Willen hat, einen solchen auch nicht haben kann oder überhaupt haben können will. Und eben dadurch wird der Wille Gottes auf vollkommene Weise erfüllt. Und weiter: dass die Seele an der göttlichen Liebe nicht genug hat und umgekehrt die göttliche Liebe nicht an der Seele genug hat, solange die Seele nicht in Gott und Gott in der Seele ist, die von und durch ihn in einen solchen göttlichen Seinszustand versetzt wird. Und dann findet die Seele ihre völlige Befriedigung.

Das Fassungsvermögen der Vernunft14: Gewiss! Doch mir scheint, so spricht das Fassungsvermögen der Vernunft, dass der neunte Punkt das genaue Gegenteil behauptet! Denn er besagt ja, die zunichte gewordene Seele wolle nichts in Rücksicht auf das, was sie wollen wollte. Dieses Wollen aber kann sie gar nicht haben, weil Gott will, dass sie wolle, dass ihr eigenes Wollen nichts sei im Vergleich zu seinem Genugsein. Dieses [sich selbst] Genugsein wird er ihr jedoch niemals geben können.

Die Vernunft: Ich verstehe das folgendermaßen, spricht die Vernunft: Die Seele will wollen. Gott aber will, dass sie nur dieses Eine will, das sie nicht bekommen kann. Und deshalb leidet sie Mangel und findet keineswegs Befriedigung.

Das Fassungsvermögen der Vernunft: Mir kommt es vor, Frau Liebe, spricht das Fassungsvermögen der Vernunft – im Widerspruch zu diesem Buch –, dass der neunte Punkt folgendermaßen zu verstehen sei: Er behauptet als wahr, dass die frei gewordene Seele überhaupt keinen Willen mehr haben kann und auch nicht haben wollen kann. Und ebenso wolle auch die Einheit Gottes nicht, dass sie einen Willen habe. Und damit hat sie, wie es dieses Buch behauptet, in jeder Hinsicht vollkommen genug durch die göttliche Liebe.

Die Seele: Ach, Fassungsvermögen der Vernunft!, spricht die Seele. Was habt Ihr denn für Meinungen! Das Stroh ergreift Ihr, und das Korn lasst Ihr liegen! Euer Verständnis ist von allzu niedriger Art, und damit könnt Ihr dies nicht in der subtilen Weise verstehen, wie es der verstehen muss, der den Seinszustand, von dem wir reden, erkennen will. Aber die Erkenntnis der göttlichen Liebe, die in der frei gewordenen Seele bleibt, versteht dies ohne Schwierigkeiten. Denn sie befindet sich ja in diesem Zustand.

Ihre Hoheit, die Erkenntnis der Liebe: Nun, Fassungsvermögen der Vernunft, spricht Ihre Hoheit, die Erkenntnis der Liebe, erkennt doch, in welch grober Weise ihr dies missversteht! Wenn diese zunichte gewordene Seele den Willen Gottes will – und je mehr sie ihn will, umso mehr möchte sie ihn auch wollen –, dann kann das nicht aus dem niedrigen Zustand ihres Geschaffenseins kommen, denn Gott behält die Erhabenheit [nach der Maßgabe] seiner göttlichen Gerechtigkeit bei sich. Doch er will auch, dass sie dies will und ein Wollen danach hat. Und ein solcher Wille ist göttliches Wollen. Dieses Wollen ist es, wodurch die freie Kreatur ihr Sein erhält. Dieser göttliche Wille, durch den Gott das Wollen der Seele allererst möglich macht, erfüllt die Seele mit den Quellgründen der göttlichen Erkenntnis, mit dem innersten Mark der göttlichen Liebe und mit der Einheit im Lobpreis Gottes. Der eigene Wille der Seele aber behindert dies.

Die Liebe: Wie könnte die Seele also ein Wollen besitzen, da doch die klare Einsicht erkennt, dass es unter allen Seinszuständen einen gibt, – den erhabensten aller Seinszustände, der dem Geschöpf zukommen kann –, zu dem sie jedoch nur durch Nicht-Wollen gelangen kann?

Somit hat also die Vernunft – so spricht die Liebe – eine Antwort auf ihre Fragen erhalten, außer auf die, in der die Vernunft feststellt, die frei gewordene Seele empfinde einen Mangel, nämlich insofern sie das göttliche Wollen will, woran derjenige am wenigsten genug hat, der es am meisten will. Aber eben dieses Wollen ist das einzige Wollen Gottes und die Ehre der Seele.

13.
Inwiefern die Vernunft mit obiger Erklärung des Sachverhalts für die Kontemplativen und die Tätigen zufrieden ist. Sie verlangt jedoch noch eine Erklärung in Bezug auf die gewöhnlichen Leute 15

Die Vernunft: Ihr, Liebe, – so spricht die Vernunft – habt unsere Bitte erfüllt und uns die oben stehenden Dinge erläutert, insofern sie die Tätigen und die Kontemplativen betreffen. Doch ich bitte Euch nun darüber hinaus, diese Angelegenheiten auch im Hinblick auf die gewöhnlichen Leute darzulegen, von denen so mancher auch zufällig in diesen Zustand gelangen könnte. Denn es gibt in diesem Zusammenhang etliche mehrdeutige Worte, die ihr Fassungsvermögen übersteigen. Wenn Ihr sie aber erklärt, dann kann dieses Buch allen das Licht der Wahrheit und die Vollkommenheit der Liebe zeigen und deutlich machen, wer die sind, die Gott mit Bedacht auswählt, ruft und in höchstem Maße liebt.

Die Liebe: Wo, Vernunft, spricht die Liebe, sind denn diese mehrdeutigen Worte, die ihr mich zu analysieren und zu erklären bittet, und zwar für die, für welche Ihr so demütig bittet, und auch für die Hörer dieses Buches. Wir wollen es nennen: »Spiegel der einfachen, zunichte gewordenen Seelen, und die lediglich im Willen und im Verlangen der Liebe verbleiben.«16

Die Vernunft: Meine Antwort darauf, Frau Liebe – spricht die Vernunft – ist folgende: Dieses Buch hier sagt sehr Erstaunliches über die Seele, wenn es – und zwar im siebenten Kapitel – die Behauptung aufstellt, diese Seele kümmere sich nicht um Schande oder Ehre, Armut oder Reichtum, Wohlbefinden oder Missbehagen, Liebe oder Hass, Hölle oder Paradies, gleichzeitig aber behauptet, diese Seele habe alles und nichts zugleich, sie wisse alles und doch nichts, sie wolle alles und wolle doch nichts, wie es im neunten Kapitel erläutert wird. Und auf diese Weise, spricht die Vernunft, verlangt sie weder nach Verachtung noch nach Armut, weder nach Leid noch nach Unannehmlichkeiten, weder nach Messen noch nach Predigten, weder nach Fasten noch nach Gebet, und sie gesteht auch der Natur ohne Gewissensbisse zu, was diese begehrt. Liebe, spricht die Vernunft, solches kann nach den Maßstäben meines Erkennens niemand verstehen, außer er lernt es von Euch, wenn Ihr ihn unterrichtet. Denn meiner Auffassung, meiner Meinung und meinem Rat zufolge rate ich das, was man nur bei bestem Wissen und Gewissen raten kann, nämlich, dass man Verachtung, Armut und jegliche Bedrängnis sowie Messen, Predigten, Fasten und Gebet herbeisehnen soll und dass man jegliche Art von Liebe, wie immer diese auch sei, fürchten soll wegen der möglicherweise damit verbundenen Gefahr; und dass man Angst vor der Hölle empfinden soll, dass man jegliche Art von Ehre, alle zeitlichen Dinge und jegliches Wohlgefühl zurückweisen soll, indem man der Natur verweigert, wonach sie verlangt, außer gerade so viel, wie sie braucht, um überhaupt leben zu können, nach dem Beispiel der Qual und des Leidensweges unseres Herrn Jesus Christus. Das, so spricht die Vernunft, ist der beste Rat, den ich denen geben kann, die in ihrem Leben mir gehorchen. Und deshalb versichere ich allen, dass dieses Buch nach der Art meines Erkennens niemand versteht. Man muss es entsprechend der Tugend des Glaubens und der Kraft der Liebe verstehen, meinen beiden Lehrmeisterinnen. Ihnen ordne ich mich völlig in Gehorsam unter. Doch so viel will ich wenigstens noch dazu sagen, spricht die Vernunft: Jedem, der das Licht des Glaubens und die Kraft der Liebe als zwei Sehnen seines Bogens hat, ist es erlaubt, alles zu tun, was ihm gefällt. Das bezeugt die Liebe selbst, die zur Seele spricht: Meine Freundin, liebt, und tut, was Ihr wollt.17

Die Liebe: Vernunft, spricht die Liebe, Ihr seid sehr klug und innerhalb Eures Kompetenzbereichs sehr zuverlässig! Nun erwartet Ihr eine Antwort auf das, was Ihr eben gesagt habt. Und da Ihr mich gebeten habt, dazu das zu sagen, was zu sagen ist, möchte ich alle Eure Fragen beantworten. Ich, so spricht die Liebe, versichere Euch, Vernunft: Solche Seelen, in denen die erhabene Liebe ihre Wohnstatt hat, lieben gleichermaßen Schande wie Ehre ebenso wie Ehre und Schande, Armut wie Reichtum und umgekehrt, Bedrängnis von Gott und seinen Geschöpfen wie Trost von Gott und seinen Geschöpfen, Geliebtsein wie Gehasstwerden und umgekehrt, in der Hölle wie auch im Paradies sein, einen niedrigen oder hohen Seinszustand für sich selbst oder die Gefährten und umgekehrt. Und die Wahrheit weiß es genau: Wohlbefinden oder Widrigkeiten wollen sie weder noch verachten sie diese. Denn solche Seelen haben überhaupt keinen Willen mehr außer dem, was Gott in ihnen will. Der göttliche Wille aber bedenkt solch herausragende Geschöpfe nicht mit solchen Schwierigkeiten, wie wir sie eben erwähnt haben.

Ich habe, spricht die Liebe, zuvor gesagt, dass solche Seelen auch Kummer und Beschwernis der Seele oder des Leibes ebenso lieben wie Wohlbefinden und Wohlbefinden ebenso wie den Kummer. Und das gilt selbst dann, so die Liebe, wenn ihnen dies widerfährt, ohne dass der Grund dafür in ihrem Wollen läge. Und deshalb wissen diese Seelen überhaupt nicht, was für sie das Beste sei, und auch nicht, wie Gott ihr Heil und das Heil ihrer Nächsten wirken will. Und sie wissen auch nicht, unter welchen Umständen Gott Gerechtigkeit oder Barmherzigkeit walten lassen will oder bei welcher Gelegenheit Gott der Seele in der Güte seiner göttlichen Erhabenheit die übergroßen Gaben verleihen will. Und deshalb hat die freie Seele überhaupt keinen Willen, zu wollen oder nicht zu wollen, sondern einzig und allein den Willen, Gottes Willen zu wollen und in innerem Frieden das auf sich zu nehmen, was Gott verfügt.

Die Vernunft: Noch einmal, Frau Liebe, füge ich eine weitere Frage hinzu: Warum stellt dieses Buch die Behauptung auf, dass diese Seele alles und doch zugleich nichts habe?

Die Liebe: Das ist die Wahrheit, sagt die Liebe. Denn diese Seele hat Gott durch die Gnade Gottes, und wer Gott hat, der hat alles. Doch es heißt auch, dass da nichts sei, weil der Seele alles, was sie durch die Gabe der göttlichen Gnade in sich hat, als ein Nichts erscheint. Und es ist auch ein Nichts im Vergleich zu dem, was sie liebt und was in ihm [in Gott] ist, nämlich dieses »Etwas«, das er niemandem außer sich selbst gibt. So verstanden hat eine solche Seele alles und doch zugleich auch nichts, sie weiß alles und weiß doch nichts.

14.
In welcher Weise die Seele durch den Glauben von Gott weiß

Die Liebe: Durch die Tugend des Glaubens, so spricht die Liebe, weiß sie, dass Gott allmächtig, ganz Weisheit und vollkommene Güte ist und dass Gott Vater, wie auch der Sohn und der Heilige Geist, das Werk der Menschwerdung vollbrachte. So hat Gott Vater die menschliche Natur mit der Person seines Sohnes verbunden, der Sohn hat sie seiner eigenen Person beigegeben und Gott der Heilige Geist hat sie mit der Person des Sohnes Gottes verbunden. Demzufolge hat der Vater in sich eine einzige Natur, nämlich die göttliche, aber die Person des Sohnes vereinigt drei Naturen in sich, nämlich diejenige, die auch der Vater hat, und dazu noch die Natur der Seele und die des Leibes. Und doch ist er eine Person in der Dreieinigkeit. Und der Heilige Geist hat in sich die gleiche göttliche Natur wie der Vater und der Sohn. Dies zu glauben, auszusprechen und zu denken ist wahre Kontemplation. Es ist ein Können, ein Wissen und ein Wollen: der eine Gott in drei Personen, drei Personen, jedoch ein einziger Gott. Mittels seiner göttlichen Natur ist dieser Gott allgegenwärtig. Doch die Menschheit ist nur im Paradies und im Sakrament des Altares18 verherrlicht, mit der Person des Sohnes verbunden.

15.
Hier spricht sie vom heiligen Sakrament des Altares

Die Liebe: Diese Gottheit und diese Menschheit empfangen die Christen mit dem heiligen Sakrament des Altares. In welcher Weise diese Menschheit in ihnen bleibt, das lehrt der Glaube, und das wissen die Theologen.

Das Licht des Glaubens: Und deshalb, so spricht das Licht des Glaubens, sagen wir Euch, welchen Vergleich wir anstellen können, um dieses Sakrament besser zu verstehen.

Nehmt dieses Sakrament, tut es zusammen mit weiteren Zutaten in einen Mörser und zerstoßt es darin so lange, bis Ihr dessen Gestalt, die Ihr hineingetan habt, nicht mehr sehen oder schmecken könnt.

Der Glaube: Ich sage Euch in Wahrheit, spricht der Glaube, dass er [Jesus Christus] nicht mehr darin ist. Jetzt werdet Ihr fragen: Ist er denn zurückgekehrt?

Die Wahrheit: Gewiss nicht, spricht die Wahrheit. Er war da, aber nun ist er nicht mehr da. (Versteht dies der Vernunft gemäß, nicht nach menschlicher Art.) Nun könntet Ihr fragen, ob sie [die Gestalt] so wieder fortgegangen ist, wie sie gekommen ist. Ich sage Euch, so spricht die Wahrheit: Die Menschheit geht von Jesus Christus weder fort noch kommt sie zu ihm.

Die Versuchung: Aber wie kann das sein? spricht die Versuchung.

Die Wahrheit: Er war da, spricht die Wahrheit, als man ihn sehen und schmecken konnte. Und jetzt, da man ihn nicht mehr sehen und schmecken kann, ist er nicht mehr da. So hat es Gottes Macht verfügt. Und nicht einmal die Menschheit selbst, die ja im Sakrament des Altares gegenwärtig ist, erkennt sich selbst in anderer Erscheinungsweise. Auch die Engel, die Heiligen und die Jungfrau Maria sehen ihn nicht anders als wir. Und wenn sie ihn in genau derselben Erscheinungsweise sehen wie wir, dann aufgrund des geistigen Erkenntnisvermögens. Denn es steht denen, die bereits in die Herrlichkeit eingegangen sind, nicht zu, die verherrlichte Menschheit Jesu Christi im Altarsakrament zu sehen.

Die gläubige Seele: Und wir sehen ihn kraft des Glaubens, welcher unsere sinnliche Wahrnehmung zurückweist, die da nichts als Brot erkennen will und auch nichts anderes spürt, schmeckt und riecht. Unser Glaube erklärt alle unsere Sinne für nicht zuständig, da er unerschütterlich und ohne jeden Zweifel daran festhält, dass hier nicht die weiße Farbe, der Geruch und der Geschmack vorhanden sind, sondern dass der kostbare Leib Jesu Christi, wahrer Gott und wahrer Mensch, gegenwärtig ist. In dieser Weise sehen wir ihn jetzt im Glauben. Nicht so aber diejenigen, die bereits in die Herrlichkeit eingegangen sind. Denn Verherrlichte üben sich nicht in der Tugend des Glaubens, und aus diesem Grund sehen sie nicht so, wie wir dies tun. Die göttliche Dreieinigkeit hat das heilige Sakrament des Altares in diesem Seinszustand eingesetzt, um der Heiligen Kirche Sättigung, Nahrung und Kraft zu verleihen. Das ist der Sinn des Altarsakramentes gemäß dem weisen Ratschluss Gottes, spricht die im Glauben erleuchtete Seele, durch Gottes Macht in meinem Glauben.

Die Vornehmheit der Güte aus der Liebe: Wundert Euch nicht, spricht die Vornehmheit der Güte aus der Liebe, wenn wir Euch diese Dinge aus Liebe erklären. Ohne mir eine Rüge einzuhandeln darf ich Euch wohl sagen, dass niemand ein tiefes Fundament oder hohes Gebäude bekommt ohne die Schärfe des kräftigen natürlichen Sinnes und die Feinheit des Lichtes geistiger Einsicht. Doch darüber kann man nie zu viel in Erfahrung bringen, indem man nach dem Willen Gottes fragt. Denn das Verstandesvermögen, das erleuchtet, zeigt der Seele von Natur aus, was sie liebt. Und die Seele hat durch das Licht der Einsicht das Näherkommen und die Verbindung erreicht, und in der inneren Übereinstimmung des Einswerdens in überströmender Liebe hat sie auch jenen Seinszustand erreicht, auf den sie hingeordnet ist, um dort ihre Wohnstatt zu haben und Ruhe zu finden. Diese Seele hört gern auf die Erkenntnis und das Licht, die ihr Botschaften ihrer Liebe überbringen. Denn die Seele stammt aus der Liebe, und deshalb will sie wieder dorthin zurückkehren, um in der Liebe nur noch einen einzigen Willen zu haben. Dieser ist der einzige Wille dessen, den sie liebt.

16.
Hier antwortet die Liebe der Vernunft; es geht dabei um die Behauptung der Liebe, die Seele wisse alles und zugleich nichts

Die Liebe: Vernunft, spricht die Liebe, zu meiner Behauptung, die Seele wisse alles und auch nichts, sage ich Euch über das bisher Gesagte hinaus: Sie weiß kraft des Glaubens, was an Wissen für ihr Heil vonnöten ist. Sie weiß also nichts von dem, was Gott in sie von sich selbst für sie gelegt hat und was er niemandem außer ihr geben will. Also weiß diese Seele in dieser Erkenntnis alles und zugleich auch nichts.

Sie will alles und sie will auch nichts, spricht die Liebe. Denn diese Seele – so die Liebe – will den Willen Gottes in so vollkommener Weise, dass sie in ihrem Willen nichts weiß, nichts kann und nichts will als allein den Willen Gottes. So unerbittlich hält die Liebe sie gefangen.

Und sie will nichts, denn das, was sie will und was Gott in ihr will, ist so geringfügig im Vergleich zu dem, was sie zu wollen begehrt, was sie nicht bekommen kann, von dem Gott jedoch wollte, dass sie es will. Denn ihr Wollen ist ein Nichts im Vergleich zum Genugsein, das ihr niemals gegeben werden wird, nämlich dem Wollen des Wollens Gottes, wie bereits gesagt wurde.

Diese Tochter Zion19 begehrt weder Messen noch Predigten, weder Fasten noch Gebet.

Die Vernunft: Warum das denn, Frau Liebe?, spricht die Vernunft. Es ist doch die Nahrung für die heiligen Seelen!

Die Liebe: Das, sagt die Liebe, trifft auf die zu, die betteln! Doch diese Seele bettelt nicht, denn sie hat überhaupt kein Bedürfnis danach, etwas außerhalb ihrer selbst zu begehren. Gebt nun Acht, Vernunft!, spricht die Seele. Warum denn sollte diese Seele die erwähnten Dinge begehren, da doch Gott überall ist, ob nun mit oder ohne diese Dinge? Die Seele hat keinen Gedanken, kein Wort, kein Werk, nur das Wirken der Gnade aus der göttlichen Dreieinigkeit.

Diese Seele empfindet kein Missbehagen wegen ihrer vergangenen Sünden oder wegen des Leids, das Gott für sie auf sich genommen hat, und auch nicht wegen der Sünden und Fehler, denen ihre Nächsten immer noch verhaftet sind.

Die Vernunft: Bei Gott, Liebe!, spricht die Vernunft. Was soll das denn heißen? Sagt mir, wie ich das verstehen soll, nachdem Ihr mich auch im Hinblick auf meine anderen Fragen beruhigt habt.

Die Liebe: Das bedeutet, spricht die Liebe, dass diese Seele nicht bei sich ist, und darum kann sie auch kein Missbehagen empfinden. Ihr Denken wurde an einen friedlichen Ort gebracht, in die Dreieinigkeit nämlich. Und deshalb kann sie von dort nicht fortgehen und auch kein Missbehagen empfinden, solange ihr Freund in Wohlgefühl schwelgt.

Doch missfällt es ihrem Willen, so spricht die Liebe zur Vernunft, dass jemand der Sünde anheimfällt und dass überhaupt jemals gesündigt wurde, genauso wie es Gott missfällt. Gerade Gottes Missfallen ist es ja, das dieser Seele missfällt. Doch dessen ungeachtet hat die Dreieinigkeit aufgrund dieses Missfallens keine Spur von Missbehagen in sich, und aus diesem Grund empfindet auch die Seele keines, die ja in die Dreieinigkeit hineinversetzt ist. Wenn nun aber diese Seele, deren Wohnstatt so erhaben ist, ihren Nächsten zu Hilfe kommen könnte, würde sie ihrer Not mit all ihren Kräften Abhilfe schaffen. Doch die Gedanken einer solchen Seele sind so göttlich, dass sie niemals so sehr bei Vergangenem oder Geschaffenem verweilen könnte, dass sie ein Missbehagen empfinden könnte, denn Gott ist so gut, dass es jedes Verstehen übersteigt.

17.
Hier antwortet die Liebe der Vernunft; es geht dabei um die Behauptung der Liebe, diese Seelen gestehen der Natur das zu, was diese begehrt

Die Liebe: Diese Seele gesteht der Natur das zu, was diese von ihr begehrt. Doch es ist wahr, spricht die Liebe, dass diese Seele sich von der Liebe niemals so stark für zeitliche Angelegenheiten vereinnahmen lässt, dass sie davon profitieren könnte, wenn sie der Natur das vorenthielte, was diese begehrt. Sie müsste sich eher den Vorwurf machen, ihr das zu verwehren, was ihr gehört. Aber solche Menschen sind so überragend, dass niemand es wagte, sie offen darauf anzusprechen, insbesondere nicht auf ihren Lebenswandel. Dieser bereitet die Seele auf gute Einsicht vor. Es gibt jedoch nur wenige, die an solch guter Einsicht Gefallen finden.

Ich sagte eben, so spricht die Liebe, dass man es nicht wage, offen davon zu reden. Man soll das gewiss auch nicht tun, da die anderen Menschen nur über eine beschränkte Auffassungsgabe verfügen und es so missverstehen könnten, dass es schädlich für sie wäre.

Seelen, wie sie dieses Buch beschreibt, werden davon in ihrem Lebenswandel nicht beeinträchtigt. Aufgrund ihrer rechten Seinsweise, die rein und von göttlichem Sein ist, verfügen sie über eine solche innere Verfasstheit, dass sie sich – selbst wenn sie gar nichts hätten und ganz sicher wüssten, dass sie bis zum Jüngsten Tag leben müssten – um alles Gold der Welt nicht einmal eine Stunde lang Sorgen um etwas machen könnten, das ihnen fehlt, außer nur in dem Augenblick und kein bisschen länger, da die Natur das braucht, was ihr zukommt. Dann gibt sie ihr das, was ihr gehört.

Nur wenigen Menschen ist bekannt, wo solche Seelen überhaupt zu finden sind; doch es muss sie wohl geben aufgrund der aufrichtigen Güte der Liebe, damit sie den Glauben der Heiligen Kirche stützen. Wenn solche Seelen nun irgendeinen Besitz hätten und es wäre ihnen bekannt, dass andere diesen dringender bräuchten als sie selbst, dann würden sie ihn niemals für sich behalten, selbst wenn sie ganz sicher wüssten, dass auf Erden niemals mehr Brot, Getreide oder andere Nahrung gedeihen würden. Und das ist die Wahrheit, spricht die Liebe, keiner möge daran zweifeln! So ist ihre Natur, aus lauter Gerechtigkeit. Und eine solche Gerechtigkeit ist göttliche Gerechtigkeit, die dieser Seele gab, was ihr zukommt.

Das göttliche Recht: Das ist gerecht, so spricht das göttliche Recht. An ihr muss sich die ganze Gerechtigkeit erfüllen. Wenn sie aber das für sich behielte, was ihr Nächster braucht, würde sie behalten, was ihr gar nicht gehört. Dies entspricht dem vollkommenen Frieden der Nächstenliebe, aus dem heraus sie ganz lebt, denn das ist die Nahrung, die ihr gebührt.

Und deshalb: Warum sollten solche Seelen Gewissensbisse haben, wenn sie sich das nehmen, was ihnen nottut? Das würde für solche Seelen mangelnder Unschuld und einem Hindernis auf dem Weg zum Frieden gleichkommen, in dem diese Seele sich von allem ausruht. Wer hätte denn Gewissensbisse, wenn er von den vier Elementen das für sich beansprucht, was er braucht, wie zum Beispiel das Licht des Himmels, die Wärme des Feuers, den Tau und die Erde, die uns am Leben hält? Wir nehmen den Dienst der vier Elemente für uns in jeglicher Weise in Anspruch, in der die Natur sie braucht, ohne dass die Vernunft uns dies zum Vorwurf macht. Diese großzügigen Elemente wurden wie alles andere von Gott geschaffen. Und deshalb benutzen solche Seelen alle hergestellten und erschaffenen Dinge, je nach dem, wie die Natur sie braucht. Und sie tun dies in einem solchen inneren Frieden, wie sie ihn der Erde gegenüber hegen, auf der sie gehen.

Die Liebe: Sie verfügen über ein gutes Fundament, spricht die Liebe, und haben ein hohes Gebäude, durch das sie ohne Sorge um alle Dinge in Ruhe bleiben.

18.
Inwiefern solche Menschen sich nicht mehr darauf verstehen, von Gott zu sprechen

Die Seele: Solche Menschen verstehen sich nicht mehr darauf, von Gott zu sprechen. Denn genauso wenig wie sie sagen könnten, wo Gott ist, können sie sagen, wer er ist. Wer immer auch von Gott spräche, wann immer und wo immer er wollte, der sollte keine Zweifel daran haben, sondern ohne zu zweifeln wissen, spricht diese Seele, dass er noch niemals etwas vom wahren Innersten der göttlichen Liebe empfunden hat. Dieses entrückt die Seele unmerklich, mitten unter allen. Denn dieses wahre Innerste der vollkommenen göttlichen Liebe ist von jeder geschaffenen Materie frei und wird vom Schöpfer dem Geschöpf gegeben. Und die Gewohnheit solcher Seelen besteht darin, viel zu begreifen und völlig zu vergessen, wegen der erhabenen Feinheit des Geliebten.

Darmowy fragment się skończył.

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