Czytaj książkę: «Ich, eine schlechte Mutter»
Marguerite Andersen
Ich, eine schlechte Mutter Bekenntnisse
Aus dem Französischen von
Patricia Klobusiczky
Marguerite Andersen
Ich, eine schlechte Mutter
Bekenntnisse
Nous remercions le Conseil des arts du Canada de son soutien.
We acknowledge the support of the Canada Council for the Arts.
Der Verlag dankt dem Canada Council for the Arts für die freundliche Unterstützung.

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel La mauvaise mère. © 2013 Éditions Prise de parole, Subury
Erste Auflage
© 2020 by Secession Verlag für Literatur, Zürich
Alle Rechte vorbehalten
Übersetzung: Patricia Klobusiczky
Lektorat: Christian Ruzicska
Korrektorat: Peter Natter
www.secession-verlag.com
Gestaltung und Satz: Julie Heumüller, Berlin
ISBN 978-3-906910-90-1
eISBN 978-3-906910-91-8
DANKSAGUNG
Mein Dank gilt meinen Freundinnen aus dem Norden: Johanne Melançon, die mich zu einer ungewöhnlicheren Schreibweise ermutigt hat, einer Schreibweise, die sich vielleicht für Tagebücher eignet; Sylvie Lessard, die mich als PR-Fachfrau stets unterstützt hat; und vor allem denise truax, Verlegerin der Éditions Prise de parole, die das Werk vertrauensvoll angenommen und mit allergrößter Sorgfalt zur Veröffentlichung gebracht hat.
Zu guter Letzt gilt mein Dank all jenen, die meine Launen und mein Schweigen ertrugen, während ich an diesem für mich recht schwierigen Text arbeitete.
Für Jean-Jacques Rousseau, einen der allerersten Schriftsteller, der eine Autobiografie verfasste,
Die Bekenntnisse.
Mein Text, in weiblicher Form verfasst, folgt mehr oder weniger seinem Beispiel.

INHALTSVERZEICHNIS
Danksagung
Warum
Beschlossene Sache
Ein natürliches Hindernis
Hochzeit
Schröpfglas und Pferdeblut
Pressen Sie, Madame!
Zwischenspiel
Einsiedlerin
Die Liebe
Der Riegel
In der Herberge ist noch Platz
Gleich und anders
»AD INFINITUM«
Im Schatten des zweihornigen Berges
Herausforderungen
Die Sickergrube
Die Abendbäder
Gewalt
»ICH SUCHE NICHT – ICH FINDE«
Die Türen tun sich auf
Bergsteigen
Und wieder ein Verbot
Die geschlagene Frau
Das Alter der Vernunft
Die Leere
Die Abreise
Sprung ohne Wiederkehr
Das Gesetz
Drohungen
Manchmal, abends, reden sie vielleicht miteinander
1955
Es irgendwie schaffen
Berlin
Mit ihnen allein
Schon wieder auswandern?
Kanada muss warten
Unter dem Blick des Sohnes
Meine lieben Gewohnheiten
Schlaf
Sexualität
Katastrophe
Kanada?
Gander, Mai 1958
Montreal
Mittellose Einwanderer
Der Pakt
Verblüffende Gepflogenheiten und Gesetze
Drei tolle Streiche …
Im Stich gelassen
Zerstreuungen
Groß ist meine Hingabe
Die Abenteurer
Eine Ohrfeige
Meine Mutter siecht dahin
Unterwegs
1961, Addis Abeba
Das glückliche Leben
Die abgehackte Hand
Die Nacht
1963 wieder das Gleiche
Kostbare Schere
Allein
Sommer 1963
Am späten Abend
Clowns
Martins Abenteuer
Viel zu viel!
Die unachtsame Mutter
Die Mutter des Soldaten
Der Aufbruch des Soldaten
Hätte hätte …
Die Rückkehr des Kriegers
Im engsten Kreis
Der Ausflug
Zink in Flin Flon
Die Rückkehr des Reisenden
Alles ist gut
Nie habe ich gedacht, dass wir uns nicht liebten
Eines Tages
Die Frauen meiner Söhne
Unbeholfen verberge ich meine Bitterkeit
Die schreibende Mutter
Von den Söhnen zur Tochter
Nicht alles ist gut
Das Unaussprechliche
Die Mauer des Schweigens
Von Mauer zu Mauer
Da sind noch die anderen Generationen
Über sich selbst schreiben
Ein törichtes Unterfangen?
Gar nicht so leicht, dieses Über-sich-selbst-Schreiben
Aber was für ein Vergnügen
WARUM
– Aber nein, Marguerite, mach dir deswegen doch keine Sorgen. Warum soll es plötzlich heißen, wir hätten unter diesem … wie soll ich sagen … bewegten … Leben gelitten, das du uns beschert hast?
– Meinetwegen habt ihr in sechs Ländern gelebt, auf drei Kontinenten. Dir hat es ja gefallen …
– So haben wir was von der Welt gesehen.
– Seien wir doch ehrlich: Ab einem bestimmten Zeitpunkt habe ich euch im Stich gelassen. Zurückgelassen. Und ihr wart noch klein.
– Wir haben’s überlebt.
– Anderthalb Jahre. Ganze anderthalb Jahre waren wir getrennt.
– Stimmt. Aber du, eine schlechte Mutter?
– Michel, lass mich ausreden, damit ich es dir sage, es dir zeige, du wirst erkennen, dass ich recht habe, fall mir nicht ins Wort, ich habe das Bedürfnis, all meine Fehler zu bekennen, all das, was mir leidtut, genauer hinzusehen, durch dieses Nadelöhr muss ich durch, danach reden wir nie wieder darüber, versprochen. Ich weiß, ihr würdet gern glauben, dass das Leben immer heiter ist, die Kernfamilie, wie es so schön heißt, immer glücklich, die Kinder intelligent und gesund, die Welt beinahe vollkommen … und dass alle Mütter gute Mütter sind …
– Mach mal bitte halblang!
– Wie könnt ihr so was glauben, wenn ihr doch genau wisst, dass dem nicht immer so ist?
– Was willst du denn hören? Martin hat es unbeschadet überstanden, er macht keinen leidenden Eindruck, die Kleine auch nicht, und für mich gilt das Gleiche. Wir werfen dir nichts vor.
– Da habe ich ja Glück …
– Wir respektieren dich.
– Das weiß ich. Aber ich werfe mir meine Fehler vor.
– Jeder macht Fehler.
– Sicher. Aber die Fehler einer Mutter … Ab einem bestimmten Zeitpunkt habe ich euch allein gelassen.
– Hör mal, Mama … In deinem Alter …
– Eben. Bevor ich für immer die Augen schließe, wie es so schön heißt, muss ich …
– Was? Musst du dich quälen?
– Muss ich Bilanz ziehen, ehrlich, ganz ungeschönt.
– Wozu?
– Damit alles etwas klarer wird.
– Aber du hast uns doch nicht misshandelt!
– Bloß vernachlässigt, schikaniert, manchmal sogar ignoriert … Vor allem Martin …
– Warum?
– Er war schwieriger …
– Als ich? Wirklich?
– Ja. Aber das ist nicht weiter wichtig.
– Worum geht es eigentlich?
– Es beginnt mit Martin, 1945 gezeugt, ein Prachtfrühling in diesem Jahr, Hitler ist tot, der Krieg vorbei, die Welt jubelt, die Freiheit ist zum Greifen nah.
– Du immer mit deinen alten Geschichten …
– Diesmal halte ich mich nicht mit historischen Details auf. Es geht um mehr oder weniger klare Gefühle, um simpelste Fakten. Ausgewählt wird immer das Eindrücklichste. Als würde ich mir Notizen machen. Poesie und Prosa … Mit oder ohne Zeichensetzung …
– … eine Stilübung?
– Auf keinen Fall!
– Eine neue Methode der Selbstfolter?
– Auch nicht.
– Was dann?
– Eher eine Art von Suche … Wie all meine Bücher. Wie viele Bücher.
– Suche nach Transparenz1?
– Ein Tasten … Worte, die fehlen … Worte, die ungesagt blieben …
– Zögerst du noch?
– Hör zu, mein Sohn: Danke, aber jetzt geh nach Hause! Ich muss mich ransetzen. Allein!
1So, wie Jean Starobinski den Begriff geprägt hat, der in Rousseau: eine Welt von Widerständen (OA 1957) Rousseaus Suche nach Transparenz Etappe für Etappe nachverfolgt.
Ich habe mir immer gelobt nicht zu sterben ohne vollbracht zu haben, was ich Andern anrieth: eine aufrichtige Erforschung des eignen Wesens und eine aufmerksame Prüfung des eignen Daseins. George Sand2
2Geschichte meines Lebens, übersetzt von Claire Glümer. [A. d. Ü.]
BESCHLOSSENE SACHE
Herbst 1943. Berlin.
Ich bin acht, als Hitler die Macht ergreift, mein Vater seiner Ämter enthoben, fünfzehn, als der Zweite Weltkrieg erklärt wird. Ich schließe gerade die Oberstufe ab, habe vor, französische Sprache und Literatur zu studieren, als sich die Tore der Philologischen Fakultät schließen. Zum Kriegsdienst verdonnert, katalogisiere ich den lieben langen Tag unzählige Röntgenaufnahmen von Studentenlungen in einem Büro der Berliner Universität.
Das war nicht lustig.
Die Hauptstadt unterm Bombenhagel
Dreitausend Tote in zwei Nächten
vom 18. zum 19. und vom 22. zum 23. November 1943
Brände
Ruinen
Asche überall
am Boden
in der Lunge
Zerfetzte Körper, die man wegbringt
verscharrt
vergisst
schnell
ergreife ich die Flucht
setze den unvermeidlichen Kriegsdienst
im Kinderhort eines österreichischen Dorfes fort.

Frühling 1945. Schwarzenberg, Österreich.
Vorbei, der Krieg. Im Radio wird verkündet, der Führer sei tot. Gut so.
Heimkehren. Heimkehren nach Berlin.
Zu uns.
Drei Frauen, zwei Kinder: meine Mutter, meine Schwester Christa mit ihren beiden Kleinen, ich. Es soll Züge geben.
Vollgestopft mit heimkehrenden Frauen. Frauen, die von ihrem Unglück erzählen werden, ohne damit aufhören zu können, müde Kinder, ungeduldig, mangelernährt, lauthals brüllend.
WCs, deren Türen kaum schließen oder sogar weit offenstehen, stinkend nach abgestandenem Urin, Erbrochenem, billigem Desinfektionsmittel.
Sich durch Schweigen wappnen.
Nichts eindringen lassen.
Sich mit einem Platz im Gang begnügen, auf seinen Koffer setzen.
Mein Koffer, meine Mutter, meine Schwester, mein Neffe, meine Nichte.
Der Vater in Berlin.
Das Haus – steht noch.
Die Familie. Ein Leben, wie es sich gehört.
Wie es sich gehört?
Stehende Wendung, die neu bestimmt werden muss.
Denn nichts gehört sich mehr
nichts ist mehr wie früher.
Da gab es die Vernichtung von sechs Millionen Menschen, verdinglicht, ermordet, stets gegenwärtig, vor unseren grauen Gesichtern, unseren gesenkten Augen.
Die Scham.
Angst, deutsches Wort, denkt man dran, beißt man die Zähne zusammen.
Ich selbst bin feige. Ich bin zwanzig und will leben.
Ohne Angst, ohne Scham, ohne Hunger oder Durst.
Dem Elend den Rücken zukehren.
Warten.
Beim Warten
eine andere Sprache sprechen
lachen
mich lösen.
Mit dem französischen Geliebten in der schönen Wohnung leben, die von der Armee beschlagnahmt wurde.
Es wird noch andere Züge geben.

Der französische Geliebte erzählt von Tunis, wo er geboren wurde. Wohin er heimkehren wird.
Ob das eine Einladung ist? Nordafrika, die Ehe, ein Tor zur Freiheit?
Ich spüre, wie mir Flügel wachsen.
EIN NATÜRLICHES HINDERNIS
Oktober. Keine Regel. Kein einziger Tropfen Blut.
Übelkeit. Abends gehe ich auf einmal früh ins Bett.
Die Brüste schmerzen. Ich bin wohl schwanger.
Schwanger? Bin ich schwanger? Einfach so, aus heiterem Himmel?
Nackt vor dem großen Spiegel im Schlafzimmer, nehme ich mich in Augenschein. Von vorne, von der Seite. Der Bauch ist etwas schlaff. Immer noch derselbe? Ja? Nein! Mein Leben ist anders. Ich bin anders. Mit einem Bauch befrachtet, der sich schwer anfühlt.
Wo ist der geflügelte Traum von gestern hin?
Ich bin nicht mehr diejenige, die aufbricht. Ich bin Teil eines Wirs, die wir zusammen aufbrechen … wohin, wozu?
Ein Kind … Will ich es? Will es der Mann, der Geliebte?
Haben wir, und sei’s nur flüchtig, daran gedacht, bei der Liebe?
Haben wir auch nur darüber geredet?
Ist mir das wirklich passiert?
Ein Kind. Sollte ich mich nicht freuen?
Es gar nicht erwarten können? Es zu bekommen? Es zu sehen? Zu berühren? Ein Name … Ein Bild … Erika …
Entfernte Kusine. Familiengeheimnis. Sie soll sich eines Kindes entledigt haben. Mit Hilfe eines Arztes. Danach soll sie geweint haben, am Ostseestrand. Das Kind begraben …
Die Tränen im Sand …
Das Kind des Zufalls, ein Unfall, Schicksal.
Unerwartet.
Ein Arzt, ich brauche einen Arzt, brauche Gewissheit.
Er soll mir sagen, ob ich wirklich schwanger bin.
– Eindeutig, meine Dame.
Bin ich nicht zu jung für diese Bezeichnung? Ich erwarte, dass er mich berät, dieser Mann in Weiß. Dass er mir die Frage an den Augen abliest.
Schließlich sagt er zu mir, ja, in diesen schwierigen Zeiten könnte man vielleicht eine Abtreibung vornehmen …
Weil das aber gesetzeswidrig sei, müsste die Ausschabung ohne Narkose erfolgen …
– Und falls es dann zu Komplikationen kommt … Wären die Schmerzen unerträglich, verstehen Sie?
Sag mir, Arzt, würdest du das deiner Frau antun?
Meine Frage bringt ihn in Bedrängnis.
– Nein, auf keinen Fall, niemals!
Ich habe Angst vor dem Messer im Leib. In meinem, nicht dem des Kindes.
Ich stehe wieder auf. Ziehe den Schlüpfer wieder an. Meine Schuhe.
Was soll’s. Das Kind des Zufalls wird mein Kind werden.
Ich werde uns schon zu helfen wissen.
HOCHZEIT
Es ist Januar, das Meer aufgewühlt.
Das Schiff schaukelt, alles schwankt um mich herum, ich erbreche, links, rechts, in meiner Koje, auf meine Kleider, im Klo, über Bord, ich übergebe meinen Mageninhalt, alles, bis auf den letzten Tropfen, und dann fängt alles wieder von vorn an. Liegt es daran, dass ich schwanger oder dass ich seekrank bin, ist es Angst vor dem, was ich in Angriff nehme? So oder so werde ich niemals diese jämmerliche Überquerung eines grauen, wintrigen Mittelmeers vergessen.
Hätte es nicht blau sein müssen, dieses Meer? Glücklich, ich? Die Stadt.
Tunis.
Warum ist die Luft so unbewegt, so grau?
Wo ist denn die Sonne?
Der Geliebte hat beim Rathaus das standesamtliche Aufgebot bestellt. Auf dass es alle zur Kenntnis nehmen.
So will es der Brauch. Das Gesetz. Die Welt hat zehn Tage Zeit, um Widerspruch einzulegen. Die Welt? Wer hätte einen Grund, wer ein Wörtchen mitzureden, wer einen Rat zu erteilen? Niemand.
Ich bin die Fremde in der Fremde, ich werde Ja sagen, eine Urkunde unterschreiben, einen anderen Namen tragen.
Der Geliebte hat sich auch verändert. Er ist nicht mehr der stolze Eroberer, der fröhliche Befreier meines Landes, er ist wieder der gleiche Beamte wie in seinem Leben vor dem Krieg.
Muss ich ihn heiraten?
Just, als ich die paar Stufen zur Tür des Rathauses hinaufgehe, wird mir mein Irrtum bewusst.
Heiraten, ich?
Mein Leben Tag und Nacht mit einem anderen teilen?
Wegen eines Kindes?
Wehr dich, Marguerite, ruf Halt, erkläre, dass du nicht heiraten wirst! Nicht heute, nicht ihn, und wenn du noch so schwanger bist, nein, du willst nicht heiraten … Du bist stark, du wirst allein zurechtkommen … Sag dem Mann und seinen beiden Trauzeugen, wir müssen umkehren, irgendwo ein Gläschen trinken, hier, in dieser Bar an der Ecke, und in Ruhe über alles reden. Sonnenkerne knabbern …
Ich gehe durch die Tür.
Habe ich das Recht, dem Kind seinen Vater vorzuenthalten?
Ob diese Frage sentimental ist?
Wer wird mir Antwort geben?
Das Kind kann sich nicht äußern.
Wer versteht die Sprache von Faustschlägen oder Fußtritten gegen die Gebärmutterwand?
Ein paar Sekunden lang
fern von meiner Familie
von allen, die ich wirklich kenne
allein
schwanger
durch meine Natur und meine Taten gezwungen, ein Kind im Werden zu bergen
bin ich verwirrt.
Was würde der Standesbeamte mit seiner unverhofften Freistunde anfangen, in seinem trostlosen Büro, in das die Sekretärin vielleicht noch einen Strauß aus blauen, weißen und roten Anemonen stellen wird, um die Zeremonie aufzuheitern?
Und ich? Was würde ich tun?
Das Meer, Europa, Berlin …
Da wird mir schwindlig
ich weiß nicht wohin.
Ich würde gern laut verkünden, das Aufgebot gehöre annulliert, getilgt, vergessen
ich sei keine glückliche Verlobte, keine Frau, die man heiratet, keine Mutter, die bereit ist, ein Kind aufzuziehen.
Ich würde mich gern setzen, hier,
auf dieser grauen Bank
in diesem Flur
mich ganz und gar ausweinen.
Liege ich falsch, liege ich richtig?
Wer wird es mir sagen?
Die Wörter wirbeln in meinem Kopf:
Affentheater, Farce, Unsinn …
Ich betrete das Büro, in dem die Ehe geschlossen werden wird.
Der vermeintliche Ausgang führt in ein schwieriges Leben.
SCHRÖPFGLAS UND PFERDEBLUT
Sie hieß Clémentine. Eine Korsin, in Schwarz gekleidete Witwe, klein, stolz, Postangestellte, energisch und dünnhäutig.
Alt, wie mir schien.
Sie brachte ihren Sohn Jean und mich, die schwangere Schwiegertochter, in ihrer Wohnung in der Rue de Bretagne Nr. 43 unter, klein, beengt, mit abgenutzten Möbeln aus lackiertem Holz.
Morgens reicht mir Clémentine ein Glas Pferdeblut, gut für die werdende Mutter, sobald ich huste – nur ein ganz klein wenig, während dieses verregneten Frühlings –, bietet sie an, mich zu schröpfen. Um sie nicht zu kränken, lasse ich sie machen.
Sie hingegen macht sich über mein Verlangen nach heißen Bädern lustig:
– Also wirklich, Marguerite, Sie haben sich an Luxus und Verschwendung gewöhnt!
Ich mag es nicht, wenn man mich ein verzogenes Kind nennt.
Meine Eltern zählten niemals zu den Reichen.
Ich halte etwas Abstand. Bemühe mich, nicht zu viel Platz einzunehmen. Lächle höflich. Schweige.
Schweige auch dann, als die alte Frau mit einem lebenden, an den Beinen gefesselten Huhn vom Markt zurückkommt, Anstalten macht, dem sichtlich nervösen Vogel die Kehle durchzuschneiden, mich bittet, den Teller voller fein gehackter Zwiebeln zu halten, um das Blut aufzufangen:
– Das gibt einen feinen Braten!
Schweige immer noch, als Mutter und Sohn über das enthauptete Tier lachen, das in der engen Küche hin und her rennt.
– Fang’s doch ein, ruft mir der Sohn zu.
Ich lächle nicht mehr.
Nein! Nicht dass mir die Worte fehlten.
Ich habe Angst, das, was ich sagen möchte, herauszuschreien.
Durch das Meer von allem getrennt, was ich kenne,
fürchte ich die unbekannte Zukunft
den Mann, von dem jetzt
mein tägliches Leben abhängt
die alte Frau, über die er zu mir sagt,
sie könne in Rage geraten, »wenn es sie überkommt«.
Es – was soll das sein?
Das Kind wird in meine Ungewissheit hineingeboren werden.
PRESSEN SIE, MADAME!
Juni 1946. Ich liege auf einem gynäkologischen Tisch im Kreißsaal der Klinik Saint-Augustin, jenes Heiligen, der die Frauen für ewig gesegnet hielt.
Um mich herum ist alles weiß:
die Wände
die Decken
die Türen
die Rahmen der Fenster und ihre Vorhänge
die Betten und ihre Laken
die Tracht der Nonnen
Krankenschwestern und Hebammen
alles strahlend weiß
das OP-Besteck aus Edelstahl klirrt.
Mir ist kalt.
Die Hebamme hält meine Hand, der Geburtshelfer lässt sich auf einem Hocker zwischen meinen Beinen nieder, die an Steigbügeln befestigt sind.
Ich bin die Gebärende.
– Pressen Sie, Madame, sagt die Hebamme, pressen Sie!
Was denn pressen?
Niemand hat mir den Mechanismus der Niederkunft erklärt. Wehen, Dehnung, Austreibung, Nachgeburt …
Ich habe davon keine Ahnung.
– Pressen, pressen!
Ich würde gern schlafen.
Aber schon gleitet das Kind aus mir heraus, ich höre es schreien. Man trennt die Nabelschnur durch, wiegt das Neugeborene, säubert es von allen möglichen schleimigen Substanzen, wickelt es, legt es mir in den Arm und verkündet, es sei ein Junge, nimmt es mir wieder weg, legt es in ein weißes Bettchen. Der Arme. Ob ihm von diesem ganzen Hokuspokus schwindlig wird?
– Alles in Ordnung, Madame, sagt der Arzt, bevor er geht.
Nun bin ich allein, in einem Zimmer, in einem Bett. Ich fühle mich leicht, in meinem Bauch steckt niemand anderes mehr. Neun Monate sind verstrichen. Mein Körper gehört wieder ganz mir selbst.
Aber bin ich wirklich allein?
Nein.
Neben meinem Bett ist ein Bettchen, ein Baby, ein Kind, mein Kind, mein Sohn.
Ich setze mich auf, beuge mich leicht über das Nachbarbett, betrachte das kleine Männlein, das aus mir hervorgekommen ist.
So ist das also, ein Kind zu haben?
Schwarzer Schopf. Das Gesicht etwas rötlich. Er ruht sich aus.
Atmet. Schläft. Wovon träumt er?
Kann er schon träumen?
Ich berühre seine Finger.
Er nimmt von mir keine Kenntnis.
Ich war vierzehn, als Christa ihr erstes Kind bekam, ich habe gesehen, wie sie es versorgt hat, ich werde meins auch versorgen können. Eine Zeitlang. Ein paar Jahre lang. Zwanzig?
Lange, so viel ist klar.
Eindeutig, meine Dame.
Jetzt bin ich Mutter. Endgültig. Unwiderruflich Mutter, ein Leben lang.
Eine Art nie gekannter Sanftmut kommt in mir auf.
Dabei habe ich Angst, ihn zu berühren.
Angst und Lust. Angst, ihm weh zu tun, Lust, ihn kennenzulernen.
Ich habe es ja nicht eilig. Wir haben Zeit. Er und ich.
Wir werden gemeinsam leben.
Ich drehe den Kopf zum Fenster.
Alleen, Zierbecken, Rasenflächen. Der Belvédère-Park.
Pinien, niedrige Palmen, hohe Palmen, Eukalyptus, überall Blumen, dicke Büschel von scharlachroten Bougainvilleen und rosa Oleander. Hügel in der Ferne. Der Himmel noch blau. Bald bricht die Nacht mit ihren Sternen herein … Schlafen.
Ich weiß gar nicht, was mich erwartet: ein mühsames Leben in einer Sprache, die noch nicht die meine ist, in einem Umfeld von Kolonialherrschaft, in einem Land, das sich durch seine blendend weiße Architektur auszeichnet, hervorgehoben vom Blau der Nageltüren und der Maschrabiyya aus himmelfarbenem Schmiedeeisen. Ein Land, das ich mangels Zeit und Geld nicht erkunden werde, nein, ich muss mich um das Kind kümmern, den Haushalt, die Wäsche, sie auf der Terrasse aufhängen, unter dem immerblauen Himmel, mich kurz an den Ausblick auf die weiße Stadt erfreuen, schnell wieder runtergehen, zum Markt im Zentrum eilen, während der Kleine schläft, die Fülle an Obst und Gemüse bewundern, davon das billigste kaufen, mit einem voll beladenen Korb heimeilen, das Mittagessen zubereiten und es dem Mann servieren, der aus dem Büro gekommen ist, das Geschirr spülen, dem Kind die Windel wechseln, es ins Bett bringen, mit dem Mann Mittagsschlaf halten, die Wäsche holen, die Hemden dieses Mannes bügeln, zwei pro Tag, mit Metalleisen, die auf dem Gasherd angewärmt werden, wieder und immer wieder dem Kind die Windeln wechseln, es im Kinderwagen spazieren fahren, es entlang der Avenue Jules-Ferry schieben, die bei der Befreiung zur Avenue Habib-Bourguiba werden wird, bis zum herrlichen Grünstreifen, der den Blumenhändlern vorbehalten ist – mir kauft keiner Blumen –, zügig nach Hause zurückkehren, das Abendessen zubereiten und servieren, das Geschirr spülen, es einräumen, das Kind ins Bett bringen, müde einschlafen, nach der Liebe, auf die ich oft keine Lust habe, morgens aufstehen, voller Energie, das ja, aber überfordert angesichts der vielen alltäglichen Pflichten. Kurzum, ich werde mir meinen Tagesablauf von anderen diktieren lassen müssen, von meiner Familie, von den gesellschaftlichen Gepflogenheiten.

An einem Vormittag von fünf Stunden macht sie den Kindern Frühstück, sie wäscht sie, sie kleidet sie an, putzt das Haus, macht die Betten, wäscht sich selbst, kleidet sich an, geht einkaufen, kocht, deckt den Tisch, verpflegt die Kinder in zwanzig Minuten, schreit sie an, bringt sie in die Schule zurück, spült das Geschirr, macht Wäsche und den Rest, den Rest. Gegen halb vier vielleicht kommt sie für eine halbe Stunde dazu, Zeitung zu lesen. Marguerite Duras3
3Das tägliche Leben, übersetzt von Ilma Rakusa. Frankfurt am Main, 1988. [A. d. Ü.]
ZWISCHENSPIEL
Nach der Geburt bieten uns korsische Cousins im Aufbruch für einen Sommer auf der Heimatinsel ihre Wohnung an.
Eine dunkle Rumpelkammer, ohne jede Farbe, mit Möbeln überladen, Spiegelschränken, Geschirrschränken, breiten Polstersesseln, Teppichen, Doppelgardinen, Nippes ohne Ende.
Ich kann kaum atmen.
Sobald das Licht aus ist, macht Martin sich bemerkbar. Schreit, brüllt, wie nur Babys es können. Summen, Streicheln, Fläschchen mit leicht gezuckertem Wasser … nichts hilft.
Er hat Angst, denke ich, es ist seine erste Nacht in der richtigen Welt.
Der Vater schlägt vor, ihn aus dem Fenster zu werfen.
Ernste Drohung oder plumper Scherz?
Instinktiv richten sich die dreiunddreißig Wirbel meines Rückgrats auf, ein Strom von Energie strafft mir die Schultern.
Ich bin die Mutter, die ihr Kind beschützt.
Ich schiebe das Weidenbettchen in ein anderes Zimmer, setze mich daneben, lasse ein Licht brennen, wiege meinen Sohn in der Hoffnung, ihn alle Feindseligkeit vergessen zu machen.
Und dann sehe ich sie: eine ganze Armee von winzigen Tierchen, die an den Laken entlang auf seine rosige Haut zukriechen …
Ich fange sie ein, zerquetsche sie.
Am Morgen lacht der Vater.
– Wanzen, sagt er.
Ich gerate in Panik, verlange eine Erklärung, sofortige Abhilfe. Er soll gefälligst etwas unternehmen, verdammt.
Er zuckt mit den Schultern, geht zur Arbeit.
Wie wird man Wanzen los, die das Blut eines Neugeborenen saugen?
Ob es am Stress liegt? Nach ein paar Tagen werde ich krank.
Wir rufen den Arzt, dem eine praktische Lösung einfällt:
– Fünfzehn Tage Erholung in einer Klinik, für Mutter und Sohn! In der Zwischenzeit sollten Sie sich um eine Wohnung ohne Ungeziefer bemühen, Monsieur!
Rückkehr zu den lächelnden Schwestern, den wanzenfreien Betten, zur Ruhe, in ein lichtes Zimmer ohne überflüssige Ausstattung und anderen Firlefanz.
EINSIEDLERIN
Eine Sozialwohnung am Ende der Avenue Jules-Ferry.
Von meinem Küchenfenster aus erhasche ich, wenn ich mir den Hals verrenke, einen Zipfel des Mittelmeers.
Ich wende mich dem Innenraum zu. Ich beobachte meinen Sohn. Ich gehe sanft mit ihm um. Das ist nur natürlich, ganz natürlich, das versteht sich von selbst, das ist selbstverständlich.
Es heißt, die Mutterliebe setze ein, wenn die Milch einschießt. Dabei füttere ich Martin mit dem Fläschchen …
Buttermilchpulver von Nestlé, mit abgekochtem Wasser angerührt, wie vom Kinderarzt vorgeschrieben. Wie von der Gebrauchsanweisung angeregt, die an der gelben Dose klebt.
Meine Milch schießt nicht ein.
Ich gebe meinem Kind nicht die Brust.
Hat man mir dazu geraten? Hat man mir davon abgeraten?
Habe ich Angst vor einer solchen Nähe?
Stillen war damals nicht in Mode.
Man hat es mir gegenüber nicht einmal erwähnt.
Ob meine Brust ihm fehlt?
Ist er nicht zufrieden?
Praktisch jeden Tag stelle ich seine Fortschritte fest: Ach, jetzt lächelt er, hör doch, wie er brabbelt; sieh an, er lutscht am Daumen; man könnte meinen, er folgt mir mit seinem Blick, ich gebe ihm die Rassel, er nimmt und schüttelt sie, er ist von seinen Händen fasziniert, er ahmt meine Laute nach, dreht sich um; ah, er möchte sich setzen; und hier ist schon sein erster Zahn, darum hat er gestern so viel geweint.
Es gibt keine zartere Haut als seine.
Ich singe ihm das Lied von den Händen vor, die so und so machen, ainsi font, font, font …
Und da lacht er, da krabbelt er, sieh doch, er versucht auf zustehen, hält sich beim Gehen fest …
In meinen Augen ist er vollkommen.
Tag und Nacht
sind wir zusammen
der Innenraum ist unsere Welt
wir gehören einander.
Für mich zählt allein das Kind.
Ob das Mutterliebe ist?
DIE LIEBE
Und die andere Liebe? Die große Liebe, von der die Dichter sprechen? Die ich für meinen Ehemann empfinden sollte, den Mann meines Lebens?
Nichts dergleichen hege ich heute. Auch nicht gestern.
Dabei hatte es früher doch Lust gegeben, zwischen uns?
Die Liebe ist zu einem Akt geworden, der am späten Abend vollzogen werden muss, um den Tag zu beschließen, die Nacht zu eröffnen.
Ein vorausgeplantes Dessert, schreibt Flaubert, nach der Eintönigkeit des Abendessens.
Lähmende Routine.
Allgegenwärtiger Dauerfrost.
Ob mein Sohn wohl auch friert?
In dieser Wohnung am Hafen beugt sich der Mann zu mir, küsst mich. Spürt er denn nicht, dass ich mich kaum rege? Nein, er setzt seine Annäherungen fort, und ich will ihm nicht sagen, dass es mich leider kalt lässt. Ich will ihn nicht kränken, seine Verachtung auf mich ziehen, seinen Ekel, seine Übellaunigkeit.
Der Mann dringt schließlich in mich ein, und ich reagiere so gut wie gar nicht.
Langeweile befällt mich.
Jeden Abend sehe ich der Nacht bang entgegen, dem Mann, der glaubt, er dürfe mich einfach nehmen, wenn ihm danach ist. Ich will nur schlafen. Nicht gestört werden. Mich in den Schlaf fallen lassen, den bewegungslosen, und, wenn es sein muss, sogar traumlosen Schlaf.
An einem noch grauen Morgen verirrt sich eine Ratte durch die weit geöffnete Fenstertür, springt aufs Bett, durchquert es. Offenbar hat sie ihren Irrtum bemerkt, ist gleich wieder zur Tür hinaus.
Der Hafen ist nah.
Der Hafen. Boote. Dampfer.
Zwei blinde Passagiere im Frachtraum eines Schiffs?
Eine Mutter und ihr Kind?
Verrückter Einfall.
Ich hätte es gern
Ich konnte uns nicht retten.
Mir fehlte der Mut.
DER RIEGEL
Als der Mieter unter uns eines Tages hört, wie ich den Kinderwagen von einer Stufe zur nächsten hinuntertrage, bumm, bumm, bumm und wieder bumm, kommt er raus, um mir zu helfen.
– Schmitz mein Name, Erich Schmitz, ein alter deutscher Jude, der sich freut, in seiner Muttersprache mit Ihnen zu reden.
Wir tauschen Erinnerungen aus. Berlin, seine Stadt, meine Stadt, der Kurfürstendamm, der Grunewald, die Flüsse und die Seen, der zoologische Garten, die Doppeldeckerbusse, die U-Bahn, die Cafés, die Theater, die Museen …
Wir sind zwei Heimatlose …
Und so habe ich jetzt einen Freund, wir lächeln uns zu, Guten Tag und Grüß Gott, kommen Sie doch kurz rein …
Ich nippe an einer Tasse Kaffee oder einem Glas Wein, je nach Tageszeit, genieße Wiener Gebäck, erfahre durch meinen Gastgeber, einen gierigen Zeitungsleser, was in Deutschland vor sich geht.
Er bietet mir Bücher an, Zeitschriften, alles auf Deutsch. Treten Sie doch ein, mit dem Kleinen, ja natürlich, ist der süß, was kann ich Ihnen anbieten, so viel Zeit muss sein …
Sie vergeht, ohne dass ich es merke, bis ich plötzlich rufe: Ach du liebe Güte, mein Mann! Er ist bestimmt heimgekehrt …
Ich muss los …
Ich lache, ich möchte gar nicht weg, die Wohnung dieses Herrn erinnert mich an das Arbeitszimmer meines Vaters, überall Bücher, sogar auf dem Boden, alte Stiche an den Wänden, Nachschlagewerke …
Ich eile, die Tomatensauce auf dem Herd hatte ich ganz vergessen …

Die unschuldige Freundschaft zwischen einem liebenswürdigen alten Mann und einer einsamen jungen Frau endet bald mit einem Verbot:
– Ich will nicht, dass du dich mit Monsieur Schmitz abgibst. Sprachlos ob dieses Angriffs auf meine Freiheit, äußere ich meine Wut nicht. Ich bin wie das junge Pferd, das sich nicht einspannen lassen will, nur würde dieses junge Pferd laut werden, sich aufbäumen, nach allen Richtungen ausschlagen, während ich versteinere, verstumme.
Schließlich hat es diese Drohung gegeben. Am Abend der verspäteten Heimkehr hatte mein Mann auf mich gewartet. Rasend vor Wut. Dabei hatte er doch den Kinderwagen im Treppenhaus gesehen, vor der Tür von Monsieur Schmitz, er hätte klingeln können, stattdessen war er in die Wohnung hinaufgegangen, hatte die Herdplatte unter der Tomatensauce ausgemacht und sich hingesetzt.
– Na, knurrte er, war’s lustig beim Nachbarn? Beim Chleu? Küsst er gut, dieser dreckige Jude?
Über so viel Brutalität lachte ich hilflos, ich brach in Tränen aus, schrie, ich halte es nicht mehr aus, ich wolle weg, zu meinen Eltern, nach Hause, in meine Heimat, meine Stadt …
Da warnte mich der Mann
in seiner Eigenschaft als Polizeiinspektor
mit einem heimtückischen Lächeln,
dass sämtliche Grenzbeamten schon am nächsten Tag
die Weisung erhalten würden, mich festzunehmen,
eine junge Frau, ob mit oder ohne Baby, Pass, Ticket, egal!
– Du wirst es nicht schaffen!
Angst befiel mich.
Die Nazis hatten mich gelehrt, jene zu fürchten, die andere qua Amt zu Gesetzestreue anhielten. Diese Lehre hatte ich noch nicht vergessen.
Ich hätte um Hilfe schreien sollen. Aber wer hätte mich gehört?
Der Riegel war vorgeschoben, die Ehefrau, ich, unterlegen.
IN DER HERBERGE IST NOCH PLATZ
Martha, meine überaus gute Mutter, erkennt die Schwermut im Geplapper meiner Briefe: Alle sind wohlauf …
Martin hat jetzt mehr als zehn Zähne … Er ist ganz begeistert von der Auslage der Blumenhändler an der großen Avenue …
Ich habe immer Lust, mir welche zu kaufen, aber das wäre leichtsinnig … Es ist Erbsensaison … Anderthalb Kilo habe ich auf dem Markt gekauft, das Aushülsen hat viel Zeit gekostet …
Sie hat gerade ihren Mann und ihre Tochter Christa nach London geholt.
So ein Glück aber auch, diese britischen Pässe, Theos Geburt in Ghana, wo sein Vater Missionar war … Eva, die älteste Tochter, mit einem jüdischen Geschäftsmann ver heiratet, war 1933 auf diese Möglichkeit gestoßen, Deutschland zu verlassen.
Theo unterrichtet im Rahmen der Entnazifizierung deutsche Kriegsgefangene, Christa arbeitet als Barmaid, ihre Kinder besuchen die benachbarte Schule; sie wartet darauf, dass ihr Mann, einer dieser Gefangenen, die von Theo unterwiesen werden, entlassen wird. Martha führt ein Bed and Breakfast in Hampstead Heath, dem Viertel, in dem Eva und John – inzwischen hat sie ihren Geschäftsmann durch einen Kanadier ersetzt – mit ihrem Sohn leben.
Warum sollten Marguerite und Martin sich nicht einfach hinzugesellen? In der Herberge ist noch Platz.
Komm, im Büro der Air France liegt ein Ticket für dich bereit.
Und ich fliege davon.
Nichts konnte mich zurückhalten. Weder die leeren
Drohungen noch die großen Versprechen.
Mit Martin im Arm lande ich in London.
– Denk an nichts, sagt Martha, erklär mir nichts. Du bist müde. Geh rauf in dein Zimmer, wirst sehen, das mit den gelben Vorhängen. Lass den Kleinen hier, ich kümmere mich um ihn. Ah! Einfach die Tür hinter sich schließen zu dürfen, an nichts denken zu müssen. Schlafen.
Martin, sagt sie am nächsten Morgen, hat es an nichts gefehlt, und er hat auch ein Schläfchen gemacht.
Gegen sechs, ergänzt Theo, bin ich mit ihm rausgegangen.
Wir sind im Schein der hübsch umnebelten Laternen spaziert.
Ich habe ihm ein paar Zeilen von Saint-Exupéry vorgetragen … Das ist das friedliche Leben im Clan. Die Familie mag nicht reich sein, aber alles läuft harmonisch.
Abends herrscht großer Andrang.
Es wird über so vieles diskutiert: Politik, Literatur, Kunst, alles kommt zur Sprache. Deutschland. Der Untergang.
Der Wiederaufbau.
Ich lausche, sauge alles auf. Begierig.
In Tunis wurde mit mir über nichts geredet und ich redete mit niemandem.
Ich kehre nicht dorthin zurück.
Ich schreibe einen Brief.
Zwei Wochen später rückt der Mann an. Klingelt an der Tür.
Ich öffne sie nicht.
– Wir können ihn nicht auf der Straße stehen lassen, erklärt die weise Christa.
Wie wird dieser Besuch enden?
Jeden Tag versucht er aufs Neue, mich zu überreden.
– Dir gefällt Tunis doch.
– Ja, aber ich kehre nicht dorthin zurück.
– Und wovon willst du hier leben? Ich schicke dir garantiert kein Geld.
– Ich werde in einem Restaurant arbeiten, in einem Hotel.
Werde Französisch unterrichten, übersetzen.
Die Argumente wiederholen sich.
Meine Angehörigen halten sich taktvoll zurück.
Bei Tisch stellt Theo seine Französischkenntnisse unter Beweis.
– Tunesien ist ein französisches Protektorat, ruft er sich in Erinnerung. Ist das eine gute Sache?
Die Antwort fällt vage aus. Dem Besucher geht es nicht um eine Rechtfertigung des Kolonialismus.
Martha, stets liebenswürdig, vermag Distanz zu wahren.
Ob ich es vermag, wieder mit ihm zusammenzuleben?
Ihm zu gehören, wie es so schön heißt?
Nein!
Er gibt vor, sich um meine Eltern zu sorgen:
– Die Gäste zu bedienen, strengt deine Mutter zu sehr an.
– Das ist ihre Entscheidung. Außerdem wird das vermutlich nicht immer so gehen. Eines Tages werden sie nach Deutschland zurückkehren.
– Und du?
– Mal sehen.
– Und mein Sohn?
– Ich werde schon zurechtkommen.
– Mir bleiben nur noch fünf Tage. Am 20. Oktober …
Ich weiß, alle wissen es: Der Abreisetag steht schon fest. Am Abend vor der Abreise des Fremden findet das statt, was man einen Liebesakt nennt.
Was habe ich mir nur dabei gedacht?
Hat er mir leidgetan?
Dachte ich vielleicht, ein Mal wäre kein Mal?
Dass es sich um eine Art Abschiedsgruß handelte?
Müßige Fragen.
In meiner Gebärmutter hat sich ein Fötus eingenistet, widersteht jedem Abtreibungsversuch, den wiederholten Sprüngen vom Tisch auf den Boden, den Petersilienaufgüssen, Chinindosen …
Nichts.
Kein Tröpfchen Blut.
Übelkeit.
Ich bin verzweifelt.
Ich schäme mich.
Theo redet von einer Rückkehr nach Berlin. Von der Wiedergeburt einer Demokratie.
Christa, ihr Mann, ihre Kinder sind bereit, nach Deutschland zurückzugehen.
Eva und ihr Mann denken darüber nach, England zu
verlassen und sich in Montreal anzusiedeln
wie so viele andere.
Und ich?
Ich stoße überall an
ich weiß nicht, was ich tun soll
wie kann ich
ohne Beruf, ohne Ausbildung
ein eigenes Leben wagen?
Meinen Eltern zwei Kinder aufzwingen?
Mich mit ihnen an Eva hängen?
Wie man sich bettet, so liegt man
comme on fait son lit, on se couche
das sagen mir meine beiden Sprachen immer wieder
ich sage es mir immer wieder
ich werde zwei Kinder an die Hand nehmen müssen,
zwei Kinder
des Zufalls, des Leichtsinns, den ich mir bis heute
vorwerfe.
Zwei Hände voll zu tun
tausend kleine und große Dinge
an ihnen zu verrichten von früh
bis spät
nachts auch
unaufhörlich
im verfrorenen, fragilen Nest, dem einzigen, das ich
ihnen bieten kann,
wo ich mein Bestes versuchen werde.
Ich, unbedachte, gedankenlose Mutter.
Darmowy fragment się skończył.