Czytaj książkę: «Ein Bruder lebenslänglich»
Über dieses Buch
Im Jahr 1952 erkrankte der Bruder von Margrith Lin an einer tuberkulösen Meningitis, er war zweieinhalb Jahre alt. Bereits totgesagt, überlebte er seine schwere Krankheit, und nach zwei Jahren Spital- und Kuraufenthalt kehrte der Bruder wieder nach Hause zurück: «körperlich geheilt dank neuzeitlichen Heilmitteln», wie es im Austrittsbericht des Arztes hiess. Über seine geistigen und seelischen Schädigungen wurden die Eltern nicht informiert.
Margrith Lin erzählt die Lebensgeschichte ihres Bruders und gleichzeitig ihre eigene Geschichte als Schwester dieses Bruders. Sie erzählt von der Kindheit in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, vom Familienalltag, von Prägungen auch für den eigenen Werdegang, von der Verantwortung, die den Angehörigen ein Leben lang bleibt. Margrith Lin erzählt aber auch von den Erfahrungen mit Behörden und Institutionen und damit vom Wandel in der Einstellung gegenüber Menschen mit einer Behinderung während der letzten siebzig Jahre.
«Ein Bruder lebenslänglich» ist ein zärtlicher Erfahrungsbericht und ein wichtiges sozialgeschichtliches Dokument zugleich.
«Das Buch stellt für professionell Tätige und sozialhistorisch Interessierte eine wichtige Dokumentation dar.» Dr. Hedwig Stauffer-Stiftung

Foto Luzius Wespe, Voltafilm
Prof. em. Dr. Margrith Lin, geboren 1947, Primarlehrerin, Heilpädagogin / Logopädin und Psychologin, verschiedene Weiterbildungen in Individual- sowie Systemtherapie. Lehrtätigkeit in Ausbildungsstätten für soziale, pädagogische und therapeutische Berufe, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Heilpädagogischen Institut (HPI) der Universität Fribourg und Professorin im Fachbereich «Heterogenität und Heilpädagogik» an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz (PHZ). Aus ihrer langjährigen Beratungstätigkeit in einem Heilpädagogischen Dienst entstanden verschiedene Publikationen zur Beratung von Familien aus unterschiedlichen Lebenswelten und zur sprachlichen Sozialisation.
Margrith Lin
Ein Bruder lebenslänglich
Vom Leben mit einem behinderten Geschwister
Limmat Verlag
Zürich
Diesem Buch geht es nicht um persönliche Anklagen, sondern um Anregungen zur kritischen Reflexion im Umgang mit Menschen mit einer Behinderung und deren Angehörigen. Deshalb sind alle Personen, Orte und Institutionen anonymisiert. Diesbezügliche Dokumente und persönliche Zitate sind entsprechend formal verändert.
Die zitierten Gutachten, Berichte, Zeitungsausschnitte, Broschüren, Briefe und E-Mails stammen aus dem Dossier, welches die Eltern von ihrem Sohn angelegt hatten und das später von der ältesten Schwester in ihrer Funktion als Beiständin weitergeführt worden ist.
Auf steiler Strasse traf ich jüngst ein Mädchen,
das seinen kleinen Bruder auf dem Rücken trug.
«O weh», sagte ich, «du armes Kind,
da trägst du aber eine schwere Last!»
Darauf sah mich das Mädchen
verwundert an und sprach: «Ich trage
keine Last, ich trage meinen Bruder.»
Unbekannter Autor
«Ich habe das nicht gesucht, nehme bloss
meine Verantwortung als Schwester
wahr, und ich will es nochmals sagen:
Ich trug zuweilen schwer daran.»
Erica Brühlmann-Jecklin,
Brief an meinen Bruder Walter
Prolog
Diesmal ist es anders
Die Barockkirche ist nicht von feierlicher Orgelmusik erfüllt, sondern vorne im Chor bringen zwei volkstümlich gekleidete Akkordeonisten Leben in die heiligen Hallen. Auffällig die knallrot lackierten Fingernägel der klein gewachsenen Frau, welche sich von den lüpfigen Klängen mitreissen lässt. Sie zwängt sich durch die Bankreihen und schreitet im Rhythmus der Musik das Kirchenschiff ab, pausenlos auf und ab. Nebenan wirft eine Greisin ihre Puppe zum hundertsten Mal zu Boden. Diese wird von hilfreichen Händen immer wieder aufgehoben und ihr in den Schoss gelegt. Ein endloses Spiel.
Ein behelmter Junge richtet sich kreischend in seinem Rollstuhl auf und klatscht lautstark in die Hände. Ein Ausdruck ungezähmter Freude? Gilt das wohl auch für den Mann, der fortwährend seinen Pullover hochzieht, seinen nackten Bauch zur Schau stellt und dazu grunzende Laute von sich gibt? Eine Gestalt mit einem riesigen Kropf, fast so gross wie ihr Kopf, hastet am Altar vorbei.
Diese hier versammelten Geschöpfe beelenden mich, schnüren mir das Herz zusammen. Ich bin als Angehörige eingeladen. Neben mir ist mein Bruder, auch er rastlos, im Sekundentakt wiederholt er die gleichen Fragen. Er ist neu und kennt dieses Fest noch nicht.
Tränen schiessen mir in die Augen. Doch die fröhliche Stimmung rundherum nimmt mich mit und lullt mich ein, ein calderonisches Welttheater, alle hier Versammelten spielen ihre Lebensrolle, und ich bin mittendrin in diesem grossen Spektakel. Dazu passt die barocke Kulisse der Klosterkirche vortrefflich. Wir sind alle in diesem Spiel gefangen, spielen die uns vom Schöpfer und Meister zugeteilten Rollen so, wie es unsere Lebensumstände bedingen.
«Ich selbst verteile die Rollen
Nach eines jeglichen Natur und Richtung. (…)
Und nun ans Werk! Derweilen ich dirigiere,
Sei du die Bühne und der Mensch agiere.»
Pedro Calderon, Das grosse Welttheater
«Ich habe das nicht gesucht, nehme nur meine Verantwortung als Schwester wahr …»
Auch ich könnte mit diesen Worten meine Geschichte als Schwester eines behinderten Bruders beginnen.
Frühe Kindheit 1950–1959
Meine frühesten Erinnerungen
Die Pilgerreise nach Rom
Ein Sonnenstrahl fällt durch das vergitterte Fenster. Moosgrüne Wände, ein säuerlich muffiger Geruch, das Ablaufrohr entlang krabbelt eine dünnbeinige Spinne. Ängstlich kauere ich auf dem feuchtklebrigen Linoleumboden. Ich habe aufgehört zu weinen. Es ist plötzlich ganz still, nur die Wasserspülung plätschert leise. Da dreht sich der Schlüssel, und Tante Gret steckt ihren Kopf durch den Türspalt: «Willst du nun brav sein?» Sie öffnet die Toilettentür und schickt mich nach oben, meine inzwischen kalt gewordene Milch auszutrinken.
Ich klammere mich an das Treppengeländer und klettere leise schluchzend die knarrenden Stufen hoch. Oben erwartet mich Maria. Die abgestandene Milch hat eine dünne Haut gebildet, die eklig am Tassenrand klebt. Maria wäscht mir das tränenverschmierte Gesicht, putzt mir die Milchpelle von den Mundwinkeln, kämmt mir die zerzausten Haarsträhnen aus dem Gesicht. «Und kämmt sie mir das Haar, so rupft sie mir ein paar – aber du lieb Mütterlein du, bandest noch bunte Schleifen dazu …»
Ich mag Marias Lied, seinen Inhalt begreife ich erst später. Es ist das Lied eines kleinen Mädchens, welches am Grab seiner Mutter über seine Stiefmutter klagt.
Ich schlucke meine Tränen runter, damit ich nicht wieder zu weinen beginne. Mama und Papa sind weg. Mich haben sie hiergelassen. Meine beiden älteren Schwestern sind auch nicht da. Sie sind in die Schule verschwunden.
Ich sehe diese Bilder deutlich vor mir, spüre die Wut im Bauch aufsteigen und ein dumpfes Gefühl von Hilflosigkeit und Traurigkeit beschleicht mich noch immer. Ob ich mich wirklich noch erinnern kann? Ich war damals zwei Jahre alt. Glaube ich nur, mich daran zu erinnern, da man mir das später so erzählt hat? Autobiografische Erinnerungen setzen erst ab dem dritten Lebensjahr oder noch später ein, sagt die Forschung.
Es ist Sonntagnachmittag. Ich schiebe Tante Gret im Rollstuhl durch den Park des Pflegeheims. Sie ist inzwischen hundertzwei Jahre alt.
«Wenn man auch früher strenger war mit den Kindern, so hat das ihnen nicht geschadet», ist sie der festen Überzeugung. «Als deine Eltern damals nach Rom verreisten, bist du ihnen nachgelaufen und hast so gezwängelt, dass ich dich packte und in die Toilette einschloss. Ich sagte dir, dass du erst wieder rauskommen dürftest, wenn du aufgehört hast zu heulen. – Du hast nachher nie mehr nach deiner Mutter gefragt.» Es scheint mir, als ob ich einen kleinen Triumph in ihrer Stimme höre – ein Triumph, dass ich nicht mehr nach meiner Mutter fragte?
Ich musste mit ansehen, wie meine Eltern weggingen. Mein Einwand, dass ich darüber wohl verzweifelt war, macht sie ratlos. «Was hätte ich denn sonst tun können? – In der Ausbildung wurde uns verboten, Kinder zu schlagen, Freiheitsberaubung hingegen war erlaubt.»
Tante Gret ist die einzige Schwester des Vaters. Sie war in der prestigeträchtigen Pouponnière in Genf als Nurse zur Kinderbetreuung in vornehmen Familien ausgebildet worden. Solche Stellen gab es aber vor allem im Ausland. So wurde sie von ihrer Ausbildungsstätte nach Frankreich an adlige Familien vermittelt. Es war ihre Aufgabe, kleine «Prinzen» aufzuziehen und zu erziehen. Ich erinnere mich an Erzählungen von alten Schlössern mit gigantischen Waffensälen und furchteinflössenden Fledermäusen. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, kehrte Tante Gret in die Schweiz zurück.
Plötzlich waren die Eltern wieder da. Sie waren in Rom gewesen und hatten den Papst besucht. So hatte man es mir erzählt. Das musste etwas ganz Besonderes gewesen sein, das war augenscheinlich. Im Elternschlafzimmer hing von nun an ein grosses Foto mit einem streng dreinblickenden Mann an der Wand. Es war Pius XII. Es gibt von damals auch ein Foto einer grossen Reisegruppe vor dem Petersdom. Wenn man ganz genau hinschaut, sind auch Mama und Papa darauf zu sehen, Mama in der Landestracht, daneben ein freundlich dreinblickender älterer Mann mit Bart und Glatze, Mamas Vater. Er war früher Chefbeamter bei der Bahn und organisierte nach seiner Pensionierung Pilgerzüge nach Rom und auch nach Lourdes. Nach Lourdes wollte die Mutter ihn nie begleiten. Diese Art von Frömmigkeit mochte sie nicht, vor allem das Rosenkranzbeten war ihr zu langweilig.
Nach ihrer Heimkehr war Mama oft müde und musste viel liegen. Unter dem Bild des Papstes im Elternschlafzimmer stand auf einmal mein Kinderbettchen. Wir Mädchen schliefen zu dritt in einem Zimmer. Für mich wurde dort nun ein anderes Bett hineingestellt. Es stammte aus Mutters Familie und hatte bereits Kinder mehrerer Generationen in ihre Traumwelten begleitet.
Wenn wir abends schnell im Bett waren, so setzte sich Mama zu uns und las noch etwas vor. Wie liebten wir die Geschichte von Heidi und dem Alpöhi! Bis heute gilt für mich das kleine Mädchen mit dem schwarzen Kraushaar aus dem damals bekannten Silva-Band, den man durch Punktesammeln erwerben konnte, als das richtige Heidi. Spätere Bilder und Filme konnten nicht an diesem Bild des Ur-Heidis rütteln.
Das Leben auf der Alp war uns Kindern vertraut, verbrachten wir doch manchen Sommer in den Bergen. Wir amüsierten uns köstlich, wie dämlich sich die gestrenge Erzieherin Rottenmeier aus Frankfurt auf der Alp anstellte.
Die Bilder von den finster dreinblickenden «Hottentotten» – imaginären Gestalten aus der Zeit der schwarzen Pädagogik, welche den Geissenpeter zum Lesenlernen anspornen sollten – verfolgten mich bis in die Träume.
Auch Madam Rottenmeier liess mich nicht mehr los – sie, die davon überzeugt war, dass man bei Heidi «in jedem Punkt der menschlichen Erziehung mit dem Uranfang beginnen müsse», war selbst jedoch vom Alltag in Heidis Bergen total überfordert. So kam es, dass ich später als Erwachsene den Begriff «Madam-Rottenmeier-Syndrom» kreierte. Er meint die hehren Bemühungen einer Erziehungsperson, Kindern aus ihr fremden Lebenswelten das «richtige Verhalten» beizubringen, ohne dabei zu erkennen, welch reichen Erfahrungsschatz diese Kinder aus ihrem früheren Leben mitbringen.
Vor allem aber erinnere ich mich an die Geschichte von der «Familie Pfäffling», eine tugendhafte, kinderreiche, deutsche Familie. Die Geldsorgen: Es mussten sieben Mäuler gestopft werden, Krankheiten: Eines der Kinder drohte durch eine Ohrenentzündung taub zu werden – aber auch, wie die Festtage wie Weihnachten gefeiert wurden, all das kam mir aus unserem Leben so bekannt vor. Mit dieser Familie konnte ich mich identifizieren. Insbesondere dem kleinen Elschen fühlte ich mich verbunden, welches für viele Aktivitäten der älteren Geschwister noch zu klein war und stillhalten musste, während diese ihre Hausaufgaben machten.
Später las uns die Mutter keine Geschichten mehr vor. Es blieb keine Zeit mehr dazu.
Unsere Grossfamilie
Wir lebten in einem alten Haus, das Platz für mehrere Familien bot. Das Haus lag am Stadtrand neben einem kleinen Wald. Unser Grossvater väterlicherseits kaufte dieses Haus in den Zwanzigerjahren. Grossmutter erfuhr erst davon, als der Handel perfekt war. Dann zog Grossvater mit seiner Familie dort ein. Zur Familie gehörten neben der Grossmutter fünf Kinder, vier Buben und ein Mädchen, die Tante Gret.
Unser Vater war der älteste Sohn. Er wurde nach seinem Vater getauft und trug seinen Vornamen bereits in der dritten Generation.
Der zweite Sohn, Josef, verstarb schon im Jugendalter an der Spanischen Grippe. Er klagte über Unwohlsein und war einige Tage bettlägerig. Dann habe er sich plötzlich an den Kopf zu schlagen begonnen und vor Schmerzen aufgeschrien, erzählte mir die Tante. Als der Doktor kam, war der Junge bereits tot. Später erfuhr ich von meinem Vater, dass sein Bruder einige Tage zuvor beim Schlittschuhlaufen auf den Hinterkopf gestürzt sei und für kurze Zeit bewusstlos war. Die Geschwister hatten sich jedoch nicht getraut, zu Hause etwas davon zu erzählen. War es vielleicht gar nicht die Spanische Grippe, sondern eine Gehirnblutung, welche den Bruder umbrachte? Ich frage mich, wie die Brüder – vor allem mein Vater als Ältester – dieses Wissen und vielleicht auch die Schuldgefühle so viele Jahre mit sich herumtragen konnten. Der verstorbene Bruder hätte Missionar werden wollen. Die beiden jüngeren Brüder wurden später zu katholischen Priestern geweiht.
Grossmutter trug seit dieser Zeit nur noch Schwarz. Wenn sie von ihrem verstorbenen Sohn sprach, so sagte sie immer Josefli «selig». Da sie auch von ihrer früh verstorbenen Schwester vom Bethli «selig» sprach, meinte ich, «Selig» sei ein Familienname und die «Seligs» eine befreundete Familie.
Seit dem Tod von Josefli war Grossmutter ängstlich um die Gesundheit ihrer drei anderen Söhne besorgt, wohl nicht ganz unbegründet, wie sich später herausstellte.
Tante Gret nahm als einziges Mädchen unter vier Brüdern eine besondere Stellung ein – jedoch nicht etwa eine bevorzugte, ganz im Gegenteil –, wie sie mir einmal erzählte. Obwohl das wildeste der Kinder, wurde sie von der Mutter angehalten, im Haushalt zu helfen oder Handarbeiten zu machen, so wie es sich für ein Mädchen gehörte. Währenddessen konnten ihre Brüder draussen herumtollen. Von diesen bekam sie immer wieder zu spüren, dass Mädchen minderwertig seien. Frauen würden nicht in den Himmel kommen, prophezeiten sie ihr. Später relativierten sie, die Frauen müssten sich jedoch sehr anstrengen, um dorthin zu gelangen. Es war der Kaplan, der den Jungen im geschwisterlichen Streit Schützenhilfe bot, wenn er sich von der Kanzel herab über die immer heulenden Mädchen lustig machte und sich theatralisch mit dem Zipfel seines Chorrocks über die Augen fuhr. Diese Erfahrungen mögen mit ein Grund gewesen sein, dass Tante Gret nie heiratete.
Kurz vor meiner Geburt übersiedelten unsere Eltern ins väterliche Elternhaus. Das war nicht so geplant gewesen. Nach ihrer Hochzeit beabsichtigte das junge Paar, eigenständig zu leben. Es mietete seine erste Wohnung in sicherer Distanz zu den beiden Herkunftsfamilien. Hier kamen meine beiden älteren Schwestern zur Welt. Es war aber damals in den Kriegsjahren schwierig, eine passende und zahlbare Wohnung für die grösser werdende Familie zu finden. Dazu gab es Probleme mit dem Vermieter. So waren die Eltern schlussendlich doch froh, dass ihnen im väterlichen Haus Unterschlupf gewährt wurde. Ich war ein Jahr alt, als der Grossvater starb. Unsere Grossmutter lebte danach allein im Erdgeschoss. Als Tante Gret für einige Zeit krank war, wohnte sie wieder bei der Grossmutter. Wohl, weil Tante Gret keine eigenen Kinder hatte, betrachtete sie uns auch ein wenig als die ihren, für deren Erziehung sie sich mitverantwortlich fühlte. Als ausgebildete Kinderschwester war sie dafür geradezu prädestiniert. So kam es, dass sie gelegentlich erzieherisch übergriffig wurde, was meine Mutter stillschweigend hinnahm, obwohl sie sehr darunter litt.
Im Untergeschoss des Hauses wohnte Onkel Emil, der Stiefbruder des Grossvaters, mit seiner Familie. Er war um einige Jahre jünger als Grossvater. Der Grossvater nahm seinen Stiefbruder in sein Haus auf, als dessen Frau an Krebs erkrankt war. Sie verstarb bald nach der Geburt des jüngsten Sohnes. Der Onkel musste nun allein mit vier kleinen Buben zurechtkommen. In dem Betrieb, wo er als Magaziner und Chauffeur arbeitete, fand er eine um zwanzig Jahre ältere Kollegin, welche ihm eine gute Ehefrau und den vier Waisenknaben eine hingebende Mutter wurde. Auch wir liebten diese Tante wegen ihres herzlichen Lachens, vor allem aber, weil sie für uns immer die geblümte Blechbüchse mit den Keksen bereithielt, wenn wir ihr etwas ausrichten kamen. Wir waren damals die Einzigen im Haus, die ein Telefon besassen. Oft hatte die Tante wässrige Augen in Sorge um ihren Mann, wenn er sich unterwegs verspätete. Doch wenn wir mit der ersehnten guten Nachricht bei ihr aufwarteten, strahlte sie wieder über ihr ganzes liebes Vollmondgesicht.
So lebten wir als Grossfamilie unter einem Dach. Obwohl unsere Eltern eigentlich lieber allein für sich gewohnt hätten, so wurde die Unterstützung durch die Verwandten für unsere Familie doch sehr wichtig.
Meine wichtigste Bezugsperson damals aber war unser Dienstmädchen Maria. Maria kam als junges Mädchen von vierzehn Jahren direkt nach Schulaustritt zu uns. Ihr Vater war kurz davor ganz plötzlich verstorben, und so musste Maria für die Familie mitverdienen. Während der Abwesenheit der Eltern schaute sie jeweils zu uns.
Wir haben ein Brüderchen bekommen
Der Stammhalter
Eines Morgens war Mama wieder weg. Am Mittag brachte Papa die freudige Botschaft nach Hause, dass uns der liebe Gott ein Brüderchen geschenkt habe. Ich verstand nicht, warum Mama deshalb im Spital bleiben musste. Auf meine Fragen erfuhr ich von meinen beiden älteren Schwestern, dass der liebe Gott die Kinder ganz nackt auf die Welt schicke. Das konnte doch nicht wahr sein! Nacktheit war verpönt, war sündhaft. So wurde es mir von meinen älteren Schwestern beigebracht, wenn ich mich beim Zubettgehen splitternackt auszog und es auch noch genoss.
Am Sonntag durften wir Mama im Spital besuchen. Sie hielt das Brüderchen in den Armen. Es war nun in ein Wolljäckchen gehüllt und in ein hellblaues Flanelltuch eingewickelt. Es sah sehr zart aus mit seinen rötlichblonden Haaren, den himmelblauen Augen und der hellen Haut, so anders als wir drei Schwestern. Ausser der Grossmutter väterlicherseits hatte niemand von uns solche Augen, und als wir den Bruder später fragten, woher er denn die schönen blauen Augen hatte, antwortete er: «Vom lieben Gott.» Wenn er lachte, hatte er zwei kleine herzige Grübchen in den Wangen, genau wie sein Patenonkel, ein jüngerer Bruder des Vaters. Wir Schwestern waren ganz anders, dunkelhaarig und braunäugig. Meine Haut wurde zudem sehr schnell dunkel, wenn ich nur ein wenig an der Sonne war. Und da ich noch einen Sprachfehler hatte und nur schwer verständlich sprach, wurde ich oft «Tschinggeli» gerufen.
Nach drei Mädchen wurde endlich der Sohn geboren. «Als glückliche Eltern melden wir neuen Familienzuwachs», stand in der Geburtsanzeige. Ausser dem Namen liess nichts darauf schliessen, dass es nun endlich ein Junge war. Unsere Eltern wollten von der Geburt ihres Sohnes nicht so viel Aufhebens machen. Sie versicherten uns, dass es ihnen nicht drauf ankomme, ob Bub oder Mädchen: Hauptsache das Kind sei gesund.
Doch der Pöstler brachte dreimal täglich – so oft kam die Post damals – eine bunte Menge von Gratulationskarten mit Sprüchen und Segenswünschen für den Stammhalter, der sich nach drei Mädchen nun endlich eingestellt hatte. «Es haben es natürlich nicht alle so schön, dass der Kronprinz gleich drei fertige Kindermädchen vorfindet», stand auf der Karte eines Grossonkels. So war die Aufgabe von uns drei älteren Schwestern bereits vorgegeben.
Vom Glückwunsch eines Künstlers aus Wien, den die Eltern in der Nachkriegszeit mit «Liebesgaben-Paketen» unterstützten, ist mir vor allem das Bild der «Huldigung» in Erinnerung geblieben, ein fettes, in der Mitte thronendes Baby wird von den drei Schwestern und den glücklichen Eltern umtanzt. Da unser Vater der Einzige seiner Familie war, der selbst eine Familie gegründet hatte, so war unser Bruder nun der einzige männliche Nachkomme, der den Familienstamm weiterführen konnte. Er erhielt den gleichen Vornamen wie der Vater und war nun bereits in der vierten Generation Träger dieses Namens.
Bei meiner Geburt gratulierten die Leute meinen Eltern zum «Dreimädelhaus», wohl um etwas davon abzulenken, dass es wieder nur ein Mädchen war. Bereits meine Geburtsanzeige wies darauf hin, dass es nach zwei Mädchen eigentlich nun Zeit für einen Buben war. Der Vater entwarf die Anzeigen jeweils selbst nach Vorlagen, die er den beliebten Zeichenbüchlein von Hans Witzig entnahm. Auf meiner Anzeige waren zwei grössere Mädchen zu sehen, welche das jüngste Geschwister hinter sich herzogen. Es war nicht zu übersehen, dass das jüngste Geschwister eigentlich kurze Hosen trug. Der Vater hatte diese kurzfristig in einen Rock retouchiert. Auch die Mutter war offenbar überzeugt, dass es nun ein Bub werden würde. Sie wollte mit dem Kauf der Taufkerze nicht bis zu meiner Geburt im Mai zuwarten, da sie sie unbedingt zu Maria-Lichtmess in der Kirche segnen lassen wollte. Meine Taufkerze hatte rote Verzierungen. So sahen damals die Kerzen für die Buben aus. Wie habe ich mich geschämt, als ich am Weissen Sonntag bei der Taufgelübde-Erneuerung – wie es von den Erstkommunionkindern verlangt wurde – eine rote Kerze hatte, eine Bubenkerze. Meine Gspänli hatten silbrige oder goldene Kerzen oder dann eine blaue Mädchenkerze.
Wir Kinder waren von nun an in zwei Kategorien aufgeteilt, der Bub und die Mädchen. Dass unsere Mutter uns Mädchen immer im Kollektiv ansprach, hatte wohl auch den Grund, dass sie in ihren jungen Jahren Ferienlager geleitet hatte und die Familie wie ihr privates Ferienlager führte.
Die Säuglingsschwester hatte unserer Mutter eingebläut, man solle den kleinen Kronprinzen ja nicht verwöhnen. Die Eltern hätten es in der Hand, ob aus einem kleinen Jungen später ein Tyrann werde. Die Mutter solle den Jungen nachts schreien lassen. Das sei gut für seine Lungen und mache stark. Und so schrie der kleine Bruder die Nächte durch. Die Mutter stellte das Kinderbettchen in die Stube, damit der Vater nicht gestört wurde. Er hatte ja tagsüber seinem anspruchsvollen Beruf als Revisor nachzugehen. Aber jetzt konnte die Mutter gar nicht mehr schlafen, weil sie nichts mehr von ihrem Söhnchen hörte. Ob es wohl noch atmete? Immer wieder musste sie sich vergewissern, ob es noch lebte. Sie beschloss, das Ehegemach zu verlassen und zum kleinen Schreihals in die Stube zu ziehen. Irgendeinmal hörte dann das nächtliche Schreien auf. Unser Bruder hatte sich wohl an sein neues Erdendasein gewöhnt. Davon gingen wir aus.
Die ersten beiden Lebensjahre
Ich freute mich über mein kleines Brüderlein. Ich war nun nicht mehr allein, wenn meine älteren Schwestern in der Schule waren. Es konnte so herzig lächeln mit seinen Grübchen, und mit seinen himmelblauen Augen strahlte es mich an! Neben meiner Grossmutter, welche voller Stolz mit ihrem Enkel unterwegs war, nahm ich – die um drei Jahre ältere Schwester – meinen kleinen Bruder schon bald in Obhut. Ich verstand seine Kindersprache und versuchte, seine Wünsche zu erfüllen. «Biip, biip», sagte er, wenn wir ein Vögelchen sahen. «Biip, biip» galt jedoch auch dem Milchmann und seinem Pferd, da der Milchmann jeweils mit einem Pfiff seine Anwesenheit im Quartier ankündete und die Hausfrauen mit ihren Milchkesseln aus den Häusern lockte. Mit «Lellelle» bezeichnete der Bruder unsere Grossmutter. «Lellelle» benannte er jedoch auch die Kirche. Kann sein, weil Grossmama ihn oft in die Kirche mitnahm. Ich interpretierte sein «Lellelle» als seinen Wunsch, in die Kirche zu gehen. So nahm ich ihn eines Tages bei der Hand, und wir beide machten uns zusammen auf den Weg zur nächstgelegenen Kirche, er war zwei, ich noch nicht ganz fünf Jahre alt. Wir gingen mehrmals hin und warteten, bis jemand zum Beten kam, da ich die schwere Kirchentüre nicht allein zu öffnen vermochte. Manchmal war mein kleiner Bruder krank und hatte hohes Fieber. Dann wollte er seine Ruhe haben. Es störte ihn, wenn wir etwas lauter waren beim Spielen. «Mama psst», flüsterte er dann und machte ein Zeichen, dass wir aufhören sollten. «Angina», sagte jeweils der herbeigerufene Kinderarzt. Er war ein sehr gross gewachsener Mann, der den Kopf an unserer Deckenlampe anschlug, was wir Kinder sehr lustig fanden. Wir mochten ihn gern. Er war für uns ein beliebtes Zeichnungssujet, und er nahm unsere Zeichnungen immer sehr wohlwollend entgegen und quittierte unsere Erklärungen mit Humor. Wir hielten den Atem an, wenn er mit der Penicillin-Spritze am Bettrand stand. «Es chonnt es Müggli übers Brüggli und jetzt …», und bevor wir reagieren konnten, hatte er bereits zugestochen.
Die schlimme Krankheit
Wie alles begann
Im Herbst hustete unser Bruder so stark, dass er fast keine Luft mehr bekam und ganz blau wurde. «Keuchhusten», sagte diesmal der herbeigerufene Arzt. Meine beiden älteren Schwestern waren bereits als Kleinkinder mit dem Keuchhusten angesteckt worden, ich wurde bis jetzt davon verschont. Zum Ausheilen des Keuchhustens – vielleicht auch, um mich vor einer Ansteckung zu schützen – verreiste Mama mit unserem Bruder in die gesunde Bergluft. Es gab einen Ort in der Innerschweiz, mit dem unsere Familie mehrfach verbunden war. Vorfahren mütterlicherseits stammten aus diesem Tal. In diesem Tal hatte unsere Mutter als Zwanzigjährige Ferienlager für eine Mädchenjugendgruppe geleitet und kam so wieder in Verbindung mit ihren Wurzeln.
Ganz hinten im wilden Tal war die ganzjährig bewohnte Alp Grattigen. Unsere Familie übersommerte hier oft. Wir Kinder fühlten uns wie Heidi, tranken die frische Ziegenmilch, welche der Senn Stini direkt ab Euter in unsere Tassen füllte, und schauten ihm beim Käsemachen zu. Hinter der Alphütte floss ein kleiner Bach vorbei, der sich vorzüglich zum Kühlen der frischen Milch eignete, aber auch zum Spielen. Gelegentlich fielen wir samt den Kleidern ins kalte Wasser oder zogen mindestens einen nassen Schuh heraus. Auf der Vorderen Egg lebte ein Ehepaar, von allen nur Sophie und Gusti genannt. Auch sie gehörten zur weitverzweigten Verwandtschaft mütterlicherseits. Die beiden hatten keine eigenen Kinder. Unzählige, oft schwächliche oder gesundheitlich angeschlagene Kinder und Erwachsene haben in ihrem Haus Aufnahme gefunden und sind wieder kräftig und gesund in ihre Familien zurückgekehrt. Bei ihnen sollte nun auch unser Bruder gesunden.
Wieder war es Maria, die während der Abwesenheit der Mutter zu uns schaute. Sie wurde dabei von der Grossmutter unterstützt. Es war Herbst geworden, als uns Grossmama sagte, Mama werde mit unserem Bruder noch heute Abend zurückkommen. Der Bruder hatte oben in den Bergen plötzlich hohes Fieber gekriegt. Onkel Emil werde die beiden abholen. Onkel Emil war der Einzige unserer Sippschaft, der – dank seines Berufs als Chauffeur – Auto fahren konnte. Wir warteten ungeduldig, doch Mama und der Bruder waren noch nicht da, als wir ins Bett geschickt wurden.
Die grosse Aufregung
Es war nach Mitternacht, als Mama heimkam – allein, ohne unseren Bruder. Der Kinderarzt veranlasste noch spätabends eine Überweisung ins Kinderspital der nächstgelegenen Universitätsklinik, eine Stunde von unserem Wohnort entfernt. Der Zustand sei sehr ernst. Diesmal hatte der Bruder eine schlimme, eine ansteckende Krankheit. Es war die tuberkulöse Hirnhautentzündung oder Meningitis, wie der medizinische Fachausdruck hiess. Später erfuhr ich, dass diese Krankheit damals fast immer tödlich endete. Die Eltern mussten sich zuerst informieren, was diese Diagnose bedeutete. In den von den Eltern angelegten Krankenakten fand ich einen mit Bleistift geschriebenen Vermerk, vermutlich eine Abschrift der Mutter aus einem Lexikon.
Tuberkulöse Hirnhautentzündung (Meningitis), sog. Basalmeningitis, ist eine infektiöse Entzündung der Hirnhäute, die im Sekundärstadium der Tuberkulose auftreten kann, fast stets auf dem Blutweg über Lungen, Knochen oder Gelenke infiziert. Typischerweise sind die basalen Hirnbereiche betroffen, Vorkommen besonders bei Kindern und Jugendlichen.
Woher kamen diese Krankheitskeime? Unsere ganze Familie wurde untersucht, ob auch wir infiziert waren. Gott sei Dank waren wir Geschwister gesund. Wir mussten der Reihe nach antreten und wurden alle geimpft. Aber wer war es denn, der diese perfide Krankheit in sich trug? Wie war es mit den Erwachsenen? Das ganze Umfeld war verdächtig. Mutter und Vater waren in jungen Jahren beide an Tuberkulose erkrankt gewesen, galten aber als geheilt. Der Vater war im Lungensanatorium in Davos, wo Thomas Mann sich für seinen «Zauberberg» inspirieren liess. Er erzählte uns, wie er für die Gewichtskontrolle die Hosentaschen mit Fünffrankenstücken füllte, damit ihm der wöchentliche Ausgang nicht verwehrt wurde. Auch die Mutter musste als Jugendliche in Kur. Sie erinnerte sich an die langweiligen Liegekuren, die sie sich verbotenerweise durch unter der Decke verstecktes Stricken oder Lesen etwas erträglicher gestaltete.
Es war wohl der Patenonkel, der vermutlich unseren Bruder angesteckt hatte. Er amtete damals als Pfarrhelfer in einer Pfarrei auf dem Lande und musste in dieser Zeit öfter in die Stadt zum Arzt. Dann schaute er immer auch nach seinem Göttibuben. Als bei unserem Bruder die Krankheit ausbrach, war der Onkel bereits mit einer Lungentuberkulose im Sanatorium.
Eines Morgens war wieder nur Maria da, die uns weckte und uns die Butterbrote strich. Die Eltern waren in der Nacht ins Spital gerufen worden, weil es unserem Bruder sehr schlecht ging. Als die Eltern dort eintrafen, war er bereits zum Sterben in eine Abstellkammer gestellt worden. Wir wurden angehalten, für unseren Bruder zu beten. Am Abend gab es Entwarnung. Das Fieber war gesunken, und der Bruder hatte überlebt. Er sei aber noch nicht über den Berg. Wir beteten weiter.
Traurige Weihnachten
Unsere Eltern fuhren oft ins Spital, um nach ihrem Söhnchen zu schauen. Nur die älteste Schwester durfte mitgehen, Kindern unter zehn Jahren wurde der Eintritt in die Kinderabteilung verwehrt. Da ich meinen kleinen Bruder nicht besuchen durfte, machte ich viele Zeichnungen für ihn. Mama erzählte mir, wie seine Augen leuchteten, wenn sie von mir sprach. Er hatte mich nicht vergessen. Das freute mich, machte mich aber zugleich auch traurig. Er fehlte mir als Spielgefährte so sehr!
Es wurde Weihnachten, doch der Bruder durfte nicht nach Hause kommen. Welche Enttäuschung, dass mir das Christkind meinen grössten Wunsch nicht erfüllte.
Wir drei Schwestern waren für den Heiligen Abend feierlich gekleidet mit den weiss durchscheinenden, mit Blümchen bestickten Schürzchen, die wir nur an Weihnachten tragen durften, so wie schon Mama und ihre Schwestern, als sie noch Kinder waren. – Letzthin habe ich im Historischen Museum genau solch ein weisses Schürzchen entdeckt. Unsere Festtagskleidung von damals ist museumsreif geworden!
Wir konnten es kaum erwarten, bis das Glöckchen klingelte und sich wie von Geisterhand die Türe zur guten Stube öffnete. – Und da stand er nun, der glanzvoll geschmückte Christbaum mit den brennenden Kerzen, farbigen Kugeln, glitzernden Tannzapfen sowie allerlei Krimskrams aus Schokolade. Der ganze Baum war mit Silberlametta überhangen. Oben auf der Spitze thronte ein buntes Vögelchen, der einzige Weihnachtswunsch der zweiten Schwester. Neben unseren Geschenken lag ein leuchtend rotes Auto, welches man mit einem Schlüssel aufziehen konnte. Das Christkind hatte unseren Bruder doch nicht ganz vergessen.
Die Eltern brachten das Geschenk am Weihnachtstag ins Spital. Wir warteten ungeduldig auf ihre Heimkehr und die Neuigkeiten, die sie zu erzählen wussten. Der Bruder habe das rote Auto fest an sich gepresst und wollte es nicht mehr aus der Hand geben, auch nicht, um sein Zvieri zu essen. In der Infektionsabteilung, wo unser Bruder hospitalisiert war, musste das Spielzeug allabendlich desinfiziert werden. Es war jedoch für das Personal zu mühsam, den Kindern immer wieder ihr eigenes Spielzeug zurückzugeben. Deshalb wollte der Bruder nicht von seinem neuen Auto lassen. Er wusste, dass es ihm weggenommen und er es vielleicht nie mehr wiedersehen würde.
Noch jemand hatte unsern Bruder an Weihnacht nicht vergessen. In den Krankenakten fand ich eine Weihnachtskarte mit dem Bild eines kitschig süssen Christkinds, welches zum Fenster hereinfliegt und dem schlafenden Kind einen kleinen Weihnachtsbaum bringt. Der Sektionspräsident der Krankenkasse schrieb anstelle des Christkinds. Die Vorstellung, dass sich ein Sektionspräsident der Krankenkasse persönlich an die Schreibmaschine setzte und nach Worten suchte, berührt mich. Oder war es seine Sekretärin?
Weihnacht 1952
Dieses Jahr feierst du Weihnachten, dieses traute und schöne Fest des Christkindleins fern Deiner lieben Eltern und Angehörigen. Doch in Gedanken bist du sicher auch bei deinen Lieben zu Hause, so wie deine liebe Mutter und dein lieber Vater im Geiste das liebliche Weihnachtsfest bei Dir und mit Dir feiern. Aber auch das liebe Christkind hat Dich nicht vergessen. Ganz im Gegenteil. Es weilt unsichtbar unter Euch und nimmt sich ganz besonders der kleinen kranken Kinder an.
Dass das neue Jahr Dir die völlige Genesung und die ersehnte Heimkehr zu den lieben Angehörigen bringen möge, das wünscht dir von Herzen Namens des Sektionsvorstandes:
Der Präsident
Das lange Warten
Das neue Jahr brachte noch keine Genesung. Ich wartete und wartete, bis der Bruder endlich nach Hause komme, aber die ersehnte Heimkehr zögerte sich hinaus. Ich war im Kindergartenalter, doch die Mutter hatte mich nicht für den Kindergarten angemeldet. Sie dachte, dass sie mich zu Hause als Kindermädchen für den kleinen Bruder brauchen würde, wenn er wieder nach Hause käme. Nun war er nicht da und ich allein zu Hause, denn meine beiden älteren Schwestern verbrachten ihre Zeit in der Schule oder mit Lernen. Maria war auch nicht mehr bei uns. Da unser Bruder nicht zu Hause war, gab es nicht mehr so viel Arbeit und sein Spitalaufenthalt war teuer, sodass meine Eltern Maria den Lohn nicht mehr bezahlen konnten. Sie fand eine neue Anstellung in einer Bäckerei der Hauptstadt. Ich vermisste Maria sehr, ihre anrührenden Geschichten und ihre traurig schönen Lieder. So versuchte ich, mir die Zeit zu vertreiben, indem ich mir selbst Geschichten ausdachte. Auch zeichnete ich auf jedes Blatt Papier, das mir gerade in die Hände kam. Oft waren es kleine Kinder, welche krank im Bettchen lagen, umschwirrt von kleinen Engelchen. Oben in der rechten Ecke war meist ein kleiner Teufel zu entdecken, welcher mit Weihwasser verjagt wurde. Einmal bemalte ich ein ganz wichtiges Dokument, welches mein Vater tagelang suchte. Ich weiss nicht, wo ich es ergattert hatte, aber seine Worte, dass er deswegen ins Gefängnis hätte kommen können, verfolgten mich lange. – Ich wäre schuld daran gewesen!
Die wurmstichige Stiege im Treppenhaus sowie die Parkettböden in der Wohnung mussten wöchentlich gebohnert werden, damit sie wieder schön glänzten. Die darauf liegenden Teppiche wurden sorgfältig zusammengerollt und auf der speziell dafür vorgesehenen Teppichstange vor dem Haus tüchtig durchgeklopft. An dieser Teppichstange übten wir Kinder unsere ersten Kunststücke: «Flugzeug», «Bär» und «Glocke». Für die «Glocke» hängten wir uns kopfüber an die Stange. Im Hängen fiel uns Mädchen der Rock über den Kopf, sodass wir wie eine Glocke baumelten. Eine besondere Mutprobe war der «Glockenabsprung», bei dem man hin und her schwingend kopfüber von der Stange springen musste. Man sah nackte Beine und Unterhosen. Grossmama und Tante Gret war dieses Herumturnen ein Ärgernis.
Für die schwereren Putzarbeiten konnte die Mutter auf die Unterstützung von Frau Kunz zählen. Frau Kunz war eine kräftige, wenn auch schon grauhaarige Frau. Immer sehr freundlich, konnte man ihr nicht ansehen, wie viel Schweres sie in ihrem Leben durchgemacht hatte. In jungen Jahren aus dem kriegsversehrten Deutschland in die Schweiz geflüchtet, wurde sie schon sehr früh mehrfache Mutter und hatte in kümmerlichen Verhältnissen acht Kinder grosszuziehen. Da ihr Mann wegen einer Muskelkrankheit nicht mehr arbeiten konnte, musste Frau Kunz bei fremden Leuten putzen und waschen gehen, um die Familie zu ernähren. Der Mann versuchte, als Hausierer etwas dazuzuverdienen. Herr Kunz kam mehrmals jährlich mit seinem Hausiererkasten bei uns vorbei. Er führte ein kärgliches Sortiment an Schuhbändeln, Schuhwichse und Abwaschlappen. Unsere Mutter hatte immer ein grosses Herz für Hausierer, und so kam es, dass wir immer ein ganzes Arsenal an braunen Schuhbändeln, Wichse und Waschlappen horteten.
Herr Kunz – klein gewachsen und beim Gehen mit dem ganzen Körper wackelnd – konnte sich nur mühsam mithilfe von zwei Stöcken vorwärtsschleppen, ein ungewohnter Anblick für uns Kinder. Ich turnte gerade mit Trixli an der Teppichstange, als Herr Kunz von seinem Schuhbändelverkauf bei unserer Mutter aus dem Hause trat.
Trixli wohnte nebenan. Mit ihrem blonden Lockenschopf sah sie wie ein kleiner Engel aus. Wie gerne hätte auch ich so einen goldigen Lockenkopf gehabt. Mama wusch uns deshalb unser braunes Haar immer mit «Schwarzkopf Shampoo extra blond», und um mich zu trösten, bestätigte sie mir, dass ich auch Locken hätte, «steckengerade» eben.
Das blond gelockte Trixli humpelte nun – von Herr Kunz unbemerkt – einige Schritte hinter ihm her und ahmte seinen hinkenden Gang nach: «Schau, so geht der.» Ich fand jedoch, dass Trixli mit ihrem Humpelgang völlig falsch lag. Die Bewegungen von Herrn Kunz waren viel verschrobener. «Nein, so», korrigierte ich Trixli, verdrehte meine Beine und wackelte dazu mit dem Kopf. Schon unterbrach mich die scharfe Stimme der Grossmutter. Da stand sie unter dem Küchenfenster wie der Engel beim Jüngsten Gericht. «Du solltest dich schämen, diesen armen Mann auszulachen! Besonders, da du ja selbst einen kranken Bruder hast.» Wir hatten uns über Herr Kunz nicht lustig gemacht. Mit kindlicher Neugier hatten wir lediglich versucht, sein ungewöhnliches Bewegungsmuster zu imitieren. Doch ich bekam Hausarrest und musste den ganzen Nachmittag bei Grossmutter in der Wohnung bleiben. Von draussen riefen mich meine Spielkameradinnen. Sie bettelten so lange, dass ich rauskommen sollte, bis ich mich an dem fast ebenerdigen Fenstersims langsam hinuntergleiten liess und mich zu ihnen gesellte.
An das, was nachher war, kann ich mich nicht mehr genau erinnern …
Auf Fotos sieht man mich – eigentlich viel zu alt dazu – in einem Kinderwagen sitzen. Beim Spiel im Sandhaufen hatte mich etwas in den Finger gestochen – und plötzlich konnte ich für eine Weile nicht mehr gehen. Bis heute ist nicht klar, was damals los war. Eine Strafe des Himmels oder eine Selbstbestrafung für das Nachäffen von Herrn Kunz? Engelchen Trixli blieb unbehelligt.
Engel waren überall, scheint es mir heute. Beim Spielen im Garten fanden meine Schwester und ich in einer verwinkelten Ecke – ganz von Gebüsch überwachsen – einen Stein aus weissem Marmor mit einem kleinen Engel darauf. In diesem Stein war der Name unseres Bruders gemeisselt, wie mir die Schwester entzifferte. Ich konnte damals noch nicht lesen. Wir waren verwirrt.
Tante Gret konnte uns dieses Mysterium später deuten: Als die erste Frau von Onkel Emil bereits sehr krank war, hatte sie ein Bübchen geboren, welches jedoch bald darauf starb. Es wurde auf den Namen seines Grossvaters – unseres Urgrossvaters – getauft. Dieser Name wurde auch an unseren Grossvater, Vater und nun an unsern Bruder weitergegeben. So war es in vielen Familien üblich.
Nach der Räumung des Grabfeldes wurde der Grabstein des verstorbenen Bübchens in den Garten gestellt und der Natur überlassen.
Mich jedoch liessen die Gedanken an den Stein mit dem kleinen Engel nicht mehr los. Wenn dieser Engel nun auch meinen Bruder zu sich holen würde?
Bei der Grossen Tante
Das Herrschaftshaus
An einem schönen Frühlingstag sah ich, wie Mama meine Kleider in den kleinen Binsenkoffer packte, der sonst oben auf dem Dachboden stand. Ich dürfe für einige Zeit zu meiner Grosstante in die Ferien gehen. Mama hatte im Moment wenig Zeit für mich, und sie konnte mich nicht allein zu Hause lassen, wenn sie den Bruder besuchte. Dass es noch einen anderen Grund gab, warum Mama entlastet werden sollte, erfuhr ich erst später.
Grosstante war die grosse Schwester meiner Grossmutter. Sie war gertenschlank. Grosstante hatte die Haare hinten zu einer Rolle zusammengesteckt und trug eine schwarze runde Drahtbrille, was ihr ein strenges Aussehen gab. Wir meinten, sie heisse Grosstante, weil sie so gross gewachsen war, dies im Gegensatz zu unserer eher etwas behäbigeren Grossmutter. Deshalb nannten wir Kinder sie die Grosse Tante.
Vor der Heirat unserer Grossmutter führten die beiden Schwestern gemeinsam eine Schneiderei. Ihre Mutter früh verloren und in armen Verhältnissen aufgewachsen, hatten sie die Gelegenheit, im Waisenhaus einen Kurs als Weissnäherinnen zu besuchen. Die Grosse Tante bildete sich anschliessend zur Schneiderin weiter. In kurzer Zeit führten die beiden Schwestern ein florierendes Geschäft mit einigen Lehrtöchtern und einer internationalen Kundschaft aus den Nobelhotels der Umgebung. Grossmutter lernte deswegen in Abendkursen Englisch. Sie war stolz, wenn sie die Kundschaft auf Englisch empfangen konnte. Sie, die nach der sechsten Klasse die Schule verlassen musste, weil das Geld für das Lesebuch der siebten Klasse nicht reichte! Die beiden Schwestern gaben auch Nähkurse für junge Mädchen zur Vorbereitung auf ihre spätere Rolle als Ehe- und Hausfrau. Kurz nach meiner Grossmutter heiratete auch die Grosse Tante. Sie lernte ihren Mann durch seine vier Schwestern kennen. Sie alle besuchten einen Nähkurs bei ihr.
Die Grosse Tante heiratete in eine Familiendynastie ein. Der Familie ihres Mannes gehörte ein direkt am See gelegenes grosses Herrschaftshaus. Man erzählte sich, dass die Schwiegermutter jeweils ins Jagdhorn blies, um ihre sieben Kinder zum Essen zusammenzurufen. Nun waren die Töchter ausgezogen. Grosstantes Mann Gottlieb führte mit seinen zwei Brüdern Xaver und Chasper den Gutsbetrieb mit Bauernhof, Trotte und Käserei. Die Ehe der Grossen Tante und Onkel Gottlieb blieb kinderlos. Deshalb nahm die Grosse Tante immer wieder Kinder aus der Verwandtschaft zu sich, deren Eltern sich aus einem bestimmten Grund nicht um sie kümmern konnten. Auch mein Vater und seine Geschwister waren als Kinder bei der Grossen Tante in den Ferien gewesen. So war es schon fast selbstverständlich, dass nun auch ich für einige Zeit dorthin geschickt wurde.
Die Grosse Tante brachte ihre jüngere Stiefschwester Fanny mit in die Ehe. Fanny war seit ihrer Kindheit etwas schwächlich und galt als wenig lebenstüchtig. Zusammen mit Tante Fanny führte die Grosse Tante dort in der grossen Stube – die so gross wie ein Tanzsaal war, wie meine Mutter sagte – ihr Schneideratelier weiter. Später spezialisierten sich die beiden Schneiderinnen auf das Nähen von Trachten. Sie hatten viele Aufträge vom Schweizerischen Heimatwerk. Die Grosse Tante kam oft in die Stadt, um den Kundinnen die Trachten anzuprobieren. Das Mieder mit dem kunstvoll gestickten Latz musste genau sitzen.
Auf dem Rückweg von einer solchen Anprobe sollte mich die Grosse Tante nun mit sich nehmen. Grossmutter brachte mich zum Schiffsteg, wo die Grosse Tante mich bereits erwartete. Wir fuhren mit dem mächtigen Raddampfer bis zum Anlegesteg in Untermatt. Tante Fanny holte uns dort mit dem alten Leiterwagen ab. Unser Gepäck, die anprobierten Trachten und mein kleiner Koffer, wurden aufgeladen, und zu dritt machten wir uns auf den Weg.
Nun stand ich wieder vor dem altehrwürdigen Haus mit dem langen dunklen Gang und den verwirrend vielen grossen und kleinen Zimmern über mehrere Stockwerke verteilt. Ich kannte das Haus bereits ein wenig, da ich schon früher einmal dort zu Besuch war. Doch dieser Besuch von damals war von einem Ereignis überschattet, welches mich mein ganzes Leben lang verfolgen sollte: Ich galt als ein besonderer Liebling von Tante Fanny. Wenn sie bei uns war, erzählte sie mir immer von ihrer prächtigen Puppe, die sie mir zeigen würde, wenn ich einmal zu ihr auf Besuch käme. Es war eine grosse Puppe mit einem wunderschönen Kopf aus Porzellan. Heute würde sie wohl ein Vermögen kosten.
An den Anlass des Besuches kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich sehe nur noch, wie Tante Fanny mir diese kostbare Puppe sorgfältig in den Puppenwagen legt. Der Puppenwagen hat hohe Räder. Dann lässt sie mich mit dem Wagen die Strasse entlangfahren, verschwindet im Haus und tritt plötzlich auf der anderen Seite des Hauses wieder zur Türe heraus, wohl um mich zu überraschen. Ihre Überraschung gelingt. Voll Freude, die Tante wieder zu sehen, will ich zu ihr eilen und lasse dabei den Wagen fahren. Dieser streift den Randstein, kippt um und der wunderschöne Porzellankopf zerschellt auf der Strasse …
Hier habe ich einen Filmriss. Ob ich damals gescholten oder gar bestraft wurde, daran kann ich mich nicht erinnern, aber dieses Missgeschick blieb ein Leben lang an mir haften. Wieder zu Hause bekam ich eine persönlich an mich adressierte Postkarte von Onkel Gottlieb. Auf der Karte befand sich das Porträt eines kleinen Mädchens. Am unteren Rand war mit schwarzer Tinte eine Zeichnung angefügt: Ein Mädchen fährt mit dem Puppenwagen die Treppenstufen runter, ein umgekippter Wagen, Tränen, ein Scherbenhaufen! Ich schämte mich, ärgerte mich jedoch auch, da diese Zeichnung nicht stimmte.
Auch Tante Fanny sprach bis zu ihrem Tod mit neunzig Jahren von meinem Missgeschick und trauerte um die schöne Puppe.
Der Grosshaushalt
Nun war ich also wieder hier in diesem Haus, doch Onkel Gottlieb war nicht mehr da. Er war bereits verstorben, wann und woran, habe ich nicht erfahren. Es wohnten jedoch viele andere Menschen hier. Sie waren alle etwas speziell in ihrer Art. Teils gehörten sie zur Familie, teilweise waren sie Angestellte. Es gab jedoch auch fremde Personen, die nur zur Miete hier wohnten, und im Sommer kamen noch Feriengäste dazu. Es gab auch Haustiere, vor allem Katzen.
Es war ein kinderloses Haus, deshalb hatte ich als kleines Mädchen eine besondere Stellung. Als Plaudertasche brachte ich etwas Abwechslung in den Alltag der Menschen, die hier lebten.
Johanna war für die Verpflegung zuständig. Neben ihrer Tätigkeit als Köchin oblag ihr die Sorge um den Gemüsegarten. Im Waisenhaus aufgewachsen, kam Johanna als junges Mädchen in das Haus und war zeitlebens der hier ansässigen Herrschaft zu Diensten. Sie gehörte quasi zum Inventar. Johanna war klein und rundlich. Ihre langen Haare hatte sie zu einem Knoten zusammengebunden wie damals die meisten älteren Frauen. Ihr Markenzeichen waren jedoch ihre Sandalen, welche sie jahrein jahraus trug und für die meine Schwestern den Begriff «Johannasandalen» prägten. In Johanna fand ich eine geheime Verbündete, wenn es darum ging, mich vor den frommen und gestrengen Erziehungsprinzipien der Grosstanten in Schutz zu nehmen.
Das kleine Stübchen neben der Küche war für Onkel Xaver reserviert, ein weisshaariger, knochiger Mann. Er war Junggeselle. Ich fürchtete mich vor ihm, obwohl er mir gegenüber nie unfreundlich, wenn auch sehr wortkarg war. Onkel Xaver wurde von den Frauen im Haus wie ein Gott behandelt. Das Essen wurde ihm durch ein Türchen aus der Küche in sein Stübchen gereicht. Ich durfte sein Essgeschirr erst abräumen, wenn er nach dem Mittagsschlaf seine Stube wieder verlassen hatte.
Während Gottlieb früher als Gutsverwalter amtete, war der Aufgabenbereich von Xaver der Stall gewesen.
Der jüngere Bruder Chasper war auch auf dem Hof tätig. Onkel Chasper wohnte zusammen mit seiner Frau Luise im oberen Stock. Chasper war von hagerer Gestalt mit einer imposanten Nase. Tante Luise hatte immer ein freundliches Lachen auf ihrem Gesicht. Die beiden erinnerten mich an Chasper und seine Frau aus dem Chasperletheater. Mit einem aus Karton gebastelten Fotoapparat machte ich immer wieder Schnappschüsse von Tante Luise, wenn sie gerade vorbeiging. Meine selbst verfertigten «Fotografien» belohnte sie mit Süssigkeiten.
Ganz zuoberst unter dem Dach lebte Frau Coulin. Sie hatte ihr feines schneeweisses Haar kunstvoll zusammengesteckt. Frau Coulin sprach Hochdeutsch, trotz ihres französischen Namens. Sie hatte einen sprechenden Papagei und zwei wunderschöne Angorakatzen. Das alles verlieh ihr etwas Exotisches. Sie nannte mich «ihre blauen Augen», warum verstand ich nicht, denn meine Augen waren ja nicht blau, sondern braun. Frau Coulin lud mich hin und wieder zum Tee ein. Ich sollte sie mit meinen Geschichten unterhalten. Bis heute habe ich die Karte von der «Katzenschule» aufbewahrt, welche sie mir zu meiner Einschulung sandte.
Dann gab es im Erdgeschoss noch das Ehepaar Knirps, zwei kleine kugelrunde Leute, welche einen kleinen Hund besassen, der auch so kugelrund war. Als ich mich einmal nicht wohlfühlte, liess mir Herr Knirps Trauben bringen und beschwor die Grosse Tante, doch einen Arzt kommen zu lassen.
Alle diese Menschen wohnten dauerhaft in diesem ehrwürdigen Haus.
Im Sommer kamen noch einige Gäste dazu. Die Grosstanten vermieteten Fremdenzimmer an die Kurgäste. Dann mussten wir zusammenrücken. Tante Fanny hatte nicht mehr ihr eigenes Zimmer und ich nicht mehr mein eigenes Bett, sondern schlief im Gräbchen zwischen den beiden Grosstanten. Die Leute, die da aus ganz Europa kamen, waren noch interessanter als die Dauergäste. Da war der Kapellmeister, der mit dem Metermass kam, um das Bett auszumessen, weil er so gross gewachsen war. Grosstante verfügte als Einzige im Dorf über ein Bett, welches ihm passte. Die Fremdenzimmer waren mit Wasserkrug, Waschbecken und einem Nachttopf ausgestattet. Wenn die Gäste enttäuscht nach dem fliessenden Wasser fragten, zeigte Tante Fanny aus dem Fenster auf den See hinaus.
Im Stiegenhaus war eine Toilette für die Gäste. Wir mussten nach draussen gehen. Die Toilettenhäuschen neben dem Haus sahen aus wie kleine Kapellen. Die Kapelle auf der rechten Seite des Hauses war für die Männer bestimmt, die links für die Frauen. Im Männerklo befand sich eine WC-Schüssel aus weissem Porzellan, im Frauenhäuschen waren zwei hölzerne Plumpsklos nebeneinander aufgestellt. Sie waren wohl für Mutter und Kind gedacht, denn der eine hölzerne Thron war bedeutend niedriger als der andere. Ich wollte nie allein dorthin gehen, da ich fürchtete, ins dunkle Loch hinunterzufallen. Immer wieder erkundigten sich Kurgäste, ob sie die kleinen Kapellen besichtigen dürften. Heute zieren diese beiden Kapellen die Gartenanlage und sind denkmalgeschützt. Es weiss wohl niemand mehr, wozu sie früher dienten.
Wenn an den warmen Sommertagen die Fremden in schulterfreien Tops und sehr kurzen Shorts – oder auch sonst viel nackte Haut zur Schau stellend – an dem Hause vorbeiflanierten, fühlten sich beide Grosstanten in ihrer «Schneiderinnenehre» – aber mehr noch in ihren sittlichen Gefühlen – verletzt. «Man sollte sie mit Weiderütchen zwicken», ereiferte sich die Grosse Tante. Wenn es dann mehrere Tage hintereinander regnete, sahen die Grosstanten darin eine himmlische Bestrafung für die unzüchtige Kleidung der fremden Gäste. Sie überzeugten mich davon, dass schlechtes Wetter eine Strafaktion des lieben Gottes war. Ich versuchte, ihn zu besänftigen, indem ich etwas Weihwasser im Garten verspritzte.
Unheimlich war es, wenn nachts ein heftiges Gewitter tobte, der Wind durch den Kamin pfiff und schwarzes Pech aus der Feuertüre des grossen Ofens floss. Dann verbrannte die Grosse Tante Stechpalmen, welche sie zuvor am Palmsonntag in der Kirche hatte segnen lassen, um den Sturm zu besänftigen. Ich hörte einmal sagen, dass in solchen Nächten der Geist einer jungen Frau durch das Haus irre. Die Unglückliche soll sich vor vielen Jahren aus dem Fenster gestürzt haben.
In der Schneiderei
Die meiste Zeit hielt ich mich im Schneideratelier auf, wo die beiden Grosstanten mit ihren Näharbeiten beschäftigt waren. Es war eine Fundgrube an Spielmaterial: alte Stoffresten, leere Fadenspulen, Knöpfe und sonst allerlei, was in einem Schneideratelier als Abfall anfiel. Die Grosstanten liessen mich an ihrem Arbeitstisch spielen. Ich schaute ihnen bei ihrer Arbeit zu und kopierte ihre grossen weissen Stiche für meine Näharbeiten. «Z’fadeschloh» nannten sie dies. Ich wusste nicht, dass diese grossen Stiche nur Heftnähte waren, die man nach Fertigstellung der Naht wieder auftrennen musste. Doch die Grosse Tante spendete mir Lob für meine Arbeit: «Aus dir wird sicher einmal etwas!» Obwohl sie sonst kaum Lob verteilte, war es ihr wichtig, mir das zu sagen. Ihre Patin, bei der sie nach dem Tod der Mutter für einige Zeit wohnen musste, hätte ihr immer gesagt, dass aus ihr nichts werden würde. Als die Grosse Tante dann ihre Ausbildung zur Schneiderin abgeschlossen hatte, war der lapidare Kommentar der Patin: «Ich hätte nie gedacht, dass aus dir einmal etwas wird.»
Ich sang gerne, was offenbar den beiden Tanten gefiel. Einmal während des Arbeitens wurde ich von der Grossen Tante aufgefordert, doch wieder dieses Lied zu singen, welches ich immer wieder vor mich hinträllerte. Voll Inbrunst sang ich Marias Lied vom kleinen Mädchen, welches sich am Grab seiner Mutter über die böse Stiefmutter beklagt. Offenbar hörte mir die Grosse Tante zum ersten Mal richtig zu. Sie wurde plötzlich ärgerlich und verbot mir, dieses Lied je wieder zu singen. Ich war verwirrt. Was hatte ich denn falsch gemacht? Erst später begriff ich: Grossmutter und die Grosse Tante waren ja selbst bei einer Stiefmutter aufgewachsen, ihre eigene Mutter lag eines Morgens tot neben ihnen im Bett. Aus Bemerkungen von Grossmutter und der Grossen Tante musste ich schliessen, dass sie sich von ihrer Stiefmutter sehr stiefmütterlich behandelt fühlten. Die Stiefmutter hatte noch zwei eigene Kinder. Eines davon war Tante Fanny, und Tante Fanny hob immer hervor, wie gut ihre Mutter zu allen Kindern war …
Josefli
Im kleinen Haus über der Strasse wohnte der Kaminfegermeister mit seiner Familie. Zwei Töchter waren schon fast erwachsen, doch die jüngste, die kleine Martha, war nur ein Jahr älter als ich. Ich bewunderte sie, da sie schon so viel wusste. Vor allem jedoch beneidete ich sie um ihre langen blonden Zöpfe. Martha kam oft zu mir herüber, da auch sie niemanden zum Spielen hatte. Auf der langen Holzbank vor dem Haus bauten wir gemeinsam mit Steinen, Blättern und Ästen und allem, was wir sonst noch draussen fanden, ein Haus für unsere kleinen Püppchen. Die Püppchen hatte ich vorher aus dem Abfall des Schneiderateliers zusammengebastelt. Als Gerüst für die Püppchen verwendete ich die Haarnadeln, welche die Grosse Tante nicht brauchen konnte. Mit diesen Püppchen spielten wir nun selbsterfundene Geschichten.
Wenn wir etwas laut wurden, liess mich die Grosse Tante zum Zvieri rufen, und Martha musste nach Hause gehen. Dann war der Nachmittag gelaufen, denn ich wusste, nachher war das Rosenkranzgebet angesagt. Manchmal versuchten Martha und ich, uns wegzuschleichen, oder wir waren so ruhig, dass Grosstante uns vergass. Doch das gelang nur selten. Grosstante fand, es sei besser, wenn ich drinnen mit ihr und Tante Fanny beten würde, als draussen herumzutoben und Lärm zu machen.
Die Grosse Tante betete vor, während sie sich weiter mit ihrer Näharbeit beschäftigte. Tante Fanny und ich sollten jeweils «abnehmen», das bedeutete, mit dem zweiten Teil des «Ave Maria» zu antworten. Weil Grosstante während des Arbeitens keinen Rosenkranz halten und die Perlen zählen konnte, behalf sie sich mit einem besonderen Zählsystem. Mit «erster Chor der Engel, zweiter Chor der Engel» usw. zählte sie sich bis zum zehnten Ave Maria durch, um dann mit dem «ganzen himmlischen Hofe» ins nächste «Gesätzchen» überzuwechseln. Ich musste still dasitzen; was für eine Qual für ein fünfjähriges Kind! So konzentrierte ich mich darauf, ob Grosstante richtig zählte. Wie war ich enttäuscht, wenn sie mehrmals das gleiche «Gesätzchen» wiederholte, ohne es zu merken, und wie freute ich mich, wenn sie einige Ave Marias übersprang. Auf diese Weise gestaltete ich mir das Beten etwas unterhaltsamer und lernte dabei erst noch zählen.
Eines Morgens stand die älteste Schwester von Martha mit verweinten Augen vor der Türe und sagte knapp: «Josefli ist gestorben.» Die Grosse Tante nähte schnell drei schwarze Ärmelschürzen für die Mädchen, welche diese zum Ärger der Grosstante später nur zum Teppichklopfen anzogen. Tante Fanny pflückte mit mir im Garten eine weisse Lilie. Dann gingen wir gemeinsam zum Kaminfegerhaus. Die älteste Schwester führte uns in ein Zimmer. Dort stand mittendrin ein kleiner weisser Sarg. Darin lag ein blasser Junge. Die Augen hatte er geschlossen. Es sah aus, als ob er schlafen würde. Ein Kranz von weissen Rosen lag auf seiner Brust. Ich sollte nun die weisse Lilie dazulegen, doch ich getraute mich nicht, näher zu treten, bis mir die Tante ungeduldig die Blume aus der Hand riss und selbst in den Sarg legte.
Ich hatte noch niemals zuvor einen Toten gesehen, und jetzt lag da ein kleiner Junge vor mir – ein wenig älter als mein Bruder – ohne sich zu regen. Das war Josefli? War das nun dieser Josefli «selig», von dem die Grossmutter immer sprach? Ich wusste damals noch nicht, dass «selig» verstorben hiess.
Niemand sagte mir, was mit diesem Jungen hier los war. Ich wusste bis anhin gar nicht, dass Martha auch einen kleinen Bruder hatte. Sie hatte mir nie von ihm erzählt. Warum war er gestorben? War er auch im Spital gewesen? Ich getraute mich nicht, Fragen zu stellen, und niemand sprach mit mir darüber. Von nun an schlossen wir auch den kleinen Josefli ins Rosenkranzgebet mit ein.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass der Tod dieses kleinen Jungen in einer Verbindung zu meinem Bruder stand. Wenn mein Bruder auch sterben würde? Täuschte ich mich, spürte ich es, oder wurde es sogar laut ausgesprochen, dass es vielleicht doch besser wäre, wenn mein Bruder auch sterben könnte? Einmal erzählte meine Grosse Tante von einem jungen Mann, der als Kind auch sehr krank war. Seine Eltern bestürmten den lieben Gott so sehr, dass er ihn wieder gesund mache. Der Junge überlebte, kam jedoch später auf die schiefe Bahn und wurde zum Mörder der eigenen Mutter. Ich war verwirrt. Es hiess doch immer, wir sollten für unseren Bruder beten. War es nun plötzlich falsch, den lieben Gott eindringlich zu bitten, unseren kleinen Bruder wieder gesund zu machen?
Anfang Juni kam der lang ersehnte Bericht vom Kinderspital. Es gehe dem Bruder ausserordentlich gut. Die Tuberkulose sei zwar noch nicht ausgeheilt, der Bruder müsse noch in ein Sanatorium zur Kur. Die Grosse Tante brachte mich wieder zu meiner Familie zurück.
Mein kleiner Bruder war da, aber nur für wenige Tage. Er hatte grosse Freude, mich zu sehen und wollte mich packen und umarmen. Doch ich versuchte, ihm immer wieder zu entwischen. Ich hatte solche Angst, auch so krank zu werden wie er. Papa bemerkte meine Not und versicherte mir, dass mir die Krankheit des Bruders nichts mehr anhaben könne.
Noch eine Schwester
In all dieser Aufregung um meinen Bruder ging es Mama nicht gut, und sie musste wieder ins Spital. Wieder wurden wir aufgefordert, zu beten. Am Abend rief Papa an, um uns mitzuteilen, dass wir ein kleines Schwesterchen gekriegt hätten. Doch die Stimmung schien gedrückt. Später erfuhr ich, dass es eine sehr problematische Geburt war und es an ein Wunder grenzte, dass Mutter und Kind überlebt hatten.
Was war geschehen? Meine Mutter äusserte gegenüber dem Arzt die Befürchtung, dass es sich bei ihr wohl um einen «Plazentavorfall» handeln könnte, da das Kind nicht spontan auf die Welt kommen wollte. Bei ihrer Mutter war das jüngste Kind – ein Bübchen – aus diesem Grund im Mutterleib erstickt. Der Arzt ignorierte die Warnung der Mutter, packte mit der Zange zu und stach direkt in die Plazenta. Blut spritzte im grossen Bogen raus. «Und das ausgerechnet um die Mittagszeit, wenn es sonst schon so viel zu tun gibt,» dies waren die letzten Worte der Krankenschwester, an die sich die Mutter noch erinnern konnte, bevor sie das Bewusstsein verlor. Mutter und Kind waren in Gefahr. Plötzlich musste alles sehr schnell gehen. Der Arzt entschloss sich zu einem Kaiserschnitt. Es wurde sehr kritisch. Die Mutter hatte bereits viel Blut verloren und war sehr schwach. Sie brauchte viele Bluttransfusionen. Unsere ganze Verwandtschaft war an dieser Geburt mitbeteiligt, denn alle Erwachsenen wurden später zum Blutspenden aufgeboten, damit die Klinik ihre Blutkonserven wieder auffüllen konnte.
Von dieser schweren Geburt erholte sich unsere Mutter nie mehr richtig.
Und nun war Maria plötzlich wieder da. Die neue Stelle hatte ihr nicht gefallen. Im Winter musste sie frühmorgens bei jedem Wetter mit dem Fahrrad die Brote verteilen. Der ausbezahlte Lohn war auch nicht so hoch wie versprochen. Maria fühlte sich ausgenutzt und vermisste den «Familienanschluss», den sie bei uns sehr intensiv erlebt hatte. Sie fragte, ob sie wieder bei uns arbeiten dürfe. Maria kam wie gerufen, war sie doch in diesem Moment für die Mutter eine grosse Hilfe.
Ich kam nun in den Kindergarten. Die meisten Kinder waren bereits ein bis zwei Jahre dort, ich jedoch war neu in der Gruppe. Der Kindergarten wurde von Schwester Maria Leo, einer katholischen Nonne, geführt. Sie galt als eine sehr erfahrene Kindergärtnerin. Mehrere Generationen verschiedener Konfession besuchten bei ihr den Kindergarten. Sie konnte sich später noch an alle mit ihrem Namen erinnern. Der Kindergarten war im alten Casino untergebracht – einem ehrwürdigen Gebäude, welches früher einer ortsansässigen Aristokratenfamilie als Winterquartier diente.
Neben dem einfach gehaltenen Kindergartenraum lagen zwei barocke Ballsäle, wo gelegentlich noch gesellschaftliche Anlässe abgehalten wurden. Diese Räume waren für uns tabu. Schwester Maria Leo beheimatete in dem einen Raum den Sankt Nikolaus und im andern das Christkind. So standen wir das ganze Jahr unter himmlischer Beobachtung. Immer wieder hörten wir Flügel rascheln und wetteiferten untereinander, wer wohl schnell einen Blick auf das vorbeihuschende Christkind erhaschen oder die tiefe Stimme von Sankt Nikolaus vernehmen konnte. Während des ganzen Jahres waren wir bemüht, uns viele goldene Einträge und möglichst wenige schwarze Striche in Nikolaus’ grossem Buch zu verschaffen.
Im Advent dann kamen die hehren Gestalten leibhaftig – Sankt Nikolaus, begleitet von einem Tross von Engeln – bei uns zu Besuch, und dann wurde abgerechnet. Sankt Nikolaus mit seinem weissen langen Bart war zwar ein milder Mann, der uns glaubwürdig mit feuchten Augen vorspielen konnte, wie traurig ihn unsere Missetaten stimmten. Er war ein alter Freund meines Grossvaters, wie ich später erfuhr, und er war Sankt Nikolaus aus «Berufung». «Rutscht mir doch alle den Buckel runter», soll er seinen Kollegen einmal zugerufen haben, als sie ihn ärgerten, «in zwei Monaten bin ich wieder der Sankt Nikolaus und der glücklichste Mensch!»
Die Rückkehr
Sanatorium
Der Brief vom Kinderspital mit der Überweisung in die Kinderheilstätte stammt vom 1. Juni 1953. Am 19. Juni wurde unsere kleine Schwester geboren. Einige Tage später, am 27. Juni, war der Eintrittstermin für unseren Bruder ins Sanatorium. Wie haben die Eltern das alles nur geschafft? Ich vermute, dass wieder die Verwandtschaft da war und half.
Die Kinderheilstätte trug den sinnigen Namen «Heimeli». Wenn ich die Fotos von damals anschaue, sehe ich unsern kleinen Bruder in einer Blumenwiese sitzen, umringt von anderen Buben und Mädchen. «Unsere Kinder reden noch immer von ihm», schrieb Schwester Alice später. Ich habe sie nie kennengelernt, da auch hier nur unsere älteste Schwester zu Besuch durfte. Schwester Alice muss damals eine wichtige Bezugsperson für unsern Bruder gewesen sein. Auch später erkundigte sie sich immer wieder nach seinem Wohlbefinden und wie er sich zu Hause wieder eingelebt habe!
Der Bruder hatte während seiner Krankheit das Sprechen verlernt und musste wieder neu gehen lernen. Die ärztlichen Berichte aus der Heilstätte, welche alle drei Monate zu Hause eintrafen, wurden von uns voll Spannung erwartet und die Bemühungen um den kleinen Sohn vom Vater herzlichst verdankt, erfreut über seine guten Fortschritte und in der Hoffnung, dass er bald gesund und munter in die Familie zurückkehren könne.
Sept. 53
Die allgemeine Erholung ist ordentlich. Der Knabe ist ziemlich lebhaft und gut gelaunt. Eine Fortsetzung der Kur für weitere 3 Mt. ist unbedingt angezeigt.
Dez. 53
Die «geistige» Entwicklung ist befriedigend, er beginnt zu sprechen, allerdings noch undeutlich. Aufgrund des Röntgenbefundes und mit Rücksicht auf die durchgemachte Meningitis und die Jahreszeit ist die Fortsetzung der Kur unbedingt angezeigt. Wir haben um eine Kurbewilligung von weiteren 3 Monaten ersucht.
März 54
Der linke Hilus (Lunge) ist noch deutlich verbreitert, partienweise etwas dicht. In seinen «geistigen» Funktionen macht der Knabe befriedigende Fortschritte. Eine weitere Fortsetzung der Kur ist unbedingt angezeigt. Wir ersuchen um Kurbewilligung für weitere 3 Mt. …
Schlussendlich war der Bruder ein ganzes Jahr in der Heilstätte. Mit zweieinhalb Jahren wurde er krank. Mit viereinhalb Jahren kehrte er «körperlich geheilt zurück, dank neuzeitlichen Heilmitteln», wie es im Austrittsbericht heisst.
Ein anderer Bruder
Inzwischen war ich in der ersten Klasse. Ich lernte Lesen und Schreiben und entwickelte eine rege Schreibtätigkeit. Was ich früher zeichnend verarbeitete, tat ich nun schreibend. Ich verlangte bei der Lehrerin nach Papier und blieb freiwillig länger in der Schule, um meine kleinen Aufsätze zu schreiben. Die Lehrerin nannte mich «Blättlischluckerin». Sie korrigierte jeweils meine Texte und strich die Fehler mit roter Tinte an. Als nun fast das ganze Blatt rot angestrichen war, befand sie, ich würde besser etwas abschreiben, als eigene Geschichten voller Fehler zu schreiben. So wurde meiner Schreib- und Fabulierlust ein Ende gesetzt.
Ich war nun bald anderweitig beschäftigt, denn als ich eines Tages von der Schule heimkam, hatte die Mutter Matratze, Decken und Kissen zum Sonnen über die Teppichstange gehängt.
«Wir können am Sonntag den Bruder abholen.»
Die Sonne beschien das Bettzeug, als wollte sie meinem Bruder als Vorschuss etwas Wärme bringen.
«Kommt er nun für immer nach Hause?»
Wir beiden konnten damals nicht ahnen, wie oft der Bruder noch von zu Hause fortgehen musste.
Beim Austrittsgespräch sagte der Arzt meinen Eltern, ihr Sohn würde sehr viel Liebe benötigen. «Wohl wird es kaum einen Studierten aus ihm geben, aber es müssen ja nicht alle studieren.» Das war alles, was meinen Eltern als Aufklärung über die durch die Krankheit hinterlassenen Schäden ihres Sohnes mit auf den Weg gegeben wurde. «Mach’ dass er brav studiert. Belohn damit sein Streben, dass einst berühmt er wird», dieser Geburtswunsch aus der Feder des Wiener Künstlers musste somit schon früh begraben werden.
Ich war voller Freude, dass der Bruder nun wieder bei uns war und ich einen Spielgefährten hatte. Das Schwesterchen war einfach noch zu klein für meine Spiele.
Mein Bruder machte jedoch wenig her als Spielpartner:
Ich hatte die Kiste mit den Bauklötzen auf den Boden geleert und wollte mit meinem Bruder zusammen etwas bauen. Er war jedoch nicht am Bauen interessiert, sondern nahm zwei Holzklötze und schlug sie einfach nur gegeneinander. Er wusste wohl nichts Besseres damit anzufangen. Ich nahm ihm die Klötzchen aus der Hand und wollte ihm zeigen, was man alles damit machen konnte. Sogleich fiel er über mich her. Seine Finger griffen nach meinen Haaren und zerrten so fest, dass ich zu weinen begann. Mama eilte herbei, um mich zu befreien. Das war nicht einfach, denn seine Finger waren so fest in meine Haare verkrallt! Voll Entsetzten sah ich, wie er ganze Haarbüschel in seinen Händen hielt, meine Haare! Ich konnte nicht verstehen, warum er denn so böse wurde. Ich wollte ihm ja nur helfen.
Solche Anfälle traten immer wieder auf. Oft wusste ich kaum, wie ich mich nachts hinlegen sollte, da mich der Kopf so schmerzte, wenn der Bruder sich wieder an meinen Haaren vergriffen hatte.
Auch das kleine Schwesterchen bekam seinen Teil ab. Für den Bruder gehörte es nicht in diese Familie. Er hatte es ja vorher noch nie gesehen. Als er nach Hause zurückkam, hatte die kleine Schwester gerade Gehen gelernt und war noch unsicher auf den Beinen. Immer wieder stupste er sie um, wenn sie in seine Nähe kam. Glücklicherweise hatte sie damals noch fast keine Haare, und so konnte er sie nicht an den Haaren reissen. Später, als ihre Haare gewachsen waren, fielen auch ihre goldblonden Locken den Wutanfällen des Bruders zum Opfer.
Ich hatte mich mächtig auf meinen Bruder gefreut, so wie ich ihn in Erinnerung hatte, bevor er krank wurde. Doch dieser Bruder hier war ein Anderer. Er war unberechenbar in seinen Reaktionen. Er konnte lieb und fröhlich sein, doch urplötzlich begann er zu toben oder über uns herzufallen. Oft war es schwer nachvollziehbar, was ihn derart in Rage versetzte.
Einmal war der Bruder wieder krank. Er war unruhig und weinte die ganze Nacht. Ich musste mit ihm das Zimmer teilen und hatte deswegen kaum ein Auge zugetan. Am andern Tag in der Schule war ich sehr müde. Die Augen wollten mir zufallen. Bereits mehrmals wurde ich von der Lehrerin ermahnt, ich sollte mich anständig hinsetzen und nicht so in der Bank herumhängen. Nun verlor sie die Geduld. Ich musste mich zur Strafe in die Ecke stellen. In diesem Moment trat der Schulinspektor ein. Wie schämte ich mich, hier in der Ecke zu stehen. Wie ungerecht fand ich die Strafe, doch ich konnte nicht erzählen, warum ich so müde war.
Warum denn eigentlich nicht? Die Lehrerin kannte unsere Familie gut. Sie war auch schon bei uns zu Hause, weil meine älteste Schwester bei ihr im Sommerlager war. Warum war denn mein behinderter Bruder nie ein Thema? Heute frage ich mich, warum ich mich nicht erklären konnte, wenn mein Bruder mir das Zeichnungsblatt zerriss oder wenn durch seine Schuld Tintenkleckse mein Heft verunstalteten? Ich kassierte Schelte und musste mich damit abfinden, dass ich einen besonderen Bruder hatte, dass unsere Familie anders war. Deswegen schämte ich mich auch immer wieder.
Erst viel später erfuhr ich, dass einer meiner Mitschüler einen schwerstbehinderten Bruder hatte. Der Mitschüler stammte aus einer alteingesessenen Arztfamilie. Es hätte mir sehr geholfen, wenn ich von diesem Bruder gewusst hätte.
Kur auf der Alp
Es war Spätherbst, und diesmal war ich es, die stark hustete. Die Grosse Tante starb. Ich durfte wegen meines Hustens nicht einmal an ihre Beerdigung gehen. Ich versuchte, den Husten zu unterdrücken und weinte nachts leise in das Kissen. Eigentlich war ich ja nicht besonders gerne bei dieser Grosstante gewesen. Doch meine Mutter sagte mir damals, dass ich es später bereuen würde, wenn ich nicht mehr zu ihr gehen könne. Ich konnte mir das nicht vorstellen, doch nun war ich traurig und mein Gesicht von Tränen nass.
Der Husten wurde stärker und ich musste um Luft ringen. Der Kinderarzt diagnostizierte nun bei mir ebenfalls «Keuchhusten». Wenn ich damals verschont blieb, als unser Bruder daran erkrankte, so hatte es mich diesmal wie aus heiterem Himmel erwischt. Ich weiss nicht, wo ich mich angesteckt hatte. Meine Mutter meinte, es sei im Gedränge der Herbstmesse geschehen. Ich hustete die Nächte durch und durfte nicht zur Schule gehen wegen der Ansteckungsgefahr für die anderen Kinder. Da beschloss die Mutter, mich auch zur Kur auf die Alp zu Sophie und Gusti zu schicken, wie damals den Bruder. Offenbar hatte sie immer noch Vertrauen in die heilende Höhenluft, obwohl dort oben diese heimtückische Krankheit bei meinem Bruder ausbrach.
Es gab aber noch einen ganz praktischen Grund, mich nach Grattigen zu schicken. Der Bruder war bereits dort. Wegen seiner durchgemachten Lungentuberkulose verordnete ihm der Arzt immer wieder Kuraufenthalte. Ich sollte ihm nun auf der Alp Gesellschaft leisten und dabei auch als Kindermädchen die Sophie entlasten.
Es war ein nebliger Novembermorgen und noch stockdunkel, als meine Mutter sich mit mir auf die Reise machte. Nach einer längeren Zugfahrt warteten wir an einem Bahnhof auf das Postauto. Ein kalter Wind pfiff uns um die Ohren. «Hier bin ich geboren», sagte Mama. Ich schaute mich ungläubig um. Es gab kein Gebäude in der Umgebung, welches wie ein Spital aussah, und ich wusste inzwischen, wo die Kinder zur Welt kamen. Doch Mama erzählte mir, dass ihr Vater hier früher einmal Stationsvorstand war. Die Familie logierte deshalb in der Dienstwohnung im Bahnhof, und damals waren Hausgeburten üblich. Von da an prahlte ich vor den anderen Kindern damit, dass meine Mutter in einem Bahnhof geboren wurde. Ich erntete immer ungläubiges Staunen.
Nun fuhren wir mit dem Postauto hinauf ins Bergtal. Die Strasse war sehr eng und kurvenreich. Auf der einen Seite fiel sie steil ab, man konnte unten den See sehen. Auf der anderen Seite erhoben sich hohe Felswände. Vor den Kurven liess der Fahrer jeweils das Posthorn erklingen, um die talwärts fahrenden Fahrzeuge zu warnen. Obwohl Mama diese Strecke schon lange kannte, spürte ich, wie sie immer wieder zusammenzuckte, wenn das Postauto um eine enge Kurve fuhr.
Oben im Dorf meldeten wir uns in der Bäckerei. Meine Mutter kannte die Besitzerfamilie von früher, als sie im Tal ihre Ferienlager durchführte. Bis zur Seilbahn nach der Alp Grattigen hätten wir noch einen einstündigen Fussmarsch zurücklegen müssen. So hatte die Mutter arrangiert, dass wir mit dem Bäcker mitfahren konnten. Er versorgte zweimal wöchentlich das ganze Tal mit Lebensmitteln. Hinten im Tal wohnte die Schwester von Sophie, das Griti. Griti war eine weisshaarige Frau, etwas grösser und nicht so rundlich, jedoch gleich resolut und mit dem gleichen Humor ausgestattet wie ihre Schwester oben auf der Alp. Bei Griti musste man sich melden, wenn man mit der Seilbahn hinauffahren wollte. Dann telefonierte sie mit dem Seilwart. Der musste jeweils seine Arbeit liegen lassen und zur Bergstation hinabsteigen.
Wir warteten in Gritis Küche. Auf dem Feuerherd brodelte Wasser in einer von Russ geschwärzten Pfanne. Griti nahm fein gemahlenes dunkles Pulver aus einer Büchse und rührte es direkt in die Pfanne. Mit einer Schöpfkelle goss sie ein wenig kaltes Wasser nach. Es spritzte und zischte. Man müsse den Kaffee «verchlipfe», erklärte mir Griti, damit sich das Kaffeepulver auf den Pfannenboden setze. Ich nippte genüsslich an dieser mit viel Zucker gesüssten braunen Brühe. Kaffeetrinken war uns Kindern sonst nicht erlaubt. «Nicht für Kinder ist der Türkentrank, schwächt die Nerven, macht dich blass und krank …», sangen wir in der Schule im Kanon. Von dem dazu gereichten – im Kamin getrockneten – Ziegenfleisch konnte ich kaum genug bekommen. Doch Mama sagte mir, dass es nicht anständig sei, so viel davon zu nehmen.
Die offene Seilbahn, welche uns auf die Alp bringen sollte, sah sehr abenteuerlich aus. Als halsbrecherisch und lebensgefährlich fand ich sie später in der Presse beschrieben. Sie bestand aus zwei mit Rollen an Drahtseilen aufgehängten Lattenverschlägen, die sich gegenseitig hochzogen. Hinten war ein Tank angebracht. Oben wurde dieser jeweils mit Wasser aufgefüllt. Der mit Wasser gefüllte Tank gab das Gegengewicht für den Antrieb des unteren Gefährtes. Beim Einlaufen in die Talstation entleerte er sich automatisch. Dieses Bähnchen funktionierte ganz ohne Strom, nur mithilfe der Schwerkraft. Das konnte in trockenen Sommern problematisch sein. Es kam vor, dass die Seilbahn stecken blieb, weil der Wassertank zu wenig gefüllt oder die Fracht zu schwer war. Dann musste der Seilwart das Bähnchen von Hand heraufkurbeln.
Wir hatten nun das Gepäck aufgeladen und uns in der schaukelnden Kiste eingenistet. Dann schlug Griti mit einer rostigen Stange auf das Seil. Das Seil begann zu schwingen und das war das Abfahrtssignal für den Seilwart, das Bähnchen setzte sich in Bewegung. Langsam glitten wir nach oben. Mama sagte mir, ich solle die Augen schliessen, als wir über eine tiefe Schlucht pendelten.
Es waren erst drei Jahre vergangen, seit die Mutter an einem kühlen Herbstabend mit dieser Seilbahnkiste talwärts fuhr, ihr fieberndes Söhnchen in eine Wolldecke gewickelt. Onkel Emil wartete an der Talstation auf die beiden. Er fuhr die Mutter mit dem schwerkranken Bruder zuerst zu unserem Kinderarzt und anschliessend in das Kinderspital der nächstgelegenen Grossstadt. Es war eine lange abenteuerliche Fahrt. Spät in der Nacht erfuhr die Mutter von den Ärzten in der Klinik die vernichtende Diagnose.
Was mag ihr damals auf dieser Reise alles durch den Kopf gegangen sein? Die Mutter sprach nie darüber.
Heil auf der Alp angekommen, mussten wir noch zwanzig Minuten den Berg hinaufsteigen, bis wir auf der Vorderen Egg bei Sophie und Gusti waren. Dort sprang uns der Bruder entgegen. Er roch nach Stall. Mama übernachtete mit uns oben auf der Alp, da es zu spät war, um am gleichen Tag wieder zurückzureisen. Als am andern Morgen mein Bruder und ich aufwachten, war sie bereits weg. Sie hatte sich wohl davongeschlichen, um uns allen den Abschied zu erleichtern. Am Vorabend gab mir Mama ein Päckchen mit roten Plastikperlen, die man nach verschiedenen Mustern zusammenstecken konnte. Solche Ketten waren bei den Mädchen gerade in Mode. Wie sehr hatte ich mir auch eine solche Kette gewünscht und immer wieder darum gebettelt! Mama wollte mich wohl über das Heimweh hinwegtrösten.
Mein Bruder und ich sassen in der Küche beim Frühstück. Sophie schenkte uns aus dem grossen Milchkrug mit den blauen Tupfen Ziegenmilch ein, röstete Brotschnitten am offenen Herdfeuer und bestrich sie dann mit frischer Butter. Dann schnitt sie uns ein grosses Stück vom Käse ab. Wir sollten hier wieder zu Kräften kommen. Es war ein wenig wie beim Alpöhi. Der Bruder schaute nachdenklich zur Bergkette hinauf, welche in der Morgensonne rötlich leuchtete. Dann sagte er: «En Isebahn – was macht de Ma det obe?»
Sophie freute sich über diese kreative Beobachtung. Ich erzählte ihr voll Stolz, was mein Bruder sonst noch alles wisse. Mit meinen acht Jahren sprach ich schon wie eine Expertin.
«Du darfst nicht heiraten, denn du musst später einmal zu deinem Bruder schauen, wenn eure Mutter nicht mehr da ist.»
Diese Worte von Sophie blieben an mir haften. Warum durfte ich nicht über mein eigenes Leben bestimmen? Obwohl ich bis anhin nicht ans Heiraten dachte, so sammelten wir Schwestern eifrig für unsere Aussteuer. Es waren hübsche Porzellantässchen mit kleinen Fehlern, welche uns die alte Frau Heggli aus ihrem Geschirrladen für unsere Sammlung überliess. Ich stellte mir immer vor, Kinder zu haben. Aber ich dachte mir, dass ich diese adoptieren würde. Das schien mir einfacher, als selbst Kinder auf die Welt zu bringen. Dass das Kinderkriegen nicht so einfach und gefahrenlos war, hatte ich ja bei unserer Mutter erlebt. Und wozu brauchte es denn einen Mann?
Vermutlich hatte ich durch die Erfahrungen mit meinem einzigen Bruder ein etwas – sagen wir einmal – besonderes Verhältnis zu Buben oder Jungen. So war es dann auch, als ein paar Tage später Wisi auf der Egg auftauchte. Wisi kam von unten aus dem Tal. Er war gerade aus der Schulpflicht entlassen worden. Nun sollte er den Winter über Gusti im Stall helfen, denn die Tiere waren von der Sömmerung zurück. Wisi war ein braver, arbeitsamer Bursche. Vielleicht war es, weil ich keinen Bruder zum Streiten hatte und ich mich vor den fremden Buben fürchtete, dass ich es nun nicht lassen konnte, Wisi zu necken und ihm Streiche zu spielen.
Es war ein sternenklarer, aber eisig kalter Abend. Die Hemden, welche Sophie draussen zum Trocknen aufgehängt hatte, waren so steif gefroren, dass man sie auf den Boden stellen konnte. Sophie schimpfte beim Einsammeln der Wäsche unablässig über das «Mannevolch», welches zu nichts nutze sei. Die Wettervorhersage von Gusti hatte sich als falsch erwiesen.
Am andern Morgen glitzerten die Berge in weisser Pracht. Über Nacht war der Winter eingebrochen und brachte mehr als einen halben Meter Neuschnee.
Mein Bruder und ich tummelten uns im Schnee vor dem Haus. Auf einmal liess sich der Bruder den Abhang hinunterrollen. Er rollte und rollte. Ich sah die Gefahr. Doch wie verzweifelt ich ihm auch zurief, er liess sich nicht aufhalten und rollte weiter und weiter, bis er endlich von einem kleinen Tännchen gestoppt wurde. Sein Gesicht war mit Schnee verklebt. Handschuhe und Mütze hatte er verloren. Er war völlig aufgelöst und heulte. Mühsam stapfte ich durch den tiefen Schnee. Ich kam aber nur langsam vorwärts, weil ich immer wieder einsank. Endlich konnte ich dem Bruder meine Hand reichen. Seine war eiskalt. Doch wir schafften es nicht, den Berg wieder hinaufzuklettern. Der Schnee war zu tief, und der Bruder lamentierte und schlug um sich.
Da trat Wisi aus dem Stall. Er erkannte gleich unsere prekäre Situation. Trittsicher stieg der Bauernbub zu uns hinab, und gemeinsam brachten wir den Bruder den Hang hinauf.
Von oben war das Gezänk von Sophie zu hören, da ihr Mann keine Anstalten machte, uns zu Hilfe zu eilen. Gusti schwieg beharrlich und rührte sich nicht. Gebannt schaute er den Hügel hinunter und behielt die Situation im Auge, damit er im Notfall hätte Alarm schlagen können, wie er uns später gestand. Er hatte nämlich befürchtet, dass der ganze Hang ins Rutschen komme und uns unter dem Schnee begraben würde.
Die Jacke des Bruders war voll von Schnee, der inzwischen gefroren war. Seine Stiefel konnte Sophie erst ausziehen, nachdem sie warmes Wasser hineingeschüttet hatte. Der Bruder wurde mit einer Wärmeflasche ins Bett geschickt. Ich blieb bei ihm. Ich fühlte mich schuldig, da ich auf ihn zu wenig aufgepasst hatte.
Kürzlich las ich in der Zeitung einen Nachruf über den «Tannliwisi». Ich bemerkte sogleich, dass es sich um den Wisi von damals handelte. Er war der älteste Sohn einer armen kinderreichen Familie und musste gleich nach dem Schulabschluss arbeiten gehen, um die Familie ernähren zu helfen. So kam er als vierzehnjähriger Junge auf die Egg. Er blieb sein Leben lang Knecht. Wisi heiratete nie. Später wurde er wegen seines Hobbys, der Aufzucht von Christbäumen, als «Tannliwisi» bekannt. Wie bin ich ihm dankbar, dass er uns damals gerettet hat.
Anfang Dezember wurden mein Bruder und ich von der Alp geholt. Ich drängte darauf, wieder in die Schule zu gehen. Als ich am ersten Schultag nochmals einen starken Hustenanfall hatte, wollte mich die Lehrerin sogleich nach Hause schicken. Ich hatte in der Schule einiges verpasst. Im Schlusszeugnis stand, dass ich im zweiten Schuljahr neunundsechzig Halbtage gefehlt hatte.
Ich war immer gut im Auswendiglernen und Aufsagen von Gedichten. Darum versprach mir unsere Lehrerin bereits in der ersten Klasse eine grosse Rolle, wenn sie mit uns in der zweiten Klasse ein Krippenspiel aufführen würde. Als ich nun wieder zurück in die Schule kam, waren alle Rollen bereits vergeben. Ich musste die Hefte nachführen und seitenweise Texte abschreiben, während die andern probten. Bei der Aufführung war ich die Einzige, die keine Aufgabe hatte. Die Lehrerin hatte ihr Versprechen nicht gehalten und mich einfach vergessen.
Von uns Schwestern umsorgt
Mit dem Bruder unterwegs
Unsere Aufgabe als Kindermädchen unseres Bruders wurde ja bereits in den Gratulationsschreiben zu seiner Geburt bestimmt. Nun kam noch das kleine Schwesterchen dazu. Da die Mutter mit der grossen Familie sehr beschäftigt war, so war es die Aufgabe der älteren Mädchen, in der Freizeit zu den beiden jüngsten Geschwistern zu schauen. Wir durften nur irgendwo hingehen, wenn wir die beiden Geschwister mitnahmen, sei es in die Badeanstalt, zum Schlitten- oder Skifahren oder – etwas ganz Besonderes für damals – einen Filmnachmittag besuchen, Hauptsache, es schaute jemand zu den Kleinen. So habe ich es in Erinnerung.
Vielleicht war es auch umgekehrt, und wir erstritten uns unsere Teilnahme an bestimmten Freizeitaktivitäten damit, dass wir anerboten, unsere kleinen Geschwister mitzunehmen. Ich erinnere mich an einen vorweihnachtlichen Filmnachmittag des Kaufmännischen Vereins. In der Pause gab es warme Schokolade in einem Fläschchen mit Trinkhalm, so wie damals die «Pausenmilch», die im Winter in der Schule bestellt werden konnte. Wir durften in der Schule nie solche Milch bestellen, da diese zu viel Geld kostete und wir zu Hause genug Milch bekamen, wie die Mutter sagte. Wir konnten aber manchmal davon profitieren, dass ein Kind aus der Klasse krank war und uns der Lehrer die überzählige Milch zusteckte. Für uns war diese warme Schokolade deshalb ein besonderer Genuss.
Jetzt mühten wir uns jedoch die ganze Pause damit ab, unserem Bruder beizubringen, wie man mit einem Strohhalm trinkt, d. h. wie man durch den Trinkhalm einsaugt, ohne alles auf dem Boden zu verschütten.
Wie oft schämten wir uns und versuchten heimlich, das durch unseren Bruder entstandene Malheur zu vertuschen! Bei allen Aktivitäten mussten wir zudem auf der Hut sein, dass der Bruder nicht einen seiner Wutanfälle kriegte.
Da waren noch die Missionsfilmnachmittage. An diesen Nachmittagen wurden Filme von den Missionen in Afrika, Indien und auf Formosa, dem heutigen Taiwan, gezeigt. Diese waren oft nicht sehr zimperlich und nach heutigem Ermessen nicht für Kinder geeignet. Ich weiss noch genau, wie mich die Darstellung erschütterte, als während einer indischen Hochzeitszeremonie der Bräutigam von einer Schlange gebissen wurde und starb und die junge Witwe bei lebendigem Leibe mit dem Leichnam mitverbrannt wurde. Die Szene, wie der afrikanische Vater dem Sohn mit dem Hammer nachrannte, als er erfuhr, dass dieser in die Katechetenschule ging, löste bei unserem Bruder einen aggressiven Anfall aus, und es war schwierig, ihn nach Hause zu bringen.
Das Baden im See war nicht ohne. Aber vermutlich hatten wir so lange gequengelt, dass wir die kleinen Geschwister mit zum Baden nehmen durften. Wir hätten ja sonst bei diesem heissen Sommerwetter zu Hause bleiben müssen. So gingen meine um drei Jahre ältere Schwester und ich mit dem Bruder und der jüngeren Schwester in das Seebad. Ich bin mir nicht sicher, ob wir beide wirklich schwimmen konnten, sicher aber waren wir keine guten Schwimmerinnen. Meine jüngste Schwester sagt mir heute, wie ich ihr das Leben gerettet habe, als sie jemand ins tiefe Bassin schubste und ihr der Schwimmring wegrutschte. Alle hätten gelacht, wie sie im Wasser zappelte, bis ich die Situation begriff und sie herauszog.
Bei unserer grossen Familie gab es immer durchgelaufene Schuhsohlen, die zum Flicken gebracht werden mussten. Der Besuch in der Werkstatt des Schuhmachers ganz in der Nähe war für uns Kinder ein besonderes Erlebnis. Beim Eintreten in das ebenerdige Lokal mussten sich die Augen zuerst an die Dunkelheit gewöhnen. Der Schuhmacher, ein älterer bärtiger Mann, sass auf einem kleinen Stühlchen auf einem etwas erhöhten Podest vorne am einzigen Fenster, durch welches ein wenig Tageslicht in den Raum gelangte. Über seinem Arbeitstisch brannte immer eine lose Glühbirne. Es roch nach Leim und Leder und überall am Boden lagen kleine Leder- und Gummireste herum. Wenn der Schuhmacher gerade an einer kniffeligen Arbeit war, die er nicht unterbrechen konnte, so vergnügten wir uns in der Werkstatt. Wir sammelten Leder- und Gummireste ein, die wir dann «heimlich» in unsere Taschen steckten. Der Schuhmacher liess uns gewähren. Er sprach kaum ein Wort mit uns. Es schien mir aber, dass er uns Kinder nicht ungern um sich hatte. Wenn er mit seiner Arbeit fertig war, so stemmte er sich mühsam von seinem kleinen Hocker hoch, holte mit schlurfenden Schritten unsere Schuhe von dem Gestell und erklärte uns dann, dass es leider nicht mehr möglich war, nur ein Schuheisen einzuschlagen, sondern dass der Absatz oder die ganze Sohle ersetzt werden musste. Ich habe den Eindruck, dass er von uns dafür einen sehr moderaten Preis verlangte. Besonders freundlich zeigte er sich immer unserem Bruder gegenüber. Später erfuhr ich, dass der Schuhmacher gerade über der Werkstatt seine Wohnung hatte und dort sein inzwischen erwachsener schwerstbehinderter Sohn tagein und tagaus in seinem Gitterbett dahinvegetierte.
Wieder einmal war ich mit meinem Bruder unterwegs, als mich eine Frau ansprach und sich erkundigte, was mit ihm denn los war. Ich erzählte freimütig von seiner schweren Krankheit und den Schwierigkeiten rund um ihn und mit ihm. «Es wäre besser, er wäre gestorben», war ihr Kommentar. Ich war entsetzt. Es war doch mein Bruder. Warum sollte er nicht mehr leben? Und doch, hatte das damals nicht auch schon die Grosse Tante angedeutet …?
Darmowy fragment się skończył.