Czytaj książkę: «Die Geheimbünde»
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Über den Autor
PD Dr. Marco Frenschkowski, Jahrgang 1960, ist evangelischer Theologe und Religionswissenschaftler. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Die Antike und die moderne Religionsgeschichte sowie das Verhältnis von Religion und Kultur.
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Die Geheimbünde
Seit den Mysterienbünden der Antike haben geheime Gesellschaften Eingeweihte und Außenstehende fasziniert. Das Spektrum ist breit: Illuminaten, Freimaurer, Rosenkreuzer, daneben tätige (P2) und kriminelle (Yakuza, Triaden, Mafia) Gruppen. Geheimgesellschaften wurden als ideale Orden verehrt, oder als Bedrohung gefürchtet. Wichtig ist die Trennung von Fakten und Spekulationen. Aber auch fiktive Geheimbünde wie die Rosenkreuzer des 17. Jahrhunderts sind ein Stück Kulturgeschichte. Der Band vermittelt solide Fakten, referiert neuere Forschungen, blickt aber auch auf Verschwörungstheorien und analysiert positive und negative Bilder geheimer Bünde.
Mit zahlreichen Literaturangaben
Haupttitel
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| Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2011 Covergestaltung: Thomas Jarzina, Köln Bildnachweis: akg-images GmbH, Berlin Lektorat: Kerstin Groß, Mainz eBook-Bearbeitung: Medienservice Feiß, Burgwitz Gesetzt in der Palatino Ind Uni – untersteht der GPL v2 ISBN: 978-3-8438-0017-4 www.marixverlag.de |
Inhalt
Über den Autor
Zum Buch
Vorwort
1. Geheimbünde und geheime Gesellschaften: eine Typologie
Eine kulturphänomenologische Typologie
Literatur:
Geheimbünde als Gegenstand der »Popular Culture«
Literatur:
Zur Soziologie der Geheimbünde
2. Männerbünde, Frauenbünde und Einweihungsriten in archaischen Gesellschaften
Zur Begrifflichkeit und Typologie
Literatur:
Initiationen und Geheimbünde: Gibt es einen inneren Zusammenhang?
Indogermanische Männerbünde?
Literatur:
3. Die antiken Mysterien und ihr Erbe
Blickwinkel und Begrifflichkeit
Die eleusinischen Mysterien
Literatur:
Ältere Mysterien und Initiationsriten außerhalb von Eleusis
Der Bacchanalienskandal
Literatur:
Eine Isis-Einweihung (Apuleius, Metamorphosen 11)
Literatur:
Mithras, Kybele, Attis: die »orientalischen Mysterien«
Literatur
Geheimbünde für Frauen?
Literatur:
Christliche Sakramente und pagane Mysterien: die Zeit der Alten Kirche
Literatur:
Das Christentum als Mysterienreligion
Die Pythagoreer als »ideale Geheimgesellschaft«
Literatur:
4. Templer, Assassinen, Feme: wirkliche und angebliche Geheimbünde des Mittelalters und ihr Nachleben
Die Tempelritter: eine exoterische Geschichte
Literatur:
Die Templer in Schottland und die Freimaurerei
Literatur:
Die Assassinen
Literatur:
Islamische Geheimbünde und die Freimaurer?
Literatur:
Islamische Geheimbünde in der Literatur: ein Beispiel des frühen 19. Jhdts.
Literatur:
Die Feme
Literatur:
5. Hexen, Zauberer, Satanisten: die Fiktion einer Antireligion im Untergrund des Abendlandes
Die Konstruktion einer Zauber- und Hexensekte im späten Mittelalter und ihr »Umkippen« in der Wicca-Religion
Literatur:
Eine radikalfeministische Sekte im Mittelalter?
Literatur:
Satanismus: Vorgeschichte im 17.-19. Jahrhundert
Literatur:
Hell-Fire Clubs
Literatur:
Die Satanismus-Debatte der Jahre 1970-2000
Literatur:
6. Rosenkreuzer und andere ideale und utopische Gesellschaften des 17. Jhdts.
Das Erwachen des utopischen Denkens
Literatur:
Rosenkreuzer: die fundamentalen Fakten
Literatur:
Moderne Rosenkreuzer
Literatur:
7. Die Freimaurer im 18. Jhdt. und ihre Geschichtslegende
»Eine diskrete Gesellschaft«
Literatur:
Die Gründung der ersten Großloge 1717 und die Folgen
Mittelalterliche Grundlagen: von den Bauhütten zur spekulativen Maurerei
Literatur:
»Sohn der Witwe«: die Hiram-Abiff-Sage
Berühmte Freimaurer
Frauen in der maurerischen Kunst
Die Gründung der USA und die Freimaurer.
Literatur:
Ein freimaurerisches Gottesbild? Der »Große Architekt des Universums«.
Literatur:
8. Illuminatenorden und Erleuchtungspathos
Der historische Illuminatenorden
Die Illuminaten: Innenleben und Nachleben
Literatur:
Erleuchtungspathos und Aufklärung
Literatur:
9. Geheimbünde als Objekte der Angst im 18. und 19. Jhdt.: Freimaurer als Teufelsbündner, Morganaffäre und Taxilskandal
Angriffe auf die Freimaurer und antimaurerische Legenden
Die Morganaffäre
Die Taxilaffäre
Literatur:
10. Thuggee
Die Mördersekte
Literatur:
11. Der Hermetic Order of the Golden Dawn und die Entstehung neomagischer Orden im 19. und 20. Jhdt.
Die Anfänge des neomagischen Revivals in Großbritannien
Literatur:
Der »Hermetic Order of the Golden Dawn« : Die zeremonielle Magie erreicht die britische Oberschicht.
Literatur:
Der Lehrplan des Hermetic Order of the Golden Dawn.
Literatur:
Die Gründung des Ordo Templi Orientis
Literatur:
Paschal Beverly Randolph und die Wurzeln der Sexualmagie
Literatur:
12. Der Ku Klux Klan
Der Klan der Kapuzenträger
Literatur:
13. Thule, Vril und die rechtsradikalen und sonstigen Geheimgesellschaften im Vorfeld des Nationalsozialismus
Die Thule-Gesellschaft
Literatur:
Die Vril-Gesellschaft
Literatur:
Die Adonistische Gesellschaft.
Literatur:
14. Mafia, Triaden, Yakuza: nationales Pathos und die Tendenz zur Kriminalisierung
Die Mafia
Literatur:
Die chinesischen Triaden
Die fünf Väter
Literatur:
Die japanische Yakuza
Literatur:
Dr. Mabuse und die »Herrschaft des Verbrechens«
15. Politische Geheimbünde und Verschwörungstheorien nach dem 2. Weltkrieg: von den Bilderbergern bis zu P2
Die Geschichte von Propaganda Due
Literatur:
Bilderberger und Trilaterale Kommission
Literatur:
16. Jesuiten und Opus Dei: die Angst vor dem »Papismus«
Jesuitenangst
Literatur:
Friedrich Schiller »Der Geisterseher« (1787-1789)
Literatur:
Opus Dei
Literatur:
17. Religiöse und Weltanschauliche Gemeinschaften als Geheimbünde und Gegenstand gesellschaftlicher Projektionen: Skopzi, Daniten, Scientology u.a.
Die Skopzi und andere Geheimgesellschaften des zaristischen Russland
Literatur:
Die mormonischen Daniten
Literatur:
Die Scientology Kirche e.V.
Zur Person des Gründers L. Ron Hubbard
Scientology als System und Praxis
Literatur:
18. Schlussbetrachtung
Literatur zum Thema Verschwörungstheorien:
Anhang: Quellentexte
1. Fama Fraternitatis
2. Die Confessio Fraternitatis
3. Die »Alten Pflichten« (»Old Charges«) der Freimaurer in ihrer Fassung von 1723
Hauptstück: Von Gott und der Religion
Hauptstück: Von der bürgerlichen Obrigkeit, der höchsten und der untergeordneten
Hauptstück: Von den Logen
Hauptstück: Von den Meistern, Aufsehern, Gesellen und Lehrlingen
Hauptstück: Von dem Verhalten der Zunft bei der Arbeit
Hauptstück: Von dem Betragen
Der Schluss der Alten Pflichten
Kontakt zum Verlag
»Schon das bloße Wort ›Geheimhaltung‹ ist in einer freien und offenen Gesellschaft abstoßend. Wir sind als Nation von unserem Erbe her und historisch Gegner geheimer Gesellschaften, geheimer Eide und geheimer Unternehmungen.«
Präsident John F. Kennedy,
27. April 1961
»Was verborgenes Wissen betrifft, so sind die wahren Geheimnisse des Universums jene, die durch die Wissenschaft aufgehellt und entdeckt werden. Alles Wissen, das die Menschheit über die Welt erworben hat, stammt aus Studium, Experiment, Gelehrsamkeit, Nachmessen und Logik. »Göttliche Rituale« haben uns weder Einblicke in die Quantenmenchanik noch Heilmethoden für Krebs oder eine Kenntnis der Struktur der DNS gebracht.«
Nick Harding,
Secret Societies. Edison, NJ 2005, 144.
»Ein junger Narr wie Freirs würde es wahrscheinlich nicht glauben wollen. Wie der Rest seiner verfluchten Gattung würde er solche Kunde in alten ledergebundenen Bänden in gotischer Schrift und ominös sinistren Buchtiteln erwarten. Er würde in mysteriösen alten Truhen und Kellergewölben Ausschau halten, in den »Giftschrank«-Sektionen der Bibliotheken, in kunstvoll verzierten Kisten mit geheimen Schlössern. Dabei gibt es gar keine wirklichen Geheimnisse, wie der Alte wohl weiß. Es wäre letztlich zu schwierig, sie zu verbergen. Die Schlüssel zu den Riten, welche die Welt transformieren werden, sind weder verborgen noch selten oder teuer. Sie sind jedem zugänglich. Man kann sie in den Paperbackregalen oder in billigen Ramschantiquariaten finden. Man muss nur wissen, wo man suchen muss – und wie sich die Teile zusammenfügen lassen.«
T. E. D. Klein,
The Ceremonies. New York 1984, 297f.
Vorwort
Geheimbünde, Gesellschaften und Gruppen mit Elementen der Geheimhaltung sind ein Thema der tatsächlichen äußeren Geschichte. Vor allem aber sind sie ein Thema der Imagination: Sie beschäftigen unsere Fantasie, sie verbinden sich mit Faszination, Hoffnung und Angst. Die vorliegende kulturgeschichtlich orientierte Übersicht kann und will die Facetten des Themas nur exemplarisch behandeln. Dabei sollten nicht so sehr möglichst viele Gruppen, sondern möglichst viele kulturelle Aspekte des Themas anhand konkreter Beispiele zur Sprache kommen. Der Fragehorizont ist also durchgehend kulturgeschichtlicher Art. Welchen Platz, welchen sozialen und imaginativen Stellenwert in den jeweiligen Gesellschaften und Kulturen nehmen reale oder fiktionale Gruppen ein, die Geheimhaltung praktizieren? Wie interagieren sie mit ihrer kulturellen, sozialen und religiösen Umwelt? Inwiefern werden sie zum Gegenstand gesellschaftlicher Hoffnungen, Utopien, aber auch Befürchtungen und Unterwanderungsängste?
Dieses Buch ist nicht mit den Arbeitsmethoden des investigativen Journalismus entstanden, sondern mit denen der traditionellen historischen Quellenarbeit. Fast alle Informationen entstammen öffentlich zugänglichen Quellen (wobei Bücher entgegen einem sich ausbreitenden Aberglauben nach wie vor wichtiger sind als das Internet). Allerdings ist dies insofern cum grano salis zu nehmen, als nicht wenige der hier verarbeiteten Quellen und Studien nur in wenigen Bibliotheken vorhanden sind (in Deutschland öfters gar nicht). Mein Dank gilt daher einerseits den institutionellen Bibliotheken, die ich benutzen konnte (insbesondere der Library of Congress, Washington, DC, und verschiedenen freimaurerischen Bibliotheken), außerdem privaten Sammlern, die mir manches zugänglich gemacht haben, und last not least auch den Spezialantiquaren, deren in mühevoller Arbeit entstandene Kataloge mich oft erst auf Bücher aufmerksam gemacht haben, die über akademische Bezugssysteme kaum aufzufinden sind (z.B. Todd Pratum, um nur einen von vielen zu nennen). Trotz der unübersehbaren Produktion an populären oder (was nicht identisch ist) sensationalistischen Büchern zum Thema ist die Zahl seriöser, wissenschaftlich verantworteter Monographien durchaus überschaubar. Am besten erforscht ist natürlich die Geschichte des Freimaurertums in seinen zahlreichen Schattierungen, aber auch über eine Reihe anderer Gemeinschaften existieren solide Arbeiten. Gruppen wie die bayerischen Illuminaten sind in den letzten Jahren Objekt ausgedehnter Untersuchungen gewesen. Es ist oft gar nicht so schwierig zu eruieren, was sich tatsächlich über eine Gruppe sagen lässt – viel schwieriger ist oft die Frage, wie und warum bestimmte Vorurteile, Klischees, Verschwörungsideen oder Legenden entstanden sind. Eine Arbeit über Geheimgesellschaften kann sich aber nicht auf das »Tatsächliche” beschränken, sondern muss gesellschaftliche Projektionen und Klischees in die Untersuchung miteinbeziehen. Diese müssen selbst Gegenstand der Forschung sein: Warum treten zu bestimmten Zeiten bestimmte Gruppen in den Mittelpunkt des literarischen oder sonstigen gesellschaftlichen Interesses? Warum z.B. ist die französische Revolution mit einem explosionsartigen Anwachsen der Verschwörungsliteratur mit Blick auf Geheimbünde verbunden gewesen (an dem auch die deutsche Klassik partizipiert)? Solche Fragen sollten hier zumindest exemplarisch zur Sprache kommen.
Ich bin kein Mitglied oder Sympathisant einer der hier vorgestellten Gruppen, sondern arbeite als Religionswissenschaftler über Fragen an den Schnittstellen zwischen Religion und allgemeiner Kulturgeschichte. Mein weiterer Hintergrund als evangelischer Theologe spielt kaum in die Untersuchung hinein, da Wertungen aus dem Blickwinkel evangelischer Theologie nicht ein primäres Anliegen dieser Studie sein sollten (so legitim und notwendig sie am gegebenen Platze sind). Im Gegenteil habe ich mich bemüht, traditionelle kirchliche (und akademische) Berührungsängste möglichst zu vermeiden, und Phänomene und Gruppen ausschließlich nach ihrer kulturellen Bedeutung und der Vielfalt der durch sie sichtbar zu machenden Aspekte des Themas auszuwählen. Ich habe in vielen Gesprächen mit Menschen unterschiedlichster Anbindung gelernt, dass ein Zurückstellen des Wertens und Urteilens oft erst die Türen zu den interessanteren Informationen öffnet. Allerdings ist dieses Buch in erster Linie nicht aus Interviews erwachsen, obwohl ich im Laufe der Jahre viele Gespräche mit Mitgliedern einer ganzen Zahl hier vorgestellter Gruppen führen konnte, so in den USA, Kanada, Indien, Korea, Großbritannien, Frankreich und anderen Ländern, weniger aber in Deutschland. Doch habe ich gelegentlich auf neuere und neueste Arbeiten von Kolleginnen und Kollegen aus dem Bereich des investigativen Journalismus hingewiesen, wenn mir dies förderlich erschien. Dabei bin ich der Hoffnung, neben einer allgemeinen Übersicht auch Informationen zu bieten, die auch solchen Leserinnen und Lesern weniger vertraut oder gänzlich unbekannt sind, die schon manches der zahllosen Bücher zum Thema gelesen haben. Über die bekannteste aller Geheimgesellschaften, die Freimaurer, handle ich nur ganz kurz, da es über sie zahlreiche exzellente knappe und auch ausführliche Darstellungen gibt. Überhaupt habe ich auf die Wiedergabe von manchem verzichtet, was sehr gut bekannt ist, um eine Reihe weniger bekannter, aber kulturgeschichtlich m.E. ebenfalls wichtiger Erscheinungen vorzustellen.
Mein Schwerpunkt liegt also auch nicht auf dem »Neuen« und »Sensationellen«, sondern auf kulturgeschichtlichen Fakten und ihrer Relevanz und Aussagekraft für größere kulturelle und religionsgeschichtliche Zusammenhänge. Die Unterscheidung von historisch verifizierbaren Fakten, plausiblen Erwägungen und Spekulationen ist natürlich schlechterdings fundamental. Jedoch sind Spekulationen und Projektionen selbst kulturelle Tatsachen, wenn sie eine gewisse Ausbreitung erfahren, wie wir gerade aus unserem Thema nachhaltig lernen können. Auch der einsame Verschwörungstheoretiker, der seine Gedanken allenfalls auf einer Internetseite verbreitet, ist ein Teil unserer Kultur – und seine Zuhörer sind oft eine weit größere Gruppe, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Daher sind Gegenstand dieses Buches auch allerlei Theorien, die nicht durch allgemein zugängliche Fakten abgestützt werden – die Theorien, Ideen, Gerüchte und Hypothesen sind hier eben selbst kulturelle »Fakten«, die als solche Beachtung verdienen. Aus dem gleichen Grund treten in diesem Buch auch nicht wenige Themen in den Blick, um welche die Geisteswissenschaften herkömmlicherweise einen weiten Bogen zu machen pflegten. Dies kann sich eine empirische (nicht normative) Kulturwissenschaft jedoch nicht leisten. Kulturelle Phänomene sind nach quantitativen und qualitativen Kriterien zu beschreiben, auch wenn die sie tragenden Überzeugungen auf den Forscher nicht »seriös« wirken. Leitenden Überzeugungen müssen sogar sehr bewusst und programmatisch hintangestellt werden, um die betreffenden Überzeugungswelten in ihrer kulturellen Relevanz auch nur wirklich wahrnehmen zu können.
Es geht hier also oft nicht so sehr um »wahr« oder »falsch«. Was Menschen glauben und praktizieren – und die betreffenden Menschen selbst – sind Gegenstand kulturwissenschaftlicher Arbeit, nicht die letztliche Wahrheit ihrer Überzeugungen. Wenn z.B. weltweit wahrscheinlich mehrere Millionen Menschen behaupten, von »Außerirdischen« entführt und zum Gegenstand von Experimenten gemacht worden zu sein, ist das z.B. selbst ein erstaunliches kulturelles Faktum, das Analyse verdient – auch ganz unabhängig von der (natürlich legitimen und notwendigen) Frage, ob diesen Berichten irgendeine Art transsubjektiver Wahrheit zukommt. Der Glaube selbst, die Überzeugungswelten sind kulturelle Tatsachen von erheblicher Tragweite und Aussagekraft. Überzeugungen spannen einen imaginativen Kosmos auf, der zu unserem Lebensraum gehört. Ähnliches gilt für Spekulationen über Geheimgesellschaften, Verschwörungstheorien, aber auch utopische Bilder von idealen geheimen Orden. Sie selbst sind kulturgeschichtliche Fakten, aus denen etwas zu lernen ist über unsere Gesellschaft, ihre Geschichte und über den Menschen selbst als kulturelles Wesen, das nicht nur in der »realen« Welt lebt, sondern immer auch in einer imaginierten Welt, welche das Vorfindliche deutet und interpretiert. Damit ist der Fragehoriziont des vorliegenden Buches beschrieben. Wir beschreiben unser Thema systemisch – auch wenn dieser Gesichtspunkt hier jeweils nur sehr knapp skizziert werden kann.
Fragen über z.B. die »Wirklichkeit« von Verschwörungen sollen nicht grundsätzlich desavouiert werden. (An die skandalöse Geschichte der Loge Propaganda Due, welche vor wenigen Jahren das politische System Italiens ins Chaos stürzte, muss nicht erst erinnert werden.) Sie sind aber nicht in erster Linie Gegenstand eines kulturwissenschaftlichen Buches. Dies ist kein Enthüllungsbuch. Wer gruseliges Entertainment (oder »Infotainment«) über angeblich die Weltherrschaft anstrebende Geheimgruppen sucht, wird auf den folgenden Seiten nicht fündig werden. Wer aber wissen möchte, warum und in welchen kulturellen Kontexten solche Ängste in besonderer Weise virulent werden, wie sie in Literatur und Film umgesetzt werden, und wann sie offenbar eine besonders große Zahl von Menschen ansprechen, wird in den folgenden Kapiteln eine Reihe interessanter Fakten finden. Und natürlich sind die realen Geheimbünde, Mysterienkulte und Orden mit Arkandisziplin mit ihrem kulturwissenschaftlich sichtbaren Einfluss auch an und für sich interessant, nicht nur als Gegenstand gesellschaftlicher Projektionen. Ausschließlich politisch motivierte Geheimgesellschaften, die keine religiösen oder sonst außerpolitischen Absichten in ihrer Programmatik aufweisen und deren Geheimhaltung nur auf widrigen äußeren Umständen beruht, sind dagegen nicht Gegenstand dieses Buches. Manche andere Gruppe hätte mit gleichem Recht besprochen werden können: Die Auswahl ist exemplarisch und in gewissem Maße auch willkürlich. Das ist freilich bei einem Buch deutlich begrenzten Inhaltes nicht zu vermeiden.
Da dies nur eine kurze, auf Lesbarkeit angelegte Studie sein kann, die in das Thema einführen soll, muss auf eine ausführliche Dokumentation verzichtet werden. Doch wird in jedem Einzelfall der Grundsatz verfolgt, so weit es irgend möglich ist, aus den Quellen selbst zu schöpfen, sofern diese zugänglich sind, und diese auch zu benennen. Daher enthält jedes Kapitel Literaturangaben, bei denen der Schwerpunkt auf seriösen Arbeiten und Quellen liegt, und die eine sinnvolle Weiterarbeit ermöglichen sollten. Ich habe lange überlegt, ob ich eine grundsätzliche Trennung zwischen »seriösen« und »unseriösen« Büchern in irgendeiner Form durchführen soll, mich dann aber gegen eine solche Simplifikation entschieden. Die Frage, was eine Darstellung »unseriös« (nicht einfach: falsch!) macht, habe ich an anderer Stelle versucht, einer Klärung näherzuführen (Marco Frenschkowski, Literaturführer Theologie und Religionswissenschaft. Paderborn 2004, 363-378). In den allgemeineren Literaturangaben habe ich mich meist auf deutsch- und englischsprachige Bücher beschränkt und gelegentlich angegeben, aus welchen Darstellungen ich meine, am meisten zur Sache gelernt zu haben. Eine ausführlichere Dokumentation ist an dieser Stelle nicht möglich. Eine kommentierte Bibliographie zum Thema (wie es sie für Ausschnitte wie die Freimaurergeschichte bereits in verschiedenen Formen gibt) wäre ein Desiderat. Ich schließe mit einer Widmung: This little book is dedicated to the memory of James Webb (1946-1980) – who would have been the century´s greatest scholar of rejected knowledge – had he but lived.
Marco Frenschkowski
Hofheim (Ts.), im August 2007
1. Geheimbünde und geheime Gesellschaften: eine Typologie
Eine kulturphänomenologische Typologie
Es empfiehlt sich, mit einer kleinen Typologie zu beginnen, die möglichst wenige theoretische oder heuristische Vorgaben impliziert, sondern sich an sehr schlichten äußerlichen Unterscheidungskriterien orientiert. Wir haben nicht das allgemein kulturelle und religiöse Phänomen der Geheimhaltung im Blick, sondern speziell Gruppen – abgrenzbare, sich als zusammengehörig erfahrende Gemeinschaften von Menschen – in deren Struktur Geheimhaltung wichtig ist. Diese Geheimhaltung kann sich freilich auf ganz verschiedene Dinge beziehen. So kann es sein, dass sich Mitglieder zwar untereinander kennen, aber nicht als solche in der Öffentlichkeit auftreten und also nicht als solche identifizierbar sein wollen (das Geheimnis liegt also in der Mitgliedschaft). Bei Freimaurern ist es seit Anbeginn üblich, Aussagen über die Mitgliedschaft anderer nur zu machen, wenn der Betreffende das ausdrücklich autorisiert hat. Gruppen, die in bestimmten Staaten gesellschaftlich angefochten oder diskreditiert sind oder öffentlichen Verdächtigungen unterliegen, handhaben dies im allgemeinen ähnlich, in Deutschland z.B. die Scientology-Kirche e.V., ebenso auch manche neomagischen Gruppen. In diesen Fällen ist die Geheimhaltung nicht strukturell bedingt, sondern folgt aus gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Andere Gruppen treten nicht öffentlich auf und geben keine Informationen über Mitgliedschaften; in einigen seltenen Fällen sind Mitglieder durchaus identifizierbar, die Ordenleitungen dagegen für Außenstehende anonym oder pseudonym.
Andererseits kann sich die Geheimhaltung auf Inhalte, Ziele und Rituale beziehen. Diese sind dann arkan, d.h. nicht-öffentlich. In Bünden und Gruppen mit einer gestaffelten Einweihungsstruktur sind öfters nur die oberen Einweihungsinhalte wirklich geheim, zuweilen auch nur Inhalte, die gesellschaftlich missverständlich oder anstößig erscheinen könnten (wie die sexualmagischen Lehren und Rituale mancher neomagischer Orden). Oft bezieht sich die Geheimhaltung nur auf sehr begrenzte Details (Passwörter, geheime Erkennungszeichen und Handschläge u.ä.), auch wenn die Rituale nicht öffentlich sind. Das gilt vor allem, wenn eine Geheimgesellschaft schon lange existiert hat und ihre Interna – oft durch ehemalige Mitglieder – im Großen und Ganzen publik gemacht worden sind. So gibt es im Grunde genommen rein äußerlich gesehen keine wirklichen freimaurerischen »Geheimnisse« mehr; jedenfalls in der regulären Freimaurerei (doch s. sofort zur grundsätzlichen Aussagbarkeit von Geheimnissen). Sehr häufig wird uns ein Zwischentyp begegnen, nämlich die Unterstellung, Projektion oder Behauptung, eine an und für sich bekannte Gesellschaft oder Gruppe habe in Wahrheit ganz andere geheime Ziele und Inhalte, als sie nach außen vorgibt, oder zumindest ein innerer Kern dieser Gesellschaft. Gruppen, die in diesem Sinn Gegenstand erheblicher imaginativer Energien gewesen sind, waren z.B. die Freimaurer, die Jesuiten, Opus Dei oder natürlich – in einem weiteren Sinn – die Juden. Daneben tritt die Geheimgesellschaft als esoterischer Orden, der seine Mitglieder durch Initiationen und Prüfungen rekrutiert und noble Ziele der Verbesserung der Gesellschaft pflegt oder diese zumindest auf seine Fahne schreibt. Auch in diesem Fall kann das »Geheimnis« aus einer Außenperspektive ganz andere Dimensionen annehmen als für die Mitglieder selbst. Projektionsphänomene, Unterstellungen und Legendenbildungen werden unsere steten Wegbegleiter auf unserem Weg durch die Welt der Geheimbünde sein.
Umgekehrt ist auch der Fall denkbar, dass sich die Geheimhaltung auf Sachverhalte oder eher Erfahrungen bezieht, die ohnehin kaum oder gar nicht in Worten mitgeteilt werden können. Dies gilt v.a. für die Struktur von Mysterieneinweihungen. Mit einiger Wahrscheinlichkeit bestand eines der zentralen Rituale der antiken eleusinischen Mysterien im Vorzeigen einer Getreideähre: Darauf wird nur äußerst verschlüsselt angespielt. Das »Geheimnis« besteht hier in einer außerhalb des Kontextes kaum zu übermittelnden mystischen Einsicht. Allerdings vermitteln die antiken Mysterien religiöse Erfahrungen, ohne wirkliche »Geheimbünde« zu begründen; die Eingeweihten bilden im allgemeinen keine eigenen, sozial stabilen Gruppen oder Verbände (Ausnahme sind die Isiaci der Isis und auch die Anhänger des Mithraskultes; dazu ausführlich in Kap. 3.) Die »Geheimhaltung« ist hier ein Schutz vor Profanierung; sie verdeckt nicht einen kognitiven Inhalt. Alle diese verschiedenen Fälle und Typen von Geheimhaltung werden uns vielfach begegnen, und wir werden dabei nach ihren sehr unterschiedlichen Funktionen fragen müssen. Geheimhaltung kann Schutz vor »Anderen« sein, aber auch einfach vor Profanierung.
Der leider früh verstorbene Hans Biedermann (1930-1989), u.a. Verfasser eines klugen Buches über die Freimaurer, schreibt über die eher »harmlosen« Aspekte der Geheimhaltung bzw. grundsätzlichen Nichtöffentlichkeit von Ritualen: »Mit der Geheimhaltung oder – vielleicht besser – Diskretion ist hingegen noch immer die Mitgliedschaft von Mitbrüdern zu behandeln, die sich nicht selbst öffentlich als Bundesbrüder zu erkennen geben. Dies erklärt sich einfach aus der historisch bedingten Tatsache, dass das Freimaurertum in vielen Ländern als suspekt gilt und dem Mitglied Nachteile erwachsen könnten, wenn seine Mitgliedschaft öffentlich bekannt würde. Schließlich wird der Großteil der Logenrituale mit dem Schleier des Mysteriösen umgeben; der Aufseher der Loge hat die Pflicht, bei ihrer Eröffnung zu untersuchen, ob die tempelartige Bauhütte »nach innen und außen gehörig gedeckt ist«, ob also wirklich kein Profaner die »Arbeit« miterleben kann. Dafür gibt es kaum andere Gründe als den, dass die Ritualteilnehmer unter sich sein wollen und befürchten, bei den – für Außenstehende oft pathetisch und schwülstig wirkenden, für sie selbst jedoch tief bedeutungsvollen – Ritualen hämisch begafft und lächerlich gemacht zu werden. Was für den in die »Bruderkette« Eingebundenen ergreifend wirkt, sieht für den »Profanen« nicht selten antiquiert und gewollt gravitätisch aus. Oft hört der Chronist Äußerungen der Verwunderung darüber, dass »erwachsene Männer sich einschließen, Lieder singen, sich an den Händen halten, eine Zeremonialtracht tragen und sich gebärden wie Kinder, die Pfarrer spielen« Dass die Freimaurer wenig Wert darauf legen, mit solchen Augen angesehen zu werden, ist klar« (Das verlorene Meisterwort. Bausteine zu einer Kultur- und Geistesgeschichte des Freimaurertums. Wien u.a. 3. Aufl. 1999, 44f.). Wer erlebt hat, wie eine unsensible und überhebliche Fernsehberichterstattung über religiöse Rituale und Erfahrungen durch Großaufnahmen zu unpassender Zeit Menschen lächerlich machen kann, wird solchen Erwägungen nicht leichtfertig widersprechen. Öffentlichkeit ist sicher nicht immer angemessen. Es sind freilich auch ganz andere Gründe für Geheimhaltung vorstellbar, und in der Tat sind nicht alle davon ehrbar. Auch kriminellen Geheimbünden werden wir begegnen, und einen kurzen Einblick in ihre innere Welt versuchen, sofern sie aus Mitgliederberichten, verdeckten Ermittlungen u.ä. bekannt geworden ist. Eine zu enge oder puristische Definition würde sicher in einer kulturgeschichtlichen Betrachtung nur schaden.
Nicht nur nach Art, Inhalt und Funktion ihrer Geheimhaltung lassen sich Geheimbünde typologisch gliedern, sondern auch nach ihrer gesellschaftlichen Einbindung und v.a. nach dem Grad ihrer »Realität« in dem breiten Spektrum zwischen geschichtlich manifester Existenz und gesellschaftlicher Imagination. Weiter ist natürlich zwischen »guten« und »bösen« Geheimbünden zu unterscheiden, wenn auch eine solche Unterscheidung nur bei den fiktionalen Bünden Sinn macht. Was die realen Geheimbünde betrifft, so besitzen selbstverständlich auch die aus einer Außenperspektive kriminellen Bünde eigene Legitimationsszenarios (z.B. solche nationalistischer oder wertekonservativer Art). Zwischen »guten« und »bösen« Gesellschaften wird daher nur bei den ausschließlich imaginierten Gruppen unterschieden. Eine solche Typologie kann etwa – wieder erst einmal sehr schlicht – so aussehen:
1 Reale Gesellschaften mit durchgehender bzw. weitgehender Arkandisziplin
2 Reale Gesellschaften bzw. Gruppen mit partieller Arkandisziplin
3 Reale Gesellschaften mit marginaler bzw. eher symbolischer Arkandisziplin
4 Reale Gesellschaften, deren Charakter als Geheimbund auf gesellschaftlicher Projektion beruht
5 Imaginierte ideale geheime Orden u.ä., an deren Realität doch geglaubt wird
6 Imaginierte verschwörerische, kriminelle geheime Gruppen, an deren Realität ebenfalls geglaubt wird
7 Nur literarisch, cineastisch etc. existierende ideale Geheimgesellschaften ohne Wirklichkeitsansprüche
8 Nur literarisch, cineastisch etc. existierende kriminelle Geheimgesellschaften ohne Wirklichkeitsansprüche
Eine kulturgeschichtliche Typologie muss immer auch die verschiedenen Konstellationen bedenken, in denen Geheimbünde innerhalb ihrer jeweiligen Gesamtgesellschaften begegnen. Sie sind ja in mehrerlei Hinsicht Gegenstand von Fantasien, Hoffnungen und Befürchtungen, überhaupt von gesellschaftlichen Projektionen. Das gilt nun in besonderer Weise auch für die rein fiktiven »bösen« Geheimbünde. Wenn es wahr sein sollte, dass jede Gesellschaft die Schrecken und Monster erfindet, die sie verdient hat, was besagt es dann für das Psychogramm einer Gesellschaft oder eine Gruppe, wenn sie sich als unterwandert, als gefährdet durch geheime Gesellschaften und Bünde erlebt? Die «Geheimgesellschaft” als Bild und Projektionsort von Furcht und Faszination reicht zwar vielleicht nicht so dicht an unsere Person, an unsere Vitalität heran wie Dämonen, Hexen, Massenmörder, Vampire und andere traditionelle Ikonen der Furcht, sie ist aber dafür um so stärker auf die Gesellschaft selbst, nicht nur auf das Individuum ausgerichtet. Sie stellt damit eine grundsätzliche und tiefsitzende Angst der Moderne dar, dass die überschaubare, rational geordnete (eventuell – in der jüngeren Vergangenheit – demokratisch verantwortete) Gesellschaft nur eine Maske für andere »Machtverhältnisse« sein könnte. Wo die Mechanismen der Macht undurchschaubar werden, stellen sich Verschwörungsfantasien ein. Diese sind also eine bestimmte Art und Weise, Ohnmachtserfahrungen zu verarbeiten, und offenbar nur für bestimmte Typen von Menschen reizvoll. Es ist daher nicht überraschend, dass sie in den USA, wo der Staat in mancher Hinsicht weiter entfernt vom Bürger ist als in den überschaubareren und kleineren europäischen Ländern, eine besondere Rolle spielen. Nicht wenige US-Bürger können sich ihren Präsidenten oder sonstige hohe Funktionäre als Mitglieder finsterer Geheimbünde vorstellen: In Deutschland ist schon die bloße Vorstellung kaum nachvollziehbar. Dies selbst in ein kulturelles Faktum, das der Erklärung bedarf und mit dem imaginativen Spielraum zusammenhängen muss, den die unterschiedlichen politischen Systeme ermöglichen. Umgekehrt haben sich in der Geschichte Amerikas und Europas immer wieder utopische Hoffnungen auf geheime Gesellschaften gerichtet, denen möglich sein sollte, was die Gesellschaft als ganze so offensichtlich nicht zustande bringt: umfassende Aufklärung, Erziehung und »Besserung des Menschengeschlechts«. Neben die »gefährlichen« treten also immer die »idealen« Geheimgesellschaften. Die Präsenz dieser imaginierten Geheimbünde ist zu unterschiedlichen Epochen ganz verschieden und trägt nicht wenig zum kulturellen Profil dieser Epochen bei. Ein ganz wesentliches Thema gesellschaftlicher Imagination waren sie z.B. in der Epoche der deutschen Klassik, d.h. in der Zeit Goethes und Schillers, und man muss fragen, warum dies so gewesen ist (sowohl Goethe als auch Schiller haben ausführlich zum Thema geschrieben).
Die Spannung zwischen »guter« und »böser« Geheimgesellschaft, vor allem im Fall fiktionaler Bünde, wird immer wieder in den Blick zu nehmen sein. Zwei Polaritäten überschneiden sich also bzw. bilden ein komplexes Koordinatensystem, in das die zu besprechenden Geheimbünde einzuzeichnen sind: jene zwischen weltverschwörerisch-gefährlichen und aufklärerisch-erzieherischen Geheimgesellschaften einerseits, und jene zwischen rein literarisch imaginierten Gruppen und realen Gruppen, die zur Projektionsfläche für Fantasien unterschiedlichster Art werden, andererseits. Insofern aus Angst Aggression und aus dem Gefühl der Gefährdung Verfolgung werden kann, ist unser Thema von erheblicher politischer Brisanz, auch wenn wir ausschließlich politisch motivierte Gruppen hier gar nicht behandeln. Das Szenario potentieller Verschwörungen z.B., das eine Gesellschaft prägt, durchdringt alle Bereiche des kulturellen Lebens, wozu man nicht erst an den impliziten Einfluss der RAF auf die BRD der 1970er oder der Al-Qaida auf die USA der Gegenwart denken muss. Energisch muss in jedem Fall daran erinnert werden, dass Phänomene von Geheimhaltung, Nichtöffentlichkeit, Bundes- und Ordensbildung auch in gänzlich harmlosen Zusammenhängen eine Rolle spielen. Das Thema darf nicht zu sehr im Sog von Verschwörungsfantasien oder kriminellen Vereinigungen und ihrer Entlarvung oder Analyse verschwinden, um solide behandelt werden zu können.
Von Geheimbünden (»secret societies«) wird v.a. in den USA auch z.B. in Hinsicht auf Studentenverbindungen (»collegiate fraternities«, »fraternal organizations«) gesprochen, von denen immerhin eine (Skull & Bones) in den letzten Jahren in einen Mittelpunkt gesellschaftlichen Interesses gerückt ist. Andere studentische Verbindungen, die in gewissem Umfang Geheimhaltung praktizieren, waren bzw. sind der Flat Hat Club (gegründet 1750) und Phi Beta Kappa (gegründet 1776) sowie Phi Gamma Delta (1848). Der dritte Präsident der USA, Thomas Jefferson, war Mitglied im Flat Hat Club, bezeichnete diesen Verein aber später als nutzlos. Tatsächlich besitzen nach wie vor die meisten amerikanischen Universitäten Studenten- und Studentinnenverbindungen, die in gewissem Umfang Geheimhaltung praktizieren, ein dem deutschen Universitätsleben völlig fremdes Phänomen, das mit den Korporationen und ähnlichen Verbänden kaum zu vergleichen ist. Wir sehen hier den ganz unterschiedlichen Stellenwert des Themas in verschiedenen nationalen und kulturellen Kontexten und Traditionen.
Literatur:
Alexandra Robbins, Pledged. The Secret Life of Sororities. New York 2004 * Alexandra Kurth, Männer – Bünde – Rituale. Studentenverbindungen seit 1800. Frankfurt u. New York 2004.
Geheimbünde als Gegenstand der »Popular Culture«
Wir lassen in lockerer Folge einige Beispiele für Geheimbünde meist fiktionaler Art Revue passieren, um die immense Faszination und das erzählerische und cineastische Potential des Themas in den Blick zu nehmen, eher wir uns den genauer zu beschreibenden realen Beispielen zuwenden. Erfolgsbücher, wie die Romane Dan Browns, wären nicht vorstellbar ohne die Funktion, welche Illuminaten und Opus Dei, die (vollständig fiktive) Prieuré de Sion und andere Geheimbünde in ihnen spielen. Das kaum entwirrbare Ineinander von Fakten und Fiktionen macht hier offenbar gerade den Reiz der Sache aus. Jede Leserin, jeder Leser versucht herauszubekommen, was real, was erfunden ist. Solche Bücher laden zu Spekulation ein und damit zu einem imaginativen »Es könnte doch sein, dass...«. Das Thema sinkt leicht ins Klischeehafte ab und eignet sich auch für Parodie und Satire. Die »ernsthaften« Umsetzungen richten sich erstaunlicherweise in unseren Jahren um die Jahrtausendwende herum, d.h. in unserer Gegenwart, eher auf »gefährliche« Geheimbünde: Die Fiktion wohltätiger, tatsächlich an einer Besserung der Menschheit interessierter Orden scheint aus Literatur, Kino und Fernsehen weithin verschwunden. Sie ist allenfalls noch in der Esoterikszene anzutreffen. Oft »kippt« das Szenario, d.h. eine geheime Gesellschaft, die als Träger sozialer Unterstützung und eines guten Gemeinsinnes auftritt, entpuppt sich in Film und Buch als etwas durchaus Sinistres. Dieses auf den ersten Blick sehr schlichte Motiv verkörpert offenbar ein tiefsitzendes Misstrauen der Moderne gegenüber Geheimbünden, überhaupt gegenüber undurchsichtiger Macht. Lange vorbei sind die Tage, wo sich wie in den Tagen der Rosenkreuzermanifeste (ab 1614) auf die (vollständig fiktionale) Erklärung eines Bundes der edlen Wissenden halb Europa auf den Weg macht, diesen Bund zu finden. In der Gegenwart ist das allenfalls Gegenstand der Parodie. Wir nähern uns unserem Thema locker-assoziativ, um nicht durch zu frühzeitige Systematisierung unseren Blick einzuschränken.
Vor allem im »Mystery«-Bereich ist das Thema allgegenwärtig. »Twin Peaks« hatte seine »Bookhouse Boys«, »Alias« hatte die »Alliance of 12«, »SD-6« und natürlich »The Trust«, »Get Smart« hatte »KAOS«, »Millennium« hatte die besonders düstere »Millennium Group«, und selbst die »Gilmore Girls« haben ihre »Life and Death Brigade«. Es fällt wie gesagt ein starkes Übergewicht »böser«, gefährlicher, machtversessener Gruppen in diesen Produkten der v.a. amerikanischen und britischen Populärkultur auf. Die zahlreichen kriminellen Verbindungen der James Bond-Filme gehen letztlich auf »SPECTRE« in den Romanen Ian Flemings zurück. Im deutschen Sprachraum wird man an Dr. Mabuses »Herrschaft des Verbrechens« denken, die durch die bekannte Filmreihe Fritz Langs aus der Romanform in den Film transponiert wurde (vgl. weiter in Kap. 15). Auch die »Sith« bzw. »Sith Lords« der Episoden I-III von »Star Wars« (USA 1999-2005) inszenieren offenbar kulturelle Ängste. Die ihrem Ende entgegengehende Republik dieser Filme ist ja eine Karikatur einer UNO-ähnlichen, umfassenden aber letztlich machtlosen Bürokratie, wie sie sich aus amerikanischer Sicht darstellt. Sie hat der anwachsenden Stärke des »Imperiums« nichts entgegenzustellen. »Star Wars« hat damit in den Episoden I-III (die ja viel später als die Episoden IV-VI von 1977-1983 entstanden sind) eine sehr amerikanische, populäre Wahrnehmung von politischer Welt mit den Themen Dekadenz, Untergang einer Republik, Totalitarismus und neuer Hoffnung aus uramerikanischen Werten und Leitbildern heraus inszeniert. Das historische Rahmenmuster erinnert nicht zufällig an das Ende der römischen Republik und den Beginn der Kaiserzeit, wird aber zum Vehikel für eine durchaus neue und für Europäer nicht sofort wahrnehmbare Inszenierung eines sehr amerikanischen Weltbildes. Die »Täter-Opfer«-Symbolik bzw. die Thematisierung von »Stärke« und »Schwäche« in diesen Filmen kann nahezu bruchlos als untergründige Bearbeitung der Eigenarten amerikanischer Selbstwahrnehmung mit ihrem extremen Schwanken zwischen Opfer- und Täterrollen gesehen werden.
Neben bedrohlichen, gefährlichen Geheimgesellschaften produziert die Populärkultur immer wieder auch die Idee uralter Bünde, die ein wertvolles Geheimnis bewahren (den Gral o.ä.). Ein bekanntes Beispiel wäre der Film »Indiana Jones and the Last Crusade« (USA 1989) mit seiner »Brotherhood of the Cruciform Sword«. Selbst die studentischen Verbindungen sind Gegenstand populärkultureller Klischees (oft mit beherrschenden Verschwörungselementen) geworden, so die Yale Society »Skull & Bones« in den Filmen »The Good Shepherd« (Robert de Niro, USA 2006) und »The Skulls« (USA 2000, mit zwei Fortsetzungen). Der chinesische Film »The House of Flying Daggers« (2004) des Regisseurs Zhang Yimou thematisiert die Geheimgesellschaft aus den Tagen der Tang Dynastie (die Handlung spielt im Jahr 859 n. Chr.), nach der er in seiner amerikanischen Version benannt ist, ebenso »The League of Extraordinary Gentlemen« (USA 2003), um auch an einem eher naiven Beispiel nicht vorbeizugehen. Und Stanley Kubricks »Eyes Wide Shut« (1999, sehr frei nach der Erzählung »Traumnovelle« von Arthur Schnitzler, 1926) ist die faszinierende Geschichte eines Mannes (im Film Tom Cruise), der in einer Ehekrise in den Bann einer sexualmagischen Geheimgesellschaft gerät, wobei für ihn diese Erfahrung in ihrer traumhaft-albtraumhaften Ambiguität eine kathartisch-läuternde Wirkung hat. Dieser Film darf als eine der bedeutendsten neueren künstlerischen Umsetzungen des Themas »Geheimgesellschaft« gelten, gerade weil er sich jeder klischeehaften Etikettierung entzieht.
Auch die klassischen Romane des Genres Science Fiction bieten Beispiele, so die Bene Gesserit (ein Bund aufgeklärt-mächtiger »Hexen«) und die Bene Tleilax im »Dune Universum« des Frank Herbert, die »Brotherhood« in George Orwells »Nineteen Eighty-Four« (1948), das »Central Anarchist Council« in G. K. Chestertons »The Man Who Was Thursday« (1908), »Cabal« in diversen Romanen Robert A. Heinleins, das »Committee to Unelect the Patrician« und die »Elucidated Brethren of the Ebon Night« in der »Discworld Series« des Terry Pratchett, usw. Ein Geheimbund sind die Talamasca in Anne Rice´ Serie »Witches Chronicles« (1990ff.). Die Beispiele lassen sich nahezu beliebig vermehren. Häufig ist eine vage Anlehnung an reale, geschichtlich vorgegebene Gruppen, so in den Romanen von Dan Brown, aber auch z.B. in Elizabeth Kostovas hochgelobtem neueren Vampirroman »The Historian« (»Order of the Dragon«), der 2005 erschien. Die »Second Foundation« in Isaac Asimovs »Foundation«-Serie ist ursprünglich ein Geheimbund. In den Harry Potter-Romanen der J. K. Rowling spielen zahlreiche Geheimgesellschaften – oft zu einem bestimmten, begrenzten Zweck gebildet – eine tragende Rolle, im Guten wie im Bösen, so der »Order of the Phoenix«, die »Death Eaters« und schließlich »Dumbledore´s Army«. Parodien sind häufig: Wer könnte je die Simpsons-Episode »Homer the Great« (Erstsendung 1.8.1995) vergessen mit ihrer geistreichen, nicht unfreundlichen, aber doch heftigen und in vielem nur für Insider verständlichen Satire auf das Brauchtum der Freimaurer (unter dem Namen »The Stonecutters«)? Schon die Hanna Barbera-Zeichentrick-Serie »The Flinstones« (1960-1966) hatte mit ihren »Wasserbüffeln« eine Parodie auf geheimnistuerische Männerbunde nach freimaurerischem Muster; auch hier war das satirische Element nicht unfreundlich. Kaum erinnern müssen wir an den Klassiker dieses Genres, den Film »Sons of the Desert« (dt. »Die Wüstensöhne«) mit Stan Laurel und Oliver Hardy (USA 1933). Gerade satirische Bearbeitungen sind für die Klischee- und Stereotypforschung oft besonders aufschlussreich.
In solchen literarischen und filmischen Umsetzungen, in denen der »Geheimbund« zum stabilen Motiv wird, spiegeln sich erwartungsgemäß jeweils konkrete gesellschaftliche Erfahrungen und vor allem öffentliche Diskussionen, die hier nun weitergeführt, radikalisiert, eventuell parodiert werden. Manche scheinbar fantastische Darstellung ist vielleicht erst im Rückblick als Bearbeitung zeitgenössischer Fragestellungen erkennbar. Als John Ronald Reuel Tolkien (1892-1973) plante, eine Fortsetzung zu »The Lord of the Rings« (1954), dem ohne Frage bekanntesten Fantasy-Roman des 20. Jhdts., zu schreiben, wählte er als Thema das Erstarken einer böse Geheimgesellschaft, gewissermaßen einer Untergrundreligion in einer Welt, die einige Jahre nach dem Tod der letzten Figuren des »Lord of the Rings« zu datieren ist. Es ist viel zu wenig bekannt, dass Tolkien eine solche Fortsetzung seines Magnum opus nicht nur geplant, sondern tatsächlich schon seit Ende der 1950er Jahre in mehreren Anläufen angefangen hatte zu schreiben, auch wenn der Text erst 1996 posthum unter dem Titel »The New Shadow« publiziert wurde. Dieses Fragment eines neuen Romans ist in seiner letzten Fassung intensiv durch die breite Diskussion dieser Jahre in Hinsicht auf neue, irritierende Religionen (damals sagte man: »Jugendreligionen«) geprägt. Es sind geheime Kulte unter Jugendlichen, die den Ring-Krieg nicht erlebt haben und Sauron wieder zu Kraft und Einfluss verhelfen wollen: »secret societies practising dark cults, and ‹orc-cults’ among adolescents« nennt sie Tolkien in einem Brief 15 Monate vor seinem Tod. Er schreibt dies zu einer Zeit, als sich die bürgerliche Angst gegenüber neuen Religionen unter Jugendlichen in Großbritannien (und Deutschland) auf einem Höhepunkt befand, Ländern, die zu dieser Zeit erst langsam in die multireligiösen Verhältnisse der Gegenwart hineingewachsen sind. Die verschwörerischen Jugendlichen in Tolkiens Romanfragment tragen schwarze Kleidung und nehmen sich die Orks und ihre Lebensverachtung zum Vorbild. Tolkien benutzt hier die Klischees der Sekten- und Satanismusangst: Es ist sehr schade, dass der Text Bruchstück geblieben ist, obwohl Tolkien mindestens drei Anläufe nahm, ihn fortzuführen. (Als Gründer satanistischer Geheimkulte erscheinen in Tolkiens Briefen übrigens auch die beiden »blauen Zauberer«, von deren Geschick wir in »The Lord of the Rings« nichts erfahren.) Tolkien hat sich in diesem Fragment in der Gestalt des greisen, aber körperlich rüstigen Borlas, der die geheimen Vorgänge zuerst beobachtet, ein literarisches Selbstporträt geschaffen. Die Ratlosigkeit, in der das Fragment endet, ist diejenige der bürgerlichen Gesellschaft vor neuen, als »geheim« und »untergrundhaft« empfundenen neuen Religionen und ihrer (gelegentlichen) Affinität zu »dunklen« Aspekten von Kultur. Aus dieser Aporie könnte sich erklären, warum Tolkien diesen Text trotz der genannten drei Anläufe nicht weiterschreiben konnte.
Unser kurzer exemplarischer Rundblick über Literatur und Film einschließlich der Populärkultur sensibilisiert uns für das imaginative Potential des Themas und seine bleibende gesellschaftliche Faszination. Erklären wir an dieser Stelle anhangsweise noch rasch die Herkunft der gehobenen, humanistendeutschen Redewendung »sub rosa« (eigentlich lateinisch »unter der Rose«), der seit alters die verborgenen Treffen von Geheimbünden und überhaupt alles bezeichnet, was im geheimen geschieht. Sie soll auf einen römischen Mythos zurückgehen: Cupido habe dem Gott Harpokrates (der mit einem Finger über dem Mund dargestellt und mit dem Schweigegebot der Mysterien zusammengebracht wurde) Rosen geschickt mit der Bitte, die Liebesaffären seiner Mutter Venus unter dem Siegel der Verschwiegenheit zu wahren. Diese Geschichte deutet den römischen Brauch, Rosen über der Tür eines nichtöffentlichen Treffens aufzuhängen. Die Humanisten übernahmen dies als Redensart und übertrugen es auf diverse Lebensbereiche. »Was wir kosen, bleibt unter den Rosen«, schreibt Sebastian Brandt im »Narrenschiff« (1494), und später bei Goethe finden sich die Verse: »Dichter lieben nicht zu schweigen, wollen sich der Menge zeigen, Lob und Tadel muss ja sein! Niemand beichtet gern in Prosa, doch vertrauen wir oft sub rosa in der Musen stillem Hain.« (»An die Günstigen«, Hamburger Ausgabe 1, 244). Über katholischen Beichtstühlen werden seit der Renaissance gerne geschnitzte Rosen dargestellt, ein Hinweis auf das strikte, in der Katholischen Kirche unverbrüchlich geltende Beichtgeheimnis.
Literatur:
John R. R. Tolkien, The History of Middle-Earth XII. The Peoples of Middle-Earth. Ed. by Christopher Tolkien. Boston u. New York 1996, 409-421 * Ders., Letters. A Selection by Humphrey Carpenter. London 1981, 344 u. 419 * Marco Frenschkowski, Leben wir in Mittelerde? Religionswissenschaftliche Beobachtungen zu Tolkiens »The Lord of the Rings«. In: Thomas Le Blanc, Bettina Twrsnick (Hrg.), Das Dritte Zeitalter. J.R.R. Tolkiens »Herr der Ringe«. Tagungsband 2005. Schriftenreihe und Materialien der Phantastischen Bibliothek Wetzlar 92. Wetzlar 2006, 240-264 * Über Dan Browns Romane und ihren Gehalt an Realität und Fiktion s. mit weiterführenden Literaturangaben Marco Frenschkowski, Mysterien des Urchristentums. Wiesbaden 2007, 41-99. 229-244 u.ö.
Zur Soziologie der Geheimbünde
Last not least wäre es auch möglich, eine Typologie realer Geheimbünde unter rein soziologischen Kategorien zu entwerfen. Die Spannbreite wäre freilich sehr groß, selbst wenn wir nur Bünde des 20. Jhdts. und moderner Sozietäten betrachteten und außer acht lassen, was Antike, Mittelalter und archaische Gesellschaften zum Thema beitragen. Manche Vereinigungen haben einen ausgesprochenen Oberschichtscharakter, andere finden ihre Mitglieder in eher unteren schlichteren Verhältnissen. Die kleinen okkulten Gesellschaften im Deutschland der Jahre 1900-1930 trafen sich oft im Hinterzimmer von Kneipen, in Wohnzimmern oder sonst privaten Verhältnissen, während die gleichzeitigen okkulten Vereinigungen Großbritanniens sich auf höheren sozialen Niveaus bewegten und of über eigene Häuser verfügten. Gesellschaften wie die Freimaurer besitzen seit langem eine völlig andere gesellschaftliche Stellung und auch ein anderes Potential als die zahlreichen kleinen Bünde, die oft nur wenige Jahre bestehen. Manche »Geheimgesellschaft« war und ist in Wahrheit ein Lesezirkel und Debattierclub, der sich selbst einen mysteriösen Anstrich gibt. Die Frage, aus welcher Klientel sich ein Geheimbund nährt, ist auch ohne sozialempirische Untersuchungen (die selten möglich sind) oft überraschend schnell zu beantworten, wenn Mitgliederlisten oder sonst Rahmenfakten bekannt sind. Indizien sind z.B. auch Werbeträger und Kommunikationswege eines Bundes, die manchmal besser bekannt sind als die Namen der Mitglieder. Dabei sind die nationalen Unterschiede erheblich. Die deutsche Okkultszene des frühen 20. Jhdts. hat sich z.B. in ihrem Bildungsniveau im Allgemeinen deutlich unterhalb der britischen bewegt. Das gesellschaftliche Ansehen, das realen Bünden wie den Freimaurern entgegengebracht wird, unterscheidet sich deutlich und entsprechend ist die Attraktivität eines Bundes für Menschen von unterschiedlichem Status und Hintergrund sehr unterschiedlich. Wir werden an der einen oder anderen Stelle Hinweise zu diesen soziologischen Gesichtspunkten geben, ohne sie befriedigend vertiefen zu können. Eine umfassende Aufarbeitung soziologischer Aspekte zum Thema existiert bisher nur für Teilbereiche.
Wer sich für die vielen Service Clubs, Industrie-, Wirtschafts- und Business Clubs wie LIONS International (seit 1917) oder die Rotary Clubs (seit 1905, beide gegründet in Chicago), die heutigen Logen und logenähnlichen Vereinigungen, die studentischen Verbindungen bzw. Korporationen, die modernen Ritterorden und logenähnlichen Systeme, Vereine wie Schlaraffia etc. und ihre Bedeutung v.a. im deutschen Sprachraum sowie ihre jeweiligen Hintergründe, Aufnahmeregeln und Zielrichtungen interessiert, sei auf das faktenreiche Buch von Edwin A. Biedermann, Logen, Clubs und Bruderschaften. Düsseldorf 2004 (Neuausgabe angekündigt) hingewiesen, das sich vor allem der nachprüfbaren Beschreibung möglichst vieler einschlägiger Vereinigungen widmet. Es grenzt thematisch vielfach an unsere Fragen an, und zeigt sehr schön, dass auch ganz »säkulare« Vereinigungen ohne irgendwelche religiösen, okkulten oder auch politischen Abzweckungen in einem gewissen Umfang Nichtöffentlichkeit, Diskretion und Geheimhaltung praktizieren. Diese sind also offenbar menschliche Grundbedürfnisse in unserem allgemeinen Vergesellschaftungsstreben.
2. Männerbünde, Frauenbünde und Einweihungsriten in archaischen Gesellschaften
Zur Begrifflichkeit und Typologie
Geheimbünde haben als eine Struktur religiösen und gesellschaftlichen Lebens eine Geschichte, die weit über die Mysterien der Antike zurückreicht. Dazu ist es erforderlich, einige Bemerkungen zur Begrifflichkeit und den Erscheinungsformen voranzuschicken. Von »Männerbünden« sprach zuerst 1902 der Völkerkundler Heinrich Schurtz im Blick auf Strukturen, die er in Ostafrika vorfand. Andere Begriffe in unserem Umfeld haben eine längere Geschichte, so diejenigen aus den Mysterien oder überhaupt aus der Antike. Die Rosenkreuzer hießen in den ältesten Texten einfach eine »Fraternität«, eine Bruderschaft, während manche reale Geheimgesellschaft sich als Orden (nach dem Vorbild der katholischen Orden) bezeichnet hat. Alle aus unserer Kultur genommenen Begriffe sind freilich als Beschreibungen fremder Gesellschaften ideologiegefährdet, insofern sie oft eurozentrische und moderne Voraussetzungen implizieren. Dieses Problem stand in der zweiten Hälfte des 20. Jhdts. im Mittelpunkt ethnologischer Arbeit, wo immer man über die Grenzen Europas und Nordamerikas hinausschauen wollte. Z.B. ist heftig diskutiert worden, inwiefern die europäischen Begriffe »Religion« und »Magie« geeignet sind, abgrenzbare Teilbereiche archaischer außereuropäischer Gesellschaften in den Blick zu bekommen, ohne sie zu verzeichnen. Das gilt nun auch für die aneinander angrenzenden Phänomene »Geheimbünde« und »Initiationsriten« in Hinsicht auf ihre ethnologischen Aspekte. Aber die ethnologische Forschung – die sich in Ansätzen bereits im 19. Jhdt. aus kolonialen missionstheologischen Leitinteressen emanzipierte – hat doch im Laufe der Jahre Strukturen in archaischen (schriftlosen) und vormodernen Gesellschaften beschrieben, die den kulturgeschichtlichen Hintergrund des Themas »Geheimbünde« bilden und daher hier zumindest knapp erwähnt werden müssen.
Zahlreiche Gesellschaften kennen Bünde von Männern, Frauen oder (seltener) beiden Geschlechtern, die Geheimhaltung insbesondere ihrer Initiationsrituale, aber auch ihrer Symbole, ihrer Masken, ihres Erzählgutes praktizieren. Dabei ist zwischen Bünden zu unterscheiden, die größere Teile der Bevölkerung umfassen, also z.B. Männerbünden, welche praktisch alle – kaum je wirklich alle – Männer eines Stammes zu Mitgliedern haben, solchen, die nur aus einem kleineren Teil einer Gesellschaft bestehen, aber doch gesellschaftlich gut bekannt, greifbar und präsent sind, und schließlich solchen Bünden, die nur eine sehr kleine Gruppe von Menschen umfassten. Letzteres sind vor allem berufsspezifischen Bünde, z.B. die in manchen afrikanischen Gesellschaften wichtigen Schmiedebünde. Berufliches Fachwissen kann oft als Geheimwissen eines Bundes bewahrt und vor Außenstehenden geschützt werden; das Berufsgeheimnis erhält auf diese Weise eine soziale Absicherung. In der soziologischen und insbesondere in der feministischen Forschung wird der Begriff »Männerbund« über solche Erscheinungen hinaus auch benutzt, um heutige Formen elitärer Mitgliedschaft zu beschreiben, in denen Männer etwa durch indirekte Ausschlussverfahren Frauen den Zugang zu gesellschaftlichen Machtpositionen verwehren. Männerbünde dienen dann dem Patriarchat bzw. der Hegemonie des Männlichen. Dabei spielten weniger strikte Geheimhaltung eine Rolle, als »stillschweigende« Organisationsformen von Macht und Kommunikation, die Frauen faktisch eine Partizipation unmöglich oder zumindest schwer machen.
Man kann durchaus von Männer- und Frauenbünden sprechen, da ein geschlechtsspezifisch eingeschränkter Zugang mehr Regel als Ausnahme ist. Geheimbünde in archaischen Gesellschaften definieren sich nicht unbedingt durch äußere gemeinsame Ziele, sondern eher durch Ätiologien, d.h. mythologische Ursprungsgeschichten. Nach außen wird ihre Gemeinschaft durch feste Regeln und Rituale und öfters durch bestimmte Kennzeichen abgegrenzt. Man trägt bestimmte Kleidungsstücke oder symbolische Accessoires, eine bestimmte Haartracht oder bestimmte Tätowierungen oder sonstige Körperveränderungen. Die Beschneidung hat hier eine ihrer Wurzeln. Hierarchie ist häufig, aber es gibt auch egalitäre Gesellschaften. Vor allem gibt es in jedem Fall ein klares »drinnen« und »draußen«, welches das durch Rituale und Aspekte gemeinsamen Lebens geschaffene Gemeinschaftsgefühl noch weiter stärkt. Zugang ist i.A. nur durch eine Initiation möglich (dazu gleich). In Männerbünden sind Frauen meist von der Mitgliedschaft ausgeschlossen (und vice versa). Speziell Männerbünde sehen sich selbst oft als gesellschafts-, ja welterhaltend. Ihre Initiationsriten haben dann nicht selten Bezüge zu kosmogonischen Mythologien. Sowohl in Männer- als auch Frauenbünden erhält die jeweils nächste Generation Unterweisung über das angemessene Verhalten in der Ehe und im Stamm u.ä. Oft verbinden ihre Rituale mit den Ahnen, die in Form von Masken oder noch in einem buchstäblicheren Sinn anwesend sind. Eigene Treffpunkte und Häuser – meist außerhalb der Wohndörfer und Siedlungen – sind häufig; fast immer dürfen sie durch Nichtmitglieder nicht betreten werden.
Ganz allgemein erfüllen Geheimbünde in vielen Fällen protostaatliche Funktionen: Sie erziehen die Jugend, reglementieren das gesellschaftlich »Schickliche« und bestrafen Devianz, vor allem aber vermitteln sie Beheimatung über die biologischen Bande hinaus. Krieger und Priester besitzen darüber hinaus oft spezielle Bünde, und so auch oft die jungen, noch unverheirateten Männer eines Stammes, die vielfach bestimmte Freiheiten besitzen, die sie später nicht mehr haben. In Männer- und Frauenbünden geschieht geselliges Leben und finden religiöse Riten statt. Ihr z.T. protostaatlicher Charakter führt in kolonialen Situationen und überhaupt im Kontext der Entstehung moderner Staatswesen vielfach zu neuartigen Geheimbünden, die auch von ihren Trägergesellschaften als problematisch, zumindest als ambivalent in ihrem gesellschaftlichen Nutzen gesehen werden. Ein bekanntes Beispiel wäre die Mau-Mau-Bewegung im Kenia der 1940er und 1950er Jahre, die sich an Fragen des Landbesitzes entzündete. Nach der Unabhängigkeit Kenias 1963 wurden die Mau-Mau als Freiheitskämpfer geehrt, doch hat die neueren Forschung ihre tiefere Verwurzelung in afrikanischen Männerbünden gezeigt, die in Konflikt mit neuen sozialen und wirtschaftlichen Strukturen gerieten, und darüber zu einer kämpfenden Bewegung wurden. Die britische Armee nahm die Mau-Mau anfänglich als heidnischen, in Zauberei und grausame Rituale verstrickten Geheimbund wahr, dem eher durch Missionare als durch Kriegsführung beizukommen sei – und wurde sich erst allmählich der unentwirrbaren Einheit sozialer und religiöser Motive im gewaltsamen Kampf der Mau-Mau bewusst. Die Aussichtslosigkeit junger Männer, eigenes Land erwerben zu können, führte zu einem Interesse an alten Überlieferungen über Männergeheimbünde und ihre Rituale. Etwa 10 000 Mau-Mau verloren in dem Konflikt ihr Leben, jedoch nur etwa 100 Europäer. Dies ist ein Beispiel für die Entstehung einer politischen Geheimgesellschaft aus der Struktur archaischer Männerbünde.
Gegenüber älteren Forschungen hat es neben der Infragestellung des eurozentrischen Blickwinkels in der Ethnologie zwei weitere wesentliche Verschiebungen gegeben, welche u.a. das Verständnis von Geheimbünden betreffen. Sehr plakativ lassen sich diese so beschreiben, dass diachrone Fragestellungen gegenüber synchronen zurückgetreten sind, und dass der phänomenologische Ansatz radikal dislegitimiert wurde. Man kann dies sehr schön im Blick auf eine populäre, nach wie vor vielfach nachgedruckte Darstellung wie die von Will-Erich Peuckert, Geheimkulte (Heidelberg 1951. Nachdruck z.B. Hildesheim u.a. 1988) sehen. Peuckert (1895-1969) – ein angesehener Volkskundler, der z.B. zur Einbeziehung der Lebenswelt von modernen Arbeitern in die volkskundlichen Arbeit Wichtiges geleistet hat, und der auch ein Erforscher der frühen Neuzeit gewesen ist – stellt ein breites Spektrum an Bünden, Vergemeinschaftungen und Gruppenbildungsphänomenen in zahlreichen Gesellschaften vor. Dabei ist sein Ansatz hermeneutisch: Gemeinsame Grundstrukturen werden in den verschiedenen Gesellschaften geringfügig variiert und können im kulturübergreifenden Blick erklärt werden. Ziel ist ein Verstehen der Phänomene des Geheimbundwesens in Kategorien unserer Kultur. Dazu werden die einzelnen Phänomene in ein evolutionistisches, diachrones Schema geordnet. »Zauberwesen« z.B. gelten »älter« als Religion. Es gibt daher ein erkennbares Vorher und Nachher der Einzelerscheinungen, der Rituale und ihrer Funktion. Dieses Vorher und Nachher ist allerdings fast immer nur spekulativ zu gewinnen; die ethnologische empirische Feldarbeit liefert ja nur Momentaufnahmen. Peuckert interessiert sich auch für nationale und kulturelle Unterschiede, z.B. notiert er, dass die in Südeuropa und Afrika immens wichtigen sexuellen Konnotationen der Initiationen Jugendlicher (welche dann zur Hochzeit legitimieren) bei nordamerikanischen Indianern völlig fehlen, wo aber extrem schmerzhafte Mutproben und überhaupt das Element des Schmerzes im Mittelpunkt stehen. Das ist vereinfacht, aber nicht falsch. Manche Völker haben kaum oder nur sehr verkümmerte Pubertätsriten, z.B. viele arktische und nordasiatische Völker. Gewisse Geheimbünde mit ihren Initiationen erfüllen spezifische Aufgaben in ihrer Gesellschaft, z.B. waren die Arioi auf Tahiti wandernde Schausteller mit stark erotisch konnotierten Darbietungen, die intern als Geheimgesellschaft organisiert waren .
Nun ist es unbestritten, dass es Entwicklungen gegeben hat und gibt. Ob diese sich aber in einem übergreifenden evolutionistischen Schema, das weltweit konstant und quasi naturgesetzlich wirkt, beschreiben lassen, ist fraglich geworden. Es scheint heute angemessener, die einzelnen Rituale in ihren jeweiligen Gesellschaften detailliert zu verstehen als übergreifende, pauschale Theorien zu formulieren, die im Einzelnen doch nur wenig tragfähig sind. Dennoch bleibt Peuckerts Buch eine anregende, materialreiche Lektüre, gerade zu solchen Aspekten, die hier nur stichwortartig angeschnitten werden können (z.B. zur Geschichte von Beschneidungsriten).
Weniger diachronisch, sondern eher phänomenologisch geprägt ist dagegen der Ansatz des großen rumänischen Religionswissenschaftlers Mircea Eliade (1907-1986), der auch über wissenschaftliche Kreise hinaus weite Beachtung gefunden hat. Er sieht Initiationen als allgemeinmenschliches Phänomen: In der Gegenwart hätten sie zwar ihre ontologische Geltung verloren (sie verändern nicht mehr das menschliche Sein), werden aber weiter praktiziert und wirken auf einer psychologischen Ebene. Eliade unterscheidet zwei Grundtypen: Pubertätsriten, welche jungen Menschen Zugang zum Heiligen, zur Erkenntnis und zur Sexualität vermitteln, und andererseits spezielle Initiationen, welche Menschen auf sich nehmen, um ihre Lage, ihren Status zu verändern bzw. in Kontakt mit übernatürlichen Wesen zu kommen. Das Symbol- und Motivinventar der beiden Typen sei nun aber auffälligerweise weitgehend identisch. Eliade listet einige rekurrierende Elemente auf: a. Trennung von der Mutter, der Erde u.ä.; b. Beschneidungen u.a. Prüfungen und Torturen, die zu einem Tod mit nachfolgender Auferstehung gehören; c. Initiation als neue Geburt, die auf eine Schwangerschaft folgt; d. Rückzug in den Busch und Suche nach einem Schutzgeist; e. die »heroische Initiation«, deren Akzent auf einem »Sieg« liegt und die z.B. das Motiv der Verwandlung in ein wildes Tier kennt; f. die Schameneninitiation mit Körperzerstückelung, Seelenaufstieg und Katabasis in das Totenreich; g. paradoxe Prüfungen (oft folklorisiert und aus dem rituellen Kontext gelöst). Verschiedene Symbolismen und Initiationsszenarien können nebeneinander in einer Kultur bestehen. Viele Initiationen sind nach Eliade Wiederholungen eines kosmogonischen und anthropogonischen Urdramas, das also den Initianden in Kontakt mit einem weltbegründenden Geschehen der mythischen Zeit bringt. Ein häufiges Muster eines solchen Urdramas erzählt z.B., ein übernatürliches Wesen habe versucht, den Menschen durch Tötung radikal zu erneuern, was misslungen sei. Dann sei dieses übernatürliche Wesen selbst getötet worden: Die Initiation wiederholt Elemente dieses Szenarios. Durch Teilnahme am Tod gelingt dann doch Überwindung des Todes, wenn auch in paradoxer Weise. Die Botschaft der Initiation besteht darin, dass das wahre Menschsein auf einer Transzendierung des natürlichen Menschseins beruht. Das gilt bereits für die hochaltertümlichen Initiationen wie diejenigen der australischen Ureinwohner mit ihren Tapferkeitsritualen (Ausschlagen eines Zahnes und Beschneidung) und ihrem das »Numinose« evozierenden Schwirrholz, welches u.a. Unbefugte fernhalten soll, weil übernatürliche Wesen als bei den Ritualen anwesend gedacht werden. Eliades Theorien überschreiten die Grenze dessen, was Ethnologie und Religionswissenschaft empirisch aussagen können: Sie werden damit zu einer religionsphilosophischen Deutung der Initiation als einem menschlichen Universale.
Literatur:
Heinrich Schurtz, Altersklassen und Männerbünde. Berlin 1902 * Axel Michaels, Art. Rites de passage I. Religionsgeschichtlich. In: Religion in Geschichte und Gegenwart 4. Aufl. 7 (2004), 534f. * Mircea Eliade, Das Mysterium der Wiedergeburt. Versuch über einige Initiationstypen. Frankfurt a. M. u. Leipzig 1997 (zuerst franz. 1958) * Brigitte Bönisch-Bredlich, Art. Peuckert, Will-Erich. In: Enzyklopädie des Märchens 10 (2002), 827-831 * Victor Turner, The Ritual Process. London 1969 * J. Middleton, Secrecy among the Lugnara. In: Kees W. Bolle (Hrg.), Secrecy in Religions. Leiden 1987, 25-43 * Peter Gerlitz, Art. Initiation/Initiationsriten. In: Theologische Realenzyklopädie 16 (1987), 156-162 * Arnold van Gennep, Les rites de passage. Paris 1909 * Julien Ries (Hrg.), Les Rites d´Initiation. Actes du Colloque de Liège et de Louvain-la-Neuve 20-21 novembre 1984. Louvain-la-Neuve 1986 * Will-Erich Peukert, Geheimkulte. Heidelberg 1951. Nachdruck Hildesheim u.a. 1988 * Joannes A. Snoek, Initiations. A Methodological Approach to the Applications of Classification and Definition Theory to the Study of Rituals. Pijnacker 1987 * Derek Peterson, Art. Mau-Mau. In: Religion in Geschichte und Gegenwart 4. Aufl. 5 (2002), 921f. * Doris Doppler, Männerbund Management. München-Mering 2005 * Dietrich Heither, Verbündete Männer. Köln 2000 * Eva Kreisky, Das ewig Männerbündische? Zur Standardform von Staat und Politik. In: Claus Leggewie (Hrg.), Wozu Politikwissenschaft? Über das Neue in der Politik, Darmstadt 1994 * Helmut Blazek, Männerbünde. Berlin 2001 * Jürgen Reulecke, »Ich möchte einer werden, so wie die ...«. Männerbünde im 20. Jhdt.. Frankfurt u. New York 2001 * Gisela Völger, Karin v. Welck (Hrg.), Männerbande, Männerbünde: Zur Rolle des Mannes im Kulturvergleich. 2 Bände. Köln 1990 * David Gilmore, Mythos Mann. Wie Männer gemacht werden. München 1993 * David Pratten, The Man-Leopard Murders. History and Society and Colonial Nigeria. Indiana 2007 (behandelt die Zeit 1945-1948) * Wilhelm Emil Mühlmann, Arioi und Mamaia. Eine ethnologische, religionssoziologische und historische Studie über polynesische Kultbünde. Wiesbaden 1955 * Ders., Die geheime Gesellschaft der Arioi. Eine Studie über polynesische Geheimbünde, mit besonderer Berücksichtigung der Siebungs- und Auslesevorgänge in Alt-Tahiti. Leiden 1932.
Initiationen und Geheimbünde: Gibt es einen inneren Zusammenhang?
Initiationen vollziehen Zugehörigkeit und Statuswechsel. Die Zugehörigkeit kann sich auf eine Berufsgruppe, eine Altersklasse, einen religiösen Bund u.a. beziehen. Der Statuswechsel kann den Übergang in die Welt der Erwachsenen vollziehen oder eine neue Einweihungsstufe ermöglichen, etc. Wichtig ist, dass Initiationen etwas vollziehen; sie sprechen nicht nur über etwas oder symbolisieren etwas, sondern sie sind das, was in ihnen geschieht. Schamanen, Priester und anderes Homines religiosi erleben den Beginn ihrer Berufung oft als Initiation: Diese kann sich in einem Ritual unter Beteiligung anderer Menschen vollziehen, aber auch ein (durch Askese und Reinigungsriten vorbereitetes) inneres Erlebnis sein, das anderen nur im Nachhinein mitgeteilt wird. Einweihungs- und Initiationsriten können also auch einen bestimmten Berufsstatus verleihen, z.B. den eines Priesters (sehr häufig) oder eines Schmiedes, ja sogar den eines Regenmachers (bei den afrikanischen Lugnara, mit symbolischer Beerdigung). Wenn Initiation also auch ein sehr weiter Begriff ist, muss doch festgehalten werden, dass gerade Geheimbünde von der Antike bis zu den modernen Freimaurern im Regelfall über Initiationsriten verfügen. Man wird Mitglied meist nicht über eine Willenserklärung oder eine »Ernennung«, sondern über ein initiatorisches Ritual. Das kann kein Zufall sein: Es muss einen inneren Zusammenhang zwischen Initiation und Geheimbund geben, der weit in die Menschheitsgeschichte zurückreicht.
Arnald van Gennep (1873-1957) hat in einem religionswissenschaftlichen Klassiker bereits 1909 die Struktur vor Übergangsriten (»rites de passage«) beschrieben, die in allen Gesellschaften vor allem lebenszyklische Abschnitte voneinander trennen, aber auch Weihehandlungen und Statusveränderungen begleiten, deuten und inszenieren. Initiationen (Einweihungen) sind ein wichtiger Typ solcher Übergangsriten. Van Gennep unterscheidet drei Phasen des rituellen Gesamtzusammenhanges. In Trennungsriten (»rites de séparation«) geschieht ein Hinaustreten aus dem alten Leben oder Status. In Schwellen- oder Umwandlungsriten (»rites de marge«) wird ein neues Sein konstituiert, während in den abschließenden Angliederungsriten (»rites d´agrégation«) eine Reintegration in die Gesellschaft, wenn auch unter neuen Bedingungen, geschieht. Übergangsriten bei Geburt und Tod, beim Erwachsenwerden und bei Statusveränderungen lassen sich nach diesem Schema gut beschreiben. Die jüngere Ritualforschung hat sich v.a. für die mittlere der drei Phasen interessiert. Der Religionssoziologe und Ethnologe Victor W. Turner (1920-1983) nennt sie die »liminale Phase« oder einfach »Liminalität« (von lat. limes »Grenze«). In ihr gelten andere Gesetze als im Alltag. Soziale Normen werden außer Kraft gesetzt; es kann eine gemeinschaftsstiftende Egalität entstehen, eine besondere Sakralität, aber auch umgekehrt eine karnevaleske Werte- und Ordnungsumkehr mit anzüglichen Elementen. Viele Feste und Feiern erhalten ihre innere Dynamik aus dieser Liminalität im Kontext größerer Übergangsriten. Natürlich sind die rituellen Funktionen vielschichtiger, als es dieses einfache Modell beschreibt, das dennoch ohne Frage fundamental Richtiges sieht.
Ich möchte behutsam die Theorie vertreten, dass Geheimbünde eine Fortsetzung bestimmter Aspekte der mittleren, »liminalen« Phase von Initiationsriten sind, in der »besondere Gesetze« gelten, und die sich daher vom Alltag mit seinen sozialen Regeln unterscheidet. Der auffällige Zusammenhang zwischen Initiationsriten und Geheimbünden wird dann als ein innerer und sachlich notwendiger, nicht allein als ein zufälliger sichtbar: Die Geheimbünde sind sozusagen Prolongationen, »Verewigungen« der Liminalität, die in initiatorischen Übergangsriten geschaffen wird. Das vom Alltag abgehobene Gemeinschaftsgefühl der Liminalität wird in der Bruderschaft oder Schwesternschaft des Geheimbundes fortgesetzt. Das Wissen, dass hier Besonderes, nicht Alltägliches geschieht, setzt sich u.a. dadurch fort, dass eine strikte Grenze zum »normalen« Leben so geschaffen wird, dass Geheimhaltung herrscht. Geheimbünde lieben also deshalb Initiationen, weil sie strukturell mit ihnen zusammenhängen: Sie sind nichts anderes als ihre Fortsetzung in das normale Leben hinein.
Indogermanische Männerbünde?
Das Motiv der Verwandlung nach einer »heroischen Initiation« spielt, wie wir hier nur in einer kurzen Andeutung zur Sprache bringen können, eine Rolle in der Erforschung der gemeinsamen Wurzeln europäischer Kultur. Hat es in der Zeit indogermanischer Einwanderung oder in der proto-germanischen Kultur bestimmte Männerbundphänomene gegeben, die ihre Spuren in Sage, Mythos und Brauchtum hinterlassen haben, ohne direkt greifbar zu sein? Ein mythologisiertes Nachleben indogermanischer Bünde junger Männer wurde z.B. gerne in den Traditionen der »wilden Jagd« u.ä. gesehen, in den »Berserkern« der germanischen Kriegsführung und ähnlichen Erscheinungen. Odin wird als mythologisierter Anführer eines solchen Bundes interpretiert, dessen »Einheriar« sich mit ihm durch feierliche Eide verbinden und die in Gemeinschaft mit den Ahnengeistern und von einem ekstatischen »furor«, einer sakralen Wut besessen, in die Schlacht ziehen. Die Erforschung potentieller indogermanischer Männerbünde und ihres Einflusses auf die frühe europäische Geschichte hat lange an ihrer Funktionalisierung in der nationalsozialistischen Zeit gelitten; erst allmählich wird deutlich, dass das Thema ernsthafter Bearbeitung bedarf (weiterführend jetzt K. Kershaw).
Literatur:
Stig Wikander, Der arische Männerbund. Lund 1938 * Geo Widengren, Der Feudalismus im alten Iran. Köln und Opladen 1969 * Georges Dumézil, Gods of the Ancient Northmen. Berkeley, LA 1973 * Bernfried Schlerath, Georges Dumézil und die Rekonstruktion der Indogermanischen Kultur. In: Kratylos 40 u. 41 (1996), 1-48 bzw. 1-67 * Kris Kershaw, The One-Eyed God. Odin and the (Indo-)Germanic Männerbünde. Washington, D. C. 2000.
3. Die antiken Mysterien und ihr Erbe
Blickwinkel und Begrifflichkeit
Die antiken Mysterien kommen für unser Thema nicht allein deshalb in Betracht, weil Geheimhaltung eines ihrer Strukturelemente gewesen ist, sondern auch, weil sie über eine kleine Zahl literarisch tradierter Texte die Imagination des Abendlandes entscheidend geprägt haben. Sie bilden gewissermaßen ein Muster, ein Vorbild, und zugleich eine Projektionsfläche, anhand derer immer wieder religiöse Strukturen entstehen konnten, die sich als »neue Mysterien« verstanden haben, auch wenn die kulturgeschichtlich ausweisbaren Ähnlichkeiten oft nur sehr begrenzt waren. Bilder von antiken Mysterieneinweihungen gehören zum kulturellen Erbe des Abendlandes, welches dieses in Abständen immer wieder für die je eigene Gegenwart entdeckt hat. Die Mysterien wurden also instrumentalisiert: Sie bildeten entweder einen dunklen, unmoralischen und fragwürdigen Hintergrund, von dem das Christentum abzuheben war, oder umgekehrt ein verlorenes Ideal, das durch neue Mysterienschulen wiederzugewinnen wäre. Wir müssen neben der religionsgeschichtlichen Rückfrage nach den antiken Mysterien, wie sie aus den leider nur spärlichen Quellen erhoben werden können, auch nach diesem Erbe von imaginierten Mysterien fragen, welches reale und ebenfalls imaginierte Geheimbünde und ihre Rituale wesentlich geprägt hat.
Mysterien im eigentlichen und engeren historischen Sinn sind eine bestimmte Ausdrucksform antiker griechischer und römischer Religion gewesen. Es war in der älteren Forschung üblich, von eigenen »Mysterienreligionen« zu sprechen: Diese Redeweise wird heute meist vermieden, weil die Mysterien nie eigene Religionen waren, sondern im Leben der Menschen immer neben anderen privaten, familiären und öffentlichen Formen der Religionsausübung standen (so z.B. Walter Burkert und Fritz Graf). Vor allem dürfen die Mysterien nicht mit dem öffentlichen Kult der betreffenden Götter und Göttinnen verwechselt werden. So hat es einen bedeutenden Kult des Dionysos gegeben – dieser ist aber nicht mit den dionysischen Mysterien (den Bacchanalien) identisch. Und nicht überall, wo die ägyptische Göttin Isis verehrt wurde, gab es auch Isismysterien. Einzig Mithras war in der römischen Kaiserzeit ein Gott, der lange Zeit keinen eigenen Staatskult besaß, sondern ausschließlich in den nach ihm benannten Mysterien verehrt wurde. (Im dritten nachchr. Jhdt. wurde er dann mit Helios/Sol, der Sonne, als der Gottheit des sich abzeichnenden Staatsmonotheismus identifiziert.) Es ist auch verfehlt, von »orientalischen Mysterienreligionen« im römischen Reich zu sprechen. »Mysterien« waren eine zutiefst griechische, den orientalischen (semitischen, ägyptischen und iranischen) Religionen durchaus fremde Organisationsform von Kult und religiöser Erfahrung. Allerdings zog die rituelle Gestalt der Mysterien im hellenistischen Zeitalter orientalische Gottheiten wie Isis, Serapis und Mithras in ihren Bann: Die »orientalischen Mysterien« sind also eine griechische Religionsform, die sich den Kult orientalischer Götter einverleibt, oder anders formuliert, eine griechische Form der Verehrung orientalischer Götter. Natürlich kam dabei im Zuge der Adaption orientalischer Elemente vieles für Griechen und Römer Fremde zum Zuge; dazu später ausführlicher. Aber die grundlegende Gestalt der Mysterien selbst war doch griechisch. Eigene Religionen waren sie wie gesagt nicht. Auch wer z.B. in die Isismysterien eingeweiht wurde, nahm im Normalfall an zahlreichen anderen kultischen Ausdrucksformen der Götterverehrung teil. Die Mysterien waren – anders als das Christentum – niemals exklusiv. Vom öffentlichen Staatskult mit seinen Opfern, Umzügen und Repräsentationsbauten unterschieden sie sich durch Geheimhaltung und Eigeninitiative in der Frage der Mitgliedschaft. Sie waren aber dennoch zumindest in älterer (vorhellenistischer) Zeit nicht »privat« in einem modernen Sinn; dies alles wird im Folgenden noch deutlicher werden.
Die eleusinischen Mysterien
Von Hause aus hießen »Mysterien« nur diejenigen von Eleusis, die Teil des athenischen Staatskultes waren und jährlich am Heiligtum in Eleusis (einen längeren Fußmarsch von Athen entfernt) zu Ehren der Göttinnen Demeter und Persephone/Kore in einer mehrtägigen Feier im Herbst begangen wurden. Sie sind seit dem 8. Jhdt. v. Chr. archäologisch, seit dem 7. Jhdt. literarisch bezeugt: Ihre »Heilige Geschichte« ist der so genannte »ps.-homerische Demeterhymnus«, der später Teil der ps.-homerischen Hymnen wurde (an wirkliche Autorschaft des Homer ist nicht zu denken). Ilias und Odyssee verraten keine Bekanntschaft mit Mysterienhandlungen. Auch für die mykenische Zeit lassen sich diese oder andere Mysterien noch nicht wirklich nachweisen, obwohl hierüber oft spekuliert wurde. Immerhin ist das Verb »my(s)-« schon mykenisch (»myjomeno« von einem Fürsten in einem Text aus Pylos). Spätere griechische Volksetymologie hat das Substantiv »mysterion« (Plural »mysteria«) mit dem Verb »myo« »die Augen oder den Mund schließen« zusammengebracht: Dahinter steht die durchgehende, sehr ernst genommene Geheimhaltungsregel der Mysterieninhalte. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortfeldes ist durchaus unklar (»eingeweiht, Einweihung« ist nur eine Vermutung). Später heißt »mysterion« einfach »Geheimnis«. Andere ähnlich strukturierte Kulte nennt die Antike »Mysterien« immer in Analogie zu den eleusinischen Mysterien (so die von Samothrake, vgl. Herodot 2, 51, 2). Der Eingeweihte heißt »mystes« (so auch schon sehr früh im Dionysoskult). Man nannte die entsprechenden Riten auch vage-umschreibend »teletai« (was speziell Einweihungsriten, oft aber überhaupt Rituale meint; Einzahl »telete«) oder »orgia« (verborgene Riten, seit dem Demeterhymnus gebraucht; das Wort hat keine sexuellen Konnotationen). Die Römer sagten später im Fremdwort »mysteria« oder »teleta«, gelegentlich auch lat. »initia« (»Anfänge«, dazu »initiare« »einweihen«), woher unser Begriff »Initiation« seinen Ursprung hat. Der Name »Eleusinia« bezeichnet in der Antike daneben – nicht mit den Mysterien zu verwechseln – die im Spätfrühling abgehaltenen Wettspiele in Eleusis.
Vorstufen lassen sich nur spekulativ erschließen. Wirklich greifbar ist eine erste Blütezeit um 600 v. Chr., als der ps.-homerische Demeterhymnus entstand und Großbauten für die Rituale errichtet wurden. Das Telesterion in Eleusis, der zentrale Kultbau, konnte etwa 1000 Menschen fassen. Seit dem 6. Jhdt. sind die Mysterien allen Griechen, später allen griechisch sprechenden Menschen zugänglich (auch Sklaven). Schon aus dieser frühen Zeit hören wir etwa von der Einweihung eines Skythen, der das Griechische erlernt hatte; später sogar von einem indischen Brahmanen, der sich einweihen ließ (Cassius Dio, 54, 9, 7). Ausgeschlossen waren Mörder und des Griechischen Unkundige. Ihre Bekanntheit in Gesamtgriechenland wuchs beständig, doch meinte Herodot um 450 v. Chr. noch, sie seinen Lesern erklären zu müssen (9, 65, 2). Die eleusinischen Mysterien wurden fast die gesamte klassische, hellenistische und römische Antike hindurch abgehalten. Sowohl die Könige der hellenistischen Flächenstaaten als auch später die römischen Kaiser waren im Normalfall eingeweiht, wie auch weite Teile der athenischen Bevölkerung. Der Geheimnischarakter der Mysterien stellte also eher ein gesellschaftliches Tabu öffentlicher Aussprache dar als tatsächlich ein esoterisches Spezialwissen. Dennoch stand auf (auch versehentliches) Aussprechen in Athen die Todesstrafe (Livius 31, 14). Gelegentlich wurde ein Mensch auch abgewiesen, wie es dem Magier Apollonius von Tyana im 1. Jhdt. n. Chr. erging, den die Priester nicht zur Einweihung zuließen (Philostrat, Vita Apollonii 4, 18). Darin spiegelt sich eine ethische Vertiefung der Mysterien. Die Einweihung beruhte immer auf persönlicher Wahl: Sie geschah niemals automatisch und war auch an kein bestimmtes Lebensalter gebunden. Auch konnte sie wiederholt werden. Dies alles unterschiedet sie deutlich von der Pubertätsriten archaischer Stammesgesellschaften: Die Mysterien lassen sich von primitiven Initiationen aus nur teilweise verstehen und stellen diesen gegenüber jedenfalls etwas ganz Eigenes dar. Die zur Einweihung erforderliche Reinheit wird ursprünglich nicht ethisch, sondern kultisch definiert. Erst in der Spätantike werden die Mysterien immer mehr mit ethischen und mystischen Ideen gedeutet, wie ähnlich die Orakel etwa von Delphi und Klaros in der Spätantike immer mehr zu Verkündern philosophischer Inhalte werden, was sie in der klassischen Zeit noch nicht sind. Die Riten der Mysterien bleiben vermutlich weithin unverändert gleich, aber die Interpretationen werden sich in der Antike vielfach verschoben haben. Dies ist ja ein Grundzug von Ritualgeschichte: Riten sind beharrlich, ihre Deutungen dagegen können sich ändern. Daher ist die Frage nach der »wahren« Bedeutung eines Rituals fast immer unangebracht; man kann nur nach den jeweils herrschenden Deutungen in verschiedenen Zeitepochen fragen. Die Mysterien haben sich in diesem Sinn nach allem, was wir sehen können, mit sehr unterschiedlichen Interpretationen verbunden. Sie dienten auch nicht primär einer religiösen Lehre, sondern vermittelten den Eingeweihten eine religiöse Erfahrung. Von einer konstanten Mysterientheologie kann man daher kaum sprechen, doch gab es natürlich durch die Jahrhunderte auch rekurrierende Elemente. Als Alarich 395/6 n. Chr. Teile Griechenlands und auch Eleusis verwüstete, endete die rituelle Inszenierung der Mysterien, die jahrzehntelang nach der Christianisierung Griechenlands ohnehin nur noch ein Schattendasein geführt hatten.
Allgemein haben die Mysterien drei Aspekte: Legomena, Dromena und Deiknymena, Dinge die »gesagt«, »getan« und »gezeigt« werden. Hieros Logos, »heiliges Wort« der eleusinischen Mysterien ist die Geschichte der Getreidegöttin Demeter (sie sollte nicht als Erdgöttin bezeichnet werden) und ihrer Tochter Persephone (lateinisch Proserpina). Der Demeterhymnus (nach Humanistenbrauch auch lateinisch: Hymnus ad Cererem) erzählt die Geschichte der auf den Wiesen mit ihren Freundinnen spielenden Persephone (auch kurz Kore »Mädchen«), die vom Unterweltgott Hades bzw. Aidoneus oder Pluton geraubt und als seine künftige Ehefrau in die Unterwelt verschleppt wird (Brautraubgeschichten sind in archaischen Mythen sehr häufig und z.B. auch in Indien, Rom und Irland wohlbekannt; auch die Bibel kennt Richter 21 ein Beispiel). Hades ist König der verborgenen Welt der Toten. Im Griechischen ist dies Name sowohl des Unterweltgottes, eines Bruders des Zeus, als auch seines Reiches unter der Erde. Niemand außer Hekate – Außenseiterin unter den Göttern – hört Persephones Hilfeschreie, doch erreicht schließlich ein Echo der schrillen Rufe auch Demeter selbst. In ihrer Trauer und Verzweiflung irrt die Mutter 9 Tage lang suchend über die Erde. Hekate schließlich weist ihr den Weg, und der allsehende Sonnengott Helios erklärt ihr, dass Zeus selbst, der Götterkönig (Persephones Vater) den Raub durch Hades zugelassen habe, damit sein Bruder sie in der Unterwelt zur Ehefrau nehmen könne. Da packt die göttliche Mutter der Zorn, und sie bleibt der Versammlung der Götter fern. Verkleidet als alte bettelnde Frau (»verborgene Epiphanie« der Gottheit) zieht sie unerkannt über das Land, sich selbst aus der Gemeinschaft der Überirdischen ausstoßend. Dabei liegt nun jedoch auch die Natur darbend danieder, da die Göttin sich ihrer nicht mehr annimmt; Dürre bedeckt das Land. Schließlich kommt sie auf ihrer Wanderschaft nach Eleusis, wo Keleus König ist. An einem Brunnen ruht sie sich aus, und wird von den vier Töchtern des Königs freundlich aufgenommen, die nichts von ihrem übernatürlichen Wesen ahnen (»Nicht leicht erkennen die Sterblichen die Götter«, heißt es). Demeter erzählt eine erfundene, traurige Lebensgeschichte und wird schließlich zur Amme des nachgeborenen Königssohnes Demophoon bestellt (wobei sie sich selbst besonders rühmt, diesen vor böser Hexerei beschützen zu können).
Am Hof des Königs sitzt sie zuerst auf niedrigem Kissen voller Trauer, bis die derben, dezidiert obszönen Scherze der Dienerin Iambe sie schließlich doch zum Lachen bringen. (Dieses Element obszöner Scherze ist typisch für viele »hochheilige« Handlungen gerade in der griechischen Antike; es dient einem Spannungsabbau und bringt das sexuelle Element ins Spiel.) Königin Metaneira bietet Demeter Wein als Getränk an, das diese als ihr verboten ablehnt; schließlich trinkt sie einen aus Wasser und Getreide gemischten Trank. Die Menschen begegnen ihr mit Achtung und Scheu, als ahnten sie, dass es mit der Bettlerin eine besondere, höhere Bewandtnis habe. (Diese geheimnisvolle Scheu ist typisch für verborgene Epiphanien von Gottheiten, wie sie der griechische Mythos gerne erzählt.) Der Knabe Demophoon gedeiht unter ihrer Pflege in übernatürlicher Weise, denn Demeter reibt ihn mit Ambrosia (der Unsterblichkeitsspeise der Götter ein) und hält ihn des Nachts über ein Feuer, welches das Sterbliche an ihm verbrennt (ein etwas rätselhafter Vergottungsritus). Demeter hätte Demophoon zum göttlichen Wesen machen können, hätte nicht eines Nachts die Königin das Geschehen gesehen und wäre schreiend dagegen eingeschritten. Demeter wird zornig und offenbart jetzt ihr göttliches Wesen: Der Knabe wäre zur Gottheit geworden, hätte die Mutter es nicht verhindert. Demeter nennt ihre wahre Identität und gebietet das Einhalten von jährlichen Riten zu ihren Ehren, Alter und menschliche Gestalt fallen von ihr ab, und sie steht als strahlende Göttin vor den Menschen. Ihr Licht und Glanz füllen den ganzen Königspalast. Keleus, der König, befiehlt die Errichtung eines Tempels für die Göttin, die sie besucht hat. Der Knabe aber wächst wieder als normales Kind heran. Demeter aber zieht sich in das Innere ihres Tempels zurück, während grausamer Hunger die Menschen plagt, da die Ernten ausbleiben. Schließlich greift Zeus selbst, der Götterkönig, ein und sendet seine Botin Iris zu Demeter, aber auch von dieser lässt sie sich nicht aus ihrer Trauer herausrufen. Eine nach dem anderen versuchen alle Götter ihr Glück ohne Erfolg. Schließlich wird Hermes in die Unterwelt gesandt, um Persephone zurückzuholen. Hades sendet sie an die Oberwelt, gibt ihr jedoch einen Grantapfelkern zu essen, so dass sie zurückkehren muss. (Es handelt sich um das alte, weltweit verbreitete narrative Motiv, dass wer etwas in der Unterwelt gegessen hat, ihr verfällt und nicht wieder auf Dauer zurückkehren kann. Man beachte, dass in der Unterwelt die Zeit offenbar nach anderen Rhythmen abläuft: Wir erhalten den Eindruck, Persephone sei gerade erst dort angekommen, während auf der Erde mindestens ein gutes Jahr vergangen ist. Das alles sind Märchenmotive.) Hermes bringt Persephone zu ihrer Mutter, die nun endlich voll Freude aufspringt. Um die Listen der Unterwelt wissend, fragt sie ihre Tochter sofort, ob diese auch nichts beim Unterweltkönig gegessen habe. Persephone erzählt ihrer Mutter das Geschehene: Persephone kann nun zwei Drittel des Jahres hinauf zu ihrer Mutter ziehen, muss aber ein Drittel bei ihrem Gatten Hades in der Unterwelt zubringen (man beachte, dass im griechischen Mythos auch die Götter unabänderlichen Gesetzen unterliegen). Schließlich gebietet Zeus der Demeter, das Geschehene zu akzeptieren und wieder in die Gemeinschaft der Götter zurückzukehren. Eine besondere Rolle spielt noch Hekate, die zur Freundin und Beraterin der Persephone wird. Getreide und Früchte beginnen wieder zu sprießen. In Eleusis aber lehrt Demeter selbst die königliche Familie die »schrecklichen, ehrfurchterweckenden Riten«, d.h. die Mysterien, welche niemals profaniert werden dürfen. »Glückselig ist der unter den Menschen, der die Mysterien gesehen hat, aber den Uneingeweihte erwartet nicht Gutes nach seinem Tod, drunten in der Dunkelheit«, heißt es am Schluss des Kultliedes (man beachte, dass die Mysterien etwas sind, was der Eingeweihte sieht – nicht etwa hört). Diese Erzählung – die offenbar in verschiedenen Fassungen existierte – ist die Kultätiologie der eleusinischen Mysterien. Die Mysterien versprachen ein Doppeltes: ein besseres Los im irdischen Leben und ein glückliches Geschick im Jenseits (in den Schlusssätzen des Liedes steht auch ein Hinweis auf irdischen Reichtum). Außerdem waren sie mit der Mythologie des Ackerbaus verbunden. Der athenische Ackerbauheros Triptolemos gehört in den eleusinischen Mythenkranz. Die Deutungen und mythologischen Bezüge dieses »Hieros Logos« sind Legion. Wir können sie hier nicht vorführen, sondern wenden uns dem zu, was wir sicher über die Mysterienhandlungen selbst und ihren organisatorischen Rahmen in Eleusis wissen.
Die organisatorische Leitung unterlag dem athenischen »Archon Basileus« sowie vier weiteren gewählten Beamten. Das Einweihungsgeschehen selbst wurde von einer professionellen Priesterschaft durchgeführt, welche diese Tätigkeit lebenslang ausübte. Eine solche Institutionalisierung von Religion war im alten Griechenland eher Ausnahme, wo Priesterämter normalerweise zeitlich befristete Ehrenämter gewesen sind. An der Spitze der Hierarchie standen der Hierophant aus der Familie der Eumolpiden, daneben zwei weibliche Hierophantides sowie der Daduchos (»Fackelträger«) und der Hierokeryx (»heiliger Bote«), der aus der Familie der Keryken gewählt wurde. Das Element eines Erbpriestertums verdient besondere Erwähnung, weil dieses in Griechenland sonst eher selten ist. Eine Demeterpriesterin war eponym; das heißt der eleusinische Kalender benannte die Jahre nach ihr. Auch sie musste aus der Familie der Eumolpiden oder derjenigen der Phylleiden geboren sein. Der Hierophant legte bei Amtsantritt seinen bürgerlichen Namen ab, ein häufiger Brauch in religiösen Ämtern, die eine neue Identität stiften und den ganzen Menschen in Beschlag nehmen. Er musste keusch leben und durfte nicht heiraten (angeblich wurde mit Schierling das sexuelle Verlangen erstickt).
Der Demeterhymnus dürfte im Wesentlichen das Legomenon von Eleusis darstellen, das, was »gesagt« wurde, aber das eigentliche Mysterium lag im »Dromenon« bzw. »Deiknymenon«, in dem was getan bzw. gezeigt wurde. Der zentrale Ritus hieß Epoptie (epopteia, griech. »Schau«), der die Einweihung (myesis) als separater Akt voranging. Zwischen diesen beiden Einweihungsakten lag gewöhnlich ein Zwischenraum von etwa einem Jahr. Der äußere Ablauf des Rituals ist aus Inschriften und anderen Quellen gut bekannt, die inneren Vorgänge dagegen kennen wir nur aus dem Bericht christlicher Autoren, die sich nach ihrer Bekehrung zum Christentum an das Schweigegebot (zuerst ps.-homer. Demeterhymnus 478f.) nicht mehr gebunden fühlten und über den Kult mit Abscheu berichteten. Oft empfanden sie ihn auch als lächerlich: das ist freilich die christliche Wahrnehmung. Die Eleusinien hätten nicht so lange Bestand gehabt, wenn sie nicht ein tiefes religiöses Bedürfnis zu befriedigen imstande gewesen wären. Die Initiation fand wie schon angedeutet in zwei Stufen statt, Myesis und Epoptie. Die Myesis dauerte nur einen Tag. Die »großen Mysterien«, deren Höhepunkt die Epoptie war, fielen in den Frühherbst, vom 15.-21. Boedromion (gr. Monatsname). Am 19. Boedromion fand dabei eine große Prozession von Athen nach Eleusis statt: Die Mysterien hatten auch einen öffentlichen Aspekt. Sie waren nicht »Privatfrömmigkeit«, sondern Staatskult, auch wenn die Initiative zur Teilnahme vom Einzelnen ausging. Während des großen nächtlichen Rituals, bei dem der Kontrast von Dunkelheit und Licht hohe symbolische Bedeutung hatte, zeigte der Hierophant eine Ähre vor, und rief, dass Brimo (wohl Kultname der Demeter) einen Sohn geboren habe. Diese Details sind nur durch den Christen Hippolyt, Refutatio omnium haeresium 5, 8, 40 überliefert (3. Jhdt. n. Chr.), entsprechen aber dem, was sich auch aus anderen Indizien vermuten lässt. Eine dramatische Darstellung wäre in der Halle räumlich kaum möglich gewesen.
Bei dem Kirchenlehrer Clemens Alexandrinus, Protreptikos 2, 21, 2 ist ein Passwort (griech. »synthema«) überliefert, das den zentralen Vorgang umschreibt: »Ich habe gefastet. Ich habe den Kykeon getrunken. Ich habe aus der Truhe (griech. kiste, lat. cista) herausgenommen. Nachdem ich dies getan habe, habe ich in den Korb gelegt, und aus dem Korb zurück in die Truhe.« Was genau es war, was der Myste aus der »Kiste« genommen hat, wird nicht gesagt. Sicher bestand ein Bezug zur Getreidesymbolik. Mit ihrer gewaltigen religiösen Dynamik lieferten die Mysterien bald Metaphern für die Philosophie und andere Gestalten einer besonderen, mühsam erworbenen, elitären Erkenntnis. Diese Traditionslinie spielt vor allem im Platonismus eine Rolle. Nicht nachweisen lassen hat sich die These, das Kykeon (der mit Wein und Käse vermischte Getreidetrank, mit dem das rituelle Fasten abgebrochen wurde) sei als bewusstseinserweiternde Droge zu verstehen (sogar an die Verwendung des schamanistischen Fliegenpilzes hat man denken wollen). Natürlich war das Ritual nicht über die mehr als tausend Jahre seines Bestehens völlig gleich. Dass man in der einen oder anderen Zeit auch einmal der mystischen Erfahrung mit Drogen hat nachhelfen wollen, ist a priori nicht unmöglich: Drogen sind oft ein Ersatz, wenn die mystische Erfahrung sich verweigert und sozusagen herbei gezwungen werden soll. Aber in Eleusis besitzen wir keine wirklichen Beweise für Drogengebrauch im regulären Initiationsritual. Jedenfalls war mit den ortsfesten eleusinischen Mysterien ein Paradigma definiert, an dem sich die zahlreichen anderen Mysterien, die es an vielen griechischen Heiligtümern gab, orientieren konnten. Nach wie vor umstritten ist, ob es im hellenistischen Ägypten sozusagen eine Zweigstelle der Eleusinien gegeben hat (ein Vorort Alexandriens hieß ebenfalls Eleusis). Im Normalfall musste jeder, der eingeweiht werden wollte, nach Athen reisen, was für viele andere nicht ortsfeste Mysterien nicht galt. Im 2. nachchrist. Jhdt. erwähnt der Griechenlandtourist Pausanias mysterienähnliche Handlungen an vielen Tempeln (Descriptio Graeciae 1, 2, 5; 14, 2; 38, 3; 2, 3, 4; 14, 1-4; 36, 7; 37, 2; 38, 3; 4, 1, 6-7; 1, 9; 3,10; 14, 1; 26, 8; 27, 5; 33, 5; 34, 11; 8, 23, 4; 26, 1; 29, 1; 31, 7; 37, 2; 37, 8; 9, 25, 7; 30, 4-5; 30, 12; 35, 3; 10, 7, 2; 31, 11; 38, 7): Mysterien waren zur Mode geworden.
Literatur:
Walter Burkert, Ancient Mystery Cults. Cambridge, Mass. und London 1986 (auch deutsch: Antike Mysterien. Funktionen und Gehalt. München 1990. 4. Aufl. 2003) * Fritz Graf, Art. Mysterien. In: Der Neue Pauly 8 (2000), 615-626 * ders., Art. Mysteria. Ebd. 611-615 * Ders., Art. Initiation. Ebd. 5 (1998), 1001-1004 * Dieter Zeller, Art. Mysterien/Mysterienreligionen. In: Theologische Realenzyklopädie 23 (1994), 504-526 * George E. Mylonas, Eleusis and the Eleusinian Mysteries. Princeton 1961 * Nicholas J. Richardson, The Homeric Hymn to Demeter. Oxford 1974=1998 * Giulia Sfameni Gasparro, Misteri e culti mistici di Demetra. Rom 1986 * Larry J. Alderinck, The Eleusinian Mysteries in Roman Imperial Times. In: Aufstieg und Niedergang der Römischen Welt II 18, 2. Berlin u. New York 1989, 1457-1498 * K. Clinton, The Sanctuary of Demeter and Kore at Eleusis. In: Nannó Marinatos u.a. (Hrg.), Greek Sanctuaries. London 1993, 110-124 * Susan Guettel Cole, Theoi Megaloi. The Cult of the Great Gods at Samothrace. Leiden 1984.
Ältere Mysterien und Initiationsriten außerhalb von Eleusis
Es besteht ein wesentlicher, in der Forschung nicht immer beachteter Unterschied zwischen den aus der ethnologischen Forschung bekannten Initiationsriten junger Männer und Frauen, mit denen diese Teil der Gesellschaft der Erwachsenen, z.T. aber auch Mitglieder ausgesprochener Männer- oder Frauenbünde werden, und den antiken Mysterien. Die Mysterien sind an kein bestimmtes Alter gebunden. Sie können in der Jugend stattfinden (auch Kindereinweihungen sind in manchen Mysterien gut bezeugt), aber auch in allen Phasen des späteren Lebensalters. In gewisser Hinsicht verallgemeinern sie die existentiellen Erfahrungen, die junge Männer und Frauen in den Pubertätsriten archaischer Gesellschaft machen, im Referenzrahmen eines weitergehenden Rituals, welches das ganze Leben interpretiert und heilvoll transformieren will. Daher spielen z.B. Mutproben, die in Pubertätsriten v.a. der jungen Männer sehr wichtig sind, in den Mysterien kaum eine erkennbare Rolle. Einige wenige Spuren zeigen, dass die Wurzeln der Mysterien ein Element solcher Riten enthalten, das aber wohl nicht beherrschend ist. Daneben sind im Hintergrund der Mysterien archaische Fruchtbarkeitsriten zu nennen, die periodisch begangen wurden. Ihre Beziehung v.a. zu den eigentlichen, den eleusinischen Mysterien sind noch sehr deutlich. Aber die Eleusinien wurden nicht für die Felder ausgeführt, sondern für die Menschen. Initiationsriten werden in archaischen Gesellschaften u.U. auch zur Einführung in ein Amt oder als Ausdruck einer Statusveränderung vorgenommen. All dies hat Bezüge zu den Mysterien, ohne die griechischen Besonderheiten vollständig erklären zu können. Es wird wohl dabei bleiben, dass die Mysterien nicht einfach die Fortsetzung archaischer Riten in der griechischen Welt sind, sondern in ihrer Gesamtstruktur eine Besonderheit der griechischen Religion darstellen.
Mysterienakte hatten oft einen ausgesprochen diesseitigen Zweck. Man darf sich Mysterien nicht ausschließlich »spirituell« oder jenseitsbezogen vorstellen. Ähnlich dem antiken Votivwesen (der Errichtung von Weihinschriften) spielen diesseitige Absichten eine wichtige Rolle. Z.B. dienten diejenigen der entlegenen Insel Samothrake dazu, gegen die Gefahren der Seefahrt zu »feien« (Diogenes Laertios 6, 59). Ihre Götter, die Kabiren, trugen die eigentümlichen Namen Axieros, Axiokersa, Axiokersos und Kadmilos. Später wurden diese sicher vorgriechischen Götter mit Demeter, Persephone, Hades und Hermes identifiziert, was offenbar eine ausgesprochen »eleusinische« Interpretation ist (bezeugt durch Mnaseas, einen Periegeten des 3. vorchr. Jhdts.). Der Römer Varro dagegen identifiziert sie im 1. vorchr. Jhdt. mit Iuppiter, Iuno, Minerva und Mercurius. Auch eine Gleichsetzung mit den Dioskuren ist nicht selten; also stand offenbar nicht einmal die Zahl der Kabiren wirklich fest (die semitische Etymologie des ungriechischen Namens »Kabiren« ist heute aufgegeben). Verehrt wurden sie nicht nur auf Samothrake, sondern z.B. auch auf Lemnos und in Theben. Vielleicht begründeten die samothrakischen Mysterien eine Art Seefahrerbund. Eine andernorts gelegentlich bezeugte Verbindung mit dem Schmiedegott Hephaistos weist dagegen auf eine Beziehung der Kabiren zu archaischen Schmiedebünden, die es bei vielen Völkern gegeben hat: Der Schmied gilt immer als »eingeweihter« Träger eines geheimen Wissens.
Besser bekannt sind die dionysischen Mysterien, die vor allem am Rand der griechischen Welt praktiziert wurden, in Thessalien, Unteritalien, auf Kreta usw. Sie verbanden sich mit der »Orphik«, einem eigenen Typ griechischer Religion, in dem Jenseiterwartungen und Rituale, die auf das Jenseits vorbereiten sollten, eine wichtige Rolle spielten. Schon Herodot (2, 81) hat ihre Gedankenwelt mit Pythagoras (s.u.) und Ägypten zusammengebracht. Verbreitet durch Wanderpriester (vgl. sofort zum römischen Bacchanalienskandal), erreichten sie mehrheitlich Frauen. Die Stuckbilder der römischen Villa Farnesina und die Fresken der Villa dei Misteri in Pompeii liefern uns anschauliches Material von dionysischen Feiern. Ein soziales, gemeinschaftsstiftendes Element trat neben die Vermittlung sehr spezifischer Jenseitshoffnungen, die wir aus Inschriften auf Goldblättchen recht gut kennen, welche als Grabbeigaben gedient haben.
Der Bacchanalienskandal
Schon die griechischen Mysterien standen in einer gewissen komplementären Spannung zur sonstigen Staatsreligion der Polis. Diese Distanz drückte sich auch räumlich aus: Eleusis liegt einen mehrstündigen Marsch vor den Stadttoren von Athen (ähnlich das Kabeirion von Theben), Samothrake ist eine kleine Insel weitab der befahrenen Schifffahrtswege, von den Bacchantinnen des Dionysos hören wir, dass sie draußen in den Wäldern und auf den Bergen ihre ekstatischen Tänze zu veranstalten pflegten. Je mehr Mysterien zu »privaten« Feiern eigener Kultverbände wurden, desto stärker konnten sie zum Gegenstand gesellschaftlicher Ängste und Befürchtungen werden – und damit auch zum Objekt restriktiver Religionspolitik. In hellenistischer Zeit konnte sich dieser Gegensatz steigern. Der Ptolemäerkönig Ptolemaios III. (oder IV.) ließ systematisch die Heiligen Bücher der Dionysosmysten kontrollieren (Sammelbuch ägypt. Urkunden 7266).
Die berühmteste und einflussreichste Verfolgung eines Mysterienvereins wurde dann der römische Bacchanalienskandal des Jahres 186 v. Chr. Er hat juristisch wohl ein wesentliches Vorbild der Christenverfolgungen des 1.-4. Jhdts. der Kaiserzeit geliefert und ist den Römern jedenfalls lange im Gedächtnis geblieben. In gewisser Hinsicht kann er als erste groß angelegte Verfolgung einer religiösen Minderheit in der Weltgeschichte gelten. Bacchus war der griechische Dionysos, der etruskische Fufluns Pachies, als solcher in Rom längst eingebürgert, der Gott des Weines, des Rausches, überhaupt des gesteigerten Lebens. Ein Bacchanal ist von Hause aus eine Kultstätte dieses Gottes; im Plural meint das Wort Riten zu Ehren des Dionysos. Man sieht hier sehr schön den Unterschied zwischen öffentlichem Kult (den niemand beanstandete) und den Mysterien als geheimen nächtlichen Feiern, an denen nur Eingeweihte teilnehmen konnten. Ein Grieche unedler Herkunft (»Graecus ignobilis«) hatte die Bacchanalien nach Etrurien gebracht, später eine Campanierin nach Rom, wo sie sich explosionsartig ausbreiteten, nicht zuletzt unter Sklaven, Frauen und Kindern. Ursprünglich sei der Kult nur Frauen vorbehalten gewesen, bis eine Priesterin ihn auf Männer ausgedehnt hätte. Die nächtlichen Riten fanden bei strenger Geheimhaltung in Tiberhöhlen statt. Bald kam es zu ungeheuerlichen Verdächtigungen über sexuelle Ausschweifungen (Homosexualität wird explizit erwähnt), abergläubische Raserei beim Klang der Tamburine und Becken, und kriminelle Machenschaften einschließlich zahlreicher Morde. Interessant ist die Nachricht, mit der zunehmenden Veränderung der Mysterien sei das Alter der Zielgruppe gesunken: Man versuche jetzt besonders, leicht zu beeindruckende unter 20-Jährige zu gewinnen, weil diese »für Unzucht und Aberglauben am empfänglichsten seien« (hier entsteht das Klischee der »Jugendreligion« als einer »prava religio«, verderbten Religion). Eine Sklavin enthüllt die Vorgänge. Eine energische Untersuchung führt zu einem gewaltigen Skandal und angeblich mehr als 7000 Verhaftungen mit zahlreichen Hinrichtungen. Ein »Senatus consultum de Bacchanalibus« (erhalten auf einer Inschrift, die sich heute in Wien befindet: CIL 3. Aufl., Nr. 581) aus dem gleichen Jahr bestimmt, dass in Rom Dionysosheiligtümer und jede Abhaltung von Riten zu seinen Ehren einer besonderen Genehmigung durch den Stadtprätor bedürften. Dies ist nebenbei überhaupt einer der ältesten inschriftlich erhaltenen römischen Rechtstexte. »Sacra in oquoltod ne quisquam fecise velet« – »Niemand darf Feiern im geheimen abhalten« wird zum Rechtsgrundsatz: Jeder religiöse Akt, an dem mehr als fünf Menschen teilnehmen, muss angemeldet werden. Der Historiker Livius (wohl 59 v.-17 n. Chr.) hat in seiner monumentalen »Römischen Geschichte« (39, 8-19) einen ausführlichen Bericht der Ereignisse geliefert. Die ältere Forschung hat diesen weithin ungebrochen als Tatsachenbericht gelesen (obwohl die Ereignisse zwei Jahrhunderte zurücklagen), aber in jüngerer Zeit ist deutlicher geworden, dass die Berichterstattung des Livius auch eine Absicht innerhalb der Religionspolitik des augusteischen Zeitalters hat, und vor »fremden und obskuren Geheimkulten« warnen will. Es ist daher nicht sicher, ob alle Details der Darstellung bei Livius historisch sind; über weitere Zeugnisse (etwa archäologischer Art) verfügen wir nicht. Den Römern jedenfalls war eine geradezu panische Angst vor allen Geheimbünden und geheimen Kultveranstaltungen geblieben. In der Zeit des Kaiser Tiberius kam es z.B. zu einem Skandal um Priester der Göttin Isis und des Anubis (die ihren Einfluss zur sexuellen Verführung römischer Ehefrauen missbraucht hatten). Die Verehrer der Göttin müssen darauf zeitweise die Stadt verlassen (Isistempel befinden sich zu dieser Zeit ohnehin nur außerhalb des Pomeriums, der sakralen Stadtgrenze). Der Jude Josephus berichtet darüber ausführlich (Antiquitates 18, 65-80 vgl. noch Tacitus, Annalen 2, 85; Sueton, Tiberius 36 und Seneca, Epistulae 108, 22). Aber zu einer regelrechten Religionsverfolgung, die genau in dieser Angst vor allen Geheimbünden wurzelte, kam es erst gegenüber den Christen. Allein schon dieser Zusammenhang illustriert nachhaltig die weltgeschichtliche Bedeutung des Themas »Geheimbünde«.
Literatur:
Reinhold Merkelbach, Die Hirten des Dionysos. Stuttgart 1988 * Christa Frateantonio, Art. Bacchanalia. In: Der Neue Pauly 2 (1997), 389f. * Jean-Marie Pailler, La répression de 186 av. J.-Ch. à Rome et en Italie. Paris 1988 * Hildegard Cancik-Lindemaier, Der Diskurs Religion im Senatsbeschluß über die Bacchanalien von 186 v. Chr. und bei Livius (B. 39). In: Hubert Cancik u.a. (Hrg.), Geschichte – Tradition – Reflexion. FS Martin Hengel. Bd. 2. Tübingen 1996, 77-96 * Marco Frenschkowski, Offenbarung und Epiphanie 2. Tübingen 1997, 20f. (Isisskandal) * Zum Liviusbericht: Lateinischer Originaltext und Übersetzung finden sich z.B. in: T. Livius, Römische Geschichte Buch XXXIX-XLI. Lateinisch und deutsch herausgegeben von Hans Jürgen Hillen. München und Zürich 1983.
Eine Isis-Einweihung (Apuleius, Metamorphosen 11)
Wir besitzen in der gesamten antiken Literatur nur eine einzige ausführliche Schilderung einer Mysterieneinweihung. Sie stammt aus einem Roman des nordafrikanischen Schriftstellers Apuleius von Madaura (etwa 125 bis etwa 170 n. Chr.), muss also (als literarischer Text) mit etwas Vorsicht gelesen werden. Die Rahmenhandlung ist fantastisch: Der Erzähler »Lucius« ist wegen seines unzüchtigen Charakters durch eine Hexe in einen Esel verwandelt worden. Nur wenn es ihm gelingt, ein Büschel Rosen zu fressen, kann er wieder in einen Menschen zurückverwandelt werden. Der Roman »Metamorphoses« (Verwandlungen), auch als »Asinus aureus« (Der Goldene Esel) zitiert, lässt nun in bunten Episoden die Versuche dieses Esels Revue passieren, an ein solches Büschel heranzukommen, was aber immer misslingt. In teils komischen, teils derben und oft pornographischen Szenen werden viele Bereiche der antiken Lebenswelt dargestellt, z.T. in karikierenden Farben. Erst im letzten (11.) Buch ändert der Roman völlig seinen Ton: Durch die Gnade der Göttin Isis kann der Esel Lucius bei einer Prozession seine Rosen zu fassen bekommen, verwandelt sich zurück in einen Menschen und wird ein glühender Verehrer der ägyptischen Göttin. Apuleius schildert detailliert und authentisch den Kult der Göttin (bei dem ägyptische Priester mitwirken). Isis und ihr göttlicher Gemahl Serapis wurden schon lange auch in Griechenland verehrt, während es in Rom erhebliche Widerstände gegen den Kult gab. Doch im 2. Jhdt. war ihr Kult auch in Rom fest etabliert. Isis galt dabei u.a. als Göttin der Seefahrt, wodurch sie zur Patronin der für Rom lebenswichtigen Getreidelieferungen aus Ägypten wurde. Die »Vielnamige« wurde freilich auch mit nahezu allen anderen Göttinnen identifiziert. In der Spätzeit wird sie in gewisser Hinsicht zu einer Gottheit der gesamten »Natur«. Im Höhepunkt des Romans lässt sich Lucius nun in Korinth in die Mysterien eben dieser Göttin einweihen, deren Gnade ihn wieder zum Menschen gemacht hat. Wir hören einen etwa längeren Ausschnitt aus seiner Schilderung:
»Darauf lag ich dem emsigen Dienste des Kultes noch eifriger ob, da mir künftige Hoffnungen durch die gegenwärtigen Wohltaten verbürgt waren. Ebenso nahm täglich mehr und mehr mein Verlangen zu, die Weihen zu erhalten, und inständigst hatte ich oftmals den Oberpriester mit Bitten angegangen, er möge mich endlich in die Geheimnisse der heiligen Nacht einweihen. Allein dieser im übrigen würdige Mann, der durch die Beobachtung der besonnenen religiösen Vorschriften viel von sich reden machte, hemmte mein Drängen in milder und freundlicher Weise, wie Eltern die unreifen Wünsche ihrer Kinder zu mäßigen pflegen, und beschwichtigte mein angstvolles Herz mit dem Trost einer besseren Hoffnung. Denn den Tag, an dem man eingeweiht werden könne, bestimme das Geheiß der Göttin, und auch den Priester, der die heilige Handlung vornehmen solle, wähle ihre Fürsorge aus. Auch der für die Feierlichkeit erforderliche Aufwand werde durch ein gleiches Gebot festgesetzt. Das alles müssten auch wir, so meinte er, mit gehorsamer Geduld hinnehmen; denn vor überhastetem Verlangen wie vor störrischem Widerstreben müsse ich mich aufs äußerste hüten, beide Vorwürfe meiden und weder, gerufen, zaudern noch, ungeheißen, eilen. Es sei doch niemand aus ihrer Zahl so wahnsinnig oder vielmehr so erpicht auf den sicheren Tod, dass er ohne eigens auch an ihn gerichteten Befehl der Göttin den Mut hätte, den verwegenen und gottlosen Dienst zu verrichten und sich todeswürdige Schuld zuzuziehen. Denn in der Göttin Hand lägen die Riegel der Unterwelt und der Schutz des Lebens, und die Unterweisung selber werde ganz als freiwilliger Tod und eine durch Gnade gewährte Rettung feierlich vollzogen. Gewöhnlich pflege ja die allmächtige Göttin nach Ablauf der Lebenszeit die schon unmittelbar an der Schwelle des beendeten Daseins Stehenden, denen die großen Geheimnisse der Religion sicher anvertraut werden könnten, sich auszuwählen und die durch ihre Fürsorge gewissermaßen Wiedergeborenen zum Lauf eines neuen Daseins wiederherzustellen. Also müsse auch ich das himmlische Gebot auf mich nehmen, wenn ich auch durch die sichtbare und augenscheinliche Gnade der großen Gottheit schon lange zu dem seligen Dienst vorgesehen und bestimmt sei. Ebenso wie die übrigen Verehrer solle ich mich schon jetzt der gemeinen und unheiligen Nahrungsmittel enthalten, um auf desto geraderem Wege zu den verborgenen Geheimnissen der reinsten Religion zu gelangen.
Der Priester hatte gesprochen, und mein Gehorsam wurde nicht durch Ungeduld in Frage gestellt; sondern gespannt, in milder Ruhe und anerkennenswertem Schweigen, unterzog ich mich täglich der emsigen Pflege des Gottesdienstes. Doch die segenbringende Güte der mächtigen Göttin trog mich nicht und quälte mich nicht durch einen langwierigen Aufschub, sondern sie mahnte mich – ihr Geheiß in dunkler Nacht war durchaus nicht dunkel – ganz offenkundig, gekommen sei der von mir heißersehnte Tag, an dem sie mir den größten Wunsch erfülle, sagte auch, mit welchem Aufwand ich für die gottesdienstliche Feier Sorge zu tragen habe; und Mithras selber, ihren Oberpriester, der mir durch eine geradezu göttliche Übereinstimmung unserer Gestirne, wie sie sagte, verbunden war, bestimmte sie mir zum Vollzieher der Einweihung. Durch diese und die sonstigen wohlwollenden Vorschriften der hehren Göttin im Herzen ermutigt, schüttle ich, kaum das es heller Tag war, den Schlaf von mir und eile sofort zur Wohnstätte des Priesters. Ich treffe ihn, als er eben aus seinem Gemach tritt, und begrüße ihn. Ich hatte im Sinn, die Einweihung in den heiligen Dienst, dringender als sonst, gleichsam als eine Schuld zu fordern. Doch er sprach zuerst, sobald er mich erblickte: »Lucius, wie bist du glücklich, wie bist du selig, dass dich die erhabene Gottheit so sehr ihrer huldvollen Gnade würdigt!«, und er fügte hinzu: »Was stehst du noch müßig und versäumst dich selber? Der Tag ist da, den du in beständigem Gebet herbeigesehnt hast, an dem du auf das göttliche Geheiß der vielnamigen Göttin hier durch meine Hände in die frommen Geheimnisse des heiligen Dienstes eingeweiht werden sollst.« Damit legt der freundliche Greis mir die Hand auf und führt mich sofort unmittelbar zu den Toren des mächtigen Tempels. Nachdem nach feierlichem Brauch der Dienst der Toröffnung erfüllt und das Morgenopfer beendet ist, bringt er aus dem Geheimgemach des Heiligtums bestimmte Bücher, die mit unverständlichen Schriftzeichen versehen waren; denn sie enthielten teilweise in Verkürzung Wörter einer Sprache, welche in Bildern von allerlei Tieren abgefasst war, teilweise war ihre Lektüre durch verschlungene und nach Art eines Rades gewundene und wie Weinranken sich verschlingende Schriftzüge vor der Neugier der Uneingeweihten gesichert. Daraus verkündete er mir, was ich zum Zwecke der Einweihungsfeier unbedingt vorzubereiten hätte.
Das besorgte ich voller Eifer und etwas großzügiger teils selbst, teils lasse ich es durch meine Gefährten zusammenkaufen. Und schon verlangte es die Zeit, wie der Priester sagte, dass er mich, umgeben von der Schar der Frommen, zum nächsten Bad geführt, und nachdem ich zunächst ein gewöhnliches Bad genommen hatte, betet er um der Götter Gnade und reinigt mich dann völlig, mich ringsum mit Wasser besprengend. Dann geleitet er mich wieder zum Tempel zurück – schon waren zwei Drittel des Tages vergangen – und stellt mich unmittelbar der Göttin zu Füßen. Und nachdem er im geheimen mir gewisse Aufträge gegeben hatte, die zu heilig sind, als dass ich sie sagen dürfte, gebietet er mir dies vor allen Zeugen: Ich solle zehn Tage hintereinander den Genuss im Essen einschränken, kein Fleisch verzehren und ohne Wein leben. Nachdem ich dies in ehrfurchtsvoller Enthaltsamkeit richtig innegehalten hatte, war schon der Tag da, der mir durch den göttlichen Termin bestimmt war, und die Sonne neigte sich und brachte den Abend herbei. Da, schau, strömen von allen Seiten die Scharen zusammen, nach altem Brauche mich einzeln mit mannigfachen Geschenken ehrend. Darauf werden alle Uneingeweihten weit entfernt, ich werde mit einem leinenen, groben Gewande umhüllt, und der Priester fasst mich bei der Hand und führt mich in das Innere des Heiligtums selber. Du fragst mich vielleicht recht voller Spannung, eifriger Leser, was dann gesprochen, was getan wurde. Ich würde es dir sagen, wenn ich´s sagen dürfte; du würdest es erfahren, wenn du´s hören dürftest. Aber gleiche Schuld würden sich die Ohren wie die Zunge zuziehen für diese ruchlose Neugier. Doch will ich dich, der du vielleicht in frommen Verlangen gespannt bist, nicht durch lange Unruhe quälen. Hör also, aber glaub mir, was der Wahrheit entspricht. Ich bin an die Grenze des Todes gekommen, und habe die Schwelle der Proserpina betreten, durch alle Elemente bin ich gefahren und dann zurückgekehrt, um Mitternacht habe ich die Sonne in blendend weißem Licht leuchten sehen, den Göttern droben und drunten bin ich von Angesicht zu Angesicht genaht und habe sie aus nächster Nähe angebetet. Damit habe ich dir berichtet, was du, magst du´s auch hören, doch unbedingt nicht verstehen wirst. Also will ich dir berichten, was man allein, ohne eine Sünde zu begehen, den Uneingeweihten zur Kenntnis bringen kann.
Es war Morgen geworden; da trat ich nach Vollendung der heiligen Handlung heraus, geheiligt durch zwölffache Stola, in einem gewiss sehr frommen Aufzug. Aber keine Fessel hindert mich, darüber frei zu reden, weil ihn ja die vielen Anwesenden damals gesehen haben. Denn auf Geheiß trat ich in der Mitte des heiligen Tempels auf eine vor der Göttin Bild aufgestellte hölzerne Bühne, auffallend durch das Gewand, das aus feinem Linnen, aber bunt bestickt war. Und von den Schultern hing mir den Rücken hinab bis zu den Fersen ein kostbarer Mantel. Wohin du jedoch auch sahst, war ich mit Tierbildern geschmückt, die in mannigfachen Farben ringsum angebracht waren; hier waren es indische Drachen, dort hyperboreische Greife, die eine andere Welt in der Art eines gefiederten Flügelwesens hervorbringt. Das nennen die Eingeweihten die Olympische Stola. Doch in der rechten Hand trug ich eine voll entflammte Fackel, und mein Haupt umgab stattlich ein schimmernder Palmenkranz, bei dem die Blätter wie Strahlen hervorragten. Nachdem ich so der Sonne gleich geschmückt und wie ein Standbild aufgestellt war, wurde der Vorhang plötzlich fortgezogen, und das Volk wogte heran, mich zu schauen. Dann feierte ich meinen festlichen Geburtstag als Eingeweihter, und es gab einen lieblichen Schmaus und ein heiteres Gelage.« (11, 21,1-24, 5 in der Übersetzung von Rudolf Helm. 7. Aufl. Berlin 1978).
Der rhetorische und werbende Charakter dieses Berichts ist deutlich. Apuleius schreibt missionarische Propagandaliteratur für die ägyptische Göttin. Aber das Gesamtbild muss doch im Wesentlichen zutreffen und wird auch durch andere (nicht so detaillierte) Quellen gestützt. Der emotionale und spirituelle Charakter der Erfahrung wird sehr deutlich: Die Mysterien der Kaiserzeit gehören jetzt in die Geschichte der persönlichen Frömmigkeit, nicht mehr allein der Staatsreligion. Manche Stichworte erinnern an Christliches, vor allem das Schema »freiwilliger Tod« (voluntaria mors) – Durchgang zum Licht. Von einer Auferstehung ist nicht die Rede. Merkwürdigerweise trägt der Isispriester den iranischen Namen Mithras: Die Mysterienkulte haben zu dieser Zeit längst einen synkretistischen Zug angenommen. In der weiteren Handlung des Romans wird Lucius in Rom noch in die Mysterien des Osiris-Serapis eingeweiht, die eine Art zweite Stufe darstellen: Offenbar versuchten die Priester durch diese Staffelung der sehr kostspieligen Einweihungen auch, ihren finanziellen Gewinn zu steigern. Was bei der eigentlichen Einweihung geschieht, sagt Apuleius nur in Andeutungen. Wahrscheinlich erlebt er den Weg der göttlichen Sonnenbarke durch die Unterwelt mit, ein typisch ägyptisches Motiv. Daher die eigentümliche Formulierung, die Sonne habe um Mitternacht (also in der Unterwelt) geschienen. Die Teilnahme am Weg der Sonne durch die Unterwelt ist eine Art Vergottung: Der Myste erhält Anteil an der göttlichen Natur des Osiris. Das scheint ein Thema auch anderer spätantiker Mysterien gewesen zu sein. In jedem Fall eignet die Partizipation am Weg der Gottheit etwas von ihrem Wesen zu. Die Mysterien inszenieren eine Wesensvermischung oder -amalgamierung zwischen Gottheit und Mensch: Die ontologische Grenze zwischen beiden wird durchlässig. Leider wissen wir nicht, wie verbreitet und konkret dieser Gedanke gewesen ist; in der Forschung gehört dies zu den am heftigsten umstrittenen Fragen. Auch die Isismysterien sind nicht einfach altägyptisches Erbe, sondern stellen eine griechische Kultform unter Integration ägyptischen Traditionen und Gottheiten dar.
In den ägyptischen Tempeln selbst gab es natürlich auch geheime Riten mit Initiationscharakter, v.a. denen des Osiris in Abydos. Sie betrafen aber nur die Priester und begründeten keine geheime Gesellschaft der Eingeweihten oder ähnliches. Kultspiele und elaborierte gottesdienstliche Rituale aus dem Osiris-Kult haben sicher Bausteine zu den graecohellenistischen Isismysterien geliefert, sollten aber selbst noch nicht als Mysterien bezeichnet werden. Eine Gemeinschaft der »Eingeweihten« hat es in Ägypten nicht gegeben, nur Priesterfamilien mit ihrem ererbten Berufswissen. An der Erzählung des Apuleius sieht man auch sehr schön, dass die geheimen Riten eingebettet waren in ein breites Umfeld von »visible Religion«. Vor allem die von allen Griechen, aber auch den Ägyptern überaus geliebten Umzüge sind hierbei wichtig, daneben öffentliche Opfer und Zurschaustellungen. Man hat sich den Isiskult mit seinen triumphalen, bunten Umzügen und sorgfältig umhegten (täglich gewaschenen und neu bekleideten) Götterbildern ein wenig wie die Religiosität hinduistischer Tempel vorzustellen, in denen alle diese Elemente ja bis heute auch vorkommen. Die Mysterien supplementieren diese »visible religion« nur. Die Isismysterien sind also Teilaspekt einer umfassenden religiösen Kultur, aus der sie nicht herausgelöst werden können. Immerhin haben Orden wie der »Hermetic Order of the Golden Dawn« sich gerne als Erneuerungen der Isismysterien beschrieben und sogar förmliche Isistempel eingerichtet – im viktorianischen und edwardischen England (s.u.), und an die Darstellung in Mozarts »Zauberflöte« erinnern wir nur en passant. Dies alles sind fantasievolle Anknüpfungen, aber keine historischen Kontinuitäten.
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