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Marc Short

Auf dem Pfad der Götter

1. Teil: Das Drachenschiff

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Der letzte Held

2. Tibor

3. Liftar Masir

4. Die Norne

5. Der Schiffsgeist

6. Vidar

7. Helheim

8. Zwiegespräch

9. Duell

10. Am Abgrund

11. Vali

12. Balders Schiff

13. Schicksalsspeer

14. Schicksalsfaden

Glossar

Nachwort

Weitere Veröffentlichungen

Impressum neobooks

1. Der letzte Held
Zitat 1. Buch: „Im Hafen ist ein Schiff sicher, aber dafür wurde es nicht gebaut.“ Seneca

Kyrijas bernsteinfarbene Augen blickten auf ihn, den letzten Helden, der noch verblieben war: Liftar Masir. Der einstige Wikinger bekam in diesem Moment die Chance, wieder auf Erden zu wandeln und damit die Möglichkeit, die Welt der Lebenden noch einmal zu betreten. Doch der Einsatz dafür würde hoch sein. Zu hoch für einen Menschen, zu hoch auch für einen Helden Walhalls?

Die Walküre breitete die langen, schmalen Arme aus. Aufgerichtet zur vollen Größe von über zwei Metern und geschmückt wie an einem Festtag, stand sie vor dem toten Helden. Golden fließender Stoff umschmeichelte ihren Körper in Wickeloptik, gehalten von Perlmuttfibeln. Arm- und Beinschienen zeigten sich bei ihren Bewegungen in glanzvoller Form. Ihr Haar war zu Zöpfen geflochten, die sich nach oben türmten und in einem Dutt endeten. Spangen und Haarnadeln gaben dem Kunstwerk halt. Liftar Masir begegnete ihrem Blick und er ließ ihre hell funkelnden Augen selbst dann nicht los, als die seinen zu verbrennen drohten. Als sie mit volltönender Stimme zu sprechen begann, sah er die Bilder zu ihren Worten in ihren Augen. Ob Einbildung oder nicht, war egal. Was er darin erblickte, zählte.

„Bei Ragnarök, der Götterdämmerung, kam es zum letzten Kampf der Unsterblichen. Die Götter und die Riesen kämpften, bis die Welten im Chaos untergingen. Im Weltenbrand, der den Weltenbaum bis auf eine letzte Wurzel vernichtete.

Asgard, die Welt der Götter und Midgard, die Welt der Menschen verbrannten. Die Götter schlachteten sich in Zweikämpfen mit Lokis Kindern und den Riesen ab. Tod und Blut waren, was am Ende blieb. Der Abgrund, das Totenreich Hel, öffnete sich und verschlang die letzten Überreste der Toten.

Asgard, das einstige Land der Götter, verschwand in den Urwassern und man dachte, damit sei es für ewig getan. Doch eine neue, unschuldige Welt erhob sich.

Das Leben und die Lebenskraft, so sagt man, hatten den Kampf in Urds Brunnen unter dem Weltenbaum überlebt. Und sie wurden die Gründer der Neuen Welt, Vater und Mutter der Menschen. - Und du mein letzter aller Helden weißt, dass dies wahr ist.“

Bei den letzten Worten riss sich Liftar Masir vom Blick der Walküre los. Der Mann, ein Hüne von Gestalt, der in seinem früheren Leben das Amt eines Stammesführers der Wikinger geführt hatte, nickte stumm und in sich versunken. Er wusste, warum sie ihm das erzählte, weswegen sie ihn zu sich gerufen hatte. Sie, eine Walküre aus der alten Zeit.

„Ja, du ahnst, worauf es hinaus läuft. Was ich dich frage, wird dir eine große Bürde auferlegen. Doch es ist meine letzte Bitte.“

„Meine oberste Schildjungfer, konnte ich dir je einen Wunsch abschlagen?“

Er erinnerte sich an die Walküre und an die Überlieferung, die ihm sein Vater einst erzählt hatte: Nach einer großen Schlacht ritten die Walküren über das Kampffeld und wählten die tapfersten der Krieger aus, um sie nach Walhall zu geleiten. In dieser Zeit spiegelte sich das Licht des Mondes in ihren Rüstungen und schuf so das Polarlicht. Als Nordlicht hatte er seine Schildjungfer in der Nacht eines im nahen Norden tobenden Krieges gesehen und gewusst, dass die Geschichte seines Vaters wahr war. Er schickte ein Gebet zu Himmel, für den tapferen Krieger, der in dieser Schlacht gefallen war.

Am Tag vor seinem Tode hatte er sie wieder gesehen – als Schatten war sie durch den Nebel geritten und hatte ihm zum ersten Mal ihren Namen geflüstert, der seine Kraft und seinen Mut stärken sollte. Liftar und die Seinen erweiterten in der kommenden Zeit ihre Siegeszüge. Über den Rhein waren sie bis nach Frankreich vorgedrungen und hatten wichtige Handelsplätze überfallen. Dann war die Zeit für ihn gekommen: Im Jahre 845 nach Christus war er in der großen Schlacht bei Paris im Westfrankenreich gefallen. Als das Schwert des Gegners sein Herz durchbohrte, hatte sie begonnen ihren Namen zu singen: Kyrija. Sie hatte seine Seele aufgefangen und nach Walhall geführt. Dank seinem und vieler anderer Opfer waren sie wiederholt siegreich gewesen. In Valhöll hatte ihm die Walküre dies erzählt und dass zum ersten Mal das Danegeld – in Höhe von 7.000 Pfund Silber - erhoben worden war. Damit hatte er seinen Teil zur Entstehung der Schutzgelderpressung beigetragen. Er wusste nicht, ob er darauf stolz sein sollte und seine Augen verengten sich, als die Erinnerung bildhaft wurde. Aus der Vogelperspektive sah er das Geschehen und kämpfte gegen die feuchte Regung in seinen Augen. Kyrija, dachte er. Sie musste fühlen, was er fühlte, sehen was er sah, doch sie sprach weiter, als wäre das nicht der Fall.

„Dir allein obliegt die Entscheidung, ob du meiner Bitte nachkommst, um sie zu erfüllen, oder ablehnst“, sagte die Walküre. „Wisse dabei: Du bist der Einzige, den ich noch fragen kann. Der letzte Held. Alle anderen haben versagt und die, die verblieben sind, würden versagen. Es ist dein Blut, das die Entscheidung bringen wird. So haben die Nornen es mir geflüstert, so wird es sein. Nur, in diesem Fall können die Nornen die Geschichte nicht schreiben. Das ist das Besondere, das andere, ich würde sagen, das Unerklärliche und Gefährliche. Du musst sie also selbst schreiben, diese Geschichte auf Midgard, auf Erden.“

"Warum sollte ich diese Aufgabe übernehmen, warum nicht eine deiner Schildmaide, die es auf Midgard gibt, die dort Wache halten?", fragte der Einherjer. Widerstand war gut, Widerstand war wichtig, dass gebot allein seine Position.

"Weil du der richtige bist. Es ist deine Blutlinie, die über Sieg oder Niederlage entscheiden wird", antwortete Kyrija. "Und weil du damit die einmalige Möglichkeit bekommst, so du eine Heldensaga schreibst, nach Folkwang kommen darfst, Freyas Wohnsitz. In den Saal Sessrumnir - du weißt, was dies bedeutet."

„Sagt mir, wie ich das tun soll.“ Liftar Masir hatte sich längst entschieden und diese unfassbare Möglichkeit festigte seinen Entschluss endgültig. Dadurch erhielt der die Möglichkeit, mit seiner Schildmaid in Fleisch und Blut zusammen zu sein.

„Geschichte wiederholt sich“, setzte die Walküre fort. „Nur in einer neuen Dimension. Du weißt, dass einige Kinder der Unsterblichen überlebt haben, darunter Thors Söhne und die Odins. Aber auch die Zwillinge Baldur und Hödur leben; sie kehrten wieder aus Hel!“

„Und damit vermutlich noch andere, dunkle Gestalten“, ergänzte der letzte Held.

„Das ist der Grund, warum ich dich zu mir bat“, sagte Kyrija. „Du musst schnellstens jenen finden, der die alte Macht jungen Blutes vereinen kann, jenen aus der heutigen Welt der Menschen, der deiner Linie entstammt. Er wird letztlich der sein, der die Schlacht am Ende dieser Tage unter dem Mond dieser Sterne entscheidet. Und du wirst ihn im sich anbahnenden Krieg führen, um die Schatten endgültig von dieser Welt zu verbannen.“ Der Monolog der Schildjungfer stoppte.

Sie ist die erste Tochter von Frigg, dachte Liftar. Der Gemahlin Odins. Wenn nicht sie, wer dann dürfte eine solche Forderung stellen?

„Jedoch mein letzter Held: So wie wir, wissen auch Lokis Anhänger davon.“, wandte sich die oberste Walküre wieder an ihn.

„Der Gestaltwandler und seine Kinder. Du glaubst, sie existieren noch?“, hakte er nach.

„Ich glaube es nicht nur, ich weiß es“, erwiderte Kyrija. „Und der Eine oder die Andere wandelt vielleicht auf der Welt des Jungen.“

„Lokis Kinder waren die Midgardschlange, die Totengöttin Hel und Fenrir, der Wolf aller Wölfe“, erinnerte sich der ehemalige Wikinger. „Sie alle sind der Legende nach im Weltenbrand untergegangen.“

„Sei es, wie es sei“, tadelte die Walküre. „Wenn auch nur einer von Ihnen, oder aus ihrem Gefolge, den Jungen vor dir findet, Liftar, so werden sie ihn töten! Ihn und andere.“

„Und du meine Schildjungfer, weißt du, was wir diesem Menschen damit antun?“, fragte Liftar. „Welche Bürde wir ihm auferlegen? Auf meine kommt es nicht an, meine Seele ist längst in deinem Licht gewandert. Aber seine, sie kann nicht nur zerbrechen, sie kann auch zerstört werden. Er ist wie ein Bauer unter Kriegern. Und wir verwenden ihn für unsere eigenen Zwecke.“

Die Walküre legte den Kopf zur Seite. Die Creolen in Halbmondform klimperten und ihm war, als würden sie ein Lied singen. Er versuchte, sich davon nicht vereinnahmen zu lassen, als sie weitersprach. „Das ist deine Sicht der Dinge. Das Schicksal flüstert mir, dass bei diesem Jungen noch mehr ist. Außerdem: Wenn wir nicht eingreifen, wenn wir ihn nicht auf den Weg führen, den die Schicksalsweber für ihn vorgesehen haben, wird auch seine Erde über kurz oder lang untergehen wie einst die unsere.“

„Ein Mensch soll also Gott spielen? Und ich soll ihn dabei unterstützen?“, brummte Liftar. Er presste die verschränkten Arme vor seiner Brust noch fester zusammen.

„Sieh mich nicht so an. Auch du warst einst ein Mensch, bevor du wurdest, was du warst und noch heute bist.“ Kyrijas Blick bekam bei den letzten Worten etwas Zärtliches. So hat sie mich früher angesehen. Damals, als sie mich zu sich in diese Hallen holte.

„Ja Liftar, du warst einer der Glorreichsten und Stärksten, nur deshalb bist du jetzt hier, nur deshalb komme ich noch einmal mit einem Auftrag auf dich zu. Vergiss niemals, dein Blut fließt in ihm. Du wirst es spüren, wenn du vor diesem Menschen stehst.

Liftar, ich weiß wie du, dass viele in seinem Land sich als Gott sehen, manche in der Geschichte sich so bezeichneten und auch heute Menschen diese Aufgabe nur zu gern übernehmen würden. Doch diese Menschen handeln eigensinnig, ihre Methoden sind schlecht und ihre Art unberechenbar. In gewisser Weise sind sie wie Loki, nur immer in ein und derselben Gestalt. Du aber warst anders und auch der Junge ist es. So war es und so wird es sein, zumindest für uns. Ich glaube an ihn, so wie ich an dich glaubte, als ich dich zum ersten Mal wahrnahm und von da an beobachtete, unter Friggs stillem, duldenden Blick.“

Er wusste, was das bedeutete. Die Göttin hatte akzeptiert, dass ihre obereste Walküre ihre Wahl getroffen und ihn erwählt hatte. Eine Pause entstand, in der beide Odins Gemahlin gedachten, die einmal gewesen war, aber nicht mehr ist, auch wenn sie unsterblich gewesen war.

„Nun gehe. Ich habe Dir bereits zu viel gesagt“, sagte die Schildjungfer irgendwann, für die Zeit im endlichen Sinne keine Rolle spielte. „Gefühle in Worten wiederzugeben ist für unsereins im Normalfall ein Tabu.“

„Welche Tabus werden wir noch brechen müssen, um zu erreichen, was wir wollen?“, fragte der Einherjer. „Sind wir wirklich besser als diese Menschen, als Loki und seine Nachkommen?“

Liftar wusste, dass sie keine Wahl hatten, als den Jungen zuerst zu finden. Junge. Bei dem Gedanken stahl sich ein feines Lächeln auf sein Gesicht. Dieser Junge war längst ein Mann, zumindest wenn man ihn in Jahren maß. Und er selbst war alt, uralt, wenn man die Jahre zählte. Ob er überhaupt noch mit Menschen umgehen konnte, vor allem mit jenen aus der neuen Zeit?

Es ist nur einer, sagte er sich. Ich werde ihn finden, besser finden lassen. „Gebt mir ein Schiff und schickt eine Norne, eine Schicksalsweberin auf den Weg, die mich führt. Dann werde ich ihn vor den Schattenkindern finden und zu Euch bringen.“

„Nicht zu mir, nein. Sein Weg ist der deine“, sagte Kyrija. „Und euer Weg ist es, die jungen, noch übrig gebliebenen Götter alten Blutes zum letzten Kampf gegen die dunklen Mächte zu sammeln. Denn jener Eine ist zurückgekehrt.“

„Loki“, sagte der ehemalige Wikinger. „Jener gewiefte Taktiker, der die Kinder des Unheils zeugte und am Ende im Zweikampf durch und mit Heimdall, dem Wächter der Regenbogenbrücke Bifröst starb. Der Gestaltwandler, von dem wir schon sprachen.“

„Gewiss, ja, und doch scheint er zurück zu sein.“ Die Walküre hielt inne, trat nahe zu Liftar und sah tief in seine Augen. „Findet zunächst den Jungen und die Söhne der Götter, dann findet Mimirs Brunnen, dort erhaltet ihr Antwort auf die letzten Fragen, die noch zu klären sind. Und nun geht! Die Zeit drängt, mein großer und liebster aller Krieger.“

„Ich werde den Menschen und die Söhne Thors wie Odins finden. Ich werde eure Botschaft als meine kundtun. Gebt ihr mir die Befähigung, für diesen Auftrag jedes Schiff zu erwählen, das ich wünsche?“

„Habe ich eine Wahl?“, fragte Kyrija. „Von euch beiden hängt das Leben dieser neu entstandenen Welt und das der Göttersöhne ab. Viel Glück also.“

Und dann war sie weg, die oberste Walküre, die ihn sonst nicht nur bewirtete. Die er zuvor noch gerne an ihrer schwungvollen Hüfte gepackt und auf seinen Schoss gehoben. Doch das war seit dem Jahrestag, an dem sie immer gemeinsam die Erde besucht hatten, nicht mehr geschehen. So vieles war dort unten möglich, in der Welt der Menschen. Vielleicht war es gut, dass er wiederkehrte, er, der letzte Wikinger, der zum Einherjer geworden war, um nochmals Geschichte zu schreiben. So verließ er die Ruhezone Walhall, die einstmalige Stadt der toten, lebenden Helden. Liftar Masir dachte an sein Schiff. Er hoffte, dass es ein Wiedersehen mit Freude werden würde, hatten sie doch für lange Zeit eine schlagkräftige Einheit gebildet.

2. Tibor

„Komm nicht zu spät zurück, Tibor!“

„Nein, nur ein, zwei Fische für heute Abend will ich noch angeln. Dann bin ich wieder da. Versprochen!“ Tibor drückte seiner Mutter einen Kuss auf die Wange und fügte hinzu: „Außerdem bin ich keine siebzehn mehr, Emilia! Da sind inzwischen zehn Jahre hinzugekommen.“ Dann zwängte er sich durch die schmale Eingangstüre hinaus.

Heute war Sonntag und da ihre Häuser nicht weit auseinander lagen, hatten sie eingeführt, an diesem Tag miteinander zu speisen. Für ihn war es gut, so konnte er seinem Alleinsein, das ihn aber wenig störte, entfliehen. Seine Mutter aber, das wusste er, würde ohne ihn kaum mehr zurechtkommen, da sie in noch größerer Einsamkeit lebte als er. Zurückgezogen und in Abgeschiedenheit, wie sie es bevorzugte, nach dem Tod ihres Mannes.

Wenig wusste er von seinem Vater, nur dass er sie frühzeitig und unfreiwillig verlassen hatte. Seine Mutter wollte nie darüber sprechen. Und ganz bestimmt nicht an einem Sonntag. Wohl auch nicht bei geräuchertem, selbst gefangenem Fisch, dachte er. In sich aber spürte Tibor, dass er eines Tages die Wahrheit erfahren würde. Vielleicht konnte er Emilia dann richtig und ganz verstehen. Sie und ihr ewiges Schweigen.

Die See an der Küste Schleswig-Holsteins war ruhig an diesem Tag. Beinahe zu ruhig. Ohne Schwierigkeiten steuerte Tibor den Fischkutter seines Vaters, die NORDLICHT, hinaus aufs Meer. Nach einer viertelstündigen Fahrt stellte er den Motor ab. Das Bootsnetz kam heute nicht zum Einsatz. Stattdessen holte sich Tibor eine Angel. Er verließ das Steuer und lehnte sich, wie er es an Sonntagen an Board des Schiffes gerne tat, an die hölzerne Reling. Dann warf er die Angel aus und das Warten begann. Sein Blick schweifte den Horizont entlang. Wie schön sie doch war, diese ewig glitzernde Weite. Dazu das schillernde Meer. Seine Gedanken schweiften zum Wochenanfang, als er eine größere Gruppe zu den Seehundbänken mitgenommen hatte. Im Anschluss daran folgte das Schaufischen. Die Gäste hatten Fotos von dem Fang gemacht und seinen Erklärungen über Seestern, Makrelen und Dorsch gelauscht. Würde sein Vater stolz auf ihn sein, wenn er sehen könnte, was Tibor aus der NORDLICHT gemacht hatte? Würde er den grünen Anstrich und die Runensymbole akzeptieren?

Plötzlich verdunkelte sich der Horizont. Nebel wallte auf, Dunkelheit zog heran, bäumte sich auf und drohte über dem Kutter zusammenzubrechen. So schnell. Selten hatte er so ein Schauspiel erlebt. Und er war schon lange zur See unterwegs, sehr lange, ja schon seit er denken konnte und einmal auch mit seinem Vater. Einmal – damals, als alles noch gut gewesen war und das Schiff einen weiß vergilbten Anstrich hatte. Der Namenszug war bereits verblichen gewesen. Damals, dachte er und sah in den aufkeimenden Sturm. Damals war meine Mutter noch redselig und glücklich. Da kochte sie für drei und zauberte die besten Gerichte der ganzen Nordsee auf den Tisch. Es war ihm nicht vergönnt weiter darüber nachzusinnen. Er musste die Angel einholen. Womöglich würde der Sturm nicht so schnell verschwinden, wie er sich aufgebaut hatte und sein Kutter war alt. Er würde einer längeren Gewitterschlacht nicht standhalten, nicht wenn er sich im Zentrum befand. Verdammt, er würde sich wirklich bald ein neues Boot suchen müssen! Eines das mehr aushielt, das sicherer war und … er wusste nicht, was er noch erwarten sollte, besser konnte.

Da ertönte ein Klicken an der Angelrute. Etwas hatte angebissen. Im letzten Moment, kurz bevor das Gewitter losging. Nordwind kam auf, an Deck wurde es unangenehm. Dennoch besah sich Tibor, was er geangelt hatte: Glänzende Schuppen bedeckten einen windenden, unterarmlangen Fischkörper. Ein ordentlicher Brocken. Erster Regen setzte ein und in der Ferne blitzte es. Er wollte den Fisch von der Angel nehmen und wieder zurück ins Nordmeer lassen, um sich zurück ans Steuer zu begeben, um den Kutter heimwärts zu lenken, als er das Leuchten der Schuppenhaut sah. Ein Fisch, der außergewöhnlich schillerte – nicht grau, nicht blau, nicht normal! Weder Makrele, Hering noch Thunfisch sahen so aus. Das bunt schillernde Schuppenkleid, dessen Grundton ein Bernsteinweiß zu sein schien, war eine Besonderheit. Es erinnerte ihn an eine Frau in einem weißen Kleid, dessen Glanz je nach Lichteinstrahlung wechselte. Die seitlichen Flossen, wie auch die Schwanzflosse wirkten filigran. Eine Delikatesse. Und so sah sein Fang auch aus, wie etwas Besonderes, ganz und gar nicht Alltägliches. „Wie viele von deiner Art mag es geben?“ Er murmelte die Frage leise und hatte dabei das Gefühl, als könne ihn dieses Fischwesen verstehen. Als er die kristallweißen Augen anstarrte, deren schwarzen Pupillen einen Hauch von Bernsteinfarbe in sich trugen, durchlief ihn ein Kribbeln. Wie kann mich ein Fisch nur derart berühren?, fragte er sich. Dann aber musste er schlucken – nur die Augen rollten noch, der Fischleib selbst zuckte nicht einmal mehr. Tot?

Im selben Moment noch, da ihn diese Frage durchzuckte, streckte er seine Finger nach dem Tier aus und berührte das Schuppenkleid. Sanft strich er darüber – keine Bewegung. Er fuhr von den Kiemen an der Bauchunterseite weiter bis zur Schwanzflosse. Ein wärmendes Gefühl breitete sich in ihm aus, durchwanderte seinen rechten Arm und zog weiter bis hin zu seinem Herz, wo es sich festkrallte. Tibor gab keuchende Lauten von sich. Seine Augen wurden feucht. „Wie du mich berührst! Was hat es nur mit dir auf sich? Bist du, was du scheinst?“ Er wusste einfach, dass dieser Fisch noch lebte. Er nahm ihn von der Angel, während der Wind immer stärker an ihm zerrte, und wand sich dem Bug zu. Plötzlich ging ein Zucken durch den Körper, den er zwischen den Händen hielt wie einen kostbaren Edelstein. Er hatte die Spitze des Schiffs erreicht und warf einen letzten Blick auf dieses Fischwesen, sah noch einmal in dessen Augen. Tibor hatte dabei das Gefühl, als würde das Wesen blinzeln. Er entließ den Fisch zurück in sein lebenswichtiges Element. „Schwimm, mein Fisch. Schwimm und erreich dein Ziel, wo auch immer es liegt“, rief der junge Mann zum Abschied. Tibor winkte mit verträumtem Blick hinterher, bis er sich dieser Tatsache bewusst wurde. Dann drehte er sich um, seltsam benommen und sich fragend, woher er diese Worte genommen hatte. Er fragte sich ebenso, wie er hatte den Sturm vergessen können. Regen, Blitz und auch Donner hatten ihn nicht gestört, eher war das Gefühl gewesen, als wäre eine schützende Glaskuppel über ihm und dem Fischkutter gewesen. Er musste über sich selbst lachen. Bei einem beiläufigen Blick auf die jetzt so leeren Hände, nahm er eine Schuppe wahr. Sie stammte ohne Zweifel von dem Fischwesen. Ein letzter, zurückgebliebener Teil, wie ein Andenken. Tibor bemerkte, dass sie bereits getrocknet und hart geworden war, und ließ sie mit einem Schulterzucken in seiner Hemdtasche verschwinden.

Dann beschleunigten seine Schritte. Die Sekunden zwischen Blitz und Donner wurden immer weniger. Tibor ließ die Maschine anlaufen, die Schiffsschraube sprang an und die NORDLICHT setzte sich in Bewegung. Schaukelnd und wankend wie ein betrunkener Elefant entfernte sich der Kutter vom Gefahrenherd. Vielleicht kam er noch ungeschoren aus dem Gröbsten heraus, das Unwetter würde ihn dennoch eine Weile begleiten. Wiederholt fragte er sich, woher diese Sicherheit kam. Ein Lächeln spiegelte sich auf seinen Lippen, als er über die Schuppe in seiner Hemdtasche strich.

3. Liftar Masir

Der Sturm legte sich. Als Tibor den Hafen ansteuerte, begann die Abenddämmerung einzusetzen. Die Hände fest um das Steuer gelegt stand er da. Emilia, du wirst nicht glauben, was ich dir heute zu erzählen habe, dachte er. Nein, was ich getan habe, verbesserte er sich. Und da schloss der junge Mann die Augen, genoss das Schlagen der Wellen gegen den Schiffsrumpf, den landeinwärts treibenden Wind und die salzige Luft der See. So ähnlich musste sich sein Vater gefühlt haben, von dem er diesen Kutter erhalten hatte; das zumindest hatte ihm seine Mutter über ihren Mann erzählt.

Als er die Augen wieder öffnete, warf er einen Blick über die Schulter. Hinter dem Kutter sammelte sich der Nebel zu einer undurchsichtigen Wand. Ich muss mich beeilen, wurde Tibor klar, sonst holt mich die trübe Suppe noch ein. Er wollte sich gerade umwenden, da fiel ihm dieser Umriss auf, der ihn an die Saga um Siegfried erinnerte. Dort, inmitten des dichten Weiß ragte der Schatten eines Ungetüms in die Höhe. Ein sperriges, weit geöffnetes Maul mit langen, dolchartigen Zähnen, schob sich ihm und seinem Kutter entgegen. „Der Kopf eines Drachen“, rief Tibor aus. „Was hat das zu bedeuten?“ Sein Puls beschleunigte und Neugierde erwachte. Das Abenteurerherz schlug höher, im selben Takt wie der Wind an Stärke zunahm. Die NORDLICHT drohte zu kippen, neigte sich wie eine Waage immer weiter zur Seite. Tibor krallte sich mit den Fingern ans Steuerrad, dennoch wurde sein Körper unsanft herumgeworfen.

Immer weiter schob sich der Drache aus dem Nebel, sein Rachen wirkte wie in Stein gemauert. Fehlt nur noch, dass eine Feuerlohe auf mich zukommt, dachte Tibor. Er schallte sich im nächsten Moment einen Narr. Unsinn, in dieser Welt gibt es keine Drachen nur … Drachenschiffe! Natürlich, das musste es sein. An einem Sonntag war es durchaus möglich, dass die Stadt Schleswig-Holstein ein Museumsschiff zur See lies und dieses sogar für Besucher frei gab. Eine Schiffsführung der besonderen Art. Schade, dass er nicht der Kapitän war!

Aus dem Grau in Grau schälte sich ein bauchiger Rumpf, das geöffnete Maul mit den Zähnen wuchs immer weiter in die Höhe. Etwas seltsam fand er das goldene Wetterleuchten, dass vom Segel ausgehen musste.

Für einen Moment vergaß Tibor die Zeit und sein Vorhaben, den Ankerplatz zu erreichen. Als er sich in Fahrtrichtung drehte, baute sich das Bild des Hafens in voller Größe auf. Seine Anlegestelle kam in Sicht. Er sog die Lunge voll Luft, dann drehte er sich nochmals um und … atmete erleichtert, aber irgendwie auch enttäuscht auf. Das Drachenschiff blieb im Nebel zurück. Löste sich darin auf. Wie seltsam. Aber es war gut; Tibor wollte sich nicht weiter damit befassen. Denn er wurde das Gefühl nicht los, dass dieses Schiff von keinem Menschen gesteuert worden war. Wie das Geisterschiff aus dem Film Ghost Ship. „Unsinn! Genug.“, rief er laut aus. Da ging ein Ruck durch den Fischkutter und Tibor sprang vom Schiff auf dem Steg. Fast hätte er dabei sein Gleichgewicht verloren. Er schüttelte verwirrt den Kopf und strich im nächsten Moment behutsam über seine Hemdtasche. Dann sah er auf seine Hände, die stärker Zittern als es die Situation erforderte. Er zuckte mit den Schultern. Gut, dass er heute nichts Ausladen musste. So konnte er die NORDLICHT gleich festmachen, ohne noch den Umschlagplatz anzusteuern. Bis zur nächsten Ausfahrt, dachte er mit einem Lächeln und wand sich den Gebäudeblöcken der Stadt zu.

Die Sonne war beinahe untergegangen, als er bei dem kleinen Häuschen seiner Mutter ankam. Seltsam, die Türe war gar nicht verschlossen. Hatte sie geahnt, dass er bald kommen würde? Oder war er gar so laut gewesen, dass Emilia ihn gehört hatte? Seinem Atem zufolge war das gar nicht so abwegig. „Mom“, sagte er. „Ich muss mich entschuldigen! Aus den ein bis zwei Fischen ist nicht einmal einer geworden. Aber du wirst mir nicht glauben, was-“

Tibor brach mitten im Satz ab. Diese Stille, sie kam ihm seltsam vor. Er betätigte den Lichtschalter. Gedimmte Helligkeit empfing ihn. Er spürte, wie sein Herz gegen die Brust schlug. Neben dem halbstündigen Fußmarsch lag das an der Ungewissheit. „Emilia? Mom?“, rief er nochmals, während er den Lichtschalter drehte und die Helligkeit zunahm. „Mom? Was ist denn nur los?“

Er hätte lieber nicht gesehen, was in sein Blickfeld geriet. Feuchtigkeit bildete sich in den Augenwinkeln. Die Knie wurden ihm weich, als er näher trat. Dort lag jemand mitten im Flur auf dem Boden und bewegte sich nicht. „Nein! Bitte. Wer, wer würde so etwas tun? Sag, dass das ein Scherz ist! Mom!“ Er schob sich langsam zu dem reglos vor ihm liegenden Leib, fühlte sich dabei schwer wie ein Stein und ungelenk wie jener. Der Körper lag in einer roten Lache, mit einem Tuch bis zum Kinn bedeckt. Tibor hob die Decke an, zog sie mit letzter Kraft weg und erstarrte. Da lag nicht seine Mutter. Da lag ein Unbekannter, ein Ungeheuer! Sein Körper war hünenhaft, das lange Haar silbergrau – nicht blond! Eine geflochtene Strähne hing dem Unbekannten ins Gesicht – nicht ihr wunderbarer Zopf! Die Decke hatte all das wunderbar verborgen gehalten, hatte die Gestalt kleiner gemacht, als sie tatsächlich war.

Tibor warf die Hände in einer Geste der Verzweiflung von sich. Durch den Tränenschleier, der jetzt durch Zorn und Wut in seinem Bauch entstand, suchte er die Umgebung ab, blickte in jeden Winkel des Zimmers. Wer hatte das getan? Wollte man ihm einen Mord anhängen? „Wo bist du? Zeig dich!“, schrie er.

Als keine Antwort kam, ballte er eine Faust und schwang sie über dem fremden Körper hin und her. Über dem Gesicht des schlafenden Toten hielt er inne. „Und wer bist du?“, fragte er, mit einer Stimme, die nur noch ein Flüstern war. Da hoben sich die Lider und ein Blick aus silbergrauen Augen traf ihn, ging ihm durch und durch.

Er lebt, sagt eine Stimme in seinem Geist und noch ehe er reagieren konnte, schob sich der kräftige Leib in die Höhe, als wäre nichts gewesen. Die Augen waren schmale Schlitze, die dichten Brauen lagen eng beieinander. Wild fuhren sie hin und her. Er sucht etwas, begriff Tibor. Etwas oder jemanden?

Der Mann überragte ihn um mehr als einen Kopf und dass, obwohl er selbst mit seinen 1,85 Metern nicht gerade klein war. Ein Mann wie ein Schrank. Tibor fragte sich, wie der Fremde durch die Tür gekommen war. Seine Füße steckten in schweren dunklen Stiefeln, eine olivgrüne Leinenhose erstreckte sich über den Rumpf und bändigte das weiße Hemd, welches er nicht einmal zugeknöpft hatte. Nein, nicht ganz richtig, es war gerissen, die Knöpfe fehlten und bei näherem Hinsehen waren die Spuren eines Kampfes sichtbar. Die Ärmel waren zerfetzt, darunter kamen raue, große Hände zum Vorschein. Am rechten Arm befand sich ein braunes, breites Armband. Tibors Blick blieb an der muskulösen Brust haften, die sich im raschen Tempo hob und wieder senkte. Dieser Fremde muss das Herz eines Stiers besitzen, schoss es Tibor durch den Kopf. Wenn dieser Kerl seiner Mutter auch nur irgendetwas getan hatte …. Verdammt! Er musste ihn zur Rede stellen.

Das Herz des jungen Mannes raste, als er sich breitbeinig hinstellte und die Arme vor seiner eigenen Brust verschränkte, was ihm beinahe lächerlich vorkam. Wie David gegen Goliath, dachte er, und versuchte seine Mimik zu beherrschen. Er durfte nicht zittern, noch Angst zeigen und den Blick nicht senken. Der Unbekannte musterte noch immer den Raum, dann endlich hielt er inne und ihre Blicke trafen sich.

Tibors blaue Augen trafen auf die grauen des Unbekannten. Tibor fühlte sich, als würde er von einem Sturm aufgesogen werden. Die Härte verschwand aus dem Blick, an ihre Stelle trat eine Mischung aus Wissen und Macht, als hätte der Anwesende Zeiten überdauert, die kein Sterblicher je erblicken würde und Welten gesehen, die kein Mensch je zuvor erblickt hatte.

„Wer bist du?“, wiederholte Tibor seine Frage. Diesmal mit fester Stimme und weniger von dieser Situation beherrscht als zuvor. Er hoffte, dass seine Angst und sein Staunen nicht bemerkt wurden. Das durfte einfach nicht sein, denn nur dieser Mann kannte die Wahrheit, wusste, was mit Emilia geschehen war, wusste, was hier geschehen war. Tibor würde ihn nicht gehen lassen, ehe er dies aus ihm herausbekommen hatte. Und wenn es seinen Tod bedeutete. Dann sehe ich eben meinen Vater wieder, dachte er und hoffte, dass es dazu noch nicht kommen musste.

Der bärtige Mund seines Gegenübers öffnete sich, verzog sich zu einem ironischen Grinsen. „Mutig, wirklich mutig bist du.“ Die Stimme war wie ein Donnerhall – rau, fest und von solcher Kraft, dass er meinte, das Haus würde über ihm einstürzen. Und er bildete sich ein, gegen diesen Mann eine Chance zu haben? Ja, sagte er sich, es kommt nicht nur auf Kraft und Donner in der Stimme an!

„Sag mir, wer du bist! Und dann sagst du mir, wo meine Mutter ist.“

„Mut und Wut. Nicht immer ist beides so gut. Aber manchmal lassen sie einen gemeinsam über sich selbst hinauswachsen – nicht wahr?“ Der Fremde ging leicht in die Knie.

„Halt! Bleib, wo du bist!“, rief Tibor und hob die zur Faust geballte Rechte. Mit dem rechten Fuß trat er im Gegenzug ein Schritt zurück. Immer stabil stehen, dachte Tibor. Immer ausgeglichen bleiben.

„Ja“, sagte der Fremde. „Du scheinst es in der Tat zu sein. Sie hat sich nicht geirrt. Und keine Sorge, ich bleibe.“

Tibor versuchte, sich sein Grübeln nicht anmerken zu lassen. Er durfte seinen Standpunkt nicht verlieren. Mit der Hoffnung, das „Sie“ im Satz des Fremden war auf Emilia bezogen, fragte er: „Wer ist sie? Meine … Mutter?“

Der Mann stieß ein Lachen aus, das mehr einem Gurgeln glich und bei dessen Lautstärke er sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte.

„Sie ist in gewisser Weise anders. Ihr werdet euch noch kennenlernen“, sagte der Fremde und betonte dabei das erste Wort besonders. Die Art der Selbstverständlichkeit, mit der der Fremde sprach, setze weitere Energien in Tibor frei. Jetzt brauchte er ein Ventil, Bewegung im Körper, denn das Warten wurde immer mehr zur Qual.

Sein Blick verschleierte sich noch im Laufen und als er die wenigen Schritte zu dem anderen getan hatte, prügelte er darauf los. „Was ist mit ihr? Wo ist sie? Sag es mir endlich!“

Der riesenhafte Fremde wich den Schlägen mühelos und mit einer Schnelligkeit aus, wie Tibor es seinem Gegenüber dem Körperbau nach nicht zugetraut hätte. Eines seiner Beine fuhr aus und zog im gleichen Zug Tibor das seinige weg. Mit einem lauten Krachen landete er auf dem Rücken. Vor Schmerz verzog er das Gesicht. „Verdammt!“

„Jetzt mal ganz mit der Ruhe“, sagte der uneingeladene Gast und hob beschwichtigenden die Hände. Er setze eine freundliche Miene auf. Willst du endlich Schluss mit Rätseln machen?“, fragte Tibor grimmig.

„Es geht um dich und deine Rettung!“, setzte sein Gegenüber an. „Deine Mutter ist höchstwahrscheinlich in Gefangenschaft geraten. Eben von jenen entführt worden, die mich so zugerichtet haben. Sie dachten wohl, mein Leben ist beendet. Aber so leicht ist ein Einherjer nicht zu schlagen, nein, so geht ein Krieger nicht in den Tod.“

Wie konnte er der Fremde wagen, von einer Entführung zu sprechen? Und welche Begriffe verwendete er? Zog der Unbekannte ein Spiel der Verwirrung auf, um ihn im Dunkeln zu lassen?

„Dass ist nicht wahr!“, rief er. „Emilia ist hier! Sie muss hier sein und du wirst mich zu ihr führen“, ereiferte sich Tibor. „Los jetzt, zeig mir, wo du sie hingebracht hast.“

Das Haar des Fremden flog wie ein Bündel giftige Schlangen umher, als dieser den Kopf schüttelte und dabei wieder zu reden begann. „Ich kenne deine Mutter nicht, ich habe sie nicht gesehen. Dafür kenne ich den Gegner, ihnen bin ich nach Abschluss ihrer Tat begegnet. Ich konnte diese Hütte davor bewahren, weiter verwüstet zu werden.“

„Und was ist mit denen, die Emilia mit sich genommen haben? Wohin gehen sie? Wohin bringen sie Emilia?“, fragte Tibor.

„Die Entführer sind längst über alle Wasser. Ihnen kannst du nicht auf herkömmlichen Weg folgen.“

„Aber, was wollten sie hier?“, fragte Tibor. „Was wollen sie mit meiner Mutter?“

„Die Wahrheit ist“, brummte der Fremde, „sie wollten dich! Sie dachten, dich beim Abendmahl zu erwischen.“

„Warum mich? Wollen sie mein Schiff, mein weniges Geld, kostenlosen Eintritt ins Museum?“

Der Fremde überging seine Fragen. „Du hast noch die Wahl deinen Weg selbst zu bestimmen“, sagte der riesenhafte Mann. „Dazu musst du nur eines tun: Komm mit mir! Folge mir und es wird dir anders ergehen. Zumindest wirst du nicht ohne Vorbereitung sein, wie deine Mutter.“

Tibor spürte, dass dem anderen die Kraft ausging. Vermutlich war er nicht gewohnt, so viel zu sprechen. Oder der vorausgegangene Kampf hatte ihn mehr mitgenommen, als er zugab. Ein Lächeln glitt über Tibors Lippen. Vielleicht hatte er noch eine Chance, obwohl der Andere ein Kraftpaket und geschickt im Kampf war. Ja, er konnte ihn schlagen – mit Worten. „Du hast mir noch nicht einmal deinen Namen verraten. Dir soll ich vertrauen, einem Namenlosen? Einem Durchgeknalltem, der bei meiner Mutter einbricht, sich tot stellt und für sie ausgibt? Einem Mann, der sich als Krieger bezeichnet und Begriffe wie Einherjer in den Mund nimmt?“ Er wartete auf die Antwort, doch nur ein schwer zu überhörendes Keuchen antwortete ihm. Wahrscheinlich versuchte der Fremde, sich zu bändigen, seine Gefühle im Zaum zu halten. Gut so. „Du willst mich mit dir nehmen, ja? Warum wartest du dann nicht in meiner Wohnung auf mich, ja, warum hier?“ Und dann versetzte Tibor ihm noch einen Dämpfer, sagte betont langsam: „Mut und Wut … keine sonderlich guten Ratgeber.“ Im selben Moment bemerkte der junge Mann, dass er einen Schritt zu weit gegangen war. Mit zwei Sätzen war der Fremde bei ihm, packten ihn mit solcher Wucht an den Schultern, dass sie beide quer durch den Raum taumelten. Erst die Wand in seinem Rücken stoppte den schmerzhaften Tanz. Nur kurz und nur, um noch gewaltvoller weiterzugehen: Tibors Körper hob es einige Zentimeter in die Luft und gegen die Wand, dass ihm der letzte Atem aus dem Körper gepresst wurde. An dieser Stelle kam er zur Ruhe. Doch diese war trügerisch. Sein Körper drängte nach unten, aber die Hände nagelten ihn an Ort und Stelle fest. Der Atem des Angreifers blies ihm wie eine Bö ins Gesicht, die Schweißperlen des anderen tropften in sein Gesicht, zudem kitzelten ihn dessen Haarsträhnen. Er verzog angewidert das Gesicht und schloss die Augen.

„Ich bin Liftar Masir. Und ich bin gekommen, um dir zu helfen! Ich wollte die Angreifen aufhalten, aber das ist mir nicht gelungen. Wie du siehst, haben sie mich bewusstlos geschlagen und hier liegen gelassen.“

„Als Zeichen, als eine Warnung an mich?“, fragte Tibor.

„So könnte man es nennen“, stimmte Liftar zu.

„Sie wollen verhindern, dass ich dir vertraue. Mich vor dir warnen. Aber warum? Sie hätten genauso gut mit mir sprechen können. Vielleicht hätten wir eine andere als diese Lösung gefunden“, sagte Tibor.

„Bei den Göttern, du brauchst keine Angst vor mir zu haben“, sagte Liftar. „Ich bin auf deiner Seite. Aber um etwas ausrichten zu können, um deine Mutter wieder zu finden, musst du mit mir kommen!“

Die kräftigen Arme Liftars entließen ihn aus ihrem Griff.

Alle seine Knochen schmerzten und Tibor fühlte sich, als hätte man ihn durch den Fleischwolf gedreht. Sein Leib, so vermeinte er, wäre nur noch Brei.

„Ich gebe dir Zeit bis morgen Abend, wenn der Nebel kommt. Dann verschwinden wir von hier. Du musst mir noch nicht wie einem Freund vertrauen, aber du könntest zumindest anfangen, Vertrauen zu gewinnen“, sagte Liftar ruhig und betont. Er schnaufte kaum mehr.

„Welcher Nebel soll kommen?“, wollte Tibor noch fragen, doch da war die Gestalt Liftar Masirs schon durch die Haustüre verschwunden. Nebel, sagte er sich, nicht schon wieder Nebel! Für heute waren das genug nebulöse Aussagen und Ereignisse. Tibor beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken. Er musste erst einmal schlafen und das würde er hier tun. Sein Körper brauchte das dringender als alles andere. Ihm fehlte die Kraft, noch zu sich nach Hause zu gehen, und irgendwie fühlte er sich, als wäre ihm sein Zuhause geraubt worden. Zeit, mir Gedanken zu machen, habe ich auch morgen noch – bis der Nebel kommt …. Dann besteht zumindest die Chance, dass Brauchbares herauskommt.

Emilia, so schien es, war mit Liftar Masir verschwunden. Doch nicht hoffnungslos. Mit Liftar könnte er ihren Spuren folgen, welche Spuren das auch immer sein würden. Tibor würde es herausfinden, das versprach er sich. Und um schlafen zu können, dachte er an die schönen Momente mit seiner Mutter zurück. Tief im Herzen glaubte er, sie nur finden und lebend wieder zu sehen.

4. Die Norne

Liftar Masir war zurück auf seinem Schiff. So schwer hatte er sich seine Aufgabe nicht ausgemalt. Und ebenso wenig, dass der erste Kontakt so verlief: Nämlich ganz und gar aus dem Ruder lief! Das war aber auch der Entführung von Tibors Mutter zu verdanken, die alles über den Haufen geworfen hatte. Etwas rüde war daher die nachfolgende Begegnung verlaufen. Aber konnte er seine Herkunft verleugnen? Sein Leben und seine Erziehung verbergen? Kaum … und doch hatte der junge Mann nicht erkannt, wer er war. „Bei den Göttern, ich bin ein Wikinger der alten Zeit“, murmelte Liftar zu sich. Und genau so hatte er gehandelt. Obwohl beeindruckt von der Kraft und Entschlossenheit des Gesuchten, konnte er ihn nicht so behandeln. Dass es dennoch geschehen war, lag an vorausgegangen Kampf! Bei Odin, er hätte früher reagieren müssen, die Zeichen erkennen sollen und sich nicht von dieser dunkelhaarigen Frau mit dem blassen Teint verwirren lassen dürfen. Aber wie, fragte sich Liftar, wie hätte ich das tun sollen, wenn da plötzlich eine Göttin vor mir steht? Eine, die aussieht wie die Herrscherin des damaligen Totenreiches Hel?

Ein Zittern durchlief seinen Körper. „Es ist erst der Anfang. Die Schlacht hat noch längst nicht begonnen,“ schwor er sich. „Ich werde dich finden, Göttin des Todes.“ Dann so wusste er, würde auch Tibor seine Mutter wieder finden. Liftars Augen glitten über die im Glanz der Sterne leuchtende See. Silbern war die wogende Oberfläche und darauf spiegelte sich ein riesiges Schiff mit Drachenkopf.

Mein Liebstes aller Schiffe, die HAITHABU, dachte der Einherjer und konnte sich eines Flämmchens Stolzes nicht erwehren. Das einzige Wikingerschiff mit zwei Masten, was so in der Geschichte nie erwähnt wurde.

Sein Stolz verflog und Sehnsucht legte sich darüber, als er sie sah. Sie, ein Mädchen, so schien es, im zarten Alter von achtzehn Jahren. Aber das kann täuschen. Bei diesem Gedanken warf er einen zu kurzen Blick auf sein Spiegelbild.

Die Nacht begann in diesen Stunden ihr Tor zu öffnen und mit ihr brach die Flut herein. Mitten in ihr schritt dieses Mädchen in die Höhe, als würde sie einen Thron besteigen, um schließlich mit dem nassen Element im Verbund weiter zu gleiten wie eine Prinzessin. Ihr Gang war geschmeidig, ihre Gestalt nackt und aufrecht, und sie hatte nur ein Ziel vor Augen: das Eiland voraus. Denn dort befand sich Tibor, der junge Mann, der auf diesem Flecken Erde geboren worden war.

Liftar wusste von diesem Ziel, schließlich hatte er die Norne auserwählt und auf den Weg geschickt. Er hatte seine Schildjungfer Kyrija gebeten, diesen Schritt einleiten zu dürfen, um Tibor nochmals die Wichtigkeit des Aufbruchs zu verdeutlichen. Sie wird sein und unser Schicksal lenken, wird schaffen, was ich noch nicht vermochte, zu unser aller Gunsten. Die Weberin des Schicksals wird Vertrauen schaffen, dachte er. Das musste sein, denn der Junge war ihrer aller Schicksal und dies der Grund, warum er die Norne zu ihm schickte. Bei diesen Gedanken hob sein Herzschlag an und eine unsichtbare Kraft strömte in ihn.

„Geh und hol den Jungen“, sagte Liftar. „Geh und überbring ihm meine Botschaft. Lass dich dabei nicht von seinem selbstsicheren, unerschrockenen Eindruck vernebeln. Er trägt eben dasselbe Blut wie ich.“ Den letzten Satz sprach er leise.

Liftar sah der Schicksalsweberin nach, wie sie über das Meer Richtung Ufer schritt und wusste, was es bedeutete sie loszuschicken. Er wusste um ihre Kraft und als er sie mit den endlosen Beinen und dem im Mondlicht gelb leuchtendem Schopf über das Wasser gleiten sah – denn nicht anders konnte man es sagen – war er sich sicher: Sie würde es schaffen. Er lächelte. Ob Tibor bei ihrem Anblick standhaft bleiben würde?

Und konnte man Gleiches von der Norne behaupten? Oder verfiel sie Tibor, denn auch er, das hatte Liftar vom ersten Moment an gespürt, besaß eine für Menschen ungewöhnliche Aura. Charisma nennt man es wohl. Davon würden sie auf ihrer anstehenden Reise mehr brauchen als Tibor jetzt ahnte. So, wie noch viele Dinge mehr, gepaart mit einer guten Portion Glück. Ansonsten war ihre Mission zur Erfolglosigkeit verdammt.

„Mit einem Mann wie ihm, einem Freund wie mir und einer Schicksalhaften wie ihr, sollten wir die Schlacht beginnen können“, murmelte der Einherjer. „Und mit vielen anderen werden wir sie beenden“, fügte er wie in Trance an. Dabei war ihm klar, wie wichtig die Anderen noch werden würden und von welcher Bedeutung ihr Finden war. Wieder sah Liftar der goldenen Schicksalsweberin nach, deren Abbild immer kleiner wurde und dennoch strahlte wie eine zweite Sonne. Seine Überlegungen verschwanden bei diesem Anblick und er fragte sich, welchen Zweck die Schicksalsweberin verfolgte, dass sie sich ihm so zeigte. Denn normalerweise blieben Nornen für ihren Absender unsichtbar. Sie sind nur sichtbar für die, von denen sie gesehen werden wollen. Warum also gerade er? Wollte sie ihm zeigen, dass sie die Botschaft wirklich überbrachte und er ihr trauen konnte? Aber er hätte doch niemals an ihrer Loyalität gezweifelt! Nicht er.

Wollte sie also vielleicht einfach, dass er ihre Schönheit wahrnahm – weil sie sich gerne zeigte und Sehnsucht wecken wollte?

Sollte ihm bewusst werden, welch kostbaren Diamanten er hier aus den Tiefen gehoben hatte?

Liftar schüttelte den Kopf. Keineswegs. Diese Wesen würden solche Gefühle niemals wecken wollen. Nornen erledigten ihre Aufgabe am liebsten still und ohne Wissen Zweiter und Dritter. Eines kam ihm dann doch in den Sinn, was sie zum Ausdruck bringen wollen könnte: Vielleicht wollte sie ihm bildlich mitteilen, was alles auf dem Spiel stand und noch einmal klar machen, was alles verloren ginge, wenn er versagte. Vermutlich, denn was wusste er schon über eine Norne, außer dem, was in der Vergangenheit über sie gesprochen worden war und sich in die Geschichtsbücher und Geschichten von heute übertragen hatte.

Sie, die Schicksalsweberin Skuld, ging über das Meer wie über festen Grund. Ihre Gedanken waren das Rauschen der See, unendlich, tiefgründig und weitreichend. Sie kannte die Zukunft, und mit ihren Schwestern Urd, welche für die Vergangenheit stand und Verdandi, die für die Gegenwart stand, hatten sie das Gefüge der Alten Welt zusammengehalten, hatten im Brunnen unter dem Weltenbaum die Schicksale einzelner gesteuert. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, dass alles zusammen war, wofür sie standen. Gemeinsam malten sie ein Bild, spannten bald einen Bogen und ergaben schließlich den Weg, der die Zukunft spiegelte. So wurde von den Nornen das Schicksal gesponnen. Einst, als auch die Väter und Mütter der Götterkinder noch unter den Lebenden waren und ihre alte Welt vollkommen gewesen war, vor Ragnarök, da war ihnen diese Gabe gewiss und von Bestand gewesen. Dann aber, als alles sein Ende fand, war auch das Stricken der Zukunft immer schwächer geworden. Sie, die Nornen wurden zu Wesen, die waren wie ein Mensch ohne Augen und die umherirrten wie wirre, geistig umnebelte Menschen in ihrer dunkelsten Nacht. Irgendwann fanden sie in den Tiefen der Meere einen Anker, und dieser half ihnen die Zeit bis heute zu überstehen. Denn wie ein Mensch so brauchten auch sie im Jetzt eine Aufgabe, um sich nicht zu verlieren. Sich und den Bezug zur Neuen Welt, die aus der alten entstanden war. Sie, Skuld, wusste davon, denn sie hatte gesehen, dass der Wikinger aus Walhall und dieser junge Mann der Schlüssel waren. Die Möglichkeit, ihre Gabe wiederzuerlangen. Zumindest zu einem großen Teil. Auf die Nornen würde wieder Verlass sein und ihr Dasein einen Sinn haben. Sie, die Weberinnen des Schicksals, würden wieder in der Unendlichkeit schweben können. Und dafür würde Skuld mit allen Kräften einstehen, die ihr zur Verfügung standen.

Die Schicksalsweberin schritt immer weiter. Ohne Halt, ohne Rast aber mit einer Ruhe, als säße sie noch immer am Rad der Zeit.

Dann war sie fast da. Steiniger Grund kitzelte ihre zarten Fußsohlen. Letzte Wellen umspülten ihre Knöchel und als auch diese verschwunden waren wie letzte Fesseln, da erstarb das Rauschen des Meeres. Stattdessen schwoll ein Flüstern an. Das elfenhafte Flüstern der Norne. Und es würde geistern durch die Stadt, geistern durch die Nacht und die Träume der Menschen, um bei ihm zu landen, um ihn zu finden. Ihn, jenen Einen, zu dem sie bereits persönlich auf dem Weg war. Um ihren Körper flirrte die Luft, bildete sich zum einen goldbraunen Funkenkleid. So konnte sie ihm gegenüber treten.

Der junge Mann selbst führte sie zu ihm, er wusste es nur noch nicht. Das Flüstern hatte den Geist des Gesuchten erreicht und das Echo trug seinen Namen zu ihr: Tibor.

Und so flüsterte sie seinen Namen, einen Namen, dem sie längst ein Schicksal gegeben hatte.

Wusste Tibor, was ihn erwartete? Eine göttliche Aufgabe, denn letztlich ging es um die Zukunft. Nicht nur seine, sondern auch die vieler anderer. Und er würde über sie bestimmen – durch sein Tun oder Unterlassen, durch sein Handeln oder Nichthandeln. Durch seine Entscheidungen und Kommandos, so wie es ihm bestimmt war.

Und dann war sie da, angezogen von seinem Geist, seiner Aura. Der Mann vom Schiff hatte nicht zu wenig versprochen. Ein verruchter Gedanke machte sich in der Norne breit, den sie nicht verscheuchen konnte: Wenn sie unter ihrem Flimmerkleid nicht schon nackt wäre, für ihn hätte sie sich nackt gemacht. Gut, dass sie die Macht der Weberin verloren hatte, denn sonst hätte sich dieser Gedanke eingepflanzt und wäre ausgetrieben wie ein dorniger Rosenbusch aus einem Samen. Und sein Schicksal wäre ein ganz anderes geworden ....

Dunkelheit umhüllte Tibor. Plötzlich aber irrlichterte die Umgebung in den Farben und Formen eines Feuerwerks. Bald fanden Farben und Formen zusammen und ergaben ein Bild. Es musste das Bild eines Traumes sein. Was sonst, wenn er so etwas sah? Etwas oder jemand wie sie. „Wer bist du?“ Er stellte die Frage und sie stand im Raum ohne Antwort. Dieses feminine Wesen, sie sah ihn nur an, aus Augen die blaugrün leuchteten wie der Ozean und einem Gesicht, dessen Haut in zartem Weiß, so rein und zart schien wie eine Schneeflocke. Ihr Haar strahlte goldgelb wie der Mond. Ob sie der Himmel geschickt hat?, fragte er sich. Oder die Sterne selbst?

Nein, eher schien es ihm, als wäre sie dem Ozean entstiegen, ja als wäre sie das oder ein Kind des Ozeans. Aber was dachte er da?

Plötzlich sah er wie sich Flüssigkeit in ihren großen, weiten Augen sammelte und ihr Blick glasig wurde. Im nächsten Augenblick liefen Tränen ihre Wange herab. Tibors Magen hüpfte und krampfte sich zusammen, er konnte diesen Anblick nicht ertragen. „Warum weinst du?“, hauchte er.

Als Antwort stieg ihm der salzige Duft rauer See in die Nase, vermischt mit Tang, Sand und Muscheln. Er fühlte sich wie auf den Grund der See gezogen. Wind schien durch sein Haar zu fegen und ihn fror. Er kreuzte die Arme und rieb sich über die Schultern, wartete noch immer auf eine Antwort. Und dann endlich vernahm er sie. Ihre Stimme war wie der Schall einer Glocke und ebenso der Hall. Tibor wusste endgültig, dass er in einem Traum gefangen war.

„Ich sehe, was du nicht sehen kannst“, sagte sie. „Und jetzt, da ich vor dir stehe, sehe ich etwas, das selbst ich bis zu diesem Moment nicht wissen und erfassen konnte.“

„Was, was siehst du?“, fragte Tibor.

„Das darf ich dir nicht sagen. Es … tut mir leid.“ Sie senkte den Blick, doch der Hauch des Überirdischen blieb. Tibor war, als wären sie beide auf dem letzten warmen Flecken Erde und um sie herum der größte Sturm des Jahrhunderts. Er konnte ihn fühlen. Alles drehte sich, alles rumorte und dieser Orkan, er war gekommen um sie zu verschlingen – sie beide!

„Wer bist du?“, wiederholte Tibor die Frage vom Anfang. Und endlich antwortete sie ihm, jedoch anders als er es erwartet oder gedacht hätte: „Ich bin dein Schicksal, mein Freund.“ Und dann sagte sie in den Sturm hinein: „Du musst und wirst eine Reise antreten. Ein Mann wird wieder kommen, ihm folge, denn er wird dein Gefährte und Meister sein. Vertraue ihm, folge ihm und beschütze ihn. Denn auch er wird deine Hilfe einmal für sich benötigen, er weiß es nur noch nicht.“ Die letzten Worte waren leise gesprochen, ganz als hätte die Unbekannte sie eben erst erfahren.

Tibor drohte sich im Sturm zu verlieren, er selbst schien sich nun ebenfalls zu drehen. Ihm wurde schlecht. Der einzige Punkt im Chaos, der blieb und ihm half, noch bei Verstand zu bleiben, war sie. Dieses feminine Überwesen. „Du bist so schön“, sagte er, ohne auf ihre Worte einzugehen und um sich abzulenken. „Wirst du bei mir bleiben? Wirst du mich auf meiner Reise begleiten?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Aber ich werde dich wieder sehen?“, hakte Tibor nach und spürte, wie sein Herz schneller schlug.

Wasser schwamm in ihren Augen. War sie traurig? Er sagte: „Was ist mit dir? Was wird geschehen? Sag es mir!“ Tibor trat an sie heran, den Sturm ignorierend. Er schüttelte sie. Und da traf es ihn mit der Wucht eines Hammers: Kälte erfasste ihn, eisige Kälte und sein Atem gefror. Als er stocksteif stand und zu keiner Regung mehr fähig war, wich sie zurück. „Es … tut mir leid. Aber es ist deine Bestimmung. Dein Schicksal ist unausweichlich. Füge dich!“

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

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0+
Objętość:
170 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783742752376
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Bookwire
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