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Manfred Stede
Korpusgestützte Textanalyse
Grundzüge der Ebenen-orientierten Textlinguistik
A. Francke Verlag Tübingen
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© 2019 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen
ePub-ISBN 978-3-8233-0154-7
Inhalt
VorworteVorwort zur 2. AuflageVorwort zur 1. Auflage
Teil I Einführung und Grundbegriffe1 Einleitung und Übersicht1.1 Motivation1.2 Arbeit mit Textkorpora: Software-Werkzeuge für Annotation und Recherche1.3 Das Potsdamer Kommentarkorpus1.4 Übersicht über das Buch1.5 Übungsaufgabe2 Kohäsion, Kohärenz und Textualität2.1 Die Anfänge der Textlinguistik2.2 Kohäsion2.3 Kohärenz2.4 Textualität2.5 Korpusuntersuchungen zu Kohäsion und Kohärenz2.6 Übungsaufgaben3 Textfunktion, Textsorte und Texttyp3.1 Textfunktion3.2 Textsorte3.3 Texttyp3.4 Übungsaufgaben
Teil II Strukturstiftende Phänomene4 Referenzielle Struktur4.1 Referenz und Koreferenz4.2 Referenzielle Ketten: Globale Effekte4.3 Koreferenz: Lokale Effekte4.4 Annotation von Koreferenz in Korpora4.5 Übungsaufgaben5 Thematische Struktur5.1 Thema als Textgegenstand5.2 Textglobale thematische Strategien5.3 Lokale thematische Verknüpfung5.4 Die Sicht der Informationsstruktur5.5 Annotation thematischer Information in Korpora5.6 Übungsaufgaben6 Temporale Struktur6.1 Ereignisse in der temporalen Struktur6.2 Zeitausdrücke6.3 Annotation von temporaler Struktur in Korpora6.4 Übungsaufgaben7 Sprechhandlungen und Illokutionsstruktur7.1 Hintergrund: Sprechhandlungen7.2 Sprechhandlungen in Texten7.3 Inventar von Illokutionen7.4 Übungsaufgaben8 Argumentationsstruktur8.1 Argumentieren8.2 Argumentation im Text8.3 Annotation von Argumentationsstrukturen in Korpora8.4 Übungsaufgabe
Teil III Phänomenübergreifende Textstruktur9 Minimale Texteinheiten und ihre Verknüpfung9.1 Segmentierung von Texten9.2 Identifikation von Illokutionen9.3 Verknüpfung von Textsegmenten9.4 Annotation von Konnektoren und Segmenten in Korpora9.5 Übungsaufgaben10 Rhetorische Struktur10.1 Lokale Kohärenz durch Relationen zwischen Textsegmenten10.2 Von lokalen Relationen zu globalen Strukturen10.3 Inkrementelles Textverstehen10.4 Baumstruktur oder Graphstruktur?10.5 Fazit10.6 Annotation von rhetorischer Struktur in Korpora10.7 Übungsaufgaben11 Schluss: Entstehung von Kohärenz11.1 Die Ebenen11.2 Mehr-Ebenen-Analyse und Korpora11.3 Textkohärenz: Beziehungen zwischen Ebenen
Literaturverzeichnis
Index
Für Brigitte, Leonie und Tim
Vorworte
Vorwort zur 2. Auflage
Als im Jahr 2006 die erste Ausgabe dieses Buches entstand, waren korpusbasierte Ansätze in der Linguistik bereits recht weit verbreitet, doch für die Beschreibungsebene Text gab es nur wenige Korpora, die mit textlinguistisch relevanten Phänomenen annotiert waren – zumal für die deutsche Sprache. Das lag in erster Linie daran, dass diese Phänomene (wie etwa die Koreferenz zwischen Nominalphrasen oder die Gliederung eines Textes in seine Diskursstruktur) einerseits für eine automatische Analyse zu schwierig waren und andererseits eine manuelle Annotation mit hohem Aufwand verbunden war. Insofern war der Titel Korpusgestützte Textanalyse seinerzeit vor allem als programmatisch zu verstehen. Seither hat sich das Forschungsfeld jedoch kräftig weiter entwickelt: Auch für das Deutsche sind eine ganze Reihe interessanter Korpora entstanden, annotiert mit vielfältigen textlinguistischen Phänomenen, sowie leistungsfähige Software-Werkzeuge, die eine komfortable Recherche in diesen Korpora ermöglichen. Die vorliegende Neuauflage greift diese Entwicklungen auf und berichtet an vielen Stellen über die Möglichkeiten des Erkenntnisgewinns mit Hilfe solcher Werkzeuge. Insbesondere steht nun das frei zugängliche Potsdamer Kommentarkorpus, implementiert in der linguistischen Datenbank ANNIS3, mit seiner Mehrebenen-Annotation für praktische Übungen zur Verfügung; hier danke ich Peter Bourgonje und Thomas Krause für die technische Unterstützung.
Darüber hinaus sind alle Kapitel gründlich durchgesehen und teilweise ergänzt worden, um neuere Entwicklungen der Textanalyse zu integrieren.
Potsdam, im Juni 2018 Manfred Stede
Vorwort zur 1. Auflage
Dieses Buch nähert sich der Aufgabe Textanalyse aus zwei verschiedenen Richtungen: Das grundsätzliche Anliegen, Strukturen in Texten aufzudecken und nach der Entstehung von Kohärenz zu fragen, ist das der Textlinguistik. Auch die Idee, dafür eine Reihe unterschiedlicher Ebenen heranzuziehen, wird von verschiedenen Autor/innen der Textlinguistik vertreten. Sie ist jedoch ebenso in der Computerlinguistik prominent, und damit geht der Versuch einher, die Aufteilung in Ebenen und die Untersuchung ihrer Zusammenwirkung möglichst systematisch zu betreiben. Hinzu kommt die Betonung der Rolle eines datenorientierten Vorgehens, das (neben der Korpuslinguistik, per definitionem) gleichfalls in der Computerlinguistik seit vielen Jahren gründlich verankert ist. Während meiner Beschäftigung mit der Thematik fiel mir auf, wie merkwürdig separat die Disziplinen Textlinguistik und Computerlinguistik allerdings nebeneinander zu existieren scheinen: Die Textlinguistik nimmt kaum einmal die durchaus interessanten Ergebnisse der textbezogenen Computerlinguistik auf. Und in der Computerlinguistik werden mitunter Räder neu erfunden, die vor vielen Jahren in der Textlinguistik bereits bekannt waren, wenn auch möglicherweise noch nicht hinreichend formalisiert. Diese Entwicklung ist bedauerlich, und es erscheint mir wichtig, die beiden Disziplinen stärker aufeinander aufmerksam zu machen. Sollte das Buch dazu einen Beitrag leisten, so wäre ein Ziel erreicht.
Das Buch möchte Studierenden einen Überblick über die verschiedenen Ebenen der linguistischen Textanalyse vermitteln. Weil am Ende die Einsicht in das Zusammenwirken der unterschiedlichen Ebenen stehen soll, ist das Unterfangen relativ „breit“ angelegt – wir behandeln eine ganze Reihe recht unterschiedlicher Themen. Dies bedingt, dass bei der Diskussion der Einzelebenen einiges nur kursorisch besprochen wird, was von Fall zu Fall unbefriedigend erscheinen mag. Ich habe jedoch versucht, am Ende jedes Kapitels Hinweise auf geeignete weiterführende Lektüre zur jeweiligen Ebene anzugeben.
Das Buch entstand im Verlauf dreier Veranstaltungen des Proseminars Textstrukturen an der Universität Potsdam. Allerlei Anregungen aus den Diskussionen mit Seminarteilnehmer/innen flossen in die Überarbeitungen ein. Besonders bedanken möchte ich mich bei Eva Breindl, Christian Chiarcos, Stefanie Dipper, Michael Grabski, Alexander Mehler und Georg Rehm für ihre wertvollen Hinweise zur Verbesserung früherer Versionen einzelner Kapitel. Andreas Peldszus half bei einigen technischen Problemen und der Gestaltung von Abbildungen. Doch wie immer gilt: Für alle verbleibenden Fehler ist allein der Autor verantwortlich.
Potsdam, im März 2007 Manfred Stede
Teil I Einführung und Grundbegriffe
1 Einleitung und Übersicht
1.1 Motivation
Texte sind vielschichtige Objekte. Lesen wir einen, so geschehen vielerlei Dinge mit uns: Unter anderem rufen wir die einzelnen Wörter oder Phraseme (Mehrworteinheiten) in unserem mentalen Lexikon ab; analysieren wir seine Sätze und ihre Bestandteile mit Hilfe unseres grammatischen Wissens; machen uns ein Bild von der Bedeutung der Sätze; stellen dazu Zusammenhänge zu anderen Sätzen her (z.B. beim Verstehen eines Pronomens); setzen auch die einzelnen Satzbedeutungen zueinander in Beziehung (z.B. beim Herstellen eines Kausalzusammenhangs, der nicht explizit ausgedrückt ist); stellen fest, „worum es geht“ und registrieren Themen-Wechsel an bestimmten Textstellen; nehmen den Stil des Textes wahr: auf welche Weise spricht die Autorin oder der Autor mit uns; identifizieren wir gelegentlich versteckte Präsuppositionen und interpretieren unscheinbare Andeutungen; erkennen wir (oder glauben zu erkennen), was man uns mit diesem Text wirklich sagen will, welchen Zweck der Text erfüllen soll. All dies und mehr geschieht sehr schnell und zur gleichen Zeit – der Text geht nicht wie ein Computerprogramm „Schritt für Schritt“ vor und serviert uns solcherlei Informationseinheiten und Verarbeitungsanweisungen in sauberer Reihenfolge, sondern lässt uns in hohem Maße parallel arbeiten, also rezipieren und konstruieren. Ein Blick auf die Etymologie des Wortes TextTextEtymologie, wie ihn etwa Mistrik (1973, S. 10) vornahm, verdeutlicht die Komplexität:
Das Verständnis dieses Begriffes wird uns durch den Rückgriff auf die ursprüngliche Bedeutung des lateinischen Verbums texo, texere und des lateinischen Substantivums textus erleichtert: texo, texere heißt weben, flechten, zusammenfügen, bauen; textus heißt Gewebe, Geflecht, Zusammenhang, Gefüge. Ein Text ist also ein kompaktes Ganzes, dessen Inneres auf eine bestimmte Weise geflochten, d.h. aus der Fügung sprachlicher Elemente entstanden ist. Er ist eine in sich geschlossene sprachliche Äußerung im allgemeinen Sinne.
Mistrik betont hier auch, dass bei aller Komplexität ein (guter) Text am Ende die verschiedenen Fäden wieder zusammen laufen lässt, den Eindruck der Abgeschlossenheit vermittelt. Nach der Lektüre kann der Leser mit der Autorin übereinstimmen oder nicht, kann feststellen, dass vielleicht einige inhaltliche Fragen offen geblieben sind; doch das Lese-Erlebnis als solches ist erfolgreich beendet, wenn sich das Gefühl einstellt, das Anliegen des Textes insgesamt verstanden zu haben.
Wie aber „funktioniert“ ein solch komplexes Lese-Erlebnis? Wie gelingt es dem Text, uns ein solches Erlebnis zu verschaffen? Aus linguistischer Sicht ist dies bislang nur in einzelnen Ansätzen verstanden. Es gibt relativ gut ausgearbeitete Modelle für bestimmte Aspekte (z.B., wie finden wir ein Antezedens für ein Personalpronomen), aber es gibt keine umfassende Erklärung für das Zusammenwirken der verschiedenen Teilaufgaben, die wir beim Lesen bearbeiten. Dass man sich für die Suche nach einer solchen Erklärung auf ganz unterschiedliche Beschreibungsebenen begeben muss, dürfte heute weitgehend unstrittig sein. Bereits im Modell von Grosz u. Sidner (1986) ist von drei verschiedenen Strukturen die Rede (die allerdings nicht gleichermaßen ausgearbeitet wurden): einer intentionalen, einer aufmerksamkeitssteuernden (attentional) und einer linguistischen Struktur. Ähnlich unterscheidet Nussbaumer (1991) eine funktional-illokutive Ebene (Handlungsstruktur), eine inhaltlich-propositionale Ebene, sowie eine sprachlich-ausdrucksseitige Ebene. Sehr reichhaltig ist das Programm der Untersuchung dieser Vielfalt in dem Band Ebenen der Textstruktur (Motsch, 1996) artikuliert. Auch Brinker (2005) betont, dass künftige Forschung die einzelnen Ebenen zunächst isolieren und dann systematisch miteinander verbinden müsse. Allein fehlt bis heute eine Theorie, die auf der Grundlage sorgfältig ausgearbeiteter Einzelebenen dann genau das Zusammenwirken dieser Ebenen erklären könnte. Dieses Ziel wurde vor einiger Zeit bereits sehr eingängig von Brandt u. Rosengren (1992, S. 9, Hervorh. durch MS) formuliert:
Einigkeit besteht heute darüber, dass Texte multidimensionale Gebilde sind (…) In (Motsch 1990a) liegt ein Versuch vor, die einzelnen Ebenen zu identifizieren. Diese kurze Übersicht zeigt, dass die vielen theoretischen Ansätze, die oft neben- und unabhängig voneinander konzipiert wurden und häufig auch nur einen Aspekt des Textes beleuchten, in einem generellen Modell zueinander in Bezug gesetzt und an authentischem Material überprüft werden müssen. Ein solches Modell kann nicht auf Anhieb ausgearbeitet werden.
Auch heute ist dieses Modell noch nicht in Sicht; bei der Feststellung, dass es „nicht auf Anhieb“ entwickelt werden kann, dürfte es sich mithin um eine milde Formulierung handeln. Eine andere Untersuchung, die sich ebenfalls diesem Ziel verschreibt, ist die von Schröder (2003), der formuliert (S. 1, Hervorh. im Original):
Entscheidend ist, dass die multidimensionale Textstruktur als ein Zusammenspiel aus verschiedenartigen Ebenen begriffen wird. Daraus folgt, dass die unterschiedlichen Ebenen der Textstrukturierung nicht nur getrennt und sozusagen ‚nebeneinander‘ existieren, sondern dass sie sich gegenseitig auch beeinflussen und untereinander in einem Verhältnis wechselseitiger Abhängigkeiten stehen.
Für Schröder steht dann speziell die Handlungsstruktur im Mittelpunkt der Betrachtung, während es uns hier darum geht, nicht eine bestimmte Ebene vertieft zu behandeln, sondern mehrere Ebenen gleichermaßen zur Sprache zu bringen, und die Aufmerksamkeit auf die besagten wechselseitigen Abhängigkeiten zu richten. Um einen Beitrag zu dem eher langfristigen Ziel der Modellierung des Zusammenwirkens zu leisten, schlagen wir zwei, ihrerseits miteinander verwobene, Wege ein:
Wir versuchen, für eine Reihe interessanter Beschreibungsebenen den jeweiligen „Stand der Kunst“ darzustellen, also Material zusammen zu tragen, das für die Ebene grundlegend ist und auf dessen Basis die Entwicklung präziserer Modelle möglich sein sollte.
Wir betonen die wichtige Rolle von Daten als Grundlage der Erkenntnissuche und der Theoriebildung. Für die Untersuchung des linguistischen Objekts Satz sind Korpora und insbesondere mit syntaktischer Information angereicherte (sog. ‚annotierte‘) Daten in Gestalt von ‚Baumbanken‘ heute bereits zu einer sehr wichtigen Informationsquelle für viele Syntaktiker geworden. Für den Text ist dieser Perspektivenwechsel bisher – zumindest was die Arbeit mit annotierten Daten betrifft – noch weniger vorangeschritten.
So wie bestimmte Satz-Baumbanken für Computerlinguisten, aber auch für weniger Computer-orientierte Syntaktiker, die gemeinsame Datenbasis darstellen, anhand derer Hypothesen geprüft, weiterentwickelt und miteinander verglichen werden können, kann auch die Untersuchung von Texten erheblich von annotierten Korpora profitieren, anhand derer sich Phänomene aufzeigen lassen, die dann eben auch von Dritten nachvollzogen und weiter intepretiert werden können. Voraussetzung dafür ist freilich, dass die Annotationen einerseits nachvollziehbar und andererseits nützlich sind. Für die Textanalyse bedeutet das – und damit schließt sich unser Kreis – gut motivierte, voneinander getrennte Analyse-Ebenen, die einerseits in sich selbst schlüssig begründet sein müssen und andererseits dann das Auffinden von Korrelationen zwischen diesen Ebenen ermöglichen. Wenn, wie von den oben zitierten (und weiteren) Autoren richtigerweise betont, das Wechselspiel zwischen verschiedenen Ebenen letztlich die TextualitätTextualität hervorbringt, dann setzt eine systematische Untersuchung dieser Phänomene eine geeignete Datengrundlage voraus: Texte, die gleichzeitig auf unterschiedlichen Ebenen annotiert sind. Dass die Arbeit mit solchen Text-Daten heute möglich ist, verdanken wir den korpus- und computerlinguistischen Entwicklungen der letzten Jahre. Die technische Seite wird in diesem Buch öfters zur Sprache kommen, sie ist aber auch kein zwingender Bestandteil der Lektüre: Die zentrale Diskussion der einzelnen Beschreibungsebenen wird rein inhaltlicher Natur sein.
Unser Untersuchungsgegenstand sind allein geschriebene Texte, und wir treffen hier auch die oft übliche Einschränkung auf sog. Gebrauchstexte. Um dem komplexen „Funktionieren“ von Texten auf die Spur zu kommen, sollte man einerseits mit „richtigen“ Texten arbeiten und nicht allein mit handgefertigten Beispielen, andererseits aber die Komplexität auch begrenzen: Wie etwa Dichtung oder spielerische Werbetexte funktionieren, werden wir hier nicht untersuchen. Sämtliche multimedialen Aspekte bleiben ebenfalls von der Betrachtung ausgeschlossen. Bedingt durch das unseren eigenen Untersuchungen meist zugrunde liegende Korpus, das Potsdamer KommentarkorpusPotsdamer Kommentarkorpus, gibt es darüber hinaus einen gewissen Schwerpunkt auf Phänomenen in argumentativen Texten; doch die meisten Kapitel und Abschnitte sind unabhängig von dieser Wahl und gleichermaßen für andere Texttypen gültig.
1.2 Arbeit mit Textkorpora: Software-Werkzeuge für Annotation und Recherche
Im Folgenden gehen wir kurz auf die technische Seite einer korpusgestützen Textanalyse ein. Eine Reihe der Übungsaufgaben in den folgenden Kapiteln basieren auf den hier besprochenen Software-Werkzeugen. Es sei aber noch einmal betont, dass das Buch ggf. auch vollständig ohne die Komponente der Korpus-Recherche gelesen und bearbeitet werden kann.
Die Arbeit mit Textkorpora kann im Prinzip beginnen, sobald eine Sammlung von Textmaterial, das nach bestimmten Kriterien ausgewählt wurde, zusammengestellt ist.1 Mit geeigneten Software-Werkzeugen lassen sich dann Untersuchungen der Wortfrequenz, von Kollokationen etc. durchführen (Hinweise auf solche Werkzeuge finden sich auf der Homepage zum Buch).
Für viele Zwecke entsteht allerdings ein eherblicher Mehrwert, wenn die Texte nicht nur „roh“ vorliegen, sonden mit linguistischer Information annotiert sind. Unter Annotation verstehen wir die Anreicherung von „Primärdaten“ (in unserem Fall: Texten) mit Informationen, die aus linguistischer Interpretation hervorgehen. Dabei kann es sich um ganz unterschiedliche Arten von Information handeln: part-of-speech tags, Syntax-Bäume, Sprechakte uvm. Der eigentliche Annotationsvorgang geschieht für manche Informationsarten vollautomatisch, wie üblicherweise bei der morphologischen Analyse und dem part-of-speech tagging (der Annotation mit Wortart-Information). Diese automatische Bearbeitung ermöglicht es den großen deutschsprachigen online-Korpussammlungen cosmas2 (IDS Mannheim) und DWDS3 (BBAW), Abfragemöglichkeiten anzubieten, die verschiedene Flexionsformen zum eingegebenen Wort finden, typische Wortkookkurrenzen berechnen, oder Wortsuche bei zusätzlicher Angabe der Wortart (zur Desambiguierung) ausführen.
Wenn eine Annotationsaufgabe so schwierig ist, dass sie einstweilen nicht oder nur mit ungenügender Ergebnisqualität automatisierbar ist, dann muss sie manuell durch geschulte Annotatoren ausgeführt werden. Dies ist bei allen in diesem Buch besprochenen Ebenen der Fall, auch wenn für einige davon bereits automatische Lösungen mit durchaus beachtlicher – aber eben nicht perfekter – Qualität existieren. Auch für die manuelle Annotation sind aber geeignete Software-Werkzeuge erforderlich, die vor allem diese zwei Zwecke erfüllen:
Das Werkzeug kann den jeweiligen Typus der Annotation durch eine geeignete Visualisierung und ein zugeschnittenes Bedienungskonzept optimal unterstützen und dadurch hohe Effizienz ermöglichen.
Die entstehenden Daten können in geeigneten Formaten abgespeichert werden, die eine einfache Weiterverarbeitung erlauben.
Mit anderen Worten: Linguistische Annotation sollte in aller Regel nicht mit dem gebräuchlichen Textverarbeitungs- oder Tabellenkalkulationsprogramm erfolgen. In den späteren Kapiteln gehen wir jeweils am Ende auf die konkrete Annotationsaufgabenstellung ein, nennen geeignete Werkzeuge, und geben weitere Hinweise auf der Homepage.
Aufwändige Annotationen entfalten ihre Wirkung freilich erst, wenn man nach ihnen auch recherchieren kann. Für die Syntax bedeutet dies vor allem die Suche in Datenbanken, die speziell auf Baumstrukturen zugeschnitten sind. Ebenso gibt es aber auch Korpora, die auf der Text-Ebene annotiert sind, beispielsweise für die Koreferenz zwischen Nominalphrasen (siehe Kap. 4). Auch dafür benötigt man dann spezielle Abfrage- und Auswertungswerkzeuge, um aus den Daten Erkenntnisse zu ziehen. (In manchen Fällen gestattet bereits das Annotationswerkzeug auch die Recherche, oft ist das aber nicht der Fall.)
Von besonderem Interesse ist es nun, wenn dieselben Primärdaten mit einer Reihe von ganz unterschiedlichen Annotationen versehen sind, aus deren Kombination sich dann – sei es durch manuelle Recherche oder durch statistische Auswertung – neue Erkenntnisse gewinnen lassen. Dies entspricht dem oben (S. 14) wiedergegebenen Zitat von Brandt u. Rosengren (1992), wonach Ebenen zueinander in Beziehung gesetzt werden, indem man sie an authentischem Material prüft. Möchte man dies an einigermaßen umfangreichem Textmaterial tun, so ist eine Automatisierung mittels einer Datenbank unerlässlich.
Damit dieses Szenario der MehrebenenannotationMehrebenen-Annotation (engl. multi-level annotation) funktioniert, muss eine gewisse Systematik eingehalten werden, damit diese Ebenen einerseits separat recherchiert und ggf. auch verändert werden können. Um andererseits Korrelationen zwischen einzelnen Annotationsebenen aufdecken zu können, müssen alle Annotationen technisch mit den Primärdaten in derselben Weise verbunden sein. Dies wird durch eine sogenannte standoff-AnnotationStandoff-Annotation erreicht, bei der sowohl der Primärtext als auch jede Analyse-Ebene jeweils in einer einzelnen Datei gespeichert und die Verbindungen zwischen den Ebenen durch „Zeiger“ realisiert werden. Eine technische Grundlage dafür ist XMLXML (‚eXtensible Markup Language‘) als standardisiertes Austauschformat für Daten zwischen verschiedenen Software-Systemen. Der große Vorteil ist, dass man für die verschiedenen Analyse-Ebenen jeweils spezielle Werkzeuge benutzen kann, die auf die zugrunde liegenden Strukturen zugeschnitten sind und damit ein möglichst effektives Arbeiten erlauben.
Abbildung 1.1:
Architektur der Daten-Annotation mit ANNIS
Annotiert man nun jeweils denselben Text mit verschiedenen Werkzeugen auf verschiedenen inhaltlichen Ebenen, müssen anschließend alle resultierenden Annotationen wieder zusammengefügt werden. Dies geschieht in einer linguistischen Datenbank, die dann die Recherche erlaubt. Abb. 1.1 illustriert diese Konzeption: Die Annotationswerkzeuge auf der linken Seite (die dort genannten werden im Verlauf des Buches kurz angesprochen werden) erzeugen jeweils eigene XML-Dateien, die dann in einem geeigneten Austauschformat (wie zum Beispiel PAULA, Dipper (2005)) zusammengeführt und in die Datenbank (wie zum Beispiel ANNIS; siehe unten) eingespeist werden. Zusätzlich können weitere Werkzeuge für die statistische Auswertung der Daten benutzt werden; dieses Thema werden wir in diesem Buch aber nicht weiter besprechen.
Eine Alternative besteht darin, ein universelleres Annotationswerkzeug zu benutzen, mit dem sich unterschiedliche Typen von Information annotieren lassen; in diesem Fall entfällt die Zusammenführung der verschiedenen Annotationsformate. Es sollte aber stets abgewogen werden, ob dieser Vorteil nicht dadurch gemindert wird, dass das Werkzeug für einige der Annotationsschritte möglicherweise nur bedingt geeignet ist oder eine umständliche Handhabung mit sich bringt.
ANNIS
Weil die Datenbank in der Lage sein muss, für dieselben Primärtexte ganz unterschiedliche Annotationsschemata recherchierbar bereitzustellen und die Suchergebnisse angemessen zu visualisieren, sind Standard-Textdatenbanken für unseren Zweck nicht verwendbar. Die für dieses spezielle Szenario konzipierte linguistische Datenbank ANNIS entstand in einer ersten Version in den frühen 00er Jahren an der Universität Potsdam4 (Dipper u.a., 2004) und wurde später an der Humboldt Universität zu Berlin ausgiebig weiterentwickelt (Krause u. Zeldes, 2016). Es handelt sich um eine open-source software, die in der aktuellen Version ANNIS3 von der Webseite ‚corpus-tools.org‘ bezogen werden kann.5
Abbildung 1.2:
Bildschirmabzug von ANNIS3 (Ausschnitt)
ANNIS zeigt die verschiedenen Annotationsebenen zu einem Text jeweils in einer Form, die dem Annotationstyp entspricht. In dem Bildschirmabzug in Abbildung 1.2 (der nur einen Ausschnitt der Benutzeroberfläche zeigt) sind für denselben Textausschnitt die morphosyntaktischen Informationen, Syntax-Bäume, sowie die Koreferenz-Markierungen (vgl. Kap. 4) angezeigt. Weitere Annotationsebenen können nach Wunsch aufgeklappt werden.
Die Suchfunktion von ANNIS gestattet die Formulierung von Anfragen, die mehrere Annotationsebenen miteinander verbinden. Angenommen, zu den gespeicherten Texten liegen Annotationen zur Syntax, zum Informationsstatus der Diskursgegenstände und zur rhetorischen Struktur vor, so ist es beispielsweise möglich, alle Textstellen zu finden, in denen
1 eine Präpositionalphrase am Satzanfang steht,
2 der in der dort eingebetteten NP denotierte Diskursgegenstand brand-new ist, und
3 die PP als Satellit der Kohärenzrelation Concession verwendet wird.
Ein entsprechender Satz könnte lauten: Trotz einer Verwarnung durch die Schiedsrichterin ging Leonie weiter mit großem Elan in die Zweikämpfe. Wie die Suchsprache AQL (‚ANNIS Query Language‘) benutzt wird, ist in den Hilfeseiten beschrieben, die in ANNIS integriert sind. Einführende Hinweise für den Start finden sich auch auf der Homepage zu diesem Buch (unter www.narr-studienbuecher.de), wo auch die URL einer öffentlich nutzbaren ANNIS-Installation angegeben ist, mit der das Potsdamer Kommentarkorpus bearbeitet werden kann.
1.3 Das Potsdamer Kommentarkorpus
In der Entstehungszeit von ANNIS wurde auch das ‚Potsdamer Kommentarkorpus‘ (PCC) als exemplarisches Korpus für die Mehrebenen-Annotation entwickelt (Stede, 2004). Es besteht aus 174 Texten aus der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ), die ursprünglich auf den Ebenen Satzsyntax, nomnale Koreferenz und Rhetorische Struktur annotiert wurden. In der aktuellen Version PCC 2.01 (Stede u. Neumann, 2014) sind Konnektoren und ihre Argumente hinzugekommen. Die der Annotation zugrunde liegenden Richtlinien sind in dem online frei zugänglichen Band (Stede, 2016a) zusammengefasst. Alle Texte stammen von den Kommentarseiten der MAZ aus den frühen 00er Jahren und sind etwa 12–14 Sätze lang. Das PCC ist in ANNIS3 online verfügbar und kann für Korpusabfragen zu den meisten der in Teil II des Buches diskutierten Annotationsebenen verwendet werden. Eine ausführlichere Darstellung der Hintergründe des Korpus und der zugrunde liegenden Design-Entscheidungen beim PCC findet sich in (Stede, 2016b).
1.4 Übersicht über das Buch
Der Teil I ‚Einführung und Grundbegriffe‘ wird im folgenden Kapitel mit einer Diskussion der Schlüsselbegriffe Kohäsion und Kohärenz fortgesetzt, die üblicherweise als die zentralen Merkmale der Textualität verstanden werden. Anschließend stellen wir Konzeptionen zu den miteinander verwandten Begriffen Textfunktion, Textsorte und Texttyp vor und betonen hier auch die wichtige Rolle von Korpora für den Erkenntnisgewinn (Kap. 3).
Teil II des Buches widmet sich den verschiedenen Ebenen der Textanalyse. Zunächst geht es um die Referenzielle Struktur (Kap. 4), dann um die Thematische Struktur und die Verbindung zur Informationsstruktur von Sätzen (Kap. 5). Nach einem Blick auf Temporale Struktur (Kap. 6) wenden wir uns den Sprechakten und der daraus hervorgehenden Konzeption einer Illokutionsstruktur zu (Kap. 7). Den Abschluss bildet eine genauere Betrachtung des Typus der argumentativen Texte und ihrer Struktur (Kap. 8).
Teil III untersucht exemplarisch einen Ansatz, der sich nicht nahtlos in die Ebenen-Darstellung integrieren lässt, weil er einen umfassenderen Anspruch auf „die“ linguistisch motivierte Textstrukur erhebt. Hiernach kann ein Text in seine strukturell-relevanten minimalen Einheiten zerlegt werden (Kap. 9), die dann durch sogenannte Kohärenzrelationen zu einer Rhetorischen Struktur zusammengefügt werden (Kap. 10).
Am Schluss fasst Kapitel 11 dann das zentrale Anliegen noch einmal zusammen, weist exemplarisch auf Wechselwirkungen zwischen einzelnen Ebenen hin, und nimmt im Lichte der in Teil II und III diskutierten Fragen abermals die Frage nach der Kohäsion, der Kohärenz und der Textstruktur(en) unter die Lupe.
Die einzelnen Kapitel sind so konzipiert, dass sie zwar nach einer gewissen Logik aufeinander folgen, doch sie lassen sich recht problemlos auch einzeln bearbeiten, wenn sich das Lese-Interesse auf ausgewählte Themen richtet.
Abschließend zwei Hinweise zur Terminologie: (i) Die Frage der Verwendung geschlechts/un/spezifischer Bezeichnungen behandeln wir in diesem Buch durch zufälligen Wechsel zwischen maskuliner und femininer Form. (ii) Die „handelnden Personen“ rund um den Text bezeichnen wir meistens als ‚Autorin‘ oder ‚Verfasser‘ und ‚Leser‘, doch mitunter (etwa bei der Diskussion von Sprechhandlungen) verwenden wir auch andere Begriffe wie ‚Sprecher‘, ‚Hörerin‘, ‚Adressat‘ oder ‚Rezipientin‘, ohne damit jeweils wichtige theoretische Unterscheidungen zu verbinden.
1.5 Übungsaufgabe
Wählen Sie aus dem Online-Angebot einer Tageszeitung einen nicht zu langen Kommentar (10–15 Sätze) aus und speichern Sie ihn in einer „plain text“ Datei. Der Kommentar sollte nicht allzu schwierig sein in dem Sinne, dass er eher arm an komplexen syntaktischen Konstruktionen sein und möglichst keine wiedergegebene wörtliche Rede enthalten sollte. Dieser Text wird die Arbeitsgrundlage für viele der Übungsaufgaben der nachfolgenden Kapitel sein. Falls Sie planen, den technischen Anregungen zu folgen und spezielle Software-Werkzeuge für die Annotation Ihres Kommentars einzusetzen, können Sie in Ihrem Text Umlaute und Sonderzeichen ersetzen, um etwaige ärgerliche und zeitraubende Zeichensatz- und Konvertierungs-Probleme von vornherein zu vermeiden. Aber auch, wenn Sie sich mit spezieller Software nicht befassen wollen, werden Sie vielleicht die verschiedenen Anmerkungen zu Ihrem Kommentar speichern und wiederfinden wollen. In diesem Fall brauchen Sie eine Datei und nicht nur einen Papier-Ausschnitt.
2 Kohäsion, Kohärenz und Textualität
Dieses Kapitel wirft zunächst einen Blick auf die Wurzeln der Textlinguistik und beleuchtet dann in Kürze die wesentlichen Phänomene der Kohäsion und Kohärenz. (Diese werden in den nachfolgenden Kapiteln dann vertieft dargestellt.) Weitere Phänomene der Textualität werden angesprochen und Beispiele für die Untersuchung annotierter Korpora genannt.
2.1 Die Anfänge der Textlinguistik
In den 1960er Jahren, einer durch die bahnbrechenden Entwicklungen von Chomskys Generativer Transformationsgrammatik ausgelösten „Blütezeit der Syntax“, waren die Untersuchungsgegenstände der Linguistik das Morphem, das Wort, die systematischen Wortgruppen bzw. Konstituenten und der Satz. Nur wenige Sprachwissenschaftler zeigten sich von dieser Konzentration auf die Satz-Beschreibung unbefriedigt und meldeten Interesse an, auch satzübergreifende Phänomene zum Ziel linguistischer Untersuchung und Theoriebildung zu machen, mithin den Text als linguistische Einheit zu begreifen.
Einer der wesentlichen Auslöser der Beschäftigung mit Texten war der Wunsch, die Funktion und Bedeutung von PronominaPronomina linguistisch zu erklären. Pronomina sind die augenfälligsten sprachlichen Mittel, die Bezüge zwischen Sätzen herstellen. Hier ein auch von Linke u.a. (1994) zitiertes Textbeispiel aus einem Roman:
(2.1) Ich glaube, dann war Nadja dran. Sie hatte sich für Jura beworben und wußte längst, daß sie zugelassen war. Sie hatte es telefonisch erfahren, und sie hatte mittlerweile auch einen Förderungsvertrag mit Patenschaft und so unterschrieben. Sie kriegte dann aber irgendwie Kontakt mit einer frustrierten Richterin, die den Laden von innen kannte. Von da an wollte Nadja nicht mehr.(Thomas Brussig: Wasserfarben)
Mit Ausnahme eines einzelnen Teilsatzes ist kontinuierlich die Rede von Nadja, auf die nach der ersten Erwähnung durchgehend mit dem Personalpronomen sie verwiesen wird – bis zum letzten Satz, wo wieder ihr Name genannt wird, entweder um der drohenden Monotonie zu begegnen, oder um einer möglichen Verwechslung mit der Richterin vorzubeugen. Der Autor hat bei der Wahl seiner referierenden AusdrückeReferenzieller Ausdruck (auch ‚referenzielle Ausdrücke‘ genannt) viele Freiheiten: Er kann Eigennamen, Pronomen, umschreibende Nominalphrasen (NP) verwenden. Gleichzeitig unterliegt er aber auch Beschränkungen, denn das intendierte Bezugsobjekt muss von der Leserin auch ohne allzu viel Mühe rekonstruiert werden können. Solcherlei Beobachtungen zum Wechselspiel zwischen Wahlfreiheit und Einschränkung bei der Textproduktion weckten das Interesse derjenigen, die den Blick über den sprichwörtlichen Tellerrand des Satzes hinaus richteten.
Eine der „Pionierarbeiten“ der Textlinguistik war die Dissertation von Roland Harweg (1968), in der er die unterschiedlichen Arten von PronominaPronomina klassifizierte und ihre Rolle im Text untersuchte. Da er einen sehr weiten Begriff verwendete und auch einige definite NPs unter ‚Pronomina‘ subsumiert, definierte er dann auch ‚Text‘ als „ein durch ununterbrochene pronominale Verkettung konstituiertes Nacheinander sprachlicher Einheiten.“ Als weiteren Wegbereiter der Textlinguistik nennt Adamzik (2004) vor allem Peter Hartmann (s. etwa Hartmann, 1968), der u.a. das Augenmerk auf die Funktion von Texten (im Gegensatz zu ihrer strukturellen Beschreibung) richtete und deutlich machte, dass Sprecher nicht in Worten, auch nicht in Sätzen, sondern mit Sätzen aus Worten in Texten sprechen, mithin der Text der primäre Untersuchungsgegenstand der Sprachwissenschaft sei. Ähnlich hatte auch Harald Weinrich mit seiner vielbeachteten Arbeit Tempus (Weinrich, 1964) dem Satz den Status als Haupt-Gegenstand der Linguistik abgesprochen; später legte er konsequenterweise dann auch eine Textgrammatik der deutschen Sprache vor (Weinrich, 2005, 3. Aufl.).
„Phasen“ der Textlinguistik
Nach Adamzik (2004) lässt sich die bis zur Jahrtausendwende durchgeführte Textlinguistik-Forschung (im deutschsprachigen Raum) grob in drei Phasen einteilen:
1 die transphrastische Phase, die Phänomene der Satzverknüpfung untersucht;
2 die kommunikativ-pragmatische Phase, die Texte als komplexe sprachliche Handlungen auffasst und analysiert;
3 die kognitivistische Phase, die die kognitiven Prozesse der Produktion und Rezeption bei Sprachbenutzern in den Mittelpunkt stellt.
In den letzten etwa zehn Jahren wurde die Linguistik dan insgesamt stark von der Hinwendung zu authentischen Sprachdaten beeinflusst, wodurch eine empirisch fundierte Theoriebildung befördert wurde. Im vorliegenden Buch nehmen wir ebenfalls diese Perspektive ein und richten den Blick auf die Arbeit mit Korpora, die für die Beschreibungsebene Text vielfältig annotiert sind.
Um Sätze oder Teilsätze miteinander zu verbinden, sind die oben genannten Pronomina ein prominentes, aber keineswegs das einzige sprachliche Mittel. Solche Verbindungen kommen immer dann zum Tragen, wenn die Interpretation einer sprachlichen Einheit die Interpretation einer anderen zur Voraussetzung hat. Wir sprechen dann von Kohäsion zwischen solchen Einheiten und nennen die entsprechenden Signale an der sprachlichen Oberfläche kohäsionsstiftende Mittel.
2.2 Kohäsion
Zur Motivation dieses Themas zitieren Halliday u. Hasan (1989) das Beispiel eines stand-up comedian, der auf die Bühne trat und seinen Vortrag mit den Worten begann: So we pushed him under the other one. Dies ist (zumindest bis unmittelbar nach der Äußerung des Satzes) ein Exemplar eines rundum misslungenen Textes, der eine Anzahl unauflösbarer Verweise enthält – sozusagen ein vorgetäuschter Text, der Kohäsionsmittel einsetzt, aber dabei keinen Sinn vermittelt. KohäsionKohäsion ist also allein ein Aspekt der sprachlichen Oberfläche. In gewöhnlichen Texten geht sie mit Sinnhaftigkeit (der im nächsten Abschnitt zu besprechenden Kohärenz) einher, doch ist diese Verbindung eben nicht zwangsläufig gegeben.
2.2.1 Kohäsionsmittel
Welche sprachlichen Mittel gibt es, um solcherlei Kohäsion herzustellen? Nach Bußmann (2002) handelt es sich „im Wesentlichen um Erscheinungen der Wiederholung, Ersetzung und Verknüpfung.“ Die nachfolgende Liste ist eine Kombination und Ergänzung aus ähnlichen Listen von Halliday u. Hasan (1989), Linke u.a. (1994) und Bußmann (2002). Die Phänomene werden hier nur kurz erwähnt, und die meisten werden in späteren Kapiteln dann ausführlicher behandelt.
RekurrenzRekurrenz bezeichnetKoreferenz nachKohäsion Linke u.a. (1994) die „materielle Wiederaufnahme eines einmal eingeführten Textelements im nachfolgenden Text.“ Dies kann durchgehende Koreferenz (Bezugnahme auf denselben Gegenstand; s.u.) einschließen wie in Beispiel 2.2 mit Vogel oder auch nicht, wie in Beispiel 2.3 (Mutter); der letztgenannte Fall wird häufig als weniger kohäsiv angesehen als der erste.
(2.2) Gestern habe ich einen Vogel beim Nestbau beobachtet. Der Vogel war ganz klein, hat aber trotzdem ziemlich große Zweige angeschleppt. Als Nistplatz hatte sich der Vogel ausgerechnet die Nische über unserem Rollladenkasten ausgesucht.
(2.3) Meine Mutter ist sehr ängstlich und denkt immer gleich das Schlimmste. Annas Mutter ist da viel pflegeleichter: Die lässt ihre Tochter abends auch allein weggehen. So eine Mutter wäre mir ja auch lieber.
Rekurrenz liegt auch vor, wenn zwei Wörter in unterschiedlichen Flexionsformen gebraucht werden, also zum Beispiel zwischen Mutter und Mütter.
SubstitutionSubstitution ist die Wiederaufnahme eines Textelements mit identischem Referenzobjekt, aber unterschiedlicher lexikalischer Realisierung. Typisch für Substitution sind die lexikalischen Relationen der (Quasi-) Synonymie, Hyponomie (Unterbegriff) und Hyperonymie (Oberbegriff). Typischerweise wird bei der späteren Wiederaufnahme ein Hyperonym gewählt: Gegen 19 Uhr trat ein Damhirsch aus dem Wald. Nachdem er die Hasen verscheucht hatte, knabberte der Hirsch genüsslich an den Kleeblättern. Ausnahmen von dieser Tendenz gibt es aber beispielsweise in Nachrichtentexten, wo mit referierenden Ausdrücken bei der Wiederaufnahme auch noch neue Information übermittelt wird, wodurch sich insgesamt kurze, verdichtete Texte erstellen lassen: Ein 43 Jahre alter Mann überfiel die Sparkasse. Der Facharbeiter war mit einer Schreckschusspistole …
(In-)DefinitheitDefinite ArtikelArtikel werden benutzt, um die ‚Zugänglichkeit‘ (engl. accessibility) eines Referenzobjekts zu markieren. Eine Faustregel lautet, dass mit indefiniten Artikeln neue Gegenstände in den Diskurs eingebracht werden, während definite Artikel Anweisungen darstellen, im Kontext nach einem bereits eingeführten Gegenstand zu suchen: Ein Auto kurvte um unser Haus. Nach drei Metern fuhr das Auto gegen eine Ampel. Eine ganz ähnliche Situation, jedoch ohne exakte Referenzidentität, liegt vor, wenn der Gegenstand unmittelbar aus einem im Text bereits eingeführten Gegenstand abgeleitet werden kann, z.B. durch Meronymie (Teil-Ganzes-Relation): Ich habe ein neues Auto. Das Dach ist undicht.
Außerdem ist der definite Artikel angemessen, wenn der Gegenstand im Hörerwissen als eindeutig identifizierbar vorausgesetzt werden kann, wie der Papst oder die Bundesregierung. Auch hier handelt es sich um eine Such-Anweisung, allerdings ist der Suchraum nicht der Text, sondern das Weltwissen des Rezipienten. Ähnlich kann der definite Artikel, verbunden mit einer Zeigegeste, im Gespräch auf einen „real“ vorhandenen Gegenstand verweisen: DEN Vogel habe ich gestern schon mal gesehen! Nun ist der Suchraum die außersprachliche Situation. – Diese beiden Fälle werden mitunter bei der Diskussion von Kohäsion mit behandelt, was aber nicht recht angemessen scheint, eben weil die Verbindung nicht im Text besteht, sondern ein Verweis aus dem Text heraus erfolgt. Den Begriff ‚Kohäsion‘ wollen wir hier allein auf textinterne Verweise beschränken.
Pro-FormenPro-Form sind die verschiedenen Arten der eingangs bereits genannten Pronomina (Personal-, Demonstrativ-, Possessiv-), dazu Pronominaladverbien und einige andere Adverbien wie dort oder da. Die Bezugselemente (oder ‚Antezedenten‘) können einzelne Wörter, Konstituenten, ganze Sätze oder auch Satzgruppen sein: Das war eine kurze Beschreibung des Phänomens ‚Pro-Formen‘. Wir unterscheiden zwischen anaphorischem Gebrauch, bei dem die Pro-Form dem Bezugselement im Text nachfolgt, und kataphorischem Gebrauch, in dem die Pro-Form dem Bezugselement vorausgeht: Bevor sie ins Seminar ging, putzte Maria sich noch einmal die KohäsionNase.
EllipsenEllipse ähneln den Pro-Formen, wobei aber das anaphorische Element hier eine „Leerstelle“ ist. Soll eine Ellipse zu Analysezwecken im Text markiert werden, ist dafür das Symbol ∅ gebräuchlich. Zu unterscheiden sind Substantiv-Ellipsen (Maria trinkt Kaffee mit Milch. Mir schmeckt schwarzer ∅ besser.) und Verb-Ellipsen (Maria trinkt Kaffee mit Milch, und ich ∅ einen Tee.). Im Deutschen ersetzt Elision auch die im Englischen gebräuchliche ‚one-anaphora‘, wobei dann keine Referenzidentität zwischen den Objekten besteht: Diese Kekse sind hart. Wir brauchen frische ∅.
Bußmann (2002) weist darauf hin, dass nicht alle Ellipsen kohäsionsstiftend sind, weil bestimmte Typen syntaktisch motiviert sind. Dazu zählen lexikalische Ellipsen, in denen ein Argument des Verbs qua Weltwissen vom Rezipienten ergänzt wird (Er isst gerade / Die Hühner legen gerade), Infinitivkonstruktionen (Luise hat aufgehört zu rauchen) und Subjekt-Elision in Imperativsätzen (Geh nach Hause!).
Referenzunabhängige lexikalische Assoziation: Die zuletzt besprochenen Phänomene beruhen auf Koreferenz, also auf identischem Bezug der kohäsiv verbundenen Ausdrücke zur „Welt“. Zwischen Lexemen können aber auch referenzunabhängige Assoziationen bestehen, wie oben mit Beispiel 2.3 für den Fall identischer Wörter illustriert. Dies lässt sich zunächst ausdehnen auf Wörter unterschiedlicher Wortart, die aber morphologisch und semantisch eng verwandt sind, wie Mensch und menschlich.
Ein nächster Schritt der Ausweitung führt zu den Synonymen, also nahezu bedeutungsgleichen Wörtern oder Phrasen wie etwa sehr groß / riesig. Synonym-Verwendung kann mit Koreferenz einhergehen (s.o. Substitution), muss es aber nicht tun. Kohäsion entsteht des Weiteren auch durch den Gebrauch von Wörtern mit gegensätzlicher Bedeutung, die sog. Antonyme. Diese können einander morphologisch ähnlich sein (gesund / ungesund), müssen es aber nicht (laut / leise).
Der am schwierigsten abgrenzbare Bereich lexikalischer Assoziation umfasst schließlich eine Verwandtschaft, wie sie manchmal mit dem Begriff Wortfeld umschrieben wird. Es lässt sich etwa argumentieren, dass zwischen Lehrer und Klasse eine kohäsive Verbindung geschaffen wird, oder zwischen Konzert und Dirigent, ohne dass eine der bisher genannten (klarer zu bestimmenden) lexikalischen Relationen vorliegt. Für die Zugehörigkeit zu einem Wortfeld lassen sich kaum präzise Kriterien angeben; hier ist man auf subjektive Beurteilung angewiesen.
Metakommunikative Verknüpfung besteht dort, wo der Produzent im Text über den Text spricht, z.B. in Überschriften, Gliederungshinweisen und formelhaften Rückverweisen: im Folgenden; vgl. Abschnitt 3; wie oben bereits angedeutet; wie soeben dargelegt; …
TempusTempus und ModusModus werden von Zifonun (2000, S. 315) so charakterisiert: „Die Tempora situieren oder lokalisieren die Proposition im Zeitablauf […]. Die Modi tragen dazu bei, die Proposition in einer ‚Welt‘ zu lokalisieren; sie signalisieren also, ob die Proposition bezogen auf die […] wirkliche Welt interpretiert werden soll oder nur auf eine ‚mögliche Welt‘, wie wir sie zum Beispiel in unseren Hoffnungen, Befürchtungen, Wünschen und Plänen konzipieren.“ Gemeinhin wird diesen Merkmalen nur eine geringe kohäsive Kraft zugeschrieben, doch ist die Einhaltung der Regeln der zeitlichen Abfolge (als Ausweitung der consecutio temporum im komplexen Satz) durchaus ein auf der Textebene angesiedeltes, die Kohärenz sicherndes Instrument.
KonnektorenKonnektor gelten neben Pro-Formen als KohäsionsmittelKohäsion „par excellence“, da sie ganz explizit eine Verbindung zwischen Texteinheiten herstellen. Die Art der Verbindung kann dabei recht klar (obwohl) oder auch nur vage (und) sein. Syntaktisch sind Konnektoren keine homogene Klasse, sondern teilen sich in subordinierende und koordinierende Konjunktionen, einige Präpositionen (trotz, wegen), Konjunktional- und andere Adverbien. Auch die Abgrenzung der Gruppe der Konnektoren ist nicht immer ganz einfach, etwa zur metakommunikativen Verknüpfung in Fällen, wo ein Konnektor nicht textexterne Sachverhalte verknüpft, sondern textinterne Objekte. Halliday u. Hasan (1989) nennen das Beispiel He is really a good fellow. First, he‘s honest; next, he‘s generous.
Formgebende strukturelle Mittel sind verschiedene rhetorische Figuren im Satzbau, die kohäsiv wirken; ein bekanntes Beispiel ist die bewusste Wahl paralleler Satzstrukturen, z.B. um Gegensätze herauszustellen: Vor zwei Wochen hat Susanne aufgehört zu rauchen. Und in vier Monaten wird sie wohl anfangen zu joggen.
Zu beachten ist, dass die aufgelisteten kohäsiven Mittel nicht alle im gleichen Sinne ‚Mittel‘ sind, d.h. von der Autorin bewusst eingesetzte ‚Mittel zum Zweck‘. Auf der einen Seite wird beispielsweise eine parallele Satzstruktur oder eine andere rhetorische Figur bei der Textproduktion im besten Sinne des Wortes gewählt, denn es gäbe auch alternative Formulierungsmöglichkeiten, die auf einen solchen rhetorischen Effekt verzichten. Auf der anderen Seite sind Phänomene wie die Koreferenz oder die lexikalische Assoziation quasi unvermeidliche Resultate, sobald ein thematisch zusammenhängender Text bearbeitet wird: Die Sätze des Textes behandeln verwandte Gegenstände, und dazu verwenden sie zwangsläufig Wörter, die in bestimmten semantischen Relationen zueinander stehen. In dieser Weise wären die verschiedenen genannten Kategorien noch einmal daraufhin zu überprüfen, inwieweit sie jeweils aus einer Auswahlentscheidung der Autorin hervorgehen oder nicht.
Diese Auswahl betrifft häufig auch die Frage, inwieweit eine bestimmte semantische Relation durch lexikalische Wahl (aus den offenen Wortklassen) oder durch kohäsive Mittel markiert ist. Das Spektrum der Möglichkeiten wird von (Kunz u.a., 2017, S. 275) mit diesen englischen Beispielen für den Ausdruck einer temporalen Abfolge zweier Ereignisse illustriert:
(2.4) The performance was followed by a round of applause.
(2.5) After the performance, there was a round of applause.
(2.6) After the performance ended, there was a round of applause.
(2.7) The performance ended. Afterwards, there was a round of applause.
(2.8) [There was the performance.] After the event, there was a round of applause.
2.2.2 Der Wirkungsbereich der Kohäsion
Das Wort ‚Kohäsion‘ legt es bereits nahe, aber wir wollen noch einmal betonen, dass es sich um ein relationales Phänomen handelt: Kohäsion wirkt nicht dadurch, dass an bestimmten Stellen des Textes ein bestimmtes Merkmal auftritt, sondern dadurch, dass dieses Merkmal eine Verbindung zu einer früheren Textstelle schafft. Ganz offensichtlich ist dies bei Pronomen und Ellipsen, aber ebenso gilt es für die anderen besprochenen Phänomene. In den Worten von Halliday u. Hasan (1989, S. 11): „Where the interpretation of any item in the discourse requires making reference to some other item in the discourse, there is cohesion.“ Dieses sehr allgemeine „making reference“ haben wir im vorigen Abschnitt in eine Reihe von Kategorien aufgegliedert und damit bereits etwas genauer beschrieben. Neben dieser Sortierung der unterschiedlichen Mittel wird sich unser Interesse später darauf richten, was genau mit all diesen Mitteln im Text erreicht wird, d.h. welche Effekte Kohäsionsmittel für die Wahrnehmung des Textes als strukturiertes Gebilde haben.
Dazu müssen wir vorab noch die Frage stellen, wo genau die Kohäsion zu verorten ist, beziehungsweise: in welchen strukturellen Einheiten die beiden kohäsiv verbundenen Elemente angesiedelt sind. Gelegentlich war hier bereits die Rede von der Satzverknüpfung, die fraglos auch im Zentrum des Interesses steht: Sätze als abgeschlossene Informationseinheiten werden miteinander kohäsiv verbunden, wodurch ein Text dann am Ende eben mehr als nur eine Menge von isolierten Sätzen ist. Natürlich können Sätze aber komplex sein, und dann können die oben besprochenen kohäsiven Verbindungen ebenso zwischen den Einheiten von Teilsätzen auftreten: Wenn im Herbst die Beeren geerntet werden, müssen diese umgehend gekühlt werden, damit sie nicht verderben. Konnektoren verbinden hier die Teilsätze, die zusätzlich auch durch pronominale Koreferenz verbunden sind. Nun ließe sich das Argument zwar fortsetzen und konstatieren, dass (zum Beispiel) pronominale Beziehungen auch innerhalb einer Verbalphrase auftreten können; hier macht es allerdings keinen Sinn mehr, von einem kohäsiven Mittel zu sprechen, denn das Verb und seine Mitspieler sind strukturell so eng verbunden, dass ein textstiftender, kohäsiver Zusammenhalt nicht erforderlich ist. Wir halten daher den Teilsatz als die relevante Einheit für das Etablieren kohäsiver Relationen fest (und werden die Frage nach seiner Definition später in Abschnitt 9.1 noch genauer beleuchten).
Neben der Entscheidung für die kleinste Untersuchungseinheit muss für eine präzise Analyse von Kohäsion (wie sie bei der Korpus-Annotation erforderlich ist) auch festgelegt werden, wie groß die Distanz zwischen den beiden Elementen sein darf, die in einer kohäsiven Verbindung stehen sollen. Die Antwort lässt sich kaum allgemeingültig für alle Kategorien kohäsiver Mittel geben. Unterstellen wir einen verständlich formulierten Text, so wird etwa die Verbindung zwischen Pronomen und Antezedens gelingen, auch wenn einmal eine Reihe von Sätzen „überbrückt“ werden muss. Für eine Ellipse ist der Spielraum aber deutlich geringer. Und von einer parallelen Satzstruktur wird man nicht sprechen wollen, wenn zufällig zwei Sätze, die weit voneinander entfernt sind, analog aufgebaut sind. Umgekehrt kann es aber durchaus bedeutsam (und vom Autor beabsichtigt) sein, wenn zum Beispiel der erste und der letzte Satz eines Textes dieselbe womöglich etwas ungewöhnliche Form tragen. Eine präzise Anweisung zur Kohäsionsanalyse muss für all diese Fälle Festlegungen treffen, wenn reproduzierbare Ergebnisse erzielt werden sollen.
Abbildung 2.1:
Skizzierung lexikalischer/referenzieller Ketten in einem Text
Sind diese Festlegungen getroffen, kann schließlich beobachtet werden, dass durch kohäsionsstiftende Mittel nicht immer nur jeweils zwei Textstellen miteinander in Verbindung gebracht werden, sondern oft auch mehr – in diesem Fall sprechen wir von Kohäsionsketten. Dies kann durch Rekurrenz geschehen, durch bestimmte formgebende strukturelle Mittel, vor allem aber durch Koreferenzbeziehungen und durch referenzunabhängige lexikalische Assoziation. Eine Illustration liefert (für einen früheren Absatz dieses Buches) Abbildung 2.1. Koreferenz untersuchen wir in Kapitel 4 im Detail, und die Hinweise, die uns sowohl referenzielle als auch lexikalische Kettenlexikalische Kette auf die thematische Gliederung des Textes geben können, werden in Kapitel 5 in den Blick genommen.
Die Kohäsion ist ohne Frage ein zentrales Merkmal von Texten, doch es erweist sich bei näherer Betrachtung als nicht hinreichend. Das eingangs genannte Beispiel des stand-up commedian hat bereits illustriert, dass ein Text zwar kohäsiv klingen, aber dennoch nicht funktionieren kann. Linke u.a. (1994, S. 224) geben für dieses Argument folgenden Beispieltext an:
(2.9) Wir haben sehr gute Sängerinnen und Sänger an unserer Oper. Die Sopranistin ist besonders umschwärmt. Mozart liegt ihr sehr. Mir ist von den Mozart-Opern die Zauberflöte am liebsten. Diese neuen plump-deutlichen Ausdeutungen der Tempelgemeinschaft als männerbündische Freimaurerloge scheinen mir allerdings eine sehr fragwürdige Interpretation des Werkes. Aber die heutigen Opernleute schrecken ja vor nichts zurück. Bei Wagner-Inszenierungen ist das oft noch schlimmer, obwohl ich ja für solche pathetische Musik sowieso nicht viel übrig habe.
In diesem Text finden sich vielfältige kohäsionsstiftende Mittel, doch bleiben wir nach der Lektüre unzufrieden: Der Text ergibt keinen rechten Sinn – er reiht Sätze aneinander, die paarweise irgendwie auch zueinander passen, doch sie fügen sich nicht zu einem stimmigen Gesamtbild. Dem Text mangelt es an Kohärenz.
2.3 KohärenzKohärenz
(2.10) Donald Trump war immer an der Gunst der Wirtschaftskapitäne interessiert. Kürzlich schlug der Präsident eine deutliche Senkung der Unternehmenssteuern vor.
In diesem Beispiel (angelehnt an eines von Kehler (2004)) sind die beiden Sätze unabhängig voneinander interpretierbar – jeder Satz könnte auch für sich allein stehen. Rezipieren wir sie jedoch nacheinander, d.h. als Teile desselben Texts, tritt eine weitere Information hinzu: Wir sind geneigt, entweder die Aussage des ersten Satzes als Grund für die des zweiten zu interpretieren, oder die des zweiten als Evidenz für die Behauptung im ersten Satz. Damit etablieren wir eine inhaltliche RelationKohärenzrelation zwischen den Sätzen bzw. ihren Aussagen, die gewissermaßen einen „Mehrwert“ gegenüber der Interpretation der jeweils einzelnen Sätze darstellt. Solche inhaltlichen Relationen gelten gemeinhin als das geeignete Beschreibungsmittel für (lokale) Kohärenz, was sich auch in der Definition von Bußmann (2002) zeigt:
Semantisch-kognitiver Sinnzusammenhang eines Textes, darstellbar z.B. in Form semantischer Netze aus Konzepten und Relationen. Lokale K.Kohärenzlokal besteht satzintern und zwischen benachbarten Äußerungen, globale K.Kohärenzglobal konstituiert das Textthema bzw. die Textfunktion aus semantisch-pragmatischen Makrostrukturen. (…)
Ist die grundsätzliche Eignung des Relations-Begriffs weitgehend unumstritten, so scheiden sich die Autoren freilich bei der konkreten Ausgestaltung, d.h. bei der Angabe eines konkreten Inventars von Kohärenzrelationen, die in Texten auftreten können, und ihrer jeweiligen Definitionen. Auf einen recht einflussreichen Vorschlag, die Rhetorical Structure TheoryRhetorical Structure Theory (RST) (Mann u. Thompson, 1988), werden wir in Kapitel 10 genauer eingehen.
Verbindungen zwischen Gedanken
Ein interessanter Ansatz zur Festlegung einer Menge von Kohärenzrelationen stammt von Kehler (2002), der sich auf den Philosophen David Hume beruft, welcher drei Gruppen möglicher „connections among ideas“ vorgeschlagen hatte:
Resemblance: Es werden die Gemeinsamkeiten, Unterschiede oder das Verhältnis der Generalisierung / Spezialisierung zwischen zwei Aussagen herausgestellt. Beispiel:(2.11) Meine Freundin Mona hat sich ein neues Mountainbike gekauft. So eins fährt auch ihr Bruder schon seit zwei Jahren.
Cause-Effect: Eine Aussage wird als Grund, die andere als Folge interpretiert. Beispiel:(2.12) Meine Freundin Mona hat sich ein neues Mountainbike gekauft. Jetzt ist sie total glücklich.
Contiguity: Teile derselben Situation werden beschrieben und als zusammengehörig interpretiert, z.B. als temporal aufeinanderfolgend. Beispiel:(2.13) Meine Freundin Mona hat sich ein neues Mountainbike gekauft. Sie hat sofort eine Tour durch das Sauerland unternommen.
Die Dreiteilung nach Hume und Kehler ist durchaus abbildbar auf andere in der Literatur vorgeschlagene Klassifikationen in vier Gruppen, wie die von Halliday u. Hasan (1989) (additive, temporal, causal, adversative) oder von Martin (1992) (addition, temporal, consequential, comparison) – man kann additive und temporal als Varianten von contiguity auffassen; adversative sowie comparison als spezielle Formen von resemblance; und causal/consequential als äquivalent zu cause-effect.
Welche konkreten RelationenKohärenzrelation zur Ausgestaltung dieser Gruppen vorgeschlagen wurden, wird uns wie gesagt in Kapitel 10 beschäftigen. Hier sei lediglich festgehalten, dass lokale KohärenzKohärenzlokal zwischen benachbarten Sätzen genau dann entsteht, wenn die Interpretation des Ganzen mehr als die Summe der Interpretationen der Teile darstellt – wobei dieses „mehr“ unterschiedlich ausgeprägt sein kann: In den obigen Beispielen 2.10 und 2.12, wo kein expliziter Konnektor die kausale Interpretation nahelegt, leisten wir die entsprechende Interpretations-„Mehrarbeit“ unter dem Einfluss unseres Weltwissens; in einem Fall von contiguity wie dem nachfolgenden konstruieren wir hingegen eine gemeinsame Einordnungsinstanz („Person unterstützt Partei“) für die beiden Aussagen, ohne einen Kausalbezug zu postulieren.
(2.14) Marianne verteilte Flugblätter für die Grünen. Sebastian organisierte die lokalen Sonntagsstammtische für die Partei.
Die Zweckmäßigkeit der Unterscheidung zwischen lokaler und globaler Kohärenz (die wie gesehen u.a. von Bussmann, aber nicht von allen Autoren getroffen wird) lässt sich am weiter oben gezeigten Beispieltext 2.9 gut erkennen: Benachbarte Sätze sind dort nicht allein „pseudo-kohäsiv“ verbunden, sondern in der Tat auch inhaltlich verknüpfbar – die lokale Kohärenz ist jeweils gewährleistet. Das Manko des Textes ist die mangelnde globale KohärenzKohärenzglobal, denn der Text reiht Aussage an Aussage, ohne aber letzten Endes zu einem klaren Ziel zu führen. Globale Kohärenz werden wir im nächsten Kapitel zum Begriff der Textfunktion in Beziehung setzen.
Für die lokale Kohärenz stellt neben der besprochenen Rolle der Kohärenzrelation die KoreferenzKoreferenz die wesentliche zweite Säule dar. Dass benachbarte Sätze nicht abrupt das Thema wechseln, sondern dass zumindest ein Gegenstand wieder aufgenommen wird (vgl. die Kohäsionsmerkmale Rekurrenz, Substitution, Pro-Form, Ellipse), trägt zentral zur Wahrnehmung des Textes als miteinander verwobenes Ganzes bei. Hier sind Kohäsion und Kohärenz also eng aufeinander bezogen: Koreferenz (als Baustein der Kohärenz) kann ohne Kohäsion nicht bestehen. Dass dies für die Kohärenzrelation (als den anderen Baustein) nicht gilt, haben einige unserer oben gezeigten Beispiele illustriert; die Relation kann von der Leserin auch dann erschlossen werden, wenn sie nicht durch einen Konnektor wie deshalb oder danach explizit angezeigt wird.
2.4 TextualitätTextualität
2.4.1 Kohäsion und Kohärenz im Zusammenhang
Den oben gezeigten, recht „künstlichen“ Beispielen kohäsiver, aber nicht kohärenter Texte zum Trotz: In der Praxis ist die große Mehrzahl der Texte sowohl kohäsiv als auch kohärent, schon allein aufgrund des Kohärenzkriteriums der Beibehaltung von DiskursgegenständenDiskursgegenstand, die dementsprechend auch wiederholt im Text sprachlich bezeichnet werden und somit Kohäsion erzeugen. Wir betrachten daher die Kohäsion (an der Textoberfläche sichtbare Verknüpfung) allgemein als die linguistische Reflexion von Kohärenz – der unter der Textoberfläche liegenden, vom Rezipienten zu rekonstruierenden, inhaltlichen Verknüpfung. Damit ergibt sich als wichtiger Unterschied zwischen beiden, dass die Wahrnehmung der Kohärenz das (zwangsläufig subjektive) Interpretieren des Textes voraussetzt, während die Kohäsion als Eigenschaft des Textes von allen Sprachbenutzern gleichermaßen beobachtet werden kann, auch wenn sie sich nicht wirklich mit dem Textinhalt auseinandersetzen.
Die Verbindung zwischen Kohäsion und Kohärenz ist eng, aber nicht zwingend, denn Texte können durchaus auch kohärent sein, ohne dabei auf kohäsive Mittel zurückzugreifen. Dafür nennt Redeker (1990) diese zwei kurzen Beispiele:
(2.15) Sally is crying. Nanny has thrown out the time-worn teddy bear. The holes were getting too large to fix.
(2.16) Take those dirty shoes off. There‘s a brand-new carpet in the hallway. Mom‘s ALREADY mad at me.
Zu 2.15 ist anzumerken, dass die definiten NPs the teddy bear und insbesondere the holes durchaus als kohäsionsstiftend betrachtet werden können (bei the holes handelt es sich um einen ‚indirekten Verweis‘1 auf teddy bear); dennoch ist nicht zu leugnen, dass beide Texte sicherlich nur minimal kohäsiv, dabei aber durchaus kohärent sind – wir haben bei der Lektüre keine Schwierigkeiten, naheliegende inhaltliche Verknüpfungen zwischen den Sätzen zu konstruieren. Die Leichtigkeit dieser Aufgabe hängt dabei durchaus von der jeweiligen Kohärenzrelation ab. Eine Kausalrelation kann, wie gesehen, per Weltwissen oft problemlos inferiert, also erschlossen, werden. Für die Relation Concession hingegen scheint die explizite Signalisierung durch einen KonnektorKonnektor (also durch ein kohäsionsstiftendes Mittel) schlicht unumgänglich:2
(2.17) Die Sonne schien uns schon seit Stunden bei der Arbeit auf den Kopf. Dennoch verging uns die gute Laune nicht.
(2.18) Die Sonne schien uns schon seit Stunden bei der Arbeit auf den Kopf. Die gute Laune verging uns nicht.
Die unverknüpfte Satzfolge (die sog. ‚asyndetische VerknüpfungAsyndetische Verknüpfung‘) in 2.18 wird mit hoher Wahrscheinlichkeit völlig anders interpretiert als 2.17. Weil die Konzessionsbeziehung eine recht komplexe ist, benötigen wir als Leser ein explizites sprachliches Signal, um sie zwischen zwei Aussagen herzustellen. Für Beispiel 2.17 lässt sich der Zusammenhang so umschreiben: „Eigentlich gilt, wem die Sonne bei der Arbeit auf den Kopf scheint, der wird schlecht gelaunt; in der aktuellen Situation gilt die Regel aber ausnahmsweise nicht; wir sind bei Arbeit und Sonnenschein gut gelaunt.“
Kohäsion und Kohärenz stellen die wichtigsten Charakteristika von Texten dar, doch sie sind nicht die einzigen.
2.4.2 Merkmale der Textualität
Vielfach wird bei der Charakterisierung der Merkmale von Texten auf die Liste von de Beaugrande u. Dressler (1981) zurückgegriffen. Zu den oben besprochenen textinternen Merkmalen Kohäsion und Kohärenz treten bei diesen Autoren noch fünf textexterne Merkmale hinzu, die auf die Kommunikationssituation bezogen sind.
Textexterne Textualitätsmerkmale nach de Beaugrande/Dressler
IntentionalitätIntentionalität: Der Textproduzent hat den Text nicht zufällig, sondern mit einer Absicht verfasst, er möchte eine bestimmte Wirkung erzielen.
AkzeptabilitätAkzeptabilität: Der Text ist so beschaffen, dass die Rezipienten ihn auch als solchen einstufen und verstehen können. Mit anderen Worten, der Produzent hat seine Intention in einer Weise umgesetzt, die auf die Rezipienten und ihre Gewohnheiten zugeschnitten ist – die Intention ist ohne große Mühe rekonstruierbar.
InformativitätInformativität: Der Text ist für den Rezipienten nicht nur formal akzeptabel, sondern auch inhaltlich nicht „leer“; er teilt etwas mit. Dies bedeutet einerseits, dass der Rezipient neue Information vorfindet (die aber in „alte“ Information eingebettet ist, um Anknüpfungspunkte zu schaffen), und andererseits eine angemessene Mischung aus „erwarteter“ und „unerwarteter“ Information. Wir können Informativität in einen Gegensatz zum Kohäsionsmittel ‚RekurrenzRekurrenz‘ stellen: Ein Text kann sehr kohäsiv sein, indem er unablässig dasselbe wiederholt, dabei vielleicht immer etwas reformuliert – dann mangelt es jedoch an Informativität.
SituationalitätSituationalität: Der Text ist für die jeweils vorliegende Kommunikationssituation angemessen. Er trifft die konventionell übliche Stilebene (u.a. den Grad der Höflichkeit) und deckt den in der Situation bestehenden Informationsbedarf.
IntertextualitätIntertextualität: Der Text steht im Zusammenhang mit anderen Texten, etwa mit Texten der gleichen Sorte (siehe Kap. 3) oder mit Texten, aus denen er wörtlich oder sinngemäß zitiert. Für das Verständnis des Textes ist der Bezug zu anderen, bereits bekannten, Texten von Bedeutung.a
Wir sollten nicht in die Versuchung geraten, eine solche Liste wiederum als ‚Definition‘ zu betrachten. Die Merkmale sind nicht alle gleichermaßen notwendig, damit ein komplexes sprachliches Zeichen als ‚Text‘ aufzufassen ist (allerdings lässt sich wohl sagen, dass sie in der Summe durchaus als hinreichend gelten dürften). Stattdessen können wir sie als Merkmale ansehen, nach denen ein Text mehr oder weniger prototypischPrototypikalität eines Textes ist: Je mehr Abweichungen, desto „ungewöhnlicher“ ist ein vorliegendes Text-Exemplar.
Auf der anderen Seite muss sich eine solche Merkmal-Liste der Prüfung aussetzen lassen, ob die einzelnen Merkmale hinlänglich unabhängig voneinander sind. Für Kohäsion und Kohärenz hatten wir dies bereits anhand von Beispielen gezeigt. Auch für die anderen sollte idealerweise gelten, dass jeweils ein Merkmal von einem Text verletzt werden kann, ohne dass andere Merkmale dabei zwangsläufig ebenfalls Schaden nehmen. Für die oben aufgeführten Merkmale gelingt dies allerdings nur bedingt; eine Wechselwirkung ist beispielsweise zwischen den Kriterien ‚Akzeptabilität‘ und ‚Situationalität‘ zu vermuten: Ein Text, der für die Äußerungssituation unangemessen ist, wird sicherlich auch als nicht-akzeptabel einzuordnen sein. Umgekehrt allerdings kann Nicht-Akzeptabilität auch auf die Verletzung eines anderen Kriteriums zurückzuführen sein als dem der SituationalitätSituationalität, so dass die beiden Kriterien sicherlich nicht einander äquivalent sind. Das Merkmal ‚IntentionalitätIntentionalität‘ ist in der Praxis ausgesprochen schwierig zu untersuchen: Woher nehmen wir die Gewissheit, dass der Autor nicht eher wahl- und ziellos seine, immerhin vielleicht kohärent wirkenden, Sätze aneinandergereiht hat? Wir haben diese Gewissheit nicht, entscheidend ist aber, dass wir als Leser diese Intentionalität dem Autor nahezu automatisch unterstellen: Sobald wir uns mit der Lektüre eines Textes beschäftigen, nehmen wir an, dass er mit einer bestimmten Absicht erstellt wurde, und ein zentraler Aspekt des Verstehens ist genau die Rekonstruktion dieser Absicht. (Dieser Punkt wird uns im nächsten Kapitel und später in den Kapiteln 7 und 10 noch genauer beschäftigen.)
Zusammenfassend stellen wir fest, dass TextualitätTextualität ein graduelles Maß ist, dem Texte mehr oder weniger Genüge tun; sie lässt sich durch eine Reihe von Merkmalen charakterisieren – und sie entbindet uns von der müßigen Aufgabe, nach einer vorgeblich klaren, „binären“ Unterscheidung zwischen Texten und Nicht-Texten zu suchen. Die Merkmale sind dabei nicht gleichrangig; darauf weist auch Sandig (2000) in ihrer Untersuchung der PrototypikalitätPrototypikalität eines Textes von Texten hin. Sie rückt die Textfunktion in den Mittelpunkt und nennt dann Kohäsion, Kohärenz, Situationalität und Thematizität als nachgeordnete Merkmale, anschließend eine ganze Reihe weiterer Aspekte, die dann allerdings als peripher gelten, so zum Beispiel die Zweidimensionalität des Textes, seine Gliederung etc.
2.5 Korpusuntersuchungen zu Kohäsion und Kohärenz
Einige der in Abschnitt 2.2.1 genannten kohäsiven Mittel lassen sich auch in nicht oder nur geringfügig annotierten Korpora unmittelbar recherchieren. Hierzu zählen Pronomina und Konnektoren, denn bei ihnen handelt es sich um geschlossene Wortklassen von relativ überschaubarem Umfang.1 Eine zweite Gruppe, repräsentiert durch die Ellipsen, ist prinzipiell zunächst nicht suchbar, weil das Phänomen eben durch die Abwesenheit einer eigentlich erwarteten lexikalischen Form charakterisiert ist. Um hierzu Korpusuntersuchungen anzustellen, bedarf es daher zuvor einer manuellen Annotation. Die dritte Gruppe schließlich bilden Kohäsionsmittel, die für den Menschen leicht beobachtbar, für die Maschine aber schwer erkennbar sind. Dazu zählt die Substitution: Um die kohäsive Relation in Weil Paul die Buche im sumpfigen Boden pflanzte, gedieh der Baum nur schlecht zu identifizieren, ist lexikalisches Wissen erforderlich; genauer: eine Ressource, die Hypo- und Hyperonyme sowie Synonyme zu einem gegebenen Wort liefert. Für viele Sprachen sind diese, mit unterschiedlichem Umfang, in maschinenlesbarer Form verfügbar, vor allem WordNet2 für Englisch (Miller, 1995), sowie GermaNet3 für Deutsch (Hamp u. Feldweg, 1997, Henrich u. Hinrichs, 2010). Mit ihrer Hilfe lassen sich Programme schreiben, die versuchen, die genannten lexikalischen Relationen in Texten zu identifizieren und damit Substitutionen zu erfassen.
Textkorpora, in denen gezielt die kohäsionsstiftenen Mittel annotiert wurden, sind bisher rar. Eine interessante Ausnahme bildet das GECCoGECCo Korpus Projekt (Kunz u.a., 2017), das sich einerseits für eine translationswissenschaftliche Fragestellung (wie unterscheiden sich Kohäsionsphänomene im Deutschen und Englischen) und andererseits für Unterschiede zwischen verschiedenen Arten von Texten interessiert hat. Dazu wurde ein Korpus aus deutschen und englischen Dokumenten zusammengestellt: Transkriptionen von Interviews und akademischen Vorträgen sowie eine Reihe schriftlicher Textklassen wie etwa fiktionale Texte, politische Essays oder Bedienungsanweisungen.
Eingebettet in die Software der Corpus Workbench4 wurden die Texte automatisch mit morphosyntaktischer Information versehen und dann teilautomatisch mit den folgenden Kohäsionsmerkmalen annotiert:
Koreferenz (Verweis auf denselben Diskursgegenstand);
One-anaphora und Ellipsen (Verweis auf dieselbe Klasse von Diskursgegenständen);
komparative Verweise, z.B.: Wir können einen Spaziergang machen. Eine noch bessere Möglichkeit wäre ein Fußballspiel;
Konnektoren;
einige lexikalische Relationen wie Hyperonymie oder Meronymie (allerdings nur teilweise behandelt).
Durch statistische Analysen auf den annotierten Daten konnten Kunz u.a. (2017) beispielsweise herausfinden, dass die deutschen gesprochensprachlichen Texte signifikant mehr Kohäsionsmittel einsetzen als die englischen, während der Unterschied bei geschriebenen Texten nur gering ist. Die häufigsten Mittel sind generell die Koreferenz und Konnektoren. Innerhalb der deutschen Texte variiert der Anteil von Kohäsionsmitteln (gemessen an der Zahl der token des Texts) zwischen 4,84 % (Bedienungsanweisungen) und 15,25 % (Interviews), und es lässt sich im Deutschen auch eine größere Differenzierung der kohäsiven Mittel zwischen den Textklassen nachweisen als im Englischen. Dadurch ist es mit recht guter Zuverlässigkeit möglich, für einen gegebenen Text seine Klasse nur anhand der Verteilung der Kohäsionsmittel automatisch zu ermitteln (für die Unterscheidung zwischen gesprochen und geschrieben sogar sehr zuverlässig).
Ein durchaus häufig in Korpora annotiertes Phänomen ist die Koreferenz, die wir in Kapitel 4 vertieft behandeln werden. Auch für den Phänomenereich der durch Diskursrelationen gestifteten Kohärenz gibt es eine Reihe verfügbarer Datensätze; darauf gehen wir später in Kapitel 10 ein.
Weiterführende Literatur
Die hier nur sehr kurz angedeutete geschichtliche Entwicklung der Textlinguistik im deutschsprachigen Raum wird ausführlicher dargestellt im ersten Kapitel von (Adamzik, 2004).
Der auch heute noch sehr lesenswerte „Klassiker“ zu den Themen Kohäsion und Kohärenz ist das ursprünglich 1976 erschienene Cohesion in English (Halliday u. Hasan, 1989). Dieses Buch bespricht die Themen Referenz, Substitution, Ellipse, Konjunktion und lexikalische Kohäsion am Beispiel des Englischen mit bemerkenswerter Gründlichkeit. Zu beachten ist, dass die Untersuchungen der englischen Phänomene sich nicht ganz einfach auf das Deutsche übertragen lassen; zudem ist wichtig, dass Halliday und Hasan – anders als wir es hier getan haben – terminologisch nicht zwischen ‚Kohäsion‘ und ‚Kohärenz‘ unterscheiden; sie verwenden den Begriff cohesion in einem allumfassenden Sinn.
Die oben nur angerissenen Schwierigkeiten der Kategorisierung von lexikalischen Assoziationen werden von (Hoey, 1991) gründlich anhand von Beispieltexten besprochen; der Autor schlägt u.a. Flussdiagramme vor, die die Einordnung von Wortpaaren zur Kategorien der lexikalischen Kohäsion erleichtern.
Stärker auf den auch von uns verwendeten Kohärenz-Begriff zugeschnitten ist die Untersuchung Coherence, Reference, and the Theory of Grammar (Kehler, 2002), die eine Theorie der Kohärenzrelationen entwirft und damit einige linguistische Phänomene der Referenz und Elision behandelt. Eine kurze Zusammenfassung der zentralen Aspekte dieser Arbeit liefert Kehler (2004).
2.6 Übungsaufgaben
1 Markieren Sie in Ihrem Kommentar (s. Übung 1 auf S. 21) alle kohäsiven Mittel mit einer fortlaufenden Nummerierung und erläutern Sie jedes gefundene Mittel kurz.
2 Versuchen Sie, Ihren Kommentar dergestalt umzuformulieren, dass er möglichst unkohäsiv wird – wobei seine inhaltliche Kohärenz allerdings nicht oder möglichst wenig leiden sollte.
3 Lesen Sie noch einmal den Absatz nach der Auflistung der kohäsiven Mittel auf Seite 2.2.1 und folgen Sie dem dort unterbreiteten Vorschlag: Gehen Sie die Liste der vorgestellten Mittel durch und entscheiden Sie jeweils, zu welchem Grad es auf einer Auswahlentscheidung bei der Textherstellung beruht oder nicht.
3 Textfunktion, Textsorte und Texttyp
Texte fallen nicht vom Himmel. Sie werden vom Verfasser geschrieben und an bestimmte Adressaten gerichtet, weil er damit ein Ziel erreichen möchte, und dementsprechend soll der Text eine Funktion erfüllen. In der Regel nehmen die Rezipienten diese Funktion nicht allein durch das sprachliche Material des Texts wahr, sondern im Zusammenspiel mit einer aktiven, erwartungsgesteuerten Kategorisierung: Der Text wird nicht als „irgendein“ Text gelesen, sondern als Exemplar einer bestimmten Textsorte – was unter anderem auch eng mit der Funktion des Texts zusammenhängt. Nach Besprechung dieser beiden textglobalen Merkmale werden wir uns der sprachlichen Realisierung einzelner Abschnitte zuwenden und Texttyp als ebenfalls funktionalen Begriff definieren, der jedoch enger mit Merkmalen der Sprachoberfläche verknüpft ist.
3.1 TextfunktionTextfunktion
Die Frage nach der Funktion eines Textes gründet letztlich in der abstrakteren Frage nach den Funktionen von Sprache allgemein, denn der Text ist ja nichts anderes als eine – potenziell komplexe und sorgfältig geplante – sprachliche Äußerung. Als Rahmen für die Untersuchung der Sprachfunktion hat sich das von Bühler (1982, orig. 1934) entworfene Organon-ModellOrganon-Modell bewährt, demzufolge sprachliche Zeichen (gleichzeitig) drei Funktionen erfüllen können:
Funktion der Darstellung von Gegenständen, Sachverhalten und Ereignissen
Funktion des Ausdrucks der inneren Befindlichkeit, der Emotionen und der Einstellungen des Zeichenbenutzers
Funktion des Appells, mit dem ein Zeichenbenutzer den Adressaten zu bestimmten Reaktionen veranlassen möchte
Der parenthetische Verweis auf die potenzielle Parallelität dieser drei Ebenen bedeutet für den Text und seine Autorin, dass es die Funktion mitunter nicht gibt, sondern die Autorin mehrere Ziele gleichzeitig verfolgen kann. In einem Meinungstext beispielsweise kann sie Sachverhalte darstellen, auch ihre innere Einstellung zu diesen Sachverhalten kundtun, und möglicherweise auch an die Leserschaft appellieren, eine bestimmte Haltung dazu einzunehmen. Brinker (2005) geht daher davon aus, dass die Funktionsanalyse darauf zielt, jeweils die dominierende Textfunktion zu ermitteln, der die möglichen anderen nur nachgeordnet sind. In unserem Beispiel des Meinungstexts könnten wir davon ausgehen, dass sowohl die Sachverhaltsdarstellung als auch die Einstellungskundgabe der Autorin letztlich zu dem Ziel beitragen sollen, die Haltung der Leser zu verändern; dann wäre die Appellfunktion die dominierende. Im Anschluss an Grosse (1976) charakterisiert Brinker (2005, S. 95) die Textfunktion als die „im Text mit bestimmten, konventionell geltenden, d.h. in der Kommunikationsgemeinschaft verbindlich festgelegten Mitteln ausgedrückte Kommunikationsabsicht“ des Textproduzenten. Es handelt sich also nicht um das möglicherweise im Hintergrund bleibende verborgene Ziel der Autorin, sondern um dasjenige, welches die Leser dem Text entnehmen können, weil es durch konventionalisierte Mittel – vielleicht auch mit Hilfe des konventionalisierten Kontexts – erkennbar ist.1
Brinkers Inventar der TextfunktionenTextfunktion
Brinker (2005, Abschn. 4.4) knüpft mit seinem Vorschlag eines Inventars möglicher Textfunktionen an die Sprechakttheorie nach Austin und Searle an, auf die wir erst in Abschnitt 7.1 eingehen werden. An dieser Stelle seien daher Brinkers Funktionstypen ohne weitere historische Einordnung lediglich genannt:
Informationsfunktion: Der Produzent gibt der Adressatin zu verstehen, dass er sie über etwas informieren, Wissen vermitteln möchte.
Appellfunktion: Der Produzent gibt der Adressatin zu verstehen, dass er sie dazu bewegen will, die Einstellung X einzunehmen oder die Handlung Y zu vollziehen.
Obligationsfunktion: Der Produzent gibt der Adressatin zu verstehen, dass er sich ihr gegenüber dazu verpflichtet, Handlung X auszuführen.
Kontaktfunktion: Der Produzent gibt der Adressatin zu verstehen, dass es ihm um die personale Beziehung zur Adressatin geht (um Herstellung, Erhaltung, Beendigung des persönlichen Kontakts).
Deklarationsfunktion: Der Produzent gibt der Adressatin zu verstehen, dass der Text eine neue Realität schafft, d.h. dass die Äußerung des Texts die Einführung eines bestimmten Faktums bedeutet.
Innerhalb dieser Kategorien lassen sich dann je nach Zweck der Untersuchung feinere Einteilungen vornehmen. Wichtige Subtypen des Informierens beispielsweise sind das Instruieren (wie sollte man eine Handlung ausführen) und das Erklären, das weiter gegliedert werden kann in Erklären-warum (warum ist etwas der Fall) und Erklären-wie (wie funktioniert etwas) etc.
Wie ermittelt ein Leser nun die Textfunktion oder das, was er dafür hält? Die Frage hat zwei Aspekte: Zum einen ergibt sich die Textfunktion durch das Zusammenspiel der einzelnen Teile des Textes; um dies zu untersuchen, benötigen wir eine Begrifflichkeit für die Beschreibung dieser „Einzelteile“ und ihres (funktionalen) Zusammenwirkens; damit werden wir uns in den Kapiteln 7 bis 10 beschäftigen. Zum anderen müssen wir nach den sprachlichen Signalen fragen, die die Funktion kleinerer Einheiten – eines Satzes oder Textabschnitts – anzeigen können und damit auch Hinweise auf die Gesamtfunktion des Textes liefern. Damit befassen wir uns in den Abschnitten 7.3 (Inventar von Sprechhandlungstypen) und 9.2 (sprachliche Signale für Sprechhandlungen). Auf den nächsten Seiten soll aber zunächst ein weiterer wichtiger Einflussfaktor zur Sprache kommen: die Sorte des Textes.
3.2 Textsorte

Abbildung 3.1:
Zwei Beispieltexte unterschiedlicher Sorten
3.2.1 TextsorteTextsorte und Register
Dass wir Texte unterschiedlichen Sorten zuordnen, leuchtet intuitiv sehr schnell ein, denn die Alltagssprache hält eine Vielzahl von Bezeichnungen bereit, mit denen wir Texte sortieren. Nicht das einzige, aber ein wichtiges Kriterium dafür ist bereits ihre äußere Gestalt: Schon ein flüchtiger Blick auf die beiden Texte in Abb. 3.11 macht deutlich, dass Nachrichtenmeldung und Kochrezept zwei sehr unterschiedliche und jeweils schnell identifizierbare Textsorten darstellen. Neben den sichtbaren Unterschieden erfüllen unsere Beispiele auch verschiedene Textfunktionen: Der eine informiert uns über einen politischen Vorschlag; der andere versetzt uns in die Lage, ein bestimmtes Gericht zuzubereiten.
In der klassischen Textlinguistik ist der Begriff der Textsorte intensiv untersucht worden, und entsprechend vielfältig ist die Menge entsprechender Publikationen. Und doch scheint der Begriff sich einer klaren (und auch breiter akzeptierten) Definition beharrlich zu widersetzen. So kam Heinemann (2000) in einem Übersichtsbeitrag im ‚Handbuch Text- und Gesprächslinguistik‘ zu diesem Schluss:
Versucht man aber, aus der Vielzahl textsortenspezifischer Einzeldarstellungen (…) und aus den drei Kolloquien zu dieser Thematik (…) ein Resümee abzuleiten, dann zeigt sich, daß sich das Maß an GEMEINSAMKEITEN IN DEN ARBEITEN [Hervorh. d. Verf.] zur Textsortenproblematik eher bescheiden ausnimmt. (…) So bleibt im Grunde nur die alte Formel von Peter Hartmann (…): Textsorten sind ‚Mengen von Texten mit bestimmten gemeinsamen Eigenschaften‘.
Dies klingt für eine gründliche wissenschaftliche Untersuchung der Thematik zunächst nicht sehr vielversprechend. Um zu verstehen, von welcher Art die „gemeinsamen Eigenschaften“ sein können, betrachten wir zunächst ein häufig zitiertes Beispiel aus einer frühen Arbeit von Sandig (1972). In Abb. 3.22 vergleicht die Autorin 18 Textsorten miteinander und stellt die Abgrenzung durch die in den Spalten angegebenen MerkmaleTextsorteMerkmale her. + und – geben an, ob das Merkmal für die Textsorte zutrifft oder nicht; bei ± trifft es nur auf manche Exemplare der Sorte zu. Das Ziel einer solchen Analyse besteht also darin, eine Menge von Merkmalen zu definieren, die einerseits geeignet ist, eine Textsorte hinlänglich zu charakterisieren, andererseits die jeweils untersuchten Sorten voneinander abgrenzt, also auch ihre Unterschiede benennt. Insofern Sandigs Zuordnungen stimmen, ist das zweite Ziel erreicht, denn es gibt in der Tabelle keine zwei identischen Zeilen. Dass sich auf diesem Weg allerdings keine wirklich umfassende Klassifikation vieler Textsorten erstellen lässt, hat auch Sandig (1972) selbst bereits festgestellt; sie weist darauf hin, dass es nur ein fragmentarischer Vorschlag sei und dass viel zu viele Merkmale untersucht werden müssten, um eine größere Zahl von Textsorten erschöpfend zu behandeln.
| gesprochen | spontan | monologisch | dialogische Textform | räumlicher Kontakt | zeitlicher Kontakt | akustischer Kontakt | Form des Textanfangs | Form des Textendes | festgelegter Textaufbau | Thema festgelegt | 1. Person | 2. Person | 3. Person | Imperativformen | Tempusformen | ökonomische Formen | Redundanz | Ausschließlich Sprachliches | Gleichber. Kommunikationsp. | |
| Interview | + | ± | - | - | ± | + | + | ± | ± | - | + | + | + | + | ± | ± | ± | ± | + | - |
| Brief | - | ± | ± | - | - | - | - | + | + | - | ± | + | + | + | ± | ± | ± | ± | + | ± |
| Telefongespräch | + | ± | - | - | - | + | + | + | + | - | ± | + | + | + | ± | ± | ± | ± | ± | ± |
| Gesetzestext | - | - | + | - | - | - | - | + | + | - | + | - | - | + | - | - | - | - | + | - |
| Arztrezept | - | - | + | - | - | - | - | + | + | + | + | - | - | - | - | - | + | - | + | - |
| Kochrezept | ± | - | + | - | ± | ± | ± | + | - | + | + | - | - | + | ± | - | ± | - | + | - |
| Wetterbericht | ± | - | + | - | - | + | ± | + | - | + | + | - | - | + | - | - | ± | - | + | - |
| Traueranzeige | - | - | + | - | - | - | - | + | + | + | + | ± | - | + | - | - | ± | - | ± | ± |
| Vorlesung(sstunde) | + | ± | + | - | + | + | + | + | ± | - | + | ± | ± | + | ± | ± | - | ± | ± | - |
| Vorlesungsmitschrift | - | - | + | - | - | - | - | ± | - | - | + | - | - | + | - | - | + | - | ± | + |
| Reklame | ± | ± | ± | ± | ± | ± | ± | ± | ± | - | ± | ± | ± | ± | ± | ± | ± | ± | ± | - |
| Stelleninserat | - | - | + | - | - | - | - | + | + | + | + | ± | ± | + | ± | - | ± | - | + | - |
| Rundfunknachrichten | + | - | + | - | - | + | + | + | + | - | - | - | - | + | - | + | - | ± | + | - |
| Zeitungsnachricht | - | - | + | - | - | - | - | + | - | - | + | - | - | + | - | + | - | - | + | - |
| Telegramm | - | - | + | - | - | - | - | + | + | - | + | ± | ± | + | ± | - | + | - | + | ± |
| Gebrauchsanweisung | - | - | + | - | - | - | - | ± | - | - | + | - | ± | + | ± | - | ± | ± | ± | - |
| Diskussion | + | ± | - | - | ± | + | + | + | + | - | + | + | + | + | ± | + | - | ± | + | ± |
| familiäres Gespräch | + | + | - | ± | + | + | + | ± | - | - | - | + | + | + | ± | ± | ± | + | ± | + |
Abbildung 3.2:
Merkmalbasierte Klassifikation von Gebrauchstextsorten (nach Sandig (1972, S. 118); Spaltenköpfe teilweise nach Heinemann u. Viehweger (1991, S. 136))
Dennoch lohnt es sich, auf diesem Weg etwas weiter zu gehen und einmal zu versuchen, die Arten solcher MerkmaleTextsorteMerkmale zu systematisieren und in Kategorien zu fassen. Listen solcher Merkmalsgruppen wurden in der Literatur in der Tat mehrfach vorgeschlagen; die folgende ist eine Kombination aus denen von Linke u.a. (1994), Brinker (2005) und Gansel u. Jürgens (2002). Im allgemeinen wird unterschieden zwischen textinternen Faktoren:
Graphische Ebene: Layout
Textlänge
Textstrukturmuster: Abfolge der Teiltexte
Signale der Textgliederung
Eröffnungs- und Schlussformeln
Wortwahl: typische Lexeme und Kollokationen
Art und Häufigkeit von Satzbaumustern und gramm. Kategorien (Tempus, Modus)
Thema und Themenverlauf
Thema-Rhema Gliederung
und textexternen Faktoren:
Textfunktion
Kommunikationsmedium: face-to-face, Telefon, Rundfunk, Fernsehen, Brief, Zeitungsartikel/Buch (abgrenzbar durch die Merkmale Kommunikationsrichtung, unmittelbarer Kontakt, Sprache / Schrift)
Kommunikationssituation, Handlungsbereich: privat / offiziell (Geschäftspartner o.ä.) / öffentlich (Massenmedien)
Damit lassen sich die in Abb. 3.2 ungeordnet nebeneinander stehenden Merkmale schon einmal sinnvoll gruppieren. Eine weiter gehende nützliche Unterscheidung ist die zwischen Textsorte und Register, die wir mit Biber u. Conrad (2009) wie folgt vornehmen.
Register versus Textsorte
RegisterRegister: (engl.: register) Klasse von sprachlichen Daten, die in einem gemeinsamen situativen Kontext entstehen und durch linguistische Merkmale charakterisiert sind, welche sich kommunikativen Funktionen zuordnen lassen.
TextsorteTextsorte: (engl.: genre) Klasse von Texten, die durch Gemeinsamkeiten im strukturellen Aufbau und durch konventionalisierte linguistische Formen entstehen.
Ein Beispiel für ein gut untersuchtes Register ist die gesprochene Konversation, von der man u.a. weiß, dass sie im Vergleich zu anderen durch einen hohen Anteil an Personalpronomen und Fragen gekennzeichnet ist. Weitere sind die wissenschaftliche Vorlesung oder „die Zeitungssprache“. Durch Untersuchung der Verteilung linguistischer Merkmale (Anteil Nomen, Satzlänge u.v.m.) lassen sich Profile solcher Register erstellen, wodurch sie voneinander unterscheidbar werden. Bei der Beschreibung einer Textsorte steht hingegen der Aufbau des Gesamttexts im Vordergrund: Das Gerichtsurteil beispielsweise ist üblicherweise gegliedert in Bestandteile wie Rubrum, Tenor, und Urteilsbegründung, die sich ihrerseits in Bestandteile zerlegen lassen. Zwar ist auch die verwendete Sprache meist in verschiedener Hinsicht „typisch“ – dabei handelt es sich aber weniger um Merkmale der Textsorte Gerichtsurteil, sondern vielmehr um solche des Registers der juristischen Sprache: Die Merkmale werden sich in anderen juristischen Textsorten ebenso finden. Dies gilt aber wiederum nicht für konventionalisierte Formeln wie das einleitende Im Namen des Volkes, welches ein definierendes Merkmal des Urteils ist.
Auch wenn die Unterscheidung sich nicht ganz vollständig durchhalten lässt (oft lassen sich Textsorten auch durch linguistische Merkmale wie den Pronomengebrauch nützlich charakterisieren), ist es doch sinnvoll festzuhalten, dass Register primär über Merkmale beschrieben werden, denen eine Funktion im situativen Kontext zukommt, während Textsorten aus Konventionen resultieren, die in erster Linie den Textaufbau betreffen. Wenn es typische Merkmale gibt, sind sie nur selten funktional begründet. So ist etwa die Formel man nehme … per Konvention eng mit der Textsorte Kochrezept assoziiert, es lässt sich aber kein Motiv, kein funktionaler Grund für die Verwendung dieses Ausdrucks finden.
Biber u. Conrad (2009) schlagen außerdem vor, zwischen features und markers zu unterscheiden. Erstere werden durch relative Frequenz (Distribution) informativ für die Beschreibung von Registern oder Textsorten, letztere allein durch die Tatsache ihres (Nicht-)Auftretens, also unabhängig von der Anzahl. In diesem Sinne ist Im Namen des Volkes ein marker: Die, wenn auch nur einmalige, Verwendung der Formel an einer bestimmten Stelle des Urteils ist von zentraler Bedeutung. Demgegenüber ist die gehäufte Verwendung von Paragraphenzeichen (§) ein im Vergleich zu anderen Textsorten quantitativ zu bewertendes feature, so wie die relative Häufigkeit bestimmter Wortarten etc.
Die Unterscheidung zwischen Textsorte und Register bildet unsere oben genannte Liste von textinternen (Textsorte) und textexternen (Register) Merkmalen recht gut ab, mit der Ausnahme, dass ‚Art und Häufigkeit von Satzbaumustern und gramm. Kategorien‘ auch für die Register-Beschreibung von zentraler Bedeutung sind.
Zusammenfassend sind wir über den ersten Versuch der Textsortendifferenzierung in Abbildung 3.2 nun also in zweierlei Hinsicht hinausgegangen: Die verwendeten Merkmalsbezeichner sind nun unterschieden in textinterne und texterne bzw. in Register- versus Textsortenmerkmale. Und für die Füllung der Matrix, also die Ausprägung der Merkmale, unterscheiden wir zwischen binären Merkmalen (+ oder –; auch marker genannt) und solchen, die durch ihre Frequenz (Anzahl des Auftretens, normalisiert durch Länge des Textes) beschrieben werden (auch features genannt).
3.2.2 Typologie der Textsorten?
Wir kehren zurück zu einer Frage, mit der sich die Textlinguistik bereits in ihrer Anfangszeit intensiv beschäftigt hat: Lässt sich die Menge der Textsorten „erschöpfend“ untersuchen, somit eine Typologie aller Textsorten entwickeln? Insgesamt umfasst das hypothetische „Maximalziel“ einer Behandlung des Textsortenbegriffs wohl die folgenden drei Schritte:
Schlüssige und präzise Definition des Begriffs ‚TextsorteTextsorte‘
Beschreibung der Beziehungen zwischen verschiedenen Textsorten, Aufstellung einer möglichst vollständigen Typologie
Angabe der Merkmale, die jeweils eine Textsorte auszeichnen (Layout, Struktur- und Formulierungsbesonderheiten, inhaltlich-thematische Aspekte, die kommunikativen Funktionen etc.) und sie von allen anderen Sorten abgrenzen
Mit diesem Anspruch auf Vollständigkeit ist das Ziel wohl nicht erreichbar. Bereits Adamzik (1995) hatte denn auch dazu geraten, die Perspektive der Textsortenforschung und die der TexttypologieTexttypologie auseinanderzuhalten: Erstere befasse sich mit der Beschreibung einzelner oder einer Menge verwandter Textsorten, während letztere das Ziel eines Gesamtüberblicks, einer schlüssigen Klassifikation im Prinzip aller Exemplare von Texten verfolge. Dies aber ist ein anspruchsvolles Unterfangen. Für die Umsetzung hatte schon Isenberg (1974) eine einheitliche Typologisierungsbasis gefordert – eine wohlbegründete Menge von Kriterien, anhand derer alle Texte beurteilt werden müssten. Dem fügte Steger (1983) zwei Forderungen hinzu, nämlich die der Monotypie (die Kriterien sollen so gewählt sein, dass jeder Text genau einer Sorte zugeordnet wird) und die der Reproduzierbarkeit (die Auswertung der Kriterien für ein Textexemplar muss intersubjektiv nachvollziehbar sein).
Die Schwierigkeit dieser Zielvorstellung wurde im vorigen Abschnitt deutlich, als wir uns mit der Bandbreite der zu untersuchenden MerkmaleTextsorteMerkmale beschäftigt haben, die die Definition einer „einheitlichen Typologisierungsbasis“ (welche obendrein zur Monotypie führt) für jedwede Art von Text sehr schwer gestaltet. Ein weiteres Problem der Texttypologie haben wir eingangs bereits angedeutet: Die Alltagssprache hält durchaus Fragmente von Klassifikationen bereit, die von Sprachbenutzern problemlos verwendet werden;1 eine wissenschaftliche Typologie müsste sich nun entscheiden, diese entweder zu integrieren, oder davon losgelöst zu operieren. Wie viele andere Autoren mahnt Heinemann (2000) an, dass eine Texttypologie zu Alltagsklassifikationen zumindest kompatibel sein sollte, um überhaupt aussagekräftig zu sein. In diesem Zusammenhang ist eine Untersuchung von Dimter (1981) interessant, der nach Durchsicht des Duden Wörterbuchs 1642 Textsortenbezeichner identifiziert hat, wovon 480 ‚grundlegend‘ und die übrigen ‚abgeleitet‘ waren, z.B.: Bericht – Reisebericht, Arbeitsbericht, Ergebnisbericht usw. Wäre es realistisch, diese Menge von Sorten einer vollständigen Merkmalsanalyse zu unterziehen?
Abbildung 3.3:
Sorten von Pressetexten nach Hundsnurscher (1984)
Der zweite und sicherlich vielversprechendere Zugang zur Textsortenfrage besteht – wie oben dargestellt – in der Konzentration auf einzelne verwandte Sorten, die man möglichst gründlich zu charakterisieren und voneinander abzugrenzen versucht. Auch hier kommt man freilich nicht umhin, die existierenden alltagssprachlichen Begriffe zur Kenntnis zu nehmen. Zur Illustration zeigt Abb. 3.3 eine von Hundsnurscher (1984) vorgeschlagene Taxonomie der Textsorten in Zeitungen.2 Das primäre Auswahlkriterium ist hier also die Zugehörigkeit zu einem „Alltagsgegenstand“, während die Merkmale zur Differenzierung der einzelnen Sorten dann aus ganz unterschiedlichen Domänen stammen.
3.2.3 Die Rolle linguistischer Merkmale
Wir kehren zurück zu der Frage, anhand welcher Merkmale sich Texte verschiedener Sorten systematisch unterscheiden lassen. Wie ausgeführt sind oftmals das Thema, das Layout und der Textaufbau bedeutsam, aber auch die Rolle im engeren Sinne linguistischer Merkmale haben wir angedeutet. Um deren Beitrag genauer herauszuarbeiten, sind die Ergebnisse eines Experiments von Dimter (1981) von Interesse. Er stellte sich die Frage, ob Leser in der Lage sind, Texte unabhängig vom behandelten Thema bestimmten Sorten zuzuordnen. Dazu sammelte er Texte aus zehn verschiedenen Sorten (Bedienungsanleitung, Todesanzeige, Geschäftsbrief, Kommentar etc.) und ersetzte die Inhaltswörter durch Zeichenfolgen, die keine deutschen Wörter darstellen, jedoch prosodisch „deutsch klingen“ und die Flexionsendungen beibehalten. Jegliches Layout wurde entfernt. Im Text verblieben unverändert die originalen Pronomen, Artikel, Konjunktionen, Zahlwörter, sowie die Formen von haben, werden und sein. Zwei Beispiele für diese Text-Gebilde:
(3.1) Berrung Ihres Salex SSQDuren und ablauffen des abrungenden Kattes – as belasen Argen und Besinden.Beise Ergen sind kur einen Oppelund gefannt.Duren und anflaffen des abrungenden Kattes – as belasen Argen und Besinden und seich sugen rellen Sie die langenden Veronden, ange Sie den Katt angedurkt woren.Duren Sie den abrungenden Katt enel ark anunder und laffen Sie ihm em al, belasen Kanot und Fat on der Munne.
(3.2) Lestingers erwestete RodenberkDer Lac Lestinger hat zwei Belickte – das Belagen Lestingers als Bugatebreswüger wegelbrat und das Belagen des Gewoderkaribenten hale. Der Bugatebreswüger wenkte nebe behle einem begarren Vorwelbris magnen, wenn nicht der Gewosterkaribent herres winn grens lennem lechte. Wie wenk man ein solches Rabigernel emarst ertetene vermorren und sodann herre Boneter der Liwastik woten? Wie werk man sich erfenlas sum einen Granz rud lesenmasiges Kargbrienkei erhohren und sich ogenlas als eine Berg Lesenmaler betahnen? (…)
Den Versuchspersonen wurden zunächst zur Orientierung beispielhaft drei Textsorten genannt, doch die Bezeichnungen der anderen zugrunde gelegten Sorten blieben unbekannt. Das Ergebnis: Todesanzeigen, Testamente, Kochrezepte wurden von den Versuchspersonen zu mehr als 90 % als solche identifiziert, am Ende der Skala steht der Kommentar, der immerhin noch zu 42 % richtig erkannt wurde.1 In einem studentischen Semesterprojekt an der Universität Potsdam wurde Dimters Experiment in etwas veränderter Form nachgestellt, wobei seine Ergebnisse im Wesentlichen bestätigt wurden. Es scheint also für Leser durchaus nachvollziehbare Zusammenhänge zwischen Merkmalen der Textoberfläche und der unterstellten Textsorte zu geben – auch wenn der Inhalt des Textes komplett unkenntlich gemacht wurde und damit keine Rückschlüsse auf behandelte Themen möglich sind. Damit liegt es im nächsten Schritt nahe, Textsorten auch aus korpuslinguistischer Perspektive zu analysieren, also automatische Merkmalsanalysen auf größeren Textmengen durchzuführen, um empirisch valide Modelle von Textsorten zu gewinnen.
3.2.4 Quantitative MerkmalsanalyseQuantitative Analyse von TextsortenTextsorte
In seinem Buch Linguistische Textanalyse beschließt Brinker (2005) den Abschnitt zu Textsorten mit der Beobachtung, dass in einzelnen Textsorten „gewisse Präferenzen für bestimmte lexikalische und/oder syntaktische Mittel“ vorliegen, die mit quantitativ-statistischen Methoden zu erfassen seien. Diesen wichtigen Hinweis wollen wir hier aufnehmen und einen Schritt weiterführen, indem wir Überlegungen zur statistischen Analyse von Textsorten kurz vorstellen. Insbesondere wenn man sich der Sortenfrage aus linguistisch-grammatischer Perspektive nähert, benötigt man nachprüfbare quantitative Informationen, um Aussagen über das Vorkommen sprachlicher Phänomene in Texten bestimmter Sorten zu treffen; und die Frage, ob die Sorten sich hinsichtlich des Auftretens dieser Phänomene auch wirklich signifikant unterscheiden, kann nur durch statistische Auswertung von Korpora ermittelt werden.
Als wegweisend für diese Untersuchungsrichtung gelten die Arbeiten von Douglas Biber, der sich insbesondere mit Unterschieden zwischen gesprochener und geschriebener Sprache (also mit Registern), aber auch mit der Differenzierung von Textsorten befasst hat. Im Folgenden beziehen wir uns auf die Darstellungen in (Biber, 1993, Biber u. Conrad, 2009).
Biber arbeitete mit zwei recht bekannten Korpora des gesprochenen und geschriebenen English (‚Lancaster-Oslo/Bergen‘ sowie ‚London-Lund‘), die er zunächst mit 67 linguistischen Merkmalen annotierte – weitgehend automatisch, jedoch mit manueller Nachkorrektur. Zu den Merkmalen zählen beispielsweise Tempus, Aspekt, Zeit- und Ortsadverbiale, die Wortarten, Modalverben, lexikalische Spezifizität, stilistisch-lexikalische Klassen (ausweichende oder emphatische Wörter etc.), Elision, diskontinuierliche Strukturen, Passiv, subordinierte Sätze, Koordination, und Fragesätze. Nach dieser Vorverarbeitung zählte er zunächst die Häufigkeit der Merkmale in den einzelnen Texten, die er dann normalisierte zur Zahl des Auftretens je 1.000 Wörter.
Der zentrale statistische Analyseschritt ist nun die FaktorenanalyseFaktorenanalyse, die errechnet, welche der Merkmale überdurchschnittlich häufig miteinander auftreten – wie dies im Detail geschieht, ist in (Biber, 1993) nachzulesen. Aus der Faktorenanalyse resultieren Merkmalsbündel, die Biber Dimensionen nennt. Die grundlegende These seiner Arbeit ist, dass die Merkmalsbündel sich nicht rein zufällig ergeben, sondern dass die Dimensionen funktional interpretiert werden können. In seiner Studie gelangte Biber zu folgenden fünf Dimensionen, die wir hier mit einigen der Merkmale illustrieren. Ebenfalls sind Textsorten angegeben, die sich anhand der Dimensionen gut unterscheiden lassen.
1 Informational versus involved productionDie beiden Pole dieser Skala werden durch sorgfältig produzierte monologische Texte („offizielle“ Dokumente, akademische Aufsätze etc.) auf der einen, und persönliche Interaktion (Gespräche, private Briefe etc.) auf der anderen Seite gebildet. Für erstere steht die Informationsvermittlung im Vordergrund, es werden viele Substantive, Adjektive, Präpositionalphrasen verwendet; lange Wörter sind häufig. Bei der Interaktion treten demgegenüber viele Pronomina und Elisionen, Fragen und stilistisch markierte Wörter auf.
2 Narrative versus nonnarrative concernsDie erzählenden Texte (Sorte: fiktional) zeichnen sich durch Vergangenheitsformen, perfektiven Aspekt und Pronomina der 3. Person aus. In nicht-erzählenden Texten (u.a. Geschäftsbriefe, Telefongespräche, darstellende Texte) findet sich eher das Präsens, attribuierende Adjektive sind häufig.
3 Elaborated versus situation-dependent referenceTexte mit situationsbezogener Referenz (Rundfunkmeldungen, Gespräche, fiktionale Texte und private Briefe) verwenden Zeit- und Ortsadverbiale überdurchschnittlich häufig; abstraktere Texte mit situationsunabhängiger Referenz (u.a. offizielle Dokumente, Geschäftsbriefe) sind demgegenüber reich an WH-Relativsätzen, phrasaler Koordination und pied-piping constructions.
4 Overt expression of persuasionOffen argumentierende Texte (Meinungsartikel, Geschäftsbriefe) verwenden auffallend viele Modalausdrücke, illokutive Verben und konditionale Unterordnung (z.B. wenn-dann Sätze). Am anderen Ende der Skala stehen nicht-argumentierende Rundfunkmeldungen und Presseberichte, die nicht durch besonders häufige Merkmale gekennzeichnet sind.
5 Abstract versus nonabstract styleAuch hier nennt Biber Merkmale nur für die Textsorten an einem Ende der Skala, den abstrakten Stil: Technische und akademische Texte sowie Geschäftsbriefe verwenden gern Passivkonstruktionen verschiedener Art; dies gilt nicht für Gespräche, fiktionale Texte, private Briefe u.a.
Abbildung 3.4:
Textsorten und funktionale Dimensionen (Biber, 1993, S. 230)
Im nächsten Schritt werden für die Dimensionen numerische Skalen definiert, auf der sich die Textsorten dann auftragen lassen. Beschränkt man sich auf zwei Dimensionen, lässt sich das Ergebnis im Koordinatensystem anschaulich darstellen; ein Beispiel gibt Abb. 3.4 mit den o.g. Dimensionen 1 und 3. Fügt man die weiteren Dimensionen hinzu, so erhält man einen höherdimensionalen Vektorraum, in dem jede Textsorte verortet ist, und es lassen sich beispielsweise die Abstände zwischen ihnen berechnen. Biber zeigt, dass die von ihm untersuchten Sorten entlang der genannten fünf Dimensionen in der Tat klar voneinander unterschieden werden können. Verfahren dieser und ähnlicher Art haben dann auch in der Computerlinguistik zu erfolgreichen Systemen zur automatischen Klassifikation von Texten anhand eines vorgegebenen Sorteninventars oder zum clustering (Gruppierung von Texten gemäß Ähnlichkeit, ohne vorgegebenes Inventar) geführt.
3.2.5 Fallbeispiele computerlinguistischer Modellierung
Die eben skizzierte Herangehensweise wird in der Computerlinguistik genutzt, um Klassifikationsprogramme zu entwickeln, die einen gegebenen Text anhand vorgefundener Merkmale automatisch einer Textsorte zuordnen oder ihn in funktionale Bestandteile zerlegen, die wir InhaltszonenInhaltszone nennen. Dazu ist es nötig, dem Programm Modelle der jeweils zu unterscheidenden Textsorten bzw. Inhaltszonen zur Verfügung zu stellen, die wiederum aus Korpora erlernt werden. Im Folgenden verweisen wir auf einige solcher Arbeiten, um den „Stand der Kunst“ zu illustrieren.
Wissenschaftlicher AufsatzWiss. Aufsatz (Textsorte)
Weil es eine Reihe relevanter praktischer Anwendungen gibt, sind wissenschaftliche Aufsätze gut untersuchte Textsorten: Beispielsweise ist es von großem Interesse, in biomedizinischen Texten automatisch die Ergebnisse der dort (oft recht schematisch) berichteten Experimente aufzufinden, da die Menge der publizierten Texte heute kaum noch manuell zu bewältigen ist. Aus Sicht der Textsortenforschung ist zunächst der in vielen Disziplinen stark konventionalisierte Aufbau von papers zu nennen, die sich an Mustern wie „Einführung – Bisherige Forschungen – Methode – Experiment und Resultate – Diskussion“ orientieren. Für eine automatische Extraktion von Resultaten ist es also nötig, zunächst den jeweils relevanten AbschnittInhaltszone zu identifizieren.
Eine feinkörnigere Untersuchung des Aufbaus von papers wurde ursprünglich von Swales (1990) vorgeschlagen. Sein Ansatz interpretiert Sätze oder Folgen von Sätzen als textsortenspezifische Inhaltszonen, die er moves nannte, und die jeweils den Beitrag des Satzes zur übergeordneten Textfunktion benennen. Diese Idee wurde später von Teufel u.a. (2009) in einer empirischen Korpusstudie umgesetzt: Annotatoren haben Aufsätze der beiden Disziplinen Chemie und Computerlinguistik segmentiert und jedem Segment eine von 15 verschiedenen Inhaltszonen zugeordnet, dazu gehörten Aim (adressierte Forschungsfrage), OwnMethod (angewandte Methodik) oder CoDi (Unterschiede zu anderen Arbeiten). Anschließend wurden die Texte automatisch mit linguistischen Merkmalen annotiert, ähnlich zu den im vorigen Abschnitt genannten. Dann konnte ein automatisches Lernverfahren anhand des Korpus die Assoziation zwischen Merkmalen und Inhaltszonen errechnen, und dieses Modell diente dann einem Klassifikator, der in der Lage war, „neue“ Texte mit einer akzeptablen Korrektheit automatisch mit den Inhaltszonen zu annotieren.
FilmrezensionFilmrezension (Textsorte)
Im Internet finden sich eine ganze Reihe deutschsprachiger Seiten, die regelmäßig Rezensionen zu aktuellen Filmen anbieten. Die Texte folgen seitenspezifischen Format-Vorgaben und lassen sich ähnlich wie die wissenschaftlichen Aufsätze mit einem Inventar von InhaltszonenInhaltszone beschreiben. Die Arbeit von Bieler u.a. (2007) basiert auf einem Korpus von 210 solcher Rezensionen von sieben verschiedenen Webseiten. Alle Texte wurden zunächst manuell segmentiert und annotiert. Die Einheit für die Zuweisung einer Zone ist diesmal der Absatz, weil die Texte des Korpus sehr häufig Absatzgrenzen zur Trennung unterschiedlicher Informationen verwendeten. Es wurden 26 Kategorien benutzt, darunter Filmtitel, Länge, Darstellerliste, Autor der Rezension etc. Für diese Zonen lassen sich Tendenzen finden, dass sie entweder zu Anfang oder gegen Ende der Rezension auftreten, und auch die Reihenfolge folgt zum Teil bestimmten Konventionen, wenn auch mit Abweichungen zwischen den einzelnen Webseiten. Für die längeren Textabschnitte wurden die Kategorien ‚Beschreibung‘ und ‚Meinung‘ vewendet, weil sich bei einer Vorstudie gezeigt hatte, dass die Absätze der Rezensionen nur selten die Beschreibung des Filminhalts mit der Beurteilung vermischen.
Für die automatische Analyse wurden die eher „formalen“ und kurzen Zonen von den beiden Text-Zonen getrennt behandelt. Erstere erzielte eine Korrektheit von etwa 66 %. Die Klassifikation von Textabschnitten nach ‚Beschreibung‘ oder ‚Meinung‘ wurde vom Programm zu 80 % richtig gelöst. Dies ist ein interessantes Ergebnis, weil die fragliche Unterscheidung auch für andere Textsorten bedeutsam ist, etwa für die nachfolgend besprochene.
ZeitungskommentarKommentar (Textsorte)
In der Tagespresse zählen die Kommentare neben den Leserbriefen zu den meinungsorientierten und häufig argumentativen TextenArgumentation (vgl. Abb. 3.3). Kommentare stellen aber keine homogene Textsorte dar, sondern lassen sich hinsichtlich ihrer Vorgehensweise in Untergruppen gliedern. So schlagen Schneider u. Raue (1996) folgende Kategorien vor:
Einerseits-andererseits: Der Autor wägt Für und Wider ab, kommt möglicherweise zu einem Fazit; typisch sind Andeutungen und bedächtige Urteile; oft bleibt der Kommentar im Entweder-Oder stecken.
Pro und Kontra: Es gibt eine nachvollziehbare und spannende Argumentation und am Ende eine eindeutige Schlussfolgerung.
Meinungsartikel: Der Autor geht langsam vor, die Leser sollen vor allem nachdenklich gestimmt werden.
Kurzkommentar: Es gibt kaum Raum für eigene Argumente, stattdessen wird mit Zitaten gearbeitet und zu einem kräftigen Urteil zugespitzt.
Pamphlet: Die „gröbste“ Form des Kommentars kommt auch ohne Argumente aus und „wirkt wie ein Keulenschlag“.
In einem Teil des Potsdamer KommentarkorpusPotsdamer Kommentarkorpus (Stede, 2016b) sind kurze Artikel aus der Rubrik ‚Pro & Contra‘ des Berliner Tagesspiegel am Sonntag zusammengestellt, die sich recht eindeutig der o.g. gleichnamigen Kategorie zuordnen lassen: Es gibt eine aktuelle Streitfrage der Lokalpolitik, zu denen jeweils zwei konträre Meinungen ausgeführt werden. (Zwei Beispieltexte finden sich auf den Seiten 136 und 143.)
Weisen diese TexteInhaltszone Gemeinsamkeiten im Aufbau auf, die als charakteristisch für die Textsorte gelten können? Nach Untersuchung von 30 zufällig ausgewählten Kommentaren aus dem Korpus hat sich gezeigt, dass die folgenden Inhaltszonen geeignet sind, die Zusammensetzung der Kommentare zu beschreiben:
Einführung / Problemdarstellung
Hintergrundinformation
Beispiel
These bzw. Forderung des Autors
Argumentation für die Meinung des Autors
Argumentation gegen die Meinung des Autors
Fakt zur Stützung einer Argumentation
Abschwächung / Widerlegung einer Argumentation
Schlussfolgerung / Fazit
Nicht jeder KommentarKommentar (Textsorte) weist alle Zonen auf, und es gibt natürlich keine feste Abfolge der Zonen. Doch lassen sich klare Tendenzen ermitteln, welche Zonen häufiger oder seltener benachbart auftreten, und welche besonders häufig am Anfang bzw. Ende des Kommentars auftreten. Diese Analyse führt dann zu einer abstrakten Darstellung der typischen Argumentationsmuster in solchen ‚Pro & Contra‘ Texten.
Eine andere Analyseaufgabe für Zeitungstexte betrifft die automatische Unterscheidung zwischen Meinungstexten und Nachrichtentexten. Eine frühe (manuelle) Korpusuntersuchung von Morgenthaler (1980, S. 117) hat die Textsorten NachrichtNachricht (Textsorte) und Kommentar im Hinblick auf die von den „kleinsten kommunikativen Einheiten“ ausgeführten pragmatischen Funktionen ausgewertet. In den Nachrichten fanden sich unter den insgesamt 945 minimalen Einheiten 926 ‚Mitteilungen‘, 19 ‚Wertungen‘ und 18 ‚Behauptungen‘. Die Kommentare hingegen setzten sich anders zusammen: Von insgesamt 713 Einheiten im Korpus waren 503 ‚Wertungen‘, 112 ‚Behauptungen‘, 62 ‚Mitteilungen‘, 27 ‚Aufforderungen‘ und 11 ‚Äußerungen von Emotionen‘.
Diese klaren Unterschiede zwischen „objektiver“ Beschreibung und „subjektiver“ Einschätzung haben Krüger u.a. (2017) motiviert, einen Klassifikator zu erstellen, der die Nachricht/Meinung-Unterscheidung durch Analyse oberflächennaher linguistischer Merkmale treffen kann. Das zugrunde liegende Modell wurde aus großen Mengen von englischsprachigen Texten aus der New York Times, dem Wall Street Journal und anderen Zeitungen gewonnen, wobei die Gruppe ‚Meinung‘ durch Kommentare und Leserbriefe gebildet wurde. Die Texte wurden jeweils mit einem part-of-speech tagger (vgl. Abschnitt 1.2) bearbeitet, so dass alle Wörter mit ihrer Wortart „etikettiert“ waren. Die technischen Aspekte sind hier nicht von Interesse, doch haben Krüger et al. im Rahmen der Arbeit auch ermittelt, welche der von ihnen untersuchten Merkmale statistisch enger mit einer der beiden Textsorten verbunden sind. Dabei stellte sich beispielsweise heraus, dass Personalpronomen der 1. und 2. Person, das Tempus Präsens, das Auftreten von Negationen, oder auch bestimmte Wörter wie fact auf Meinungstexte hindeuten, ebenso die Verwendung von evaluativen (eine positive oder negative Bewertung ausdrückenden) Wörtern. Charakteristisch für Nachrichtentexte sind demgegenüber die Klasse der Kommunikationsverben (sagen, behaupten, berichten usw.), die Tempora Futur und Imperfekt, oder die Verwendung von kontrastiven Konnektoren. In verschiedenen Evaluationen zeigte sich, dass das Programm in ca. 90 % der Fälle die richtige Entscheidung trifft.
3.2.6 Fazit: TextsortenwissenTextsorteTextsortenwissen
Sehen wir uns zum Abschluss dieses Themas zunächst die Charakterisierung des TextsortenbegriffsTextsortenwissen von Gansel u. Jürgens (2002, S. 78) an:
Textsorten konstituieren sich durch ein prototypisches Aufeinander-Bezogen-Sein kontextueller und struktureller Merkmale. Sie bilden den Rahmen für prototypische, auf Konventionen der Sprachteilhaber beruhende sprachliche Muster mit charakteristischen funktionalen, medial-situativen und thematischen Merkmalen sowie einer diesen Merkmalen entsprechenden formalen Struktur.
Sowohl bei der Textproduktion als auch bei der Textrezeption spielen also konventionalisierte MusterTextsorteMuster eine zentrale Rolle: Sie geben uns bei der Textproduktion (flexible) Schablonen vor und lösen bei der Rezeption eine Erwartungshaltung zu Form und Inhalt aus, die die Verarbeitung des Textes steuert und effizienter gestaltet. Damit steht solcherlei Wissen über Textsorten in unmittelbarer Nachbarschaft zu anderem Wissen über sonstige konventionalisierte, nicht-textgebundene Handlungsmuster: Wie bestelle ich ein Menü im Schnellrestaurant versus im gehobenen Restaurant; wie führe ich ein Bewerbungsgespräch; wie befrage ich als Ärztin meinen Patienten, um die Quelle des Unwohlseins einzukreisen; etc. Unser Textsortenwissen befähigt uns also bei der Rezeption, einen Text als Exemplar einer bestimmten Textsorte zu identifizieren, und bei der Produktion, einen – in bezug auf Layout und sprachliche Form – angemessenen Text zu erstellen. Entsprechende Merkmale haben wir in den vorangegangenen Abschnitten besprochen und fassen sie im Folgenden noch einmal zusammen.
Textsorten: Zentrale Merkmale
Die TextfunktionTextfunktion und das ThemaThema (siehe auch Kapitel 5) sind häufig mit der Textsorte eng verbunden: Eine Nachricht soll informieren, ein Kommentar zur Meinungsbildung anregen und eine Bedienungsanweisung instruieren – um welchen Gegenstand es sich dabei jeweils handelt, ist normalerweise sehr schnell ersichtlich.
Das globale LayoutTextLayout des Textes ist oftmals Konventionen unterworfen, die den Gebrauch von Bildern, Tabellen und Diagrammen, die optische Anordnung der Textbausteine, oder auch die Gestaltung von Überschriften, Aufzählungen, Textboxen etc. regeln.
Die inhaltlichen ZonenTextsorteInhaltszonen sind für manche Textsorten relativ klar vorgegeben, wie unsere Beispiele gezeigt haben. Neben der Angabe, welche Zonen vorkommen können und ob sie obligatorisch bzw. fakultativ sind, zählen Beschränkungen oder Präferenzen zur Abfolge der Zonen zu unserem Textsortenwissen, ebenso aber auch Erwartungen zur typischen Länge solcher Zonen. Weiterhin kann es für jede Zone wiederum einzelne Layout-Konventionen geben, oder der Gebrauch bestimmter Formulierungen ist standardisiert (Eröffnungs-, Schluss-, Grußformeln usw.).
Syntaktische und lexikalische MerkmaleTextsorteMerkmale können sowohl für den gesamten Text als auch für einzelne Zonen charakteristisch sein. Sie betreffen einerseits die Verwendung von fachgebundenem und nicht-fachgebundenem Vokabular (Lexeme, Kollokationen), andererseits von syntaktischen Konstruktionen (Extraposition, Passiv etc.) und Merkmalen (Modus, Tempus etc.).
Um hinsichtlich der sprachlichen Mittel zu interessanten Aussagen über Textsorten zu gelangen, sind quantitative Untersuchungen zu betreiben: Mit methodisch sorgfältiger Analyse der relativen Häufigkeiten von geeigneten Merkmalen und der Zusammenhänge zwischen Merkmalen gelangt man zu nachvollziehbaren und überprüfbaren Modellen dessen, was eine Textsorte an der sprachlichen Oberfläche auszeichnet. Damit erfasst man keineswegs alles, was die Textsorte bestimmt, aber doch einen sehr wesentlichen Teil, wie nicht zuletzt das Experiment von Dimter (1981, siehe S. 48) gezeigt hat, demzufolge wir viele Textsorten allein aufgrund ihrer sprachlichen Merkmale – ohne Beachtung der Inhaltswörter – identifizieren können.
Wie können wir uns schließlich die Form unseres TextsortenwissensTextsortenwissen vorstellen? Dazu greifen wir hier den Vorschlag von Sandig (2000) auf, die Kategorie-Zugehörigkeit mittels der PrototyptheoriePrototypikalität eines Textes (Rosch u. Mervis, 1975) zu beschreiben. Dem liegt die Erkenntnis zugrunde, dass sich Kategorien (und eben auch TextsortenTextsorteMerkmale) nicht durch Angabe notwendiger und hinreichender Merkmale im engen Sinne definieren lassen. Das heißt, man kann z.B. für die Sorte ‚Bedienungsanleitung‘ weder eine Menge von Mindest-Merkmalen aufzählen, die immer vorliegen müssen, damit ein Text eine Bedienungsanleitung sein kann (notwendige Merkmale), noch eine Menge von Merkmalen, bei deren Vorliegen ein Text auf jeden Fall eine Bedienungsanleitung ist (hinreichende Merkmale). Weil die Verhältnisse so einfach nicht sind, sind auch die Grenzen zwischen vielen Kategorien (Textsorten) nicht klar festgelegt, sondern durchaus fließend.
Das bedeutet aber keineswegs, dass die Arbeit mit Merkmalen zwecklos wäre – es muss eben um die Zielsetzung gehen, statistische Tendenzen zu ermitteln. Dann können die Vertreter einer Kategorie mehr oder weniger (un-)typisch sein, und die „besten“ Vertreter werden als prototypisch bezeichnet – was man sich entweder als nur mentales „Idealbild“ der Kategorie, oder als einen real existierenden Vetreter vorstellen kann, der diesem Idealbild am nächsten kommt: Beim Wort Vogel denken viele Menschen unmittelbar an einen Spatz, nur wenige an einen Buntspecht, und kaum jemand an den sehr untypischen Vogel Pinguin.
Wenden wir diese Konzeption auf das TextsortenwissenTextsortenwissen an,1 so dürften die Merkmale Textfunktion und -thema für die meisten Sorten zentral sein, während beispielsweise Gliederungs- und Layout-Merkmale mehr oder weniger wichtig sein können. Für die Sorte ‚wissenschaftlicher Aufsatz‘ wären die Gliederungsmerkmale sehr zentral (weil stark konventionalisiert), für den Feuilleton-Artikel weit weniger. Bei der Filmrezension sind bestimmte Inhaltszonen obligatorisch, andere fakultativ (wenn auch typisch), und es gibt bestimmte Präferenzen für die absolute und relative lineare Anordnung der Zonen. Dass nicht alle Textexemplare einer Sorte gleichermaßen schnell als solche erkennbar sind, spricht für die Bandbreite der PrototypikalitätPrototypikalität eines Textes der Vertreter: Eine schlecht gestaltete Bedienungsanleitung mag erst nach Lektüre der ersten Sätze als Vertreterin ihrer Art identifizierbar sein, ein verunglückter Kommentar, bei dem die Meinung der Autorin nicht recht klar wird, womöglich überhaupt nicht.
3.3 TexttypTexttyp
Während wir für die Charakterisierung von Textsorten eine ganze Reihe unterschiedlicher Arten von Merkmalen zugelassen haben, wollen wir den Begriff des Texttyps im Anschluss an Werlich (1975) oder auch Virtanen (1992) sehr eng mit sprachlichen Merkmalen verknüpfen. Werlich spricht davon, dass den Texttypen jeweils ein „Vertextungsmuster“ sowie ein bestimmter „kontextueller Fokus“ (unten in Klammern) und damit verbunden dann auch bestimmte Oberflächenmerkmale zugrunde liegen. Er unterscheidet fünf Texttypen.1
Texttypen nach Werlich (1975)
deskriptivTexttypdeskriptiv (spatial/Raum): phänomenregistrierende SätzeThousands of glasses were on the table.
narrativTexttypnarrativ (temporal/Zeit): handlungsaufzeichnende SätzeThe passengers landed in New York in the middle of the night.
expositorischTexttypexpositorisch (Zerlegung/Zusammensetzung von Konzepten): phänomenidentifzierende oder -verknüpfende SätzeOne part of the brain is the cortex. When unfolded, it measures 1.800 cm2.
argumentativTexttypargumentativ (Beziehungen zu Konzepten oder Aussagen der Sprecher): qualitätsattribuierende SätzeThe current obsession with durability in the arts is not permanent.
instruktivTexttypinstruktiv (künftiges Verhalten von Sprecher/Hörer betreffend): handlungsfordernde SätzeBe reasonable for a moment!
Für den deskriptiven Typ folgen wir Brinker (2005, S. 69) und unterscheiden noch einmal das Berichten (eines Geschehens) vom Beschreiben (eines Lebewesens, Objekts oder Geschehens als Instanz einer bestimmten Klasse). Typisch für den deskriptiven Typ sind nach Werlich etwa lokale Verknüpfungen über räumliche Beziehungen sowie Präpositionalphrasen in Thema-Position.
Narrative Texte unterscheiden sich vom Berichten dadurch, dass es sich nicht um eine eher kurze, neutrale Schilderung handelt, sondern um eine Erzählung aus einer spezifischen Perspektive. Diese Texte bevorzugen nach Werlich eine temporale Verknüpfung über die zeitliche Folge, entsprechend seien temporale Konnektoren und Aktionsverben häufig, die Tempus-Folge spiele eine wichtige Rolle. – Für expositorische Texte sei eine „analytische Verknüpfung“ über Differenzierung oder Synthese charakteristisch, ebenso partikularisierende Relationen, die durch Wörter wie namely, incidentally, for example, in other words angezeigt sind. In der Terminologie von Brinker (2005) dürfte dieser Typ weitgehend der Kategorie ‚explikativ‘ entsprechen, er sieht hier als sprachliches Merkmal eine Dominanz von Konnektoren, Adverbien und Präpositionen, die Kausalbeziehungen signalisieren.
In argumentativenTexttypargumentativ Texten herrscht nach Werlich eine kontrastive Verknüpfung mit entsprechend frequenten kontrastiven Konnektoren und lexikalischen Kontrasten vor. Brinker sieht außerdem eine Tendenz zu subordinierten Sätzen, die nicht nur kontrastiv, sondern auch kausal, konditional und konsekutiv verknüpft sind. InstruktiveTexttypinstruktiv Texte schließlich seien reich an Enumerationen und aufzählenden, sequenzialisierenden Konnektoren.
Der Terminus TexttypTexttyp wird gelgentlich im Sinne einer „Großklasse“ von Textsorten verwendet. Wir möchten ihn hier jedoch nur in dem genannten engeren Sinne benutzen, nach dem er ein funktional interpretierbares Bündel linguistischer Merkmale bezeichnet. Das hat zur Folge, dass Texttyp keineswegs immer eine Eigenschaft eines vollständigen Textes ist, sondern sich oft nur auf mehr oder weniger lange Textabschnitte bezieht. Viele Texte vermengen ja erzählende, beschreibende oder andere Passagen miteinander, um ihr Gesamtziel zu erreichen. Um nur drei Beispiele zu nennen: Erzählende Prosa, etwa eine Kurzgeschichte, wird oftmals zum großen Teil vom Typ narrativ sein, kann aber problemlos deskriptive Passagen enthalten, wenn eine Person, ein Ort o.ä. beschrieben wird. Ein persönlicher Brief kann zunächst Erlebnisse der Schreibenden berichten (narrativ), um daraus dann konkrete Handlungsvorschläge (instruktiv) für den Adressaten abzuleiten. Eine Bedienungsanleitung kann vorwiegend instruktiven Charakter haben, an bestimmten Stellen aber auch bestimmte Schritte durch Erklärung der Funktionsweise eines Geräts (expositorisch) begleiten.
Dies bedeutet, dass es zwar Tendenzen für die Korrelation zwischen TextsortenTextsorte und Texttypen gibt, aber keine festen Zuordnungen, und dass insbesondere – in unserer Verwendung des Begriffs – die Texttypen nicht Bestandteil einer Hierarchie von Textsorten sein sollten, sondern sich „orthogonal“ dazu verhalten: Textsorten können individuell mit einem oder mehreren Texttypen in Beziehung gesetzt werden, die jeweils den Passagen von Texten dieser Sorte zukommen.
Damit haben wir en passant auch die Abgrenzung zum Begriff der TextfunktionTextfunktion vorgenommen: Letztere ist eine Eigenschaft des gesamten Textes, die sicherlich von den im Text anzutreffenden Texttypen beeinflusst, aber nur in einigen Fällen mit ihr identisch ist (etwa in rein narrativen Texten). Hinzu kommt noch, dass beispielsweise ein Text vom narrativen Typ durchaus ein persuasives Ziel verfolgen kann – die Autorin mag lediglich ein Erlebnis schildern, es dabei aber in einer Weise darstellen, dass sie damit einen mehr oder weniger klar durchschaubaren Appell an den Leser richtet. Wir reservieren also Texttyp für die Charakterisierung der sprachlichen Oberfläche von einzelnen Passagen des Textes und Textfunktion für das (vom Leser nachvollziehbare) Ziel des Gesamttexts.
Eine weitere Begründung für die Nützlichkeit dieser Auffassung vom Texttyp liefert die Frage nach einem Kriterium für Textverstehen. Wann haben wir einen Text(abschnitt) erfolgreich gelesen? Der idealtypische deskriptive TextTexttypdeskriptiv ist verstanden, wenn wir eine mentale Repräsentation des fraglichen Objekts oder Sachverhalts aufgebaut haben. Gleiches gilt für die ExpositionTexttypexpositorisch, bei der Objekt oder Sachverhalt häufig allerdings komplizierter sein werden. Die idealtypische NarrationTexttypnarrativ ist verstanden, wenn wir die Abfolge von Ereignissen in ihrem zeitlichen Zusammenhang rekonstruiert haben (was ja nicht immer trivial ist). Ähnlich besteht das Verstehenskriterium für die Instruktion darin, die Sequenz der auszuführenden Handlungen korrekt zu identifizieren. Der argumentative TextTexttypargumentativ schließlich ist verstanden, wenn wir die Kernthese des Textes gefunden haben und zuordnen können, von welchen Textelementen sie argumentativ gestützt wird, direkt oder indirekt.
Korpusbasierte, empirische Untersuchungen der geschilderten Konzeption des Texttyps sind bisher rar. Eine Ausnahme bildet die Arbeit von Mavridou u.a. (2015) (sowie einige weitere Veröffentlichungen dieser Autorengruppe). Hier wurden elf Texte verschiedener Sorten (Parlamentsreden, Kommentare, Prosa, Nachrichten) auf Ebene der Absätze mit Texttyp-Kategorien annotiert, die dem Ansatz von Smith (2003) folgen, den oben genannten Typen aber recht ähnlich sind: narrativ, informativ, argumentativ, berichtend, beschreibend sowie sonstige. 490 Absätze wurden bearbeitet, so dass nun beispielsweise Korrelationen zwischen den Textsorten und den Frequenzen der Texttypen der Absätze beobachtet werden können. Im Zentrum des Interesses steht in dieser Arbeit jedoch die Korrelation der Texttypen mit einem semantischen Merkmal, das von Smith (2003) situation entity (SE) type genannt wurde. Man kann die von Smith vorgeschlagenen SE Typen als feinkörnige Form des Satztyps und damit als eine (wiederum gar nicht sehr verschiedene) Alternative zu den von Werlich vorgeschlagenen Satz-Kategorien auffassen:
Zustand (Aussagen über Eigenschaften oder perfektive Handlungen):Tim hat gute Laune.
Ereignis (Aussagen über dynamische Verläufe in der Zeit):Brigitte ging am Mittag zum Schwimmen.
Generalisierender Satz (Aussagen über Gewohnheiten von Individuen):Leonie fährt mit dem Fahrrad zur Schule.
Generischer Satz (Aussagen über Arten):Affen mögen Bananen.
Frage:Benötigt jemand ein Beispiel?
Imperativ:Gib mir den Stift!
Die Verteilung der SE Typen sah Smith als ein zentrales Merkmal für die Bestimmung des Texttyps zu einem Absatz und postulierte, dass narrative und beschreibende Passagen viele Sätze des SE-Typs Zustand und Ereignis enthalten; dasselbe gelte für berichtende Passagen, die aber zusätzlich auch mit generalisierenden und generischen Sätzen korrelieren. Die beiden letztgenannten SE-Typen wiederum seien Hauptmerkmale von informierenden und argumentativen Passagen.
In der Studie von Mavridou u.a. (2015) wurden SE Typen und Texttypen unabhängig voneinander im Korpus annotiert, so dass im Nachhinein die Korrelation bestimmt werden kann. Es zeigte sich, dass die Vorhersagen von Smith im Wesentlichen bestätigt wurden, aber mit gelegentlichen Ausnahmen: beispielsweise korrelieren die generalisierenden und generischen Sätze im Korpus wesentlich häufiger mit den Texttypen informativ, beschreibend, und argumentativ als mit narrativ und berichtend. Aufbauend auf Erkenntnissen dieser Art ließe sich nun im Prinzip (analog zur Klassifikation von Textsorten in Abschnitt 3.2.5) eine automatische Erkennung des Texttyps von Absätzen entwickeln – was aber deutlich schwieriger sein dürfte, weil Absätze infolge ihrer Kürze sehr viel weniger Merkmale tragen, als ganze Texte es tun.
Weiterführende Literatur
Bei der Besprechung von Textfunktion, Textsorte und Texttyp haben wir uns hier nur auf einen Ausschnitt der in der Textlinguistik untersuchten Terminologie beschränkt, die überdies verschiedene weitere Begriffe wie Textklasse, Textmuster, Textexemplar etc. verwendet. Zu diesen Themen gibt es eine Reihe von Beiträgen im ‚Handbuch Text- und Gesprächslinguistik‘ (u.a. Heinemann, 2000). Um aber zuvor einen guten Überblick über den breiteren Rahmen der Textsortenforschung „aus einem Guß“ zu bekommen, ist das zweite Kapitel von Rehm (2007) sehr empfehlenswert. Nach Entstehen der Textlinguistik war die Forschungsliteratur gerade zu Textsorten außerordentlich reichhaltig, wie auch die kommentierte Bibliographie von Adamzik (1995) zeigt.
Zum ersten Einstieg in eine quantitativ orientierte Herangehensweise an die Frage der Bestimmung von Textsorten und Register empfiehlt sich das Lehrbuch von Biber u. Conrad (2009).
Als eine sehr interessante Untersuchung der sprachlichen Merkmale in unterschiedlichen Texttypen sei das Buch von Smith (2003) genannt, das deutlich jünger ist als das oben genannte Werk von Werlich (1975). Die Autorin verwendet zur Abgrenzung von den englischsprachigen Begriffen genre und register den Begriff discourse mode für das, was wir hier als Texttyp eingeführt haben.
3.4 Übungsaufgaben
1 Untersuchen Sie Ihren Kommentar und andere (Tagespresse!) auf typische Merkmale. Lassen sich Attribute (beliebiger Art) angeben, die für diese Textsorte charakteristisch erscheinen? Woran ist ein Kommentar als Kommentar erkennbar, unabhängig von seiner Thematik?
2 Beschreiben Sie informell, wie Ihr Kommentar inhaltlich „funktioniert“. Wie erreicht er seine Wirkung? Ist der Verlauf des Arguments erkennbar? Gibt es sprachliche Phänomene, die in direktem Zusammenhang mit der Argumentation stehen?
3 Überprüfen Sie, ob sich die einzelnen (Teil-)Sätze Ihres Kommentars durch das auf Seite 54 vorgeschlagene Inventar von ‚Inhaltszonen‘ vollständig beschreiben lassen, oder ob noch weitere Zonen-Bezeichner benötigt werden.
Teil II Strukturstiftende Phänomene
4 Referenzielle Struktur
(4.1) Meine Katze hat ein neues Lieblingsspielzeug. Sie tobt jetzt ständig mit einem grünen Wollknäuel herum. Es ist schon ein bisschen zerfetzt.
Erfüllt diese Satzfolge die in Abschnitt 2.4 genannten Textualitätskriterien? Sicherlich. Sie wirkt schon allein deshalb als Text, weil die drei Sätze von denselben zwei Objekten berichten. In der Tat wird das ‚Prinzip der Wiederaufnahme‘ oftmals als das zentrale Kriterium für Kohärenz in Texten genannt: Ein Text sei demnach eine Folge von Sätzen, in denen wiederholt über dieselben Diskursgegenstände gesprochen wird. So fasste bereits eine der Pionier-Arbeiten der Textlinguistik, (Harweg, 1968), die Verwendung von PronomenPronomina als konstitutiv für das Objekt ‚Text‘ auf, und viele nachfolgende Autoren haben bei der Untersuchung von Texten ebenfalls die Wiederaufnahme in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen gerückt. Somit ist es nur naheliegend, unsere Behandlung verschiedener Ebenen der Textstruktur mit der referenziellen EbeneDiskursgegenstand zu beginnen.
Die Wiederaufnahme allein ist jedoch nicht hinreichend für Kohärenz. Das lässt sich durch konstruierte Beispiele illustrieren:
(4.2) Auf der A10 besteht bei Leest Gefahr durch Radfahrer auf der Fahrbahn. Die Radfahrer sind überwiegend evangelisch. Leest wurde im Jahr 1268 von Kurfürst Friedrich gegründet. Viele Menschen schauen samstags von Brücken auf die A10. Auch der Samstag hat 24 Stunden.
Hier bestehen zwischen den einzelnen Sätzen durchaus Beziehungen der Art, dass Aussagen über dieselben Gegenstände getroffen werden, doch ergeben diese Aussagen damit keineswegs auch einen zusammenhängenden Sinn. Wir fassen die in diesem Kapitel untersuchte, durch WiederaufnahmenWiederaufnahme entstehende referenzielle StrukturReferenzielle Struktur somit als nur eine unter mehreren Strukturebenen auf, die in den Folgekapiteln durch weitere zu ergänzen sein wird.
Zunächst wenden wir uns in Abschnitt 4.1 der Frage zu, welche sprachlichen Ausdrücke eigentlich ‚referenziell‘ interpretiert werden können oder müssen, wobei wir unterscheiden zwischen solchen, die neue Gegenstände in den Diskurs einführen, und denen, die bereits bekannte Gegenstände wieder aufnehmen, vor allem die sog. Anaphern. Abschnitt 4.2 untersucht dann zunächst die globalen Wechselwirkungen zwischen Referenzbeziehungen und der inhaltlichen Strukturierung des Textes. Bei den lokalen Effekten (Abschnitt 4.3) geht es hingegen um die Wahl der Form eines referenziellen Ausdrucks in einem konkreten Kontext – die davon abhängt, ob, wann und in welcher Form auf denselben Gegenstand bereits Bezug genommen wurde. Dass wir bei der Textproduktion in der Wahl dieser Ausdrücke keineswegs frei sind, hat unter anderem die Centering Theorie (4.3.1) untersucht und dabei speziell das Wechselspiel zwischen Pronominalisierung und grammatischen Funktionen im Satz in den Blickpunkt gerückt. Dass aber in einem noch allgemeineren Sinne die Distanz (in näher zu bestimmender Form) zwischen anaphorischem Ausdruck und Bezugsausdruck eine wichtige Rolle spielt, wird von Ansätzen berücksichtigt, die eine Skala des Aktivierungsgrads von Diskursgegenständen zugrunde legen (4.3.2). Eine Möglichkeit, daraus wiederum Modelle für die Produktion (beim Schreiben) bzw. Auflösung (beim Lesen) anaphorischer Bezüge zu gewinnen, besteht darin, numerische Aktivierungsfunktionen zu definieren, die den Verlauf der Aktivierung von Diskursgegenständen über den Text hinweg darstellen. Am Ende des Kapitels wenden wir uns in 4.4 dann der Erstellung und Nutzung von TextkorporaDiskursgegenstand zu, die mit Referenz-Information annotiert sind.
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