Czytaj książkę: «Raue Februarwinde über den Elbmarschen»
Manfred Eisner
RAUE FEBRUARWINDE
ÜBER DEN
ELBMARSCHEN
Roman
Nili Masal ermittelt (3)
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2017
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Die Abbildung »Aufbau eines Windkraftparks« auf dem Titelblatt wird mit freundlicher Genehmigung des Fotografen, Herrn Marco Bernardi aus Neuendorf-Sachsenbande, wiedergegeben. Die Aufnahme entstand am 17.06.2010 in Nortorf, Kreis Steinburg, Schleswig-Holstein.
Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
»Unsere Wirtschaft soll erfolgreich und unsere Lebensweise umweltverträglich sein. Deshalb wird unser Energiekonzept zügig umgesetzt.«
Bundeskanzlerin Frau Dr. Angela Merkel
Neujahrsansprache am 30.12.2011
»Das Ganze ist wirtschaftlich ungerecht, denn der normale Bürger zahlt die Zeche und eine große Zahl von Anlegern und Subventionsgewinnlern machen zum Teil unvorstellbare Gewinne.«
Reinhold Messner – weltbekannter Extrembergsteiger und Buchautor aus Brixen, Südtirol – in einem Gespräch über Windkraft.
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Zitate
Vorwort – Das Ende eines Idylls
1. GROWIAN lässt grüßen
2. »Heiliger Sonntag«
3. Verschollen
4. Wetterumschwung
5. Aus Nilis Tagebuch
6. Recherchen
7. Ein fatales Interview
8. Auf Spurensuche
9. Indizienpuzzle
10. Wat dem eenen sien Uhl …
11. Geständnisse
12. Da capo
13. Anatomie einer Entführung
14. Erfolgversprechende Lagebesprechung
15. Endspiel
Kulinarisches
Danksagung
Der Autor
Vorwort – Das Ende eines Idylls
Bereits seit über 4.000 Jahren nutzt der Mensch die Kraft des Windes. Die Idee, sich dieses Geschenk der Natur zu eigen zu machen, reicht zurück bis nach Altägypten, wo auf einer 3100 v. Chr. datierten Vase ein Segelschiffmodell abgebildet ist. In späteren Zeiten verbreiteten sich im östlichen Mittelmeer bei den Phöniziern, Griechen und Römern die teilweise auch durch Wind angetriebenen Wasserfahrzeuge unterschiedlichster Art. Auch die Wikingerschiffe des 9. Jahrhunderts n. Chr. führten das charakteristische und allseits gefürchtete trapezförmige Rahsegel am Mast, das sie als erste Europäer sogar bis zum amerikanischen Kontinent hinüberbrachte. Die Koggen der Hanse, die Expeditionskaravellen der waghalsigen Entdecker und Erkunder unseres gesamten Globus und nicht zuletzt die Kriegsschiffe der Seemächte, die die neu entdeckten Gebiete eroberten und diese ihrer Schätze beraubten sowie deren Bewohner versklavten, aber auch jene der Piraten und Freibeuter, die ihnen die Beute wieder abjagten, hatten eines gemeinsam: Sie wurden vom Wind angetrieben. Es wird berichtet, dass im Jahre 1700 v. Chr. die ersten Windmühlen in Mesopotamien – dem heutigen Irak – gestanden haben sollen. Historisch belegt sind die Windmühlen aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. in Persien. In Europa ist die erste in Dienst gestellte Bockwindmühle im Jahr 1105 datiert. Diese verbreiteten sich bis in das 16. Jahrhundert mannigfaltig über unseren gesamten Kontinent.

Seit dem Ende des 14. Jahrhunderts verwendete man die Windkraft zum Antrieb solcher Mühlenwerke, um die unter Meeresniveau liegenden Marschländer Schleswig-Holsteins zu entwässern. Die Honigflether Bockmühle in Stördorf, Kreis Steinburg, ist das letzte noch funktionsfähige Schöpfrad Deutschlands. Sie förderte das Wasser aus den Ackergräben in die Wettern, von der es über die Stör schließlich in die Elbe abfloss. Das Bild wird mit freundlicher Genehmigung der Fotografin Frau Dagmar Krause, Wilster wiedergegeben.
Die Blütezeit der europäischen Windmühlen währte vom 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts, wo bis zu 200.000 Exemplare dieser ansehnlichen Bauwerke unsere Landschaften zierten. Der zunehmende Einsatz von Dampfmaschinen, elektrischer Strom und die Erfindung von Verbrennungsmotoren lösten schließlich die Windkraft ab und bedeuteten nach und nach das Ende ihrer Nutzung.

Die Brokdorfer Mühle von 1721 – seit 1895 in Besitz der Familie Wolfsteller – thronte voll funktionsfähig auf dem Elbdeich bei Osterende, bis sie 1939 vollständig abbrannte. Das Gemälde ist ein Werk des Dithmarscher Malers Christian Hadenfeldt (1883–1971) aus dem Jahre 1935. Im Vordergrund die ehemalige Kate der Familie Pfingst, in der heute das »Café in de Hörn« untergebracht ist; auf dem linken Areal befindet sich das Brokdorfer Freibad. Eigene Fotoreproduktion eines Gemäldes des Autors.
In den USA wurde 1887/88 die erste vollautomatische Windanlage zur Stromerzeugung gebaut. Dieser folgte 1891 ein Windkraftwerk in Frankreich, das elektrischen Strom produzierte. Ab den 1950er Jahren begann allmählich die Entwicklung von Wechselstrom generierenden Anlagen, vorwiegend in Dänemark, die zum Vorreiter in der Weiterentwicklung – allerdings zunächst kleinerer Anlagen – wurden. In Deutschland sammelte man die ersten Erfahrungen in diesem Fach mit der Einführung des Prototyps einer Groß-Windenergieanlage auf dem Dithmarscher Kaiser-Wilhelm-Koog Ende der 1970er Jahre. In Zusammenarbeit mit der Universität Regensburg und der Firma MAN hatte das Bundesministerium für Forschung und Technologie die Errichtung dieser in die Geschichte als »GROWIAN« eingegangene Entwicklung eines großen Windkraftwerks – übrigens gegen den öffentlichen Druck und Widerstand der maßgeblichen Energieversorgungsunternehmen – zwecks Erforschung der technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten der Windenergieerzeugung beschlossen. 1978 verordnete das Ministerium den Bau der bisher weltweit größten Windkraftanlage mit 100 Metern Turmhöhe und 100 Metern Flügeldurchmesser. Die Projektdurchführung oblag der Growian GmbH, an der die Hamburger Elektrizitätswerke (HEW), die Schleswag und die RWE beteiligt waren. Neben den bei der technischen Konzeption der Anlage begangenen Irrtümern (falsche Gehäuseauslegung, ungeeignete Werkstoffe, falsche Anbringung des Zweiblattrotors als Leerläufer auf der windabgewandten Turmseite) war es wegen der schon anfänglichen negativen Einstellung der Firmen, die hier agierten, voraussehbar, dass wenig oder überhaupt kein Interesse am Gelingen des Projektes bestand, ja sogar ein Vorstand eines der beteiligten Unternehmen bei deren Hauptversammlung öffentlich kundtat, man brauche den GROWIAN, um zu beweisen, dass Windenergie nicht gehe und das Ganze lediglich »so etwas wie ein pädagogisches Modell« sei, »um Kernkraftgegner zum wahren Glauben zu bekehren«. Weil von vornherein – unbewusst oder bewusst? – fehlerhaft konzipiert, konnte die Anlage niemals bei voller Leistung betrieben werden. Die meiste Zeit stand sie wegen technischer Probleme und Reparaturbedarfs still. Im Sommer 1988 wurde der GROWIAN – der während seines Testbetriebes von fast vier Jahren lediglich 420 Stunden Betrieb aufweisen konnte – endgültig stillgelegt und wieder abgerissen. Nach der Energiekrise 1973/74 erfolgte aber ein erneuter Startschuss, um die Erdölabhängigkeit zu reduzieren. In der Folge der ersten kleineren, hier und dort aufgestellten Windräder wurden diese Bemühungen später vor allem durch die Bundesregierung mit dem neuen Gesetz für den Vorrang Erneuerbaren Energien vom März 2000 forciert. Immer mächtiger wurden seitdem die hohen Masten, umfangreicher deren Flügel, gewaltiger die Leistung, zahlreicher die Windparks sowohl auf dem Lande als auch in unseren Küstengewässern. So rasch und offensichtlich planlos wuchsen diese, dass man es bis heute noch nicht schaffen konnte, all die erzeugten Wind-Energiemengen auch dorthin zu befördern, wo sie gebraucht werden.

Diese GROße WIndenergieANlage (GROWIAN) entstand 1987 als einer der ersten Versuche zur alternativen windangetriebenen Energieerzeugung im schleswig-holsteinischen Kaiser-Wilhelm-Koog. Ihr war kein gutes Omen beschieden: Wegen grundsätzlicher Fehlkonzeption hatte sie mehr Pannen und Stillstand als brauchbare Funktionszeiten und wurde 1988 abgewrackt. Der Turm sowie eines der Rotorblätter werden im Technik-Museum in Sinsheim ausgestellt. Das Foto wird mit freundlicher Genehmigung von Mr. Paul Gipe – weltbekannter US-amerikanischer Spezialist für Regenerative Energien – wiedergegeben (Photo by Paul Gipe – All rights reserved).
Ungeahnte Hindernisse bauten sich da auf: Den einen sind die riesigen Strommasten, den anderen die um ein Vielfaches kostspieligeren unterirdischen Kabeltrassen ein Dorn im Auge. Die derart entstandenen Staus bei Stromerzeugung und -transport verschlingen Unsummen, und diese gehen schamlos – den Letzten beißen bekanntlich die Hunde – zu Lasten der Verbraucher-Portemonnaies. Schade! Natürlich kann die Menschheit auf Dauer nicht ohne alternative – und vor allem auch absolut verbrennungslose – Arten der erneuerbaren Energiegewinnung überleben. Dennoch kann sich der Autor beim Anblick der pausenlos rotierenden Giganten sowie der während der Nacht unaufhörlich blitzenden oder rot blinkenden Umgebung nicht der nostalgischen Sehnsucht nach den ehemals von harmonischen Landschaften gesäumten formschönen und sanften Windmühlen erwehren.
Manfred Eisner, im Herbst 2016
1. GROWIAN lässt grüßen
»Nichts ist mehr so, wie es früher einmal war!« Oma Clarissa legt mit einem tiefen Seufzer des Bedauerns den Courier beiseite und setzt die Lesebrille ab.
»Wie meinst du das, Abuelita?« Nili sitzt mit ihrer Mutter Lissy und der Omi vor dem wohlige Wärme ausstrahlenden Kamin im Wohnzimmer vom Onkel Suhls Haus in Oldenmoor, der kleinen Stadt in den Elbmarschen. Der Februar hat bisher relativ wenig Niederschlag gebracht, bedingt durch das stabil herrschende Hochdrucksystem über Norddeutschland mit seinen rekordverdächtigen Niedrigtemperaturen. Draußen ist es eisig kalt und das Thermometer zeigte in der letzten Nacht minus 15 Grad Celsius an. Deswegen machen es sich die drei Frauen an diesem späten Samstagnachmittag auf Sofa und Sessel dicht vor dem Kamin gemütlich.
»Ach, Kindchen! Ich meine ja nur so. Als ich noch ein Kind war, war das Lebenstempo viel gemächlicher. Man ließ alles ruhiger angehen, die Leute hatten – oder besser gesagt nahmen sich – für sich selbst und ihre Familien und Freunde viel mehr Muße, obwohl die tägliche Arbeitszeit doch erheblich länger war als heute. Ich möchte nicht das Gezeter hören, wenn man auf eine 48-Stunden-Woche zurückkehren wollte. Die alltäglich geläufigen Begriffe ›Stress‹ und ›Burn-out‹ waren absolut unbekannt, das Leben verlief in ruhigeren Bahnen. Obwohl – das muss ich fairerweise einschränken – dieses Idyll mit dem Aufkommen der Nazis und schließlich der Machtergreifung Hitlers ein abruptes Ende fand.«
»Nun ja, liebe Oma, die Zeiten ändern sich, das ist nun mal so. Immerhin arbeiten viele Leute auch heute weit über das vorgegebene Maß hinaus. Sieh mal, ich muss erst wieder am nächsten Donnerstag zum Dienst, weil ich so viele Überstunden abzufeiern habe.«
»Ja, ja, ich weiß! Die Zeit lässt sich eben nicht zurückdrehen. Aber das, was jetzt hier um uns herum passiert, ist auch nicht gerade beruhigend. Die eskalierenden Auseinandersetzungen von Befürwortern und Gegnern der Windkrafträder in unserer Region machen mir doch Sorgen. Heute berichtet Maddes Neffe, Jan-Jürgen Ploog, in seinem Leitartikel des Courier von den kontroversen Argumenten der heftig aufeinanderprallenden Eiferer auf beiden Seiten. Da wird mit echt harten Bandagen gerungen.«
»Wat dem eenen sin Uhl, is dem anneren sin Nachtigall!«, zitiert Ima Lissy auf Plattdeutsch.1
»Ja, Ima, stimmt! Aber es muss doch möglich sein, auch hier einmal Vernunft walten zu lassen und den realen Bedarf an erneuerbaren Energiequellen nüchtern und etwas leidenschaftsloser zu erörtern. Es ist wahr, dass die von der Bundesregierung als Reaktion auf die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima – zwar leider ohne die gebotene Vorausplanung – verordnete Kehrtwende mit Ausstieg aus der Atomenergie eher populistischer Natur war und sozusagen aus Frau Merkels Bauch heraus erfolgte, um von vornherein den Atomgegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ebenso wahr ist aber, dass wegen der hierdurch verursachten Kluft in der Stromerzeugung für die nach und nach stillgesetzten Kernkraftwerke schnellstmöglich Ersatz geschaffen werden muss. Hier im Norden haben wir als alternative Energiequellen nur bedingt etwas Sonne, dafür jedoch Wind im Übermaß zu bieten. Eine weitere Verschmutzung der Umwelt durch CO2- Emissionen von mit Gas, Kohle oder Erdöl betriebenen Kraftwerken können wir uns überhaupt nicht mehr leisten, im Gegenteil: Diese müssen ebenfalls nach und nach abgeschafft werden.«
»Bravo, Nili, besser konnte es selbst unser Jan-Jürgen in seinem Plädoyer nicht formulieren«, bestätigt Clarissa. »Doch leider steht der menschlichen Vernunft meist die maßlose Geldgier im Wege. Dadurch werden gelegentlich intime Freundschaftsbande und familiäre Verbindungen zunichtegemacht. Im Artikel wird erwähnt – allerdings ohne Nennung der Namen –, wie sehr die Mitglieder einer gewissen Bauernfamilie wegen der Errichtung dreier Windräder auf ihrem Acker ernsthaft zerstritten, ja sogar verfeindet sind.«
»Das erinnert mich an den alten Witz vom Josele«, kommentiert Lissy mit einem verschmitzten Lächeln.
»Welchen meinst du denn, mein Kind?«, fragt Oma Clarissa.
»Ach, Ima, erzähl doch bitte!«, bettelt Nili.
»Also gut.« Lissy räuspert sich. »Eines Tages kommt der Josele zum Rabbi. Fragt der Rabbi: ›Nu, Josele, was hast du?‹ Der antwortet: ›Rebbe, ich versteh die Welt nicht mehr!‹ Fragt der Rabbi: ›Wieso? Was ist passiert?‹ – ›Nun ja‹, antwortet Josele, ›der Moischele und ich sind gewesen wie Brüder. Wir kennen uns seit der ersten Kindeszeit. Wir waren zusammen im Kindergarten, dann in der Schule. Wir haben geheiratet zusammen ein Zwillingspaar, hatten eine gemeinsame Hochzeit. Alles war wunderbar bis letzte Woche, da hat der Moischele plötzlich gewonnen im Lotto, sechs Richtige mit Zusatzzahl. Hat gemacht zweieinhalb Millionen. Und jetzt plötzlich tut er so, als ob er mich nicht kennt. Ich bin für ihn ein Fremder, hat er mir gesagt. Rebbe, ich versteh die Welt nicht mehr!‹ – ›Mm…‹, überlegt der Rabbi und streichelt seinen langen weißen Bart. Dann sagt er: ›Josele, geh zum Fenster und schau hinaus. Was siehst du?‹ Josele blickt hinaus und sagt: ›Nun ja, Rebbe, was man soeben auf der Straße sieht: die Leute, die Autos, die Bäume.‹ – ›So, Josele, und jetzt geh hinüber zum Spiegel und sag mir, was du siehst.‹ Josele folgt dem Rabbi und antwortet: ›Nu, was schon soll ich sehen? Mich selbst!‹ Sagt der Rabbi: ›Ja, mein lieber Josele, das Leben ist eben wie eine Glasscheibe. Normalerweise kann man durch sie hindurch alles sehr gut sehen. Aber kaum kommt ein bisserle Silber dazwischen, sieht man nur noch sich selbst!‹«
»Wie wahr, Ima!« Nili erhebt sich, denn es hat soeben an der Haustür geklingelt. Sie geht, um zu öffnen. Die bekannte Silhouette, die sich auf der matten Fensterscheibe abzeichnet, beschleunigt ihren Herzschlag vor Freude und sie zieht schwungvoll die Tür auf. »Waldi, Liebster, was für eine schöne Überraschung!«
Beide geben sich einen sehr langen Kuss.
»Ich hatte gar nicht mit dir gerechnet! Komm erst mal rein, dein Gesicht fühlt sich eisig an, du bist ja halb erfroren!«
»Ja, bei den vereisten Straßen habe ich es vorgezogen, mit der Bahn zu fahren. Und am Bahnhof stand natürlich mal wieder kein Taxi bereit, da bin ich eben zu Fuß hergelaufen.«
»Du Armer! Hättest du mich angerufen, dann wäre ich hingefahren, um dich abzuholen! Komm, gehen wir ins Wohnzimmer, damit du dich am Kamin etwas aufwärmen kannst!« Sie schließt die Tür und geht vor. »Abuelita, Ima, seht mal her, Überraschung!«
Sehr herzlich begrüßen die beiden Frauen den Ersten Kriminalhauptkommissar Walter Mohr vom Kieler LKA, wohl in seiner dreifachen Funktion als Nilis Vorgesetzter, Kollege und – wie man heute zu sagen pflegt – der Mann an ihrer Seite.
»Ich bitte höflichst, diesen unangemeldeten Überfall zu entschuldigen, meine Damen!« Er begrüßt Clarissa und Lissy in seiner gewohnt freundlichen Art. »Es ist ja so, dass Nili für die nächsten paar Tage nicht in Kiel sein wird, und ehrlich gesagt sind mir diese ohne sie viel zu lang und öde.« Nun lächelt er Nili an. »Wir sind doch sowohl im Job als auch privat ein eingespieltes Team, nicht wahr, mein Schatz?«
»Aber, aber, Herr Mohr«, Lissy lacht, »dafür brauchen Sie sich doch nicht zu entschuldigen! Sie wissen ja, dass Sie in unserem Hause jederzeit gern gesehen sind! ›Mi casa es su casa‹, wie man in Südamerika sagt. Mein Haus ist Ihr Haus!«
»Ich danke Ihnen, sehr geehrte Frau Masal, das ist wirklich nett von Ihnen!«
»Ach, Leute, lasst doch bitte ein für alle Mal diese steifen norddeutschen Förmlichkeiten«, regt Nili an. »Waldi und ich sind schließlich ein Paar und ihr solltet euch endlich duzen!« Sie macht Anstalten, das Wohnzimmer zu verlassen. »Ich setze rasch Wasser auf. Dann gibt es einen schönen heißen Grog für uns alle, und es wird ›ornlich‹ auf Du und Du geprostet! Basta!«
»Nili hat gesprochen!«, kommentiert Oma Clarissa mit einem vergnügten Lächeln.
*
Diplomingenieur Wolfgang Schneider sitzt am Schreibtisch seines Arbeitszimmers, das in dem großen reetgedeckten Barghus am Störufer in der Nähe von Itzehoe untergebracht ist. Hier hat die Wind-Powermasters – Genossenschaft mit beschränkter Haftung – seit etwa fünf Jahren ihr Hauptquartier etabliert. Er überarbeitet den Lageplan des letzten Windparks, den das Unternehmen zurzeit in der Nähe der Kleinstadt Oldenmoor neu errichtet. Im letzten Jahr konnte man wegen der sehr spät einsetzenden Frostperiode bis in den Monat Dezember hinein Fundamentgruben für die Tragesäulen der Windkrafträder ausheben. Es war sogar gelungen, den ersten Mast aufzustellen, bis dann die strenge Kälte eine Unterbrechung der Arbeit verursachte. Der sechzigjährige schlanke und gut aussehende Mann mit den krausgelockten grauen Haaren blickt nachdenklich aus dem Fenster und sieht in der Ferne eine noch unvollständige Windanlage in den trüben winterlichen Himmel aufragen. Er zündet sich eine Zigarette an und betrachtet tief in Gedanken versunken den ausgeatmeten Rauch. Über dreißig Jahre ist es her, seit er erstmals mit der Windkraft in Berührung gekommen ist. Nach seinem Maschinenbaustudium an der Berliner TH hat er Ende der siebziger Jahre als junger Angestellter am Institut für Aerodynamik und Gasdynamik der Universität Stuttgart seine ersten Erfahrungen in diesem Fach mit der Einführung des GROWIAN-Prototyps auf dem Kaiser-Wilhelm-Koog gesammelt. Wenigstens einen Vorteil hatte das verunglückte Unternehmen für ihn, lernte er doch im benachbarten Friedrichskoog jene junge Frau kennen, die er dann auch später heiratete und die ihm drei Kinder schenkte. Heute lebt er mit Ehefrau Silke in einer Vierzimmerwohnung in der Stadt Wilster.
Schneider drückt die Zigarette im Aschenbecher aus und widmet sich abermals seinem Lageplan. Dr. Jürgen Böckmann, Leiter des Rechnungswesens der Genossenschaft, hatte ihn telefonisch darüber informiert, dass der Erste Vorsitzende und Geschäftsführer, Alfred Rademacher – bei den Genossenschaftsmitgliedern wegen seines ungebremsten Aktionismus unter vorgehaltener Hand »Windiradi« genannt –, bei der letzten Versammlung festgestellt habe, dass inzwischen etwa fünfundzwanzig neue Mitglieder der Genossenschaft beigetreten seien und entsprechende Beiträge für ihre Geschäftsanteile zur Verfügung gestellt haben. Dies geböte, die neu zugeflossenen Gelder baldmöglichst zu investieren, weshalb er Schneider angewiesen habe, den Lageplan des jetzigen Windparks noch einmal auf die Möglichkeit zu überprüfen, mindestens fünf weitere Windkrafträder auf diesem Areal aufzustellen. »Die Kerle gehen mir langsam auf den Senkel«, murmelt er und seufzt. »Die können einfach den Hals nicht vollkriegen!« Man verspricht den Anlegern wahnwitzige Zinserträge auf ihre Genussscheine, die seines Erachtens niemals erwirtschaftet werden können. Aber die Gier treibt die Investoren und vernebelt ihren Verstand. »Und unsere gewissenlosen Herren des Vorstands nutzen dies schamlos aus, ohne Rücksicht auf Verluste!«
Wolfgang Schneider hatte »sein« GROWIAN-Projekt bis zum endgültigen Abriss der Anlage betreut und fand sich danach arbeitslos. Wider dessen technisches Scheitern war er durch die gemachten Erfahrungen von der Effizienz und Zuverlässigkeit von Windkraftanlagen überzeugter denn je. Er war sich sicher, dass die Euphorie der friedlichen Atomnutzung spätestens bei der Suche nach einer geeigneten Endlagerungsstätte für die abgenutzten Brennelemente irgendwann ein jähes Ende finden würde und man sich schon deshalb der Schaffung alternativer Energiequellen zuwenden werde. Bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war doch die gesamte Landesfläche Schleswig-Holsteins mit Windmühlen aller Arten für vielseitige Verwendungszwecke überzogen. Nicht nur für das Mahlen von Getreidearten, zur Ölgewinnung, der Wasserschöpfung, Marschentwässerung und für andere Nutzungen setzte man damals seit uralten Zeiten erfolgreich auf die stets vorhandene Naturkraft. Diese wurde erst durch den Einsatz elektrisch betriebener Pumpen und Motoren ersetzbar. Und nun erhob sich gerade mit der Generierung dieser elektrischen Kraft erneut die akute Frage, die nach adäquaten Antworten verlangte. »Also back to the roots – zurück zu den Anfängen«, sagte sich der optimistische Ingenieur und suchte nach Gesinnungsgenossen, mit denen er gemeinsame Sache machen konnte. Die Anfänge gestalteten sich mehr als schwierig, waren doch damals die kühnen Unternehmen, die sich an die Herstellung von Windkrafträdern heranwagten, dünn gesät. Durch gezielte Anzeigen in Fachzeitschriften empfahl sich Schneider als sachkundiger Berater und gelangte nach und nach an zeitlich begrenzte Aufträge, indem er mit wechselnden Herstellern bei Planung und Aufstellung der Anlagen kooperierte. So war er ab 1989 für verschiedene Firmen tätig und an einigen der ersten im Lande aufgestellten Windkraftanlagen in Burg auf Fehmarn, Barnitz und Schürsdorf beteiligt. Als er danach in der Branche bekannter war, etablierte er sein eigenes Planungsbüro – S-WK-Engineering – in ebendiesem ehemaligen Bauernhaus, das er kostengünstig erstanden und liebevoll renoviert hatte, und machte dann auch seiner Silke einen Heiratsantrag. Seine berufliche Laufbahn war durch die den selbstständigen Unternehmern eigenen Aufs und Abs gezeichnet, weshalb er einigermaßen froh war, als die neu gegründete Wind-Powermasters Genossenschaft ihn vor etwa fünf Jahren mit einem gut dotierten Gehalt als technischen Leiter einstellte und seinen Bauernhof gegen eine erkleckliche Monatsmiete zu deren Hauptquartier machte. Da seine Kinder inzwischen allesamt aus dem Hause waren, zog auch er aus dem für das Ehepaar viel zu groß gewordene Barghus in seine jetzige Vierzimmerwohnung nach Wilster um.
Etwas verbittert untersucht Wolfgang Schneider abermals mit scharfem Blick das ausgewiesene Areal, um dessen Nutzung als Standort der Windkraftanlagen schon seit Bekanntwerden des Projekts ein erbitterter Streit zwischen Befürwortern und Gegnern ausgetragen wird. Beide Parteien haben mit harten Bandagen gerungen, und diese Auseinandersetzungen sind nicht ohne seelische und sogar körperliche Blessuren abgelaufen. Ebenso wie der gesamte Vorstand der Genossenschaft ist auch Schneider nicht von harten Vorwürfen und Verunglimpfungen verschont geblieben, wurde er sowohl mündlich als auch im Internet des Öfteren als »Lakai der Windkraftmafia« beschimpft und bedroht, war er doch stets überzeugt von der Richtigkeit des Einsatzes der Windkraft für die Energieerzeugung, wie er es in sämtlichen öffentlichen Veranstaltungen deutlich kundgetan hatte. Allerdings muss auch er sich ehrlicherweise eingestehen, dass das Maß des für die Anrainer der Windparks Erträglichen inzwischen nahezu voll ist, weil die Anzahl der Windenergieanlagen durch die grenzenlose Geldgier von Erbauern und Betreibern der immer größer werdenden Windräder weit überzogen wurde – und immer noch wird. Nachdenklich zirkelt er auf dem Plan hin und her, um die vom Vorstand geforderten zusätzlichen Anlagen unterzubringen. Kein leichtes Unterfangen, gilt es doch sowohl die rechtlichen Vorgaben als auch die physikalischen Gesetze stimmig zu koordinieren: Mindestens 800 Meter Abstand zu Siedlungen und 500 Meter zu einzeln stehenden Häusern sind da einzuhalten. »Da steht doch diese alte Kate mit gerade mal 480 Metern schon viel zu nahe dran!«, murmelt er. »Und dort, am südlichen Rand der Fläche, befindet sich der kleine Fünf-Häuser-Ort bereits in 822 Metern Distanz!« Die 2,4-Megawatt-Windräder, die hier aufgestellt werden, haben Rotoren mit einem beachtlichen Durchmesser von 117 Metern. Ihre Masten ragen 140 Meter hoch in den Himmel. Mit der Vorgabe, dass Windräder mit einem Mindestabstand vom Fünffachen des Rotordurchmessers aufgestellt werden sollen, damit sie sich nicht gegenseitig »den Wind aus den Segeln nehmen«, müsste also jedes von ihnen hier einen freien Umkreis von 585 Metern haben. »Hat doch alles keinen Sinn, meine Herren vom Vorstand! Ich kann so viel hin und her zirkeln, der Platz wird dadurch einfach nicht größer!« Resigniert legt Schneider den Plan beiseite und greift zum Telefon.
*
Zwei Wochen zuvor ist es auf dem Thodehof am Rande der Kleinstadt Oldenmoor hoch hergegangen. Während die Familie in der Wohnküche beim Mittagessen versammelt ist, verkündet halblaut Jungbauer Norbert Bahlke seiner Ehefrau Regine: »Ich habe heute Vormittag mit dem Filialalleiter der Holsteinischen Bank verhandelt und wir sind uns einig geworden. Herr Sievers sagte mir den Kredit für den Ankauf von fünf Genussscheinen der Wind-Powermasters Genossenschaft zu. Sie werden zur Sicherheit bei der Bank deponiert und der Kredit wird mit den fest zugesicherten Zinsen, die die Genussscheine abwerfen, abgegolten, sodass uns dadurch praktisch keine Spesen entstehen.«
»Verdammich nomol! Hört dat nie op?« Altbauer Theo Thode haut mit der Faust so hart auf den Tisch, dass das gesamte Geschirr klappert. »Ick kun juun bloides Gesabbel nie nich mehr höörn! Un erpressen lass ick mich schon gor nich!« Wutentbrannt schiebt er den nur bis zur Hälfte leer gegessenen Teller Erbsensuppe von sich, knallt den Löffel auf den Tisch, steht auf und verlässt schwer hinkend die Wohnküche. Er hat sich die Verletzung vor zwei Jahren zugezogen, als er in ziemlich angetrunkenem Zustand vom eigenen Trecker gefallen ist und dabei auch noch sein rechtes Bein von dessen mächtigem Hinterrad überfahren wurde. Der längere Krankenhausaufenthalt und ein vom Unfall verbliebener Gehschaden haben ihn dazu bewogen, den Bauernhof samt Viehwirtschaft sowie die 65 Hektar großen Ackerflächen seiner Tochter Regine und dem Schwiegersohn Norbert Bahlke in Erbpacht zu überlassen. Mit Anfang sechzig war er zu der Zeit zwar noch zu jung, um sich vom seit Generationen ererbten Hof der Thodes zu lösen, aber er musste erkennen, dass ihm nach dem Verlust seiner treuen Siglinde, die vier Jahre zuvor an Brustkrebs verstorben war, jegliche Lebenslust – samt der vormaligen Freude an der Landwirtschaftsarbeit – abhandengekommen war. Der einst so gesellige und unternehmungslustige Kerl mutierte zu einem sehr stillen, in sich gekehrten und stets muffigen männlichen Wesen, das sich mehr der Flasche als der Familie und den Belangen des Gutshofs widmete. So brachte er dem Begehren der Tochter und ihres Mannes nach seiner Abdankung aufgrund des unhaltbar gewordenen Zustandes von Finanzen, Haus und Hof kaum Widerstand entgegen. Ja, er gestand sich insgeheim sogar ein, dass er darüber froh war, von diesen lästig gewordenen Bürden entbunden zu werden. Obwohl er damit die gesamte Wirtschaft und Verantwortung seiner Nachkommenschaft überließ und sich nur dann über das Tagesgeschehen äußerte, wenn er danach gefragt wurde, gab es in einer Hinsicht – nämlich jener der eventuellen Aufstellung von Windenergieanlagen auf seinem Grund und Boden – eiserne Ablehnung. »So’n Schietmobil kommt mi nie nich op mien Land! Da ward man bloss vun ramdösig. Un de Keu, de warn bregenklöterig un givt dann ok keen Melk mehr!« Die jungen Bauersleute, die von nun an für das Überleben des finanziell ziemlich ramponierten Gutes Sorge zu tragen hatten, sahen dies allerdings ganz anders, versprach doch die Jahrespacht für die Aufstellungsfläche einer Windenergieanlage – je nach erbrachter KWh-Leistung – bis zu 25.000 Euro. Sie versuchten deshalb dem Altbauern die Erlaubnis für die Verpachtung einer etwas weniger als 6 Hektar großen Fläche für die Aufstellung von vier Windrädern abzuringen. Die Rechnung, die die Tochter dem sturen Vater vorlegte – bei einem durchschnittlichen Ertrag von 8 Tonnen Weizen je Hektar wären auf diesem Ackerstück bestenfalls 48 Tonnen und ein Bruttoerlös von gerade mal 8.200 Euro erzielbar; dagegen stünden bis zu 100.000 bare Euro jährlich! –, konnte ihn dennoch nicht überzeugen, war doch seine Abneigung gegen diese ständig Schatten werfenden und in der Nacht rot blinkenden Ungeheuer unumkehrbar. Total entnervt haben ihm daraufhin heute Tochter und Schwiegersohn tatsächlich die Pistole an die Brust gesetzt, indem sie ihn vor die Alternative gestellt haben, entweder seine Zustimmung zu erteilen, im gegenteiligen Fall aber den Erbpachtvertrag sofort zu lösen und den Hof samt Kindern und Enkeln zu verlassen.
*
Trotz der eisigen Kälte und des starken Windes in den frühen Morgenstunden dieses Sonntags hat Nili es geschafft, ihren Waldi aus dem mollig warmen Bett zu scheuchen und nach Einnahme eines heißen Bechers schwarzen Tees mit Minze mit ihr auf ihrer üblichen Joggingstrecke entlangzutraben. Die eisige Luft, die ihnen entgegenweht, treibt ihnen die Tränen in die Augen, nur mühsam kommen sie gegen die oft böigen Luftmassen an.
»Guck mal, Nili, der Wind ist so stark, dass die ganze Reihe Windräder dort hinten zum Stillstand gekommen ist!«, bemerkt Waldi mit keuchender Stimme.
»Ja, das habe ich auch schon beobachtet«, antwortet Nili. »Das bedeutet, dass die Windgeschwindigkeit neunzig Stundenkilometer überschritten haben muss, denn da schalten die Windräder automatisch ab! Aber lass dich von dem Wind nicht ärgern und streng dich ruhig noch etwas an. Auf dem Rückweg laufen wir dafür mit achterlichem Wind viel leichter.«
Kurz darauf hören sie von weit hinten das Martinshorn eines Polizeistreifenwagens, der sich ihnen mit Blaulicht und rasender Geschwindigkeit nähert. Neugierig bleiben sie stehen und beobachten den Wagen. Die Insassen haben sie offensichtlich erkannt, denn die Fahrerin steigt abrupt auf die Bremse und das Auto kommt etwa fünfzig Meter hinter ihnen zum Stehen. Nili und Waldi traben bis an das heruntergefahrene Fenster des Beifahrers.
»Mensch, Nili, das ist aber eine echte Überraschung! Hallo, Herr Erster Hauptkommissar Mohr, Sie auch hier?«
»Moin moin, Hauke, was macht ihr denn hier so früh am Morgen und bei diesem Schietwetter?« Nili schüttelt ihrem ehemaligen Kollegen Kriminaloberkommissar Hauke Steffens von der Polizeidienststelle in Oldenmoor, der wegen der Strukturreform zur Kripo Itzehoe versetzt wurde, freudig die Hand.
In diesem Moment beginnt es heftig zu schneien. Starke Böen wirbeln die Schneeflocken wild durcheinander.
»Steigt rasch ein, Leute, es wird verdammt ungemütlich da draußen!«
Nili und Waldi lassen sich das kein zweites Mal sagen und sind froh, als sie die Wagentüren hinter sich schließen können.
»Mannomann«, Hauke Steffens schüttelt sich, »wahrlich das optimale Wetter für einen Einsatz! Darf ich vorstellen? Meine Kollegin Kriminaloberkommissarin Dörte Westermann, die erfahrene Frau am Steuer. Dörte, diese beiden sind Kollegen vom LKA in Kiel.«
Während Dörte anfährt und wieder aufs Gas drückt, bemerkt sie, ohne den Blick von der mit Schneeflocken bedeckten Frontscheibe abzuwenden: »Hallo, Sie sind also Nili und Waldi, die berühmten Kollegen, von denen mir Hauke schon so viel erzählt hat. Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen!«
»Auch wir freuen uns, Frau Kollegin. Wohin des Weges?«, möchte Nili wissen.
»Du kannst dich doch sicher an unseren Herrn Kriminaloberrat Heinrich Stöver erinnern, nicht wahr, Nili? Also, dieser ungnädige ›Hein Gröhl‹ rief uns einfach aus der heiligen Sonntagsruhe heraus und beorderte uns – wie immer in seiner betont freundlichen Tonart – zu diesem verwünschten Einsatz inmitten der Walachei. Es handelt sich um einen Leichenfund ausgerechnet in einer von zwei noch vor Frosteinbruch Ende des letzten Jahres ausgehobenen Fundamentgruben für den neuen Windpark.«
Nur Minuten später trifft der Wagen an der Fundstelle ein, nachdem KOK Westermann von der Hauptstraße auf einen spärlich befestigten Pfad abgebogen ist. Zwei Polizeifahrzeuge und ein Pkw stehen bereits in der Nähe eines Baggers, mit dem offensichtlich die beiden Gruben ausgehoben wurden.
Mit Vergnügen erkennt Nili ihren zweiten ehemaligen Kollegen, den Polizeiobermeister Seifert, der gerade aus einem der Streifenwagen aussteigt und freudestrahlend auf sie zueilt. Der Schneefall hört abrupt auf, der Himmel klart gerade ein wenig auf. »Hallo, Willi! Schön, dich zu sehen!«
Die beiden begrüßen sich herzlich und POM Seifert macht, während sie alle in Richtung der Gruben gehen, sie und Waldi mit seinen beiden Kollegen der Polizeidienststelle Oldenmoor, Polizeimeister Dieter Klages und Polizeimeister-Anwärterin Helga Timm, bekannt.
Nachdem sich auch der Rest der Truppe gegenseitig begrüßt hat, fragt KOK Hauke Steffens: »Wer hat die Leiche überhaupt gefunden?«
»Diese Herren hier sind Wilfried Beuck und Sigfried Förster, Kranführer und Monteur der Windparkfirma«, stellt POM Seifert die beiden in Zivil gekleideten Männer vor. »Sie haben ausgesagt, ihr Vorarbeiter Alfred Klages hätte sie wegen der schlechten Wetterlage hergeschickt, um nach Bagger und Kran zu sehen. Als Förster dabei zufällig über den Grubenrand schaute, bemerkte er den länglichen Gegenstand in der dicken blauen Plane. Beuck startete den Bagger und ließ Förster mit der Schaufel herunter. Als dieser die Plane geringfügig aufwickelte, sei die Leiche zum Vorschein gekommen. Die beiden haben sofort bei der Polizeidienststelle in Oldenmoor angerufen. Weil ja Sonntag ist, werden Anrufe automatisch in die Wohnung des derzeit wegen hohen Fiebers bettlägerigen Dienststellenleiters geleitet. Hauptkommissar Boie Hansen hat daraufhin seine gesamte Crew herbeordert und danach gleich die Kripo in Itzehoe alarmiert.«
»Wisst ihr schon, um wen es sich handelt?«, fragt KOK Dörte Westermann.
»Ich habe mir den Toten nur oberflächlich ansehen können, da wir nichts berühren wollten, bevor die Spusi da ist. Eine mir unbekannte männliche Leiche, schätzungsweise um die dreißig. Sieht so aus, als ob sie schon länger da unten liegt.«
Waldi begleitet Hauke bis an den Rand des kreuzförmigen und ungleichmäßig tiefen, weil offensichtlich noch nicht vollständig ausgebaggerten Fundamentgrabens und schaut hinunter. Der Tote liegt in einem Bereich, der etwa zweieinhalb Meter tief ist. Mit versteinertem Blick betrachtet Waldi dessen Gesicht, macht abrupt kehrt und geht wieder zurück.
PM Dieter Klages schüttelt sich, offensichtlich ist ihm noch mulmig von seiner gruseligen Erkundungsfahrt in die Grube.
»Es ist Döspaddels2 erster Leichenfund«, raunt Kollege Willi Seifert Nili zu und grient.
Nili muss ebenfalls schmunzeln, erinnert sie sich doch an Willis damaligen Bericht, als er über Dieter Klages’ Versetzung von der geschlossenen Polizeistation Beidenfleth nach Oldenmoor berichtete und dabei dessen Spitznamen erwähnte.
In diesem Moment treffen zwei weitere Fahrzeuge ein. Die beiden Beamten der KTU, in weiße Schutzkleidung gehüllt, stellen sich vor. Anschließend gehen Chemotechnikerin Lilo Papst und Laborant Uwe Wildemann zur Leichenfundstelle und werden vom Baggerführer in die Grube hinabgelassen. Kurz darauf gesellt sich der Allgemeinmediziner Dr. Günther Vollmert zu ihnen, um die Leichenschau durchzuführen. Nach Ankunft einer lang gezogenen schwarzen Begräbnislimousine steigen zwei dunkel gekleidete Männer aus und tragen einen Metallsarg bis an den Rand der Grube. Als erneut starke Windböen aufkommen und abermals heftiger Schneefall einsetzt, sucht die gesamte Mannschaft eiligst Schutz in ihren Autos.
»Hat wohl keinen Sinn mehr, Dörte, was meinst du?«, bedauert Hauke Steffens.
KOK Westermann schüttelt den Kopf. »Ich glaube, bei diesem Wetter sind sowieso keine brauchbaren Spuren zu finden, aber wir sollten wenigstens abwarten, ob der Arzt uns etwas Brauchbares berichten kann. Oder was meinen die Kollegen vom LKA?«
Waldi sieht Nili an und sie nickt. »In der Tat, jetzt dürfte hier nicht viel zu holen sein. Wenn wir noch länger warten, ist die Grube sowieso halb zugeschneit. Ich glaube, es wäre das Beste, die Leiche herauszuheben und sie eiligst zur Obduktion in die Pathologie zu überführen, richtig, Waldi?«
Dieser stimmt ihr zu und meint: »Seht mal dort, Doktor Vollmert wurde gerade vom Bagger wieder hochgeholt. Er geht jetzt zu seinem Wagen. Wollen wir ihn nicht gleich befragen?«
Hauke, der am Steuer des Streifenwagens sitzt, lässt den Motor an, wendet und fährt in die unmittelbare Nähe von Dr. Vollmerts Pkw. Dieser steigt zu ihnen ins Auto. »Das war für mich wahrlich eine Premiere: So eine Leichenschau wie diese habe ich in der Tat vorher noch nie erlebt. Das ist aber auch ein Schietwetter!«
»Zugegeben, sehr geehrter Herr Doktor, aber was sollen wir denn tun? Können Sie uns vielleicht schon etwas vorweg sagen?« Hauke zückt Block und Kugelschreiber. »Also gut: Wie es aussieht, liegt der Tote schätzungsweise seit ein bis zwei Wochen in der Grube, Genaueres kann ich natürlich unter diesen Umständen nicht sagen. Er ist etwa ein Meter achtundsiebzig groß, sein Lebendgewicht dürfte bei fünfundsiebzig bis achtzig Kilogramm gelegen haben. Blonde Haare, blaue Augen, Alter so um die Mitte zwanzig. Sehr viel konnte ich da unten bei diesem Wetter nicht feststellen, aber er scheint einen harten Schlag mit einem dumpfen Gegenstand auf dem Hinterkopf abbekommen zu haben und muss dann wegen der Wucht des Schlages ziemlich heftig frontal gegen eine Wand geprallt sein – darauf deutet zumindest ein Hämatom an der Stirn. Ich vermute, es handelt sich um eine unnatürliche Todesursache durch Genickbruch, verursacht entweder durch den Schlag oder den Aufprall. Gemäß Aussage Ihrer KTU-Kollegen hatte der Tote weder Papiere noch Kreditkarten bei sich, die seine Identität preisgegeben hätten, auch kein Handy. In seinem Portemonnaie sollen sich fünfundsiebzig Euro befunden haben. Weitere Erkenntnisse kann nur eine ordentlich durchgeführte Obduktion an den Tag bringen, tut mir leid!«
»Herzlichen Dank, Herr Doktor, das war doch schon ’ne ganze Menge!« KOK Steffens drückt dem Mediziner die Hand, dieser winkt den anderen zu und steigt zugleich mit ihm aus.
Hauke geht auf die anderen Polizeifahrzeuge zu und ordnet den Abbruch an. Die Leiche soll sofort geborgen und in die Pathologie im Klinikum Itzehoe überführt werden. Dann kehrt er zu seinem Fahrzeug zurück, schüttelt sich die Schneeflocken von der Kleidung und steigt ein. »Das war’s wohl für heute. Dann fahr man los, Dörte.« Er wendet sich an Nili und Waldi. »Wo sollen wir euch absetzen?«
Während Nili sich anschnallt, antwortet sie. »Erinnerst du dich noch an den Holstenhof? Wie an jedem Sonntag trifft sich dort auch heute unsere gesamte Familie zum Brunch oder besser gesagt zum ›Frühmittag‹, wie es meinem Onkel Oliver beliebt, weil er diese modischen Amerikanismen nicht mag.«
Ein wenig unsicher meldet sich KOK Dörte Westermann zu Wort: »Tut mir leid, Frau Kriminalhauptkommissarin, aber ich weiß nicht, wo das ist!«
»Macht nichts!« Nili winkt ab. »Und bitte lasst uns doch bei ›Dörte‹, ›Waldi‹ und ›Nili‹ bleiben, okay?« Ohne eine Reaktion abzuwarten, spricht sie weiter: »Also, ich sag dir, wo’s langgeht! Fahr erst einmal zurück auf die Bundesstraße.«
Unterwegs kommentieren sie angeregt den Befund der Leichenschau, bis Nili eine Idee hat und zu Hauke gewandt sagt: »Ich biete euch einen kostenlosen Brunch gegen eine Kopie deines Berichts!« Als dieser grinsend nickt, greift sie zu ihrem Handy. »Moin, Onkel Oliver, ich bin’s, Nili. Sagst du bitte Tante Madde Bescheid, dass außer Waldi und mir noch zwei weitere hungrige Mäuler auf dem Weg zu euch sind! Also dann bis gleich, Tschüss!«
»Das geht doch nicht, Hauke!«, protestiert Dörte halbherzig. »Wir müssen sofort zurück ins Präsidium!«
»Ach was!«, kontert Nili. »Schließlich ist gleich Mittagszeit, zudem ist auch noch Heiliger Sonntag. Und nach dieser Strapaze haben wir uns wohl alle ein kleines Labsal ehrlich verdient. Euer geschätzter Vorgesetzter ›Hein Gröhl‹ kann sich gern einmal gedulden!« Sie grinst und tippt Dörte auf die Schulter. »Noch etwa einen Kilometer, dann von der Hauptstraße links auf die Hofauffahrt einbiegen!«
2. »Heiliger Sonntag«
»Herzlich willkommen auf unserem Holstenhof!« Nilis Vetter Hans-Peter öffnet den Gästen die Haustür. Er geht auf Nili zu und umarmt sie, dann schüttelt er Waldi die Hand. Schließlich sagt er: »Hallo, Hauke, lange nicht gesehen!«
»Und doch wiedererkannt!«, erwidert dieser. »Entschuldigt unseren Überfall, aber Nili hat uns hierzu verdonnert. Ich darf dir meine Kollegin KOK Dörte Westermann vorstellen!«
»Zieht euch doch eure nassen Sachen aus, ihr müsst halb erfroren sein!«, bemerkt Hans-Peter, während er und Dörte sich die Hand geben.
Sie legen ihre durchnässten Jacken ab und hängen diese an die große Wandgarderobe.
»Und zieht bitte auch eure Schuhe aus!«, fügt Nili an. »Dort hinter der Garderobentür findet ihr genügend Puschen zur Auswahl!«
Hans-Peter führt die Gäste in die warme und gemütliche Wohnküche, in der Platz für alle ist. Die gesamte Truppe wird von den Familienmitgliedern mit großem Hallo empfangen. Hausherr Oliver umarmt zunächst seine Nichte Nili, dann verkündet er unwillkürlich auf Spanisch: »Bienvenidos en ésta su casa!«
»Aber Onkel Oliver, meine Freunde verstehen doch kein Spanisch!« Nili lacht und wendet sich Hauke und Dörte zu. »Was er euch sagen wollte, ist: ›Willkommen in diesem, eurem Hause!‹ Es handelt sich um eine im spanischen Sprachbereich weitverbreitete Begrüßung. Meine Großeltern haben zusammen mit ihren Kindern, also mit Oma Clarissa, Onkel Oliver und meiner Ima Lissy, die Nazizeit im bolivianischen Exil verbracht und kommunizieren auch heute noch in dieser Sprache. Für mich ein großes Plus, denn schon aus dem Grund bin auch ich mit dieser Sprache aufgewachsen.«
Nachdem sich die beiden Gäste des Hauses mit der Familie bekannt gemacht haben, lässt Hauke es sich nicht nehmen, Nilis inzwischen sechsundneunzig Jahre alte Großmutter ganz besonders herzlich zu begrüßen. »Ich freue mich, sehr geehrte Frau Keller, Sie nach so langer Zeit mal wieder zu treffen. Ich muss Ihnen ein Kompliment aussprechen, gnädige Frau: Sie sehen immer noch fantastisch aus, alle Achtung!« Ehrerbietig verbeugt er sich vor der alten Dame und deutet galant einen Handkuss an.
Oma Clarissa, der die Sache zunächst ein wenig unangenehm zu sein scheint, greift nach Haukes Hand und fragt mit einem Augenzwinkern: »Sag mal, Nili, war dein Kollege immer so ein Charmeur?« Dann, an diesen gerichtet: »Danke, lieber Hauke, das war sehr lieb von dir! Aber woher hast du diese vornehme Art? Jedenfalls tut es einer alten Frau wie mir gut, ab und zu einmal so richtig hofiert zu werden!«
Ihren Worten folgt allgemeines, sehr vergnügtes Gelächter.
Nili ist von Haukes Auftritt sehr berührt, geht auf ihn zu und umarmt ihn. »Genug geklönt, Leute! Greift zu, die Spiegeleier und die Würstchen werden nicht heißer!« Onkel Oliver geht mit gutem Beispiel voran und bedient sich. »Wo hast du denn deine beiden Kollegen getroffen?«, erkundigt sich Lissy.
»Waldi und ich waren auf unserer üblichen Joggingstrecke, als Hauke und Dörte zufällig vorbeifuhren. Da es gerade heftig zu schneien begann, haben sie uns einfach in ihrem Wagen mitgenommen!«
Hauke nickt: »Wir fuhren zu einem Einsatz – macht doch nichts, Dörte, sie erfahren es sowieso morgen aus der Presse und im Radio – in dem neuen Windpark am Nordrand von Oldenmoor. Man hat dort eine unbekannte Leiche gefunden, und da hilft weder Zähnefletschen noch Müdesein, auch nicht an diesem Sonntag, wo so ein hundsmiserables Wetter ist. Also mussten wir wohl oder übel dorthin.«
Dörte, die kurz davor gewesen war, Hauke zu unterbrechen, nahm schweigend etwas von dem Rührei, das Oliver ihr reichte.
»Wisst ihr schon, wer der Tote ist?«, fragt Oskar, der jüngste von Nilis Cousins.
»Nein, leider nicht. Bei dem Wetter konnte weder die Polizei noch der Kriminaltechnische Dienst groß etwas an der Fundstelle ausrichten. Wir mussten deshalb kurzerhand den Einsatz abbrechen.«
Ein wenig verwundert sieht Nili ihren Waldi an, der mit seiner Erklärung offenbar versuchen wollte, von dem leidigen Thema abzulenken. Dann eilt sie ihm zu Hilfe: »Hast recht, Waldi, lasst uns lieber von etwas Angenehmerem reden!«
Als Dörte und Hauke sich etwas später verabschieden, hat es zwar aufgehört zu schneien, doch die gesamte Landschaft ist nun von einer dicken weißen Schneeschicht bedeckt, die von starken östlichen Windböen verweht wird und sich an manchen Stellen bereits meterhoch auftürmt.
Waldi und Nili begleiten die beiden hinaus: »Fahrt vorsichtig, Freunde! Wenn Petrus so weitermacht, geht hier bald auf den Straßen nichts mehr«, orakelt Nili.
Bevor Hauke in den Wagen steigt, fragt er: »Sagt mal, liebe Kollegen, würdet ihr uns bei diesem Fall eine Hand reichen? Mir schwant, dass wir allein nicht weiterkommen werden. Es hat wegen der Windräder in letzter Zeit einen ziemlichen Aufruhr in der Bevölkerung gegeben. Wenn dieser Fall irgendwie damit zu tun haben sollte, na denn Mahlzeit!«
»Im Prinzip sehr gerne, nicht wahr, Waldi?«, sagt Nili. »Aber ehrlich gesagt glaube ich kaum, dass euer Boss, der ehrenwürdige Herr Kriminaloberrat Stöver, so etwas zulassen würde. ›Hein Gröhl‹ ist doch berühmtberüchtigt wegen seiner Abneigung gegen jede ›Einmischung‹ von außen, daran kann ich mich noch sehr gut erinnern!«
»Versucht doch erst einmal die Leiche zu identifizieren«, beschwichtigt Waldi. »Wenn ihr wisst, um wen es sich handelt, und dann tatsächlich Hilfe benötigt, gebt uns Bescheid! Dann ergibt sich vielleicht eine passende Gelegenheit. Und nun ab mit euch, bevor es wieder schneit. ’ne gute Fahrt und tschüss!«
*
Kranführer Wilfried Beuck parkt sein Audi Q5 vor dem Eingangstor des Barghus. »Komm schon, Sigfried, wir müssen dem Chef Bericht erstatten.«
Monteur Förster steigt ebenfalls aus. Beide betreten die geräumige Diele des ehemaligen Bauernhauses, in dem der Sitzungssaal der Genossenschaft eingerichtet wurde. Sie gehen weiter bis zu einer Tür, an der ein Schild mit der Aufschrift »Technischer Leiter« und dem Namen des Diplomingenieurs – Wolfgang Schneider – angebracht ist.
»Herein!«, ertönt es von innen, nachdem Beuck angeklopft hat. Schneider begrüßt die beiden, überrascht über ihr unerwartetes Erscheinen.
Der Kranführer berichtet kurz von der Anordnung des Montageleiters Klages, die sie zur Inspektion der Gerätschaften an die Baustelle geführt hatte, und von dem dabei erfolgten grausamen Fund.
»Oh weh, das ist ja fürchterlich! So etwas hat uns gerade noch gefehlt! Verdammt noch mal, womit haben wir nur dieses Schlamassel verdient? Wer uns das wohl eingebrockt hat!« Schneider lässt die beiden ausführlich berichten. »Habt ihr sonst irgendjemandem von dem Leichenfund erzählt?« Als Wilfried Beuck und Sigfried Förster verneinend die Köpfe schütteln, greift Wolfgang Schneider zum Telefon. »Dann macht jetzt mal Feierabend, Jungs. Ich kümmere mich darum. Seid so nett und haltet die Schnauze über diesen Vorfall. Wir müssen ja nicht unbedingt alle Hunde wecken. Das werden mit Sicherheit andere zur Genüge tun, vor allem die feindseligen Medien!«
Die Angesprochenen murmeln nur noch ihr »Auf Wiedersehen, Chef!« und verschwinden lautlos durch die Tür.
»Hier ein aufgebrachter Alfred Rademacher am Hörer! Wer wagt es, meine heilige Sonntagsruhe derart zu stören?« Der Geschäftsführer der Genossenschaft ist offensichtlich über den Anruf wenig erfreut.
»Tut mir leid, Herr Rademacher, dass ich Ihre Siesta unterbreche, aber ich muss Ihnen ein sehr bedauerliches Ereignis melden, das zudem keinen Aufschub erlaubt!« Schneider erzählt seinem Vorgesetzten von dem Vorfall, so wie dieser ihm soeben gemeldet worden war.
Nachdem Alfred Rademacher seinem ersten Entsetzen lauthals Luft gemacht hat, beruhigt er sich und senkt seine Stimme. »Mensch, Schneider, das kommt ja wohl wirklich zum allerunglücklichsten Zeitpunkt. Keine Ahnung, um wen es sich bei dem Toten handeln könnte? Ich meine, hat er irgendetwas mit unserem Unternehmen, mit unseren Gegnern oder etwa mit unserem Projekt zu tun?«
»Soweit unsere Mitarbeiter mir soeben berichteten, ist die Antwort eindeutig nein! Es scheint sich um eine uns völlig unbekannte Person zu handeln, jedenfalls hat keiner der dort ermittelnden Beamten irgendwie erkennen lassen, dass die Identität des Toten bekannt sei. Mir scheint, der Täter hat einfach nur nach einem günstigen, weil weitab gelegenen und kaum frequentierten Ort gesucht.«
»Ihr Wort in Gottes Ohren, mein lieber Schneider! Fällt Ihnen irgendetwas ein, was wir eventuell tun sollten?«
»Ich denke, zunächst am besten die Ruhe bewahren, sehr geehrter Herr Rademacher. Informieren Sie doch erst einmal die anderen Vorstandsmitglieder. Meiner Meinung nach sollten wir ›abwarten und Tee trinken‹, wie der alte, weise Friese sagt. In der augenblicklichen Situation können wir sowieso nichts anderes tun. Vielleicht lässt sich unsere PR-Dame vorsorglich einen passenden Text für die Verlautbarung an die Medien einfallen. Das könnte sich durchaus positiv für uns auswirken, sobald der Vorfall publik wird.«
*
»Hast du nun endlich deine Entscheidung getroffen, Schwiegervater? Die Bedenkzeit, die Regine und ich dir vor zwei Wochen gegeben haben, ist um. Wir müssen nun endlich erfahren, woran wir sind.«
Norbert Bahlke fängt sich einen scheelen Blick des Altbauern Theo Thode ein. »Ick hef yum segt, ick lass mi nie nich de Pistol op de Bost setten!«, antwortet er stur.
»Dann dait uns dat mannig leid, Vadder, dann schalt wi nun uttrecken!«, verkündet seine Tochter Regine mit von Tränen erstickter Stimme.
Der Altbauer springt von seinem Stuhl auf, hinkt hinüber zu seiner Tochter und umarmt sie. »Woll du worhaftig dien ol’n Vadder leddig loten, mien Deern?«
»Kannst du uns nicht wenigstens etwas entgegenkommen?«, fragt Norbert Bahlke. »Natürlich möchten Regine, die Kinder und auch ich keineswegs von hier weg. Du musst aber verstehen, dass es so, wie es bisher war, nicht weitergehen kann. Wir haben kein Geld mehr in der Kasse, sind praktisch pleite und müssen jede Woche zwei Milchkühe dem Schlachter überlassen. Sieh doch der Realität ins Gesicht! Diese Art Landwirtschaft wirft in der heutigen Zeit keinen Gewinn mehr ab, von dem wir alle einigermaßen anständig leben könnten. Und ich muss an unsere Zukunft und an die unserer Kinder denken. Die sollen doch was Ordentliches lernen! Leider haben sie hier auf dem Hof kaum noch eine Zukunft, und ohne Bildung bekommen sie keinerlei Chance für ihr Leben. Die Windräder wären unsere Rettung. Glaube mir, wir meinen es nicht böse mit dir, aber ich kann doch nicht weiter mit ansehen, wie meine ganze Familie darbt, nur weil du uns diese uns einzig verbliebene Möglichkeit vereitelst.«
Regine sieht ihren Vater flehend an. »Vadder, denk doch an unsere liebe verstorbene Modder, dien Siglinde, die hätte uns ganz bestimmt recht gegeben!«
Altbauer Theo Thode wendet sich von seiner Tochter ab und dreht sich zu seinem Schwiegersohn um. Dieser bemerkt verwundert, dass zwei dicke Tränen über die wettergegerbten, runzligen Wangen des Alten kullern. Mit heiserer Stimme gibt sich Theo Thode geschlagen. »Dann mokt man in Gottes Nomen, wat ihr wullt!« Schwer hinkend verlässt er die Wohnküche.
Erleichtert fallen sich Norbert und Regine in die Arme.
*
»Ruf bitte all die Freunde zusammen, Elisabeth! Es gibt brisante Neuigkeiten!«
»Was ist denn los, Martha, weshalb die Aufregung?«, flötet Elisabeth Beckstein, die Erste Vorsitzende des BÜGEWIR – Bürger gegen Windräder e. V. – mit Sitz in Neufeld am Dithmarscher Nordseeufer, verwundert ins Telefon.
Die Aktivistin Martha Waldberg antwortet: »Jonas hat mich gerade angerufen. Er sagt, dass in einer Fundamentgrube am neuen Windpark bei Oldenmoor eine Leiche gefunden wurde. Ob das einer von unseren Leuten ist?«
»Mensch, Martha, denk doch mal nach! Glaubst du wahrhaftig, dass bei diesem miserablen Wetter auch nur einer von denen hier eintrifft? Auf der B 5 und auf der Zufahrtsstraße nach Neufeld türmen sich meterhohe Schneewehen. Unter diesen Umständen glaube ich kaum, dass wir die Freunde überhaupt zusammenkriegen! Weiß man denn nicht, wer der Tote ist?«
»Soweit ich erfahren konnte, ist nichts darüber bekannt. Aber allein die Tatsache des makabren Fundes ausgerechnet an diesem neuralgischen Ort lässt doch die Vermutung zu, dass es einer von uns ist. Rein psychologisch würde das zudem bestens in unsere Liste der Argumente gegen diesen verfluchten Windpark passen. Doch wahrscheinlich hast du recht. Bei diesem Wetter traut sich wohl kaum jemand vor die Tür, geschweige denn in sein Auto, um zu dir hinauszufahren. Aber bitte ruf doch alle unsere Freunde an und informiere sie. Sie sollen ihre Lauscher offen halten und alles zusammentragen, was sie in Erfahrung bringen können. Wir treffen uns dann, sobald wir mehr wissen und sich die Wetterlage beruhigt hat.« Martha hält einen Moment inne und fährt dann fort. »Sag mal, da fällt mir noch etwas ein: Weißt du, wo unser Lübecker Mitstreiter abgeblieben ist? Ich habe schon seit zwei Wochen nichts mehr von ihm gehört. Auch auf meine Mails hat er nicht geantwortet.«
Als Elisabeth Beckstein sich dazu äußern will, wird sie von Martha unterbrochen. »Du auch nicht? Komisch! Na, dann man tschüss, liebe Elisabeth, hol di und erfriere ja nicht an deinem Deich!« Sie legt auf und überlegt. Vielleicht hat ihre ein wenig überkandidelte Aktivistin Martha gar nicht so unrecht mit dem Gedanken, dem verhassten Windkraftprojekt ein wenig ans Bein – oder eher zutreffend an den Mast – zu pinkeln. Sie ruft bei ihrem Vize, dem Gymnasiallehrer Menno Brauer, an und hat dessen Ehefrau Julia am Apparat. Ihr Mann sowie ihr Sohn Jonas seien unterwegs, erklärt Julia Brauer und versichert ihr, den beiden Bescheid zu geben, sobald diese wieder zu Hause eintreffen. Schließlich informiert Elisabeth Beckstein die medizinische Beraterin des Vereins, Frau Dr. Grete Voss. Diese verspricht, mit ihrem Kollegen, Herrn Dr. Vollmert, Kontakt aufzunehmen, von dessen Frau sie beiläufig beim heutigen Sonntagsgottesdienst erfahren habe, dass dieser zu einer Leichenschau gerufen worden sei.
*
Nili und Waldi winken ihren Kollegen hinterher, bis der Streifenwagen von der Hofauffahrt auf die Hauptstraße abgebogen ist. Während sie wieder in das Haus gehen und Waldi die Tür schließt, sagt er leise: »Sag mal, meine Schnuggelfrau, wo können wir uns hier ungestört ein wenig unterhalten? Ich muss dir etwas sehr Wichtiges sagen.«
Nili schaut ihn zunächst verwundert an. »Ich habe wohl bemerkt, dass Ihnen etwas über die Leber gelaufen sein muss, mein geliebter Herr EKHK Mohr!«, bemerkt sie, nun lächelnd. »Bitte folgen Sie mir unauffällig!« Sie geht voran und öffnet die Tür zu Onkel Olivers Büro. »Hier dürfte uns heute wohl kaum jemand stören. Also, Liebster, was beschwert dein Gemüt?« Nili setzt sich in den Bürosessel am Schreibtisch.
Nachdem Waldi ihr gegenüber auf dem Lehnstuhl Platz genommen hat, räuspert er sich und schaut auf den Boden. »Ich weiß nicht genau, wie und wo ich beginnen soll.« Er versucht erst einmal seine Gedanken zu ordnen. Nach kurzer Pause setzt er fort: »Also, ich muss da etwas weiter ausholen. Ich brauche dir wohl nicht zu sagen, dass zurzeit – und besonders hier im nördlichen Schleswig-Holstein – eine bittere Fehde zwischen Befürwortern und Gegnern von Windkraftanlagen ausgebrochen ist. Sicher, seit der Energiewende ist es nötig geworden, die nach und nach stillgelegten Kernkraftwerke durch Erzeugung alternativer Energien zu ersetzen. Dabei ist allerdings der Zuwachs an Windrädern in dieser Region um einiges zu hastig erfolgt. Dies geschah auch – und das muss ich leider betonen –, ohne die direkt davon Betroffenen vorab zu informieren und zu beraten, ihnen zuzuhören und vor allem ihre Zustimmung einzuholen. Den Bauern hier geht es bekanntlich nicht gut und sie waren wohl zum Teil sehr darauf erpicht, ihr schmächtiges Einkommen mit der Verpachtung von Landflächen zur Aufstellung der Windräder wesentlich aufzubessern. So weit, so gut. Doch besonders in den letzten drei Monaten haben wir eine rasante Zunahme der militanten Gegnerschaft bemerkt, die mit zahlreichen und teilweise berechtigten, aber auch ebenso an den Haaren herbeigezogenen Scheinargumenten ein regelrechtes Kesseltreiben gegen die Erbauer der Windkraftanlagen und deren Befürworter veranstalten. Was ich dir jetzt sage, Nili, ist selbstverständlich vertraulich. In unserem LKA-Dezernat 21 haben wir versucht, die Sachlage zu analysieren, sind aber immer wieder an Grenzen gestoßen, weil unsere Informanten – je nach ihrer persönlichen Einstellung – weitestgehend subjektive und besser gesagt weniger objektive Berichte abgeliefert haben.«
»Ist die Sachlage tatsächlich derart drastisch, dass sich sogar das LKA dafür interessiert?«, wirft Nili ein wenig verwundert ein.
»Nun ja, unsere beiden obersten Bosse, die Kriminaldirektoren Timo Freiberg und Rüdiger Voss, sowie mein Chef, Kriminaloberrat Andreas Heidenreich, sind offenbar dieser Meinung und befürchteten eine Eskalation. Um dieser Eventualität vorzubeugen, haben sie vor einiger Zeit beschlossen, einen verdeckten Ermittler in die Reihen der Windkraftgegner einzuschleusen, damit wir uns ein umfassendes Bild von den tatsächlichen Strömungen und Aktivitäten für und gegen Windkraft machen können.«
»Euch erscheint also diese Angelegenheit wirklich derart akut?« Nili hat ein ungutes Gefühl.
»Nun, um dir die Wahrheit zu sagen, habe ich bis heute auch nicht unbedingt daran geglaubt. Und nun hat sich auf einmal die Lage verändert.«
»Was veranlasst dich zu dieser Aussage, Waldi? Du meinst doch damit nicht die aufgefundene Leiche, oder? Die kann jeder beliebige Täter ganz einfach dort deponiert haben, ohne dass dieses Verbrechen in irgendeinen direkten Zusammenhang mit ›pro‹ oder ›contra Windkraftanlagen‹ gebracht werden kann.«
»Da muss ich dir leider widersprechen, meine geliebte Nili. Ich habe nämlich das Gesicht des Toten gesehen und ihn erkannt: Es ist unser LKA-Kollege Kriminalkommissar Werner Köppen!«
Nili ist sprachlos. »Oh mein Gott, der Arme! Das trifft einen hart und tut wirklich weh! Warum hast du denn den hiesigen Kollegen nicht gleich gesagt, dass du den Toten erkannt hast?«
»Aber Nili, denkt doch mal nach! Was meinst du, welch ein Tumult losbricht, wenn die Leute erfahren, dass hier ein verdeckter Ermittler des LKA eingeschleust und vermutlich deswegen sogar ermordet wurde? Es ist viel besser, wenn man in dieser Sache zunächst ein wenig im Dunkeln tappt, bevor die ganze Wahrheit ans Licht kommt. Auf jeden Fall muss ich schleunigst zurück nach Kiel, um persönlich Meldung zu erstatten. Sollen sich doch die verantwortlichen Herren Gedanken machen, wie sie aus dieser Nummer wieder herauskommen!«
»Natürlich hast du recht, Waldi! War dumm von mir!«
Dieser will protestieren, doch Nili erhebt sich und geht mit einem vielversprechenden Gesichtsausdruck auf ihren Geliebten zu. Waldi steht auf, sie umarmen sich und geben sich einen sehr, sehr langen Kuss. Der enge körperliche Kontakt ihrer Leiber bleibt nicht ohne deren natürliche Folgen. Langsam zieht Waldi Nilis Jogginghose über ihre Hüften, dann tut Nili dasselbe bei ihm. Wenig später sitzen beide fast vollständig nackt in Onkel Olivers Bürosessel. Während sie sich abermals eng umarmen und liebkosen, dringt Waldi behutsam in sie ein, und bald schweben sie in den Wolken eines himmlischen Orgasmus.
Rasch ziehen sie ihre Kleidung wieder an, wurde doch soeben mehrfach nach ihnen gerufen. Gerade haben sie sich zurechtgemacht und wieder hingesetzt, öffnet Tante Madde die Bürotür. »Ach, hier seid ihr!«
»Ja, Tante Madde, Waldi und ich hatten etwas Berufliches zu besprechen.«
»Weiß jemand, wann der nächste Zug nach Kiel geht?«, versucht Waldi abzulenken. »Ich muss mich dann wohl mal auf die Socken machen, ich will nämlich morgen früh unbedingt pünktlich in meinem Büro sein!«
Nili schüttelt den Kopf. »Ich weiß leider nicht, wann von Oldenmoor aus die Züge gehen. Wahrscheinlich ist es besser, ich bringe dich nach Wrist. Von dort aus hast du, soweit ich weiß, stündlich eine direkte Regio-Verbindung. Ich hole mir nur schnell Imas Autoschlüssel, dann fahre ich dich erst einmal zu unserem Onkel Suhls Haus, damit du deine Sachen holen kannst.«
Während sie eine Stunde später in Ima Lissys VW Taro nur mühsam auf der verschneiten Landstraße vorankommen und hier und dort die vom Wind zusammengefegten Schneewehen überwinden müssen, unterhalten sie sich weiter über den grausamen Tod des Kollegen.
»Vielleicht ist es ein günstiger Wink des Zufalls, dass du die nächsten Tage hier verbringen kannst, Nili. Es wäre sicherlich nützlich, wenn du – natürlich möglichst unauffällig – ein wenig auf die Pirsch gehst. Vielleicht erfährst du dabei ja etwas Nützliches.«
»Daran habe ich auch schon gedacht. Ist doch nur natürlich, wenn ich meinen früheren Arbeitskollegen ein wenig unter die Arme greife, oder? Ich ahne sowieso, dass es nicht lange dauern wird, bis man mich um Unterstützung bittet. Brauchst keine Angst zu haben, selbstverständlich weiß ich überhaupt nichts davon, dass der arme Tote unser KK Werner Köppen ist, das müssen die hiesigen Kollegen schon selbst herausfinden, wenn sie es überhaupt ohne die Unterstützung durch das LKA schaffen. Am besten wäre es, wenn es dem LKA irgendwie gelingen sollte, die Leiche in die Rechtsmedizin der Uni in Kiel zur Obduktion überführen zu lassen. Lasst euch doch dazu etwas Passendes einfallen!«
3. Verschollen
»Und mehr habt ihr mir nicht zu berichten?«, keift Kriminaloberrat Heinrich Stöver in seiner üblichen missmutig tadelnden und lauten Art seine beiden Kriminaloberkommissare sowie die KTU-Mitarbeiter des gestrigen Einsatzes an. Nicht umsonst wird er von seinen Untergebenen hinter vorgehaltener Hand »Hein Gröhl« genannt. Fahrig schiebt der dickliche, unsympathisch wirkende Choleriker die auf dem Tisch liegenden Aufnahmen vom Tatort hin und her.
»Mäßigen Sie doch bitte Ihren Ton, sehr geehrter Herr Kriminaloberrat! Ich bin es weder gewohnt noch bin ich gewillt, hier eine derartig unproduktive Arbeitsatmosphäre zuzulassen.« Staatsanwältin Dr. Cornelia Bach, eine aparte schwarzhaarige Erscheinung mit leicht milchkaffeebraunem Teint und in ein gut sitzendes Kostüm gekleidet, hat dieses ewige Genörgel satt. »Unter den gestrigen äußerst widrigen Wetterbedingungen war der Einsatz in der Tat eine extrem ungünstige Situation für alle Beteiligten. Dies sollten Sie entsprechend zu würdigen wissen, auch und nicht zuletzt deshalb, weil Sie nicht persönlich daran beteiligt waren!« Mit einem deutlichen Tadel in der Stimme betrachtet sie den mit einem feuerroten Kopf dasitzenden und vor Wut kochenden Leiter der Bezirkskriminalinspektion Große Paaschburg in Itzehoe.
Alle seine Mitarbeiter tauschen heimlich schadenfrohe Blicke aus. Endlich hat jemand dem Griesgram Paroli geboten und ihm ordentlich die Meinung gegeigt!
»Also, meine Damen und Herren«, Staatsanwältin Dr. Cornelia Bach lässt ihren Blick durch die Runde schweifen, »lassen Sie uns jetzt bitte zu unserem Fall zurückkehren. KOK Steffens, was haben wir?«
»Na ja, ein wenig muss ich doch unserem Chef recht geben, Frau Staatsanwältin. In der Tat haben wir nicht viel vorzuweisen. Zwei Mitarbeiter der Windkraftfirma sollten den Zustand ihrer Maschinen am Windpark inspizieren und fanden die Leiche in einer bereits im letzten Jahr ausgebaggerten und nur zum Teil fertigen Fundamentgrube. Ein in einer wohl ausrangierten Lkw-Plane eingehüllter und bisher nicht identifizierter toter Mann, blondes Haar, blaue Augen, schätzungsweise dreißig Jahre alt. Wahrscheinlich wurde das Opfer an einem anderen Ort getötet und dann vor ein bis zwei Wochen in der Baugrube abgelegt. Wegen des starken Schneefalls konnte die Spusi vor Ort keine verwertbaren Spuren entdecken. Einziger Fund war sein Portemonnaie mit etwas Geld darin, ansonsten keine Papiere. Der Leichenbeschauer, ein Herr Doktor Günther Vollmert aus Sankt Margarethen, hat den Totenschein ausgestellt, auf dem er die Rubrik ›unnatürlicher Tod‹ angekreuzt hat, zumal er als Todesursache einen Genickbruch annimmt. Außer den beiden am Kopf des Opfers vorgefundenen konnte er keine weiteren äußerlichen Verletzungen feststellen. Die Bergung des Leichnams aus der Baugrube gestaltete sich ziemlich kompliziert, sie musste mit Hilfe des Baggers gehoben werden und wurde dann in die Pathologie des hiesigen Klinikums zur Obduktion überführt.«
»Vielleicht sollten wir der Vollständigkeit halber erwähnen«, bemerkt KOK Dörte Westermann mit leichter Unsicherheit in der Stimme, »dass wir auf dem Weg zum Einsatzort zufällig auf zwei Kollegen stießen. Das war zum einen Haukes frühere Kollegin KHK Nili Masal, die zusammen mit ihrem Gefährten, dem Ersten Kriminalhauptkommissar Walter Mohr vom LKA in Kiel, auf dem Radweg neben der Landesstraße joggte. Da es gerade in diesem Augenblick heftig zu schneien begann, baten wir sie zu ihrem Schutz in unseren Wagen – wir konnten sie doch nicht einfach mitten auf dem Land stehen lassen, oder? Und so ergab es sich, dass wir die beiden zum Tatort mitnahmen. Danach setzten wir sie bei Nilis Onkel am Holsternhof wieder ab.«
»Das ist ja die Höhe!« Kriminaloberrat Heinrich Stöver explodiert geradezu. »Das hat uns gerade noch gefehlt, dass das Landeskriminalamt die Nase in unseren Fall steckt!«, fügt er mit viel leiserer Stimme hinzu, als er den strafenden Wink der Staatsanwältin bemerkt.
»Wenn das so war, wie Sie berichten, Frau Westermann, dann haben Sie durchaus richtig gehandelt, denn man lässt ja nicht Kollegen im Regen – oder in diesem Fall im Schnee – stehen«, kommentiert der ebenfalls anwesende Dr. Paul Kramer, Assessor bei der Staatsanwaltschaft Itzehoe.
»Zwei zu null!«, murmelt mit offensichtlichem Vergnügen KTU-Leiterin Lilo Papst und erntet einen missbilligenden Blick ihres Kriminaloberrats. Dann ergreift die hübsche und jugendlich erfrischend wirkende Frau das Wort: »Wir haben bereits ein Foto des Toten an alle Polizeidienststellen und an das LKA in Kiel gesendet, aber noch keine Rückmeldung erhalten. Auch das Durchforsten unserer Kartei brachte bislang kein Ergebnis. Sobald wir hier fertig sind, machen wir uns an die Untersuchung der Lkw-Plane, in der der Leichnam eingehüllt war. Der Kollege Uwe Wildemann konnte einige wahrscheinlich fremde DNA-Abstriche von der Decke entnehmen, diese sind bereits in Bearbeitung. Zudem fanden wir an einem Saum der Plane einen Etikettenrest des Herstellerlogos, auf dem zu erkennen war, dass sie von der Firma Covertarp in Wilster hergestellt wurde. Also werden wir morgen dort nachfragen. Vielleicht können wir erfahren, für wen diese Lkw-Decke hergestellt wurde, und kommen auf diese Weise ein Stück voran. Außerdem planen wir, uns morgen Vormittag, falls dann der Schnee ganz verschwunden sein sollte, erneut an den Fundort zu begeben, um eventuell doch noch Spuren zu sichern. Der Leichenfundort wurde polizeilich abgesperrt. Sicherheitshalber wollten die Oldenmoorer Kollegen die Stelle entsprechend absichern und weiterhin bewachen.«
Die Staatsanwältin nickt zufrieden. »Sehr gut, weiter so! Ich schlage vor, wir beenden jetzt die Lagebesprechung und machen uns alle an die Arbeit. Sobald der Obduktionsbericht vorliegt oder andere wichtige Indizien auftauchen sollten, treffen wir uns wieder. Danke also für Ihre Berichte. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und noch einen schönen Tag!« Während sie den Teilnehmern der Besprechung auf ihrem Weg aus dem Raum hinterhersieht, bittet sie ihren Assessor, noch ein wenig zu bleiben.
»Was halten Sie von der Sache, Herr Doktor? Ich bin ja erst seit Kurzem hier an der Stelle des nach Kiel versetzten Herrn Uwe Pepperkorn. Sie hingegen haben längere Erfahrung vor Ort. Braust Kriminaloberrat Heinrich Stöver immer gleich so auf? Was ist das überhaupt für ein Mensch? Man hatte mir berichtet, er sei ein guter Polizist, aber so, wie er sich heute hier produziert hat, meine ich eher, dass er nicht gerade geeignet für die Rolle als Kripo-Führungsfigur sein dürfte.«
Dr. Paul Kramer, ein stets ernst dreinblickender, ziemlich hagerer Geselle mit fortgeschrittener Glatze, in einen dunklen Zweireiher, ein weißes Hemd und eine schmal gebundene schwarze Krawatte gekleidet, antwortet: »Da bin ich überfragt, sehr geehrte Frau Staatsanwältin. Sehen Sie, ich hatte bisher wenig oder besser gesagt keinen direkten Kontakt zu unserem Herrn Kriminaloberrat. Alles, was ich im Laufe der Zeit über ihn erfahren habe, ist Hörensagen. Aber das, was man so hört, hat sich heute in seinen hier gezeigten Umgangsformen, vor allem gegenüber seinen Untergebenen, voll bestätigt. Nach diesem Auftritt kann ich nur sagen, dass ich sehr froh bin, Sie als Vorgesetzte zu haben und nicht ihm zu unterstehen. Andererseits – die Bemerkung gestatte ich mir – ist mir die angeblich rein zufällige Anwesenheit der beiden Kieler LKA-Beamten auch nicht unbedingt recht. Dabei muss ich gestehen, dass ich von Kriminalhauptkommissarin Masals gutem Renommee als Ermittlerin gehört habe. Sie hat ihre Karriere an der Polizeidienststelle in Oldenmoor begonnen und ist im Zuge der Strukturreform zum LKA nach Kiel gekommen. So hat es mir zumindest unser Kriminaloberkommissar Steffens berichtet. Ich sage dies nur wegen der Sorge, dass die Kieler diesen Fall an sich heranziehen sollten.«
»Herr Doktor Kramer, was halten Sie davon, wenn Sie meinen Vorgänger in Kiel anrufen und vorsichtig sondieren, ob man dort diesen Fall bereits kennt, und gegebenenfalls, wie er ihn beurteilt.«
»Das tue ich sehr gern, Frau Doktor. Ich hatte mit Herrn Pepperkorn immer eine äußerst vertrauensvolle und angenehme Zusammenarbeit.«
*
Hannelore Maas, die in einem Nebenjob das Amt der Pressereferentin der Wind-Powermasters Genossenschaft ausübt, legt tief betroffen den Hörer auf. Geschäftsführer Alfred Rademacher hat ihr soeben von dem Leichenfund auf dem Areal ihres Windparkprojekts berichtet und sie gebeten, sich vorsorglich einige Gedanken zwecks einer eventuell zu publizierenden Erklärung für die Medien zu machen. Die äußerst attraktive, langbeinige und wohlgeformte Fünfundzwanzigjährige erregt mit ihrer langen brünetten Haartracht und den strahlenden grünen Augen die besondere Aufmerksamkeit der Männerwelt, wo auch immer sie auftaucht. Bei besonderen Gelegenheiten wie dem Gildefest im Kolosseum oder dem Feuerwehrball in der Elbdeichhalle ist sie ein gern gesehener Gast und von zahlreichen Tanzfreaks ständig umschwärmt. Eines Tages befand sich unter diesen ein gestandenes Mannsbild namens Harald Maas, seines Zeichens Brandmeister bei der hiesigen Freiwilligen Feuerwehr. Als Lkw-Fahrer hatte er sich vor drei Jahren – vorerst mit nur einem, später noch mit einem zweiten Lastzug – selbstständig gemacht. Seitdem betreibt er eine kleine Speditionsfirma, die sich ausschließlich mit dem Transport von Gemüse aus den benachbarten Gebieten rund um Glückstadt beschäftigt. Hannelore fühlte sich, gleich nachdem sie einander zum ersten Mal begegnet waren, zu diesem besonders männlichen Typ stark hingezogen und wurde ihm bald willig. So kam es, dass sie schon nach kurzer Zeit ihrer Liaison schwanger wurde. Nach einigem Zögern wurde Harald schließlich seiner Verantwortung gerecht und machte ihr einen Heiratsantrag. Hannelores Eltern bewirtschaften in dritter Generation einen der vielen mittelgroßen Höfe am Elbdeich der Blomeschen Wildnis nahe Glückstadt, auf dessen nährstoffreichem Marschboden heimische Gemüsearten besonders ertragreich wachsen. Seitdem Hannelore den Einzelhandels-Kaufmannslehrgang an der Berufsschule in Itzehoe erfolgreich absolviert hat, betreibt sie auf dem Gelände einen kleinen Hofladen, in dem sie sowohl die saisonalen Erzeugnisse aus eigener Ernte, darüber hinaus ihren Kunden aber auch Freiland-Eier und Poularden von Lissy Masals Eulenhof anbietet. Zudem steht auf dem Hofladen eine »Tankstelle« für Frischmilch und es werden Sahne, Joghurt, Butter und diverse Käsesorten vom Holstenhof der Familie Keller angeboten. Johann und Bärbel Schwarz waren von Hannelores Männerwahl keineswegs begeistert, hätten sie doch einen in der Landwirtschaft gut bewanderten Schwiegersohn bevorzugt, damit dieser später ihren Hof übernahm. Zumindest war das Familienmitglied in spe durch den Transport ihrer Erzeugnisse aus dem Gemüseanbau sozusagen mit ihnen verschwägert, also gaben sie – insbesondere weil sich bereits Nachwuchs anmeldete – schlussendlich der Vermählung ihren Segen, dem eine Bürgschaft für den benötigten Bankkredit zwecks Anschaffung eines zweiten Lastzuges folgte. Als sich Hannelore bereits im siebten Schwangerschaftsmonat befand, erlitt sie bedauerlicherweise eine Fehlgeburt, an der sie, als Folge einer Notoperation, beinahe gestorben wäre. Das war für die Familie ein tiefer Schock, umso mehr, als sich herausstellte, dass Hannelore nie wieder Kinder bekommen würde. Ihr Mann veränderte sich seit dieser tristen Begebenheit und ihre Beziehung kühlte sich – vor allem in geschlechtlicher Hinsicht – merklich ab. Es gab zwar keine handfesten Auseinandersetzungen, jedoch war die Intensität ihrer vormaligen Zuneigung gedämpft. Harald konzentrierte sich zunehmend auf seine Arbeit und fuhr täglich kurz nach Mitternacht zum Großmarkt in Hamburg. Sein angestellter Fahrer, Herbert Pfannenschmidt, hingegen steuerte jeden Tag Kiel an. Und so ist es heute noch. Wenn die beiden nachmittags zurück sind, beschäftigen sie sich mit dem Abholen der Ware aus der benachbarten Umgebung. Beide – sowohl Harald Maas als auch Herbert Pfannenschmidt – kommen fast immer erst am späten Abend von der Tour zurück, parken ihre Kühl-Lastkraftwagen in einer eigens dafür gebauten Remise und verzehren schließlich gemeinsam ihr Abendbrot in der Wohnküche des Hofes. Zu so später Stunde hat sich der Rest der Familie bereits zur Ruhe begeben.
Nur gelegentlich durch einen Kauflustigen unterbrochen, der den Laden betritt, arbeitet Hannelore am Schreibtisch ihres kleinen Büros und versucht einige zusammenhängende Sätze für die von ihr geforderte Verlautbarung zu Papier zu bringen. Dabei schweifen ihre Gedanken von dem tristen Leichenfund ab und gleiten in die Ferne. Schon als sie den Fremden das erste Mal sah, verliebte sie sich in den blonden, ungemein gut aussehenden jungen Mann, von dem sie lediglich weiß, dass er aus Lübeck stammt. Sie bemerkte ihn des Öfteren bei Veranstaltungen und Zusammenkünften sowohl von Befürwortern als auch Gegnern der Windkraftanlagen, an denen sie weisungsgemäß teilnahm. Natürlich blieb ihr nicht verborgen, dass dieser ausgesprochen schöne Mann immer wieder in ihre Richtung schaute und versuchte, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Hannelore war – das muss sie sich auch heute noch ehrlich eingestehen – durch die nachlässige Art und die sexuelle Kälte ihres Ehemannes wahrlich liebeshungrig geworden. Fast jede Nacht, wenn sie allein im Ehebett lag, brach sie in Tränen aus und tröstete sich, indem sie sich selbst befriedigte. Jedes Mal, wenn Harald Stunden später zu ihr ins Bett kroch, war sie bereits in einen tiefen Schlaf versunken. Dann auf einmal weckte plötzlich dieser Adonis die heißesten Gefühlsregungen in ihrem Inneren. Als Werner Reimers bei einer Protestveranstaltung direkt hinter ihr stand, spürte sie seinen aufgeregten Atem an ihrem Nacken. Sie sah sich vorsichtig um und bemerkte, dass die Blicke sämtlicher Anwesenden auf den Sprecher fixiert waren, der vor ihnen vehement einen lautstarken Appell zum Widerstand gegen die verhassten Windkrafträder und die »Verspargelung unserer Natur« aufrief. Eine unwiderstehliche Kraft trieb sie Schritt für Schritt rückwärts, bis sie den direkten und warmen Körperkontakt und bald darauf die drängende Härte seiner Männlichkeit an ihrem Gesäß verspürte. Willenlos ließ sie sich wenig später von dem Unbekannten vom Versammlungsort wegführen, nachdem ihr dieser nur das Wort »Komm!« ins Ohr geflüstert hatte. Verschämt blickte sie aus dem Seitenfenster des fahrenden Autos, mit dem sie gemeinsam zum Gasthof »Zur Lindenschenke« fuhren, in dem er logierte. Unbemerkt betraten sie das Gebäude durch eine Hintertür und er führte sie auf sein Zimmer. Wortlos küssten sie sich, rissen sich gegenseitig die Kleider vom Leibe und fielen von einem leidenschaftlichen Fieber befallen übereinander her. Von da an nahmen sie jede sich bietende Gelegenheit wahr, um sich – wo auch immer – zu treffen. Viel sprachen sie bei ihrem immer wieder heftig aufflammenden Liebesakt nicht miteinander, zu sehr waren sie in diesen versunken. Die wenig ihnen geschenkten Augenblicke nutzten sie ausgiebig für Liebkosungen und intensivsten Geschlechtsverkehr.
»Ist jemand da? Hallo?«
Der Ruf unterbricht Hannelores Träumerei. Ein wenig beschämt bemerkt sie, dass sich ihre rechte Hand in ihrem Schoß befindet. »Einen Augenblick, ich bin gleich bei Ihnen!«, ruft sie zurück, eilt zum Waschbecken und wäscht sich die Hände.
»Was kann ich für dich tun?«, fragt sie wenig später das junge Mädchen, das sich suchend im Laden umschaut.
»Meine Mama hat gesagt, ich soll einen Liter Milch in diese Kanne füllen. Können Sie mir bitte dabei helfen?«
*
Es hat zwar aufgehört zu schneien, doch stattdessen regnet es immer wieder in Strömen. Der Mann in der Tür schüttelt das eiskalte Wasser von seinem Regenschirm ab, bevor er die Polizeidienststelle Oldenmoor betritt. »Guten Tag! Ich komme, um eine Vermisstenanzeige zu machen, Frau Kommissarin.«
»Ich danke Ihnen für die nett gemeinte Beförderung.« Die freundliche weibliche uniformierte Erscheinung mit den rot gefärbten kurzen Haaren unter der Dienstmütze schmunzelt. »Ich bin nämlich leider nur Polizeimeister-Anwärterin. Mein Name ist Helga Timm, zu Ihren Diensten.« Als der Mann lediglich kurz lächelt, fährt sie fort: »Darf ich zunächst Ihren Namen, das Geburtsdatum und die Anschrift erfahren?«
Wortlos legt der etwa sechzigjährige rundliche Mann, der unrasiert und leicht schmuddelig daherkommt, seinen Personalausweis auf den Schreibtisch.
PMA Helga Timm liest laut vor, während sie flink die Daten zur Person in ihren Computer eingibt: »Sie sind also Herr Marius Petermann, geboren am 30. November 1953 in Brunsbüttel, hier am Ort wohnhaft in der Deichgrafstraße Nr. 17. Der Name der vermissten Person, bitte?«
»Ich bin der Wirt des Gasthofes ›Zur Lindenschenke‹, eben auch unter dieser Anschrift. Vor etwa drei Monaten mietete sich ein junger Mann aus Lübeck, ein gewisser Werner Reimers, bei mir ein. Hier ist der Anmeldezettel, den er beim Einzug ausgefüllt hat. Ich weiß nicht genau, was er hier macht, doch ich glaube, er hat irgendetwas mit der Montage der Windräder in unserer Gegend zu tun. Jedenfalls ist er ein sehr ruhiger und netter Kerl und hat stets pünktlich seine zweihundertachtzig Euro für Zimmer und Frühstück bezahlt. Bisher hat er sich unauffällig und tadellos verhalten. Als er am vorletzten und auch am gestrigen Sonntag nicht wie üblich seine wöchentliche Mietzahlung entrichtete, fragte ich Grazyna, meine polnische Bedienung, ob sie etwas über Herrn Reimers wüsste. Sie sagte mir, dass unser Gast seit dem letzten Wochenende nicht mehr zum Frühstück erschienen ist. Ich fand das merkwürdig, zumal er sich nicht abgemeldet hat. Also ging ich auf sein Zimmer und stellte fest, dass seine Kleidung ordentlich im Schrank hängt. Seine Wäsche liegt in der Kommode und die üblichen Toilettenartikel befinden sich über dem Waschbecken. Ich erkläre hiermit ausdrücklich, in seinem Zimmer nichts angerührt zu haben – ich habe nur nach Herrn Reimers gesehen. Nicht dass Sie jetzt glauben …«
»Keine Aufregung, Herr Petermann, alles ist gut! Beruhigen Sie sich. Ich finde es prima, dass Sie uns Bescheid geben. Gehen Sie bitte jetzt erst einmal nach Hause, wir schicken baldmöglichst einen Kollegen vorbei, der sich das einmal vor Ort ansieht, okay?« Als der Gastwirt nickt, fügt sie an: »Kommen Sie gut nach Hause, auf Wiedersehen. Und nochmals vielen Dank für Ihre Mühe!«
Beim Hinausgehen trifft Marius Petermann auf den just eintretenden Dienststellenleiter, Hauptkommissar Boie Hansen. Die beiden ziemlich beleibten Herren passen nicht gleichzeitig durch den Eingang, weshalb Hansen höflich grüßt und zur Seite ausweicht, um den Besucher hinausgehen zu lassen, bevor er das Revier betritt.
»Moin moin, Chef! Sie sollten besser im Bett bleiben bei der Grippe, die Sie sich eingesackt haben!« Helga Timm ist verwundert über das Erscheinen ihres Vorgesetzten.
»Was wollte eigentlich der Kneipen-Petermann von uns?«, grunzt Hansen gereizt, ohne auf die Begrüßung der Polizeimeister-Anwärterin einzugehen.
»Der hat soeben eine Vermisstenanzeige gemacht. Einer seiner Gäste, ein gewisser Werner Reimers, ist seit Tagen verschollen und hat seine Rechnung nicht bezahlt.«
»Ach so, na dann …« Hansen denkt einen Moment nach: »Einen Werner Reimers kennen wir hier doch nicht, oder? Wird sich wohl wieder einfinden. Und ja, ich gehöre tatsächlich ins Bett, aber ich habe es dort einfach nicht mehr ausgehalten. Unser Willi hat mich gestern Abend noch zu Hause besucht und mir von dem Leichenfund am Windpark erzählt. Dabei habe ich erfahren, dass neben unserem Kollegen KOK Hauke Steffens, der ja jetzt bei der Kripo in Itzehoe ist, auch rein zufällig meine liebe Nili Masal, ihres Zeichens Kriminalhauptkommissarin beim LKA in Kiel, am Tatort war.« Trotz seiner triefenden Nase kann sich Hansen eines genüsslichen Lächelns nicht erwehren. »Ich kann mir bis ins Detail vorstellen, was für ein Donnerwetter unser Hein Gröhl losgelassen hat, als er erfuhr, dass jemand vom LKA dabei gewesen ist!« Er setzt sich an seinen Arbeitsplatz und grient vor sich hin. »Ja, ja, die Nili! Wir haben sie hier sehr gemocht, sie ist eine kluge Deern und macht sich, wie man hört, auch beim LKA sehr gut.«
Wie auf ein Stichwort betritt Nili die Polizeidienststelle. »Einen wunderschönen – wenn auch kalten und nassen – guten Morgen allerseits!«
»Segg ick doch, Helga!« Boie Hansen steht auf und geht freudestrahlend auf Nili zu. »Wenn man vum Düvel schnacken deit!« Beide umarmen sich herzlich. Dann besinnt er sich seines Schnupfens und schiebt Nili behutsam von sich weg. »Go forts wiet aff vun mi, Deern, ick bün arg verköllt.« Dann stellt er Nili der Polizeimeister-Anwärterin vor.
Im Laufe der nun folgenden Unterhaltung lenkt Nili geschickt das Gespräch auf den Leichenfund am Windpark. »Stellt euch vor, mein Kollege Walter Mohr und ich waren gerade beim Joggen, als der Streifenwagen der Kripo Itzehoe an uns vorbeifuhr und Hauke Steffens uns wegen des gerade einsetzenden starken Schneefalls in seinem Wagen Schutz anbot. So gelangten wir unverhofft an den Tatort. Ich habe mich natürlich sehr gefreut, Hauke und auch Willi Seifert wiederzusehen. Wo ist der überhaupt?« Nili schaut sich suchend um.
Helga Timm zuckt mit den Schultern. »Der ist nicht da. POM Seifert und PM Klages wurden heute früh erneut zum Tatort gerufen, weil die Itzehoer KTU dort nach weiteren Spuren sucht.«
Nili ergänzt: »Ach ja, wegen des heftigen Schneefalls konnte die Spusi gestern dort nichts Wesentliches finden. Ich bezweifle allerdings, dass es ihnen heute bei diesem Regen besser gelingen wird.«
»Hast recht, Nili, es ist wirklich ein Schietwetter!«, kann Boie Hansen gerade noch von sich geben, als ihn auch schon eine heftige Niessalve überkommt. Die beiden Damen gehen schleunigst auf sicheren Abstand.
»Gesundheit! Ich sag doch, Sie gehören ins Bett, Chef!« Helga Timm zückt eine Packung Taschentücher und hält sie Boie Hansen hin.
»Papperlapapp! Ist doch nur ’n Schnupfen, wat shall dat!«, kontert Hansen mürrisch und zieht ein Taschentuch aus der Packung. »Zeig mir doch mal die Vermisstenanzeige von eben, Helga!« Als er diese über den Schreibtisch entgegennimmt und mit ihr den Anmeldezettel des Gasthofes »Zur Lindenschenke«, schnäuzt er sich zunächst und überfliegt dann das Geschriebene. »Schau doch mal im Computer nach, ob du etwas über diesen Werner Reimers findest. Gemäß Anmeldezettel ist er Mechatroniker, gebürtig am 22.10.1980 in 23554 Lübeck, dort wohnhaft in der Kurauer Straße 7.«
Nili spitzt die Ohren, als sie dessen Vornamen hört. Womöglich handelt es sich um KOK Köppen, der unter dem Decknamen »Werner Reimers« agiert hat. Auf ihre beiläufige Nachfrage erfährt sie von dem gerade erfolgten Besuch des Gastwirtes Petermann und dessen Meldung über das Verschwinden seines Gastes.
»Ich hatte Herrn Petermann gesagt, dass jemand von unserer Dienststelle vorbeikommen wird, um das Zimmer des Herrn Reimers zu inspizieren und ein Protokoll aufzunehmen. Aber jetzt sind ja die beiden Kollegen draußen. Was soll ich also tun?«
Geschäftig macht sich Helga an ihrem PC zu schaffen. »Hm, Werner Reimers gibt es einige in Lübeck: einen Zahnarzt, einen Malermeister, einen emeritierten Professor Doktor. Aber keinen Mechatroniker, und schon gar nicht unter der angegebenen Anschrift – also Fehlanzeige!« Ihr Gesichtsausdruck verrät Enttäuschung.
Nili überlegt. »Ist doch alles ziemlich seltsam, meint ihr nicht auch? Wenn du nichts dagegen hast, Boie, könnte ich ja mit der Kollegin Timm zum Gasthof fahren. Was hältst du davon?«
Boie Hansen nickt. »Eine gute Idee. Wie du siehst, sind wir für den Fall, dass zwei Einsätze gleichzeitig zu geschehen haben, vollkommen unterbesetzt. Ich bleibe so lange hier und halte die Stallwache, bis ihr zurückkommt. Dann gehe ich allerdings gern wieder zurück ins Bett!«
PMA Timm und Nili steigen aus deren Cross Polo und begeben sich in die nur schwach beleuchtete Gaststube. Das Gasthaus »Zur Lindenschenke« empfängt sie mit der so typischen schummrigen Dorfkneipenatmosphäre und einem schalen Geruchsverschnitt aus kaltem Rauch und abgestandenem Bier.
»Hier müsste mal ordentlich gelüftet werden!«, entfährt es Helga Timm, bevor sie laut in den Raum hineinruft: »Hallo! Jemand zu Hause?«
Sie vernehmen dumpfe Geräusche aus der Küche, dann betritt eine zierliche junge Frau die Gaststube. Hinter ihr wippt die Küchentür hin und her. Über ihrer legeren Kleidung trägt sie eine lange braune Schürze. Ihre Haare sind von einem hinter ihrem Kopf zusammengeknoteten Tuch bedeckt. »Tut mir leid, Küche öffnen erst um zwölf!«, verkündet sie, während sie ihre Hände an einem Handtuch abtrocknet.
»Guten Morgen, wir sind von der Polizei«, begrüßt Helga Timm die Frau. »Ihr Arbeitgeber, der Herr Petermann, war heute bei uns auf der Dienststelle und hat uns erzählt, dass bei Ihnen ein Gast vermisst wird – ein gewisser Herr Reimers. Ich bin Polizeimeister-Anwärterin Timm, und dies ist meine Kollegin, Kriminalhauptkommissarin Nili Masal. Bestimmt sind Sie Frau Grazyna, von der uns Ihr Chef erzählt hat, nicht wahr?« Der ausländisch klingende Akzent der Frau ist Helga Timm nicht entgangen.
»Ja, doch, ich bin Grazyna Król aus Opole, schon drei Jahre hier arbeiten bei Herrn Marius. Guter Chef!«, meint sie berichten zu müssen. »Und ja, der Herr Werner ist schon fast zwei Wochen weg! Sagt nicht Auf Wiedersehen, gegangen weg und kommen nicht mehr! Alle Kleider im Zimmer! Hat nix mitgenommen!«
»Stimmt, Frau Król, das hat uns Ihr Chef genauso berichtet. Wir würden uns gern Herrn Reimers’ Zimmer ansehen. Geben Sie uns bitte den Schlüssel?«
Die Frau nickt und geht hinter den Tresen. Einem an der Rückwand befestigten Brett entnimmt sie einen der sechs Schlüssel für die Gastzimmer.
»War Herr Reimers Ihr einziger Gast?«, erkundigt sich Nili.
»Ja, jetzt schon. Wenn die Arbeit an Windmühlen wieder anfängt, dann alle Zimmer sind besetzt von Monteuren. Ich zeige das Zimmer, ja? Es hat Nummer vier«, sagt Grazyna und geht voraus, ohne auf eine Antwort zu warten.
Durch eine Tür am hinteren Ende der Gaststube gelangen sie auf einen Flur und steigen anschließend die Treppe hinauf ins Obergeschoss. Werner Reimers’ Zimmer entpuppt sich als ein karg möblierter Raum mit einer vergilbt-geblümten Tapete sowie einer ziemlich schmuddeligen Gardine, die vor dem doppelflügeligen Fenster hängt. Die Einrichtung beschränkt sich auf ein altmodisches hölzernes Doppelbett, einen einfachen Tisch mit zwei wackeligen Stühlen, einen Wandschrank mit leicht blind gewordenen großen Spiegeln und eine Wäschekommode. An einer Wand befindet sich ein Waschbecken mit dem obligaten Alibert-Schränkchen darüber.
»Danke, Frau Król, wir kommen jetzt allein zurecht«, lädt Helga Timm die Frau zum Gehen ein. Dann macht sie sich zusammen mit Nili an die Durchsuchung von Werner Reimers’ Hinterlassenschaft. Leider fällt ihnen dabei nichts Nützliches in die Hände. »Alles nur Krimskrams«, stellt Nili fest. »Überhaupt nichts, was uns über diesen Herrn nähere Auskunft geben könnte«, bemerkt sie listig, nachdem sie eine kleine Kassette unter dem Bett erspäht und diese mit dem Fuß weiter unter das Möbelstück geschubst hat. Helga Timm, die gerade eine Schublade der Wäschekommode durchsucht, bekommt davon nichts mit. »Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen, Helga?« Nili richtet sich wieder auf, während die Polizeimeister-Anwärterin sich zu ihr umdreht. »Hier ist offenbar nichts zu holen, meinen Sie nicht auch? Ich denke, wir sollten erst einmal zur Dienststelle zurückkehren, damit Boie schleunigst nach Hause kann. Sie übernehmen dort wieder den Dienst. Ich besorge mir ein paar Umzugskartons und komme noch einmal hierher, um alles auszuräumen. Anschließend bringe ich Ihnen die Sachen in die Dienststelle. Und sollte dieser Herr Reimers wieder auftauchen, kann er sich sein Hab und Gut bei Ihnen abholen. Was meinen Sie dazu?«
Helga Timm überlegt kurz, dann nickt sie zustimmend.
Nachdem sie das Zimmer verlassen haben, klebt die Polizeimeister-Anwärterin ein amtliches Polizeisiegel an die Tür, verschließt diese und überreicht Nili den Schlüssel.
Nachdem Nili vier große Umzugskartons im OLBA-Baumarkt erstanden und sich anschließend am daneben gelegenen Imbiss an einem gegrillten Geflügel-Schaschlik gesättigt hat, fährt sie wieder zum Gasthof »Zur Lindenschenke«. Sie legt Frau Król den von Boie Hansen ausgestellten polizeilichen Berechtigungsschein zur Abholung und vorübergehenden Verwahrung von Werner Reimers’ Sachen vor und bittet die Frau um Hilfe beim Einpacken.
»Was war denn Herr Reimers für ein Mensch?«, fragt Nili, während sie Wäsche aus der Kommode nimmt und diese in einen der Kartons legt.
»Eigentlich sehr nett und höflich. Auch sehr sauber und ordentlich. Allerdings …« Frau Król, die gerade einen Pullover aus dem Kleiderschrank nimmt, stockt, wohl um sich die passenden Worte zurechtzulegen.
Nili sieht sie an. »Allerdings was?«
»Nun ja, er war schöner Mann, hat ab und zu hier Frau im Bett gehabt. Habe ich an Bettwäsche gemerkt, nächsten Morgen beim Aufräumen.«
Nili horcht auf. »Das ist wohl normal für so einen jungen Menschen, nicht wahr? Haben Sie die Frau irgendwann gesehen?«
»Nur einmal ganz kurz, von hinten, als sie gegangen.«
»Können Sie mir sagen, wie sie aussah?«
»Nein, nicht richtig. Nur ganz wenig, als sie durch die Hintertür hinaus.«
»Klein, groß? Blond oder schwarz?«
»Denke, war junge Frau, lange Beine in grünen Hosenanzug, lange braune Haare. Habe leider nicht mehr gesehen!«
»Danke, Frau Król.« Nili klappt einen der Umzugskartons zu. »Es war sehr nett von Ihnen, mir zu helfen. Sie können jetzt gehen, den Rest schaffe ich allein!« Nachdem die Frau den Raum verlassen hat, kniet sich Nili vor das Bett, zieht die Kassette darunter hervor und legt sie in einen der noch geöffneten Umzugskartons.
4. Wetterumschwung
Gleichzeitig mit Nili, die ihren Cross Polo vor der Polizeidienststelle in Oldenmoor parkt, trifft der Streifenwagen mit Polizeiobermeister Willi Seifert und seinem Kollegen Polizeimeister Dieter Klages ein, die gerade vom Tatort zurückkommen.
»Hallo, Jungs, ihr kommt mir gerade richtig! Helft ihr mir bitte mit diesen Kartons?«
Der starke Regen vom Vormittag ist in ein intermittierendes Nieseln übergegangen, im Augenblick ist es aber trocken und ein lauer Wind ist aufgekommen.
»Moin, Nili! Was hast du uns denn da mitgebracht?«, möchte Willi wissen.
Während sie die Kartons in die Dienststelle bringen und in einer Kammer verstauen, berichtet ihnen zunächst Nili, dann Helga Timm von dem Vermisstenfall Werner Reimers. Nili ist neugierig und fragt: »Und was habt ihr mitgebracht? Hat die Spusi da draußen irgendetwas Neues gefunden?«
»Ach was!« PM Klages winkt ab. »Bei diesem unaufhörlichen Regen sind alle Baugruben überschwemmt. KTU-Lilo und ihr Uwe aus Itzehoe hätten darin eher schwimmen als etwas Brauchbares finden können!«
»Die ganze Aktion war buchstäblich ein Schlag ins Wasser, also für die Katz, obwohl diese Tiere ja bekanntlich das Wasser scheuen«, witzelt POM Seifert.
Helga Timm wendet sich an Nili. »Alles klargegangen, Frau Hauptkommissarin?«
»Bitte nicht so förmlich«, wehrt diese ab. »Sie – oder besser du – kannst mich ruhig Nili nennen, okay? Ja, ist alles glattgegangen. Als ich in der Lindenschenke alles eingepackt hatte, erschien Herr Petermann. Zunächst wollte er mir die Sachen von Werner Reimers trotz des Berechtigungsscheins nicht aushändigen. Doch dann überzeugte ich ihn mit der Aussage, diese müssten zur kriminaltechnischen Untersuchung, damit eventuelle Ursachen für das Verschwinden seines Gastes ermittelt werden können. Ich gab ihm eine Quittung, damit er sich beruhigte.« Nili lächelt. »Stellt euch vor, er fragte mich sogar, ob die Polizei ihm die ausstehende Rechnung seines Gastes bezahlen würde!«
»Das sieht dem komischen Petermännchen ähnlich«, kolportiert Hauke. »Der hat immer schon so wahnwitzige Ideen in die Luft gesetzt!«
Nili macht Anstalten zu gehen. »Also gut, liebe Kollegen, ich muss jetzt los. Ich habe meiner Mutter versprochen, ihr auf dem Geflügelhof zur Hand zu gehen. Ihr wisst ja, wo ich zu erreichen bin, falls Not am Mann ist. Ich bin noch bis Donnerstagmittag hier, dann muss ich wieder nach Kiel. Alles Gute und viel Erfolg!«, ruft sie den Kollegen im Hinausgehen zu.
Als Nili und ihre Ima Lissy am späten Nachmittag im Onkel Suhls Haus eintreffen, werden sie von Oma Clarissa herzlich begrüßt. »Ich habe heute Brot gebacken«, berichtet diese fröhlich. »Am Vormittag war ich im Supermarkt und habe zufällig die Unterhaltung von zwei Frauen mit angehört, die sich sehr angeregt über die Vorzüge einer neuen Backmischung unterhielten. Als ich sie darauf ansprach, erzählten sie mir voller Begeisterung von dem Produkt und gaben mir zudem einige Ratschläge für die Zubereitung. Ich habe dann eine Packung davon gekauft und noch dazu einige Tüten mit Sonnenblumen- und Kürbiskernen sowie Leinsamen und Sesamkörnern mitgebracht, die ich unter den Teig mischen werde. Die beiden Frauen sagten mir auch, das Brot schmecke besonders gut, wenn es mit Griebenschmalz bestrichen wird. Also habe ich auch das gleich besorgt. Nun, meine Lieben, bereitet euch also auf einen Genuss der besonderen Art vor.«
In der Tat sind die drei Frauen von dem knusprigen und wohlschmeckenden dunklen Vollkornbrot sehr angetan. Nach dem Abendbrot gehen Abuelita und Ima ins Wohnzimmer hinüber, während Nili die Küche aufräumt und das Geschirr in die Spülmaschine stellt. Dann greift sie zum Handy und wählt Waldis Nummer. Ihr antwortet nur die Mailbox und sie hinterlässt die Nachricht, er möge sie vom Festnetz aus hier im Hause anrufen, sobald er für ein vertrauensvolles Gespräch bereit sei. Dann gesellt sie sich zu den beiden Frauen, die es sich vor dem Fernseher gemütlich gemacht haben, und sie sehen gemeinsam das Schleswig-Holstein Magazin. Als dieses beendet ist und Ima zur Tagesschau der ARD umschaltet, bemerkt Abuelita, es sei doch seltsam, dass kein Wort über den Leichenfund am Windpark gefallen sei.
»Wundert mich eigentlich nicht, Abuelita«, meint Nili. »Bei dem Sauwetter war ganz bestimmt kein Fernsehteam hier in Oldenmoor, jedenfalls hab ich nichts davon erfahren.«
Gerade als Tagesschausprecher Jan Hofer die Zuschauer begrüßt, läutet das Telefon. Nili erhebt sich. »Lasst man, es ist sicher Waldi, der mich zurückruft. Ich gehe hinauf ins Arbeitszimmer, dann störe ich euch nicht.« Geschwind läuft sie die Treppe empor.
»Erster Kriminalhauptkommissar Walter Mohr, LKA Kiel an der Strippe! Wer verlangt da so sehnlichst nach mir?«
»Hallo, Waldi. Lieb, dass du so schnell zurückrufst! Ich hab dir einiges zu berichten!« Nili schildert ausführlich, was sich an diesem Tag zugetragen hat. »Während Polizeimeister-Anwärterin Helga Timm und ich das Zimmer des Vermissten untersuchten, entdeckte ich unter dem Bett eine verschlossene Kassette. Ich habe sie vor Helga versteckt und angeregt, später selbst alles in Kartons zu verpacken und die Sachen in die Dienststelle zu bringen. Ich wollte keineswegs, dass irgendjemand hier die Kassette und deren Inhalt zu Gesicht bekommt. Sie ist nicht sehr groß, dafür aber ziemlich schwer, und ich vermute, dass sich darin KK Köppens Dienstwaffe und seine Ausweise befinden. Leider habe ich keinen Schlüssel dafür gefunden und konnte somit die Kassette nicht öffnen. Ich habe sie hier bei mir sichergestellt.«
»Prima gemacht, Nili, sehr gute Arbeit! Sehr wichtig, dass man dort nichts von dieser Kassette erfahren hat.«
»Danke, gern geschehen, Chef! Ach, noch was: Ich habe von der Bedienung des Gasthauses, in dem Werner Köppen logiert hat, erfahren, dass der Kollege gelegentlich eine Frau mit aufs Zimmer und auch mit ins Bett genommen haben soll. Deren Beschreibung ist allerdings etwas dürftig, aber mal sehen, vielleicht trifft man zufällig auf genau dieses weibliche Wesen. Was meinst du, Waldi, soll ich hier noch etwas Besonderes unternehmen?«
»Nun ja, folge wie üblich deiner Spürnase und sperre einfach weiterhin die Ohren auf. Wir wissen ja, dass die Leiche die des armen Köppen ist, aber das braucht vorerst niemand bei euch in Oldenmoor zu erfahren. Du kommst doch am Donnerstag wieder nach Kiel? Dann bring bitte die Kassette mit.«
»Na klar, mach ich.«
»Ach, und ich wollte dich noch darüber informieren, dass wir inzwischen mit der Staatsanwaltschaft in Itzehoe Kontakt aufgenommen und einvernehmlich die Überführung des Toten zu Professor Doktor Klamm in die hiesige Gerichtsmedizin veranlasst haben. Sobald sein Obduktionsbericht vorliegt, werden wir die Kollegen in Itzehoe und Oldenmoor wie auch immer informieren.«
»Oh je!« Nili lacht. »Der arme Hein Gröhl! Hoffentlich hat der keinen Herzinfarkt bekommen, weil man ihm seine Leiche entzogen hat! Er soll ja schon in Gegenwart seiner Staatsanwältin einen riesigen Affentanz veranstaltet haben, als Kollegin Westermann davon berichtete, dass wir beide am Tatort anwesend waren!«
»Mach dir nichts aus solchen Latrinenparolen, Liebste! Die Itzehoer Staatsanwältin Frau Doktor Cornelia Bach bat bereits ausdrücklich um Unterstützung des LKA, nachdem sie mit ihrem Vorgänger Doktor Pepperkorn Rücksprache gehalten hatte. So nebenbei hat er dich ihr wärmstens empfohlen, vielleicht kontaktiert sie dich ja sogar persönlich. Nochmals danke für deinen prima Einsatz. Und jetzt schlaf gut. Du darfst auch gern von mir träumen!«
»Auch dir eine gute Nacht, Waldi. Und melde dich bitte, wenn du Neuigkeiten hast. Ansonsten bis Donnerstagabend, zunächst bei unserem Griechen um die Ecke – und danach zu dir oder zu mir?« Mit einem liebevollen Lächeln legt Nili den Hörer auf.
Über Nacht findet ein für den Monat Februar äußerst ungewöhnlicher radikaler Temperaturanstieg statt. Eine plötzlich einsetzende, ziemlich warme und trockene Windströmung aus Südwesten verdrängt den bisherigen eisigen und starken Ostwind. Das Thermometer klettert abrupt von den frühen minus 5 auf mittägliche plus 12 Grad Celsius. Freundlich strahlt die Sonne auf die noch verbliebenen Schneewehen und die Regenpfützen des Vortages und lässt diese eine nach der anderen wie von magischer Hand gelenkt verschwinden. Nachdem Nili ihre obligatorische Joggingrunde absolviert hat, sitzen sie und ihre Oma Clarissa gemeinsam am Frühstückstisch im Onkel Suhls Haus. Ima Lissy ist schon sehr früh zu ihrem Eulenhof gefahren, um zusammen mit Familie Siemsen das »geliebte Federvieh« zu versorgen.
»Kompliment, Abuelita! Dein Brot schmeckt auch als Toast ganz prima!« Nili schmatzt begeistert, während sie ihre zweite dick mit Butter und Honig beschmierte Schnitte genießt.
»Freut mich, mein Kind! Was hast du heute vor?«
»Eigentlich habe ich ja frei, um Überstunden abzufeiern, aber dieser mysteriöse Leichenfund am Windpark will mir nicht aus dem Kopf!«
»Typische Berufskrankheit. Kannst wohl einfach nicht abschalten, nicht wahr? Du erinnerst mich immer wieder an meinen lieben Heiko, deinen Großvater. Wenn der sich in Gedanken mit irgendetwas beschäftigte, ließ es ihn auch nicht mehr los, bis er die Angelegenheit zufriedenstellend erledigt hatte.«
»Dann ist es ja wohl ein erbliches Leiden, Abuelita!«, bemerkt Nili lächelnd und trinkt ihren Kaffeebecher leer. »Also, um deine Frage konkret zu beantworten, werde ich mir heute einmal bei den Parteien das Für und Wider zum Thema Windkraft etwas näher ansehen.«
»Meinst du wirklich, Nili, dass der Tote etwas mit dieser Fehde zu tun haben könnte?«
»Nicht unbedingt, aber ausschließen dürfen wir es auch nicht. Du kennst ja den berühmtesten Satz unserer Tatort-Fernsehkommissare, die immer verlauten lassen, sie ermitteln in alle Richtungen.« Gerade in diesem Moment läutet das Telefon. »Lass man, Abuelita, ich gehe schon!« Nili nimmt den Hörer auf: »Hier Nili Masal bei Keller, guten Morgen!«
»Guten Morgen, Frau Masal. Gut, dass ich Sie antreffe. Ich bin Doktor Frank Kramer, Assessor bei der Staatsanwaltschaft Itzehoe. Unsere Staatsanwältin, Frau Doktor Cornelia Bach, bat mich, Sie anzurufen. Unsere hiesigen Kriminaloberkommissare haben uns berichtet, dass Sie zufällig bei der Auffindung der Leiche am Windpark zugegen waren. Während eines Gesprächs mit Staatsanwalt Doktor Pepperkorn in Kiel konnten wir Weiteres über Sie erfahren. Obwohl wir gehört haben, dass Sie gegenwärtig einige wohlverdiente Urlaubstage in Oldenmoor verbringen, möchten wir Sie, nach Rücksprache mit Oberstaatsanwalt Hinrich Harmsen sowie Ihrer LKA-Dienststelle, dennoch bitten, uns freundlicherweise so bald wie möglich Ihren werten Besuch in der Bezirkskriminalinspektion in der Großen Paaschburg in Itzehoe abzustatten.«
Wow, denkt Nili, welch ein Meister des rhetorischen Schachtelsatzes! »Danke für Ihren Anruf, Herr Doktor Kramer. Wie Sie schon sagten, befinde ich mich hier auf Kurzurlaub, bin aber selbstverständlich bereit, Sie in Itzehoe zu besuchen. Ich könnte in einer dreiviertel Stunde da sein, wenn es Ihnen passt.«
Nili bedauert zutiefst, dass ihr nicht das gleiche Glück beschieden ist wie den Tatortkollegen, die unweigerlich einen freien Parkplatz direkt vor ihrem Ziel vorfinden. Sie umrundet wiederholt das Itzehoer Polizeigebäude in der Großen Paaschburg, bis endlich ein Auto aus einer Parklücke fährt.
Am Empfang legt sie ihren Dienstausweis vor. Dort erwidert man freundlich ihren Gruß: »Moin, Frau Masal! Sie werden schon erwartet. Gehen Sie bitte in den Besprechungsraum in den ersten Stock. Schönen Tag noch!«
Nili bedankt sich und geht die Treppe hinauf.
»Guten Tag, Frau Masal, herzlich willkommen und vielen Dank, dass Sie so schnell kommen konnten!« Staatsanwältin Dr. Cornelia Bach begrüßt Nili und stellt sie den Anwesenden vor: »Dies ist mein Stellvertreter, Assessor Doktor Paul Kramer. Sie kennen sicherlich Kriminaloberrat Heinrich Stöver. Auch die Kriminaloberkommissare Dörte Westermann und Hauke Steffens haben Sie wohl bereits kennengelernt. Vielleicht konnten Sie am Tatort auch unsere Kriminaltechnik-Spezialisten, Frau Lilo Papst und Laborant Herrn Uwe Wildemann, bei der Arbeit beobachten. Bitte nehmen Sie Platz.«
»Ja, meine Damen und Herren, guten Morgen! Nett, Sie kennenzulernen beziehungsweise Sie wiederzusehen, auch dich, Hauke! Danke für Ihren freundlichen Anruf, Herr Doktor Kramer. Ich freue mich sehr, Ihnen bei Ihren Untersuchungen im Mordfall Werner Reimers behilflich sein zu dürfen. Wenn ich richtig vermute, haben Sie mich ja deswegen hergebeten. Wahrscheinlich wundern Sie sich, dass ich Ihnen soeben den Namen des Toten verkünden konnte. Kurz bevor ich heute von zu Hause losfuhr, erhielt ich einen Anruf aus dem LKA in Kiel. Nachdem ich von dem bevorstehenden Besuch bei Ihnen berichtet hatte, bat mich mein Vorgesetzter, Sie zu informieren, dass die Obduktion durch Professor Doktor Klamm, Leiter der Gerichtsmedizin der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, aufgrund des gleichzeitig stattgefundenen DNA-Abgleichs zur Identifizierung des Opfers führen konnte. Als Todesursache wurde Genickbruch als Folge eines gewaltigen Schlages auf den Hinterkopf und anschließenden Aufpralls mit der Stirn festgestellt. Zweifelsohne handelt es sich um Mord. Der vollständige Obduktionsbericht ist bereits auf dem Wege zu Ihnen.« Sie liest von einer SMS auf ihrem Handy ab: »Wie erwähnt, handelt es sich bei dem Mordopfer um einen gewissen Werner Reimers, geboren am 20. Oktober 1980 in Lübeck, von Beruf Mechatroniker, mit letzter dortiger Adresse Kurauer Straße Nummer 7, zurzeit arbeitslos. Soweit bisher zu erfahren war, agierte er zuletzt als Aktivist beim Neufelder Verein ›Bürger gegen Windräder‹ und logierte im Gasthof ›Zur Lindenschenke‹ in Oldenmoor. Sein Gastwirt, Herr Petermann, hat ihn gestern bei meinen ehemaligen Kollegen in Oldenmoor als vermisst gemeldet und ich wurde während meines dortigen Besuchs von Hauptkommissar Boie Hansen gebeten, zusammen mit PMA Timm Reimers’ Zimmer zu inspizieren sowie seine gesamte Habe bei der Polizeidienststelle Oldenmoor sicherzustellen.« Nili macht eine Pause und blickt freundlich in die Runde. Die Anwesenden können allesamt ihre Verwunderung über das soeben Gehörte kaum verbergen. Nili hat ihnen allerdings nicht die ganze Wahrheit aufgetischt, denn sie war es gewesen, die sofort nach dem Anruf Dr. Kramers bei Waldi in Kiel angerufen hatte, um seinen Rat einzuholen. Zufällig befand sich ihr geliebter Erster Kriminalhauptkommissar zur Fallbesprechung im Arbeitszimmer seines Chefs, Dezernatsleiter Kriminaloberrat Andreas Heidenreich. Von ihnen erfuhr Nili, dass der Tote tatsächlich Kriminalkommissar Werner Köppen sei, dies aber vorerst nicht durchsickern und sie bis auf Weiteres nur den Decknamen des Ermittlers verwenden solle. Während sie sich kurz darauf auf dem Weg nach Itzehoe befand, erhielt sie ihre Instruktionen sowie die Angaben zur Weitergabe per SMS.
Nach einer kurzen Pause bedankt sich die Staatsanwältin. »Vielen Dank für Ihren ausführlichen Bericht, Frau Masal. Natürlich sind wir alle ziemlich überrascht, aber auch sehr dankbar für die rasche Identifizierung des Opfers, denn hier tappte man offensichtlich weiterhin im Dunkeln«, bemerkt sie mit einem vorwurfsvollen Blick in Richtung ihres Kriminaloberrats, dessen Gesichtsröte sich, wenn überhaupt möglich, noch vertiefte. Bevor die befürchtete Explosion stattfinden kann, bläst Nili zur Deeskalation. »Also, sehr geehrte Frau Staatsanwältin, hier muss ich aber eine Lanze für meine hiesigen Kollegen brechen. Ich war ja, wie Sie alle wissen, zufällig am Leichenfundort und kann aus erster Hand bestätigen, dass sämtliche Einsatzkräfte vor Ort wider die äußerst unwirschen Wetterbedingungen ihr Bestes gegeben haben. Alles war, wenn nicht eingefroren, unter den Schneemassen versunken, was jede Spurensuche vereitelte und noch dazu die Bergung der Leiche aus der tiefen Fundamentgrube besonders erschwerte. Auch der strömende Regen am darauf folgenden Tag bestätigte immerhin die Anfangsvermutung, dass der Fundort sehr wahrscheinlich kaum der Tatort gewesen sein kann. Es war purer Zufall, dass die Vermisstenmeldung des Gastwirtes mit der gleichzeitig stattgefundenen Obduktion in Kiel eine so rasche Klärung der Personalien des Herrn Reimers ermöglichte.«
Zufrieden beobachtet Nili die offensichtliche Entspannung im Gesichtsausdruck von Kriminaloberrat Stöver, der jetzt zum ersten Mal das Wort ergreift: »Danke für Ihre netten Worte, verehrte Frau Kriminalhauptkommissarin. Ich gebe ehrlich zu, dass ich anfänglich von der Einbeziehung des LKA in unseren Fall nicht sehr begeistert war. Wie sich die Lage allerdings heute darstellt, kann ich mich nun mit dieser Tatsache versöhnen, weiß ich doch Sie persönlich besonders zu schätzen. Ich kann mich noch sehr gut an Ihre wertvolle Unterstützung im Fall der beiden ermordeten Frauen erinnern, die damals in dem vollständig abgebrannten Bauernhof aufgefunden wurden.«3
Frau Staatsanwältin Bach zeigt sich ebenfalls erleichtert. »Also gut, geschätzte Kollegen, wie wollen wir weiter verfahren – irgendwelche Vorschläge?«
Hauke Steffens und Dörte Westermann stecken kurz ihre Köpfe zusammen, dann meldet sich die Kriminaloberkommissarin zu Wort. »Ist es denkbar, dass die Tat etwas mit den kontroversen Meinungen bezüglich des Windparks zu tun haben könnte?«
»Ich denke schon, dass uns dieser Gedanke gegenwärtig allen im Kopf herumgeht, nicht wahr?«, bemerkt die Frau Staatsanwältin. Als sie allgemeine Zustimmung aus der Runde erfährt, setzt sie fort: »Dann wäre es doch wohl angebracht, uns die beiden divergierenden Meinungsgruppen etwas näher anzusehen. Was schlagen Sie vor, Herr Kriminaloberrat?«
»Ich bin durchaus Ihrer Ansicht, Frau Staatsanwältin. Vielleicht sollten wir uns für diese Aufgabe zunächst zweiteilen. Ich rege an, unsere beiden Oberkommissare widmen sich dem Verein der Windkraftgegner in Neufeld, mit denen das Mordopfer ja irgendwie liiert war. Ich werde mich persönlich um die Befragung der Firma Wind-Powermasters in Itzehoe kümmern und würde es sehr begrüßen, wenn mich Frau Kriminalhauptkommissarin Masal begleitet.«
Auf ein zustimmendes Kopfzeichen der Staatsanwältin sagt Nili: »Ein sehr guter Vorschlag, Herr Kriminaloberrat. Ich bin gern dabei. Wenn Sie keinen Einwand erheben, könnte ich zudem meine Kollegen vom Dezernat 21 bitten, gleichzeitige Recherchen in Lübeck durchzuführen. Vielleicht erfahren wir dadurch etwas mehr über Herrn Werner Reimers.«
Zögernd meldet sich Lilo Papst zu Wort. »Wir haben hier ja noch die Plane, in der die Leiche eingewickelt war. Was soll damit passieren?«
Kriminaloberrat Stöver hat sogleich eine Antwort parat. »Seien Sie so nett und untersuchen Sie dieses Beweisstück auf Fingerabdrücke, DNA- sowie eventuell andere Spuren, sollte darauf noch irgendwie etwas Brauchbares zu finden sein. Wenn ich mich richtig erinnere, haftete daran noch ein Rest des Herstelleretiketts. Wildemann, bitte gehen Sie dieser Spur noch einmal nach, vielleicht können Sie erfahren, für wen die Plane hergestellt wurde.«
Alle wundern sich über die unübliche und betonte Höflichkeit, mit der der sonst so berüchtigte »Hein Gröhl« heute seine Untergebenen anspricht.
Dann richtet sich Stöver an Nili: »Wenn es Ihre Zeit erlaubt, würde ich am liebsten gleich mit Ihnen zu den Windradleuten fahren, Frau Masal.«
»Sehr gern, Herr Kriminaloberrat, wenn es Ihnen nichts ausmacht, in meinem kleinen Cross Polo mitzufahren.«
»Einverstanden.« Kriminaloberrat Heinrich Stöver nickt. »Ich werde anschließend die Gelegenheit wahrnehmen, meine Schwester im benachbarten Honigfleth zu besuchen, mein Schwager kann mich dann abends wieder nach Hause bringen.«
*
KOK Dörte Westermann sitzt am Steuer des neutralen VW Passat Kombi der Kripo. Ihr Kollege Hauke Steffens genießt ihre ruhige und gleichmäßige Fahrweise entlang der B 5 entspannt auf dem Beifahrersitz und ist sogar leicht eingenickt. Dörte biegt etwa acht Kilometer, nachdem sie die Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal passiert haben, links ab in Richtung Neufeld. Auf der Niefelder Strot überquert sie den Deich und hält den Wagen etwa dreihundert Meter weiter vor dem Restaurant »To’n Niefelder Diek« an. »Aufwachen, Herr Kriminaloberkommissar!«, raunt sie ins Ohr des Kollegen. »Wir sind da!«
Hauke öffnet die Augen und sieht sich um. Links befindet sich der kleine Prielhafen von Neufeld, in dem sich drei Krabbenkutter auf den seicht auflaufenden Tidewellen an ihren Festmacherleinen sanft hin und her wiegen. Zu seiner Rechten erhebt sich der Deich mit einer kurzen Treppe, die hinauf zum Gasthof führt. Er blickt auf seine Uhr. »Gehen wir doch erst einmal rein, es ist schon halb eins und ich fühle eine gehörige Leere in meiner Magengrube.«
Sie steigen aus und gehen die Stufen hinauf. Eine wohlig wärmende Sonne scheint vom nur leicht bewölkten Himmel zu ihnen herab. Vor dem Lokal erstreckt sich eine geräumige Terrasse, auf der sich während der Sommermonate zahlreiche Gäste, windgeschützt in Strandkörben an zahlreichen Tischen sitzend, schmackhafte Fisch- und Meeresfrüchtegerichte einverleiben. Hauke dreht sich noch einmal um und schaut über die flache weite und grüne Landebene bis hinüber zur Nordsee. Ein riesiges Containerschiff strebt in Richtung Elbmündung, auch das viel kleinere Fährschiff, das zwischen Brunsbüttel und Cuxhaven hin und her pendelt, ist zu erkennen.
Sie betreten die Gaststube, in der gerade eine Versammlung des Vereins »Bürger gegen Windräder« abgehalten wird. Etwa dreißig Personen im größeren Saal zu ihrer Rechten folgen aufmerksam den Ausführungen der Sprecherin.
Hauke berührt seine Kollegin sanft am Arm und dirigiert sie nach links in die etwas kleinere Stube, in der alle fünf Tische frei sind. Die Wirtin kommt aus der Küche und sieht die beiden ein wenig verwundert an. »Tut mir leid, wir haben heute Ruhetag und nur für eine geschlossene Veranstaltung unseren Gastraum zur Verfügung gestellt. Sollten Sie nicht zu dieser Gruppe gehören, muss ich Sie leider bitten, das Lokal zu verlassen.«
Wortlos zeigen die beiden Beamten der Wirtin ihre Dienstausweise. Ganz leise sagt Dörte: »Wir sind dienstlich hier. Dies ist mein Kollege Kriminaloberkommissar Hauke Steffens, und ich bin Kriminaloberkommissarin Dörte Westermann. Wir möchten die Versammlung nicht stören, hätten aber gern einige der leitenden Personen des Vereins ›Bürger gegen Windräder‹ gesprochen. Wäre es Ihnen möglich, uns in der Zwischenzeit irgendetwas zum Mittagessen zu machen?«
»Eigentlich ist die Küche kalt, aber ich könnte Ihnen sauer eingelegte Bratheringe mit Kartoffelsalat anbieten, wenn’s recht ist?«
»Wenn Sie uns dazu alkoholfreies Bier servieren könnten, wären wir Ihnen sehr dankbar.«
Dörte und Hauke setzen sich an einen der Tische und lächeln vergnügt über allerhand Schnickschnack, mit dem das Lokal an den Wänden und auf den Fensterbänken geschmückt ist. »Das ist ja noch gar nichts, Hauke«, bemerkt Dörte. »Da musst du erst einmal in der Oster- oder noch besser in der Weihnachtszeit herkommen. Dann ist hier in puncto Dekoration gehörig was los!«
»Wenn ich mich hier so umsehe, schwant mir einiges!« Hauke grinst.
Von nebenan hören sie jetzt – allerdings nur gelegentlich in verständlichen Worten – die Ansprache einer weiteren weiblichen Stimme, offensichtlich eine Ärztin, die wohl über die physischen und psychischen Gefahren von Windenergieanlagen referiert, die für die unmittelbaren Anwohner bestehen und ihnen gesundheitliche Schäden verursachen können. Bald darauf serviert die Wirtin die versprochenen leckeren Bratheringe mit reichlich Kartoffel- und Krautsalat sowie zwei Beugelbuddeln Dithmarscher alkoholfrei.
Zufällig fällt das Verzehren ihres Mittagmahls zeitlich mit dem Ende der Versammlung zusammen. Während Heiko zahlt und die meisten Teilnehmer sich bereits in Richtung des Ausgangs bewegen, geht Dörte hinüber und bleibt vor dem quer stehenden Tisch der Referenten stehen. »Guten Tag, meine Herrschaften. Ich befürchte, ich muss Sie noch um etwas Geduld bitten. Ich bin Kriminaloberkommissarin Dörte Westermann«, sie zückt ihren Dienstausweis, »und dies ist mein Kollege Kriminaloberkommissar Hauke Steffens.« Hauke ist inzwischen dazugekommen. »Wir sind von der Mordkommission in Itzehoe und hätten einige Fragen an Sie.« Hauke holt einen Zettel hervor. »Guten Tag, geehrte Damen und Herren. Darf ich fragen, wer von Ihnen die Erste Vorsitzende des Vereins, Frau Elisabeth Beckstein, und wer Herr Menno Brauer, der Zweite Vorsitzende, ist?«
»Ich bin Frau Beckstein, und dies ist Herr Brauer«, antwortet die grell blondierte, weiblich-gewichtige Erscheinung in der weiten schwarzen Hose und dem umfangreichen Rollkragenpullover, der ihr bis über die Hüften reicht. »Wieso Mordkommission, was haben wir mit Ihnen zu tun?«
»Würden Sie so nett sein, Frau Beckstein, und uns erst einmal die weiteren Mitglieder Ihres Vereins vorstellen? Wir ermitteln in der Mordsache Werner Reimers, unseres Wissens eines Ihrer Vereinsmitglieder, dessen Leiche in einer Baugrube des Windparks in Oldenmoor aufgefunden wurde.«
Allgemeine Bestürzung herrscht nach dieser Bekanntmachung.
»Wir waren selbstverständlich zutiefst erschüttert von der Tatsache, dass ein toter Mann an dieser Stelle gefunden wurde, haben allerdings erst soeben von Ihnen erfahren müssen, dass es sich dabei um unseren Mitstreiter Werner Reimers handelt.« Elisabeth Beckstein wirft einen Blick in die Runde. »Also, dies hier ist unsere wissenschaftliche Beraterin, Frau Doktor med. Grete Voss aus Marne. Und hier haben wir unsere Schriftführerin, Frau Martha Waldberg aus Brunsbüttel. Und schließlich Jonas – er ist der Sohn unseres Herrn Brauer.«
Dörte Westermann nickt. »Danke für Ihre Vorstellung, meine Damen und Herren. Nun zur Beantwortung Ihrer Frage, warum wir hier sind und Sie sprechen wollen. Es läge auf der Hand, dass der Mord an einem Ihrer Mitglieder, von dem wir hörten, er sei besonders aktiv gewesen, und zudem die Ablage seiner Leiche in einer Baugrube des Windparks nicht von ungefähr mit dem zuletzt eskalierten Streit zwischen den Befürwortern und Ihrem Verein als erklärte Gegner des Projekts zu tun haben könnte.«
»Wobei die Betonung auf ›haben könnte‹ liegt«, ergänzt Hauke. »Wir ermitteln selbstverständlich in alle Richtungen, aber zunächst erschien uns dies doch als ein naheliegendes und mutmaßliches Motiv für das Tötungsdelikt. Können Sie uns bitte Näheres über Herrn Reimers und seine für Ihren Verein verrichteten Tätigkeiten berichten?«
Die Erste Vorsitzende wendet sich an Martha Waldberg. »Martha, du hast doch überwiegend mit Werner zusammengearbeitet, würdest du bitte den Kommissaren die Frage beantworten?«
»Könnten wir uns nicht erst einmal alle wieder hinsetzen?«, fragt die junge schlanke Frau mit brünetten Haaren und braunen Augen, die eine eng sitzende verwaschene Jeans und eine Lederjacke trägt.
Hauke nickt und rückt zwei weitere Stühle für sich und Dörte an den Tisch heran. Als alle sitzen, sagt Martha Waldberg: »Also, Herr Reimers – der Werner – kam vor etwa drei Monaten auf uns zu. Viel hat er nicht über sich erzählt, nur dass er Mechatroniker sei und aus Lübeck käme, zurzeit arbeitslos sei und mit uns gemeinsam gegen die wahnwitzige Verbreitung der Windräder, insbesondere in unserer Gegend, aktiv vorgehen wolle. Er sagte, er hätte einiges an Geld gespart, zudem bekäme er Arbeitslosengeld 1. Soweit ich weiß, hat er in einem Gasthof in Oldenmoor ein Zimmer gemietet. Er war uns allen auf Anhieb sympathisch. Mir als Schriftführerin des Vereins stand er des Öfteren beim Verfassen von Presseinfos zur Seite. Und er half uns bei der Organisation von Versammlungen und Demos. Wir werden wohl seine Unterstützung sehr vermissen, nicht wahr?«, bemerkt sie zum Schluss und bricht in Tränen aus.
Darmowy fragment się skończył.