Czytaj książkę: «Hexenjunge»
Maj Bylock
Hexenjunge
Roman
Aus dem Schwedischen
von Gisela Kosubek
Saga
1
Der Wasserfall ...
Der reißende Fall ...
Der Junge weiß nicht, wie gefährlich er ist! Nur an den Schmetterling denkt er, der über den Gräsern flattert, gelb, wie ein Klecks Butter ... ja, gelber als die Sonne.
Der Junge auf der Treppe vergisst das Holzpferd, mit dem er gespielt hat, und streckt begierig die Hände nach dem Goldgelben aus. Er glaubt, der Schmetterling wolle mit ihm spielen, und tapst eifrig hinterher.
Aber er hat gerade erst laufen gelernt und stolpert noch ganz leicht über Steine und Grasbüschel. Emsig müht er sich wieder hoch. Wo ist der Gelbe geblieben?
Ja, dort! Dort auf der weißen Blume sitzt er!
Gerade als er ihn erreicht hat, flattert der Schmetterling wieder davon, immer weiter von der Treppe fort. Näher und näher zum Abgrund am breiten Wasserfall, wo spitze Klippen auf Beute lauern, wie Teufelszähne in der Gischt.
Übermütig lockt der Schmetterling ihn weiter.
Oben am Haus steht Anneli, seine Mutter, und gräbt ein Stück Land um. Mit kräftigen Stößen treibt sie den Spaten in die Erde und wendet einen Grasbatzen nach dem anderen. Dann hackt sie die Brocken klein und lockert den Boden.
Zufrieden malt sie sich aus, dass hier bald Kräuter und Gemüse wachsen werden. Genau hier wird ein Paradies entstehen voller Apfelbäume und Kohl. Hier wird sie Rossmalve, Katzenwedel und Engelwurz säen, Kräuter, die sie vielleicht einmal braucht, um Herzkrämpfe und Husten zu heilen. Und Rainfarn. Der hilft gegen Würmer.
Der Boden ist karg, doch ihre Hände haben die Gabe, die Pflanzen gedeihen zu lassen. Anneli stützt das Kinn auf den Spatenstiel und verschnauft ein wenig, während sie zum Fenster hinüberblickt. Es überläuft sie kalt. Dort drinnen sitzt Gertrud, die Schwiegermutter. Wenn sie wüsste, was hier wachsen soll! Dann wäre sie erst recht überzeugt, dass Anneli eine Hexe sei.
Anneli hebt den Spaten und stößt ihn zornig in die Erde. Es geht wohl an, dass Gertrud sie selbst verabscheut. Doch auch dem Jungen will sie übel und das ist nur schwer zu ertragen.
Voller Zärtlichkeit blickt Anneli zur Treppe.
Aber ... Wo ist der Junge geblieben? Eben hat er doch noch dort gesessen und mit seinem Holzpferd gespielt! Ist er zu Gertrud hineingegangen? Anneli lässt den Spaten fallen und läuft ins Haus. Ruft.
Doch Gertrud sitzt allein auf der Bank in der großen Küche und schaut nur mürrisch auf.
»Hier ist er nicht. Auf das Hexengör kannst du allein aufpassen!«
Anneli läuft rot an, doch stürzt sie gleich wieder zur Tür hinaus.
Der Fluss ... Wenn er etwa ...
Der gelbe Schmetterling flattert unbekümmert über den steilen Hang hinaus, der zum Fluss abfällt. Der Junge aber stürzt und rollt wie ein Wollknäuel hinab. Prallt gegen Felsen und Steine.
Hat Sand in Mund und Augen. Kann nicht schreien.
Immer schneller nähert er sich dem Wasser, das ihn gierig zu sich zieht, ihn fortsaugt in den wilden Fall.
2
Anneli kann den kleinen Körper gerade noch erblicken, ehe er in der weißen Gischt verschwindet. Sie schreit ihre Angst heraus. Von allem auf Erden ist ihr der Junge das Liebste, lieber noch als Bengt. Dennoch steht sie völlig erstarrt. Die Beine wollen sie nicht tragen. Jetzt ist er fort!
Da sieht sie den Wolf. Er steht auf einem Felsen mitten im Fall. Mit seinen scharfen Zähnen packt er das Hemd des Jungen und hebt ihn aus dem Wasser. Trägt ihn durch den reißenden Strom und legt ihn behutsam auf das weiche Gras am Ufer.
Ganz still steht Anneli und schaut. Fühlt den Schrecken und die Erstarrung verschwinden und Dankbarkeit und Wärme ihren Platz einnehmen. Ruhig geht sie den Hang hinunter zu ihrem Kind.
Der Wolf ist ihr Freund. Der Wolf mit den gütigen Augen und dem zerrissenen Ohr.
Der Junge sieht seine Mutter groß an und verkriecht sich still in ihre Arme. Sein Herz pocht, doch nicht schneller als sonst. Sie singt und wiegt ihn, bis er einschläft.
Er ist zu klein, um sich an die Begegnung mit dem grauen Wolf zu erinnern – glaubt sie! Doch sie selbst wird nie das erste Mal vergessen, als ihr der Wolf geholfen hat. Damals war sie erst zehn Jahre alt. Sie schließt die Augen und träumt sich zurück.
Anneli hatte Vater versprochen, nach dem kleinen Bruder zu sehen, Vaters Lieblingskind. Doch sie war hungrig und rote Walderdbeeren lockten sie vom Häuschen fort. Dort oben stoben Funken aus dem Feuer und zündeten die Wolle in Mutters Spankorb an.
Als der Rauch bis zu Anneli am Erdbeerhang drang, sah sie Vaters strenges Gesicht über sich am Himmel. Wie wahnsinnig vor Angst rannte sie los, nicht zum Häuschen hinauf. Nein, fort! Geradewegs in den Wald hinein.
Alles, woran sie sich später erinnerte, war, dass ein Wolf mit gütigen Augen und zerrissenem Ohr sie forttrug. Sie ritt auf dem Rücken des Wolfes und erst im Häuschen der alten Ylva kam sie zu sich.
Ylva war ein Kräuterweiblein und gewohnt zu helfen. Sie nahm sich des kleinen Mädchens an, das nicht einmal mehr seinen Namen wusste. Und Ylva lehrte sie lesen aus einem großen, schwarzen Zauberbuch. Sie lehrte das Mädchen auch, Kranke zu heilen.
Später wurde Ylva als Hexe verurteilt. Doch ehe sie starb, ließ sie ihre Heilkraft auf das Mädchen übergehen.
Die Leute in der Gegend glaubten, Anneli sei die Tochter der Hexe, und sie musste fliehen. Eines Tages kam sie zurück zu dem Haus, in dem sie als Kind gelebt hatte. Zuerst wusste sie nicht, wo sie sich befand, doch dann erinnerte sie sich.
Sie erinnerte sich an den Brand, die Eltern, die Geschwister. Und an ihren Namen ... Sie hieß Anneli!
Anneli hätte dort bleiben wollen, doch die Furcht trieb sie weiter. Sie machte sich auf in die Stadt. Unterwegs dorthin traf sie Bengt und verliebte sich. Bengt gab ihr Sicherheit und er wollte sie heiraten.
Doch Gertrud, Bengts Mutter, wurde zornig. Sie hatte eine andere Braut für ihn auserwählt. Eines Nachts, kurz vor der Hochzeit, schlich sie sich auf den Dachboden hinauf. Dort fand sie das Zauberbuch in dem Bündel, das Anneli versteckt hatte.
Sie weckte Anneli und drohte, wenn sie nicht sofort verschwände, würde sie Bengt erzählen, dass Anneli eine Hexe sei.
Ich habe selbst geglaubt, ich sei eine Hexe, denkt Anneli. Und deshalb bin ich noch einmal geflohen, obgleich ich wusste, dass ich ein Kind erwartete.
»Dich«, flüstert sie und schließt die Arme noch fester um den Jungen. Es fehlte nicht viel und ich hätte mich in den Fluss geworfen. Aber der Wolf stand da, damals wie heute. Er sagte mir, das, was ich bei Ylva gelernt habe, sei gut und nicht böse.
Ich ging in die Stadt und gebar den Jungen, denkt sie weiter. Doch die ganze Zeit sehnte ich mich nach Bengt. Schließlich ging ich zurück und erzählte ihm alles. Dennoch bat er uns, hier auf dem Hof zu bleiben.
Sie erhebt sich. Da wacht der Junge auf. Er zeigt eifrig auf das Wasser hinaus.
»Wauwau!«
Dann kann er sich doch an den Wolf erinnern, denkt Anneli.
In ihrem Innern weiß sie, dass der Wolf mit der alten Ylva zu tun hat. Jetzt weiß sie auch, dass Ylva den Jungen unter ihren Schutz genommen hat.
Bebend fragt sie sich, ob der Junge auch Ylvas Kraft und Wissen erben wird, so wie sie es getan hat.
3
Bengt tritt plötzlich aus dem Wald. Und um seine Stiefel springt Ville, das Hündchen, das sonst immer so gut auf den Jungen aufpasst. Wäre es daheim gewesen, hätte es den Kleinen niemals zum Fluss tapsen lassen!
Doch ausgerechnet heute hat Bengt Ville mit auf die Jagd genommen.
Der Junge windet sich aus ihren Armen und läuft geradewegs auf Bengt zu, der ihn hoch in die Luft hebt.
»Wauwau! Wauwau sehen!«, brabbelt der Junge.
Bengt lacht und glaubt, er meine Ville. Und er trägt ihn zum Haus hinauf. Anneli schweigt, und sie ist froh, dass der Junge noch nicht mehr sagen kann. Der Wolf ist ihr Geheimnis.
Sie wirft rasch einen Blick in die Jagdtasche, doch sie ist leer, obwohl er den ganzen Tag fort gewesen ist. Nein, nicht leer! Sie bemerkt seine Geige und den Bogen.
Dann hat er irgendwo gesessen und gespielt. Hat die Jagd vergessen ... Ein Träumer ist er!
Schon längst hätten die Äcker gepflügt sein müssen. Doch er hat noch nicht einmal begonnen. Kommt die Saat zu spät in den Boden, kann das Korn nicht reifen, ehe es Herbst wird und der Frost es packt.
Mein Gartenland muss warten, denkt sie. Wir müssen morgen den Jungen mit aufs Feld nehmen und das Pflügen gemeinsam erledigen.
Anneli gießt Wasser in den großen Kochtopf auf dem Herd. Das Feuer ist erloschen!
Gertrud hat den ganzen Tag im Haus gesessen. Sie hätte doch die Glut bewachen können, denkt Anneli enttäuscht.
Doch die Alte murmelt so leise, dass nur Anneli es hören kann: »Wenn du hier auf dem Hof Bäuerin werden willst, musst du schon sehen, dass du dich nützlich machst.«
Schon bald kocht das Wasser. Rasch quirlt Anneli Hafermehl hinein und rührt mit einer entrindeten Tannenspitze im Topf. Fingergrütze ist schnell zubereitet und man braucht nicht viel zu rühren. Dass der Brei hart und klumpig wird, ist nur gut, wenn man ihn mit den Fingern essen will.
Der Speck brutzelt in der Pfanne und Spritzer zischen nach allen Seiten.
Anneli gießt das Fett über den Brei und stellt den Topf mitten auf den Tisch.
»Jetzt können wir essen!«
Ville liegt erwartungsvoll neben dem Platz des Jungen. Dort landet rasch der eine oder andere Leckerbissen auf dem Boden.
Als Nachspeise hat Anneli eine Schale mit süßer Milch gefüllt. Preiselbeermus hat sie keins gefunden.
Hier hat wohl im Herbst niemand Preiselbeeren gepflückt, denkt sie.
Aber Bengt ist dennoch zufrieden. Er reckt sich und schaut Anneli an. Wie er sie vermisst hat! Gertrud soll sie nicht wieder verjagen können.
»Pfingsten«, sagt er bestimmt, »wird hier Hochzeit gefeiert. Und der Junge muss getauft werden. Bengt Bengtsson soll er heißen, genau wie ich.«
Bengt Bengtsson, schnaubt Gertrud im Stillen. Wie kann er so sicher sein, dass das Hexenbalg seins ist?
Aber Anneli ist glücklich.
»Ja, das ist gut. Zwei Namen bekommt er von dir. Und einen von mir. Ulv werden wir ihn rufen.«
Ulv nennen die Menschen den männlichen Wolf, denkt sie. Wäre es ein Mädchen gewesen, hätte sie Ylva geheißen.
Am Abend, als Anneli vom Melken hereinkommt, steht Gertrud über den Jungen gebeugt. Sie erbleicht, als sie die Alte die blonden Locken zur Seite streichen sieht.
»Lass das!«
Sie weiß, die Alte sucht nach dem roten Mal, das Hexen auf der Stirn tragen. Doch die Haut des Jungen ist weiß und glatt. Ja, glatter als die Haut der Engel, die in der Kirche über dem Altar schweben.
Gertrud richtet sich auf und geht in den Stall hinaus. Dort nimmt sie einen Bottich mit Teer und malt mit entschiedenen Strichen ein Kreuz mitten über die Tür. Sie hofft, das christliche Zeichen werde den Hof gegen Hexerei und Teufelskünste schützen.
Im Abenddunkel sieht Anneli, wie Gertrud von Tür zu Tür geht, bis alle Türen des Hofes von einem Kreuz gekrönt werden.
Wenn Gertrud einen Waldkauz besessen hätte, den sie hätte an die Wand nageln können, wäre ihr erst richtig wohl gewesen. Denn gegen Waldkäuze kommt nichts an, nein, nicht einmal der Böse selbst.
4
Nein, gegen Waldkäuze kommt niemand an. Doch niemand kommt auch gegen Anneli an. Sie ist sehr bestimmt. Als Bengt mit seiner Geige zum Wasserfall hinunter verschwinden will, zeigt sie auf den Acker hinaus. Sicher kann er spielen, doch nicht bevor die Frühjahrsbestellung beendet ist.
Gemeinsam pflügen sie, und die Saat wird rechtzeitig ausgebracht, auf den Feldern und auf dem Gartenland. Doch da hat Anneli viele Nachtstunden opfern müssen.
Dieses Jahr ist hier weit mehr zu tun als sonst. Pfingsten soll schließlich Hochzeit sein!
Als das Pfingstfest naht, ist das Haus geputzt und die Treppe mit frischen Birken geschmückt. Auf der Brotstange in der Küche hängen runde Fladenbrote und das Kupfergeschirr steht sauber glänzend auf dem Bord.
Ulv klettert auf die Bank und will mit den Töpfen spielen, als die Sonne hereinscheint und sich in ihrem Glanz spiegelt. Doch am liebsten ist er bei Bengt im Stall.
Dort steht das große Pferd, auf dem Ulv sitzen darf. Wenn das Pferd schnaubt und seinen großen Kopf schüttelt, klammert er sich an der Mähne fest und schreit vor Spannung und Glück.
Tiere sind das Beste, was der Junge kennt. Oft liegt er reglos im Gras und beobachtet Ameisen, Käfer und Würmer.
Am Morgen des Pfingsttages, als sie in die Kirche wollen, läuft Anneli im Brautkleid durch den Hof und sucht nach Ulv. Der Wagen ist bereits vorgefahren, und die Zeit drängt, denn Pfarrer und Hochzeitsgäste warten.
Sie findet ihn im Gebüsch. Dort spielt er mit einer großen Spinne. Der saubere Kittel hat schon wieder einen Erdfleck, dabei soll Ulv doch nach der Trauung getauft werden!
Anneli läuft rasch zum Brunnen, und es gelingt ihr, das Schlimmste auszuwaschen. Dann klettert sie zu Bengt auf den Wagen. Mit der einen Hand hält sie den Jungen. Mit der anderen umklammert sie das Gesangbuch, ihr Brautgeschenk von Bengt.
Mit festem Griff hält Bengt die Zügel gepackt. Gertrud hat ihn gewarnt. Eine Hochzeitsfahrt ist gefährlicher als jede andere Reise, und was kann nicht alles geschehen, wenn die Braut eine Hexe ist?
Bengt kümmert sich nicht um ihr Gerede. Er weiß schließlich, dass sie die Hochzeit am liebsten wieder verhindern würde. Diesmal soll es ihr nicht gelingen! Er lässt sie nicht alles zerstören.
Bengt liebt Anneli und er liebt Ulv. Endlich, endlich soll Anneli seine Frau werden!
Doch Gertrud hat nicht ganz Unrecht. Bengt weiß, dass Hochzeitsfahrten übel enden können. Vor nicht allzu langer Zeit scheute ein Paar Hochzeitspferde. Und er hat von einem Brautgefolge gehört, das zu Stein wurde. Doch da war sicher Zauberei im Spiel.
Zauberei oder nicht ... Heute geht alles gut!
Als die Sonne auf halbem Weg zu den Bergen westlich des Flusses ist, rumpelt der Hochzeitswagen wieder unbeschädigt auf den Hof.
Bengt hilft Anneli beim Aussteigen. Dann nimmt er Gertruds schweren Schlüsselbund und befestigt ihn feierlich an Annelis Gürtel. Jetzt ist sie es und nicht Gertrud, die über die Vorratskammer und den Keller herrscht.
Anneli steht lächelnd in der Sonne und bittet die Gäste zu Tisch. Dass sie so unaussprechlich glücklich sein kann!
5
Der Sommer vergeht und der Herbst bricht an. Die Linden werden gelb. Die Ebereschen lodern rot wie Feuer.
Dann kommt die Stille des Winters, in dem der Fluss fast zufriert und nur der Fall noch offen ist. In der Kälte schweben weiße Nebel über dem Wasser wie Elfen oder Geisterspuk.
Doch nach dem Winter kommen Frühling und Sommer, Jahr für Jahr.
Ulv wächst.
An einem Frühlingstag sitzt er vor dem Stall auf dem Hof und knetet kleine Vögel aus Lehm, den Bengt vom Flussufer geholt hat. Er formt sie so, dass sie den Schwalben gleichen, die unter dem Stalldach ihre Lehmnester bauen.
»Hier habt ihr!«, ruft er und streckt ihnen eine Hand voll Lehm entgegen.
Im Sturzflug schießen die Schwalben herab und schnappen zu.
Die Vögel sind seine Freunde.
An einem Sommerabend sieht er, wie die Katze hinaufklettert und die Äste der Eberesche entlangschleicht. Sie will ihre Krallen in die Jungen des Buchfinks schlagen. Ulv schreit auf und jagt sie herunter. Dann bittet er Anneli um Hilfe. Gemeinsam flechten sie einen Korb aus Reisig um den Stamm, so dass die Katze nicht mehr hinaufgelangen kann.
Ein Tag folgt auf den anderen. Noch ist Ulvs Zeit meist mit Spielen ausgefüllt. Doch Anneli hält ihn zur Arbeit an. Der Junge muss lernen, sich nützlich zu machen. Sie will keinen Faulenzer.
Bald ist er ganz allein verantwortlich, dass der Korb mit dem Brennholz in der Küche niemals leer wird. Bengt hackt das Holz, doch Ulv trägt es hinein.
Dann muss der Wassereimer gefüllt werden. Jetzt ist Ulv groß genug, um ihn in den Brunnen hinabzulassen und dann wieder heraufzuwinden. Anfangs ist es schwer und oft verschüttet er einen Teil des Wassers. Doch schon bald gelingt es ihm, den vollen Eimer ins Haus zu tragen.
Dann kommt der Sommer, in dem Ulv schließlich die Kühe hüten darf. Ville ist ihm behilflich, kläfft wütend und schnappt nach Beinen und Schwänzen. Gnade der Kuh oder dem Kalb, die sich zu weit von den anderen entfernt haben.
Es ist ein Glück für Ulv, dass Ville da ist. Er selbst vergisst alles andere, wenn er die Drossel singen hört oder ein Rehkitz auf dem Moos entdeckt.
Ulv begreift nicht, warum seine Mutter schimpft. So viel lockt ihn im Wald und bei den Tieren.
Manchmal kann er stundenlang dasitzen und Männchen aus einem Zweig oder einer knorrigen Wurzel schnitzen. Die Figuren spannt er an biegsamen Weidenruten fest, so dass sie zu Hampelmännern werden.
Doch am allermeisten liebt Ulv das Singen. Sogar die Kühe lauschen. Sie heben ihre Mäuler aus dem Gras und hören auf zu kauen.
Meist singt er die Melodien, die Bengt auf seiner Geige spielt. Doch die Worte erfindet er selbst. Er singt von den hohen, blauen Bergen, vom wilden Wasserfall und von den Sternen, die am schwarzen Himmel funkeln und locken.
Nicht nur im Wald singt Ulv gern, obgleich der Gesang dort besonders schön von den Felsen und Baumstämmen widerhallt.
Am lautesten singt er, wenn er vor Bengt auf dem Pferd sitzen darf. Dem braunen Pferd mit der langen Mähne.
Der Gesang ist Glück und der starke Körper des Pferdes ist Glück. Und der Wind, der ihm um die Ohren pfeift, wenn Bengt das Tier im Galopp über Felder und Wiesen treibt.
Auch Bengts starke Arme sind Sicherheit und Glück.
Obwohl Anneli zuweilen ein wenig barsch ist, ist sie doch von Herzen froh über den Jungen.
Niemals soll er Hunger leiden oder frieren, denkt sie. Niemals soll ihm Böses widerfahren wie mir und meinen Geschwistern.
Anneli spürt, dass ihr zum Weinen zumute ist, wenn sie an das kleine magere Mädchen von einst denkt. Der beißende Hunger und der wilde Schrecken.
Der Schrecken ...
Mitten in ihrer neuen Sicherheit erinnert sie sich, wie schwer es war, gejagt zu werden. Erinnert sich an das Gefühl, Hexentochter genannt zu werden. Und noch immer hat sie Angst. Die Salben und Arzneien, die sie aus den Kräutern in ihrem Garten bereitet, verbirgt sie daher sorgfältig auf dem Dachboden.
Dort liegt auch Ylvas altes Zauberbuch. Sie denkt an die Abende, als die Greisin am Feuer saß und sie lehrte, die sonderbaren Zeichen zu deuten.
Eines Abends setzt sie sich mit Ulv ans Feuer. Jetzt wird sie ihm das Lesen beibringen, wie Ylva es getan hat. Doch nicht in dem Zauberbuch buchstabiert er herum, sondern im Gesangbuch, das Anneli von Bengt zur Hochzeit bekam.
Es geht nur mühsam voran und sie lesen diesen Winter Abend für Abend. Bengt schneidet Deichselbolzen und schnitzt Löffel, während er zuhört. Er selbst kann nicht lesen, doch ist er stolz, dass Anneli und der Bub es können.
Sogar Gertrud hört zu, während sie aus Ziegenhaar Strümpfe strickt, die Bengt in den Stiefeln tragen wird. Wenn sie Gottes Wort lesen, besteht da ja kaum die Gefahr der Zauberei, denkt sie. Obwohl es besser gewesen wäre, der Junge lernte etwas Nützliches.
6
»AAAAUUUU!«
Ulv träumt, ein Troll reißt und zerrt an seinem Backenzahn. Es tut so WEH!
Er schreit so laut, dass alle im Haus aufwachen. Die Tränen laufen die Wangen hinunter. Es hilft nichts, dass Ville versucht, sie abzuschlecken.
Der Zahn! Der Zahn!!!
Anneli nimmt ihn in die Arme, obwohl er schon ein großer Junge ist. Sie fühlt, dass er brennend heiß ist. Und sie weiß sofort, was zu tun ist.
Gegen Zahnschmerz hat sie eine gute Medizin oben auf dem Dachboden. Sie hat im Frühjahr die erste Kreuzotter in eine Flasche Branntwein gelegt. Schlangenfleisch ist gut gegen vieles und die erste Schlange im Frühling besitzt besondere Kraft. Sie aber muss sich jetzt sieben Jahre lang äußerst in Acht nehmen, wenn sie in den Wald geht. Die Schlangen werden versuchen, sich zu rächen.
Aber das Fieber ... Was hat sie, was dagegen hilft? Ja doch, zerbröseltes Schwalbennest, gekocht mit Schmutz vom Pferdehuf. Wenn man sie nur ein Weilchen in Frieden ließe, damit sie das Benötigte zubereiten könnte! Doch Gertrud steht neugierig neben ihr und wartet, was sie tun wird.
»Leg dich wieder hin«, bittet Anneli, »ich werde mich um ihn kümmern!«
Nein, weder Gertrud noch Bengt haben Ruhe zum Schlafen.
»AAAUUU!«
Der Schmerz reißt an dem armen Kind. Anneli zögert, doch schließlich kümmert es sie nicht länger, was Gertrud sieht. Der Junge schreit und brüllt und in ihr schmerzt es ebenso wie in seinem Zahn.
Endlich kann sie ihm die bitteren Tropfen aus Schlangengift und Branntwein einflößen. Sofort verstummt er und schafft es kaum, die zweite Arznei hinunterzuschlucken, ehe er in tiefen Schlaf fällt.
Anneli schaut ihm in den Mund. Der Zahn hat ein Loch, also ist es das Beste, ihn herauszuziehen, solange der Junge schläft. Ist er erst wieder aufgewacht, geht es nicht so leicht.
Morgen wird sie den Zahn in eine Birke bohren. Dann kommt der Zahnschmerz nie wieder.
Hinterher prahlt Ulv vor dem Nachbarn mit seinem Zahn und eines Abends kommt dieser auf den Hof geschlichen.
»Ulv hat erzählt, du kannst Zahnweh heilen«, flüstert er Anneli zu. »Nun frage ich mich, ob du vielleicht etwas gegen mein Rückenleiden tun kannst.«
Anneli erschrickt.
»Der Junge hat einen Alptraum gehabt«, antwortet sie kurz, doch ihr Herz hämmert.
Niemand im Dorf darf von ihrem Wissen erfahren! Sie vergisst niemals, wie es Ylva ergangen ist.
Ulv muss versprechen, nie mehr von seinem Zahn zu erzählen. Doch weshalb er schweigen soll, sagt man ihm nicht. Verstohlen schaut er Anneli an und findet es sonderbar.
Als Bengt eines Abends unter Bauchgrimmen leidet, wagt Anneli zunächst nicht, ihm zu helfen, obwohl sie es könnte. Als sie schließlich doch gezwungen ist, tut sie es heimlich.
»Geh die Rüben verziehen«, sagt sie zu Ulv.
Doch Gertrud lässt sich nicht so leicht überlisten. Sie bleibt stur im Haus sitzen. Anneli muss ein paar Tropfen vom Schlaftrunk aus Mohnsaft in die Suppenschale der Alten geben, ehe sie Bengt behandeln kann.
Schon am Abend ist er wieder gesund. Wie gewöhnlich hilft ihre Medizin.
7
Im Sommer, als Ulv zehn Jahre alt ist, darf er Bengt das erste Mal zum Markt in die Stadt begleiten. Anneli hätte auch mitkommen sollen, aber Gertrud will nicht allein bleiben. Wie stets ist es Anneli, die verzichten muss.
Sie ist enttäuscht. Sie hätte Freunde besuchen wollen, die sie in der Stadt hat, und einen schönen Kleiderstoff hätte sie auch kaufen mögen.
Sie ist nicht mehr in der Stadt gewesen, seit Ulv noch ganz klein war und sie dort gewohnt hatten. Das ist jetzt schon so lange her.
Ulv erinnert sich überhaupt nicht mehr, wie es dort aussieht. Er war ja nur ein Dreikäsehoch, als Anneli ihn auf einen Karren gesetzt hatte und hierher zurück in die Berge und Wälder gewandert war.
Nein, Ulv erinnert sich nicht an die Stadt. Doch jedes Jahr, wenn Bengt vom Markt zurückgekommen ist, hat er ihm Naschereien mitgebracht. Und dann hat Ulv still auf seinem Schoß gesessen und zugehört.
Bengt hat von der Kirche erzählt, die höher ist als der große Berg jenseits des Flusses. Von den Häusern, die dicht an dicht stehen. Von all den Menschen, die sich auf den Straßen drängen. Von den Tieren, die auf dem Markt verkauft werden.
Nun kann Ulv es kaum erwarten, dass sie losfahren.
Der Weg ist weit und sie müssen am Tag vor dem Markttag frühmorgens aufbrechen. Die Nacht werden sie bei Verwandten unterkommen, die am Weg wohnen.
Schon lange vor dem Morgengrauen hat Bengt die Pferde vor den Wagen gespannt. Auf dem Markt wollen sie zwei Schweine, drei Schafe und zwei Kälber verkaufen, es wird also eng werden auf dem Karren. Die Kälber müssen hinterhertrotten, festgebunden mit einem Seil.
Anneli hilft Ulv und Bengt, die störrischen Tiere auf den Wagen zu treiben. Und auch der Hund Ville tut, was er kann. Doch Ville ist jetzt schon recht alt und steifbeinig. Die Schweine quieken laut. Sie würden lieber hier bleiben und auf dem Hof herumwühlen. Ulv tun sie Leid. Ihre Schreie schneiden ihm ins Herz. Und die Kälber und Schafe, mit denen er gespielt und herumgeschmust hat! Bald wird er sie nicht mehr sehen. Er spürt einen Kloß im Hals, sobald er daran denkt, dass er sich von ihnen trennen muss.
Als er noch jünger war, schrie er mit den Schweinen um die Wette, wenn Bengt sie auf den Karren lud. Doch er hat gelernt, dass es nichts hilft. Die Tiere müssen verkauft werden. Müssen geschlachtet werden, damit man Nahrung hat. Jahr für Jahr ...
»Hoch mit dir, Junge!«
Alles ist aufgeladen. Bengt knallt mit der Peitsche. Ulv schluckt die Tränen hinunter und klettert auf den Wagen. Er denkt stattdessen an das Abenteuer, das ihn erwartet. Alles ist spannend und traurig zugleich.
Als der Karren zum Weg hinaufrollt, hockt er zwischen den Schafen und Schweinen auf der Ladefläche. Anneli aber bleibt auf der Treppe zurück und hört das Klappern der Hufe leiser werden.
»Vergiss nicht den Topf und den Kleiderstoff!«, ruft sie, so laut sie kann.
Bengt hebt die Peitsche zum Zeichen, dass er verstanden hat. Salz, Stoff und einen Kochtopf wird er mitbringen. Doch in seinem Herzen trägt er einen heimlichen Traum. Gar zu gern möchte er sich eine neue Geige kaufen ...
Die alte ist stumpf gespielt und verbraucht. Die Saiten hat er aus Biberdärmen gedreht. Er weiß, dass man in der Stadt neue Geigen kaufen kann. Sie kosten viel Geld, doch ganz unten in der Tasche hat er einen Spargroschen versteckt.
Und die Tiere, die er mitgenommen hat, wird er sich gut bezahlen lassen.
Ulv hat auf dem Wagen alle Hände voll zu tun, um die Tiere ruhig zu halten, damit sie sich nicht losreißen, denn auf dem Weg um sie herum herrscht viel Betriebsamkeit. Je mehr sie sich der Stadt nähern, desto größer ist das Gedränge von Menschen und Tieren.
Ulv hat sich niemals vorstellen können, dass es so viele Menschen auf der Welt gibt! Ihm, der an die Stille und Ruhe daheim gewöhnt ist, wird fast schwindlig. Erschöpft hockt er sich ein Weilchen zu den Schweinen ins Heu.
Doch plötzlich springt er wieder auf und reibt sich die Augen. Dort drüben läuft ein silberfarbenes Fohlen! Oh ...
Nie zuvor hat er etwas so Schönes gesehen.
Er springt vom Wagen, um zu dem Fohlen zu laufen, doch Bengt ruft ihn barsch zurück: »Wir müssen hier vom Weg abbiegen, denn hier liegt der Hof, auf dem wir übernachten.«
Der Bauer auf dem Hof ist Gertruds Bruder. Neugierig mustert er Ulv und zieht ihn am Schopf.
»Aha, das ist also dein Junge mit dem Finnenmädel, das du im Wald gefunden hast.«
Bengts Miene verfinstert sich. »Lass den Jungen los«, sagt er.
Aber der Alte gibt keine Ruhe.
»Du hättest reich heiraten sollen, ein Mädchen aus dem Dorf. Das wäre besser gewesen. Kommt jetzt rein, das Essen steht auf dem Tisch.«
Das Haus ist nicht groß. Ulv muss im Stall übernachten. Es dauert einige Zeit, ehe er einschlafen kann, denn die Gedanken drängen sich in seinem Kopf. Was hat der Alte über Mutter gesagt? Dass sie das Finnenmädel sei, das Vater im Wald gefunden hat?
Endlich fällt er doch in den Schlaf.
Er glaubt, er reite auf einem Silberpferd über ein Moor, überall Sumpf und fette, grüne Kröten.
Doch die Hufe des Pferdes tragen ihn hoch hinauf zu den Wolken ...
8
Die Nacht scheint kurz, wenn man müde ist. Ulv muss aufwachen. Sein Kopf schmerzt und das Heu sticht durch die Kleider. Zwei Hühner gackern und zerren neugierig an seinem Hemd.
Die Träume versinken.
Schlaftrunken setzt er sich auf. Wo ist er?
Dann erinnert er sich ... Es ist ja Markttag! Er jagt die Hühner beiseite und klopft Heu und Späne von sich ab. Im Haus wartet ein Topf mit heißer Mehlsuppe.
Als die Sonne über die Waldwipfel steigt, rattert der Karren weiter auf die Stadt zu.
Der hohe Kirchturm ist schon im Morgenlicht zu erkennen.
Kurz darauf sind sie am Ziel!
Ulv rutscht vom Wagen. Was für ein Lärm hier herrscht! Lachen und Rufen. Gewieher und Gebrüll. Gackern und Blöken.
Und dann die vielen Häuser! Dass es so viele Häuser an einem Ort geben kann!
Hoch über die Dächer ragt der Turm der Kirche. Er ist noch viel höher, als er sich vorgestellt hat. Ulv bricht sich fast den Hals, als er zu dem goldenen Hahn hinaufsehen will, der oben auf der Kirchturmspitze glitzert.
Doch plötzlich ...
Verzaubert blickt er direkt in ein Paar große, braune Augen. Fühlt ein Maul, weich wie Moos, an seiner Wange!
Das schöne Silberfohlen steht dort vor ihm. Das schöne Fohlen, das im Traum ihm gehört hat!
Vertrauensvoll schleicht er noch näher heran. Streichelt das weiche Fell. Oh, wenn das schöne Fohlen doch ihm gehören würde, auch in Wirklichkeit!
»UUUULLLV!«
Bengt ruft ihn.
»Steh nicht da und träume! Du musst mir mit den Tieren helfen.«
Der Handel verläuft gut. Schon bald sind alle Tiere verkauft. Bengt hat mehr Geld dafür bekommen, als er zu hoffen gewagt hatte.
Erst will ich mir im Wirtshaus einen Krug Bier gönnen, denkt er zufrieden. Und dann freue ich mich darauf, dem Jungen die Stadt zu zeigen. Doch wir müssen auch die Besorgungen erledigen. Zuallererst Salz, dann den Topf und den Kleiderstoff.
Am meisten aber denkt Bengt doch an die Geige, die er kaufen möchte. Er will sich genügend Zeit zum Aussuchen nehmen und sie richtig ausprobieren. Unruhig presst er die Münzen in seiner Tasche. Hoffentlich reichen sie! Er darf nicht zu viel Bier trinken.
Rasch bahnt er sich einen Weg über den Markt. Ulv stolpert widerstrebend hinterher. Der Markt lockt ihn nicht länger. Er wäre lieber bei dem Fohlen geblieben.
Nicht einmal die Alte kümmert ihn, die Honigzeug verkauft. Und nicht der zahme Bär, der dort gehorsam vor dem Stock des Bärenbändigers tanzt.
Bengt bemerkt nichts von alledem. Er lässt sich im Wirtshaus nieder und bekommt seinen Krug Bier. Und noch einen. Ist ein wenig berauscht und wird schläfrig. Kurz darauf schnarcht er, den Kopf an die Wand gelehnt.
Da ...
Flink schleicht sich Ulv davon. Er vergisst seine Angst vor all dem Neuen. Geschmeidig wie ein Wiesel huscht er zwischen seidengekleideten Damen und Herren in Lacklederschuhen und Hut hindurch.
Eine zu Tode erschrockene Gans flattert kreischend vor seinen Füßen auf. Er stolpert. Kippt einen Korb mit goldgelben Äpfeln um, die nach allen Seiten rollen. Dann fällt er über einen Stoß Birkenholz, landet aber weich im Bettstroh des Alten, der es zum Verkauf anbietet.
Benommen setzt er sich auf.
Wo ist er?
Hat er sich verirrt? Die Häuser hoch über ihm sehen so gleich aus. Die Straßen erstrecken sich in alle Richtungen. Welchen Weg sind Vater und er gekommen? Es ist so viel schwieriger, sich hier zurechtzufinden, als daheim im Wald.
Da entdeckt Ulv die Alte mit dem Zuckerzeug. Und dort ist der Tanzbär! Dann ist er richtig gelaufen.
Jetzt sieht er den Kirchhahn, der von der Turmspitze herunterguckt. An der Kirche sind Vater und er vorbeigegangen, daran erinnert er sich.
Ja, dort! Endlich! Da hinten steht eine Reihe Wagen. Dort müssen sie ihren auch abgestellt haben.
Aber das Fohlen kann Ulv nicht entdecken. Stand es nicht hinter einem leuchtend grünen Karren? Er eilt umher und sucht. Es gibt so viele grüne Wagen hier.
Da hört er das Fohlen wiehern. Es scharrt mit den Hufen. Als hätte es ihn wiedererkannt und gerufen!
Gleich steht er neben ihm und schlingt die Arme um seinen silbergrauen Hals. Er flüstert: »Jetzt wollen wir uns nie mehr trennen.«
Er holt einen Eimer Wasser und gibt dem Fohlen zu trinken.
Da kommt der Bauer, dem das Fohlen gehört. Ulv sagt, dass er es kaufen will.
»Hast du so viel Geld?«, fragt der Bauer.
»Nein, ich nicht, aber Vater. Wenn Vater nicht bezahlen will, werde ich Knecht bei dir«, sagt Ulv bestimmt. »Denn das Fohlen lasse ich nie mehr allein.«
Der Bauer lacht und gibt ihm die Hand darauf. »Abgemacht!«
Erst da erinnert sich Ulv ...
Wie lange ist es her, dass er vom Wirtshaus weggelaufen ist? Die Sonne steht schon hoch am Himmel.
9
Im Wirtshaus schnarcht Bengt noch immer. Er wacht auf und ruft nach einem neuen Krug Bier. Da bemerkt er, dass der Junge verschwunden ist. Wo ist er geblieben?
Bengt vergisst das Bier und läuft in die Stadt hinaus.
Ängstlich fragt er alle auf seinem Weg: »Sagt, habt ihr einen Jungen mit flachsblondem Haar und blauen Augen gesehen?«
»Ja«, antworten alle.
Der Alte, der Quirle verkauft, zeigt hierhin.
Das Mädchen mit den Stoffen zeigt in eine andere Richtung.
Denn hier haben beinahe alle Jungen flachsblondes Haar und blaue Augen.
Bengt findet ihn, als er sich gerade mit dem Bauer einig geworden ist. Da packt ihn plötzlich der Zorn.
Er schüttelt Ulv und schimpft ihn aus.
Aber der Bauer geht dazwischen.
Bengt lässt Ulvs Arm los und schämt sich. Ulv muss erklären.
Und als Bengt das Silberfohlen sieht, versteht er Ulv. Das Fohlen ist schöner als jedes andere.
Bengt steht ein Weilchen da und denkt nach. Er rechnet sein Geld Münze für Münze durch. Salz muss er kaufen, doch auf den Topf und den Kleiderstoff müssen sie verzichten.
Ja, und die Geige ...
Die muss wohl noch ein paar Jahre warten. Ich werde neue Saiten für die alte drehen müssen, denkt Bengt. Und unser Pferd wird langsam alt. Wir brauchen bald ein neues, das das andere ablöst, wenn es zu kraftlos wird.
Ulv wagt sich nicht zu rühren und hält den Atem an.
Als die Sonne am Himmel nach Westen zieht, rollt der Karren heimwärts. Neben ihm läuft das Silberfohlen.
»Du heißt Silbergrau«, flüstert Ulv in das seidenweiche Ohr. »Und du gehörst mir.«
Silber?
Was weiß Ulv von Silber?
Schmuck und andere Kostbarkeiten hat er nie gesehen. Doch viele Abende hat er am Fluss gesessen und das Spiegelbild des Mondes im Wasser betrachtet.
Jetzt findet er, dass Fell und Hufe des Fohlens sogar noch herrlicher schimmern als der Mond. Die weiße Mähne steigt wie eine Nebelwolke über dem gebogenen Hals des Tieres auf.
Als Gertrud Silbergrau auf dem Hof erblickt, erbleicht sie. Solche Pferde gehören nicht zu Menschen, das weiß sie. Nein, ihr Zuhause ist bei dem Elfenvolk. Sie bringen niemals Glück.
Doch die Alte schweigt und schaut verstohlen zu Anneli hinüber.
Ich sage nichts, denkt sie. Anneli weiß es schon selbst, wo sie doch eine Hexe ist.
Ulv merkt nichts davon. Er tanzt über den Hof und ruft glücklich: »Komm her und streichle ihn, Mutter! Er heißt Silbergrau und gehört mir!«
10
Ja, Silbergrau gehört Ulv.
Ville, das Hündchen, fühlt sich vernachlässigt. Es starrt eifersüchtig zu Ulv, wenn er Silbergrau Heu und Wasser gibt. Und jedes Mal, wenn Ulv den Stall ausmistet, steht Ville mitten im Dreck und bellt den großen Besen wütend an.
Das erste Mal, als Ulv auf Silbergrau reiten will, packt Ville das Pferd beim Hufhaar und lässt es nicht mehr los. Steht da und knurrt drohend. Bengt muss den Hund in die Arme nehmen und ganz festhalten. Sonst kann Silbergrau nicht freikommen.
Silbergrau läuft in ruhigem Schritt über den Hof, obgleich er das erste Mal einen Reiter trägt. Und Ulv ist das Reiten gewohnt. Es ist, als hätten die beiden seit jeher zusammengehört.
Aber Ville ist noch immer eifersüchtig.
Ulv muss ihn vor sich auf den Sattel nehmen, so wie Ulv selbst vor Bengt reiten durfte. Und jetzt ist Ville zufrieden. Seine Nasenspitze zeigt stolz nach vorn. Die Ohren flattern fröhlich im Wind. Er genießt es, noch einmal vorwärts zu fliegen, hoch über dem harten Boden. Selbst schafft er es ja kaum noch, dahinzustürmen.
Sattellos sprengen sie über Felder und Wiesen.
Erforschen neue Gegenden, weiter entfernt, als sie sie zuvor erreichen konnten. Bahnen sich einen Weg tief hinein in die dunkelgrünen Verstecke des Waldes.
Silbergrau scheint nie müde zu werden und geschickt weicht er Ästen und Zweigen aus. Die Hufe bewegen sich leicht, als berührten sie die Erde nicht.
Ein weiteres Pferd im Stall heißt auch Arbeit. Ulv kehrt den Mist aus und trägt Heu aus der Scheune herbei. Er füllt Trinkwasser in den Eimer. Doch oft nimmt er sich Zeit, das Tier zu liebkosen, oder er stiehlt sich zu einem Ausritt davon, der länger dauern kann, als er zunächst beabsichtigt hat ...
Anneli murrt. Doch nicht, weil sie den Stoff nicht bekommen hat. Das kann sie verkraften. Sie sieht schließlich ebenso gut wie Bengt, dass Silbergrau etwas Besonderes ist.
Nein, Anneli findet, der Junge sei wie ausgewechselt, seit das neue Pferd auf den Hof gekommen ist. Er vergisst, Brennholz und Wasser hereinzutragen. Das muss sie selbst tun. Er schleicht sich fort, wenn er auf dem Acker mithelfen soll.
Will man etwas von ihm, ist er nirgendwo zu sehen. Entweder sitzt er im Stall oder er ist mit dem Pferd auf und davon.
»Als ich Kind war, konnte ich mir das nicht erlauben«, faucht sie eines Abends, als er den ganzen Tag verschwunden gewesen war. »Da hätte ich wirklich ...«
Jetzt verstummt sie. Ulv wartet gespannt.
»Erzähl«, bittet er. »Mutter, du hast mir nie erzählt, wie es war, als du klein warst.«
Die Erinnerung an den Abend, als Vater und er zum Markt fuhren, wird lebendig. Bis heute hat er sie vor Freude über Silbergrau vergessen. Jetzt will er es wissen.
Was hat er an dem Abend über Mutter gehört? Dass sie das Finnenmädel war, das Vater im Wald gefunden hat ...
»Erzähl«, bittet er erneut. »Woher kommst du?«
Anneli sieht ihn erschrocken an. Sie muss auf der Hut sein. Der Junge soll niemals erfahren ...
Und Gertrud schnaubt hinten in ihrer Ecke: »Nein, sicherer ist es wohl, du schweigst.«
Mehr wagt die Alte nicht zu sagen. Denn tief in ihrem Inneren hat sie Angst. Das Rückenweh bekam sie an dem Tag, als Anneli zu ihnen kam. Bestimmt hat sie es herbeigezaubert.
Wer weiß, was Anneli als Nächstes vorhat. Gertrud hat gesehen, was auf dem Dachboden versteckt liegt.
Anneli wirft der Alten einen wütenden Blick zu. Manchmal hat sie die Bosheiten Gertruds so satt, dass sie Lust hat zu schreien. Doch wer weiß, was der Greisin dann einfallen könnte. Wenn sie nun zum Pfarrer geht und alles erzählt!
Stattdessen befiehlt sie Ulv in strengem Ton: »Morgen gehst du mit auf die Wiese!«
Das Heu muss eingeholt werden und die Zeit drängt. Bald kommt der Herbstregen und dann muss das Heu unterm Dach der Scheune liegen.
Den ganzen langen Tag waren Bengt und Anneli allein auf der Wiese, haben das Gras gemäht und es zusammengerecht. Morgen muss Ulv mithelfen, es zum Trocknen aufzuhängen.
»Mache ich«, seufzt Ulv und geht zurück in den Stall.
Dort ist es ruhig und still und niemand schimpft.
Warum will Mutter nicht erzählen? Was für ein Geheimnis hat sie zu verbergen?
Ulv würde am liebsten Vater fragen, doch er wagt es nicht.
Und die Zeit vergeht.
Aus dem Herbst wird Winter. Aus dem Winter Frühling. Bald ist der Sommer da.
Die Erinnerungen versinken, doch ruhen sie nur. Tief in Ulv leben sie weiter. Manchmal erwachen sie wieder, so, wenn Ulv sieht, dass Vater und Gertrud zum Grab des Großvaters gehen.
Niemals sieht Ulv, dass Mutter zum Friedhof geht. Dennoch muss doch auch sie Eltern gehabt haben. Vielleicht sind sie noch nicht gestorben?
Wenn sie nun noch leben?
Vielleicht hat Ulv ja irgendwo noch eine Großmutter und einen Großvater? Vielleicht hat Mutter sogar Geschwister?
11
Draußen in der Diele steht eine Leiter an der Wand. Zieht man sie nach vorn, kann man hinaufsteigen und durch eine kleine Luke auf den Dachboden klettern. Gertrud geht nicht mehr auf den Boden. Ihr Rücken ist zu steif und ihr Hinterteil ist zu dick, als dass sie da hinaufgelangen könnte.
Ulv hat auch nie gesehen, dass Bengt die Leiter hochgestiegen wäre.
Anneli hingegen ist umso öfter dort oben. Manchmal sogar mehrmals am Tag. Meist schleicht sie sich abends oder nachts dorthin. Sie trägt die Pflanzen hinauf, die sie in ihrem Gärtchen geerntet hat. Sie hängt sie zum Trocknen in großen Büscheln unter das Dach. Das sieht man, wenn die Luke ab und zu offen steht.
Vom Dachboden holt Anneli auch die Medizin, wenn Bengt oder Ulv Hilfe brauchen. Sonst weiß er nicht, was sie dort versteckt hat. Er würde es sehr gern erfahren.
Einmal, als er noch klein war, glückte es ihm, ihr fast bis ganz nach oben hinterherzuklettern. Doch gerade als er über die Kante blicken wollte, bekam er einen kräftigen Schlag auf die Finger.
»Nichts da! Bleib unten! Hier steckst du deine Nase nicht noch mal rein!«
Es kam sonst nie vor, dass Mutter ihm einen Klaps versetzte, und deshalb wurde der Dachboden für ihn etwas Schreckliches und Unheimliches. Doch lockte er auch. Wurde Mutter so böse, wenn er versuchte hinaufzuklettern, musste das, was dort versteckt war, sehr wichtig und gefährlich sein.
Manchmal hockte sich Ulv in die Ecke unter der Leiter, um zu lauschen, wenn Mutter dort oben war. Doch war nie etwas Besonderes zu hören. Klirren, Prasseln und ihre raschen Schritte waren alles, was er vernehmen konnte. Als er größer war, hatte er keine Lust mehr, dort zu sitzen.
Aber irgendwann einmal, dachte er zuweilen, steige ich bestimmt hinauf. Einmal, wenn niemand sonst daheim ist. Vielleicht erhalten die Fragen, die er mit sich herumschleppt, eine Antwort, wenn er erst auf den Dachboden gelangt ist?
An einem Sommerabend sind Gertrud, Anneli und Bengt zu einem Fest gebeten. Ulv ist auch eingeladen, doch er will nicht mitgehen. Er bleibt lieber allein.
Die Dorfjungen pflegen ihren Spaß mit ihm zu treiben. Sie nennen ihn den Meisterreiter. Er weiß schon, warum. Er ist der Einzige, der ein eigenes Pferd besitzt! Aber sie sind stärker als er, und wenn sie sich prügeln, hilft es nicht viel, dass er daheim im Stall ein eigenes Pferd stehen hat.
Die Mädchen interessieren ihn nicht. Er findet sie albern. Sie lachen immer, wenn sie hören, wie die Jungen ihn ärgern. Er würde lieber sterben, als mit ihnen zu reden. Außerdem würde er es nicht wagen ...
Also sagt er zu Anneli und Bengt, er wolle daheim bleiben. Er habe vor, auf Silbergrau auszureiten. Anneli findet, er solle mit ihnen zum Fest gehen.
»Du bist wie besessen, wenn es um das Pferd geht«, sagt sie schließlich ungeduldig. »Es wäre besser, du hättest es nicht bekommen.«
Doch Bengt meint, es sei gut, dass Ulv daheim bleibe.
»Dann brauche ich nicht so früh zurückzukommen«, sagt er. »Denn dann kannst du den Tieren am Abend Heu und Wasser geben.«
Endlich ziehen sie los! Ulv steht auf der Treppe und schaut ihnen hinterher. Sicher will er auf Silbergrau ausreiten, doch noch nicht gleich. Erst will er etwas anderes tun.
Es geschieht nicht oft, dass alle den Hof verlassen. Jetzt will er die Gelegenheit nutzen! Rasch schließt er die Haustür und stellt die Leiter an die Luke.
Das Herz hämmert ihm in der Brust. Endlich, endlich wird er es erfahren!
Darmowy fragment się skończył.