Czytaj książkę: «Letztes Blind Date - Norwegen-Krimi»
Magnhild Bruheim
Letztes Blind Date - Norwegen-Krimi
Kriminalroman
Aus dem Norwegischen von
Hanne Hammer
Saga
Letztes Blind Date - Norwegen-Krimi ÜbersetztHanne Hammer Coverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 2005, 2020 Magnhild Bruheim und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726445121
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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– a part of Egmont www.egmont.com
Die Autorin
Die Schriftstellerin und Journalistin Magnhild Bruheim (1951) lebt und arbeitet in Lillehammer. Letztes Blind Date ist ihr fünfter Kriminalroman.
Mesnaelva, Dienstag, 16. Oktober 2001, 12.35 Uhr
Alles begann mit einem roten Limonadenverschluss. Einem einzelnen Verschluss aus Plastik. Einem kleinen Farbfleck, der in der grauen Landschaft leuchtete. Der Verschluss lag auf dem schwarzen Felsen. Hätte der rote Fleck nicht ihren Blick eingefangen, hätte Tone Tarud die tote Frau sicher nicht gesehen.
Der Farbfleck zog sie an. Ein paar Schritte und sie entdeckte, dass irgendetwas in der breiten Felsspalte einige Meter unter ihr lag. Neugierige Verwunderung führte sie näher. Bis sie sah, was es war. Das heißt, zuerst begriff sie nicht, was sie sah. Deshalb vergingen einige Sekunden, bevor sie reagierte.
Die Frau hatte blondes, halblanges Haar und lag mit dem Gesicht zur Erde. Irgendetwas an ihr kam Tone bekannt vor. Sie trug eine Jacke aus dunklem, grobem Stoff, Wolle vielleicht, und eine dunkle Hose. Ein Arm war unter dem Körper verborgen, der andere nach vorn gedreht. Mitten in dem blonden Haar war ein Fleck in der gleichen Farbe wie der Limonadenverschluss. Vielleicht ein wenig dunkler. Und größer. Rotes, frisches Blut.
Tone nahm die Szene langsam in sich auf. Versuchte, eine logische Erklärung zu finden. Die seltsame Stellung. Das Blut, das am Hinterkopf klebte. Die Frau musste gestolpert und in die Felsspalte gefallen sein. Zwei Meter weiter unten fiel der Felsen steil ab. Es wäre leichter zu verstehen gewesen, wenn sie dort hinuntergefallen wäre.
Tone Tarud griff nach dem Handy in ihrer Tasche. Wie lautete die Nummer der Polizei? 110? 112? 113? Warum konnte sie sich das einfach nicht merken?, dachte sie verzweifelt. Sie bemühte sich, die richtigen Tasten zu finden. Sie versuchte es mit der 112. Und landete bei der Feuerwehr. Die richtige Nummer war die 110. Ihre Stimme ließ sich genauso schwer unter Kontrolle bringen wie ihre Finger, als sie dem Polizisten am anderen Ende erklärte, wer sie war. Bevor sie begriffen hatte, was sie tat, hatte sie versprochen, vor Ort zu bleiben, bis die Polizei eintraf. Sie bereute es sofort.
Hier konnte sie keine Sekunde länger bleiben! Sie wollte hinunter in die Stadt, unter Menschen. Hier war sie ganz allein ... oder? Das rote Blut im Haar. Vielleicht beobachtete sie in diesem Moment jemand durch den Nebel, von einem Versteck im Wald aus? Ihre Brust schnürte sich zusammen. Sollte sie die 110 noch einmal wählen und sagen, dass sie keine Zeit hatte? Wie immer gewann das Pflichtgefühl die Oberhand. Aber da war auch noch etwas anderes: eine neugierige Spannung, die sich nicht leugnen ließ. Was war hier passiert?
Sie wollte nicht auf dem Felsen stehen bleiben. Sie zog sich zurück. Näher zum Weg hin. Hier fand sie einen Sitzplatz, der ihr eine gute Aussicht ermöglichte. Gleichzeitig gab er ihr das Gefühl, nicht ganz so auf dem Präsentierteller zu sitzen. Eine nasse Kälte vermischte sich mit Angst und Neugierde.
Die Gedanken ausschalten. Oder sich mit anderen Dingen beschäftigen. Mit dem Abend. Mit ihrem Blind Date. An diesem Tag, der so gut angefangen hatte. Sie war um 7.30 Uhr aufgewacht und hatte etwas empfunden, was Lebenslust ähnelte. Lust auf den Tag. Lust aufzustehen. Vielleicht war sie endlich auf dem Weg aus dem schwarzen Loch, in dem sie allzu lange gesteckt hatte. Nicht einmal der Anblick des dichten Nebels, der die Landschaft erstickte, hatte sie entmutigen können. Sie hatte einen Plan für den Tag gehabt, der damit begann, dass sie zu Fuß nach Lillehammer gehen wollte. Den ganzen langen Weg von ihrem Haus in Mesnali aus. Das hatte sie erst ein Mal gemacht, seit sie vor fünf Jahren in diese abseits gelegene Gegend gezogen war.
Und jetzt saß sie hier im Wald und fror. Die Bilder kamen wieder und holten sie an den Ort des Geschehens zurück. Rotes Blut in blondem Haar. Gelbes Laub auf schwarzem Fels. Der Limonadenverschluss. Sie bewachte eine Leiche. Bei dem Gedanken an die Frau, die zwanzig Meter unter ihr in der Felsspalte lag, schlug ihr Herz schneller. Wer war sie?
Sollte sie doch die Polizei anrufen und sagen, dass sie nicht warten konnte? Der Boden war feucht und sie saß unbequem. Sie wagte nicht, sich zu rühren. Der Gedanke an Mord kam ihr in den Sinn. Eigentlich war er sofort da gewesen, als sie die Leiche entdeckt hatte. Doch jetzt kam er näher, wurde aufdringlicher. War die Frau ermordet worden? Oder war ihre Fantasie von dem Projekt, das sie gerade verfolgte, beeinflusst? Sie arbeitete an einer Sendereihe über Morde.
Alles wirkte ganz still, auch wenn die Ohren das Rauschen des Flusses und des Waldes aufnahmen. Falls hier jemand herumschlich, würde sie ihn vielleicht erst bemerken, wenn er ganz nahe war. Wo blieb die Polizei? Auf dem Teil des Weges, den sie einsehen konnte, war kein Zeichen von Leben zu entdecken. Die Uhr zeigte zwei Minuten nach eins. Zwanzig Minuten waren seit ihrem Anruf vergangen. Dauerte es wirklich so lange, von der Polizeiwache hierher zu fahren, zu parken und vom Parkplatz heraufzukommen? 13.02 Uhr. Wenn sie noch lange warten musste, kam sie zu spät zu ihrem Interview.
Ihr linker Fuß schlief langsam ein. Sie musste aufstehen, die Stellung wechseln. In dem Moment, in dem sie sich erhob, knackte es in den Büschen ein paar Meter unter ihr. Angst überkam sie und sie zuckte zusammen. Rührte sich da unten nicht etwas? Nur eine Sekunde, dann war es vorbei.
Ein Vogel flog auf, ebenso erschrocken wie sie. Sie hatte ihn wohl gestört. Sie musste die Angst vor Geräuschen überwinden, indem sie selbst Geräusche machte. Sie musste jemanden anrufen, reden. Sie hatte das Handy schon in der Hand, als zwischen den Bäumen etwas auftauchte. Erneut spürte sie die Angst, bis sie sah, dass es Polizisten waren. Endlich. Zwei schwarze Uniformen näherten sich, Schritt für Schritt. Ihr Körper war steif, als sie sich erhob, um ihnen entgegenzugehen.
»Høistad.«
»Ruud.«
Die beiden Polizeibeamten stellten sich vor. Beide hatten warme Hände. Tone sagte ihren Namen, wie sie das auch am Telefon getan hatte, und zeigte ihnen die Fundstelle. Sie selbst hielt sich ein wenig auf Abstand. Doch nur so weit, dass sie noch etwas sehen konnte. Wenn sie schon einmal hier war, wollte sie auch alles mitbekommen. Außerdem wusste sie, dass man sie bitten würde zu warten, um sie genauer zu befragen.
Nach einer kurzen Inspektion der Leiche holte einer der beiden sein Handy heraus. Der andere kam zu Tone zurück. »Kennen Sie die Frau?«, fragte er.
»Sie meinen ...?« Sie nickte in Richtung der toten Frau. Dann schüttelte sie den Kopf.
»Sie haben uns um 12.40 Uhr angerufen. Wann haben Sie sie gefunden?«
»Unmittelbar davor ... natürlich.« Konnte daran ein Zweifel bestehen?
»Gegen 12.35 Uhr also?« Er notierte sich die Zeit auf einem kleinen Block, ohne Tone anzusehen. Sein Haar war leicht gelockt und er hatte eine hohe Stirn. Das Gesicht war rund mit einer etwas platt gedrückten Nase, der Körper mittelgroß und kräftig. Er war jung, kaum über dreißig. »Was haben Sie hier gemacht?«, fragte er.
»Ich war auf dem Weg ... in die Stadt.« Sie stotterte leicht.
»In die Stadt? Von wo aus?«
»Von Mesnali. Da wohne ich.«
»Und da gehen Sie zu Fuß?« Er schien das merkwürdig zu finden. Fast schon verdächtig. Dann fügte er hinzu: »Das ist ein gutes Stück.«
»Mir war nach einem Spaziergang.«
»Wie haben Sie sie gefunden?«, wollte er wissen.
Tone versuchte zu erklären, dass sie sich vom Weg entfernt hatte, den Felsen hinaufgeklettert war, um die Aussicht zu genießen und eine Pause zu machen. Plötzlich hatte sie den leblosen Körper entdeckt. Sie erzählte auch von dem roten Limonadenverschluss.
Der Polizist machte sich ein paar Notizen. »Während Sie hier gesessen und gewartet haben«, sagte er, »haben Sie da jemanden gesehen oder mit jemandem geredet?«
»Nein«, antwortete sie.
»Wir würden uns später gerne noch eingehender mit Ihnen unterhalten«, sagte der Lockige und steckte das Notizbuch in die Brusttasche. Er sah auf die Uhr. »Können Sie um, sagen wir, zwei auf die Wache kommen?«
»In Ordnung«, sagte Tone und rührte sich nicht vom Fleck. »Ist sie ..., ist sie gestürzt?«, fragte sie, während sie ihren kleinen Rucksack auf den Rücken schnallte. Sie fand, dass die beiden ihr eine Erklärung schuldig waren.
»Es ist noch zu früh, um dazu etwas zu sagen«, antwortete er abweisend. »Sie muss erst genauer untersucht werden«, fügte er hinzu. Als wollte er den abweisenden Ton wieder gutmachen. »Der Krankenwagen ist unterwegs. Aber es ist nicht leicht, hierher zu kommen. Sie müssen mit der Trage durch den Wald.« Er ging zu seinem Kollegen und sagte etwas zu ihm.
Tone zögerte und blieb noch eine Weile stehen. Sie wusste nicht, worauf sie wartete. Auf nichts, eigentlich. Doch irgendetwas hielt sie fest.
Ruud kam zu ihr zurück. »Geht es Ihnen nicht gut?«, fragte er. Fürsorglich. »Wollen Sie warten und mit uns zusammen hinuntergehen?« Seine Augen waren braun.
»Es ist nicht mehr weit«, antwortete sie. »Wenn das also alles ist?«
»Brauchen Sie jemanden zum Reden?«
Genau das brauchte sie. »Ich rufe Freunde an«, sagte sie.
»Melden Sie sich, falls Sie professionelle Hilfe brauchen.«
Sie bedankte sich höflich und entfernte sich einige Schritte von dem Felsen. Dann folgte sie langsam dem Weg bergab. Kälte und Angst hatten sich im Körper festgesetzt und sie schaffte es nicht, sie abzuschütteln. Ihre Füße begannen wie von selbst zu laufen und blieben erst stehen, als sie unten beim Birkebeiner angekommen war. Hier war sie als Kind einmal in der Jugendherberge gewesen. Der Polizeiwagen stand zusammen mit ein paar anderen Autos auf dem Parkplatz. Ansonsten war weit und breit kein Mensch zu sehen. Ihre Hand griff nach dem Handy in der Tasche. Zeit, jemanden anzurufen. Aber wen? Ihr erster Gedanke galt ihrer Tochter, Emma. Aber die konnte sie nicht anrufen, Emma würde nur Angst bekommen. Besser eine Freundin. Sie hatte Glück und erreichte Mette Hermansen. Mette wohnte in der Stadt und konnte Tone nach der Arbeit treffen. Dann sagte sie das Interview ab, für das sie ohnehin zu spät dran war.
Der Nebel machte keine Anstalten, sich zu lichten. Eher das Gegenteil war der Fall. Er legte sich dichter um sie. Tone ging in ihrem normalen Tempo weiter. Sie hatte noch Zeit für eine Tasse Kaffee, bevor sie auf der Polizeiwache sein sollte. Plötzlich zuckte sie zusammen. An dem künstlich angelegten Badesee bewegte sich etwas. Durch den grauen Nebelschleier konnte sie nicht viel erkennen. Aber da stand jemand. Sie fühlte sich unbehaglich. Blieb stehen. Hatte die Person vor, hineinzuspringen? Zu dieser Jahreszeit war bestimmt nicht viel Wasser in dem Becken. Trotz der schlechten Sicht hatte sie den Eindruck, dass es sich um einen Mann handelte. Er beugte sich vor. Was tat er da?
Nein, hier konnte sie nicht stehen bleiben. Ließ das gerade Erlebte alle Menschen verdächtig erscheinen? Sie beschleunigte den Schritt, bis sie sich dem Stadtzentrum näherte. Erst jetzt kam ihr der Gedanke, das hiesige Büro des Norsk Rikskringkasting anzurufen und ihnen einen Tipp zu geben. Als Mitarbeiterin beim NRK war sie dazu verpflichtet. Außerdem konnten die Nachrichtenredakteure bestimmt schneller als sie in Erfahrung bringen, was passiert war.
Polizeiwache Lillehammer, Dienstag, 14.15 Uhr
Tone Tarud war eine wichtige Zeugin. Eine wichtige Informantin. Jetzt saß sie dem Polizisten gegenüber, mit dem sie bereits oben am Fluss gesprochen hatte.
»Wir möchten gerne, dass Sie uns genau schildern, was passiert ist«, sagte Ruud. »Sowohl bevor als auch nachdem Sie die Frau gefunden haben. Dinge, die Sie gesehen oder gehört haben ... Sind Sie jemandem begegnet?«
Sie hatte die Frage erwartet, hatte die letzte halbe Stunde darüber nachgedacht. Ja, sie hatte auf ihrem Spaziergang ein paar Personen gesehen. Zum einen einen Mann, der ihr ziemlich eilig entgegengekommen war, ungefähr eine Viertelstunde bevor sie die Frau gefunden hatte. Sie hatte ihn für einen Wanderer gehalten. Der anderen Person war sie noch früher begegnet. Oder korrekter – sie hatte ihn noch früher gesehen. Ja, auch das war ein Mann gewesen. Tone hatte sich sogar ein wenig erschrocken. Er war vor einer der am Weg liegenden Hütten herumgelaufen. War plötzlich aus dem Nebel aufgetaucht. Deshalb hatte sie sich erschrocken und war schneller gegangen. Wenn sie genauer nachdachte, meinte sie sich zu erinnern, dass er etwas auf dem Arm gehabt hatte. Tone erzählte, so gut und detailliert sie konnte. Sie erwähnte auch die Person an dem Badesee, um nichts auszulassen.
»Wie sahen die Männer aus?«
Das war schon schwieriger. Der erste Mann hatte leichte Wanderkleidung getragen, dunkel, meinte sie. Er hatte blondes, kurzes Haar, schon etwas gelichtet. Nicht besonders groß, nicht besonders klein. Mitte vierzig, schätzte sie. Die Sache war die, dass sie ihn sich nicht so genau angesehen hatte. Wenn sie auf einem Spaziergang jemandem begegnete, tat sie eins von zwei Dingen: Sie sah dem anderen in die Augen und sagte vielleicht noch Hallo. Oder sie blickte zu Boden oder in die andere Richtung, als hätte sie den anderen gar nicht bemerkt. Heute hatte sie sich für die letzte der beiden Varianten entschieden. Um genau zu sein, hatte sie in ihrem Rucksack nach einer Wasserflasche gesucht, als er vorbeigekommen war. Über den Mann vor der Hütte ließ sich noch weniger sagen. Er mochte um die fünfzig gewesen sein, war ebenfalls mittelgroß, glaubte sie. Aber es konnte auch die graue, dicke Jacke sein, die ihn älter und schwerer hatte erscheinen lassen, als er war.
»Und Sie sind sich sicher, dass Sie die Frau vorher noch nie gesehen haben?«, fragte Ruud. Sein Blick hielt sie einige Sekunden lang fest.
»Das kann ich nicht sagen«, erklärte Tone. »Ich konnte ihr Gesicht nicht erkennen.«
Ruud bediente schnell seine PC-Tastatur. »Wir haben ein paar Bilder eingescannt«, sagte er. Er drehte den Monitor leicht, aber sie musste trotzdem neben ihn treten, um etwas sehen zu können.
Ein Farbbild nahm den Großteil des Monitors ein. Das Gesicht war bleich, gelblich weiß, die Haut glatt, die Augen geschlossen. Der Mund stand halb offen, die Oberlippe war auf einer Seite stark geschwollen. Auf der rechten Stirnseite klaffte eine große offene, blutige Wunde. Das blonde Haar war zerzaust.
Tone hatte bisher erst einen Toten gesehen, vor zwanzig Jahren, und das war ihr Großvater gewesen, ein Achtzigjähriger, der friedlich in seinem Sarg lag. Das hier war etwas ganz anderes. Gemischte Gefühle stiegen in ihr auf. Die Frau auf dem Bild war von einem dramatischeren Tod eingeholt worden, daran bestand kein Zweifel. Wieder hatte Tone das Gefühl, dass ihr etwas an ihr bekannt vorkam. Das Gefühl war diesmal stärker. Gleichzeitig war sie sich sicher, sie nicht zu kennen. Andernfalls hätte sie gewusst, wer sie war, selbst wenn der Tod das Gesicht verändert hatte. Vielleicht war sie ihr schon einmal begegnet oder hatte sie in der Stadt gesehen.
Sie setzte sich wieder auf den Stuhl. »Hat sie sich die Wunde bei dem Sturz zugezogen?«, fragte sie und versuchte zu verbergen, dass sie auf Informationen aus war.
»Das wäre nicht verwunderlich«, antwortete Ruud, bevor er hinzufügte: »Was die Todesursache angeht, die steht noch nicht fest. Deshalb wollen wir auch keine Spekulationen.« Letzteres wurde in einem sehr bestimmten Ton gesagt.
Tone war nicht bereit, sich so schnell geschlagen zu geben. »Aber die Wunde am Hinterkopf?«, fragte sie.
»Wie gesagt, wir wissen es noch nicht.«
»Aber Sie untersuchen den Fall?«
»Wir müssen schließlich die Todesursache klären.«
»Kommt Ihnen irgendetwas verdächtig vor?«, versuchte es Tone.
»Sie sind Journalistin, da sind wir besser vorsichtig mit dem, was wir sagen«, meinte er lächelnd. »Es ist zu früh, um Informationen an die Presse zu geben. Sie rücken uns bereits auf die Pelle. Ein Journalist des NRK war in der Leitung, noch bevor wir von dem Lokaltermin zurück waren. Sie haben einen Tipp bekommen«, fügte er kurz hinzu. Es bestand kein Zweifel, wen er bezüglich des Tipps in Verdacht hatte.
»Aber es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis Sie selbst damit an die Öffentlichkeit gehen müssen«, wandte Tone ein.
»Es ist nur so verdammt beschwerlich, Zeit auf aufdringliche Journalisten zu verschwenden, wenn wir alle Hände voll zu tun haben. Und das Einzige, was wir sagen können, ist, dass wir nichts sagen können. Wenn man auf die gleiche Frage hundertmal geantwortet hat, möchte man nur noch den Hörer aufknallen.«
Tone wagte es nicht, die Angelegenheit weiter zu vertiefen.
»Haben Sie jemanden gefunden, mit dem Sie reden können?«, sagte Ruud, jetzt in einem milderen Ton.
»Ich werde mich mit einer Freundin treffen«, antwortete sie.
Mette Hermansen und Tone Tarud waren auf dem Gymnasium Freundinnen gewesen. Nach dem Abitur besuchten beide die Pädagogische Hochschule. Doch während des Studiums wurde Tone von einem Kommilitonen schwanger. Darauf folgten eine schnelle Hochzeit, die Geburt der Tochter Emma und eine ebenso schnelle Scheidung. Tone schrieb sich auf der Hochschule für Journalistik ein und bekam einen Job beim NRK. Die früheren Freundinnen verloren allmählich den Kontakt zueinander. Doch vor ein paar Jahren hatten sie sich zufällig in Lillehammer wiedergetroffen. Wie sich herausstellte, arbeitete Mette an der dortigen Schule als Lehrerin.
Tone fand Mette, wie verabredet, in einem Café in der Storgata. Mit einer Tasse schwarzen Kaffees und einer Zigarette. Wie gewöhnlich. Das war das Problem mit ihr, dass man immer im Raucherbereich sitzen musste. Tone legte ihre Jacke auf einen Stuhl und ging zur Theke, um sich einen Caffè latte zu holen.
»Weißt du, dass das der kalorienreichste Kaffee ist, den es gibt?«, sagte Mette aufbauend, als Tone zurückkam. »Mit der ganzen Milch. Ich habe nie darüber nachgedacht, bis ich das gelesen habe.«
»Es gibt wohl Schlimmeres als ein paar Extrakalorien«, sagte Tone. »Im Moment kreisen meine Gedanken um beunruhigendere Dinge.«
»Ja?«, sagte Mette und gab das Signal, dass sie bereit war. »Am Telefon hast du gesagt, dass du etwas Furchtbares erlebt hast.«
Tone sah sich um, beugte sich über den Tisch und flüsterte: »Ich habe eine Leiche gefunden. Ich bin am Fluss entlang von Mesnali in die Stadt gegangen. Plötzlich habe ich in einer Felsspalte eine tote Frau entdeckt.«
Mette starrte sie an. »Ein Unfall?« Sie zündete sich eine neue Zigarette an.
»Die Todesursache ist noch unklar. Sie hatte eine große Wunde am Hinterkopf.« Das Bild kam zurück. Plötzlich hatte Tone das Gefühl, auch eine Zigarette gebrauchen zu können. Ohne zu fragen, nahm sie sich eine aus Mettes Päckchen. Es war lange her, seit sie das letzte Mal geraucht hatte.
»Du lieber Himmel.« Mette starrte sie mit großen Augen an.
»Ich muss meine Nerven beruhigen«, sagte Tone. »Ist das okay?«
»Bedien dich«, sagte Mette großzügig. »Ich will genau wissen, was passiert ist.«
»Ich habe natürlich die Polizei informiert«, fuhr Tone fort und nahm einen Zug. Inhalierte tief.
»Was haben die gesagt?«
»Sie wollten alles wissen, ob ich jemanden gesehen habe, Personenbeschreibungen, auf der Polizeiwache haben sie mir dann ein Bild von dem Gesicht der Toten gezeigt ...« Sie zog erneut an der Zigarette. Aber es beruhigte die Nerven nicht. Ganz im Gegenteil, der Körper wurde noch unruhiger. Übelkeit war im Anzug. Sie machte die Zigarette aus und trank einen Schluck Kaffee, aber das machte die Sache auch nicht besser. Sie suchte nach der Toilette. Sie hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen, aber es kam nichts heraus.
»Nach so einem Erlebnis ist einem schon etwas sonderbar zu Mute«, sagte Tone, als sie zurückkam.
»Ja, sicher. Du musst doch völlig fertig sein«, sagte Mette verständnisvoll. Dann sah sie auf die Uhr und erklärte, dass sie noch etwas vorhabe. »Ich muss in einer halben Stunde zum Training. Komm mit, dann bekommst du vielleicht ein bisschen Abstand.«
Tone hatte nicht die geringste Lust, ins Fitnessstudio zu gehen, aber sie hatte noch weniger Lust, sich selbst überlassen zu bleiben. Bis zu ihrer Verabredung waren es noch drei Stunden. Wenn sie die nicht absagen wollte, musste sie sich überlegen, was sie solange mit ihrer Zeit anfangen sollte. Sie konnte also ebenso gut Mette begleiten.
Auf der Fahrt zum Strandtorget hinunter erzählte Tone von ihren Plänen für den Abend. Dass sie sich mit einem Mann treffen wollte, den sie noch nie gesehen hatte. Ein Blind Date. Mit jemandem, den sie im Internet kennen gelernt hatte.
»Du scheinst es zu lieben, aufregend zu leben«, sagte Mette und sah sich nach einem freien Parkplatz um.
»Ich arbeite an einer Radiosendung über Menschen, die ihre Partner über das Internet gefunden haben«, erklärte Tone. Das war zumindest ein Teil der Wahrheit. »Ich weiß nur nicht, ob ich nach dem, was heute passiert ist, eine Verabredung durchstehe«, fügte sie hinzu.
Sie gingen langsam auf das Gebäude zu, das einmal eine große Fabrik gewesen war. Tone bat um eine Probestunde. Sie hatte im letzten Jahr mit dem Training aufgehört und deshalb nach Weihnachten ihre Mitgliedschaft gekündigt.
Erst als sie in der Trainingshalle stand und die Stunde begonnen hatte, begriff sie, dass es sich um eine Doppelstunde handelte. Für durchtrainierte Leute. Um sie herum hüpften und schwitzten und amüsierten sich alle. Alles Frauen. Tone amüsierte sich nicht. Am schwierigsten war die Synchronisation von Armen und Beinen, was ihr einfach nicht gelang. Auch die Gedanken spielten nicht mit. Sie wollten hoch in den Wald und sich die Leiche ansehen. Das Erlebnis ließ sie nicht los.
Nach einer halben Stunde verließ sie die Halle. Sie fühlte sich mutlos, schlecht in Form und ein bisschen zu dick. Der einzige Trost war die Sauna.
Sie spritzte so viel Wasser auf den Ofen, dass die Hitze kaum auszuhalten war. Während sie den Schweiß aus allen Poren strömen spürte, entschloss sie sich, ihre Verabredung einzuhalten.
Rica Hotel, Dienstag, 19.10 Uhr
Er würde in der Bar sitzen. So hatten sie es verabredet. Tone kam zehn Minuten zu spät, er müsste also schon da sein. Sie blieb in der Tür stehen, um einen kurzen Blick hineinzuwerfen. Bestimmt beobachtete er sie. Sah ihr Zögern, taxierte sie und dachte: Das muss sie sein, sie passt zu der Beschreibung. Blondes Haar, normale Figur, durchschnittlich groß, schwarze Hose mit leichtem Schlag, kurze, schwarze Lederjacke. Sie hatte ihm gemailt, was sie anhaben würde.
In der kleinen Bar saßen nur acht oder zehn Personen, und ihr Blick fiel schnell auf einen Mann, der ihr zuwinkte. Hier bin ich. Komm rüber. Tone ging langsam auf ihn zu und versuchte, sich an den Anblick des Mannes zu gewöhnen, der dort saß. Ihn in sich aufzunehmen und zu akzeptieren. Zu versuchen, den Teil seines Ichs zu finden, den sie bereits kannte.
Der erste Eindruck war enttäuschend. Das ließ sich nicht leugnen. Er stimmte nicht mit dem Bild überein, das sie sich von ihm gemacht hatte.
»Håkon Arfoss.« Er stand auf und gab ihr die Hand.
»Tone Tarud.« Sie lächelte entgegenkommend. Sie mussten offen und positiv sein. Einander eine Chance geben. So lauteten die ungeschriebenen Regeln. Jetzt sollten sie sich erst einmal unverbindlich kennen lernen und herausfinden, ob sie sich miteinander wohl fühlten.
»Was möchtest du trinken?« Er blieb stehen und wartete auf ihre Antwort.
»Ein Glas Rotwein«, sagte sie schnell. Sie wollte keinen unentschlossenen Eindruck machen. Lieber lebhaft und selbstsicher erscheinen.
Mit einer Handbewegung deutete er an, dass sie sich setzen sollte, während er sich um die Getränke kümmerte. Tone folgte ihm mit den Augen. Jetzt war sie an der Reihe, ihn aus der Distanz zu betrachten. Als Erstes fiel ihr auf, dass sein blondes Haar dünner war, als sie es sich vorgestellt hatte. Die Beine waren kürzer. Vielleicht war er ein wenig o-beinig. Aber warum mit den Mängeln beginnen? Er war höflich, freundlich, ein Mann, der einem in die Augen sah. Aus den E-Mails wusste sie, dass sie gemeinsame Interessen hatten. Er hatte Kontakt zu ihr aufgenommen, nachdem er ihr Profil gelesen hatte.
Tones Chataktivitäten hatten mit der Idee zu einer Sendereihe begonnen. Sie wollte eine Reportage über die verschiedenen Methoden der Partnersuche von Singles machen. Eine davon war das Internet. Sie loggte sich in einen Chatroom ein und erstellte ihr Profil. Ehe sie sich versah, wurde sie mit E-Mails von unbekannten Männern überschwemmt. Warum nicht einen Schritt weiter gehen?, dachte sie. Warum nicht einen oder zwei der Männer treffen und sehen, was passiert?
Mit einem von ihnen war sie jetzt verabredet. In den Mails war sie forsch aufgetreten, hatte geschrieben, dass sie Herausforderungen liebe. Dass sie sich für Bergsteigen, Gletscherwanderungen und Wildwasserfahrten interessiere, aber niemanden habe, mit dem sie diese Sportarten betreiben könne. Er hatte geantwortet, dass er gerne mitmachen wolle. Im Laufe des Abends sollte sich zeigen, wie risikobereit sie wirklich waren.
Håkon Arfoss kehrte dem Bartresen den Rücken und kam mit einem Weinglas auf sie zu. Tone versuchte, die Gedanken an die tote Frau aus ihrem Kopf zu verbannen. Sie konnte jetzt nicht über sie reden, nicht mit einem Fremden. Die Lokalnachrichten um 18 Uhr hatten berichtet, dass die Polizei das Gebiet um den Fundort der Leiche abgesperrt hatte. Das konnte nur bedeuten, dass etwas an ihrem Tod verdächtig war. Vielleicht konnte sie den Vorfall ganz beiläufig erwähnen. Sagen, dass sie zufällig im Radio davon gehört hatte.
»Prost, auf unsere Verabredung!«, Tone hob ihr Weinglas. Der Wein war sauer. Billiges Gesöff, dachte sie.
Er antwortete, indem er das Pilsglas hob, das er schon zur Hälfte geleert hatte. »Findest du die Situation eigentlich merkwürdig?«, fragte er.
»Natürlich ist sie irgendwie merkwürdig«, sagte Tone und begegnete seinem festen Blick. Seine Augen schienen grau zu sein, doch konnte das Licht in der Bar auch täuschen. »Sehr merkwürdig«, antwortete sie und versuchte sich an einem Lachen.
»Hast du dich schon mit vielen Männern getroffen?«, fragte er direkt. In den Mails hatten sie darüber nichts geschrieben.
Eigentlich kann ich auch ehrlich sein, dachte sie und sagte: »Mit drei oder vier.«
»Drei oder vier?«
»Mit dir sind es vier. Und du?«, fragte sie schnell zurück.
»Zwanzig, dreißig«, lachte er. Tone lachte nicht. »Das war etwas übertrieben«, fügte er hinzu und lächelte. Seine Zähne waren gerade und schön. »Ungefähr so wie du. Vier oder fünf vielleicht.«
»Wie lange machst du das schon?«
»Bald ein halbes Jahr. Ohne die Richtige gefunden zu haben.« Es war schwer zu sagen, ob er versuchte, einen Scherz zu machen, oder ob er es ernst meinte. »Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Und du?«
Und sie? Was sollte sie darauf antworten? Sie hatte ihm nichts von der Sendereihe erzählt. »Mit einigen habe ich immer noch E-Mail-Kontakt«, sagte sie ausweichend. »Mehr nicht.« Tone hatte keine Lust, über die anderen zu reden. Das war privat. »Hast du wenigstens Leute gefunden, mit denen du ein paar Touren machen kannst?«
»Doch schon, ich war ein paarmal unterwegs«, sagte er ohne Begeisterung. Vielleicht war es nicht der große Erfolg gewesen? Ihr kam der Gedanke, dass er nicht gerade wie ein hartgesottener Bergsteiger aussah. Dass er nur eine große Klappe hatte, genau wie sie. Vor dem PC sah alles so einfach aus.
Das Handy in ihrer Handtasche unterbrach die schleppende Unterhaltung. Es war das Lokalradio. Tone entschuldigte sich und ging nach draußen. Eine Mitarbeiterin des NRK wollte sie live in der Morgensendung haben. Tone hatte die Leiche gefunden und jetzt sollte sie den Hörern von ihrem Erlebnis erzählen.
»Weißt du etwas Neues – ich meine, weil die Sache jetzt im Radio kommt?«, fragte Tone.
»Der Todesfall ist verdächtig. Die Polizei ermittelt«, sagte die Journalistin. »Das haben sie gerade bestätigt.«
Tone war schwindelig, sie musste sich an die Wand lehnen. Sie hatte es die ganze Zeit geahnt, doch es in klaren Worten bestätigt zu bekommen, war etwas anderes.
»Hallo, bist du noch da?«
»Das hat mich jetzt erst einmal umgehauen«, brachte Tone hervor. Im Moment hatte sie nicht die geringste Lust, im Radio über ihr Erlebnis zu berichten. Sie müsse darüber nachdenken, sagte sie. »Außerdem kann ich morgen früh nicht«, fügte sie hinzu.
»Wir können jetzt eine Aufnahme machen«, sagte die Journalistin eifrig.
»Ich bin gerade bei einem Geschäftsessen«, schwindelte Tone, da ihr nichts Besseres einfiel. Es war albern, sie ging nie zu Geschäftsessen. Aber sie wusste aus Erfahrung, dass es nichts brachte, mit Zweifeln zu argumentieren.
»Das muss ein schreckliches Erlebnis gewesen sein«, lockte sie die Journalistin voller Verständnis.
»Ich war geschockt«, sagte Tone, froh, darüber reden zu können. »Ich habe ja nur einen Waldspaziergang gemacht ... und plötzlich stand ich vor einer Leiche.« Unversehens war sie mitten in einem längeren Bericht.
»Du schilderst das sehr lebendig«, sagte die Journalistin, nachdem sie mehrere Minuten miteinander geredet hatten. »Kannst du das nicht einfach für eine Aufnahme wiederholen? Es dauert auch nicht lange.«
»Leider nicht«, sagte Tone bestimmt. Sie musste die Eindrücke sortieren, bevor sie im Radio einfach drauflosplapperte. »Ich rufe dich an, wenn ich hier fertig bin. Falls es nicht zu spät wird.«
»Was war dein erster Eindruck, als du mich heute Abend gesehen hast?«, fragte er, als sie später im Restaurant saßen und auf ihr Essen warteten.
»Ich weiß nicht«, sagte sie, kam jedoch zu dem Schluss, dass sie ruhig ehrlich sein konnte: »Dass du keine Ähnlichkeit mit dem Bild hast, das ich mir von dir gemacht habe.«
»Hattest du einen Robert-Redford-Typen erwartet?«, fragte er und lächelte.
»Brad Pitt trifft es eher«, sagte sie schnell. Sie fühlte sich langsam wohler, weil sie merkte, dass er nicht ganz ohne Charme war. »Und du? Hast du gehofft, eine Julia Roberts zu treffen?«
»Daneben. Sie ist nicht mein Typ«, antwortete er. »Aber ich gebe zu, dass ich mir dich ... ein bisschen anders vorgestellt habe.«
»Dunkel und geheimnisvoll?«
Er lachte wieder. »Ich wusste, dass du blond bist, das hast du erzählt. Aber da du geschrieben hast, dass du dich für Risikosport interessierst und Herausforderungen liebst, hatte ich mir dich nicht ... so feminin vorgestellt, ja, vielleicht ist es das. Aber ...«, er hob das Glas, um ihr zuzuprosten, »feminine Blondinen gefallen mir am besten.« Er machte einen selbstsicheren Eindruck, selbstsicherer, als sie zuerst gedacht hatte.
»Du meinst dumme Blondinen?«, rutschte es ihr heraus.
»Ganz im Gegenteil. Blondinen können äußerst klug und gefährlich sein«, sagte er und zwinkerte ihr zu. »Was dich angeht, halte ich dich für eine Frau mit unterschiedlichen Seiten. Die womöglich etwas zu verbergen hat. Etwas, das sie nicht erzählen will.«
Tone kam sich irgendwie interessant vor. Fast hätte sie ihm von ihrem Erlebnis im Wald erzählt. Das Gespräch mit der Journalistin ging ihr durch den Kopf. Die Polizei hielt den Todesfall für verdächtig. War es Mord? Sie griff nach ihrem Glas und versuchte, etwas zu sagen, was mit all dem nichts zu tun hatte. »Ich musste gerade an eine Sendung denken, an der ich arbeite«, sagte sie.
»Apropos Sendung ..., ist deine Sendung über die Tanzveranstaltung für Singles schon ausgestrahlt worden?«
»Sie kommt am Freitag.«
»Wenn ich kann, höre ich sie mir an«, sagte er. »Du hast einen interessanten Job.«
»Und du?«, sagte sie. »Findest du deine Arbeit nicht interessant?« Er hatte ihr erzählt, dass er in einer EDV-Firma arbeitete. Soweit sie sich erinnerte, hatte er sie gegründet. »Im EDV-Bereich gibt es doch laufend Neuentwicklungen.« Bessere Fragen fielen ihr zu dem Thema nicht ein.
Die Bedienung brachte das Essen, das Gespräch verstummte und ihre Gedanken schweiften erneut ab. Zu dem Radiointerview am nächsten Morgen. Sollte sie zusagen? Es war ihre Geschichte, ihr Erlebnis, deshalb war es nur richtig, dass sie darüber sprach. Solche Augenzeugenberichte kamen gut im Radio. Die Formulierungen bildeten sich mühelos in ihrem Kopf. Sie würde den Limonadenverschluss erwähnen. Die Geschichte dramatisieren. Sagen, dass sie sofort an ein Verbrechen gedacht habe. Oder war das zu weit hergeholt?
»Ich habe heute eine schöne Waldwanderung gemacht«, sagte Håkon Arfoss, als sie später wieder in der Bar saßen. Er sah Tone gespannt an. »Ich war schon früh in der Stadt und habe am Vormittag etwas für meine Kondition getan.«
Warum erzählte er ihr das? Konnte Arfoss der Spaziergänger sein, dem sie begegnet war? Der Gedanke kam so plötzlich, dass sie etwas Wein auf dem Tisch verschüttete. Sie bekam kein Wort heraus. Es passte einfach zu gut. Jetzt hatte sie auch das Gefühl, ihn wiederzuerkennen.
»Apropos Wanderung«, sagte er und sein Blick ließ sie nicht los. Waren seine Augen grau oder blau? »Du hast gesagt, dass du dich für Bergsteigen interessierst. Ich habe mir gedacht, dich am nächsten Wochenende zur ersten Lektion einzuladen.«
Sie drehte das Glas und starrte in den Wein. »Ach ja?«, sagte sie geistesabwesend. Sie stellte das Glas ab und begann, in ihrer Handtasche zu wühlen.
»Ich will nach Lom«, antwortete er. »Da gibt es eine gute Kletterwand.«
»Braucht man dafür keine Ausrüstung«, sagte sie, um Zeit zu gewinnen.
»Das lässt sich arrangieren.«
»Können wir später darüber reden? Ich muss zur Toilette«, sagte sie und stand auf.
Ihr Körper fühlte sich steif und ihr Gang unnatürlich an. Im Spiegel begegnete sie ihren eigenen erschrockenen Augen. Ihr Gesicht musste sie verraten haben! Sie blieb einige Minuten auf der Klobrille sitzen, um sich eine Entschuldigung auszudenken.
Auf dem Weg zurück in die Bar hatte sie Gelegenheit, ihn einige Sekunden aus der Distanz zu studieren. Sie hätte es sofort sehen müssen. Arfoss glich immer mehr dem Bild, das sie von dem Mann im Wald hatte. Der Beschreibung, die sie der Polizei gegeben hatte.
»Ein verlockendes Angebot«, sagte sie und versuchte, zu lächeln. »Ich weiß nur nicht, ob ich Zeit habe.« Sie griff nach der Handtasche und holte ihren Terminkalender heraus. Für diese Woche hatte sie nichts eingetragen. »Es sieht leider so aus, als hätte ich schon eine Verabredung«, sagte sie leise. »Aber ich kann versuchen, sie zu verschieben.« Sie klappte den Kalender zu und steckte ihn zurück in die Tasche. »Ich schicke dir eine Mail, wenn ich das geklärt habe.«
»Was ist mit dem Wochenende danach?«, sagte er eifrig.
»Wie gesagt, es wäre schön ...«, sagte sie und fragte sich, wie sie aus der Situation herauskommen sollte. Wie konnte sie herausfinden, ob es Arfoss war, den sie gesehen hatte? Sollte sie ihm von ihrer Vermutung erzählen? Aber vielleicht ging es ihm genau darum. Er könnte sie gesehen haben und jetzt testen, ob sie ihn auch bemerkt hatte! »Lass mich erst klären, was mit dem nächsten Wochenende ist, dann sehen wir weiter ...«, fügte sie ungeschickt hinzu.
Saved by the bell. Das Handy unterbrach ihr Gespräch. »Entschuldigung, ich hätte es ausschalten sollen«, sagte sie erleichtert und erhob sich. »Ich gehe nach draußen.«
Es war noch einmal die Journalistin vom NRK. Sie war auf dem Sprung nach Hause und hatte das Live-Gespräch am nächsten Morgen vorbereitet. Da sie nichts von Tone gehört hatte, rechnete sie mit ihrem Okay. »Du wirst kurz nach sieben angerufen«, teilte ihr die Journalistin unbekümmert mit.
»Nein, das ist nicht okay«, protestierte Tone. Sie konnte sich jetzt nicht öffentlich in die Sache reinziehen lassen.
»Warum nicht?«
»Weil ..., ich mag nicht darüber reden. Es war ein schreckliches Erlebnis.«
»Es geht dir vielleicht besser, wenn du erst einmal darüber geschlafen hast. Kannst du mit deiner Entscheidung nicht bis morgen früh warten?«
Tone schaffte es nicht, ihr zu widersprechen. Sie kannte die Überredungskünste der Journalisten. Deshalb ließ sie sich widerstrebend darauf ein und tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie auch am nächsten Morgen niemand dazu zwingen könnte.
Als sie zurück in die Bar kam, meinte Håkon Arfoss, dass es vielleicht an der Zeit sei, den Abend zu beenden. Tone war erleichtert, gleichzeitig aber auch überrascht. Sie hatte den Eindruck gehabt, als hätte er sich auf einen langen Abend eingestellt. Er war kurz angebunden und reserviert, als er sagte: »Morgen ist auch noch ein Tag.« Dann trank er aus. »Und du hast es weiter nach Hause als ich«, sagte er. Er wollte im Hotel übernachten, da er sechzig Kilometer entfernt wohnte.
Vor der Tür gaben sie sich die Hand und bedankten sich für den Abend. Tone wahrte den Schein und sagte, dass es nett gewesen sei und dass sie sich wegen des Wochenendes melden werde.
Es regnete, als sie durch die herbstlich dunklen Straßen zum Bahnhof bummelte, um sich ein Taxi zu nehmen. Er hatte nicht versucht, sie auf sein Zimmer einzuladen. Ein gutes Zeichen. Aber es erstaunte sie auch ein wenig. Auf dem ganzen Nachhauseweg nagte die Frage an ihr, ob sich Håkon Arfoss den ganzen Abend darüber im Klaren gewesen war, dass sie sich im Wald begegnet waren. Aber warum hatte er dann nichts gesagt?
Budal Mesnali, Dienstag, 23.55 Uhr
Der Kiesweg war von gelbem, nassem Laub bedeckt. Tone bat den Fahrer, sie bis vor die Tür zu fahren, und bezahlte teuer für die lange Fahrt. Bis er wieder auf der Hauptstraße war, hatte sie aufgeschlossen und war im Haus.
Das grüne Lämpchen des Anrufbeantworters blinkte nervös im Halbdunkel. Sie warf ihre Tasche auf den Boden und hängte ihre Jacke über einen Küchenstuhl. Nachdem sie zwanzig Minuten auf ein Taxi gewartet hatte, war sie völlig durchgeweicht. Dann ging sie zum Anrufbeantworter und drückte die Wiedergabetaste.
Die Stimme, die aus dem Anrufbeantworter kam, klang hektisch: »Marta Kristiansen hier ... Ich möchte die Verabredung absagen. Es passt mir doch nicht so gut. Es ist mir einfach zu heikel.« Es folgte eine Pause. Dann beendete sie das Gespräch mit: »Ja, das wollte ich Ihnen nur sagen ... Tschüss.«
Tone wartete auf die nächste Mitteilung. Es kam nichts, der Anrufer hatte einfach aufgelegt. Dann folgte ein weiterer anonymer Anruf. Und das war alles. Das Band spulte zurück. Hatte Marta Kristiansen noch einmal versucht, sie zu erreichen? Tone sah auf das Display des ISDN-Telefons im Arbeitszimmer. Der letzte Anruf war von einem unbekannten Teilnehmer. Genau wie die beiden Anrufe davor. Vielleicht hatte Marta sie ursprünglich anrufen wollen, um zu reden. Tone spielte die Mitteilung noch einmal ab. Täuschte sie sich oder hörte sich die Frau wirklich ein wenig ängstlich an? Auf jeden Fall war es zu spät, um zurückzurufen.
Marta Kristiansen. Sie war eine der Frauen, mit denen sie sich im Rahmen einer neuen Dokumentarreihe verabredet hatte. Sie wollte die Eltern oder andere Angehörige von Mördern interviewen. Der vorläufige Titel der Sendereihe war inspiriert von der einzigen Person, mit der sie bisher gesprochen hatte: ›Ist es meine Schuld?‹, fragt sich die Mutter eines Mörders. Tone hatte ungefähr zwanzig Personen angeschrieben. Zwölf hatten geantwortet und sieben sich zu einem Interview bereit erklärt. Menschen, die bereit waren, darüber zu sprechen, wie sie es erlebten, dass ihr Sohn oder ihre Tochter zum Mörder oder zur Mörderin geworden war. Wie sie den Gedanken aushielten, einem Menschen das Leben geschenkt zu haben, der einen anderen umgebracht hatte.
Jetzt wollte eine der Mütter einen Rückzieher machen. Das konnte sie nicht zulassen. Ich muss sie morgen früh anrufen und überreden, dachte Tone. Sie hatte ja schon zugesagt, deshalb dürfte es nicht so schwierig sein. Oder Tone könnte so tun, als hätte sie die Nachricht gar nicht bekommen, und Frau Kristiansen zum vereinbarten Termin aufsuchen.
Die Notizen zu der Reihe lagen in einer Mappe auf dem Schreibtisch. Auf einem gelben Merkzettel stand, dass Tone sich für Donnerstagnachmittag mit Marta Kristiansen in Tøyen verabredet hatte. Ihr Sohn war wegen Mordes an seiner Ehefrau verurteilt worden. Er hatte sie mit einem Messer erstochen. Das Motiv: Eifersucht. Der Mord war vor gut neun Jahren geschehen. Und der Mann zu dreizehn Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt worden. Soweit Tone wusste, konnte er inzwischen wieder draußen sein. Bei dem Gedanken machte ihr Herz einen Satz. Sie drehte eine schnelle Runde durch das Zimmer und zog alle Vorhänge zu. Sie waren dick und versperrten den Blick ins Haus.
Sie wollte nichts mehr lesen. Für heute war ihr Bedarf an Todesfällen gedeckt. Die Frau im Wald war bestimmt ermordet worden. Håkon Arfoss’ Bild tauchte vor ihrem inneren Auge auf.
Wen konnte sie so spät noch anrufen? Sie entschied sich für Irene Eikeli, die auch allein lebte.
Das Telefon schellte lange, bevor eine verschlafene Stimme antwortete. Tone entschuldigte sich vielmals und erklärte, dass sie einfach mit jemandem reden müsse. »Ich habe einen schrecklichen Tag hinter mir«, begann sie. Dann strömten die Worte aus ihr heraus, sie redete mehrere Minuten ohne Unterbrechung. Über den Fund der Leiche, den Mord, die Verabredung. Die Freundin am anderen Ende wurde allmählich wach und bat um Details. Doch als Tone ihren Verdacht äußerte, mit dem Mörder zu Abend gegessen zu haben, schlug Irene ihr vor, sich vielleicht doch erst einmal auszuruhen. Es konnte der Schock sein, der sie die Eindrücke durcheinander bringen ließ, sagte sie. Tone hatte da ihre Zweifel.
»Bist du sicher, dass es richtig ist, jetzt alleine zu sein?«, fragte Irene.
»Und mit wem sollte ich zusammen sein?«
»Du hast doch bestimmt Freunde in Lillehammer.«
»Aber niemanden, der mitten in der Nacht hierher kommen kann.«
»Sicher.« Die Freundin kam mit weiteren wohlmeinenden Worten und guten Ratschlägen und war klug genug, ihr nicht vorzuschlagen, das Gespräch zu beenden. Es war Tone, die sich nach einer Stunde hilfreichen Telefonierens verabschiedete. Da hatte sie sich leer geredet und beide gähnten nach jedem zweiten Satz. Die Uhr zeigte halb zwei. In fünfeinhalb Stunden würde das Telefon sie wecken.
Ganz richtig. Das Telefon weckte sie. Aber nicht um sieben Uhr morgens, sondern um halb drei in der Nacht, wie ihr die roten Zahlen des Radioweckers anzeigten. Tone musste gerade eingeschlafen sein. Das Telefon fiel beinahe auf den Boden, als sie nach dem Hörer tastete und sich mit ihrem Namen meldete. Am anderen Ende war es still. »Wer ist da?«, fragte sie. Sie hörte jemanden atmen, dann wurde aufgelegt. Der Apparat im Schlafzimmer hatte kein Display, sodass sie nicht sehen konnte, von welcher Nummer aus angerufen worden war. Hatte sich jemand verwählt? Dann hätte er sich zumindest entschuldigen können. Sie dachte an die beiden anderen anonymen Anrufe. Konnte das Marta Kristiansen sein, die erneut versuchte, Kontakt zu ihr aufzunehmen? In dem Fall musste sie total verzweifelt sein. Tone dachte an die Männer, die sie im Internet kennen gelernt hatte, aber sie wusste nicht mehr über sie, als sie ihr erzählt hatten. War ein Verrückter unter ihnen? Einer, der ihr Angst einjagen oder sie auf diese Weise terrorisieren wollte? Håkon Arfoss? Was für ein Mann war er?
An Schlafen war nicht mehr zu denken. Die Nacht draußen war schwarz und aufdringlich. Das Schlafzimmer lag glücklicherweise im Obergeschoss, sodass der Gedanke, dass jemand draußen vor dem Fenster stehen könnte, gar nicht erst aufkam. Ohne das Licht im Schlafzimmer anzumachen, ging sie ins Bad und holte sich ein Glas Wasser.
Fröstelnd lag sie in ihrem Bett und rührte sich nicht. Der leuchtende rote Digitalanzeiger zeigte das Fortschreiten der Nacht an. Sie versuchte, an Ideen für neue Sendereihen zu denken. Doch die Wirklichkeit drängte sich brutal in ihr Bewusstsein. Der Telefonanruf. Die Leiche im Wald. Der rote Fleck am Hinterkopf. Ein Mörder, der frei herumlief. Arfoss, der im Wald gewesen war.
Die Dokumentarreihe schob sich wieder in den Vordergrund. Nach dem ersten Interview hatte sie große Erwartungen in sie gesetzt. Lief der Rest ebenso gut, hatte sie Stoff für mehr. Für ein Buch. Sie hatte bereits einen Verlag angeschrieben und die Idee unterbreitet. Aber vielleicht war es doch nicht so einfach. Eine der Quellen, in die sie die größten Hoffnungen gesetzt hatte, machte einen Rückzieher. Warum hatte Marta Kristiansen sich anders entschieden?
Budal, Mittwoch, 17. Oktober, 9.10 Uhr
Tone erwachte schlagartig. Irgendein lautes Geräusch war von draußen hereingedrungen, ein dumpfer Knall. Sie sah auf die Uhr. Zehn nach neun. Das Zimmer lag im Halbdunkel. Die dicken Gardinen hielten den Tag außen vor.
Langsam kam sie zu sich. Sie hatte den größten Teil der Nacht wachgelegen, bis sie gegen Morgen in einen schweren Schlaf gefallen war. Die Ereignisse des gestrigen Tages begannen in ihrem Kopf Karussell zu fahren. Zuletzt dieser anonyme Anruf in der Nacht.
Wollte der NRK sie nicht heute früh angerufen haben? Darüber musste sie sich keine Gedanken mehr machen. Nach dem nächtlichen Anruf hatte sie den Stecker im Schlafzimmer herausgezogen, erinnerte sie sich. Und das Handy lag unten im Arbeitszimmer.
Um dem neuen Tag ins Auge sehen zu können, würde sie erst einen Kaffee im Bett trinken. Der Gedanke, gleich wieder unter die Decke kriechen zu können, gab ihr die Kraft aufzustehen. In Pantoffeln und Morgenmantel tapste sie die Treppe hinunter in die Küche. Während sie wartete, dass das Wasser kochte, warf sie einen müden Blick auf den Tag dort draußen. Er war genauso grau wie der vorherige. Der Traubenkirschbaum gegenüber dem Schuppen hatte nur noch wenig Laub. Das meiste lag um den Baumstamm verstreut.
Plötzlich zuckte sie zusammen. Die Schuppentür stand weit offen! Tone war seit Tagen nicht mehr in dem Schuppen gewesen und sicher, dass die Tür verschlossen war. Vielleicht war das die Erklärung für den Knall, den sie gerade gehört hatte: die Schuppentür, die gegen die Wand schlug.
Ein Klicken ließ sie zusammenfahren. Es war nur der Wasserkocher, der sich ausgeschaltet hatte. Sie schien langsam schreckhaft zu werden. Sie holte eine Tasse aus dem Schrank und füllte sie mit Kaffeepulver. Die Hände versagten ihr den Dienst und ein Teil des Pulvers landete auf der Küchenbank. Sie rief sich zur Ordnung. Für die offene Schuppentür gab es bestimmt eine Erklärung, sie wollte nicht weiter darüber nachdenken.
Sie überlegte, den PC einzuschalten und zu sehen, ob neue E-Mails eingegangen waren. Sie widerstand der Versuchung, ging aber trotzdem ins Arbeitszimmer, um das Display des Telefons zu überprüfen. Es verriet ihr jedoch auch nicht, wer sie in der Nacht angerufen hatte. Unbekannter Teilnehmer, war alles, was dort stand. Sie steckte das Handy in die Tasche des Morgenmantels, nahm die Kaffeetasse und ging wieder nach oben.
Der heiße Kaffee brannte auf ihren Lippen. Das Handy zeigte zwei Anrufe an. Die Mailboxstimme informierte sie, dass der erste um 7.30 Uhr eingegangen war. Beide Anrufe kamen vom NRK. Sie hatten mehrmals versucht, sie anzurufen, sowohl über das Festnetz als auch auf ihrem Handy. Ein milde ausgedrückt irritierter Moderator wunderte sich, wo sie bliebe.
Die Lokalnachrichten um zehn begannen mit einer Meldung über die tote Frau. »Eine Frau wurde gestern in der Nähe des Mesnaelva in Lillehammer tot aufgefunden. Die Polizei ermittelt, kann über die genaueren Umstände zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch nichts bekannt geben. Die etwa dreißig- bis vierzigjährige Frau wurde gestern gegen halb eins von einer Spaziergängerin entdeckt. Die Polizei bittet um Hinweise ...« Das Erlebnis kam wieder näher, die Radiostimme zog sie in das Geschehen hinein. Eine zufällige Spaziergängerin. Das bin doch ich, dachte Tone. Die Tote hatte vorläufig noch keinen Namen und keinen Heimatort. Das konnte nur bedeuten, dass die Polizei ihre Identität noch nicht kannte.
Vielleicht hatte die Lokalzeitung mehr. Sie schloss die Tür auf, trat in den Herbsttag hinaus und ging langsam den kurzen Weg zum Briefkasten. Auf dem Rückweg zwang sie sich, zu der dunklen Türöffnung des Schuppens hinüberzusehen. Wahrscheinlich hatte sie die Tür nicht richtig verriegelt. Während sie geschlafen hatte, musste ein Windstoß an der Tür gerüttelt haben, sodass das Schloss aufgesprungen war. Was sollte es sonst gewesen sein?
Drinnen stürzte sie sich auf die Zeitung. Der Fund der toten Frau war der Aufmacher. Er nahm fast die ganze Titelseite und noch eine weitere Seite ein. Auch hier nichts über ihre Identität. Es war nicht sicher, ob sie aus der Gegend war, stand in dem Leitartikel. Auch die Spaziergängerin wurde erwähnt. Sie verständigte sofort die Polizei. Diese hat ein größeres Gebiet um den Fundort abgesperrt und ermittelt die Todesumstände, äußert sieb jedoch weder über ein Fremdeinwirken noch über mögliche Verdächtige. Unseren Informationen zufolge sollen kurz vor der Entdeckung der Toten zwei Männer auf dem Weg gesehen worden sein, der am Fluss entlangführt.
Diese Information stammte von ihr. Und jetzt wusste sie auch, wer einer der Männer war. Die Polizei bittet Passanten, die sich in dem Gebiet aufgehalten haben, sich zu melden. Jeder, der etwas gehört oder gesehen haben könnte, wird aufgefordert, sich mit einer Polizeidienststelle in Verbindung zu setzen. Die Polizei hat ein größeres Gebiet nach Beweismaterial abgesucht, will vorläufig jedoch weder bekannt geben, welche Spuren sie verfolgt, noch welche Theorien über das Geschehen vorliegen.
Irene Eikeli hatte ihr geraten, der Polizei von Håkon Arfoss zu erzählen. Tone war sich nicht sicher und kam zu dem Entschluss, damit noch zu warten.
Sie musste Emma anrufen. Nur um ihre Stimme zu hören. Ihr Handy war ausgeschaltet und der Anrufbeantworter forderte sie auf, eine Nachricht zu hinterlassen. Sie ist sicher in Blindern, dachte Tone und teilte ihr kurz mit, dass sie am nächsten Abend in die Stadt kommen werde. Emma studierte im zweiten Jahr und hatte die kleine Zweizimmerwohnung, die Tone noch immer in Oslo besaß, unter der Bedingung übernommen, dass Tone an den Tagen, an denen sie in der Stadt zu tun hatte, dort wohnen konnte.
Das örtliche Büro des NRK rief am Vormittag an. Sie wollten Tone für die Aktuelle Stunde um 12 Uhr haben. Sie sagte mit Entschiedenheit Nein. »Du solltest doch schon heute Morgen dabei sein«, sagte die Mitarbeiterin am anderen Ende. Tone bestand darauf, dass sie nichts versprochen hatte, und schaffte es, neue Überredungsversuche abzuwehren.
Dann beschloss sie, zu arbeiten, und schaltete den PC ein. Zuerst sah sie die E-Mails durch. Fünf neue Mails, eine davon von Håkon Arfoss. Sie verspürte Widerwillen, sie zu öffnen. Schob es hinaus, indem sie erst die anderen Nachrichten las. Ein Chefredakteur erkundigte sich nach dem Beitrag, den sie über eine Schlankheitskur machen sollte. Irene Eikeli fragte, wie es ihr gehe. Karl-Erik, einer ihrer drei Chatfreunde, wollte wissen, ob sie Freitagabend in Oslo sei. Er war bisher der Einzige, bei dem es geknistert und mit dem sie sich auf der gleichen Wellenlänge gefühlt hatte. Leider war er verheiratet, wie sich im weiteren Verlauf des Abends herausgestellt hatte. Und jetzt besaß er die Frechheit, ein neues Treffen vorzuschlagen. Er war sich sicher, dass ein weiterer Kontakt ihnen beiden Vergnügen bereiten werde, schrieb er.
Eine der Mails kam von einem unbekannten Absender und war um 0.30 Uhr abgeschickt worden, kurz nachdem sie nach Hause gekommen war. Neugierig begann sie zu lesen. Mann, 44, sucht Frau in der Nacht. Und findet dich, Frau, 42, blond und blauäugig. Nicht zu blauäugig, denke ich. Mit unverbrauchtem Lebensmut, aber ohne Mann an deiner Seite. Ich glaube, du bist eine Frau, die die Männer anzieht, wenn du dein wahres Gesicht zeigst. Der Zufall will es, dass du gerade jetzt alleine bist und im Dunkeln nach Kontakten suchst. Wie auch ich ... Der Brief war mit Orion unterzeichnet. Sowohl der Ton wie auch das, was dort stand, sprachen sie an. Er hatte ihr Profil gelesen, erzählte aber nur wenig über sich und seine Lebenssituation. Nächtliche Gedanken. Tone beschloss, zu antworten, nicht viele Worte, doch genug, um Interesse zu signalisieren.
Håkon Arfoss hatte seine Mitteilung eine halbe Stunde, nachdem sie sich vor dem Hotel verabschiedet hatten, geschrieben: Warum spielst du nicht mit offenen Karten? Um es direkt zu sagen: In der nächsten Woche ist nichts in deinem Terminkalender eingetragen. Ich habe nachgesehen, als du draußen warst und telefoniert hast. Du hast behauptet, du hättest da schon eine Verabredung. Aber irgendwie habe ich gespürt, dass du bluffst. Deshalb habe ich nachgesehen. Du findest das vielleicht unverschämt, aber ich habe meinen Verdacht bestätigt.
Ich hatte den Eindruck, dass wir uns heute Abend gut verstanden haben, die Unterhaltung kam allmählich in Gang, nachdem du etwas aufgetaut warst, und die Stimmung hat mich glauben lassen, dass sich etwas Spannendes daraus entwickeln könnte. Wenn du deine Kontaktsuche über das Internet ernst meinst ..., dann musst du deine Haltung ändern und den Leuten mit mehr Respekt begegnen. Aber vielleicht verbirgst du ja irgendetwas?
Tone las es noch einmal. Aber vielleicht verbirgst du ja irgendetwas? Am früheren Abend hatte er etwas Ähnliches gesagt. Was wusste er? Sie musste bald die Polizei informieren.
Die Unruhe trieb sie vom PC in die Küche und zum Fenster. Die Schuppentür stand noch immer weit offen. Sie wusste, was sie zu tun hatte.
In der Zeit, seit sie allein hier wohnte, hatte Tone gelernt, der Angst ins Auge zu sehen. Das Übel bei der Wurzel zu packen. Jedes Mal wenn sie ein unheimliches Geräusch im Haus hörte, zwang sie sich, nachzusehen, wo es herkam, und der Sache nachzugehen. Antworten zu finden, um wieder rational denken zu können. Jetzt ging es um eine Tür, die ohne Erklärung aufgegangen war.
Die Angst sagte ihr, dass jemand im Schuppen sein könnte. Aber die Vernunft half ihr, die zwanzig Meter zu gehen. Sie war auf der Hut, für alle Fälle. Ihr Puls stieg, als sie den Schuppen betrat. Es gab kein Licht und sie musste mit dem spärlichen Tageslicht auskommen. Ein paar Sekunden blieb sie still stehen. Außer einem Traktor in der Ferne war kein Laut zu hören. Hier war niemand, stellte sie fest. Es musste der Wind gewesen sein. Ihr Fuß trat gegen etwas, das auf dem Boden lag. Ein Spaten oder ein Rechen, der umgefallen war. War das auch der Wind? Oder war es ihr irgendwann passiert? Vielleicht war ein Tier hereingekommen, während die Tür offen stand? Als sie sich hinunterbeugte, um das Gerät aufzuheben, entdeckte sie auf dem Boden einen kleinen weißen Zettel. Sie hob ihn auf und steckte ihn in ihre Tasche. Sie mochte nicht länger hier sein. Sie trat hinaus, machte die Tür hinter sich zu. Und dann war es vorbei, für dieses Mal. Ihre Beine drohten, sie im Stich zu lassen, als sie zurück zum Haus ging.
Die Mappe mit den Unterlagen für die Dokumentarreihe lag auf dem Schreibtisch. Tone blätterte sie durch, bis sie den Zeitungsausschnitt über Atle Kristiansen gefunden hatte. Sie war entschlossen zu tun, was sie konnte, um ein Interview mit der Mutter, Marta Kristiansen, zu bekommen. Morgen Nachmittag würde sie bei ihr schellen und so tun, als hätte sie den Anruf nicht erhalten.
Der Zeitungsausschnitt beschäftigte sich mit dem Mord und den Ermittlungen im Herbst 1992. Ein paar kleinere Artikel berichteten über das Gerichtsverfahren und das Urteil. Der Mann behauptete, unschuldig zu sein, war jedoch aufgrund des Beweismaterials verurteilt worden. Sein Name wurde in keinem der Artikel erwähnt, ein Bild gab es auch nicht. Er war der Ehemann, der seine Frau etwa vierundzwanzig Stunden, nachdem sie verschwunden war, als vermisst gemeldet hatte. Wer die Familie kannte, hatte keinen Zweifel, um wen es sich handelte. In den Tagen, nachdem die Leiche gefunden worden war, brachten die Zeitungen den Namen der Toten: Lotte Kwam Kristiansen, siebenundzwanzig Jahre alt. Das Bild zeigte eine lächelnde junge Frau mit blondem, lockigem Haar. Gut aussehend. Der verdächtige und später verurteilte Ehemann war Ende dreißig.
Als Motiv wurde Eifersucht vermutet. Atle Kristiansen verdächtigte seine Frau, einen Geliebten zu haben. Es kam nie heraus, wer der andere Mann war. Stattdessen tauchten starke Zweifel auf, ob es überhaupt einen anderen gegeben hatte. In den ersten Tagen sprach die Polizei von Atle Kristiansen als von einem Zeugen. Am dritten Tag saß er in U-Haft, verdächtigt des Mordes an seiner zehn Jahre jüngeren Frau.
Was war in diesen Tagen in Marta Kristiansen vorgegangen? Trauerte sie zusammen mit dem Sohn, überzeugt von seiner Unschuld? Oder schlich sich ein kleiner Zweifel ein? Was für ein Junge war Atle gewesen? Tone rief Word auf, um die Fragen, die sie ihr stellen wollte, aufzuschreiben.
Ihre Augen streiften das Dokument, das sie unter Tone gespeichert hatte. Die Tagebuchnotizen. Vor einigen Wochen hatte sie einen Status-quo-Bericht zu ihrer Lebenssituation erstellt. Jetzt überflog sie das Geschriebene. Es war nicht sonderlich erfreulich, dafür aber wahr: Tone Tarud, 42, Single, genauer gesagt: verlassen worden, mittelmäßige Journalistin oder bestenfalls mit einem Talent ausgestattet, das bisher noch niemand richtig zu würdigen gewusst hat, 1,70 m, gut 67 Kilo, Gehalt ca. 250.000 Kronen pro Jahr, 600.000 Kronen Schulden, eine erwachsene Tochter, die ihre Mutter mehr als Last denn als Freude empfindet.
An dem Abend, an dem sie das geschrieben hatte, hatte sie beschlossen, etwas an ihrer Situation zu ändern. Nach zwei Gläsern Rotwein hatte sie, sentimental geworden, eine neue Bestandsaufnahme gemacht, wie ihre Situation in zwei Monaten, um Neujahr, aussehen sollte: Tone Tarud, 42, frisch verliebt, Journalistin beim norwegischen Rundfunk, mehrere Serienerfolge in der letzten Zeit, ein laufendes Buchprojekt, 1,70 m, knapp über 60 Kilo, keine besonderen finanziellen Probleme, viele gute Freunde, eine erwachsene Tochter, zu der sie guten Kontakt hat.
Vorläufig waren das nur Worte in einem Dokument, nichts hatte sich in der verstrichenen Zeit geändert, dachte sie missmutig.
Rastlos sah sie noch einmal die Post durch. Orion hatte bereits auf ihre kurze Mail geantwortet. Bingo! Ich wusste, dass wir wie geschaffen füreinander sind. Ein Signal wird gesendet ... und empfangen, der Kontakt ist hergestellt. Ich spüre deine Nähe, wo immer du auch bist, irgendwo. Ick sehne mich danach, dich näher kennen zu lernen, viel näher. Die Worte strömen aus mir heraus, aber sie sollen aufgespart bleiben, bis das Dunkel sich um mich schließt in einem Raum, wo niemand stört ...
Tone versuchte, sich vorzustellen, wie er aussah, wo er saß, während er das schrieb. In einem geschäftigen Büro mit Kollegen um sich herum?
Sie schrieb ein paar Zeilen zurück, um ihn zu weiterem Kontakt zu ermutigen.
Budal, Mittwoch, 22.00 Uhr
In den Nachrichten um 22 Uhr kam etwas über den Mord: »Die Polizei in Lillehammer ermittelt in einem Mordfall. Eine Frau wurde gestern am Mesnaelva tot aufgefunden. Die Tote, eine Frau in den Dreißigern, wurde gegen 12.30 Uhr von einer Spaziergängerin entdeckt. Die vielen Verletzungen der Toten lassen darauf schließen, dass sie einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist. Vorläufig hat die Polizei niemanden unter Verdacht.«
Es wurde ermittelt! Jon Ruud hatte nichts davon erwähnt. Am späten Nachmittag hatte Tone ihren ganzen Mut zusammengenommen und angerufen. Jetzt wusste die Polizei von Håkon Arfoss. Vielleicht würde die Polizei schon am nächsten Tag Kontakt zu ihm aufnehmen.
Tone fror und zog eine Jacke an. Jetzt war jeder Zweifel ausgeräumt: Die Frau, die sie gefunden hatte, war einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen. Die Nachricht war ins ganze Land ausgestrahlt worden. Noch immer hatte die Tote keinen Namen. War auch sie nur eine ganz gewöhnliche Spaziergängerin gewesen?
Die Nachrichten waren vorbei, doch im Radio wurde weitergeredet. Sie bekam nicht mit, was gesagt wurde, aber sie hatte Stimmen um sich. Als Gegengewicht zu dem schweigenden Dunkel draußen. Sie riss sich aus der Apathie, stand auf. Eine Tasse Tee wäre gut, dachte sie. Mit steifen Schritten ging sie in die Küche. Plötzlich fühlte sie sich beobachtet. Aber das war unmöglich. Sie war allein und alle Gardinen waren zugezogen. Sie legte die Hände um den Wasserkocher. Spürte die von ihm ausgehende Wärme.
Die Küche war gemütlich, auch wenn sie renoviert werden musste.
Vor gut fünf Jahren war sie mit ihrem damaligen Lebensgefährten Stian nach Budal gezogen. Angefangen hatte alles mit einem verrückten und schönen Gedanken, der im Zusammenleben gewachsen war. Warum nicht ein Haus weit ab von Oslo kaufen? Vielleicht war die Vorstellung von einem Haus auf dem Land mit Katze und Kaninchen gar nicht so absurd. Jedenfalls wenn man Katze und Kaninchen wegließ. Sie wollten auf eine Arbeitsgemeinschaft bauen, ihre Jobs reduzieren und umdenken. Mehrere hunderttausend Kronen und Unmengen von Träumen investierten sie in das gute Leben. Sie schafften es, Bad, Schlaf- und Arbeitszimmer zu renovieren, bis er herausfand, dass das doch nicht das gute Leben war. Tone blieb mit einem teilweise renovierten Haus, größeren Schulden als je zuvor, einem halben Job einerseits und freiberuflicher Arbeit plus einer Überdosis an Frieden und Ruhe andererseits allein zurück. Heute Abend schätzte sie den Frieden und die Ruhe weniger denn je.
Als der Tee fertig war, fiel ihr ein, dass das Fenster im Schlafzimmer einen Spalt breit offen stand. Der Gedanke, in einem Kühlraum schlafen zu müssen, behagte ihr gar nicht. Sie zwang sich, nach oben zu gehen, um es zu schließen. Sie hatte den Fensterhaken in der Hand, als sie plötzlich auf Widerstand stieß. Das Fenster wollte nicht so wie sie. Ein kräftiger Windstoß blies dagegen. Erst als der Wind etwas nachließ, konnte sie es unter großem Kraftaufwand schließen. Der Wetterwechsel hatte sie vollkommen überrascht. Jetzt knackte es in den Wänden, als wollte der Wind das ganze Haus mitnehmen. Ein starkes Brausen vom Wald gegenüber erfüllte die Luft.
Tone wäre am liebsten im Schlafzimmer geblieben und hätte sich unter der Decke versteckt. Aber unten brannten alle Lichter und der PC war noch eingeschaltet. Sie ging wieder hinunter. Hier spürte man den Wind weniger. Dafür hörte sie ein neues Geräusch von der Welt da draußen. Regen. Landregen, der vom Wind gegen den Hang geschleudert wurde.
Die Worte auf dem Monitor starrten sie an. Sie hatte versucht, die Ideen für ihre freiberufliche Arbeit zu systematisieren. Einen Arbeitsplan zu erstellen. Am frühen Abend war sie schon unkonzentriert gewesen, jetzt war es noch schlimmer. Das Telefon war ihre Rettung. Die Uhr zeigte halb elf. Irene Eikeli nahm zu Hause nicht ab, ging aber ans Handy. Sie war auf der Arbeit, konnte nicht reden, wollte jedoch versuchen, später zurückzurufen. Auf jeden Fall hatten sie sich ja für den kommenden Abend verabredet, erinnerte sie die Freundin. Mette Hermansen war mit Kollegen aus, sagte ihr Mann. Vielleicht konnte sie mit einem ihrer Chatfreunde reden? Vor ein paar Stunden hatte sie eine neue lange Mail von Orion bekommen, auf die sie geantwortet hatte. Vielleicht lag neue Post für sie bereit. Sie schloss das Textdokument, rief das Outlook-Programm auf und klickte erwartungsvoll auf Posteingang. Eine neue Mail. Von Orion. Ich warte auf dich. Kommst du heute Abend? Ich horche auf deine Schritte, deinen Atem. Wenn das Dunkel uns umgibt und andere zur Ruhe gehen, ist es für zwei Nachtmenschen Zeit sich zu treffen. Für die, die die Tage nicht im Griff haben, können die Nächte ein Trost sein. Weil unsere Seelen ... In der Nacht kommen wir uns und anderen am nächsten. Ich sehne mich nach deiner Nähe. Wagst du es, mit mir in die Nacht zu gehen? Wagst du es, einen Schritt weiter zu gehen? Der Text, der nun erotischer wurde, nahm Tone gefangen.
Wenn du dich hingelegt hast, kannst du meine Hand spüren, die deinen nackten Körper streichelt. Zieh dich ganz aus, damit ich dich sehen kann, wie du bist. Genieße meine Liebkosungen, meine Hände, die sich über deine Brüste nach unten bewegen, zum Bauch, zum Schritt ... Sie war verunsichert. Doch alles war schließlich anonym. Sie konnte kühn sein. Sie schrieb zurück, dass sie mit ihm zusammen in die Nacht gehen, dass sie ihn mit ins Bett nehmen wolle.
In der nächsten Mail wurde er noch intimer, ging detaillierter zu Werke, kam mit Vorschlägen. Sie strich sich mit der rechten Hand über die Brüste, klemmte die Brustwarzen ein. Versuchte, sich vorzustellen, es sei ein fremder, aufregender Geliebter. Sie spürte die Erregung. Sollte sie mitmachen? Sie las weiter, zog den Reißverschluss ihrer Hose herunter, schob die Hand hinein, fand eine Stellung, in der sie sich spüren konnte. Der Mittelfinger glitt in die warme, nasse Spalte. Sie schloss die Augen und gab sich ihren Empfindungen hin.
Aber dann hörte sie auf. Sie konnte das nicht. Oder wollte es nicht. War wieder in dem Zimmer, vor dem PC, bei dem Mord, dem Mann, den sie im Wald gesehen hatte. Schnell schloss sie die Mail, beendete die Korrespondenz für den Abend und fuhr den PC herunter. Stattdessen schaltete sie den Fernseher ein und zappte zwischen den drei Kanälen, die sie empfangen konnte, hin und her. Nichts von Interesse, Ende, aus.
Sie ging in die Küche, um das Licht auszumachen. Ihre Jacke hing über einem Stuhl und erinnerte sie an den Zettel, den sie in eine der Taschen gesteckt hatte. Sie holte den Zettel heraus. Eine Restaurantquittung. Sie musste sie irgendwann beim Holzholen verloren haben.
Ein Geräusch ließ sie erstarren. Es klopfte an der Außentür. Wer kam zu dieser Zeit hierher? Sie blieb ganz still stehen. Hielt den Atem an. Rührte nicht einen Finger. Es klopfte mehrmals. Hörte sie Schritte auf dem Kies?
Zeit und Ort existierten nicht länger. Die Angst hielt sie gefangen. Als sie sich wieder bewegen konnte, wusste sie nicht, wie lange sie so gestanden hatte. Kein Laut war mehr zu hören. Sie hielt die Restaurantquittung immer noch in der Hand. Sie war von einem italienischen Restaurant, dessen Name ihr nichts sagte. Die Rechnung ließ darauf schließen, dass zwei Personen dort gewesen waren. Eine Flasche Wein, zwei Hauptgerichte, zwei Desserts, zwei Kaffee. Die Quittung war auf den 3. Oktober datiert. Was hatte sie an diesem Tag vor zwei Wochen gemacht? Es musste ein Mittwoch gewesen sein, rechnete sie zurück. War das nicht der Tag, an dem sie das erste Interview für die Dokumentarreihe gemacht hatte? Sie würde in ihrem Terminkalender nachsehen, war sich aber bereits sicher, dass dieser Zettel nicht aus ihrer eigenen Tasche gefallen war.
Tøyen, Donnerstag, 18. Oktober, 16.45 Uhr
Marta Kristiansen wohnte in Tøyen. Ein feuchtkalter Luftzug strich durch die Straßen, durch die Tone vom Bahnhof aus ging. Sie holte eine kleine, füllige, ältere Frau in einem dunkelblauen Mantel ein. Die Frau stimmte genau mit dem Bild überein, das Tone sich unterwegs von Marta gemacht hatte. Als sie stehen blieb und den Schlüssel in einen Briefkasten an der Tür mit der richtigen Hausnummer steckte, war Tone sich sicher. Deshalb stellte sie sich vor und sagte: »Ich glaube, wir haben eine Verabredung.«
Die Frau wandte ihr ein verwundertes Gesicht zu.
»Ich habe eine Verabredung mit Marta Kristiansen«, berichtigte sich Tone für den Fall, dass sie sich geirrt hatte.
»Ja, Marta wohnt hier«, sagte die Frau und ließ sie herein, ohne sich ihrerseits vorzustellen.
Tone ging hinter ihr die Treppe hinauf.
»Sie wollen also Marta besuchen«, sagte die ältere Frau, als sie vor ihrer eigenen Tür stand. Ihr Blick war neugierig, lechzte nach Informationen. »Sind Sie mit ihr verwandt?«
Glücklicherweise hatte Tone sich nicht als Journalistin vorgestellt, sondern nur ihren Namen genannt.
»Nein«, sagte sie und drehte sich um, um weiterzugehen.
»Sie wohnt eine Etage höher«, rief die Frau ihr nach. »Die linke Tür.«
Marta und Torbjørn Kristiansen stand auf einem Türschild aus Holz. Tone drückte auf die Klingel und dachte an die Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Was, wenn Marta auf ihrer Absage bestand? Was hatte sie eigentlich gesagt? Sie hatte irgendetwas in der Richtung gesagt, dass sie sich nicht treffen konnten, weil es ihr zu heikel war. In einem seltsamen Tonfall. Sie hatte keinen Grund genannt, keinen anderen Termin vorgeschlagen.
Plötzlich stand sie vor ihr. Alles war so still vonstatten gegangen, dass Tone kaum gemerkt hatte, wie die Tür sich geöffnet hatte. Marta Kristiansen hatte keine Ähnlichkeit mit dem Bild, das Tone sich von ihr gemacht hatte. Sie hatte eine Frau zwischen siebzig und achtzig erwartet, die Frau in der Tür war kaum über fünfundsechzig. Sie war schlank, fast mager. Das Haar dunkelbraun gefärbt, aber der graue Ansatz deutlich sichtbar. Zwei braune Augen sahen Tone skeptisch an.
»Ich bin Tone Tarud«, sagte Tone und streckte ihr die Hand hin. »Wir waren um fünf verabredet.«
»Haben Sie die Nachricht nicht bekommen, die ich Ihnen auf den Anrufbeantworter gesprochen habe?«
»Welche Nachricht?«, sagte Tone.
»Ich habe Sie angerufen, um abzusagen. Weil es mir nicht passt.«
Tone spielte die Überraschte. »Wann war das denn? Ich war die letzten Tage in Oslo. Deshalb habe ich den Anrufbeantworter nicht abgehört.« Sie sah die Frau ratlos an. »So ein Pech. Was machen wir jetzt?«
Marta Kristiansen blieb ihr die Antwort schuldig. Oder sie fühlte sich nicht verpflichtet zu antworten.
»Passt es Ihnen am späteren Nachmittag besser?«, versuchte es Tone. »Wenn Sie jetzt beschäftigt sind.«
»Weder am späteren Nachmittag noch ein andermal«, sagte Marta bestimmt. »Ich habe mir die Sache noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Ich habe keine Lust, bei irgendeiner Sendung mitzumachen.«
»Keine Lust, bei der Sendung mitzumachen?«, Tone war sehr enttäuscht und tat alles, um das auch zu zeigen. »Sie haben doch positiv auf meinen Brief reagiert ...«
»Ja, aber die Dinge haben sich geändert.« Marta klang jetzt etwas freundlicher.
Das gab Tone die Hoffnung, ihren Widerstand brechen zu können. »Was hat sich denn geändert?«, fragte sie.
»Ich habe es mir einfach anders überlegt. Ich möchte das nicht.«
Nun gut, irgendetwas hatte sich geändert. Tone wollte wissen, was, und war entschlossen, es herauszufinden. »Das überrascht mich jetzt etwas«, sagte sie und fügte hinzu: »Sie sind für mich eine der wichtigsten Kandidatinnen für die Sendung. In Ihrem Brief haben Sie Ihre Erfahrungen so gut in Worte gefasst. So etwas zu hören, tut anderen in einer ähnlichen Situation gut. Aber Sie müssen natürlich selbst entscheiden ...« Tone sah sie hoffnungsvoll an. »Können wir nicht kurz miteinander reden, ohne dass ich das Gespräch aufnehme? Vielleicht bringt mich das auf Ideen, worüber ich mit den anderen sprechen kann.«
Marta Kristiansen zögerte.
»Wenn Sie eine halbe Stunde hätten ...«, sagte Tone.
Die Tür wurde geöffnet und Tone konnte hereinspazieren. Eine enge Diele führte ins Wohnzimmer. Sie sah sich schnell um. Eine Wand war ganz mit Fotos bedeckt. Drei Hochzeitsfotos waren darunter. Die eine Braut sah aus wie eine jüngere Ausgabe von Marta Kristiansen.
»Sind das Ihre Kinder?«, fragte Tone und nickte zur Wand hin. Sie konnte auch gleich zur Sache kommen und mit dem schwierigen Teil beginnen.
»Meine Tochter Frida«, antwortete sie und zeigte auf eines der Fotos. Sie ähnelte ihrer Mutter.
»Und das da ist Lotte ... und Atle«, fügte sie hinzu. Das Bild war von einem Amateur aufgenommen worden.
»Hatten Sie irgendwann den Eindruck, dass die beiden es nicht gut miteinander hatten?«, fragte Tone.
»Ist es nicht meistens so, dass die Nächsten am wenigsten wissen?« Marta stellte sich neben das Bild, sah es jedoch nicht an. Stattdessen sagte sie zu Tone: »Ich hatte den Eindruck, dass es ihnen ging wie den meisten. Sie hatten gute und schlechte Tage. Genug gute, um zusammenzubleiben.«
»Deshalb hat Sie überrascht ..., was passiert ist?«
»Wie ich Ihnen geschrieben habe ... Man kann es einfach kaum glauben. Alles wird so unwirklich. Chaotisch. Wie wenn ein Unfall passiert und dir plötzlich klar wird, dass es dich erwischt hat.«
Atle Kristiansen war in seiner Jugend ein ganz normaler Junge gewesen, hatte sie in dem Brief geschrieben. Der Gedanke, dass er einmal zum Mörder werden würde, lag ebenso fern wie die Vorstellung, dass er Staatsminister werden könnte. Seine Mutter konnte ihn sich nicht als Monster vorstellen. Das war einer der Gründe, warum Tone Marta Kristiansen unbedingt in der Sendung haben wollte. Sie repräsentierte die Mütter, die glaubten, ein Heim mit ganz normal funktionierenden Menschen geschaffen zu haben. Und die deshalb völlig überrumpelt waren, als ihr Kind plötzlich des Mordes beschuldigt wurde. Auf eine ehrliche und glaubwürdige Weise hatte sie beschrieben, wie sie rückblickend nach der möglichen kleinen Andersartigkeit in seinem Wesen gesucht hatte.
Tone wollte, dass sie das jetzt wiederholte. Sie wollte, dass Marta sich warm redete und vergaß, dass sie sich nicht interviewen lassen wollte. Tone wollte die Hoffnung nicht aufgeben, dieses Haus mit einer ausgezeichneten Bandaufnahme zu verlassen. »Aber wie haben Sie reagiert, als Sie die Nachricht erhielten?«, fragte sie.
»Zuerst habe ich erfahren, dass Lotte tot ist. Das war der erste Schock. Dann kam die Nachricht, wie sie gestorben ist. Ich war sicher, dass ein Fremder das getan hat. Ein Verrückter.«
Sie standen noch immer vor der Wand mit den Familienbildern. Dann ging Marta Kristiansen zum Sofatisch und begann aufzuräumen. »All das habe ich Ihnen doch schon geschrieben«, sagte sie. »Es besteht kein Grund, mich zu wiederholen.«
Sie war nicht so leicht zu täuschen, wie Tone gehofft hatte.
In dem Brief hatte sie auch erwähnt, dass der Sohn ein Opfer seines Temperaments geworden war. Das war die Antwort, die die Mutter für sich gefunden hatte. Sie wusste, dass er sowohl in seiner Jugend als auch später zum Jähzorn neigte.
»Wie lange haben Sie geglaubt, dass er unschuldig ist?«, fragte Tone.
Marta Kristiansen blickte sie scharf an. Die Frage wühlte sie offenbar auf. Dann antwortete sie: »Ich weiß es nicht. Es bringt nichts, in diesen Dingen zu graben.« Sie machte eine Pause und sah auf die Uhr. »Man muss das hinter sich lassen, egal wie schlimm es ist«, sagte sie. »Darüber nachzugrübeln macht es nur schlimmer.«
Sie wollte, dass Tone ging. Es war aus ihrer Körpersprache und ihrem ganzen Verhalten ersichtlich. Aber Tone wollte bleiben. Wenn sie sich nicht täuschte, war die Frau ein wenig nervös. »Wie lange hat er noch?«, fragte sie.
Marta Kristiansen zögerte kurz und sah sie unsicher an. »Er ist entlassen worden. Vor einem Monat.«
Tone hatte die ganze Zeit geahnt, dass Kristiansen wieder draußen war. Hatte die Situation sich deshalb geändert? Hatte er der Mutter verboten, über den Fall zu reden?
»Das wusste ich nicht«, sagte Tone. Sie runzelte die Stirn und machte ein Gesicht, als wollte sie sagen, dass sie es hätte wissen müssen. »Und was macht er jetzt?«
»Er hat in der Haft eine zusätzliche Ausbildung gemacht. Und jetzt ... Er sucht Arbeit. Sie haben ihm geholfen, eine Wohnung zu finden ...«
»Dann beginnt er ein neues Leben?«, Tone konnte den Gedanken, dass das ungerecht war, nicht unterdrücken. Die junge Frau würde nie eine solche Chance bekommen.
»Wenn man das so nennen will«, antwortete Marta und sah traurig aus. Sie hatte sich auf einen Stuhl gesetzt. Tone tat es ihr gleich.
»Aber als Mutter ...« Tone schaffte es nicht, gleich auf den Punkt zu kommen. »Wie ist das für Sie, dass er jetzt ein freier Mann ist?«
»Das Wichtigste ist, alles hinter sich zu lassen, das ist die einzige Möglichkeit, weiterzukommen.«
»Und deshalb wollen Sie bei der Sendung nicht mitmachen?«, sagte Tone. Sie klang ärgerlicher, als sie beabsichtigte. »Er möchte auch nicht, dass Sie mitmachen?«
»Darum geht es nicht. Ich glaube einfach, dass es so besser ist.«
Tone begann, sich ernsthafte Sorgen zu machen, dass sie Marta nicht würde überreden können. Zu der Sendung, die die beste werden sollte, die sie je gemacht hatte. Aber das ging nicht ohne die Hilfe von Leuten wie Marta. Sie griff nach einem der Strohhalme, die sich bewährt hatten: Lob. »Am meisten hat mir an Ihrem Brief imponiert, dass er so reflektiert ist«, sagte sie. »Sie schaffen es, Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen, mit denen bestimmt viele ... in ihrer Situation ... zu kämpfen haben.«
Die braunen Augen sahen Tone an, aber Marta reagierte nicht auf das Lob.
»Sie haben so viele Kraftreserven«, fügte Tone hinzu. Und das meinte sie wirklich. So wirkte Marta Kristiansen auf sie. Die zierliche Frau gehörte nicht zu den Wohlhabenden dieser Gesellschaft. Die kleine Wohnung verstärkte diesen Eindruck noch. Viel Luxus gab es hier nicht. Aber die Frau besaß Würde und hatte ihr Teil dazu beigetragen, ihrer Familie ein würdevolles Leben zu schaffen. Bevor sie dieser unverdiente Schlag traf: Eines ihrer Kinder stand hinter dem schlimmsten Verbrechen, das ein Mensch begehen konnte, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen. Für diese Frau musste das die Niederlage ihres Lebens und der Grund zu lebenslanger Trauer gewesen sein.
»Wie kann ein Mensch mit so einer Niederlage leben?« Die Frage entschlüpfte ihren rotierenden Gedanken.
»Sie meinen meine Niederlage als Mutter? Oder seine Niederlage? Für ihn war es schließlich am schlimmsten.«
»Ich frage mich, wie Sie das als Mutter empfunden haben«, sagte Tone und vermied es, dass Wort Niederlage noch einmal in den Mund zu nehmen. »Er ist ja von allen verurteilt worden«, fuhr sie fort. »Während Sie selbst so viel mehr über ihn wussten ..., all das Gute, das Liebe.«
»Meine einzige Hoffnung ist, dass es ihm gelingt, sich ein lebenswertes Leben aufzubauen«, antwortete Marta kurz.
»Haben Sie sich nach seiner Entlassung oft gesehen?«, fuhr Tone fort.
»Wir haben uns häufiger getroffen. Er ist ein paarmal hier gewesen und ich habe ihn in seiner neuen Wohnung besucht.«
Marta Kristiansen war zu höflich, um Tone zu bitten zu gehen. Sie hatte klar zu verstehen gegeben, dass sie bei der Radiosendung nicht mitmachen wollte. Jetzt räumte sie weiter auf, ohne noch etwas zu sagen.
Tone verstand den Hinweis, sie konnte sie nicht länger bedrängen. Sie konnte sich nur noch für die Störung entschuldigen. Bevor sie ging, griff sie trotzdem nach dem letzten Strohhalm: »Wenn es so weit ist ..., ist es in Ordnung, wenn ich Ihren Brief in der Sendung vorlese? Ganz anonym, natürlich.«
Marta Kristiansen zögerte und Tone fügte schnell hinzu: »Sie brauchen mir nicht gleich zu antworten. Ich kann Sie anrufen, wenn es so weit ist.« Ein cleverer Schachzug, dachte sie. Er bot ihr eine neue Chance. Vielleicht bestand doch noch Hoffnung.
Die Tür war hinter ihr ins Schloss gefallen, und Tone war auf dem Weg die Treppe hinunter, als eine Etage tiefer eine Tür aufging. Die rundliche Frau, die ihr vor dem Haus begegnet war. Sie ging ein paar Schritte vor Tone her nach unten. In der Hand hielt sie einen Schlüssel, mit dem sie einen leeren Briefkasten öffnete.
»Es soll kälter werden«, sagte sie und drehte sich zu Tone um. »Das haben sie im Radio gesagt.« Sie zog die Jacke fester um sich, um deutlich zu machen, wovon sie sprach.
Tone verdächtigte sie, sie abgepasst zu haben. Aber sie war neugierig, was die Frau von ihr wollte, und blieb stehen. »Ja, der Winter steht vor der Tür«, sagte sie.
»Sie haben Marta besucht. Wie geht es ihr?«
»Gut, soweit ich weiß.«
»Ja, ja«, sagte die Frau finster. »Jetzt ist er wieder draußen.«
»Sie meinen den Sohn?«
»Ich habe ihn in der letzten Zeit ein paarmal gesehen.« Sie schüttelte den Kopf. »Was für eine hässliche Geschichte. Es hat mich total schockiert, dass er das getan hat. Und dann auch noch seine Frau. Sie wissen schon, da muss etwas klick gemacht haben.«
»Sie kannten ihn?«
»Atle hat als Junge schließlich hier gewohnt. Er war im gleichen Alter wie einer von meinen.«
»Mochten Sie ihn?«
»Ich hatte nichts an ihm auszusetzen. Aber man weiß eben nie, wie es in den Leuten aussieht, in ihrem tiefsten Inneren. Es war wohl die Eifersucht ...« Sie verschränkte die Arme vor der Brust, um zu zeigen, dass ihr langsam kalt wurde. »Wenn wir reden wollen, gehen wir besser hinein«, sagte sie und sah Tone abwartend an.
Tone hatte keinen Grund, mit ihr zu gehen. Sie tat es trotzdem. Diese Frau konnte ihr bei der Sendung nicht helfen, aber vielleicht hatte sie etwas zu erzählen.
Sobald sie zur Tür herein waren, wusste Tone, dass es ein Fehler gewesen war. Die Frau überfiel sie mit ihrer Redseligkeit. »Sie müssen die Unordnung entschuldigen, wenn ich gewusst hätte, dass ich Besuch bekomme ... Das passiert nicht oft, ja, ja, so ist das nun einmal ...« Langsam ging sie von der Diele ins Wohnzimmer. Die Wohnung war etwa so groß wie Martas. Aus der Küche kam ein strenger Geruch nach Kochfisch. Die Frau redete weiter: »Seit ich alleine bin ..., seit gut zwölf Jahren jetzt. Und von den Kindern bekomme ich auch nicht viel zu Gesicht. Meistens bleibt es beim Telefonieren. Ich habe zwei Jungen. Der eine ist ein hohes Tier beim Militär, der andere macht irgendwas mit Computern. So ist das heute. Ja, ja, ich bin froh, dass ich so alt bin, dass ich mich mit so etwas nicht mehr beschäftigen muss. Er lebt im Ausland. Ich habe Lasse erzählt, dass Atle wieder auf freiem Fuß ist. Die beiden haben viel zusammen herumgehangen ...«
Endlich kam sie auf ein interessantes Thema zu sprechen und Tone packte die Gelegenheit beim Schopf: »Hatten die beiden auch als Erwachsene noch Kontakt zueinander?«
»Ein paarmal haben sie sich wohl noch gesehen, nachdem sie hier ausgezogen sind. Bis das mit Lotte passiert ist. Seit dem Prozess haben sie nicht mehr miteinander gesprochen.«
»Seit dem Prozess?«, fragte Tone neugierig. »Was ist denn da passiert?«
»Lasse musste gegen ihn aussagen.«
»Warum denn das?« Tone stand am Fenster, sodass sie auf die Straße hinuntersehen konnte. Jetzt drehte sie sich um und sah ihre Gastgeberin, deren Namen sie nicht kannte, an.
»Er wusste etwas«, sagte sie unsicher. »Und man hat doch die Pflicht ...«
»Und das hat böses Blut gegeben?«, fragte Tone.
»Das können Sie sich doch denken. Aber wenn es um Strafsachen geht, hat jeder die Pflicht, die Wahrheit zu sagen«, entschuldigte sie ihren Sohn.
»Hat das ihr Verhältnis zu Marta Kristiansen beeinträchtigt?«
»Aus Marta wird man nicht so leicht klug.« Sie machte eine Pause. »Ich frage mich, wie es ihr jetzt wohl geht, wo er wieder draußen ist. Was hat sie denn gesagt?«
»Darüber haben wir kaum gesprochen. Ich habe sie aus einem anderen Grund besucht.«
»Aber sie hat es erwähnt?«
»Sie hat erzählt, dass er draußen ist, ja.«
»In der letzten Zeit habe ich ihn öfter kommen und gehen gesehen. Man weiß ja nicht, ob man sich noch sicher fühlen kann. So etwas wiederholt sich doch oft.«
Misstrauische Nachbarn gehörten für Menschen, die sich in der gleichen Situation befanden wie Marta Kristiansen, auch zum Alltag, dachte Tone. Schiefe Blicke und Vorurteile. Eine Verurteilung, die auch eine Mutter treffen konnte. Tone sah auf die Uhr und sagte, dass sie noch eine Verabredung habe.
Dunkelheit legte sich bereits über die Stadt, als sie mit schnellen Schritten zum Bahnhof ging.
Ein Auto schwenkte hinter Tone auf den Bürgersteig und parkte. Ein gutes Stück entfernt, doch nah genug, um sie nervös werden zu lassen. Sie musste sich zur Ruhe ermahnen. Es war sechs Uhr nachmittags und absolut normal, dass Autos am Straßenrand parkten. Aber niemand stieg aus. Spionierte ihr jemand nach? Atle Kristiansen? Plötzlich war der Gedanke da, und sie zählte zwei und zwei zusammen. Marta, die nicht reden wollte. Tone drehte sich nicht um. Normalerweise hatte sie um diese Tageszeit keine Angst, doch hatte sich in den letzten Tagen einiges geändert.
Torshov, Donnerstag, 18.30 Uhr
Die Musik schlug ihr entgegen, als sie die Wohnungstür öffnete. Bis zum Anschlag aufgedreht. Und kein Mensch zu sehen. Tone steuerte auf die Stereoanlage zu und drehte die Lautstärke herunter. Da tauchte Emma aus dem Bad auf. »Ist es verboten, Musik zu hören?«, fragte sie wütend.
»Es ist wohl kaum nötig, sie so laut zu stellen, dass du die Vögel draußen vertreibst«, sagte Tone und versuchte, ruhig zu bleiben.
Das war Wasser auf Emmas Mühlen. »Was für Vögel? Möwen? In dem Fall wäre es ein gutes Werk.« Sie stand mit nassem Haar in der kleinen Diele. Aus dem Bad dampfte es. »Ich wusste nicht, dass du heute kommst«, sagte sie. »Wolltest du nicht über das Wochenende in Budal bleiben?«
»Ich hatte einen Interviewtermin«, sagte Tone. Als müsste sie sich verteidigen. »Ich habe dir doch auf den Anrufbeantworter gesprochen.«
»Da müssen wir uns missverstanden haben«, sagte Emma und ging ins Wohnzimmer. Nicht dass sie selbst etwas missverstanden hatte. Nein, bestenfalls wurde die Schuld gleich verteilt.
»Ich habe nicht vor, das Wochenende über hier zu bleiben«, sagte Tone, obwohl sie genau das am liebsten getan hätte. Sie war enttäuscht, dass es ihnen so schwer fiel, normal miteinander zu reden. Im Grunde genommen war Emma ein liebes Mädchen. Tone war stolz auf sie. Sie war immer gut zurechtgekommen, in der Schule und mit Freunden. Sozial und in vieler Hinsicht gut geraten. Aber offensichtlich hatte sie es im Moment nicht leicht mit sich. Zu diesem Schluss war Tone gekommen. Nur aus diesem Grund klappte es zurzeit nicht zwischen ihnen.
»Sehr gut, ich erwarte nämlich Besuch«, sagte Emma. Ein wenig milder. Sie trug einen türkisfarbenen Bademantel. Eigentlich war ihr Haar blond wie das der Mutter. Aber seit einiger Zeit färbte sie es dunkel. Dunkelbraun mit roten Strähnen. Ihr Gesicht ist zu blass für so eine Haarfarbe, dachte Tone, war aber klug genug, dazu und zu einigen anderen Dingen ihre Meinung für sich zu behalten.
»Großmutter hat übrigens heute Nachmittag angerufen«, erklärte Emma.
»Wollte sie etwas Bestimmtes?«, fragte Tone. Immer auf der Hut, wenn es um die Eltern ging.
»Ich hatte den Eindruck, dass sie lange nichts mehr von dir gehört hat.«
»So lange ist das nun auch wieder nicht her«, sagte Tone und rechnete nach. Eine Woche. Oder eher zwei. Die Zeit verging so schnell. Seit sie pensioniert waren, waren ihre Eltern erheblich kontaktbedürftiger geworden. Sie nahm das schnurlose Telefon und wählte die Nummer der Eltern in Elverum. Pensionierte Lehrer, alle beide. Der Vater war vierundsiebzig, die Mutter einundsiebzig. Die Mutter nahm ab. Wie gewöhnlich. Die Redseligere der beiden. Sie begann über alles Mögliche zu reden. Über die restliche Familie. Was sie die letzten Tage gemacht hatten. Nach einer Weile folgten die zur Genüge bekannten Themen: dass die Zeit ihnen lang wurde. Dass nur noch Schrott im Fernsehen lief. Dass nur selten jemand vorbeikam. Tone versuchte einzuwenden, dass es doch genug anderes gab, womit man sich beschäftigen konnte. Alles eine Wiederholung früherer Gespräche. Tone versprach, bald vorbeizukommen. Sie mussten Vaters Fünfundsiebzigsten planen, sagte sie. Die Mutter antwortete, dass sie gar nicht so sicher sei, ob er eine Feier wolle. Das Gespräch endete damit, dass Tone sagte, sie müsse sich fertig machen. Sie wolle mit Irene und Liv-Helle, an die die Mutter sich doch bestimmt erinnere, ausgehen.
»Mir schlottern richtig die Knie«, sagte Tone. »Seit ich die Leiche gefunden habe, sind ein paar Dinge passiert, die ich mir nicht erklären kann.« Sie saß zusammen mit ihren Freundinnen Irene Eikeli und Liv-Helle Bardal in einer Kneipe in Tostrup. Nach ihrem Journalistikstudium hatten die drei Kontakt zueinander gehalten. Tone erzählte einen Teil dessen, was sie seit ihrem letzten Gespräch mit Irene erlebt hatte.
»Glaubst du, dass das Auto heute Nachmittag etwas mit dem Mord zu tun hat?«, fragte Liv-Helle skeptisch.
»Es kann auch mit dem Besuch bei Marta Kristiansen zu tun haben«, antwortete Tone. »Oder es ist einfach nur der Beweis, dass ich langsam paranoid werde.«
»Aber die offene Schuppentür und die fremde Restaurantquittung ... Vielleicht war an dem Tag, an dem der Mord in Lillehammer passiert ist, ein Fremder in Budal – oder in der Nacht«, sagte Irene. Sie dachte kurz nach. »Und gestern Abend hat jemand bei dir an die Tür geklopft?«
»Man sollte auch nicht überdramatisieren«, sagte Liv-Helle. »Aber du musst der Polizei alles sagen. Es besteht kein Grund, die Mutige zu spielen. Du kannst bestimmt eine Überfallmeldeanlage oder so etwas bekommen.« Sie klang wie eine Mutter. »Und deine Internetaktivitäten sind sicher auch nicht das Klügste«, fügte sie hinzu.
Der moralische Seitenhieb ärgerte Tone und ließ sie sich albern vorkommen. »Dabei geht es um eine Idee für eine Sendereihe«, sagte sie.
»Ich weiß, dass es damit angefangen hat, aber inzwischen ist doch wohl ein bisschen mehr daraus geworden«, wandte Liv-Helle ein. »Ich weiß nicht, was du damit bezweckst. Vielleicht bist du ja nur auf Sex aus?« Sie hatte es spaßig gemeint, ein Versuch, die Stimmung aufzulockern.
»Nicht eine der vier Verabredungen, die ich bis jetzt hatte, hat mit Sex geendet«, sagte Tone und ging auf den Spaß ein. »Aber einige Briefe sind schon ein bisschen heiß«, fügte sie hinzu.
»Heißt das, du hast mit Briefsex angefangen?«, fragte Liv-Helle trocken.
»Das wäre bestimmt nicht das Dümmste«, sagte Irene. »Jedenfalls ist das Safersex.« Sie lachte über ihren eigenen Kommentar.
»Sich durch das Schreiben und Lesen von Sexgeschichten befriedigen?«, Liv-Helle ließ den Gedanken auf sich wirken. »Na ja, kann mir schließlich egal sein«, sagte sie.
»Aber du hast Recht«, sagte Tone und sah Liv-Helle an. »Es ist nicht ungefährlich. Ich weiß schließlich nichts über die Männer, mit denen ich mich treffe. Fast nichts. Alles, was sie vor oder während der Verabredung erzählen, kann erfunden sein. Wir treffen uns als unbeschriebene Blätter und geben einander die Chance, als ganz andere Persönlichkeiten aufzutreten als die, die wir sind. Håkon Arfoss machte einen sympathischen Eindruck. Wir konnten gut miteinander reden. Aber dann habe ich herausgefunden, dass er vielleicht ein ganz anderer ist. Vielleicht sogar ein Mörder.«
»Und du bist sicher, dass jetzt nicht deine Paranoia mit dir durchgeht«, warf Liv-Helle ein.
»Genau das weiß ich nicht.«
Die dritte Flasche Wein kam auf den Tisch, Irene musste zur Toilette und Tone stellte fest, dass ihr Handy seit dem Besuch bei Marta Kristiansen ausgeschaltet war. Die Polizei in Lillehammer hatte eine Nachricht hinterlassen: »Jon Ruud, Polizei Lillehammer. Ich würde gerne mit Ihnen reden. Können Sie mich anrufen, sobald Sie diese Nachricht bekommen. Es ist Donnerstagnachmittag, zwanzig nach fünf.« Kurz und bündig. Was wollte er von ihr? Aber es war zu spät, um zurückzurufen.
Es war nach eins, als Tone vor der Wohnung in Torshov aus dem Taxi stieg. Sie hielt den Türschlüssel in der rechten Hand bereit. In dem Moment, als das Taxi wieder auf die Straße bog, spürte sie die gleiche Angst wie am Nachmittag. Ein Auto parkte ein Stück weiter auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Scheinwerfer waren ausgeschaltet, aber der Motor lief. Die Meter bis zum Hauseingang wurden ihr lang. Folgte ihr jemand? Sie wollte den Schlüssel ins Schloss stecken, aber er passte nicht. Der Schlüssel passte nicht mehr zu der Tür! Das Gefühl, verfolgt zu werden, nahm ihr den Atem. Sie versuchte es noch einmal. Nichts. Sekunden verstrichen. Endlich. Der Schlüssel steckte, sie konnte ihn umdrehen und hineinschlüpfen.
Als sie drinnen hinter der geschlossenen Tür stand und durchatmete, begriff sie, dass niemand sie verfolgt hatte. Der Hinterhof war menschenleer.
In der Wohnung waren fast alle Lampen aus. Emma schlief bestimmt, dachte sie. Auf dem Sofa im Wohnzimmer war ein Bett für sie gemacht. Sie ging zum Fenster und spähte durch einen Schlitz in der Gardine hinaus, sah, wie das Auto gerade anfuhr. Hätte sie sich mit Autos besser ausgekannt, hätte sie vielleicht die Marke erkennen können. Sie musste sich schlau machen, was Automarken anging.
Als Tone unter der Bettdecke lag, starrte sie in den dunklen Raum. War sie jetzt völlig paranoid oder beobachtete sie wirklich jemand?
Marienlyst, Freitag, 19. Oktober, 10.30 Uhr
Die tote Frau vom Mesnaelva hatte einen Namen bekommen: Sofie Lyse. Er stand auf der Titelseite der Zeitung, die vor Tone auf dem Schreibtisch lag.
In einer Stunde würde die Sendung über das Singletreffen ausgestrahlt werden. Vorher musste Tone noch ihren Beitrag für die Reihe über Schlankheitskuren redigieren. Wenn sie finanziell mit einem halben Job klarkommen wollte, musste sie zumindest die freiberuflichen Aufträge erfüllen, die sie zugesagt hatte. Deshalb hatte sie am Vortag auf dem Rückweg von Oslo in dem Fitnessstudio vorbeigeschaut, das es sich zur Aufgabe gemacht hatte, ihre Figur zu formen. In Zusammenarbeit mit ein paar anderen Journalisten sollte sie verschiedene Methoden testen, die einen schlankeren Körper versprachen. Aus einem kritischen Blickwinkel heraus. Tone rechnete damit, auch nach beendeter Kur noch alle ihre Kilos drauf zu haben, aber man durfte hoffen.
Jetzt wollte sie erst einmal lesen, was die Zeitungen über den Mord schrieben. Die, die vor ihr lag, brachte drei Seiten über den Fall Sofie. Die Polizei suchte nach Bekannten der Toten, die sich am Dienstag in der Gegend um Lillehammer aufgehalten haben könnten. Der Artikel enthielt bereits bekannte Informationen, aber auch einige neue. Lyse hatte Freunden gegenüber erwähnt, dass sie am Samstagabend nach Oslo wollte, um sich dort mit einem Mann zu treffen, den sie im Internet kennen gelernt hatte. Niemand kannte den Namen des Mannes. Seitdem hatte keiner der Freunde mehr etwas von ihr gehört oder gesehen. Niemand hatte eine Erklärung dafür, warum sie später nach Lillehammer gefahren war.
Im Internet? Tone hielt im Lesen inne. Der Gedanke war plötzlich da: Sie und die tote Frau hatten zwei Dinge gemeinsam. Sie waren zur selben Zeit im Wald gewesen und sie hatten über das Internet Kontakt gesucht. Hatten sie sich auch mit demselben Mann getroffen?
Der Name Sofie Lyse sagte ihr nichts. Doch wenn sie das Bild betrachtete, hatte sie wieder das Gefühl, die Frau zu kennen. Es war etwas unscharf, offensichtlich aus einem Foto, auf dem noch andere Personen abgebildet waren, herausgeschnitten und stark vergrößert worden.
Die siebenunddreißigjährige Sofie Lyse aus Gran war geschieden und wohnte allein, las sie. Keiner der Nachbarn erinnerte sich, sie in den letzten Tagen gesehen zu haben. Sie hatte am Freitag ganz normal gearbeitet und hätte anschließend nach Hause fahren sollen. Es war bekannt, dass Lyse sich in den letzten Monaten mit mehreren Männern getroffen hatte, die sie im Internet kennen gelernt hatte. Die Polizei hatte ihren PC sichergestellt und wollte ihre E-Mails durchgehen, auf der Jagd nach Namen und anderen Informationen. Die Autopsie ergab nichts, was auf einen sexuellen Missbrauch schließen ließ.
Der Exmann von Sofie Lyse wohnte in Oslo. Er hatte der Polizei erklärt, seit ein paar Jahren keinen Kontakt mehr zu seiner ehemaligen Frau gehabt zu haben. Über einen Streit zwischen den früheren Ehepartnern war nichts bekannt.
Die Zeitung brachte auch einen größeren Beitrag über die Partnersuche im Internet und die entsprechenden Websites. Zitate von Paaren, die sich auf diese Weise gefunden hatten. Informationen über Kontaktanzeigen und Agenturen. Leute, die sich der Internetseiten und der entsprechenden Firmen bedienten, hatten nichts zu befürchten, hieß es. Anonymität sei gewährleistet, die Teilnehmer entschieden selbst, ob sie ihre Identität preisgeben wollten. Ein Interview mit dem Redakteur einer Website, der erklärte, dass die Kontaktsuche über das Internet völlig ungefährlich sei. – Wir bekommen Rückmeldungen von Leuten, die dank unserer Website das Glück gefunden haben, sagt er. – Nicht eine einzige Klage ist eingegangen, dass jemand sich bedroht gefühlt hat ...
Tone war wütend auf sich selbst, weil sie ihr eigenes Wissen über den Fall journalistisch nicht verwertet hatte. Sie wünschte, sie würde in der Nachrichtenredaktion arbeiten. Sie hatte genug exklusive Informationen für ein paar interessante Beiträge. Sollte sie den Kollegen einen Tipp geben? Vorläufig nicht, entschied sie. Sie wollte lieber darüber nachdenken, ob sie das Material nicht selbst nutzen konnte.
Ihr Verdacht bezüglich der Restaurantquittung hatte sich bestätigt. Am 3. Oktober hatte Tone das erste Interview für die neue Dokumentarreihe gemacht. Mit einer verzweifelten Mutter, die vor zwei Jahren miterleben musste, wie ihr Sohn zum Mörder wurde. Anschließend war Tone nach Hause in die Wohnung in Torshov gefahren. Im Restaurant war sie nicht gewesen.
Marienlyst, Freitag, 11.30 Uhr
Tone Tarud gehörte im System des norwegischen Rundfunks einer aussterbenden Rasse an. Sie machte Talkshows. Im Radio, wohlgemerkt. Das war das Besondere. Im Fernsehen war das an der Tagesordnung, doch im Radio war es altmodisch. Die Leute waren überfordert, wenn der Kommentar länger als vier bis fünf Minuten dauerte. Das war jedenfalls die Theorie. Deshalb konnte Tone nicht damit rechnen, dass der Durchschnittshörer ihre Sendungen mitbekam.
Gleich würde die Reportage über das Singletreffen im Hotel Hedemarken ausgestrahlt werden. Tone hatte die Aufnahme für die Sendung vor zweieinhalb Wochen, am letzten Septemberwochenende, gemacht. Die Annoncen, die jeden Donnerstag in den Lokalzeitungen erschienen, hatten sie auf die Idee gebracht. Sie wandten sich mit Party- und Tanzveranstaltungsangeboten an Singles. Die Sendung sollte herüberbringen, wie es sich anfühlte, Single, im besten Alter und auf der Jagd nach dem Glück zu zweit zu sein. Sollte die Hoffnung vermitteln, dieses auf einer Tanzveranstaltung mit Gleichgesinnten zu finden.
Tone war sich auf der Veranstaltung wie eine Heldin vorgekommen. Nicht weil sie mutig war, sondern weil sie sich so bloßgestellt fühlte. Sie hatte geplant, als ganz normaler Single hinzugehen und zu sehen, wie man sich als solcher fühlte, auf der Pirsch und mit diversen Erwartungen. Das beinhaltete, dass auch andere sie als Single auf Männersuche betrachteten. Sie wollte diese Insidererfahrung machen und das Ganze aus dieser Sicht darstellen. Für sie war das ein harter Auftrag. Zu hart, wie sie feststellen musste, als sie in dem Tanzlokal stand. Die Rolle eines Kontakt suchenden Singles im Internet einzunehmen war eins, doch diese Situation war etwas anderes. Sie schaffte es nicht, das durchzustehen, und klammerte sich stattdessen an das Aufnahmegerät.
Zuerst hatte sie eine der Veranstalterinnen interviewt. Linn Haldorsen war eine kleine, gedrungene Dame um die fünfzig, die Energie versprühte. Ihr ganzes Gesicht war ein einziges großes Lächeln. Als Tone sie nach der Idee hinter der Veranstaltung fragte, antwortete Linn, dass sie selbst absolut tanzbesessen sei. Aber Ehepaare und Liebespaare wollten immer nur miteinander oder mit Partnern von anderen tanzen, sagte sie. Deshalb hatte sie zusammen mit einer Freundin beschlossen, Singletreffs zu organisieren. Der Gedanke war einfach der, dass die Leute jemanden fanden, mit dem sie tanzen konnten.
Es war leicht, mit Linn Haldorsen zu reden, nur sprach sie nicht über das, was Tone am meisten interessierte. Über die Erwartungen. Über die Hoffnung, jemanden zu treffen, mit dem man mehr als ein paar Tänze teilen konnte. Eine der Annoncen, die Tone ausgeschnitten hatte, zierte eine Wurfscheibe mit einem Pfeil, der genau ins Schwarze traf. Sie sagte ihr Teil darüber aus, was die Leute erwarteten.
Die Sendung begann mit der von ihr aufgenommenen Tanzmusik. Nach fünfzehn bis zwanzig Sekunden wurde sie leiser und die Stimme von Svein-Åge Sule erklang: »Die Hoffnung ist doch die, dass ich eine Frau finde, weil ... das Leben ohne Frauen ein bisschen einsam ist. Es ist schön, jemanden zu haben, mit dem man alles teilen kann. Ohne Frau ist es einsam auf einem Hof. Ohne sie gibt es keine Kinder. Niemanden, der alles weiterführt. Die Alten sind ja eines Tages nicht mehr da. Und man steht mit allem alleine da. Das hat keine Zukunft, wissen Sie ...«
Svein-Åge war zusammen mit einem Freund aus Valdres zu der Tanzveranstaltung gekommen. An den Wochenenden besuchten sie oft solche Veranstaltungen, erzählten sie. Sule war Anfang fünfzig, schätzte sie. Ein wenig füllig, aber nicht dick. Eher kräftig. Er hatte blondes, lockiges Haar und ein rundes Gesicht. Er trug seinen Sonntagsanzug und roch stark nach Rasierwasser. Seine Schlichtheit und Aufrichtigkeit rührten Tone. Keine Spur von Prahlerei.
Danach kam die weibliche Hauptperson zu Wort: »Zu so einem Treffen kommt man schon mit einigen Erwartungen, es kann ja sein, dass sich etwas ergibt. Obwohl man mehrere Beziehungen hinter sich hat, ist man auf der Suche. Das muss ich schon zugeben.«
Als Tone die Sendung jetzt hörte, ärgerte sie sich, dass sie das unpersönliche ›man‹ nicht durch ›ich‹ ersetzt hatte. Leider war ihr das während der Aufnahme nicht aufgefallen. Anne Lomen fiel das Erzählen leicht. Tone war auf Anne und ihre Freundin gestoßen als sie, jede mit einer Zigarette in der Hand, dasaßen und lange Blicke auf die Tanzfläche warfen. Die eine war dunkel, die andere blond. Die Dunkle hatte braune Augen und war kräftig gebaut, die Blonde zierlich. Die Blonde machte ihr klar, dass sie an einem Interview nicht interessiert war, und ignorierte Tone daraufhin. Die Dunkle war entgegenkommender. Fand, dass nichts dabei war.
Ihre Freundin hatte nur gleichgültig mit den Schultern gezuckt und sich eine neue Zigarette angezündet, während die Dunkle sich bereit erklärte, auf die Fragen zu antworten. Auf der Tanzfläche war die Blonde gefragter. Svein-Åge Sule war einer derjenigen, die über die Tanzfläche kamen und sich vor ihr verbeugten.
Tone sah Sule vor sich, wie er mit der Blondine vorbeischwebte. Sein Gesicht war konzentriert und glänzte vor Schweiß. Seine Tanzpartnerin sah starr vor sich hin. Sie war attraktiv, sah aber ungesund aus und etwas verlebt.
Irgendetwas dämmerte Tone. Die Frau, die sie hier sah, hatte Ähnlichkeit mit einer anderen, die sie heute in den Zeitungen gesehen hatte. Und an dem Fluss. Die tote Frau. Deshalb war sie ihr bekannt vorgekommen. Es war die Freundin von Anne Lomen, den Namen hatte sie sich auf der Tanzveranstaltung nicht gemerkt. Nun wusste sie ihn. Sofie Lyse. Die Frau hatte mehrere Tänze mit Sule getanzt.
»Gibt es so etwas wie Romantik auf diesen Tanzveranstaltungen? Ist Amor mit seinen Pfeilen unterwegs?«, Tone hörte ihre eigene Stimme. Die Frage war an Svein-Åge gerichtet.
»Das kommt vor ...«, sagte Svein-Åge verlegen. Tone erinnerte sich, dass er zu seinen Kameraden geschielt hatte, als er das sagte.
»Erzählen Sie«, munterte sie ihn auf. »Erzählen Sie von den romantischen Erlebnissen.«
»In den letzten Jahren habe ich zwei, drei Frauen kennen gelernt, mit denen ich mich öfter getroffen habe.«
»Und die haben Sie beim Tanzen kennen gelernt?«
»Ein paar von ihnen ...«
Sie hatte wenig Konkretes erfahren, weil einer der vorwitzigen Kameraden eingegriffen und Sule aufgefordert hatte, von der letzten Berta zu erzählen. Der Kommentar hatte bei dem Rest der Gruppe für Heiterkeit gesorgt. Der Vorwitzige hatte Tone angesehen und mit den Händen etwas illustriert, was wohl die Körperformen der besagten Frau sein sollten. »Ja, wenn es nach ihr gegangen wäre, wäre der arme Svein-Åge jetzt ein verheirateter Mann«, hatte er gesagt, und Tone hatte auf den Pausenknopf gedrückt. Das war nicht für die Aufnahme geeignet.
Tone konnte sich nicht länger auf die Sendung konzentrieren. Sie nahm die Stimmen wahr, ihre eigenen Kommentare. In Gedanken war sie bei jenem Abend. War da noch mehr passiert, woran sie sich erinnern müsste?
Da war noch ein anderer Mann gewesen, der Interesse an Sofie Lyse gezeigt hatte. Als Tone am späteren Abend die Tanzenden beobachtete, hatte plötzlich ein Mann vor ihr gestanden und sie aufgefordert. Er war dunkel und kräftig gebaut. Das bemerkte sie, als sie zu tanzen begannen. Sie hatte ablehnen wollen, aber keine brauchbare Entschuldigung gefunden. Außerdem sah er nicht übel aus, ganz im Gegenteil. Sie tanzten einen Gesellschaftstanz. Er tanzte nicht besonders gut und es war anstrengend, ihm zu folgen. Im Gegensatz zu den Männern aus Valdres war er nicht frisch rasiert. Er trug auch nicht seinen Sonntagsanzug, sondern eine schwarze Samthose und eine dunkelgraue Jacke. Ein etwas lässigerer Stil, der der Situation im Grunde genommen angemessener war. Er sagte nichts, wirkte eher abwesend und desinteressiert. Machte nur die Schritte, die nötig waren, dass ein Tanz daraus wurde. Tone fragte sich, warum er sie überhaupt aufgefordert hatte.
»Sind Sie oft auf solchen Veranstaltungen?«, hatte sie ihn gefragt, nur um etwas zu sagen.
»Nicht sehr oft«, antwortete er, ohne ihrem Blick zu begegnen. Und Sie?, hätte er fragen können. Aber das tat er nicht. Sie hätte ihm gerne erzählt, dass sie hier war, um eine Radiosendung zu machen. Vielleicht könnte sie ihn interviewen? Sie beschloss zu warten und zu sehen, ob er noch einmal mit ihr tanzen würde.
»Sollen wir noch einmal?«, fragte sie deshalb, als die Musik zu Ende war.
»Gerne«, antwortete er. Aber sein Blick suchte noch immer das Lokal ab. »Sind Sie mit ihm zusammen hier?«, fragte er plötzlich und nickte in eine Richtung. Tone folgte seinem Blick. Er musste Svein-Åge meinen, der auf dem Weg zum Ausgang war.
Tone lächelte vor sich hin. Obwohl er glaubte, dass sie nicht allein hier war, hatte er die Chance ergriffen, sie aufzufordern. Sie hatte nichts dagegen, er gehörte bestimmt zu den Besseren, die man auf so einer Veranstaltung treffen konnte. Vielleicht war das doch nicht der schlechteste Ort, nach dem Glück zu suchen?
»Ich arbeite an einer Radioreportage«, sagte sie. »Den Mann, den Sie gesehen haben, habe ich interviewt. Vielleicht können wir uns auch unterhalten?«
»Worüber?«
»Warum man zu diesen Veranstaltungen geht ..., über die Erwartungen ...« Tone fühlte sich unsicher. Die Idee schien zu schrumpfen und ganz klein zu werden. Als wäre das, womit sie sich beschäftigte, idiotisch.
»Ich denke, da bin ich nicht der Richtige«, sagte er trocken. Woraufhin ihr ihr Vorhaben noch idiotischer vorkam und sie nichts mehr sagte. Als der Tanz zu Ende war, bedankte er sich höflich. Er habe eine Bekannte gesehen, mit der er reden müsse, sagte er. Kurz darauf sah sie ihn mit der Blondine auf der Tanzfläche.
Hatten die beiden lange getanzt? Tone konnte sich nicht daran erinnern. Sie hatte damals nicht weiter darauf geachtet. Sie konnte sich auch nicht erinnern, ob sie die beiden später am Abend zusammen gesehen hatte. Stattdessen tauchte eine weitere Erinnerung an Sofie Lyse auf.
Nachdem Tone mit allen Aufnahmen fertig war, war sie zum Auto gegangen, um zu überprüfen, ob alle Interviews und Hintergrundgeräusche in Ordnung waren. Es war schon nach ein Uhr nachts und sie wollte nach Hause, vorher aber noch ihren beiden Hauptpersonen Gute Nacht sagen.
Während sie auf die Eingangstür zulief, tauchte die blonde Freundin von Anne Lomen auf. Tone hatte den Eindruck, dass auch sie aus einem Auto kam. Trotz der Dunkelheit sah Tone, dass sie aufgeregt war, vielleicht sogar geweint hatte. Drinnen verschwand sie auf der Toilette. Tone ging in den Tanzsaal und wechselte ein paar Worte mit Anne. Svein-Åge konnte sie nirgends sehen. Schließlich ging sie, ohne noch einmal mit ihm gesprochen zu haben. Auf dem Weg zu ihrem Auto spähte sie in die Richtung, aus der die Frau gekommen war. In einem der Autos, an denen sie vorbeikam, sah sie die Silhouette eines Mannes hinter dem Lenkrad.
Wer war dieser Mann? Darüber machte sie sich jetzt Gedanken. Nachdem sie die blonde Frau in der Felsspalte gefunden und in das tote Gesicht gesehen hatte.
Jetzt gab es noch mehr, wovon Tone die Polizei in Kenntnis setzen musste. Jon Ruud hatte sie am Vorabend angerufen, um mit ihr zu reden. Hatte er Neuigkeiten? Sie hatte die tote Frau vorher schon einmal gesehen. Jetzt musste sie nachdenken, alle Aspekte durchgehen und herausfinden, welche Fäden in dem Durcheinander zusammenliefen. Vielleicht gar keine. Bestand zum Beispiel eine Verbindung zwischen Håkon Arfoss und der Tanzveranstaltung?
Sie spürte ein leichtes Zittern im Körper. Das mochte daher rühren, dass sie nicht richtig gefrühstückt hatte. Von einem Knäckebrot konnte man nicht stundenlang leben. Vielleicht sollte sie eine Kleinigkeit essen? Nein, erst musste sie ihre Gedanken sortieren. Sie holte Stift und Papier heraus und schrieb: Tanzveranstaltung am 29. September. Sofie Lyse hat mehrere Tänze mit Svein-Åge Sule aus Valdres getanzt. Später mit einem Dunkelhaarigen. Wahrscheinlich mit einem unbekannten Mann im Auto geredet. Am 16. Oktober tot aufgefunden. Ermordet. Håkon Arfoss in der Nähe der Fundstätte gesehen. Arfoss war nicht auf der Tanzveranstaltung gewesen. Jedenfalls hatte sie ihn dort nicht gesehen.
Tone nahm den Hörer ab und wählte die Nummer der Polizei. Ihre Hände waren klamm.
»Polizei«, sagte eine Stimme am anderen Ende. Sie bat, mit Jon Ruud verbunden zu werden. Bei ihm sei besetzt, lautete die Antwort. Also begnügte sie sich damit, eine Nachricht zu hinterlassen.
Anne Lomen musste mehr wissen, dachte sie und suchte nach ihrer Telefonnummer. Auf ihrer Arbeitsstelle erfuhr sie, dass Anne außerhalb zu tun hatte und kaum vor Geschäftsschluss zurück sein werde. Auf dem Handy antwortete ihr nur die Mailbox und Tone hinterließ ihr eine kurze Nachricht.
Anschließend versuchte sie es bei Svein-Åge Sule. Nach dem zweiten Klingelzeichen nahm er ab. Sie fragte ihn, ob er die Sendung gehört habe.
»Leider nicht. Ich war mit etwas anderem beschäftigt«, antwortete er ohne große Begeisterung. »Aber wird sie nicht wiederholt?«
Tone gab ihm die Wiederholungszeiten, lobte seinen Beitrag und sagte, dass das Ergebnis ihrer Meinung nach gut geworden war. »Aber ich bin neugierig, wie der Abend geendet hat«, tastete sie sich vor. »Sie haben vor allem mit einer Frau getanzt ...«
»Ach das ... Mehr ist da nicht draus geworden«, sagte er zögernd. »Aber im Moment bin ich beschäftigt und habe keine Zeit ...«
»Ich wollte Sie nicht stören«, unterbrach Tone ihn entschuldigend. »Ich wollte nur hören ..., ja, wie Ihnen die Sendung gefallen hat ...«
»Ich verspreche, mir die Wiederholung anzuhören«, sagte er, bevor er auflegte.
Was hatte sie erwartet? Dass er drauflosreden würde in dem unbändigen Drang, alles bis ins kleinste Detail zu erzählen? Jetzt hatte sie noch mehr Fragen: Wusste er, dass die Frau, die ihm auf der Tanzveranstaltung so gut gefallen hatte, tot war? War er deshalb so kurz angebunden und desinteressiert gewesen? Ein Gedanke führte zum anderen. Bis sie sich selbst Einhalt gebot. Es war in Ordnung, der Fantasie freien Lauf zu lassen, aber die Situation vertrug nicht noch mehr Kriminalgeschichten. Sie war bereits nervös genug. Die Uhr zeigte zwei Minuten vor drei und sie schaltete das Radio an. Die Nachrichten brachten nichts Neues über den Todesfall.
Anne Lomen rief knapp eine halbe Stunde später zurück. Sie hatte die Sendung nicht gehört, weil so viel passiert war, sagte sie.
»Ja?« fragte Tone.
»Sie erinnern sich bestimmt, dass ich mit einer Freundin auf der Tanzveranstaltung war. Mit Sofie. Wissen Sie, was passiert ist?«
»Nein«, antwortete Tone, in der Hoffnung, weitere Informationen zu bekommen.
»Sie haben doch sicher von dem Mord in Lillehammer gehört? Die Tote ist Sofie.« Die dramatische Enthüllung hing eine Weile zitternd in der Luft, bevor sie hinzufügte: »Ich habe gerade mit der Polizei gesprochen.«
»Sofie Lyse«, sagte Tone. »Ich habe den Namen an dem Abend nicht mitbekommen. Aber als ich das Bild in der Zeitung sah, hatte ich den Eindruck, sie zu kennen. Weiß die Polizei mehr? Über den Mord ..., den Mörder?«
»Soweit ich erfahren habe, nicht. Sie setzen sich mit allen in Verbindung, die sie gekannt haben. Gestern habe ich auch schon mit ihnen geredet. Es ist einfach schrecklich.« Annes Stimme zitterte.
»Das muss schlimm für Sie sein«, sagte Tone. »Haben Sie sie gut gekannt?«
»Wir waren Freundinnen. Eigentlich haben wir uns erst in den letzten Jahren häufig gesehen, obwohl wir im selben Dorf aufgewachsen sind.«
»Haben Sie nach dem Tanzabend noch einmal mit ihr gesprochen?«
»Wir arbeiten ja beide im Einkaufszentrum, auch wenn wir uns dort nicht jeden Tag sehen. Am Freitag habe ich zum letzten Mal mit ihr telefoniert.«
»Und da war alles in Ordnung?«, fragte Tone, weil ihr nichts Besseres einfiel.
»Sie wollte sich am nächsten Abend mit einem Mann treffen.«
»Wissen Sie, mit wem?« Die Frage erschien Tone selbst etwas unverfroren, deshalb fügte sie hinzu: »Die Zeitungen haben von einem Mann geschrieben, den sie über das Internet kennen gelernt hat. Aber ich muss gerade an die Männer auf der Tanzveranstaltung denken. Ich frage mich, was an dem Abend passiert ist.«
»Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, mit wem sie verschwunden ist. Sie wollte es mir nicht sagen. Das heißt ..., sie hat gesagt, dass sie einen alten Bekannten wiedergetroffen hat, mit dem sie nach Hause gefahren ist. Sie fühlte sich nicht gut, hat sie gesagt. Wir hatten eigentlich vor, in dem Hotel zu übernachten, aber sie ist dann doch nach Hause gefahren. Das hat mich ehrlich gesagt ein bisschen gewundert. Denn es schien ihr den ganzen Abend gut zu gehen.«
»Aber dass sie ermordet worden ist!«, sagte Tone und wartete eine Weile. »Gab es jemanden, der ihr möglicherweise den Tod wünschte? Und der zu so etwas fähig wäre? Einen Exmann ..., einen Geliebten ..., irgendwas in der Richtung?«
»In ihrem Leben hat es viele Männer gegeben. Vor allem im letzten halben Jahr, seit sie mit dem Chatten angefangen hat. Sie hat es auch auf anderem Weg versucht, mit Anzeigen, Partnervermittlungen ...«
»Wissen Sie, ob Sofie unangenehme Erfahrungen dabei gemacht hat?«, fragte Tone mit dem Gefühl, sich zu wiederholen.
»Nein«, sagte Anne gedehnt.
»Natürlich, der Täter kann ja ein völlig Fremder gewesen sein. Und ihre Freundin die Unglückliche, die zur falschen Zeit am falschen Ort war.«
In dem Moment, in dem Tone die Worte ausgesprochen hatte, begannen ihre Hände zu zittern. Plötzlich ging ihr die Tragweite ihres Erlebnisses auf. Wäre sie am Dienstag nur eine halbe Stunde früher dran gewesen, wäre vielleicht sie zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.
Darmowy fragment się skończył.