Czytaj książkę: «NACHT ÜBER DUNKELHEIT»
M. D. REDWOOD
NACHT ÜBER DUNKELHEIT
Ein Junge in dunklen Wassern
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Kapitel: Drachenchaos
2. Kapitel: Alles im Eimer
3. Kapitel: Leidige Diskussionen
4. Kapitel: Hochzeit, Krönung, Streit
5. Kapitel: Vor dem Spiegel
6. Kapitel: Die Floßfahrt
7. Kapitel: Dungeons
8. Kapitel: Sommerabenteuer
9. Kapitel: Im Waisenhaus
10. Kapitel: Strafe muss sein
11. Kapitel: Der Dorfschulmeister
12. Kapitel: Der Auftrag
13. Kapitel: Die Schmiede
14. Kapitel: Abreise
Impressum neobooks
1. Kapitel: Drachenchaos
Nacht über Dunkelheit
Ein Junge in dunklen Wassern
M. D. Redwood

Impressum
Texte: © Copyright by Marc Daniel Redwood
Umschlag: © Copyright by Michael Faulhaber
Verlag: Michael Faulhaber
Hauptstraße 19
76829 Leinsweiler
michael.faulhaber@carbisfilm.com
Druck: epubli, ein Service der
neopubli GmbH, Berlin
Printed in Germany
Die Karawane von Reitern folgte der breiten Straße entlang des Stroms nach Südosten. Das Pflaster war mit dem ersten Herbstlaub übersät. Eine Brise spielte mit den roten und gelben Blättern am Boden. Das Laub dämpfte das Klappern der Hufe deutlich, was den Männern aber nicht ungelegen kam, da sie durch das Auental ritten. Einem Ort, in dem man besser den Geräuschen der Umgebung lauschte, statt selbst Welche zu machen. Die weitläufige Ebene mit ihren Hügeln und Wäldern zwischen den Weißen Bergen, sowie dem Hochland von Horizont im Osten und dem Gebirge um die Hauptstadt Großbergen im Westen war vom Großen Strom über Jahrtausende quer durch die Landschaft gegraben worden. Der Fluss dominierte mit seinen weiten Meanderschleifen und Inseln noch immer die Region. Sie bot zahlreichen Kreaturen Unterschlupf von denen viele sehr gefährlich waren. Die meisten Dämonen hausten jenseits des Stroms, wie auf den sogenannten Isles of terrified swamps, der Heimat des Basher-Klans. Großherzog Siegmund hatte die Dämonen bereits vor Jahren vom Westufer vertrieben. Dennoch war die Reise riskant, denn eine Sippe von Drachen streifte durch diese Gegend. Sie nutzten, seit Beginn der Aufzeichnungen im Großherzogtum, den Landstrich als Jagdrevier. Dabei wanderten die Drachen vom Flachland am Südende der Ebene bis hinauf zu den Eisbergen, wo die Festung Starkenberg lag und der Schwarze Magier seinen Sitz hatte. Das Auental war daher liebevoll Land der Angst getauft worden, sehr zum Gefallen des Schwarzen Magiers. Auf jeden Fall war es ein passender Begriff. Denn die Bewohner hatten die Angewohnheit stets einen leicht nervösen Blick über die Schulter zu werfen, wenn jemand nur eine Tür zuschlug. Warum die Menschen dort blieben war einfach: das Land war sehr fruchtbar und geschützt von den harten Wintern ringsum.
Die Brise offenbarte die leichten Rüstungen der Reiter unter ihren dunkelroten Gewändern mit dem Wappen von Starkenberg darauf. Ein schwarz-grauer Doppelstreifen zweiteilte das goldfarben gekrönte Rundbogenschild. Der Doppelstreifen versinnbildlichte eine Schwertklinge. Die obere Hälfte nahm etwa zwei Drittel ein und bildete das Wappentier Starkenbergs auf rotem Grund ab. Es war ein grüner Drache auf zwei Beinen, der Feuer spuckte. Die untere Hälfte zeigte ein dunkelgraues Hufeisen auf blauem Grund. Im Rundbogen machte bei den meisten ein rotes, sanduhrförmiges Zeichen, ihre Zugehörigkeit zur Achten Armee des Großherzogtums deutlich.
Das Regiment umfasste etwa zweihundert Reiter, an deren Spitze ritt ein großer, schwarzhaariger Mann in einem dunkelroten Umhang, mit gelbem Innenfutter. Darunter trug er eine tintenblaue Weste auf seinem weißen Leinenhemd. Seine Hosen waren so tiefschwarz wie sein Hengst und dessen Sattel. Sowohl der breite Gürtel mit Goldschnalle, als auch seine Reiterstiefel waren aus robustem, schwarzen Leder gefertigt. Großherzog Siegmund war über zwei Meter groß, mit breiten Schultern und dicken Muskeln, die auch für zwei Männer mehr als ausreichend gewesen wären. Das schwarze Haar war im Vollhelm kaum zu erkennen, dafür aber die Hakennase, da Siegmund das Visier offen hatte. Er ritt in leichter Montur, das Kettenhemd unter der Weste und mit einem langen Zweihänder-Schwert auf dem Rücken. Am linken Arm hatte der Siebenundzwanzigjährige ein breites Dreiecksschild, dass zwar sein Wappen zeigte, ansonsten aber von den Schildern seiner Männer deutlich abwich. Zum einen war es etwas größer, zum anderen die Oberfläche aus purem Silber gefertigt. Lediglich das Wappen war aus Gold und verschiedenen Goldlegierungen darauf geschmiedet. Das polierte Schild glänzte wie ein Spiegel in der Abendsonne, die noch über den Bäumen des Waldes stand.
Dicke Buchen und Eichen dominierten den Forst, dazwischen wuchsen einige Linden, Ulmen und viele Esskastanien. Zum Fluss hin machten sich die Erlen breit. Im Schatten des üppigen Blattwerks gediehen Moose und Farne. Das Unterholz war so dicht bewachsen, dass man nur wenige Stämme weit in den Wald hineinsehen konnte. Der Geruch warmen Wassers lag in der Luft und zwischen den Geräuschen der Pferde gluckste der Strom leise vor sich hin.
Plötzlich raschelte es im Unterholz zur Rechten des Zuges. Siegmund ließ Schwerter ziehen, indem er wortlos sein Eigenes zog. Die Reiter stoppten und sammelten sich um ein weißes Fuhrwerk, das sich mitten in der Karawane aufhielt. Es war ein gut verstärkter Reisewagen mit einem Tonnendach aus Holz. Über die Latten spannte sich eine genietete Lederhaut, um das Dach wetterfest zu machen. Das Holzgerüst des Zweiachsers war jedoch nicht mit Leder bespannt, sondern von außen und innen mit Dielen beplankt. Das Fuhrwerk sollte einem Angriff standhalten können, denn seine Fracht war wertvoll. Aus diesem Grund war auch der Wagenbock an der Seite hoch beplankt, bevor er in einem Handlauf für den Fuhrmann endete. Sehr große, rote Holzspeichenräder sorgten für eine bessere Geländegängigkeit, da die Wege im Großherzogtum nicht überall gleich gut und bei Auslandsreisen die Straßenverhältnisse unberechenbar waren. In der rechten Außenwand hing ein weißer Seidenvorhang vor dem Fenster, der nicht zu viel Licht wegnehmen sollte. Auf der linken Seite war die geschlossene, rechteckige Tür mit einem goldenen Griff. Die weiße Fläche zierte das aufgemalte großherzogliche Wappen. Vier braune Stuten zogen das Gespann, welches ein erfahrener Fuhrmann steuerte.
Eine hübsche, junge Frau sah besorgt nach draußen. Sie war fünfundzwanzig mit langem, schwarzem Haar, zierlicher Nase und dunkelbraunen Augen. Ihr schmales Gesicht war schweißnass. »Siegmund, was ist los?«
»Nichts, sei unbesorgt«, entgegnete der Großherzog. »Leg dich einfach wieder hin, Isabelle.«
Neben der Großherzogin erschien und verschwand das Gesicht eines vierjährigen Jungen mit schwarzem Haar, spitzer Nase und frechem Grinsen. Er war zu klein, um nach draußen zu sehen und sprang daher beständig auf und ab.
»Wo ist der Drache?«, quengelte der Junge. »Ich kann nichts sehen.«
Isabelle nickte ihrem Gatten zu und verschwand im Wagen. Dabei zog sie den Jungen vom Fenster weg.
»Tötet den Drachen! Tötet den Drachen!«, rief der Kleine vergnügt. Der Vorhang fiel wieder davor.
»Es reicht, Volker«, klang Isabelles Stimme, dann schwieg es aus dem Reisewagen. Die Soldaten starrten wieder auf das Unterholz. Das Rascheln schien nun zielstrebig auf das Fuhrwerk zuzusteuern.
»Armbrustschützen, feuerbereit machen!«, befahl Siegmund. »Laden!«
Das Rascheln kam näher.
»Spannen!«
Der Großherzog hatte nicht vor, den Wagen zu riskieren. Was auch immer in den Bäumen war, es sollte jeden Moment aus dem Gebüsch springen. »Anlegen!«
Siegmund hob die linke Hand, denn in der Rechten hatte er den Zweihänder. Sie würden nicht viel Zeit haben, schließlich verdeckten die Bäume die Sicht und standen bis an den Wegrand. Sie würden es mit allem beschießen, was da war. Und da war es dann auch. Direkt vom letzten Baum gedeckt stand er plötzlich vor den Hufen der Reiter.
Es war ein blonder Bursche auf einem Esel, etwa zwanzig Jahre alt und von durchschnittlicher Gestalt. Der Großherzog ließ die Hand sinken. Der Bursche schrie vor Schreck auf und fiel aus seinem Sattel. Offensichtlich hatte er nicht damit gerechnet in geladene Armbrüste zu blicken. Ein Schütze drückte ab und traf absichtlich den Baum hinter dem Esel, genau dort, wo eben noch der Kopf des Burschen gewesen war. Der junge Mann sah dies und kauerte sich wimmernd auf dem Boden zusammen.
»Tötet den Eselsdrachen!«, lachten ein paar Soldaten.
»Wo ist der Eselsdrache?«, ertönte es nun erneut aus dem Reisewagen. Volker zerrte am Vorhang. Doch die Stimme seines Vaters brachte den Jungen zum Schweigen, ohne dass der Großherzog ihn ansprach.
»Hört auf, die Bolzen zu verschwenden!«, donnerte Siegmund, über das Lachen der Männer hinweg. Er sah hinunter zu dem Burschen und richtete mit ausgestrecktem Arm sein Schwert auf ihn. »Aufstehen!«
Der Blonde richtete sich auf, um ehrfürchtig in die Knie zu gehen. »Königliche Hoheit.«
Siegmunds Erscheinungsbild machte jede Vorstellung überflüssig, denn die Mythen um seine Größe und Kraft konnten die Tatsachen kaum übertreiben. Siegmund schob das Schwert zurück in die Scheide, welche ein überkreuzter Lederriemen über dem Mantel auf seinem Rücken hielt. Ein reifer Herr von Mitte fünfzig mit angegrautem Haar und kostbarer Kleidung in den Farben des Großherzogtums näherte sich auf seinem Ross. Durch seine strengen Gesichtszüge funkelte er den Burschen an.
»Steht auf und macht Meldung!«, schimpfte er. »Wie könnt Ihr es wagen, seine Hoheit warten zu lassen! Und wahrscheinlich nichts als Unsinn im Kopf!«
Der junge Mann stand auf. »Im Dorf...«, stotterte er zusammen. »Drachen, Drachen im Dorf.«
Der Großherzog sah ihn an. »Wie viele?«
»Wir sind am Ende, Herr«, berichtete der Bursche. »Sechs Drachen, sechs!«
»Was, wo, wie!«, mischte sich der ältere Herr wieder ein. »Wie wäre es mit einer anständigen Meldung?!«
»Ist gut Feldmarschall«, brummte der Großherzog, dann wandte er sich an den jungen Mann. »Es genügt jede Information einmal zu geben.«
Der Blonde nickte. »Vier einköpfige Drachen auf vier Beinen mit jeweils einem Ko...«
Er stockte, als er Siegmunds Blick sah.
»Weiter!«, befahl dieser kurz angebunden.
»Und dann waren da noch zwei weitere Drachen, sie hatten auch nur einen Kopf, gingen aber auf zwei Beinen.«
»Hatten sie große Zacken auf dem Rücken?«
»Ja, Herr.«
»Verdammt!«, fluchte der Feldmarschall. »Ich wusste es, der Klan ist auf der Jagd.«
Der Großherzog verzog das Gesicht. »Wie viele Einwohner hat das Dorf?«
»Etwa Einhundertfünfzig, Herr. Wir sind in Hainweiler. Etwa vierzig Minuten Westwärts von hier.«
»Feldmarschall, macht die Männer kampfbereit.«
Die Wagentür öffnete sich und ein greiser Mann mit weißem Umhang trat hervor.
»Königliche Hoheit, es eilt!« Er war einer der Hofärzte.
Siegmund nickte. »Wir müssen weiter.«
»Aber Ihr müsst uns helfen, Herr«, jammerte der Bursche.
»Wir können nicht warten bis eine Schlacht geführt wurde«, meinte der Arzt. »Der Zustand ihrer Hoheit verschlechtert sich rapide. Doktor of Trolley ist unsere einzige Hoffnung.«
»Dann überlassen wir die Bewohner ihrem Schicksal?«, fragte der Feldmarschall, während er vergeblich versuchte, die Enttäuschung aus seiner Stimme zu verbannen.
»Nein.« Der Großherzog schüttelte den Kopf. »Sechs Kampfgruppen begleiten den Wagen weiter nach Südosten, während der Rest die Drachen aus dem Ort jagt.«
»Fünftes Regiment ausscheren!«, kommandierte der Feldmarschall lautstark. »Neunte Kompanie - Zweiter Zug bleibt beim Wagen!«
»Männer!«, rief Siegmund. »Die Drachen greifen Hainweiler an. Es liegt an uns, die Menschen zu retten.«
»Hurra!«, riefen die Männer, von denen womöglich der ein oder andere Verwandte in Hainweiler hatte.
»Wollt Ihr uns schutzlos die Reise machen lassen?« Der Arzt sah den Großherzog entgeistert an.
»Vierzig Mann bleiben als Geleitschutz«, erwiderte Siegmund. »Wir sind ohne das Fuhrwerk wesentlich schneller. Wir stoßen weiter flussabwärts zu Euch noch ehe die Nacht anbricht.«
Der Arzt stand unschlüssig herum.
»Und nun verschwendet keine Zeit und zieht weiter.«
Der Großherzog war gereizt. Seine Frau in diesem kritischen Zustand zurückzulassen, missfiel ihm zutiefst, von den Gefahren der Gegend ganz zu schweigen. Aber die Verantwortung gegenüber seinem Volk nahm ihn in die Pflicht. Der Arzt nickte dem Fuhrmann zu, der ihn vom Wagenbock aus beobachtete. Dann kehrte der Arzt in das Gespann zurück und schloss die Tür. Der Reisewagen fuhr davon. Der Geleitschutz hatte ihn umkreist.
»Vorwärts!« Siegmund galoppierte in die Richtung los, die der Bursche ihnen gezeigt hatte. Das Regiment folgte ihm hinein in den Wald. Die Reiter brachen durch das Unterholz zwischen den dicken Baumstämmen. Der Forst bebte unter den Hufen. Laub, Äste und Erdboden wurden aufgewirbelt. Sechs Drachen war eine große Zahl. Er würde alle Männer brauchen, um sie auch nur bedrohen zu können, das wusste Siegmund. Doch er wollte nichts unversucht lassen und hoffte, dass ihr schneller Angriff die doch geringe Zahl von Reitern aufwog.
Kurze Zeit später schon stoben die Reiter aus den Bäumen auf die weite Ebene hinaus. Verschiedene Laubgehölze bildeten dunkelgrüne Punkte zwischen dem hellgrünen Gras. An zahlreichen Stellen wuchsen Wollgräser mit langen, dicken Halmen. Dort war der Untergrund besonders feucht oder moorig. Die Reiter bemühten sich, dieses Gras zu meiden, um die Pferde nicht zu beschmutzen. Sie hatten nicht vor, den Abend mit Fellpflege zu verbringen. Denn die Männer wussten, dass der Großherzog ein makelloses Erscheinungsbild verlangte, wenn sie in die Hauptstadt des Großfürstentums of Siege ritten. Denn in Keeper’s Town unterhielt der berühmte Arzt Sir Mike of Trolley seine Klinik.
Vor ihnen lag Hainweiler auf einem Hügel. Es war ein kleines friedliches Dorf aus einfachen, graubraunen Sandsteinhäusern. Kampfgeschrei schien von dort herzukommen. Als eine der unbefestigten Siedlungen, war es anfälliger gegen Kreaturenübergriffe. Die Häuser hatten zwar alle einen ersten Stock, aber der Grundriss war so bescheiden, dass mehr als zwei Räume in einem Stockwerk unmöglich waren. Winzige Schuppen und Scheunen quetschten sich als Holzbauten zwischen die Wohnhäuser. Die Dächer waren für den hohen Norden relativ flach, da günstiger, und mit Reet eingedeckt. Reet war eine Art von rotem Schilfrohr, welches getrocknet in Bündeln auf die Dächer genagelt wurde. Damit war das Dach zwar wasserdicht, allerdings überhaupt nicht feuerfest. In kleinen Gärten auf der Rückseite der Häuser wuchsen Kartoffeln, Möhren, Gurken und Salat, sowie Äpfel, Birnen, Pflaumen und Nüsse. Die Größe einiger Obstbäume, welche hier und da alle Häuser deutlich überragten, zeugte davon, dass Hainweiler eine alteingesessene Siedlung war.
Siegmund erblickte von weitem eine der Kreaturen. Diese ging tatsächlich auf vier Beinen und erinnerte an eine Eidechse. Riesenechsen waren von langer, schlanker Gestalt mit vier, vergleichsweise dürren Beinen an der Seite. Ihre grünen Schuppen bedeckten den ganzen Körper bis hinunter zu den fünf langen Zehen mit scharfen Klauen daran. Diese Echsen wurden etwa vier bis fünf Meter lang.
Die Reiter galoppierten entlang der unbefestigten Straße auf die Echse zu, die an einem offenen Geräteschuppen nach Beute suchte. Offensichtlich spuckten die Kreaturen kein Feuer, denn Brandherde konnten die Männer nicht ausmachen. Sie näherten sich von hinten der ersten Kreatur. Mit ihren fünf Metern Länge war sie die größte Echse und genauso hoch wie ein Reiter zu Pferde. Ihr rechtes Vorderbein hatte bereits Mistgabel, Spaten, Sense und Pflug auf dem Boden des Schuppens verteilt. Die ganze Holzkonstruktion schwankte und knackte bedrohlich, da die Echse mit der Schulter dagegen lehnte. Ein kleines Mädchen, von knapp acht Jahren, das laut um Hilfe rief, kam heraus gerannt und huschte unter der Echse hindurch. Die Echse stellte dem Kind nach, fuhr herum und hämmerte mit dem linken Hinterlauf gegen den Eckpfosten. Das Holz brach knackend und der ganze Schuppen schien ein Stück in den Garten zu wandern, während er ein Stück kleiner und wackliger zu werden schien, weil die Echse beim Herumdrehen mit dem Schwanz dagegen schlug. Schließlich fiel der Schuppen in sich zusammen.
Der aufgewirbelte Staub zog den Reitern entgegen. Das kleine Mädchen hatte sich in einem umgefallenen Wasserfass versteckt und weinte. Das Wasser versickerte langsam in der trockenen Straße. Die Echse hatte das Loch an der von ihr abgewandten Seite noch nicht entdeckt, umrundete aber langsam das Fass, während sie mit der Zunge das Holz abtastete.
Siegmund hielt, mit seinen Männern im Gefolge, direkt auf das Biest zu. Die Echse hatte sie nun bemerkt. Sie hob den Kopf und wandte sich ihnen zu. Der Großherzog zog sein Schwert. Die Männer zogen Ihre. Die Kreatur ging zum Angriff über. Dabei stellte sie sich auf die Hinterbeine, während sie sich mit ihrem langen Schwanz ausbalancierte. Sie schnellte herunter. Ihre beiden Vorderklauen trafen auf die Reiter. Siegmund und seine Männer neben ihm, rissen die Schilder hoch, um sich zu decken. Die eine Klaue traf das glänzende Schild des Großherzogs und prallte daran ab. Die Andere traf das Schild eines Reiters, der es gegen die Wucht der Echse nicht halten konnte. Er verlor das Schild und sein Pferd wurde von der Klaue an der Schulter des linken Vorderbeins aufgeschlitzt. Das Pferd sackte zusammen. Der Reiter ging zu Boden und rollte sich auf der Seite aus dem Gefahrenbereich. Die Echse griff Siegmund an. Dieser wehrte die Klauen abermals mit seinem Schild ab. Die anderen Männer um ihn versuchten, sich von der Seite und von hinten an die Kreatur heranzuschleichen. Diese wurde von dem glänzenden Schild angelockt und griff daher unermüdlich den Großherzog an. Abermals schlug das Biest nach Siegmund aus, doch dieser war darauf gefasst und ging mit einem Schwerthieb dagegen. Drei dürre Klauen fielen auf den Erdboden.
Die Echse zuckte zurück. Dabei bemerkte sie die Männer hinter sich. Sie schlug mit dem Schwanz aus und holte einen Soldaten von seinem Pferd. Dieser rappelte sich auf und zog sich zurück. Von allen Seiten drängten die etwa fünfzehn Mann auf die Echse ein. Doch sie kamen an die Kreatur nicht heran, die abwechselnd die Klauen an den Vorder- und Hinterbeine einsetzte. Als Siegmund mit zwei Soldaten einen Vorstoß wagte, machte die Echse einen großen Satz nach vorne. Einen Soldaten walzte sie direkt platt und brach dem Pferd alle Beine, als es unter dem Gewicht der Kreatur zusammenbrach. Das Biest schnappte nach dem nächsten Reiter und erwischte dessen Kopf.großherzoglichen
Dem Großherzog wurde es zu bunt. Um seinen Hengst nicht zu riskieren, sprang er mit gezücktem Schwert auf den schuppigen Rücken der Echse. Sein Schild fiel klappernd auf das Pflaster. Die Echse schüttelte ihren Kopf und zitterte dabei am ganzen Körper. Der Reiter, dessen Kopf sie im Maul hielt, hatte sein Schwert bereits verloren und zappelte gegen den würgenden Biss. Doch innerhalb von Sekunden nachdem die Echse ihn schüttelte, blieb der Mann regungslos hängen; Genickbruch.
Siegmund hatte sein Schwert in Stellung gebracht, holte aus und bohrte es auf voller Länge zwischen die Schulterblätter der Echse. Er rammte mit beiden Armen das Schwertheft nach unten. Seine Männer konnten den Zweihänder an der Unterseite der Kreatur herausstoßen sehen, bevor die Echse zusammenbrach. Das Schwert wurde dadurch wieder nach oben gestoßen. Die Echse zuckte noch und Siegmund zog sein Schwert aus dem riesigen Körper, um es deren Hals zu rammen. Nun blieb sie regungslos liegen. Die umstehenden Männer jubelten. Siegmund prüfte kurz den Puls der Gefallenen, indem er Zeige- und Mittelfinger an die Halsschlagader der Bewusstlosen drückte. Doch da war nichts mehr zu machen. Der Großherzog schnappte sich Schwert und Schild und bestieg erneut seinen Hengst.
»Los, weiter!«
Es galt keine Zeit zu verlieren und die Gefallenen überließ Siegmund den Dorfbewohnern. Auf dem Dorfplatz, wo drei Straßen zwischen den Häusern kreuzten, streckten zwei Züge von insgesamt knapp sechzig Mann eine weitere Echse an einem runden Sandsteinbrunnen nieder. Eine Dritte wurde von der Kompanie berittener Armbrustschützen, auf einer der Straßen vom Platz nach Norden hin, kampfunfähig gemacht und schließlich mit Schwerthieben erschlagen. Die letzte Kreatur floh aus Hainweiler nach Westen, hinab in die Wiesen, die auf der vom Fluss abgewandten Seite des Hügels lagen.
»Sollen wir ihr nachstellen?«, fragte der Hauptmann der Armbrustschützen, während er den Lauf der Kreatur zu den nächsten Wäldern hin verfolgte.
»Nein«, antwortete Siegmund. »Wir haben keine Zeit dafür. Lasst sie laufen.«
Die Mutter des kleinen Mädchens zog ihre Tochter aus dem Wasserfass. Dorfbewohner strömten mit Danksagungen heran. Viele Frauen und Männer in grauen Leinengewändern. Unter ihnen war auch der Dorfälteste, einem zittrigen Greis mit vielen Falten, Glatze und grünlich gefärbter Kleidung. »Königliche Hoheit, ein Glück, dass Ihr gekommen seid«, sagte er. »Diese Drachen hätten uns alle verschlungen.«
»Das waren keine Drachen«, bemerkte der Feldmarschall.
»Aber sie spuckten Feuer«, bestand der Dorfälteste.
»So?«, fragte Siegmund.
»Nun ja, zumindest die beiden Zweibeinigen taten das.«
»Und wo, sind die beiden Drachen?«, fragte der Feldmarschall genervt.
»Wir hatten Glück«, erwiderte der Dorfälteste. »Sie zogen weiter nach Südosten.«
SÜDOSTEN.... Das Wort hallte in Siegmunds Ohren wie ein Donnerschlag.
»Aufsitzen! Im Galopp vorwärts!«
Die abgestiegenen Männer sprangen schnellstmöglich wieder auf ihre Pferde. Die Spitze der Kavallerie preschte bereits aus dem Ort. Siegmund drückte seinem Hengst die Fersen in die Leisten. Die Reiter jagten den Hügel hinab und strikt nach Südosten, hin zum Fluss. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn die Drachen auf den Reisewagen stießen. Eine ganze Kompanie würde das Paar kaum stoppen können.
Die Reisekolonne folgte dem Pfad mit etwas Abstand entlang des Stroms, der nicht strikt nach Südosten floss. Der Bursche ritt auf seinem Esel neben dem Wagen her, um sich den Weg allein durch den Wald zu ersparen. Wenn das Regiment wieder zu ihnen stieß, würde er über die Auen zurück nach Hainweiler reiten. Dies war sicherer, da die Monster sehr groß waren und sich außerhalb des Waldes nicht verstecken konnten.
Eine grobe Stunde war vergangen, als es wieder im Unterholz raschelte. Gefolgt von einem Stampfen, dass sie zunächst nur als dumpfes Geräusch wahrnahmen. Dann konnten es die Tiere auch spüren und scheuten. Die Reiter hatten alle Mühe die Pferde unter Kontrolle zu halten. Sie ritten zügiger weiter, bis auf einmal die Männer zwei Drachen zwischen den Bäumen ausmachen konnten: einen grün geschuppten Drachen mit gelbem Bauch und einen braunen Drachen mit roten Bauchschuppen. Beide hatten einen aufrechten Gang auf zwei kräftigen Beinen mit kurzen Füßen. Sowohl die zweimal drei Zehen, als auch die zehn langen, vielgliedrigen Finger hatten scharfe Klauen. Definierte Muskeln an den beiden Armen ließen keinen Zweifel daran, dass diese Monster kräftig zupacken konnten. Der Kopf saß auf einem dicken Hals, sodass nur wenig Raum für ein spitzes Kinn blieb. Riesige Reißzähne statteten das große Maul als tödliche Waffe aus. Darüber befanden sich die breite, platte Nase, sowie zwei gelbe Augen, mit schlitzförmigen Pupillen. Diese glitten über die Kolonne vor ihnen. Auf dem Rücken trugen die Drachen drei Reihen von rautenförmigen Knochenplatten. Jene zogen sich vom Nacken bis zur Schwanzspitze hinunter, während sie erst größer und dann ab dem Kreuz immer kleiner wurden. Die mittlere Reihe war die Mächtigste.
Der Fuhrmann zog die Reiterpeitsche. Sie knallte durch die Luft und der Reisewagen fegte davon. Die Männer folgten ihm als Rückendeckung. Der Esel scheute und warf den Burschen ab, der kein besonderer Reiter war. Der Bursche sprang auf und der braune Drache folgte ihm. Der Bursche rannte so schnell er konnte, doch der Drache war schneller und packte den jungen Mann mit der riesigen Pranke, die etwa so groß war, wie der ganze Körper des Zwanzigjährigen. Der braune Drache verschlang ihn.
Der grüne Drache sah den Braunen an.
»Mit einem Schnapp sind sie im Mund«, brummte er in seiner lauten, tiefen Stimme. Dann stampfte er schnellen Schrittes den fliehenden Reitern nach. Der Drache war sehr jung, denn seine Bewegungen waren schnell und wendig. Er holte spürbar auf die Reiter auf, die gezwungen waren, dem langsamen Gespann Vorrang zu geben. Der Drache holte tief Luft und beugte sich wie für einen Weitsprung nach vorne. Dann spuckte er Feuer so weit es seine Lungen trugen. Der Flammenstoß fegte über die Köpfe der Reiter hinweg, traf den Waldweg und die umstehenden Bäume direkt vor dem Wagen. Die Straße war versperrt und die Pferde scheuten. Sie bäumten vor der Feuerwand auf.
In seiner Verzweiflung, die Tiere unter Kontrolle zu bringen, gab der Fuhrmann seiner Leitstute nach und versuchte seitlich ins Unterholz zu kommen. Die Zugpferde galoppierten direkt von der Straße, doch der Reisewagen zog einen weiten Bogen durch den Brandherd. Die Räder fingen Feuer. Das Fuhrwerk verließ die offene Straße. Aber der Fuhrmann hatte den Straßengraben übersehen. Das rechte Vorderrad sackte hinein und der Wagen kippte um. Er fiel krachend auf die Erde und wurde von den Pferden weitergezogen, bis das Gespann an einer Erle mit dem Wagenbock hängen blieb. Der Fuhrmann schlug mit dem Kopf gegen den harten Stamm und verhedderte sich in den Zügeln. Die beschädigte Deichsel hielt dem Zug der Pferde nicht mehr stand und die Tiere verschwanden mit dem Fuhrmann in den Bäumen.
Die Reiter stellten sich nun mutig dem Kampf. Ihre Aufgabe war es schließlich die Insassen des Wagens zu schützen. Und das würde vor Ort solange geschehen, bis hoffentlich Hilfe eintreffen würde oder sich eine Möglichkeit zur Flucht eröffnen würde. Bei dem grünen Drachen war die Unterseite nicht vollkommen mit gelben Schuppen bedeckt, sondern er hatte einen großen weißen Fleck auf der Brust. Der Drache rannte auf sie zu. Sie holten die Armbrüste und Bögen hervor und schossen nach ihm. Der Drache verbrannte die Bolzen und Pfeile in der Luft. Er riss mit beiden Händen zwei Soldaten aus ihren Sätteln und zerbiss den Ersten im Maul, während der Zweite versuchte sein Schwert dem Drachen in den Unterarm zu rammen. Der Drache spannte die Armmuskeln an. Man konnte die Rippen brechen hören, als sich die Finger um den Oberkörper des Mannes schlossen. Er schrie auf, sein Schwert fiel zu Boden und traf beinahe einen der Reiter, die versuchten ihm zu helfen. Der Mann am Boden griff das Bein des Drachen an und rammte das Schwert gegen dessen Schienbein. Der Drache zuckte zurück. Dann holte er aus und kickte den Reiter gekonnt von seinem Pferd. Der braune Hengst galoppierte davon. Der getretene Reiter war von einer der drei großen Drachenklauen durchbohrt worden und fühlte nichts mehr, als er zwischen zwei Eichen hindurch auf der Tür des Reisewagens landete. Der Arzt konnte gerade noch rechtzeitig den Kopf einziehen, als die Tür über den Passagieren wieder zuschlug, unter dem Gewicht des Toten.
Isabelle, Volker, drei Ärzte und eine Magd waren noch im Wagen eingesperrt, obwohl dessen Dach und Räder brannten. Rufe und Husten klangen aus dem Inneren des Fuhrwerks. Jedoch der Kampflärm übertönte sie.
Die Männer versuchten die Einkreistaktik, aber der grüne Drache schlug drei mit seinem dicken Schwanz aus dem Sattel. Einen Soldaten tötete es sofort, den nächsten beim Prall gegen einen Baum. Der Dritte wurde Opfer des braunen Drachens, der den Mann auffing und einfach den Kopf abbiss. Dann verschlang sie den Rest. Sie war ein Drachenweibchen. Der grüne Drache fraß eines der verletzten Pferde. Zwischenzeitlich sendete er den Soldaten einen Feuerstoß entgegen. Die Männer wichen davor zurück.
Der Großherzog erreichte den Waldrand, als ihm vier Pferde mit einer abgebrochenen Deichsel entgegenkamen und an ihm vorbei galoppierten. Sie verschwanden hinter den Hügeln in Richtung der Stadtfeste Großbergen. Die Pferde kannten den Weg zu ihrem Stall und würden vorher wohl auch nicht zum Anhalten zu bewegen sein. Siegmund preschte kommentarlos auf seinem Hengst durch das Unterholz. Seine Männer folgten ihm schweigend. Siegmund konnte das Feuer riechen, lange bevor sie die ersten brennenden Bäume zu Gesicht bekamen.
Dann sahen sie das Schlachtfeld auf dem ein brauner Drache den Soldaten nachstellte, immer wieder Einen erwischte und fraß.
»Angriff!«, brüllte Siegmund voller Zorn.
Das Regiment brach aus dem Wald auf den Pfad. Die Reiter hatten Schwert oder Armbrust in der Hand und galoppierten auf den braunen Drachen zu. Diese spuckte Feuer.
»Ausschwärmen!«
Die Reiter wichen ihrem Feueratem aus. Die Armbrustschützen eröffneten das Feuer, sodass der braune Drache mit der Bolzenabwehr beschäftigt war. Die Soldaten kreisten sie ein und Siegmund landete einen ersten Treffer mit seinem Zweihänder gegen die Beine des braunen Drachens. Eine Gruppe versuchte den grünen Drachen, der etwas oberhalb der Straße stand, zum Kampf zu bewegen. Der Drache sah aber eher gelangweilt aus und lehnte an einer dicken Eiche, die etwa genauso groß wie er selber war. Nachdem einer der Männer ihm einen Bolzen in den Oberschenkel geschossen hatte, spuckte der grüne Drache einen mächtigen Feuerstoß über die Kampfgruppe und verbrannte Reiter und Pferd mit Haut und Haar. Die anderen Männer wichen zurück, denn der Feuerstoß des grünen Drachen schien anders zu sein, im Vergleich zum Feueratem des Braunen. Er zielte seinen Feuerstoß anscheinend genauer und wusste ganz genau wo und wie er die Soldaten treffen konnte. Der braune Drache schien dagegen mit den Reitern nicht klar zu kommen. Sie war bereits an beiden Beinen verletzt und ihr Schwanz blutete stark. Nicht zuletzt hatte sie auch das Problem direkt gegen Männer wie Siegmund kämpfen zu müssen. Dessen Schild wurde mit dem Feueratem des Drachen sehr gut fertig.
»Bist du fertig mit spielen?«, fragte der grüne Drache schließlich, in einem leicht genervten Unterton.
»Wenn du mir mal Feuerschutz gibst«, antwortete die Braune, sie klang vorwurfsvoll.
Der grüne Drache seufzte und spuckte seiner Drachengefährtin zwischen die Beine. Sie sprang einen Satz nach vorne in die Mitte des Feuerstoßes. Das Feuer traf die Erde in einem Winkel, sodass die Flammen den Männern in die Gesichter züngelten. Die Soldaten wichen vor der Hitze zurück. Der braune Drache verschwand in den Bäumen auf der anderen Seite, während der grüne Drache noch immer am Baum lehnte. Die Reiter formierten sich, um den Drachen nachzusetzen und trabten los. Die Brust des grünen Drachen wölbte sich bereits, weil er tief Luft holte, wohl um seiner Gefährtin mit einer Feuerwand den Rückzug zu decken.
»Halt!«, rief Siegmund. Er war bereits abgestiegen und eilte zum Reisewagen. Das Feuer hatte sich über das Holz ausgebreitet. Die Räder brannten und das Lederdach war bereits bis auf die Bretter verbrannt, während sich die Flammen ihren Weg nach Innen suchten. Dachdielen und Bodenbretter schmorten. Im Laufen warf er dennoch einen verwunderten Blick zu dem Drachen hinüber, der sich so ungewöhnlich verhielt. Aber Siegmund hatte dringlichere Sorgen.
Der Großherzog sprang auf das Fuhrwerk und hob den schweren Toten mit einem raschen Armzug von der Tür und ließ ihn nach unten. Zwei Männer waren nötig, um Siegmund den Mann abzunehmen, den dieser mühelos herum wuchtete. Der Rauch hatte den ganzen Wagen ausgefüllt und zog augenblicklich ab. Siegmund wartete nicht lange mit steinerner Miene, sondern kletterte hinein. Draußen begannen die Soldaten zu löschen. Mit ihren Helmen schafften sie Wasser aus dem nahen Fluss heran und reichten es in einer Kette weiter bis zum Reisewagen.
»Neeiin!!« Ein lauter Schrei erfüllte die Luft: voller Schmerz, voller Wut und voller Hass. Jeder fühlte was geschehen war, die Reiter sahen sich in betroffenem Schweigen an. Andere starrten auf das schmutzige Pflaster. Selbst der grüne Drache senkte den Kopf.
»Es tut mir Leid«, brummte er in seiner tiefen, lauten Stimme. Dann verschwand er zwischen den Bäumen.
Im Wagen hob Siegmund den Kopf von Isabelle an, begutachtete ihn kurz und strich ihr das schweißnasse, schwarze Haar aus der Stirn. Dann drückte er ihren schlaffen Körper an sich und weinte, während er an die schmutzigen Bodenbretter des Wagens vor sich starrte.
Nach vielleicht einer Minute riss sich Siegmund zusammen. Er hob Isabelles toten Körper über seinen Kopf nach draußen auf die Wagenwand. Reiter kletterten hinauf, um ihm die tote Großherzogin abzunehmen. Das Neugeborene lag zwischen ihr und einem der Ärzte. Erschlagen von einem der Gegenstände. Die Ärzte waren ebenfalls tot, erstickt an den Gasen. Das konnte Siegmund in ihren gequälten Gesichtern sehen, während er die Toten nach oben reichte, um Platz zu schaffen. Er wagte nicht sich auszumalen auf was er gerade stehen könnte. Die Magd lag quer über einer Truhe und rührte sich nicht. Sie war blutüberströmt. Der Großherzog reichte sie nach oben. Die Soldaten auf dem Fuhrwerk schüttelten traurig den Kopf, auch die Magd war tot.
Im Fenster auf der unteren Seite lag zwischen einer Truhe und einem Durcheinander aus medizinischem Besteck und verschiedener Schreibwaren der letzte Passagier des Reisewagens. Der kleine Volker lag geschunden und regungslos da. Die Büchertruhe hatte ihn nur knapp verfehlt, doch das Skalpell des Hofarztes seinen Oberarm durchbohrt. Das fröhliche Grinsen war von seinem Gesicht verschwunden und die einst rosigen Wangen leichenblass. Siegmund schüttelte sich, während er um Beherrschung kämpfte. Still rannen die Tränen über seine Wangen während er sich zu Volker hinunter beugte. Vier Jahre hatte er mit dem Jungen verbringen können, viel zu viel davon hatte er mit Maßregelungen oder gar auf Feldzügen verbracht. Er griff den kleinen Körper mit seinen großen Händen. Der Junge wimmerte und hustete. Siegmund fing an zu lachen, dann zu weinen. Er drückte den kleinen Volker an sich und musste sich zurückhalten, ihn vor lauter Freude nicht in seinen massigen Armen zu zerdrücken.
»Er lebt«, rief er heiser, doch er brachte nur ein ersticktes Flüstern heraus. »Er lebt!«, brüllte er schließlich.
Die Männer auf dem Wagen verstanden und riefen nun ebenfalls: »Volker lebt!«
Vom Bann der Trauer entfesselt, toste ein Hurra-Geschrei los, das klang, als ob die Drachen erneut angriffen. Die schmerzlichen Verluste waren für einen Augenblick vergessen. Siegmund begann nach oben zu klettern.
Die Männer boten ihre Hände an, um Siegmund den Jungen abzunehmen. Doch dieser wiegelte ab. Er wollte seinen Sohn so bald nicht wieder loslassen. Mit einer Hand an der Wagenwand und Volker in der Anderen zog sich der Großherzog aus dem Wrack.
»Sanitäter«, brüllte er dann, während er von dem Fuhrwerk kletterte. Die Sanitäter begannen, unter Siegmunds wachsamen Augen, den hustenden Volker zu versorgen. Sie wagten jedoch nicht das Skalpell zu entfernen, sondern fixierten es an Ort und Stelle mit so vielen Verbänden wie ihnen möglich war.
»Wir müssen schleunigst nach Großbergen zurück«, sagte der Sanitäter. »Die Ärzte müssen sich um den jungen Herrn kümmern.«
»Die Ärzte sind tot«, bemerkte der Großherzog.
Siegmund knotete mehrere Dreieckstücher zusammen und legte den kleinen Jungen hinein. Anschließend band der Großherzog die Tücher um seinen eigenen Hals zusammen und stieg auf sein Pferd. Siegmund hatte seinen Sohn nun wie ein riesiges Medaillon an einer Kette um den Hals.
»Alles Aufsitzen«, befahl er im ruhigen Ton. Die Männer stiegen in die Sattel.
»Im Galopp nach Südosten. Auf nach Keeper’s Town!«, rief Siegmund. »Jetzt erst recht!«
Das Regiment galoppierte los, der Nacht entgegen.
2. Kapitel: Alles im Eimer
»So, das ist meine Geschichte«, schloss Volker. »Oder zumindest hat man es mir so zugetragen.«
Er war für einen noch Dreizehnjährigen recht groß und muskulös gebaut. Das war auffallend, weil an dem warmen Frühlingstag beide Jungen die Ärmel hochgekrempelt hatten. Volker hatte schwarzes Haar und ein für einen Jungen markantes Gesicht mit Hakennase. Seine Augen blitzten aufmerksam und klug, trotzdem huschte ihm immer wieder der Schalk durchs Gesicht. Er trug ein halb offenes, hellgraues Leinenhemd, das bis vor nicht allzu langer Zeit weiß gewesen war; pechschwarze Hosen, deren Farbe wohl für eine ganze Familie zum Eindunkeln der Wäsche gereicht hätte, und schwarze Reiterstiefel mit fester Sohle, die ein Vermögen kosteten.
»Und wie hast du Deine verloren?«
Vigor zuckte die Achseln. »Ganz ehrlich, ich habe keinen blassen Schimmer.«
Volker musterte den schlanken Jungen vor sich. Vigor war deutlich kleiner als Volker, aber vor allem sehr mager. Unterernährt, vermutete Volker. Vigor hatte rotbraunes bis dunkelblondes Haar, das ihm ins Gesicht fiel und ein schmales, kindliches Lausbubengesicht. Er war etwa Volkers Alter, sah allerdings doch sehr jung aus. In seinen Augen leuchtete ein Feuer, das ihn für den Sohn des Großherzogs interessant machte. Er schien gebildet und wirkte überhaupt nicht wie einer der Bauernjungen oder Knechte, die Volker bei seinen Streifzügen so über den Weg liefen. Nein, selbst nun nicht, wo er hüfttief im Schlamm steckte. Vigor sah müde, schäbig und dreckig aus. Das graue Leinenhemd, welches er trug, war ausgewaschen, geflickt und ihm deutlich zu weit. Wahrscheinlich konnte er aus dem Hemd auch durch den offenen Kragen schlüpfen, statt es über den Kopf zu ziehen. Kein Wunder, dass es ihm von der Schulter rutschte. Alles in allem ein sehr schmuddeliges Bild. Trotzdem wirkte Vigor stolz und erhaben, mächtig wollte man sagen.
»Was heißt, du kannst dich nicht erinnern?«, fragte Volker.
»Das mir die Erinnerung an das Ereignis fehlt?«, antwortete Vigor. »Dafür würde ich es begrüßen, wenn seine Königliche Hoheit mir helfen könnten.«
»Oh, ja.«
Volker sprang von seinem Ross ab, auf dem er die ganze Zeit über gesessen hatte. Der schwarze Hengst war gesattelt, doch es fehlte jedes Zaumzeug. Volker näherte sich Vigor ein Stück durch das hohe Gras und Schilf, welches auf dem baumüberdachten Schlammufer eines seichten Sees wuchs. Bäume und Gras wurzelten in den See hinein. Die glasklaren Wasserfläche schien auf einen halben Meter nur wenige Zentimeter Tiefe zu gewinnen. Dies war sehr trügerisch, schließlich steckte Vigor in etwa knöcheltiefem Wasser bis zur Hüfte im Schlamm. Volker ging nur so weit bis er Vigors ausgestreckte Arme greifen konnte. Er packte ihn an beiden Arme und begann zu ziehen.
»Fester«, ermunterte ihn Vigor.
Volker zog wie ein Stier.
»Au!«, rief Vigor. »Nicht so fest.«
»Mann, entscheide dich mal.«
»Kann ich wissen, dass du zu viel Kraft hast?«
Volker spannte seinen rechten Oberarm an und spielte mit dem dicken Bizeps hin und her, indem er die geballte Faust drehte. »Ich dachte, dass sei offensichtlich.«
»Ist doch bloß Pudding.« Vigor grinste frech.
»Na, warte.« Volker zog wie besessen an dessen Arme.
»Ist ja gut. Ich glaube es dir.«
»Los, strampeln!«, keuchte Volker. »Damit Bewegung in die Soße kommt.«
Vigor trat Morast, während Volker unablässig zog. Vigor bewunderte die Ausdauer, während seine Füße lahmten. Was natürlich auch daran lag, dass Vigor schon seit mehr als einer Stunde um seine Freiheit kämpfte. Jedes Mal wenn Vigor den Fuß nach oben riss, schien der Schlamm den Fuß mit ungeheurer Kraft wieder nach unten zu zerren. Langsam, ganz langsam bewegte Vigor sich aufwärts.
»Es geht. Es geht«, keuchte er vor Anstrengung.
»Verdammt, ich kann nicht mehr«, japste Volker, ohne das sein Zug nachließ.
»Noch ein Stück.« Vigor versuchte ihn wieder anzuspornen. »Du schaffst es. Nicht nachlassen!«
»Und weiter!« Volker zog als hinge sein eigenes Leben davon ab. Es schien eine Ewigkeit zu dauern und die Kräfte der Jungen schwanden schnell.
Vigors Oberschenkel waren frei, aber er konnte die Beine immer noch nicht aus dem elenden, beigefarbenen Morast heben. Als ob die oberste Schlammschicht harter Stein wäre. Doch es war der Sog der Hohlräume, die Vigor beim Weg nach oben hinterließ, welche ihn mit solcher Gewalt festhielten. Die zähe Masse füllte die Kammern nur sehr langsam nach.
»Obsidan.« Volker rief seinen Hengst zu sich. Vigor runzelte die Stirn. Den Rappen nach dem schwarzen Gestein zu benennen wäre treffend, aber das Zeug hieß Obsidian. Vielleicht war es aber auch ein Eigenname, Vigor wusste es nicht; war aber im Augenblick auch egal.
»Kopf runter«, sprach Volker zum Hengst. »Kopf runter.«
Währenddessen drückte er den Kopf des Pferdes nach unten. Der Hengst gehorchte und Volker konnte seinen rechten Arm um Obsidans Hals legen. Mit der linken Hand hatte er immer noch Vigor fest im Griff. Vigor konnte den Schweiß zwischen ihren Händen spüren. Die nassen Hände waren wohl der Grund, dass Volker ständig fester zupackte.
»Schritt zurück«, sagte er zu dem Pferd. »Zurück, Zurück.«
Der Rappe machte einen Schritt rückwärts.
»Ah, langsam!«, schrie Vigor. »Du brichst mir die Füße.«
Volker ließ Vigor los und der Druck ebbte ab. Der kleinere Junge atmete auf und beugte sich vor um seine Füße zu massieren. Dabei stieß er mit seinen Händen in den weichen Schlamm und zog sie schnell wieder nach oben. Der Schmerz in seinen Knöcheln musste warten.
Volker sah kurz ratlos drein. »Mist.«
»Du kannst mich nicht quer herausziehen, sonst brichst du mir Füße und Schienbeine«, erklärte Vigor. »Ich muss hoch, nicht vor.«
Volker nickte, dann sammelte er Äste auf und warf sie vor Vigor auf den Morast. Insbesondere die langen, legte er quer vor Vigor. Dazwischen trat er auf die Äste, um zu sehen ob sie im Morast verschwanden.
Es dauerte eine ganze Weile, bevor Volker zufrieden war. Er hatte insgesamt etwa ein ganzes Lagerfeuer voll Holz vor Vigor versenkt, in eigentlich tellertiefem Wasser. Dann tastete sich Volker vorsichtig über den Schlamm. Er ging in die Knie und packte Vigor im Bärengriff. Auf Vigors Rücken fasste Volker seine eigenen Ellenbogen. Schließlich ging der große Junge in die Hocke, die Arme glitten nach unten um Vigors Hüfte. Volker hatte ihn so eng, dass Vigor flach in der Brust atmen musste, den Volkers Kinn bohrte sich in Vigors Bauch.
»Auf Drei streckst du die Zehen weg«, wies Volker an und Vigor nickte. Die beiden Jungen zählten gemeinsam.
»Eins, Zwei...und Drei!«
Mit einer Art Brunftschrei streckte Volker die Beine durch und stemmte seinen eigenen Oberkörper so aufrecht wie möglich nach oben. Dabei riss er Vigor mit einem lauten „Blob“ aus dem Morast. Volker setzte ihn neben sich ab. Der Schlamm verschlang gerade die obersten Äste ihrer Unterlage und kroch langsam zu ihren Füßen. Vigor beugte sich hinunter und zog einen Holzring an dessen schmiedeeisernen Griff aus dem Schlamm. Der Junge zerrte den Holz -eimer heraus, während der Schlamm seine Zehen eroberte.
»Ja, rette den kostbaren Eimer«, lachte Volker. »Während dir das matschige Zeug die Füße hoch kriecht.«
Vigor streckte ihm scherzhaft die Zunge raus. Beide eilten zur Sicherheit des trockenen Ufers und ließen sich dort ins Gras fallen. Der schwere Eimer rollte scheppernd neben die nächste Buche.
Vigor und Volker atmeten schweigend nebeneinander durch. Zu sagen gab es nichts. Es war einfach irgendwie so wie es sein sollte. Der süße Geschmack des Sieges: die Aufgabe war bewältigt, sie außer Gefahr und der Morast bezwungen. Vigor sah sich um. Die Bäume des Waldes überschatteten den schmalen Rasenstreifen zu weiten Teilen. Es waren dicke Buchen und Eichen, hier und da stand auch etwas anderes dazwischen, wie Ahorn, Linde und Ulme oder eine Hasel. Am Wasser tummelten sich Erlen und ein paar Weiden. Die Sonne schien warm an diesem milden Nachmittag im Auroramond, dem vierten Monat des Jahres. Nur vereinzelte weiße Schönwetterwolken zogen gemächlich mit der Brise über den blauen Himmel. In diesem Teil des Forstes schienen nur wenige Insekten geschäftig zu sein. Es herrschte eine angenehme Stille, mit dem entfernten Plätschern von Wasser und dem Rauschen der Baumkronen im Hintergrund. So nah am See war die Luft angenehm frisch und kühl.
Vigor fühlte Volkers Blick und sah zu ihm hinüber. Der große Junge lag ausgestreckt auf dem Rücken, als würde ihm das Ufer gehören. Streng genommen, tat es das auch, irgendwie.
»Lustig«, meinte Volker, »machen wir gleich nochmal.«
»Ja«, stimmte Vigor zu, »aber diesmal gehst du rein und ich zieh dich raus.«
»Das will ich sehen«, lachte Volker. »Das schaffst du gar nicht mit den dünnen Ärmchen.«
»Klasse statt Masse«, konterte Vigor.
»Ah, und wie wäre es mit einem Ringkampf?«
»Sag mal, kriegst du eigentlich nie genug?«
»Ich? Nein, warum auch?«
»Weil wir uns erst aus dem Schlammloch gekämpft haben?«
»Ach so, das war heute«, erwiderte Volker, als hätte er das schon vergessen. »Wo wir gerade dabei sind, was machst du eigentlich hier?«
»Ich soll Wasser für das Waisenhaus holen«, erklärte Vigor. »Befehl vom Obersten Aufseher.«
»Bitte?« Volker sah ihn ungläubig an. »Das ist doch bescheuert. Es sind mindestens zwölf Kilometer bis ins Dorf.«
Dass es eine hirnrissige Idee war, stand auch für Vigor außer Frage. Doch schienen für ihn Idiotie und Oberster Aufseher irgendwie zusammen zu gehören.
»Zuerst sollte ich zehn Eimer vom Strom holen«, berichtete er. »Das passte dem Aufseher aber dann nicht mehr und er sagte, ich solle einen Eimer vom See im Norden holen. Er hat mir diesen Tümpel hier beschrieben.«
»Er mag dich nicht«, stellte Volker fest. »Um nicht von hassen zu reden.«
»Irgendwie hatte ich das Gefühl mittlerweile auch.«
»Vergiss dein Gefühl«, entgegnete Volker. »Wenn dich jemand an den See ohne Boden zum Wasserholen schickt. Dann dafür, dass du nicht wieder kommst.«
»Danke, sehr beruhigend«, brummte Vigor. »Warum ohne Boden?«
»Dreimal darfst du raten.«
»Schlamm oder Magie. Ich nehme an Ersteres.«
»Richtig«, antworte Volker. »Und du hattest Glück, das war eine der seichteren Stellen.«
»Wirklich? Das erklärt alles«, erwiderte Vigor. »Ich hatte versucht, eine feste Stelle zum Wasser zu finden und dachte ich hätte mich vertan.«
»Nein, Hut ab. Das ist so ziemlich die beste Stelle.«
»Die anderen gingen mir dann bis zum Hals?«
»Ja, wenn du auf meinem Pferd sitzt.«
Vigor machte große Augen. Volker schüttelte den Kopf. »Kein Wunder, dass er dir nur einen Eimer gab.«
»Klar, damit er nicht zwei verliert.« Vigor seufzte. »So ein Blödmann.«
»Hattest du Schuhe an?« Volker deutete auf Vigors nackte Füße.
»Nein, glücklicherweise nicht.«
»Schade«, bemerkte Volker beiläufig.
»Warum?«
»Das schließt aus, dass du von Adel bist.«
»Wenn du das sagst«, meinte Vigor. »Und was ist daran so wichtig?«
»Du könntest sonst mein bester Freund werden.«
»Oh, kann dir leider nichts versprechen«, erwiderte Vigor. »Die Schuhe hätte ich bis zum Waisenhaus ohnehin verloren, so wie alles andere auch. Ist trotzdem eher unwahrscheinlich.«
»Komm, wir gehen zurück«, sagte Volker grinsend, »du Bauer.«
»Vielleicht bin ich nicht einmal ein Bauer«, bemerkte Vigor. »Ich brauche auch noch einen Eimer Wasser.«
»Denn kriegen wir an jedem Brunnen voll.« Volker stand auf. Vigor sammelte seinen Eimer ein. „Es ist mir verboten, an einem Brunnen Wasser zu holen.“
„Das ist mir so was von Wurst.“
Die beiden Jungen schlenderten durch die Bäume. Obsidan folgte ihnen, ohne Volkers zu Tun, wie ein treuer Hund. Die Jungen erzählten sich gegenseitig alles mögliche, während sie durch den Wald schlenderten. Volker löcherte Vigor über dessen Alltag und Pläne im Waisenhaus, musste dafür im Gegenzug Vigor alles über das Großherzogtum und das Leben am Hof erklären.
Die Zeit verging wie im Flug und schließlich lichteten sich die Bäume und gaben den Blick über flache Hügel frei hin zum Dorf, welches irgendwo dahinter lag. An einem alten Einsiedlerhof, etwa sechs Kilometer vom Waisenhaus entfernt, hielten sie an einem Brunnen. Es war ein sehr alter Dreiseitenhof mit weitem Dachüberstand. Den u-förmigen Hof bildete ein einfaches Fachwerkhaus, mit zwei fast genauso hohen Scheunen als Anbauten. Nur das Wohnhaus hatte ein Obergeschoss, dass zur Hälfte bereits die Dachschräge war. Die Dächer waren allesamt mit Reet eingedeckt. Alles sah recht heruntergekommen aus. Der weiße Putz im Fachwerk war abgeblättert, die Dächer hatten Flicken und Trümmer oder Unrat lagen im Hof aus nackter Erde verstreut. Viele der dunklen Sprossenfenster des Wohnhauses verbargen sich hinter ihren olivfarbenen Läden. Bei den Offenen hing meist der Fensterladen krumm in der Angel. Die Scheunen bestanden aus langen, dunkelbraunen Dielen, bei denen helle Bretter die Nachbesserungen verrieten, welche nach oben stetig abnahmen. Der Hof war geschäftig. Etwa zehn Männer und Frauen verrichteten gerade ihre Arbeiten.
Als Vigor und Volker näher kamen, erkannten sie, dass der Hof nicht vergammelt war, sondern die Schäden alles recht frische Kampfspuren waren. Die in der Gegend hausenden Kreaturen ließen den Bewohnern nicht viel Frieden.
In der Mitte des Innenhofs war ein Steinbrunnen gemauert. Er hatte keine Seilwinde, sondern nur ein Strick lag daneben. Einkerbungen im Stein verrieten, dass auch dieser Brunnen einst ein Trägergerüst für eine Seilwinde gehabt hatte. Doch das war wohl schon lange verschwunden. Die beiden Jungen gingen an die Wasserstelle. Volker streckte auffordernd die Hand zu Vigor aus. »Darf ich bitten.«
»Es ist mir eine Freude.« Vigor ließ den Henkel des Eimers in Volkers Handfläche fallen. Volker knotete den Eimer an den Strick, doch der Hanf war sehr dick und widerspenstig. Volker musste mehrfach festzurren. Ein Mann kam von einem der Ställe herüber, nachdem drei andere ihn auf die beiden Jungen aufmerksam gemacht hatten. Das konnte Vigor daran erkennen, dass ein Knecht mit seiner Mistgabel in ihre Richtung deutete.
Der Mann war etwa fünfzig und kam von der anderen Seite, sodass er neben Vigor nur Volkers Oberkörper sehen konnte. Der große Junge ließ einen Eimer in den Schacht hinab. Obsidan hielt der Mann für eines seiner Pferde. Obwohl ihm hätte auffallen müssen, dass er einen Hengst von derartiger Zucht nicht besitzen konnte. Schließlich war er soviel wert, wie der ganze Hof. Doch der Mann war mehr auf die fremden Jungen bedacht und Obsidan hatte sich die Freiheit genommen, sich an einem ausgehöhlten, alten Baustamm zu erfrischen, der als Pferdetrog diente.
»Und Jungs, was macht ihr hier?«, rief der Mann schließlich. Seine leicht blau gefärbte Kleidung verriet Vigor, dass er ein hoher Angestellter auf dem Gut war. Vermutlich war die Farbe aus Holunderbeeren gewonnen, denn die färbten sogar, was sie gar nicht färben sollten.
»Wasser holen, Herr«, antwortete Vigor ehrlich. Er sah sich zu Volker um und flüsterte: »Was für eine Frage.«
Volker grinste und schwieg. Der schwere Holzeimer klatschte ins Wasser.
»Ihr seid nicht von hier«, schimpfte der Mann. »Ihr habt kein Recht.«
»Äh, es ist nur ein Eimer voll«, beschwichtigte Vigor. Er hatte nicht damit gerechnet, dass der Mann so knausrig war. Eine Wasserknappheit war im Großherzogtum schließlich unbekannt.
»Waisenhaus, was?« Der Mann schien nun noch aufgebrachter. »Macht das ihr weiterkommt!«
»Lass mich mal machen«, meinte Volker nun und drückte Vigor den Strick für den Eimer in die Hand. Vigor zog den schweren Eimer nach oben. Volker faltete die Hände auf dem Rücken zusammen.
»Ich denke, ich darf Wasser aus diesem Brunnen holen«, stellte Volker fest, während er den Brunnenstein umrundete. »Denkt Ihr nicht auch?«
»Ganz und gar ni...« Dann sah der Mann den Reiterstiefel, den Volker demonstrativ auf den Brunnensims stellte, um sich die festen Schnüre zu binden. Währenddessen blickte Volker den Mann erwartungsvoll an. Dieser stockte, dann fiel bei ihm der Groschen. Vigor konnte es förmlich in seinem Gesicht lesen, wie es sich von einer zornigen Strenge zu einer gütlichen Miene wandelte. »Königliche Hoheit, ich hatte Euch nicht erkannt. Verzeiht mir.«
Volker zuckte die Achseln. »Nichts passiert.«
»Es ist uns eine Ehre, dass Ihr unser Wasser zu nutzen gedenkt. Erlaubt mir mich vorzustellen«, sprach der Mann und als Volker keine ablehnende Geste machte, tat er auch so. »Ich bin Matthias Heuer, der Haushofmeister des Torfgründer Hofs und Euer ergebener Diener. Soll ich Euch einen Träger schicken?«
»Nein danke, wir sind bestens versorgt.« Volker kramte in seinem Lederbeutel, den er am Gürtel trug. Es musste sehr viel Inhalt darin sein, denn Volker kramte eine ganze Weile. Dann warf er eine kleine Geldmünze zum Haushofmeister. Doch Heuer konnte sie nicht fangen und sie fiel auf den Lehmboden vor dem Brunnen. Sie war so klein wie ein Daumennagel, aber glänzte golden. Heuer hob sie auf und sah Volker vor sich ungläubig an.
»Für Eure Mühen«, brummte Volker. »Und wir waren nicht hier.«
»Selbstverständlich nicht, Königliche Hoheit.« Der Haushofmeister verbeugte sich so tief, bis seine Nase den Erdboden berührte. Vigor sah, dass er dabei die Münze unauffällig zwischen die Zähne steckte, um zu überprüfen, ob sie beim Biss nachgab. Die Münze war weich, es war also Gold. Der Haushofmeister kam wieder nach oben.
»Wie Ihr wünscht«, sagte er schließlich und wandte sich ab. Dann scheuchte er die anderen Hofangestellten an ihre Arbeit.
Vigor hatte mittlerweile den Eimer über den Brunnenstein gehoben und grinste. »Was war das jetzt?«
»Bestechungsgeld«, antwortete Volker. »Der oberste Heimtrottel, muss ja nicht unbedingt wissen, woher sein Eimer leckeres Seewasser kommt.«
»Wenn ich wüsste, dass er das trinken würde«, sagte Vigor. »Dann würde ich jetzt hinein pinkeln.«
»Gute Idee«, lachte Volker. »Aber wahrscheinlich kriegt es doch eines der Pferde.«
»Darum macht es auch keinen Sinn.«
»Obsidan!« Das Pferd verließ die Tränke und trabte zu Volker. Dann stieß der Rappe mit der Nase an seine Hand.
»Ach so, du hattest heute noch nichts Süßes«, brummte Volker und kramte im gleichen Lederbeutel. Er holte ein Sammelsurium hervor. Darunter waren ein nachtblauer Feuerstein, ein goldener Pyrit, ein langes Stück Schnur, ein platter, runder Haferkeks, einen dunkelbraunen, unförmigen Klumpen, ein Stück Holz und mehrere Gold- und Silbermünzen, von denen einige dem Keks in Größe um nichts nachstanden. Volker pickte den Keks heraus und hielt ihn dem Pferd auf seiner Handfläche hin. Obsidan holte das Gebäck mit den Lippen von der Hand und kaute. Volker stopfte den Rest zurück. Vigor starrte Volker ungläubig an. »Sag mal, war das Zucker?«
»Ja, was sonst?«
Vigor sah nur fassungslos drein. Zucker gab es im Waisenhaus nur sehr wenig. Lediglich beim Frühstück gab es eine staubdünne Portion für die Haferflocken.
»Moment.« Volker kramte im Beutel und holte den Klumpen wieder hervor. »Willst du einen?« Er hielt Vigor das Stück Zucker hin. »Die bleiben bei mir öfter mal übrig.«
»Äh, das kostet ein Vermögen.«
»Du sollst ihn ja nicht bezahlen.«
»Ist schon in Ordnung«, wimmelte Vigor ab. Der Hengst beobachtete die Jungen interessiert.
»Jetzt iss ihn halt«, beharrte Volker. »Sonst kriegt Obsidan den und dann wird er noch fett.«
Vigor steckte das Stück Zucker in den Mund und lutschte es. Es war furchtbar süß. Vigor schüttelte sich.
»Noch nie Zucker gehabt, oder?« Volker lachte und erwartete ein Nein von seinem Freund. Doch der schlanke Junge zuckte die Achseln. Er hatte ein merkwürdiges Gefühl. Den verboten süßen Geschmack auf den Lippen kannte er irgendwo her.
»Ich weiß es nicht«, antwortete er schließlich. Vigor dachte eine Weile darüber nach. Das Zusüß verband er mit einer Flüssigkeit, vielleicht Tee oder dergleichen. Dann legte Volker ihm die Hand um die Schultern. »Sei es drum.«
Vigor nickte.
Die Hügel wurden noch ein wenig flacher und die Waldausläufer bedeckten sie von Süden her. Lichtung und Forst wechselten sich ab. Dann gaben die Bäume erneut die Hügel frei. Der Weg, dem die Jungen folgten, war ein ausgewaschener Trampelpfad. Hausrotschwanz, Nachtschwalbe und Nachtigall sangen bereits ihre Lieder. Die Sonne stand schon tief am roten Himmel als Volker ihm den Eimer reichte. »Hier trennen sich unsere Wege.«
»Danke für alles«, sagte Vigor.
»Keine Ursache«, entgegnete Volker. »Erzähl mir auf jeden Fall vom dummen Gesicht des obersten Hansels.«
»Ja, der Aufseher wird nicht damit rechnen, dass ich ihm den Eimer bringe.«
»Denke ich auch, insbesondere weil du echten Mörderschlamm am Körper hast.« Volker bestieg den Hengst ohne Mühe. »Und das orange-beigefarbene Zeug gibt es sonst nirgends. Bis die Tage.«
»Bis die Tage«, verabschiedete sich Vigor. »Sehen wir uns dann?«
»Ja, wir treffen uns bei Gelegenheit im Dorf«, erklärte Volker. »Der Hof ist momentan im Jagdschloss. Es ist unsere Sommerresidenz.«
»Ach so.« Vigor winkte Volker nach, der davon ritt um die Hügel in Richtung des Dorfs.
Dann stieg Vigor den Hügel hinauf. Er würde sich die verschlammte Kleidung erst am nächsten Tag im Fluss waschen. Nicht nur weil er den Beweis brauchte, dass er am See ohne Boden gewesen war. Für heute hatte er einfach genug.
3. Kapitel: Leidige Diskussionen
Die Abendsonne verschwand hinter den spitzen, baumlosen Gipfeln der Heros Rocks. Der Gebirgszug warf lange Schatten auf die roten Ziegeldächer und den Innenhof des Schlosses, um den sich das Palais, einige Türme, Kasernen und Wirtschaftsgebäude aus gelbem und rotem Sandstein quetschten. Eine Garde in türkisfarbenen Gewändern verließ gerade den Burghof, als sich mitten über den gelben Sandsteinplatten ein magisches Portal als roter Lichtpunkt öffnete. Mit einem leisen Surren wuchs es in die Form eines ovalen Kreises und wurde immer gelblicher. Das Portal schwebte kurz über dem Boden und wechselte ständig die Farbnuancen zwischen Hellgelb, Goldgelb und Orange. Ein Gefolge erschien darin und trat heraus. Es waren Ritter in den Uniformen von Starkenberg. Ihre Schilder verrieten durch ein Symbol, das wie ein Haken aussah, dass die Männer zur Neunten Armee, dem größten Infanterieverband des Großherzogtums, gehörten. Siegmund trat hindurch. Er trug wie so oft die traditionelle Herrscherkluft der Herren von Starkenberg: der dunkelrote Mantel mit dem gelbem Innenfutter auf der königsblauen Weste, darunter das weiße Hemd und die pechschwarzen Hosen. An seinem schwarzen Ledergürtel prangten Schwert und Dolch, deren Griffe mit schwarzem Leder umwickelt war. Knauf und Stange waren wenig verzierter, aber elegant geschwungener Stahl. Passend dazu trug er schwarze, geschnürte Reiterstiefel. Die Männer standen stramm mit dem Schild an der linken Seite und der Schwerthand flach am Oberschenkel. Lady Margaret ging an seiner Seite. Sie war eine ältere Dame von um die Siebzig, doch ihre Bewegungen waren flink und anmutig. Sie trug ein langes orangefarbenes Seidenkleid mit gleichfarbigem Umhang. In der rechten Hand hatte sie einen langen Zauberstab aus Buche, mit einem leuchtend orangefarbigen, quadratischen Turmalin an der Spitze, welcher von ihrem königsblauen Haar überragt wurde. Siegmund und Lady Margaret waren in ein Gespräch vertieft.
»Sobald Ihre Bediensteten hindurch sind, werde ich das Portal wieder schließen, damit ich nach Hause zurückreisen kann.«
»Ihr bleibt nicht über Nacht?«, fragte der Großherzog.
»Nein, Mike und ich haben genug um die Ohren.«
»Also keine Fortschritte.«
»Leider immer noch nicht.« Lady Margaret schüttelte den Kopf. »Die Ermittlungen stocken, als ob er vom Erdboden verschluckt wäre. Es ist zum verzweifeln.«
Siegmund nickte ernst. »Das tut mir Leid.«
»Danke. Diese Ungewissheit ist das Schlimmste.« Lady Margaret seufzte. Sie schwiegen und sahen am Schlossgebäudes vor sich empor bis zur Baustelle des unfertigen Dachstuhls. Die Geräusche der großherzoglichen Diener durchbrach die Stille zwischen den beiden.
Nach einer ganzen Weile kam Volker vorbei mit Vigor im Schlepptau, der sich sehr unsicher fühlte. Der kleinere Junge sah sich ständig um, nicht wissend wo er war, was man von ihm erwartete und was er hier eigentlich sollte. Volker trat von hinten an seinen Vater heran, um zu verkünden, dass sie alle durch waren. Volker hatte die Zeit verbummelt und war daher der letzte.
»Es ist hart jemanden zu verlieren«, meinte Lady Margaret schließlich. Volker stockte und hielt Vigor mit der Hand vor der Brust zurück. Vigor sah ihn fragend an.
»Ihr habt mein vollstes Mitgefühl«, erwiderte der Großherzog.
»Wenn jemand das versteht, dann Ihr.«
Volker hatte es befürchtet: das Thema. Er zog den sich widerstrebenden Vigor schleunigst fort.
»Ein verlorenes junges Leben«, seufzte Lady Margaret.
Vigor schüttelte den Kopf. Er wollte gar nicht weg. Erst Volkers alarmierender Blick überzeugte ihn. Vielleicht half auch, dass der große Junge zog, als würde Vigor wieder im Schlamm stecken.
»Es ist das Kreuz, wenn man sich einem Kind annimmt«, erzählte Lady Margaret. »Man öffnet ihm sein Herz. Und wenn dann etwas schief geht, dann ist man verwundbar.«
Siegmund schüttelte den Kopf. »Es konnte ja keiner ahnen, dass man dem Bub etwas antun wollte.«
»Wie könnte man auch. Er war doch so ein netter Junge.«
Volker zog Vigor außer Hörweite in einen Seiteneingang. Vigor riss sich los. »Sag mal, was ist mit dir denn los?«
»Was bleibst du da stehen?«, erwiderte Volker.
Vigor zuckte mit den Achseln. Volker verschränkte die Arme. »Ich will nicht von traurigen Eltern gehätschelt werden.«
Vigor grinste, das war es also. Er versuchte eine besonders tiefe Stimme. »Aber wenigstens haben wir noch unseren Volker. Er ist unser ganzer Stolz.«
Er stellte sich auf die Zehenspitzen und tätschelte dem großen Jungen den Kopf. Volker sah ihn an. »Und seinen netten Vigor-Freund. Der ist so klein und süß.«
Volker kniff Vigor in die zarte Wange. Vigor zog den Kopf weg. »Lass mal stecken.«
»Sag ich doch, dass will doch wirklich keiner.«
»Hast du dich deswegen im Schloss so herumgedrückt? Von wegen Schlüssel suchen und so.«
Volker deutete auf die Tür. »Los, lass uns was zwischen die Zähne kriegen.«
4. Kapitel: Hochzeit, Krönung, Streit
Am folgenden Morgen traf sich der Rat der Magier des Nordens zu einer Besprechung des bevorstehenden Tages. Die Magier des Nordens war der Zusammenschluss der Magier nördlich des großen Meeres, dem mittlerweile fast alle bedeutenden Magier angehörten. Insbesondere der oberste Magier des Ordens der Feuerglut hatte angeregt, dass die Magier nochmal zusammentrafen, um sicherzustellen, dass man die richtige Entscheidung getroffen hatte. Die dem Rat nahestehenden Herrscher hatten sie eingeladen. Während die als Gäste geladenen Kreaturenfürsten von den Magiern bewusst nicht zu der Versammlung gebeten wurden, da sie in der Regel eher zu den möglichen Feinden des Rats gehörten.
Baron Snakeman of Bash hatte eigens ein Zimmer für die Besprechung herrichten lassen. Er führte persönlich die Magier hinein. Snakeman war ein typischer, männlicher Basherdämon. Diese Dämonen waren etwas über zwei Meter groß, von muskulöser Statur und mit leuchtend gelber Haut. Der menschliche Körper ging in einen schuppigen Hals über und wurde von einem schlangenähnlichen Kopf, gespickt mit scharfen Reißzähnen und zwei glutroten Augen, vollendet. Snakeman trug traditionell nur eine Lendenschürze. Seine nackten Füße offenbarten vier gleich große Zehen mit scharfen Krallen. »Das ist der runde Lesesaal«, erklärte er.
Lady Margaret nickte wohlwollend, während sie sich umsah. »Es ist sehr schön geworden.«
»Habt Dank, my Lady.«
Es war ein rundes Zimmer im Bibliotheksturm. Der Turm thronte hoch über der Stadt wie ein Erker am Rand der Festung. Durch die schwebende Position über dem Berghang erreichte Snakeman in der Bibliothek die bestmögliche Sicht. Dies sollte zum Nachdenken und Philosophieren anregen. Snakeman wollte diesen herrlichen Blick seinen hohen Gästen natürlich zur Schau stellen.
Lady Margaret lief mit Snakeman zum Fenster. Aus den mit Klarglas besetzten Turmfenstern hatte sie einen Blick von fast zweihundertvierzig Grad. Es war eine Dreiviertel-Rundumsicht. Neben der gesamten Stadt war auch das Nordende der Bash-Golden-Sands vollständig überblickbar, bevor die Dünen am Horizont verschwanden. Ansonsten beengten nur das Magiergebirge und die Heros Rocks die Sicht.
Der Rat hatte an einer runden Tafel aus Buchenholz Platz genommen, die normalerweise in einem anderen Saal stand und dort als Speisetisch der hohen Hofbediensteten fungierte. Um sie herum waren Buchregale aufgestellt, die zum größten Teil bereits mit vielen dicken Büchern gefüllt waren. Snakeman hatte alle Bücher die er auftreiben konnte, zusammentragen lassen, damit die Bibliothek nicht so leer aussah, wie sie eigentlich noch war. Viele Abschriften waren einfach noch nicht fertig. Den Fußboden bedeckte ein dicker, dunkelgrüner Teppich, um die Geräusche zu dämmen. Dies hatte sich Snakeman von der Universität in Keeper’s Town abgeschaut. In der dortigen Bibliothek war ebenfalls ein Teppichboden ausgelegt. Die Wände waren nackter Stein zu weiten Teilen von den großen Regalen davor verdeckt. Auch die Rundbogendecke zeigte die natürliche Pracht der roten und gelben Sandsteine.
Kinder waren zur Versammlung nicht zugelassen, aus Angst dass sie sich verplappern könnten. Auch Vigor und Volker sollten in ihrer Kammer bleiben. Doch die Jungen hatten bereits das Schloss erkundet und Volker beschloss, dass das Verbot die Herausforderung des Tages war. Nachdem Vigor und Volker den ahnungslosen Bony über die Sitzung gelöchert hatten und so den Sitzungsort erfuhren, schlichen sich die beiden Jungen noch vor der Sitzung in die Bibliothek und verbargen sich in einem Bücherregal nahe der Türen. Jenes stand mit dem Rücken zum Tisch. Die Seitenwand bot ihnen Blickschutz vor den hereintretenden Personen. Vigor schloss bei jedem vorbeigehenden Ratsmitglied kurz die Augen, hoffend sie würden unentdeckt bleiben. Dagegen lugte Volker beständig nach den Mitgliedern.
Siegmund, Lady Margaret und Sonnenorden Senior kamen vorbei. Letzterer war ein großer, greiser Mann mit weißem Haar und langem Bart, den ein goldgelbes Gewand kleidete, das fast bis auf den Boden reichte. Er war wohl mindestens so alt wie Lady Margaret. Sein Mahagoni-Stab zierte ein großer, zitronengelber Moissanit im Treppenschliff. Die drei unterhielten sich flüsternd und für die Jungen unverständlich.
Dahinter folgten John, Karolina sowie Hohen-Himmelsstein und Blütenthal, ebenfalls im Gespräch vertieft. Der König von Blütenthal war ein breitschultriger Mann, der bereits jenseits der Siebzig sein musste. Der Großfürst of Siege schritt hinter ihnen her, als bewachte er die Gruppe vor sich. Er war etwa vierzig Jahre alt, mit schartiger Haut, hartem Blick und strenger Miene. Unter seinem grünen Mantel hatte er mindestens ein Schwert, eine Wurfaxt und einen Dolch.
Schließlich trat ein Magier in scharlachroter Gewandung ein und schritt mit zügigen Schritten an dem Versteck der beiden Jungen vorbei. Feuerglut trug einen großen Rubin in einem Dreiecksrosettenschliff an seinem Stab aus Walnussholz. Seine Gesichtszüge waren streng oder ernst, das ließ sich für Vigor nicht erschließen, als er auch mal hinaus lugte. Der Rote Magier war wohl um die vierzig Jahre alt.
Mitternacht, die violette Magierin, blieb unvermittelt genau neben dem Versteck der Jungen stehen. Sie war etwa in Feuergluts Alter, mit rabenschwarzem Haar und blassem Teint. Ihr Gesicht war schön mit samtener Haut, feinen Gesichtszügen und kleiner Nase, aber irgendwie kalt im Ausdruck. Vigor würde es als arrogant beschreiben. Sie runzelte die Stirn und sah sich um. Vigor fragte sich warum, fürchtete aber, dass es mit ihnen zusammenhing. Wie konnte die Frau sie hören? Er hielt die Luft an. Selbst Volker verließ sein Guckloch. Mitternacht bewegte sich nicht, sondern begann das Regal von oben nach unten zu mustern. Wenn sie weiter um den Schrank herumging, würde sie die beiden Jungen entdecken. Sie begann sich zur Seite zu neigen. Ihre Augen wichen nicht von dem Regal.
Dann tauchte Darkcast auf und Mitternacht begab sich abrupt zu ihrem Stuhl ohne sich nochmal umzusehen. Vigor atmete auf. Die Reaktion von Mitternacht und die riesige Gestalt des Schwarzen Magiers beeindruckte die Jungen. Darkcast war ein großer, kräftig gebauter Mann von etwas über dreißig mit kurz gehaltenem, dichten schwarzen Haar. Er trug ein pechschwarzes Gewand und darüber einen langen, schwarzen Mantel, obwohl es nicht kalt war. Der Mantel streckte die massigen Körperkonturen, die von einer ungeheuren Kraft zeugten. Eine kurze Waffe zeichnete sich unter seinem rechten Arm ab. Sein Gesicht war markant mit stolzen Gesichtszügen und einer Hakennase. Trotz der glatten Rasur zeugten die dunklen Punkte auf seiner Haut von einem kräftigen Bartwuchs. Seine Haut wirkte leicht gebräunt. Der Schwarze Magier schlenderte auf sie zu mit den Händen in den Manteltaschen. Im langsamen Vorübergehen murmelte Darkcast etwas, dass für Vigor wie »Böse Jungs; böse, böse Jungs«, klang.
Dann begab sich der riesige Mann zum Tisch. Vigor war sich nicht sicher ob Darkcast oder Siegmund größer war. Sie hatten beide eine geradezu dämonische Statur, selbst im Vergleich zu den anderen muskulösen Rittern, die anwesend waren. Weitere Magier und Adelige traten ein, doch weder Vigor noch Volker wagten es erneut zu schauen.
Als die Buchentür die Geräusche des Treibens im Schloss aussperrte, eröffnete Feuerglut schließlich das Gespräch. Snakeman war wieder gegangen. Er hatte noch eine Hochzeit vorzubereiten.
»Ich weiß nicht, ob das Krönen eines Dämons eine so gute Idee ist.«
Lady Margaret sah ihn an. »Warum nicht?«
»Nun ja, wir haben im Norden doch recht viele Probleme mit den Bashern«, erklärte der Rote Magier. »Wir wollen nicht, dass sie durch Verbündete die Oberhand gewinnen.«
»Da könnt Ihr unbesorgt sein. Dies wird nicht geschehen, da wir entsprechende Vereinbarungen getroffen haben.«
»Seid Ihr Euch sicher, dass diese eingehalten werden?«
»Absolut. Ich habe sein Wort.«
»Es ist das Wort eines Dämons«, bemerkte Feuerglut.
»Das kann genauso gut, wie das eines Menschen sein«, bestand Lady Margaret. »Wir reden schließlich nicht von einer dummen Bestie.«
»Aber die Ausbildung und Förderung verschiedener Kreaturen ruft auch Probleme hervor«, warf Sonnenorden ein, »beispielsweise bei den Drachen.«
»Nur wenn sie unterdrückt werden«, erwiderte Lady Margaret.
»Die Unterdrückung der niederen Rassen ist berechtigt«, bemerkte Siege. »Außerdem stabilisiert es die Gesellschaft.«
»Nein, tut es nicht. Und ferner ist die Frage der niederen Rasse sicherlich Ansichtssache.«
»Ebenso ist die Ausbildung von Nichtmagiern kein Problem«, mischte sich Darkcast ein, »zumindest nicht, wenn einige Magier und Aristokraten damit umgehen könnten. Aber das ist natürlich zu viel verlangt.«
»Wollt Ihr damit andeuten«, fragte Sonnennorden, »dass zum Beispiel der Übergriff der Drachen auf das Großherzogtum kein hausgemachtes Problem seitens der Universität ist?«
»Ganz recht, ist es nicht.«
Siegmund schloss sich dem Schwarzen Magier an. »Man kann einem Raubtier nicht das Jagen verbieten.«
»Es ist natürlich klar, dass Ihr Darkcast die Basher verteidigt«, mischte sich Mitternacht ein. »Schließlich bildet Ihr sie aus.«
»Hmm«, überlegte Darkcast laut. »Wer verhandelt mit den Horrors?«
»Das ist ein Nicht-Angriffspakt.«
»Ich habe da anderes gehört.«
Mitternacht reagierte auf diese Bemerkung nicht und der Schwarze Magier sah sie an. »Was ist eigentlich mit dem Metzler-Klan?«
»Letztendlich haben aber die Basher die Weißen Magier auf dem Gewissen«, rechtfertigte sich Mitternacht. »Und nicht die Horrors oder Metzler oder sonst wer.«
»Das wissen wir nicht«, stellte Lady Margaret fest. »Lediglich Kampfspuren, die auf die Basher schließen lassen, wurden gefunden.«
»Also, das sag ich doch«, entgegnete Mitternacht.
»Dies beweist lediglich, dass die Basher in einen Kampf verwickelt waren, den wir Joachim und Hannah zurechnen können. Und Domenik...« Sie schluckte.
»...gilt nur als vermisst«, beendete Darkcast ihren Satz.
»Wobei die Zeitspanne, das Schlimmste annehmen lassen muss.« Lady Margaret seufzte.
»Ich denke schon, dass die Basher ihr Ziel erreicht haben, die Familie vom Lichtermeer auszurotten«, meinte Feuerglut.
»Nein, unmöglich. Wie sollten diese Wichtel in den Turm gelangt sein?«, fragte Darkcast. »Das könnt ja nicht einmal ihr... Ach so, ihr seid ja auch so ein Wichtel.«
»Wieso kann dieser Mann nicht aufhören, Beleidigungen um sich zu werfen«, murrte Siege, wie immer viel zu laut.
»Weil er es sich leisten kann«, antworte ihm Darkcast, »mein Hampelmännchen.«
»Ich verbitte mir das!«
»Ja und?« Darkcast sah Siege an. Siege schwieg.
»Ich suche noch einen Kriegsgegner«, sagte der Schwarze Magier schließlich. »Hättet Ihr Lust?«
Antwort bekam er wieder keine. Dafür mischte sich Feuerglut ein, der mit Darkcast ohnehin noch eine Rechnung offen hatte. »Woher wollt Ihr wissen, dass der Junge im Turm ermordet wurde?«
»Laut Zeugenaussagen«, erwiderte Darkcast, »war der Junge zuletzt den Turm betreten gesehen worden.«
»Zeugen des Mordes?«
»Nein, den Mord habt Ihr erfunden«, erklärte Darkcast. »Aber eine sehr interessante These von Euch. Könntet Ihr uns noch die Tatwaffe und den Tathergang schildern? Das wäre äußerst aufschlussreich.«
»Was wollt Ihr mir unterstellen?«, fragte Feuerglut.
»Nichts, was man Euch nicht zutrauen könnte.«
»Schluss damit!«, schimpfte der Rote Magier.
»Würdet Ihr Euch bitte endlich an die Ordnung halten«, ermahnte Sonnenorden den Schwarzen Magier.
»Endlich wird für Ordnung gesorgt«, bemerkte Mitternacht. »Vielleicht sollte man den Gastgeber bitten Darkcast auszuschließen.«
»Hier lehnt sich unser Nachtgetier aber weit aus dem Fenster«, schmunzelte Darkcast.
»Das ist eine Unverschämtheit!«, keifte Mitternacht zurück. »Wie könnt Ihr bloß?!«
»Eine derartig infame Unterstellung ist untragbar«, schimpfte Lady Margret. »Die Familie vom Reich der Mitternacht ist eine lang eingesessene Magierfamilie.«
»Falscher Tempus will ich meinen«, entgegnete Darkcast.
»Genug«, mischte sich Sonnenorden ein. »Ich erwarte, dass Ihr Euch bei Mitternacht entschuldigt.«
»Und wenn nicht?«
»Entschuldigt Euch.«
»Ich habe nicht die Absicht.«
»Ich werde mit dem Gastgeber sprechen«, der Goldene Magier stand auf um zu gehen.
»Viel Spaß dabei.« Darkcast zuckte die Achseln.
»Man kann das nicht einem Dämon überlassen«, warf Siege ein. »Der eine versteht von Anstand so wenig wie der andere. Und es ist schließlich ein Basher.«
»Weil Ihr ja auch bei Moral noch nie zweigleisig gefahren seid«, grinste Darkcast.
»Ich fahre einen klaren Ethos von Tugend und Anstand«, erwiderte Siege. »In meinem Reich wird großen Wert auf die traditionellen Werte gelegt. Und diese Prinzipien werden streng eingehalten und eingefordert.«
»Die Prinzipien gelten dann für jeden, außer für Eure Familie«, bemerkte der Schwarze Magier. »Richtig?«
John schluckte hart. Er hatte Angst davor, wohin die Diskussion führen könnte. Aber Darkcast konnte das eigentlich gar nicht wissen. Andererseits wer wusste schon, was Darkcast wusste oder nicht wusste.
Der Großfürst schien die Gefahr aber nicht zu erkennen oder zu teilen. »Selbstverständlich gelten die Regeln für jedermann innerhalb des Großfürstentums.«
»Und wie steht es mit Kindern?«
John hatte es befürchtet. »Vater lass es«, versuchte er den Großfürsten zu bremsen. Doch Siege war zu sehr in der Grundsatzdiskussion befangen. »Es ist geradezu unausweichlich, die Prinzipien von früh auf an die Kinder weiterzugeben. Und Regelbruch muss daher auch Folgen haben.«
»So?«, fragte Darkcast nun. »Und was ist mit diesen beiden?« Er deutete auf die Delegation von Hohen-Himmelsstein, welcher auch John und Karolina angehörten. Der alte König von Hohen-Himmelsstein hüstelte. Siege sah verdattert aus. Mit dieser Frage hatte er nicht gerechnet und wusste, dass er sich auf sehr glattes Terrain begeben hatte. Obwohl das eigentlich seine Angelegenheit war und weder Darkcast, noch die Gäste Snakemans etwas anging, mit Ausnahme von Hohen-Himmelsstein natürlich. Siege wusste, dass er Darkcast nicht weiter provozieren durfte.
»Ja, Ihr habt recht«, gestand er schließlich ein. »Ich habe Ausnahmen machen müssen.«
Lady Margaret war verblüfft. Das Eingeständnis von Seiten des Großfürsten kam überraschend. Stille breitete sich merklich im Saal aus. Es wurde offensichtlich interessant.
»Wir sollten zur Zeremonie kommen.« Siege versuchte das Thema zu wechseln. »Ich gehe davon aus, dass der Raum vorbereitet ist.«
Doch er kannte den Schwarzen Magier schlecht.
»Kennt jemand die Geschichte von Siege und Hohen-Himmelsstein?«, fragte Darkcast.
»Das steht hier nicht zur Debatte«, warf Hohen-Himmelsstein ein.
»Jetzt schon«, entschied Darkcast. »Unser junges Kronpaar hier, hat minderjährig ein Kind gezeugt.«
Ein bestürztes Raunen ging durch den Saal.
»Das ist ein Skandal«, rutschte Blütenthal heraus.
»Aber es kommt noch viel schlimmer...« Der Schwarze Magier grinste breit.
»Es reicht!«, schimpfte Siege.
»Das war noch vor der Ehe.«
»Darkcast, hört auf«, rief Lady Margaret dazwischen. »Das ist doch nicht zu fassen.«
»Ja, die Wahrheit ist unfassbar.«
»Nein, Euer Betragen.«
»Wieso wollt Ihr es unter den Teppich kehren?«, spottete Darkcast. »Es dient schließlich der freien Meinungsbildung.«
»Schonungslose Offenlegung von Informationen, die niemandem helfen, sondern nur Schaden anrichten, ist aber vollkommen falsch.« Lady Margaret verschränkte die Arme.
»Stimmt«, erwiderte Darkcast. »Aber wer sagt, dass es niemandem nutzt?«
»Das sind alles Staatsgeheimnisse!«, schimpfte Hohen-Himmelsstein.
»Jetzt nicht mehr.«
»Und woher kommt es«, mischte sich Feuerglut ein, »dass Ihr das wisst?«
»Weil meine Spione besser sind als Eure.«
»Oder es ist alles erstunken und erlogen«, bemerkte der Rote Magier.
Darkcast wandte sich an John. »Wie alt ist Euer Sohn jetzt? Vierzehn?«
John sah auf den Boden. Was sollte er tun? Eingestehen war wohl das Beste. »Viktor wird vierzehn.«
»Und der junge Mann hier ist siebenundzwanzig Jahre alt. Stellt sich die Frage, was dreizehnjährige Jungs im Großfürstentum so treiben?«
»Diese Sexgetriebenheit...« Mitternacht rümpfte die Nase. »Bloße Fleischeslust.«
»Kindesvergewaltigung vielleicht?«, schlug der Schwarze Magier vor.
»Moment, eines nach dem Anderen«, wandte sich Siege ein. »Zwei Jugendliche hatten sich ineinander verliebt und einen Fehler begangen. Der prompt Folgen hatte.«
»Und von Kindesvergewaltigung kann nicht die Rede sein«, ergänzte Hohen-Himmelsstein. »Die beiden waren bereits ein Paar und Karolina sechzehn.«
»Ich hatte nicht gesagt, dass er sie vergewaltigt hat«, bemerkte Darkcast mit einem kalten Lächeln.
»Schön, dass Ihr Euch so gut amüsiert«, fuhr Siegmund dazwischen. »Aber ich denke Ihr habt schon genug Schaden angerichtet.« Es missfiel ihm, dass der Schwarze Magier seine Machtgelüste auf dem Rücken der jungen Leute auslebte, die sichtlich mitgenommen wirkten. Wie so oft hatte der Großherzog das Gefühl seine Zeit zu verschwenden. Diese Ratsversammlungen schienen doch nur zwei Zwecke zu erfüllen: zum einen Probleme zu verursachen und zum anderen den Unruhestiftern eine Bühne zu bieten.
»Nun gut, dem soll so sein«, brummte Darkcast. »Ich hege schließlich keinen Groll gegen das Prinzenpaar.«
John und Karolina wussten, dass es für sie doch besser war zu schweigen. Dass der Schwarze Magier diesen Fehltritt offenbarte, war ein einziger Albtraum für John, der dadurch als zukünftiger König deutlich an Ansehen einbüßte. Nur Karolinas Ruf war noch stärker geschädigt.
»Wir haben John und Karolina umgehend zwangsweise verheiratet um das Kind im Nachhinein zu legitimieren«, verteidigte Siege Sohn und Schwiegertochter. »Die beiden wurden für Ihre Fehler bestraft und es gibt keinen Grund darauf länger herumzureiten.«
»Ganz recht.« Darkcast nickte. »Wir werden damit warten bis zur nächsten Diskussion.«
»Darkcast, raus!«, brüllte Feuerglut über den Tisch. Er war aufgesprungen.
»Was?« Darkcast öffnete die Arme. Der ganze Saal begann zu Beben. Man konnte die Macht der beiden Magier in der Luft förmlich spüren.
»Wie lange wollt Ihr dieses Spiel noch treiben?«, fragte Lady Margaret den Schwarzen Magier in einem genervten, aber ruhigen Ton.
»Bis es mir zu langweilig wird«, antworte Darkcast. »Und mir geht die schöne Fassade, die einige hier vorspielen, gehörig auf den Geist.«
»Das gibt Euch aber nicht das Recht, jedem Beleidigungen an den Kopf zu werfen und Enthüllungen zu verbreiten«, bestand Feuerglut.
»Und dann spielt er sich hier auf«, erläuterte Darkcast, »was das Spiel äußerst unterhaltsam macht.«
»Eines Tages, werdet Ihr das noch bereuen«, drohte der Rote Magier.
»Mag sein.« Darkcast lächelte. »Der Tag ist aber noch lange hin, findet Ihr nicht?«
Feuerglut antwortete nicht. Denn er fürchtete, dass der Schwarze Magier recht hatte. Schließlich hatte er zuvor ein Bündnis gegen Darkcast zu gründen versucht. Damals war es nicht zuletzt an Domenik und Lady Margaret gescheitert. Und den Großmagier allein herauszufordern, war unmöglich, selbst Sonnenorden reichte dafür nicht aus.
»Letztendlich wird die Krönung heute stattfinden«, wechselte Lady Margaret das Thema, um zum Beginn des Gesprächs zurückzukommen. »Schließlich hatten wir das bei der letzten Ratssitzung so abgesprochen.«
»Ich hatte damals bereits meine Zweifel gehegt«, erwiderte Feuerglut.
»Richtig, aber Ihr wurdet überstimmt«, entgegnete Lady Margaret, »und ich denke, dass wir zu unserem Wort stehen sollten. Richtig?« Die Frage richtete sie allgemein in den Raum und Sonnenorden nickte.
»Das Wort und der Beschluss des Rates muss verlässlich Geltung haben«, meinte der Goldene Magier. »Außerdem ist es die Fortsetzung des Lösungswegs der Probleme mit den Kreaturen hier im Süden.«
»Na ja«, warf Lady Margaret ein. »Ich würde es eher eine Korrektur des Lösungsweges nennen.«
»Das muss sich erst noch beweisen«, Sonnenorden warf den Vorwurf, dass das Gebirge ein Fehlschlag war, entschieden zurück und am Besten tut man dies mit einer Gegenoffensive. »Schließlich haben wir nur die Zusage eines Dämons. Ob dies alles so umgesetzt wird, wie von uns gewünscht, muss sich erst noch zeigen.«
»Es wird sich zeigen«, meinte Lady Margaret. »Genauso wie es sich gezeigt hat, dass wir weder die Bloodwings, noch die Black Monsters ausrotten konnten.«
»Einzelfälle, wir können nicht alles vernichten.«
»Klar, Einzelfälle wie der Scorpions-Klan. Und ich glaube selbst die Terrors, Dunklen Schrecken und das Mäulerrudel sind zumindest teilweise übrig geblieben.«
»Ist doch gut«, lachte der Schwarze Magier. »Dann wird den Fürsten hier wenigstens nicht langweilig.«
»Moment mal, Darkcast«, mischte sich Feuerglut ein. »Es war immerhin Eure Schnapsidee.«
»Ja, weil von euch Nasen niemand etwas Besseres wusste«, bemerkte Darkcast. »Und ich hatte nie garantiert, dass es funktionieren würde, oder Herr Feuergier?«
»Was soll das schon wieder heißen?«
»Ich möchte auch Land haben«, der Schwarze Magier machte dabei eine Kinderstimme nach. »Gold, Gold, Gold.«
Feuerglut wusste nicht, was er auf den Vorwurf der Gier antworten sollte. Denn er schämte sich insgeheim dafür, dass er blind dem Ruf der Bodenschätze gefolgt war. Es war eine der vielen Fallen Darkcasts gewesen, in die er hineingetreten war. Die Falle hatten ihn und seine Verbündeten in einen Krieg gestürzt, der letztendlich seinem Freund Horizont das Leben gekostet hatte.
»Darkcast, Ihr seid geschmacklos!«, schimpfte Lady Margaret mit bebender Stimme. Niemand im Raum verstand ihren Einwurf und die Anwesenden sahen die alte Dame erstaunt an. Sie hatte nicht die Absicht sich zu erklären, doch der erste Satz des Schwarzen Magiers erinnerte sie stark an Domenik. Der arme Junge, der mit eben diesem Satz bei der Gebietsverteilung so verlegen und unprofessionell versucht hatte etwas zu ergattern. Sie konnte den Elfjährigen dastehen sehen, im weißen Gewand und seinem meist frechen Grinsen; Sein Lausbubengesicht, als er mit einem Korb Kekse in die Sitzung geplatzt war; oder wie er sich verschlafen die Augen rieb.
Lady Margaret erhob sich und wandte sich der Tür zu. »Für mich ist diese Tagung beendet. Ich empfehle mich.«
»Trolley, setzt Euch doch bitte wieder«, beschwichtigte Sonnenorden.
Lady Margaret war bereits an der Tür, sie schüttelte den Kopf. Siegmund stand auf und folgte ihr. »Geehrte Magier und Fürsten, guten Tag.« Der Großherzog schloss die Tür hinter sich und Lady Margaret. Darkcast stand auf. »Mein Lieber, da ist aber jemand empfindlich heute.«
»Es wird doch noch möglich sein, Zweifel an der Dämonenkrönung anzusprechen«, rechtfertigte sich Feuerglut. Sonnenorden nickte zustimmend. Der Schwarze Magier schüttelte den Kopf. »Es ist schon faszinierend, dass immer die Gleichen von nichts eine Ahnung haben.«
»Wie meint Ihr das?«, fragte Sonnenorden.
»Wie ich es sage«, antwortete Darkcast.
»Weil Ihr ja auch alles wisst«, spottete Mitternacht, die sich zur Abwechslung wieder einmischte. Es war immer interessant, wenn Darkcast aus dem Nähkästchen plauderte. Denn er ließ sich nie in die Karten sehen, was jeden, Mitternacht eingeschlossen, sehr störte.
»Auch Ihr, meine Gute«, Darkcast klang sarkastisch. »Es ist der Grund warum die Dinge so laufen wie sie es tun.«
»Und wie laufen die Dinge?«, fragte Feuerglut bewusst gelangweilt.
Darkcast drehte sich in der Tür zu ihm um. »Nach Plan.«
Er schloss die Tür in ihre verblüfften Gesichter.
»Wir sollten gehen.« Volker riskierte ein Flüstern. Vigor nickte. Ihm drängten sich schon die ganze Zeit über Fragen auf. Außerdem war er froh, die Gefahrenzone verlassen zu können. Beide Jungen krochen vorsichtig aus dem Regal und standen auf. Glücklicherweise waren unter dem Teppich Steinplatten. Das Knacken von Dielen hätte sie sofort verraten. Doch der Boden gab so keinen Laut von sich. Wenige Schritte waren es zur Tür. Volker drückte die Türklinke langsam hinunter. Vigor sah über die Schulter. Niemand kam. Die Tür öffnete sich knarrend.
»Darkcast?«, fragte die Stimme von Feuerglut hinter den Jungen.
Vigor zuckte zusammen. Ein Stuhl wurde zurück geschoben. Volker huschte die Tür hinaus. Vigor hefte sich an seine Fersen.
Die beiden Jungen rannten den nächstbesten Korridor entlang, quer durch das ganze Schloss. Sie stürzten um eine Ecke, lehnten sich an die Wand und keuchten. Es war ein schlichter Kreuzgang mit Fackeln an der rechten und Fenstern an der linken Wand, die nach Süden in die Berge zeigten. Durch die Berggipfel fiel nur mäßig Licht auf die rechteckigen Sandsteinplatten. Vigor spähte um die Ecke. Niemand kam, die Luft war rein.
»Was habt ihr gemacht?«, fragte eine Stimme hinter ihm. »Etwa gelauscht?«
Vigor zuckte zurück, dann rollte er die Augen. Das durfte doch nicht wahr sein. Er drehte sich um. Vor ihm und Volker stand breitbeinig ein Junge, etwa in ihrem Alter, groß mit blondem Haar und kräftiger Statur. Allerdings konnte er weder bei den Muskeln, noch von der Größe her mit Volker mithalten. Die himmelblaue Gewandung die der Junge trug, verrieten ihn als Mitglied der Delegation von Hohen-Himmelsstein. Er hatte die Hände an den Hüften und musterte sie. Vigor wusste, was er tun würde, sich dumm stellen.
»Und wenn schon«, kam ihm Volker mit der Antwort zuvor, »Was geht es dich an?«
»Ich bin der Sohn eines Königs, mich geht alles etwas an«, antwortete der Junge. »Prinz Viktor von Hohen Himmelsstein.«
Volker zog ein Gesicht. »Toll, ein Wichtigtuer.«
Vigor wurde augenblicklich klar, von wem im Rat die Rede war.
»Nun redet«, forderte Viktor.
»Wir haben gelauscht und jetzt?« Volker sah ihn erwartungsvoll an.
»Wer seid Ihr überhaupt?«, fragte Viktor nun.
»Volker von Starkenberg, Sohn des Großherzogs«, stellte sich Volker vor. »Und das ist Vigor von Niedlich-Süßerbub.«
Vigor gab Volker einen Stoß in die Rippen, was dieser nur milde zur Kenntnis nahm. »Der Esel nennt sich immer zuerst. Übrigens hättest du Volker daran sofort erkennen müssen.«
»Wieso?« Der blonde Junge sah verwirrt aus.
»Viel da unten.« Vigor kniff in Volkers Oberarm. »Und wenig da oben.« Er deutete auf Volkers Stirn. »Esel halt.«
Volker grinste, packte Vigor an der Schulter und am Hemdkragen. Er riss ihn herum, stellte seinen Fuß hinter Vigors Beine und schleuderte den kleineren Jungen zu Boden. Volker warf sich obendrauf. Vigor unterbrach sein Lachen für ein kurzes Aufstöhnen.
„War ja klar. Da sind wieder die Muskeln“, seufzte Vigor spielerisch.
Volker nagelte Vigor am Boden fest, indem er quer über dessen Brust lag und Vigors Arme unter seiner Achsel eingeklemmt hatte.
»Bist du ruhig, oder soll ich dich lieb drücken?«
»Ja, ich hab dich auch lieb.«
Volker spannte die Muskeln an, zog den kleineren, schlanken Jungen an sich heran und drückte zu. Er presste Vigor die Luft aus den Lungen.
»Ja, ich bin brav«, beschwichtigte Vigor. »Sonst sind die Rippen hin.«
Viktor rollte die Augen. »Ihr seid Raufbolde.«
»Und du ein Jammerlappen«, erwiderte Volker.
»Ha, bin ich nicht.«
»Nee, gar nicht.«
Viktor erkannte Volkers Ironie nicht. Er sah schweigend den beiden Jungen am Boden zu. Schließlich ließ Volker seinen Freund wieder aufstehen.
»Sag mal, quälst du deinen kleinen Bruder immer so?«, fragte Viktor schließlich.
»Ihn?« Volker tippte auf Vigors Brust. Dann nahm er ihn in den Schwitzkasten und rieb ihm mit der Faust durchs Haar. »Was soll ich sonst mit ihm machen?«
»Du könntest ihn anbeten?«, schlug Vigor vor.
Volker ließ ihn los. »Nee, da füge ich dir lieber Schmerzen zu.«
»Ich dir auch.«
»So?« Volker riss die Arme hoch. »Boxkampf.«
Vigor ballte die Fäuste, ließ sie dann aber sinken. »Wobei lass mal. Letztes Mal hast du geheult.«
Vigor ging wieder zu Boden, bevor er hatte lachen können. Er lachte nun auf dem Rücken liegend, während Volker auf ihm saß.
»Könnt ihr auch was anderes als kämpfen?«, fragte Viktor genervt.
»Also ich habe nichts besseres vor«, brummte Volker.
»Klar, immerhin darfst du dich mit mir beschäftigen«, warf Vigor ein.
»Warte es ab, ich beschäftige mich gleich mit dir«, drohte Volker scherzhaft.
»Ihr könntet doch die Zeit nutzen«, schlug Viktor vor, »euch mit den Gepflogenheiten eines Königshofes vertraut zu machen. Mein Onkel Justin meint, dass wir den Kreaturen ein sittliches Beispiel liefern müssen. Denn die kennen nur Balgerei und Gewalt.«
Volker verzog das Gesicht zum gähnenden Vigor, dann sah er Viktor an. »Dein Onkel ist ein Langweiler.«
»Mein Onkel ist ein tapferer Feldherr.«
»Dann sollte er mal seinem weichen Neffen mal das Kämpfen lehren.«
»Ich kann kämpfen, wenn es notwendig ist.«
»Und zum Spaß?« Volker musterte Viktor.
»Das geziemt sich nicht als Gast.« Viktor verschränkte die Arme.
»Klingt für mich nach der Ausrede eines Feiglings.«
»Ich bin kein Feigling.« Der blonde Junge ballte die Fäuste.
»Beweis?«
»Äh.«
»Kommst du mit auf die Hochzeit?«, forschte Volker nach. Vigor rollte die Augen. Siegmunds Worte hallten ihm durch den Kopf.
Viktor sah verlegen aus. »Ich bin nicht eingeladen.«
»Wir auch nicht«, antwortete Volker.
»Im Gegenteil, es ist uns ausdrücklich verboten«, ergänzte Vigor.
»Das hat dich bei der Ratssitzung auch nicht gestört.«
Vigor zuckte die Achseln.
»Ihr habt tatsächlich gelauscht?«, fragte Viktor ungläubig.
»Klar.«
»War aber nur langweiliges Zeug.« Vigor versuchte die Sache herunter zu spielen.
»Schade.« Viktor klang enttäuscht. Volker sah Vigor fragend an. Doch Vigor war sich sicher, dass es sinnvoll war, Viktor die Einzelheiten von Darkcasts Enthüllungen zu ersparen. Viktor musste ja nicht wissen, dass sie es wussten. Falls der Blonde jene Einzelheiten über seine Eltern überhaupt kannte.
»Um was ging es denn?«, erkundigte sich Viktor weiter.
»Ob sie einen Dämon krönen wollen oder nicht«, antwortete Volker.
»Ach so.«
»Da fällt mir ein«, warf Vigor ein, »wer war der Junge von dem ständig gesprochen wird?«
»Welchem?«, fragte Volker zurück. »Jungs sind ein programmfüllendes Thema gewesen.« Er grinste.
»Diese Lady Margaret hat ihn erwähnt.«
»Mann, lernst du schnell Namen«, brummte Volker. »Das war so ein Magierjunge den man umgebracht hat. Nicht weiter auffallend, frech, klein und schmächtig, so wie du streng genommen.« Volker lachte.
»Kanntest du ihn?«
»Nein, er war der Sohn eines Verbündeten. Ich habe ihn nie getroffen«, erklärte Volker. »Vater meinte, dass wer immer den Jungen tötete, eine große Dummheit verbrochen hat. So ein bisschen was vom Anfang vom Ende.«
Eine Glocke schlug die Uhrzeit mit drei entfernten Schlägen.
»Kommt, wir müssen in den Saal«, drängte Volker. »Sonst verpassen wir das beste.«
Die drei Jungen gingen den Korridor entlang und die Treppe hinunter.
Lady Margaret und Siegmund trafen sich mit Sir Mike in einem langen Korridor um gemeinsam den Thronsaal zu betreten. Jener Korridor verband den Bibliotheksturm mit dem Seitenflügel. Der Gang führte daher nach Osten mit einer langen Reihe an Nordfenstern. Sir Mike war nur unwesentlich jünger als seine Frau mit freundlichen Gesichtszügen. Unter dem langen schneeweißen Mantel trug er eine blaue Hose und ein orangefarbiges Hemd vom selben Ton wie seine spitz abstehenden Haare. Sein Stab lugte wie so oft aus der Brusttasche, die Lady Margaret extra für ihn angenäht hatte. Sir Mike marschierte dort auf und ab, sah aus dem Fenster oder ließ sich von einem Skelett eine Erfrischung reichen. Er stellte sein Glas dem Gerippe auf das Tablett, als er seine Frau kommen sah.
»Danke, das wäre alles«, meinte Sir Mike. Das Skelett machte eine Verbeugung und ging davon. Die alte Magierin lehnte sich an die Sandsteinfensterbank und sah nach draußen auf die Stadt hinunter, obwohl der Blick im Turm viel besser gewesen war. Sir Mike gesellte sich neben sie.
»Was ist los?«, fragte der Magier, als er das ernste Gesicht seiner Frau sah.
»Ach, dieser Darkcast mit seinen Sticheleien«, Lady Margaret seufzte.
»Ich verstehe.«
»Nein, tust du nicht.«
Sir Mike sah Lady Margaret etwas verdutzt an.
»Es tut mir Leid«, entschuldigte sie sich. »Darkcast hat ihn nachgemacht. Verstehst du? Er hat Domenik nachgemacht. Als ob der arme Junge irgendetwas mit den Dummheiten im Orden zu tun gehabt hätte!«
Sir Mike legte ihr den Arm um die Schulter und nickte. Dann führte er sie vom Fenster weg. Die drei gingen den Korridor entlang. Das dies sie vom Thronsaal wegführte, kümmerte sie wenig. Die drei wollten ungestört sein.
»Das war mir auch nicht bewusst«, bemerkte Siegmund, der Lady Margarets Gefühle nachvollziehen konnte. Letztendlich war sein Sohn im gleichen Alter und gab ihm auch ab und zu Grund zur Sorge. »Denkt Ihr, dass er das mit Absicht zitiert hat?«
»Ich weiß es nicht«, Lady Margaret schüttelte den Kopf. »Was hätte er davon?«
»Dich aufzuregen, mein Schatz«, schlug Sir Mike vor.
»Das gelingt ihm auch ohne das in so ziemlich jeder Sitzung des Rats.«
»Wahrscheinlich um Euch aus der Reserve zu locken«, meinte Siegmund. »Jedes Wort, dass der Schwarze Magier heute sprach, diente dem Ziel Reaktionen herauszufordern. Er hat die ganze Sitzung hindurch nur Grenzen ausgelotet.«
»Ihr habt recht«, erwiderte Lady Margaret. »Er provozierte unentwegt und wahrscheinlich wollte er nur Herausfinden, wem Domenik am Herzen liegt und wen das Schicksal des Jungen nicht berührt.«
Sie verließen den Seitenflügel durch einen Quergang und eine Zugangstür zum Innenhof. Es war jene Tür mit der Volker und Vigor am ersten Tag ins Schloss gekommen waren. Dann schnitten sie über das Sandsteinpflaster des Innenhofs und über das Tor des Haupteingangs zurück zum Thronsaal.
Sie erreichten das Tor des Saals. Es war ein großes Eichentor aus Latten diagonal gezimmert. Das Tor verfügte über keine Schnitzereien, dafür war es mit prunkvollen Türbeschlägen an den Bändern und dem Schloss versehen. Diese aus Gold geschmiedeten Ornamente verschnörkelten weitläufig die beiden Torflügel. Sie traten ein. Siegmund sah sich in der Halle um.
Der Thronsaal war eine weite, offene Halle, mit zwei Säulenreihen, jeweils etwa ein Viertel rechts und links von der Außenwand entfernt. Auf jeder Seite standen sechs Säulen. Alle waren trotz ihrer Höhe von knapp zwölf Metern vollkommen mit Schnittblumen eingehüllt. Sehr viele davon waren Sonnenblumen, als Symbol für den König, da die Blume eine goldgelbe Krone als Blüte hatte. Ansonsten waren es in erster Linie Ringelblumen, hauptsächlich mit gelben und orangefarbenen Blüten; außerdem viele rote, rosafarbene, aber auch violette und weiße Blüten. Für die Hochzeit war das Blumenmeer eigentlich völlig überzogen. Trotzdem hatte man sie kurzfristig angebracht, natürlich mit magischer Unterstützung.
Zwischen den Säulen und der Außenwand standen etliche Sessel an den Wänden. Durch das verspielte Nussbaumholz und die dicken gelben Polster wirkten sie alle wie kleine Throne. Der eigentliche Thron stand aber am Ende der Halle, wie üblich auf seiner Empore. Das Möbelstück war eine ungewöhnliche Kombination aus Thron und Sofa, aber ebenfalls aus Nussbaumholz mit dem gelben Polster. Grundsätzlich hatte es die Form und Funktion eines Throns, jedoch war es ein Zweisitzer. Snakeman wollte damit auf die Ebenbürtigkeit von Meana hinweisen. Neben dieser Bühne gab es zwei Türen. Hinter der einen wurde das Bankett aufgebaut, denn sie führte in den Speisesaal. Die andere war durch eine Verlängerung der Empore zur Zeit zugestellt.
Darunter lagen die Jungen flach auf dem Bauch und lugten an den geschwungenen Holzbeinen zwischen den roten Vorhängen hindurch, welche jene Bühne nach unten abschlossen.
Der Blick des Großherzogs blieb an den Vorhängen hängen.
Volker zuckte zurück. »Verdammt«, zischte er leise.
»Glaubst du, er hat uns gesehen?«, fragte Vigor.
»Keine Ahnung.« Volker riskierte einen erneuten Blick. Siegmund hatte sich abgewandt. Er, Lady Margaret und Sir Mike begrüßten die ankommenden Gäste der Hochzeit mit höflicher Distanz. Es waren genug Personen anwesend, denen der Großherzog misstraute.
Die Hochzeit bestand bei den Dämonen, aber auch bei den Drachen, nur aus wenigen Ritualen und war insbesondere durch die schweigend durchgeführten Handlungen geprägt. Dieses Handeln sollte das Sprechen über die Vermählungsabsicht und den Schwur von damit verbundenen Merkmalen, wie Treue und Verlässlichkeit, überflüssig machen. Dämonen galten auch nicht als große Redner und waren für spontanes Handeln ohne große Ankündigung bekannt. Aus dämonischer Sicht sollten in einer Ehe die Taten der Partner füreinander über irgendwelchen Versprechungen stehen, egal wie gut gemeint. Die Hochzeitsvermählung bestand aus drei Teilen, dem dämonischen Schlachten und der Beschenkung, welche sich auf das Brautpaar beschränkten und dem Umtrunk, bei dem alle geladenen Gäste als Zeugen miteinbezogen wurden.
Das dämonische Schlachten war ein grundlegendes Ritual, welches zu bedeutenden Lebensbünden wie der Ehe, der Adoption oder dem Lehnseid vollzogen wurde. Bei diesem Ritus stand die Versorgung im Vordergrund, in der Regel war dabei die Ernährung die Anschaulichste. Der stärkere Dämon musste eine von ihm gejagte Kreatur fangen und als Opfergabe lebend mitbringen. Vor Ort wurde das Opfer dann getötet und dem schwächeren Dämon angeboten. Letzterer musste sich daran stärken. Bei der Hochzeit wurde auf diese Weise der Wille des stärkeren Dämons bewiesen die Familie zu ernähren. Gleichzeitig wurde bezeugt, dass der schwächere Dämon die Versorgung annimmt und damit die Vorrechtsstellung des Stärkeren anerkennt. Es regelte also die Rangfolge innerhalb der Dämonensippe. Das Geschlecht spielte bei der Rollenverteilung eigentlich keine Rolle, sondern lediglich die Stärke und Macht der beteiligten Dämonen. Die Stellung wurde in einem magischen Wettstreit und einem Ringkampf bei der Verlobung entschieden. Ohne dieses sich aneinander Messen war die Verlobung nicht wirksam. Während Meana beim Ringen noch eine recht gute Figur gemacht und nur knapp verloren hatte, war sie Snakeman magisch hoffnungslos unterlegen. Ein stärkerer Dämon männlichen Geschlechts war dennoch von Vorteil, denn die Dämonenklans waren wie der überwiegende Teil der Staaten patriarchalisch organisiert.
Aus Rücksicht auf die geladenen Gäste hatten Snakeman und Meana auf die traditionelle Opferkreatur verzichtet und ein Tier gewählt, dass selbst die anwesenden Menschen problemlos schlachten würden. Auf das Ritual wollten sie aber trotz der blutigen Angelegenheit nicht verzichten. Snakeman führte das Schaf an einem Strick herein und durch den Saal. Der gelbe Dämon war nur mit einer Lendenschürze bekleidet. Über seinen nackten Oberkörper fiel lediglich eine Kette aus purem Gold. Diese hielt einen königsroten Samtmantel um seinen Hals, der fast bis zum Boden reichte. Der polierte Knauf eines großen Schwerts glänzte am Gürtel seiner Lendenschürze, aus festem Leder. In der Mitte wartete Meana auf ihn, bekleidet in einer langen Robe die nur aus Blumen bestand. Wie so oft waren es die großen gelben Blüten der Ringelblume, doch als Besonderheit war mit roten Rosenköpfen ein prachtvolles Wellenmuster hinein geflochten. An dem Umhang hatten alle Floristen der Stadt einen ganzen Tag lang durchgearbeitet. Ansonsten trug Meana die reguläre Kluft weiblicher Dämonen des Nordens. Diese bestand aus einer Lendenschürze und einem Tuch, dass um ihren Busen gewickelt war. Die bloße Haut war jedoch nicht nur die althergebrachte Dämonenbekleidung, sondern auch aus praktischen Gründen so gewählt, um eine Verschmutzung während des dämonischen Schlachtens zu verringern.
Um Meana herum standen die Gäste in einem weiten Kreis, wobei Etliche der Hochzeitszeremonie fern blieben oder nicht eingeladen waren. Die Anwesenden waren alle für ihre Herkunft und Stellung dem Anlass entsprechend bekleidet. Meanas Eltern links neben ihr waren in der traditionellen Bekleidung der Basherdämonen. Torment der Zweite trug eine Lendenschürze und einen gelben Umhang mit dem goldgelb, wellenförmig gekrönten Basher-Wappen darauf. Dieses zeigte das stolze Basher-Manor, einem mächtigen Herrenhaus aus rotem Sandstein mit dicken Säulen vor der Haupteingangsveranda und den beiden flankierenden Türmen rechts und links des Hauptflügels. Der Rest des Wappens war in grün und blau gehalten, entsprechend der Region in der die Baronie regierte. Ein langes Schwert und einen Dolch hatte der Dämon an seinem Gürtel. Torment war der derzeitige Baron of Basher. Seine Frau trug etwa das Gleiche, jedoch ergänzt um ein Tuch um ihren Busen.
Neben der Basherdame standen zwei Einkopfdrachen, wie sie im Großherzogtum bekannt waren. Der Duke of Dragon hatte vor Kurzem sein Herzogtum übernommen und war mit seiner Gemahlin angereist. Am einfachsten waren die beiden an der Farbe zu erkennen. Denn Dragon war tannengrün auf dem Rücken und gelb am Bauch, während seine Gemahlin einen braunen Rücken und einen roten Bauch hatte. Besonders auffallend war der weiße Fleck auf Dragons Brust, der die gesamte Fläche ausfüllte und nur ein gelber Schimmer an den Schultern und unter den Armen bildeten einen Übergang ins Grün seines Rückens. Beide Drachen hatten drei Reihen von Knochenplatten in Rückenfarbe vom Hinterkopf bis zur Schwanzspitze. Sie konnten in dem hohen Thronsaal bequem stehen.
Neben diesen beiden Riesen stand genau das Gegenteil: Lady Margaret in ihrem orangefarbenen Samtkleid, sowie Umhang und Stab. Zu ihrer rechten lächelte Sir Mike in seinem eleganten Gewand in blau und orange unter dem schneeweißen langen Mantel.
Den Kreis schloss Großherzog Siegmund, der auf Bitten von Lady Margaret und Snakeman der Zeremonie beiwohnte. Siegmund trug seinen dunkelroten Mantel und die königsblauen Weste, wie üblich. An seinem schwarzen Ledergürtel prangten wie bei den Dämonen etliche Klingenwaffen. Doch sein riesiges Zweihänderschwert hatte er wohl nicht mitgebracht. Lustigerweise war der Großherzog etwas größer als die beiden Basher neben ihm. Für Lady Margaret, Sir Mike und Siegmund war es die erste Dämonenhochzeit und so waren sie sich nicht sicher was sie erwartete. Lady Margaret rechnete aber mit einer blutigen Zeremonie, worauf bereits der Name des Programmpunkts schließen ließ. Und sie würde Recht behalten.
Snakeman blieb eine Armlänge vor Meana stehen und löste den Strick um den Hals des Schafs. Anschließend ging er neben dem Tier in die Knie und packte es mit einem Arm um die Schultern der Vorderbeine. Er hob das Schaf vorne an, welches nun auf zwei Beinen stehen musste. Es blökte widerwillig. Mit dem zweiten Arm zwang Snakeman das Tier den Kopf sehr unnatürlich weit nach oben zu heben. Dann biss er dem Schaf in die Kehle. Das Tier röchelte kurz während die Reißzähne des Dämons beide Schlagadern durchtrennten. Snakeman schloss die Kiefer und riss dem Schaf den ganzen Kehlkopf aus dem Hals. Er spuckte den blutigen Kehlkopf aus neben seine Füße. Er klatschte komplett und unbeschädigt auf die Sandsteinplatten.
Lady Margaret wandte vor Ekel kurz den Blick ab. Sir Mike und Siegmund hatten schon deutlich mehr Blut gesehen und dem Rest schien die Vorstellung eher zu gefallen. Im Übrigen war dies für die anwesenden Dämonen ein wichtiger Bestandteil, denn an der Unversehrtheit des Kehlkopfs konnten sie sehen, ob Snakeman einen guten Biss vollzogen hatte oder nicht. Was ein Qualitätsurteil für einen Dämon war.
Die Jungen sahen von ihrem Versteck aus zu. Wobei Viktor hinter Volker und Vigor lag und so schlechter sehen konnte. Vigor zog ein angewidertes Gesicht. »Das ist doch krank.«
»Nein, krank ist, dass wir uns das freiwillig ansehen«, antwortete Volker.
»Wenn ich heute Nacht deswegen Albträume habe, dann bist du schuld.«
»Ha, von wegen. Du hast doch eh jede Nacht Albträume.«
»Ja«, bestand Vigor. »Aber nicht von blutigen Organteilen.«
»Sei doch froh«, erwiderte Volker. »So sind es wenigstens mal nicht deine.«
Vigor streckte ihm die Zunge raus. »Das spielt in einem Albtraum keine große Rolle.«
Volker grinste. Viktor sah ihnen schweigend zu. Es war auch ihm lieber, als der Schlachtung zu zu schauen.
Das Blut quoll bereits aus dem Schaf und lief Snakeman an Hals und Brust hinunter. Der Dämon verlor keine Zeit, sondern bot den toten Körper Meana an. Ohne zu zögern nahm sie ihm die Opferdarbietung ab. Dann versenkte sie ihre eigenen Zähne in dem klaffenden Loch im Hals und trank vom ausströmenden Blut. Derweil zog sie ein Messer aus ihrem Gürtel unter dem Blumenumhang hervor. Dann schnitt sie dem Schaf das Fleisch zwischen den Vorderbeinen von den Rippen. Während sie die beiden großen Brustmuskeln in ihrer Hand hielt, ließ sie das Schaf auf den Boden fallen. Die beiden Fleischstücke schob sie auf einen Fleischspieß und trat zum Kamin rüber, indem ein Feuer brannte. Dort hielt sie den Spieß über das Feuer um das Fleisch zu rösten.
Nach wenigen Minuten brachte sie das Fleisch zurück, dass man noch nicht einmal als Medium-roh bezeichnen konnte. Es ging mehr um den Symbolgehalt als sich das Fleisch, aus dämonischer Sicht, trocken zu braten. Meana reichte Snakeman ein Stück, der sich mit einem Kopfnicken bedankte. Er fing aber erst mit dem Essen an, als Meana in ihre Portion biss. Dann verschlangen sie gemeinsam das Fleisch.
Snakeman war sehr froh, dass seine Eltern nicht gekommen waren und Meanas Eltern die nicht standesgemäße und schon gar nicht dem Anlass entsprechende Opfergabe akzeptiert hatten. Denn eine solch bedeutende Zeremonie wie eine Hochzeit forderte schon ein weniger primitives Opfer. Zumindest ein Trollopfer, und zwar von Waldtrollen, nicht von ihren weniger intelligenten Bergtroll-Artgenossen, sollte verwendet werden. Aber bei den Bashern vergoss man traditionell bei Hochzeiten immer Menschenblut. Meanas Eltern hatten dies auch angeregt, sahen dass aber nicht so eng, da Meana nicht die direkte Erbin ihrer Linie war, dies fiel ihrem Bruder Torment dem Dritten zu. Dennoch hatten sie mit leuchtenden Augen von ihren guten Erfahrungen mit einem menschlichen Mädchen erzählt, welches der zweiten Hochzeit von Meanas Großmutter väterlicherseits zum Opfer gefallen war. Letztendlich willigten Meanas Eltern deshalb ein, weil Meana mit Snakeman einen idealen Fang im Sinne der Basher-Erbtradition gemacht hatte.
Snakeman selbst empfand Menschenopfer aber, wenn er ehrlich war, als zu brutal und zu primitiv. Er war ganz froh, dass er sich mit Hilfe der Gästeliste hatte aus der Affäre ziehen können. Denn schon aus Sicht seines Philosophiestudiums konnte Snakeman mit intelligenten Opfergaben nichts anfangen. Schließlich waren etliche dieser Opfer von etwa ihrer Intelligenz und von ähnlicher Stellung. So viel weniger wert als die Dämonen waren die Menschen schließlich nicht, auch wenn dies viele seiner Spezies anders sahen.
Die Beschenkung war weniger blutig und begann mit dem Rösten des Fleisches. Meanas Geschenk war das fertige Essen, dass aber seit langem als Bankett nach der Hochzeit erbracht wurde. Als symbolische Beschenkung während der Zeremonie galt also das gebratene Fleischstück. Lediglich das Geschenk des Bräutigams fehlte noch. Snakeman überreichte Meana ein kleines Holzfass. Es war ein starker Likör, der aufwendig hergestellt wurde. Dann wurde ein kleiner Umtrunk gereicht, der wie traditionell üblich aus dem kleinen Fässchen stammte, dass Meana von Snakeman erhalten hatte. Die anwesenden Freunde und Verwandten dienten als Zeugen der Eheschließung. Aus diesem Grund mussten sie mit trinken.
Lady Margaret roch an dem Glas, welches ihr von Snakeman ausgehändigt wurde. Sie konnte den süßlichen Geruch nicht zuordnen. Es schien ein Honigaroma zu sein.
»Was ist da drin?«, fragte die alte Magierin interessiert.
»Tomate«, antwortete Snakeman.
»Also ein Tomatenlikör?«
»Nein, nicht ganz.« Der Dämon schüttelte den Kopf. »Zunächst wird mit Kiefernhonig ein Tomatenmet hergestellt. Der wird dann als Likör auf 66% vergoren.«
»Seien Sie mir nicht böse. Aber unverdünnt trinken kann ich das nicht.«
Snakeman grinste.
So hohen Alkohol vertrug die alte Dame natürlich nicht, außerdem hielt sie aus Prinzip nichts vom Betrinken. Also nippte Lady Margaret nur an ihrem Kristallkelch mit dem nun verdünnten Likör, um dem Ritual gerecht zu werden. Dieses erforderte, dass alle Trauzeugen aus dem gleichen Fass gemeinsam tranken. Ebenso waren stets sieben Trauzeugen nötig, weswegen Siegmund sich zum Beiwohnen hatte überreden lassen. Der eigentliche siebte Gast, der Duke of Reaper, war verhindert. Niedergeschrieben wurde die Eheschließung nicht, sondern durch die Vielzahl der lebenden Zeugen, sollte die Ehe stets beweisbar bleiben. Mit dem Leeren des Fässchens war die Eheschließung besiegelt.
Anschließend fiel die Hochzeitsgesellschaft ins Gespräch und verließ gruppenweise den Saal. Gleichzeitig traten etliche Bedienstete ein, die vor dem Tor gewartet hatten. Es war eine bunte Mischung aus Trollen, Skeletten und Menschen. Alle in unterschiedlichen Gewändern oder im Falle der Gerippe ohne Kleidung. Während die Hochzeitsgesellschaft zügig verschwand, schienen die Diener keine Eile zu haben. Zwei Diener, beides Waldtrolle mit gelbem Haar, schrubbten die Sandsteinplatten bevor die vollständige Gästezahl für die Krönung versammelt werden sollte. Die Sessel wurden auf der Plattform aufgestellt. Die beiden Throne nach vorne an den Rand des Podests geschoben. Dabei trampelten die Trolle den Jungen quasi auf den Köpfen herum.
Die Jungen warteten und warteten. Volker rollte die Augen. »Könnten die nicht alle mal gehen.«
»Gehen wir einfach so«, schlug Vigor vor.
»Aber die Diener sehen uns doch.«
»Die werden sich nicht um uns kümmern, oder?«, meinte Vigor.
»Stimmt.« Volker nickte.
»Wenn die Krönung losgeht, dann ist der Saal rappel voll. Und ich habe ein flaues Gefühl bei der Sache.«
»Also los.«
Die drei Jungen krochen zeitgleich unter dem Vorhang hindurch und aus der Empore heraus. Auf halber Strecke warteten sie. Niemand beachtete die Jungen, ganz wie Vigor vermutet hatte. Sie krochen vollends hervor. Noch ehe sie sich aufrichten konnten, packte etwas Vigor und Volker hinten auf dem Rücken. Es war sehr kraftvoll, denn es hob beide, auf allen Vieren krabbelnde Jungen vom Boden weg. Sie hingen an ihren Hemden wie die Fische im Netz. Viktor versuchte davon zu krabbeln, doch etwas presste ihn unsanft auf den Boden nieder. Vigor sah den schwarzen Reiterstiefel.
»Geht von mir runter«, maulte Viktor. »Ich bin ein Königssohn.«
»Hört auf zu jammern, sonst seid Ihr gleich Königspastete.« Der Stiefel presste fester nach unten.
»Vater, es tut mir Leid«, entschuldigte sich Volker.
»Mir tut es auch Leid«, erwiderte der Großherzog. »Das meine Anweisung so schwer zu verstehen war, glaube ich kaum.«
»Nun ja, es ist halt schon spannend.«
»So, welchen Teil von – Bleibt in eurem Zimmer - hast du nicht verstanden?«
Volker schwieg.
»Du widersetzt dich meinen Anweisungen und hast dann auch noch die Frechheit anzunehmen, dass ich es nicht merken würde.«
»Es tut mir Leid«, wiederholte Volker.
»Das wird es«, bekräftigte Siegmund. »Ihr zwei geht jetzt in eure Stube, packt zusammen und geht ins Bett. Morgen früh reisen wir ab.«
»Aber die Krönung?«, fing Volker an.
»Die findet auch ohne euch statt.«
Vigor und Volker sahen sich kurz niedergeschlagen an.
»Und...« Volker schluckte. Er konnte es sich denken. Vigor betrachtete peinlich berührt die Sandsteinplatten.
»Das Bankett ist auch gestrichen«, entschied Siegmund. »Der knurrende Magen wird euch vielleicht daran erinnern, dass euer Vater und Monarch euch eine Order erteilt hat. Und lasst heute Abend keinen Laut mehr von euch hören.«
Der Großherzog setzte die beiden Jungen auf ihre Füße und ließ Viktor aufstehen. Erst jetzt hatte der blonde Junge wieder den Mut zu rebellieren. »Das sage ich meinem Großvater.«
»Tut dem so. Dann kann ich mich später kurzfassen«, rief der Großherzog dem davon stapfenden Viktor nach. Siegmund wandte sich an Volker. »Dein neuer Freund hat weder Manieren noch Verstand. Und nun Abmarsch.«
Vigor und Volker gingen den Flur entlang und die Treppe hoch. Erst kurz vor dem Zimmer wagten sie es zu sprechen.
»Ist dein Vater sehr wütend?«
»Schwer zu sagen«, überlegte Volker. »Besser wäre, es nicht herauszufinden.«
»Schlägt er auch?«
»Nein.«
»Das ist gut, dass er nicht wie der Oberste Aufseher ist.«
»Was meinst du?«
»Na ja, er würde uns sonst beim Bestrafen alle Knochen brechen.«
Volker sah Vigor fragend an.
»Überlege mal. Dein Vater hat uns, womöglich noch am gestreckten Arm, in der Luft gehalten und uns derweil in aller Ruhe zurechtgewiesen. Wo der hinschlägt, wächst gewiss kein Gras mehr und auch nichts anderes.«
Volker nickte mit einem kurzen Grinsen. Er war schon irgendwo Stolz auf die Muskelkraft seines Vaters.
In der Kammer zogen sie schweigend ihre guten oder sauberen Gewänder aus und wechselten in einfachere Kleidung. Vigor zog einfach wieder seine alte schmutzige Wäsche an. Für die Rückreise war keine Parade mehr vorgesehen, stattdessen würden sie äußerst informell im Vorhof des Jagdschlosses landen. Auch ihre Sachen, Bücher, Holzspielzeug von Volker verstauten sie in dem großen Reisekoffer. Es war eine verstärkte Kiste, groß genug, dass sich Vigor hineinsetzten konnte und der Deckel noch zuging. Hinzu kamen noch ein paar Kleinigkeiten, die Volker gekauft hatte, wo und wie auch immer. Sie waren sehr bald fertig. Doch die beiden Jungen wussten, dass es noch ein sehr langer Nachmittag werden würde.
Die Krönung, die nun folgte, war wesentlich aufwendiger als die Hochzeit. Denn die Magier verlangten ihr eine entsprechende Form ab. Jemanden außerhalb der angestammten Königslinien in den Königsstand zu erheben war unüblich und wurde groß gefeiert, da ein neuer, vererbbarer Titel geschaffen wurde. Aus diesem Grund war auch der gesamte Thronsaal so prunkvoll geschmückt worden. Schließlich wurde das Volk eingelassen. Es war ein gesunder Querschnitt durch die Stadtbevölkerung. Alle Familienväter waren mit einer Begleitperson eingeladen. Dies war in der Regel die Gemahlin, in allen anderen Fällen der älteste Sohn. Alle nur erdenklichen Kreaturen nahmen teil. Es waren Drachen, Dämonen und Trolle verschiedenster Arten anwesend. Ferner wohnten Menschen, Skelette, Spinnen, Schlangen und Echsen der Krönung bei. An der Wand hatten sich riesige Fliegen und eine Art übergroße Fledermaus niedergelassen. Flankiert wurde die Empore von zwei ausgewachsenen Zweikopfdrachen. Der anwesende Adel der Bashs hatte in der ersten Reihe Platz genommen. Er war genauso kunterbunt gemischt, wie die sonstige Bevölkerung der Stadt.
Darmowy fragment się skończył.