Czytaj książkę: «Die Ratte kommt»
Lydia Drosberg
DIE RATTE KOMMT
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015
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Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Titelfoto: Superkid playing violin © Sergey Nivens
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
INHALT
Cover
Titel
Impressum
Mein Einzugsgebiet
Meine Eltern
Meine Schwestern
Sonja
Die Kinder in unserer Straße
Das Nesthäkchen
Meine Ausflüge
Familie Kaufmann
In der Wohnung
Familie Lucke
Ein Missverständnis
Im Kindergarten
Immer wieder sonntags
Elas Missgeschick
André
Das gibt es nur sonntags
Mittwochabends
Unsere Untermieter
Auf dem Gut in Polen
Flucht und Rückblick
Tante Lena
Onkel Franz, der Spaßvogel
Eindrücke
Das Weihnachtsgeschenk
Tante Sonja
Erwin
Onkel Gert
Typisch Vati
Peinlich
Vati und ich fahren zu Tante Ella und Oma
Die Verwandtschaft
Im Schloss
Oma
Tante Ella
Ein seltsames Erlebnis
Flucht nach draußen
Tante Mia und Tante Antonia
Die Floh-Nacht
Die „Ostsee“
Peinliche Erinnerung
Abgeblitzt
Wieder zu Hause
Tante Inga und ihre Jungs
Susi, Marlenes Freundin
Sommer
Auf dem Dachboden
Schwitzspiele
Katzen im Bett
Das „Telefon“
Herr Teufel
Ungewollte Einblicke
Ein Paket
Zwischen matschigen Kartoffeln und Kellerasseln
Bootsfahrt zum Baden
Fast ertrunken
Vati und der Monteur
In Magdeburg
Mein neuer „Spielplatz“
Franka
Senta und Barbara im Gottesdienst
Oma Herold
Herolds Kinder
Herolds tolle Spiele
Völkerball
Eklig
Eine FDGB-Reise
Verspätete Einschulung
Musikschule
Kartoffeln stoppeln
Ein seltsames Geräusch
Winter
Wir backen Pfefferkuchen
Weihnachtsfeier im Stahlwerk
Mit Mutti beim Arzt
Weihnachten
Unverhoffter Besuch
Stress in der Musikschule
Jost
Ein lästiger Verehrer
Fasching
Winterferien
Onkel Tom Zitte
Marlene und Susi
Marlene und Martina
Peter und Konrad
Zu viel Tratsch
Der letzte Schultag vor den Ferien
Im Ferienlager
Zeit zum Spielen
Ein Wettkampf
„Westkontakt“
Frankas Katze stirbt
Allein mit der Straßenbahn
Herr Deckert rastet aus
Probleme in der Schule
Annes Verlobung
Die Stieftochter
Vatis Wellenlänge
Die neue Kaufhalle
Die falsche Freundin
Endgültig Schluss
Verdorbener Badespaß
Eine Pechsträhne
Ilsenburg
Mein Paket
Daniela
Sabrina und die Nachbarjungs
In der dritten Klasse
Im Kinderorchester
Opfertypen
Im Hort
Maike
Wochenende
Mein Gedicht
Marlene in der Ausbildung
Das ist meine Wurst!
Betet ihr nicht vor dem Essen?
Odett
Die Neuen
Der Spielplatz
Positives und Peinliches aus der Schule
Ferienarbeit
Neptunfest
Wieder in Ilsenburg
Anne und Bestensee
Mutti leidet
In Rostock
Vierte Klasse und das neue Fahrrad
Selbst entschieden
Theateraufführung
Im Kinderchor
Disco
Rolf und sein Kumpel
Die seltsame Suppe
1. Mai
Das Geburtstagsgeschenk
Enttäuschungen
Susanna
Karsten
Konzert in der Nervenklinik
Kleider machen Leute
Herr Bäckers Fauxpas
Schwiegereltern
Eine neue Familie
Campingurlaub
Verwechselt
Hartmanns
Simona
Waltraud
Der künstliche Arm
Stippvisite in Rostock
Der Swimmingpool
Fragen über unsere Kirche
Streit
Kampf um Tanja
Arne und Rolf
Missgeschick
Im Turnverein
Selbstkritisch
Christin
Eine seltsame Frage
Hochzeitsvorbereitungen
Hochzeit
Weihnachten allein
Vati kennt kein Pardon
Fluktuation
Arnes seltsames Verhalten
Marlenes Hochzeit
MEIN EINZUGSGEBIET
Wir wohnen – umgeben von großen Feldern – in einer Siedlung am Rande der Stadt. Zwischen den Feldern schlängeln sich zwei Bahngleise. Eins führt zur Nervenklinik, das andere in Richtung Stadtmitte. Das Gebiet, in dem ich aufwachse, reicht bis zum Kanal. Dahinter ragt ein riesiges Stahlwerk aus der Erde. Viele Leute sagen, es ist furchtbar laut. Doch wir hören das schon gar nicht mehr. Nur wenn die Arbeiter einen Abstich machen, dann zischt und kracht es ziemlich gewaltig. Im Dunkeln werden wir dafür von einem wunderschön erleuchteten Himmel belohnt. Also halb so schlimm.
Zwischen dem Kanal und den Bahngleisen befinden sich die Rieselfelder und eine Jauchegrube. Ihre Oberfläche sieht aus wie ein riesiger Tanzboden. Die Jauche wird in Abständen über die Felder gepumpt. Das stinkt natürlich fürchterlich, doch was hier wächst ist einzigartig. Am Rand der Felder sind mannshohe Betontonnen im Boden eingelassen. Sie heißen Silo und in ihnen wird Viehfutter für den Winter gelagert.
Jenseits der Bahn reihen sich Zweifamilienhäuser wie Perlen auf einer Kette aneinander und ergeben eine lange Straße. Von solchen Straßen gibt es sieben, fünf parallel und zwei quer verlaufende. Zu jeder Doppelhaushälfte gehört ein 1000 Quadratmeter großer Garten. Unser Haus liegt fast am Ende der Straße. Neben unserem Garten verläuft ein schwarzer Weg durch das ganze Gebiet. Er endet bei den Neubauten, die für die Armeeangehörigen hochgezogen wurden.
Wir haben einen ziemlich bunten Gartenzaun: eine Latte grün, eine blau, eine gelb, eine braun. Je nachdem, welche Farbe sich gerade im Schuppen befindet. Vati verstreicht alles, was weg muss.
Irgendwann im Winter entdeckt Mutti etwas Buntes mitten auf dem verschneiten Feld. „Guck mal, Heinz, was steht denn da hinten im Schnee?“, fragt sie und zeigt mit dem Finger in Richtung Bahn.
Vati schaut ebenfalls aus dem Fenster in diese Richtung. Er kneift die Augen zusammen, als wenn er nicht richtig sehen kann.
„Sag mal, Heinz, siehst du auch, was ich sehe?“, fragt meine Mutter erstaunt.
Meine Schwestern kommen schnell herbeigerannt. „Ist denn das zu fassen, dort steht unser Gartentor!“, ruft mein Vater belustigt.
Meine Schwestern und ich drücken uns die Nasen am Fenster platt. Und tatsächlich, weit weg, mitten auf dem Feld steht mutterseelenallein unsere Gartentür im Schnee und leuchtet in der Sonne.
„Wie ist denn die da hingekommen?“, wundert sich meine Mutter.
„Da hat sich wohl einer einen schlechten Scherz erlaubt“, sagt mein Vater und schmunzelt.
„Ich will ja nichts sagen, aber ich kenne nur eine Familie, die so etwas drauf hat“, behauptet eine meiner Schwestern, und jeder von uns weiß, wer damit gemeint ist.
„Sicher zweifelt niemand daran, dass es unsere Eingangstür ist“, denke ich laut. „Keiner, außer uns, besitzt solch einen bunten Gartenzaun. Und wenn wir sie dort auf dem Feld sehen, dann kann auch jeder andere aus unserer Straße sie erblicken und sich seinen Reim darauf machen.“
Meine Schwestern schämen sich fast zu Tode, dass sie das Tor vom Feld holen müssen. Doch Vati besteht darauf und akzeptiert keine Widerrede.
Der Vorgarten ist im Sommer genauso bunt wie unser Zaun. Für den Garten ist meine Mutti zuständig. Er ist gepflegt und voll schöner Blumen. Der Hof und der Vorgarten sind durch eine Mauer getrennt. Um auf den Hof zu kommen, muss man ein großes Tor durchschreiten. Der Hof liegt fast den ganzen Tag in der Sonne.
Unser Haus hat zwei Etagen. Unten wohnen wir und oben die Untermieter. Dem Haus zugewandt liegen übereck Veranda, Küche und Bad. Die Stallungen sind gleich am Bad angebaut. Gegenüber befinden sich der Schuppen und ein Platz für die Hollywoodschaukel. Der Apfelbaum im Hof trägt die besten Äpfel der Welt. Neben dem Stall und hinter dem Apfelbaum kann man die Teppichstange und die Fäkaliengrube sehen. Vati kann froh sein, dass wir da noch nicht reingefallen sind, denn die Abdeckung ist echt lebensgefährlich. Die Grube ist mir zwar bisher erspart geblieben, dafür bin ich aber, als meine Eltern das Dach gestrichen haben, mit dem Hintern in flüssigen Teer gelandet. Das war genauso unangenehm. Da mussten sie mir den Teer vom Po abziehen, nachdem er erkaltet war. Die Teppichstange ist aus massivem Eisen und sie ist Mutti schon mal beim Teppichklopfen auf den Kopf gefallen. Da brummte ihr aber mächtig der Schädel.
Hinterm Schuppen stehen unsere Kaninchenställe. Die sind krumm und schief gebaut, erfüllen aber ihren Zweck. Ratet mal, wer die gebaut hat? Der Garten ist voller Obstbäume. In den Flächen dazwischen wachsen dicht gedrängt Erdbeeren und verschiedenste Gemüsesorten.
Wir lieben unser Haus, jedenfalls im Sommer. Sommer heißt: Alles ist warm und gemütlich, es gibt viel Platz und viel frische Luft. Im Winter ist es kalt und wir müssen zusammenrücken. Und alle warten sehnsüchtig auf die warme Jahreszeit.
Wir, das sind Mutti, Vati, meine drei Schwestern und ich.
MEINE ELTERN
Vati hat das Haus gekauft, als meine älteste Schwester schon geboren war. Meine Mutter trennte sich kurzzeitig von meinem Vater und lebte eine Weile bei ihrer ältesten Schwester. Doch Vati holte sie mit dem Haus wieder zurück. Mutti arbeitete damals noch als Rollgangfahrerin im Stahlwerk. Bis zum dritten Kind war sie dort tätig. Meine drei älteren Schwestern gingen derweil in die Wochenkrippe.
Als ich auf die Welt komme, entschließt sich meine Mutter, nicht mehr im Stahlwerk in drei Schichten arbeiten zu gehen. Jetzt bekommt nur noch einer in unserer Familie ein Einkommen und das Geld ist immer knapp. Da meine Mutter über kein eigenes Geld verfügt, ist Vati unser großer Boss. Er meint, wenn er die Mäuse nach Hause bringt, kann er auch bestimmen, was damit geschieht. Das gefällt Mutti gar nicht und sie will es auch nicht akzeptieren. Sie ist der Meinung, dass sie genauso viel zu Hause arbeiten muss wie Vati auf seiner Arbeit. Außerdem, meint sie, ist oft mehr Geld für Vatis Bedürfnisse übrig, als für ihre und die der Kinder. Doch da kann sie sagen, was sie will, Vati lässt sich in dieser Hinsicht nicht erweichen. So muss sie noch ein bisschen nebenbei arbeiten gehen, um sich und uns manch kleinen Wunsch erfüllen zu können.
Mutti ist sehr geschickt. Sie kann nähen, tapezieren, bekommt jeden Nagel in die Wand und kann arbeiten wie ein Pferd. Sie ist sich nicht zu fein, Gelegenheitsarbeiten anzunehmen, die sonst keiner machen will. So arbeitet sie im Winter in der Firma Korten und im Sommer auf dem Feld in Werder. Beides sind harte Jobs mit wenig Verdienst. Aus Werder bringt sie Obst in Hülle und Fülle mit. Da können wir uns satt essen, und der Rest wird eingeweckt. Manchmal weckt sie tagelang bis spät in die Nacht ein. Zum Schluss ist ihr ganz übel und sie möchte die Arbeit am liebsten hinschmeißen, weil sie das Einwecken so satt hat. Das ist aber die Ausnahme. Meistens ist sie gern im Haus tätig und sie singt bei der Arbeit alle Volkslieder, die sie als Kind lernte. Auch die, die man nicht singen sollte, wie zum Beispiel „Schwarzbraun ist die Haselnuss“. Dann sagt sie im Flüsterton: „Das darfst du draußen nicht singen, das ist verboten.“
Zu Hause bekommt sie alles im Griff. Nur außerhalb unserer vier Wände fühlt sie sich etwas verloren. Naja, Mutti schämt sich dafür, dass sie nicht so gut Deutsch sprechen kann. Das behindert sie sehr im Umgang mit anderen Leuten. Die Behördengänge muss deshalb Vati erledigen. Ich finde das mit der Sprache gar nicht so schlimm. Es gibt ihr eher eine persönliche Note, wenn sie ihr „Polnisch rückwärts“ redet. Eigentlich hört es sich ganz niedlich an. Wie Mutti eben. Aber mir glaubt sie ja sowieso nicht.
Mutti hat eine Freundin, die redet genau so wie sie. Mit der fährt sie nach Werder. Die Frau hat zwei Söhne mit roten Locken, die sind ein klein wenig älter als ich und ziemlich aufgeweckt. Ihr Mann ist super nett. Und sie wohnen in unserer Siedlung, nicht weit von unserer Kirche entfernt. Manchmal schaut Mutti nach dem Gottesdienst bei ihnen vorbei.
Einmal fahre ich mit den beiden Jungs und dem Vater in ihrem Trabbi mit. Ich betätige aus Versehen einen Knopf, der meine Tür nicht mehr aufgehen lässt.
„Ach du Schreck, was hast du denn jetzt angestellt?“, fragt der Mann ganz erschrocken und rüttelt an seiner Tür. „Mann, die geht auch nicht mehr auf!“
Ich reagiere panisch, weil wir jetzt nicht mehr aus dem Auto rauskommen und versuche verzweifelt, meine Tür zu öffnen. Da fangen die drei an zu lachen und ich merke, dass ich veräppelt werde. Mit hochrotem Kopf sitze ich auf der hinteren Bank bei den Jungs, während sie mir erklären, dass der Knopf nur herausgezogen werden muss und dann ist alles wieder in Ordnung. Wahrscheinlich sehen wir in dem Moment aus wie Drillinge. Mein rotes Gesicht und der wilde Ausdruck darin passen gut zu ihren roten Locken.
Apropos rote Haare. Die Haare erinnern mich an das Buch „Der Zauberer Faulebaul“. Der luchst einem Jungen, der zu faul ist zum Lernen, seine wunderschönen roten Locken ab und lässt ihn dafür, ohne lernen zu müssen, gut in der Schule sein. In diesem Buch könnten die beiden die Hauptrolle spielen, vom Aussehen und auch vom Charakter her.
Mein Vater ist sehr gewissenhaft und pünktlich, was seine Arbeit betrifft. Gestiefelt und gespornt fährt er mit dem Fahrrad von zu Hause los, als wenn es etwas zu tun gibt, was ganz wichtig und unverschiebbar ist. Nach der Arbeit ist er kaputt und legt sich mit einem Kissen auf dem Bauch hin. Oberstes Gesetz ist es jetzt, ihn nicht beim Schlafen zu stören. Auch wenn er aus der Nachtschicht kommt, müssen wir mucksmäuschenstill sein.
Vati ist auf eine gewisse Regelmäßigkeit in seinem Leben bedacht. So darf er auf keinen Fall seine geliebte Tagesschau verpassen. Egal was passiert. Punkt 19 : 00 Uhr muss er vorm Fernseher sitzen.
Vati verreist auch gerne. Wenn seine Arbeit ihm ein paar freie Tage beschert, dann kann es passieren, dass er nach Hause kommt und sagt: „Mutti, zieh die Kinder an, wir fahren jetzt zu Oma!“ Das findet meine Mutti gar nicht witzig. Oft ist sie mitten in der Arbeit und soll dann alles stehen und liegen lassen? Aber eins ist gewiss: Vati fährt! Mit oder ohne Mutti. Manchmal wählt Mutti die letzte Variante. Einmal wollte Vati auch Hals über Kopf wegfahren und bedrängte meine Mutter so doll, dass sie sich furchtbar anstrengen musste, ihre Arbeit zu schaffen. Dabei kam sie mächtig ins Schwitzen. Als sie das Fenster öffnete, um den frisch gebohnerten Fußboden schneller trocknen zu lassen, stand sie natürlich im Zug und wurde dadurch furchtbar krank. So hat sie es jedenfalls erzählt. Das will sie auf keinen Fall noch einmal riskieren.
Vati wird des Öfteren von seinem Betrieb zur Kur geschickt. Dann fährt er sehr leidend hin und kommt voller Schaffenskraft wieder nach Hause zurück. Dreimal dürft ihr raten, was Mutti dazu sagt.
Doch einmal kommt er nicht wie gewohnt nach ein paar Wochen sichtlich erholt, sondern vorzeitig und etwas deformiert in einem Krankenwagen zurück. Er erzählt uns dazu folgende Geschichte. Vati will am Sonntagmorgen die Kirche besuchen. Doch das Kliniktor ist noch verschlossen. Da hopst er einfach aus dem Fenster und über die Klinikmauer. Das ist scheinbar keine gute Idee, denn er bricht sich dabei ein Bein. „Was mache ich nur?“, denkt sich mein Vater verzweifelt. „Wenn die Klinikleitung das rausbekommt, muss ich den Kuraufenthalt selber bezahlen. So viel Geld habe ich nicht!“ Er liegt im Dreck in seinem guten Anzug und jammert vor Schmerzen vor sich hin. Aber auch seine Lage lässt ihn verzweifeln. Da sehen ihn seine Zimmergenossen vom Fenster aus und erkennen die Situation. Sie ziehen ihn wieder über die Mauer zurück und auch noch durchs Fenster wieder hinein. Mein Vater kann die Schmerzen beim Hin- und Herzerren kaum ertragen, aber da muss er jetzt durch. Zum Schluss legen sie ihn unterhalb einer Treppe im Heim ab. So sieht es so aus, als wäre er die Treppe hinuntergestürzt und hätte sich dabei das Bein gebrochen. Als der Arzt kommt, fragt er skeptisch: „Was? Hier soll Herr Wedding hinuntergefallen sein? Da stimmt doch etwas nicht!“ Die Zimmergenossen halten vor Schreck den Atem an und mein Vater schaut niedergeschlagen und voller Schmerzen ganz dumm aus der Wäsche. „Na, wollen wir das mal glauben“, meint der Doktor und macht sich daran, alles für Vatis Genesung in die Wege zu leiten. Mein Vater wird seinen Zimmerkameraden und dem Arzt, der mitspielte, immer dankbar sein.
„Das hätte ganz schön ins Auge gehen können“, sagt er am Ende ernst. Doch dann sitzt ihm wieder der Schalk im Nacken und er meint grinsend: „Da bin ich wohl noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen.“
MEINE SCHWESTERN
Nun liegt Vati zu Hause und ist auf seine drei Mädels angewiesen, wenn Mutti nicht daheim ist. Zum Glück sind gerade Sommerferien. Die drei bekommen die Aufgabe, meinem Vater morgens das Wasser zum Waschen zu bringen und sie müssen ihm außerdem noch das Essen machen. Doch kaum sind sie aufgewacht, schmieren sie sich erst einmal selber eine Stulle und sind sofort nach draußen verschwunden. Beim Spielen denken sie nicht an ihren Vater und sein kaputtes Bein. Bis sie etwas Gestreiftes auf dem Verandafußboden entdecken. „Ach du Schreck, das ist doch Vati in seinem Pyjama“, geht es ihnen schuldbewusst durch den Kopf. „Den haben wir ja ganz vergessen!“
Er kriecht mit hochrotem Kopf auf der Erde entlang und schafft es gerade so, auf den Hof zu gelangen. Dort macht er sich schimpfend bemerkbar. „Was soll das denn, ihr spielt hier und ich bekomme kein Wasser zum Waschen und kein Essen! So geht das aber nicht!“
Die Mädels schämen sich unheimlich, ihren Vater vergessen zu haben. Wie er da so auf dem Fußboden liegt, tut er ihnen unendlich leid. Auf einmal wissen sie ganz genau, wie sie handeln müssen. Erst helfen sie ihm ins Bett, dann rennen sie schnell los, um alles zu erledigen. Eine flitzt und holt die Wasserschüssel mit frischem Wasser. Die andere bringt die Handtücher und die dritte sorgt dafür, dass das Frühstück neben dem Bett steht.
Dieses Erlebnis hält sie aber nicht davon ab, den alten Rollstuhl, den Mutti von Oma für Vati geliehen hat, zum Spielen zu benutzen. Das alte Monster zieht sie magisch an. Ein großer, schwarzer Lederstuhl mit drei Rädern - zwei große neben dem Stuhl und ein kleines, bewegliches in der Mitte hinten. Die Fußstütze, ein schwarzer Holzkasten, kann man hoch- und runterklappen. Durch das dritte Rad, das bewegliche, ist der Rollstuhl ganz schön mobil. So kann man sich mit ihm blitzschnell um die eigene Achse drehen. Das macht großen Spaß.
„Kommt, wir spielen mit dem Ding draußen“, schlägt Marlene vor. Es ist gerade Nachmittag und die Stahlwerker kommen von der Schicht nach Hause. Marlene sitzt im Stuhl, Ela steht dahinter und versucht, ihn mit voller Kraft in Gang zu bringen. Erst geht es ziemlich schwer. Dann fängt sie an zu rennen. Zum Schluss rast der Rollstuhl fast von alleine los. Das bringt Marlene auf eine Idee: „Ela, komm, setz du dich jetzt mal rein!“
Sie rennt mit Eleonora und dem Wagen einer ganzen Traube Arbeitern entgegen. Kurz bevor sie sie erreichen, gibt sie dem Ungetüm noch einen gewaltigen Schups und Eleonora rast samt Rollstuhl in die Menschenmassen. Eleonora schämt sich fast zu Tode, als sie so durch die vielen Arbeiter rast. Die springen schnell zur Seite. Manche schimpfen, manche finden es auch witzig und lachen über meine Schwestern.
Die Peinlichkeit ist schnell vergessen und das Spiel geht von vorne los. Wer auf dem Stuhl sitzt, schämt sich und schreit, und der andere schupst und lacht sich halb kaputt.
Annedore ist eigentlich ein süßes Mädchen, jedoch mit sich und ihrer Umwelt nicht ganz zufrieden. Zum Beispiel ärgert sie sich ständig, dass Eleonora und Marlene solche schönen lockigen Haare von meinem Vater geerbt haben und sie nicht. Zudem hätte Anne auch liebend gerne ein Instrument gespielt. Doch meine Eltern sind erst bei Eleonora und Marlene auf die Idee gekommen, ihre Kinder in die Musikschule zu schicken. Einmal kommt sie zu mir in mein Bett, umklammert mich und weint bitterlich: „Du hast so eine zarte Haut und ich so ein beschissenes Pickelgesicht.“
Kein Wunder, geht es mir durch den Kopf, ich bin erst fünf Jahre alt und du 15, mitten in der Pubertät. Dabei muss sie gar nicht so jammern! So schlimm wie sie tut, sieht sie doch gar nicht aus. Irgendwie kann sie das Leben nicht so nehmen, wie es ist. Mutti macht sich große Sorgen um Anne. Meine Schwester fühlt sich schon frühzeitig für Ela und Marlene verantwortlich. Es kommt schon mal vor, dass sie die beiden mit ihren Fäusten verteidigt.
Einmal kommen alle drei vom Kindergarten, da begegnet ihnen ein Mann mit Motorrad. Der fragt: „Will nicht eine von euch mit mir eine Runde drehen?“ Ela und Marlene sind schon ganz heiß auf die Motorradfahrt. Sie reißen und ziehen an Annes Hand und streiten sich, wer zuerst mit dem Mann mitfahren darf. Anne hält die beiden mit Gewalt fest. Zu dem Motorradfahrer sagt sie unmissverständlich, dass sie jetzt nach Hause müssten.
„Ein Glück, dass Anne so reagiert hat“, sagt meine Mutter später. „Wer weiß, was sonst noch passiert wäre?“
Meine Mutter kann sich hundertprozentig auf Anne verlassen, wenn sie ihr die Kleinen anvertraut. Lange vor dem Ereignis ist sie, um das zu prüfen, den dreien hinterhergeschlichen. Sie wirft sich einen alten, schwarzen Mantel mit Kapuze über und fängt extra stark an zu humpeln. Die drei merken schon lange, dass jemand hinter ihnen her ist und bekommen es mit der Angst zu tun. Jetzt fangen sie an zu rennen. Doch die unheimliche Frau beschleunigt ebenfalls ihren humpelnden Gang. Annedore, Eleonora und Marlene erreichen gleich ihr Ziel. Noch ein paar Schritte und sie können der bösen Frau durch unser Gartentor entfliehen. Schnell öffnet Annedore die Tür und lotst ihre kleinen Geschwister hinter den rettenden Zaun. Dabei wirft sie noch einen letzten Blick auf die schreckliche Gestalt. Die bleibt ebenfalls stehen, zieht ihren Mantel aus und lacht sich halb kaputt. „Mutti“, ruft Anne ungläubig, „was machst du denn hier?“ Mutti weiß jetzt, dass sie sich auf Anne verlassen kann.
In der Schule ist Anne immer gewissenhaft und fleißig, so wie Vati auf der Arbeit. Ihre Klassenkameradinnen will sie nicht mit nach Hause bringen, denn sie hat ihnen erzählt, dass wir ganz tolle Spielsachen besitzen. Was natürlich nicht stimmt. Die Angeberei der anderen ist ihr mächtig auf die Nerven gegangen. Da erfand sie halt unsere tollen Spielsachen. Nun muss sie aufpassen, dass ihre Lügen keine langen Beine kriegen!
Anne wehrt sich lange gegen das Eintreten in die FDJ – wegen der Kirche. Ihre Klassenlehrerin stellt sie jeden Tag deswegen zur Rede. Bis sie keine Lust mehr hat, auf ihre Fragen zu antworten und doch noch in die FDJ geht. Dort muss sie jeden Tag sagen: „Das geloben wir!“ Diese Aussage gefällt ihr ganz und gar nicht und sie wandelt den Satz einfach um in: „Das globen wir!“ Obwohl das ja fast dasselbe bedeutet, hilft es ihr, den Satz zu entschärfen. Vati hat uns mal erzählt, dass die Leute im Krieg anstatt „Heil Hitler“ „Heil Schitler“ gerufen haben, um ihrer Überzeugung treu zu bleiben. Ich glaube, diese List hat Anne hier auch angewendet.
Vati wäre es am liebsten, wenn Anne so schnell wie möglich die Schule verlässt und selbst Geld verdient. Doch ihre Lehrerin ist da anderer Meinung: „Anne, du bist doch so ein intelligentes Mädchen, warum machst du denn nicht zehn Klassen?“ Anne gesteht, dass sie eigentlich weiter zur Schule gehen will. Die Klassenlehrerin schreibt kurzerhand einen Brief an den Betrieb, in dem Anne lernen soll, und ermöglicht ihr damit, zwei Jahre weiter in die Schule zu gehen.
Eleonora ist die Hübscheste von uns allen. Mit langen Locken und viel Charme erobert sie die Herzen ihrer Familienmitglieder im Sturm. In der Schule kann sie die Lehrer anschauen, als würde sie sich nur für den Unterricht interessieren. Dabei ist sie schon längst in ihre Fantasiewelt verschwunden. Am liebsten hält sie sich zu Hause bei Mutti und ihren Geschwistern auf. Ela ist meistens sehr umgänglich und angepasst. Doch wenn ihre Schwestern Dummheiten aushecken, will sie natürlich auch mit dabei sein. Wenn meine Eltern nach einem langen Tag in Ruhe gelassen werden wollen, dann geht es für die drei erst richtig los. Sie toben, dass sich die Balken biegen. Das neueste Spiel heißt: Von einem kleinen Schrank auf einen großen Schrank klettern und dann vom großen Schrank ins Bett der Eltern springen. Das macht großen Spaß und wird so lange wiederholt, bis Vati kommt, um den Mädels eine Tracht Prügel zu verpassen. Doch wenn Vati sich ein Kind schnappt, um es zu verdreschen, brüllen die anderen so laut, dass die Nachbarn denken, Weddings bringen ihre Kinder um. Die drei schwören bei allem, was ihnen heilig ist, nie wieder unartig zu sein. Doch kaum ist Vati aus der Türe raus, geht die Sache von vorne los!
Einmal bedarf es nicht einmal der Androhung von Prügel, um sie zur Vernunft zu bringen: Meine Schwestern sind allein zu Hause. Sie üben Salto vorwärts über die Bettkante von einem in das andere Bett. Plötzlich hören sie unter sich ein Geräusch. Es ähnelt einer menschlichen Stimme, die etwas unheimlich und langgezogen „Hu“ sagt.
„Habt ihr das eben gehört?“, fragt Annedore.
„Ja“, meinen die beiden anderen ängstlich.
Die Situation kommt den dreien so gruselig vor, dass sie sich augenblicklich hinlegen und schlafen. Annedore ist voll und ganz überzeugt, dass die Stimme von „oben“ kam, um sie zu warnen, mit dem Mist aufzuhören, damit nicht noch etwas Schlimmes passiert!
Eleonora geht zur Musikschule und lernt zuerst Akkordeon und dann Klavier spielen. Sie hat mal erzählt, dass der Lehrer in der Musikschule stets hinter ihr steht und an ihrer Schulter und ihren Haaren herumstreichelt. Das kommt ihr sehr seltsam vor. Doch da er nur ihre Haare und ihre Schultern berührt und sie obendrein kräftig lobt, ist es dann doch nicht so schlimm.
Ela kann auch gut andere Leute nachmachen. Sie stellt sich vor den Spiegel und nennt das Pantomime. Am besten gefällt mir, wie sie meinen Vater imitiert, wenn er seine Tabletten schluckt. Das ist echt bühnenreif. Sie nimmt die imaginären Tabletten, tut so, als wenn sie einen Schluck Wasser hinterherkippt, schüttelt alles mit gesenktem Kopf in ihrem Mund durcheinander, um dann das Fantasiegemisch mit einem Ruck in ihrem Rachen verschwinden zu lassen.
Marlene und Ela sehen sich ziemlich ähnlich. Deshalb halten Fremde sie oft für Zwillinge. Doch Marlene ist in Wirklichkeit über ein Jahr jünger als Ela, und vom Wesen her trennen sie Welten.
Marlene ist wild und voller verrückter Ideen. Sie bringt alle ihre Freundinnen mit nach Hause und ist überall beliebt. In die Schule geht sie gern und in der Hofpause ist sie immer von einer Traube Mädchen umringt. Ihre treueste Freundin ist Martina, mit ihr geht sie durch dick und dünn. Die witzigen Ideen sprudeln nur so aus Marlene heraus.
Als Eleonora und Marlene gemeinsam vom Religionsunterricht kommen, hat Marlene zum Beispiel mal wieder solch eine glorreiche Idee: „Komm, Ela, wir werfen jetzt unsere Taschen soweit wir können nach vorne. Guck mal, so!“ Und sie demonstriert ihrer Schwester, wie sie es meint und schmeißt ihre Tasche im hohen Bogen in die Weltgeschichte. Das Spiel kann beginnen. Sie pfeffern ihre Taschen in die gezeigte Richtung. Ein, zwei Mal mit Erfolg. Das dritte Mal landet Marlenes Tasche in einem Vorgarten, genau unter einem Fenster, das offen steht.
„Mist, was jetzt?“, fragt Ela.
„Los, du stehst Schmiere und schaust, ob die Leute nicht grade aus dem Fenster gucken, wenn ich in ihrem Vorgarten rumkrieche“, sagt Marlene schelmisch.
Marlene schleicht an der Gartenpforte vorbei, huscht hinter den nächsten Busch, kämpft sich unterm Fenster vorbei und schmeißt sich in den Dreck, um ihre Tasche zu bekommen.
Ela jammert: „Marlene, mach schnell, dahinten kommen Leute!“
Marlene robbt auf dem Bauch dem Ausgang entgegen und kommt auf allen vieren aus der Tür herausgekrochen. „Wo sind denn die Leute?“, fragt sie.
„Die sind zum Glück da hinten abgebogen. Aber im Haus war jemand. Der schaute immer so komisch her. Jetzt ist er wieder verschwunden“, meint Eleonora.
Ela hilft Marlene hoch und sie rennen lachend davon.
Oder ein anderes Beispiel: Anne, Ela und Marlene kommen von der Kirche nach Hause. Marlene stiftet sie dazu an, im Gleichschritt zu laufen. „Los, rechts fangen wir an!“, befiehlt sie. „Rechts, links und rechts, links!“ Die Mädchen sind so mit ihrem Gleichschritt beschäftigt, dass sie gar nicht mehr auf die Straße achten. „Und rechts und links“, müssen sie sich immer wieder sagen, um nicht aus dem Tritt zu kommen. Sie geraten dabei etwas auf die rechte Seite der Straße. Ehe sie sich versehen, knallen sie heftig gegen die Hinterseite eines stehenden Autos. Ein Mann, der sie dabei beobachtet, schüttelt vor Verwunderung den Kopf. „So viel Blödheit geht ja auf keine Kuhhaut“, sagt er und wendet sich achselzuckend ab.
SONJA
Marlene geht auch zur Musikschule, sie lernt bei Herrn Deckert Geige spielen. Dort hat sie Sonja kennen gelernt. Sonja ist im Sommer bei uns.
Ich sitze gerade auf unserem Kirschbaum und lasse die Beine baumeln. Ein Ast des Baumes ist so gewachsen, dass man gut drauf sitzen, aber auch „Schweinebaumeln“ daran machen kann. Sonja gesellt sich zu mir und fängt an, mit mir zu quatschen. Dabei steckt sie sich eine Kirsche nach der anderen in den Mund. Sie isst die Kirschen mit so viel Genuss, dass es eine Freude ist, ihr dabei zuzuschauen. Ich weiß aber, dass die Kirschen dieses Jahr voller Maden sind und teile es Sonja mit. Die sagt nur: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“, und futtert genüsslich weiter. Habe ich mich vielleicht getäuscht und es sind gar keine Maden in den Kirschen? Ich esse genau so gerne Kirschen wie Sonja und es wäre toll, diese Früchte verspeisen zu können. Von außen sehen sie ja sehr lecker aus. Doch halt, ich werde mal nachschauen, wie es in der Frucht aussieht. Ich teile die Kirsche in zwei Hälften. Igitt, vier Maden tummeln sich darin. Ich habe es doch gewusst, dass man die Früchte nicht essen kann, denke ich verächtlich. Jetzt ist mir der Appetit auf Kirschen gänzlich vergangen. Wie Sonja die Maden runterschlucken kann, ist mir ein Rätsel!
DIE KINDER IN UNSERER STRASSE
In unserer Straße gibt es eine ganze Menge Kinder für meine Schwestern zum Spielen. Da sind die zwei Mädchen, die am Anfang der Straße wohnen, Bolle und Kläuschen, Herolds Kinder, Iris Sander und die vielen Kinder von Kopinskies. Iris beschäftigt sich gerne mit unseren Mädels, obwohl sie schon etwas älter ist und in einer ganz anderen Liga mitspielen könnte.
Mutti sagt immer: „Du bist doch schon viel zu alt für meine Kinder, die passen doch gar nicht zu dir.“
„Mir macht es aber solchen Spaß, mit ihnen zu spielen“, verteidigt sich Iris.
Was soll meine Mutter dazu noch sagen?
Iris hat immer lustige Ideen. Da ist sie bei meinen Schwestern an der richtigen Adresse. Iris schnappt sich Marlene, verfrachtet sie in unseren alten Kinderwagen und legt ein, zwei Decken über sie. Obendrauf thront unser Kater Peter. So sieht es aus, als würden sie mit Peter spazieren gehen.
Anne und Ela geben drinnen Bescheid: „Mutti, Marlene ist weg, wir müssen sie unbedingt suchen.“
Iris rennt mit dem Kinderwagen voraus und meine beiden Schwestern hinterher. Draußen freuen sie sich diebisch über die gelungene Täuschung und spazieren noch eine ganze Weile die Straßen hoch und runter.
Kläuschen ist ein gutmütiger Kerl. Er hilft meinen Schwestern, wo er nur kann. Meine Schwestern dürfen nur raus, wenn sie bestimmte Arbeiten erledigt haben. Davon gibt es viele, zum Beispiel Unkraut jäten oder Gras holen. Oder, wie in jenem Sommer, Holz sägen. Denn eines Tages hält bei uns ein Eisenbahnwaggon mitten auf der Strecke und es werden Berge von Holz abgeladen. So ziemlich jeder aus unserer Straße kommt mit Schubkarren, Handwagen oder Eimer, um sich seine Portion vom dicken Kuchen zu holen. Gutes, trockenes Holz zum Verfeuern. Anne schuftet wie eine Alte, sodass Mutti schon wieder Angst um sie hat. Ich darf auch mit. Wir wühlen tagelang in dem Holz herum und holen raus, was nur rauszuholen ist. Es geht alles gut. Bis zu der Spanplatte, die zweimal größer ist als ich und voller Nägel steckt.
„Vati, ich kann sie nicht mehr halten!“, schreie ich. Dann rutscht sie mir aus der Hand und ich spüre einen Schmerz im Oberarm. Dabei merke ich, wie ich im wahrsten Sinne des Wortes an der Spanplatte festgenagelt bin.
Mein Vater kommt angerannt und befreit mich von der Last und zieht mir dabei den Nagel aus dem Arm. „Mädel, die ist doch viel zu groß für dich!“ Erst dann sieht er die Bescherung. Ela kommt herbeigeeilt und zieht mir den Pullover aus. Sie stellt fest, dass ich ganz schön blute. Dann nimmt sie meinen Oberarm in den Mund und saugt daran. Angeekelt spuckt sie das Blut wieder aus. Sie saugt noch und noch einmal, als hinge ihr Leben davon ab. „So kannst du wenigstens keine Blutvergiftung bekommen“, erklärt sie mir. „Das habe ich in einem Film gesehen.“ Zum Schluss wickelt sie mir ein dreckiges Taschentuch um die Wunde.
„Na, das ist aber nicht gerade blütenweiß“, sage ich. „Ich meine nur, wegen der Blutvergiftung …“
Doch Ela findet das ganz in Ordnung so. In ihrem Film haben die das wahrscheinlich auch so gemacht. Für heute bin ich außer Gefecht gesetzt. Doch meinen Schwestern steht noch das Beste bevor.
Nun dürfen sie so lange nicht mehr baden gehen, bis das Holz gesägt und im Stall verschwunden ist. Abwechselnd stehen Bolle und Kläuschen vor unserer Tür, um unsere Mädels zum Baden abzuholen. Mein Vater sagt: „Wenn ihr mit den dreien baden gehen wollt, dann müsst ihr erst einmal kräftig mithelfen.“ Das ist Vatis Taktik: Nimm immer, was du kriegen kannst. Bolle ist gleich verschwunden. Kläuschen lässt sich auf den Deal ein. Sie sägen und sägen und die Schweißtropfen rennen schon von ihren Gesichtern.
Als Erster ist mein Vater verschwunden. Dann machen sich meine Schwestern wegen irgendeines läppischen Vorwandes aus dem Staub. So steht Kläuschen zum Schluss alleine da und sägt, was das Zeug hält. Wenn ich mich nicht täusche, sind die Mädels schon lange mit Bolle zum Baden verschwunden!
Mit Bolle sind meine Schwestern am liebsten zusammen. Er hat immer so tolle Ideen und es ist nie langweilig mit ihm. Jetzt ist er schon im ersten Lehrjahr. Zu seiner Brigadefeier will er natürlich auch eine Begleiterin mitbringen. So geht er zu meinem Vater und bettelt: „Ach, Herr Wedding, geben Sie mir doch eine Ihrer Töchter zum Fest mit. Nur eine, Eleonora oder Marlene.“
Mein Vater antwortet: „Nein, die sind zu jung, die kriegst du nicht!“
Bolle lässt nicht locker: „Ach, Herr Wedding, geben Sie Ihrem Herzen doch einen Ruck. Am liebsten wäre mir Marlene.“ „Nein, die ist doch erst recht zu jung“, sagt mein Vater empört. „Dann Eleonora“, bettelt Bolle weiter. Nach langem Hin und Her sagt mein Vater: „Na gut, Annedore kannst du haben.“ Aber die will Bolle nicht!
DAS NESTHÄKCHEN
Ich bin das Nesthäkchen unserer Familie und zehn Jahre jünger als meine älteste Schwester. Als es mit meiner Geburt losgeht, steht meine Mutter gerade am Waschtrog und wäscht unsere Wäsche. Dabei platzt ihr die Fruchtblase. „Marlene, Eleonora, Annedore, kommt schnell her! Ihr müsst sofort zum Stahlwerk laufen und euren Vater holen!“
Tapfer rennen sie über die Stahlwerkbrücke und erzählen dem Pförtner, was passiert ist. „Wir sollen auch noch sagen, dass Vati gleich den Krankenwagen bestellen muss“, fügen sie aufgeregt hinzu.
In den ersten Jahren bin ich ziemlich oft krank. Als ich das erste Mal ins Krankenhaus muss, habe ich massiven Durchfall. Zuvor wurde meine Mutter vom Arzt ausgeschimpft, weil sie seiner Meinung nach viel zu spät in seine Praxis kam. „Mit Wasserverlust bei einem Kleinkind ist nicht zu spaßen, Frau Wedding“, sagt er streng.
Das zweite Mal komme ich ins Krankenhaus, weil meine Mandeln raus sollen. Ich habe andauernd Fieber und Atembeschwerden. Dabei ziehe ich die Luft geräuschvoll wie ein Asthmakranker ein und stoße sie ebenso laut wieder aus. Meine Schwestern machen mir in dem Fall ein Dampfbad und schieben meinen Kopf erbarmungslos über eine Schüssel mit heißem Wasser. Dann wird noch ein dickes Handtuch über Kopf und Schüssel gelegt, und ich habe das Gefühl zu ersticken. Der Dampf beißt mir in Nase und Augen. Doch meine Schwestern halten mich mit eiserner Hand fest. Nach einer Weile wird es erträglicher und meine Atemwege werden frei. „So, weil du so schön brav gewesen bist, bekommst du eine ganze Schüssel Pudding für dich alleine“, sagen sie.
Der Löffel liegt griffbereit in der Schüssel. Ich brauche nur noch zuzugreifen. Voller Erwartung stecke ich ihn mit dem Pudding in den Mund. Statt des wunderbaren Puddinggeschmacks schmecke ich aber etwas widerlich Bitteres und fange an zu würgen.
„Runterschlucken!", befehlen mir meine Schwestern.
Wie konnte ich nur denken, sie würden mir ohne Hintergedanken Pudding schenken? Und dann noch eine ganze Schüssel für mich alleine. Diese wundervolle Süßspeise mit Medikamenten zu versauen, ist ja wohl das Letzte.
Ich muss mich des Öfteren mit solchen Infekten rumplagen. Deshalb beschließt der Arzt: „Die Mandeln müssen raus!“
Nun sitze ich mutterseelenallein in einem sterilen Krankenhauszimmer. Neben mir liegt ein etwas älterer Junge, der mir ständig die roten Schuhe meiner Puppe klaut und sie dann auch noch zu seinem Schniedelwutz in den Schlüpfer steckt. Wie eklig! Außerdem übernimmt er das Regiment über uns beide. Was ihm in den Sinn kommt, das muss gemacht werden. Wenn ich nicht willig bin, schnappt er mich und trägt mich einfach in der ganzen Kinderabteilung umher.
Meine Schwestern finden das natürlich niedlich: „Ramona hat einen kleinen Freund und der trägt sie sogar auf Händen.“
„Hahaha!“, sage ich da nur.
Die Operation ist auch nicht witzig. Eine grobe Schwester nimmt mich auf den Schoß. Ich sehe fast gar nichts, weil es erst dunkel ist und mich dann ein furchtbar grelles Licht blendet. Die Schwester klemmt ihr rechtes Bein um meine Beine, und meinen Oberkörper hat sie ebenfalls fest im Griff. Ich soll den Mund weit öffnen. Ein Mann im weißen Kittel, von dem das grelle Licht kommt, sitzt mir gegenüber. Er greift mir zweimal mit einer Art Zange in den Mund und reißt mir ratzfatz die Mandeln aus der Kehle. Ich spucke ziemlich viel Blut.
Nach der Operation geht es zurück ins Zimmer. Der blöde Kerl aus dem Nachbarbett ist immer noch da und grinst mich besitzergreifend an. Wenigstens gibt es am nächsten Tag leckeres Eis in Hülle und Fülle.
MEINE AUSFLÜGE
Bis vor kurzem durfte ich mich nur im Garten und im Haus bewegen. Alleine das Grundstück verlassen war immer tabu. Doch das ist okay, der Garten ist groß genug. Im hinteren Haus wohnt eine junge Frau mit ihrer Mutter und zwei kleinen Kindern. Mit dem älteren Jungen freunde ich mich an. Im Zaun zum Nachbargarten gibt es ein Loch, durch das ich durchkriechen kann. Mit Rausgehen meinten meine Leute sicher die Gartentür und nicht diese Öffnung im Zaun. So krabbeln wir durch das Loch und besuchen uns gegenseitig. Er besitzt eine tolle Schaukel, auf der man bis zum Mond und zurück fliegen kann. Seine Oma findet mich niedlich mit dem Spielhöschen und den blonden Locken auf dem Kopf. Sie freut sich jedes Mal, wenn ich sie besuchen komme und mit ihrem Enkel spiele.
FAMILIE KAUFMANN
Manchmal darf ich auch zu Kaufmanns gehen. Sie wohnen neben uns. Bei ihnen im Stall steht ein Schaf, das guckt ziemlich blöde. In der Stube gibt es eine Klappe, die führt zu einem dunklen, unterirdischen Raum. Ich habe selbst gesehen, wie Frau Kaufmann den Wohnzimmertisch und den Teppich zur Seite räumt und die Luke nach unten öffnet. Meine Schwestern würden mir sicher wieder irgendein Ammenmärchen bezüglich dieses Loches erzählen. Doch Frau Kaufmann kommt mit eingewecktem Obst an die Oberfläche zurück. Also kann das da unten nur ihr Keller sein.
Herr Kaufmann hat nur wenige Haare auf dem Kopf und trägt Brillengläser so dick wie Aschenbecher. Der Arbeitskollege von Herrn Kaufmann geht jeden Tag an unserem Haus vorbei. Meistens ist Frau Kaufmann zu der Zeit ebenfalls im Vorgarten. Sie begrüßt den Bekannten überschwänglich und sieht dabei sehr glücklich aus.
Heute gehe ich ganz stolz mit zwei Schokoladenlollis zu Kaufmanns rüber. Den einen möchte ich Gabi schenken, sie ist Kaufmanns Tochter und etwas älter als ich. Den anderen will ich selber essen, denn ich liebe Schokoladenlollis.
Die andere Tochter von Kaufmanns ist so alt wie meine Geschwister und deshalb nicht so interessant für mich. Eleonora und Marlene spielen oft mit Karin. Anne und Karin sind nicht so gern zusammen. „Die beiden können sich wahrscheinlich nicht riechen, weil ihre Charaktere sich so sehr ähneln“, meinen Eleonora und Marlene.
Beim Spielen kommt Karin auf die Idee, Eleonora und Marlene den Pony zu schneiden. Sie schnippelt an Marlenes Haaren herum, und je mehr sie schneidet, umso schiefer wird die ganze Sache. „Mann, das muss doch gehen“, denkt Karin sich. Verzweifelt schneidet sie ein letztes Mal. Jetzt ist es nicht nur schief und krumm, sondern auch noch viel zu kurz. Na, Prost Mahlzeit! Das hält sie aber nicht davon ab, den Pony meiner anderen Schwester auch noch zu verschandeln. Zum Glück kommt Karin nicht auf die Idee, den beiden gleich die ganzen Locken abzuschneiden. Da würde Anne aber auf die Barrikaden gehen. Trotzdem ärgert sich meine Schwester sehr darüber und der Streit zwischen Anne und Karin ist schon wieder vorprogrammiert.
In der Veranda treffe ich auf Herrn Kaufmann. Er steht vor mir wie eine Wand und schaut mich mit seinen großen Augen an, die durch die Brille noch viel größer wirken. Weder die Worte, die er zu mir spricht, noch seinen Gesichtsausdruck kann ich deuten, deshalb starre ich ihn ebenfalls nur an. Ich komme mir vor, wie das dumm glotzende Schaf im Stall. Eigentlich will ich ja gar nicht unhöflich sein, aber wenn er so schlecht spricht, kann ich ihn nicht verstehen und ihm demzufolge auch nicht antworten. Nur so dastehen, ohne etwas zu sagen, finde ich auch blöde, und deshalb renne ich einfach an ihm vorbei in die Wohnstube. Dort treffe ich auf Frau Kaufmann, die immer sehr freundlich zu mir ist. Meistens kann sie sich vor Freude nicht mehr halten, zum Beispiel, wenn ich pünktlich zum Mittagsschlaf behaupte: „Ich muss jetzt nach Hause; schlafen. Du weißt schon, wegen meiner Nerven.“
IN DER WOHNUNG
Wenn es draußen regnet, muss ich drinnen bleiben. Dabei spiele ich viel lieber an der frischen Luft. Drinnen habe ich durch meine Kletterkünste, zum Leidwesen meiner Mutter, schon so manchen Blumentopf zerbrochen. Die von mir zerbrochenen Gefäße sahen aber auch wirklich schick aus. Weißes Porzellan mit wunderschönen Blumen drauf, dazu ein Goldrand und Goldfüßchen. Da muss ich meiner Mutter schon recht geben, wenn sie schimpft: „Wie kann man so etwas Schönes nur kaputt machen!“ Verflixt, warum stehen die mir beim Klettern aber auch immer im Weg?
Jetzt befinde ich mich im Wohnzimmer. Meine Mutter klappert mit dem Geschirr in der Küche und singt alle Lieder hoch und runter, die sie aus der Jugendzeit kennt. Mir ist auch nicht langweilig. Ich springe mit viel Schwung auf dem Sofa hin und her. Das macht großen Spaß! Dabei schaue ich mir ganz genau unser Wohnzimmerbild an, als hätte ich es noch nie im Leben gesehen. Ziemlich blasse Farben, finde ich. Außer der Rock der Frau, der sieht besonders interessant aus - dunkelrot. Man kann sogar die Falten im Stoff sehen. Die Frau steht mitten im Bild an eine Heugabel gelehnt. Wo sie nur hinschaut? Leider kann ich ihr Gesicht nicht sehen, nur die zusammengebundenen Haare von hinten. Man könnte sich aber vorstellen, dass sie sehnsüchtig auf jemanden wartet.
Meine Mutter reißt mich aus meinen Gedanken: „Ramona, hier hast du was zu essen.“ Was kann es Schöneres geben, als eine Stulle mit Bierschinken? Mutti bringt ihre Nähsachen mit und setzt sich zu mir an den Tisch. Unterm Tisch steht jetzt der offene Nähkasten. Sie ist ganz vertieft in ihre Arbeit. Ich rutsche geschickt vom Sofa und knie mich vor das Objekt meiner Begierde. Da sind Garnrollen in vielen Farben und die unterschiedlichsten Knöpfe zu bewundern und sogar eine Rasierklinge.
Schnell schaue ich mich nach Mutti um, ob die Luft rein ist und dann nehme ich das Ding aus den Kasten. Vielleicht ist die Rasierklinge scharf, denke ich noch und habe mir schon in den Finger geschnitten. Mir wird ganz übel. Mist, das war doch keine so gute Idee!
„Was machst du denn da unten?“, fragt mich meine Mutter da plötzlich. „Immer wenn du so still bist, muss ich aufpassen, dass du keine Dummheiten machst! Hab ich es mir doch gedacht!“ Und bei den Worten: „Da muss ich dir wohl ein Pflaster holen“, fängt sie fürchterlich an zu lachen. Sie kann sich gar nicht mehr einkriegen vor Lachen. Ich frage mich nur, was daran so witzig ist, wenn ich hier halb verblute?
FAMILIE LUCKE
Zu Luckes durfte ich auch schon mal mit. Sie wohnen eine Straße weiter. Frau Lucke ist eine recht resolute Frau.
Mein Cousin will Marlene von Luckes abholen. Aber als er vor ihrer Tür steht, bekommt er von Frau Lucke rechts und links eine geballert. „Bist du etwa einer von denen, die hier klauen wollen?“, schreit sie.
„Nee, ich will nur Marlene abholen“, sagt Erwin kleinlaut.
„Na, dann geh rein zu Marlene und hol sie raus!“
Erwin ist die Lust darauf zwar vergangen, doch jetzt muss er. Er schwört sich aber, wenn er dort drinnen gewesen ist, nie wieder einen Fuß auf dieses Grundstück zu setzen. „Die Bewohner sind ja lebensgefährlich! Was bildet die Alte sich ein, mir einfach so eine zu ballern? Ich habe ihr doch gar nichts getan“, denkt er und hält sich seine schmerzenden Wangen.
Luckes haben einen Untermieter. Der heißt Herr Ebersdorf. Er ist ein ziemlich alter Mann mit weißen Haaren. Martina, die beste Freundin meiner Schwester Marlene, meint, wir könnten ihn ja mal besuchen. Der Untermieter bittet uns herein. Er bietet uns sogar Kekse und Milch an, wie bei einem richtigen Besuch. Er selber trinkt Kaffee. Der alte Mann ist zwar nett, aber ziemlich langweilig. Der weiß sicher mit uns Mädels nichts anzufangen. Marlene und Martina schlagen mir vor, Handstand an der Wand zu machen. Ebersdorf ist auch gleich begeistert. Beim Handstand rutscht natürlich mein Kleid bis zum Kinn und alles, was ich drunter trage wird entblößt. Meinen Schlüpfer kann man in voller Schönheit sehen. Die Mädels fangen an zu lachen und Ebersdorf wird ganz rot und grinst doof in sich hinein. Was habe ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht? Warum lachen die denn so blöde? Ist mein Schlüpfer etwa kaputt und hat obendrein noch Bremsspuren? Das ist ja mal wieder typisch für Marlene und Martina. Mann, ist mir das peinlich! Das passiert mir aber auch nicht noch einmal.
EIN MISSVERSTÄNDNIS
Manchmal ist Martina auch die Dumme, wenn sie mit Marlene zusammen ist. Martina muss Marlene zur Musikschule begleiten, weil Marlene ihren Geigenlehrer etwas unheimlich findet. Heute sitzt sie im großen Saal vorm Theorieraum. Draußen regnet es und ihr ist langweilig. Als sie sich so im Raum umschaut, entdeckt sie an der schönen Täfelung etwas, das aussieht wie ins Holz gekratzt. Sie stellt sich hin, um die Worte besser lesen zu können, und tippt jedes Wort mit ihrem Regenschirm an. Doch sie wird nicht schlau aus dem Text.
Auf einmal öffnet sich die Tür vom Sekretariat und der Direktor rennt mit großen Schritten auf sie zu. Er packt sie am Schlafittchen und schleift sie in sein Zimmer. „Was hast du da gemacht? Warst du der Schmierfink, der das da eingeritzt hat?“, schreit er.
Martina weiß gar nicht, wie ihr geschieht. „Ich habe das auch erst eben entdeckt“, verteidigt sie sich. „Ich warte doch nur auf meine Freundin Marlene, die im Theorieunterricht ist.“
Marlene wird aus dem Theorieunterricht geholt und ebenfalls verhört. Sie müssen sich ganz schön anstrengen, damit der Direktor ihnen Glauben schenkt und kommen gerade noch so mit einem blauen Auge davon. Martina schämt sich natürlich sehr und würde am liebsten nicht mehr mit Marlene in die Musikschule fahren. Aber da Marlene sie braucht, lässt sie sich dann doch wieder erweichen.
IM KINDERGARTEN
Wenn Mutti arbeiten geht, muss ich in den Kindergarten. Ich gehe nicht gerne in diese Einrichtung – wegen der fremden Tanten. Und dann muss man da auch noch mittags schlafen. Jedes Mal, wenn ich auf der kleinen Liege aufwache und aufstehen will, trete ich in Pipi, weil mein Bettnachbar sein Wasser nicht halten kann. Igitt, schüttelt es mich. Außerdem hasse ich es, viel zu zeitig im Kindergarten zu erscheinen. Doch eine Mitfahrgelegenheit meiner Mutter zu ihrem Job nach Werder gibt es nur zu dieser Zeit. Wenn meine Mutti dort arbeiten möchte, muss sie auch irgendwie hinkommen und mich eben so früh am Kindergarten „abstellen“. Sie befiehlt mir, mich hinter der Hecke zu verstecken und dort so lange zu bleiben, bis der Kindergarten öffnet. Ich traue mich nicht aus meinem Versteck, bis die Kindergartentante die Tür aufschließt. Es sind vielleicht nur zehn Minuten, aber es kommt mir vor wie eine halbe Ewigkeit. Mutti sagt immer: „Lass dich nicht von fremden Männern anquatschen und geh auf keinen Fall mit ihnen mit!“ Das hört sich so bedrohlich an, dass ich furchtbare Angst in meinem Versteck habe.
Die Erinnerungen meiner Schwestern an die Kindergartenzeit sind natürlich nur gute. Kein Wunder, sie waren auch zu dritt. Sie schwärmen heute noch davon. Da gibt es Geschichten über wundervolle Feste, zum Beispiel wie sie Bohnen schnippeln und zusammen singen.
Dann gibt es Geschichten über ihre geliebte Kindergärtnerin Tante Doris, so wie die Begebenheit von Marlene, Eleonora und dem Pudding, den es an diesem Tag gibt. Marlene findet in ihrem Pudding ein Stück Glas und fragt ihre Schwester: „Ela, willst du meinen Pudding nicht auch noch essen?“
Eleonora sagt begierig „Ja“ und stürzt sich auf die Süßigkeit.
Marlene schaut mit großen Augen zu, wie ihre Schwester den Nachtisch samt Glas runterschlingt. Sie fragt Eleonora erschrocken: „Hast du gar nichts gemerkt? Da war ein Stück Glas in dem Pudding.“
„Wirklich?“, schreit Eleonora entsetzt und fängt fürchterlich an zu heulen.
Zum Glück ist das Stück Glas so abgerundet, dass es keinen Schaden in ihrem Körper anrichtet. Die Reaktion von Tante Doris kann ich mir aber bildlich vorstellen.
IMMER WIEDER SONNTAGS
Sonntags gehen wir in die Kirche. Am Sonnabend werden einige Vorbereitungen für den Sonntag getroffen. Mutti geht einkaufen und kommt mit vollbeladenen Taschen, die sie an den Fahrradlenker hängt, zurück. Einmal in der Woche wird der Kühlschrank gefüllt, dass es kracht. Davon müssen wir eine ganze Woche leben. Mutti bereitet den Sonntagsbraten vor und bäckt zwei Bleche Hefekuchen. Der ist spätestens am Sonntagabend aufgegessen. Einer ist mit Obst belegt und der andere mit Butterstreusel. Dann wird sauber gemacht, damit wir am Sonntag Gäste einladen können. Zum Schluss säubern wir uns selber. Die anderen benutzen die große Badewanne. Leider hat sie keinen Abfluss und muss nach jedem Bad ausgeschöpft werden. Für mich wird eine kleine gusseiserne Badewanne in der Küche aufgestellt und mit warmem Wasser gefüllt.
„Komm, Ramona, setz dich rein, jetzt wirst du gebadet“, sagt meine Mutti und fängt an mich einzuseifen.
„Mann, bist du dreckig“, bemerken meinen Schwestern. „Aber kein Wunder, du spielst ja am liebsten im Dreck.“
„Marlene, hol mal eine Schüssel warmes Wasser, damit ich Ramona die Haare abspülen kann“, bittet meine Mutter.
Das Wasser läuft mir über die Haare ins Gesicht. „Aua, meine Augen!“, jammere ich.
„Ach, hab dich nicht so“, sagt Annedore.
„Das brennt aber“, halte ich dagegen.
„Ramona, steh bitte auf, damit wir dich abtrocknen können“, sagt Mutti. „Ist es jetzt besser mit deinen Augen?“, fragt sie mich und wischt sie mir noch einmal sorgfältig mit klarem Wasser aus. Dann werde ich ordentlich abgerubbelt.
Während ich warte, dass mein Haare trocknen, bekomme ich eine Scheibe Bierschinken in die Hand gedrückt. Frischer Bierschinken ist eine Delikatesse, finde ich.
Danach bringt man mich ins frisch gemachte Bett und ich fühle mich pudelwohl. Ich bin sauber, das Bett ist frisch bezogen, das ergibt ein wundervolles Gefühl. Noch gemütlicher wird es, wenn ich meine Zunge an die Bettdecke lege und nuckele, dann kann ich rundum glücklich einschlafen. Meine Mutter sagt dann immer: „Nuckel mal schön, Ramona, und gute Nacht!“
Am Sonntag stehen wir früh auf und machen uns fein. In der Woche renne ich nur mit Trainingsklamotten rum, aber am Sonntag bekomme ich ein schönes Kleid an. Mutti und meine Schwestern brauchen noch eine Weile. Ich bin schon fertig und schleiche mich nach draußen. Mein Kleid hat so einen wundervollen Rock. Da kann ich gar nicht anders, als mich um die eigene Achse zu drehen, um dabei meinen Rock zu bewundern, wie er in die Höhe schwingt. Natürlich falle ich in den Dreck und Mutti muss mir schnell noch eine saubere Strumpfhose anziehen. „Mann, was hast du denn jetzt schon wieder gemacht!“, schimpft sie. „Ich habe doch gesagt, du sollst aufpassen und dich nicht dreckig machen.“
Meine Schwestern werfen mir vorwurfsvolle Blicke zu. Zum Glück findet Mutti noch eine Strumpfhose, denn mit vielen tollen Klamotten sind wir nicht gerade gesegnet. Vati will kein Geld für solche Kinkerlitzchen ausgeben. Er meint, ein einfacher Trainingsanzug reicht völlig aus. Mutti ist da ganz anderer Meinung. Deshalb näht sie so manches gute Stück für sich und uns selber. Wenn Mutti in ihren Kleiderschrank schaut, ist sie meist unzufrieden. Sie sagt dann immer: „Der ganze Kleiderschrank voller Klamotten und nichts anzuziehen. Nur Lumpen! Alles geschenkte Sachen, die nicht so richtig passen.“ Außerdem wird sie mal dicker und dann mal wieder dünner. So ist sie ständig dabei, ihre Kleidung umzuändern und wird damit nie fertig.
Meine Schwester Annedore ist ganz eigen mit ihren Sachen. Sie schont sie und wäscht sie zum rechten Zeitpunkt, damit sie am Sonntag immer gut aussieht. Die anderen beherrschen diese Kunst nicht, sie wissen aber, wo sie sich bedienen können, wenn es in ihrem Wäschefach mal wieder nicht so gut aussieht. „Jetzt hat mir schon wieder jemand meine gute Strumpfhose geklaut!“, schreit Annedore. „Und meine gute Unterwäsche ist auch weg!“ Marlene und Eleonora schauen sich nur schuldbewusst an. So spielt sich so manches Mal ein kleines Drama am Sonntagmorgen in unserer Familie ab.
Vati plagt sich nicht mit solchen Sorgen rum. Er besitzt für jede Gelegenheit einen Anzug. Seine Figur ändert sich nie. Ein Griff in den Kleiderschrank und er ist angezogen. Er versteht sowieso nicht, warum die Weiber so einen Aufstand wegen ihrer Klamotten machen. Doch wenn wir dann endlich alle fertig sind, schaut Mutti ganz stolz auf ihre vier Mädels.
Wir müssen ungefähr 20 Minuten zur Kirche laufen. Im Sommer ist es ein schöner Spaziergang. Im Winter, wenn man die Kleidung nach Schönheit ausgesucht hat, ist es bitterkalt. Da will man am liebsten in das nächste Haus laufen, um dem scharfen Wind zu entgehen. Als Kleinkind werde ich von meinen Schwestern im Winter mit dem Schlitten zur Kirche gezogen. Sie albern und gackern herum, bis sie merken, dass ich gar nicht mehr dort bin, wo ich eigentlich sitzen soll, sondern nur noch als Punkt in der Ferne auf der Straße zu sehen bin.
„Wo ist denn Ramona?“, ruft Annedore entsetzt.
„Ach du Schande, die liegt ja da hinten auf der Straße“, stellt Marlene fest.
„Ich habe gar nicht gemerkt, dass wir Ramona verloren haben“, sagt Ela schuldbewusst und sie und Marlene müssen schon wieder lachen. Nur Annedore findet das gar nicht lustig.
Schnell flitzen sie den ganzen Weg zurück, um mich zu holen.
Ein anderes Mal, als es so furchtbar viel geschneit hat, stecken mich meine Schwestern mit dem Kopf zuerst in einen riesigen Schneehaufen. Da schauen nur noch meine Stiefel raus.
In der Kirche geht es sehr herzlich zu, jedenfalls bei den Erwachsenen. Die Orgel und der Chor hören sich schön an und ich schlafe dort meistens den Schlaf der Gerechten. Meine Mutter stört das gar nicht. Im Gegenteil, dann bin ich wenigstens ruhig. Nur dass ich ihr dabei immer den Mantel so vollsabbere, kann sie gar nicht leiden. Ihr Mantel fühlt sich aber auch so behaglich in meinem Mund an. Genauso wie meine frisch gewaschene Bettdecke. Deswegen kann ich nicht widerstehen, daran zu nuckeln. Auf der anderen Seite des Mittelgangs sitzen die Kinder in meinem Alter ohne ihre Eltern. Deswegen halten sie mich wahrscheinlich auch für ein Baby, weil ich noch nicht bei ihnen sitzen darf. Ich finde aber, die sind auch nicht viel besser als ich. Immer wenn jemand redet, den sie nicht leiden können, stecken sie sich die Finger in die Ohren oder sie machen sich Knoten in die Taschentücher, damit sie nicht vergessen, was sie gerade sagen wollten. Manchmal stecken sie mir sogar die Zunge raus.
Wenn Odette, eines der Kinder von der anderen Seite des Kirchengangs, zu mir nach Hause kommt, dann ist es voll langweilig. Sie will andauernd mit Puppen spielen. Ich muss meine einzige Puppe rausholen und so tun, als wenn ich das hochinteressant finde. Oft werde ich in meiner Familie mit ihr verglichen. Sie meinen: „Kannst du nicht so sein wie Odette, sie ist immer so ordentlich und sauber und spielt nicht im Dreck wie du.“
Das andere Mädchen ist die Tochter vom Vorsteher. Die denkt auch, sie wäre etwas Besseres. Ela ist mit ihrer Schwester befreundet, die ist ganz in Ordnung. Nur wenn sie mit allen ihren Geschwistern bei uns auftaucht, ist sie manchmal genauso zickig wie der Rest. Sie wollen mich dann meistens nicht dabei haben und sagen: „Hau ab, du kleine Doofe!“
Wenn ihr Vater uns besucht, dann nennt er meine Mutter jedes Mal „Tante Wedding“. Mutti gefällt das gar nicht und sie wird dabei puterrot. Wenn er dann weg ist, beschwert sie sich bei uns und sagt geringschätzig: „Der nennt mich immer ‚Tante Wedding’, dabei ist er sogar älter als ich.“ Ich habe zu Ostern von ihm ein wunderschönes metallenes Osterei bekommen, in dem Süßigkeiten steckten. Die Eihälften schienen mir aber nur zum Buddeln im Sand geeignet zu sein.
ELAS MISSGESCHICK
Seitdem Eleonora mit der Tochter vom Vorsteher befreundet ist, hat sie einen Putzfimmel. Sie meint: „Bei Brauns ist es immer so sauber und bei uns nicht.“ Deshalb ist sie bestrebt, es der Familie gleichzutun. Sie fängt mit dem Sauber machen im Flur an und trägt alle Mäntel aus dem Flur in die Stube. Dort legt sie die Kleidungsstücke gleich neben den Ofen ab. Vielleicht kann sie nachher sogar ein paar Mäntel in den Stubenschrank verstauen. Dann würde es hier sicher schon etwas ordentlicher aussehen. Erst will sie aber den Flurboden wischen, bevor sie sich um die Mäntel kümmern kann. Während des Wischens riecht es so merkwürdig angebrannt. „Ach du Schreck“, ruft Eleonora, „die Mäntel!“ Leider haben alle Sachen zu dicht am Ofen gelegen, so dass jeder Mantel ein Brandloch bekommen hat.
Mutti riecht das Versengte auch und kommt gleich in die Stube gerannt. „Was ist hier los? Warum riecht es so angebrannt?“, fragt sie erschrocken. Als sie die Bescherung sieht, bekommt Eleonora ordentlich eine geklebt. Mutti ist mächtig sauer! „Warum musstest du die Mäntel hierher tragen?“, schreit sie. „Konnten die nicht im Flur hängen bleiben?“
Das ist das erste Mal, dass Mutti ihr gegenüber handgreiflich wird. Eleonora ist tief beleidigt. Sie wollte doch nur Ordnung schaffen … Dass jetzt jeder Mantel, der dort lag, ein Brandloch hat, das hat sie nicht gewollt.
Mutti macht sich ran, die Mäntel sorgfältig zu flicken. Da aber die Kleidungsstücke von Kind zu Kind weitergereicht werden, müssen das zweite Kind zwei Jahre und das letzte Kind drei Jahre mit einem Flickenmantel rumlaufen.
ANDRÉ
In der Kirche ist André mein bester Freund. Er hat genauso blonde Locken wie ich. Seine Familie kommt uns oft sonntags besuchen. Dann spielen wir im Garten oder gehen mit Lenors am Kanal spazieren. Frau Lenor ist eine große, korpulente Frau mit einem hübschen Gesicht. Ihr Mann ist etwas rundlich, hat eine Halbglatze und ist mindestens einen Kopf kleiner als sie. Die beiden verstehen sich prima. Herr Lenor singt die schönsten Tenorsolos der Welt. Außerdem gibt es da noch zwei Mädchen, Lena und Uta.
DAS GIBT ES NUR SONNTAGS
Das Mittagessen am Sonntag ist immer vorzüglich. Mutti macht den Braten warm und setzt die Kartoffeln an. Die Mädels decken den Tisch. Ich renne voller Erwartung zwischen Stube und Küche hin und her. Dabei muss ich an unserer Kammer vorbei. In dem Moment, wo niemand in Sichtweite ist, werde ich in die dunkle Kammer gezogen. Wie von Geisterhand umklammert mich eine Person von hinten und flüstert mir mit verstellter Stimme ins Ohr: „Ich bin der Busemann, ich bin der Busemann.“
Schnell versuche ich mich aus dieser Umklammerung zu lösen und sage: „Marlene, hör auf mit dem Quatsch!“
Doch sie ergreift mich noch einmal und fängt von vorne an: „Ich bin der Busemann, ich bin der Busemann, ich bin nicht Marlene.“
„Ja, ja, wer’s glaubt, wird selig. Ich weiß ganz genau, dass du Marlene bist!“
Mit diesen Worten reiße ich mich von ihr los und fliehe aus der Kammer. Sie lacht sich halb kaputt. Und ich denke, die kann aber auch den Quatsch nicht lassen! Sie muss doch merken, dass ich darauf nicht mehr reinfalle.
Inzwischen ist Mutti fertig und wir können den Braten in vollen Zügen genießen. Nur wenn es Kaninchen gibt, mache ich lange Zähne. Die Tierchen sind so niedlich. Als die Zibben gestorben waren, haben wir die kleinen Kaninchen mit winzigen Nuckelflaschen aufgezogen. Mit einem Mal hängen sie dann mit abgezogenem Fell an der Teppichstange oder liegen in einer Schüssel im Kühlschrank. Wenn du dann die Kühlschranktür öffnest, glotzt dich so ein nackter Kaninchenkopf an. Das ist voll ekelig!
MITTWOCHABENDS
Mittwochabend gehen meine Geschwister jetzt auch in die Kirche und ich muss ganz allein zu Hause bleiben. Da bekomme ich Muffensausen, ganz ehrlich. Meine Schwestern erzählen mir von ihren wundervollen Abenden, wo sie ohne Vati und Mutti alleine zu Hause waren. Ich glaube, sie konnten es gar nicht abwarten, bis meine Eltern endlich weg waren. Dann wurden Märchen aufgeführt. Sie zogen sich die guten Kleider meiner Mutter an und spielten Schneewittchen. Eleonora war die böse Königin und rief: „Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?"
„Frau Königin, ihr“, antwortete Annedore.
Sie spielten es so, als befänden sie sich auf einer großen Bühne vor richtigem Publikum. Als die Szene mit dem Apfel kam, rief Ela zu Marlene: „Ich habe einen wundervollen Apfel. Willst du ihn mal probieren? Schau, die eine Seite ist rot und die andere Seite grün.“
Der Apfel sah so wunderschön aus. Besonders die rote Seite, so dass Eleonora richtigen Appetit bekam und sie diese Hälfte gern selbst essen wollte. Eigentlich müsste Marlene diese Seite bekommen, denn sie spielte ja das Schneewittchen. Doch Eleonora sah gar nicht ein, die rote Hälfte nicht essen zu dürfen, und änderte kurzerhand das Drehbuch. So gab die Königin dem Schneewittchen in Eleonoras Aufführung die grüne Apfelseite.
Marlene flüsterte hinter vorgehaltener Hand: „Eleonora, ich bin das Schneewittchen, ich bekomme die rote Hälfte.“
Ela fauchte ganz leise zurück: „Nimm die grüne Hälfte und fall endlich um!“
Eleonora glaubte, damit sei die Situation gerettet, doch Marlene tat ihr den Gefallen nicht. Auf keinen Fall durfte das imaginäre Publikum merken, dass es Unstimmigkeiten zwischen den Schauspielern gab. Da kam Ela die nächste gute Idee. Sie änderte das Drehbuch noch einmal und spielte das Schneewittchen selbst weiter. Eleonora nahm den Apfel, biss in die rote Hälfte und schmiss sich in den Dreck. Jedes Mal, wenn meine Schwestern die Geschichte erzählen, wird sie immer lustiger.
Eine Zeit lang schlichen sie sich sogar raus und trieben sich mit Herolds rum. Einmal wollten sie sich ein Süppchen kochen. Sie sammelten alles zusammen: einen Topf, Wasser, Holz, Kartoffeln und Gemüse. Nur mit den Streichhölzern wurde es ein wenig schwierig. „Bei uns raucht niemand. Wir besitzen nur einen eisernen Gasanzünder“, meinte Annedore. Bei Herolds rauchten beide Elternteile, da würde es nicht auffallen, wenn sie eine Schachtel Streichhölzer wegnahmen.
Damit niemand sie bei ihrem Vorhaben entdeckt, beschlossen sie, mitten im Kornfeld ein Feuerchen zu machen. „Das wird lustig“, meinte Arne. „Dazu brauchen wir nur noch ein paar große Steine.“
Die wurden schnell herbeigeschafft. Jeder schnappte sich etwas, das man zum Kochen einer Suppe braucht und sie schlichen sich hintereinander ins Kornfeld.
„Da, die Stelle ist gut“, sagte Arne und stapelte die Steine zu einer Kochstelle aufeinander. Da hinein legten sie kleine Holzscheite und Stroh. Der Topf mit dem Wasser wurde auf die Feuerstelle gestellt und das Gemüse reingelegt.
„He, wer hat die Streichhölzer?“, fragte Barbara.
„Ich“, sagte Senta und gab sie ihr in die Hand.
„Die sind ja ganz nass und stinken nach Bier, wo hast du die denn her?“, fragte Barbara.
„Aus der Wohnstube“, sagte Senta.
Barbara nahm ein Streichholz aus der Schachtel und zog es über die Reibefläche. Nichts passierte. Sie versuchte es noch einmal. Kein Funken!
Arne riss ihr die Streichhölzer aus der Hand: „Stell dich nicht so doof an!“ Er versuchte es ebenfalls. Das Streichholz fing Feuer, ging aber gleich wieder aus. Er versuchte es immer schneller und ehrgeiziger. Arne schaute die Streichhölzer an, als würden sie sich durch blanke Willenskraft entzünden. Beim letzten Streichholz hielten alle die Luft an. Es brannte und er führte es langsam zu den Holzscheiten. Alle stöhnten laut auf, als es wieder ausging. Vor Wut schmiss Arne die leere Streichholzschachtel in den Dreck.
„Das war es, jetzt können wir alles wieder einpacken und nach Hause gehen!“, schrie Arne wütend.
„Krieg dich wieder ein“, sagte Barbara barsch.
„Ist doch wahr“, entschuldigte sich Arne halbherzig. Doch vorher musste er noch dem selbstgebauten Ofen einen ordentlichen Tritt versetzen, damit seine Wut verfliegen konnte. Dann zogen alle enttäuscht von dannen.
Erst viel später begriffen meine Schwestern, was sie damals für ein Glück gehabt hatten, dass die Streichhölzer nicht zündeten. Ja, mehr Glück als Verstand. Zu dem besagten Zeitpunkt war das Korn sehr trocken und überreif. Es hätte lichterloh brennen können und die Kinder vielleicht noch mit.
Aber ansonsten haben sich meine Schwestern an Mittwochabenden köstlich amüsiert!
Ich dagegen sitze, wenn ich allein zu Hause bin, ängstlich unterm Tisch und erwarte sehnsüchtig den Augenblick, an dem meine Familie wieder nach Hause kommt.
Heute läuft ein Mann dreimal an unserem Fenster vorbei. Plötzlich presst er sein Gesicht ganz dicht an die Scheibe, um in das Fenster des Zimmers zu gucken, in dem ich gerade unterm Tisch sitze. Scheinbar sieht er nichts und haut wieder ab. Ich mache mir aber fast in die Hosen vor Angst.
UNSERE UNTERMIETER
Wir besitzen unser Haus nicht für uns allein. In der oberen Etage wohnen Untermieter. Mutti muss ihnen immer frisches Wasser zum Waschen hinstellen. Manchmal bittet sie Annedore, das zu tun. Anne hasst diese Arbeit, besonders wenn die Untermieter ihr dabei auf die Finger schauen. Ich war auch schon mal da oben. Pfui Teufel, wie das da riecht! Mutti reißt immer gleich, wenn sie oben ist, die Fenster auf. Natürlich nur, wenn die Untermieter nicht in der Nähe sind. Der Gestank ist wirklich bestialisch, so nach kaltem Zigarettenrauch, Schweiß und Alkohol. Der eine Untermieter riecht besonders unangenehm und glotzt einen mit so glasigen Augen an.
Iris übernachtet mal ohne unser Wissen bei einem dieser Untermieter. Am Morgen klingelt es Sturm. Anne öffnet die Tür. Vor der Tür steht Iris’ Bruder und fordert, dass seine Schwester sofort nach Hause kommen soll. Iris hört das Tamtam und kommt schnell runter. Ehe sich Anne versieht, donnert der Bruder Iris eine mitten ins Gesicht, dass ihr die Schneidezähne schief nach vorne stehen. Iris rennt mit blutendem Mund nach Hause und Anne schaut ihr entsetzt hinterher., Mann, dass sie bei dem Untermieter übernachtet hat, ist ja nicht gerade schön, aber ihr so eine reinzuhauen, ist ja total verrückt’, denkt meine Schwester.
Annedore verliebt sich ebenfalls in einen unserer Untermieter. Dabei ist sie erst zwölf und für ihr Alter ziemlich zart. Uta Lenor dagegen sieht da schon ganz anders aus. Sie kommt uns jetzt öfter besuchen und gibt vor, wegen Annedore da zu sein. Was Annedore natürlich nicht glaubt. Sie sagt: „Von wegen, die will doch nur unseren Untermieter sehen.“
Zu Annes 13. Geburtstag schenkt Suhl, besagter Untermieter, ihr Rollschuhe, denn er mag Annedore sehr, aber nicht als Freundin, sondern eher als kleine Schwester. Utas Reizen hingegen kann er sich nicht so ganz entziehen.
Uta und Annedore sitzen in der Küche und Uta sagt mit großen, ehrlichen Augen: „Ich will dir Suhl auf keinen Fall wegnehmen.“
Wenn die drei zusammen sind, sieht das aber ganz anders aus. Suhl streichelt Uta zärtlich durchs Haar und sie gibt vielsagende Blicke zurück. Was soll Annedore da machen, Uta ist wesentlich weiter entwickelt als sie. Anne kann schon verstehen, warum sich Suhl mehr für Uta interessiert. Trotzdem ist sie stinksauer auf ihre vermeintliche Freundin. „Die hat bei mir bis in alle Ewigkeit verschissen“, meint Annedore und will sie nie wiedersehen.
Frau Lenor ist erst Feuer und Flamme und außerdem stolz auf ihre Tochter, dass die sich trotz ihres jungen Alters so einen feschen jungen Mann geangelt hat. Doch dann wird es ihr zu heiß und sie unterbindet das Techtelmechtel der beiden. So bekommt keiner den schönen Hans-Jürgen Suhl.
Mutti ist in Hans-Jürgen auch vernarrt. Sie sieht ihn als Sohn, den sie nie hatte. Und Suhl entwickelt ein starkes Vertrauensverhältnis zu ihr. So kann er ihr unter anderem anvertrauen, dass er vorhat, in den Westen abzuhauen. Da muss sie sich nicht wundern, dass Hans-Jürgen eines Tages spurlos verschwunden ist. Doch andere Leute wundern sich sehr und interessieren sich auch brennend dafür! Deswegen bekommen wir zweimal Besuch von Männern in schwarzen Mänteln. Die Aufregung meiner Eltern ist groß. „Das kann mächtig ins Auge gehen, wenn man sich mit diesen Männern anlegt“, meint mein Vater. Doch Mutti erzählt nur das Allerbeste von ihrem Untermieter. Die Flucht erwähnt sie mit keinem Sterbenswörtchen. Vati und wir können nichts erzählen, denn Mutti hat bis dahin auch uns gegenüber geschwiegen.
AUF DEM GUT IN POLEN
Mutti hat noch fünf Schwestern. Maria, Elsa, Sonja, Lena und Inga. Sie lebten mit ihren Eltern im früheren Ostpreußen. Meinem Opa gehörte dort ein Gut. Mutti erzählt immer, dass Opa noch einen Bruder hatte. Ihr Vater wanderte, als die beiden Jungs noch klein waren, nach Amerika aus und ließ seine Familie in Polen zurück. Dafür konnte er ihnen ausreichend Geld in die Heimat schicken. Scheinbar gingen die Geschäfte in Amerika recht gut. Denn als mein Uropa starb, hinterließ er seinen Söhnen ein beträchtliches Vermögen. Wobei mein Großvater als Haupterbe eingesetzt war. Opas Bruder machte sich nach Amerika auf, um Opas und sein Erbe einzulösen. Opa gab ihm seine Geburtsurkunde mit. Er hat aber seinen Bruder samt Erbe nie wiedergesehen.
Doch auf dem Gut in Polen lebt es sich auch ganz gut. Meine Großeltern sind Deutsche. Ihre Kinder sprechen in der Schule Polnisch und zu Hause Plattdeutsch. Die polnischen Knechte werden von meinem Opa immer gut behandelt. Meine Mutter schwärmt heute noch von ihrem Zuhause, von dem Häuschen, wo sie den Fußboden mit frischem weißem Sand auslegen, das war damals in Polen so Mode, und dem Obstgarten mit den vielen Früchten. Und abends, wenn es dunkel wird, kann man die Frösche vom Teich her quaken hören.
Meine Oma bäckt frisches Brot für die ganze Familie. Die Stullen sind übergroß. Doch Mutti mag das weiße Brot vom Bäcker viel lieber. Das gibt es aber höchstens einmal in der Woche, wenn ihre Mutter in die Stadt fährt, um Besorgungen zu machen. Dann bettelt meine Mutter so lange, bis meine Oma bereit ist, ein solches Brot zu kaufen.
Ihren Vater liebt sie über alles, der ist für sie der große Alleskönner, und Sonja und Elsa sind ihre Lieblingsschwestern. Maria ist die älteste, dann kommen Sonja, Elsa, sie selber und die beiden kleinen Schwestern Lena und Inga. Mit Maria versteht sie sich nicht so gut. Tante Maria verbreitete das Gerücht, Mutti hätte Tante Lena dumm geschlagen. An dieser Stelle muss Mutti oft weinen. Es ärgert sie sehr, dass ihre große Schwester so etwas Gemeines rumerzählt. „Dabei stimmt es doch gar nicht“, sagt sie beleidigt.
Tante Lena ist als kleines Kind in einen Teich gefallen. Die Großen sollten auf sie aufpassen. Durch den Sauerstoffmangel, der im Gehirn auftrat, kann sie später nicht mehr so richtig lernen. Als die Eltern merken, dass Tante Lena in der Schule nicht mehr mitkommt, muss meine Mutter ihr das Lesen und Schreiben beibringen. Tante Lena ist ziemlich lustlos und windet sich wie ein Aal. Sie erfindet immer neue Möglichkeiten, nicht lernen zu müssen. Sie starrt Löcher in die Luft oder beschäftigt sich bewusst mit anderen Dingen. Das ärgert Mutti sehr, denn sie will ihre Aufgabe gut erfüllen. Da gibt’s schon mal einen Katzenkopf. „Aber ein Klaps auf den Hinterkopf heißt doch noch lange nicht, dass ich Tante Lena dumm geschlagen habe“, sagt sie verbittert. „Das ist typisch für Tante Maria. Und Tante Lena glaubt ihr wahrscheinlich auch noch den Mist.“
Ich habe hingegen mal von Tante Lena gehört, dass Tante Maria ihr so eine geballert hätte, dass sie mit dem Kopf an eine Tischkante flog und besinnungslos liegen blieb.
FLUCHT UND RÜCKBLICK
Als die Unruhen in Polen zu groß werden, muss die Familie die geliebte Heimat verlassen. Opa führt sie so sicher durch die Kriegswirren in die neue Heimat, dass Mutti gar nicht das Gefühl hat, auf der Flucht zu sein. Sie flüchten auf einem Pferdewagen. In dicken Federbetten eingemummelt können sie die Sterne am Nachthimmel bewundern. Es kommt meiner Mutter eher wie ein Abenteuer vor. Ihr Vater bewahrt sie vor allen Gefahren.
In Gladow finden sie ein neues Zuhause. Hier lernt sie die Schwestern ihres zukünftigen Mannes kennen. Die durchlebten die Flucht nicht ganz so unbeschadet wie meine Mutter. Schon in Polen, als die Russen eingezogen sind, tat man den Frauen Gewalt an. „Auf der einen Seite der Ostsee, auf Usedom, wollte man meine Familie gar nicht erst haben“, sagt Vati. „Da wären sie fast verhungert.“ So sind sie die Ostsee entlang gewandert und in Gladow gelandet. „Ich befand mich zu dieser Zeit gerade in Italien in Gefangenschaft“, erzählt er weiter. Ob es eine gute Zeit für ihn war? – Wahrscheinlich ja, denn er berichtet von hübschen Mädchen, Bratkartoffelverhältnissen und dass sie ihn statt Heinz, wie er richtig heißt, Enco nannten. Ich glaube nicht, dass nur die anderen Soldaten Frauenbekanntschaften gemacht haben, so wie er es behauptet, sondern dass auch er hinter so manchem Rock her war. So würde es jedenfalls meine Mutti ausdrücken. Wahrscheinlich kann er es gegenüber Mutti nur nicht zugeben.
Mutti lernt ihre erste große Liebe in Polen kennen. Da ist sie noch ganz jung. „Der junge Mann ist aus dem Krieg nicht wieder nach Hause gekommen und ich habe ihn so gemocht“, sagt Mutti. „Auf seinem letzten Urlaub schenkte er mir das hier“, sagt sie traurig und zeigt mir eine Kette. Für mich sieht sie aus wie die Kette von einem Badewannenstöpsel mit einem Anhänger, aber für Mutti ist sie ein ganz besonderer Schatz. „Er muss wohl gewusst haben, dass er nicht mehr zurückkommt“, sagt sie mit Tränen in den Augen. Dann wischt sie sich die Tränen wieder aus dem Gesicht und erzählt weiter. Ihr zweiter Freund war Paul. Mit dem verlobte sie sich sogar. „Das war ein Schürzenjäger. Der sah nicht nur mich verliebt an, sondern auch alle anderen Weiber.“ Bei diesen Worten scheint sie ziemlich ärgerlich zu sein. „Ich habe ihm daraufhin seinen Ring wieder zurückgegeben.“
In Gladow sollen die jungen Mädchen den Soldaten in der Gefangenschaft schreiben. Da kommen Vatis Schwestern auf die Idee: „Lydia, du kannst doch unserem Heinz schreiben.“ So lernen sich meine Eltern erst schriftlich und später „in natura“ kennen, denn Vati kommt nicht lange danach aus der Gefangenschaft zurück. Sie genießen noch eine Zeit lang ihre Jugend in Gladow, bevor sie heiraten.
Mutti schwärmt von der Dorfjugend und ihren Zusammenkünften, Vati von den Auftritten im Laientheater. „Einmal musste ich eine Frau spielen, und als ich in den Weiberklamotten nach Hause gelaufen bin, haben die anderen aus dem Dorf sich halb kaputtgelacht“, sagt er amüsiert.
Mutti erzählt vom blutjungen Dorflehrer, der ebenfalls immer bei ihren Treffen dabei war. „Dann hat er sein Akkordeon mitgenommen und wir konnten im Pavillon vom Schlosspark kräftig nach seiner Musik singen und tanzen. Das hat mir sehr gefallen.“ Sie sangen all die Lieder, die sie auch heute noch gerne singt.
Ansonsten besteht ihr Leben aus harter Arbeit. Bei der Bodenreform bekommt jede Familie ein Stück Land zur Verfügung gestellt und die Kinder müssen auf den Feldern ihrer Eltern mitarbeiten. Deshalb erlernen sie auch keinen Beruf.
Meine Eltern sind schon eine Weile verheiratet, da bekommt meine Mutter auf dem Feld beim Arbeiten Bauchschmerzen. „Au verdammt, mir tut der Bauch so weh!“, jammert sie leise und sie merkt, wie ihr das Blut die Beine hinunterläuft.
„Du blutest ja! Und wie siehst du denn aus? Ganz blass um die Nase! Ist dir nicht gut?“, fragen die anderen.
„Kommt, Lydia muss nach Hause!“, ruft eine Frau aus dem Dorf, die sich mit Frauenangelegenheiten auskennt. Sie bringen Mutti nach Hause.
Die alte Frau aus dem Dorf hilft ihr durch die schwere Stunde, denn meine Mutter verliert ihr erstes Kind. „Lydia, du hättest einen Jungen bekommen“, behauptet die Frau.
„Viel Zeit zum Ausruhen blieb mir damals nicht“, meint meine Mutter. „Die Ernte musste eingebracht werden. Außerdem arbeiteten wir nicht nur auf den Feldern meiner Eltern. Auch die Felder von Vatis Familie mussten bestellt werden.“
Am Erstaunlichsten finde ich, wie Mutti mir erzählt, dass sich viele Familienangehörige ein Doppelbett teilen müssen. Da schlafen Jungverheiratete mit ihren Eltern oder ihren anderen Geschwistern im selben Bett. Unglaublich, denke ich. Ich will weder bei Vati noch bei Mutti unter der Decke schlafen. Denn Vati riecht unangenehm nach Schweiß und Medikamenten und Mutti entwickelt unter ihrer Decke eine solche Hitze, dass man es nicht aushält.
Meine Mutter erzählt auch, Tante Maria behauptete in jungen Jahren: „Alle meine Schwestern werden mal für mich arbeiten.“ Ich finde diese Behauptung sehr arrogant und vermessen. Meine Mutter hingegen sieht beim Erzählen dieser Begebenheit mal wieder rot vor Wut. „Opa meinte damals auch, die spinnt. Die anderen Mädels glaubten ihr vielleicht, aber ich würde doch niemals für Maria arbeiten. Wie kommt die auf so eine Idee? Alles, nur das nicht!“, äußert sie sich wütend.
Dann gab es erneut eine Bodenreform und den Eltern wurden die Äcker wieder weggenommen. Jetzt zog es die Jüngeren der Familien in die Stadt, um ihr täglich Brot zu verdienen. Marias Mann bildete die Vorhut für seine Frau, Vati, Mutti und ihre Schwestern. Er zieht zuerst weg. Maria, Vati und Mutti haben Glück, sie bekommen die Zuzugsgenehmigung für die Stadt. Die anderen Schwestern werden erst wieder aufs Land geschickt. Mit viel Mühe und List dürfen Tante Lena und Tante Inga doch noch zu ihren Verwandten in die Stadt ziehen. Tante Elsa und Tante Sonja müssen auf dem Dorf bleiben.
In der Zeit, als meine Eltern sich trennten, lebt meine Mutti bei Tante Maria. Sie kann es auf den Tod nicht ausstehen, dass Tante Maria erst die Kinder billig abspeist und dann zu ihrem eigenen Abendbrot die schönsten Sachen aus dem Schrank holt, um sich selber dick und rund zu essen. „Das ist ja das Letzte, seinen Kindern die guten Sachen vorzuenthalten. Das würde ich niemals tun“, sagt sie.
TANTE LENA
Tante Lena kann zwar nicht lesen und schreiben, doch sie ist geschickt und ein richtiges Stehaufmännchen. Mit ihren einfallsreichen Handarbeiten kann sie sich gut über Wasser halten. Meine Tante ist jetzt schon zum zweiten Mal verheiratet. Ihr erster Mann schlug sie. Das ließ sie sich nicht gefallen und war ganz schnell wieder geschieden. Die Ehe blieb kinderlos. Doch mit seiner zweiten Frau bekam ihr Exehemann noch sieben Kinder. Nach ihrer Scheidung wohnte Tante Lena auch wieder bei uns, so wie Tante Inga und Oma. Meine Eltern wollen ihr Haus nicht mehr unbedingt mit ihren Verwandten teilen, doch Muttis kleinere Schwester bekommt keine Wohnung für sich allein. So heiratet sie Onkel Franz, zieht mit ihm zusammen und nimmt Oma gleich mit. Onkel Franz ist Straßenbahnfahrer. Für meine Tante leider nicht die große Liebe. Doch Onkel Franz begehrt sie sehr.
Die beiden wurschteln sich so durchs Leben, bloß Kinder bekommen sie keine. Dabei ist Tante Lena doch so kinderlieb. Als meine Mutter ihr viertes Kind erwartet, bettelt sie: „Lydia, du hast doch schon drei Kinder. Das vierte Kind kannst du mir doch geben. Damit könnten wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Ich bekomme endlich ein Kind und du hättest eine Sorge weniger.“ Doch meine Mutter will mich auf keinen Fall weggeben, auch wenn sie noch so viele Kinder geboren hätte. Meine Schwestern sagen oft zu mir: „Stell dir mal vor, du wärest jetzt Tante Lenas Kind und nicht unsere Schwester.“
‚Was soll ich dazu sagen?’, denke ich verwirrt.
Da meine Tante keine eigenen Kinder hat, macht sie es sich zur Aufgabe, alle Kinder in ihrer großen Familie zu verwöhnen. Onkel Franz sagt dazu nur: „Du gibst aber eine Menge Geld für die Gören aus.“ Doch sie lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen und kontert geschickt: „Du gibst dein Geld für Zigaretten aus und ich meins für meine Nichten und Neffen.“ Onkel Franz verdreht dann nur noch die Augen und sagt gar nichts mehr dazu.
Meine Schwestern freuen sich riesig, eine solche Tante zu haben. Meine Mutter sieht das oft mit gemischten Gefühlen. Doch als Tante Lena auch noch meinen Vater mit großen, runden Kulleraugen ansieht, um ihre Weiblichkeit zur Schau zu stellen, das behauptet jedenfalls meine Mutter, flippt sie so richtig aus. Mutti weigert sich eine ganze Weile, ihrer Schwester die Kinder zum Verwöhnen zu geben. Vati will einlenken und meint: „Lena hat es doch nur gut gemeint.“
Das macht meine Mutter nur noch wütender und sie antwortet: „Jetzt nimmst du sie auch noch in Schutz!“ Mutti rechtfertigt sich in Gegenwart ihrer Kinder so: „Es ist ganz was anderes, wenn Tante Lena euch Mädels nur manchmal hat und euch dann von vorne bis hinten verwöhnt. Ich als Mutter bin immer mit euch zusammen und ich kann es mir nicht leisten, euch viele schöne Dinge zu kaufen. Da kann Lena leicht die gute Tante spielen.“
Meine Tante erzählt eine ganz andere Version der Geschichte. Sie sagt, dass Mutti und Vati verreist waren und die Kinder bei ihr und Oma geblieben sind. Was sich ja auch anbot, denn sie wohnten zu dieser Zeit noch bei uns. Tante Lena nahm sich vor meine Eltern zu überraschen. So gab sie sich besonders große Mühe, das Essen und den Tisch für meine Eltern vorzubereiten. Meine Tante legte zum Beispiel schöne Servietten auf den Tisch und steckte sie in niedliche kleine Serviettenhalter. Alles Dinge, für die meine Mutter nie Aufwand betreiben würde. Meine Eltern trafen ein und die Freude dauerte nur so lange, bis mein Vater sagte: „Lydia, warum deckst du denn nicht auch mal so schön den Tisch wie deine Schwester?“
In dem Moment verwandelte sich die Freude in Wut.
Tante Lena meint: „Deine Mutter war eifersüchtig auf meinen schön gedeckten Tisch. Dafür durfte ich euch, als ich ausgezogen war, eine ganze Weile nicht sehen.“
Ich weiß nicht, wer Recht hat, aber das mit der Eifersucht muss wohl stimmen. Denn meine Schwester Marlene weiß zu berichten, dass sie schon öfter solche Streitgespräche aus dem elterlichen Schlafzimmer gehört hat. Nach einer Weile verstummen die bösen Worte und es folgen versöhnliche Töne. Mein Vater behauptet dann, nur meine Mutter zu lieben. Wenn dann ganz andere Geräusche von nebenan zu hören sind, weiß Marlene, jetzt haben sich die beiden wieder vertragen.
Was sie wohl für Geräusche meint? Na egal, Marlene ist jedenfalls auch der Meinung, dass Mutti sehr eifersüchtig ist.
Nach einer ganzen Weile ist Gras über die Sache gewachsen und Tante Lena darf sich wieder mit meinen Schwestern vergnügen.
Das Osterfest mit unserer Tante ist aber auch der Knaller. Sie geht mit den Mädels am Kanal entlang. Anne liebt es, dort spazieren zu gehen. Besonders im Frühjahr, wenn der wilde Flieder blüht. Tante Lena läuft ein Stückchen voraus und lässt heimlich still und leise ein Osterei fallen. „He, guckt mal, Kinder, hier hat der Osterhase ein Ei versteckt!“, ruft Tante Lena und macht ein Gesicht, als würde sie es gar nicht fassen können. „Und hier noch eins", wundert sie sich dann.
Die Mädchen kommen herbeigelaufen: „Oh wirklich, Tante Lena, ein richtiges Schokoladenei.“
Tante Lena ist in ihrem Element: „Was ich hier alles finde! Hier, wieder ein Bonbon und hier eine Tafel Schokolade!“
„Oh, Tante Lena, warum findest du denn immer die Süßigkeiten und nicht wir“, fragt Annedore halb beleidigt.
„Na, da müsst ihr richtig hinschauen! Sucht mal fleißig weiter“, gibt Tante Lena zurück. Jetzt schmeißt sie ihnen die Süßigkeiten, wenn die Kinder mal nicht hinschauen, möglichst vor die Füße.
„Ich habe etwas gefunden!“, freut sich Ela.
„Ich auch“, verkündet Marlene ganz stolz.
Beim nächsten Versuch sagt Anne überrascht: „Tante Lena, du schmeißt ja die Süßigkeiten auf die Erde.“
Tante Lena kann sich nun nicht mehr halten vor Lachen und die Kinder lachen mit.
Immer wenn sie mit mir Ostern feiern, dann erzählen sie mir begeistert diese Geschichte. Ich suche meine Ostereier im Garten umringt von meinen Schwestern, die mich anfeuern und die Richtung angeben, indem sie laut „Heiß!“ oder „Kalt!“ brüllen. Ich weiß nicht, wer sich mehr freut, wenn ich etwas gefunden habe, meine Schwestern oder ich. Manchmal sind die Ostereier auf dem Misthaufen versteckt oder sie klemmen zwischen den Rhabarberblättern, oft auch im Stall und wenn es regnet garantiert in der Küche im Backofen.
ONKEL FRANZ, DER SPASSVOGEL
Zu Weihnachten lädt Tante Lena die Kinder natürlich auch ein. Die Geschenke, die sie für die Kinder gekauft hat, liegen schon schön verpackt unterm Baum. Alle freuen sich – und Tante Lena am meisten. Onkel Franz hat an diesem Tag auch viel Freude am Besuch seiner Nichten.
Zuerst wird gegessen. Alle setzen sich an den neuen Tisch. Onkel Franz sitzt am Kopfende. Tante Lena verteilt den Kuchen. „So, jetzt ist alles komplett. Ach nein, die Kaffeesahne fehlt noch. Wollt ihr Schlagsahne haben?“, fragt Tante Lena. Sie stellt sie auf den Tisch. Voller Vorfreude schaufeln sich meine Schwestern ordentlich Schlagschaum auf ihren Kuchen und fangen an zu essen.
Onkel Franz beobachtet das Geschehen., Die sind voll und ganz mit ihrem Kuchen beschäftigt, da kann ich anfangen’, denkt er. Und er macht sich daran, an einer Kurbel unterhalb der Tischplatte zu drehen. Er dreht den Tisch Stück für Stück nach unten. Die Kinder müssen ihre Oberkörper ziemlich weit runterbeugen, um überhaupt noch an den wundervollen Kuchen heranzukommen. Onkel Franz grinst sich eins ins Fäustchen und hält Blickkontakt zu Tante Lena.
„Der Kuchen ist eine Wucht“, sagt Marlene.
Onkel Franz freut sich unheimlich und kurbelt den Tisch wieder in die Mitte. Jetzt können die Mädels entspannt sitzen. Das macht natürlich nicht so viel Spaß und er dreht den Tisch weiter in die Höhe. Marlene reicht die Tischplatte jetzt bis zum Hals.
„Noch etwas Kakao?“, fragt Tante Lena.
„Ja“, sagt Marlene ganz begeistert und es sieht witzig aus, wie sie ihre Tasse über den viel zu hohen Tisch reicht. Da kann sich Tante Lena kaum noch halten vor Lachen.
„Was ist los?“, fragt Annedore.
„Ist alles in Ordnung“, gibt sie unter Kichern zurück.
Onkel Franz dreht weiter an seiner Kurbel. Die Kinder werden skeptisch. Jetzt müssen sie wieder so gebückt sitzen, wenn sie den Kuchen nicht auf dem Weg zum Mund verlieren wollen. Als Onkel Franz den Tisch zum dritten Mal hoch kurbelt und die Kinder ganz dämlich gucken, weil sie kaum noch über den Tisch blicken können, bekommt Onkel Franz vor Lachen schon fast keine Luft mehr.
„Mann, Onkel Franz, was machst du denn da?“, fragen die Mädchen und sie stürzen sich auf ihn.
Tante Lena hält sich den Bauch vor Lachen, ihr Gesicht ist ganz rot und sie muss sich die Tränen aus den Augen wischen.
„Onkel Franz, zeig mal, wie du das machst“, kreischen sie fast gleichzeitig, und Onkel Franz kurbelt den Tisch stolz hoch und runter. Solch einen Tisch kannten sie noch nicht und sie können nun auch verstehen, warum Tante Lena und Onkel Franz sich so kaputtgelacht haben.
Mittlerweile sind meine Schwestern etwas zu groß für solche Spielchen. Jetzt lädt Tante Lena mich und meine Cousins ein und wir gehen gerne zu ihr. Sie wohnt in einem neu gebauten Wohnblock mit Oma Gerke zusammen.
Opa Gerke und Opa Wedding habe ich noch nie gesehen. Nur ein hässliches Totenbild von Opa Wedding. Ich fand es zufällig im Karton zwischen den alten Fotos. Entsetzt starrte ich das Bild an. Wie kann man so etwas Gruseliges fotografieren?
EINDRÜCKE
Wenn ich Tante Lena besuche, sitzt Oma in ihrem Zimmer und nimmt wenig Notiz von mir. Sie ist ziemlich klein und etwas krumm. Ihre Haare sind noch nicht grau und zu einem Dutt gebunden. Sie trägt ständig schwarze Klamotten. Beim Laufen stützt sie sich auf einen Stock. Ich versuche, sie auf mich aufmerksam zu machen. Doch sie scheint keine Lust auf eine Unterhaltung zu haben. Da suche ich schnell das Weite. Tante Lena winkt nur ab und sagt: „Oma ist alt, die will lieber für sich sein. Komm, geh ins Wohnzimmer. Sie ist oft so komisch. Ich glaube, Oma ist eifersüchtig auf mich und Onkel Franz, wenn du verstehst, was ich meine.“ Dabei schaut Tante Lena mich vielsagend an. Doch ich weiß ganz und gar nicht, was sie meint. Da kann sie noch so viel mit ihren Augen rollen.
Im Wohnzimmer ist alles modern eingerichtet. In der Ecke steht ein Glaskasten mit Korallen. Die sehen wirklich schön aus. Auf ihrem Tisch befindet sich in einer Schale künstliches Obst: Weintrauben, Bananen und Apfelsinen. Das Witzige ist, dass es solches Obst in echt bei uns gar nicht zu kaufen gibt. Wenn ich so tue, als würde ich die Bananen auf den Balkon genüsslich verspeisen, dann würden die Leute doch sicher neidisch schauen, denke ich. Doch es sieht mir niemand beim Obstessen zu, als ich mit dem Zeugs auf den Balkon sitze. Wie langweilig, muss ich mir eingestehen.
Hinterm Haus erstreckt sich eine Rasenfläche mit einer Teppichklopfstange. An der habe ich schon herumgeturnt. Dahinter breitet sich ein abgemähtes Roggenfeld aus. Dort kann man die schönsten Kornblumensträuße sammeln, wenn das Korn reif ist. Als wir das einmal taten, freute sich Tante Lena über den ersten Strauß genauso wie über den letzten. Das hat richtigen Spaß gemacht. Daraufhin schenkte ich meiner Mutter auch solch einen Strauß, doch die sagte nur: „Was soll ich mit dem Dreck?“ Tante Lena dagegen kann so wundervoll tun, als würde sie sich freuen. Da wird einem so richtig warm ums Herz. Am liebsten würde ich ihr noch tausend solcher Blumensträuße schenken, um die Freude in ihren Augen zu sehen.
DAS WEIHNACHTSGESCHENK
Heute ist kein Kind draußen, mit dem ich etwas unternehmen könnte. Doch ich rieche Mittagessen und renne schnell in die Küche. Oma bekommt ihr Essen aufs Zimmer. Tante Lena und ich essen in der Küche.
„Na, Ramona, was willst du dieses Jahr zu Weihnachten haben?“
Es rattert in meinem Gehirn. Wann bekommt man schon mal solch eine Frage gestellt? Genau genommen fast nie, außer von Tante Lena. Wenn jemand schon danach fragt, dann muss man sich auch etwas ganz Besonderes ausdenken. Etwas, was mir meine Eltern nie im Leben schenken würden, geht es mir durch den Kopf. „Ich hab es! Ich wünsche mir einen Affen“, verkünde ich.
„Einen Affen?“, fragt Tante Lena entsetzt. „Den kann ich dir nicht schenken.“
„Aber über einen Affen würde ich mich doch furchtbar freuen“, bettele ich. Ich muss nur beharrlich an meinem Wunsch festhalten, dann wird er schon in Erfüllung gehen, bin ich insgeheim überzeugt. Doch da habe ich mich gewaltig geschnitten!
In der Weihnachtszeit besuchen wir dann Tante Lena, um unsere Geschenke abzuholen. Meine zwei Cousins bekommen wundervolle Skier, nur ich schau mal wieder dumm aus der Wäsche. So wie voriges Jahr. Die Mädels erzählten mir nämlich, dass Onkel Franz für mich ein tolles Puppenhaus gebastelt hatte, mit allem Drum und Dran, kleinen Möbeln und Teppichen, sogar Licht legte er in das kleine Haus. Aber weil eine klitzekleine Glühbirne nicht funktionierte, bekam Onkel Franz solch einen Wutanfall, dass er das ganze Haus kurz und klein schlug. So ging ich letztes Jahr schon leer aus. An das Ersatzgeschenk kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Nicht, dass ich mich darum reißen würde, mit Puppen zu spielen, aber das Puppenhaus hätte ich doch liebend gern gehabt. So ergreife ich mein Geschenk und bin den Tränen nahe. Tante Lena nimmt mich in den Arm und sagt: „Es tut mir leid, dass du jetzt enttäuscht bist, aber ich habe dir gleich gesagt, dass du keinen Affen bekommen kannst. Du wolltest ja nicht auf mich hören.“ Das ist mir eine bittere Lehre.
TANTE SONJA
Am nächsten Tag fahren wir zu Tante Sonja und die Jungs probieren ihre Skier aus. In der Nähe von Tante Sonja gibt es einen großen Berg mit einer Rodelbahn, die man hier „Dreihöckerbahn“ nennt. Erwin besorgt schnell einen alten Schlitten für mich und wir sausen den Berg hinunter. Bei jedem Höcker werden wir in die Luft geschleudert und landen unsanft wieder auf der Erde. Das Ende der Bahn ist um einiges steiler. Jedes Kind, das runterfährt, hört man dreimal „Aua“ schreien, weil einem beim Aufprall nach jedem Höcker der Hintern tierisch wehtut. Die Fahrt ist erst zu Ende, wenn das Kind juchzt, als würde es mit der Achterbahn einen riesigen Höhenunterschied überwinden. So steil ist das letzte Stück.
Knut und Heiko flitzen die Rodelbahn hinunter und machen die beschriebenen Geräusche. Scheinbar funktioniert das wohl auch bei Skiern. Wenn ich mir das so anschaue, bin ich ganz froh, keine Skier zu besitzen. Da lob ich mir doch den alten Schlitten, den ich gerade unter meinem Hintern habe. Wir rodeln bis zum Abend und können kaum noch was sehen. Deswegen umarmt Heiko auch noch einen Baum, den er in der Dämmerung zu spät bemerkt. Schnell rennen wir zu Tante Sonja nach Hause ehe noch etwas Schlimmeres passiert. Tante Inga tritt mit ihren Kindern die Heimreise an und wir bleiben noch eine Nacht hier.
Tante Sonja wohnt in einem Bauernhaus mit zwei Etagen. Unten die gute Stube, ein Schlafzimmer, ein Kinderzimmer und die Küche. Oben noch ein Zimmer und der Boden mit Räucherkammer. Vom Flur führt eine Treppe in den Keller. Der Keller und der Boden sind erstaunlich leer und aufgeräumt. In der Küche gibt es einen Wasserhahn, aus dem rostiges Wasser tropft, darunter steht ein Hocker mit einer Schüssel. Hier kann man sich die Füße waschen, Zähne putzen oder das Wasser zum Kochen benutzen. Die Küchenmöbel sind alt. Ein gelber Küchenschrank und ein Tisch mit zwei Stühlen. Der Herd ist noch älter. Er wird mit Feuer betrieben. Um die Wärme zu regulieren, muss man die Öffnung zum Feuer größer oder kleiner machen. Dazu benutzt man kleiner werdende Metallringe, die man raus- oder reinlegen kann. In der Ofenröhre brutzelt Tante Sonja den besten Braten der Welt. Heute zum Beispiel liegt eine lecker riechende, knusprige Gans darin. Auf dem Herd kochen die Kartoffeln.
Von der Küche aus kommt man in den Stall. Links zwei Schweinegatter mit riesigen Futtertrögen. Ich kann zwischen Schweinezaun und Futtertrog nur die Schweineköpfe hin und her wackeln sehen. Darum stelle ich mich auf die Futtereinrichtung, so dass ich die Vierbeiner von oben beobachten kann. Hier hat mir Erwin mal gezeigt, wie man auf einem Schwein reiten kann. Er setzte sich einfach auf das Tier, fasste es an den Ohren und das Schwein rannte so lange hin und her, bis Erwin wieder runter fiel. Das sah witzig aus. Auf der anderen Seite wohnen die Hühner, sie können durch ein winziges Loch ins Freie gelangen. Auf den Hühnerstangen schlafen sie in der Nacht. Ich würde sicher von der Stange fallen, wenn ich so schlafen müsste. Die Kästen an den Wänden sind zum Eier legen. Tante Sonja klaut sie den Hühnern im wahrsten Sinne des Wortes unter dem Hintern weg. Wenn die Eier dann befruchtet sind, müssen sie unter eine Legelampe, bis die Hühnerkinder schlüpfen. Dann hat Tante Sonja im Wohnzimmer neben dem Ofen einen Karton voller gelber, flauschiger Küken zu stehen. Im Stall über den Hühnern sieht man die Luke zum Heuboden. Dort kann man wunderbar im Heu toben.
Draußen stinkt es mächtig nach Mist. Auf dem Misthaufen thront der Hahn. Da fällt mir die Geschichte vom Hahn ein, der nicht mehr krähen will. Dem hatte man den Kopf abgeschlagen und der ist dennoch im Hof noch ein paar Runden gelaufen. – Wie gruselig! – Das hat mir Erwin erzählt.
Hinterm Misthaufen befindet sich das Klo, auch „Donnerbalken“ genannt. Dort gehe ich nicht gerne rauf. Erstens stinkt es entsetzlich. Zweitens friert man sich im Winter den Arsch ab. Und drittens ist es so ekelhaft, da drauf zu sitzen. Man hat immer das Gefühl, einer grabscht einem gleich von unten an den Po. Ich bin ganz ehrlich froh, dass wir zu Hause ein Wasserklo besitzen.
Dann gibt es noch die große Scheune, an deren Wand der Hund angekettet ist. Ich begegne ihm immer mit großem Respekt, denn ich will nicht so enden wie die Nachbarstochter, die von einem Hund ins Gesicht gebissen wurde. Die Ärzte verpflanzten ihr ein Stück Fleisch vom Schenkel ins Gesicht. Die Wange sieht noch immer sehr seltsam aus, als wenn Gelee mit Narben durchzogen ist. Der Hund wurde zur Strafe eingeschläfert.
ERWIN
Auf der rechten Seite im kleinen Holzhaus steht Erwins Funkanlage. Funken ist seine große Leidenschaft. Wo er das Wissen dafür her hat, weiß kein Mensch. Er baute sein „Schätzchen“ ganz allein zusammen. Was alle sehr verwundert, denn in der Schule muss er jede Klasse zweimal besuchen. Somit kann er nicht der Hellste sein. Auf diesem Gebiet hat er jedenfalls ordentlich was drauf. Und er hört damit heimlich den Polizeifunk ab. Da wäre er beinahe erwischt worden. Ein Helikopter flog schon ganz dicht über Tante Sonjas Haus. Zum Glück konnten sie Erwins Anlage nicht orten und zogen gleich wieder ab. Das hätte Tante Sonja noch gefehlt. Ein Spion in ihrer Familie.
Als ich in diesem Raum stehe, fällt mir eine Begebenheit mit Erwin ein: Ich saß mit angezogenen Beinen auf einem Stuhl. Erwin fragte mich: „Wollen wir mal schauen, ob deine Muschi schon groß genug ist?“ So wie er es sagte, hörte es sich ganz harmlos an. Doch wie er sich über mich beugte und meinen Schlüpfer ein wenig zur Seite zog, war es mir gar nicht mehr so angenehm. „Nein, dein Loch ist noch zu klein“, meinte er und wir sprachen nie wieder ein Wort darüber.
Meine Schwestern kennen ihn ganz anders und berichten, dass Erwin ein ganz süßer ist und so lieb wie Tante Sonja. Sie lassen sich Märchen von ihm unter der Bettdecke erzählen. Erwin bringt alles durcheinander und erzählt die Geschichten quer durch den Gemüsegarten. Er fängt zum Beispiel mit Schneewittchen an und endet mit Frau Holle.
Meine Schwestern müssen öfter mal unter der Bettdecke hervor kriechen, weil sie ihre eigenen schlecht riechenden Pupse nicht ertragen können. Doch Erwin lässt sich davon nicht beirren. Mittlerweile ist er beim Froschkönig angekommen. Alle sind sie wieder unter der Decke, nur Erwin hört abrupt auf zu erzählen.
„Aber Erwin, warum erzählst du denn nicht weiter“, fragen meine Schwestern.
„Ach, ich hab die letzte Strophe vergessen“, sagt er ganz unschuldig.
Meine Schwestern reißen sich wegen des Gestanks und vor Lachen die Decke vom Kopf.
Erwin sitzt jetzt auch im Freien und japst nach Luft: „Mann, hat das da unten gestunken! Habt ihr etwa gepupst?“, fragt er.
Da können sich meine Schwestern nicht mehr halten vor Lachen.
Eine Zeit lang versucht Erwin wie ein Hund zu essen. „Erwin, warum machst du das?“, wollen meine Schwestern wissen. Doch Erwin bewegt nur die Schultern nach oben und weiß auch nicht, warum er das tut. Aber aufhören will er damit auch nicht. „So ist er eben“, meinen meine Schwestern.
Hinterm Hof besitzen Tante Sonja und Onkel Gert noch ein Stück Land. Neben dem Haus befindet sich der Obst- und Gemüsegarten. Hier habe ich entdeckt, dass Stachelbeeren auch süß und in einer kräftigen roten oder gelben Farbe vorkommen können. Bei uns zu Hause werden die Dinger immer nur grün gegessen. Ich habe sie deshalb zuvor noch nie reif sehen.
ONKEL GERT
Onkel Gert macht manchmal mit mir lustige Späße. Die fangen mit „Na Püppchen“ an und enden mit „Nicht Püppchen?“ Alles was er mir dazwischen erzählt verstehe ich überhaupt nicht, auch wenn ich mir noch so große Mühe gebe. Da er dabei übers ganze Gesicht lacht, muss es sich doch um einen Spaß handeln! Oder nicht!?
Onkel Gert hat zu einem Schnäpschen eingeladen. Bevor meine Eltern mit mir nach Hause fahren, will er mit Vati noch schnell einen heben. Er holt den guten Schnaps raus und die beiden trinken davon. „Auf dein Wohl, Heinz“, sagt Onkel Gert.
„Prost! Der war bestimmt teuer“, meint mein Vater. Er kippt den Schnaps runter und sagt anerkennend: „Der ist ja richtig gut!“ Und Onkel Gert freut sich über das Kompliment.
Den Wein machen sie selber. Aus den Früchten, die der Garten so hergibt, und mit einer Anlage, die im Keller steht. Den gönnen sich Mutti und Tante Sonja. Beim Trinken erzählt sie, dass sie Erwin schon mal unterm Weinballon erwischt hat. „Stell dir vor, Lydia“, sagt sie, „da liegt er einfach so auf der Erde unter dem Ballon mit dem Ablaufschlauch im Mund und ist stinkbesoffen.“
„Na, da konnte er ja nicht mal mehr umfallen“, meint meine Mutter belustigt und sie gackern sich einen ab.
Nach dem dritten Schnaps fängt Onkel Gert wieder so ein Gespräch mit mir an. Ich schaue ihm ins Gesicht. Er grinst und zeigt dabei zwei tadellose Zahnreihen. Onkel Gert hat ja neue Zähne, denke ich erfreut. Die sehen aber toll aus! Jetzt sieht er nicht mehr so faltig wie eine Backpflaume um den Mund herum aus. Was Zähne so alles ausmachen, staune ich. Solche Zähne würde ich auch gerne haben, da hat man gleich ein viel schöneres Lächeln, geht es mir durch den Kopf. Doch ich bin sehr enttäuscht, dass er mit den neuen Zähnen genauso schlecht sprechen kann, wie mit den alten. Denn ich kann ihn immer noch nicht verstehen. Mein Vater erkennt das Dilemma und versucht ein wenig zu übersetzen. Doch da jeder weitere Satz von mir nicht verstanden wird, merken alle Beteiligten sehr schnell, dass es keinen Sinn macht, wenn Onkel Gert sich mit mir unterhält. Deshalb schaue ich mir lieber den bunt geschmückten Weihnachtsbaum von Tante Sonja an. Am Baum hängen wunderschöne mund-geblasene Vögel und kleine Körbchen aus dem gleichen Material. Viel Lametta verschönert den Baum.
„Nein, kein Schnaps mehr! Wir müssen jetzt los, sonst verpassen wir noch unseren Zug“, höre ich meinen Vater sagen. So stiefeln wir los.
TYPISCH VATI
Mein Vater rennt immer voran und Mutti und ich hinterher. Bei Tante Elsa kehren wir nicht ein, obwohl wir, wenn wir zum Zug gehen, immer an ihrem Haus vorbei kommen. Meine Schwestern erzählten mir, dass Onkel Otto nicht so nett zu Tante Elsa ist. Er hat sie sogar mal in Eiseskälte ausgesperrt. Bei Familienfeiern stänkert er so lange mit Onkel Franz, bis der heulend am Tisch sitzt und ganz fertig ist. Mit dem scheint nicht gut Kirschen essen zu sein. Deshalb gehe ich mit viel Respekt an seinem Haus vorbei.
Als wir kurz vor der Schranke sind, fängt Vati an zu rennen. „Los beeilt euch“, ruft mein Vater gehetzt. Mutti beeilt sich so schnell sie kann, ihr ist die Anstrengung schon ins Gesicht geschrieben. Das kann sie gar nicht leiden, von Vati immer so gehetzt zu werden. Als wir auf dem Bahnsteig ankommen, dauert es noch eine ganze Weile bis die Schranke runtergeht.
,Typisch Vati!’, wird Mutti wahrscheinlich jetzt wieder denken.
Wenn wir verreisen und mit unseren Koffern zur Straßenbahn laufen, ist die Situation fast dieselbe. Dann rennt mein Vater von der Freiheit beflügelt mit seinem kleinen Täschchen voraus und Mutti mit den dicken Koffern hinterher. Ich weiß immer nicht, für wen ich mich entscheiden soll. Für Vati, der die Straßenbahn mit seinem Tempo sicher nicht verpassen wird, oder für meine Mutter, die sich mit den Koffern abschleppt und nicht vorran kommt. Wenn sie sich beschwert, dann bekommt sie auch noch zur Antwort, dass sie selber Schuld ist, wenn sie so viele Sachen mitnimmt.
Am Ende kann die Straßenbahn gar nicht zur rechten Zeit kommen, weil sie hinter der Schranke feststeckt.
PEINLICH
Aber nicht nur Mutti mag Vatis Allüren nicht, auch meine Schwestern sind manchmal sehr peinlich berührt, wenn sie mit Vati unterwegs sind. Da fällt mir die Geschichte mit dem Sack Heu wieder ein. Mein Vater fährt mit Eleonora und Marlene zu Onkel Gert aufs Land, um einen riesigen Sack Heu von ihm zu holen. Angela, unsere Cousine, will an diesem Tag auch zurück in die Stadt und so fährt sie gleich mit meiner Familie mit. Bei Onkel Gert gibt es zuvor noch wie üblich einen guten Schnaps für Vati und dann geht es los.
Der Sack ist ja eigentlich nicht schwer, aber sehr unhandlich. Vati macht es sich einfach. ‚Wozu habe ich drei Mädels dabei’, denkt er und rennt ohne Sack voraus. Die Mädels rennen mit dem Monster hinterher. Vati treibt die drei an, weil es ihm schon wieder nicht schnell genug geht. Im Dorf ist ihnen der Sack zwar lästig, aber noch nicht peinlich, denn Heusäcke sind hier alltäglich. Im Zug sieht die Sache schon ganz anders aus und in der Stadt steigt ihnen endgültig die Schamesröte ins Gesicht.
„Mann, Vati, kannst du das Drecksding nicht alleine tragen?“, fragt Marlene.
Doch Vati denkt gar nicht daran. Er hetzt die drei Mädels mit dem Sack über den Bahnhofsvorplatz, weil er schon wieder Angst hat, die Straßenbahn zu verpassen.
„Ohne dieses blöde Ding könnte ich auch so schnell rennen“, meint Angela und sie wünscht sich, nie mit ihren Verwandten mitgefahren zu sein.
Vati ist schon fast an der Straßenbahnhaltestelle, da brüllt er ganz laut „Mädels, macht doch mal ein bisschen schneller, die Straßenbahn fährt gleich los!“
Ela verdreht die Augen und ist stinksauer. Vati setzt schon mal seinen Fuß aufs Trittbrett, damit die Straßenbahn nicht losfahren kann. Die drei erreichen ihr Ziel und steigen mit dem Heusack ein. Sie verkrümeln sich gleich nach hinten. Vati bleibt vorne sitzen. Das blöde Ding, das wesentlich größer ist als sie selber, wird mit einem wütenden Fußtritt in die hinterste Ecke geschoben. Da steht er nun und droht zu kippen. Die Straßenbahn ist noch nicht voll. Die Mädels verschwinden und suchen sich einen Sitzplatz. Danach tun sie so, als würde der Sack nicht zu ihnen gehören.
Vati hat Angst um seinen Heusack. „Eleonora, Marlene, kümmert ihr euch auch um den Sack?“, brüllt Vati ganz laut durch die Straßenbahn.
Die beiden laufen vor Scham ganz rot an und fangen an zu prusten. Angela ist das Ganze peinlich und sie würde am liebsten im Erdboden versinken. Doch sie muss immerzu lachen, sodass es niemanden verborgen bleibt, zu wem der Sack gehört.
Mein Vater gibt keine Ruhe und schreit abermals durch die Straßenbahn: „Eleonora, Marlene, passt ja auf den Sack auf!“
Den Mädels wird es heiß und kalt, alle Blicke sind auf sie gerichtet. Die hübschen Jungs dort drüben, die an der letzten Station eingestiegen sind, grinsen sie auch schon ganz blöde an. ‚Mann, dass Vati uns auch immer wieder in solch eine beschissene Situation bringen muss’, denken meine Schwestern.
Vati interessieren die Empfindungen seiner Töchter nicht, er nervt ungeniert weiter: „Kinder, wir steigen die nächste Station aus. Vergesst mir ja den Heusack nicht!“
Jetzt müssen sie auch noch Farbe bekennen und das blöde Monster aus der Straßenbahn bugsieren.
Marlene sagt: „Ich fasse das Scheißding nicht an.“
Wieder kommt es von vorn: „Eleonora, nimm ja den Sack mit!“
Ein junger Mann mischt sich in das Gespräch ein und sagt belustigt: „Eleonora, nu’ nimm schon den blöden Sack mit!“
Alle in der Straßenbahn fangen an zu lachen. Marlene und Angela springen einfach ohne Heusack aus der Straßenbahn. Ela überlegt einen kurzen Moment, was sie machen soll. Sitzen bleiben geht nicht, irgendwann muss sie ja aufstehen. Das Monster stehen lassen? Da würde ihr Vati schon was erzählen! So wartet sie bis zum letzten Augenblick, schnappt sich den Sack und zerrt ihn blitzschnell aus der Straßenbahn. Die Bahn fährt los und mit ihr verschwinden auch die grinsenden Gesichter, die sie so hämisch aus dem Fenstern anglotzen.
Vati ist schon, bevor die Straßenbahn losfuhr, über den Schienen verschwunden. Er rennt voraus und die Mädels mit dem Sack gackernd hinterher.
VATI UND ICH FAHREN ZU TANTE ELLA UND OMA
Wenn ich mit Vati zu Tante Ella reise, dann ist das ganz lustig. Ich muss keinen großen Koffer schleppen; meine paar Sachen passen bei Vati in die Tasche, und ich renne sogar noch einige Schritte ihm voraus. Wir nehmen den Zug nach Rostock. In Neustadt/Dosse müssen wir umsteigen. Dann geht es weiter mit einem Bummelzug nach Altburghof. Dort steht dann eine andere Bahn bereit, solche Waggons habe ich vorher in meinem Leben noch nie gesehen, vorne und hinten offen. Da kann man während der Fahrt draußen stehen. Im Abteil befinden sich Holzbänke.
„Ramona, flitz schon mal voraus und reserviere uns zwei Plätze“, sagt mein Vater.
Schnell klettere ich auf die Plattform vom Waggon, öffne die Tür zum Abteil und setze mich auf eine Bank neben dem Fenster. Meine Trainingsjacke schmeiße ich auf den mir gegenüberliegenden Platz, um ihn zu reservieren. Ehe ich mich versehe, ist das Abteil voll. Vati kommt ganz zum Schluss und setzt sich zufrieden auf meine Trainingsjacke.
Und schon fährt der Zug los. Felder und Häuser rauschen an uns vorbei. Noch ein paar Stationen, dann sind wir in Altburghof. Vati hat super gute Laune. Er ist hier sowieso ganz anders als zu Hause. So aufgekratzt und freudig ist er daheim nicht.
Als wir in Altburghof ankommen, ist der Bus natürlich gerade wieder vor unserer Nase weggefahren. Auf den nächsten warten, würde zu lange dauern. Eigentlich haben wir diesen Bus noch nie bekommen. Irgendetwas ist immer. Entweder ist er gerade weg oder er kommt mit Stunden Verspätung oder er fährt gar nicht. Manchmal zweifle ich an der Existenz dieses Busses.
Doch wir lassen uns dadurch den Vormittag nicht verhageln. Vati nimmt seine Tasche und wir wandern los. Immer die Landstraße entlang. Zuhause gibt es ein Bild, auf dem sieht es genauso aus wie hier. Die Landstraße, rechts und links Bäume und viele Felder soweit das Auge reicht. Vati erzählt mir, was auf diesen Feldern wächst, wie man sie bestellt und wann sie abgeerntet werden. Soviel hat er sich noch nie mit mir unterhalten. Jetzt fängt er sogar an zu singen. Zwar nicht so gut wie Mutti, aber na ja. Umsonst ist er nicht aus dem Kirchenchor geflogen, denke ich. Er kann zwar laut singen, aber auch ziemlich schief. Ich finde das lustig und singe kräftig mit.
Darmowy fragment się skończył.