Czytaj książkę: «Formen der Verstörung»
Lydia Davis
Formen der Verstörung
Erzählungen
Aus dem Amerikanischen
von Klaus Hoffer
Literaturverlag Droschl
für meinen Bruder SHD
und für RGD, HHD und CF,
in Liebe
© Literaturverlag Droschl Graz – Wien 2011
Die Originalausgabe Varieties of Disturbance
erschien 2007 bei Farrar, Straus and Giroux, © 2007 by Lydia Davis
Umschlag: & Co www.und-co.at
eISBN: 978-3-85420-853-2
Literaturverlag Droschl Stenggstraße 33 A-8043 Graz
www.droschl.com
Inhaltsverzeichnis
Ein Mann aus ihrer Vergangenheit
Hund und ich
Durchgeistigt
Geschmacks-Contest
Gemeinschaftsproduktion mit Fliege
Kafka kocht ein Abendessen
Tropischer Sturm
Gute Zeiten
Idee für einen kurzen Dokumentarfilm
Tabuthemen
Zwei Typen
Die Sinne
Fragen der Grammatik
Hand
Die Raupe
Kinderhüten
Du fehlst uns: Eine Studie der Genesungswünsche einer vierten Klasse Grundschule
Einen fahren lassen
Fernsehen
Meg und der Stock
Den eigenen Körper kennenlernen
Geistig abwesend
Unterwegs in den Süden, liest Auf in den Abgrund
Der Spaziergang
Formen der Verstörung
Einsam
Mrs. D. und ihre Hausmädchen
20 Skulpturen in einer Stunde
Nietszche
Was man alles durch das Baby erfährt
Die Mutter ihrer Mutter
Wie man es macht
Schlaflosigkeit
Familienmitglieder verbrennen
Der Weg zur Perfektion
Das Stipendium
Helen und Vi: Eine Studie über Gesundheit und Vitalität
Ausgaben reduzieren
Mutters Reaktion auf meine Reisepläne
Für sechzig Cent
Wie werde ich um sie trauern?
Ein sonderbarer Impuls
Wie sie nicht fahren konnte
Plötzlich verängstigt
Dass es nun besser wurde
Hirn, Herz
Die Fremden
Die viel befahrene Straße
Ordnung
Die Fliege
Reisen mit Mutter
Index-Eintrag
Mein Sohn
Beispiel einer in die Gegenwart hineinreichenden Vergangenheit in einem Hotelzimmer
Cape Cod Tagebuch
Fast schon zu Ende: Wie heißt noch das Wort?
Ein anderer Mann
Anmerkungen des Übersetzers
Ein Mann aus ihrer Vergangenheit
Ich glaube, meine Mutter flirtet mit einem Mann aus ihrer Vergangenheit, und es ist nicht Vater. Ich sage mir: Mutter sollte keine unschickliche Beziehung zu diesem Mann unterhalten, Franz. Franz ist ein Europäer. Ich meine, es ist unschicklich, sich mit diesem Mann zu verabreden, während Vater weg ist. Aber ich bringe eine alte Wirklichkeit und eine neue Wirklichkeit durcheinander: Vater wird nicht mehr nachhause kommen. Er wird im Pflegeheim Vernon Hall bleiben. Was Mutter angeht: Sie ist vierundneunzig. Wie kann es zu einer Frau von vierundneunzig Jahren eine unschickliche Beziehung geben? Aber offenbar bringe ich Folgendes durcheinander: Obwohl ihr Körper alt ist, ist ihre Fähigkeit zu betrügen noch immer jung und frisch.
Hund und ich
Auch eine Ameise kann zu dir aufschauen und dich sogar mit ihren Vorderbeinchen bedrohen. Mein Hund weiß natürlich nicht, dass ich ein Mensch bin, er sieht mich als Hund, obwohl ich nicht am Zaun hochspringe. Ich bin ein starker Hund. Aber beim Gehen bleibt mein Maul nicht offen. Selbst an einem heißen Tag lasse ich meine Zunge nicht raus hängen. Aber ich belle ihn an: »Nein! Nein!«
Durchgeistigt
Ich weiß nicht, ob ich mit ihr befreundet bleiben kann. Ich habe noch und noch darüber nachgedacht – sie wird niemals erraten, wie sehr. Ich habe es ein letztes Mal versucht. Ich habe sie nach einem Jahr angerufen. Aber mir gefiel der Gesprächsverlauf nicht. Das Problem ist, dass sie nicht eben sehr durchgeistigt ist. Oder sollte ich sagen, dass sie für mich nicht durchgeistigt genug ist. Sie ist jetzt fast fünfzig und, soweit ich sehe, nicht mehr durchgeistigt als vor zwanzig Jahren, als wir uns kennenlernten und uns hauptsächlich über Männer unterhielten. Damals machte es mir nichts aus, wie wenig durchgeistigt sie war, vielleicht weil ich selbst nicht so durchgeistigt war. Ich glaube, ich bin heute durchgeistigter, und zweifellos durchgeistigter als sie, obwohl ich weiß, dass so etwas zu sagen nicht eben davon zeugt, dass man sehr durchgeistigt ist. Aber ich will es sagen, und daher hebe ich mir für später auf, durchgeistigt zu sein, wenn ich nur weiterhin so etwas über eine Freundin sagen kann.
Geschmacks-Contest
Ehemann und Ehefrau nahmen an einem Wettbewerb in Gutem Geschmack teil, der von einer Jury Gleichgesinnter entschieden wurde: von Männern und Frauen mit gutem Geschmack, unter ihnen ein Stoffdesigner, ein Händler von seltenen Büchern, ein Konditor und ein Bibliothekar. Der Frau bescheinigte man einen besseren Geschmack bei Möbeln, insbesondere bei antiken Möbeln. Dem Mann bescheinigte man einen insgesamt schlechten Geschmack bei Beleuchtungskörpern, Tafelgeschirr und Gläsern. Der Frau bescheinigte man einen mittelmäßigen Geschmack bei Fensterdekorationen, aber sowohl Ehemann als auch -frau wurde guter Geschmack bei Bodenbelägen, Bettwäsche, Hand- und Badetüchern, großen und kleinen Haushaltsgeräten bescheinigt. Man fand, der Ehemann habe einen guten Geschmack bei Teppichen, aber bloß einen mittelmäßigen Geschmack bei Bezugsstoffen. Man fand, der Ehemann habe einen sehr guten Geschmack bei Speisen und bei alkoholischen Getränken, wogegen der Geschmack der Ehefrau bezüglich Speisen einmal gut, einmal schlecht war. Der Ehemann hatte einen besseren Geschmack bei Kleidern als die Ehefrau, während sein Geschmack bei Parfüm und Eau de toilettes einmal gut, einmal schlecht war. Während man Ehemann wie Ehefrau einen nicht mehr als mittelmäßigen Geschmack bezüglich Gartenarchitektur bescheinigte, bescheinigte man ihnen einen guten Geschmack bezüglich Vielzahl und Vielfalt immergrüner Pflanzen. Man fand, der Ehemann habe einen hervorragenden Geschmack, was Rosen, aber einen schlechten Geschmack, was Blumenzwiebeln angeht. Man fand, die Frau habe einen besseren Geschmack bezüglich Blumenzwiebeln und einen insgesamt guten Geschmack betreffend SchattenPflanzen, ausgenommen Funkien. Man fand, der Ehemann habe einen guten Geschmack, was Gartenmöbel, aber bloß einen mittelmäßigen Geschmack, was dekorative Übertöpfe angeht. Der Ehefrau attestierte man einen durchwegs schlechten Geschmack bei Gartenskulpturen. Nach einer kurzen Diskussion fiel die Entscheidung der Juroren aufgrund der insgesamt höheren Punktezahl zugunsten des Ehemanns aus.
Gemeinschaftsproduktion mit Fliege
Ich schrieb dieses Wort auf die Seite,
sie aber setzte das Auslassungszeichen hinzu.
Kafka kocht ein Abendessen
Ich bin ganz verzweifelt, weil der Tag näher rückt, an dem meine liebe Milena kommt. Ich habe kaum erst angefangen, eine Entscheidung zu treffen, was ich ihr aufwarten werde. Ich habe mich kaum noch mit dem Gedanken daran auseinandergesetzt, habe ihn nur umflogen, wie die Mücke das Licht und mir das Köpfchen mehrere Male verbrannt.
Ich fürchte so sehr, dass mir nichts anderes einfällt als Kartoffelsalat, und das ist keine Überraschung mehr für sie. Das darf nicht sein.
Der Gedanke an dieses Essen beschäftigt mich schon die ganze Woche in einem fort und lastet in der gleichen Weise auf mir, so wie im tiefen Meer kein Plätzchen ist, das nicht immerfort unter schwerstem Drucke steht. Dann und wann nehme ich meine ganze Kraft zusammen und arbeite an dem Menü, so als wäre ich beauftragt, einen Nagel in einen Stein zu hämmern, Arbeiter und Nagel zugleich. Aber dann sitze ich wieder am Nachmittag hier und lese, Myrte im Knopfloch, und es gibt so schöne Passagen in dem Buch, dass man glaubt, man müsse auch so schön werden.
Ebenso könnte ich im Irrenhausgarten sitzen und blödsinnig vor mich hinstieren. Und doch weißich, dass ich mich letztlich für ein Menü entscheiden und die Zutaten einkaufen und das Essen zubereiten werde. Diesbezüglich, denke ich, bin ich wie ein Schmetterling: Das Zickzack seines Flugs ist so unberechenbar und er flattert so wild, dass es einen beim Zuschauen weh tut, und sein Flug ist das genaue Gegenteil einer geraden Linie, trotzdem legt er Meile um Meile erfolgreich zurück, um ans Ziel zu kommen, ergo muss er effizienter oder zumindest entschlossener sein, als er scheint.
Natürlich, mich selbst zu foltern ist auch kläglich. Alexander hat den gordischen Knoten, als er sich nicht lösen wollte, nicht etwa gefoltert. Ich habe das Gefühl, unter all diesen Gedanken lebendig begraben zu sein, und glaube doch still liegen zu müssen, denn vielleicht bin ich doch wirklich tot.
Heute Morgen zum Beispiel hatte ich kurz vor dem Aufwachen, es war auch kurz nach dem Einschlafen, einen Traum, der mich noch immer nicht loslässt: Ich hatte einmal einen Maulwurf gefangen und trug ihn in den Hopfengarten, wo er, wie wenn er in Wasser tauche, in die Erde verschwand. Wenn ich an dieses Abendessen denke, dann möchte ich in der Erde verschwinden wie dieser Maulwurf. Ich möchte mich in die Schublade des Wäschekastens dort stopfen, dann warten, dann die Schublade ein wenig aufziehen, um nachzusehen, ob ich schon erstickt bin. Noch viel erstaunlicher ist, dass man überhaupt jeden Morgen aufsteht.
Ich weiß, Rote-Rüben-Salat wäre besser. Ich könnte ihr sowohl Rote Rüben als auch Kartoffeln servieren und dazu eine Scheibe Rindfleisch, sofern ich auch Fleisch dazu tue. Andererseits braucht es zu einer anständigen Scheibe Rindfleisch gar keine Beilage, am besten, man isst es ohne was dazu, also könnte zuerst die Beilage kommen und wäre dann gar keine Beilage, sondern eine Vorspeise. Aber was ich auch mache, gut möglich, dass sie von meinen Bemühungen nicht viel halten wird, vielleicht wird ihr auch beim Anblick dieser Rüben zunächst sogar ein wenig schlecht und sie findet sie gar nicht anregend. Erstenfalls würde ich mich furchtbar schämen, im zweiten Fall wüsste ich mir nicht zu helfen – wie auch? –, sondern würde mir bloß eine simple Frage stellen: Will sie, dass ich das ganze Essen wieder vom Tisch abtrage?
Nicht, dass mich das Essen in Panik versetzt. Ich habe ja letztlich einiges an Fantasie und Energie, und so wird es mir vielleicht auch gelingen, ein Essen auf den Tisch zu stellen, das ihr schmeckt. Es hat andere und erträgliche Abendessen gegeben – seit jenem unseligen Essen, das ich für Felice kochte, obwohl es vielleicht mehr Gutes als Schlechtes nach sich zog.
Es war letzte Woche, dass ich Milena eingeladen habe. Sie war in Begleitung eines Freundes. Wir trafen uns zufällig auf der Straße, und ich redete hitzig drauflos. Ihr Begleiter hatte ein gutes, freundliches, dickes, dabei reichsdeutsch korrektes Gesicht. Nachdem ich die Einladung ausgesprochen hatte, ging ich lange in der Stadt herum, wie auf einem Friedhof, so sehr war ich in Frieden mit mir.
Dann fing ich mit meiner Selbstfolterung an, wie eine Blume im Blumenkasten, die der Wind peitscht, ohne dass sie dabei auch nur ein Blütenblatt verliert.
Wie ein von oben bis unten mit Bleistift korrigierter Brief, so habe auch ich meine Mängel. Angefangen damit, dass ich nicht eben kräftig bin, und ich glaube, selbst Herkules fiel einmal in Ohnmacht. Ich bemühe mich den ganzen Tag bei der Arbeit nicht an das zu denken, was vor mir liegt, aber es kostet mich so viel Kraft, dass für meine Arbeit nichts mehr übrig bleibt. Auch telefoniere ich überhaupt so schlecht, dass sich das Telefonfräulein meistens weigert, die Verbindung herzustellen. Deshalb sollte ich mir besser sagen: Also mach schon und bring das Tafelsilber auf Hochglanz, dann leg es auf die Anrichte, damit es zur Hand ist, und basta. In meiner Vorstellung polier’ ich es nämlich den ganzen Tag– und eben das bereitet mir Folterqualen (sauber wird das Silberbesteck davon allerdings nicht).
Ich liebe deutschen Kartoffelsalat aus guten, alten Kartoffeln und Essig, obwohl er schwer und ein solcher Hammer ist, dass es mir, bevor ich überhaupt noch davon gekostet habe, schon ein wenig schlecht wird – so als würde ich eine bedrückende und fremdartige Kultur an meine Brust drücken. Wenn ich Milena das anbiete, dann gebe ich vielleicht einen ekelhaften Teil von mir preis, den ich ihr mehr als alles andere ersparen sollte, einen Teil von mir, den sie noch nicht kennt. Ein französisches Gericht könnte ich wiederum – trotz größerer Bekömmlichkeit – vor mir selbst nicht vertreten, und dieser Verrat wäre vielleicht unverzeihlich.
Ich bin voll guter Vorsätze, und trotzdem untätig – wie an dem Tag im letzten Sommer, als ich auf dem Balkon saß und dem Käfer zusah, der auf den Rücken gefallen war und mit den Beinen zappelte, unfähig, sich aufzurichten. Ich hätte ihm gerne geholfen, und trotzdem schaffte ich es nicht aus dem Stuhl, um ihm zu helfen. Er hörte auf sich zu bewegen und rührte sich lange Zeit nicht mehr, so dass ich glaubte, er wäre schon hinüber. Dann kroch eine Eidechse über ihn hinweg, glitt an ihm herunter und richtete ihn auf, und er lief an der Wand hinauf, als wäre nichts geschehen.
Gestern kaufte ich mir auf der Straße von einem Mann mit Karren das Tischtuch. Er war ein kleiner, fast winziger, schwacher, bärtiger, einäugiger Mann. Von einer Nachbarin lieh ich mir die Kerzenhalter aus, oder sollte ich sagen, sie borgte sie mir.
Ich werde ihr nach dem Essen einen Espresso anbieten. Während der Vorbereitung für dieses Essen ist mir etwa so wie Napoleon, wie es Napoleon hätte sein müssen, wenn er beim Entwerfen der Pläne für den russischen Feldzug gleichzeitig ganz genau den Ausgang gewusst hätte.
Ich sehne mich, mit Milena zusammen zu sein, nicht nur jetzt, sondern für immer. Warum bin ich ein Mensch? frage ich – was für eine höchst unsichere Stellung! Warum kann ich nicht der glückliche Schrank in ihrem Zimmer sein?
Bevor ich meine liebe Milena kannte, dachte ich, ich könne das Leben nicht ertragen. Dann trat sie in mein Leben und zeigte mir, dass es nicht so war. Es stimmt, unsere erste Begegnung war nicht sehr vielversprechend, denn ihre Mutter machte die Tür auf – was für eine steinerne Stirn sie hat und in was für Goldlettern dort geschrieben steht: »Ich bin tot, und wer nicht auch tot ist, den verachte ich.« Milena schien erfreut über mein Kommen, aber noch mehr freute sie sich, als ich wieder ging. An diesem Tag fiel mein Blick zufällig auf einen Stadtplan. Einen Augenblick lang erschien es mir unbegreiflich, dass man eine so große Stadt aufgebaut hat, während sie doch nur ein Zimmer braucht.
Vielleicht wäre es letztendlich am einfachsten, genau das für sie zu kochen, was ich für Felice gekocht habe, nur mit mehr Umsicht, damit nichts schief geht, und ohne die Schnecken oder Champignons. Ich könnte sogar den Sauerbraten auftischen, wie für Felice, obwohl ich damals noch Fleisch gegessen habe. Damals machte mir der Gedanke, dass auch ein Tier ein Recht auf ein gutes Leben hat und, was vielleicht noch wichtiger ist, auf einen guten Tod, noch nicht zu schaffen. Heute kann ich nicht einmal Schnecken essen. Mein väterlicher Großvater war Fleischhauer, und ich muss so viel Fleisch nicht essen, als er geschlachtet hat. Ich habe jetzt schon lange kein Fleisch mehr gegessen, obwohl ich Milch und Butter esse – aber für Milena würde ich wieder Sauerbraten machen.
Ich selbst habe nie großen Appetit. Ich bin dünner, als ich sein sollte, bin aber schon seit langer Zeit dünn. So ruderte ich zum Beispiel vor ein paar Jahren oft in einem kleinen Boot auf der Moldau. Ich ruderte hinauf und fuhr dann ganz ausgestreckt auf dem Boden des Bootes mit der Strömung hinunter. Ein Freund, der mich eben so einmal von der Brücke sah, sagte, es hätte so ausgesehen wie vor dem Jüngsten Gericht, und mein Sargdeckel sei schon abgehoben gewesen. Andererseits war er selbst damals schon geradezu fett, massig, und hatte wenig Ahnung von dünnen Menschen, außer davon, dass sie eben dünn waren. Zumindest gehört dieses Gewicht auf meinen Füßen tatsächlich mir.
Sie wird vielleicht überhaupt nicht mehr kommen wollen, nicht weil sie zickig ist, sondern erschöpft, was verständlich ist. Es wäre falsch zu sagen, sie würde mir fehlen, wenn sie nicht kommt, weil sie in meiner Vorstellung immer da ist. Und doch wird sie woanders sein, und ich werde, das Gesicht in den Händen, an meinem Küchentisch sitzen.
Wenn sie kommt, werde ich immerfort nur lächeln, das habe ich von ei ner alten Tante von mir geerbt, die auch unablässig gelächelt hat, aber beide tun wir es eher aus Verlegenheit als aus guter Laune oder Mitgefühl. Ich werde kein Wort herauskriegen, nicht einmal glücklich werde ich sein, weil mir nach den Essensvorbereitungen die Kraft fehlen wird. Und wenn ich, mit dem Aus druck des Bedauerns wegen des ersten Gangs, der in der Schüssel wartet, die ich in Händen halte, zögere, die Küche zu verlassen und das Esszimmer zu betreten, und wenn sie, die in diesem Augenblick meine Verlegenheit spürt, zögert, aus dem Wohnzimmer und von der anderen Seite das Esszimmer zu betreten, ja, dann wird das schöne Zimmer während dieser langen Pause leer sein.
Nun gut – einer kämpft eben bei Marathon, der andere in der Küche.
Trotzdem: Ich habe jetzt meine Entscheidung fast das gesamte Menü be treffend gefällt und angefangen, unser Essen zuzubereiten, indem ich es mir in jeder kleinsten Einzelheit von Anfang bis zum Ende ausmale. Sinnlos und zähneklappernd wiederhole ich den folgenden Satz: »Dann laufen wir in den Wald.« Sinnlos, denn es gibt hier keinen Wald, und von Laufen kann ohnehin nicht die Rede sein.
Ich glaube, sie wird kommen, aber mein Glaube wird von der gleichen Angst begleitet, die meinen Glauben immerzu begleitet, die Angst alles Glaubens seit jeher.
Felice und ich waren zum Zeitpunkt dieses unseligen Abendessens nicht verlobt, obwohl wir uns drei Jahre davor verlobt hatten und uns eine Woche darauf wieder verloben sollten – wenn auch sicher nicht wegen dieses Essens, es sei denn Felices Mitgefühl wäre aufgrund der Vergeblichkeit meiner Anstrengungen, eine gute Buchweizen-Kascha, Kartoffelpuffer und Sauerbraten zu kochen, von neuem erwacht. Andererseits gibt es für unseren endgültigen Bruch mehr Erklärungen als tatsächlich nötig wären – das ist zwar lächerlich, aber gewisse Kenner der Materie meinen, dass selbst die Luft in dieser Stadt die Neigung zur Wankelmütigkeit verstärken könnte.
Ich war ganz aus dem Häuschen, wie man’s eben immer ist, wenn etwas neu für einen ist, und natürlich hatte ich auch ein bisschen die Hosen voll. Ich hielt ein traditionelles deutsches oder tschechisches Essen für das Beste, auch wenn es für den Juli eher heavy war. Eine Zeit lang konnte ich mich nicht entschließen, selbst in meinen Träumen nicht. Irgendwann gab ich dann einfach auf und dachte daran, aus der Stadt wegzuziehen. Dann entschloss ich mich aber doch zu bleiben, freilich: wie ein Entschluss kam mir das einfache Auf-dem-Balkon-liegen-Bleiben nicht vor. Zu solchen Zeiten bin ich vor Unentschlossenheit wie gelähmt, und gleichzeitig klopfen die Gedanken in meinem Schädel wie verrückt – wie eine Libelle, die reglos in der Luft zu hängen scheint, mit ihren Flügeln aber wie toll gegen die stetige Brise ankämpft. Dann riss ich mich heraus, so wie ein fremder Mensch einen fremden Menschen aus dem Bett zerrt.
Die Tatsache, dass ich das Essen sorgfältig plante, war wahrscheinlich bedeutungslos. Ich wollte etwas Bekömmliches kochen, weil sie zu Kräften kommen musste. Ich erinnere mich, dass ich frühmorgens die Champignons suchte und zwischen Bäumen herumkroch – direkt unter den Blicken zweier ältlicher Schwestern, denen ich oder mein Korb zutiefst missfiel. Oder vielleicht missfiel ich ihnen auch deshalb, weil ich im Wald einen guten Anzug trug. Aber ihr Beifall hätte auch keinen Unterschied gemacht.
Als die Stunde dann da war, fürchtete ich kurz, dass sie nicht kommen würde, anstatt – wozu mehr Anlass bestand – zu fürchten, dass sie tatsächlich kommen könnte. Zunächst hatte sie gesagt, sie würde vielleicht nicht kommen. Seltsam, dass sie das getan hat. Ich kam mir vor wie ein Laufbursch, der nicht mehr laufen kann, sich aber immer noch auf irgendeine Anstellung Hoffnungen machte.
Genau so wie ein sehr kleines Tier, das auf dem Waldboden unter Blättern und Zweigen aus Angst einen Riesenlärm und einen Mordswirbel macht und zu seinem Loch eilt, oder sogar wenn es keine Angst hat, sondern bloß Nüsse sucht, so dass man meinen könnte, ein Bär würde gleich auf die Lichtung hinaus preschen, während es sich doch bloß um eine Maus handelt – das entsprach genau meinem Gefühlszustand: so klein und doch so laut. Ich bat sie, komm doch bitte nicht zum Essen, aber dann sagte ich, sie solle doch bitte nicht auf mich hören, sondern trotzdem kommen. Unsere Worte sind so oft die irgendeines unbekannten Wesens, eines Alien. Ich glaube keinen Reden mehr, noch in der schönsten ist ein Wurm.
Einmal, als wir zusammen in einem Restaurant zu Abend aßen, schämte ich mich wegen des Essens so sehr, als hätte ich es selbst gekocht. Der erste Gang verdarb uns den Appetit für alles Weitere, selbst wenn es essenswert gewesen wäre: fette, weiße Leberknödel, die in einer dünnen, mit Fettaugen gesprenkelten Brühe schwammen. Das war zweifellos ein deutsches Gericht, eher jedenfalls als ein tschechisches. Aber weshalb auch sollte es etwas Komplizierteres zwischen uns geben als still nebeneinander in einem Park zu sitzen und einem Kolibri zuzuschauen, der von den Petunien in die Krone einer Birke aufsteigt, um darin auszuruhn?
Am Abend unseres Essens sagte ich mir, dass ich, sollte sie nicht kommen, die Leere der Wohnung genießen wollte, denn wenn es für das Leben selbst notwendig ist, allein in einem Zimmer zu sein, so ist es für das Glück notwendig, allein in einer Wohnung zu sein. Man hatte mir die Wohnung für diesen Anlass leihweise überlassen. Aber ich hatte das Glück der leeren Wohnung noch nicht ausgekostet. Es ist vielleicht gar nicht die Leere der Wohnung, die mir so gut tut, oder nicht hauptsächlich sie, sondern der Besitz zweier Wohnungen überhaupt. Sie kam dann aber doch, wenn auch verspätet. Sie erklärte mir, sie habe sich verspätet, weil sie mit einem Mann hatte sprechen wollen und warten musste, der seinerseits schon ungeduldig auf das Ende einer Debatte um die Eröffnung eines neuen Kabaretts wartete. Ich glaubte ihr nicht.
Als sie zur Tür hereinkam, war ich beinahe enttäuscht. Sie wäre so viel glücklicher gewesen, hätte sie mit einem anderen Mann zu Abend gegessen. Sie hatte mir eigentlich eine Blume bringen wollen, erschien aber ohne. Und doch erfüllte mich, allein weil ich mit ihr zusammen war, eine solche Glückseligkeit – wegen ihrer Liebe und ihrer Freundlichkeit, die so hell und heiter war wie das Summen einer Fliege auf dem Zweig einer Linde.
Obwohl wir uns unbehaglich fühlten, machten wir mit Essen weiter. Als ich in die leere Schüssel starrte, klagte ich über meine Schwäche, klagte ich über das Geborenwerden, klagte ich über das Licht der Sonne. Wir aßen etwas, das leidigerweise nicht von unseren Tellern verschwinden wollte, es sei denn, wir schluckten es. Ich war gerührt und zugleich beschämt, glücklich und zugleich traurig, weil sie offensichtlich mit Genuss aß – beschämt und traurig einzig deshalb, weil ich ihr nichts Besseres zu bieten hatte, gerührt und glücklich, weil offenbar genügend da war, zumindest dieses eine Mal. Es war bloß die gütige und liebenswerte Art, mit der sie jede einzelne Speise dieses Menüs verzehrte, und die Feinfühligkeit ihrer Komplimente, die ihm Wert verliehen – es war nämlich grottenschlecht. Sie hätte an seiner Stelle wirklich irgendsowas wie gebackene Scholle oder Fasanenbrust mit Fruchteis und Obst aus Spanien verdient. Hätte ich ihr denn nicht so etwas auftischen können?
Und als ihre Komplimente zögerlicher wurden, wurde die Sprache selbst für sie geschmeidig und schöner, als man mit Recht erwarten durfte. Hätte ein ahnungsloser Fremder Felice reden gehört, hätte er gedacht: Was für ein Mann! Er muss Berge versetzt haben! – und dabei tat ich nichts, als die Kascha nach Ottlas Anweisungen zuzubereiten. Ich hoffte, dass sie, nachdem sie gegangen war, einen Platz finden würde, irgendwo in einem Garten im Halbschatten, in dem sie sich in einen Liegestuhl legen und ausruhen konnte. Was mich betrifft: Dieser Krug war zerbrochen – schon lange ehe er zum Brunnen ging.
Und dann noch dieser Vorfall. Erst als ihre Füße direkt vor meinen Augen waren, wurde mir bewusst, dass ich kniete. Überall auf dem Teppich waren Schnecken, und überall roch es nach Knoblauch.
Kann sein, dass wir uns trotzdem gleich nach dem Essen am Tisch an die Lösung kniffliger arithmetischer Aufgaben machten – ich erinnere mich nicht, kurze Additionen und dann lange, während ich zum Fenster hinaus und zum Gebäude auf der anderen Straßenseite hinüberschaute. Vielleicht hätten wir auch zusammen Musik gemacht, aber ich bin unmusikalisch.
Unsere Unterhaltung war stockend und holprig. In meiner Nervosität schweifte ich immerzu sinnlos ab. Schließlich sagte ich, ich hätte mich verrannt, aber das machte nichts, denn wenn sie so ein weites Stück des Wegs mit mir gegangen war, dann waren wir beide verloren. Es gab so viele Missverständnisse, selbst wenn ich bei der Sache blieb. Und doch hätte sie nicht befürchten müssen, dass ich wütend auf sie sei, sondern im Gegenteil: dass ich es nicht war.
Sie dachte, ich hätte eine Tante Klara. Es stimmt, ich habe eine Tante Klara, natürlich hat jeder Jude eine Tante Klara, aber die meine ist schon lange tot. Sie sagte, die ihre sei etwas merkwürdig und neige dazu, Erklärungen abzugeben, zum Beispiel, dass man seine Briefe richtig frankieren und nichts zum Fenster hinauswerfen soll, lauter unanfechtbare Dinge, aber nicht einfach. Wir sprachen über die Deutschen. Sie hasst die Deutschen so sehr, aber ich sagte ihr, die Deutschen sollte sie nicht gar so sehr hassen, die Deutschen sind wunderbar. Vielleicht war es – heilige Eitelkeit! – ein Fehler, damit zu prahlen, ich hätte unlängst eine Stunde und mehr Holz gehackt. Ich fand, sie sollte mir dankbar sein – immerhin widerstand ich der Versuchung, etwas Unfreundliches zu sagen.
Noch ein Missverständnis, und sie würde aufstehen und gehen. Wir versuchten auf jede mögliche Art und Weise zu sagen, was wir dachten, aber in diesem Augenblick waren wir ja keine Liebenden, sondern bloß Grammatiker. Selbst Tiere lassen alle Vorsicht fahren, wenn sie miteinander streiten: Eichhörnchen rennen wie verrückt über eine Wiese oder Straße und zurück und vergessen ganz, dass Raubtiere in der Nähe sein könnten, die sie beobachten. Ich erklärte ihr, das Einzige, was mir daran gefiele, wenn sie wieder gehen sollte, wäre der Abschiedskuss. Sie versicherte mir, dass es, obwohl wir im Zorn auseinandergingen, bis zum nächsten Wiedersehen nicht lange hin sein würde, aber für mich in meinem Kopf bedeutete ›bald‹ anstatt ›nie mehr‹ trotzdem nur ›nie mehr‹. Dann ging sie.
Durch diesen Verlust war ich sogar noch mehr Robinson als Robinson selbst – er hatte wenigstens noch die Insel und Freitag, seine Vorräte, seine Ziegen, das Schiff, das ihn holte, seinen Namen. Aber was mich anging, so stellte ich mir vor, von einem Chefarzt zwischen die Knie genommen zu werden und an den Fleischklumpen zu würgen, die er mir mit den Karbolfingern in den Mund stopft und dann entlang der Gurgel hinunterdrückt.
Der Abend war vorbei. Eine Göttin ging aus dem Kino, und ein kleiner Gepäckträger stand verlassen auf dem Perron – und das sollte unser Abendessen gewesen sein? Schmutzig bin ich – darum mache ich ein solches Geschrei um Reinheit. Niemand singt so rein, als die, welche in der tiefsten Hölle sind – was wir für den Gesang der Engel halten, ist ihr Gesang. Trotzdem entschloss ich mich, noch eine Weile weiter zu leben, wenigstens noch diese Nacht.
Letztlich bin ich nicht elegant. Jemand hat einmal gesagt, dass ich wie ein Schwan schwimme, aber das war kein Kompliment.
Tropischer Sturm
Wie ein tropischer Sturm
werde auch ich eines Tages vielleicht »besser organisiert« sein.
Gute Zeiten
Was ihnen widerfuhr, das war, dass jede schlechte Zeit ein schlechtes Gefühl mit sich brachte, das seinerseits mehrere schlechte Zeiten mit sich brachte und mehrere schlechte Gefühle, so dass sich in ihrem Zusammenleben schlechte Zeiten und schlechte Gefühle drängten, so sehr drängten, dass auf diesem dunklen Acker fast nichts anderes mehr wachsen konnte. Aber dann hatte sie eines Morgens ein Gefühl des Friedens, das sich noch vom vergangenen Abend gehalten hatte, den sie mit Nähen zugebracht hatte, während er lesend im Zimmer nebenan gesessen war. Und ein oder zwei Tage danach hatte sie ein Gefühl von Zufriedenheit, das sich am Morgen noch vom Abend davor gehalten hatte, als er ihr in der Küche beim Abwaschen des Geschirrs Gesellschaft geleistet hatte. Wenn die Zahl der guten Zeiten zunahm, dachte sie, dann konnte jede gute Zeit ein gutes Gefühl mit sich bringen, das seinerseits mehrere gute Zeiten mit sich bringen würde, und diese würden mehrere gute Gefühle mit sich bringen. Sie meinte damit, dass sich die guten Zeiten vielleicht so rasant multiplizieren würden wie das Quadrat zum Quadrat oder vielleicht noch rasanter, wie Mäuse oder wie Pilze, die über Nacht von den auseinanderstiebenden Sporen eines Mutterpilzes aus dem Boden schossen, der seinerseits zusammen mit einer Gruppe anderer aus den auseinanderstiebenden Sporen eines Mutterpilzes aus dem Boden schoss – bis ihr Leben mit ihm so gedrängt voll von guten Zeiten wäre, dass die vielen guten Zeiten vielleicht die schlechten verdrängen würden, wie die schlechten Zeiten die guten Zeiten bis zur Stunde beinah verdrängt hatten.
Idee für einen kurzen Dokumentarfilm
Vertreter verschiedener Nahrungsmittelfirmen versuchen ihre eigenen Verpackungen zu öffnen.
Tabuthemen
Bald wird beinahe jedes Thema, über das sie vielleicht reden wollten, mit einer weiteren unerfreulichen Szene in Verbindung gebracht und wird zu einem Thema, über das sie nicht reden können, so dass es im Lauf der Zeit immer weniger gibt, worüber sie gefahrlos reden können, so dass zum Schluss kaum noch etwas übrig ist außer den Nachrichten und dem, was sie gerade lesen, wenn auch nicht alles, was sie gerade lesen. Sie können auch nicht über verschiedene Mitglieder ihrer Familiereden, seine Arbeitszeiten, ihre Arbeitszeiten, Hasen, Mäuse, Hunde, bestimmte Lebensmittel, bestimmte Universitäten, heißes Wetter, heiße und kalte Raumtemperaturen während der Tages- und der Nachtzeit, das Einschalten und das Ausschalten des Lichts an Sommerabenden, das Klavier, Musik im Allgemeinen, wie viel Geld er verdient, wie viel sie verdient, wie viel sie ausgibt etc. Aber eines Tages, als sie über ein Tabuthema geredet hatten, wenn auch nicht über das gefährlichste aller Tabuthemen, begreift sie, dass es, manchmal, möglich sein könnte, ruhig und bedachtsam über ein Tabuthema zu reden, so dass es eines Tages vielleicht wieder ein Thema werden konnte, über das man reden konnte, um dann ruhig und bedachtsam etwas über ein anderes Tabuthema zu sagen, so dass es ein weiteres Thema gibt, über das man wieder wird reden können, und dass es, sobald es mehr themen gibt, über die man wieder reden kann, schrittweise mehr Gespräche zwischen ihnen geben wird und dass das Vertrauen wachsen wird, sobald es mehr Gespräche gibt, und dass sie es, sobald genügend Vertrauen da wäre, wagen könnten, sich selbst die gefährlichsten Tabuthemen vorzunehmen.
Zwei Typen
Begeisterungsfähig
Eine Frau war mehrere Tage lang deprimiert und verzweifelt, nachdem sie ihren Kugelschreiber verloren hatte.
Dann geriet sie wegen eines Inserats über einen Schuhausverkauf so sehr aus dem Häuschen, dass sie eine dreistündige Fahrt zu einem Schuhgeschäft in Chicago unternahm.
Phlegmatisch
Ein Mann entdeckte eines Abends ein Feuer in einem Studentenheim und ging weg, um in einem anderen Gebäude nach einem Feuerlöscher zu suchen. Er fand den Feuerlöscher und ging damit zurück zum Feuer.
Die Sinne
Viele Leute behandeln ihre fünf Sinne mit einem gewissen Respekt und mit Bedacht. Sie nehmen ihre Augen in ein Museum mit, ihre Nase zu einer Blumenausstellung, ihre Hände in ein Stoffgeschäft für Samt und Seide; sie überraschen ihre Ohren mit einem Konzert und begeistern ihren Mund mit einem Essen im Restaurant.
Aber die meisten Leute lassen ihre Sinne Tag für Tag schwer für sich arbeiten: Lies mir diese Zeitung vor! Pass auf, Nase, falls das Essen anbrennt! Ohren, tut euch jetzt zusammen und horcht, ob es an der Türe klopft!
Ihre Sinne haben Aufgaben zu erledigen, und das tun sie, meistens – die Ohren der Tauben tun’s nicht, die Augen der Blinden auch nicht.
Die Sinne ermüden. Manchmal – lange vor dem Ende – sagen sie, ich gebe auf – ich mach mich aus dem Staub, jetzt. Und dann ist der Betroffene weniger imstande, sich der Welt zu stellen, und bleibt mehr zuhause und hat so manches nicht, was er braucht, wenn er weitermachen soll.
Wenn ihn alles im Stich lässt, ist er wirklich einsam: im Dunkel, in der Stille, mit tauben Händen, mit nichts im Mund, nichts in der Nase. Er fragt sich: Hab ich sie falsch behandelt? Haben sie’s nicht gut gehabt bei mir?
Fragen der Grammatik
Also: Kann ich, während er gerade stirbt, sagen: »Er lebt hier«?
Wenn mich jemand fragt: »Wo lebt er?« – soll ich dann antworten: »Nun, im Augenblick lebt er nicht, er ist gerade dabei zu sterben«?
Wenn mich jemand fragt: »Wo lebt er?« – kann ich dann sagen: »Er lebt im Pflegeheim Vernon Hall«? Oder sollte ich vielmehr sagen: »Er stirbt gerade im Pflegeheim Vernon Hall«?
Wenn er tot ist, dann werde ich, die Vergangenheitsform verwendend, sagen können: »Er hat im Pflegeheim Vernon Hall gelebt.« Und ich werde auch sagen können: »Er ist im Pflegeheim Vernon Hall gestorben.«
Wenn er tot ist, wird alles, was ihn betrifft, die Vergangenheitsform haben. Das heißt, der Satz »Er ist tot« wird in der Gegenwart stehen, und auch Fragen wie: »Wohin bringen sie ihn?« oder: »Wo ist er jetzt?«
Dann aber wüsste ich nicht, ob die Verwendung der Worte er und ihn im Präsens korrekt ist. Ist er, wenn er einmal tot ist, noch immer er, und, wenn ja, wie lange ist er dann noch er?
Die Leute reden vielleicht von »der Leiche« und sagen dann »sie« zu ihr. Von »der Leiche« werde ich ihn betreffend nicht sprechen können, weil er für mich noch nicht etwas ist, was man als »die Leiche« bezeichnen würde.
Manche Leute sagen vielleicht »seine Leiche«, aber auch das scheint nicht korrekt. Es ist nicht »seine« Leiche, weil er sie nicht besitzt, wenn er nicht mehr aktiv und damit nicht imstande ist, etwas zu besitzen.
Ich weiß nicht, ob es einen »er« gibt, auch wenn die Leute sagen: »Er ist tot.« Es scheint aber korrekt zu sagen: »Er ist tot.« Das ist vielleicht das letzte Mal, dass er noch im Präsens »er« ist. Andererseits: Das letzte Mal ist es nicht, denn ich sage auch: »Er liegt im Sarg.« Ich werde ebenso wenig wie sonst jemand sagen: »Sie liegt im Sarg«, oder: »Die Leiche liegt in ihrem Sarg.«
Ich werde, wenn er gestorben ist, weiterhin von ihm als von »meinem Vater« reden. Aber tu ich das nur, wenn ich in der Vergangenheitsform spreche, oder tu ich das auch im Präsens?
Er kommt in eine Büchse, nicht in einen Sarg. Und wenn er in dieser Büchse ist, sage ich dann: »Das, in der Büchse – das ist mein Vater«, oder: »Das, in der Büchse, das war mein Vater«, oder sage ich dann: »In dieser Büchse da – das war mein Vater«?
Ich werde immer noch von »meinem Vater« sprechen, aber vielleicht werde ich es nur tun, solange er wie mein Vater aussieht, oder annähernd wie mein Vater. Werde ich, wenn er die Form von Asche angenommen hat, auf die Asche zeigen und sagen: »Das ist mein Vater«? Oder werde ich sagen: »Das war mein Vater«? Oder aber: »Die Asche da – das war mein Vater«? Oder: »Diese Asche da ist das, was einmal mein Vater war«?
Wenn ich später auf den Friedhof gehe, werde ich dann hinzeigen und sagen: »Hier liegt mein Vater«, oder werde ich sagen: »Hier liegt die Asche meines Vaters«? Aber die Asche wird nicht meinem Vater gehören, er wird sie nicht besitzen. Es wird »die Asche« sein, »die einmal mein Vater war«. In der Redewendung: »Er stirbt gerade« suggeriert das Wort »gerade« in Verbindung mit dem Präsens, dass er dabei ist, aktiv etwas zu tun. Er ist aber nicht aktiv, wenn er stirbt. Das einzige, was er noch aktiv tut, ist atmen. Es sieht aus, als atme er mit Absicht, weil er sich dabei so viel Mühe gibt und die Stirn leicht in Falten legt. Er gibt sich dabei viel Mühe, aber er hat zweifellos keine andere Wahl. Manchmal sind die Falten auf seiner Stirn momentlang tiefer, als ob ihm etwas weh täte oder als ob er sich stärker konzentrieren würde. Obwohl ich errate, dass er die Stirn wegen eines Schmerzes in seinem Körper oder einer sonstigen Veränderung runzelt, wirkt er verwirrt oder so, als würde ihm etwas nicht passen oder als würde er etwas missbilligen. Ich habe diesen Ausdruck auf seinem Gesicht in meinem Leben oft gesehen, allerdings nie zusammen mit diesen halb geöffneten Augen und dem offenen Mund.
»Er stirbt gerade« klingt aktiver als »Er wird bald tot sein«. Wahrscheinlich liegt es an dem Wort sein – wir können etwas »sein«, ob wir uns dafür entscheiden oder nicht. Ob ihm das passt oder nicht – er wird bald tot »sein«. Er isst nicht.
»Er isst nicht« klingt ebenfalls nach Aktivität. Aber es hat nichts mit seiner freien Entscheidung zu tun. Ihm ist nicht bewusst, dass er nicht isst. Nichts ist ihm bewusst. Aber: »Er isst nicht« klingt in seinem Fall korrekter als »stirbt gerade«, wegen der Verneinung. Dass er etwas »nicht tut«, scheint, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, sowieso korrekt, weil es so aussieht, als würde er etwas verweigern, weil er die Stirn runzelt.
Hand
Jenseits der Hand, die dieses Buch hält, das ich gerade lese, sehe ich eine andere Hand, die untätig da liegt, ein wenig außerhalb meines Fokus – meine Extra-Hand.
Die Raupe
Am Morgen finde ich eine kleine Raupe in meinem Bett. Es gibt kein passendes Fenster, um sie hinauszuwerfen, und ich zerquetsche oder töte kein Lebewesen, wenn es nicht sein muss. Ich werde mir die Mühe machen und diese dünne, dunkle, haarlose kleine Raupe die Treppen hinunter und in den Garten hinaus tragen.
Es ist keine Spannerraupe, obwohl sie die Größe einer Spannerraupe hat. Sie macht keinen Buckel in der Mitte, sondern bewegt sich auf ihren vielen Beinpaaren ruhig dahin. Als ich aus dem Schlafzimmer gehe, eilt sie über die Hügel meiner Handfläche hinauf.
Aber auf dem halbem Weg die Treppe hinunter ist sie verschwunden – Handfläche und Handrücken sind blank. Die Raupe muss losgelassen haben und hinuntergefallen sein. Ich kann sie nirgendwo entdecken. Im Treppenaufgang herrscht Halbdunkel, und die Treppen sind dunkelbraun gestrichen. Ich könnte eine Taschenlampe holen, um nach dem winzigen Ding zu suchen und sein Leben zu retten. Aber so weit gehe ich nicht – sie wird selbst tun müssen, was sie kann. Aber wie soll sie die Strecke die Treppe hinunter und in den Garten hinaus schaffen?
Ich mache mit meiner Arbeit weiter. Ich glaube schon sie vergessen zu haben, habe ich aber nicht. Jedes Mal, wenn ich die Treppe hinauf oder hinunter gehe, vermeide ich ihre Treppenhälfte. Ich bin sicher, dass sie da ist und hinunterzukommen versucht.
Schließlich gebe ich nach. Ich hole die Taschenlampe. Jetzt ist das Problem, dass die Stufen so schmutzig sind. Ich putze sie nicht, weil sie in diesem Dunkel keiner sieht. Und die Raupe ist – oder war – so klein. Vieles schaut im Schein der Taschenlampe aus wie sie – ein sehr dünner Holzsplitter oder ein dickes Stück Zwirn. Aber wenn ich sie anstupse, bewegen sie sich nicht.
Ich kontrolliere jede Stufe auf ihrer Seite der Treppe genau, danach auch die andere Seite. Man entwickelt eine gewisse Anhänglichkeit gegenüber einem Lebewesen, wenn man einmal versucht hat, ihm zu helfen. Aber sie ist nirgendwo. Es liegt so viel Staub auf der Treppe und so viel Hundehaar. Der Staub klebt nun vielleicht an ihrem kleinen Körper und macht es beschwerlich für sie, sich fortzubewegen oder zumindest die Richtung einzuschlagen, die sie einschlagen wollte. Sie ist davon vielleicht ausgetrocknet. Aber weshalb sollte sie denn die Treppe hinunterwollen – und nicht hinauf? Auf dem oberen Treppenabsatz, wo sie verschwunden ist, habe ich sie noch nicht gesucht. Das geht zu weit.
Ich mache mich wieder an die Arbeit. Dann fange ich an, die Raupe zu vergessen. Ich vergesse sie für eine Stunde, bis ich zufällig wieder zur Treppe gehe. Diesmal entdecke ich auf einer der Stufen etwas von genau der richtigen Größe, Form und Farbe. Aber es ist flach und trocken. Das kann nicht sie gewesen sein. Das muss eine kurze Kiefernnadel oder irgendein anderer Teil einer Pflanze sein.
Als ich das nächste Mal an sie denke, stelle ich fest, dass ich mehrere Stunden nicht an sie gedacht habe. Ich denke nur an sie, wenn ich die Treppe hinauf oder hinunter gehe. Trotzdem, irgendwo ist sie doch und versucht, an ein grünes Blatt heranzukommen, oder stirbt. Aber es kümmert mich jetzt nicht mehr so sehr. Ich bin sicher, dass ich sie bald ganz vergessen haben werde.
Später hängt ein unangenehmer Tiergeruch im Treppenaufgang, aber das kann nicht sie sein. Sie ist zu klein, um überhaupt zu riechen. Wahrscheinlich ist sie schon tot. Sie ist wirklich einfach zu klein, als dass ich mir weiter Gedanken über sie mache.
Kinderhüten
Die Reihe ist an ihm, aufs Baby zu schauen. Er ist sauer.
Er sagt: »Ich komme mit meiner Arbeit nie nach.«
Auch das Baby ist schlechter Laune.
Er gibt dem Baby ein Fläschchen mit Saft und setzt es bequem in einen großen Fauteuil.
Er setzt sich in einen anderen Fauteuil und schaltet den Fernseher an.
Gemeinsam sehen sie sich Ein seltsames Paar an.
Du fehlst uns: Eine Studie der Genesungswünsche einer vierten Klasse Grundschule
Das Folgende ist eine Untersuchung von siebenundzwanzig Genesungswünschen, die von Viertklässlern an ihren Klassenkameraden Stephen geschrieben wurden, als dieser sich im Krankenhaus von einer schweren Osteomyelitis erholte.
Die Krankheit setzte nach einem eher mysteriösen Unfall ein, in den ein Auto verwickelt war. Der junge Stephen ging laut eigenem später abgefassten Bericht und einer kurzen Notiz in der örtlichen Zeitung eines Tages Anfang Dezember bei Anbruch der Dunkelheit zu Fuß nach Hause. Er trat auf die Straße hinaus, um sie zu überqueren, als er von einem langsam fahrenden Wagen im Winkel angefahren wurde – nicht eben mit großer Wucht, aber mit immerhin so viel Wucht, dass er zu Boden gestoßen wurde. Der Fahrer, ein Mann unbekannten Alters, hielt an und stieg aus, um nachzusehen, ob mit dem Jungen alles in Ordnung war. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass der Junge keinen Schaden genommen hatte, fuhr der Mann weiter. In Wahrheit hatte sich der Junge das Knie verletzt, aber entweder weil es ihm unangenehm war oder weil er wusste, dass auch ihn selbst Schuld traf, erwähnte er den Unfall zuhause nicht. Das Knie blieb unbehandelt, eine Infektion war die Folge; das Osteomyelitis-Virus kam in die Wunde; der Junge erkrankte schwer und musste ins Krankenhaus. Nach ein paar Wochen der Sorge seitens der Ärzte, seiner Familie und seiner Freunde erholte er sich, zum Teil dank des jüngst entdeckten Antibiotikums Penicillin, und wurde aus dem Krankenhaus entlassen.
Zum Zeitpunkt von Stephens Einlieferung in die Klinik versuchten seine El tern, den Lenker des Autos mit dem folgenden Inserat in der Lokalzeitung ausfindig zu machen. Unter der Überschrift ELTERN MÖCHTEN MIT UNFALLFAHRER SPRECHEN stand zu lesen:
Etwa in der ersten Dezemberwoche wurde Stephen, der Sohn von Mr. und Mrs. B., wohnhaft 94 N. Rd., am späten Nachmittag Ecke Elm und Crescent Street leicht angefahren. Der Fahrer stieg aus, sah sich den Jungen kurz an und redete mit ihm. Danach trennten sich die beiden.
Die Eltern des Jungen würden gerne mit dem Fahrer des Autos Kontakt aufnehmen und ersuchen ihn, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen.
Das Inserat blieb ohne Reaktion.
Nach dem Ende der Weihnachtsferien und nachdem für seine Klassenkameraden die Schule wieder losging, erhielten diese von ihrer Lehrerin, Miss E., die Aufgabe, Genesungswünsche für Stephen zu verfassen. Anschließend korrigierte sie die Briefe sparsam, aber genau, machte ein Paket und schickte es an Stephen. Berücksichtigt man die Anzahl der wiederkehrenden Wendungen, so verfolgte das ganz offensichtlich den Zweck einer Schulübung, um den Schülern bestimmte Fähigkeiten im Briefschreiben beizubringen.
Die Schule
Die Schule, in der diese Briefe geschrieben wurden, war ein großer Ziegelbau, der für die Benutzung durch Kindergruppen vom Kindergarten bis zum Ende der ersten Sekundarstufe bestimmt war und inmitten eines sympathischen Ambientes lag. Die Straßen waren gesäumt von ausgewachsenen schattenspendenden Bäumen, die Häuser waren großteils geräumige und komfortable, aber durchaus nicht protzige Mittelklassehäuser mit bescheidenen, bisweilen großzügigen Gärten mit Rasenflächen davor und einer Menge verschiedenster Bäume, Sträucher und Blumen. Die meisten Kinder wohnten in unmittelbarer Nähe der Schule und gingen zu Fuß, alleine oder mit Freunden, zur Schule und wieder zurück, auf gut instand gehaltenen, da und dort geborstenen oder von den Wurzeln der großen Bäume aufgeworfenen Gehsteigen. Stephen selbst wohnte, ebenso wie die Nachbarskinder Carol und Jonathan, eine Straße von der Schule entfernt. An einer Straßenecke, unweit von der Schule, gab es einen kleinen Laden, in dem die matronenhafte Besitzerin mit ihrem eher abstoßenden Verhalten residierte. Es gab da Süßigkeiten zu kaufen und eine bescheidene Auswahl an Lebensmitteln, und die Kinder zählten nach der Schule zu den wichtigsten Kunden. Gegenüber von diesem Laden fiel eine Straße steil zu einem seichten, mittelbreiten Fluss ab, in dem die Kinder wegen der Abwässer der Fabriken nicht flussaufwärts schwimmen durften. Das Schulgebäude stand in der Mitte eines großen asphaltierten Spielplatzes, auf dem es keine Klettergeräte und Schaukeln gab. Die Klassenräume waren hell und wurden durch das durch große Fenster einfallende Tageslicht gut ausgeleuchtet.
Allgemeines Erscheinungsbild und Form der Briefe
Die Briefe sind auf dem linierten Papier von Übungsheften in zwei unterschiedlichen Größen geschrieben, die meisten auf dem kleineren Format von etwa 18 mal 20 cm, vier auf größerem Format von etwa 20 mal 25 cm Größe. Obwohl das vor fast 60 Jahren hergestellte Papier minderwertig ist, ist es noch immer elastisch und weich, und die Buchstaben sind noch immer gut zu lesen; ein paar Schüler haben beim Schreiben besonders fest aufgedrückt, um die Konturen sehr dunkel und scharf umrissen hervortreten zu lassen. Alle sind mit Tinte geschrieben, wenn auch mit Tinte unterschiedlicher Art, einmal blau, dann wieder schwarz, manchmal dunkel, manchmal hell, manchmal mit dünnen Linien, manchmal mit dicken.
Das Schriftbild ist meistens schön, d.h. die Schrift neigt sich in weitgehend gleichbleibender Schrägstellung nach rechts, die meisten Buchstaben berühren die Zeilen, der Zwischenraum zwischen den Buchstaben ist gleich groß, die Oberlängen der Buchstaben berühren die Zeilen über ihnen nicht etc., obwohl die Unterschiede in Stärke und Anordnung der Buchstaben sowie das Auf und Ab der Zeilen über die zitternden Hände und die unbeholfenen Anstrengungen der Schreibanfänger hinwegtäuschen. Manche Großbuchstaben sind allerdings sehr elegant ausgeführt und haben hübsche Schnörkel.
Es sind insgesamt siebenundzwanzig Briefe, verfasst von dreizehn Mädchen und vierzehn Jungen. Vierundzwanzig der Briefe der Kinder sind mit 4. Jänner datiert, offensichtlich der Tag, an dem die Lehrerin sie zur Arbeit als Gruppe anhielt; zwei sind mit dem 5. Jänner datiert, einer mit 8. Jänner, woraus man schließen darf, dass an dem Tag, als die Übung angesetzt wurde, diese Kinder nicht in der Schule waren.
Die Briefe haben, offenbar eine Vorgabe der Lehrerin, alle den gleichen dreizeiligen Briefkopf in der rechten oberen Ecke: Name der Schule, Stadt und Bundesstaat und Datum. Um einen einheitlichen Einzug für die Zeilenanfänge vorzugeben, findet sich eine mit Bleistift gezogene Begrenzungslinie an der linken Seite, ausgenommen der Brief vom 8. Jänner – dieser Nachzügler hatte den Auftrag entweder nicht erhalten oder nicht gehört – und jene, die auf größeren Blättern geschrieben waren, deren linker Rand bereits vorgedruckt ist. Die mit der Hand gezogenen Linien sind unterschiedlich: manche sind dünn und gerade, andere dick und schief, und einer bricht am unteren Blattrand in einem Winkel ab, offenbar weil der Schüler vor dem Ende der Seite das Ende seines Lineals erreicht hatte.
Die Anrede lautet bei allen gleich: »Lieber Stephen«. Das Ende der Briefe variiert nur unerheblich: »dein Freund«, »deine Freundin« (5 Jungen und 9 Mädchen); »dein Mitschüler«, »deine Mitschülerin« (3 Mädchen und zwei Jungen); »dein Kumpel« (4 Jungen); »Herzlich, dein« (1 Junge); »in Freundschaft« (1 Junge); und »dein allerbester Kumpel« (1 Junge namens Jonathan, ein enger Freund). Man beachte, dass nur die Jungen das umgangssprachliche Kumpel verwenden, wogegen fast doppelt so viele Mädchen wie Jungen das formellere Freund oder Freundin verwenden.
Die Lehrerin hat manche der Briefe mit Tinte korrigiert, mit der dunkelsten Tinte und in kleinerer Handschrift. Sie hat Kommas eingefügt, wo diese fehlten (am häufigsten nach der Anrede »Lieber Stephen«, der Grußformel am Schluss, z.B. »Dein Freund«, und zwischen dem Namen der Stadt und des Bundesstaates), sowie Fragezeichen, wo sie stehen müssten. Sie hat ein paar Rechtschreibfehler korrigiert (»happey«, »Schlieten fahren«, »Getanke«, »Bruader« und »Wir vermiesen dich sehr«). In einem Fall musste sie überraschenderweise die Schreibweise eines Kindernamens korrigieren, indem sie »Arilene« zu »Arlene« verkürzte. Zwei fehlende Worte hat sie ersetzt. Mehrere Fehler sind ihrer Aufmerksamkeit entgangen. Insgesamt war die Rechtschreibung und Zeichensetzung in den Briefen korrekt, die Lehrerin bringt im Durchschnitt nur ungefähr eine Korrektur pro Seite an, hauptsächlich Zeichensetzungsfehler. Entweder haben die Schüler ihre Lektionen sehr gut gelernt, oder aber es handelt sich, und das ist vielleicht wahrscheinlicher, um die Reinschriften korrigierter Rohentwürfe.
Zweiundzwanzig Schüler unterschreiben mit vollständigem Namen, also Vor- und Nachname. Einer unterschreibt mit »Billy J.« und die restlichen vier unterschreiben bloß mit ihren Vornamen. (Aus Gründen der vertraulichen Behandlung werden hier bloß die Initialen der Nachnamen der Kinder angeführt.)
LÄNGE
Die Begrüßungs- und Schlussformeln nicht mit eingerechnet, variieren die Briefe zwischen drei und acht Zeilen mit zwei bis zu acht Sätzen. Kein Brief der Jungen ist länger als fünf Sätze, während alle Briefe der Mädchen sechs, sieben oder acht Sätze lang sind. Obwohl die Mädchen ihrer Zahl nach um eine weniger sind als die Jungen, sind sie insgesamt kommunikativer und tragen 84 Zeilen bei (verglichen mit 66 der Jungen) und 66 Sätze (verglichen mit den 53 Sätzen der Jungen).
Allerdings sind nicht alle Mädchen kommunikationsfreudig. Zwei haben Briefe von nur drei Zeilen und drei Sätzen verfasst. Bei dem einen handelt es sich um den schwermütigen Brief von Sally, der weiter unten zitiert wird. Der zweite kurze Brief stammt von Susan B. und enthält etwas, woraus man eine Andeutung von Neid wegen einer Schachtel Bonbons ablesen könnte. Alles in allem scheinen Länge und Inhalt der kürzesten Briefe auf eine deprimierte und apathische Gemütslage ihrer Verfasser hinzuweisen, wogegen Inhalt und Länge der längsten Briefe den Eindruck vermitteln, sie seien das Elaborat von fröhlicheren und kontaktfreudigeren Personen. Die mittellangen Exemplare sind einmal von handfestem Realismus gekennzeichnet (abgebrochene Äste und umgefallene Schneemänner), dann wieder von farbloser Formelhaftigkeit (vgl. Maureens Brief weiter unten) oder aber von starken Gefühlen und mit persönlicher Note (Scott: »Ich würde dir Beine machen und dich aus dem Bett jagen.«)
STIMMIGKEIT UND GESCHLOSSENHEIT INSGESAMT
Die Briefe weisen eine Tendenz zu unlogischen Aussagen auf: Ein Satz hat oft wenig mit dem auf ihn folgenden und ihm vorausgehenden zu tun (z.B.: »Das Wetter ändert sich ständig. Ich kann’s nicht erwarten, dass du wieder zur Schule kommst.«)
Manche Briefe wiederum entwickeln einen Gedanken absolut stichhaltig bis zum Ende: Z.B.: Sallys grimmiger Brief, Scotts enthusiastischer, ein wenig brutaler Brief, in dem er Stephen droht, ihm »Beine zu machen«, und Alex’ informativer Brief übers Schlittenfahren, der den Ort nennt, an dem die Schlittenpartie stattfand, und Fortschritte im Vergleich zum vergangenen Jahr festhält: »Wir hatten eine Menge Spaß drüben auf dem Hospital Hill. Wir fuhren über einen großen Buckel und flogen durch die Luft. Dieses Jahr stieg ich höher hinauf als sonst.«
STRUKTUR DER SÄTZE
Insgesamt bestehen die Briefe aus überwiegend einfachen Sätzen (z.B.: »Es gab ein riesiges Schneeballschießen im Freien«), darunter manchmal eine Satzreihe, ein Satzgefüge oder Satzreihen mit Satzgefügen.
SATZREIHEN
Der kürzeste Brief (zwei Sätze) stammt von Peter. Das ist der Junge, dessen mit dem Lineal gezogene Linie dick ist, schief und am Ende abbricht. Er ist andererseits einer der wenigen Schüler, die eine Satzreihe bilden und dabei die seltenere und interessante Konjunktion aber verwenden: »Wir haben eine Menge Spaß, aber du fehlst uns.«
Cynthia, eine der Realistinnen der Klasse, verwendet gleichfalls ein aber: »Ich habe Schneemänner gebaut, aber sie sind umgefallen.«
Susan A., eine weitere Realistin, verwendet aber, um ihre unten stehende Beschreibung des Märchenlandes abzuschwächen.
Weitere in den Briefen verwendete Konjunktionen sind:bis (2), weil (2), neben dem gebräuchlichsten und nichtssagenden oder neutralen und (7).
Ein Mädchen, Carol, das die Konjunktion weil verwendet, bildet innerhalb eines 3-Satz-Briefes zwei Satzreihen. »Ich hoffe, du kommst bald wieder zur Schule, denn ohne dich ist es einsam«, und: »Deine [kleine] Schwester übernachtete in der Silvesternacht bei uns, denn deine Mutter und dein Vater und deine [ältere] Schwester gingen zu einer Party.« Aufgrund der Verwendung komplizierter Satzstrukturen gehört ihr Brief zu jenen mit den meisten Zeilen (8), aber den wenigsten Sätzen.
Die üblichste, am wenigsten aussagekräftige Konjunktion ist und (7-malige Verwendung), so im Satz von Alex: »Wir fuhren über einen großen Buckel und flogen durch die Luft.« Ein Mädchen, Diane, bildet eine Satzreihe aus zwei Imperativen: »Beeil dich und komm bald wieder.«
SATZGEFÜGE
Abgesehen von den häufig verwendeten formelhaften Satzgefügen, die mit Ich hoffe (z.B.: »Ich hoffe, dass es dir bald wieder besser geht«) und Wäre schön beginnen (z.B.: »Wäre schön, wenn du es gesehen hättest«), gibt es relativ wenige Beispiele von Satzgefügen:
Fred: »Nun, ich denke, das ist alles, was ich dir zu berichten habe.«
Theodore: »Ich hab die gegnerischen Jungs geschlagen.«
Alex: »Dieses Jahr stieg ich höher hinauf als sonst.«
Susan B.: »Jonathan A. hat mir erzählt, dass er dir eine große Schachtel mit Bonbons geschiekt [sic!] hat.«
Kingsley verwendet zwei Satzgefüge hintereinander: »Was glaubst du, was du zu Weihnachten bekommst?« und: »Ich habe alles gekriegt, was ich mir gewünscht hab.«
SATZREIHENUND SATZGEFÜGE
Van, der Junge, der zugibt, dass ihm nichts einfällt, und einen der kürzesten Briefe schreibt, ist allerdings auch einer der wenigen Schüler, der eine Kombination von Satzreihe und Satzgefüge verwendet, obwohl er zwei Worte auslässt und sich selbst widerspricht (beachte seinen Gebrauch von denken): »Ich denke, das ist alles zu sagen [sic!], weil ich einfach nicht denken kann.«
Jonathan bildet ebenfalls eine Konstruktion aus Satzreihe und Satzgefüge. Er ist fröhlicher, verwendet aber eine weniger aussagekräftige Konjunktion: »Ich hoffe, dass dir meine Schachtel mit den Bonbons geschmeckt hat, und kann kaum erwarten, dass du wieder nach Hause kommst.«
Susan A. verwendet die weniger positiv besetzte Konjunktion aber: »Als es vorbei war, sah es aus wie in einem Märchenland, aber einige Bäume waren geknickt, andere gar abgebrochen.« Sie lässt auf diesen Satz eine weitere Satzreihen-Satzgefüge-Konstruktion folgen, wobei sie die starke Konjunktion also und zusätzlich einen Imperativ verwendet: »Es tut uns sehr leid, dass du im Krankenhaus bist, also schau, dass du schnell wieder auf die Beine kommst.«
VERBEN
Manche der von den Kindern verwendeten Zeitformen sind unklar.
Im Hinblick auf einen Kinofilm schreibt theodore: »Wäre schön, wenn du ihn siehst.« Es ist nicht klar, ob er meint: »Es wäre schön, du würdest ihn sehen« oder: »Wäre schön, du hättest ihn gesehen.«
Billy T. schreibt: »Ich hoffe, dass dir das Essen schmecken wird.« Es ist nicht klar, wann oder wo Stephen das Essen schmecken soll.
Joseph A. schreibt: »Ich hoffe, du hast Spaß.« Es ist nicht klar, wann oder wobei Stephen Spaß haben soll. Sowohl Billy als auch Joseph schwebte wahrscheinlich die Bedeutung vor, die im dort und jetzt der Verlaufsform der Gegenwart steckt: »das Essen schmeckt dir dort« und »du hast dort jetzt Spaß«. Es fällt auf, dass Joseph der einzige war, der den Spitalsaufenthalt von Stephen mit Spaß haben in Verbindung bringt.
Das anschaulichste Verb steckt in Scotts Wendung vom Beine-Machen.
IMPERATIVE
Die einzigen Beispiele für den Gebrauch des Imperativs (4, davon einer abgemildert durch bitte) finden sich in den Briefen von Mädchen. Das mag darauf hinweisen, dass die Neigung, »herumzukommandieren« oder zu »gängeln«, bei Mädchen stärker ist als bei Jungen, ebenso gut mag das aber – wenn man die geringe Anzahl von Briefen in diesem Sample berücksichtigt – statistisch nicht signifikant sein.
STIL
Der Stil der Briefe ist großteils ungezwungen, d.h. weder übertrieben formell noch extrem leger oder umgangssprachlich. Hin und wieder hat die Diktion einen zwanglosen Konversationston: Es gibt zwei Beispiele, in denen ein Nun am Satzanfang steht (in beiden Fällen ist das Komma weggelassen, das hier stehen müsste). In Scotts Brief gibt es ein sehr lebendiges umgangssprachliches Verb:Beine machen. Es lohnt allerdings, auf eine auffällige Formelhaftigkeit hinzuweisen, derer sich die meisten Kinder zumindest an einer Stelle bedienen: Wenn sie die Wahl hatten (was offenbar der Fall war), haben die Kinder ihren vollen Namen unter ihre Briefe gesetzt. Weiters verwenden Kinder in zwei Fällen, in denen sie die Namen anderer Kinder anführen, deren vollständige Namen, obwohl Stephen aus dem Zusammenhang sehr wohl wissen konnte, von wem sie sprachen. Mag sein, dass Vor- und Nachnamen in der Schulsituation von den Lehrern so voneinander untrennbar verwendet werden, wenn sie die Anwesenheitsliste durchgehen oder wenn sie einen Schüler zurechtweisen, dass die Kinder sich selbst auch gegenseitig mit Vor- und Nachnamen adressierten, wenn sie in der Schule etwas schrieben.
Zwei Kinder beweisen in manchen Augenblicken stilistische Eloquenz. Eine von ihnen, Susan A., malt ein lebendiges und plastisches Bild, das durch den Gebrauch einer Alliteration und starke Rhythmisierung noch verstärkt wird: »einige Bäume waren geknickt, andere gar abgebrochen«. Eine zweite, Sally, leitet mit einem starken, ganz spezifischen Bild ein – »Dein Sitz ist leer« – und verstärkt dieses dann durch eine parallele Struktur: »dein Strumpf noch nicht fertig.«
Man könnte argumentieren, dass auch Scott in den vier Sätzen seines überzeugenden Briefes durch sein Hin- und Herwechseln eine gewisse angenehme Balance gelingt, und zwar zwischen dort drüben und hier bei uns, dort oben und wieder hier, wodurch er de facto eine schaukelnde Bewegung erzeugt und Stephen enger an die Klasse bindet als alle anderen Kinder.
INHALT
Einige Briefe sind farblos und/oder nichtssagend, wogegen andere informativer und farbiger sind und/oder die Persönlichkeit der BriefschreiberInnen lebendiger zum Ausdruck bringen.
Der wahrscheinlich farbloseste Brief, der die allergebräuchlichsten formalisierten Gefühle und nur die allerallgemeinsten »Neuigkeiten« enthält, ohne inhaltlich und stilistisch außerhalb der Konvention zu bewegen, was auf eine eigenständige Persönlichkeit schließen lassen könnte, ist jener von Maureen. Obwohl er unleugbar freundlich und fröhlich ist, wirken Freundlichkeit und Fröhlichkeit wie auswendig gelernt: »Wie fühlst du dich? Du fehlst mir sehr. Ich hoffe, dass du bald wieder zur Schule kommst. Mir gefällt die Schule sehr gut. Im Schnee wars sehr lustig.« Ihre Schrift ist rund und durchgehend nach rechts geneigt, mit einer bemerkenswerten Ausnahme – dem Wort Ich, I, das senkrecht steht. Man könnte sogar so weit gehen anzunehmen, dass diese auffällig kontrastierenden I’s einen sublimierten Widerstand verraten, ein unterdrücktes Verlangen nach weniger Angepasstheit und Folgsamkeit, als sie offensichtlich an den Tag legt.
Ein weiterer ziemlich farbloser Brief in kleiner Handschrift mit vielen Rundungen ist jener von Mary, auch wenn sie eine Spur mehr Emphase zeigt als Maureen – »Du fehlst uns allen sehr« – und ein Spezifikum hinzufügt: »Ich hatte eine Menge Spaß mit meinem Schlitten im Schnee.«
Der Inhalt lässt sich im Großen und Ganzen unter den folgenden Überbegriffen zusammenfassen, in den zwei eher allgemeinen Kategorien des Ausdrucks von Anteilnahme und »Neuigkeiten«:
Formelhafter Ausdruck von Anteilnahme
komm bald zurück / wäre schön, du wärst hier (17mal in 27 Briefen)
wie geht es dir / hoffe, dass es dir besser geht (16)
du fehlst mir (9)
Erfahrungen in Bezug auf Krankenhaus/Essen (4)
Empathie: Ich weiß, wie es dir dabei geht (2)
Neuigkeiten
Spielen im Schnee (9)
Weihnacht / Weihnachtsgeschenke (7)
Schule / Schulaufgaben (4)
Essen / Kost (4)
Wetter (3)
Einkauf mit Eltern (2)
Kino (2)
Haustiere (1)
Silvesterabend (1)
Stephens Familie (1)
Party (1)
FORMELHAFTER AUSDRUCK DER ANTEILNAHME
Du fehlst mir
Viele Briefe der Kinder enthalten die Standardphrase:Du fehlst uns (oder mir) oder Du fehlst uns (oder mir) sehr, oft zusammen mit:Wir (oder ich) hoffe(n), dass du bald wieder zurück bist.
Van beginnt den Brief mit diesen beiden Empfindungen, weiß dann aber nicht weiter: In dünner, zittriger Schrift und mit so wenig Zwischenraum zwischen den Worten, dass sie beinahe aneinanderstoßen, schließt er mit: »Ich denke, das ist alles zu sagen [sic], weil ich einfach nicht denken kann.« Vans Buchstaben sitzen zum Teil sauber auf den linierten Zeilen, andere hängen in der Luft, wieder andere sind unter die Zeile hinuntergerutscht. Es ist möglich, dass die Buchstaben in seinem Fall – wie auch in anderen, in denen sich Befürchtungen der Kinder verraten – nicht der Linierung folgen, weil das Kind überkompensiert: Aus Angst, dass seine Buchstaben unter die Zeile rutschen, lässt es sie lieber über ihnen schweben; aus Angst, sie könnten über die Linien hinausragen, zwingt es sie unter die Linie. Wenn wir uns vorstellen, wie diese Kinder lernen, sauber zu schreiben, dürfen wir nicht vergessen, dass die Linie nichts ist, worauf die Buchstaben aufsitzen sollen. Sie ist eine Richtlinie (und obendrein eine sehr dünne), und für einen Anfänger ist es schwierig, jeden Buchstaben genau auf die Linie zu setzen. Dementsprechend empfinden manche Kinder auch beim Schönschreiben selbst eine gewisse Angst, egal, was sie nun auszudrücken versuchen.
Joan ist genauer und dementsprechend pointierter, indem sie mit einem Schlag das ganze Klassenzimmer herbeizaubert: »Du fehlst mir in unserer Sitzreihe in der Schule.« Sie erweckt zudem den Eindruck eines Solidaritätsgefühls bei den Kindern dieser ganz bestimmten Sitzreihe – »unserer Sitzreihe«.
Sally geht noch mehr ins Detail, und ihr Brief vermittelt, obwohl er zu den kürzesten gehört, die stärkste und die düsterste Emotion: »Hoffe, dass es dir besser geht. Dein Sitz ist leer. Dein Strumpf noch nicht fertig.« Dieser letzte Satz schließt mit einem Punkt, aber auf diesen folgt, missverständlicherweise, ein klein geschriebenes a, so dass wir nicht mit Sicherheit sagen können, ob Sally den Satz fortsetzen oder einen neuen beginnen wollte, als sie – in Gedanken abermals bei den düsteren Möglichkeiten – fortfährt: »aber ich denke nicht, dass er fertig werden wird.« Die Funktion dieses aber ist gleichfalls unklar. Sallys Handschrift ist schwach und dünn, und die Buchstaben sind extrem klein, außer wenn sie, in offenkundigem Missverständnis der Anweisungen des Lehrers, die langen Buchstaben wie das f und das l zögerlich so hochzieht, dass sie die Zeile oberhalb berühren. Der Inhalt sowie die Kürze des Briefes und die kleine Handschrift von Sally lassen, trotz des außergewöhnlich überschwänglichen und schwungvollen groß geschriebenen H, entweder auf einen tief sitzenden Pessimismus oder ein niedriges Selbstwertgefühl schließen.
Wie geht es dir / hoffe, dass es dir besser geht
Ein weiterer sehr häufiger Ausdruck von Anteilnahme: »Wir (oder ich) hoffe(n), dass es dir gut geht / bald besser geht / du bald gesund bist / Wie geht es dir?«
Billy J. beginnt mit: »Ich hoffe, dass es dir gut geht«, und schließt mit: »Ich hoffe, dass du bald wieder da bist«, dazwischen fügt er nur einen Satz ein: »Wir tun nicht viel.« Die Worte tun nicht viel sind kleiner und zusammengedrängter als der Rest und spiegeln vielleicht den Inhalt der Bemerkung. Auch Billys Buchstaben scheinen unter die Zeilen zu rutschen und entsprechen damit dem Geist seiner einzigen Neuigkeit – dass nicht viel erledigt wird.
Lois schlägt einen Plauderton an, der sich in den anderen Briefen selten findet, wenn sie, in fetten schwarzen Buchstaben, die vierschrötig auf den Zeilen sitzen, manchmal aber über den rechten Seitenrand hinausgehen, schreibt: »Wie geht es dir jetzt? Hoffentlich besser.«
Joseph A. schreibt »Wie gehst dir?« anstelle von »Wie geht es dir?« Die Lehrerin bemerkt das nicht.
Komm bald wieder / Wäre schön, du wärst hier
Lois, die es schafft, acht Sätze auf einem Raum von sechs Zeilen unterzubringen, drückt diesen Wunsch zweimal aus, einmal zu Anfang – »Wann wirst du wieder zurück sein?« – und einmal, höflich, aber bestimmt, am Schluss – »Schau bitte zu, dass du bald wieder zurück kommst.«
In ihrem oben zitierten Brief fügt Carol, verstärkend, die Erklärung ein, »denn ohne dich ist es einsam« – entweder ganz im Ernst, weil sie unmittelbar neben Stephen wohnt und vielleicht eine gute Freundin ist, zumindest aber aus Höflichkeit. Es ist festzuhalten, dass Carol zu Stephen in einer besonderen Beziehung steht, weil auch ihre Familien befreundet sind, wie sich aus ihrem Brief unmissverständlich ablesen lässt.
Joseph geht in seinem Enthusiasmus weiter, indem er seiner Ungeduld Ausdruck verleiht: »Ich kann es gar nicht erwarten, dass du wieder in die Schule kommst.«
Stephens Freund Jonathan, dessen runde Buchstaben senkrecht und fest auf der Zeile sitzen, verwendet fast die gleichen Worte: »Ich kann kaum erwarten, dass du wieder nach Hause kommst.« Vermutlich ersetzt Jonathan das üblichere wieder in die Schule durch wieder nach Hause, weil er nicht nur sein guter Freund, sondern auch sein Nachbar ist.
Ein Mädchen, Diane, fasst die gleiche Empfindung in fast die gleichen Worte – »Ich kann es kaum erwarten, dass du wieder zurück in die Schule kommst« – und legt dann noch in einem zweiten Satz, der zwei Imperative enthält, nach: »Beeil dich und komm bald wieder.«
Ihre Freundin Mary K. drückt es genauer und ziemlich streng aus, wenn sie hofft, Stephen werde »baldigst wieder in die Schule herein kommen«.
Billy T. legt die Betonung eher auf Stephens Entlassung aus dem Krankenhaus als auf seine Rückkehr in die Schule. Er gibt diesem Gedanken auch in zwei der drei Sätze seines kurzen Briefes Raum: »Wann bist du wieder draußen? Ich hoffe, dass du bald wieder draußen bist.«
Scott, ein anderer Junge, drückt die Anteilnahme in einem der überzeugendsten Briefe aus, in dem jeder einzelne Satz logisch auf den vorhergehenden folgt. Er beginnt mit Empathie: »Ich weiß, wie man sich dort drüben fühlt«, und entwickelt dann seinen Gedankengang, indem er zunächst noch einmal seiner Empathie Ausdruck verleiht (was im Vergleich zu den anderen Briefen ungewöhnlich ist): »Ich glaube, du wärst jetzt gerne hier, wo wir sind.« Dann verleiht er, gleichzeitig mit dem unüblichen Gebrauch des Konjunktivs, dem Ganzen eine dramatische Note: »Und wäre ich dort oben, ich würde dir Beine machen und dich aus dem Bett jagen.« Schließlich vervollständigt er seine Vor- und-zurück-Struktur mit einer weiteren Bezugnahme auf die Schule und das logische (Dann) Resultat seiner imaginierten Aktion: »Dann könntest du wieder hier sein.« (Scotts Verwendung von da drüben und dort oben zeigt an, dass er sich der etwas erhöhten Lage des Krankenhauses ein Stück außerhalb der Stadt bewusst ist, eine Tatsache, die durch Jonathans identischen Gebrauch des dort oben und noch durch ein drittes Kind gestützt wird, das bei der Beschreibung der Schlittenfahrt den Hospital Hill erwähnt.)
Ein Mädchen, Susan B., drückt in einem der kürzeren Briefe (drei Zeilen, drei Sätze) bloß die üblichen Gefühle aus und fügt liebevoll die Information aus zweiter Hand hinzu: »Jonathan A. hat mir erzählt, dass er dir eine große Schachtel mit Bonbons geschiekt [sic!] hat.« Ihre Handschrift verändert sich im unteren Teil des Briefes merklich: Während die Worte zu Beginn ihres Briefes kräftig, aufrecht und selbstsicher sind, werden sie zunehmend dünner und rechtslastiger, bis das Wort Bonbons, zart und zerbrechlich, fast ganz auf der Seite liegt.
Erfahrungen im Krankenhaus/Essen
Nur wenige Kinder äußern Neugierde bezüglich Stephens Erfahrung im Krankenhaus.
Kingsley fragt: »Gefällt es dir im Krankenhaus?«
Auch Stephens guter Freund Jonathan zeigt Interesse: »Wie ist es dort oben?«
Stephens Nachbarin, Carol, geht mehr ins Detail: »Kriegt ihr da gutes Essen?«
Billy T. macht sich ebenfalls über Stephens Essen (vermutlich im Krankenhaus) Gedanken, obwohl sein Gebrauch des Futurums Unklarheit schafft: »Ich hoffe, dass dir das Essen schmecken wird.«
Arlene, die sich offenbar der Schreibung des eigenen Namens nicht sicher war, oder aber sich dazu entschloss, ihn mit einem zusätzlichen i zu verzieren, verleiht ihrem Brief durch ihre beiden kurzen, aber präzisen Fragen etwas von Dringlichkeit oder gar Entschiedenheit: »Wer ist deine Krankenschwester? Wer ist dein Arzt?« Der letzte Satz ihres Briefes lässt allerdings vermuten, sie könnte ein »professionelles« Interesse gehabt haben: »Ich habe zu Weihnachten ein Krankenschwesterköfferchen geschenkt bekommen.«
Empathie: Ich weiß, wie es ist
Scott zeigt zu Beginn seines Briefes Empathie – »Ich weiß, wie man sich dort drüben fühlt« –, bevor er damit droht, Stephen zu besuchen.
Joseph O. beginnt ebenfalls mit dem Ausdruck großzügiger Empathie: »Ich weiß, wie du dich fühlst.« Dann fügt er zusammenhanglos an: »Ich kriege jetzt eine neue Jacke mit Kapuze.«
NEUIGKEITEN
Wetter
Ein paar Kinder erwähnen das Wetter.
Joseph A. stellt lakonisch und sachlich fest: »Die Temperatur geht ständig auf und ab.«
Cynthia, die sehr wohl um die Bedeutung von Genauigkeit und detaillierter Information Bescheid weiß (siehe unten), schreibt: »Heute ist es draußen sehr eißig [sic].«
Ein anderes Mädchen, Susan A., äußert sich poetischer über das Wetter, indem sie in dem ganzen Sample aus Briefen als einzige eine Metapher verwendet. Obwohl die Metapher abgegriffen ist, bessert sie sie unmittelbar darauf mit einer starken, realistischen Beschreibung auf. »Vor einer Woche hatten wir einen Sturm mit Schneeregen. Als es vorbei war, sah es aus wie in einem Märchenland, aber einige Bäume waren geknickt, andere gar abgebrochen.« Ihre im Grunde nüchterne und realistische Einstellung gegenüber ihrer Umwelt spiegelt sich in ihrer Schrift, die bis auf eine etwas zittrige Linienführung bei manchen größeren Buchstaben ziemlich gleichmäßig ist.
Essen / Nahrungsmittel
Abgesehen von einer zweimaligen Erwähnung des Essens im Hinblick auf Stephens Krankenhauserfahrungen gibt es nur zwei Verweise auf Nahrungsmittel, und zwar die auf Jonathans Geschenk, die Schachtel mit Bonbons – einmal durch Jonathan selbst (»Ich hoffe, dass dir meine Schachtel mit den Bonbons geschmeckt hat«), das zweite Mal durch die möglicherweise neidische Susan B.
Schule / Schularbeiten
Abgesehen von dem allenthalben geäußerten Wunsch, Stephen möge wieder in die Schule kommen, werden Schule und Schulübungen nicht von vielen Schülern erwähnt, möglicherweise weil sie, während sie schreiben, gerade in der Schule sitzen.
Diane ist die einzige, die ein Schulbuch erwähnt: »Wir lesen in Singing Wheels.« Aufgrund ihres außerordentlichen Interesses an diesem Text sowie der darauf folgenden Erwähnung der Victrola, die sie zu Weihnachten bekommen hat, was auf ein Interesse an Musik schließen lässt, und dazu ihrer ungleichmäßigen Handschrift (manche Buchstaben stehen schräg, andere aufrecht, manche sinken unter die Linierung etc.) darf angenommen werden, dass Diane eher intellektuelle und künstlerische Neigungen hat und »kreativ« ist. Gleichzeitig erscheint sie, in Anbetracht des Umstandes, dass sie ihre Geschwister in ihren Brief mit einschließt (siehe unten), sowie in Anbetracht ihrer Freundschaft zu Mary und deren Erwähnung des gemeinsamen Schifahrens, als kontaktfreudiger, geselliger Familienmensch und als sportlich aktiv.
Die oben erwähnte Freundin, Mary K., schließt ihren Brief nach der Beschreibung der gemeinsamen Schipartie: »Also dann wir fangen gleich mit Lesen an, und ich muss ›Goodby‹ sagen.« (Die Lehrerin hat, obwohl sie den Bindestrich zwischen good und by eingesetzt hat, nicht das fehlende Komma nach dem Also dann eingefügt.) Mary ist die einzige, die das Klassenzimmer in dem Augenblick, als die Kinder schreiben, heraufbeschwört, indem sie eine kurz bevorstehende Aktivität der Schüler erwähnt. Offensichtlich teilt sie mit Diane das Interesse oder die Freude am Lesen in der Klasse.
Ein drittes Mal wird die Schule – wenn auch in einem ganz allgemeinen Sinn – in der bereits zitierten, nichtssagenden Bemerkung von Maureen erwähnt: »Mir gefällt die Schule sehr.« Wie schon früher festgestellt, gefällt Maureen die Schule vielleicht nicht so sehr, wie sie vorgibt.
Ein viertes Mädchen, Lois, erwähnt ein anderes Lernfeld, eines, das sie vielleicht mehr interessiert als das Lesen. »Wir tun noch immer rechnen.« Dem schickt sie allerdings einschränkend voraus: »Wir arbeiten nicht furchtbar viel.« (Es sei darauf hingewiesen, dass zwei Schüler, trotz der offensichtlichen Sorgfalt, die die Lehrerin auf die Durchführung dieser Übung verwendet hat, feststellen, dass sie nicht viel / nicht furchtbar viel arbeiten. Das ist entweder wahr oder, eher noch, bloß in der Wahrnehmung dieser beiden Schüler so, die, sofern das der Fall ist, entweder intelligenter sein mögen oder früher fertig als manche von den anderen oder einfach weniger Interesse haben. Wie dem auch sei, die Lehrerin hat diese Bemerkungen so stehen lassen.)
Einkaufen mit den Eltern
Die Kinder fahren in die Stadt hinein, um einzukaufen; sie kaufen Winterkleidung und zwar in Begleitung ihrer Mütter.
Fred schreibt: »Meine Mutter und ich fahren in die Stadt, um eine Windjacke zu kaufen. Meine Schwester bekommt einen neuen Schianzug und einen Hut.« Das ist der ganze Inhalt des Briefes, abgesehen von der Schlussformel: »Also ich glaube, mehr habe ich nicht zu sagen.« (Wieder verabsäumte es die Lehrerin, das fehlende Komma nach dem Also einzufügen.)
Spielen im Schnee
Die Kinder sind im Allgemeinen ausführlicher, wenn es um ihr Spiel im Schnee geht, als sonst und führen manchmal Details über die Lokalität und anderes an.
Alex schreibt: »Wir hatten eine Menge Spaß drüben auf dem Hospital Hill. Wir fuhren über einen großen Buckel und flogen durch die Luft. Dieses Jahr stieg ich höher hinauf als sonst.« Seine Handschrift ist, vielleicht entsprechend seinem Sinn für Abenteuer, ungleichmäßig, seine Buchstaben stehen manchmal auf der Zeile, manchmal darüber oder darunter, die mit Tinte gezogene Schrift ist einmal dünn und elegant, dann wieder grob und unbeholfen.
Zwei Jungen schreiben über Raufereien. John W. schreibt: »Draußen gab es eine große Schneeballschlacht. Fast alle Gruppen machten mit.« Da jede Schneeballschlacht notwendigerweise draußen stattfindet, muss sein Gebrauch des draußen auf eine ganz bestimmte Topografie verweisen, wahrscheinlich das Schulgelände, vor allem deshalb, weil nur da fast alle Gruppen anwesend wären. Offenbar durfte man erwarten, dass Stephen genau wusste, aus wem sich alle Gruppen zusammensetzten.
Theodore schreibt: »Ich hatte eine Schneeballschlacht unten bei unserem Haus. Ich hab die gegnerischen Jungs geschlagen.«
Die Realistin Cynthia, die weniger kämpferisch ist als die Jungen, schreibt mit dicker, dunkler Tinte: »Ich bin einmal mit dem Schlitten gefahren und hatte Spaß dabei. Ich habe Schneemänner gebaut, aber sie sind umgefallen.« Die gleichbleibende Schrägstellung ihrer Buchstaben, ihre feinfühlige Verwendung paralleler Satzstrukturen und ihre Genauigkeit, die Häufigkeit und Ergebnisse ihrer Aktivitäten betreffend, lassen vermuten, dass sie eine gute Schülerin sein dürfte.
Mary K. ist eine von zweien, die ein anderes Kind beim Namen nennen. »Letzten Montag gingen Diane T. und ich Schi fahren. Es gibt auf dem Hügel eine kleine Schanze, und wir hatten große Probleme drüber zu springen.« Ihr ein wenig herrisches »Ich hoffe …, du wirst baldigst wieder in die Schule herein kommen« in Verbindung mit kleine Schanze und große Probleme mag zur Annahme verleiten, sie fordere ein ziemlich hohes Leistungsniveau, von sich ebenso wie von anderen, ein.
Janet fügt ein überraschendes Element hinzu: »Ich war Schlitten- und Schifahren, und meine Katzen kommen mit.« Bei diesem Brief mag es sich, unter all den anderen Briefen, um eines der seltenen Beispiele mit objektiv interessanter Information handeln. Vor ihrer Unterschrift findet sich der weniger interessante Zusatz: »Sie schlafen auch bei mir.«
Lois’ Bezugnahme auf den Schnee ist allgemeiner Natur und daher weniger interessant, aber sie ist die einzige, die Stephen auf freundliche Weise in die Aktivität miteinbezieht: »Schade, dass du nicht mit uns im Schnee sein kannst.«
Kino
Stephen wird auch in theodores Bericht über einen Kinobesuch miteinbezogen: »Vor ein paar Tagen habe ich mir im Kino Die Ledernacken und Stagecoach Kid angeschaut. Wäre schön, wenn du ihn siehst.«
John C. schreibt ebenfalls über einen Kinobesuch und nennt nicht nur die Filmtitel, sondern auch die Stadt, obwohl der Gebrauch des und unklar ist: »Ich fuhr nach P. (eine Stadt in der Nähe). Und ich ging einmal in P. ins Kino. Ich sah Das Brandmal.« Seine Schrift ist elegant, liegt aber beständig leicht unter der Linierung. Das mag auf den Wunsch nach größerer Stabilität schließen lassen, auf Angst vor dem Fantastischen oder, im Gegenteil, auf eine Persönlichkeit, die ungewöhnlich fest auf beiden Beinen steht. Seine Erwähnung des Films lässt allerdings die Vermutung zu, dass er sich vom Fantastischen angezogen fühlt, gleichzeitig aber negativ auf die diesem eigentümliche, beunruhigende Präsentation einer alternativen Realität reagiert, indem er versucht, umso stärker in seiner eigenen Realität Fuß zu fassen.
Es ist bemerkenswert, dass die Kinder, die in ihren Briefen nicht immer im Detail auf andere themen eingehen, sich große Mühe machen, die Titel der Filme, die sie gesehen haben, anzuführen.
Weihnachten / Weihnachtsgeschenke
Ein paar Kinder zählen ihre Weihnachtsgeschenke ohne weiteren Kommentar auf. Andere geben einen allgemeinen Kommentar ab, ohne einzeln aufzulisten, was sie bekommen haben.
Diane führt auch die Geschenke ihrer Geschwister an: »Zu Weihnachten bekam ich eine Victrola. Meine Schwester bekam einen Puppenwagen. Mein Bruder bekam einen Fußball.« Es ist unklar, ob es sich dabei um die einzigen Geschenke handelt oder bloß um die erwähnenswertesten.
John C. präsentiert andererseits eine offenbar vollständige Liste und legt dabei einen erfreulichen Sinn für Ordnung an den Tag, wenn er bei seiner Aufzählung von der größten zur kleinsten Anzahl fortschreitet: »Ich habe zu Weihnachten drei Cowboy-Bücher bekommen, zwei Spiele und ein Blitzlicht.«
Joan listet nicht einzeln auf, aber sie erwähnt einen Bruder und leitet ihren Satz über Weihnachtsgeschenke mit einer allgemeinen Feststellung ein: »Ich hatte schöne Weihnachten. Mein Bruder und ich haben sehr schöne Weihnachtsgeschenke.«
Jonathan ist einer von jenen dreien, die sich nach Stephens Weihnachtsgeschenken erkundigen: »Hast du zu Weihnachten viele Spielsachen bekommen?«
Janet ist weniger an der Quantität interessiert und bittet um genaue Angaben: »Was hast du zu Weihnachten bekommen?« Sie lässt darauf eine zweite Frage folgen, die sowohl die Qualität als auch die Quantität betreffen könnte: »War Santa gut zu dir?«
Kingsley ist der einzige, der – ob zu Recht oder nicht – annimmt, Stephen habe, da er im Krankenhaus ist, Weihnachten noch nicht gefeiert: »Was glaubst du, was du zu Weihnachten bekommst?« Möglicherweise in Korrespondenz zum zögerlich tastenden Charakter seiner Frage steigt das Wort glauben über die Linierung auf, um sich dann wieder an sie zu halten. Er lässt auf diese Frage eine allgemeine Feststellung seiner Zufriedenheit folgen: »Ich habe alles gekriegt, was ich mir gewünscht hab.« Ein paar Buchstaben sind viel größer als andere, z.B. das b in besser und das W in Weihnachten – beides Worte, die für diesen Jungen vielleicht eine besondere Bedeutung haben.
Conclusio: Das Alltagsleben der Kinder, ihr Bewusstsein von Raum und Zeit sowie ihr Charakter und ihre geistige Entwicklung
Wir können uns aus diesen Briefen getrost ein Bild vom Alltag der Kinder, ihrer Persönlichkeit und Stimmungslage machen, desgleichen von ihren Vorstellungen von Raum und Zeit, obwohl die Briefe aufgrund der Umstände, unter denen sie geschrieben wurden, vielleicht bis zu einem gewissen Grad ein falsches Bild der Sachlage zeichnen: Die Lehrerin mag die Wahl der passenden themen eingeschränkt haben und war zweifellos vorne im Klassenzimmer anwesend, wo sie die Übung kontrollieren konnte; die Kinder haben die Briefe nicht freiwillig geschrieben, sondern wurden dazu angehalten; außerdem war ihnen bewusst, dass ihnen fürs Schreiben nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung stand und dass gleich das nächste Gegenstand an die Reihe käme. (»Also dann wir fangen gleich mit Lesen an«).
ALLTAGSLEBEN
Wenn wir dem größten Teil der Informationen, die in diesen Briefen enthalten sind, Glauben schenken, können wir bezüglich der Kinder zumindest das Folgende als gesichert ansehen: Ihr Besitz ist relativ klein – jedenfalls sind sie mit fünf eher bescheidenen Weihnachtsgeschenken zufrieden (siehe John C.), obwohl die Anzahl für sie offensichtlich von Interesse ist (siehe Jonathan). Sie verbringen Zeit mit ihren Familien und KlassenkollegInnen. Zu ihren Aktivitäten zählt, sich im Schnee zu vergnügen (sowohl Schlitten- als auch Schifahren), ins Kino zu gehen, in der Stadt einzukaufen und gelegentlich Ausflüge aus der Stadt hinaus zu machen. Manche haben Haustiere und pflegen enge Freundschaften, manche interessieren sich für ihre Schulaufgaben. Manche Jungen sind interessiert an Cowboys, Lesen, Fußball und Kino; manche Mädchen an Musik, Puppen und Krankenpflege. Sowohl Jungen als auch Mädchen spielen gerne im Freien.
ZEIT
Im Großen und Ganzen ist der Sinn der Kinder für Zeit und Raum gut entwickelt. Die Briefe insgesamt zeugen von einem klaren Sinn für das, was vergangen ist (z.B., was sie zu Weihnachten geschenkt bekamen), was in der Gegenwart passiert (»Dein Sitz ist leer«) und was in der Zukunft liegt (»Meine Schwester wird einen neuen Schianzug bekommen«). Ein paar Kinder antizipieren Stephens künftige Rückkehr. Nur Jonathan verspricht eine Fortsetzung der Kommunikation: »Ich schicke dir bald weitere Briefe.«
Die unmittelbar bevorstehende Zukunft zum Zeitpunkt des Briefeschreibens findet ausschließlich bei Mary K. Erwähnung (»Also dann wir fangen gleich mit Lesen an«).
ORT
Die Briefe zeigen auch, dass die Kinder eine klare und genaue Vorstellung von ihrer Position im Raum haben. Während sie in ihrem Klassenzimmer sitzen und schreiben, befinden sie sich realiter an einem Punkt über dem Stadtzentrum, ein Begriff, den sie nicht nur im umgangssprachlichen Sinn verwenden, sondern ganz konkret und korrekt für »Downtown«. Sie befinden sich jedenfalls näher am Zentrum der Stadt als das Krankenhaus, welches sie mit dort drüben lokalisieren. Ihre Position liegt auch tiefer als die Anhöhe der Stadt, auf der das Krankenhaus steht, auf welches sie sich mit dort oben beziehen. Dort oben kann auch bedeuten, dass sie sich des Umstands bewusst sind, dass das Krankenhaus etwas nördlich von der Stadt gelegen ist.
Ferner scheint der Hinweis dienlich, dass wir in der Phrase dort drüben eine seltene Übereinstimmung von tatsächlichem und psychologischem Raum vor uns haben, und zwar insofern, als der Gebrauch dieser Wendung durch die Kinder vielleicht anzeigt, dass sie sich strikt vom Krankenhaus und der mit ihm verbundenen Bedrohung durch Tod und Krankheit zu distanzieren versuchen.
Die unmittelbare räumliche Umgebung des Klassenzimmers wird von Joan und Susan B. angesprochen, die auf sie mit in unserer Reihe und Dein Sitz ist leer Bezug nehmen.
Des Weiteren beachte man, dass sich manche Kinder im Allgemeinen mehr mit der Welt draußen beschäftigen (»wir gingen Schi fahren«), wogegen andere mehr auf »Innenräume« fokussieren (das Klassenzimmer, Sitzreihe oder -platz; das Krankenhaus). Darüber hinaus wird das Krankenhaus, abgesehen von dem Distanz schaffenden dort drüben, möglicherweise aus Angst, generell mit der Richtungsangabe außen identifiziert (Billy T.s: »Wann bist du wieder draußen?«) – im Gegensatz zu der beruhigenden Identifikation von Schule und drin oder wieder herein kommen (Mary K.).
CHARAKTERE UND ENTWICKLUNGSSTAND
Die Lehrerin scheint, obgleich sie die äußere Form und den Inhalt der Briefe genau kontrolliert, den Schülern zugestanden zu haben, dass sie ihren eigenen inhaltlichen und stilistischen Wünschen nachkommen, vielleicht innerhalb bestimmter Grenzen. War das der Fall, so könnten uns die Wahl der themen und ihre Behandlung Aufschluss über die unterschiedlichen Charaktere und Temperamente geben.
Manche Kinder vermitteln den Eindruck eines hohen Grades von Eigenständigkeit, wenn sie sich selbst beschäftigen (Spiel im Freien), wogegen andere eine gewisse Abhängigkeit von »abgepackter«, »vorfabrizierter« Unterhaltung verraten (zwei Beispiele von Ausflügen ins Kino). Manche verraten eine größere Neigung zu Aktivitäten allgemeiner – ob körperlicher oder kultureller – Art (Spiel im Freien, Kino), während anderen mehr das Materielle am Herzen zu liegen scheint (Weihnachtsgeschenke, Einkaufstouren); und schließlich konzentriert sich eine Mehrzahl der Kinder auf fremdgesteuerte und interaktive Tätigkeiten der einen oder anderen Art (Spiel, Einkauf), während ein kleiner Prozentsatz mit bestimmten Gedanken oder der eigenen geistigen Verfassung beschäftigt ist (du bist weg, dein Platz ist leer, »Ich kann einfach nicht denken«).
Manche zeigen eine Neigung zu sozialer Interaktion mit der Welt außerhalb der Familie (»Diane T. und ich«), während andere mehr auf die Welt von Heim und Familie hin orientiert sind (einkaufen mit Mutter). Die Miteinbeziehung von Geschwistern in die Berichte über die Weihnachtsferien (»Meine Schwester bekam einen Puppenwagen. Mein Bruder bekam einen Fußball.«) mag auf innere Unsicherheit hinweisen und auf ein Bedürfnis, sich mit der Großgruppe Familie zu identifizieren.
Manche Kinder treten forsch auf (»Ich würde dir Beine machen und dich aus dem Bett jagen«) oder gebärden sich als abenteuerlustig (»Dieses Jahr stieg ich höher hinauf als sonst«), während sich andere mehr mit Abwesenheit und Mangel beschäftigen (»Ich kann einfach nicht denken«; und das wiederkehrende »Du fehlst mir« und »Du fehlst uns«). Manche schlagen einen traurigen Ton an (Carols einsam; Sallys: »Dein Sitz ist leer«) oder deuten ein Gefühl von Versagen und/oder Niederlage an (der umgefallene Schneemann, geknickte und abgebrochene Äste) oder von Eifersucht/Neid/Entzug (ein anderes Kind hat eine Schachtel mit Bonbons bekommen). Manche sind in ihrem Ton apodiktisch (die Verwendung des Imperativs durch die Mädchen) und manche liebevoll (Janets offensichtliche Liebe zu ihren Haustieren). Manche Kinder sind, was Schwierigkeiten und Einsamkeit angeht, empfindlicher als andere. Sämtlichen Kindern gelingt es aber, positive Gefühle gegenüber einem Klassenkameraden und seiner bedauernswerten Lage auszudrücken, zumindest wenn sie dazu angehalten werden.
Ein paar Kinder zeigen widersprüchliche Züge oder innere Konflikte, wie im Fall von Maureen oben dargelegt. Ein anderer Fall ist jener von Arlene: Obwohl sie außerordentlich praktisch veranlagt ist und es mit ihrer Berufswahl (Krankenschwester) ernst zu meinen scheint, verrät sie mit der extrem ausgefallenen Veränderung ihres eigenen Namens von der bodenständigeren Arlene zur hübscheren und fantasievolleren Arilene eine gewisse Tendenz zu unterdrücktem Romantisieren (und damit eine Neigung zu einem weniger praktischen Beruf).
Obwohl die in den Briefen vermittelte Stimmung überwiegend positiv und optimistisch ist, verrät die Wahl mancher Kinder hinsichtlich Thematik und Stil eine gewisse Furcht oder ein Unbehagen oder ein Wissen um dunklere Seiten ihres Daseins (Schneeballschlacht, Schwierigkeiten beim Sprung), und diese verallgemeinerte Furcht mag in allen Kindern bis zu einem gewissen Grade präsent sein (z.B.: die ängstliche Wiederholung von Ich hoffe …Ich hoffe …).
Obwohl ihre Welt in der Tat relativ sicher zu sein scheint – inklusive Schlittenfahrten, Weihnachtsgeschenken, Einkauf mit Mutter – so hat sie doch ihre dunklere Seite: geknickte und abgebrochene Äste, umgefallene Schneemänner, der leere Sitz und der halbfertige Strumpf, die Schachtel mit Bonbons, die an ein anderes Kind ging. Was haben sie empfunden, als sie auf dem Hospital Hill spielten – das Krankenhaus direkt über ihren Köpfen? Waren sie sich bewusst, dass Stephen ihnen vielleicht allein von da oben zuschaute? Waren sie sich vielleicht die ganze Zeit halb des Umstands bewusst, dass Stephens plötzlicher Unfall ebenso gut ihnen hätte widerfahren können? Man sollte sich vor Augen halten, dass die Kinder bereits gut mit einer auf verstörende Weise paradoxen und auf undefinierbare Weise bedrohlichen Umwelt vertraut waren: Das Vergnügen des Schlitten- und Schifahrens im Freien war nur in Sichtweite der grimmigen Front des Krankenhauses über ihnen möglich gewesen; die Leckereien nach der Schule waren nur auf dem Umweg über die unfreundliche Besitzerin eines Eckladens zu haben und würden am Rande des Abhangs, der steil zu dem träge dahinfließenden, aber gefährlichen Fluss abfiel, ausgewickelt werden. Verallgemeinernder könnte man sagen, dass diese Kinder, die zwischen der indirekten Bedrohung durch das Krankenhaus auf dem Hügel und der direkteren Bedrohung durch den Fluss tief unter ihnen gefangen waren, vielleicht in der Tat gewünscht haben, sie könnten sich, wie es oft genug geschah, in Begleitung ihrer Mutter dem Zugriffdieser beiden Drohungen entziehen – in Richtung Downtown und deren verführerischem Warenangebot oder gar aus der Stadt hinaus (durch einen Ausflug nach P.) oder in die Scheinwelt der Kinos, der Cowboy-Bücher und ihrer eigenen Fantasien (»Märchenland«).
Darmowy fragment się skończył.